Zeitempfinden, Zeitersparnis und die »Optimierung des Menschen«

Autor und Mentor S. Levent Oezkan - ewigeweisheit.de

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Autor und Mentor

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Der Philosoph Heraklit, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte, studierte das Verhältnis der Gegensätze. Ihm lag viel daran, aus den Erwägungen eines polaren Seins Erkenntnisse zu gewinnen, wo er sich zu finden suchte zwischen Wachsein und Schlafzustand, Licht und Finsternis, Eintracht und Zwietracht.

Für ihn standen solche und andere Polaritäten und Gegensätze, in einer spannungsgeladenen Einheit. Und wenn bei ihm die Rede von Spannung war, waren darin auch einbezogen die Schrecken des Krieges.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.

- Heraklit

Bleibt bei diesem drastischen Urteil aber nicht eine wichtige Frage offen? Zumal ja alles was entsteht in einem Zusammenwirken in die Welt kommt: Was ist die Mutter aller Dinge? Ist es etwa die Physis unseres Planeten Erde, aus dem da Bodenschätze geschürft werden, die in Metalle verwandelt Technologie ermöglichen? Denn was wäre Krieg geblieben, hätte man nicht bereits vor Jahrtausenden schon die Herstellung von Stählen gekannt?

Auch die Nutzung des Kupfers (und seiner Legierungen Bronze und Messing) ist bereits sehr alt und war insbesondere seit dem 19. Jahrhundert die metallische Grundlage für die Übertragung elektrischer Energie und für das Entstehen der modernen Nachrichtentechnik. Sie nahm ihren Anfang wohl als die ersten Telegrafen und Telefone, die im zivilen Leben der Menschen seit dieser Zeit immer wichtiger wurden. Diese Technologien aber, wurden noch direkt über besondere Leitungen übertragen. Mit der Erfindung des Funks und Hörfunks – im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert –, waren in einem Zug die Voraussetzungen geschaffen, um ein weltumfassendes Informationsnetz zu entwickeln.

Nach 1918: Radios

Im Ersten Weltkrieg entstand eine Hörfunk-Technologie, die, nach seinem Ende, Journalisten für zivile Zwecke zur Verfügung stand, zur Übertragung ihrer Nachrichten.

Nach 1945: Fernseher

Diese Technologie erhielt noch eine Verbesserung, nämlich damit, dass man die Radio-Wellen auch zur Bildübertragung nutzte. Und daraus eben wurde das Fern-Sehen möglich.

Nach 1989: Internet

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg der politischen Teilung der Welt (in die Mitglieder der NATO-Staaten im Westen und jener des Warschauer Vertrages im Osten), die einherging mit dem sogenannten »Kalten Krieg«, entstand im Verborgenen die Technologie für das heute gebräuchliche Internet. So wie zuvor Radio- und Fernsehtechnologie, wurde nach dem Fall des »Eisernen Vorhangs« (Herbstrevolution von 1989), dieses weltweite Netzwerk zum digitalen Informationsaustausch, öffentliches Gut.

WWW – 23 23 23

Fast jeder Mensch der in den Industrieländern geboren wurde, benutzt heute, ab einem gewissen Alter, das Internet. Und das, trotz das niemand weiß, welche Auswirkungen die ständigen Neuerungen (sogenannte »Updates«) der darin verwendeten digitalen Systeme, auf das soziale Leben des Einzelnen haben.

Sicher: Das Internet ist ein wertvolles Gut, um damit etwa tägliche Aufgaben zu erledigen. Es scheint aber auch, als wäre es überhaupt nicht mehr wegzudenken. Der Mensch neigt tendenziell eben zur Faulheit – was tatsächlich auch kein Grund für geringere Effizienz seines Daseins bilden muss. Vorausgesetzt einer weiß eben die Quellen des WWW zum Vorteil anderer so zu nutzen, während er darin seine Freude am Selbstausdrucks gefunden hat.

Entstehung der Vorstellung einer linearen Zeit

In den ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts versuchte man die Kommunikation im Außen zu perfektionieren. In 2021 aber bewegen wir uns scheinbar in einer Phase des Industriezeitalters, wo es um den Ausbau innererkörperlicher Umgestaltungen geht, mittels Nanotechnologie, die eine bessere Kontrolle über die auf Molekularebene biologisch-physiologischen Funktionen unseres Körpers, zu unserem Wohlergehen gewährleisten sollen.

Hierzu leistete die Menschheit natürlich entsprechende Vorarbeit. Man denke etwa an die Zeitmessung: Ohne sie wäre unsere gegenwärtige, in der Moderne entstandene Internet-Kultur gar nicht denkbar, zumal ja weltweit alle Internet-Server-Systeme die Zahl der Sekunden messen, die seit Mitternacht des 1. Januar 1970 vergangen sind.

Sonnenuhr: Messsystem zyklischer Zeit

Vor sehr langer Zeit aber waren Zeitmesssysteme, ja ganz einfache Technologien, die mit Hilfe der Sonnenbewegung und der damit einhergehenden Schattenbildung auf der Erde, bestimmte Tagesrhythmen andeuteten, mit den sogenannten Sonnenuhren. Sie erfüllten in erster Linie ihren Zweck als Orientierungshilfen für rituelle Handlungen sakraler Qualität.

Die damit festgelegten Zeitpunkte, waren jedoch recht abstrakt, die man noch nicht direkt als Technologie bezeichnen könnte.

Uhrwerk und Himmelslauf

Die sogenannten Astrolabien (scheibenförmige astronomische Rechengeräte) halfen seit dem 1. Jahrtausend den Frommen der Klöster, ihre Gebetszeiten auf die Bewegungen der Himmelskörper genau abzustimmen. Später sollten das mechanische Uhrwerke erübrigen, die man da in Klöstern installierte. Ein Glockenschlag markierte da etwa täglich, über das ganze Jahr hinweg die Stunden, die die Sonnenpositionen auf die vier Sonnenstände der eigentlichen Tagundnachtgleichen markierten (6 Uhr morgens den Sonnenaufgang, 12 Uhr den Zenit, 6 Uhr abends den Sonnenuntergang, 12 Uhr nachts den Nadir).

Daraus entwickelten sich dann die ersten Uhren, die auch in den Klöstern für alle sichtbar angebracht waren. Später sollten solche Technologien schließlich auch an den Türmen von Kirchen und Rathäusern im Zentrum der Städte angebracht werden.

Als man dem Tag 24 Stunden überstülpte

Damals entstand da ein Vorstellung, die nicht mehr einen zyklischen Kreislauf der Gestirne (insbesondere Sonne und Mond) als Zeitempfinden suggerierte, sondern nun zu einer linearen Zeit wurde, die messbar festgelegt, immer den Gegensatz von Beginn und Ende, als eindimensionale Größe festlegte.

So wurde die Vorstellung vom 24-Stunden-Tag überall angenommen und entsprechend gerieten allgemeine Erfahrungswerte kosmischer Jahres-, Monats- und Tageszyklen nach und nach in Vergessenheit – da die Menschen damit auch zunehmend in Innenräumen verbrachten.

Natürlich wurde das irgendwann zu dem, was als Stand- und Wanduhren in den Häusern und Wohnzimmern, mit lautem Ticken und Gongschlag immer die richtige Zeit angab. Schließlich entwickelte sich die Technologie so weit, dass man mit Uhren (seit der Industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts) an einem Armband, nun immer und überall diese abmessbare Zeit zur Verfügung hatte.

Mit dem Entstehen der digitalen Kristallanzeigen von Armbanduhren, erhielt auch der Wunsch nach genauer Zeit seinen Einzug ins menschliche Denken – Stichwort »Atomuhr« (Oktober 1967). Bis in die 1980er Jahre machte der Wunsch auch noch die ganz genaue Zeit zu wissen, die »119« zur meistgewählten Telefonnummer in Deutschland.

Erfahrbare Zeit

Hieraus etablierte sich schließlich der Sinn für eine »Innere Uhr«, die einen im Laufe des Lebens genau schätzen lässt, welche Zeit wohl gerade ist. Ist solch eine, an Uhren abmessbare Zeit aber nicht etwas ganz anderes, als erfahrene Zeit?

Angenommen man ließe das Maß weg: Bliebe da nicht nur ein recht abstrakter Zeitbegriff übrig?

Ohne Uhr beschreibt immer unser Empfinden gemachter Erfahrungen, wie sich Zeit tatsächlich anfühlt. Sie beginnt mit einem Ereignis, das diese Erfahrung auslöst, bis sie schließlich, ab einem gewissen Moment endet. So erfahren wir Zeit durchaus verschieden schnell oder langsam, je nachdem welche Erfahrung wir gerade machen.

Langeweile etwa, lässt uns auch nur wenige Minuten ewig erscheinen. Während uns eine Zeit konzentrierten Schaffens eine durchaus andere Qualität suggeriert.

Zeitersparnis: Wie lässt sich sparen, was ewig ist?

Zeit ist eine Dimension der Ewigkeit. Zeit ist. Und: Zeit vergeht. Wie wollte man Zeit jemals sparen?

Unser messbares Zeitempfinden jedoch führte uns bis heute in eine Erwartungshaltung, die einen Wunsch erwachsen ließ, unseren Tageslauf zu optimieren. Damit mag der eine oder andere sogar verzichten auf die Einhaltung bestimmter Regeln – wie einem morgendlichen Piepen des Weckers. Wer weiß: Ist das dereinst für niemanden mehr nötig? Sind da dann vielleicht Mechanismen, die aus jedem von uns heraus wirken und wo die ursprünglich von Uhren erwartete Erinnerung, sich in uns noch viel genauer auslösen lassen könnten?

Letztendlich hieße das, dass wir heute alle ein stückweit daran beteiligt sind, dass nicht nur die Vorstellung von dem was Zeit ist, sondern auch die, sie genau reproduzierende Technologie, wegen unserer Erwartungshaltung, immer mehr in unsere Körper einzudringen scheint.

Doch wofür? Damit wir endlich die Rolle eines »Optimierten Menschen« spielen dürfen?

Solch Technologie im Menschen soll uns dann – angeblich – das Leben immer mehr erleichtern, damit wir uns Herausforderungen (zum Beispiel zum Schutz vor Krankheiten) gegenüber besser gewappnet fühlen.

Doch was bedeutete das für unser Schicksal?

Vergäßen wir damit nicht, was von dem das wir tun, zum Guten unserer Mitmenschen beiträgt, durch unser rechtes Denken, Sprechen und Handeln?

Natürlich lässt sich das Leben immer mehr erleichtern durch bestimmte Hilfsmittel, die ihm durch äußere Einflussnahme zur Verfügung gestellt werden. Wo aber bleiben dann all die Kräfte, die tatsächlich aus uns und durch unser Denken in die Tat umgesetzt in der Welt wirken?

»Schicksal als Chance«

Wie ich, und sicher auch Sie, in unserem bisherigen Leben erfuhren, waren es doch die Schwierigkeiten, die uns, nachdem wir sie überwunden hatten, stärker machten. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse konnten wir sogar unseren Nächsten mitteilen, oft zu ihrer Hilfe, wenn sie uns vielleicht darum baten.

Was, es ginge allein um das Ausprobieren, wo man bewusst die Möglichkeit von Misserfolgen in Kauf nimmt, damit man durch Versuch und Irrtum seinem Ziel, seiner Erfüllung näher kommt?

Jeder von uns kann nur für sich selbst das Optimum für seinen Lebenswandel entdecken, indem er eben fortwirkt und keinem Automaten (zum Beispiel einer Künstlichen Intelligenz) seine Lebensgestaltung überlässt – zumindest aber mehr auf sein eigenes Erfahren vertraut, auch wenn ihm das nicht immer Erfolge, sondern auch Misserfolge einbringt.

Wie sollte man sonst seine wahren Stärken erkennen, wenn man nicht auch den Schwächen begegnete?

Am Ende sogar, kämen durch unsere Schwächen vielleicht jene Schlüssel ans Licht, mit denen sich die Tore eröffnen ließen, zu unseren bisher verborgenen, aber wahren Talenten und Begabungen. Doch das eben nur dann, wenn wir damit verbundene Erfahrungen auch machen und sie nicht, aus reiner Bequemlichkeit, nur simuliert und zur Berieselung unserer Sinne konsumieren.

 

Titelfoto: Visualization of the world wide web common crawl 2012 von Sebastian Schelter (CC BY-SA 3.0).

 

 

BUCHTIPP

Nicht wurde Sokrates totgefragt

Johan von Kirschner

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte er dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen. Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen.

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