Ewige Weisheit - Sophia Perennis

von S. Levent Oezkan

Sieh in allen Dingen nur eines, denn das Zweite führt dich in die Irre.

- Kabir

Sophia Perennis - die ewige Weisheit - ist die Metaphysik die sich hinter der Welt der Dinge, hinter allem menschlichen Leben und Denken abspielt. 

Hinter dem Wesen unserer Seele befindet sich etwas, das mit der Wirklichkeit des Göttlichen identisch ist. Die wahre Bestimmung des menschlichen Lebens ist es, dies zu erkennen. Alles was in dieser Welt und in der unsichtbaren, jenseitigen Welt existiert, ist sowohl immanenten, als auch transzendenten Ursprungs - besitzt ein Zentrum und ist zugleich grenzenlos. Die Lehren der Ewigen Weisheit haben sich in den höheren geistigen Schulrichtungen am vollsten entwickelt.

Das Studium der Sophia Perennis kann der Suchende aus verschiedenen Richtungen beginnen. Manche finden zur Sophia Perennis über die praktischen Wege, über Moralvorstellungen wie sie etwa durch Bibel oder Koran zur Verfügung stehen. Das ist der Zugang der sich dem Suchenden von oben her öffnet - der vordergründige und oberflächliche Weg.

Der Zugang "von unten" ist der Weg der Philosophen und Theologen - jenen also, die dazu berufen sind über Gott, den Menschen und die Welt nachzudenken. So war der inkarnierte Buddha jemand, der nicht versuchte die Fehler der Menschen durch moralische Anweisungen und Gebote zu lösen, sondern das üble Wirken der Verblendung, des Hassens und der Habgier in ihrem Ursprung auszulöschen.

Der mittlere Weg wird nur von den Mystikern gegangen. Es ist der Weg, der den Suchenden zur wahren Erkenntnis der Ewigen Weisheit führt.

Sufis, Kabbalisten, Rosenkreuzer, die Yogis des Vedanta, die Heiligen Sant Indiens, die Zen-Buddhisten Chinas und viele andere Geheimbruderschaften, üben sich in kontemplativer Praxis, um ihre Aufmerksamkeit auf den Kernpunkt ihres wahren Selbst zu richten. Es geht ihnen nicht nur um das wissenschaftliche, psychologische Verstehen des Ich, sondern um die Erkenntnis des ewigen Selbst, das ein Teil des göttlichen Urgrunds, ja mit ihm sogar identisch ist.

Diese Suche nach Selbsterkenntis in der Sophia Perennis, kommt am treffendsten mit dem Satz "Das bist Du" zum Ausdruck - auf Sanskrit "tat twam asi".
Das ewige, immanente Selbst des Menschen, das im Sanskrit als Atman bezeichnet wird, ist eins mit dem Brahman, dem göttlichen Selbst. Diese Tatsache zu entdecken, ist die Bestimmung aller Mystiker die auf dieser einen Erde wandeln.

Die Erkenntis wer der Mensch und was das Selbst eigentlich ist, erübrigt alle Dogmen, moralischen Regelwerke und Gebote. Denn wer weiß, dass sein Wesenskern ebenso ein Teil der universalen Einheit des Göttlichen ist, für den wäre es absurd zu glauben, dass er getrennt von seinem Nächsten sei.
Er erkennt Gott in allen Dingen.

Je mehr Er in den Dingen ist, desto mehr ist Er außerhalb von ihnen; je mehr Er im Inneren ist, desto mehr ist Er draußen.

- Meister Eckhart

Über das Empfangen der Geheimlehren

Die Bedeutung des hebräischen Wortes Kabbala hat sich in seiner 6.000 Jahre alten Geschichte mehrfach geändert. Ursprünglich geht das Wort auf die Wurzel קבל (Q-B-L) zurück: »Empfangen«. Damit ist die »Überlieferung« gemeint, die dem Schüler von seinem Lehrer mündlich weitergegeben wurde.

So heißt es: »Moses empfing die Tora am Sinai und übergab sie Joshua, Joshua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten übergaben sie den Männern der großen Versammlung« (aus der Mischna, Sprüche der Väter). Heute bedeutet Kabbala »Empfangen«.

Vedanta (वेदान्त) ist ein Wort aus dem Sanskrit und bezeichnet die bekannteste Richtung der indischen Philosophie. Wörtlich übersetzt bedeutet es »Erweiterung zum Wissen« - ein Appendix zu den heiligen Veden (Veda = Wissen). Es handelt sich dabei um geheimwissenschaftliche Abhandlungen, deren Texte die Belehrungen eines Gurus schildern.

In beiden philosophisch-religiösen Schulen, der Kabbala im Westen, und dem Vedanta im Osten, wurzeln die esoterischen Lehren des Judentums, Christentums, des Islams, des Hinduismus und des Buddhismus. Kabbala und Vedanta verweisen also auf einen weiten Bedeutungshorizont, aus dem die geheimen und mystischen Überlieferungen zwischen Westen und Osten zu Tage treten. In eigentlich allen geheimwissenschaftlichen Schulrichtungen, finden wir viele Berührungspunkte, die auf ihre grundlegende Gemeinsamkeiten hindeuten.

Die Sophia Perennis versucht auf die Analogien religiös-esoterischer Überlieferungen der Kulturen in West und Ost hinzuweisen, und die darin enthaltenen ewigen, inneren Weisheiten hervorzuheben, die sich, als kulturelle Urtradition, bis in die Gegenwart erhalten haben. Dafür stehen die unveränderlichen Wahrheiten, Formen und Prinzipien in Philosophie, Religion, Mystik und Metaphysik, die die Sophia Perennis als universale Weisheitsdoktrin in sich zusammenfasst.
Die Sophia Perennis erfreut sich an den spirituell-esoterischen Systemen des Christentums, des Islams und Judentums, des Druidentums, des Hinduismus, Sikhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, Paganismus oder des Schamanismus - und ist, sinnbildlich gesprochen, die Süße der Früchte aller spirituellen Weisheiten, wie sie in allen Kulturen der Menschheit zu finden ist.

Alle Spiritualität geht aus der Idee eines immanenten oder transzendenten Geistes hervor. Indem sich der Mensch auf eine innere Suche begibt, gelangt er durch diesen Geist auf den Pfad zur Freiheit, der aus der Dualität der Gegensätze in die Einheit (zurück)führt. Auf diese Weise kann der ewige Geist (Gott, Brahman, Tao, Allah, Elohim, Manitu, usw.) im Innern des Individuums wahrgenommen werden, das sich allmählich aus den Verstrickungen des Leids befreien kann, und sich dadurch zu einem mitfühlenden Menschen entwickelt, der zum Wohle aller Lebewesen auf unserem Planeten Erde denkt, redet und handelt.

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