Dharana: Konzentration

Alle bisherigen Stufen dienten der Vorarbeit. Der wahre Yogi arbeitet sich aus dem Niederen in das Höhere heraus und versucht seine Seelenprozesse aus körperlichen Zwängen zu befreien.

Die vorigen fünf Stufen waren Teil des exoterischen Yoga. Hier reinigt sich der Yogi von allem was ihn in der materiellen Welt befleckt und sein Wesen verdunkelt. Nachdem er sich nun auf die beschriebene Weise geläutert hat, kehrt sich die Ausrichtung seines Willens um: nicht mehr richtet er ihn in die Außenwelt, so dass seine Energie nach dorthin abfließt, sondern führt seinen Willen in sein innerstes Zentrum. Hier beginnt der esoterische Yoga. Dieses esoterische Zentrum ist traditionell jener Herzbereich, den wir als Ananda Kanda kennengelernt haben. Es ist der Wesensmittelpunkt unserer Existenz, dessen Ausdehnung sich unendlich nach innen wölbt, sozusagen in ein sich nach innen ausdehnendes Universum.

[…] dieses Selbst in meinem Herzen ist größer als die Erde, größer als das Zwischenreich (Atmosphäre), größer als der Himmel, größer als diese Welten […] Dieses Selbst ist das Brahman. […]

– Chandogya Upanischade 3:14:3-4

Auf dieses Ananda-Kanda-Chakra, konzentrieren wir uns während der Meditation. Hier begegnen wir unserem inneren göttlichen Führer. Er führt zu dem großen Wunschbaum, der im Zentrum des achtblättrigen Chakra-Lotus wächst.

Präsenz im Innen und Außen

Das Gesagte ist nicht gleichbedeutend damit, dass man sich in dieser Stufe nun von den weltlichen Dingen vollständig abwenden oder sie vernachlässigen soll. Es gilt alles Weltliche gewissenhaft zu erfüllen: zuerst die Körperpflege, dann den Umgang mit unseren Mitmenschen und den redlichen Verdienst für unseren Lebensunterhalt. Alle in Dharana erstrebte Wandlung aber, erfolgt innerlich.

Der Wille also erhält eine innere Ausrichtung und zielt auf die eigene Wesenstiefe, worin sich das Urgesetz des Selbst und der Welt erkennen lässt. Und so wie dieser Wille nach innen strebt, breitet sich das Fühlen horizontal aus und wird dabei zum universalen Mitgefühl und zur Liebe für alles Leben. Die Richtung des Denkens aber weist in Richtung des göttlichen Geistes, über die himmlischen Wesen zu Gott.

Konzentration

Nun kann der Yogi weitergeführt werden ins eigentliche Gebiet der Meditation, dem Dharana – der Konzentration. Hierin wird jedes der Chakras zum Fixpunkt der Achtsamkeit. Das heißt, dass was im Pratyahara geübt wurde, wird in der fünften Stufe des Yoga-Pfades durch Konzentration, auf alle sieben Chakras angewendet. Zuerst konzentriert man sich auf das erste Chakra (Muladhara) und steigt die anderen Chakras danach aufwärts, bis man sich zuletzt auf das Kronenchakra (Sahasrara) konzentriert – dem Sitz des kosmischen Bewusstseins. Dabei fokussiert man seinen Geist vollständig auf das Wesen des jeweiligen Chakras.

Wir hatten bei den Erklärungen zu den Chakras gesagt, dass sich jedes Chakra aus verschiedenen Bestandteilen zusammensetzt: aus einem Lotus, aus einer geometrischen Form, aus einem Träger des Chakra-Klanges (Chakra-Tier) und der über das Chakra regierenden Gottheit. Sie umgibt ein besonderer, dem Chakra eigener Farbstrahl (siehe Details in den Kapiteln über die sieben Chakras und im Anhang dieses Buches). Im Dharana also, konzentriert man sich auf diese Erscheinungsformen so, als dass man sich vorstellt, wie sie die sieben Chakras des eigenen Körpers ausbilden und beibehalten.

Je länger man diese Konzentrationsübung wiederholt, desto mehr bemerkt man, wie die vorgestellten Bilder nach und nach in den Hintergrund treten. Allmählich eröffnet sich dem Yogi dabei die Welt der Ideen. Das heißt, dass er sich langsam bewusst wird, dass es eine höhere geistige Instanz gibt, an der sein eigener Geist teilhat. So wird aus dem »Ich denke«, die Empfindung eines »Es denkt in mir«. Wer diese Erfahrung gemacht hat, identifiziert sich nicht mehr mit dem eigenen Denken, sondern schaut recht unbeteiligt dem inneren Denkprozess zu. So gelangt man in den Zustand einer tiefen, andauernden Meditation, was man Dhyana nennt.

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