Der Heilige Franziskus von Assisi

von S. Levent Oezkan

Der Heilige Franziskus - Antônio Firmino Monteiro - ewigeweisheit.de

Ende des 12. Jhd. veränderte sich das kulturelle Leben in Europa. Die Bilder die durch die Kreuzfahrer aus dem Orient kamen, inspirierten die Fantasie vieler Künstler. Es entstand eine Mystik und Minnedichtung, die in Opposition zur damals vorherrschenden Kreuzfahrermentalität stand. Die wahre Lehre Christi war seit langer Zeit in Vergessenheit geraten.

Troubardoure und Minnesänger versuchten mit ihren Dichtungen und Gesängen den christlichen Urgedanken wieder in das Bewusstsein der damaligen Zeit zu bringen. Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Robert de Boron oder Chretien de Troyes - sie alle brachten mit ihrer besonderen Liebespoesie dieses verlorengegangene Gut zurück in die Herzen der Menschen.
Sie alle waren Zeitgenossen des heiligen Franziskus, der wie auch sie an die große Wahrheit der Nächstenliebe und die Heilung der Welt erinnern wollte.

Franziskus wurde als Sohn eines wohlhabenden Händlers 1181 im italienischen Assisi geboren. Bevor sich Franziskus dem Mönchsein ergab, hatte er als junger Mann ein Leben jenseits jeder Askese gelebt. Er feierte mit anderen wohlhabenden Freunden ausschweifende Feste und war ein kühner Schwertkämpfer. Im Alter von 20 Jahren wurde Franziskus als Soldat eingezogen und geriet in Kriegsgefangenschaft. Im Krieg aber sollte sein unbekümmertes Leben in Frage gestellt werden. Zutiefst erschüttert über die im Krieg erfahrenen Grausamkeiten, erkrankte er nach seiner Freilassung. In einem Fiebertraum erhielt er von Gott den Auftrag sich von den weltlichen Herrschern loszusagen und sich in den Dienst Christi zu stellen.
Nach seiner Genesung löste er sich von allen gesellschaftlichen Bindungen und begab sich als Mönch auf Pilgerschaft.

Heilige Liebesmystik

Die Liebesmystik des heiligen Franziskus von Assisi bezog sich auf die Natur. Für ihn waren Menschen, Tiere und Pflanzen, Wesen höchster Vollkommenheit. Zentrales Symbol des ewigen Zyklus von Leben, Tod und Geburt war für Franziskus die Sonne.

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.

Die christlichen Ideale wie Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, kehrte durch Franziskus' Wirken allmählich wieder zurück in die Herzen der Menschen.
Franziskus’ Lehre verbreitete sich schnell über ganz Europa. Vermutlich lassen sich darauf auch die Annäherungen der Muslime und Christen während des 5. und 6. Kreuzzuges zurückführen.
Franziskus begab sich auf eine Pilgerreise ins gelobte Land. Dort traf er zum ersten mal Muslime - unter ihnen der große Sultan Al-Malik Al-Kamil von Ägypten. Sultan Al-Malik war von Franziskus’ liebvoller Art derart eingenommen, dass er ihn mit Geschenken geradezu überhäufte.
Wie es scheint hatte diese besondere Begegnung positive Auswirkungen auf das Verhältnis der Kreuzfahrer und der Muslime. Es ist bestimmt kein Zufall, dass in dieser Zeit der Stauferkaiser Friedrich II. mit den Arabern in diplomatische Beziehungen trat, was im Jahr 1229 zum "Frieden von Jaffo" führen sollte.

Giotto: Vogelprediger St. Franziskus von Assisi

Fresko in der Basilika von Giotto di Bondone: Franziskus der Vogelprediger

Die franziskanische Bewegung wurde zur widerstrebenden Kraft gegen den zerstörerischen Wahn der Kreuzzüge. Wegen der schnellen Ausbreitung seiner Lehren sollte es zu einem Wendepunkt im europäischen Christentum kommen. Nach seiner Rückkehr nach Italien geriet Franziskus in Uneinigkeit mit seinen Ordensbrüdern. Für ihn war es wichtig alleine die Botschaft Jesu zu leben. Franz wollte für sich und seine Brüder keine Ordensregeln. Alleine die Botschaft Jesu genügte ihm: »Willst Du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe was du hast, und gib es den Armen«.
Seine Ordensbrüder waren mit dieser Lebensauffassung leider nicht einverstanden, was zu einem Streit über die Regeln innerhalb des Ordens führte. Schließlich trat Franziskus als Ordensleiter zurück.
Er begab sich 1224 in die Einsamkeit auf dem toskanischen Berg La Verna, um dort 40 Tage zu fasten, wo er ihm in einer besonderen Vision ein gekreuzigter Engel erschien.

Man fand Franziskus später mit Wundmalen an Händen und Füßen gekennzeichnet und einer Lanzenwunde in seiner Brust. Es waren die Wundmale des gekreuzigten Jesus Christus.
Zwei Jahre später verstarb der heilige Franziskus. Für seine Anhänger waren die Stigmata Zeichen seiner irdische Nachfolge Christi. Doch dieser Glaube, der sich schnell verbreitete, sollte seine Nachfolger auf den Scheiterhaufen der heiligen Inquisition bringen.

Eigenartigerweise wurde Franziskus von Assisi aber bereits zwei Jahre nach seinem Tod 1228 durch Papst Gregor IX. heilig gesprochen.

Sei gelobt, mein Herr,
für unsern Bruder Tod,
den herben,
dem kein Lebender
entrinnen kann.

Weh, ach denen,
die Sterben
In Todsünden

Selig Jene,
die sich gefunden
in deinem heiligsten Willen,
denn ihnen
kann der zweite Tod
nicht an
[...]

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.
[...]

Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernähret und trägt
und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.

Franziskus hatte die Vision einer neuen Kirche, die nicht nur den Menschen anspricht, sondern das Heil der gesamten Schöpfung als Aufgabe sieht. Seine Spiritualität war geprägt von einem tiefen Respekt vor der Natur und der Schöpfung. Auch die Verpflichtung der Friedfertigkeit und Toleranz bildeten einen zentralen Bestandteil seines Glaubens.

Darum stellt Franziskus im christlichen Kontext, den Schutzpatron der Umweltschützer dar, was dereinst von der modernen Umweltbewegung aufgegriffen werden sollte.
Auch seine Verpflichtung zur Friedfertigkeit, weist eindeutig die spätere Friedensbewegungen hin, die von der nach ihm benannten kalifornischen Stadt »San Francisco« ausging. Dort wurden die sogenannten "Rainbow-Gatherings" gefeiert, als Symbol für die Naturverbundenheit und Friedfertigkeit. Es war die Geburt der Hippiebewegung.

Einige seiner elementaren Lebensinformationen genügen, um den Heiligen Franziskus besonders schätzen zu lernen. Seine Exzentrizität hat immer wieder viele Menschen angeregt, sich mit seinen Lehren zu beschäftigen. Darunter sind nicht nur religiöse Menschen. Auch viele Künstler und Schriftsteller haben sich von seinem Lebenswerk inspirieren lassen.
Da es auch zahlreiche Übereinstimmungen zu den Lebensgeschichten hinduistischer Heiliger gibt, ist er in Indien der bekannteste christliche Heilige. Denn seine spirituellen Vorstellungen haben viele Berührungspunkte mit der Gesinnung hinduistischer und buddhistischer Wandermönche, die frei von Besitz, sich in der Suche nach Gott auf Wanderschaft begeben haben.
Sie alle teilen ein besonderes Grundrecht, dass dem heiligen Franziskus in seinem Vornamen mit auf den Weg gegeben wurde: Freiheit.

Zitate entnommen aus dem Buch: Der Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi, Joseph Bernhart (Hrsg. / Übers.), Gral Verlag Aloys Graef, Heidelberg, 1947

Den vollständigen Text des Sonnengesangs finden Sie hier >>

 

 

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