Heilung / Gesundheit

Interview mit Claudia Trauth: Heilerin, Rückführungstherapeutin, Kinesiologin, Freigeist

Interview mit Claudia Trauth: Heilerin, Rückführungstherapeutin, Kinesiologin, Freigeist

Claudia Trauth - ewigeweisheit.de Claudia Trauth - ewigeweisheit.de

Warum wird ein Mensch krank?

Geht man davon aus, dass Gesundheitsstörungen (ich bevorzuge dieses Wort statt Krankheiten) allein physischen Ursprungs sind (z. B. eine Wunde nach einem Unfall), so hieße das, den Menschen von seinen beiden anderen Körpern zu trennen. Doch wir bestehen nun mal aus drei Körpern – der physische, geistige und seelische Körper, und die lassen sich keinesfalls voneinander trennen! Gedanken und Emotionen lassen sich an unserem Körper ablesen, wie z. B. es beschleunigt sich unser Herzrhythmus, wenn wir Angst haben oder bestimmte Gefühle erleben oder wir bekommen Fieber, wenn wir erkältet sind (metaphysische Bedeutung: kalt zu sich selbst sein).

Die häufigsten Krankheits-UR-Sachen können sein:

  • „negative“ Haltungen (Über-Zeugungen, Glaubenssätze usw.)
  • „negative“ Emotionen (Hass, Rache u.a.)
  • Schuldgefühle
  • Durch eine Krankheit die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken (aufgehört, sich selbst zu lieben)

Die Übermacht unseres Ichs/Egos (bestimmt das Ego unser Leben, so können wir nicht sein wie wir wollen, wir verbauen uns unsere innersten Wünsche selbst und blockieren somit den Körperteil/Organ, durch den diese Wünsche zum Ausdruck gelangen können/wollen.

 

Gibt es noch andere Gründe?

Ja! Immer deutlicher dürfen wir erkennen, dass alles mit allem und jeder mit jedem vernetzt ist. Dies betrifft im Besonderen Familienmitglieder. In Familien ist die Vernetzung so stark, dass Familien wie eigenständige Lebewesen betrachtet werden können – also das Kraftfeld Familie. Woran kann man erkennen, dass das Familien-Kraftfeld eine entscheidende Rolle spielt?

  • Wenn es in der Familie ähnliche Krankheiten, Ängste oder Schicksale gibt
  • Wenn sich Bestimmtes über Generationen wiederholt

Und dann gibt es noch hinter der grobstofflichen Ebene feinstoffliche Ebenen und Wesen, welche einen wesentlichen Einfluss auf unser Leben und unsere Gesundheit haben. Ich werde oft von seelisch oder körperlich leidenden Menschen gerufen um nachzusehen, was bei ihnen oder in ihrem Haus los ist:

  • Menschen, die von verstorbenen Angehörigen belästigt werden
  • Kinder, die Angst haben, weil Geister umgehen
  • Menschen, die durch negatives Denken Dämonen kreieren
  • Uvm.

 

Wer kann wirklich helfen?

Um einen Heilungsprozess in Gang zu setzen ist es unausweichlich, sich anderen zu öffnen, sich gegenüber sich selbst zu öffnen und sich in erster Linie für Veränderungen und gegenüber der Liebe zu öffnen. Da jeder Mensch individuell ist, gibt es in der Tat viele verschiedene Ansätze, um eine optimale Gesundheit zu erreichen, die alle ihre Bedeutung haben. Wichtig ist, selbst zu verstehen was ich erlebe, und mir dabei von anderen auf deren jeweiligen Fachgebiet helfen zu lassen.

 

Vor 15 Jahren war der Begriff »Geistheiler« mal wieder in aller Munde.
Und heute?

Geistiges, energetisches Heilen ist eine uralte und dennoch moderne Heilmethode und bietet sich für ganzheitlich denkende und an ihrer Entwicklung interessierten Menschen an – zu allen Zeiten.

 

Gibt es unheilbare Krankheiten?

Alle Beschwerden und jede Krankheit lassen sich heilen, wenn ich zu Veränderungen bereit bin und einen neuen und positiven Blick auf jede Situation richte die ich erlebe – und mag es noch so schwer sein!

 

Krankheit als Weg?

Mir gefällt gut die Aussage von Rüdiger Dahlke, der sagt: hat ein Mensch einmal den Unterschied zwischen Krankheit und Symptom begriffen, so ändert sich schlagartig seine Grundhaltung und sein Umgang mit Krankheit. Er betrachtet nicht länger das Symptom als seinen großen Feind, dessen Bekämpfung und Vernichtung sein höchstes Ziel ist, sondern entdeckt im Symptom einen Partner, der ihm helfen kann, das ihm Fehlende zu finden und so das eigentliche Kranksein zu überwinden. Jetzt wird das Symptom zu einer Art Lehrer, der hilft, uns um unsere eigene Entwicklung und Bewusstwerdung zu kümmern, und der auch viel Strenge und Härte zeigen kann, wenn wir dieses, unser oberstes Gesetz missachten. Krankheit kennt nur ein Ziel: uns heil werden zu lassen.

 

Frauenkrankheiten und Männerkrankheiten: Welche grundsätzlichen Unterschiede gibt es?

Männer und Frauen sind grundsätzlich verschieden, ganz abgesehen von der metaphysischen Ursache für eine Gesundheitsstörung, und das ist inzwischen auch wissenschaftlich erwiesen.

Ein mythologischer Aspekt: Die Menses symbolisiert die Verletzung der zerrissenen Einheit von Mann und Frau. In der griechischen Mythologie wird diese Einheit als Kugel beschrieben, die in Mann und Frau geteilt wurde. Die Aufgabe sich wieder zu finden, ist mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden, die sich z. B. im Ablauf der Menses und im Menstruationsschmerz der Frau zeigen. Die Erfahrungsmuster von Männern und Frauen sind gewöhnlich sehr unterschiedlich, sodass es im Kontakt miteinander zu Verletzungen und Missverständnissen kommt.

 

Haben Krankheiten auch, was sich vielleicht als Vorteil bewerten ließe?

Die Tatsache, dass wir die Ursache eines Leidens „aufdecken“, bringt uns dazu uns loszulösen und somit aus der „Opferhaltung“ zu kommen – in dem Sinne, in dem wir eine Krankheit positiv betrachten und uns somit von dem negativen Einfluss befreien.

 

Gibt es immer Beweggründe, auch wieder gesund werden zu wollen?

Wir sollten uns glücklich schätzen, wenn wir die Ursache unserer Leiden wissen, denn dann stellen sich fast zwingend die wichtigsten Fragen des Lebens:

  • Wer bin ich?
  • Was ist der Sinn meines Lebens?
  • Wo komme ich her?
  • Wo gehe ich hin?

 

Was können wir von Krankheiten lernen?

Jede Krankheit hat einen Sinn und ein Ziel! Wichtig ist, dass Muster bzw. die WIRKLICHE URSACHE dahinter zu erkennen, und dafür muss die seelische Ebene unbedingt beachtet und bearbeitet werden!

 

Krankheit erleben und die dabei gemachten Erfahrungen: Lassen sie sich nutzbar machen für einen selbst und auch für andere?

Krankheiten zu erleben bedeutet immer eine persönliche Entwicklung bzw. sich im weiteren Sinne seiner geistigen Entwicklung bewusst zu werden. Und dann tut sich vage die Erkenntnis auf, dass sich alle Krankheiten als Mangel an Liebe erklären lassen. Liebe sei die einzige Heilkundige, heißt es. In der Tat kann die Liebe Türen auftun, damit Heilung stattfinden kann – diese Erfahrung verändert nicht nur mich als Betroffenen, und nicht nur das gesamte Umfeld, sondern das gesamte Universum!

Wahre Therapie ist eine Tat der Liebe, und die muss gefühlt werden!

 

Führt eine Krankheit manchmal auf einen neuen Lebensweg?

Immer!

 

Webseite von Claudia Trauth:

www.energiezentrum-kandel.de

Göttin Mutter

von S. Levent Oezkan

Muttergottheit - ewigeweisheit.de

In der Urgeschichte der Menschheit, spielten Göttinnen der Erde und der Fruchtbarkeit für die Kulturentwicklung eine zentrale Rolle. Die Mutter als Lebensspenderin verehrte man mehr, als die anderen Gottheiten jener Zeit. Archäologische Funde aus der Steinzeit belegen das, wo sich unzählige Artefakte als weiblicher Archetyp präsentieren.

Aus dem Urbild der Venus, wie auch durch die Bildnisse anderer weiblicher Gottheiten, entstand vor langer Zeit eine Symbolik, woraus sich ablesen lässt, welche Rolle es damals spiele Erdboden und dessen Bewohner zu beherrschen. Und zu solchen Bewohnern der Erde zählen eben Menschen, Tiere, Pflanzen und auch die Minerale. In all diesen irdischen Verkörperungen nämlich glaubte man schon immer den Geist einer personifizierten Mutter Erde zu erkennen.

Wie die Venus aus Griechenland als Symbol aller Weiblichkeit im Westen bekannt wurde, hatte man sie zum Beispiel als Göttin Ischtar bereits sehr lange zuvor im Zweistromland verehrt.

Auch im benachbarten Kleinasien (heutige Türkei) gab es lange Zeit eine Religion die die Göttin Kybele als Muttergöttin in ihren Mysterienkulten verehrte. Kybele war da eine Herrin der Tiere, die später zu einer Fruchtbarkeitsgöttin werden sollte. Man nannte sie auch "Magna Mater", die "Große Mutter", als die sie seit der Bronzezeit in Anatolien verehrt wurde und die als solche als göttliche Verkörperung von Mutter Erde angesehen werden kann. Lange Zeit galt Kybele als Erzeugerin des Lebens, sowie als Mutter der Erde und der Gebirge.

Die Erde als Lebewesen

In alter Zeit erkannten die Menschen in der Erde ein eigenes Wesen, das alles Leben gebiert, bringt sie doch mit ihren Kräften in Fauna und Flora alles hervor, sowie auch die Menschen, die sich von ihr ernähren. Auch alle Rhythmen und Kreisläufe in der Natur, gibt dieses irdische Wesen vor. Damit erkannten die Menschen irgendwann, wie sich insbesondere die Erde für den Anbau von Nutzpflanzen eignete: Das war die Geburt des Ackerbaus.

Magna Mater rückte in der Jungsteinzeit sogar in den Mittelpunkt des spirituell-kultischen Lebens. Als sich die Menschen der Kultivierung des Erdbodens in den Dienst stellten, und sich dabei allmählich vom Jäger- und Sammlertum lösten, entstanden auch die ersten kleinen Kolonien. Somit sollte die Magna Mater auch eine Göttin der Siedlungskulturen werden.

Man begann damals Ackerbau, Pflanzen- und Tierzucht auf Vorratshaltung hin zu betreiben. Die Gesellschaft setzte sich aus Bauern und Hirten zusammen, was mit dem Entstehen einer gänzlich anders gearteten gesellschaftlichen Kultur einherging, als die, die ihre Nahrung einbrachte durch die Jagd auf wilde Tiere, den Fischfang oder durch das Sammeln von wildwachsenden Pflanzen. Daher stammt auch der Begriff der "Neolithischen Revolution", die einen Umbruch markierte, seit dem man in der Archäologie und Altertumswissenschaft von der Jungsteinzeit spricht.

Ob nun aber die Menschen sesshaft wurden weil sie Ackerbau betrieben oder sich entschlossen wegen ihrer Sesshaftigkeit Landwirtschaft zu entwickelten, kann heute nicht gesagt werden. Fest steht dabei jedoch, dass Äcker bewacht und geschützt werden wollen. Nicht etwa wegen menschlicher Diebe, sondern weil es Tiere gäbe, die dem Menschen zuvor kämen und an gewachsenen Nutzpflanzen nichts übrig ließen.

Matriarchale Kultur

Wieso sich die Menschen für die Sesshaftigkeit entschieden, bleibt unklar. Interessant an dieser Frage jedoch ist, dass man heute vermutet, dass sich vor etwa 11.500 Jahren ein verheerender Kataklysmus ereignete, über den man aus den Überlieferungen verschiedener Kulturen der Welt erfährt. Die Bibel spricht da von einer Sintflut.

Es gab tatsächlich einen Umbruch, der die Zivilisationen der Wendkreise der Erde wahrscheinlich dazu brachten, sich in Siedlungen niederzulassen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben und Vorräte zu horten. Archäologische Funde belegen, dass das zuerst in der heutigen Südosttürkei und in Nordsyrien stattfand. Das war auch die Zeit als man die ersten Sakralbauten errichtete. Hierzu zählt der in der Türkei gefundene Tempel Göbekli Tepe, der bereits vor 12 Jahrtausenden kultisch genutzt wurde und heute als die älteste archäologische Ausgrabungsstätte der Welt gilt.

Alteuropa

Göbekli Tepe - ewigeweisheit.de

Der 12.000 Jahre alte Tempel von Göbekli Tepe (Urfa, Türkei), gilt heute als ältester Sakralbau der Welt (Quelle: Bildausschnitt, Foto: Teomancimit, Lizenz CC 3.0).

Wie sich dem Werk der litauischen Anthropologin Marija Gimbutas (1921-1994) entnehmen lässt, entstand in den Jahrtausenden nach dieser Zeit, im Bereich zwischen dem Balkan und der Donau eine Kultur, die sie "Alteuropa" nannte: die Wiege unserer westlichen Welt. Sie war ganz und gar matriarchal geprägt. Man fand aus dieser Zeit chrakteristisch geformte Statuetten, die große Brüste und teils überbreite Hüften kennzeichneten. Auch in der jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük (Türkei) fanden Archäologen solche Figuren, die man ins 8. vorchristliche Jahrtausend zurückdatiert.

Ein Stammbaum der Mütter

Wenn die Überschrift dieser Absätze eine matriachale Kultur betitelt, meint das auch, dass Bindungen in den Familien dieser alten Kutlur, stets matrilinear ausgestaltet waren. Das heißt, man führte die Abstammung mütterlicherseits fort. Damals stand im Mittelpunkt der Gesellschaft eben die Frau, wie auch die Mutter in der Familie an sich. Und so entstand da die religiöse Vorstellungen einer "Ahnfrau" oder "Großen Göttin", die der Menschheitskultur vorausging. Anders also als im Patriarchat, von einer durch den männlichen Samen abstammenden Ahnenlinie ausgegangen wird, bezieht sich in einem Matriarchat die Abstammung aus der "Gebärmutter".

Eine matrilineare Kultur also beruft sich auf eine Abstammungslinie über die Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und geht so weiter bis zu der Stammmutter eines Volkes. Bekannteste aller dieser Urmütter der Menschheit ist wohl Eva aus dem biblischen Buch Genesis, nur brachte sie wohl nur drei Söhne zur Welt Kain, Abel und Seth. Islamischen Überlieferungen zu Folge aber soll Eva dem Adam zwanzig Mal Zwillinge geboren haben: je ein Mädchen und einen Jungen.

Muttergottheiten in West und Ost

Wir können heute nicht eindeutig sagen, wie, wo und wann genau sich erste Kulte um Muttergottheiten bildeten. Heute kursiert eine Vielzahl anschaulicher Theorien in der Wissenschaftswelt, die aber fast genauso viele Kritiker wieder in Frage stellen. Das mag zum einen auch daran liegen, dass aus solch alter Zeit, in der zum Beispiel in Europa eine matriarchale Gesellschaft bestanden haben soll, einfach noch nicht ausreichend entziffert wurde von dem, was uns heute an Symbolquellen vorliegt.

Und doch gibt es einige Theorien, die als authentisch wahrgenommen werden, auch wenn sie neben anderen Konstruktionen von Mythen, dennoch nur Hypothesen bleiben. Vielleicht aber geht es hier auch weniger um Beweisführungen, als vielmehr darum, mit dem, was aus solchen Ausarbeitungen zur Theorie der Muttergottheiten vorliegt, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich ein als positiv empfundener Ritus zelebrieren ließe.

Wenn oben von Mythenkonstruktionen die Rede war, so meint das erfundene Sagen, die die Legenden um verschiedene Archetypen von Muttergöttinnen verschmolzen, um dann als Grundlage für neue kultisch-religiöse Leitbiler zu fungieren. Was auch als Urbild der "Großen Göttin" bekannt ist, lässt sich aber gewiss an symbol- und kulturhistorischen Gemeinsamkeiten, eigentlich aller Muttergottheiten in West und Ost, wiedererkennen. Denn überall auf der Erde wurden diese Mutterarchetypen als Göttinnen verehrt.

Die Germanen huldigten der Göttin Nerthus die ihnen als heiliger Inbegriff für Mutter Erde galt.

Als Brighid verehrten die alten Kelten Irlands eine Fruchtbarkeits- und Vegetationsgöttin.

Im alten Griechenland standen da Göttinnen wie Gaia, die Urmutter und Personifikation des Planeten Erde, deren Tochter Rhea dann zum Geschlecht der Titanen zählte: Jene riesenhaften Götter der griechischen Mythologie, die als erste über die Erde herrschten. Rheas Töchter wiederum waren Hera und Demeter, die beide zum Kreis der zwölf Olympier gehörten. Dabei verkörpert Hera den Archetyp der Mutter als Ehefrau, während Demeter und ihre Tochter Persephone, für die Mysterien der Erde stehen.

Weiter im Süden wurden die altägyptische Muttergöttin Hathor, als göttliche Himmelskuh angebetet, die aber gleichzeitig, als Göttin des Sonnenuntergangs, auch eine Totengöttin war. Es soll in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, dass die Symbolik der Mutter und die des Todes, ganz eng zusammenstehen. Wir werden weiter unten darauf noch einmal eingehen. Einige Symbole Hathors sollten später auch auf die Göttin Isis übergehen, die für die ägyptische Religionsgeschichte von herausragender Bedeutung ist.

Auch im alten Arabien vorislamischer Zeit verehrte man eine Göttin: Al-Laat. Sie war verwandt mit der morgenländischen Fruchtbarkeitsgöttin Astarte und ihrerseits als Muttergottheit verwandt mit der assyrischen Ischtar (eine etymologische Verwandschaft zum Götternamen "Astarte" ist naheliegend). Der Einfluss dieser Muttergottheit reichte gar bis in die Bibelgeschichte, wo sich im ersten Buch der Könige (Kapitel 11) ein Hinweis darauf findet, dass sogar König Salomo eine Zeit lang die Verehrung der Astarte förderte.

Hathor - ewigeweisheit.de

Hieroglyphe der Muttergöttin Hathor, die den alten Ägyptern auch eine Göttin war sowohl des Todes, der Liebe, des Friedens, der Schönheit und auch der Kunst.

Schauen wir weiter Richtung Fernost, so begegnen wir der hinduistischen Jaganmata, die man als Mutter des Universums verehrt. Sie gilt auch als Inkarnation der Göttin Parvati, der Gemahlin des Gottes Schiva (der ja bekanntlich auch die Attribute einer Todesgottheit besitzt).

All diesen weiblichen Gottheiten gemein ist, dass ihre Rolle als Schöpferin dessen, was sie letztendlich erschaffen, doch auch wieder aus seiner Existenz verschwinden wird.

Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt

Als man in alter Zeit verschiedene Gottheiten verehrte, in ihrer besonderen Rolle für den Menschen, sollten sie sich, wie uns etwa aus der griechischen oder ägyptischen Mythologie bekannt ist, immer wieder durch die Geburt himmlischer Nachfahren in ihrer Rolle als Götter erübrigen. So wurde immer wieder von einer scheidenden Gottheit ein Nachkomme gezeugt (zum Beispiel Horus, Sohn der Isis und des verstorbenen Gottes Osiris). Besonders der Jahreslauf der Sonne (und des Mondes) scheint seit uralter Zeit hierfür eine Grundlage zu bilden, wo im jährlichen Wiederaufblühen der Natur, aus der Muttergöttin neues Leben auf Erden geboren wird.

Hieraus lässt sich ganz klar die Symbolik eines immerwährenden Kreislaufs des Lebens ablesen, der mit der Geburt beginnt, dem eine Wachstums- und Reifephase folgt, um schließlich mit dem Tod zu enden. Diesem Tod aber folgt wieder eine Wiedergeburt: Jedes Jahr erleben wir das im Ablauf der vier Jahreszeiten.

In den matriarchal geprägten religiösen Kulten war da eine Symbolsprache, die sich im Zusammenhang mit diesem zyklischen Vorgang von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, folgendermaßen zusammensetzte:

  • Symbole des Lebens: Schlangen, Fische, Wasservögel, Frösche, sowie Linienmuster aus Spiralen oder Netzen.
  • Symbole des Todes: Eulen und Geier die eine Muttergöttin begleiten.
  • Symbole der Wiedergeburt, Erneuerung und Transzendenz: Ei, Gebärmutter, Phallus, sowie die mit der Mondsichel angedeuteten Mondphasen, wie auch Rinder- oder Widderhörner, die die drängenden natürlichen Kraftimpulse versinnbildlichen.

Kult der Großen Göttin

Bei alle dem kann dennoch nicht eindeutig gesagt werden, ob es jemals so etwas wie einen globalen Kult einer Großen Göttin zeitgleich auf unserem Planeten gab. Doch wenn auch nur kleinere, matriarchal geprägte Gruppen, sich die ganze Welt als göttliche Mutter dachten, sind solche Tatsachen eine Betrachtung wert.

Die genannten göttlichen Wesen waren aber nicht expilzit Wesen der Erde, sondern als Göttin Gaia wiederum selbst gebettet in einen vollständig von weiblichen Kräften durchdrungenen Kosmos. Schaut man etwa in die Überlieferungen der Gnosis, so ist da die Rede von "Sophia", der personifizierten göttlichen Weisheit, aus der das Universum entstand. Der Himmel als Urraum aber, indem sich dieses Universum ausbreitet, ist dabei jungfräulich gewesen, damit in ihm eine Göttin der Atmosphäre das Sein in seine Existenz bringen konnte.

Darunter befindet sich die Menschenwelt, wo man in Gegenwart der Frauengöttin lebt. Mit ihrer Kraft belebt sie Land und Meer und alles was darin zuhause ist.

Unter der Menschenwelt aber liegt das Reich der "Alten Frau", die als Todesgöttin alles Leben in den Abgrund zieht, darin auflöst, doch zugleich aus der Tiefe wiederauferstehen lässt. Sie reflektiert den ewigen Kreislauf von Untergang und Wiederkehr, dem auch alle astronomischen und vegetativen Zyklen unterliegen.

Es herrschen diese drei Göttinnen also über die kosmische Ordnung. Man könnte sie sich auch nur als eine Muttergöttin denken, die eben in drei verschiedenen Erscheinungsformen verehrt wird. Das diese kosmische Dreiheit aber eigentlich identisch ist mit dem, was patriarchale Kulturen prägt, wird deutlich in dem Bild der Dreiheit von Gott, Mensch und Erde (oder Unterwelt).

Das im Zusammenhang mit einer kosmischen Muttergöttin auch die Symbolik des Mondes eine Rolle spielt ist naheliegend, zumal sich ja diese Dreiheit in den sichtbaren Mondphasen (zunehmend, voll, abnehmend) wiedererkennen lässt.

Lunare Weiblichkeit

Wenn seit alter Zeit manche Frauen einen besonderen Bezug ihrer Weiblichkeit zum Mond betonen, dann liegt das sicher daran, dass sich eben der Menstruationszyklus monatlich wiederholt. Und was ist ein Monat anderes, als eben ein Mondzyklus (unschwer zu vermuten, dass die Wörter "Mond" und "Monat" etymologisch miteinander verwandt sind).

Erst in den vergangenen Jahrzehnten, kehrte diese Erkenntnis ins Bewusstsein der Menschen zurück. Und so entstand da ein echter Kult um das, was wir hier immer wieder als "Muttergöttin", "Mutter Erde" oder schlicht die "Große Göttin" bezeichneten. Hieraus emanzipierte sich in den vergangenen Jahren eine auf solche Muttergöttinnen ausgerichtete Spiritualität. Ereignete sich das aber als Gegenpol oder gar Protest, zu den patriachal geprägten Weltreligionen, dürfte es damit irgendwann wieder zusammenfallen.

Fest steht dabei, dass in unserer Zeit die Erkenntnisse aus jenem Urwissen der Frauen über das Leben und die Natur, von immens wichtiger Bedeutung sind. Denn es ist die Natur, aus der sich der menschliche Körper aufbaut, die ihm Nahrung und Lebensraum spendet. Wenn eine weibliche Spiritualität also ganz deutlich auf die Wichtigkeit dieser Erkenntnis hinweist, scheint sie ihre Rolle in der Gegenwart auf jeden Fall zum Wohle aller erfüllen zu wollen.

 

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Dem Elfenbeinturm des Ego entkommen

von S. Levent Oezkan

Pieter Bruegel der Ältere: Turm zu Babel

Niemand ändert sich wirklich, wenn er nicht gezwungen ist sich zu ändern. Jedes Problem aber, das sich uns entgegenstellt, lässt uns nur darum straucheln, damit wir aufwachen, um uns zu befreien – aus dem was war und uns jetzt vielleicht behindert – in ein Sein, losgelöst von allem Denken, Grübeln und Bewerten.

Denn alle Widrigkeiten im Leben fordern jemanden, ja manchmal gar eine ganze Gemeinschaft dazu auf, die Umstände zu verändern in der sie sich gegenwärtig ereignen. Was war, das war, doch es geht so nicht weiter.

Wie der Einzelne oder die Mitglieder einer Gesellschaft mit so etwas umgehen, das mag sich auf zwei Arten äußern: Entweder man verschließt sich dem eigentlichen Aufruf und hält mit allen Mitteln daran fest was war und sieht in dem Problem reine Negativität. Das aber festigt eigentlich nur die Muster in uns, die auf egoistischer Unbewusstheit basieren, sich aber manchmal sogar zuspitzen und dann zu Angst, Wut und Depression mutieren.

Es birgt ein Problem aber immer auch eine Chance, nämlich dann, wenn die plötzlich eingetretenen widrigen Umstände im Leben eines Menschen (oder einer Gemeinschaft), als eigentliche Gelegenheit erkannt werden, sich aus den Schranken des Altbekannten zu lösen, um in einem bewussteren Leben dem Schlaf der Alltäglichkeit zu entkommen. In allen Traditionen in West und Ost spricht man darum auch von einem »Erwachen«. Und so etwas geschieht manchmal auch durch etwas im Außen, das vielleicht so drastisch ist, sodass es einen aus dem Schlaf der Gewohnheit reißt, aus dem Schlummer eigentlich nur scheinbarer Vernunft. Was einen da aber in solch Unbewusstheit gefangen hielt, das war sein Ego.

Über die Geburt des Ich-Empfindens

Und dieses Ego stützt unser innerer Dialog: wenn da nämlich mehrere Stimmen »zu Wort kommen«, die sich aus einer vermeintlichen Problemsituation – wie auch immer geartet – herausreden wollen. Das geschieht aber nur, um dem Ego Genugtuung vorzutäuschen. Was damit gemeint ist, wollen wir uns im Folgenden genauer ansehen.

Da gibt es die Legende von Narziss, einem jungen, ungemein schönen Mann, den wegen seines Liebreizes alle begehrten. Doch wie uns dieser uralte Mythos mitteilt, antwortete Narziss auf das Begehren seiner Verehrerinnen und Verehrer einfach nur arrogant. Dabei wusste er gar nicht wie er aussah, denn Spiegel gab es damals noch keine.

Eines Tages nun kam er in die Nähe einer Quelle, deren silberhelles Wasser ganz und gar rein und tief war, woraus nie ein Tier getrunken und deren Wasser nie ein welkes Blatt verschmutzt hatte. Ganz in der Nähe ruhte sich der schöne Jüngling aus. Als ihn durstete ging er zu dem Quell um daraus zu trinken. Doch als er sich dort zum ersten Mal, auf der reflektierenden Oberfläche des Wassers sah, da verliebte er sich in sein eigenes Spiegelbild, wo jedesmal, als er vom Wasser trank, sich ihm der Mund seines Gegenübers anscheinend zum Küssen näherte. Er wiederholte dieses Spiel, wie von Wahn ergriffen, und versuchte in sein Spiegelbild vernarrt, dieses sogar zu umarmen, bis er schließlich ausglitt, ins tiefe Wasser stürzte und darin ertrank. Wegen seiner wahnhaften Selbstliebe aber, so die Legende, schimmert auf der Oberfläche dieses verborgenen Quells, das Abbild des schönen Narziss noch heute.

Es ist dieser Mythos ein Sinnbild närrischer Eigenliebe, wegen welcher jemand andere Menschen verachtet. Nur aber eigentlich wegen seiner egoistischen Dummheit verhält er sich so und genau darum kommt er auch zu Fall.

Was sich aus dem Mythos von Narziss herauslesen lässt, ist die Entstehung des menschlichen Ego. Tatsächlich musste der Mensch in der langen Geschichte seiner irdischen Existenz, erst einmal so etwas wie ein Ich- oder Ego-Bewusstsein entwickeln, wo er sich als Individuum umgeben von anderen erkannte. Für den deutsch-schweizerischen Philosophen Jean Gebser (1905-1973) setzte diese Entwicklung vor vielleicht 6.000 Jahren ein, als der menschliche Geist begann sich auf bestimmte Objekte auszurichten. Da verließ der Mensch den beschirmenden Bereich einer rein gefühlsbetont erfahrenen Welt und begann sein Leben durch Denken zu bewältigen.

Dieses Ich-Bewusstsein nun, oder nennen wir es Ego-Gewahrsein, lässt vor unserem inneren Auge, wie der Mythos von Narziss deutlich macht, ein Phantom-Selbst entstehen, dass jeder von uns mit sich herumträgt. Und dieses Phantom nährt unser innerer Dialog. Die meisten von uns halten das für ihr wahres Selbst. Aus diesem Bewusstsein aber kam der Drang zur Welt, sich mit etwas identifizieren zu wollen. Im Falle des Narziss erfüllte diesen Sinn sein Spiegelbild. Identifikation aber ist immer der Versuch, sich mit etwas im Außen gleichsetzen zu wollen, zumindest aber ihm ähnlich zu sein. Gewöhnlich zeigt sich das im Wunsch nach Besitz. Was aber der Narziss-Mythos andeutet, ist, dass dieser Wunsch nach Identifikation letztendlich auch mit einem Begehren nach Überlegenheit einhergeht, auch wenn das vollkommen unbewusst stattfindet – nach etwa dem Motto:

Ich habe und du hast nicht, darum bin ich.

Im Falle Narziss' war das seine Schönheit.

Im Umgang mit anderen

Ganz ohne Ego kann heute keiner lernen, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Jeder junge Mensch muss erst einmal ein Ego entwickeln, einen Ich-Sinn erkennen, damit er in der Gemeinschaft überhaupt klar kommt. Er braucht eine Identifizierung mit seiner körperlichen Erscheinung, die einen Namen, eine Herkunft und eben ein bestimmtes Aussehen hat. Bei einem Menschen der vielleicht einen schönen Körper oder ein hübsches Gesicht hat, mag dass der Weg der Selbstidentifikation sein. Bei jemandem der vielleicht schon immer gerne sehr viel gelesen hat, mag sich diese Selbstidentifikation vielleicht derart äußern, dass er sich für sehr viel klüger oder gebildeter als andere empfindet. Vermutlich sind bei einem Menschen, der in eine reiche Familie geboren wurde, das Geld oder sein Besitz, Objekte der Identifikation.

Doch der damit eigentlich immer einhergehende Wunsch sich ein Gefühl der Dominanz gegenüber anderen Menschen zu verschaffen, birgt in sich doch eigentlich einen Mangel und das Gefühl das etwas fehlt. Fühlt man sich darum von der Identität eines anderen konfrontiert und gerät dabei in ein Spannungsfeld zwischen Überlegenheit und Unterlegenheit, muss dafür oft die eigene Identität herhalten, um sich darauf basierend, in einem inneren Dialog, ein Dominanzgefühl herbeizureden. Das heißt: War das der Grund zur Identifikation, geht diese Form der »Selbst-Erkenntnis« ja eigentlich einher mit einem ganz tief sitzenden Unbehagen, wo einer bemerkt:

Ich bin mir selbst nicht genug.

Narziss - ewigeweisheit.de

Narziss - der schöne Sohn des Kephissos verliebt sich in sein Spiegelbild. Gemälde von Caravaggio (1599).

Das Selbstbild

In unserer modernen Kultur gilt das geistige Ideal, das jemand von sich hat, als das womit er sich identifiziert. Das ist beim Einen etwas das er besitzt, beim Anderen etwas das er tut oder beim Nächsten eine bestimmte Haltung die er einnimmt, um einem äußeren Bild zu entsprechen. Alle aber versuchen ihr Sein nach einem bestimmten Modell hin auszurichten. Leider aber lässt sich das nur all zu leicht verwechseln mit dem, was wir oben bereits als den »inneren Dialog« ansprachen, wo sich einer immer wieder einredet, dass er etwas besser kann, mehr besitzt oder zum Beispiel nach einem Streitgespräch in seiner Erinnerung die Situation noch einmal durchspielt, wobei er selbst daraus aber als Gewinner hervorgeht.

Es scheint also, als würden wir uns auf diese Weise ins Verhältnis setzen zu unserem Leben:

Ich und mein Leben.

Manche sind vielleicht für eine bestimmte Zeit in ihr Leben verliebt. Andere hassen es vielleicht. Man identifiziert sich dabei aber mit dem was man glaubt zu sein, so als betrachte man sein Leben wie auf einer Leinwand vor sich ablaufen, worauf man Wunschbilder oder vielleicht auch Feindbilder projiziert. Doch ganz gleich ob man mit einem gegenwärtigen Istzustand zufrieden oder unzufrieden ist: In beiden Fällen geht es um das, womit sich das Ego identifiziert, was es vielleicht vergöttert oder verachtet. Ist aber, von einem gewissen Zeitpunkt an, das Ego in unserem Leben nicht überflüssig, wenn es uns doch ununterbrochen damit behelligt uns entscheiden zu müssen?

Tiere haben diese Schwierigkeit nicht und erkennen sich auch nicht im Spiegel. Eine Katze oder ein Hund, die ihre Erscheinung reflektiert sehen, verwundern sich eher, denken dort einen Zeitgenossen zu erblicken und schauen vielleicht, wenn möglich, hinter den Spiegel, um sich dessen zu vergewissern. Was wir zuvor bemerkten, würde darum voraussetzen, dass Tiere auch kein Ego besitzen. So ist ihnen ein Selbstwertgefühl ebenso fremd und damit auch der Wunsch, anderen Tieren gegenüber besonders schön zu erscheinen. Wir Menschen aber, zumindest die meisten von uns, schauen in den Spiegel, bevor wir das Haus verlassen. Rührt einer mit solch eitler Haltung, nicht aber bereits auch den Kern aller Probleme an?

Und was ist ein Problem? Seiner etymologischen Bedeutung nach setzt sich das Wort zusammen aus den griechischen Silben »pro«, etwas das sich vor einem befindet, und »ballo«, schmeißen oder werfen. Somit ist ein Problem also eine Hürde oder ein Hindernis, das scheinbar wie aus dem Nichts einem den Weg versperrt und einen abhält von einer bisherigen, vielleicht vermeintlichen Freiheit. Tiere begehren so etwas intuitiv zu überwinden, ohne es mit irgendetwas aus ihrer Vergangenheit vorher abgleichen oder bewerten zu wollen. Auch ein Kleinkind, dass so etwas wie ein Ego noch nicht entwickelte, würde ähnlich reagieren, was sich etwa darin zeigt, da es intuitiv weiß was zu tun ist, wenn es in tiefes Wasser fällt: Es schwimmt ohne es vorher gelernt zu haben! Solches Tun ist dann also nicht von irgendwelchen Haltungen, Meinungen, Einstellungen oder vermeintlichem Wissen abhängig, sondern geschieht aus der Situation heraus.

Wen aber sein Ego nötigt, sich unter all den vielen Standpunkten, mit denen er sich identifiziert, erst entscheiden zu müssen: Wie sehr doch hindert ihn das, endlich zur Tat überzugehen?

Erwachen aus dem Schlaf des Ego-Bewusstseins

Scheinbar rühren die meisten unserer Probleme darum vom Wunsch nach Identifikation mit bestimmten Sichtweisen, die jedoch nur auf den geistigen Konstrukten unseres Egos basieren, wobei das Ego dann also nichts anderes ist, als eine bestimmte Art zu denken. Viel weniger sind es da noch die Objekte worauf sich unsere Gedanken beziehen, als eher die Gedanken an sich, ja insbesondere unsere Erinnerungen und daraus erwachsene Meinungen. Aber gestaltet man damit sein Leben nicht aus einem ewigen Gestern?

Innerer Dialog

Aller Egoismus entwickelt sich aus bestimmten Formen des Denkens, mittels derer man das Gefühl einer Identität überhaupt erst wahrnimmt. Diese Denkweisen aber halten wir alle, mehr oder weniger, für das was uns ausmacht. Mit dem Gesagten aber scheinen sie nicht mehr zu sein, als eine andere Form des Schlafs, denn sobald das Denken aufhört und der innere Dialog endet: Was bleibt da noch?

Um wieder zurückzukommen auf das zuvor angedeutete »Erwachen«, von dem so viele Priester und Gurus in West und Ost immer wieder sprechen: Bedeutet das, dass man sich auf einmal dieses inneren Dialogs bewusst wird, wie auch der Gefühle, die damit verbunden in uns aufsteigen?

Zu erwachen bedeutet zuerst einmal, zum Beobachter dessen zu werden, was da eigentlich vor sich geht, im Geiste und den daraus projizierten Emotionen. Wer lernt zu meditieren, beginnt damit, sich nicht mehr mit seinen immer neu auftretenden Gedanken zu identifizieren, sondern beobachtet sie, wie sie kommen und gehen, als blicke er in den blauen Himmel, durch den immer mal wieder Gedankenwolken ziehen, wovon manche auch dunkel sind und zuweilen in Gefühlsbewegungen, sozusagen »abregnen«.

Wenn die Identifikation mit unseren alltäglichen Gedankenmustern, einen zuvor gänzlich in Anspruch nahm und man darum glaubte

Ich bin mein Denken

und einen dieser Geistesstrom vollkommen vereinnahmte, wird man durch das Zurücktreten daraus, sich auf einmal dessen bewusst, was da eigentlich stattfindet. Nicht aber nur in einem selbst, sondern auf einmal erscheint einem die Umwelt gänzlich anders, da der Einfluss der Objekte der Identifikation, darin zu schwinden beginnt.

Problemen zu trotzen

Wenn sich in unserem Leben nun aber Widrigkeiten oder Herausforderungen ergeben, gerät das Ego, dass sich ja normalerweise mit den Objekten im Außen identifiziert, sehr leicht aus dem Gleichgewicht. Das führt meist dazu, dass es sich sehr unglücklich fühlt, über das plötzlich aufgetretene Problem und sich dann dagegenstellt. Immer nämlich braucht das Ego ein Gegenüber – überhaupt dadurch definiert es sich.

Das Ego muss sich also mit etwas identifizieren oder aber eben nicht identifizieren, um den Grund seines Daseins vor sich zu rechtfertigen. Es entsteht erst durch die Möglichkeit sein eigenes Dasein in einem Gegenüber zu reflektieren – sei es ein Vorbild oder eine andere Sache. Diese Haltung setzt bei Kindern in der Zeit ein, wo sie lernen »Nein« zu sagen, wo, wenn man sie etwa fragt:

Bist du hungrig?

sie antworten:

Nein! –

doch sobald man ihnen das Essen vorsetzt, verschlingen sie es mit dem größten Genuss.

Unser Ego braucht den Anderen oder das Andere. Auch Feinde erfüllen diesen Zweck: Menschen, denen gegenüber man sich vielleicht überlegen fühlen möchte oder aber die man beneidet und sich darum gegen das stellt, was sie tun oder was sie einem zu sein scheinen. Wenn sich das Ego aber, um überhaupt bestehen zu können, zuerst mit bestimmten Objekten oder Ansichten identifiziert, hält es daran fest, denn nur dadurch rechtfertigt es ja seine Existenz.

Dringt nun aber etwas Neues in dieses abgeschlossene System ein, was ein Mensch oder aber ein Problem sein kann, entbehrt der ego-fixierte Mensch jeder Fähigkeit damit umzugehen. Er versucht nämlich sein Identifikationsmuster dem plötzlich Aufgetretenen überzustülpen – ein Bild, das sein Ego für den anderen angefertigt hat. So jemand reagiert also nicht mehr auf eine eigentliche Situation, sondern nur auf das, was er als Egoist daraus ableitet, ja fast schon wie aus dem Nichts erschaffen kann.

Desidentifikation von den Sinnesobjekten

Was einen bewussten Menschen aber auszeichnet, sind meiner Meinung nach Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Liebe. So jemand lebt in der Gemeinschaft zu ihrem Wohle. So einer ist

gestorben, bevor er starb.

Was da den Tod fand und sich damit auflöste, war sein Ego, während der Mensch in seinem Leben als Erwachter fortlebt. Er hat gelernt, dass er nicht das ist was er denkt, hat gelernt sich zu »desidentifizieren«, wie es der italienische Psychologe Roberto Assagioli (1888-1974) nannte. So jemand lebt bewusst, denn er hat erkannt, dass es jenseits allen Denkens eine andere Dimension des Bewusstseins gibt: ein unendliches Feld voller Vergegenwärtigung, losgelöst von allen Sinneseindrücken, frei von allem objektiven Wahrnehmen.

Was bleibt also übrig, wenn man nicht mehr über das nachdenkt, was womöglich kommen wird oder was man vielleicht befürchtet und sich auch keinen Kopf mehr darüber zerbricht, was einmal war und wie man sich dabei fühlte? Dann auf einmal könnte man sich des gegenwärtigen Augenblicks bewusst werden, in dem sich ein Selbst befindet, das jenseits aller mit dem Ego verstrickten Konzepte besteht. Es ließe sich vielleicht vergleichen als ein Teil des Ganzen, der sich mit Allem verbunden erfährt. Wer diesen Zustand erreicht hat, erkennt auf einmal, dass da ein ganz wohltuendes Sosein, wie es die Buddhisten nennen, bisher einfach nur im Lärm allen Denkens untergegangen war.

Was aber, wenn dieser Lärm abklingt und sich unser Geist beruhigt hat?

Man stelle sich etwa vor, wie all die wahrnehmbaren Objekte der Umwelt, eine Leere umgibt – ein Raum der eben nicht ist. Denn was sonst sind unsere Gedanken, als Verhaftungen in den Objekten unserer Sinne? Im Gewahrsein der eigentlichen Leere aber, in der sich die Objekte unserer direkten Umgebung befinden, wird man sich einer Polarität von Sein und Nichtsein bewusst, von Existenz und Inhaltslosigkeit, von Identifikation und Intuition.

Wir wissen heute, dass es zum größten Teil Leere ist, die unser Weltall ausmacht. Der nächste Stern da draußen, ist sage und schreibe mehr als 30 Billionen Kilometer von unserer Sonne entfernt. Dazwischen ist nichts als schwarzes Vakuum, eines schier unendlich großen Raumes. Auch in den Atomen befinden sich riesige Zwischenräume, wie man heute weiß, die die Elektronen vom Atomkern trennen. In einem scheinbar omnipräsenten Nichts also, ereignet sich der größte Teil eines mannigfaltig strukturierten Seins – sowohl im Mikrokosmos, als auch im Makrokosmos.

Leere und Nichtsein - ewigeweisheit.de

Die Abwesenheit allen Lichts: Schwärze als Sinnbild für Leere und Nichtsein.

Ist nur die Leere wahrhaftig?

Was aber ist dann die Essenz von Allem, wenn also scheinbar ein Nichtsein das Sein umgibt und ihm sogar innewohnt? Ist es etwa die Leere selbst? Und wenn so die Objekte in der Leere ihre Gestalt besitzen: Was wäre da wohl, man erführe die Leere, statt der wahrnehmbaren Objekte? Kämen da nicht sofort alle Gedanken zum erliegen, die sich doch immer auf ein Gegenüber, auf einen Gegenstand der Wahrnehmung beziehen?

Man betrachte also einmal nichts, sondern sehe um sich und erfahre dabei die überall und alles umgebende Leere – in diesem Raum, zum Beispiel in einer Stadt, auf einer Wiese oder in einem Wald, auf dieser Erde. Man wechsle einmal die Sicht auf das, was da durch die objektive Wahrnehmung gesehen wird, und dehne dann sein Bewusstsein aus in das, was die gesehenen Objekte umgibt, wechsle zum Beispiel zwischen der Sicht auf die Gegenstände die einen umgeben, und dehne dann einmal sein Fühlen in die Leere aus, die diese Gegenstände umgibt und diesen Raum erfüllt.

 

Sich dieses Unterschieds gewahr zu werden, ist ein ganz tiefgreifendes Erlebnis, da man sich plötzlich bewusst wird, dass etwas immer gegenwärtig ist, gänzlich losgelöst von allen Anhaftungen. Da endet alles Denken, alles Zeitempfinden verliert da seine Wichtigkeit und man erwacht im Hier und Jetzt, ganz und gar.

Wenn wir nachdenken, über die Objekte die uns umgeben, uns mit ihnen identifizieren oder eben nicht identifizieren, sie lieben oder über sie urteilen: dann sind wir im Tun. Durch die Desidentifikation aber, von dem was wir kennen oder über unsere Sinne wahrnehmen, erübrigt sich dieses Tun und was da bleibt ist nur reines Sein, und darin vollkommene Wahrnehmung – bar jeder Wertung oder Empfindung.

Eine Anleitung zur Lösung aller Probleme

So entspricht also der passiven Polarität von Objekt und Leere, eine Aktivität von Tun und Sein. Aus dem Denken entsteht unsere Identifikation mit der objektiven Formwelt, woran an sich auch nichts Schlechtes ist, sondern durchaus etwas, dass sich wertschätzen lässt. Denn es ist unser objektives Bewusstsein, worin all die Dinge in unserem Denken und Fühlen aufsteigen.

Für die meisten von uns, ist Bewusstsein aber allein nur das, doch leider nicht mehr. Was aber existiert, das musste erst entstehen und was entsteht, bleibt nur für begrenzte Zeit. Und wenn das objektive Bewusstsein alles ist, worüber jemand verfügt, so wird er auch niemals wirklich ein Ziel erreichen. Denn sobald er sich dahin auf den Weg macht, ist es ja bereits im Auflösen begriffen. Nichts darum befriedigt so jemanden auf lange Sicht, da er, je älter er wird, allmählich versteht, dass eben alles was ihn umgibt oder worüber er nachdenken kann, sich einem immerwährenden Wandel beugen muss. Was aber bleibt ist die Leere. Sie ist keiner Veränderung unterworfen. Zwar beinhaltet sie die sich wandelnden Objekte unserer Wahrnehmung, doch besteht unberührt bis in alle Ewigkeit. Doch geht es nicht darum die Leere an sich wahrzunehmen, sondern sich seiner selbst bewusst zu werden, durch ein Trennen der Wahrnehmung von den Objekten im Außen.

Wenn hier jedoch die Rede von einer Leere ist, meint das nicht alleine den Raum, der leer sein kann oder eine Leere die die Objekte darin umgibt. Auch in der Zeit umgeben die darin geschehenden Ereignisse Leerräume, Pausen, in denen sich nichts ereignet. Ein Gedanke endet. Doch bevor in unserem Geist ein neuer Gedanke aufsteigt, gibt es da eine Pause, derer man sich bewusst werdend öffnen kann. Die Kunst dabei ist, den Augenblick zu erkennen, wenn dieser neue Gedanke, aber auch jegliches andere Ereignis, eintritt. Das kann zum Beispiel ein Klang sein, der ertönt und dem man lauscht, ohne ihn aber zu bewerten, zu benennen oder sich nach seinem Ursprung zu fragen.

Sich dieses, mit unseren Sinnen erfassbaren Augenblicks, in dem sich etwas ereignet, bewusst zu werden, zum Beispiel ein Aufgang der Sonne am Morgen oder des Vollmonds nach Sonnenuntergang, führt zu einem natürlichen Ausdehnen jener Leere, in deren Sein wir uns erkennen können. Das lässt sich erreichen, indem wir den Zeitpunkt ausdehnen, bevor wir dem eingetretenen Ereignis einen Namen geben, es schön finden oder aber wir uns deshalb sorgen. Damit beginnt man die Welt der Form als angenehm zu empfinden, da nicht mehr die Objekte und Ereignisse relevant sind, sondern die leeren Zwischenräume, worin sie sich unserem Bewusstsein zeigen.

Wer so das Sein wahrzunehmen vermag, dem gelingt allmählich auch, die Sicht auf all seine Probleme zu relativieren. Besonders wenn es Vorfälle sind, die gänzlich fremd erscheinen, versucht jemand dann nicht mehr gleich ältere Erfahrungswerte zur Lösung der damit auftretenden Probleme anzuwenden. Denn da sie wegen der Andersartigkeit des Vorfalls nicht greifen würden, ist das vorrangig nicht-wertende Bewusstwerden dessen was ist, der einzige Weg, erst einmal zu beobachten. So vermeidet man Ärger und sogar Angst. Wenn sich nämlich durch das Lösen vom Ego auch alles bewertende Denken auflösen lässt: ginge damit nicht auch ein erleichtertes Lösen von etwaig aufgetretenen Problemen einher?

Ist Ihre Antwort auf diese Frage »Ja«, so könnten wir sagen, dass unser innerer Dialog ganz eng verbunden ist mit dem, was wir als in unserem Leben vorausgesetzt halten und auch wollen, dass es so bleibt. Da aber nichts in unserem Leben ewig dauert, können wir uns auch aus allen Lebenssorgen winden, indem wir erkennen, wohin sich alles in der materiellen Welt Seiende entwickelt: nämlich hin zur eigenen Auflösung in Nichts, in eine vollkommen leere Inhaltslosigkeit. Das allein ist wahr. Leere begrenzen weder Form, Raum noch Zeit. Vielmehr wird alles aus der Leere, aus dem Nichtsein und der Unordnung geboren.

Und die Erde war wüst und leer […] Und Gott sprach: Es werde Licht!

- Genesis 1:2f

Erst mit dem Denken entsteht die objektive Welt der Formen.

Im Anfang war das Wort […] und Gott war das Wort.

- Johannes 1:1

Die Leere, die die Objekte unserer Umwelt umgibt, die Unterbrechung des Gedankenstroms: Sie zu erleben geben uns die Möglichkeit dem Elfenbeinturm unseres Egos zu entkommen, um dabei zu erwachen und die Dinge, die sich in unserem Leben ereignen, als das zu beobachten was sie wirklich sind.

Alles Sein ist nur von gewisser Dauer. Diese Erkenntnis gewährt uns unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, womit wir beginnen uns jetzt am Leben zu erfreuen, so wie es gegenwärtig ist, losgelöst von allen Erinnerungen an die Vergangenheit und hoffnungsvollen Erwartungen an die Zukunft.

Was entsteht, das vergeht auch wieder, wird Ruhestätte der Auflösung und des Verfalls, damit aus dem schwarzen Mischmasch im Grab gewesener Dinge und Ereignisse, eine Brutstätte neuer Ideen und Erkenntnisse entstehen kann.

 

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Jetzt ist die Gegenwart

Jetzt ist die Gegenwart

Wenn ich "heute" sage, spreche ich von der Zeit zwischen gestern und morgen, zwischen Vergangenem und Kommendem. Alles was stattfindet jedoch, ereignet sich heute, denn gestern ist unwiederbringlich vorbei und was morgen sein könnte, kann niemand versprechen.

Zwar kann ich mich an die Vergangenheit, die Geschichte, meine Herkunft oder an die Ursachen meines Daseins erinnern, anwesend aber kann ich nur heute sein, in der Gegenwart, im Jetzt.

Meine Visionen aber können sich am besten entfalten, wenn ich ohne zu hoffen, ohne Angst mir jetzt die Zukunft vorstelle, so wie ich sie gerne hätte.
Zwar wird die Zukunft immer anders sein als das, doch wer weiß: Vielleicht wird sie meiner Vision doch mehr ähneln, als ich zu träumen wagte!

Bleibt also die Frage: Wovon will ich träumen und was davon als Bild vor meinem inneren Auge auferstehen lassen?

Was zeigt das Schaubild an?

Unterhalb der Anzeige des Datums, sieht man vier Spalten, betitelt mit "Geist", "Seele", "Körper" und "Welt".
Diese vier Größen beschreiben die gegenwärtige Phase eines Kräftegleichgewichts, dass sich aus den Synergie-Effekten ergibt, die durch das zyklisch-kosmische Wechselspiel von Erde und Sonne, auf den Menschen ausstrahlen.

Alle angezeigten Werte sind genau errechnet und keine Zufallswerte. Die Bebilderung dient dem intuitiven Erfassen der esoterisch-zeitlichen Motive.

Geistige Vorgänge spielen sich dabei im Zeitraum von Stunden ab, seelische Prozesse innerhalb von Tagen (oder Wochen), körperliche Umwandlungen beziehungsweise unsere Verhaltensweisen in Bezug auf die materielle Welt, innerhalb von Monaten oder sogar Jahren.

In der Spalte "Welt" wird das Thema des Tages angezeigt, dass sich aus dem Datum errechnet und wofür eine entsprechende Karte der Großen Arkana des Tarot angezeigt wird.

Die anderen Bilder stammen aus der Kleinen Arkana und geben das Thema an, dem ihre Spalten zugeordnet sind.

Im unteren, schwarzen Teil des Schaubilds sieht man die Mondphase und in welchem der 12 astrologischen Tierkreiszeichen sich der Mond gegenwärtig befindet.

Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Ruhe finden, bewahren und aus der Ruhe heraus handeln

Verstehen - durch Stille. Wirken - aus Stille. Gewinnen - in Stille.

- Dag Hammarskjöld

Rembrandt: Philosoph in Meditation

Pausen sind in allen spirituellen Traditionen von Bedeutung: sei es im Islam, im Christentum, im Judentum, sei es in den Traditionen des fernen Orients. Immer wieder treffen wir auf dieses Thema, wenn wir uns mit den Heiligen Schriften der Religionen in West und Ost beschäftigen.

Eine verordnete Auszeit, die auch bei uns erhalten geblieben ist – zumindest in Deutschland – ist Sonntag: Tag der Ruhe, an dem normalerweise alle Geschäfte geschlossen sind und wo ein zeitlicher Freiraum gegeben ist, der dem Menschen ermöglicht sich zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen.

Nur wäre das zu schön um wahr zu sein. Solche Phasen der Auszeit werden heutzutage nämlich von vielen Menschen unbedingt mit allerlei Tätigkeiten angefüllt, was ja eigentlich auch in Ordnung wäre, erfolgte es nicht in der Mentalität einer besonderen Nützlichkeit, wegen der jede freie Stunde im Leben »sinnvoll eingesetzt« werden muss.

Für diese wichtige, wöchentliche Pause im Laufe der Lebenszeit steht der Sonntag in der Religion der Christen, der Schabbat jüdischer Gläubiger (Samstag) und der Dschumma (Freitag) der Muslime. Dieser heilige siebente Tag geht zurück auf die Schöpfungsgeschichte am Anfang des zweiten Kapitels im Buch Genesis, wo »Gott der Herr« an diesem Tag ruhte, um zufrieden sein Werk zu betrachten.

[...] er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.

- Genesis 2:2f

Wäre es nicht angebracht auch auf unser wöchentliches Werk zurückzublicken, vor unserem inneren Auge noch einmal all das, was wir erreichten, vorüberziehen zu lassen, um überhaupt zu erkennen, was wirklich wichtig ist von alle dem, das in kommender Zeit ansteht?

Fasten heißt beobachten

Auch der Verzicht auf das, was alltäglich verwendet oder eingenommen wird, ist zum Beispiel in den Religionen des Westens ein wichtiger Bestandteil. Im christlichen Glauben ist das die Fastenzeit (etwa zwischen Karneval und Ostern) oder der heilige Fastenmonat Ramadan der Muslime. Man entsagt bewusst allem Alltäglichen, zumindest aber schränkt man sich darin ein. Der Fastenmonat Ramadan fordert von seinen Gläubigen in dieser Zeit, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, sowohl auf Essen, Trinken, sowie auf alle intimen Genüsse zu verzichten.

Es scheinen aber immer weniger Menschen sich auf so etwas einzulassen, da sie entweder nicht darüber in Kenntnis versetzt wurden oder dieses, auf die Gestirne abgestimmte spirituelle Regelwerk, schlicht als unwichtig abwinken. Und in dieser Mentalität scheint auch das Gebot der Sonntagsruhe viel zu oft ignoriert zu werden.

Was unser Leben jedoch, in einer zunehmend komplexen Welt, aus dem Lot zu bringen vermag, sollten wir, bewusst lebend, versuchen zu reduzieren. Dies könnte ja ein, nennen wir es einmal, »vorsätzliches Nichtstun« sein. Und solcher Art erzwungener Müßiggang kann sich sowohl einmal die Woche wiederholen, ja vielleicht aber, je nach persönlicher Biografie, sogar über eine längere Phase erstrecken – wie etwa auf einem Pilgerweg.

Nachdem der brasilianische Schriftsteller Paolo Coelho im Jahr 1987 das Buch über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg veröffentlichte, folgten viele andere Menschen diesem Weg nach, so dass in den vergangenen Jahren daraus mehr als eine Viertelmillion jährlicher Pilger wurden.

Wieso aber begibt sich jemand auf so eine lange Reise und dann auch noch zu Fuß?

Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, da ich einige Jahre selbst Pilgerreisen veranstaltete (damals zum Mosesberg auf der ägyptischen Halbinsel Sinai), sind solche Wanderungen auf entlegenen Pfaden oder in der Wüste, heute oft die einzige Möglichkeit, wieder einmal zu sich selbst zu finden und damit wohl auch zu dem, was man im Westen mit dem Wort »Gott« bezeichnet, zumindest als Muslim, Christ oder Mensch jüdischen Glaubens. Auf so einer Pilgerreise schaffen es Menschen, sich eine Zeit lang der alltäglichen und heute so durchdigitalisierten, vernetzten Welt zu entziehen. So können sie sich als Mensch wieder empfinden lernen, um dabei zu sich finden, ihren wahren Wesenskern zu entschleiern.

Besonders geläufig sind uns so Begriffe wie Kontemplation und Selbstfindung allerdings auch, wenn sich einer darauf konzentriert, um durch besondere fernöstliche Meditationspraktiken bestimmte Bewusstseinszustände zu erzeugen, die sie oder ihn zu einem ähnlichen Ergebnis führen.

Bei alle dem aber geht es um die selbe Vorstellung eines Ideals vollkommener Muße, womit sich Räume erschaffen lassen, worin sich ein aus dem alltäglichen Denken gelöster Geist entfalten kann. Der chinesische Philosoph Lao-Tse schrieb dazu:

Aus Ton entstehen Töpfe, aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes

- 11. Spruch aus Lao-Tses Taote-King

Es ist eher die Leere von Bedeutung, mehr noch als das, worin sie gefasst ist. Denn was nützt einem ein Haus, in dem es keinen Platz gibt? Wie sollte sich die Erde und das Leben auf ihr bewegen, hindere sie da etwas auf ihrem Weg?

Alles Entfalten benötigt Raum, allem guten Werk geht eine Auszeit voraus, in der die dazu notwendigen Handlungen erdacht werden können. Doch auch aus Erdachtem kann nur etwas gedeihen, was sich in Ruhe konzentrieren ließ.

Es dürfte darum nicht überraschen, wenn Meditation  auch direkte spirituelle Erfahrung bewirkt. Genau darum ging es auch den christlichen Mystikern im Mittelalter. Man sah nur in der Erfahrung von Leere, dass da etwas ist, was dem Erfahren von Fülle einfach fehlt. Nicht zufällig zogen sich jene berühmten Geistlichen, wie etwa Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen, in die Einsamkeit zurück, in die Stille eines Klosters, um diesem Erfahren in der Leere nachzuspüren. Hieraus empfingen sie das, was sie später dann mit ihren Mitmenschen, zu deren Wohle, teilen sollten. Auch der Buddha zog sich zurück, um unter jenem, sogenannten Baum der Weisheit (Bodhi-Baum) sieben Tage und Nächte zu meditieren, um danach schließlich in vollem Bewusstsein zu erwachen.

Heiliges Nichtstun

Zwischen Muße und Müßiggang jedoch verläuft immer ein schmaler Grat. Denn es geht keineswegs darum, sich aller Verantwortungen im Leben zu entziehen. Eher ist das Ziel, sich jene Zeiten der Muße tatsächlich frei zu halten, sie zuerst auszuloten, später aber sogar daraus besondere Erfahrungen zu schöpfen, die einem höheren Zweck dienen. Siddhartha Gautama – der Buddha – verkörpert diese Vorbildfunktion. Auch der Prophet Mohammed zog sich ebenso zurück, wie Jesus der Christus.

In unserer heutigen, bisherigen Welt der Ökonomen, ist das aber scheinbar unangebracht, wo man stets versucht Zeit in Geld zu verdichten. Ein Workaholic ist da wohl anerkannter als ein sogenannter Faulpelz. Da stellt sich jedoch einem die Frage, wie einer von dem ständig jemand anderes etwas will, selbst Ruhe finden soll, um sich auf seine nächsten Handlungen einzustimmen? Oder weiß man schon gar nicht mehr, wie man mit bewusstem Nichtstun umgehen soll, ja ob so etwas überhaupt angebracht wäre? Und vor allen Dingen: Was will man im Leben eigentlich erreichen, wenn man kaum Zeit dafür findet, jener Selbstentfaltung den nötigen Freiraum zu geben?

Fest steht, dass kein Werk als solches zum Abschluss gebracht werden kann, wenn der Weg dorthin nicht in Abschnitte, die dafür aufgewendete Zeit, nicht durch Pausen dazwischen, die damit verbundene Arbeit aufteilte. Es braucht einen zeitlichen Zwischenraum, um zu erkennen was war und was als Nächstes an der Reihe ist. Ein »Dazwischen« ist nicht nur nütlich, sondern durchaus ökonomisch.

Was also, man verbrächte damit das, was einem vielleicht als Zwangspause auferlegt wurde, tatsächlich als Chance zu erkennen? Im Leben vieler Menschen haben sich Ungleichgewichte eingeschlichen, die sie wissen angehen zu müssen. Nie aber fanden sie die Zeit dazu oder versuchten diese mächtigen Faktoren einfach dadurch zu ignorieren, indem sie sich von vermeintlich Wichtigerem vereinnahmen ließen und sei es das abendliche Schauen in den Fernseher.

Natürliche Kreisläufe – Rückzug in die Natur

Bevor die Räderwerke und Maschinen in unserer Kultur wichtig wurden, waren es immer die natürlichen Lichtzyklen im Kosmos, die unser Zeitempfinden prägten. Man handelte entsprechend der täglichen, monatlichen und jährlichen Sonnenbewegungen, in Zusammenhang mit jenen Zyklen des Mondes. Hieraus entstand erst später das, was man als die zwölf Monate kennt. Sie sollten dereinst wohl auch die Zeiträume dessen bestimmen, was sich übertragen sollte, in ein jeweils morgendliches und ein abendliches Zwölfstundenmaß des Tages.

Als Ende des 18. Jahrhunderts aber die Industrielle Revolution den Menschen aus seiner eigentlich naturbezogenen Kultur immer mehr entfremdete, wurde dieses kosmische Bewusstsein für solare und lunare Kreisläufe, vom Fortschrittsdenken, immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Und dieses Denken ist bis heute zum bestimmenden Maß unserer Weltkultur geworden. Sonnen- und Mondphasen als Zeitmaße wurden durch Uhren abgelöst, die zuerst nur im Außen auf Kirchtürmen zu sehen war, doch, im Laufe der Zeit, immer mehr in unser inneres Bewusstsein vordrangen und zu dem wurden, was wir die »Innere Uhr« nennen.

Was nun aber, wenn dieses, durch Uhren vorgegebene Maß, zunehmenden Druck auf uns ausübt, da jemand vorgegeben hat, wieviel tägliche, in Stunden messbare Arbeit üblich ist, ja sogar die gearbeitete Stunde den Wert des Menschseins zu bestimmen scheint?

Nicht nur arbeiten immer mehr Menschen an Bildschirmen, sondern verbringen, zumindest unter der Woche, auch am Abend noch Zeit vor der Fernseh-Mattscheibe – einmal abgesehen von all den Blicken auf das Smartphone in den Minuten dazwischen. In diesem Verhalten aber entfremden wir Menschen uns zunehmend aus unserem natürlichen Dasein, dass eben doch auf die kosmischen Vorgänge abgestimmt ist. Es ist eine Tatsache, dass unser Melatonin-Haushalt, der den Schlafrhythmus regelt, eigentlich der Blaulichtanteil des Sonnenlichts bestimmen sollte. Durch unsere willkürliche Lichtaufnahme blaulichtgeschwängerter LED-Beleuchtungen von Bildschirmen und auch Raumbeleuchtungen, bringt diesen natürlichen Rhythmus durcheinander. Wir leiden unter Schlafentzug, der neben unregelmäßigen Ruhephasen, einfach nur zu unserem Schaden mehr Stress erzeugt.

Darum wäre es durchaus angebracht, einen Tag in der Woche, zumindest für einige Stunden, uns einer endlosen Verwendung von Bildschirmen zu entziehen und eine Online-Pause einzulegen.

ewigeweisheit.de

Fazit: Frei-Zeit

Pause und Auszeit als Neuorientierung, ist heute durchaus angebracht. Der Wunsch sich ständig mit etwas zu beschäftigen, rührt wohl daher, dass die meisten Menschen ihre Gedanken nicht ertragen oder jeder Meditations- oder Achtsamkeitsübung den Schlaf vorziehen. Man bedudelt sich also entweder, oder versucht durch andere Mittel seine Geistestätigkeit zu unterdrücken: das können Sportlichkeitswahn ebenso sein, wie ein übermäßig, körperliches Liebesleben oder ein unverhältnismäßiger Konsum von Rauschmitteln.

Selbst die Ferien werden mit sogenannten Freizeitaktivitäten vollgestopft, statt das man jener, oben beschriebener Leere und Ruhephase, bewusst ihren benötigen Raum zugesteht. Nur da nämlich lassen sich neue Ideen entwickeln, die dem eigenen Wohlbefinden gut tun. Wer auch in seiner Freizeit unbedingt aktiv sein muss, bleibt Sklave einer Erwartungshaltung, die der selben Mentalität entstammt, wie das frühe Aufstehen am Montag um bis spät Abends zu arbeiten.

Wir sollten wieder lernen der Zeit beim Vergehen zuzusehen, statt die Zeit zu vergessen, indem wir sie regelrecht verfüttern, an immer neue Geschäftigkeiten. Unsere Zeit aber ist für so etwas viel zu wertvoll. Doch das ist in unserer »Beschäftigungskultur« leider in Vergessenheit geraten und fällt den meisten erst dann auf, wenn sie bereits ins Rentenalter eingetreten sind. Doch was um alles in der Welt fängt man dann noch an, mit der übrig gebliebenen Lebenszeit, wenn man jahrzehntelang auf Geschäftigkeit trainiert wurde? Kann man da nicht einfach mal aussteigen?

Es sind die Pausen die wirklich wertvoll sind und als entsprechend kostbar geschätzt werden sollten. Nur muss jemand, der zuvor versuchte seine Zeit ständig mit Betätigungen auszufüllen, erst einmal lernen, sich diese Freiräume zu schaffen und sie als solche auch wahrzunehmen. So jemand muss lernen Achtsamkeit zu entwickeln und dabei den wahrscheinlich anfänglich einbrechenden Gedankenstrom, mit immer mehr Leerräumen zu versetzen, so dass allmählich nur noch wertvolle Geistesbilder aus einem Meer innerer Ruhe beginnen aufzusteigen. Sie sind die Rufe denen wir folgen können, um unser Leben zuerst auf unsere Bestimmung hin auszurichten und damit allmählich auch unserer Umwelt das zu geben, was sie wirklich braucht.

Ist es denn nicht das, worauf es im Leben ankommt?

 

Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

Hier Kontakt aufnehmen >>

 

Interesse mehr zu erfahren?


Schreiben Sie bitte eine Email an: freundeskreis@ewigeweisheit.de

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra - ewigeweisheit.de

Die nachfolgend geschilderte Zusammenfassung dieser uralten tibetischen Meditationstechnik, soll dem Übenden helfen sich emotional zu reinigen.

Ihre Ursprünge hat diese Methode wahrscheinlich im tibetischen Bön oder hat noch ältere schamanistische Wurzeln. Seit alter Zeit aber meditieren die Yogis und Lamas mittels dieser einfachen aber wirksamen Technik, um sich dabei von den folgenden, sogenannten Geistesgiften (negative Emotionen und Gedanken) zu entledigen:

  1. Wut und Abneigung,
  2. Gier und Anhaften,
  3. Zweifel und Unwissenheit.

Diese drei "Gifte", wie sie im Bön und im Buddhismus genannt werden, bilden einen Antagonismus zu den drei Tugenden:

  1. Leerheit und Klarheit,
  2. Weisheit,
  3. Einheit.

Hierüber kann der Übende meditieren, wobei er sich vorstellt, wie er durch die nachfolgend beschriebene Atemtechnik, sich nach und nach der drei Geistesgifte entledigt, um den eigentlichen Urzustand seines Seins in Form der drei Tugenden wiederherzustellen.

Durch Sehen, Visualisieren und Fühlen lernt der Meditierende drei Größen seiner spirituellen Konstitution kennen, die die Tibeter symbolisch folgendermaßen darstellen. Da nämlich gibt es drei Bewusstseins-Kanäle:.

  1. Der rechte Kanal ist weiß. In seinem vollkommenen Zustand steht er für die Leerheit und Klarheit.
  2. Der linke Kanal ist schwarz. Er steht in seinem vollkommenen Zustand für die Weisheit.
  3. Der mittlere Kanal aber ist blau. Sein vollkommener Zustand ist die Einheit.

Mit diesen drei Kanälen können Sie sich von den drei Geistesvergiftungen reinigen, durch bewusstes Atmen:

  • Die Kanäle gleichen jeweils einem Weg, der vom einen Nasenloch in der Körpermitte unterhalb des Bauchnabels vorbei, hinauf in der Körpermitte zum anderen Nasenloch führt.
  • Der Atem gleicht einem Pferd oder Gefährt, worauf sich
  • das Bewusstsein, wie ein Reiter oder Fahrer, bewegt.

Schauen Sie sich im Folgenden diese Atem-Meditation noch etwas genauer an.

Mit dem Atem bewegt sich das Bewusstsein durch die drei Kanäle, also jeweils rechts, links und in der Mitte, wobei die ihnen zugeordnete Thematik bearbeitet wird:

  1. Über die dreimalige Ausatmung über den rechten Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Wut und Abneigung.
  2. Über den linken Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Gier und Anhaftung.
  3. Über den mittleren Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Zweifel und Unwissenheit.
Handhaltung in der Meditation - ewigeweisheit.de

Handhaltung in der Meditation

Sitzhaltung und Atemtechnik

Zuerst setzen Sie sich im Schneidersitz so hin, das Ihr linkes vor Ihrem rechten Bein angewinkelt liegt.

Dann sehen Sie Ihre Handflächen an und berühren mit den Daumen jeweils die Ringfinger (unterstes Glied) der jeweiligen Hand (rechter Daumen an rechtem Ringfinger und linker Daumen am linken Ringfinger, siehe Abb.).

In dieser Handhaltung legen Sie dann einander gegenüber die Finger der linken Hand auf die Finger der rechten Hand, so dass Ihre Hände mit den Armen und den beiden Schultern einen Halbkreis bilden. Die beiden Hände liegen dabei in Ihrem Schoß.

Sie sitzen aufrecht und atmen ruhig.

Nun konzentrieren Sie sich auf eine Stille in Ihrem Körper und fühlen wie sich diese Stille ausbreitet in Ihren Füßen, in Ihren Beinen, in Ihrem Bauch, in Ihrer Brust, in Ihrem Kopf, in Armen und Schultern.

Denken Sie nun an Ihren Bauchnabel. Mit dem Einatmen fließt Ihr Atem dorthin hinunter und um den Bauchnabel herum, steigt wieder auf und entweicht schließlich über die Nasenlöcher.

Rechter Kanal: Wut und Abneigung

Nun nehmen Sie Ihre rechte Hand und halten mit dem rechten Ringfinger Ihr linkes Nasenloch zu, während Sie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre linke Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem rechten Ringfinger nun das linke Nasenloch schließen und über das rechte Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer rechten Seite nach oben und tritt durch Ihr rechtes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der rechten Seite (Wut und Abneigung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie dreimal.

Linker Kanal: Gier und Anhaftung

Nun nehmen Sie Ihre linke Hand und halten mit dem linken Ringfinger Ihr rechtes Nasenloch zu, während wie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre rechte Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem linken Ringfinger nun das rechte Nasenloch schließen und über das linke Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer linken Seite nach oben und tritt durch Ihr linkes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der linken Seite (Gier und Anhaftung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie wieder dreimal.

Mittlerer Kanal: Zweifel und Unwissenheit

Nun liegen wieder beide Hände in Ihrem Schoß, die linke auf der rechten Hand, während die Daumen jeweils die Ringfinger berühren.

Durch beide Nasenlöcher atmen Sie dann tief ein.

Dabei strömt in Ihrer Mitte die Luft nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft nun wieder nach oben und tritt durch Ihre beiden Nasenlöcher aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der Mitte (Zweifel und Unwissenheit) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Auch dies wiederholen Sie wieder dreimal.

 

Danach ist die Meditation beendet.

 

Lesen entspannt

Lesen entspannt

Schon oft hat das Lesen eines Buches jemandes Zukunft beeinflusst.

- Ralph Waldo Emerson

Gedrucktes - ewigeweisheit.de

Texte lesen, die einem Dinge verraten: Was man noch nicht kannte doch endlich beim Lesen erfährt, kann einem echte Glücksmomente verschafffen. Heute aber werden wir oft vom aufmerksamen Lesen abgelenkt, was unsere Lese-Freuden natürlich ausbremst. Wenn Sie diesen Artikel lesen, ist das vielleicht kein gutes Zeichen, denn vielleicht schauen Sie gerade auf Ihr Smartphone.

Sie haben also wieder nach dem Gerät gegriffen, statt Ihr Buch weiterzulesen.

Es macht einen Unterschied, ob man etwas Gedrucktes auf Papier oder von einem Monitor (Smartphone, Laptop, Computer-Bildschirm) liest. Ist der Text klar, durchgängig und deutlich? Oder blinkt da ständig hier und da etwas herum oder wird man aufgefordert zu tippen oder zu klicken?

Man weiß heute, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Text ausgedruckt ohne Links oder online mit Links liest. Das hat man getestet. Man gab zwei Gruppen den selben Text. Die eine Gruppe bekam den Text ausgedruckt - wo keine Querverweise auf andere Inhalte zu finden waren. Die andere Gruppe laß ihn wie üblich auf einer Webseite mit Werbung und Links. Interessant war das Ergebnis: Diejenigen Leser die den Text auf Papier lasen konnten hinterher Fragen zum Inhalt des Gelesenen viel besser beantworten, als die Leser die ihn online zu lesen bekamen.

Schon die winzigste Entscheidung ob man auf eine Anzeige klickt oder nicht, lenkt unser Gehirn bereits ab.

Nach und nach überfordert uns das und wir werden unzufrieden, fahrig, bisweilen sogar aggeressiv.

Was Lesern ein gutes Gefühl und ihnen tatsächlichen Zugang zu interessanten Themen gibt, ist das Lesen eines Buches.

In einem Buch können wir uns vertiefen und uns dabei in das darin Enthaltene versenken. Dann vergessen wir die Zeit und gehen auf im Hier und Jetzt.

Der amerikanische Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi nennt das den Flow. Es ist ein Gefühl des Fließens von Informationen, von Wissen oder einer vielleicht richtig guten Geschichte.
Flow macht glücklich.

Rudolf Steiners Vision

Rudolf Steiners Vision

Im Jahr 1899 veröffentlichte Rudolf Steiner in einem Magazin für Literatur einen Artikel mit dem Titel »Goethes geheime Offenbarung«. Hierin ging er ein auf die esoterische Bedeutung von Goethes »Mährchen von der Grünen Schlange und der Schönen Lilie«. Wegen seiner Auslegung dieses recht außergewöhnlichen Kunstmärchens erhielt er eine Einladung des Theosophen und späteren Anthroposophen Cay Lorenz Graf von Brockdorff.

Rudolf Steiner mit Annie Besant - ewigeweisheit.de

Rudolf Steiner mit Annie Besant im Jahr 1907, während der Münchener Konferenz der Theosophischen Gesellschaft Adyar.

Im Hause seines Gastgebers sollte er vor einer Versammlung von Theosophen einen Vortrag zum Thema Friedrich Nietzsche halten.

In Folge dieser Veranstaltung durfte er sich über weitere Einladungen freuen, in denen er, wenn man so will, seine ersten »Esoterischen Vorlesungen« hielt, die sich, wiederum auf einer okkulten Ebene, mit dem gerade erwähntem Märchen Goethes befassten. Trotz das Rudolf Steiner bis dahin der Theosophischen Gesellschaft eher ablehnend gegenübergestanden hatte, hielt er seit dieser Zeit wiederholt vor ihren Mitglieder Vorträge. Dieser Kreis von Zuhörern sollte sogar sein wichtigstes Publikum werden. Mit dieser Vortragstätigkeit konnte er sogar einen Lebensunterhalt bestreiten.

Schließlich wählte man Rudolf Steiner 1902 zum Vorsitzenden der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft Adyar. In den kommenden Jahren wuchs die Deutsche Sektion ganz rapide an, was die Gesellschaft der Vortragstätigkeit Steiners zu verdanken hatte. Gemeinsam mit seiner Frau Marie von Sievers-Steiner gründete er in Berlin dann das Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft, einem Ort der zum wichtigsten Zentrum der Theosophie im damaligen Deutschen Reich werden sollte.

Ab 1904 ernannte die englische Theosophin Annie Besant (1847-1933) Rudolf Steiner zum Vorsitzenden der Esoterischen Schule der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland und Österreich. Steiner jedoch bestand darauf in seiner Arbeit und dem Wirken der Schule, sich insbesondere auf eine westliche Spiritualität zu konzentrieren.

1907 verstarb der ehemalige Gründer und damalige Präsident der Theosophischen Gesellschaft Adyar, Henry Steel Olcott. Ihm sollte dann Annie Besant in ihrer Rolle als neue internationale Präsidentin der Gesellschaft folgen. Nachdem sie aber noch im selben Jahr am internationalen Kongress der Theosophischen Gesellschaft in München teilnahm, die Rudolf Steiner mit seiner Frau veranstaltet hatten, kam es allmählich zu Differenzen zwischen Steiner und Besant. Dafür gab es einige Gründe. Einer dafür war die von Steiners Frau Marie für die Konferenz choreografierte Inszenierung und Aufführung eines modernen Mysteriendramas nach Eduard Schuré. Diese Neuorientierung störte viele der Teilnehmer.

Ein großer Teil der alten Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft aus England, Frankreich, namentlich aus Holland waren innerlich unzufrieden mit den Erneuerungen, die ihnen mit dem Münchner Kongress gebracht worden sind. — Was gut gewesen wäre, zu verstehen, was aber damals von den wenigsten ins Auge gefasst wurde, war, dass mit der anthroposophischen Strömung etwas von einer ganz andern inneren Haltung gegeben war, als sie die bisherige Theosophische Gesellschaft hatte. In dieser inneren Haltung lag der wahre Grund, warum die anthroposophische Gesellschaft nicht als ein Teil der theosophischen weiterbestehen konnte. Die meisten legten aber den Hauptwert auf die Absurditäten, die im Laufe der Zeit in der Theosophischen Gesellschaft sich herausgebildet haben und die zu endlosen Zänkereien geführt haben.

- Rudolf Steiner in seiner Autobiografie »Mein Lebensgang«, über den Kongress der Theosophischen Gesellschaft 1907 in München

Unabhängig von diesen Meinungsverschiedenheiten aber weitete sich Rudolf Steiners Popularität in Kreisen der Theosophen immer weiter aus, was bald weit über die Grenzen Deutschlands reichte. Annie Besant schien das weniger zu gefallen. Bangte sie womöglich um ihre Position als Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft?

Die damals entstandenen Zänkereien in der Theosophischen Gesellschaft ließen auf jeden Fall nicht nach. Insbesondere als der junge, jedoch außergewöhnliche Inder Jiddu Krishnamurti unverschuldet in die Kampfzone zwischen Steiner und Besant geriet, schien das Fass endgültig überzulaufen. Gemeinsam mit ihrem Vertrauten, dem Okkultisten und Theosophen Charles Webster Leadbeater (1854-1934) – einer recht umstrittenen Figur in der Geschichte der Gesellschaft –, schrieben sie Krishnamurti eine messianische Erscheinung zu und wollten in ihm gar die Inkarnation des Maitreya oder den Nachfolger Jesu Christi erkannt haben. Rudolf Steiner und ein Großteil der deutschsprachigen Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft empörten sich über diese Entwicklung in Adyar. Er und andere kehrten von da ab der Theosophischen Gesellschaft Adyar den Rücken. Es soll dabei aber nicht unbemerkt bleiben, dass Besants Ernennung Krishnamurtis als neuen Weltlehrer, auch die Gemüter vieler anderer Theosophen erhitzte. Später sollte Krishnamurti den um ihn gegründeten Sternorden (eigentlich »Order of the Star in the East«) selbst auflösen, was die Theosophische Gesellschaft Adyar in eine weitere Krise stürzte.

Im weiteren Verlauf kam es schließlich zur Loslösung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft. 800 Steiner-Anhänger trafen sich im August 1911, um über eine eigene Gesellschaft zu beraten, worauf man ab Dezember des selben Jahren eine Trennung von Adyar in Erwägung zog. Nach weiteren, teils absurden Streitereien um den kommenden Weltlehrer, schloss Annie Besant die Anhänger Rudolf Steiners im März 1913 aus der Theosophischen Gesellschaft Adyar aus. Damit war die faktische Trennung vollzogen, worauf sich die Deutsche Theosophische Gesellschaft umbenannte in Anthroposophische Gesellschaft.

Die Christus-Thematik in Steiners Werk

Auch wenn man das Wort Anthroposophie heute noch mit Rudolf Steiner assoziiert, begann diese Richtung der Geisteswissenschaften keineswegs erst mit ihm. Bereits in der frühen Neuzeit stand das Wort Anthroposophie für die Erkenntnisfähigkeit der menschlichen Natur. Man fasste den Begriff als eine Fähigkeit des Menschen auf, der in sich, in einem mystischen Vorgang, zu Gott und Welt durch geistige Einsicht fand.

Steiner verwendete den Begriff 1902 in einer Vortragsserie mit dem Titel: »Von Zarathustra bis Nietzsche – Entwicklungsgeschichte der Menschheit anhand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie«. Die Bezeichnung Anthroposophie als eine erweiterte Sinneslehre, benutzte Steiner erst 1909.

Besonders an Steiners Anthroposophie, ist seine Konzentration auf die christliche Mystik und das Rosenkreuzertum. Nicht ohne Grund kam es durch Rudolf Steiner während der Abspaltung von Adyar, zur Gründung eines Bundes zur Pflege rosenkreuzerischer Geisteswissenschaft, wo eine Christus-Symbolik im Zentrum stand.

Jiddu Krishnamurti - ewigeweisheit.de

Der junge Jiddu Krishnamurti (1895-1986): Der später durch die Theosophin Annie Besant ausgerufene »Neue Weltlehrer und Nachfolger Christi«.

Ein esoterisches Christentum

Wie bereits erwähnt war der junge Steiner durchaus als Freigeist hervorgetreten, der sich in seinen Arbeiten auch nicht scheute auf solch skandalumwobene Philosophen wie Friedrich Nietzsche einzugehen. Wohl von Nietzsches Buch »Der Antichrist« inspiriert, erschien ihm das zeitgenössische Christentum einfach nur als pathologisch veränderte Religion. Damit meinte er insbesondere die kirchlichen Dogmen der katholischen Scholastiker, die das Christentum auf wissenschaftliche Weise analysierten und in ebenso grotesker Weise zu erklären versuchten.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert aber vollzog Steiner einen radikalen Wandel. Seine ursprüngliche Ablehnung schien sich vollkommen zu verkehren. Von da an fand er in den Lehren des Christus Jesus eine universale Mystik, die sogar zum zentralen Thema seiner zukünftigen Arbeit werden sollte. Für ihn war das Auftreten dieses Messias mit einem grundsätzlichen Wandel für die gesamte Menschheit verbunden. Mit dem Erscheinen Christi auf Erden begann für Steiner eine universale Evolution des Geistes. Für ihn war Christus außerdem bereits in einem geistigen Kraftfeld anwesend, bevor er sich auf Erden verkörperte als Jesus von Nazareth.

In einem Vortrag Steiners über Christus, aus dem Jahr 1909, kam er zu sprechen auf die Hohepriester in Atlantischer Zeit. Sie kündeten angeblich von einem solaren Geist, der sich einst als der Christus auf Erden verkörpern sollte. Steiner setzte ihn in die Linie der großen in der Welt erschienenen Sonneneingeweihten, worauf zuvor auch der persische Zarathustra oder der alt-ägyptischen Hermes (Trismegistos) erschienen.

Aber auch schon in unserer jetzigen Menschheitszivilisation (Nachatlantische Menschheit) sprach man schon lange vor seinem Erscheinen, vom kommenden Christus, was jedoch nur jene wissen konnten, die die Fähigkeit der »geistigen Sicht« bereits entwickelt hatten. So zumindest versuchte es Rudolf Steiner zu erklären. Jene aber wussten schon immer dass Christus dereinst der große Weltlehrer sein werde.

Drüben geschah es nun weltgeschichtlich, dass jenes hohe Sonnenwesen, das man nachher als den Christus bezeichnete, die Sonne verließ. Das war eine Art Sterben für den Christus. Christus ging fort von der Sonne, wie wir Menschen im Sterben fortgehen von der Erde. Also Christus ging fort von der Sonne, wie ein Mensch, der stirbt, fortgeht von der Erde. Und wie bei einem Menschen, der stirbt, indem er von der Erde fortgeht, für den okkulten Beschauer der ätherische Leib schaubar ist, den er nach drei Tagen ablegt und er den physischen Leib zurücklässt, so ließ Christus in der Sonne zurück dasjenige, was Sie in meiner »Theosophie« beschrieben finden am Menschen als den Geistesmenschen, als das siebente Glied der menschlichen Wesenheit.

- Aus Rudolf Steiners Vortragsreihe »Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge«

Das traf auf alle Kulturepochen zu: von der urindischen Kultur bis in die Wende zur griechisch-lateinischen Zeit. Immer schon ahnten die Weisen dass der Christus aus der Sonnensphäre herabsteigen würde, um sich auf Erden zu verkörpern.

Eigen in Rudolf Steiners Christus-Lehre aber ist, dass er über ihn als Geistesmenschen schrieb, der von der Sonne auf die Erde kam. In der solaren Sphäre starb er, um auf der terrestrischen Sphäre unseres Planeten geboren zu werden. Dabei gingen sein »Ich« und sein »Geistselbst«, wie es Steiner nannte, in den irdischen Leib des Jesus von Nazareth ein, der dann auf Golgatha, der Menschheit geopfert, jenem solaren Urgeist verhelfen sollte sich über dem Erdball auszubreiten und dabei die Religion des Christentums quasi zu bewirken.

So also stand im Mittelpunkt des Erfahrens von Rudolf Steiner eine christliche Realität, die in seinem Leben, Wirken und Lehren eine zentrale Rolle einnehmen sollte. Insbesondere seine Arbeiten über die Mysterien der Rosenkreuzer, die teils eng mit dieser Christus-Realität verbunden sind, geben einen tieferen Aufschluss darüber, was einen wichtigen Beitrag zur europäischen Geisteskultur der Gegenwart liefern sollte.

Im Spannungsfeld zwischen Bewunderung und Kritik

Ab dem Jahr 1911 wandte sich Steiner immer stärker den Künsten zu. Er pflegte Kontakte zu dem russischen Maler Wassily Kandinsky (1866-1944) oder auch zu dem deutschen Dichter Christian Morgenstern (1871-1914), der damals über ihn schrieb:

Die eigentliche, im höchsten Menschensinne schöpferische Tätigkeit Rudolf Steiners wird erst der Historiker enthüllen, der die Geschichte dieses erhabenen Lebens zu schreiben berufen sein wird. Dann wird mit Erstaunen wahrgenommen werden, was da in der Stille für den Menschen als solchen überhaupt geschieht und geschehen ist, und welchen unersetzlichen Rückhalt und Stützpunkt ihm die Lebensarbeit dieses Geistes gegeben hat. während das Jahrhundert noch immer weiter in die furchtbare Wüste des Materialismus hineineilt.

Besonders für den deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) sollte Rudolf Steiner später einmal zum wichtigsten Impulsgeber werden. In seiner Arbeit zu den schönen Künsten, zur Dichtkunst und den Theaterwissenschaften, wies Steiner nämlich hin auf das was er als »Spirituelle Visionen« bezeichnete, etwas woraus der Künstler für sich immer wieder neue Inspirationen beziehen könne.

Nach dem Ersten Weltkrieg widmete sich Steiner ganz und gar mit der praktischen Anwendung seiner spirituellen Arbeit der vergangenen Jahre. Er versuchte zu veranschaulichen, wie sich, aus seinen Erkenntnissen über das Wesen des Menschen, direkte Handlungsbezüge ableiten ließen. Daraus sollten sich sehr fruchtbare Beobachtungen ergeben, aus denen er verschiedene Konzepte entwarf, die dann zu dem wurden was sich aus einer praktischen Anthroposophie direkt für ein ganzheitliches Handeln ableiten lässt – sowohl für die Erziehungswissenschaften, für die landwirtschaftliche Praxis, doch sich ebenso im Feld der Medizin und der Therapie einsetzen lässt.

Auch seine Arbeiten zu einer organischen Architektur sollten für zukünftige Bauwerke eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Erste Ideen für einen solchen Bau im Umfeld der späteren Anthroposophischen Gesellschaft wurden bereits im Jahr 1907 entworfen. Zwischen 1908 und 1909 arbeitete der spätere Waldorflehrer Ernst August Karl Stockmeyer einen Vorentwurf aus, nach dem das Tagungsgebäude der Anthroposophischen Gesellschaft erbaut werden sollte: das Goetheanum – für Steiner sicherlich so etwas wie der »Bau des Neuen Tempels«. 1913 schließlich begannen im schweizerischen Dornach die Bauarbeiten. Doch noch bevor der Bau vollends abgeschlossen war, wurde das Goethenaum 1922 durch Brandstiftung zerstört. Wer dafür verantwortlich war konnte niemals geklärt werden. Dieses Unglück in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft kommentierte Rudolf Steiner 1923 in einem Vortrag wie folgt:

Gerade gelegentlich des schrecklichen Brandunglücks kam es wiederum zutage, welche abenteuerlichen Vorstellungen sich in der Welt knüpfen an alles das, was mit diesem Goetheanum in Dornach gemeint war, und was in ihm getrieben werden sollte. Es wird gesprochen von dem schrecklichsten Aberglauben, der dort verbreitet werden soll.

Schon zu seinen Lebzeiten hatte Steiner mit schwerwiegenden Anfeindungen zu tun. Diese Haltung mancher scheint auch bis heute, nicht nur aus Sicht eher wissenschaftlich orientierter Menschen, weiterhin zu bestehen. Was Steiner aber in den letzten Jahren seines Lebens an Feindseligkeit ertragen musste, war ganz und gar wider seine Absichten. Adolf Hitler etwa bezichtigte ihn ein Werkzeug der Juden zu sein. Daher vermuten heute manche dass der Brand des Goethenaums erste Nazigruppierungen gelegt hätten.

Dessen ungeachtet ließ sich Steiner durch seine Gegner nicht einschüchtern und versuchte sich auch nicht auf irgendwelche Schuldzuweisungen einzulassen, sondern betrachtete all das Vorgehen gegen ihn und seine Unterstützer als ein Resultat ihres gemeinsamen Karmas. Aus heutiger Sicht wirkt so eine Darstellung wohl recht sonderbar, versucht man sich jedoch die Vehemenz deutlich zu machen, mit der gegen Steiner und seine Anthroposophie vorgegangen wurde, verhielt er sich in dieser drastischen Situation wahrhaft erhaben, vielleicht auch eben genau deshalb, da er dazu fähig war die Situation auf spiritueller Ebene zu relativieren.

Gewiss könnte man Steiner nachsagen dass er ab einem gewissen Punkt in seinem Leben etwas zu verbissen gewesen war, in seinem Streben eine universale Lehre zu entwerfen. Schien ihm in der Tat doch daran gelegen zu sein, esoterische Erkenntnisse als Gesetze für alle Bereiche des Lebens formulieren zu wollen. Auch sein Wunsch und seine anscheinenden Fähigkeiten karmische Vorgänge in seinem und dem Leben anderer, sehen zu können, dürfte bei manchen nur ein Lächeln bemühen. Hermann Hesse schrieb einmal über Rudolf Steiner:

Anthroposophische, Steinersche Quellen habe ich nie benützt, sie sind für mich ungenießbar, die Welt und Literatur ist reich an echten, sauberen, guten und authentischen Quellen, es bedarf für den, der Mut und Geduld hat, selber zu suchen, der ‚okkulten‘ und dabei meist elend getrübten Quellen nicht. Ich kenne sehr liebe Leute, die Steinerverehrer sind, aber für mich hat dieser krampfhafte Magier und überanstrengte Willensmensch nie einen Moment etwas vom Begnadeten gehabt, im Gegenteil.

Das zweite Goetheanum in Dornach.jpg - ewigeweisheit.de

Das zweite Goethenaum im schweizerischen Dornach (Foto: Wladyslaw; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Antworten auf die Menschheitsfragen der Gegenwart

Seit der Ereignisse im schweizerischen Dornach erhöhte Rudolf Steiner die Frequenz seines öffentlichen Auftretens. Er gab mehrmals täglich Ansprachen und hielt oft bis zu vier Vorträge am Tag. Meist widmete er seine Reden thematisch der Waldorfpädagogik. Doch auch andere praktische Anwendungen anthroposophischer Weisheiten waren Thema.

Schob ab dem Jahr 1919 warb Rudolf Steiner für die Dreigliederung eines »sozialen Organismus«, einem Leitbild für eine gesellschaftliche Ordnung und Weiterentwicklung. Ziel war ihm dabei eine Grundstruktur zu liefern, wo die Koordination der Vorgänge einer Gesellschaft nicht zentral von einer staatlichen Führung erfolgen sollte, sondern wo sich Geistesleben, Jura und Politik, wie auch die Wirtschaft, autonom selbst verwalten sollten. Hiermit versuchte er eine wirksame Alternative zu schaffen zu dem (auch heute noch bestehenden) vollkommen archaischen, zentral verwalteten System des Einheitsstaates. Er sah die Zukunft in einem von Menschen geschaffenen Organismus, wo Verantwortliche aus den drei eigenständigen Bereichen Wirtschaft, Recht und Politik, und Geistesleben, ohne übergeordnete Instanz zusammenarbeiten konnten. Er versuchte damit eine Parallele zu ziehen zum dreifältigen System Mensch.

Die Vermächtnisse eines Idealisten

Nach Rudolf Steiners Tod im Jahr 1925 breiteten sich seine Lehren und die Nachwirkungen seiner Vorträge und Vorstellungen weiter aus. Sicher wäre es nicht dazu gekommen, hätte Steiner seinen Kritikern von einst nachgegeben. In dieser Entschiedenheit lag wohl Steiners große Vorbildfunktion, die seine Verehrer anscheinend so sehr motivieren sollte, dass direkt nach seinem Tod der Neubau eines zweiten Goethenaums begann. Um die hundert Menschen wirkten an der Errichtung des neuen Bauwerkes mit. Doch es wurden noch mehr, die sich beim Bau einbringen wollten.

Durch diesen Enthusiasmus gefördert entstanden ab 1939 insgesamt sieben anthroposophische Schulen in Deutschland und weitere in der Schweiz, in England, in Ungarn, in Norwegen und in den Vereinigten Staaten. Zwar verboten die Nazis im Dritten Reich alle Anthroposophischen Schulen, doch bald nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie wieder eröffnet. Seit damals gewann auch die Waldorfpädagogik Steiners weiter an Bedeutung. Bis ins Jahr 2000 entstanden überall auf der Welt mehr als 700 Waldorfschulen.

Gedanken werden Dinge

Rudolf Steiner war ein Verfechter der Vorstellung, dass jeder menschliche Gedanke eine spirituelle Kraft sei. Der Grund dass das hier noch einmal hervorgehoben werden soll ist einfach: denn was einer heute denkt wird seine Realität von morgen. In jedem Gedanken liegt eine Triebkraft, durch die sogar auch die Weiterentwicklung der Gemeinschaft vorangetrieben werden kann. Steiner sah in dieser recht einfachen Feststellung eine Chance zur Fortsetzung seines Werks durch andere. Er wollte Menschen bei ihrer Befreiung helfen und sie damit letztendlich auch heilen. Dabei lag ihm viel daran zu betonen, wie wichtig Meditation und richtiges, kreatives Denken ist. Kreativität braucht Raum, damit sich darin Grundideen und Vorstellungen ausbreiten und auch künstlerisch entfalten können.

Zu Steiners Lebzeiten aber war es noch nicht wirklich möglich seine Herangehensweisen und Bestrebungen einem entsprechenden Publikum dauerhaft zu vermitteln. Es bestand eben noch nicht das dazu nötige Bewusstsein, dass sich anscheinend erst nach seinem Tod zu dem entfalten konnte, was es heute ist. Als er im Rahmen seiner neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft jedoch erste Schüler gewinnen konnte, sollten unter jenen dann doch auch manche den Weg zu einer praktischen Anwendung theosophischer Weisheit finden. Das gelang Steiner zuerst durch die Einführung der schönen Künste in die Praxis seiner modernen Anthroposophie. An sich aber blieb das eine Wissenschaft, die aus seinem Talent für die Beobachtung der Welt und des Menschen entstand. Diese Wissenschaft ging hervor aus der Erforschung vom inneren Wesen der Dinge – sowohl auf esoterischer Betrachtungen des Diesseits, wie auch des Jenseits: eine innere Erforschung der wahren Gründe für die Vorgänge im Menschen, auf der Erde und in der Ganzheit des gesamten Kosmos.

Rudolf Steiner legte die Wegmarken für eine ganzheitliche Arbeit am Menschen und an der Gesellschaft. Er schuf neue Möglichkeiten, sich in der Welt auf allen Ebenen der Existenz fortzubewegen und sich dabei gleichzeitig auf eine Weise zu entwickeln, die insbesondere dem Nutzen der Gemeinschaft zugute kommen sollte.

 

Der Anthroposophische Schulungsweg

Der Anthroposophische Schulungsweg

Durch ihren Praxis-Aspekt unterscheidet sich die Anthroposophie Rudolf Steiners von der Theosophie Helena P. Blavatskys. Zwar erforschen auch die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft Phänomene der geistigen und materiellen Welt, doch man verzichtete lange Zeit auf eine tatsächlich praktische Anwendung daraus gewonnener Erkenntnisse. Aber auch wenn die moderne Theosophie viele Jahre nur Geisteswissenschaft blieb, erfüllte auch das seinen Zweck.

Schließlich baute Rudolf Steiners Anthroposophie auf das auf, was sich über eine gewisse Zeit hinweg erst einmal zu dieser modernen Theosophie entwickeln musste. Dazu später mehr.

In seinem Werk versuchte er auf jeden Fall von solch höherem Wissen direkte Verwendungen abzuleiten. Und wie sich seiner Biografie entnehmen lässt gelang ihm das anscheinend auch in einem weiten Spektrum. Schließlich finden sich Ansätze der Anthroposophie Steiners sowohl in der Kunst, in der Erziehung des Menschen, aber auch in der Landwirtschaft, der Medizin und der Architektur, um einige Anwendungsgebiete genannt zu haben.

Aus Rudolf Steiners Bestreben theosophisches Wissen einem Nutzen zuzuführen, entstand auch seine reformierte Pädagogik. Hieraus gründeten sich die freien Waldorfschulen. Die Zentrale Zielsetzung in Steiners Waldorfpädagogik bestand darin einem Kind in seiner Entwicklung bis ins Erwachsenenalter, eine ganzheitliche Weltsicht zu vermitteln. In diesem Zusammenhang soll auch die anthroposophische Heilpädagogik erwähnt werden, wo eben der ganze Mensch betrachtet wird, mit all seinen Fähigkeiten, Problemen, seinem sozialen Umfeld und den ihm zur Verfügung stehenden, ins Leben mitgebrachten Hilfsmitteln. All das wird mit einbezogen bei der Bearbeitung und Lösung von Problemstellungen in der anthroposophischen Heilkunde. Aus dieser neuen Form des Heilens gründete Rudolf Steiner mit seiner damaligen Geliebten Ita Wegman 1920 in Dornach die Futuram AG, aus der später die Weleda AG hervorgehen sollte, einem internationalen Unternehmen das heute Naturkosmetik und anthroposophische Arzneimittel produziert.

Anders als in älteren Systemen, wie etwa der Magie oder Theurgie, versucht die praktische Anthroposophie allein durch indirekte, geistig-basierte Handlungsweisen Resultate zu erwirken. Es geht wie gesagt darum die Erkenntnisse höherer Wirklichkeiten in eine zweckmäßige Arbeit einfließen zu lassen. Aus der Existenz astraler Einflüsse (aus Gestirnen und Planeten) schlussfolgerte Rudolf Steiner auch, wie sich besondere, darauf bezogene Handlungsabläufe, im landwirtschaftlichen Jahr praktisch einsetzen ließen. Darnach sollte das entstehen was heute bekannt ist als biologisch-dynamische Landwirtschaft. Rudolf Steiner stellte 1924 seine Ideen dazu vor in einer besonderen Vortragsreihe. Darauf basierend gründeten anthroposophisch arbeitende Landwirte im Jahr 1927 die Verwertungsgesellschaft Demeter, deren Namen sich von der griechischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ableitet und eng verbunden ist mit den alt-griechischen Mysterien.

Als eine weitere Form der Verwendung spirituellen Wissens, entwickelte Rudolf Steiner, in Verbindung mit seiner zweiten Ehefrau, der Theosophin und Anthroposophin Marie von Sivers (1867-1948), was heute bekannt ist als »Eurythmie«. Es ist eine Bewegungskunstform, die wirksame Gesetzmäßigkeiten in Sprache und Musik miteinander in Beziehung bringt und durch menschliche Bewegung sichtbar machen will. Die aus der Eurythmie gewonnenen Erkenntnisse sollten später auch einen Teil der alternativen Heilkunde Rudolf Steiners bilden, als bewegungstherapeutische Form anthroposophischer Medizin und Psychotherapie.

Anton Josef Trčka Eurythmische Tänzerinnen – ewigeweisheit.de

Eurythmische Tänzerinnen - Foto aus dem Jahr 1926 von Anton Josef Trčka.

Lebenssinn und Spiritualität

Wir sind nun dem Begriff der Anthroposophie bereits in verschiedenen Zusammenhängen begegnet. Gewiss wird das Wort heute verwendet, um die spirituelle und esoterische Weltanschauung Rudolf Steiners einordnen zu können. Er setzte im Prinzip das fort, was im Westen als Rosenkreuzertum und später als die moderne Theosophie (Blavatsky) entstanden war. In diesem geheimwissenschaftlichen Kontext versuchte Steiner die Urform einer neuen Geisteswissenschaft zu entwickeln, in deren Reifung seine Schüler beteiligt wurden, damit sie Mensch und Welt verstehen lernen, als ein voneinander abhängiges, ineinandergreifendes und einheitliches Wesen. Daraus entstanden die Grundzüge von Rudolf Steiners Anthroposophie, einem besonderen Erkenntnisweg, der sich eben mit der Weisheit (griech. »Sophia«) des Menschen (griech. »Anthropos«) befasst.

In dieser vollkommen neuen Schulrichtung flossen Elemente aus dem deutschen Idealismus, der Weltanschauung Goethes, Wissen aus Gnosis und Mystik, aber auch die Weisheiten fernöstlicher Lehren mit zeitgenössischen Beobachtungen aus den Naturwissenschaften zusammen, so dass daraus in verschiedenen Belangen ein tatsächlicher Nutzen zur Anwendung gebracht werden konnte.

Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer bloßen Natur-Erkenntnis ebenso wie diejenigen der gewöhnlichen Mystik durchschaut und die, bevor sie den Versuch macht, in die übersinnliche Welt einzudringen, in der erkennenden Seele erst die im gewöhnlichen Bewusstsein und in der gewöhnlichen Wissenschaft noch nicht tätigen Kräfte entwickelt, welche ein solches Eindringen ermöglichen.

- Aus Rudolf Steiners Aufsatzsammlung »Philosophie und Anthroposophie«

Die Entstehung anthroposophischen Gedankenguts

In seinen Vorträgen und Aufsätzen griff Rudolf Steiner teils auf das zurück was er aus den Lehren seiner Vorläufer zusammensetzte. Während seiner Berliner Jahre brachte er eine Zeitschrift heraus, mit dem Titel »Lucifer-Gnosis«. Der obskure Name dieser Zeitschrift meinte aber nicht den Teufel des Christentums, sondern einen durch das lateinische Wort »Luzifer« beschriebenen »Bringer des Lichts« oder »Bringer der Erleuchtung«. Nur sollte dieses wichtige Detail kaum wahrgenommen werden und schnell war Steiner als Satanist stigmatisiert.

Es ging ihm aber in dieser und seinen anderen Schriften vielmehr darum den Menschen in seiner Bewusstwerdung zu helfen, ihm im wahrsten Sinne des Wortes Erleuchtung zu bringen. Nicht allein auf religiöser Ebene, sondern auch sonst auf geistiger und auch körperlicher Ebene, wollte er seinen Zeitgenossen nicht nur besonderes Wissen sondern auch die Fähigkeit zur Erkenntnis vermitteln. Aus Abhandlungen über den indischen Yoga-Weg oder fernöstliche Meditationstechniken, versuchte er dieses wertvolle Wissen dem europäischen Gemüt zugänglich zu machen, was vor ihm ja auch Helena P. Blavatsky Anliegen gewesen war.

Wenn aber in der modernen Theosophie das Göttliche im Mittelpunkt stand, so hob Rudolf Steiner die Wichtigkeit des Menschseins hervor. Immer befand sich der Mensch im Zentrum der Betrachtungen Steiners. Das zeigen seine beiden Grundlagenwerke »Theosophie« (1904) und »Die Geheimwissenschaft im Umriss« (1910). In beiden Büchern geht er zuerst auf die Natur des Menschen ein, bevor man darin über die kosmische Welt en gros erfährt. Nicht aber so wie es ihm aus der Naturwissenschaft und Biologie, mit der rein quantitativen Einschätzung geläufig war, als vielmehr mit dem Versuch durch seine Werke den Menschen die Qualitäten und das Heilige in der Natur überhaupt bewusst zu machen.

Er versuchte jedoch immer die Erkenntnissysteme in seinem Werk nicht aus fernöstlichen Lehren zu übernehmen, sondern sie auf Grundlage deutschsprachiger Ansätze des Geisteslebens zu entwerfen. Aus diesem Grund tauchen in den Schriften Rudolf Steiners viele Denkweisen auf, die er im Werk Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) fand.

Steiners Jugend- und Studienjahre

Rudolf Steiner kam am 27. Februar 1861 zu Welt. Seine familiäre Vergangenheit lässt nicht direkt auf seine spätere Entwicklung schließen. Anders als etwa Helena Blavatsky, wurde Steiner in eher bescheidene Verhältnisse geboren. Sein Vater war Bahnbeamter und Rudolf Steiner lebte mit seinem gehörlosen Bruder, der immer auf Hilfe angewiesen war, und seiner Schwester, die zeitlebens bei seinen Eltern wohnte, zuerst in einem kleinen Haus in Donji Kraljevec im Norden des heutigen Kroatien, damals Teil des Königreichs Ungarn.

Schon in seiner Kindheit interessierte sich Rudolf Steiner für Spiritualität. Damals soll er bereits eine besondere Hellsichtigkeit besessen haben. Im Alter von sieben Jahren erschien ihm in einer Vision der Geist seiner Tante, von der damals niemand wusste dass sie Selbstmord begangen hatte. Von dieser und anderen eher beklemmenden Visionserfahrungen erschreckt, zog er sich als Junge zurück, wusste er doch nicht mit wem er über seine eigenartigen Erlebnisse sprechen sollte. In dieser Zeit begann auch sein Interesse für Esoterik und Philosophie.

Bis Anfang der 1880er Jahre studierte er an der Technischen Hochschule Wien Mathematik und Naturwissenschaften. Gleichzeitig aber war er häufig anwesend in Vorlesungen zu Literatur, Philosophie und Geschichte. Später siedelte er über in den Norden Ostdeutschlands und promovierte dort dann 1891 zum Dr. phil. an der Universität Rostock.

Wie oben bereits angemerkt sollten in Steiners Leben und Werk die Arbeiten Goethes eine zentrale Rolle einnehmen. Als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Werke Goethes machte er sich einen Namen. Manche Rezensionen dieser Arbeit wurden außerordentlich gelobt und man kann sagen, dass erst durch Rudolf Steiners Beitrag die Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurden. Bis dahin hatte man Goethe nur als Dichter wahrgenommen.

In Steiners Wiener Zeit, zwischen 1879 und 1890, pflegte er eine Freundschaft mit dem Theosophen Friedrich Eckstein. Über ihn sollte Rudolf Steiner schließlich auch in Kontakt kommen mit Helena P. Blavatsky.

Befreiung aus dem Körper reiner Sinnlichkeit

1893 publizierte Steiner eines seiner für ihn wichtigsten Werke: »Die Philosophie der Freiheit« – einem Buch dem er bis zu seinem Lebensende größte Bedeutung zumaß. Darin stellte er die Frage ob das Individuum letztendlich nur etwas Allgemeines sei, wo die vielen Persönlichkeitsaspekte der Menschen doch quasi ein gemeinsames Bewusstsein mit anderen Individuen teilten. Sie hatten also eher teil an einem Alltagsdenken, aus dem aber eine tatsächliche Befreiung sich durchaus schwieriger gestaltete, da das allgemeine Welterleben nicht im Einzelnen sondern im Kollektiv lediglich miterlebt wurde. Grundsätzlich ein Zustand der nach wie vor allgegenwärtig zu sein scheint.

Für Rudolf Steiner war es das sinnlichkeitsbezogene Denken der Menschen, dass seinen Geist soweit eintrübt, dass ihm ein Begreifen der Freiheit eigentlich verwehrt bleibt. Nur wer die positive Wirklichkeit eines sinnlichkeitsfreien Denkens erkennt, der sollte laut Steiner sofort zu einem Verstehen gelangen, mit dem er eine individuelle Freiheit verwirklichen kann. Als solch erkennendes Subjekt sollte es einem Menschen gelingen, sein Denken tatsächlich zu beobachten. Wobei das Steiner sogar als allerwichtigste Wahrnehmungsleistung überhaupt galt.

Gut möglich dass ihn zu solchen Auffassungen radikale Denker wie etwa Friedrich Nietzsche (1844-1900) inspirierten, die Steiner wegen seiner wahrheitskritischen Haltung bewunderte.

Der wirklich 'freie Geist' geht noch weiter. Er fragt: 'Was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?' Wozu Wahrheit? Alle Wahrheit entsteht doch dadurch, dass der Mensch über die Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken über die Dinge bildet. Der Mensch selbst ist der Schöpfer der Wahrheit. Der 'freie Geist' kommt zum Bewusstsein seines Schaffens der Wahrheit. Er betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Geschöpf.

- Aus Rudolf Steiners »Friedrich Nietzsche: Ein Kämpfer gegen seine Zeit«

Nietzsches berühmte Erklärung »Gott ist tot!« bedeutete für Steiner wohl auch, dass was heute noch viele Menschen empfinden: der Gott wie ihn das Christentum Jahrhunderte lang deutete, hat seine kulturprägende Kraft in unserem Zeitalter verloren. Der Mensch hatte Gott als Konzept stets außerhalb seiner irdischen Existenz, in den Himmel projiziert und anscheind einem allein von dort herab wirkenden Willen gehorcht.

Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.

- Aus Rudolf Steiners »Essentielle Schriften«, Band 2

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