Meditation

Anapanasati oder: Achtsames Atmen

Anapanasati oder: Achtsames Atmen

Im Buddhismus kommt man in Berührung mit dem, was man das achtsame Atmen nennt. Es ist eine uralte Praxis die ursprünglich durch den Buddha Gautama seinen Schülern gelehrt wurde: Sie sollten den Wirkungen in ihrem Körper nachspüren, die ihr Atem in seiner Bewegung darin verursacht.

Heute zählt diese buddhistische Vorbereitungspraxis des Anapanadati zu den wohl am weitest verbreiteten Techniken zur achtsamen Zuwendung, der durch den Atem ausgelösten inneren Vorgänge. Dabei schaut der Übende zuerst auf die Vorgänge in seinem Körper, betrachtet darauf seine Gefühle, seine Wahrnehmung und schließlich das, was in seinem Geist vor sich geht.

In seiner Erörterung dieser Praxis, dem Anapanasati Sutta, bat der Buddha seine Schüler zum Beispiel in einen Wald zu gehen und sich dort eine ruhige Stelle zu suchen, unter einem Baum.

Da ist der Fall, wo ein Bhikkhu (buddhistischer Mönch der von Almosen lebt), nachdem er in die Wildnis gegangen ist, im Schatten eines Baumes oder in einer leeren Hütte sich hinsetzt, seine Beine überkreuzend, seinen Körper aufrecht haltend, und Achtsamkeit in den Vordergrund bringend. Stets achtsam atmet er ein; achtsam atmet er aus.

- Auszug aus einer Lehrrede des Buddha aus dem Pali-Kanon (Übersetzung: Thanissaro Bhikkhu)

So in Ruhe sitzend, soll der Meditierende ganz einfach seinen Atem beobachten. War der Atem lang, sollte er sich bewusst machen, dass der Atem eben lang ist. War der Atem kurz, so konnte er einfach feststellen, dass sein Atem kurz ist.

Diese vom Buddha aufgetragene Übung diente dem Schüler

  • sich in Achtsamkeit zu üben, den Körper, Gefühle und mentale Prozesse zu beobachten,
  • sich zu konzentrieren auf das Wesen aller eigentlichen Unbeständigkeit, sich dabei von Leidenschaften zu lösen, mit dem Zweck auf diese Weise
  • den Geist zu stabilisieren und damit Gedanken loszulassen, zur Erlangung einer ultimativen Zufriedenheit.

Die Praxis des Anapanasati

Es lässt sich die im Anapanasati geübte Achtsamkeit sowohl im Sitzen, im Stehen, im Liegen oder auch beim Gehen üben. Dabei nimmt man in Gelassenheit den Atem wahr, wie er durch die Nasenlöcher in den Körper, als kühler Luftstrom empfindbar, einströmt und sich beim Ausatmen langsam über die Oberlippe, etwas erwärmt, wieder austritt.

Als nächstes soll sich der Übende einen kleinen Bereich unter dem Nabels (chinesisch »Xia Dantian«; zu deutsch: »Zinnoberfeld«; im Abstand von Zeige- und Mittelfinger unterhalb des Bauchnabels), unter der Haut bewusst machen, um auch dort die Atembewegung zu empfinden. Dabei kann der Übende beim Einatmen ganz langsam auf 10 zählen. Nach dem Ausatmen beginnt man von vorne (eine Zählung beim Ausatmen ist nicht notwendig).

Das heißt also, dass man sich zuerst

  1. den Atemstrom bewusst macht, der durch die Nase geht,
  2. dann den Xia-Dantian-Punkt in seiner Auf- und Abbewegung erlebt und schließlich
  3. den Atemvorgang einzählt.

Er erkennt lang einatmend: Ich atme lang ein; oder lang ausatmend erkennt er: Ich atme lang aus. Oder kurz einatmend erkennt er: Ich atme kurz ein; oder kurz ausatmend erkennt er: Ich atme kurz aus. […]
Ich werde empfindsam für Verzückung einatmen. […]
Ich werde empfindsam für Verzückung ausatmen. […]
Ich werde empfindsam für den Geist einatmen. […]
Ich werde empfindsam für den Geist ausatmen. […]
Ich werde den Geist zufriedenstellend einatmen. […]
Ich werde auf Unbeständigkeit fokussierend einatmen. […]
Ich werde auf Unbeständigkeit fokussierend ausatmen.

- Auszüge aus einer Lehrrede des Buddha aus dem Pali-Kanon (Übersetzung: Thanissaro Bhikkhu)

Der Atem an sich aber verändert sich dabei nicht. Es wird so geatmet wie immer: natürlich, ohne bestimmte Regeln oder Haltungen. Je gewöhnlicher, desto besser. Denn Ziel ist letztendlich ja dem Geist keinen Gedanken mehr zu lassen, mit dem er sich befassen könnte.

Nachdem man diese drei Abschnitte für einige Zeit übte, kann man sich aber davon lösen und nur noch auf den Atem achten. Aber weniger fokussierend, als eher in einer Losgelöstheit von allem Konzentrieren. Lenkt einen etwas ab, ein Gedanke, ein Geräusch oder etwas anderes, bringt man seine Aufmerksamkeit einfach wieder zurück auf den Atem.

Eigentlich sogar ist das der wichtige Moment, in dem der Praktizierende wirklich erlernt zu meditieren: sich immer wieder erneut in den bewussten, doch natürlichen Atem versenkend – ein Atem der »einfach passiert« und sozusagen »freiwillig bleibt« – und er so seine Mitte findet. Alles andere wäre gänzlich widersinnig. Denn wenn es oft heißt, man solle sich auf seinen Atem konzentrieren, versuchen Menschen meist, fast schon verbissen, ihre Atembewegung zu lenken. Genau das ist es aber nicht.

Es geht um ein Erleben, dass jenseits aller Geistesformen besteht, das, was man als absolute Achtsamkeit bezeichnen könnte, wenn man sich nicht mehr der Dinge im Raum gewusst wird, sondern der Leere dazwischen. Auch die Punkte wo das Einatmen ins Ausatmen und das Ausatmen ins Einatmen wechselt, ist das, was der Anapanasati-Methode ihren Sinn verleiht: Es ist mehr eine Möglichkeit, als ein vorgeschriebener Weg. Darum ist es auch vollkommen ausreichend, wenn man diese Übung nur für einige Minuten täglich praktiziert.

 

Jetzt ist die Gegenwart

Jetzt ist die Gegenwart

Wenn ich "heute" sage, spreche ich von der Zeit zwischen gestern und morgen, zwischen Vergangenem und Kommendem. Alles was stattfindet jedoch, ereignet sich heute, denn gestern ist unwiederbringlich vorbei und was morgen sein könnte, kann niemand versprechen.

Zwar kann ich mich an die Vergangenheit, die Geschichte, meine Herkunft oder an die Ursachen meines Daseins erinnern, anwesend aber kann ich nur heute sein, in der Gegenwart, im Jetzt.

Meine Visionen aber können sich am besten entfalten, wenn ich ohne zu hoffen, ohne Angst mir jetzt die Zukunft vorstelle, so wie ich sie gerne hätte.
Zwar wird die Zukunft immer anders sein als das, doch wer weiß: Vielleicht wird sie meiner Vision doch mehr ähneln, als ich zu träumen wagte!

Bleibt also die Frage: Wovon will ich träumen und was davon als Bild vor meinem inneren Auge auferstehen lassen?

Was zeigt das Schaubild an?

Unterhalb der Anzeige des Datums, sieht man vier Spalten, betitelt mit "Geist", "Seele", "Körper" und "Welt".
Diese vier Größen beschreiben die gegenwärtige Phase eines Kräftegleichgewichts, dass sich aus den Synergie-Effekten ergibt, die durch das zyklisch-kosmische Wechselspiel von Erde und Sonne, auf den Menschen ausstrahlen.

Alle angezeigten Werte sind genau errechnet und keine Zufallswerte. Die Bebilderung dient dem intuitiven Erfassen der esoterisch-zeitlichen Motive.

Geistige Vorgänge spielen sich dabei im Zeitraum von Stunden ab, seelische Prozesse innerhalb von Tagen (oder Wochen), körperliche Umwandlungen beziehungsweise unsere Verhaltensweisen in Bezug auf die materielle Welt, innerhalb von Monaten oder sogar Jahren.

In der Spalte "Welt" wird das Thema des Tages angezeigt, dass sich aus dem Datum errechnet und wofür eine entsprechende Karte der Großen Arkana des Tarot angezeigt wird.

Die anderen Bilder stammen aus der Kleinen Arkana und geben das Thema an, dem ihre Spalten zugeordnet sind.

Im unteren, schwarzen Teil des Schaubilds sieht man die Mondphase und in welchem der 12 astrologischen Tierkreiszeichen sich der Mond gegenwärtig befindet.

Dzogchen oder: Wie man die innerste Natur des Geistes erfährt

von S. Levent Oezkan

Dzogchen Rinpoche - ewigeweisheit.de

In der buddhistischen Tradition Tibets spricht man von einer großen Vollkommenheit, in der alle spirituellen Wege gipfeln. In dieser höchsten Form meditativer Besinnung, wird die innerste Beschaffenheit des Geistes erkannt, als das was den Menschen ausmacht, in seinem wesentlichsten, reinsten Sein.

Was damit aber gemeint ist, lässt sich nicht eben mal in wenigen Sätzen niederschreiben. Es geht hier um die vollendete Praxis aller Meditationstechniken, die im Vajrayana-Buddhismus praktiziert werden.

Auch kann hierüber nur das geschrieben werden, was zu diesem Thema an Wissen anderweitig verfasst wurde, zumal es einer tatsächlichen Praxis bedarf, um von einer echten Beschreibung dessen reden zu können, worum es hier geht: Dzogchen – die Große Vollkommenheit. Es ist eine Form des Yoga, zur Vervollkommnung von Körper, Sprache und Geist, die über allen anderen spirituellen Disziplinen steht, weshalb man diesen Weg auch den »Ati-Yoga« nennt. »Ati« steht für etwas, das über das gewöhnliche Maß hinausgeht, worüber hinaus nichts erreicht werden kann: Ein ultimativer Zustand vollkommenen Gewahrseins.

Ursprünge des Ati-Yoga finden sich bereits im Sarva-Buddha-Sama-Yoga-Tantra, dem ältesten der yogischen Tantras (8. Jahrhundert). Tantra ist der Überbegriff für die esoterischen Lehren buddhistischer Philosophie und Religion. Ziel dieser yogischen Tantras ist eine Bewusstwerdung von der Beschaffenheit der Realität.

Die eigentliche Praxis des Ati-Yoga beziehungsweise Dzogchen, lässt sich vielleicht als ein unvermitteltes Erscheinen vollkommener Gegenwärtigkeit zusammenfassen. Das heißt, das hieraus alle Erscheinungen des Samsara (Kreislauf des Leidens in Leben und Sterben) und des Nirvana (Austritt aus dem Samsara) herrühren und wohin sie wiederum entschwinden. Diese Vergegenwärtigung der Realität findet jedoch nicht auf einmal statt, sondern wird erreicht über mehrere Phasen der Meditation und Veränderung der Geisteshaltung des Meditierenden.

Diese Phasen beziehungsweise Entwicklungsstadien, bezeichnet der Buddhismus mit dem Sanskrit-Wort »Yana«: einem geistigen »Fahrzeug«, worin eine bestimmte spirituelle Erfahrung gemacht wird, die sich, gemäß der Linie ihrer Ausübung, teilweise unterschiedlich äußern kann. So ein Yana soll dem Praktizierenden aber helfen, die mit seinem besonderen spirituellen Weg in Zusammenhang stehenden, geistigen Lasten zu tragen beziehungsweise ihn dabei auf seinem Weg zu unterstützen.

Im tibetischen Buddhismus ist die Rede von mehreren solcher Fahrzeuge, wobei im Fahrzeug des Ati-Yoga die vollendetste Geisteshaltung erfahren wird, da der Übende auf dieser Stufe das höchste Heilsziel erreicht hat.

Als der Buddha seine letzte irdische Inkarnation vollendet hatte und durch seinen Tod geschritten war, wirkte er von da an, in ätherischer oder astralischer Gestalt, in das Geschehen auf Erden hinein. In gewisser Weise ein Beispiel für die Lebensgeschichte des Buddha Shakyamuni (des indischen Religionsstifters Siddhartha Gautama, durch den der Buddhismus begründet wurde).

Welcher Weg dorthin gegangen werden muss und in welchen weiteren Fahrzeugen sich der Übende dabei bewegt, dem wollen wir uns im Folgenden zuwenden.

Lehren der tibetischen Nyingma-Schule

Erst im 10. Jahrhundert taucht in Tibet die Lehre vom Ati-Yoga auf. Wahrscheinlich aber sollte diese Sanskrit-Bezeichnung überflüssig werden, da man dafür nur noch den tibetischen Begriff Dzogchen verwendete. Vorstellungen über das spirituelle Fahrzeug des Ati-Yoga, waren deshalb in Tibet bis ins 13. Jahrhundert hinein umstritten, zumal man ein System mehrerer Fahrzeuge (Yanas) noch nicht in Erwägung gezogen hatte. Der ehrwürdige Meister Sakya Pandita (1182-1251) etwa sprach davon:

Versteht man diese Tradition in ihrer wahren Bedeutung, dann ist auch Ati-Yoga ein Weisheitsweg und nicht etwa ein Fahrzeug (Yana).

- Aus Sakya Panditas »Unterscheidung der Drei Schwüre«

Erst später sollten die Begriffe »Dzogchen« und »Ati-Yoga« synonym verwendet werden, wie etwa im Kulayaraja-Tantra, dem ersten Text der tibetischen Schriftensammlung des Nyingma Gyübumaus aus dem 14. Jahrhundert. Fest steht außerdem, dass Ati-Yoga zwar ein Begriff ist aus dem Sanskrit, doch sich in Tibet entwickeln sollte. Ihren Ursprung aber soll die Lehre über das Dzogchen von Samantabhadra stammen – einem der acht großen Bodhisattvas des Mahayana-Buddhismus. In den Dzogchen-Lehren heißt es dazu, dass unsere wahre Wesensbeschaffenheit, im Kern dieser Buddha-Natur entspricht und daher auch aus uns heraus entwickelt werden kann. Der tibetische Lama Sogyal Rinpoche (1947-2019) schrieb dazu:

Kuntu Zangpo (tibetischer Name des Boddhisattva Samantabhadra) repräsentiert die absolute, unverhüllte, himmelsartige, Ur-Reinheit der Wesensbeschaffenheit des Geistes.

- Aus Sangyal Rinpoches »Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben«

Nun erzählen die Lehren der tibetischen Nyingma-Schule von dem alten Weise Garab Dorje, der als derjenige Lehrer gilt, der diese Schule gründete (zu der auch der eben erwähnte Sogyal Rinpoche gehörte). Garab Dorje aber kam nicht auf natürliche Weise zur Welt und über seine exakte Herkunft liegen keinerlei Daten vor. Gemäß der Überlieferung aber stammt er aus jenem Land von Oddiya, aus dem auch der große Padmasambhava stammte, der zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert lebte und Begründer des tibetischen Buddhismus war. Oddiya wird als ein Land beschrieben, dessen Bewohner spirituelle Vollkommenheit erlangt haben, in etwa zu vergleichen mit dem, was die westliche Tradition das »Paradies« nennt. Es ist wohl ähnlich jenem Land zwischen dem heutigen Pakistan und Afghanistan, wo manche das sagenhafte Königreich von Shambhala vermuten.

Der Überlieferung nach, erhielt dieser Garab Dorje seine Lehren des Dzogchen, vom höchsten, transzendenten Buddha Vajrasattva, nachdem dieser wiederum dazu inspiriert wurde, durch den zuvor erwähnten Bodhisattva Samantabhadra. Hierdurch erlangte Garab Dorje das Nirvana, starb und ging dabei in den Zustand des sogenannten Regenbogenkörpers über, als sich sein physischer Leib in Licht auflöste. Seinem wichtigsten Jünger Manjushrimitra erschien er da vom Himmel in Form einer lichtumringten, in den Farben des Regenbogens schimmernden Wolke und rief:

Ach, ach! O großer Raum! Wenn das Licht, unser Lehrer, erloschen ist, wer wird dann da sein um die Dunkel der Welt zu bannen?

- Aus dem Buch »Dzogchen: Die Herz-Essenz der Grossen Vollkommenheit« des 14. Dalai Lama

Während dieses doch ungewöhnlichen Ereignisses aber, erschien dem Manjushrimitra auf einmal die Hand seines Meisters Garab Dorje, worin sich eine winzige golden Urne, in der Größe eines Fingernagels befand. Die stieg plötzlich auf und umkreiste Manjushrimitra dreimal. Hernach landete sie in seiner Hand, woraus sich das Testaments Garab Dorjes entfaltete, geschrieben auf Papier wertvollster Beschaffenheit: das sogenannte »Treffen der Essenz in den drei Welten«. Darauf war geschrieben, mit Tinte aus reinem Lapis Lazuli:

Die Erscheinung der innersten Natur des Geistes (Rigpa) sei hiermit eingeführt,
Entscheide dich für eine Sache und nur für eine Sache,
Habe vollkommene Zuversicht in die Freisetzung aufsteigender Gedanken.

- Aus Garab Dorjes »Treffen der Essenz in den drei Welten«

Im Erkennen dessen, erreichte Manjushrimitra den selben Grad an erfüllender Erkenntnis, wie auch sein Meister. Es heißt außerdem, dass die ersten vier Nachkommen des Buddha Vajrasattva – Garab Dorje, Manjushrimitra, der chinesische Gelehrte Shri Singha und der indische Meister Jnanasutra – ihrem jeweiligen Nachkommen auf die selbe, oben beschriebene Weise ihr spirituelles Erbe vermachten. Dabei verschmolzen die erleuchteten Geister von Meister und Schüler untrennbar miteinander, woraus die eine Weisheit des Dzogchen aufstieg. Auch Padmasambhava, der im 8. Jahrhundert den Buddhismus in Tibet etablierte, war ein Schüler in der Abstammungslinie der Dzogchen-Tradition und ein Schüler des Shri Singha.

Sein anderer Schüler Jnanasutra lebte als Einsiedler, der sich sein Leben lang der Meditation widmete. Auch dessen Leib sollte sich bei seinem Todeszeitpunkt in der Regenbogenkörper aufgelöst haben.

Manjushrimitra – ewigeweisheit.de

Manjushrimitra: Schüler des großen Weisen Garab Dorje. Er war es, der im 8. Jahrhundert die Dzogchen-Tradition in Tibet etablierte.

Achtsamkeit und die Wahrnehmung des Hier und Jetzt

Garab Dorje war es, der die Überlegenheit des Dzogchen gegenüber den Lehren der klassischen Mahayana-Schule des Buddhismus darlegte. Niemandem gelang dies zu widerlegen.

Im 9. Jahrhundert als der große indische Meister Padmasambhava nach Tibet kam, kam es dort zur Formung dieser neuen Schulrichtung des Vajrayana-Buddhismus, dessen Angehörige eine Vielzahl verschiedener Meditationsmethoden ausüben.

Einer der größten Dzogchen-Meister des 20. Jahrhunderts, der in Tibet geborene Kyapje Dunjom Rimpoche (1904-1987), schrieb über die Erscheinung des Dzogchen:

Alles beginnt mit der Vision. Die Vision im Dzogchen vermag zu sehen, was wirklich ist – die Natur des Seins an sich. Das ist die eigentliche Form des Seins, in der der Geist keine Unterscheidungen macht und auch keine Urteile fällt. Der Zustand der Wahrnehmung heißt »Rigpa«. Rigpa ist reine Wahrnehmung des Hier und Jetzt. Wir können diese Wahrnehmung eigentlich durch nichts zum Ausdruck bringen oder sie mit irgendetwas anderem vergleichen, dass sie beschreiben könnte. Sicher aber ist sie alles andere als der gewöhnliche Zustand emotionaler Verwirrtheit und widersprüchlichen Gedanken, noch aber ist es auch nicht das, was man das Auslöschen des Nirvana nennt. Es ist ein Zustand der nicht hergestellt oder entwickelt werden kann, ebenso wenig wie man diesen Zustand unterbrechen oder auslöschen könnte. Weder können wir uns davon befreien noch davon irregeleitet werden. Es ist unmöglich zu sagen, dass wir in diesem Moment tatsächlich existieren, noch können wir sagen dass wir nicht existieren. Es ist weder eine Erfahrung des Unendlichen, noch von etwas Bestimmtem.

Kurz: da die Natur des Geistes, die Große Vollkommenheit, Rigpa, nicht gebildet werden kann als ein bestimmtes Ding, ein Zustand, eine Wirkung, erscheint es als ultimative Leerheit, die es seinem Ursprung nach vollkommen rein sein lässt, alles beherrschend und alles durchdringend.

Mit dem was also Kyapje Dunjom Rinpoche über Dzogchen sagt, ist es jenseits aller verwirrenden Gedankenströme, die sich uns aufdrängen, in unserem tagtäglicher Drang, über alles Mögliche zu urteilen und zu grübeln. In dieser Zerstreutheit nämlich wurzeln alle triebhaft gesteuerten Wünsche. Sie aber sollte man durch eine alles durchdringende Achtsamkeit ersetzen, indem man bei jeder Tätigkeit eben nur die dafür zu vollziehenden Handlungen aufmerksam ausführt, ohne währenddessen über dies und jenes nachzudenken, das nichts mit dem gegenwärtigen Geschehen zu tun hat.

Es ist eben die Ablenkung von dem was gerade hier und jetzt ist, so die tibetischen Eingeweihten, die in uns Leid aufkommen lassen. Doch auch wenn man eben gerade leidet, welcher Ursache dieses Leid auch immer geschuldet sei, sollte man sich zuerst einmal dem Wesen dieses Leids zuwenden, seiner Essenz. In diesem Schauen aber kann es der Meditierende zur Auflösung bringen, da er dabei zur Klarheit dessen kommt, was ihn leiden lässt. Und was für das Leid gilt, gilt ebenso für Gefühle des Stolzes, der Wut, der Faulheit, der Verwirrung und der eigenen Überheblichkeit.

Die spirituellen Fahrzeuge der buddhistischen Tradition

Wir hatten oben bereits von den »Yanas« gesprochen, den Fahrzeugen. Da beschrieben wir sie als Mittel, um eine besondere Geisteshaltung zu entwickeln, die einem Menschen auf seinem spirituellen Weg dabei hilft, in der Realität zu Wohlergehen zu finden. Im Buddhismus gibt es dazu drei solcher Geisteshaltungen, in denen sich jemand zur Erreichung seines Lebenszieles bewegt:

Hinayana – das kleine Fahrzeug,

Mahayana – das große Fahrzeug und

Vajrayana – das Diamant-Fahrzeug.

Dabei lassen sich die beiden Fahrzeuge des Hinayana und Mahayana zusammenfassen als Sutrayana, gewissermaßen ungezwungene Methoden, die vielleicht auch nur für eine gewisse Zeit angewendet werden. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie sich nicht wirksam einsetzen lassen, da sie die Erlangung von Weisheit und besonderen Verdiensten erstreben, um damit Buddhaschaft zu erlangen: die Erleuchtung zur wahren Wesensnatur und zum grenzenlosen Potential des Lebens.

Die drei Yanas des Sutrayana

Es gibt insgesamt neun Fahrzeugen. Zwei davon betreffen das Hinayana, eins das Mahayana, jedoch sechs das Vajrayana. Die ersten beiden, dem Hinayana zugehörigen Fahrzeuge sind das

1. Shravaka-Yana und das

2. Pratyekabuddha-Yana.

Ersteres der beiden betrifft jene Übenden, die den Anweisungen eines Meisters folgen und auf diesen tatsächlich angewiesen sind. Mit dem Pratyakabuddha-Yana bewegt sich einer jedoch ohne Meister, da er aus eigener Kraft Weisheit zu erzeugen vermag. Im Hinayana, das diesen beiden Fahrzeugen übergeordnet ist, basiert die hauptsächliche Handlungsweise auf dem Asketentum, dass sich von Sinnesgenüssen abwendet und nur von den allernotwendigsten Dingen ernährt (das sind Almosen) und kleidet (weggeworfene Kleider), sowie an abgelegenen Orten lebt (zum Beispiel an oder auf Friedhöfen oder unter einem Baum im Wald).

Mit dem

3. Bodhisattva-Yana, bewegt sich jemand auf seinem spirituellen Pfad in ein Feld ultimativen Erfahrens. Dieses Fahrzeug führt den Praktizierenden, durch seine gekonnten Methoden, zu umfangreichen, tiefgehenden Einsichten der höheren Welten und dessen, was man als das endgültig Gut bezeichnet.

Das Bodhisattva-Yana ist Teil des Mahayana, das die Erreichung des Bodhichitta erstrebt: der mitfühlende Wunsch Erleuchtung zu erlangen zum Wohle aller Wesen. Das ist der Wunsch der Bodhisattvas, der erleuchteten Weisen, die über das Bodhipakkhiyadhamma meditieren, die 37 erforderlichen Dinge zur Erleuchtung: Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit (Satipatthana), die Vier Rechten Anstrengungen (Samma Padhana), die Vier Wege zum Erfolg (Iddhipāda), die Fünf Fähigkeiten (Indriya), die Fünf Kräfte (Bala), die Sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhanga), den Edlen Achtfache Pfad (Ariya Atthangika Magga).

Symbol des Dzogchen – ewigeweisheit.de

Symbol des Dzogchen: Im Innern ist die tibetische Variante der heiligen Silbe "Om" zu sehen.

Die drei Tantras des Vajrayana

Im Vajrayana, dem diamantenen Fahrzeug, ist die Rede vom »Tantrayana«, den Fahrzeugen der Verwirklichung. Es geht da eben nicht mehr darum die Ursachen eines vollkommenen Pfades zu schaffen, sondern sich direkt zur Identifikation mit den Wirkungen zu führen. Was bedeutet das?

Im Tantra geht man davon aus, dass Bedeutung, Art und Ausdruck des endgültigen Ziels auf dem Weg zur Buddhaschaft, sich bereits in den tiefsten Ebenen des Gemüts befinden und nicht erst im Außen gesucht und gefunden werden müssen. Doch Unwissenheit und Fehlannahmen verdunkeln diesen Bereich des Bewusstseins. Im Tantra aber geht es darum, diese, sozusagen »verunreinigte« Sicht auf die Dinge, durch die Entwicklung von reinen, klaren Visionen zu transformieren, in der Arbeit mit dem Körper, der Sprache und dem vernünftigen Geist.

Da dieses Fahrzeug nun aber einen durch und durch geklärten Geist voraussetzt, spricht man eben vom Vajrayana, dem Diamant-Fahrzeug. Die ersten drei der sechs Fahrzeuge des Vajrayana, nennt man auch die Fahrzeuge des vedischen Asketentums:

4. Kriya-Tantra, was das äußerliche Verhalten und Handeln des Praktizierenden rituell reinigt,

5. Charya-Tantra, das sich der äußeren Fortentwicklung den Belangen des Körper und der Sprache widmet, doch sich gleichzeitig übt mit einem vollkommenen Aufgehen im Innern des Geistes (Samadhi), sowie dem

6. Yoga-Tantra, das die innere Meditation über die Wirklichkeit beinhaltet.

Im Kriya-Tantra und Charya-Tantra, begibt sich der Übende auf den Pfad äußerer und innerer Klärung und Läuterung. Hierbei visualisiert sich der Meditierende verschiedene Gottheiten beziehungsweise Buddhas. Dafür rezitiert er bestimmte Mantras. Im Charya-Tantra aber werden diese Mantras (heilige Gebete) gemäß der esoterischen Bedeutung der dabei ausgesprochenen Silben bewusst gemacht, die jeweils mit Formung einer besonderen Handgeste (Mudra) einhergehen. Diese beiden Tantras führen den Übenden zum Erwachen im Bewusstsein der drei Buddhas des sogenannten Erleuchtungskörpers (Vairochana), der erleuchteten Sprache (Amitabha) und des erleuchteten Geistes (Akshobya).

Mit dem Fahrzeug des Yoga-Tantra aber begibt sich der Übende auf den Pfad der Transformation, indem er sich selbst als in die entsprechende Gottheit umgewandelt visualisiert. So wird er sich dessen bewusst, was als erleuchtetes Handeln (Buddha Amoghasiddhi) bezeichnet wird und erreicht damit das wirklich Bedeutsame: ein Erfahren der Leerheit des Geistes (bar jeglicher Gedanken) und einem damit verbundenen realisieren des »Reinen Lichts«, was die grundlegende Wurzel allen Bewusstseins ist.

Die drei Yogas des Vajrayana

So wie die drei Fahrzeuge des Kriya-Tantra, des Charya-Tantra und des Yoga-Tantra, drei äußere Tantras bilden, folgen ihnen drei innere Tantras, die auch die »geheimen Fahrzeuge« genannt werden:

7. Mahayoga gehört, wie auch das Yoga-Tanra, zum Weg der Transformation. Es ist der »große Yoga« (sanskr. »maha«, groß), der sich zuerst der bereits im Yoga-Tantra angedeuteten Erfahrung der Leerheit widmet.

8. Anuyoga ist das Fahrzeug, in dem sich der Übende seinem feinstofflichen Körper bewusst wird (tib. »tsa«, Kanäle; »lung«, Wind-Energien; »tikle«, Essenzen). Jene, die diese Stufe erreicht haben, sind in der Lage augenblicklich eine der oben genannten Buddhas zu visualisieren.

9. Atiyoga, oder tibetisch »Dzogchen«, ist schließlich das vollkommenste aller neun Fahrzeuge, wo der Praktizierende nun vollkommene Bewusstheit erlangt hat und er alle Erscheinungen, als aufsteigende und absteigende Phänomene erkennt, die aus der eigentlichen Einheit allen Seins hervortreten und darin letztendlich auch wieder aufgesaugt werden und verschwinden.

Alle Erscheinungen werden so wahrgenommen wie sie wirklich sind: ihrer echten Natur nach nämlich leer. Diesem Bewusstsein nähert sich der Übende zunächst im Mahayoga über die Stufe des Utpattikrama, das die Tibeter »Kyerim« nennen. Es ist die Stufe, in der dem Übenden die eigentliche Identitätslosigkeit des Seins bewusst wird, zuerst im Erkennen des »So-Seienden«, darauf der »universalen Manifestierung« dessen und schließlich der Ursachen dieser beiden Faktoren. Hierfür meditiert er auf die eigentliche Leerheit allen Seins, wobei in ihm ein unfassbares Mitgefühl aufströmt, dass er als grundlegendstes Gefühl allen Menschseins erkennt. In der Zusammenführung dieser beiden Bewusstseinserfahrungen (Leerheit und Mitgefühl) vernimmt er das »reine Licht«, wodurch die Ursachen allen Leids in ihm und um ihn gereinigt werden.

Auf der Stufe des Anuyoga dann, tritt er ein in die Phase des Utpannakrama, tibetisch »Dzogrim«. Hier begibt sich der Übende in das, was er im Fahrzeug des Mahayoga noch visualisierte, erfährt sich mit den drei Buddhas von Körper, Sprache und Geist verschmolzen, wird mit ihnen eins.

Er begibt sich von hier aus auf den Pfad der Befreiung, auf dem er verweilt, um sich in Übereinstimmung mit der Essenz aller Realität zu erfahren. Durch die Rezitation des Mantras der Erzeugung, entsteht vor dem Praktizierenden der Palast und Wohnort der Boddhisattva, der Gottheiten und des Buddha. Nun hat er die wahre Natur seines Seins erkannt und erreicht schließlich im Dzogchen den Zustand des uranfänglichen Buddha Samanthabadra. Auf dieser höchsten Stufe angelangt, ist er frei von aller Angst, bar jeder Hoffnungen, Vorlieben oder Abneigungen. Er ist nun fähig die Realität aus sich selbst heraus zu erschaffen, einzig zum Zwecke einer alles durchdringenden Kraft vollendeten Mitgefühls, dem, was die Tibeter »Tulku« nennen: die Dimension der unaufhörlichen Manifestationen nennen – Nirmanakaya.

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Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Schlüssel jeder spirituellen Fortentwicklung ist persönliches Gewahrsein. Das heißt, wer seine Achtsamkeit steigert, erweitert dabei den Raum seiner bewussten Wahrnehmung. Und so wie sich das Bewusstsein damit vergrößern und entfalten lässt, wird es auch befähigt, sich allmählich zu erheben, hinweg über die vielen Ebenen der Wahrnehmung.

Solch erweiterte Bewusstheit eröffnet einem Menschen Möglichkeiten in der Welt, die über die im Alltag angeeigneten Fähigkeiten hinausgehen. So jemand erkennt dann seine Lebenswelt als großes Ganzes, was ihn ermächtigt die Begrenzungen seiner Persönlichkeit allmählich abzulegen und sich, seiner Berufung gemäß, frei in seinem Leben zu bewegen.

Unsere Persönlichkeit: Eine Maske unseres wahren Selbst

Als Kinder entwickelten wir das, was man das Ego, das Ich oder das beobachtende Selbst nennt. Es ist die physische Bewusstseinsebene des Menschen, mit der sich seine Wahrnehmung zunächst vertraut macht – mit dem Körper und seinen Sinnesorganen als solche – wie auch mit dem, was er über eine Sinne im Außen wahrnimmt.

Die meisten Menschen identifzieren sich mit diesen sinnlichen Fähigkeiten, ahnen aber nur selten, dass es eine höhere Wahrnehmung gibt, die man als Mensch entwickeln kann. Ihr beobachtendes Selbst bleibt damit aber gebunden, an die Körperfunktion des physischen Leibs.

Wer nun erkennt, dass das beobachtende Selbst zu viel mehr befähigt ist, könnte damit beginnen, allmählich jene Beschränkungen zu beseitigen, die sich ihm auf dem Weg zu einer höheren Bewusstheit in den Weg stellen. All die Äußerlichkeiten im Leben an denen wir hängen, sie bilden die Barrieren auf diesem Weg. Wer aber gelernt hat zu verzichten, wird sich auch leichter über höhere Hürden hinwegsetzen können, die ihn sonst an seinem Fortkommen gehindert hätten.

Das Spiegelbild

In Wirklichkeit ist das, was wir als unsere Persönlichkeit im Spiegelbild sehen, und das was wir unser Selbst nennen, nicht das Selbe. Eher gleicht die Persönlichkeit einer Maske hinter der sich unser wahres Selbst verbirgt, eine seelische Entität, die Namen, Geburtsort und Geburtsdatum bezeichnen, damit sie ihre Rolle in der Welt spielen kann. Nur wenige aber ahnen, welche Rolle auf der Bühne ihres Lebens sie eigentlich spielen sollten. Metaphorisch gesprochen: Häufig gibt man sich in dieser Rolle nicht wirklich zum Besten, sondern hüllt sich in etwas, das einem gar nicht entspricht oder übernimmt sogar die Rolle eines anderen Menschen. Manchen aber wird das irgendwann zur Last, selbst wenn sie den Grund dieser Bürde keineswegs kennen.

Die Darsteller im antiken griechischen Theater benutzten in ihren Rollen Masken, um ihrem Schauspiel einen besonderen Ausdruck zu verleihen: Sie nannten sie die »Persona« – der Ursprung der deutschen Wörter Person, Persönlichkeit, Personifikation, Personal, usw.

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) übertrug diesen Begriff auf die menschliche Psychologie und schrieb über die Persona:

(Sie) ist aber, wie ihr Name sagt, nur eine Maske der Kollektivpsyche, eine Maske, die Individualität vortäuscht, die andere und einen selber glauben macht, man sei individuell, während es doch nur eine gespielte Rolle ist, in der die Kollektivpsyche spricht. [...] Sie ist ein Kompromiss zwischen Individuum und Gesellschaft über das, als was einer erscheint.

Es wäre also einen Versuch wert, sich zu erheben, über die Identifikation mit dieser Maske unserer Persönlichkeit. Nur so nämlich, ließe sich eine Verbindung zu dem herstellen, was man in der Esoterik das »Höhere Selbst« nennt.

Sich über Beschränkungen erheben

Der erste Schritt dazu, wäre sich zuerst einmal bewusst zu machen, dass sich die Persona zusammenfügt, aus unserer äußeren Erscheinung, unserem Namen, unserem Geburtsort, unserem Geburtsdatum und unserer persönlichen Geschichte – kurz: als das, als was wir auch allen anderen erscheinen können. Dessen bewusst, kann man dann ein höheres Selbst voraussetzen, dass, in dieses existenzielle Konglomerat eingefügt, existiert.

Als Nächstes gilt es zu versuchen, wie von einer höheren Warte aus betrachtet, die eigentliche Persönlichkeit in ihrem Handeln zu beobachten. Doch nur beobachten und nicht beurteilen! Dann nämlich kann sich das beobachtende Selbst auf ein höheres Niveau als die Persönlichkeit begeben, da es sich zu lösen beginnt aus allem Gut und Schlecht, aus den Verstrickungen in vergangene Erinnerungen, aus Befürchtungen vor Zukünftigem, aus den Verhaftungen mit einem Ich oder einer Abgren- zung zum Du. Zusammengefasst könnte man sagen, dass ein so bewusst gewordenes Selbst, sich letztendlich ja über seine Todesangst erhoben hat, um sich dem Wesen seines Seelenkerns zu nähern.

Ein Beispiel: Sie machen einen kleinen Spaziergang und stellen sich dabei vor, wie ihr Höheres Selbst ihren Körper »ausführt«, statt sich mit dem laufenden Leib zu identifizieren. Ihr physischer Körper ist (nur) das Fahrzeug, das ihr Höheres Selbst steuert. Es gehört nicht zu ihrem Körper, sondern der Körper ist Besitz des höheren, beobachtenden Selbst, ist sein Diener. Das bedeutet, dass man nach und nach lernt, das beobachtende Selbst, nicht mehr mit dem sich abgefundenen Ich des Körperlichen zu identifizieren. Eher geht es in der Entfaltung eines höheren Bewusstseins darum, allmählich von Stufe zu Stufe immer weiter zu wachsen – vorausgesetzt, man löst sich von äußeren Dingen und von der Angst vor dem Tod.

Wir haben Gedanken, doch wir sind nicht unsere Gedanken

Der englische Religionsphilosoph Alan Watts (1915-1973) schrieb über diesen Aufstieg des beobachtenden Selbst Folgendes:

Es ist sowohl die Fähigkeit unser normales Alltagsbewusstsein zu bewahren, als es dabei auch gleichzeitig loszulassen. Sprich, man beginnt, ganz unbefangen, den Gedankenfluss im Auge zu behalten, all die Eindrücke, Gefühle und Erfahrungen geistig zu erfassen, die unentwegt unser Bewusstsein zu durchströmen versuchen. Statt aber die Gedanken zu kontrollieren und in den Gedankenstrom einzugreifen, lässt man sie so fließen, wie es einem gefällt. Normalerweise wird das Bewusstsein von diesem Gedankenstrom mitgerissen. Darum wäre es wichtig zu lernen, über diesen Gedankenstrom zu wachen, ohne dass er das Bewusstsein erfasst.

Vier Ebenen des Bewusstseins

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begründete der griechisch-armenische Esoteriker und Abenteurer Georges I. Gurdjieff (1866-1949) ein spirituelles System, das Menschen helfen sollte eine »innere Evolution« anzustoßen. Gurdjieff sprach hier von einem »Vierten Weg« der einem Menschen helfen sollte diese innere Entwicklung des Bewusstseins anzustoßen. Dabei ging es ihm um vier Bewusstseinszustände:

  1. Der niedrigste Zustand dieser vier Entwicklungsstufen war für Gurdjieff der Schlaf.
  2. Den normalen Wachzustand, von dem die meisten Menschen glauben, er sei freies Bewusstsein, war für Gurdjie nichts weiter, als nur ein anderer Zustand des Schlafs. Denn was einen da wach hält, sind die in der Tiefe der menschlichen Psyche brausende Leidenschaften, vielleicht etwa mit dem vergleichbar, was der österreichische Psychologe Sigmund Freud (1856-1939) als das »Es« bezeichnete.
  3. Manche Menschen aber sind fähig, wahre Bewusstheit zu erfahren. Doch meist nur in kurzen Augenblicken. Das passiert wenn die verkrusteten Schichten der Persona (Maske der Persönlichkeit), an manchen Stellen abzuplatzen beginnen. In diesem Zustand erfährt man eine Art Erinnerung an das, was man das »Wahre Selbst« nennen könnte. Doch damit gehen auch Gefahren einher, da nicht jeder diesem »erwachten Gewahrsein« gewachsen ist.
  4. Der höchste Zustand ist vollkommene Erleuchtung, wo der »Erwachte« sich und die Dinge so sieht, wie sie tatsächlich sind. Es ist, was die Buddhisten den Samadhi-Zustand nennen, wo das beobachtende Selbst mit dem Atman, dem jedem Menschen innewohnenden göttlichen Funken, vereint wahrnimmt. Jeder Wunsch über Dinge oder andere Personen zu Urteilen verschwindet damit und wird überflüssig.

Um diese letzte Stufe zu erreichen, müsste ein Übender, so Gurdjieff, zuerst ein Bewusstsein in der 3. Stufe entwickeln. Das ist sicherlich ein längerer Weg. Denn man muss sich mit den Bewusstseinskräften, die in diesem Zustand wirken, erst vertraut machen, da sie zum »normalen Wachzustand« der 2. Stufe, eigentlich keine direkte Verbindung haben. Menschen die entweder sehr sensibel sind oder zu eifrig versuchen sich auf diese Stufe zu erheben, laufen durchaus Gefahr den Verstand zu verlieren.

Befreiung des Emotionskörpers

Fest steht, dass die meisten Menschen auf unserem Planeten, da sie vielleicht auch nie von diesen höheren Zuständen des Bewusstseins hörten, nur ganz gelegentlich, vielleicht in besonders schwierigen Lebenssituationen, eine solche höhere Bewusstheit plötzlich in sich aufsteigen fühlen.

Wer sein beobachtendes Bewusstsein diszipliniert, wird allmählich dazu befähigt, seine Gefühle zu kontrollieren und sich dabei eines feinstofflichen Leibes bewusst zu werden, der sich aus seinen Emotionen und Empfindungen zusammensetzt. Das ist der Emotionskörper.

Selbstbetrachtung ist ein sehr geeignetes Werkzeug, sich seine höheren Daseinsformen bewusst zu machen und die inneren und äußeren Muster zu erkennen, die einen Menschen seinem wirklichen Daseinsgrund näher bringen.

Darum geht es: Die Erfüllung unseres wahren Seins auf diesem Planeten zu verwirklichen. Wenn nicht in dieser, dann vielleicht in unserer kommenden Inkarnation – wo und was immer das sein wird.

Wichtigste Voraussetzung aber, um solch höheres Gewahrsein überhaupt zu erlangen, sind eine positive Lebenseinstellung und die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln, für alles Leben in dieser Welt. Dabei ist es wichtig immer wenn man wütend über etwas ist, sich nicht mit den dabei aufsteigenden, negativen Emotionen zu identifizieren, noch sich von ihnen mitreißen zu lassen. Die Kunst ist es, solche Gefühlsbewegungen von einer anderen Warte aus zu beobachten. So kann es sogar gelingen sich von solchen Emotionen zu lösen und sie nicht weiter anzufeuern, noch bevor sie überhandnehmen.

Ärger, Sorgen, Hass und Wut entstehen aus den Problemen der Persönlichkeit eines Menschen. Sie als solche zu entlarven heißt, sich seinen Emotionskörper bewusst zu machen, ihn mit Hilfe des beobachtenden Selbst zu erkennen, doch sich nicht mit ihm zu identifizieren. Wem das gelingt, der kann Negativität durch selbst erzeugte Hochgefühle ausgleichen, innere Blockaden überwinden und sich dabei über bisher unbewusste Schranken erheben. Er befähigt sich damit, seinen Emotionskörper in Balance zu bringen und so auch zu heilen. Wie von selbst wird er damit die inneren und äußeren Widersacher seiner Persönlichkeit bezwingen und für mehr Glücksempfinden in seinem Leben sorgen.

Immer also wenn einen belastende Empfindungen und negative Gefühle plagen, kann man sich sagen:

Ich empfinde diese Emotionen, doch ich bin mehr als meine Emotionen: Ich bin grenzenloses Bewusstsein, ewig und frei.

 

Sieben Tage auf dem Berg Athos

von S. Levent Oezkan

Wandgemälde auf dem Athos - ewigeweisheit.de

Seit mehr als tausend Jahren leben und beten christlich-orthodoxe Asketen auf dem Heiligen Berg, dem »Agion Oros«, wie ihn die Griechen nennen. Vor langer Zeit entstand hier das, woraus einmal die Mönchsrepublik Athos werden sollte.

Über zweitausend Meter erhebt sich der Berg Athos, auf dem östlichen Finger der griechischen Halbinsel Chalkidikí. Viele Mönche und auch Eremiten leben hier auch heute noch in beschaulicher Praxis meditierend und in praktischem Dienst ihren täglichen Aufgaben nachkommend.

Zu letzterer Praxis der Mönche auf dem Athos gehört das Kochen ebenso, wie die Arbeit im Garten, die jährliche Weinlese, Handwerksarbeiten, doch vor allem die Kunst der Ikonenmalerei und das Verfassen und Bearbeiten spiritueller Texte. Meist ist der Handelnde während dieser Tätigkeiten in seinem Tun allein, wenn dabei auch in Gemeinschaft.

Allein sein und Mönch sein an sich aber bedingen einander. Bereits die etymologische Wurzel des Wortes »Mönch« weist darauf hin: sie stammt vom griechischen »monos«, dem Alleinsein eben. Und doch findet ein besonderes Zusammensein der Mönchsgemeinde statt, im Gottesdienst, den gemeinsamen Speisen und besonderen Unterredungen.

An diesem gemeinschaftlichen Geschehen in einem griechisch-orthodoxen Kloster wollte ich einmal teilnehmen und bat darum einen guten Freund aus Athen, mich auf seine Reise zum Berg Athos mitzunehmen.

Heilige Berge Griechenlands

Auf der seit Langem bestehenden Zuglinie, die den südlich Athens gelegenen Hafen Piräus verbindet mit der thrakischen Stadt Thessaloniki im Norden Griechenlands, begann unsere Pilgertour zum Heiligen Berg. Die Bahn passierte auf der etwa sechsstündigen Fahrt auch zwei andere Berge, die im Alten Griechenland eine wichtige Rolle spielten.

Die Bahnlinie führt an dem im Westen befindlichen heiligen Berg Parnass vorbei, wo sich einst die Pilger zum Orakel von Delphi begaben. Und als wir nach etwa drei Stunden, nördlich Athens, die Tiefebene Larissas durchquert hatten und sich vor uns die Landschaft in den Thermaischen Golf öffnete, begann sich, ebenfalls westlich der Zuglinie, der gigantische Olymp zu erheben. Der Sage nach versammelten sich auf seinem Gipfel die olympischen Götter, von wo aus sie sich auch aufmachten, um gegen die verfeindeten Giganten zu kämpfen.

An der Pforte zum Himmel

Erst als es schon dunkel war kamen wir an in Thessaloniki: der einstigen Heimatstadt Alexanders des Großen. Nachdem wir unsere nächtliche Bleibe bezogen hatten, begaben wir uns zum Abendessen in eine nahe gelegene Taverne.

Am nächsten Morgen um 4:00 Uhr schon ging die Reise weiter. Auf einer etwa dreistündigen Fahrt schlängelte sich unser Bus durch die Serpentinen des Gebirges von Aristotelis, auf der östlichen Chalkidiki. Aus qualmenden Schloten breitete sich ein hölzern duftender Rauch aus über den Häusern der Bergdörfer, die unser Bus durchfuhr. Vom Licht der Morgensonne korallenrot gefärbt, gab der Kaminrauch eine fabelhafte Ergänzung, zu den im bläulich-grauen Morgenlicht erscheinenden Gebäuden der Dörfer.

In meinem noch halbschlafähnlichem Zustand kam mir das vor als verließen wir unser von weltlichen Sorgen geplagtes Diesseits, um bald die »Himmlische Stadt« zu erreichen: Ouranopolis. Von hier nämlich sollte unsere Fähre auf den heiligen Berg Athos starten.

Wir hatten in Ouranopolis noch eine Stunde Aufenthalt, wo wir in einem kleinen Café sitzend auf den fast achthundert Jahre alten, riesigen Wehrturm »Prosphorion« blickten, dem Wahrzeichen von Ouranopolis. Sein großes, moosbedecktes Dach nutzten die Möwen als Treffpunkt, bevor sie abhoben, um die Fähre zum Berg Athos zu flankieren. Ein nahegelegener Platz mit dem Titel »Phosphorion« gab diesem Monument wohl seinen Namen, der aufgrund einer Legende entstand: die Wächterin der Tore zwischen den Welten, die mythische Göttin Hekate, beschien als Lichtträgerin (griech. »Phosphoros«) den Ankömmlingen den Übergang vom Heiligen Berg ins Diesseits, mit dem Licht ihrer magischen Fackel. Nicht zufällig ist darum auch einer der Beinamen Hekates »Ourania«: die Himmlische.

Die Entstehungslegende vom Berg Athos

Den Neuplatonikern galt Hekate als Verkörperung der Weltseele, aus der die Seelen der Menschen entspringen und in die sie mit dem Tod zurückkehren. Sie sahen in ihr die Mittlerin zwischen der Menschenwelt und der Götterwelt. Drum kaum ein Zufall, wenn Hekate eben in jener Legende von Ouranopolis auftaucht, um die Seelen der Reisenden mit ihrer Fackel zu leiten.

Hekate aber kämpfte auch an Seiten der Olympier gegen die Giganten. Einer unter ihren Feinden trug den Namen »Athos«. Während dieser mythischen Schlacht, brach da auf einmal aus den Meerestiefen ein riesiger Berg empor. Der olympische Poseidon griff danach und warf ihn auf den Giganten Athos, der darunter begraben starb. So kam der Heilige Berg zu seinem Namen.

Nun verehrte man in alter, vorpatriarchaler Zeit die Hekate als »Magna Mater«: Sinnbild der großen Muttergöttin. Das dürfte alle aufmerken lassen, die wissen, dass auf dem heiligen Berg Athos ja allein die christliche Mutter Maria verehrt und »sonst keiner anderen Frau Zugang gewährt wird. Als sich nämlich, laut Legende, Maria in Begleitung des Evangelisten Johannes, vor etwa 2000 Jahren, von Jaffa aus nach Zypern begeben wollte, um dort den Lazarus zu besuchen, kam ihr Boot vom Kurs ab und sie landeten auf dem Athos. Es war schon damals ein Ort der von Weisen bewohnt war, die Mitglieder, sagen wir, schamanisch geprägter Kulte waren.

Mutter Maria die heilige Halbinsel betreten, fand so großes Gefallen an der Schönheit dieses Ortes, dass sie den Athos segnete. Darauf sprach sie zum Christus, ihrem himmlischen Sohn, und bat ihn um den riesigen Garten der hier vor ihr blühte. Aus dem Himmel erwiderte eine Stimme:

Sei dieser Ort dein Erbe und dein Garten, ein Paradies und ein Zufluchtsort des Heils für jene die errettet werden wollen.

- Zitiert nach Gregorios Palamas

Drum nennen die Mönche den Heiligen Berg Agion Oros auch »Perivóli tis Panagías«, Garten der Gottgebärerin. Ein Mönch vom Athos, Vater Mitrophan, schrieb dazu:

Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch wieder, durch die Gottesmutter Maria, sind alle anwesend.

- Pater Mitrophan, in einem Beitrag zum Buch »Athos-Impressionen« von Johann Günther

Es ist aber wohl auch zu vermuten, dass dieser Ort seit 1000 Jahren ein »Männerberg« ist, da die Mönche dort von optischen Reizen unbeeinflusst leben wollen, um sich in Ruhe der Gottesverehrung zu widmen. Das der Ort nur männlichem Leben vorbehalten ist beschränkt sich im Übrigen auch auf die dort lebenden Tiere – mit Ausnahme der Katzen.

Kloster Maroudá auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Das kleine Kloster Maroudá auf dem Berg Athos.

Maroudá – Kloster der kleinen Maria

Wartete nun die sagenhafte Göttin Hekate mit ihrer Fackel tatsächlich in Ouranopolis, um den Schiffsführern Orientierung zu geben? Zumindest will es so die Legende. Wahrscheinlich aber brannte auf dem alten Wehrturm Prosphorion ein Feuer, dass jenen leitenden Zweck erfüllte und auf das außerdem auch die Passagiere auf der Fähre zurückblicken konnten, wenn ihr Boot von dort aus auf die Westküste des Athos zusteuerte. Es glich wohl einem Blick zurück ins Diesseits, auf dem Weg in ein symbolisches Jenseits. Einen Zugang zu Lande nämlich gibt es nicht.

Auch unsere Fähre schiffte uns von Ouranopolis aus durch den Singitischen Golf zum Berg Athos, wo sich hinter Wolken verborgen sein zweitausend Meter hoher Gipfel verbarg. Es regnete nämlich in Strömen.

Das kleine Schiff legte pünktlich ab, mit all seinen nasstriefenden Passagieren. Ein internationales Pilger-Publikum wie mir schien, wo sich in schwarze Habite gehüllte, langbärtige Mönche mit fragenden Gläubigen umgaben, mit denen sie mal griechisch, mal russisch, serbisch und wie mir schien auch englisch sprachen.

Der Seegang war gewaltig. Sich auf Deck von hier nach dort zu bewegen war ein echter Balanceakt, denn das Boot schien sich beinahe zu überschlagen. Trotzdem genoss ich die Fahrt, ja vielleicht eben genau wegen des so abenteuerlichen Seegangs.

Nach etwa zweieinhalb Stunden landeten wir schließlich in Dafni, dem winzigen Hafen unweit von Karyes – der Hauptstadt der Mönchsrepublik.

Bis auf den letzten Platz besetzt, brachte uns von Dafni aus ein brummender, schnaubender Bus auf schottrig befestigter Strecke zuerst nach Karyes, von wo aus wir mit einem anderen Bus in unser kleines Kloster kamen, gelegen auf etwa 400 Metern über dem Meet. Auf dem Schild am Eingang des Kloster laß man seinen Titel »Maroudá«. Eigenartig nur, dass sich darüber der echte Totenschädel eines Wildschweins befand: Wie mir schien ein durchaus schamanisch anmutendes Totem, über diesem Eingangschild des Klosters.

Es regnete weiter in Strömen. Blitzend krachte Donner dazwischen und der stürmische Wind machte unseren kleinen Schirm bald über-flüssig. Doch auch in dem neblig-dunstigen Regenstrom, mutete das Kloster wirklich schön an: Seine Mauern und Wände rot und dunkelgrün, seiner Architektur nach gewiss ein Ort, der auch eine Klause chinesischer Taoisten in Fernost hätte sein können. Auch das Arrangement der Treppenaufgänge, und der Rundgang um die im Innern des Kloster gesenkte Kirche, erinnerten wirklich an fernöstlichen Baustil.

Im Gespräch mit dem Abt

Normalerweise halten sich die Pilger auf dem Athos drei Tage und drei Nächte auf, bevor sie die Rückreise antreten. Vater Makarios aber, der Abt des Klosters Maroudá – ein ausgesprochen lebhafter Mann mit schimmernd-grünen Augen – gestattete mir so lange zu bleiben wie ich will. Nie zuvor hatte er mich gesehen und erst eine Woche war vergangen, dass er mir die Einreise auf den Athos gestattete.

An einem der Abende saßen wir nach dem Essen bei einem Glas Tee zusammen, während Vater Makarios seinen dicken schwarzen Kater kraulte, der bei ihm schnurrend auf dem Schoß lag. Ein außergewöhnlich altes Tier mit sonderbarer Ausstrahlung, dessen Blick aus seinen dunklen Augen, so kam es mir vor, tatsächlich in mich hineinsah. Hätte der Kater plötzlich angefangen zu sprechen, es hätte mich kaum überrascht.

Wir redeten zuerst über dies und das. Unweigerlich kamen wir aber zum Thema Glauben und Wissen und als ich dabei Vater Makarios auch meinen besonderen Dank für seine große Gastfreundlichkeit ausdrückte, meinte er:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit. Denn darin liegt wahre Liebe.

Ich wusste erst nicht genau was er damit erwidern wollte. Doch langsam wurde mir seine ganz und gar einfache, doch tiefgründige Bemerkung bewusst.

In unserem weiteren Dialog bestätigte er mir, dass die meisten Menschen an nichts mehr glauben wollen, als die Nachrichten, die sie über ihre in Händen funkelnden Mobilgeräte wischen. Er teilte mit mir die Einsicht, dass sich die digitale Technologie zunehmend zwischen uns Menschen dränge, wo viele eine Kommunikation über diese »Endgeräte« einer echten Unterhaltung immer mehr zu bevorzugen scheinen. Man sieht häufig Jugendliche, die schweigend nebeneinander sitzend, sich dies und das auf ihren kleinen Taschencomputern zeigen.

Doch selbst wenn das manchen, oberflächlich betrachtet, als ein vielleicht etwas überzogener Einfall vorkommen mag, muss doch jeder zugeben, dass wir uns schon ganz und gar damit abgefunden haben, dass fast alle von uns immer auf dem Laufenden sein wollen, viel schneller Orte finden möchten die wir suchen, sich automatisch erinnern zu lassen gewohnt sind, schönste Eindrücke von hier, dort und anderswo sofort teilen zu wollen, immer weniger an Kassen zu warten bereit sind und so viele andere Bequemlichkeiten, die uns die moderne Technikwelt einräumt, doch irgendwie auch einbläut.

Vor dem Hintergrund aber dass diese pfiffigen Geräte nur leuchtend betätigt werden können, sind die Menschen auch zu Lichtträgern geworden. Nicht aber etwa wie die oben genannte Hekate, die anderen den Weg beleuchtet, damit sie auch ihr Ziel erreichen. Eher scheint die alltäglich gewordene »Selbstbeleuchtung« wie es scheint, jegliche Selbstbeweihräucherung überflüssig zu machen, wo in sozialen Medien oder mit dem blendenden Ding in der Hand, man ja auch ganz selbstverständlich auch zu Bett geht.

Als mir das zum ersten Mal bewusst wurde, kam ich allerdings zu einer ziemlich schaurigen Einsicht. Denn spricht man die lateinische Variante des Wortes »Lichtträger« aus: bleibt da nicht ein bitterer Nachgeschmack?

All die Lichterscheinungen der modernen Technikwelt hinterlassen bei mir den Eindruck, als schmeichelten sie unseren Egos heute so sehr, dass wir sie doch nur aus Gründen einer angenommenen Selbstinszenierung, nur immer noch mehr füttern wollen. Fragt sich: Wo nachdem wir sie eingetippt haben, landen all diese persönlichen, emotional geladenen Informationen eigentlich sonst noch so?

Sehen mit dem Auge des Herzens

Es ist sicher angebracht sich irgendwann vom eigenen Ego zu trennen, auch wenn das manchen unmöglich erscheinen will. Unser Ego erfüllte sicher seinen Zweck, als wir noch Kinder waren. Doch es verhärtete immer mehr, bis es im Erwachsenalter einem festen Mörtel zu ähneln begann, der unsere Seelen allegorisch an unseren Körper kittet. Darum: Erst wenn unser Ego gebrochen wird, kann sich unsere Seele lösen, um sich dem Auftrag unseres wahren Selbst zuzuwenden. Alle unliebsamen Pflichten von einst, könnten damit bald der Vergangenheit angehören.

Vielleicht stimmten Sie der Behauptung zu, dass wir gegenwärtig Teil einer Zivilisation sind, in der sich das Visuelle immer mehr zum ultimativen Erfahren entwickelt. Und es ist genau das, was auch auf unser inneres Leben zurückzuwirken scheint.

Darüber dachte ich an einem der Nachmittag nach, als ich in der kleinen Bibliothek des Klosters Maroudá gerade das neue Testament zur Seite legte. In den Paulusbriefen stieß ich auf diesen Vers:

Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke.

- Epheser 1:18f

Ich kannte dieses Sinnbild vom Auge des Herzens bereits. Doch es schien mir, als äußerte diese Bibelstelle des Epheserbriefs noch mehr, als nur reine Bildsprache.

Einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike, der Heilige Augustinus von Hippo (354-430), wusste um eine Kraft, die eben über jenes Sehen mit dem Auge des Herzens, dem so Sehenden zuteil wird. Aus ihr nämlich wird eine spirituelle Aufnahmefähigkeit befeuert, deren spirituelles Licht den Praktizierenden zu einer »mystischen Schau« leitet. In diesem Erfahren kann er sich dann, des in ihm existierenden göttlichen Ichs gewahr werden. So soll sich der Sehende letztendlich erfreuen dürfen, an einem Finden der Gestalt der Weisheit an sich.

Doch es ist damit kein intellektuell fassbares Sehen gemeint, als eher das Empfinden des Wahrhaftigen, das etwa der selben Tatsache entspricht, wie auch dass unsere Herzen schlagen. Ab einem gewissen Entwicklungsgrad, den jeder Gläubige entwickeln kann, beginnt sein Herz bewusst zu schlagen, ohne dass er sich daran explizit erinnern müsste. Es ist eben keine Kopfsache auf die hier angespielt wird. Vielmehr geht es um einen belebenden, vollkommen gedankenlosen Vorgang, der jedoch die Gabe fördert wahrhaft lebendig zu sein.

Augustinus wusste um diese Tatsache. Und doch wies er seine Glaubensbrüder ebenfalls darauf hin, dass niemand seine äußeren Pflichten dafür vernachlässigen dürfe oder gar, in solch spirituellem Erfahren, sich allmählich vollkommen der Welt entfremde und dabei am Ende noch verwahrlose.

Auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Im Kloster Koutloumousiou (Athos)

Kyrie Jesu Christe Eleyson

In einer unentwegten spirituellen Praxis nun haben manche der Mönche auf dem Athos tatsächlich höhere Fähigkeiten entwickelt. Ganz gleich welcher weltlichen Aufgabe sie auch nachgehen: pausenlos befindet sich ihr Geist im Gebet – doch weniger in Gedanken, als dass sie diese Geistigkeit wirklich in ihren Herzen empfindend, als das Kyrie Eleyson, das Herz-Jesu-Gebet wiederholen:

Kyrie eleyson.
Kyrie eleyson me.
Kyrie Jesu Christe eleyson.
Kyrie Jesu Christe eleyson me.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson me.

Herr erbarme Dich.
Herr erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus erbarme Dich.
Herr Jesus Christus erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich meiner.

In unentwegtem Beten versuchen die Athos-Mönche dabei eine innere Ruhe zu erlangen, die der Seele vollkommenen Frieden bringen soll. Während sie obige Verse ständig wiederholen, verwenden sie zur Steigerung ihrer Konzentrationsfähigkeit eine besondere Atemtechnik, während sie sich dabei auf ihren Nabel konzentrieren.

Wie mir ein anderer Mönch auf dem Athos erzählte, seien manche seiner Glaubensgefährten gar dazu fähig das Kyrie Eleison in ihrem Herzen selbst dann betend kreisen zu lassen, während sie sich in Unterhaltung mit anderen befinden. Ihrem Gegenüber vermitteln sie dabei jedoch subtil eine tiefe Demut, ja Ergebenheit – etwas, dass sich doch eigentlich jeder wünscht der über sich spricht oder Antworten auf seine Fragen sucht.

Indes zurückgezogen praktiziert, soll der Mönch im Herz-Jesu-Gebet zu einem Erleben göttlicher Gnade gelangen, was ihn zur Wahrnehmung eines mystischen Lichts führt, worin Gott selbst anwesend und sichtbar sein soll. Welche innere, esoterische Bedeutung dieses Licht hat, darauf wollen wir im Folgenden Antworten finden.

Mystisches Tabor-Licht

Seit dem 9. Jahrhundert beten und arbeiten christlich-orthodoxe Mönche auf dem Athos. Unter ihnen befinden sich auch Mitglieder des Hesychasmus, einer Form christlich-orthodoxer Spiritualität, die in ihrer Praxis jemanden zu wahrhaft gottergebener Gelassenheit leiten möchte. Im Mittelalter bildeten die Klöster und Einsiedeleien auf dem Berg Athos das Zentrum des Hesychasmus, von wo aus sich diese spirituelle Tradition in den nördlichen Balkanraum und bis nach Russland ausbreitete.

Die heychastischen Mönche suchen nach einem im Herzen empfundenen inneren Frieden und gelten in dieser Praxis gewissermaßen als »Mystiker der Ostkirche«. Ähnlich ihrer christlichen Zeitgenossen im Westen (darunter etwa Bernhard von Clairvaux oder Hildegard von Bingen) meditierten die ersten Mönche auf dem Athos, um darin einen Zustand vollkommenen Seelenfriedens zu erlangen, was man nun eben »Hesychia« nennt: ein Zustand vollkommenen Glaubens, der in eine Freiheit mündet, woraus sich der meditierende Mensch aus allen störenden Vorstellungen und Begierden erlöst.

Auf ihrem Weg zur inneren Erkenntnis des Göttlichen, üben sich die Heychasten zuerst in Askese, wobei sie ihre Leidenschaften zu überwinden lernen, um schließlich die christlichen Grundtugenden einzuüben. Ihr Ziel ist ihr triebhaftes Leben souverän beherrschen zu lernen, um so ihre Seele zu reinigen. Hernach betrachtet so ein Mönch in Hesychia (griech. auch: »Ruhe«) die Natur der göttlichen Schöpfung und ihren religiösen Symbolgehalt, um so die Welt in neuem Licht zu erkennen.

Auf der höchsten Stufe dieser spirituellen Entwicklung des Selbst, ereignet sich schließlich das Schauen Gottes in jenem zuvor bereits angedeuteten mystischen Licht, was einhergeht mit tief im Innern empfundenem Frieden und vollkommener innerer Ruhe. Das ist ein Erfahren, dass sich jenseits aller rationalen Vorstellungen ereignet – jenseits allen diskursiven Denkens, wo sich ja in unserem Geist, von ständiger Bewegung befangen, ein gedachter Satz an den nächsten heftet. Endet das diskursive Denken jedoch, können seinen Platz Visionen und intuitive Anschauungen einnehmen. Und in eben diesem höheren Zustand der Erkenntnis, gelangt der Mönch in seiner kontemplativen Praxis zur Wahrnehmung dessen, was die Hesychasten die Vision des ungeschaffenen Tabor-Lichts nennen.

»Tabor« steht darin für den Namen eines Berges im Jesreel-Tal (Galiläa), wo der Christus in mystischem Licht verklärt den drei Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes erschien. Schon im Altertum war dieser Berg eine wichtige Kultstätte, wo man lange auch den blitzwerfenden Fruchtbarkeitsgott Ba'al verehrte.

Als der wichtigste Gelehrte des Hesychasmus nun gilt der byzantinische Theologe Gregorios Palamas (1296-1359). Er beschrieb die visuell-mystische Erfahrung, die einer im Herz-Jesu-Gebet erfährt, als das »Schauen des Tabor-Lichts«. Es ist dabei aber keineswegs die Wahrnehmung gewöhnlichen, physischen Lichts gemeint. Statt dessen vernimmt der Schauende dies als ein inneres Leuchten, entbunden aus der »ungeschaffenen Energie Gottes«. Dennoch wird auch damit nur beschrieben worum es geht, denn letztendlich muss man jenes mystische Licht selbst geschaut haben, um zu wissen was die dabei gemachte Erfahrung zu Tage bringt.

Wichtig ist, dass Palamas auch der Körper des Menschen zu Gotterkenntnis befähigt galt, nämlich dann wenn der Praktizierende in seinem Herzen das Herz-Jesu-Gebet ausübt. Das Fleisch soll dabei zu einer Würde erhoben werden, die der des Geistes nahe ist, denn unter diesem Eindruck soll der Körper seine Neigung zum Bösen aufgeben. Durch die hesychasitsche Praxis aber strebt einer danach seinen Körper zu heilen und auch dabei zur Vergöttlichung zu führen.

Eine Reinigung allein des Gemüts war für Palamas jedoch unzureichend. Eher sollte durch diese Art spiritueller Reinigung des Körpers, jemand die von ihm ersehnten spezifisch körperlichen Vergnügen vermeiden lernen, die ja die Seele durch angenehme Empfindungen beeinflusst.

Aus Sicht anderer orthodoxer Theologen mag diese Praxis jedoch erscheinen, als versuche jemand spirituelle Ergebnisse herbeiführen zu wollen und so etwa die göttliche Gnade herbeizuzwingen. Palamas und anderen Hesychasten ging es keineswegs darum. Vielmehr war ihnen in ihrer kontemplativen Praxis daran gelegen, die unerlässliche Konzentration auf Gott zu bewahren.

Gregorios Palamas sah im Gebet in erster Linie eine bewusste Geschäftigkeit des Menschen, der damit gegenüber dem Göttlichen seine Dankbarkeit ausdrücke, als etwa nur Gott zu etwas bewegen zu wollen. Vielmehr erhebe sich der Beter durch die hesychastische Form der Kontemplation zu Gott, was er im Sehen des Taborlichts in Wirklichkeit gar nicht erstrebte, als es vielmehr, demütig wahrgenommen, allem Sein ergeben zur Verfügung stellen will.

Vater Makarios (Kloster Maroudá, Athos) und S. Levent Oezkan - Foto: Konstantinos Stavropoulos – ewigeweisheit.de

Vater Makarios, der Abt des Klosters Maroudá, (Berg Athos) und S. Levent Oezkan (Foto: Konstantinos Stavropoulos).

Die eucharistische Liturgie der Ostkirche

Es muss aber keineswegs eine so explizite Form kontemplativer Praxis vorausgesetzt werden, um sich dem zu nähern, was wohl allen gläubigen Menschen als Ziel gelten könnte. Darum wäre es auch falsch anzunehmen es würde hier behauptet, dass nur einer der die hesychastische Praxis des Herz-Jesu-Gebets übe, dazu befähigt sei die Bedeutung dessen zu erkennen, was man eben als Gott beziehungsweise die spirituelle Welt als solche bezeichnet.

Meine eigene Hinwendung zur christlichen Theologie und der in der Ostkirche vollzogenen liturgischen Dienste, war der Versuch solch geartete Erkenntnisse ohne explizite Übungen zu machen. Vielmehr wollte ich das in der orthodoxen Liturgie erfahrbare Christus-Mysterium als solches betrachten. Aus diesem Grund hatte ich täglich an den beiden Gottesdiensten auf dem Kloster Maroudá teilgenommen: Einer begann früh morgens, der zweite vor dem Abendessen. Beide Dienste zogen sich manchmal bis über zwei Stunden.

Die Morgengebete aber unterschieden sich von den abendlichen insofern, als dass sie nur in Anwesenheit des Priesters durchgeführt werden konnten, was für die Abendgebete nicht zwingend notwendig ist, da dort nicht die Eucharistie gefeiert wird – das was man im Westen die heilige Kommunion nennt.

Von byzantischem Gesang begleitet, schienen sich vor mir gleichnishaft Abendmahl, Passion und die Wiederkehr Christi abzuspielen und die als Chorgebet gesungenen Melodien strahlten eine transzendente Kraft aus.

Diese Liturgie feiern die Mönche auf dem Athos an 365 Tagen im Jahr, wenn auch der Ablauf variiert, je nach Wochentag oder entsprechendem Feiertag (im orthodoxen Christentum ist vor allem Ostern von Bedeutung). Was man darin aber erfährt (natürlich auch anderswo) empfand ich als wahrlich wundersames Ereignis, an dem alle Sinne des Körpers miteinbezogen wurden: die Augen durch die Positionen der aufgestellten Kerzen, die die überall aufgestellten Ikonen anstrahlten, die Ohren durch die inspirierenden Melodien der Gesänge, das Gemüt durch die darin formulierten biblischen Erzählungen und Berichte über Christus, die Propheten und die Heiligen, sowie der Geruchssinn durch das vom Abt zubereitete Räucherwerk. Vater Makarios verstand tatsächlich Duftmischungen des Weihrauchs zuzubereiten, die mich und scheinbar auch die anderen Anwesenden in eine vollkommen andere Stimmung versetzten.

Auch die Lippen der Gläubigen werden auf einzigartige Weise in das Geschehen mit einbezogen: Beim Betreten des Gotteshauses, und dann wieder zum Ende des Geschehens, küssen sie die darin, an der Außenwand des Heiligen Altars platzierten Ikonen.

Mit dem Kosten vom eucharistischen Wein und der Einnahme des geteilten Brotes, der gleichnishaften Aufnahme vom Leib und vom Blut Jesu Christi, ist es der Geschmackssinn der der Heiligen Eucharistie einen besonderen Mysteriencharakter verleiht.

Nicht dass sie damit gleichzusetzen wären, doch die Ähnlichkeiten zwischen den alten Riten der Mysterienkulte und der Abendmahlszeremonie sind in vieler Hinsicht vorhanden, wo ja in den Demeter- und den Dionysos-Mysteriuen etwa Getreide und Wein ebenfalls von herausragender Bedeutung waren. Was die Mysten dabei jedoch erfuhren, sollte durch die spätere Darstellung des Kreuzigungsereignisses im Christentum, in quasi abstrahierter Form wiedergegeben werden. Doch sowohl in den alten Mysterien, wie natürlich auch im Christentum, spielt das Erleben der Vorwegnahme der Todeserfahrung, eine zentrale Rolle. Vielen Christen aber ist das gar nicht bekannt, zumal sie sich der darin enthaltenen Symbolik, höchstens mitleidig betrachtend, gar nicht bewusst sind, wo sie doch eigentlich das darin vermittelte Mysterium als Vorbild für ihren eigenen, spirituellen Lebensweg erkennen könnten.

Was ich in den sieben Tagen dort im Kloster Maroudá von dem ziemlich eigenartigen Abt Vater Makarios jedoch vermittelt bekam, ähnelte durchaus einer Einweihung, auch wenn ich doch selbst gar kein Christ bin. Doch der Ort, der Heilige Berg Athos, schien vielleicht von seiner geomantischen Struktur her zu dieser wohl mysterienartigen Erfahrung beigetragen zu haben.

Glauben ohne zu wissen - Gewissheit ohne zu vermuten

Fest steht: insbesondere in den morgendlichen Gottesdiensten hatte ich den Eindruck als verstünde ich allmählich was es so auf sich hat, in Bezug auf das Religiöse, was die Wörter Glauben und Wissen, Vermuten und Verstehen, in ihrem Verhältnis zueinander an sich bedeuten könnten.

Natürlich wird mir hier kein Gottesbeweis gelingen, was im Übrigen auch gar nicht meine Absicht ist. Es gibt aber, so empfand ich es zumindest als Anwesender in den Gottesdiensten des Klosters, eine Urtradition, an deren christlichen, rituellen Handlungen ich dort teilgenommen hatte. Und diese überlieferten, rituellen Handlungen bildet, wenn auch zuerst im Geiste, ein mentales Muster – oder besser, eine spirituelle Struktur.

Wenn die Liturgie von der ich sprach, schon einmal von insgesamt 300 Millionen orthodoxen Christen wahrgenommen wurde, dann kann man davon ausgehen, dass die darin vollzogenen spirituellen Handlungen auch auf die Gläubigen übergehen. Jene Priester und Mönche die für diese Handlungen in der Verantwortung stehen, übertragen ihr religiös-spirituelles Denken natürlich auch im Zwiegespräch auf den Gläubigen.

Als ich an den Gottesdiensten teilnahm (wie eben auch schon im Freitagsgebet in einer Moschee oder auch dem Schabbat-Gottesdienst in einer Synagoge in Israel beiwohnte), empfand ich, wie mich eine mystische Kraft durchdrang. Ganz gleich ob das einer »Wahrheit« entsprach oder im Prinzip »nur eingebildet« war, wusste ich doch, dass es in jedem Gläubigen Christen (oder anders gläubigem Menschen) eben genau das auslösen kann, was auch ich empfand.

Mir dünkte jedoch so, als ob es in der Entscheidung eines jeden Menschen liegt, ob er nun glaubt, also eine spirituelle Form in seinem Herzen als gegeben empfindet oder ob er dazu in der Lage ist logisch zu schlussfolgern, dass je mehr Menschen einen regelmäßigen Ritus erleben, wohl freilich auch gemeinsam ein mental-spirituelles Feld erschaffen, dass durchaus eine Eigendynamik entwickeln kann. Was dabei jedoch entsteht, ereignet sich jenseits allen raum-zeitlichen Darstellungsvermögens, auch wenn man immer wieder versuchte wissenschaftliche Beweise zu finden, um dieses Wirken veranschaulichen zu können.

Da wir nun aber alle gemeinsam auf diesem einen Planeten leben, mischen sich dieses Empfinden und die eben angedeutete Eigendynamik, natürlich immer auch mit materiell erwachsenen Unabdingbarkeiten. Diese konzentrieren sich manchmal, in bestimmten zeitlich überschaubaren Entwicklungsphasen unserer Menschheitskultur. Was daraus jedoch an Ergebnissen resultiert, entwickelt sich manchmal zu einem großen Guten. Doch ebenso mächtig ist das, was sich uns weniger günstig zeigt, ja uns manchmal sogar durch unheilvolle Konsequenzen bedroht.

Immer aber ist das was eine entsprechende Aussicht auf positive oder negative Empfindungen liefert, der wahre Glaube, im aktiven Sinne. Zu glauben ist dabei alles andere als ein Vermuten. Es ist nicht die Annahme gemeint, dass es da vielleicht einen Gott oder einen auf Erden herabgestiegenen Gesandten gibt, der unter uns dessen Wesentlichkeit repräsentierte oder an den göttlichen Kern unserer Seele erinnert. Nein. Worauf ich mit dem Gesagten anspiele, ist, dass es auf unserer Erde Orte gibt, die, sagen wir, einen Zugang eröffnen zur Erkenntnis dieser überall gegenwärtigen, wundersamen Parallelität von religiösem Glauben und spirituell-empfundener Wirklichkeit. Denn diese beiden Größen sind wie zwei Pole, die anscheinend nur durch eine dünne Schicht getrennt sind, wo das unsichtbare vom Sein der sichtbaren Welt unterschieden ist.

Auf dem Athos empfand ich diese Schicht jedoch manchmal als so dünn, als so transparent, dass ich den Eindruck bekam als könnte ich ein Dahinter erkennen, das sich jenseits alles Weltlichen befindet.

Berg Athos – ewigeweisheit.de

Der Heilige Berg Athos, in einer Illustration von John Pentland Mahaffy  (1839–1919).

Reflexionen auf meiner Rückreise

Mein letzter Tag war angebrochen und nach der Morgenmesse und dem gemeinsamen Frühstück – das im Übrigen immer aus Kuchen und Keksen bestand – fuhr ich gemeinsam mit anderen Pilgern zum Anleger in Dafni.

Dort hatte ich noch etwa eine Stunde Aufenthalt, setzte mich in die kleine Taverne, um noch einen Kaffee zu trinken. Als ich dort aber wie gewohnt nach Milch fragte, ließ mich der Servierer abblitzen und es fiel mir wieder ein: Auf dem ganzen Athos gibt es keine Milch, da sie doch weiblich ist; die logische Konsequenz dessen also, was auf dem Athos seit nunmehr 1000 Jahren beharrlich aufrechterhalten wird.

Über das und meine anderen Erlebnisse nachsinnend, bestieg ich dann die kleine Fähre zurück ins »Diesseits« nach Ouranopolis.

Das lange Warten beim Anleger in Dafni hatte mir irgendwie auch gut getan, zumal ich meine Rückreise entsprechend entspannt antrat. Denn gezwungen sein nichts zu tun, kann ein andermal auch schrecklich sein. Zeit wird hier aber anders empfunden, auch wenn es, vielleicht nicht auf dem Athos, trotzdem christliche Mönche waren die das Räderwerk und letztendlich die Uhren erfanden, um danach pünktlich ihre Gebete auszurichten. Trotzdem scheint das Thema Zeitempfinden auf dem Agion Oros ein anderes zu sein.

Der kleine, sehr alte Mönch der allein auf der Fähre seine selbst geknüpften Gebetskränze verkaufte, ihn ließ der Fährkapitän als einzigen vom Boot steigen, an einem winzigen Anleger, wo sich nicht viel mehr als nur seine Zelle zu befinden schien. Wir hatten alle viel Zeit.

Möwen umkreisten die Fähre an diesem strahlend sonnigen Tag meiner Rückreise. Fast schon wie die Glieder eines Gebetskranzes gereiht, eskortierten sie unser Boot über das Meer. Als ich mich nach Dafni umdrehte, war da eine runde Wolke, die den pyramidenförmigen Gipfel des Agios Oros umrang. Es war wohl meine selektive Wahrnehmung, die all das für himmlische Zeichen hielt – doch was immer es war: nicht nur sah ich es, sondern eine Gewissheit gab mir das sichere Gefühl, dass sich die Ereignisse der kommenden Zeit entsprechend fügen werden. Da dachte ich wieder an die Aussage des Abts von Maroudá:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit.

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Meditation über das Leben an sich

Meditation über das Leben an sich

ewigeweisheit.de

Seit etwa 1000 Jahren verwendet man in der deutschen Sprache das Wort Leben, um damit zu beschreiben was einem Menschen während seiner irdischen Existenz mitgeteilt wird, von Geburt an bis zu seinem Tod, durch sein Aufnehmen und Abgeben, sein Wachstum und seine Vermehrung, die erfreulichen und weniger erfreulichen Umstände, auf seinem Weg durch Raum und Zeit als Erlebnis, Erfahrung und Erkenntnis seiner Seele.

Vier Angelegenheiten sollten einen hier beim Lesen beschäftigen: der Zeitaspekt dessen was kommt und geht, die Kreisläufe von Werden und Vergehen in Zeit und Unbeständigkeit, das Erfahren von Licht und Finsternis und schließlich die Einflüsse des Ewigen.

Selbst und Gleichheit

Alles ist lebendig. Doch was lebt das stirbt auch. Was lebt durchläuft Werden und Vergehen, wobei sich jedoch ein Teil auflöst. Aber da ist eine Essenz die weder das Eine noch das Andere berühren und worin alles in Einem existiert: Gutes wie Böses, Helles wie Dunkles, Günstiges wie Ungünstiges, Wertvolles wie Schlechtes, Schönes wie Hässliches, Glückliches wie Trauriges, Nützliches wie Unbrauchbares – untrennbar über ein unsichtbares Band ineinander verwoben und miteinander verbunden.

Was in der Welt ist kommt aus der Einheit. Und was daraus sich löste, sich und seinen Ursprung durch sein Geborenwerden entzweite, verfielfältigt sich, bis es in immer kleinere Teile zerfällt und sich dabei auflöst. Was diesen Vorgang jedoch bewirkte bleibt und kehrt wieder zurück zu seinem Ursprung.

Was in der Welt ist wird aus dieser Einheit geboren, nimmt etwas Äußeres an, verwickelt sich und entwickelt sich wieder, spannt sich auf in die Pole des Zeitlichen. Sie aber sind nicht gentrennt, sondern bilden Anfang und Ende in einem Lebenslauf, der entlang der Bahnen eines riesigen Kreises verläuft, wo Ursprung und Ende das Selbe sind, wo gemachte Erfahrungen einen Bogen spannen zu den gesetzten Zielen im Leben eines Menschen.

Dabei sind diese Pole nicht das Selbe.

Die zwei Pole sind wie Original und Spiegelbild, die nicht gleich sind, doch von selber Abkunft. Man denke hier etwa an den Atem. Einatmen und Ausatmen sind verschiedene Vorgänge. Man atmet entweder ein oder aus. Beides gleichzeitig ist unmöglich. Als solche aber sind sie Teil eines einigen Atems, wo jedes Einatmen ein Geborenwerden ist, denn man schließt aus dem Ganzen, der umgebenden Atmosphäre einenen Teil aus und in der Lunge ein.

Sobald das Kind auf die Welt kommt, erlernt es die Fähigkeit zu atmen, um außerhalb des Leibes seiner Mutter leben zu können.

Stirbt ein Mensch ist Ausatmen sein letzter Akt, womit die Luft ausgehaucht und wieder Teil der Atmosphäre wird.

Atem und Seele aber ähneln sich. Denn so wie sich die Lunge einen belebenden Atem für ihren Körper aus der umgebenden Luft "borgt", so "borgt" sich auch die Seele ihre körperliche Hülle, um dereinst wieder an ihren Ursprung zurückzukehren. Doch was in beiden Fällen dahinter steht, ist die göttliche Absicht zu Erfahren. Die Seele kleidet sich in den irdischen Körper um darin zu leben, sich darin zu läutern. Sie gleicht dem Atem Gottes, der in den Körper einzieht.

Der Körper wird geatmet. Denn auch Nachts atmen wir, unaufgefordert. Was bleibt ist die geatmete Luft. Sie ist Lebenssubstanz, ist Essenz unseres irdischen Seins. Nur wenige Minuten können wir leben ohne Luft.

Seele und Atem

Und wenn wir nun sagten, dass der Atem der Seele ähnelt, so bedient auch sie sich einer Essenz, hat einen Wirt: die Weltseele. Sie ist wie der Atem Gottes, der sich in den Gezeiten von Sein und Vergehen der Welt ausdehnt und wieder zurückzieht in das Eine. Der Kreis und der Punkt unterscheiden sich lediglich in ihrer Ausdehnung. Doch der Punkt des Übergangs, vom einen in das andere Sein, vom Maximum des Umfangs in das Minimum des Mittelpunkts, birgt in sich beides: Leben und Sterben, Sein und Entwerden.

Im Wachstum liegt Schmerz, der sich mit dem Gewordensein aber eben an dem eben besagten Übergang, für sein Erleiden in uns, als Schönheit, Freude und Gutes erkenntlich zeigt, dann wieder abnimmt, den Menschen erleichtert und sich sein Sein dabei lichtet, öffnet und erlöst.

In unserem täglichen Leben steht dafür der Gleichmut, der nicht vergleicht und das Sein nimmt wie es kommt, mit seinen erhebenden und seinen mindernden Kräften.

Man achte aber auf diesen erfreulichen Punkt des Übergangs. Jeder Atemzug durchläuft ihn in der Mitte zwischen Ausatmen und Einatmen. Unser ganzes Leben ist davon bestimmt, während des Einschlafens und Aufwachens, jeden Herbst und jeden Frühling im Laufe unseres Lebensjahres.

Werden und Vergehen liegen am selben Punkt wie Ursprung und Ziel, die unser Lebensweg miteinander verbindet. Die Zeit zwischen dem was war und dem was sein wird, bringt dem Leben seine Spannung. Im Jetzt zu leben aber ent-spannt.

 

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra - ewigeweisheit.de

Die nachfolgend geschilderte Zusammenfassung dieser uralten tibetischen Meditationstechnik, soll dem Übenden helfen sich emotional zu reinigen.

Ihre Ursprünge hat diese Methode wahrscheinlich im tibetischen Bön oder hat noch ältere schamanistische Wurzeln. Seit alter Zeit aber meditieren die Yogis und Lamas mittels dieser einfachen aber wirksamen Technik, um sich dabei von den folgenden, sogenannten Geistesgiften (negative Emotionen und Gedanken) zu entledigen:

  1. Wut und Abneigung,
  2. Gier und Anhaften,
  3. Zweifel und Unwissenheit.

Diese drei "Gifte", wie sie im Bön und im Buddhismus genannt werden, bilden einen Antagonismus zu den drei Tugenden:

  1. Leerheit und Klarheit,
  2. Weisheit,
  3. Einheit.

Hierüber kann der Übende meditieren, wobei er sich vorstellt, wie er durch die nachfolgend beschriebene Atemtechnik, sich nach und nach der drei Geistesgifte entledigt, um den eigentlichen Urzustand seines Seins in Form der drei Tugenden wiederherzustellen.

Durch Sehen, Visualisieren und Fühlen lernt der Meditierende drei Größen seiner spirituellen Konstitution kennen, die die Tibeter symbolisch folgendermaßen darstellen. Da nämlich gibt es drei Bewusstseins-Kanäle:.

  1. Der rechte Kanal ist weiß. In seinem vollkommenen Zustand steht er für die Leerheit und Klarheit.
  2. Der linke Kanal ist schwarz. Er steht in seinem vollkommenen Zustand für die Weisheit.
  3. Der mittlere Kanal aber ist blau. Sein vollkommener Zustand ist die Einheit.

Mit diesen drei Kanälen können Sie sich von den drei Geistesvergiftungen reinigen, durch bewusstes Atmen:

  • Die Kanäle gleichen jeweils einem Weg, der vom einen Nasenloch in der Körpermitte unterhalb des Bauchnabels vorbei, hinauf in der Körpermitte zum anderen Nasenloch führt.
  • Der Atem gleicht einem Pferd oder Gefährt, worauf sich
  • das Bewusstsein, wie ein Reiter oder Fahrer, bewegt.

Schauen Sie sich im Folgenden diese Atem-Meditation noch etwas genauer an.

Mit dem Atem bewegt sich das Bewusstsein durch die drei Kanäle, also jeweils rechts, links und in der Mitte, wobei die ihnen zugeordnete Thematik bearbeitet wird:

  1. Über die dreimalige Ausatmung über den rechten Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Wut und Abneigung.
  2. Über den linken Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Gier und Anhaftung.
  3. Über den mittleren Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Zweifel und Unwissenheit.
Handhaltung in der Meditation - ewigeweisheit.de

Handhaltung in der Meditation

Sitzhaltung und Atemtechnik

Zuerst setzen Sie sich im Schneidersitz so hin, das Ihr linkes vor Ihrem rechten Bein angewinkelt liegt.

Dann sehen Sie Ihre Handflächen an und berühren mit den Daumen jeweils die Ringfinger (unterstes Glied) der jeweiligen Hand (rechter Daumen an rechtem Ringfinger und linker Daumen am linken Ringfinger, siehe Abb.).

In dieser Handhaltung legen Sie dann einander gegenüber die Finger der linken Hand auf die Finger der rechten Hand, so dass Ihre Hände mit den Armen und den beiden Schultern einen Halbkreis bilden. Die beiden Hände liegen dabei in Ihrem Schoß.

Sie sitzen aufrecht und atmen ruhig.

Nun konzentrieren Sie sich auf eine Stille in Ihrem Körper und fühlen wie sich diese Stille ausbreitet in Ihren Füßen, in Ihren Beinen, in Ihrem Bauch, in Ihrer Brust, in Ihrem Kopf, in Armen und Schultern.

Denken Sie nun an Ihren Bauchnabel. Mit dem Einatmen fließt Ihr Atem dorthin hinunter und um den Bauchnabel herum, steigt wieder auf und entweicht schließlich über die Nasenlöcher.

Rechter Kanal: Wut und Abneigung

Nun nehmen Sie Ihre rechte Hand und halten mit dem rechten Ringfinger Ihr linkes Nasenloch zu, während Sie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre linke Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem rechten Ringfinger nun das linke Nasenloch schließen und über das rechte Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer rechten Seite nach oben und tritt durch Ihr rechtes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der rechten Seite (Wut und Abneigung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie dreimal.

Linker Kanal: Gier und Anhaftung

Nun nehmen Sie Ihre linke Hand und halten mit dem linken Ringfinger Ihr rechtes Nasenloch zu, während wie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre rechte Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem linken Ringfinger nun das rechte Nasenloch schließen und über das linke Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer linken Seite nach oben und tritt durch Ihr linkes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der linken Seite (Gier und Anhaftung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie wieder dreimal.

Mittlerer Kanal: Zweifel und Unwissenheit

Nun liegen wieder beide Hände in Ihrem Schoß, die linke auf der rechten Hand, während die Daumen jeweils die Ringfinger berühren.

Durch beide Nasenlöcher atmen Sie dann tief ein.

Dabei strömt in Ihrer Mitte die Luft nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft nun wieder nach oben und tritt durch Ihre beiden Nasenlöcher aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der Mitte (Zweifel und Unwissenheit) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Auch dies wiederholen Sie wieder dreimal.

 

Danach ist die Meditation beendet.

 

Lesen entspannt

Lesen entspannt

Schon oft hat das Lesen eines Buches jemandes Zukunft beeinflusst.

- Ralph Waldo Emerson

Gedrucktes - ewigeweisheit.de

Texte lesen, die einem Dinge verraten: Was man noch nicht kannte doch endlich beim Lesen erfährt, kann einem echte Glücksmomente verschafffen. Heute aber werden wir oft vom aufmerksamen Lesen abgelenkt, was unsere Lese-Freuden natürlich ausbremst. Wenn Sie diesen Artikel lesen, ist das vielleicht kein gutes Zeichen, denn vielleicht schauen Sie gerade auf Ihr Smartphone.

Sie haben also wieder nach dem Gerät gegriffen, statt Ihr Buch weiterzulesen.

Es macht einen Unterschied, ob man etwas Gedrucktes auf Papier oder von einem Monitor (Smartphone, Laptop, Computer-Bildschirm) liest. Ist der Text klar, durchgängig und deutlich? Oder blinkt da ständig hier und da etwas herum oder wird man aufgefordert zu tippen oder zu klicken?

Man weiß heute, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Text ausgedruckt ohne Links oder online mit Links liest. Das hat man getestet. Man gab zwei Gruppen den selben Text. Die eine Gruppe bekam den Text ausgedruckt - wo keine Querverweise auf andere Inhalte zu finden waren. Die andere Gruppe laß ihn wie üblich auf einer Webseite mit Werbung und Links. Interessant war das Ergebnis: Diejenigen Leser die den Text auf Papier lasen konnten hinterher Fragen zum Inhalt des Gelesenen viel besser beantworten, als die Leser die ihn online zu lesen bekamen.

Schon die winzigste Entscheidung ob man auf eine Anzeige klickt oder nicht, lenkt unser Gehirn bereits ab.

Nach und nach überfordert uns das und wir werden unzufrieden, fahrig, bisweilen sogar aggeressiv.

Was Lesern ein gutes Gefühl und ihnen tatsächlichen Zugang zu interessanten Themen gibt, ist das Lesen eines Buches.

In einem Buch können wir uns vertiefen und uns dabei in das darin Enthaltene versenken. Dann vergessen wir die Zeit und gehen auf im Hier und Jetzt.

Der amerikanische Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi nennt das den Flow. Es ist ein Gefühl des Fließens von Informationen, von Wissen oder einer vielleicht richtig guten Geschichte.
Flow macht glücklich.

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