Mystik

Dantes Göttliche Komödie: Führt der Weg ins Licht durch die Finsternis?

von Johan von Kirschner

Dante Alighieri, Göttliche Komödie - ewigeweisheit.de

Das Schicksal des italienischen Dichters Dante war eng geknüpft an die Wirren des politischen Lebens seiner Heimatstadt Florenz. Dort nämlich wurde er des Staatsbetruges angeklagt und verbannt. Als er in seiner Commedia die Seelen-Läuterung eines Fliehenden durch's Jenseits beschrieb, ging es ihm auch um seine eigene Reise ins Ungewisse.

Früh schon begann ein regelrechter Kult um den Dichter-Philosophen Dante. Wohl auch deshalb, da über sein Leben nur wenig bekannt ist. Was man über ihn weiß, stützt sich insbesondere auf spätere Quellen.

Dante Alighieri wurde 1265 in Florenz geborenen. Seine Mutter verlor er früh. Die Familie Dantes gehörte zu einem italienischen Adelsgeschlecht, die zwar über Grundbesitz, doch nur über wenig Geld verfügte.

1284 trifft Dante die schöne Bice, die in seinem Epos mit dem Namen Beatrice auftaucht. Sie sollte das große Liebeserlebnis seines Lebens werden. Doch sie heiratete ein Jahr später den Bankier Simone dei Bardi. Schon ein Jahr darauf verstarb sie. Das mag einer der traurigen Anlässe gewesen sein, dass sich Dante dem Studium der Philosophie hingab.

Ende des 13. Jahrhunderts bekleidete Dante hohe Ämter in Florenz. Das war in einer Zeit, wo es zwischen einzelnen italienischen Kommunen und auch innerhalb der Städte, immer wieder zu schweren Konflikten kam.

Damals entstand in Florenz auch das, was man heute Kapitalismus nennt. Fast 100000 Menschen bewegten sich damals täglich durch die Straßen der Metropole – mehr als in Rom oder London. Seit dieser Zeit veränderte sich die Art wie Menschen wirtschaften. Nicht allein das Bedürfnis nach materieller Versorgung zum Überleben spielt einzige Rolle, sondern um die Wende zum 14. Jahrhundert, wirtschaftete man in abstrakteren Kategorien und fragte sich wie sich mehr Gewinn als je zuvor erzielen ließe und aus Finanzkapital neues Geld geschlagen werden kann. Auch Dantes Vater, gehörte zu den florentinischen Bankiers.

Nach dem Sturz der politischen Partei Corsos im Jahr 1302, der auch Dante angehörte, verfolgte man ihn und er wurde aus Florenz vertrieben. Im selben Jahr noch verurteilte man ihn zum Tode, seine Familie wurde enteignet und verblieb zurück in bitterer Armut. Als Verbannter zog er durch Italien und Frankreich, ohne je seine Heimatstadt wiederzusehen. Er starb 1321 in Ravenna.

Illustration von Gustave Doré (1832-1883) – ewigeweisheit.de

Dante am Eingang eines dunklen Waldes. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Wieso Komödie?

Der eigenartige Titel seines Werks, hatte sich erst lange nach seinem Tod, seit dem 16. Jahrhundert eingebürgert. Was sich jedoch Dante unter dem Wort »Komödie« vorstellte, dürfte stark von dem abweichen, was man darunter heute versteht.

Wer sich seinem Werk nähert, das bekanntlich ja zuerst durch einen Abstieg in die Hölle beginnt, dürfte sich womöglich fragen, wieso statt von einer Komödie, nicht von einer Tragödie die Rede ist? Doch wenn Dante es Commedia nannte, ging es ihm eher um eine besondere Reise, die für ihn, mit einem Aufstieg aus der Unterwelt, ins Diesseits bis in den Himmel, eben dem entspricht, was die Alten einen »Singenden Umzug« nannten (zusammengefügt aus dem griech. komos, die »Feier«, und aoidos, der »Sänger«). Denn wer aus Höllenqualen befreit hinauf strebt in die Ränge der Engel, den wird man wohl ganz gewiss in freudigem Gesang, in Freudentanz und in einer beglückten Stimmung antreffen.

Dante verband mit dem Begriff Komödie also ein Erfahren, dass er durch sein inneres, geistiges Sehen, auf seinem Weg von der Hölle, hinauf entlang der Ebenen des Läuterungsberges und schließlich das himmlische Paradies betretend, wohl als immer erfreulicheres Erleben wahrnahm. Divina, das Göttliche, diesen Titelzusatz erhielt Dantes Werk erst durch die Nachwelt.

Eine Reise zu sich selbst

Es geht in der Göttlichen Komödie um eine Reise, die Dante als eigene innere Entwicklung schildert. Sicher aber verband er damit auch eine Belehrung für seine Leser. Das Verfassen seiner Göttlichen Komödie, sollte wohl auch ein Bedürfnis danach stillen, die von Gott erschaffene Welt, in all ihren Erscheinungen, in eine für den Leser fassbare Ordnung zu bringen. Nicht zufällig stellte die Nachwelt Dantes Werk darum als einen totalen Weltentwurf dar, das heißt, jedes beschriebene Detail darin erfüllt seinen Sinn. Was jedoch offen bleibt, ist, ob Dante sich und seinen Lesern der Göttlichen Komödie, letztendlich eine allumfassende Antwort auf die Fragen der Menschheit geben konnte.

Mit Sicherheit aber kleidete er seine Visionen, in die Verse seines opulenten Werkes, auf so gekonnte Weise, dass er auch seinen Lesern ein Gespür zu vermitteln vermochte, das bereits in ihnen eine lebendige Weisheit veranlagt ist.

Doch diese Dichtung bleibt mehr als reine Fiktion. Vielmehr steht Dante damit in der Tradition eines Geisteslebens, dessen Vorstellungen man auch in anderen visionsartigen Schriften des späten Mittelalters findet. Was Dantes Schrift von anderen unterscheidet, ist, dass es ihm wie keinem anderen gelang, einen architektonischen Aufbau der damals bekannten Welt zu formen. Denn sowohl Wissen aus der Antike, wissenschaftliche Erkenntnisse des Mittelalters, wie auch christliche Weisheit, fügen sich in der Göttlichen Komödie zu einem großen Ganzen zusammen.

Dantes Universum – ewigeweisheit.de

Das Universum Dantes.
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Die lebendige Erdkugel: Prüferin der Menschenseelen

Dante dachte sich die Erde kugelförmig und als eine von einem Meer umflossene Insel, die sich aus zwei Hemisphären zusammenfügt. Das vom griechischen Astrologen und Mathematiker Claudius Ptolemäus (100-160) entwickelte geozentrische Weltbild (Centrum Mundi), galt auch in Dantes Göttlicher Komödie, wo die Erde im Mittelpunkt des Universums steht, umgeben von den konzentrischen Kreisen einer Sternenwelt aus Planeten und Fixsternen.
Auf der nördlichen Halbkugel der Erde, bildet den diesseitigen Mittelpunkt die heilige Stadt Jerusalem. Die andere, südliche Hemisphäre, galt Dante als unbewohnt und vom Wasser des Meeres bedeckt. Inmitten dieses Meeres aber ragt der Berg der Läuterung empor, dessen Abhänge unterteilt sind in sieben Stufen. Auf diesen Ebenen der Läuterung, werden die Seelen von ihren begagnegen Sünden gereinigt. Den Gipfel des Läuterungsberges aber bildet das irdische Paradies. Dorthin gelangt nur, wer im wörtlichen Sinne »durch die Hölle ging«. Sie befindet sich unter der Stadt Jerusalem (interessant ist hier die Parallele zur Legende der Freimaurer, wo der Baumeister Hiram Abiff, vom Jerusalemer Tempelberg, auf außergewöhnliche Weise in die Unterwelt reist, bis zum Mittelpunkt der Erde, dem Wohnort des Brudermörders Kain). Doch Dante kommt ab vom Weg und verirrt sich im Gehölz eines dunklen Waldes, weit westwärts der heiligen Stadt.

Dantes Erde gleicht einem makrokosmischen Organismus, einem planetarischen Lebewesen, dass die auf die Erde kommenden Seelen der Menschen, zu Lebzeiten und nach dem Tode bindet, prüft und läutert, doch gemäß ihrem Los, dann irgendwann ins All entlässt. Dabei aber müssen Hölle und Läuterungsberg gar nicht jenseitige Orte sein. Vielmehr leben wir bereits dort – wenn wir all unser Vermögen und unsere Kräfte an das Irdische hängen, wegen Gier, übersteigerter Lust, dem Streben nach Besitz oder Macht.

Wer schlecht handelt, wer böse ist, lebt selbst im Bösen. Zerrissen zwischen Hass und Bedauern, sind alle jene die Zwietracht stiften. Der Verräter, der statt durch Liebe, die Welt mit Gewalt verändern will, verfrachtet sich ins höllische Eis, fernab von allem Geliebtwerden. Wer sich aber von diesen bösen Zielen verabschiedet und sich davon lösen will, dem gelingt vielleicht auch der Aufstieg am Läuterungsberg, wo er sich der Vergänglichkeit und Nichtigkeit all der irdischen Vergnügen und Zwänge bewusst wird. Damit wird es auch wahrscheinlicher, dass er dereinst doch seinen Frieden im Paradies findet.

Dantes dreigeteilte Welt

In der Göttlichen Komödie ist das Jenseits eine dreigeteilte Welt. Überhaupt ist die Zahl Drei in Dantes Epos von zentraler Bedeutung: In sogenannten Terzinen, einer gereimten Gedichtform italienischer Herkunft, besteht jede Strophe aus drei Versen. Drei Jenseitsreiche durchwandern die Seelen der Verstorbenen: die Hölle (Inferno), das Fegefeuer (Purgatorio) und endlich das Paradies (Paradiso). Jeder dieser drei Welten widmete Dante je 33 Gesänge - zusammen also 99 plus einem einleitenden Gesang, so dass es zu einer großen harmonischen und arithmetisch-poetischen Geschlossenheit kommt: 1 + 3 x 33 = 100.

Seine Dichtung der Göttlichen Komödie, beschrieb Dante als eine große Vision, wo er zuerst mit seinen Führer Vergil und später mit Beatrice, die Seelen der Verstorbenen durchs Jenseits begleitete. Die Geistesbilder, die er in diesem Erleben beschreibt, beginnen schauderhaft und hässlich, doch enden mit dem Schönen, Glückseligen und schließlich im Licht von Gottes Gegenwart.

 

Die im Folgenden verwendete dichterische Übersetzung der Verse aus Dantes Göttlicher Komödie, stammt vom deutschen Schriftsteller Karl Streckfuß (1778-1844).

 

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Dantes Göttliche Komödie: Das Inferno und die neun Kreise der Hölle

Dantes Göttliche Komödie: Das Inferno und die neun Kreise der Hölle

Dante beschrieb den Ort der Hölle im Innern der Erde. Trichterförmig soll sie dort, mit der Spitze zum Erdmittelpunkt hin abfallen, wobei ihre Tiefe identisch ist mit dem Radius der Erde. Neun steile Terrassen verengen sich, hin zum irdischen Zentrum. Luzifer riss sie in die Erde, als ihn der Erzengel Michael auf die Erde stürzte. Auf diesen höllischen Ebenen, trachtet er nun als Satan den Sündern nach ihrem Unheil, dass Ihnen dort auf grauenhafte Art widerfährt.

Dantes Reise beginnt an Karfreitag des Jahres 1300, als er sich mit 35 Jahren etwa in der Mitte seines Lebens befindet. Da kam er ab vom Pfad wahrer Tugend und verirrte sich in die Dunkelheit:

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom graden Weg mich abgewandt.

Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedanke erneuert noch mein Zagen.

Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu kunden,
Sag ich, was sonst sich dort den Blicken bot.

- Inferno 1:1-9

Mit diesen Zeilen beginnt der erste Gesang der Göttlichen Komödie.

Bald begegnen ihm drei Tiere: Ein Panther, ein Löwe und eine Wölfin – Symbole für Sinnenlust, Hochmut und Habgier. Die Wölfin treibt Dante immer tiefer in ein dunkles Tal, wo er dann seinen Führer durch das Jenseits trifft: den alten römischen Dichter Vergil (70-19 v. Chr.). Der gegleitet den Reisenden durch die Nacht der Hölle und durchs Fegefeuer, hinauf am Läuterungsberg bis zum Dämmerlicht des Paradieses.

Dante trifft auf Vergil. Illustration von Gustave Doré (1832-1883) – ewigeweisheit.de

Dante begenet Vergil, seinem Führer durchs Jenseits. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Indessen ich zur Tiefe stürzte im Fliehn,
Da zeigte meinem Blicke dort sich Einer,
Der durch zu langes Schweigen heiser schien.

»Wer du auch seist,« so rief ich, als ich seiner
Gewahrt in großer Wüste, »nenne ich dich
Mensch oder Schatten, – o erbarm dich meiner!«

Und jener sprach: »Nicht bin, doch Mensch war ich;
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.

Spät, als die Römer sich dem Julius beugten,
Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten.

Ich war Poet und sang Anchises Sohn,
Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.

Und du – du kehrst zu solchem Gram zurück?
Was bleibt die freudige Höhe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?«

»So bist du«, rief ich, »bist du der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?«
Ich sprach’s mit Scham, die meine Stirn befiel.

»O Ehre und Licht der andern Kunstgenossen,
Vergilt jetzt große Liebe und langen Fleiß,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.

Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis,
Den ich durch schönen Stil davongetragen,
Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiß.«

- Inferno 1:61-87

Als ungetauftem Heiden war Vergil die Erlösung verwehrt, da er ja in vorchristlicher Zeit gelebt hatte. Und so blieb er später in den Gefilden der Erde zurück.

Wenig später verlassen Dante und Vergil den dunklen Wald. Da begegnet Dante der schönen Beatrice, seiner verehrten Jugendliebe, die viel zu früh verstarb. Die Heilige Mutter Maria entsandte sie zu Vergil, der nun ja Dante bis an die Pforten des Paradieses geleiten soll. Von Beatrice wird er dann von dort aus bis in die höchsten Höhen der Göttlichen Welt geleitet.

Charon, Fährmann der Unterwelt – ewigeweisheit.de

Charon, Fährmann der Unterwelt. Illustration von Gustave Doré.

Auf dem schwarzen Fluss ans Tor zur Hölle

Charon – ein Fährmann der Unterwelt – setzt Dante und Vergil über den schwarzen Fluss Archeron, dessen Ufer die Grenze zur Hölle formen. Auf der anderen Seite betritt Dante nun, als Lebender, das Totenreich.

Erster Höllenkreis

Vor Dante und seinem Führer Vergil breitet sich ein dunkles, nebelverhangenes Tal aus: die Vorhölle. Hier sitzen die »Tugendhaften Heiden«, schuldlose Seelen, denen nur der christliche Glaube zur Vollkommenheit fehlte. Auch die Seelen ungetauft gestorbener Kinder, weilen dort.

Zweiter Höllenkreis

Hier büßen alle, die der Sturmwind der Leidenschaften mitgerissen hatte. Es ist der Ort wo die Wollüstigen wegen ihrer Sünden leiden.

Da hört man Wehgeheul und Klagewort,
Wenn sie sich nahen des Abgrunds Felsenküsten,
Und Flüche und Lästerungen schallen dort.

Dass Fleisches-Sünder dies erdulden müssten,
Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten.

- Inferno 5:34-37

Ihren Schmerz in sich fühlend, besinnungslos und schockiert, bricht Dante hier zusammen.

Dritter Höllenkreis

Hier wälzen sich im eisigen Schlamm unzählige Schattenleiber, die jenen Toten gehören, die einst der Gier verfallen waren. Es ist der Ort der Schlemmer, wo ihnen ebenbürtig, doch überlegen, sie der gefräßige Höllenhund Cerberus zähnefletschend bedroht:

Der Gott Plutus, ein Ebenbild Satans – ewigeweisheit.de

Der Gott Plutus - Anbeter Satans. Illustration von Gustave Doré.

Schwarz, feucht der Bart, die Augen rote Höhlen,
Mit weitem Bauch, die Tatzen scharf beklaut,
Viertheilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.

Sie heulen, wie die Hunde, im Regen laut,
Und sie verschaffen sich durch öfteres Drehen
Auf einer Seite mindestens trockne Haut.

Der große Höllenwurm, der uns ersehen,
Riss auf die Rachen, zeigte uns ihr Gebiss,
Und ließ kein Glied am Leibe stille stehen.

- Inferno 6:16-24

Vierter Höllenkreis

Aleph, Pape Satan, Pape Satan!
Erhob nun Plutus seine rauhe Stimme.
Und er, der alles wohl verstand, begann

»Getrost, nicht fürchte dich vor seinem Grimme,
Durch alle seine Macht wird’s nicht verwehrt,
Dass ich mit dir den Felsen niederklimme.«

Und dann, zu dem geschwollnen Mund gekehrt, Rief er:
»Wolf, schweige, du Vermaledeiter!
Von deiner Wut sei in dir selbst verzehrt!

Wir gehen nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,
Dort will man’s, dort, wo einst des Stolzes Schmach
Gezüchtigt Michael, der Himmelsstreiter.«

- Inferno 7:1-12

Auf dem Unterweltsfluss Styx – ewigeweisheit.de

Auf dem Unterweltsfluss Styx, am Rande zur unteren Hölle. Illustration von Gustave Doré.

Hier hindert der Gott der Reichtums, Plutus, zunächt Vergil und Dante daran, am Eingang weiter zu gehen. Geizige und Verschwender halten sich dort auf. Die einen tragen schwere Lasten, die anderen werfen alles von sich. Hier kommen ihnen die eigenen Leidenschaften als Spiegelbilder entgegen: Die Geizigen sehen, was sie mit ihrem Geiz anrichteten, als Verschwender. Die Verschwender aber sehen ihre Eigenschaften als Gegenbild des Geizigen.

Doch als sie noch lebten, war ihr Treiben auf Erden vergeblich, denn nicht beruhte es auf Gottes Vorsehung, sondern ereignete sich nur als eitles Spiel Fortunas, der Göttin des Zufalls.

Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;
So macht sie, von Notwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche.

Sie ist’s, die ihr an’s Kreuz oft wütend schlagt,
Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, fälschlich Böses sagt.

Doch sie, die Selige, hört nicht euer Grollen;
In andrer Erstgeschaffenen Seligkeit
Lässt sie, nichts achtend, ihre Sphäre rollen.

- Inferno 7:88-96

Fünfter Höllenkreis

Im stinkenden Sumpf des Unterweltflusses Styx büßen die Seelen der Jähzornigen und Verdrossenen. Über diesen Fluss führt sie der Fährmann Phlegyas, und setzt Dante und Vergil ab vor dem Tor der unteren Hölle. Hier öffnen sich die Pforten zu der von Flammen erfüllten Stadt des Dis.

»Dis« ist die römische Bezeichnung für Pluto, den Herrn der Unterwelt – ein Synonym für Luzifer, der als Oberhaupt der abgefallenen Engel, nun mit dem Namen Satan im Erdmittelpunkt die bösen Seelen zu sich zerrt.

Im Wald der Selbstmörder – ewigeweisheit.de

Im Wald der Selbstmörder, wo die geflügelten Harpien wachen. Illustration von Gustave Doré.

Sechster Höllenkreis

Vor dem mächtigen Tor der Stadt des Dis, liegen in Steinsärgen die Anhänger Epikurs. Es sind die Vertreter einer Weltanschauung, die sich gänzlich auf die Erweiterung des Diesseits richtet. Diese Materialisten aber gleichen lebendigen Toten, denn sie identifizieren ja ihr gesamtes Dasein nur mit ihrem sterblichen Körper. Doch damit wäre der Mensch ein bloßer Leichnam.

Verbrannt von den Flammen des Dis, liegen sie als tote Seelen in Särgen.

Grabhügel sind im Lande rings umher,
Wo auf unebenem Grunde Tote modern;
So hier, doch schreckte dieser Anblick mehr;

Denn zwischen Gräbern sieht man Flammen lodern,
Und alle sind so durch und durch entflammt,
Dass Künste keine mehr vom Eisen fordern.

Halb offen ihre Deckel allesamt,
Und draus erklingen solche Klagetöne,
Dass man erkennt, wer drinnen, sei verdammt.

- Inferno 9:115-123

Siebenter Höllenkreis

Diesen Bereich, in dem die Seelen der Gewalttätigen büßen, gliedert sich in drei Ringe, wo jene leiden, die sich gewalttätig an ihren Nächsten vergingen, wo Selbstmörder ihres fast ewigen Daseins fristen und all jene die sich an Gott und der Natur vergingen, schwere Foltern durchleiden.

Wald der Selbstmörder – ewigeweisheit.de

Im Graben der Diebe und Räuber, die mal als Mensch und mal als Schlangen erscheinen. Illustration von Gustave Doré.

Erster Ring

Überall hier, hört Dante grausame Schreie und die Wehklagen der Gewalttäter. Zentauren treiben sie mit Pfeil und Bogen in den roten, kochenden Blutstrom des Unterweltsflusses Phlegeton. Als noch Lebender kann Dante den Strom nicht durchschreiten und wird darum von einem der Zentauren hinübergebracht, zum zweiten Ring.

Zweiter Ring

Die Selbstmörder haben ihre Menschengestalt verloren und fristen hier, zu Bäumen und Sträuchern verwandelt, ein körperloses Dasein. Ahnungslos bricht Dante ein Ästchen ab, worauf sofort ein Blutstrom hervorquillt und er dabei erschrickt, über die schmerzerfüllte Stimme eines der Verfluchten. Ihn hatte man aufgrund einer Verleumdung in den Kerker geworfen, wo er sich das Leben nahm.

Dritter Ring

Hier ist der Ort wo die Seelen der Gewalttätigen ihre schwere Folter erfahren. Manche von ihnen liegen herum, und andere laufen. Die Liegenden haben sich gegen Gott versündigt, die Laufenden gegen die Natur: unter ihnen die »Sodomiten«, wie man im Mittelalter die Homosexuellen nannte. Einen unter ihnen begleitet Dante, der zu ihm sagt:

O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,
Dem, was ich sah mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich.

Denn nackte Seelen sah ich dort in Scharen,
Die, alle klagend jämmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.

Die lagen rücklings auf der Erd umher,
Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern,
Noch Andre gingen immer hin und her.

Die Mehrzahl musste im Gehen die Strafe erdauern.
Der Liegenden war die geringere Zahl,
Doch mehr gedrängt zum Klagen und zum Trauern.

Langsamen Falls sah ich mit rotem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken wallen,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpental.

- Inferno 14:16-30

Achter Höllenkreis

Ein eigenartiges, doch gütig und gerecht anmutendes Mischwesen – teils Mensch, teils Löwe, teils Drachen: der Flugdrache Geryon, trägt Dante und Vergil hinunter in den Abgrund des achten Höllenkreises. Dort büßen die Seelen aller Betrüger.

In zehn Gräben ist dieser Bereich der Hölle gegliedert, wo im ersten Kuppler und Verführer büßen.

Im zweiten waten Schmeichler und Huren in stinkendem Kot.

Die sogenannten »Simonisten« fristen ihre Buße im dritten Graben. Es sind jene Geistlichen, die Kirchenämter für Geld vergeben hatten.

Im vierter Graben aber halten sich die Wahrsager und Zauberer auf:

Im Graben der Wahrsager und Zauberer – ewigeweisheit.de

Den Wahrsagern und Zauberern ist der Kopf hier so verrenkt, dass sie von da an immer nach hinten blicken müssen. Gemälde von Stradanus (1523-1605).

Viel Leute gingen langsam in der Runde,
So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt,
Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde.

Als tiefer ich den Blick auf sie gesenkt,
Sah ich – ein Wunder scheint es und erdichtet –
Vom Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt,

Das Angesicht zum Rücken hingerichtet;
Drum mussten sie gezwungen rückwärts gehn,
Und ihnen war das Vorwärtsschauen vernichtet.

- Inferno 20:7-15

Den fünften Graben teilen sich all die Schacherer in Staatsämtern, die ihr Amt missbrauchten, um sich selbst zu bereichern. Dort stecken sie in siedendem Pech. Sobald einer unter ihnen den Kopf zu heben wagt, schlägt darauf heftig ein Teufel ein mit seinem Dreizack.

Im sechsten Graben schreiten die Heuchler umher, gehüllt in grausam junkende, furchtbar schwere vergoldete Bleimäntel.

Den Graben der Diebe und Räuber, beschreibt Dante als in sich verknäuelte, grausig windende Schlangen. Sie fressen die Diebe, doch flammen plötzlich auf und zerfallen sodann zu Staub. Doch der setzt sich wieder zusammen und wird dann mal ein Mensch, ein andermal wieder eine Schlange.

Im achten Graben lodern nur noch Flammen in Menschengestalt. Es sind die Seelen aller hinterlistigen Ratgeber, die dort schmachten.

Alle Zwietrachtstifter büßen im neunten Graben, wo sie von Teufeln zerfetzt und verstümmelt eines schrecklichen Höllendaseins fristen.

Der zehnte Graben schließlich ist der Ort der Fälscher. Sie leiden dort an ekelhaften Krankheiten. Gestank von angefaulten Gliedern weht von dort herauf.

In Gegenwart Satans – ewigeweisheit.de

Bei Satan: Dem König der Hölle. Illustration von Alessandro Vellutello (1534).

Neunter Höllenkreis

Hier nun sind Dante und Vergil in der tiefsten Hölle angekommen. Da büßen die Verräter im eisigen Fluss Kozytus, stecken darin bis zum Halse eingefroren.

Ein Bereich dieses Kreises ist nach dem Brudermörder Kain benannt: die Kaina – ein Ort der Verräter an Verwandten. Der andere Bereich heißt Antenora, wo die Seelen der politischen Verräter leiden. In der Grube des Ptolemäus, halten sich jene auf, die ihre Tischgenossen verrieten. Eine schmerzende Eiskruste bedeckt ihr Gesicht.

Unter all jenen aber, ist auch die Seele eines Verräters, dessen Körper gleich einem Untoten von einem Dämon besetzt noch auf Erden wandelt, während seine Seele schon hier in der tiefsten Hölle büßt.

Schließlich erreichten Dante und Vergil das Judasland, den Ort der Verräter an Gott, zu denen Judas Ischkarioth und der gestürzte Engel Luzifer zählen. Hier nun also, in der untersten, der tiefsten Hölle, dort treten sie vor Dis – vor Satans Angesicht.

Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte,
Dass es dem Meister nun gefällig schien,
Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte,

Da trat er weg von mir, hieß mich verziehn,
Und sprach zu mir: »Bleib, um den Dis zu schauen
Und hier lass nicht dir Mut und Kraft entfliehn.«

Wie ich da starr und sprachlos ward vor Grauen,
Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache lässt sich dies vertrauen.

- Inferno 34:16-24

Satan sitzt in der Mitte der Erde. Seine Gürtellinie trennt die nördliche von der südlichen Hemisphäre.

Blick aus der Hölle – ewigeweisheit.de

Dante und Vergil treten aus dem Gang zur Hölle hervor, am Südpol der Erde. Illustration von Gustave Doré.

Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugel drehn,
Eilte er, mit Mühe und Angst, sich umzuschwenken.

Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollten wir zurück zur Hölle gehn.

»Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur so großem Leid«, so sprach
Tief keuchend, wie ein Müder, mein Begleiter,

Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Dann setzte er mich auf einen Rand daneben,
Und klomm mit mir den Fuß behutsam nach.

Ich blickte empor, und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehen, so stelle er noch sich dar;
Doch seine Füße sah ich sich erheben.

[...]

»Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest?
Und wie hat Sol (Sonnengott) so schnell aus solchen Weiten
Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West?«

»Du glaubst dich auf des Zentrums andrer Seiten,
Wo du am Wurme, der die Erde kränkt
Und sie durchbohrt, mich sahest hernieder gleiten.«

Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang
Den Rückweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang,

Da blickte durch der Felsschlucht obere Ründung
Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und wir entstiegen aus der engen Mündung

Und traten vor zum Wiedersehen der Sterne.

- Inferno 34:76-90,103-108,133-139

Dantes Göttliche Komödie: Das Purgatorium und das Fegefeuer des Läuterungsberges

Dantes Göttliche Komödie: Das Purgatorium und das Fegefeuer des Läuterungsberges

Vom Mittelpunkt der Erde also, gelangten Dante und sein Führer Vergil, durch einen schmalen Gang auf die entgegengesetzte Halbkugel, die von Wasser bedeckt war. Einst befand sich auch hier Land, doch als Luzifer auf die Erde stürzte, wurde es dabei von den aufschwellenden Fluten überschwemmt. Darin nun ragt der Läuterungsberg zum Himmel. Ihm gegenüber, auf der nördlichen Hemisphäre liegt Moriah: der heilige Berg Jerusalems. Beide Berge sind über den Erdmittelpunkt miteinander verbunden.

Dante deutet hin auf den Läuterungsberg – ewigeweisheit.de

Dante deutet hin auf den Läuterungsberg. Auf dem Gipfel des Berges sieht man Adam und Eva dargestelt, als sie sich dort im Paradies befanden. Ausschnitt eines Gemäldes von Domenico di Michelino (1417–1491).

Den Läuterungsberg umringen Sieben Stufen, wobei die oberste eine kleine Ebene bildet. Auf jeder dieser Stufen werden die sieben Todsünden gebüßt, wobei die Reihenfolge hier umgekehrt ist zu jener der Hölle.

Auch am Zugang zum Läuterungsberg befindet sich ein Vorraum. Dort müssen all jene ausharren, die ihre Reue hinausgeschoben haben. Verschieden lange müssen sie dort verweilen, bevor sie sich durchs Fegefeuer, über die sieben Stufen des Läuterungsberges erheben.

Auf der ersten Stufe

Hierdurch bewegen sich die Hochmütigen. Schwere Lasten tragend, betrachten sie Bilder der Demut. Vergil und Dante kommen nur beschwerlich weiter, denn ihr Weg führt durch eine enge Schlucht.

Hier begegnet Dante dem alten Maler Oderisis, dem einst so viel daran lag, großen Ruhm zu erlangen. Hier, auf dem Sims der Hochmütigen aber erkennt er die Vergänglichkeit allen Seins, wo Streben nach Ruhm und Ansehen, ganz und gar überflüssig erscheinen.

O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden!
Wie wenig dauert deines Gipfels Grün,
Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden.

[…]

Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht
Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen,
Indem er Seite und Namen nur vertauscht.

Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,
Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist,
Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen,

[…]

Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen,
Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt,
Durch die es blühend aus der Erde erschienen!

- Purgatorio 11:91ff,100-105,115ff

Die Neider – ewigeweisheit.de

Dante und Vergil stehen vor einer Gruppe von Blinden, die ihre Seelen dort läutern wegen ihres einstigen Neids. Gemälde von Hippolyte Flandrin (1809–1864).

Auf der zweiten Stufe

Das ist der Ort, wo die Neider sich läutern müssen. Als Bettler sitzen sie bei einander gekauert und halten sich gegenseitig an ihren Bußgewändern fest, denn sie sind Blinde.

Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand;
Sie lehnten sich an sich, und ihren Rücken
Sie allesamt an jene Felsenwand;

[…]

Gebohrt war durch die Augenlider Draht,
Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähend,
Der, wild, nicht nach des Jägers Willen tat.

- Purgatorio 13:58ff,70ff

Auf der dritten Stufe

Hier wird der Zorn besänftigt derer, zu denen sich gewiss auch Dante zählen dürfte. Drum muss ihn Vergil führen, da der Dichter so zu leiden hat.

Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse
Der Himmel selber Schuld an Allem sein,
Als ob er euch gewaltsam mit sich risse.

[…]

Drum, wenn die Welt mit sich der Irrtum reißt,
In euch nur liegt der Grund, liegt in euch Allen,
Wie, was ich sage, deutlich dir beweist:

Es kommt aus dessen Hand, dessen Wohlgefallen
Ihr lächelt, ehe sie ist, gleich einem Kind,
Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen,

Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt,
Als, dass, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind.

Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt Verlangen
Und rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält,
Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen.

Gesetz, als Zaum, ist nötig drum der Welt,
Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren,
Im Auge mindestens den Turm behält.

- Purgatorio 16:67ff,82-96

Dante Alighieri – ewigeweisheit.de

Dante Alighieri - Portrait von Gustave Doré (1832-1883).

Auf der vierten Stufe

Hier muss die Trägheit überwunden werden. Dante bemerkt, dass er zu hinken beginnt und setzt sich. Schlaftrunken schließt er die Augen.

»O, meine Kraft, was musst du so ermatten!«
So sprach ich still bei mir, denn ich empfand,
Dass sich gelöst der Füße Kräfte hatten.

Wir waren auf der höchsten Stufe Rand,
Und standen fest, wie angeheftet, dorten,
Gleich einem Kahn in des Gestades Sand.

- Purgatorio 17:73-78

Auf der fünften Stufe

Die Geizigen werden hier geläutert. Sie sind gezwungen, ihren Blick auf die Erde zu richten, denn sie liegen dort auf dem Bauch. Die Erde aber fängt an zu beben.

Von Stürmen, die im Erdenschoß entstehn,
Mag’s sein, dass unten oft der Berg erdröhne;
Hier – wie? begreife ich nicht – ist’s nie geschehn.

[…]

Ich lag fünfhundert Jahr in diesem Leid
Und länger noch, und fühlte mir so eben
Zum Aufwärtsziehen den Willen erst befreit.

Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben,
Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar;
Er helfe ihr bald, sich selber zu erheben.

- Purgatorio 21:55ff,67-72

Die Geizigen – ewigeweisheit.de

Die Geizigen auf dem Läuterungsberg: Sie liegen auf dem Bauch, gezwungen immer fort die Erde anzustarren. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Auf der sechsten Stufe

Es ereignet sich auf dieser Ebene, die Läuterung all der Schlemmer und Gierigen, die dort ganz abgemagert nach den Früchten eines hohen Baumes greifen. Doch vergeblich. In ihrer Verschwendungssucht verloren sie ihren Willen. Dafür nun müssen sie büßen.

Als wir voll Obstes einen andern Baum
Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
Da wir uns bogen um der Stufe Rand.

Und Leute, die hinauf die Hände streckten,
Schrien auf zum Laub, das in die Lüfte steigt,
Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten,

Die bitten, während der Gebetene schweigt,
Und um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen
Hoch hinhält und es frei und offen zeigt.

- Purgatorio 24:103-109

Auf der siebenten Stufe

Hier büßen die Wollüstigen im Feuer. Darin betteln sie um Befreiung von der bösen Lust.

Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen,
Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand
Windstöße, die zurück die Flammen stießen.

[…]

Gott höchster Gnade, hörte ich’s aus dem Raum,
Den jene große Glut erfüllte, singen,
Und hielt den Blick an meinem Wege kaum.

[…]

Ich weiß von keinem Mann – dies Wort erklang
Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,
Und neu begannen sie’s mit leisem Sang

- Purgatorio 25:112ff,121ff,127ff

Zu diesem Gang durchs Feuer, ist ausnahmsweise auch Dante gezwungen. Hier verbrennt der Rest jeder Leidenschaft, symbolisiert im hellen Licht der Venus, die gerade als Morgenstern im Osten aufsteigt.

Ehe gleiches Grau den Horizont umfing
In allen seinen unermessenen Teilen,
Ehe Nacht um Alles ihren Schleier hing,

Da musste auf einer Stufe Jeder weilen,
Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen.

Gleich wie die Ziegenherde, satt und zahm,
Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten,
Die hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam.

Wenn nun im Mittagsbrand die Lüfte entglühten,
Indes der Hirt den Stab zur Stütze macht,
Und dort steht, gestützt, um sie zu hüten;

Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,
Damit kein wildes Tier der Herde schade,
Und sie zerstreut, entlang der Hürde wacht;

So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,
Der Ziege ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade.

Ob wenig gleich zu sehen nach außen war,
Doch sah ich durch dies Wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar.

- Purgatorio 72:70-90

Vergil verlässt Dante, als er Lea begegnet – ewigeweisheit.de

Vergil verlässt Dante. Vor ihnen Lea, ein Blumen pflückendes Mädchen. Sie ist eine Allegorie auf die Triebkräfte der Natur, denn ihr Name entspricht der biblischen Gattin des Stammvaters Jakob, und bedeutet »Wildkuh« – symbolischer Inbegriff der Mutter Natur. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Dante befindet sich nun also auf der höchsten Höhe des Läuterungsberges, von wo aus er nun also die Sterne im Himmel erblickt. Hier verabschiedet sich Vergil von Dante. Der Dichter soll sich von nun an auf sein eigenes Gefühl verlassen. Seine innere Stimme soll ihn führen.

Vergil sprach:

»Des zeitlichen und ewigen Feuers Leiden,
Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden.

Durch Geist und Kunst geleitete ich dich her;
Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken;
Dein Pfad ist von nun an nicht steil und schwer.

Sieh dort die Sonne auf deine Stirne blinken,
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken!

Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht.
Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren,
Ruhe oder wandle hier auf heiterem Pfad.

Nicht harre weiter meiner Winke und Lehren;
Frei, grade, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wär es, deiner Willkür wehren,

Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.«

- Purgatorio 27:124-142

Ganz allein und nur durch seinen freien Willen, muss sich Dante von nun an führen lassen. Weder Weltliches noch Geistiges stehen über ihm.

Die Erde ist eine Amme – ewigeweisheit.de

»Nutrix ejus terra est«: Die Erde ist eine Amme. Emblem aus dem Buch Atalanta Fugiens von Michael Meier (1568-1622). Links sieht man eine Ziege. Sie säugt den jungen Asklepios – Schutzgott der Mediziner. Auf der rechten Seite ist die Wölfin, die die Gebrüder Romulus und Remus säugt – dem Mythos nach Gründer Roms.

Irdisches Paradies

Auf dem Gipfel des Läuterungsberges befindet sich das irdische Paradies, wo Gott dem Adam und seiner Frau Eva ihren Wohnsitz angewiesen hatte. Dante trifft hier auf das blumenpflückende Mädchen Lea, die mit dieser charakteristischen Tätigkeit, an die Proserpina der alten Mysterien erinnert.

»Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte,
Ein schönes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte.«

»Lea bin ich, dies wisse, wer mich frägt,
Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schöne Hand geregt.«

- Purgatorio 27:97-102

Die selbe Rolle die das Mädchen Proserpina, als griechische Kore Persephone in den eleusinischen Einweihungsriten spielte, ist im 27. Gesang der Göttlichen Komödie, also das Blumenmädchen Lea. Sie aber scheint identisch zu sein mit einer Frau, die Dante im 28. Gesang des Purgatorio, Matelda nennt. Gut möglich wohl, dass sie zu Lea steht, wie die Fruchtbarkeitsgöttin Ceres zur Toten- und Unterweltsgöttin Proserpina.

Was Dante zuvor Lea nannte, heißt später also Matelda (beziehungsweise in der deutschen Übersetztung Streckfuß': Mathilda), die wie ihre Vorgängering auch Blumenkränze flechtet.

Aus Matelda machte Dante eine Verkörperung der Göttin Natura. Sie aber ist die alleinige Bewohnerin des irdischen Paradieses und eine Verkörperung der Weisheit auf Erden (in christlich-esoterischer Lehre die Jungfrau Sophia).

Urania – ewigeweisheit.de

Die Göttin Urania göttliche Muse der Astronomie. Die sieben Sterne um ihr Haupt, symbolisieren die sieben planetarischen Sphären des Himmels. Gemälde von Eustache Le Sueur  (1616–1655)

Und mir erschien – so stellt dem Blick zu Zeiten
Sich unversehn Erstaunenswertes dar,
Den Geist von allem Andern abzuleiten –

Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
Im Gehen sang, aufsammelnd Blüte um Blüte,
Womit vor ihr bemalt der Boden war.

»O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüte,
Wie’s pflegt, im Äußern, mich zu glauben zwingst,
Dass an der Liebe Strahl dein Herz entglühte,

O käme Lust dir, dass du näher gingst,«
Ich sprach’s zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend,
»Dass ich verstehen könne, was du singst.

Dich seh ich jetzt, Proserpinas gedenkend,
Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
Und Sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend.«

- Purgatorio 28:40-51

In der römischen Mythologie ist die Proserpina (griech. Persephone) die Tochter des Himmelsgottes Jupiter (griech. Zeus) und der Erdmutter Ceres (griech. Demeter). Als Gattin Plutos, des Gottes der Unterwelt (griech. Hades), verbringt sie eine Hälfte des Jahres in der Unterwelt und die andere Hälfte des Jahres auf Erden. Doch im Frühling steigt sie aus dem tiefen Erdgrund empor und führt mit sich die aufsteigenden Kräfte der Natur, wo jetzt das Grün der Pflanzen zu sprießen beginnt.

Für diesen Vorgang in der Natur steht Dantes Matelda, worin der Mensch den Kosmos jedes Jahr auf ein Neues erlebt. Doch sie verkörpert auch jene Kraft, die der Mensch in seinem nächtlichen Leben, zwischen Einschlafen und Aufwachen erlebt. Auf der anderen Seite ist da die Himmelsgöttin Urania, deren Kraft jener entspricht, die man im Christentum den Heiligen Geist nennt. Im Menschen wird sie erlebt in Verstand und Intellekt. Jene Urania stellte man seit alter Zeit dar mit einem Globus und einem Zeigestab, womit sie den Sternenlauf der Himmelssphären andeutete.

In Gegenwart Mateldas, deren Erscheinung auch eine Allegorie für die christliche Liebe ist, befindet sich Dante nun an der Schwelle zu den Sphären des  himmlischen Paradieses. Als Mensch erlebt er das Natürliche des irdischen Mikrokosmos und das Göttliche im himmlischen Makrokosmos, die sich nun in ihm, in einer mystischen Vermählung (griech. Hieros Gamos) verbinden. Dante wird sich damit einem Teil seines Seins bewusst, der durch und durch lebendig ist. Hierbei erfährt er eine metaphysische Liebe, die er als Ursache aller weltlichen Liebe erkennt. Von ihr erfüllt, erlebt er sich als Teil des Kosmos.

Da lässt ihn Matelda von den paradiesischen Flüssen trinken: Lethe und Eunoë. Lethes Wasser lässt die Sünden vergessen. Alle Erinnerungen an die Verfehlungen einstigen Erdenlebens, werden damit ausgelöscht und das Bewusstsein befreit, für ein rein geistige Erleben. Aus dem anderen, dem Fluss Eunoë, muss der Tote vor seinem Aufstieg ins himmlische Paradies trinken, um damit seine geistigen Kräfte zu stärken. Ist dies erfolgt erinnert er sich schließlich wieder an seine guten Taten. Damit nun ist Dantes Läuterung vollendet.

Christliche Prozession mit Triumphwagen – ewigeweisheit.de

Christliche Prozession mit Triumphwagen. Illustration von Giovanni di Paolo (1403-1482) aus einer italienischen Handschrift der Divina Commedia, aus dem 15. Jahrhundert.

An der Grenze zum himmlischen Paradies

Nachdem Dante die Wasser der paradiesischen Flüsse trank, sieht er da auf dem Gipfel des Läuterungsberges vor ihm einen Triumphzug.

Es stellte im Raum sich, den die Tiere umfingen
Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar,
Dessen Seile an eines Greifen Halse hingen.

Und in die Streifen ging der Flügel Paar,
Die hoch, den mittelsten umschließend, standen,
So, dass kein Streif davon durchschnitten war.

Sie hoben sich so hoch, dass sie verschwanden;
Gold schien, so weit er Vogel, jedes Glied,
Wie sich im Andern Weiß und Rot verbanden.

Nicht solche Wagen zum Triumph beschied
Rom dem Augustus, noch dem Afrikanen;
Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht,

Wagen des Gottes Sol, der, entrückt aus seinen Bahnen,
Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn
Durch Zeus’ gerechten Ratschluss, wie wir ahnen.

[…]

Mir gegenüber fuhr der Wagen vor,
Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte,
Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor,

Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.

[…]

Still stand, da wandten, die’s vom Greifen schieden,
Die zweimal zwölf wahrhaften Zeugen sich
Zum Wagen hin, als wie zu ihrem Frieden.

- Purgatorio 29:106-120,151-154, 30:7ff

Dante trifft Beatrice – ewigeweisheit.de

Dante und Beatrice begrüßen sich. Teil eines Gemäldes von Dante Gabriel Rossetti (1828–1882).

Nun hält der Zug an.

So, durch die Blumenflut, die sie umschloss,
Und niederstürzend um und in den Wagen
Sich aus der Himmelsboten Hand ergoss,

Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen,
Olivenzweige ihr Kranz, und um’s Gewand,
Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen.

- Purgatorio 30:28-33

Ohne sie bisher erkannt zu haben, sieht Dante vor sich seine liebe Beatrice (lateinisch für »Glücklich Gesegnete«). Von ihrer Tugendkraft überwältigt, will er diese Erfahrung teilen, mit seinem einstigen Führer Vergil. Doch jetzt erst merkt er, dass sein verehrter Meister nicht mehr da ist. Dante ist traurig und Tränen rinnen ihm über die Wangen. Da gibt sich Beatrice zu erkennen. Sie macht Dante zum Vorwurf, dass er im Paradies weine, wo man aber hier doch glücklich sein soll. Dante, von Reue ergriffen, löst sich und wird sich der Gegenwart von Beatrice bewusst

»O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,
Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht:
Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!«

- Purgatorio 30:55ff

Erst nun zeigt sich ihm Beatrice, und Dante wird gewahr, wo er sich nun eigentlich befindet. Als weise Lehrerin (entsprechend der römischen Minerva, Göttin der Weisen und Dichter) führt sie Dante nun hinauf ins himmlische Paradies.

Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier,
Der von Minervas Laub umkränzet ward,
Mir ihren Anblick nur noch wenig freier.

Stolz sprach sie nun mit königlicher Art,
Gleich Einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
Und sich das härtre Wort für’s Ende spart:

»Schau her, Beatrice bin ich!
Welch Vertrauen Führt dich zu diesen Höhen?
Wie? weißt du nicht, Beglückte wohnen nur in diesen Auen.«

[...]

So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,
Die schöne Frau, und sagte weiblich mild
[...] »Auch du sollst mit ihm kommen.«

[...]

Ich ging aus jener heiligen Flut hervor,
Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne,
Gleich neuer Pflanze in neuen Lenzes Flor,

Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.

- Purgatorio 30:67-75, 33:133,142-145

Dantes Göttliche Komödie: Das Himmlische Paradies

Dantes Göttliche Komödie: Das Himmlische Paradies

Mit dem dritten Teil der Göttlichen Komödie, dem Paradiso (Himmlisches Paradies), endet Dantes Epos. Durch Inferno und Purgatorio führte Vergil den Dichter. Doch nachdem der sich im letzten Teil des Purgatorio von Dante verabschiedete, sollte seine Führerin von nun an Beatrice sein. 

Dante und Beatrice im Paradies – ewigeweisheit.de

Dante und Beatrice im Paradies. Gemälde von William Cave Thomas (1820–1896).

Sie ist symbolischer Inbegriff von Theologie und Spiritualität. In ihrer Begleitung betritt Dante nun die himmlischen Sphären der sieben klassischen Planeten Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn. Von dort steigt er auf in den Fixsternhimmel, den Kristallhimmel und betritt schließlich das Empyreum. Dort strahlt in göttlichem Licht die himmlische Rose der Liebe. Dantes Seele steigt hier auf zum Angesicht Gottes.

Aufflug zum Himmel

Ohne das Dante es bemerkt, steigt er vom Gipfel des Läuterungsberges auf ins Paradies. Doch er entbehrt der richtigen Worte und ruft den Sonnenkönig Apollo um Hilfe an, der ihn die Sphärenklänge, die Musik des kreisenden Weltalls vernehmen lässt.

Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze,
Durchdringt das All, und diesem Teil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.

Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,
War ich und sah, was wieder zu erzählen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.

Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,
Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann muss der Rückweg dem Gedächtnis fehlen.

Doch Alles, was im heiligen Gebiet
Nur einzusammeln war von seliger Schöne,
Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied.

Apollo, Gütiger, leih mir deine Töne
Zum letzten Werk – mache ein Gefäß aus mir,
Wert, dass es dein geliebter Lorbeer kröne.

- Paradiso 1:1-15

Wie Dante schreibt, durchströmt Gottes Herrlichkeit das Universum. Stufe um Stufe verdichtet sich sein lichtvolles, liebesgetränktes Strahlen.

Dante und Beatrice im Paradies in der Mondensphäre – ewigeweisheit.de

Dante und Beatrice im Paradies in der Mondensphäre. Illustration von Gustave Doré.

Die erste Sphäre des Mondes

Zwischen Mond und Erde beschreibt Dante einen Bereich, den er die feurige Sphäre nennt (wohl zu vergleichen mit der Erd-Atmosphäre, worin Meteore verglühen). Hier weilen die an der Erfüllung ihrer Gelübde verhinderten.

Hier nun erheben sich Dante und Beatrice in die Sphäre des Mondes, durchdringen den Erdtrabanten sogar, was Dante unerklärlich ist.

Sie treiben durch des Seins unendlich Meer
Geleitet von dem Trieb, den Gott als Steuer
Jedwedem gab, auf manchem Hafen her.

Er ist’s, der trägt zum Mond empor das Feuer,
Der diesen Erdenball zusammenhält
Und eint, er, der bewegt die Herzen euer.

[…]

Beatrix blickt’ empor und ich auf Sie,
Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen
Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht – da sieh’

Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen
Gefesselt ward, schon angelangt mit Ihr;
Und Sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen,

Sie wandte sich so froh wie schön zu mir:
»Auf, bringe jetzt Gott des Dankes Huldigungen!
Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier.«

Mir schien’s, als hielte uns eine Wolke umschlungen,
Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein,
Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen.

Die ewige Perle nahm uns also ein,
Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen,
In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein.

- Paradiso 1:112-117, 2:22-36

Die zweite Sphäre des Merkur

In der Sphäre des Merkur befinden sich alle, die ihre menschliche Gestalt bereits verloren haben und nur noch als Lichterscheinungen strahlen. Mit Gesang stimmen sie ein in die Harmonie der Planetenklänge.

So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren,
Wohl Tausende, von welchen Jeder sprach:
»Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!«

Und wie sie uns sich nahten nach und nach,
Da sah ich süßer Wonne voll die Seelen
Im Glanz, der hell hervor aus jeder brach.

- Paradiso 5:103-108

Die dritte Sphäre der Venus

Die Venus-Sphäre bewohnen die Seelen derer, die ein tugendhaftes Leben führten und viel geliebt haben. Es ist hier das Reich der Minne, der tugendhaften, geistigen Liebe.

So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt,
Der Stern benannt, der, bald der Sonne im Rücken,
Bald ihr im Angesicht liebäugelnd minnt.

Nicht fühlte ich mich in diesen Stern entrücken,
Doch, dass ich wirklich drinnen sei, entschied
Der Herrin höheres, schöneres Entzücken.

Und wie man Funken in der Flamme sieht,
Und wie wir Stimmen in der Stimme erkennen,
Die aushält, wenn die andre kommt und flieht;

So sah ich Lichter hier im Lichte brennen,
Und, nach dem Maß des ewigen Schauen es erregt,
So schien es, im Kreis mehr oder minder rennen.

- Paradiso 8:10-21

Dante und Beatrice im Paradies – ewigeweisheit.de

Dante und Beatrice in Mitten des Kreises der Kirchenväter. Auschnitt aus einem Freskenzyklus von Philipp Veit  (1793–1877) im Dante-Saal des Casino Massimo in Rom.

Die vierte Sphäre der Sonne

Hierin wirkt die astrale Kraft der Sonne, worin 12 Lichter die Seelen geistlicher Lehrer repräsentieren. Dante und Beatrice treffen hier etwa auf Thomas von Aquin (1225-1274), Albertus Magnus (1200-1280), den Propheten König Salomo, den franziskanischen Mönch Bonaventura (1221-1274). Es ist ein Ort heiliger Erkenntnis.

Die fünfte Sphäre des Mars

Die Mars-Sphäre bewohnen die Seelen aller Märtyrer und jener, die für den Glauben kämpften.

Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund
Des roten Mars das hochgeehrte Zeichen,
Gleich vier Quadranten, wohlgefügt im Rund.

Wohl muss die Kunst hier dem Gedächtnis weichen,
Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus;
Wo gäbe es ein Bild, ihm würdig zu vergleichen?

Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,
Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehen,
Denn blitzen sieht auch Er im Glanze Christus.

- Paradiso 14:100-108

Die sechste Sphäre des Jupiter

In diesem Himmel des Jupiter, da weilen die Seelen der gerechten Herrscher.

Dante und Beatrice sehen hier, wie sich aus unzähligen Engeln, die Gestalt des Satzes formt:

Diligite iustitiam qui iudicatis terram

Liebt die Gerechtigkeit, ihr, die ihr die Erde richtet

Aus dem M des Wortes terram schließlich, fügen sich die Engel zusammen zu einem riesigen himmlischen Adler aus Licht (der Adler ist eines der Attribute des Himmelsfürsten Jupiter und als Reichsadler, einst Zeichen des römischen Kaisertums).

Ich sah den Adler und hörte ihn Worte sagen,
Und in der Stimme erklangen Ich und Mein,
Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen.

Er sprach: »Für frommes und gerechtes Sein,
Sollte ich zu dieser Glorie mich erheben,
Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein.

Und solch Gedächtnis ließ ich dort im Leben,
Dass es für rühmlich selbst den Schlechten gilt –
Nur dass sie nicht der Spur zu folgen streben!«

Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt,
So tönte jetzt von vielen Liebesgluten
Ein einziger Ton mir zu aus jenem Bild.

- Paradiso 19:10-21

Jakobs Traum von der Himmelsleiter – ewigeweisheit.de

Die Himmelsleiter im Traum Jakobs. Gemälde von William Blake (1757–1827).

Die siebente Sphäre des Saturn

In dieser höchsten der siebenten Sphären nun, dort halten sich die Asketen und Einsiedler auf. Es ist der Himmel des Saturn – dem einstigen Gott des Goldenen Zeitalters, wo auf der Erde Gerechtigkeit und Frieden herrschten. Hier erblickt Dante eine goldene Himmelsleiter, auf der die Seelen auf- und niedersteigen. Kein Zweifel: sie gleicht jener, von der auch der Prophet Jakob träumte.

In dem Kristall, der, um die Welt bewegt,
Vom teuren Führer, unter dem entweichen
Die Bosheit musste, noch den Namen trägt,

Erblickte ich einer Leiter schimmernd Zeichen,
An Farbe gleich dem Gold, durchglänzt vom Strahl,
Hoch, dass zur Höhe nicht Menschenblicke reichen.

Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl
Die Schar der seligen Himmelslichter nieder,
Als ströme hier alles Licht mit einem Mal.

Und wie, nach ihrer Art, die Krähen, wenn wieder
Der Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehen,
Um zu erwärmen ihr erstarrt Gefieder,

Und die von dannen ohne Rückkehr fliehen,
Die rückwärts fliegen, andere dann, im Bogen
Dieselbe Stelle umkreisend, dort verziehen:

So sah ich’s jetzt in jenem Glanze wogen,
Der dort zugleich entströmte, – bis dass die Flut
War zu gewissen Stufen hergezogen.

Und Einer glänzte, der, uns nah, geruht,
Drum wollte schon dies Wort der Lippe entsteigen:
»Ich sehe es wohl, du zeigst mir Liebesglut.«

- Paradiso 21:25-45

Dante an der Seite Beatrices, die Engel des Paradieses schauend – ewigeweisheit.de

Dante an der Seite Beatrices, die Engel des Paradieses schauend. Illustration von Gustave Doré.

Der Fixsternhimmel des Tierkreises

Als achte Sphäre, schließt sich an die Sphäre des Saturn, der Kreis der Fixsterne an. Dort weilen die Seelen der Apostel, der Propheten und des ersten Menschen Adam.

Dante und Beatrice bewegen sich über eine Himmelsleiter, Stufe um Stufe hinauf in den Sternenkreis. Gewiss kann man sich die Sprossen dieser Leiter vorstellen, wie sie in Genesis 28:10-22 der Prophet Jakob im Traum sieht. Den dort wo sein Haupt lag, richtete er einen Felsen auf, aus dem dereinst der Tempel zu Jerusalem erbaut werden sollte.

Der Kristallhimmel

In dieser Sphäre, dem neunten Himmel, bewegt der erste, unbewegte Beweger (Primum Mobile) alles Kreisen, das von dem, durch ihn umschlossenen achten Himmel ausgeht. Von hier aus entstehen sowohl Raum als auch Zeit. Von Gott selbst erhält es die Ursache seiner Bewegung. Es ist der Wohnort der englischen Chöre. Durch ihre Intelligenzen lenken sie die Vorgänge der unteren Sphären, wirken hindurch bis an den tiefsten Punkt. Von hier stürzte einst Luzifer zum Erdmittelpunkt.

Der Kristallhimmel umfasst, zusammen mit den sieben Planetensphären und dem Sternenkreis, acht himmlische Sphäre und bildet damit selbst die neunte und den himmlischen Kontrapunkt zur Eishölle, dem neunten und tiefsten Kreis des Inferno.

Es ist die Grenze zwischen geschaffener Welt und Unendlichkeit (die dem Ayn Soph der Kabbala entspricht).

»Sieh hier des Weltenlaufs Natur begonnen,
Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt,
Und Alles rings im Kreis den Flug gewonnen.

In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,
Wohnt Gottes Geist nur, der die Liebe entzündet,
Die ihn bewegt – die Kraft, die er verteilt.

Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet Ihn,
wie die Andern er; allein verstehn
Kann diesen Kreis nur Er, der ihn geründet.

Nichts lässt das Maß von seinem Lauf uns sehn;
Nach ihm nur misst sich der der andern Sphären,
Wie man nach Hälfte und Fünfteil misst die Zehn.

Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nähren
Der Zeit, wie ihr Gezweig zu andern strebt,
Das kannst du jetzt dir selber leicht erklären«

- Paradiso 27:106-120

Darüber gelagert ist noch als 10. Sphäre, der eigentliche Sitz Gottes und aller Seligen.

Dante und Beatrice erblicken Gottes Angesicht in der Rose des Himmels – ewigeweisheit.de

Dante und Beatrice erblicken Gottes Angesicht in der Rose des Himmels. Illustration von Gustave Doré.

Im Empyreum

Es ist ein Bereich vollkommenen Lichtes und die Wohnung der Seligen, die nur vorübergehend auch in den anderen Himmeln weilen.

Verschiedene Vorstellungen antiker Kosmologen beschrieben das Empyreum als Ort des höchsten Teils des Himmels über der Erde. In in der Naturphilosophie des Aristotles, erfüllt diesen Bereich ein feuriger Weltenäther. Darauf verweist das Wort Empyreum, worin das griechische pyr für das Feuer steht, so dass die wahre Bedeutung des Begriffs in etwa etwa als »Ort im Feuerigen« beschrieben werden könnte. 

In christlicher Theologie befindet sich hier die Wohnstatt Gottes.

Hier endlich erblicken Dante und Beatrice, in ihrem Schauen vollkommen gebannt, das Strahlen in der Lichtrose des höchsten Himmels. Es ist das Licht aus jener Rose, das sich nun vermählt, in der mystischen Hochzeit der menschlichen Seele Dantes, mit seinem irdischen Dasein, symbolisiert durch das gleichschenklige Kreuz.

Man vergleiche hiermit etwa auch den in der Nachtreise, in der Stern-Sure des islamischen Propheten Mohammed (as) genannten »Lotusbaum am äußersten Ende«:

an dem das Paradies der Geborgenheit liegt.
Dabei überflutete den Lotusbaum, was ihn überflutete.
Da wankte nicht der Blick, noch schweifte er ab.

- Sure 53:13-16

 

Dantes Bild vom Jenseits

Um zu verstehen, was Dante in seiner Göttlichen Komödie zu vermitteln suchte, zumindest aber vor seinem inneren Auge in Klarheit sah, setzt voraus, dass auch der Leser mit dem Gesagten eine geistige Skizze erschafft.

Doch es ist wohl, offen gestanden, nicht ganz einfach. Besonders für jene, die sich weder im Sagenkreis der alten römischen und griechischen Mythologie auskennen und auch nicht im Alten und Neuen Testament der Bibel. Selbst aber wer die Schriften der westlichen Kultur besser kennt, dürfte Dantes Commedia dennoch ein Rätsel bleiben. Denn viele der Personen, die in diesem monumentalen Werk auftauchen, sind Menschen, die im direkten Umfeld Dantes standen und mit denen man sich zunächst vertraut machen sollte.

Was uns hier bleibt, war also nur eine kurze Skizzierung seines Opus Magnum. Dennoch aber, dürfte den Leser diese Schilderung der drei Jenseitsreiche, einen gewissen Einblick darin geliefert haben, das sich die neueren Vorstellungen in der Esoterik, vom Leben nach dem Tod und die Reise der Seele zu Gott, nicht ganz zufällig den Beschreibungen in Dantes Werk ähneln.

 

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Ein Lebemeister und Lehrmeister der Spiritualität: Meister Eckhart

von Johan von Kirschner

Meister Eckhart - ewigeweisheit.de

Man nannte ihn das Genie der deutschen Mystik: Meister Eckhart von Hochheim. Er erfüllte tatsächlich seine Rolle im Leben, der er in seinen berühmten Reden der Unterweisung auch entspricht. Wer zum ersten Mal mit ihm in Berührung kommt, wird schnell Feuer fangen. Kein Wunder, stillte er doch die Bedürfnisse seiner Zeitgenossen, die sich nach Lebensweisheit und Erkenntnis sehnten.

Zu Meister Eckharts Lebzeiten, befand sich Deutschland in einer Zeit des Umbruchs. Die Kirche bedrohten sektiererische Bestrebungen. Vielerorts riefen die Menschen nach Reformen. Eckharts Zeitgenossen waren den reinen Dogmen- und Moralpredigten der Kirche, längst überdrüssig. Das alte Glaubenssystem der Kirche galt im Spätmittelalter als überholt. Eher wünschte man sich eine vielmehr unmittelbare religiöse Erfahrung des Gotteswortes – etwas, dass sich auch im alltäglichen Umgang mit sich selbst, den Anderen und der Welt, direkt und trefflich anwenden ließe.

In dieser Zeit erfuhr auch die deutsche Mystik eine neue Blüte. Breite Schichten des Volkes sehnten sich nach göttlichem Heil, nach einem »Innewerden Gottes in der eigenen Brust«, im Erlebnis der Unio Mystica – der spirituellen Einswerdung, wo sich, in einer »Mystischen Hochzeit«, die menschliche Seele gleichsam mit Gott vermähle.

Besonders Frauen der höheren Gesellschaftsschicht, besaßen eine regelrechte Sucht nach religiös-mystischer Unterweisung und spiritueller Vision. Ihr fast unstillbarer Bildungshunger, ließ dominikanische Frauenklöster darum wie Pilze aus dem Boden schießen.

Die bezaubernde Mystik eines beinahe Unbekannten

Wenn Meister Eckhart dieses Begehren der Menschen, aber so gekonnt zu stillen vermochte, wer dann war dieser sagenhafte Mann?

Dazu existieren heute nur wenig äußere Daten, noch sind Bilder von ihm bekannt (das im Internet am weitesten verbreitete Bild, das angeblich Meister Eckhart in schwarzer Robe, Mütze und weißer Lilie haltend darstellt, ist in Wirklichkeit ein Gemälde von Giovanni Bellini, auf dem man Teodoro von Urbino sieht). Sein Leben lässt sich darum nur mit dürftigen Strichen zeichnen. Wenn man über sein äußeres Leben erfahren will, ist man darum auf nur spärliche Notizen angewiesen.

Eckhart kam um 1260 in der Nähe von Gotha in Thüringen, als Sohn des Rittergeschlechts von Hochheim zur Welt. Schon früh trat er dem Erfurter dominikanischen Predigerorden bei. Bald schon erkannten die Mitglieder seine außergewöhnliche Begabung zur Rede. Und so entsandte man ihn um 1300 schließlich an die Universität Paris – in jene Stadt, die einst die geistige Metropole des damaligen Abendlandes war.

Schon 1303 kehrte Eckhart mit einem Magister-Titel nach Erfurt zurück, wo man ihn nun zum »Meister« wählte – einem Titel, mit dem man ihn seither ansprach. In den Folgejahren wurde Meister Eckhart mit hohen Ämtern betraut, die in den kommenden beiden Jahrzehnten seine Verantwortlichkeiten über die Geografie Böhmens, bis in den Elsaß hin ausdehnten.

Mit den Schriften, die Meister Eckhart hinterlassen hat, gelingt es ihm, ganz deutlich das Verhältnis von Denken, Sein und Leben zu bestimmen. Fragen nach dem, was nun Wirklichkeit sei, beantwortete Eckhart damit, dass das Sein keine besondere Weise benötige, um zu existieren. Das galt für ihn auch für das Leben im Allgemeinen. Es mag manchen sicherlich wie eine Unterstellung oder gar als Widerspruch erscheinen, doch ich fragte mich, ob wohl auch die französischen Existenzialisten Eckharts Schriften lasen? Selbst wenn sich ihre Vertreter als Atheisten bezeichneten, klingt bei ihnen eine ähnliche Selbstverständlichkeit an, die schon Jahrhunderte zuvor, Meister Eckhart für das Leben eines Menschen voraussetzte.

Auch wenn er heute zu den wohl am meisten zitierten »christlichen Mystikern« zählt, lässt sich nicht vermeiden, den Begriff »Mystik« an sich, sogar von Meister Eckhart her abzuleiten - war er doch nicht etwa irgendein Mystiker gewesen, sondern selbst das (deutsche) Original.

Zentraler Sinn seines Werkes, war die Wahrheit des Evangeliums hervorzutreiben und in diesem Sinne, seinen Mitmenschen praktisch fruchtbar zu machen. Das bedeutet, dass Eckhart die christliche Mystik aus den Formen der Aristokratie herausführte, die ja noch etwa bei Bernhard von Clairvaux (1090–1153) so hoch gepriesen wurde. Eckhart hingegen richtete seine Predigten und Traktate an jedermann, bot jedem an der dazu bereit war, geglaubte Wahrheit in sich Wirklichkeit werden zu lassen.

Ein Freigeist

Es schien das, fast schon eine Grunderwartung der Menschen in Deutschland gewesen zu sein, denn nicht zufällig rumorte es im dortigen Christentum gewaltig. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, wimmelte es in Deutschland von »ketzerischen« Bewegungen und Sekten. Was als Religion empfunden wurde, war nicht mehr allein das, was die Prediger von den Kirchenkanzeln riefen. Religion wurde als etwas erkannt, das vielmehr in jedem Menschen als Christentum lebendig ist. In dieser Zeit entstanden etwa die Lehren von einem inneren Himmel, der im ewigen Leben in der Zeit, aus einem reinen, wesenseigenen Gott heraus existiert.

In diesem Zusammenhang stand auch das Werk Meister Eckharts. Man könnte sogar sagen, dass er in dieser Zeit zum geistigen Brennpunkt wurde, wo alle Strahlen diesen neuen, mystischen, doch von der Kirche als häretisch eingestuften, christlichen Strömungen, in seinem Wirken zusammenliefen.

Es war auch die Zeit, wo in mehreren europäischen Ländern die Glaubensgruppe der »Brüder und Schwestern vom freien Geiste« eine pantheistische Theologie verbreitete. Grundlage ihrer theologischen Ideale war, dass der Mensch eben nicht von Gott isoliert im Exil auf Erden lebte, sondern man wusste, dass Gott in allen Dingen der Welt entdeckt werden kann, und damit Gott und Kosmos auch identisch sind.

Diese Glaubensgruppe bezog ihren Namen aus dem Bibelwort:

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit

- 2. Korinther 3:17

Allerdings kann man bei den Brüdern und Schwestern vom freien Geiste, nicht von einer einheitlich organisierten Sekte ausgehen. Eher war es ein lockerer Verband rechtgläubiger Menschen, die vielmehr versuchte, die Individualisierung der Beziehung von Mensch zu Gott in ihren Lehren zu intensivieren.

Welche Rolle aber spielte dann noch die katholische Kirche? Diese Fragen dürften sich im 14. Jahrhundert wohl etliche deutsche Geistliche gestellt haben. Darum scheint es wohl kein Zufall gewesen zu sein, dass sich solche Gruppierungen wie die Brüder und Schwestern vom freien Geiste, der Verfolgung ausgesetzt sahen. Schon ab dem 15. Jahrhundert war diese spirituelle Bewegung wie vom Erdboden verschwunden.

Im Fadenkreuz der Inquisition

Die Katholische Kirche verdächtigte natürlich auch Meister Eckhart wegen »häretischer Überzeugungen«. Doch er selbst bestritt immer jede Nähe zu unkirchlichen Häresien. Das man ihn verdächtigte war wohl insbesondere dem Umstand geschuldet, dass seine Lehren immer tiefer ins gläubige Volk drangen. Erst beobachtete man ihn aus dem Verborgenen, bis sich die Kirchenoberhäupter in ihrer Feindseligkeit öffentlich gegen ihn wandten.

Er wusste allerdings ganz genau, dass er keinem Forum als nur der Pariser Universität und dem Papst zur Rechenschaft verpflichtet war. Trotzdem erklärte sich Meister Eckhart dazu bereit, Rede und Antwort zu stehen. Er wusste ganz genau, und sprach das auch an, dass man ihn wohl kaum zu seiner Verteidigung einberufen hätte, wenn sein Ruf beim Volk nicht so gut gewesen wäre. Es war ihm natürlich klar, dass er damit ganz kühn ansprach, was der katholische Klerus stets berechnend vermied. Fast schon wahnwitzig, doch eben darum, wenn offiziell auch aus fadenscheinig anderen Gründen, verdüsterte ihm die Heilige Inquisition seinen Lebensabend.

Der Erzbischof von Köln, Heinrich von Virneburg, der auch der Verfolgung der Brüder und Schwestern vom freien Geiste mit energischer Hingabe nachging, eröffnete gegen Meister Eckhart im Jahre 1326 ein Inquisitionsverfahren. Der Grund der Anklage lautete: »Verbreitung glaubensgefährlicher Lehren in deutschsprachigen Predigten vor dem Volke«.

Ehe also Eckharts Saaten aufgehen konnten und im Volk Früchte tragen, wurden sie von der Kirche auf diese Weise niedergetreten. Solch übles Bestreben, scheint bis heute in unserem Geistesleben nachzuwirken. Denn was den Menschen eine direkte, innere Gotterfahrung näherbringt und sie mit wahrer Lebensweisheit sättigen würde, scheint in der verweltlichten Form des Christentums immer tiefer zu versickern. Dumm nur, wenn verweltlichter Glaube oder sogar Atheismus, das Christentum gleichsetzen, mit diesen alten Verfehlungen der Inquisition.

Doch vielleicht gerade deshalb, geht ein Suchen durch unsere Zeit, wo immer mehr Menschen das reine Vernunftdenken einfach nicht mehr reicht. Man versucht sich wieder an tiefere Quellen anzuschließen - etwas, dass die katholische Kirche anscheinend schon lange nicht mehr bedienen kann, da sie nach wie vor ihre Rolle, nur als moralische Anstalt erfüllt. Von der Vermittlertätigkeit eines wahren, mystischen Gotterfahrens, scheint sie sich damit aber immer weiter zu entfernen.

Von der Betrachtung der Wirklichkeit

Fast siebenhundert Jahre nach Eckharts Tod, bleibt sein Werk noch immer eine Quelle wahrer Weisheit. Was sich verändert hat natürlich, ist das äußere Weltbild. Denn die Menschen seinerzeit sahen sich noch im Mittelpunkt der Welt, wo himmlische Körper in ätherischen Schalen, eine Erde im Zentrum umkreisten, umgeben von einem herrlichen, ewig reinen Feuerhimmel.

Letztendlich aber spielen die Unterschiede der Vorstellungsweisen vom kosmischen Weltbild, für den Einzelnen eine wohl eher nebensächliche Rolle, insbesondere dann, wenn es um Lebensfragen geht. Engel und Teufel und all die himmlischen Heerscharen sind eben »nur« symbolische Größen und Mittel der Veranschaulichung. Was nicht bedeutet, dass sie nicht auch tatsächlich existieren.

Wie sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen neuerer Zeit entnehmen lässt, dehnen sich die Größenordnungen des Kosmos weit über die menschliche Auffassungsgabe aus. Vielleicht war das den Alten bereits bewusst, wenn sie etwa sagten:

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

- Exodus 20:4

Da Eckharts Gedanken im Grunde aber ganz auf die Ewigkeit ausgerichtet waren, galt ihm alles Gleichnishafte als vergänglich. Alle Wirklichkeit der Natur und Geschichte befand sich für Meister Eckhart in der höheren Wirklichkeit der Seele aufgelöst. Es war ein ausgesprochen mächtiges Lebensgefühl, dass sich jenseits aller Dinglichkeit bewegt. Nur in Demut darum, bewährte sich für ihn die Göttlichkeit, da erst durch sie sich zeigt, dass sich im Endlichen das Ewige und im Sterblichen das Unbegrenzte regt.

Philosoph der Christus-Religion

Sein religiöses Erleben versuchte Eckhart auszugleichen mit weltlichen Erfahrungen. Er brachte sie in seinen Schriften so zusammen, dass sie dem Leser eine einheitliche Schau widerspiegelten: im Himmlischen und Weltlichen, nicht getrennt voneinander existierend, sollte sie der Einzelne in sich selbst finden und darin auch erkennen können. Er war eben nicht allein nur ein Mann der Religion sondern auch ein Philosoph des Christentums. Weniger sollte man ihn aber als Seher wahrnehmen, als vielmehr einen Meister der Begriffsformung. Sein intellektuelles Werkzeug war das der klassischen Scholastiker, wo platonisch-aristotelische Begriffe zu einer Einheit verschmolzen und woraus die christliche Dogmatik entstand.

Es wäre jedoch zu einfach, Meister Eckharts Werk auf dieser Stufe zu belassen. Im Unterschied zu seinen spirituellen Vorgängern nämlich, verwendete er auch die monistische Seinslehre des Arabers Avicenna (Ibn Sina) und die Emanationslehre des Plotinus. Darin geht die Welt hervor, aus einem stufenweisen Fall des höchsten seienden Einen. Dabei ist es gar nicht notwendig, besonders viele neue Begriffe und philosophische Vorstellungen zu erfinden oder einzuführen. Eher kommt es auf die Fähigkeit an, diese so zu vereinfachen, dass sie einem tatsächlich im Leben helfen – was Meister Eckhart in seinem Werk allemal gelang.

Je älter die Grundkonzepte sind, derer sich ein Philosoph in seinen Ableitungen bedient, um so besser. Denn selbst jene Wirklichkeitsempfindungen, die sich auf die Gegenwart beziehen, können durchaus durch Hilfe älterer Begriffe so beschrieben werden, dass sie die Sichtweise auf das Beschriebene sogar noch konzentrieren und auf diese Weise verfeinern. Alles was Meister Eckhart in seinem Werk vollbrachte, war, einer transzendenten Geisteswelt einen neuen Mittelpunkt zu verleihen – und damit einen neuen Sinn.

Wege in den einigen Urgrund

Willst Du den Kern haben, so musst du die Schale zerbrechen.

In diesem simplen, doch aussagekräftigen Zitat, bezieht sich Meister Eckhart auf das Denken. Für ihn war es wie eine Schale, die sich zwischen uns und unsere eigentliche Wirklichkeit drängt. Die Begriffe in unserem Denken verwenden wir als »zugerichtete« Wörter, den eigentlichen Sinn der dahinter liegenden Wahrheit aber, umschließen sie wie ein Gefäß. Das begriffliche Denken ist etwas, wie der Name des Wortes schon sagt: wir begreifen, erfassen etwas, wie ein Gefäß das wir berühren, anfassen, etwas nach dem wir greifen.

Auf das Gefäß aber kommt es nicht an. Einzig der Inhalt zählt und auf ihn muss jeder in seinem Leben eigene Antworten finden. Erst damit kann er die Grundlagen schaffen, um seine Persönlichkeit zu dem zu formen, was seiner Lebensaufgabe entspricht.

Das genau war auch Meister Eckharts Ziel. Er versuchte in seinen Predigten »Religion« zu lehren und zwar ihrem wortwörtlichen Sinne entsprechend: als Rückverbindung unseres so weitläufigen Weltbewusstseins, an den ewigen Urgrund der Einigkeit allen Seins. Dieser »Ewigkeitsgrund« aber darf nirgends sonst gesucht werden, als im Kern unseres eigenen Wesens. Für Meister Eckhart bildet er die schöpferische Einheit, aus der die ganze Individualität des sinnlichen und geistigen Daseins stammt.

Wenn Religion also meint, zu jenem Urgrund zurückzuführen, begibt man sich als religiöser Mensch (andere nennen das heute vielleicht »spirituell«), auf die Suche nach einem Weg dorthin. Es ist ein Weg aus der Zerstreutheit all der vielen Willens(ab)gründe, zurück in die eigentliche Wesenseinheit des Lebens. Nur in ihr kann man zu wahrem Menschsein erwachen.

Für Eckhart sieht sich der Mensch im Ich getrennt von anderen Seelendingen oder von anderen »Ichen«. Wer sich diesem Drang aber dereinst zu entziehen vermag, der wird auch zur Stille seines ungeteilten Wesens zurückfinden – etwas, worin echter Segen liegt. Erst aber wenn alles Wünschen und Sehnen, alles Wissen- und Sehenwollen verschwunden sind, wird dieser einige Urgrund als wahrer Kern unseres Wesens erlebt.

Was dieser einige Urgrund ist, lässt sich letztendlich nicht beschreiben, ist die Beschreibung einer Sache doch immer weniger, als das Beschriebene selbst. Was dieser Urgrund aber sein könnte, das ließe sich höchstens herleiten aus dem, was er nicht ist. Denn als Einheit, kann er nicht das sein, was unsere Seelen als die Welt des Daseins empfinden. Sie nämlich ist die Vielfalt und Mannigfaltigkeit, aller gezeitigten Dinge, die voneinander unterschieden und daher immer getrennt existieren. Wenn jener einige Urgrund aber all das nicht ist, so ist er wohl ein grenzenloses, unbeschränktes, zeitloses und darum ewiges Sein. Was aber räumlich und zeitlich begrenzt ist, ist letztendlich auch dem Leid unterworfen. Das unbegrenzt Ewige aber kann darum nur als vollkommene Seligkeit erfahren werden.

Sobald wir uns durch solche Beschreibungen ein Bild von dem machen, was wir hier als den einigen Urgrund allen Seins bezeichnen: haben wir uns da nicht bereits aus ihm herausbewegt? Doch auch das würde seinen Zweck erfüllen. Schließlich ereignet sich mit diesem Ausgang, ja die Befreiung einer Daseinsform. Und so etwas ließe sich durchaus auch als Wiedergeburt deuten.

Der einige Urgrund, von dem oben die Rede war, kann hierdurch als Quell unseres Daseins erfahren werden, im Wunsch ihn zu erkennen können wir uns ihm nähern, indem wir auf unser Lebensziel zuschreiten. Sobald wir dann diesen Urgrund in uns, als unsere letztendliche Wirklichkeit finden, haben wir das Sein seiner Wirklichkeit, als Grund der Welt gefunden und erfahren. Sein ist Eins.

Zwischen Wagemut und Genialität

So wie der Leser das vielleicht als recht wagemutige Behauptungen empfinden könnte, so muss es auch schon den Zuhörern Meister Eckharts Predigten ergangen sein. Der deutsche Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues (1401-1464) hielt Eckhart darum »nicht für jedes Gemüt zuträglich«. Der Meister aber war sich immer der Kühnheit seiner Worte bewusst. Niemand brauchte ihm sagen, dass er in den Köpfen des gemeinen Volkes allenfalls Verwirrung stiftete. Und jene Wahrheiten über die Meister Eckhart schrieb und predigte, schienen höchstens einige kongenialen Geister erfassen zu können.

Könntet ihr mit meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit spricht es selbst. […]

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, so lange wird er diese Rede nicht verstehen. Denn es ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar.

- Aus Predigt 2, Predigt 32

Diese Wahrheit brach schon fast aus seinem Inneren hervor. Nicht aber war sie vielfältig, wie man meinen könnte. Wer das riesige Schriftwerk Meister Eckharts kennt, weiß, das er immer wieder aus einem zentralen Kerngedanken, alle übrigen Sinnzusammenhänge entwickelte, die als Worte, wie aus seiner Seele geboren wurden. Wer diesen Grundgedanken in Meister Eckharts Lehre nicht erkannte, fand sich wohl leicht verstrickt, in einem schier unentwirrbaren Durcheinander von Unklarheiten. In Wirklichkeit aber sah Eckhart, durch seinen tiefen Blick in die Geheimnisse des Göttlichen, alle Vielfalt im all-einigen, unendlichen Sein aufgehoben und zur Einheit zusammengefasst.

Im Wesenskern der menschlichen Seele und dem göttlichen Seinsgrund, erkannte er eine Gleichartigkeit, worin Gott und Mensch einander verbunden sind – wenn auch auf unbeschreibliche, unerfassbare Weise. In jenem Kern fließen Menschsein und Gottsein zusammen. Und so wie sich vom wesentlichen Urgrund, dem Wesenskern allen Seins, eine Ausbreitung der Existenzen ergibt, so wiederum ergibt sich aus ihnen eine einzigartige Mannigfaltigkeit unzähliger Daseinskerne. Sie gleichen Saatkorn und Frucht zugleich, sind Urbilder der werdenden und der entstandenen Dinge. Diese Dinge aber existieren nicht etwa voneinander abgetrennt, sondern bilden gemeinsam ein System. Auch darin bestätigt sich das einige Sein, seine Einheitsnatur.

Die Vielheit aller Wesen sammelt sich somit als Einheit im Universum der geschaffenen Welt, in der sich all die unzähligen Urbilder in der Einheit einer ewigen Welt wiederfinden.

Sein als reines Erkennen

Nicht davon bin ich selig, dass Gott gut ist. Ich will auch niemals danach begehren, dass Gott mich selig mache mit seiner Gutheit, denn das vermöchte er gar nicht zu tun. Davon allein bin ich selig, dass Gott vernünftig ist und ich dies erkenne. Ein Meister sagt: Gottes Vernunft ist es, woran des Engels Sein gänzlich hängt. […] Des Engels Sein hängt daran, dass ihm die göttliche Vernunft gegenwärtig ist, worin er sich erkennt. […] Wenn wir Gott im Sein nehmen, so nehmen wir ihn in seinem Vorhof (des Tempels), denn das Sein ist sein Vorhof, in dem er wohnt. Wo ist er denn aber in seinem Tempel, in dem er als heilig erglänzt?

- Aus Predigt 10

Meister Eckhart bestimmte hieraus zugleich die Zuordnung des Wesen Gottes und des Menschen. Das Sein in Gott, ist reines Erkennen. Und so ruft dieser eine Gott durch sein Erkennen die Dinge ins Sein. Logischer Schluss wäre damit ja, dass je nach Erkenntnisvermögen, etwas oder jemand, entsprechend viel von Gott, vom Einen und vom Einssein mit Gott besitzen würde.

Im absoluten Erkennen ist damit die Einheit Gottes erfasst, aus dem das Sein ausströmt. Was dieses Erkennen erkennt, ist sein eigenes Sein, was es in seinem Spiegelbild erschaut. Darin erkennt das absolute göttliche »Vernunft-Sein« die Urbilder der Schöpfung – das, was der griechische Philosoph Platon die »Ideen« nannte.

Doch bei alle dem, war für Meister Eckhart Gott nicht ein jenseitiges Ideal einer alles bewegenden, tragenden und schöpfenden Weltsubstanz. Vielmehr waren alle Dinge für ihn Gott, aus denen er sich aber auch wieder, bis zum ausdehnungslosen Punkte, jederzeit zurück- und zusammenziehen kann, so dass Gott eben nicht mehr das ist, als was er darin gegenwärtig war. Damit verwendete Eckhart den Gottesbegriff stellvertretend für das eine und reine Sein, worin sich ein ewiger Vorgang von Werden und Entwerden vollzieht. »Gott« ist damit nicht mehr, als ein Name, der allein der religiös-philosophischen Anschauung seines Seins dient.

Dieser eine, ewige Weltprozess aber, bleibt immer nur die eine Seite des »Einen Seins«. Es gibt damit notwendiger Weise auch eine andere Seite. Das ist die ewige Stille, die Eckhart die »Gottheit« nannte – ein in sich ruhendes, kosmisches Potential, aus dem Gott wirkend hervortritt und in dessen Stille »Er« sich auch wieder zurückzieht. Aus der »gottgebärenden Gottheit« geht »Gott« also hervor und fließt auch wieder in sie ein.

So wie aus Gott die Dinge entstehen und aus ihrem Sein wieder in ihn zurückkehren, so wird auch Gott selbst und vergeht wieder, durchläuft eine Entwicklung und hat damit seine Geschichte. Die »Gottheit« hingegen, verharrt in ungetrübter Stille. Darin ist alles eins und daraus werden alle Entwicklungsbewegungen stetig neu hervorgebracht. Der Name »Gottheit« steht damit also für die schöpferische Einheit die den (be)wirkenden, schöpferischen Gott gebiert und in die er sich wieder zurückzieht.

Das Leben, das darum lebt, dass es lebt

Solche feinen Unterschiede, im sprachlichen Kontext zu schaffen, gelang Meister Eckhart anscheinend zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen. Nicht ohne Grund nennt man ihn daher den Begründer der deutschen Prosa. Es war wohl die Klarheit und Einfachheit seiner Sprache, die ihm ermöglichte, solche doch ganz einleuchtenden Schemata zu finden, woraus sich das Göttliche erklären ließ.

Eckharts Theologie war immer experimentell und auch spekulativ. Seine Weisheitslehren aber sind aktuell geblieben und auch heute noch für seine Leser erlebbar. Wer sich daher um eine weltoffene christliche Spiritualität bemüht, ist bei Meister Eckhart an der richtigen Adresse. Er wird ihn begeistern und wird ihn verwirren – doch weder langweilt, noch enttäuscht er den Leser. Der deutsche Mystiker Johannes Tauler (1300-1361) schrieb über ihn:

Er sprach nach der Ewigkeit und ihr nehmt es nach der Zeit

Diese »Zeitigung des Ewigen« erlebt jeder Mensch, immer wieder in seinem Leben. Zuerst zeigt er, sich selbst gegenüber, Bereitschaft, sich von Gewesenem zu lösen. Das setzt aber eine temporäre Abgeschiedenheit voraus, die aber keinen Zwang darstellen darf, sondern einen freiwilligen Rückzug, voll Gelassenheit und Annehmen des Seins, wie es eben gerade ist.

Nicht zu vermeiden ist der Schmerz, denn jeden Wachstumsprozess begleiten bekanntlich individuelle Leiden. Und zwar so lange, bis von allem Unbrauchbaren abgelassen wurde, alte Verkrustungen abgeworfen und aus den Schalen alter Ängste entledigt, ein Mensch das Wesentliche im eigenen Leben erhält. Erst dann kann er in ein neues Leben »geboren werden«, durch eine Transformation, wo er vom Dunkel zurück ins Licht schreitet. Dann erlangt er eine Fruchtbarkeit, aus der Neues hervorgeht und sich die Wirkungen des Handelns auf erwünschte Art und auch zum Wohle anderer manifestieren: Voraussetzung für jeden Erfolg im Leben.

Niemals aber behauptete Meister Eckhart, seine Schriften und predigten könnten jedem Sucher tatsächlich den Weg zu Gott weisen – weniger noch wolle er das!

Es gibt keine Anleitung zur Erkenntnis, zur Erleuchtung und weniger noch zum Gottfinden. Vielmehr lag ihm daran, den Zuhörern und Lesern seiner Predigten und Traktate, zum Durchbruch zu verhelfen, das heißt, jemandem, der einen langen Weg der Selbstfindung hinter sich hat, zur Entscheidung zu verhelfen. Es lag ihm aber daran, die Menschen aus dem Starrsinn ihres Alltagsbewusstseins hinauszustoßen.

Meister Eckhart wollte das Wesentliche im Menschen in eine Welt des freien Geistes entbinden, auf das jemand zu einem tätig-nützlichen Diener der Gemeinschaft werde.

Das alles war, in unbeirrbarer, leidenschaftlicher Entschlossenheit, Meister Eckharts beständiges Bemühen.

 


 

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Ibn Arabi und die Beschreibung des Unbeschreiblichen

von S. Levent Oezkan

Ibn Arabi - ewigeweisheit.de

Wenn es wirklich Gottes Wille war, diese Welt zu erschaffen, scheinen sich er und sein Wille zu unterscheiden. Denn wie lässt sich ein erhabener, vollkommener Gott der Einheit in Einklang bringen mit einer Schöpfung, aus der ein Universum der Vielheit und Unvollkommenheiten entstand? Solche Fragen zu beantworten galt immer auch muslimischen Philosophen als große Herausforderung.

Denn was für die Schöpfung des Kosmos gilt, das gilt ebenso für die Pole göttlichen Wirkens, wo Gott ja mal als gnädiger, helfender und gerechter Gott oder aber als strafender, strenger oder offenbar ungerechter Gott erscheint.

Vorausgesetzt nun, Gott ist die absolute, universale Einheit, so kann seine Schöpfung des Universums, nur ein Teil seiner Vollkommenheit sein. Doch laut der heiligen Schriften, war vor Gott nichts gewesen und auch gegenwärtig existiert nichts neben ihm.

Damit ist der erschaffene Kosmos also (nur) ein Teil Gottes. Er nahm seine Schöpfung aus der Ewigkeit und setzte sie in die Zeit. Gott selbst aber existierte immer jenseits von Raum, Zeit und Materie. Und genau diese drei weltlichen Größen unterscheiden die Schöpfung von ihm als Schöpfer.

Eine wichtige Frage bleibt aber weiter unbeantwortet: Wie kann ein Gott absoluter Perfektion und ungeteilter Einheit, ein Universum schaffen, in dem Chaos und Unvollkommenheit existieren? Zu dieser Frage sollen im Folgenden Lösungen gegeben werden.

Zwischen Glaube und Philosophie

Das Problem eines Warum, beschäftigte natürlich schon in vorislamischer Zeit die Philosophen der westlichen Traditionen – allen voran wohl jene Griechen wie Aristoteles, Philo von Alexandria oder Plotinus. Doch auch wenn diese alten Weisen, in der islamischen Philosophie von Bedeutung waren, fanden solche Denker wie der Sufi Muhyiddin Ibn Arabi (1165-1240), später ihre eigenen Wege zur Wahrheit. Ihm galt es die Erkenntnisse seiner spirituellen Vorfahren, in Einklang zu bringen mit den Lehren des Koran.

Dies nun gelang Ibn Arabi auf ganz wunderbare Weise. Allerdings dürfte ihm die anscheinende Widersprüchlichkeit zu schaffen gemacht haben, die sich im Gesamtkontext aus den Aussagen des Korans und einer vernunftbasierten Rechtfertigung, rein philosophisch-logischer Aussagen ergibt. Der Haken aber wurzelt eigentlich in diesem Konflikt.

Als Ausgangspunkt sollen zunächst die Aussagen des Koran, als spirituelle Wahrheiten vorausgesetzt werden dürfen. Wer sich dann mit den Dimensionen der Wahrheit auseinandersetzt, worin aber alle materielle Existenz nur ein Teil der Einheit und des Ganzen ist, doch nicht damit identisch, dem hilft auch Logik nicht weiter. Sie nämlich bezöge sich doch immer nur auf die raumzeitliche, substanzielle Welt.

Was einem damit übrig bleibt, ist entweder die Wahrheiten der Mystik zu akzeptieren oder sie vollständig zu verwerfen. Aristotelische Logik auf jeden Fall hilft da nicht weiter, da sie sich immer aus der Vorstellung eines Universums der Existenzen und der Mengen beziehen würde. Zwar ließen sich damit all die vielfältigen Ableitungen erörtern, wo aus einer Urmaterie als Ausgangspunkt, sich alle manifestierte Materie ergibt – wo sich aus etwas Maßgeblichem also wieder Maßgebliches ableiten lässt. Doch ohne eine Menge gibt es auch kein Maß und ohne Maß keine Logik.

Mystik aber stellt keine Fragen über Logik, Qualität oder Quantität des Existierenden. Statt dessen versucht sie den Sucher auf Wege zu bringen, die ihn zur »Ersten Ursache« geleiten und ihn zu Gott führen, jenseits von Raum, Zeit und Menge.

Vorherbestimmung und Zufall

Die Probleme, mit denen sich die alten islamischen Philosophen konfrontiert sahen, stehen also jenseits dessen was Aristoteles in seiner Logik zu vermitteln bereit war. Es bedarf eines eher spirituellen Wahrnehmungsapparats. Was Sufis wie Ibn Arabi vermochten, war die Realität in Form von Visionen, als direkte Realitäten wahrzunehmen – jenseits aller intellektuellen Einflüsse. Das etwa ist vor Allem die Erfahrung des Zufalls. Man sollte nicht versuchen, ihn logisch einzuordnen, sondern ihn als eine Wegmarke zu wahrer Erkenntnis verstehen. Die Fügungen des Schicksals erklären zu wollen, basiert auf dem Irrtum, das, was wir in unserem Wunsch nach logischer Schlussfolgerung erfüllt sehen wollen, auch tatsächlich erklären können. Eine solche Feststellung etwa, wäre die Aussage »Es gibt keine Zufälle«. So aber würde man das Schicksalhafte an sich bewerten. Vielmehr gilt es, einen besonderen Zufall im eigenen Leben, eben nicht intellektuell einordnen zu wollen. Es gilt ihn eben nicht zu bewerten, sondern die dabei gemachte, direkte Erfahrung, als Vision zu erkennen und also solche zu einem Wegweiser werden zu lassen, auf der Suche nach den Quellen der Inspirtation.

Sein ist alles – außer das Nicht-Sein

Auch wenn Ibn Arabi zur Erklärung seiner Mystik philosophische Systeme verwandte, war er nicht wirklich Philosoph, sondern eben ein Sufi, der auch die Fähigkeiten eines Sehers besaß.

Und doch beschrieb man seine Weisheitslehre immer als pantheistische Philosophie, wonach Gott in allen Dingen der Welt existiert und auch mit ihnen identisch ist. Darum lag Ibn Arabi auch so viel daran, die eigentliche Ungeteiltheit Gottes und seiner Schöpfung zu beweisen. Er versuchte die oben gestellte Frage, ob ein Gott der Einheit gegenüber seiner Schöpfung, im Konzept einer Dualität gesehen werden muss, oder ob in direkter Vision, diese rein philosophische Frage beantwortet werden kann, beziehungsweise sich erübrigt. Die Antwort auf die Fragen ob es eine Dualität gibt von Gut und Böse oder von göttlicher Allmacht und menschlichem Freien Willen gibt, genügte ihm einfach nicht.

Im Koran finden wir die Grundaussage, dass es nur einen Gott gibt, während Ibn Arabi insbesondere hervorhebt, dass es nichts als Gott gibt. Damit richtet er sein Augenmerk weg von dem einigen Gott, der das Universum erschuf, hin zu einem Gott der Alles und in Allem ist. Weniger lag Ibn Arabi aber daran zu zeigen, dass was Gott aus sich erschaffen hat und worin er fortbesteht, oder ob er irgendwann wieder in seine Einheit zurückkehrt. Er sprach nicht über einen aktiv schaffenden Gott, der nach seiner Schöpfung fortexistierte, sondern vielmehr davon, dass sich Gott in einer unendlichen Vielfalt, bis zu diesem Augenblick und für alle Ewigkeit in Formen manifestiert. Gott als Schöpfer ist damit nicht von seiner Schöpfung getrennt, sondern er selbst ist diese Schöpfung.

Man denke an einen Werkmeister: mit seinen Händen formt er etwas, dass aber nicht mit ihm identisch ist. Das Geschaffene ist damit etwas vom Schaffenden Getrenntes. Wenn Gott in seiner geformten Schöpfung aber nicht ebenso schafft, sondern sich in den Formen seiner Schöpfung manifestiert, lässt er letztendlich dem Gläubigen die Wahlfreiheit, welche dieser manifestierten Formen Gottes er akzeptiert oder ablehnt.

Der Mensch in Gott

Ibn Arabi unterscheidet also zwischen einem endlichen, religiösen Gott, der die Welt erschuf, und einem unendlichen, mystischen Gott, der sich selbst zur Welt formte. Ersterer gibt sich in den verschiedenen Sichtweisen der Religionen zu erkennen. Und damit liegt es am Gläubigen, welche Religion er gemäß seines Fassungsvermögens zu begreifen und anzunehmen vermag.

Allein durch die Entwicklung seines mystischen Herzens, vermag ein Sufi allem gegenüber empfänglich zu sein. Der Gott des Sufi beinhaltet damit alle Religionen, denn er ist auch fähig, sich zu erheben, über die Gegensätze von Gut und Böse, über die Widersprüche von Tugend und Sünde.

Für Ibn Arabi stand Gott ganz und gar jenseits aller Moralvorstellungen. Sein »Mystischer Gott« war weder muslimisch, noch christlich, noch war er Hindu oder Jude, noch sonst ein Wesen aus heidnischer Vorzeit.

Mein Herz vermag alle Formen zu empfangen,
Ein Mönchskloster, ein Gotteshaus der Götzen,
Wo Gazellen weiden, die Kaaba-Pilger,
Die Tafeln der Tora, der Koran.
Mein Glauben hält sich an der Liebe fest: Wohin auch immer
Seine Kamele ziehen, bleibt mir der eine feste Glaube

- Aus dem Tarjumanu Al-Ashwaq

Gott ist die Essenz allen Seins. Damit der Mensch selbst ist, braucht er Gott. Diese essentielle Realität des Göttlichen ist für Ibn Arabi Reinheit, ganz und gar ohne Eigenschaften. Erst in seiner Manifestation, wird dieses reine Sein mit Eigenschaften ausgestattet. Und sie sind es, die auch identisch sind mit Gott – etwas, dass für einen materialistisch-rational denkenden Mensch jedoch bedeutungslos bleibt. Für einen Gläubigen hingegen basiert alles das existiert, auf den Eigenschaften göttlicher Absolutheit.

Gott aber, der sich selbst kennt, kennt auch alle Dinge die in seinem Sein existieren. Einziger Unterschied ist, dass Gott weiß, dass er nicht identisch ist mit seiner Schöpfung. Sie ist vielmehr ein Produkt seiner eigenen Erkenntnis.

Beim Menschen bewegt sich diese Erkenntnis in einer Dualität, zwischen Erschaffer und seinem Erschaffenen. Das aber gilt nicht für Gott. Was er als für ihn bekannten, erschaffenen Gegenstand (Objekt) erkennt, ist das Selbe wie das ihm Zugrundeliegende (Subjekt). Denn die Essenz des Göttlichen vereinigt in sich sowohl denjenigen der erkennt, das Erkannte und den Akt des Erkennens. Gott steht damit für die vollkommene Einheit von Subjekt (der Ursache), Objekt (der Wirkung) und dem Verhältnis der beiden zueinander.

Die göttliche Schöpfung

Laut Ibn Arabi befindet sich die Welt in einem ununterbrochenen Prozess des Werdens – einem ewigen Erschaffen und Auslöschen. Das sind die beiden Extreme, denen alles Sein im Kosmos unterliegt. Es entsteht, verändert sich und wenn es sich nicht mehr verändert, stirbt es schließlich. Alles was ist, wird und verschwindet wieder. So wird auch der Kosmos (Ordnung) der sich verändert und sich letztlich wieder im Chaos (Unordnung) auflöst.

Genesis 1:2 entnehmen wir dazu Folgendes:

Und die Erde war wüst und leer

erinnern wir uns daran, dass mit dem im Folgevers zitierten

Es werde Licht!

das Sein, in seine neue Existenz kam.

Die Wirkungen dieses Seins aber, verändern sich von Augenblick zu Augenblick. Alles im Kosmos befindet sich in einem kontinuierlichen Werden. Auch der Mensch als Teil des Kosmos, kann niemals bleiben was er ist, sondern ununterbrochen verändert sich auch sein Leben. Das ist eine sehr tröstliche Tatsache, denn alles was existiert, wird irgendwann auch wieder verschwinden – was aber ebenso für unsere Probleme gilt.

Ibn Arabi wusste auch, dass Gott nicht jedes Ding im Universum selbst zu erschaffen braucht. Denn da für ihn Gott in Allem existierte, konnte sich alles selbst, als Teil der göttlichen Ordnung weiterentwickeln. Mit dieser Sichtweise wandte sich Ibn Arabi jedoch ab, von Vorstellungen die vor seiner Zeit, etwa durch den Sufi-Mystiker Al-Ghazali (1058-1111) vorausgesetzt wurden. Für den nämlich galt alles Geschaffene und sich Ereignende, als etwas, dass sich auf vollkommen neue Weise vollzieht, wo Gottes Wirken in jedem Augenblick zur Wirkung kommt.

Doch auch Ibn Arabi wusste, dass die Gesetze der Schöpfung und der Veränderung, jedem Ding zu Eigen ist – und das war für ihn nichts und niemand anderes, als Gott selbst. Die Frage die sich Ibn Arabi jedoch stellte, war, auf welche Weise sich die »Veranlagung zu Sein« letztendlich und als eigentliches Sein, in die Erscheinungswelt einordnen lässt?

Ibn Arabi unterschied bei dieser Fragestellung zwischen dem was wir oben als die »Göttliche Essenz« bezeichneten und den »Göttlichen Namen«, beziehungsweise den »Göttlichen Eigenschaften«. Letztere nämlich galten ihm als begrenzte Formen der »Göttlichen Essenz«, durch die sich jedoch die Erschaffung neuen Seins und neuer Seinszustände ereignet. Das mündliche Äußern eines der 99 Gottesnamen, führt zu der seiner Bedeutung nach entsprechenden Manifestation.

Alles aber entstammt immer jener Essenz des Göttlichen. Das göttliche Bewusstsein umfasst dabei alle Urformen der Intelligenz. Sie nennt Ibn Arabi die »Ayan«, was er mit dem alt-griechischen »Logos« gleichsetzt – etwas, dass in Johannes 1:1 das Wort Gottes bezeichnet:

Im Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott, ja das Wort war Gott.

Ibn Arabi galten die Ayan als »latente Realitäten«, die die substantielle Realität Gottes definieren, den Modus in dem Gott erschafft, erhält und wieder zerstört.

Aus dem Einen die Vielheit

Ibn Arabi setzt in seiner Lehre voraus, das zwischen Gott und seinen Geschöpfen ein besonderes Verhältnis besteht. Nicht aber bilden göttliche Essenz und geschaffene Substanz eine Dualität. Nur die eine Realität ist zulässig und sie ist göttlich, benannt im Namen Al-Haqq – die Wahrheit. Ganz gleich ob einer behauptete dass sich Gott selbst erkennt oder von seinen Geschöpfen erkannt wird: dieses Erkennen basiert immer auf einem einheitlichen, göttlichen Grund, der sich aus der göttlichen Essenz manifestiert.

Mit dieser Auffassung über das göttliche Sein, unterschied sich Ibn Arabis Lehre allerdings von dem, was andere Philosophien lehrten. Gott ist bei ihm nicht der Grund für die Entstehung der göttlichen Schöpfung, sondern die Essenz dessen, was in allem Geschaffenen enthalten ist. Wie oben bereits angedeutet, meisterte Gott seine Schöpfung nicht aus dem Jenseits, sondern nahm erst in ihrer Entstehung alle Formen der Erscheinungswelt an.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist die Realität abhängig vom Betrachter. Wir als Menschen sehen immer nur einen Teil und niemals alles auf einmal. Real ist für uns das, was wir an der Oberfläche ablesen. Und doch ähnelt sich damit auch unsere Wahrnehmung mit der göttlichen Wahrnehmung. Denn in den Dingen die uns umgeben, sollten, zumindest aber könnten wir uns stets selbst erkennen. Was sich uns in unserer Realität darbietet sind Dinge, die auch in uns selbst vorhanden sind. Ganz gleich wie absurd einem diese Behauptung auch vorkommen mag, wäre es vielleicht trotzdem angebracht, im gegenwärtigen Zeitpunkt, die Welt einmal aus dieser Perspektive anzusehen.

Für Ibn Arabi stehen Gott und seine Schöpfungen in einem Verhältnis, wie ein Gegenstand, dessen Erscheinung unzählige Spiegel reflektieren. Ohne diese Reflexionen gäbe es auch keinen Gott. Denn sie sind, wenn man so will, er selbst – doch gleichzeitig nicht.

Wie geht das an?

Die Reflexionen gleichen dem Reflektierten nur eben so lange, wie wir sie als solche wahrnehmen. Doch sie bleiben immer göttlich. Erst wenn einer Gott vergisst oder seine Existenz verleugnet und seine Reflexionen (das heißt alles von ihm Geschaffene) für endgültige Wahrheiten hält, haben sie für ihn ihre Göttlichkeit verloren.

Spirituelle Ebenen menschlichen Seins

Wenn nun aber ein Gläubiger, als Gottes Geschöpf, bereits die Einheit in Gott anstrebt, wieso sollte dem Mystiker dann überhaupt noch daran liegen, sich mit Gott zu vereinen?

Diese Frage lässt sich einfach beantworten: Nur wer glaubt von Gott getrennt zu sein, ist es auch tatsächlich. Wer sich aber seine eigentlich ursprüngliche Verbindung mit Gott bewusst macht, erinnert sich daran, dass seine Seele jetzt, in diesem Augenblick und sonst auch immer, mit der göttlichen Weltseele eine Einheit bildet. Und doch wird Gott niemals Mensch werden, und der Mensch niemals Gott. Denn seine Seele kann sich zwar selbst, doch niemals aller anderen Seelen bewusst sein. Dieses »Bewusst-Sein« ist allein der göttlichen Weltseele vorbehalten, von der die individuelle Weltseele jedoch immer ein Teil und darum auch mit ihr eins ist.

Wie in anderen spirituellen Lehren, spricht auch Ibn Arabi von Körper, Seele und Geist. Sie bilden die Dreiheit, aus der sich ein auf Erden lebender Mensch zusammensetzt. Die Seele wiederum unterteilt sich in eine Dreiheit von Vernunft, vegetativer Seele und Triebseele (oder Animalischer Seele).

Der Teil des Menschen, für den die Vernunft steht, identifiziert Ibn Arabi weniger mit dem Intellekt, als eher mit einem geistigen Prinzip der Ratio. Was er als vegetative Seele beschrieb, hatte die Aufgabe den Körper am Leben zu erhalten, indem sie Essen sucht und aufnimmt.

Vegetative Seele und Triebseele, galten Ibn Arabi als Teil des menschlichen Körpers. Dagegen die Vernunft unabhängig vom Körper existiert und den Körper als Vehikel nutzt. Letztendlich aber bilden Vernunft und Körper für Ibn Arabi, Aspekte einer zentralen Realität, wobei die Vernunft das innere, geistige Leben, der Körper aber das äußere, weltliche Leben repräsentiert. Wie auch sonst soll der Körper ohne Vernunft sein, angesichts der Tatsache, dass er doch für den äußeren Aspekt der Realität steht?

Durch das Auge des Herzens sehen lernen

Laut Ibn Arabi besitzt die Seele eines Menschen, bereits zur Geburt ein »angeborenes Wissen«. Doch noch bevor der Körper des Säuglings zur Welt kommt, »vergisst« die Seele dieses Wissen. Hierauf deutet auch ein Teil der berühmten Bildtafel des Kebes von Theben (spätes 5. und frühes 4. Jahrhundert v. Chr.). Man sieht dort am unteren Bildrand kleine Kinder aus der Erde aufsteigen, die auf dem Weg zu einem hohen Felsen sind. Er ist unterteilt in drei Abschnitte, durch je eine Mauer, durch die ein Tor führt. Am ersten Tor verabreicht eine Frau den Ankömmlingen den Trank des Vergessens. Der Fels ist ein Symbol für die Welt, wo nur manche den höchsten Gipfel erklimmen und von den Priesterinnen des Kronos-Tempels herzlich empfangen werden.

Tabula Cebetis Thebani - ewigeweisheit.de

Stich aus dem 16. Jahrhundert des hollndischen Künstlers Jacob Matham (1571-1631): Die Tabula Cebetis Thebani - die Bildtafel des Kebes von Theben.
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Wenn sich der in der Welt lebende Mensch, neues Wissen aneignet, erinnert er sich quasi an sein »vorgeburtlich vergessenes Wissen«. Denken war für Ibn Arabi damit ein Vorgang, wo sich der Seele angeborene Begriffe, mit Begriffen der Ist-Welt neu verbinden. Zu verstehen hieß für ihn damit also, ein Verhältnis aufzubauen, zwischen dem was vergessen und dem was wieder neu erlernt wurde. Jeder Begriff steht damit für eine unveränderliche Vorstellung.

Die Prinzipien des Lichts sind die Grundlage zur Befähigung jeglicher Wahrnehmung. Es ist die innerste Essenz aller Intelligenz, die Gott am nähesten steht. Licht ist ein Synonym für die spirituelle Wechselwirkung eines ausstrahlenden Gottes und der wahrnehmenden, ewigen und unsterblichen Vernunft des Menschen. Das, was die Sufis das spirituelle Herz nennen. In diesem Licht empfängt das Auge des Herzens (Al-Ayn Al-Basira) die Sinneswahrnehmungen. Das Herz aber gleicht einem Spiegel, der alle Sinneseindrücke in den Intellekt des Gehirns reflektiert, wo sie dann als Sinneseindrücke erkannt und zu Vorstellungen werden.

Bewusst zu leben heißt, dieses Licht mit dem Auge des Herzens zu erblicken. Doch es benötigt dabei eben nicht den Intellekt, sondern vermag die Vollkommenheit des Göttlichen direkt zu erblicken.

Einblicke in die Mystik der Traumwelt

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) die Theorie der Archetypen. Darin ging er aus von einer universell vorhandene geistigen Struktur, die den Seelen aller Menschen zu Grunde liegt. Ganz unabhängig von geschichtlichem und kulturellem Hintergrund jedoch, können sich diese Archetypen in einem Menschen unterschiedlich realisieren. Jung nannte sie die Archetypen des kollektiven Unbewussten: Ursymbole der menschlichen Psyche, die sich in allen Kulturen der Welt, als seelische Tendenzen finden und alle samt auf einem gemeinsamen Muster basieren.

Schon Ibn Arabi dachte sich die Seele, aus archetypischen Symbolen beschaffen. Sie nannte er die Khayal, die für ihn die Grundlagen der Erscheinungswelt bildeten. Dazu zählt er sowohl die Traumwelt wie auch die Wachrealität. In beiden aber sah er diese Archetypen im Verborgenen wirken.

Wenn der Mensch nun seine Erlebnisse im Schlaf, als Träumender verarbeitet, betrachtet er sie mit dem inneren Auge des Herzens. Normalerweise bündeln sie sich darin zu den Symbolen unserer Wünsche, die wir in unseren Herzen tragen. Wenn Carl Gustav Jung nun von Archetypen sprach, stimmt das überein mit dem, was für Ibn Arabi als Urformen des göttlichen Wortes auf der sogenannten Lauhul-Mahfudh geschrieben steht: der »Wohlverwahrten Tafel«. Vorstellungen von diesem heiligen Gegenstand, brachte man immer wieder in Verbindung mit der Tabula Smaragdina der Alchemie, die ja insbesondere auch in Carl Gustav Jungs Schriftwerk, eine nicht unbedeutende Rolle einnimmt. Über die Symbole dieser Wohlverwahrten Tafel nun, wird die menschliche Seele im Traum, mit jenen Archetypen »beeindruckt«, die aus dem Feld der universalen Weltseele stammen.

Ganz gleich aber, wie deutlich diese vermittelten Urbilder der Weltseele, im inneren Auge des Herzens erkannt werden, reflektiert es sie als Zerrbilder dieser Archetypen in den Geist eines Menschen. Was er dabei dann in seinem Geiste erinnert, kleidet sich in die Bilder seiner eigenen Vorstellungskraft. Und das ist der Grund, dass Erscheinungen in Träume interpretiert werden müssen. Warum? Da die eigentliche Realität hinter diesen archetypischen Erscheinungen dem entspricht, was sich als die göttliche Wahrheit bezeichnen ließe: eine in jedem Menschen wirkende Lebensabsicht.

Mittler zwischen Menschsein und Gottsein

Für Ibn Arabi galt Gott als die Essenz dieser Erscheinungen. Alle Ursachen und Wirkungen, von aktiv Göttlichem und passiv Weltlichem, sind Derivate dieser Essenz. Zählt sich einer zum weltlichen Teil der Erscheinungen, lebt er für sich von Gott abgesondert. Sein Dasein ähnelt einem Spielball, auf den stets äußere Umstände wirken, ihn allegorisch von hier nach dort und wieder zurückwerfen. Derjenige, der sich jedoch seiner eigenen Göttlichkeit bewusst würde, so Ibn Arabi, der würde selbst zur Ursache und zu einem aktiven Erschaffer. Er begänne dann als Mittler Gottes zu agieren, dessen aktive, schöpferische Kraft durch sein Wirken als Mensch zum Ausdruck kommt. Denn er ist als empfangender Teil der göttlichen Aktivität selbst aktiv, als einer der auf Gott reagiert.

Das Gute als reine Abwesenheit des Bösen

Ibn Arabi galt alle Realität (Al-Haqq) als absolut Gutes (Al-Khayr Al-Mahd). Wo aber bleibt da noch Platz für das Böse?

Nun, Ibn Arabi empfand das Böse als das Gegenteil der Realität. Es war ihm eine Nicht-Existenz – eine vollkommene Abwesenheit des Wirklichen. Das heißt, dass alles Seiende zwangsläufig positiv sein muss, wohingegen alles Negative alles Nicht-Seiende repräsentiert.
Somit entspräche das Böse also dem Fehlen von positiven Eigenschaften, zu denen man zum Beispiel Wahrheit, Licht, Stärke, Heil und Gesundheit zählen kann. Jemand oder etwas krankt, dem die Gesundheit entzogen wurde. Krankheit ist in diesem Sinne also keine negative Eigenschaft, sondern stellte für Ibn Arabi eine »Nicht-Gesundheit« dar.

Es ließe sich daraus also schließen, dass das was gut ist, ist. Was nicht ist, aber ist negativ. Nichtsein von Negativem ist im Umkehrschluss darum Positives. Und wenn Gott als absolutes Sein aller Existenz, als dessen Essenz und Vollkommenheit definiert ist, tendiert auch Unwissenheit zum Bösen. Denn sie verhüllt das Gute und damit das eigentlich Göttliche. Gott kann damit also nichts Böses erwirken. Vielmehr entzieht sich das Böse dem Guten, fällt von ihm ab, wie die bittere Schale von einer süßen Frucht (man denke hier etwa an die Vorstellung der kabbalistischen Klipoth).

Ibn Arabi hatte aber noch eine weitere Definition für das Böse. Denn ihm galt der Kosmos nur dann als perfekt, wenn darin auch Unvollkommenheit existierte. Und in eben diesen Unvollkommenheiten, sah Ibn Arabi die notwendigen Ereignisse etwas vermeintlich Unguten oder Bösen – als Prozess des Werdens –, denn erst durch sie fände das Gute seinen Weg zu seinem vollkommenen Sein.

Wenn nun offensichtlich aber die Vorstellung vom »Sündigen«, eine negative, böse Auffassung über das Sein darstellt, wird das ebenso aus der Welt der Unvollkommenheiten »geboren« – ja vielleicht besser formuliert: Durch das Handeln eines Individuums kann auch das Böse »zur Welt gebracht« werden, bevor es je existierte. In Ibn Arabis Lehre ist Sünde ein indirekter Ungehorsam gegen den Willen Gottes. Denn was nach Gottes Maß sein muss, ganz gleich auch wie beschwerlich, kann nicht umgangen werden, sondern muss dem Willen des Guten entsprechen. Jeder der dem nicht voll entspricht, »sündigt«, doch eben nicht nach der allgemein gebräuchlichen Vorstellung seiner Wortbedeutung: zu Sündigen wäre damit nicht gegen eine Moralvorstellung zu verstoßen, da diese ja rein menschlicher Natur sein kann. »Sünde« hieße damit eher, sich nicht mit den gegebenen Umständen abzufinden, sondern stets Gelegenheiten zu erhaschen, die einem eine vermeintliche Kompensationen bringen, doch sich immer zum Nachteil der Welt ergeben.

Wenn Ibn Arabi von einer durch und durch göttlichen Welt ausgeht, wo alles »fehlend Nicht-Seiende«, »Nicht-Göttliche«, zwangsläufig dem Bösen zugerechnet wird, kann damit also Sünde nur etwas sein, dass sich wie über eine Hintertür ins Leben eines Menschen schleicht und zwar genau immer dann, wenn er sich eben gehen lässt und nicht mehr versucht dem Guten zu folgen. Und wenn das Gute der Vollkommenheit entspricht, schafft ein Mensch damit Unvollkommenheit, die sich dann, je nach Grad, als das Böse bezeichnen ließe. Gott aber gab dem Menschen die Mittel um unterscheiden zu können, zwischen Vollkommenheit und Unvollkommenheit, zwischen Harmonie und Uneinigkeit, zwischen Erfüllung und Davonlaufen.

Freier Wille und Schicksal

Hat ein Mensch die Freiheit der Wahl oder ist sein Leben durch die göttliche Fügung vorherbestimmt?

Schon immer schieden sich hier die Geister, auch unter muslimischen Philosophen. Bis heute liegt dazu keine eindeutige, abschließende Theorie vor.

Ibn Arabi sah in der Wahlfreiheit eines Menschen keine übergöttlich vorherbestimmte Sache. Vielmehr handelt ein Individuum gemäß seiner eigenen inneren Regeln. Sein Leben gleicht manchmal dem eines Baumes: die Veranlagungen eines Menschen, sind enthalten in der Erbsubstanz, dem Samen und der Eizelle, woraus er wuchs. Sobald der Samen eines Baumes im Boden keimt, wächst er so lange, bis er durch die Wirkungen von Außen seine Wachstumsprozesse an die Umgebung angleicht. Doch dereinst wird er sterben – so wie auch ein Mensch. Die Lebensregeln des Baumes aber waren in der Erbsubstanz seines Samens »von Gott eingegeben«. Hier von Freiem Willen zu sprechen erübrigt sich damit, zumindest seine wörtliche Bedeutung. Denn wenn der Same doch bereits aus göttlichem Ursprung seiend, seinen Lebenszweck als wachsender Baum erfüllt, vielleicht Früchte trägt oder Schatten spendet, »tut« er das, was seine Veranlagung ihm gebietet. Niemals aber würde ein Baum, sein Dasein als Lebewesen verwirken – erfüllt er doch nur das in ihm veranlagte Leben zu leben. Er kann also nicht anders, als seinem Wesen nach Vollkommenheit anzustreben.

Der Mensch in der Gesellschaft jedoch, kann sich anpassen oder seinem freien Denken gemäß anders entwickeln. Immer scheint ihm dabei offen zu stehen, ob er seinen eigentlichen, veranlagten Grund zu sein, erkennen will oder nicht. Dem Menschen steht sogar frei, sich zu Grunde zu richten – es sei denn, er glaubt an seinen göttlichen Ursprung und weiß, dass es einen, wenn auch nicht durch Worte beschreibbaren Grund dafür gibt, dass er auf der Erde geboren wurde. Ihn nämlich gilt es zu finden, ihn sollte man zu erkennen trachten.

Einswerden mit Gott

Seit alter Zeit gibt es im Sufismus den arabischen Begriff Fana: das Auslöschung und Eingehen ins Göttliche – eine subjektive Empfindung der Auflösung in der substantiellen Welt. Nur aber der sich dazu befähigt, allem Weltlichen zu entsagen, kann sich damit dem göttlichen Willen ergeben.

Fana galt Ibn Arabi als spirituelles Konzept, das sich sowohl aus mystischer, wie auch metaphysischer Sicht erklären lässt. Die mystische Qualität des Fana, bestand für Ibn Arabi in einem »Vergehen der Unwissenheit«, einer ultimativen Erkenntnis also, wo einem Individuum seine grundlegende Einheit im göttlichen Sein bewusst wird. Seinem metaphysischen Sinn gemäß, sah er Fana als ein Dahinscheiden der Formen in der Erscheinungswelt, wobei jedoch die allem zu Grunde liegende kosmische Essenz Gottes, immer fortbestehen bleibt.

Alle Form, sei sie spiritueller oder metaphysischer Art, ist eine von Gott eingenommene Struktur, die sich in Fana aber auflöst, und quasi freigegeben wird, damit sich Gott in einer anderen Form manifestieren kann. Auf das alltägliche Leben übertragen, ist es, wie wenn jemand eine alte Gewohnheit opfert, damit gutes Neues in sein Leben kommen kann. Denn Leben ist Werden und unterliegt damit einem stetigen Wandlungsprozess der Erschaffung, Zerstörung und Neuschaffung des Seienden.

Fana ereignet sich in einem unendlich kleinen Augenblick, wo etwas aufgelöst und vernichtet wird, damit aus Gewesenem sofort etwas Neues entstehen kann. Was dabei entsteht, muss zwangsläufig wieder vergehen. Nur gehört dieser eigentliche Vorgang des Übergangs, der Unendlichkeit an, weshalb Fana nur im ständigen Werden des eigenen Seins erlebt werden kann.

Zu sterben, bevor man stirbt

Gemäß Ibn Arabi, kann sich ein Mensch allmählich dem Zustand des Fana nähern. Auf sieben Stufen spiritueller Entwicklung, strebt er diesem höchsten Zustand des Gewahrwerdens zu, durch

  1. das Absterbenlassen des durch Sünde beschränkten Lebensfeldes, wobei sich der Sufi jedoch klar wird, das selbst einem, der in dieser Weise handelt, immer die Möglichkeit gegeben wird, solches Streben zu unterlassen und sich wieder dem Guten zuzuwenden.
  2. Das Absterbenlassen aller Handlungen und die dabei gleichzeitige Bewusstmachung, dass sie immer aus dem Göttlichen kommend vollzogen werden.
  3. Das Absterbenlassen aller formalen Merkmale im Leben und die gleichzeitige Bewusstwerdung ihres Sinnes, als von Gott ausströmende Wahrheiten.
  4. Das Absterbenlassen der eigenen Persönlichkeit und des Ich-Bewusstseins, in gleichzeitiger Bewusstwerdung, dass so etwas wie ein Selbst als Erscheinung, überhaupt nicht existiert. Hierin erkennt das Individuum das Fortbestehen einer ewigen, göttlichen Substanz.
  5. Das Absterbenlassen alles Weltlichen und die gleichzeitige Bewusstmachung, dass sich das eigentliche Sein, noch auf dem Grund der Erscheinungswelt befindet.
  6. Das Absterbenlassen von Allem, das nicht dem Göttlichen entspricht. Damit erlischt im Mystiker der Wunsch sich als göttliches Wesen zu erkennen. Da wird sich Gott selbst als Betrachter im Betrachtenden identifizieren können – denn beide sind Eins geworden.
  7. Das Absterbenlassen aller göttlichen Attribute, wo das Universum nicht mehr als Wirkung einer Ursache, sondern nur dem Aussehen nach real ist (arab. Haqq fi Zuhur). Ibn Arabi galt dies als die ultimative Wahrheit, aus der alles Sein entsteht.

Wer sich nun aber diese sieben Schritte zur Erlangung des Fana-Zustandes durchließt, könnte schnell auf die Idee kommen, dass da einer vergeblich versuchte, etwas nicht zu Beschreibendes in Worte zu kleiden. Die Erklärung kann eben niemals das Erklärte selbst sein. Denn der Intellekt reicht nicht dazu aus, diese, auf Erfahrung basierenden Wahrheiten, als in Worte gefasste Beschreibungen zu verstehen. Die mystische Erfahrung, die Ibn Arabi auf diese Weise fast schon vergeblich versucht zu erklären, ist vielmehr etwas, das sich gar nicht mündlich kommunizieren lässt. Damit eigentlich zwingt es den Erfahrenen zur Geheimhaltung, denn worüber hier Gesprochen werden könnte, entspricht eben niemals der Wahrheit und wäre auf diese Weise kommuniziert, einfach falsch.

Alles Qualitative kann wie gesagt erfahren, weniger aber erklärt werden, wohingegen das Gegenteil wahr ist für alles Quantitative. Ganz und gar sinnlos wäre es zum Beispiel, anhand einer Skala beschreiben zu wollen, wie sehr man einen Menschen liebt. Denn selbst könnte man es an einer Art Thermometer ablesen, wäre es für den Nicht-Betroffenen ganz und gar unnütze. Doch durch sein Hineinversetzen in das Gefühl eines Liebenden, kann er versuchen die Gemütsbewegungen seines Mitmenschen zumindest nachzuempfinden – vorausgesetzt, er hat selbst einmal geliebt.

Was Ibn Arabi, in seinen sieben Stufen zur Erreichung des Fana-Zustandes, versuchte zu erläutern, ist die Erlangung wahren Wissens. Nur aber durch das Absterbenlassen aller Dinge der Erscheinungswelt (Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen) und damit allem Nicht-Göttlichen, kann solches Wissen auch tatsächlich erlangt werden. Damit erreicht ein Individuum den Zustand des vollen Gewahrwerden Gottes – wird damit selbst Gott, in dem Sinne, dass Gott sich selbst im Sein eines Menschen zu erkennen beginnt. So einem wird die Realität aller Realitäten bewusst und er erreicht damit die höchste Form menschlichen Seins.

Ein Meister der Denkkunst

Ibn Arabi war ein Künstler darin, seine Leser in ihrer Geduld herauszufordern. In der Schwierigkeit Ibn Arabis Werk zu begreifen, liegt weniger das Werk an sich, als die Art wie er seine Methoden als Schlussfolgerung entwirft. Seine Aussagen erscheinen oft oberflächlich oder gar hinfällig, da man darin nur geringfügige Unterscheidungen von Begriffen findet. Doch eben sie sind so wichtig.

Der Grund für Ibn Arabis anscheinende Kompliziertheit liegt auf der Hand: Wie will man durch Sprache, die ja auf Logik basiert, etwas erklären, dass sich jenseits aller Logik befindet? Von seinen Lesern verlangt er darum höchstes philosophisches Verständnisvermögen. Unzählige, jedoch nur anscheinende Widersprüche in seinem Werk, zehren und zerren an seiner Intellektualität, die einen in eine »hochgeistige Verzweiflung« bringen kann. Doch wer mit dem Weisen geduldig bleibt, wird allemal belohnt!

Ibn Arabi gelang es ein System zu entwerfen, dass mit allen Finessen philosophischer Denkkunst ausgestattet ist. Unzählige Fragen, die westliche Philosophen unbeantwortet ließen, finden sich in seiner Lehre – sowohl Mysitsches, Philosophisches, wie auch Religiöses, verstand Ibn Arabi zu beantworten.


 

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Die deutsche Prophetin vom Rupertsberg

von Johan von Kirschner

Hildegard von Bingen - ewigeweisheit.de

Den mystischen Schriften der Hildegard von Bingen wird nachgesagt, das Herz ihrer Leser zu erheben. Man erfahre darin vom geheimen Wesen der Natur, über die Schöpfung und das wahre Wesen Gottes. Sie war eine Universalgelehrte und Seherin, Autorin, Komponistin und Mystikerin, die auf ihre Zeitgenossen großen Einfluss ausübte. Besonders wegen ihrer Heilkunde, ist die Hildegard auch heute noch vielen Menschen bekannt.

1098 wurde die Heilige Hildegard von Bingen in eine wohlhabende Familie geboren und wuchs auf in einem Landgut in der Nähe des rheinhessischen Alzey. Schon als Kind empfing sie Visionen und vernahm in sich, himmlischen Gesang. Doch diese Gesichte und Auditionen, gingen einher mit Schwächeanfällen und Krankheit. Mit niemandem ihrer Familie aber sprach sie darüber. Was sie sah, verheimlichte sie, soweit sie konnte.

Dementsprechend führt Gott, wenn er seinen Geist im Dienst von Prophetie, Weisheit oder Wundern in einen Menschen schickt, dessen Fleisch häufig aber nicht durch Schmerzen bindet, dann wendet es sich leicht weltlichem Wandel zu.

- Aus der Vita

In ihren Audiovisionen wurde sie durch die Krankheiten, die ihr Gott sandte, zur Veröffentlichung der empfangenen Offenbarungen quasi gezwungen, wie Hildegard schrieb. Ihre »Schmerzen« dabei, dienten Gott als Instrument, um Hildegard vor Überheblichkeit zu bewahren. Denn das Durchleiden von Schmerzen und Krankheit, wahrt die nötige Demut, um die göttliche Schau zu vernehmen.

Gott wollte das arme Geschöpf, durch das er diese Schrift ausgegeben, mit dem Öle seiner Barmherzigkeit salben. Denn vom Tag ihrer Geburt ist sie in ein Netz von Schmerzen und Krankheiten verstrickt. Es gefiel jedoch dem Herrn noch nicht, dass sie aufgelöst werde, weil sie durch die Höhle ihrer Vernunft noch manche Geheimnisse schaut. Diese Schauung griff derartig ihre Gesundheit an, dass sie öfter vor Erschöpfung zusammenbrach. Darum ist sie auch in physischen Dingen wie ein Kind. Sie ist abhängig von der Inspiration des Heiligen Geistes, ist seine bestellte Dienerin.

- Aus dem Liber divinorum operum

Je feiner und zarter sich eben ein menschlicher Organismus zusammensetzt, um so leichter und intensiver kann er übernatürliche Anregungen empfangen. Nicht zufällig erfahren wir in der Geschichte der christlichen Mystik davon, dass fast alle auserwählten Seelen, die zu einer außergewöhnlich hohen Empfänglichkeit befähigt waren, schon durch ihre natürlichen, physiologischen Anlagen, dem leisesten Hauch übernatürlicher Einwirkung entsprachen. So konnten sie eben als Heilige, als Propheten Gottes, ihre Zeitgenossen und deren Nachfahren, von den empfangenen Weisheiten kosten lassen.

Das Hildegards Visionen und Auditionen, nichts Angedichtetes gewesen sein können, das belegt ihr außergewöhnliches Werk. Schließlich war sie ja nicht nur Verfasserin heiliger Texte und Gedichte, sondern komponierte einen bis dato nicht gewesenen Kirchengesang. Außerdem erfand sie eine komplett neue Heilkunde. Außergewöhnlich dabei ist, dass sie ihr riesiges Werk schuf, ohne jemals eine umfassende Bildung erfahren zu haben. Weder war sie früh geübt in der Schreibkunst, noch hatte sie eine Ausbildung als Komponistin wahrgenommen.

Wie man aus den Schriften des Zisterziensers Bernhards von Clairvaux erfährt, mit dem sie brieflichen und persönlichen Kontakt pflegte, grenzten Hildegards Begabungen recht an Wunder. Ein Hinweis auf ihre tatsächlich magere literarische Bildung ist, dass in ihren Schriften einfach Zitate fehlen, was wohl belegt, dass sie nie viel gelesen hat. Ihr Wissen ging also eigentlich nicht über das hinaus, was ihre Umgebung wusste. Was sie aber wusste, das erwarb sie in ihren Unterredungen und im Umgang mit den vielen gebildeten Theologen denen sie begegnet war.

Hildegards Erziehung

Bereits im Alter von acht Jahren, übergaben Hildebert und Mechthild von Bingen, ihre Tochter zur religiösen Erziehung an ihre Erzieherin Jutta von Spondheim (1092-1136). Mit zwölf Jahren bezog Hildegard das Benediktinerkloster Disibodenberg, bei Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz). Das Kloster war benannt nach dem irischen Einsiedlermönch, dem Heiligen Disibod, über den Hildegard später eine Biografie verfasste.

Der Heilige Disibod errichtete einst eine Mönchsklause, am Zusammenfluss von Nahe und Glan, auf dem Grund eines alten römischen Jupiter-Tempels. Dort sollte dereinst die 16-jährige Hildegard zur Nonne geweiht werden.

Nach dem Tod ihrer Meisterin Jutta von Spondheim wählten die Nonnen der Frauenklause des benediktinischen Klosters Disibodenberg, die Hildegard von Bingen zu ihrer neuen Meisterin. Doch es schien nicht alleine eine Abstimmung gewesen zu sein, als vielmehr eine göttliche Auserwählung, heißt es doch, dass die Lichtfunken ihres hohen Geistes, ein mystisches Zwielicht über ihre Gestalt ausgoss. Darin erkannten ihre Klosterschwestern den Segen Gottes, der auf der Hildegard ruhte.

Gotterleuchtung

Hildegards ausgeprägten visionären Fähigkeiten, entzündeten ihr Inneres mit dem Licht eines höheren Geistes. Die Menschen ihres Umfelds nahmen das auch wahr. Immer wieder schien sie in ein geheimnisvolles Ringen verstrickt, mit dem Geist Gottes. Weniger aber waren ihre mystischen Gesichte Kämpfe, als eher ein von innen her drängendes Vermächtnis, einer eigentlich noch höheren Aufgabe. Auf kurz oder lang nämlich, sollte in ihrem Wirken sich etwas entfalten, was schon ewig auf sein Erblühen wartete.

Als sie selbst noch ihrer Meisterin Jutta von Spondheim diente, hielt sie ihre visionäre Begabung zurück, vollkommen bescheiden und in ängstlicher Bemühung. Doch nun selbst zur neuen Meisterin ernannt, ereignete sich etwas, wodurch ihr anscheinend Prophetenrecht erteilt wurde. Im Alter von 42 Jahren, auf der Höhe ihres Lebens, erschien ihr ein himmlisches Licht, woraus eine Stimme zu ihr sprach:

Oh du gebrechliches Geschöpf, Staub von Staub, Asche von Asche, sprich und schreibe nicht nach menschlicher Rede, nicht nach menschlicher Einsicht, nicht nach menschlicher Darstellungsweise, sondern so, wie du es in Gott vernimmst, so wie der Schäler die Worte des Lehrers wiedergibt.

- Aus Scivias

Das Licht, das sie in diesem Moment durchflutete, glich einer Flammenzunge, die zwar nicht brannte, sie aber wärmte, wie die Strahlen der Sonne, die im Frühling die Natur zum Leben erweckt. In dieser Vision verspürte sie ihr Inneres erhellen, in einer solch wunderbaren Klarheit, dass sich ihr darin die höchsten Mysterien des Himmlischen offenbarten. Nicht etwa war das, was sie darin sah eine traumartige Einbildung und auch kein Produkt ihrer Phantasie, sondern ein seelischer Vorgang, der sich unabhängig von Gedanken und Sinneswahrnehmung vollzog.

In einem Brief an den Mönch Wibert von Gembloux (1125-1213), schrieb Hildegard über diese Erfahrung Folgendes:

Wie der Spiegel, der alles reflektiert, in einen Rahmen gefasst wird, so hat Gott die menschliche Vernunft in den Rahmen des Körpers eingeschlossen. Durch sie schaut der Mensch die Geheimnisse Gottes wie in einem Spiegel […] Von meiner Kindheit bis zu dieser Stunde, da ich über siebzig Jahre zähle, gewahre ich ununterbrochen jenes Licht in meinem Innersten. In diesem Licht erhebt sich meine Seele auf Gottes Geheiß zur Höhe des Himmels, in die Lüfte und zu den Wolken, zu den entferntesten Orten und ihren Bewohnern. Ich sehe alles bis ins Kleinste. Aber ich vernehme es nicht durch die fünf Sinne meines Körpers, ich erreiche es nicht durch intensive Gedankenarbeit, sondern alles steht klar vor meinem Geiste. Meine Augen sind offen, keine Ekstase umfängt mich. Ich schaue es Tag und Nacht, wachend und träumend, aber oft todkrank und sterbensmatt.

Das Licht, welches ich erblicke, ist an keinen Raum gebunden. Aber es ist heller als die Wolke, welche die Sonne trägt. Es hat weder Länge noch Breite noch Tiefe. Ich nenne es den 'Schatten des lebendigen Lichtes'. Wie Sonne, Mond und Sterne sich im Wasser spiegeln, so spiegelt sich in ihm Schrift und Wort, Tun und Lassen der Menschen. Was ich in diesem Lichte schaue, verstehe ich sofort und behalte es lange Zeit. Was ich aber nicht in diesem Lichte erkenne, bleibt mir fremd, da ich keine gelehrte Bildung besitze. Was ich in diesem Lichte sehe, höre oder schreibe, bringe ich in formlosen lateinischen Worten vor, so wie ich sie in der Vision vernehme. Ich schreibe nicht wie die Philosophen, meine Worte erklingen nicht wie die menschliche Stimme. Sie gleichen stattdessen einer zuckenden Flamme, einer Wolke die in klarer Luft schwebt.

Die Gestalt des Lichtes, umfasse ich so wenig, als ich die Sonnenkugel mit meiner Hand umspannen kann. Manchmal, jedoch nicht häufig, sehe ich in der Lichtwolke ein anderes helleres Licht, dass ich das 'lebendige Licht' nenne. Wann und wie ich es sehe, vermag ich nicht zu beschreiben. Aber wenn ich es schaue, dann entschwindet mir jede Trauer und jede Not. Dann fühle ich mich wieder jung und vergesse, dass ich eine alte Frau bin.

- Aus den Schriften der Hildegard von Bingen, herausgegeben von Jean-Baptiste Pitra

Von der Nonnenklause zum eigenen Kloster

Wegen Hildegards ungewöhnlichem Charisma, drängten immer mehr neue, adlige Jungfrauen in die Nonnenklause auf dem Disibodenberg. Von Jahr zu Jahr wurde die Unterkunft enger. Auch Umbauten und Erweiterungen der Klostergehöfte durch die Benediktiner, sollten nicht mehr ausreichen. Nur ärmlich erschien das Frauenklösterlein neben den Wohnstätten der Mönche.

Die Heilige Hildegard war aber von weit größerer Bedeutung, mehr als nur die Spitze eines Anhangs auf dem Kloster Disibodenberg. So beratschlagten die Nonnen über eine Verlegung des Klosters. Schließlich leuchtete der Hildegard in einer Vision, der Ort ihrer zukünftigen Heimat auf. Ehe aber die Meisterin ihren geistlichen Töchtern den Ort offenbarte, traf sie eine schwere Krankheit. Sie verlor ihr Augenlicht und verfiel in einen Zustand der Lähmung! Kaum aber hatte sie den Schwestern ihre Vision verkündet, konnte sie wieder sehen und die Lähmungserscheinungen lösten sich allmählich auf. Als Ort war ihr der Rupertsberg verheißen worden, an der Flussmündung der Nahe in den Rhein.

Hier sollte die Gründung ihres Frauenklosters Gestalt annehmen. Nach Hildegards Vorstellungen, wurde das Kloster dort gemäß eines Idealplans gebaut. Wegen seiner besonderen Bauweise, seiner Arbeits- und Wohnräume und dem fließenden Wasser, das dort zur Verfügung stand, war das Kloster Rupertsberg weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Klosterruine Rupertsberg - ewigeweisheit.de

Klosterruine Rupertsberg - Gemälde von Carl Woog

Politik einer Asketin

Grundsätzlich kann man in Hildegards Nachwirken erkennen, dass sie nicht allein durch ihr Sendungsbewusstsein die Geschicke der Kirche beeinflusste, sondern auch durch ihre gekonnte Selbstinszenierung – wie sonst auch hätten Kleriker, Bischöfe und sogar Päpste über sie gesprochen?

Doch auch wenn sie ihre persönlichen, spirituellen Erfahrungen von Gott empfing, bezog sie diese keineswegs nur auf sich selbst, noch behielt sie sie einfach nur für sich. Eher fühlte sie sich, ihrer Empfindung nach dazu berufen, ihre Mission an andere Menschen zu übermitteln und sie damit zu einem besseren Leben zu führen.

Doch wie auch ihr Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux, ermahnte sie im 10. Jahrhundert den Klerus Verantwortung zu übernehmen, beim Kampf gegen die Sekte der Katharer. Auch hier wird deutlich, wie lang der Schatten der katholischen Kirche, seine Furchen in die damalige gnostische Bewegung Südfrankreichs riss. War es die Angst vor einem Machtverlust, dass die katholischen Kleriker dazu brachte, die in Europa so rasch wachsende katharische Bewegung ausrotten zu wollen? Oder waren hier noch subtilere Einflüsse zu Gange?

Die asketische Lebensweise der Katharer, die eigentlich dem Mönch- und Nonnentum sehr ähnelte, unterschied sich jedoch, durch einen Glauben wo Körper und Geist synonym begriffen wurden, als Manifestationen des Bösen zum Einen und des Göttlichen zum Anderen. So interpretierte man im Katharerglauben, oberflächlich betrachtet, als Böses auch die Schöpfung des menschlichen Leibes. In einem Dualismus dieser katharischen Theologie, wurzelte darum eine Ablehnung der Ehe und damit natürlich der Fortpflanzung. Die »Weltflucht der Katharer« stand entgegen dem Glauben, dass Jesu Christi in fleischlicher Menschwerdung, als Sohn Gottes auf Erden erschien.

Da die Katharer aber in so kurzer Zeit erheblichen Einfluss in Europa gewannen, wurden sie zur echten Gefahr für die Kirche. Es wurden also Gegenmaßnahmen eingeleitet und man bat die Hildegard von Bingen um Rat. Man verlangte von ihr sogar, den häretischen Katharismus auf ihren Predigtreisen anzuprangern, leugneten die Katharer doch die wichtigsten Dogmen des katholischen Christentums. Im 11. und 12. Jahrhundert schien sich in der damaligen, alten Welt, eine wesentliche Neuordnung zu vollziehen. Wer als Christ eine neue spirituelle Strömung in den Lauf der christlichen Geschichte einführen wollte, was für Hildegard von Bingen ja zutraf, der sah sich anscheinend gezwungen, allen anderen Glaubensbewegungen Einhalt zu gebieten, um die Ekklesia, die christliche Gemeinschaft, nach eigenen Vorstellungen zu formen und einen ganz eindeutigen Weg zu Gott zur Verfügung zu stellen.

Schwierig aus heutiger Sicht einzuordnen, was diese alten Vorstellungen von rechtem und unrechtem Gottesglauben prägte. Im Hochmittelalter wussten nur die Eingeweihten von anderen Völkern und Kulturen. So stand es einfach außer Frage, welche Lehren sich aus Weisheiten ziehen ließen, die einst jenseits der Grenzen des damals bekannten Morgenlands entstanden waren. Man wusste nicht von einer persischen Hochkultur, die damals der europäischen bei Weitem überlegen war.

Das war die Zeit, wo eben genau wegen des hohen Selbstbildes christlicher Heiliger, wie Hildegard von Bingen oder Bernhard von Clairvaux, man überhaupt erst jene Brücken baute, über die neues Wissen aus dem Orient nach Europa kommen und das hiesige Geistesdenken beflügeln sollte. Was in dieser Zeit des Übergangs jedoch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, mit diesem Bestreben einher ging, das steht auf einem anderen Blatt. Denn es ist klar, dass diese Vorgänge grausames Blutvergießen begleitete: die Kreuzzüge. In Westeuropa hinterließ das, aus heutiger Sicht betrachtet, bei immer mehr Menschen darum nichts als nur Zweifel oder sogar Abscheu, gegenüber der Institution Katholische Kirche.

Mystische Schriften

Es bleibt aber unbestritten, dass in den monastischen Schriften der Heiligen Hildegard, sich wahre Weisheit finden lässt. Ganz und gar noch unabhängig von orientalischem Einfluss, entfachten sie eine regelrechte Euphorie, im Kreise ihres Wirkens.

Im Alter von 43 Jahren, begann Hildegards literarisches Schaffen. Worüber sie schrieb, waren die in ihren Visionen empfangenen mystischen Erfahrungen. In Offenbarungen habe Gott sie beauftragt, ihre durch Vision und Audition empfangenen Eingebungen aufzuschreiben.

Voller Furcht und zitternd vor gespannter Aufmerksamkeit, blickte ich gebannt auf ein himmlisches Gesicht. Da sah ich plötzlich einen überhellen Glanz aus dem mir eine Stimme vom Himmel zurief: 'Du hinfälliger Mensch, du Asche, du Fäulnis von Fäulnis, sage und schreibe nieder, was du siehst und hörst. Doch weil du furchtsam bis zum Reden, in deiner Einfalt die Offenbarung nicht auslegen kannst, und zu ungelehrt bist zum Schreiben, rede und schreibe darüber nicht nach Menschenart, nicht aus verstandesmäßiger menschlicher Erfindung heraus, oder in eigenwilliger menschlicher Gestaltung, sondern so, wie du es in himmlischen Wirklichkeiten in den Wundertaten Gottes siehst und hörst.'

- Aus Scivias

Die Heilige Hildegard war sehr bescheiden, verwies sie doch selbst immer wieder auf ihre fehlende Bildung und ihre schwächliche körperliche Konstitution. Ihre Weiblichkeit erschien ihr als Grund, sich stets selbst demütig erniedrigen zu wollen. Nur so nämlich glaubte sie dem allmächtigen Gott empfänglich dienen zu können.

Ihre visionären Offenbarungen, zeigten sich der Hildegard als »lebendiges Licht« (lat. lux uiuens), woraus ihr einer zurief – für sie, die Stimme Gottes. Was sie da vernahm schrieb sie nieder, woraus ihr erstes Werk entstand: »Sci vias Domini«, kurz »Scivias« – das Buch der Visionen. Sie verfasste es als Zeugnis ihrer von Gott eingegebenen Visionen, der den Gläubigen als geistlicher Wegweiser dienen sollte.

Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand. Es verbrannte nicht, war aber heiß, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen. Und plötzlich erhielt ich Einsicht in die Schriftauslegung […]

- Aus Scivias

Da die Heilige Hildegard nun aber keine höhere Bildung besaß und ein, wollen wir sagen, »einfaches Gemüt«, schien sie diese »himmlische Stimme«, eben gerade deshalb auch auserwählt zu haben. Denn als Wort Gottes, konnte es sich nur in seiner vollen Reinheit offenbaren. Eine umfassende Bildung zu besitzen, geht wohl immer einher mit einer gewissen Voreingenommenheit, die einer »Prophetin«, wie man die Heilige Hildegard nennt, wohl eher geschadet hätte.

Das »feurige Licht«, über das Hildegard im Buch Scivias schreibt, ließ sie anschließend die vernommene Offenbarung verstehen, ohne dass sie sich das Verständnis hätte erschließen müssen, wie etwa durch die Bearbeitung der Texte. Der Sinn Gottes, hinter der »fleischlichen Sichtbarkeit« der Dinge, wurde von ihr durch »Hören und Sehen« erfasst. Ohne Auslegung der Verse der Heiligen Schrift, vermochte sie deren Bedeutung intuitiv zu erfassen.

In ihren Auditionen und Visionen aber, war sie stets bei klarem Verstand, das heißt, sie empfing die Offenbarungen nicht während eines »Anfalls«, in Trance oder in Ohnmacht. Was sie während ihrer »Gesichte« vernahm, erfolgte nicht in Form einer geistigen Entrückung. Sie fühlte sich vielmehr wachbewusst, ganz in den Dienst Gottes gestellt. Als sein Instrument, gab sie eben nur seine Offenbarungen prophetisch wieder.

Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser - ewigeweisheit.de

Aus dem Scivias-Codex (um 1165): Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser.

Adam und Eva als Wesen vollkommener Liebe

Im Mittelalter verstand man die Welt als Realität eines Mikrokosmos und Makrokosmos. In dieser Welt lebte der Mensch mit Leib und Seele, und stand in Verantwortung gegenüber der Gemeine, der Natur und dem was an Gottes Gnade ihm zu Gute kam.

Hildegard galten Adam und Eva als Wesen, die in vollkommenster Liebe füreinander und gleichberechtigt zusammenlebten und sich auf diese Weise auch vereinigten, ohne sich dabei durch rein körperliche Begierden zu »beschmutzen«. Vielmehr ging es ihnen um ihre Lebensentfaltung, die durch den andersgeschlechtlichen Partner überhaupt erst ermöglicht wurde. Denn als Mann und Frau, bildeten sie als erste Menschen, das Werk Gottes auf Erden. So hatte im Paradies ein Ideal geschlechtlichen Zusammenseins geherrscht.

Mann und Frau sind auf eine solche Weise miteinander vermischt, dass einer das Werk des anderen ist. Ohne die Frau könnte der Mann nicht Mann heißen, ohne Mann könnte die Frau nicht Frau genannt werden.

- Aus dem Liber divinorum operum

Doch schließlich wurde Eva durch den Teufel betrogen und damit von ihr die Sünde empfangen. Adam hatte ihr wie ein kleiner Junge vertraut und ebenfalls vom verbotenen Apfel gekostet. Damit war die Sünde auch auf die Fortpflanzung der ersten Menschen übergegangen. Hier sah Hildegard die grundsätzliche Last, die damit dem Menschengeschlecht aufgebürdet wurde.

So wie die Schlange des Teufels, die Eva verführte vom Baum der Erkenntnis zu schmausen, so war der Mensch von da an stets darauf aus nach Gründen zu suchen, seine Geilheit und sexuelle Lust anzuschirren. Denn der Teufel verleitete sie zur Befriedigung dieser Begierden. So waren Mann und Frau nicht mehr in vollkommener Liebe (Minne) verbunden, sondern brachen die Ehe und vereinigten sich geschlechtlich, nur zur reiner Lustausübung.

Doch darf der Mann vor den Jahren seiner Manneskraft seinen Samen nicht in unnützer Ausschweifung vergeuden. Es ist nämlich eine vom Teufel eingegebene Versuchung zur Sünde, wenn er in wollüstiger Begierde versucht, Samen auszustreuen, bevor dieser, Kraft seiner Glut und Hitze, in festerem Zustand vorhanden sein kann.

- Aus Scivias

Von Generation zu Generation und von Mensch zu Mensch, wurde diese »sündhafte Beschmutzung« weitergegeben.

Wer nun aber durch das Wort Christi seine reinigende Kraft empfange, dem böte sich Aussicht auf Reinigung von den Befleckungen des paradiesischen Sündenfalls und damit die Erlangung der Jungfräulichkeit all jener, die ihr Fleisch gereinigt haben. Denn durch Mariens jungfräuliche Empfängnis des göttlichen Wortes, statt durch männlichen Samen, war das Fleisch ihres Kindes unbefleckt und ebenso jungfräulich.

Emanzipation des Weiblichen

Augustinus von Hippo (354-430), lateinischer Kirchenlehrer der Spätantike, beschränkte die Möglichkeit weiblicher Selbstverwirklichung auf die Jungfräulichkeit, die Ehe und die Witwenschaft. In Mutter Maria sah Augustinus zwar die Vollendung des frommen Frauentypus, doch erscheint sie nie als eigenständige Persönlichkeit. Stets erfüllt sie das Leitbild einer dienenden Ehefrau und Mutter, was sie immer nur in Beziehung zu einem männlichen Partner befolgte: als jungfräuliche Gebärerin Jesu und untergeordnete Gattin Josefs. Weibliche Sexualität aber, war für Augustinus immer an die Sünde Evas geknüpft. Man warf ihm darum später vor, mitverantwortlich zu sein, für die Jahrhunderte anhaltende männliche Dominanz im christlichen Kulturkreis.

Auch wenn Hildegard von Bingen unter dem Einfluss der Moralvorstellungen des Augustinus stand, schien sie seiner eher frauenfeindlichen Tendenz entgegengewirkt zu haben. Sie rückte den weiblichen Körper in ein positiveres Licht, indem sie Evas Weiblichkeit in ein völlig neues Verhältnis zur Jungfräulichkeit Mariens stellte.

Hildegard sprach nicht Eva die Schuld dafür zu, dass das menschliche Fleisch durch den Sündenfall beschmutzt worden sei. Es war des Teufels List, durch die Eva betrogen, gegenüber Gott in Ungehorsam fiel. Sie stellte Maria und Eva nicht mehr einander entgegen, sondern sah Eva als in Maria enthalten, waren doch beide Urtypus der Mutterschaft: Eva als Mutter des Menschengeschlechts und Maria als Mutter des Erlösers des Menschengeschlechts.

Ein makelloser Spiegel Gottes

Für Hildegard wurde Eva von Gott erschaffen, als Spiegelgestalt, in der das gesamte Menschengeschlecht bereits latent vorhanden war. In Eva wurde es bereits vorbereitend versammelt. Dieses Attribut des göttlichen Spiegels, deutet ihre göttliche Zugewandtheit an. Inbegriff dieser Symbolik natürlich ist die Maria, als Spiegel der Jungfräulichkeit, für das göttliche Licht empfänglich.

Hildegard knüpfte nun an die Vorstellung der Empfänglichkeit Evas (irdisch) und Marias (himmlisch) eine dritte Form der Empfängnisbereitschaft: die Ekklesia – die Gemeinde der Gläubigen. Wenn sich nämlich die Menschen, als ebenso gereinigter Spiegel und in christlicher Gemeinschaft, als scheinbarer Mutterschoß dem Heiligen Geist hin öffnen, ließe sich ebenso in ihnen das Werk Gottes verwirklichen.

In ihrer Scivias stellte Hildegard die Ekklesia darum als riesengroße Frauengestalt dar. Doch weder hatte diese Beine noch Füße. Sie stand auf ihrem Rumpf vor dem Angesicht Gottes:

Ihr Leib war wie ein Netz von vielen Öffnungen durchbohrt, durch die eine große Menge Menschen ausgingen und eingingen. […] Und die Gestalt breitete ihren Glanz aus wie ein Gewand und sprach: 'Ich muss empfangen und gebären.'

- Aus dem Scivias

Durch die Taufe werden die Mitglieder der Gemeinschaft der Kirchengemeinde gereinigt und so auf die Jungfräulichkeit der Ekklesia vorbereitet. Die Aussage »Ich muss empfangen und gebären« verweist auf die Verbundenheit der Ekklesia zur Mutter Erde, wo die Kirche als lebendige Erde, fruchtbar und trächtig neue Gläubige hervorbringen kann.

Dafür stand bei Hildegard als Symbol der Mond. Denn sein Licht existiert nur durch das Licht der Sonne, für die im christlichen Glauben, die Erscheinung Christi steht. Seit uralter Zeit war der symbolische Mond daher Inbegriff des Vermittlers zwischen Himmlisch-Göttlichem (Sonne) und Irdisch-Weltlichem (Erde), da er das Licht von der Sonne empfangend, an die Erde weitergibt. Diese kosmischen Prinzipien, lassen sich ebenso übertragen auf die Beziehung zwischen Mann und Frau, Adam und Eva, Christus und Kirche. So wie der Mond das Wasser der Erde lenkt, galt Hildegard die Kirche als Wasserspenderin und Mutter allen spirituellen Lebens, Mittlerin zwischen dem Licht Gottes und dem Individuum.

Das Wesen der Sonne nun, ist zu stark für den Einzelnen, denn wer sie direkt anblickt wird geblendet. Doch der Mond, als Spiegel und Mittler des Lichts der Sonne, kann betrachtet und »genossen« werden. Auf diese Weise mildere auch die Kirche die gleißenden Strahlen des Göttlichen, wenn sie diese als jungfräuliche Braut aufnimmt und zu den Gläubigen bringt. Durch den Ritus der Taufe nun, wird damit auch der Kirche, die Kraft des Gebärens gleichnishaft verliehen. Als geistige Mutter nämlich, verbindet sie sich mit Eva und Maria, als ihre symbolische Nachfahrin.

Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit - ewigeweisheit.de

Aus dem Scivias-Codex (um 1165): Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit.

Flüssiges Licht

Das Titelbild dieses Essays (siehe ganz oben) ist eine Miniatur aus dem »Liber divinorum operum« – Hildegards visionärer Schriftsammlung, »Buch der göttlichen Werke«. Darin sieht man in der Mitte Hildegard in der Situation des Empfangens einer Audiovision. Das von oben kommende, »flüssige Licht«, wie sie es nannte, manifestierte sich als Bild ihrer Vision in ihrem Körper, dass sie dann auf einer Wachstafel in Händen niederschrieb.

Neben ihr befindet sich die Nonne Richardis von Stade, zu der Hildegard ein besonders inniges Verhältnis hatte. Sie war die Augenzeugin Hildegards visionärer Momente. Was Hildegard aber auf ihrer Wachstafel aufzeichnete, wurde von dem Mönch Volmar auf Pergament schriftlich festgehalten. Nicht aber war ihr der Mönch übergeordnet, oder ließ seine eigenen Erkenntnisse oder Gedanken in die Niederschrift mit einfließen. Hildegard blieb alleinige Autorin aller ihrer Werke. Sie war die Lehrerin Volmars, der als ihr Sekretär fungierte und ihr half, den Schriftkorpus ihrer Visionen niederzuschreiben. Die Miniaturen in den Schriften der Hildegard von Bingen, sollten an ihre Offenbarungen erinnern und dem Leser als Inspirationsquelle dienen.

In seiner Hildegard-Biografie, der Vita S. Hildegardis virginis (Leben der Heiligen Jungfrau Hildegard) schrieb Theoderich von Echternacht:

Großartig ist auch dies und bewundernswert, dass sie das, was sie im Geist gehört und gesehen hat, in derselben Bedeutung und mit denselben Worten besinnen und klaren Sinnes eigenhändig schrieb und mündlich mitteilte, wobei sie mit einem einzigen zuverlässigen Mann als eingeweihtem Mitarbeiter zufrieden war, der es wagte, um Dienst der Klarheit der grammatischen Struktur, von der er selbst nichts verstand, Kasus (grammatischer Fall), Tempora (grammatische Zeitform) und Genera (grammatische Geschlechter) in Ordnung bringen, ohne aber ihrer Bedeutung ihrem Verständnis etwas hinzuzufügen oder fortzunehmen.

»Wisse die Wege des Herrn«

Wie Hildegard in ihrem Scivias andeutet, drängte sie Gott in 26 Visionen zum Schreiben. Daraus wurde noch zu ihren Lebzeiten im Kloster Rupertsberg eine Handschrift hergestellt, die wohl zu den schönsten Kodizes des 12. Jahrhunderts gehört.

Beschreibungen ihrer Visionen über Gott, die Engel, den Urzustand der Welt, Fall und Erlösung des Menschen, die Seele in ihren Kämpfen, Kirche, Eucharistie, Antichrist und Weltende, »reihen sich wie Perlen verschiedener Größe auf den Rosenkranz des Scivias«. So formulierte es der christliche Historiker Johannes May, in seiner 1911 erschienenen Hildegard-Biografie.

Als Wegweiser, lässt der Scivias inhaltlich keine Widersprüche zu. Darum beanspruchte Hildegard für sich, dass ihre göttlichen Visionen, konkrete Wahrheiten sind. Nicht mehr schüchtern wie einst, sondern mit einer gewissen Autorität, sprach sie von ihren Visionen:

  • Der Sohn ruht im Herzen des Vaters.
  • Ihn schmücken die sieben Gaben des Heiligen Geistes.
  • Er verkörpert die menschliche Schönheit.
  • Die Empfängnis des Menschen gilt als Schuld.
  • Durch die fünf Wunden Christi sind die fünf Sinne des Menschen geheiligt.
  • Maria heißt Morgenröte, da sie das lichterfüllte Blut des Erlösers in ihrem Schoße barg.

Doch außer diesen konkreten Einzelheiten, die wohl insbesondere für ihre monastischen und klerikalen Mitbrüder und Mitschwestern von Bedeutung gewesen sein dürften, besaß der Scivias Bedeutung als Wegweiser. Das galt auch für viele ihrer anderen Zeitgenossen, denn schon früh wurden Hildegards Visionen aus dem Scivias durch Abschriften verbreitet.

Ihre Visionen empfing sie, wie zuvor beschrieben, durch Belehrungen des »Lebendigen Lichts«. Diese lichthaften, inneren Erscheinungen, hatten sie Zeit ihres Wirkens nicht verlassen.

Dann sah ich ein außergewöhnlich helles Licht und in dem Licht die Gestalt eines Menschen, der die Farben eines Saphir besaß, aus dem herrlich brennendes, rotes Feuer strahlte. Und das helle Licht durchflutete all das rote Feuer und das rote Feuer, durch all das helle Licht und das helle Licht, sah man zusammen in der Gestalt des Menschen, so dass sie ein Licht mit einer Macht und Stärke waren. Und da sprach wieder das Lebendige Licht zu mir.

- Aus Scivias

Dieses »Lebendige Licht« natürlich, signalisiert das Göttliche. Und wenn von einem farbig leuchtenden Saphir die Rede war, so ist das de facto eine Metapher für den gottgesandten Christus. Die Röte jenes Lichts, das von ihm ausgeht, steht für das Feuer des Heiligen Geistes, durch den Maria jungfräulich empfangen, den »Sohn Gottes« Jesus Christus gebar.

Die sich gegenseitig durchflutenden Lichter und das rote Feuer, die eins sind, stehen für die Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist in Gott, als Einheit vollkommener Majestät.

Im Scivias schreibt Hildegard, wie sich ihr der Sinn hinter dem Geheimnis Gottes offenbarte. Damit ein Mensch versteht, worin die Vollkommenheit Gottes bestehe, bleibt der Ursprung Gottes im Verborgenen, was allerding auch bedeutet, dass es darin an nichts mangelt. Damit lassen sich alle nur erdenklichen Ströme geistiger Kraft empfangen. Wäre Gott nämlich nicht vollkommen, wäre wohl auch alles Geschaffene umsonst. In diesem Ideal des göttlichen Werkes, erkannte Hildegard den Erschaffer allen Seins.

Nonne und Heilige

Weltliches und Himmlisches waren für Hildegard keine Gegensätze. Wohl eben darum wusste sie das lichthafte Wirken Gottes zu erkennen, in allem Lebendigen, im Kosmos, in der Natur und im Menschen. Darum wohl gelang ihr als Dichterin, Komponistin und eine der bedeutendsten Universalgelehrten des Hochmittelalters, vielen Menschen die heilsame Kraft des Göttlichen zuzuführen. Durch ihre Schriften und Prophezeiungen wurde Hildegard von Bingen eine der bekanntesten christlichen Persönlichkeiten der Neuzeit. Ihr Einfluss war immens, stand sie doch in Briefwechsel mit Päpsten und Königen. Immer aber galt ihre Sorge auch den einfache Menschen und den Armen, die zu ihr kamen und bei ihr Rat und Hilfe fanden.

Hildegard starb am 17. September 1179.

Am 10. Mai 2012 sprach sie Papst Benedikt XVI. heilig.

 

 

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Licht aus dem Jenseits im Dunkel der Welt

von S. Levent Oezkan

Polarstern - ewigeweisheit.de

Im Sufismus gibt es die Metapher vom polierten Spiegel, der ein Bild ist für das mystische Herz im Menschen – ein spirituelles Organ, auf dem sich allmählich Staub schichtet, ausgefällt von all den Ungereimtheiten des Lebens. Nur wer sein Herz rein hält, der wird der Reflexionen eines Schimmerns gewahr, in dem Göttlichkeit funkelt.

So wie im Makrokosmos das Licht Gottes aus dem Feuerball der Sonne strahlt, so hell auch kann dieses mystische Herz im Menschen zum Strahlen gebracht werden – so die Sufis. Damit wird das Herz selbst zur großen Leuchte und erfüllt den Mikrokosmos menschlichen Seins mit dem Licht Gottes.

Allah ist das Licht der Himmel und der Erde.

- Sure 24:35

So wie die Sonne Licht und Wärme spendet, so strahlt auch das erleuchtete Herz eines Menschen, erfüllt von Weisheit. Wie könnte es auch unerleuchtet bleiben, reflektiert seine Reinheit doch die Ausstrahlungen des Allmächtigen.

Ein wahrer Sufi begehrt darum sein Herz von aller weltlichen Ignoranz zu säubern und dessen mystischen Spiegel zu reinigen. Alles was die Nacht seiner Unwissenheit verdunkelte, werden dann Tausende Sterne erhellen. Es sind Wegmarken auf dem Pfad zur Erleuchtung:

Und mit der Hilfe der Sterne folgen sie ihrem rechten Weg.

- Sure 16:16

Bis auf die Planeten des Sonnensystems, sind alle Lichter am nächtlichen Firmament, selbst Sonnen. Das wissen Astronomen seit langer Zeit. Doch es sind nicht die Sterne als solche, sondern das von ihnen ausgehende Licht, wonach sich die Menschen zu Lande und zu Wasser orientieren.

Ein Mensch der seinen Blick jedoch nach innen richtet, braucht auf seiner Lebensreise eine eigene Orientierung. Und so wie die Sonne die Erde und die Planeten durch ihr lichthaftes Sein »rechtleitet«, so sollte auch das Herz jenes Menschen eine Leuchte werden, in dessen Schein sein Träger den ihm gebührenden Weg findet. Auf diesem Weg strebt einer dann aus dem Dunkel der Nacht der Unwissenheit, hin zu einem Licht seines innersten Geheimnisses. Es gleicht dem Licht der im Osten aufsteigenden Sonne, dass ihm den Weg seines Erwachens bescheint. Er, dem dieses Lichtes gewahr wurde, wird bedauern, sobald er erkennt, wie lange er sich schon wie ein Schlafwandler durchs Leben bewegte.

Sie schliefen nur einen kleinen Teil der Nacht, und in der Morgendämmerung baten sie Gott um Vergebung.

- Sure 51:17f

Gibt es ein himmlisches Selbst?

In der orientalischen Hermetik, existiert das spirituelle Konzept der »vollkommenen Natur« eines Individuums. Es ist jener Teil der menschlichen Seele, der als himmlisches Gegenbild bezeugt, dass auf Erden, einst die Seele in einen Körper eintrat. Davon unberührt aber bleibt ihr himmlisches Gegenbild, ihre kosmische Doppelgängerin, die auf gewisse Weise ein Idealbild zu ihrer irdischen Reflexion darstellt. Die vollkommene Natur einer auf Erden geborenen Seele, dient ihr als großes Selbst, als individueller, übersinnlicher Führer.

Das wahre Licht dieser seelischen Instanz, reflektiert jenes mystische Herz in der Mitte eines Menschen. Wer es dort in sich leuchten sieht, dem wird es ein Licht sein, dass ihn zu seiner wahren Bestimmung führt. So jemand wird sich mit Klugheit durch sein weltliches Leben bewegen und so handeln, dass es zu seinem eigenen und zum Wohle seiner Zeitgenossen beiträgt. Was sich nämlich in seinem Herzen, als die vollkommene Natur widerspiegelt, ist der Grund seiner Inkarnation. Und damit wäre sich einer des Zwecks seiner Menschwerdung bewusst geworden, den er auf Erden auch erfüllen kann und damit seine eigentliche Aufgabe im Leben gefunden hätte.

Wer demnach seine vollkommene Natur, als seinen übersinnlichen, himmlischen Lichtträger erkennt und als sein großes Selbst annimmt, sowie sein gesamtes irdisches Handeln danach ausrichtet, der wird sich erheben können, aus dem Trauerspiel all der vielen Widersprüche, die ihn von seinem wahren Lebensweg abbrachten.

Körper und Geist: Diener des Herzens

Sein höheres Selbst erlebend bemerkt einer, wie sich all die Zweideutigkeiten in seinem Leben auflösen. Das aber setzt voraus, dass ein Mensch die vielen Licht- und Schattenaspekte zu unterscheiden gelernt hat und sieht, wie er sich durch seinen Tag und wie er sich durch seine Nacht bewegt. Das heißt, er erkennt den Tag als Welt rationaler Normen, voller Zwänge und Unzulänglichkeiten, wo er bisher viele vorgefertigte Lösungen einfach hinnahm, im Glauben sie würden das Leben erleichtern. Solange seine Seele weiter schlummert, umdämmert vom Mantel eines Un-Bewusstseins, ohne ihre Verbindung zu jenem himmlischen Licht erkennend, wird ein Zustand der Um-Nachtung aufrecht erhalten.

Das Dunkel weiß nichts vom Licht und das Licht weiß nichts vom Dunkel. Sonne und Mond gehen im Osten auf und im Westen unter. Nur selten erblickt man sie am Himmel zusammen. Dann aber scheint man zu erkennen, dass es eine Verbindung gibt, zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Dunkelheit. Doch die Seele der meisten Menschen schlummert erfüllt von nächtlicher Unwissenheit, während sie am Tage absinkt, zwischen Kummer und Sorgen, hinunter in die Tiefen des Un-Bewussten.

Das irdische Seelendasein ist ununterbrochen verbunden mit seinem himmlischen Führer, mit seinem großen, göttlichen Selbst – auch Nachts, im Schlaf und im Traum. Tagsüber verdrängen Vernunft und Alltagsbewusstsein das Erleben dieser Verbindung. Nachts aber tritt es ab, in sinnenbezogener Un-Bewusstheit. Mit dem zu Bett und Schlafen gehen, ereignet sich also eine Trennung, so als würde einer seiner Lebenszeit einen Teil entnehmen, der ihm dann verloren scheint, als hätte er etwas in seinem Leben verschwendet.

Es ist der Glaube an die Getrenntheit von Tag und Nacht, von Anwesenheit und Abwesenheit des Lichts, dass dieses Bewusstsein zu rechtfertigen scheint. Weniger aber sind Tag und Nacht tatsächlich getrennt, als eher die beiden Enden einer Polarität, wozwischen sich unzählige Schattierungen auffächern. Gelänge einem nur endlich aus dem Alltagsschlaf zu erwachen, Nachts aber den schlummernden Körper im Traum bewusst zu verlassen, um bei der Rückkehr dann, seinem Tagesbewusstsein entgegen zu streben.

Schihab Ad-Din Suhrawardi - ewigeweisheit.de

Schihab Ad-Din Yahya Suhrawardi (1154-1191).

Die Philosophie der Erleuchtung

Dem persischen Sufi und Mystiker Schihab Ad-Din Yahya Suhrawardi, den seine Schüler auch »Meister der Erleuchtung« nannten, galten das Licht und seine Symbolik, als Dreh- und Angelpunkt seiner Weisheitslehre: Hikmat Al-Ishraq – Philosophie der Erleuchtung.

Die gesamte von einem Menschen wahrgenommene Realität, war für Suhrawardi die Zusammensetzung aus einem Spektrum aller Schattierungen zwischen Lichtem und Finsterem, zwischen Lebendem und Totem, zwischen Mittäglichem und Mitternächtlichem.

In seiner Licht-Philosophie schildert er, wie sich all die unzähligen Facetten von Lichtern und Finsternissen, sowie all die damit erscheinenden Wechselwirkungen, aus etwas hervorgehen, dass er das »Reine Licht« nennt. Das ist etwas, dass jenem »guten Licht« der Genesis ähnelt, woraus Gott Helles und Finsteres bildete.

Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis.

- Genesis 1:4

All die Schattierungen, die aus diesem Wechselspiel lichthafter Erscheinungen hervorgingen, setzte Suhrawardi für die Entstehung des Universums voraus. Dabei aber unterscheidet er zwischen dem eigentlichen, physikalischen Licht, den Arten der Dunkelheit und all den vermittelnden Übergängen und Begrenzungen dazwischen. In der Lichtwelt wohnen die Seelen, während die Welt der Finsternis, alle von der Lichtwelt ausgeschlossenen Wesen beherbergt.

Was der Lichtwelt zugesprochen werden kann, existiert aber in verschiedenen Graden und Abstufungen von einander – zwischen dunkleren bis hin zu helleren Lichtern, vom Roten bis ins Blaue, vom verfestigen, »gefrorenen Licht« des Materiellen, bis hin zu den feinsten Nuancen der geistigen Welt, die jenem »reinen Licht« zustreben – dort wo sich alle Zweideutigkeiten auflösen und zu einer ursprünglichen, reinen Geistigkeit verschmelzen.

Für Suhrawardi war aber nicht etwa das Licht selbst die Realität allen Seins, sondern dieses, sich aus Lichtern zusammensetze Gefüge, von einander abgestufter Helligkeiten. Ununterbrochen gebiert sich daraus neues Sein. Als wahrer Ursprung dieser unendlichen Schöpfungen des Seins, galt Suhrawardi aber immer jenes Reine Licht.

Alles Sein in der physischen, elementaren Welt, besteht aus einer Mischung von Licht und Finsternis. Darin aber durchfließen diese beiden Extreme, wiederum Lichter verschiedener Grade und schichten sich vertikal über die Welt der Materie. Die Anzahl dieser Lichter entspricht, laut Suhrawardi, der Anzahl der Fixsterne des nächtlichen Himmels. Diese Lichter galten ihm darum als unbegrenzt, jedoch nicht unendlich und waren darum erschaffen.

Diese vertikalen Erleuchtungsschichten beeinflussen einander, woraus sich eine horizontale Ordnung von Lichtern ergibt, die das Sein alles Wesentlichen lenkt. Alle darin existierenden Seinsformen, gleichen göttlichen Abbildern jener höheren Lichter. Aus dem Wechselspiel dieser vertikalen und horizontalen Lichter, entstehen schließlich die Körper der Wesen der niederen Welt. Auch sie befinden sich in einer bestimmten Ordnung, gemäß ihrer Fähigkeit selbst Licht auszusenden oder zu empfangen.

Kosmischer Orient, Ursprung der Seelen

In ihrer inkarnierten Form auf Erden, orientieren sich diese Wesen der niederen Welt, anhand der sieben Himmelsrichtungen: Osten, Westen, Norden, Süden, Oben, Unten und der Mitte. Hierin spiegelt sich die Vertrautheit mit ihrer Existenz auf Erden, denn durch diese Orientierung in ihrer physischen Natur, verleihen sie ihrem Dasein seinen Sinn. Zu diesem Dasein als »Wesen«, zählen natürlich auch die körperlichen Individualitäten des Menschseins.

Jene oben angedeutete, kosmische Horizontale aber, empfinden die irdischen Wesen als ideale Linie, deren Enden Ost und West berühren, und die zwischen Orient und Okzident, zwischen Mitternacht und Mittag empfunden, als räumliche Augenscheinlichkeit wahrgenommen wird. Auch wir Menschen orientieren uns daran.

Horizontal heißt, den Horizont betreffend – ganz gleich ob sich der Beobachter auf einer geraden Fläche oder einer riesigen Sphäre befindet, was für die Erde aus dem Sichtkreis eines Menschen ja zutrifft. Diese räumliche, horizontale Orientierung nach den Himmelsrichtungen hin, deren wichtigste Position der Orient ist (von lat. orior, »aufgehen«) und darum der Osten wo die Sonne aufgeht, dient dem Menschen in seiner tagtäglichen Wiederholung, zuerst einmal als zeitliche Orientierung.

Doch so wie der Mensch die Himmelslichter seiner Umwelt als horizontale Erscheinungen seines raumzeitlichen Seins wahrnimmt, existiert zu den traditionellen, außerdem eine achte, zusätzliche Himmelsrichtung. Sie bildet den Orientierungspunkt einer Senkrechten, die über das nördliche Ende der Erdachse hinausstrebt. Sie weist in Richtung einer Vertikalen, deren Pol ein übersinnlicher, mystischer Orient ist – ein Ort des Ursprungs und der Rückkehr.

Auf weltlicher Ebene repräsentiert diesen kosmischen Orient der Polarstern. Er bildet die Spitze der irdischen Rotationsachse. Wenn die Erde nun als absolutes Diesseits vorausgesetzt wird, dort eben, wo die Menschenseelen inkarnieren, ließe sich der Polarstern mit dem Gesagten, symbolisch als Schwelle zum Jenseits verstehen.

Dies ist der Pol nach dem sich der Mystiker zu orientieren trachtet: ein auf unseren Weltkarten nicht lokalisierbarer Orient, jenseits des irdischen Nordpols. Von dort, aus dieser vollkommenen Lichtwelt, steigen die Seelen hinab in die Welt der finsteren Materie – und von dort kehren sie dereinst in diese Lichtwelt wieder zurück. Solange aber die Seele auf Erden in einem Körper lebt, fließen ihr Lichter aus den höheren, vertikalen Ebenen dieser Lichtwelt zu.

Polaris - ewigeweisheit.de

Der Nordpolarstern Stella Polaris: Hellster Stern in der Konstellation Kleiner Bär (Kleiner Wagen).

Der vergessene Pol

Es scheint aber, als sei all das dem menschlichen Bewusstsein verloren gegangen. Unwissend, stehen wir Menschen damit im Brennpunkt der Gegensätze eines Überirdischen und eines Unterirdischen, zwischen etwas ultimativ Gutem, das uns aus himmlischen Fernen skeptisch beäugt oder einem heißblütigen Bösen, dass ganz tief in der Erde glühend, unseren Eifer anfeuert. In einem auf solche Weise gefestigten Glauben, bleiben wir aber nur in dieser wahrnehmbaren Horizontalwelt gefangen. Überbewusstsein und Unterbewusstsein scheinen nur über Umwege erreichbar, da uns der Tag mit all seinen vielen Normen und die Nacht mit ihren tiefen, unersättlichen Leidenschaften nur davon abhalten, jenes vertikalen Orients wieder gewahr zu werden. Doch ohne das Bewusstsein über diese vertikale Dimension unseres Seins, bedingt unser Leben die große Illusion vom Hier und Dort – in vielleicht niemals vergehenden Erinnerungen an schlechte Zeiten unserer Vergangenheit und eventuell furchtgeschwängerte Vermutungen, mit denen wir die eingetretene Zukunft dann in Kauf nehmen.

Im Horizontalbewusstsein zu verweilen, ist, als spanne man einen langen Bogen über das Sein im Jetzt, an diesem Ort, an dem man sich gerade befindet. Diesem Bogen folgt, ganz nebenbei, unsere tägliche Aufmerksamkeit – zwischen Morgen und Abend. Doch es ist allein der Dämmerzustand – der nicht mehr Tag und noch nicht Nacht ist und der nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist – an dem sich ahnen ließe, das sich in der sterblichen Hülle unseres Körpers eine Seele befindet. Während all ihrer Lebensjahre auf Erden, ist sie stets verbunden mit jenem kosmischen Selbst unserer vollkommenen Natur, am erleuchteten Gipfel jenes himmlischen Pols.

Im Gewahrwerden dieses Geheimnisses erhält jemand, der aus dem Schlaf seiner Alltäglichkeit erwacht, ein Bewusstsein für das Leuchten eines Überbewussten Anteils seines Seins. Ebenso aber wird er dann in der Finsternis der Welt, dem Wesen seines Unterbewusstseins gewahr. Doch die im Verborgenen, dahinter wirkende Kraft, ist jenes Reine Licht, von dem wir oben sprachen, das Teil jener vertikalen Dimension ist, die losgelöst von Raum und Zeit, in Ewigkeit existiert.

Beim Lotusbaum am äußersten Ende

Diese vertikale Dimension durchragt die Himmel, die sich zwischen dem Diesseits und dem Jenseits übereinander aufschichten. Sie bereiste der islamische Prophet Mohammed (as) in seiner Nachtreise, der Miradsch (arab. für »Stufenleiter«). Dabei begegnete er auch den anderen, ihm vorausgegangenen (biblischen) Propheten in den sieben Himmeln, bis er schließlich vor dem Angesicht Gottes erschauderte.

Der islamische Historiker Abu Dschafar At-Tabari (839-923) schrieb in einem Kommentar zur 53. Koran-Sure »der Stern« (Sirius):

Als der Prophet die Verkündigung erhalten hatte und bei der Kaaba schlief, wie das die Quraisch zu tun pflegten, kamen die Engel Gabriel und Michael zu ihm und sprachen: 'Mit Bezug auf wen haben wir den Befehl erhalten?' Worauf sie selbst erwiderten: 'Mit Bezug auf ihren Herrn'. Darauf gingen sie fort, kamen aber in der nächsten Nacht zu Dreien wieder. Als sie ihn schlafend fanden, legten sie ihn auf den Rücken, öffneten seinen Leib, brachten Wasser vom Zamzam-Brunnen und wuschen das, was sie in seinem Leibe an Zweifel, Götzendienst, Heidentum und Irrtum fanden. Dann brachten sie ein goldenes Gefäss, das mit Glaube und Weisheit gefüllt war, und so wurde sein Leib mit Glaube und Weisheit gefüllt. Darauf wurde er zum untersten Himmel emporgehoben.

- At-Tabari

Gabriel und Michael stellten eine Leiter auf, zwischen dem Heiligtum der Kaaba und dem heiligen Zamzam-Brunnen zu Mekka. Diese Leiter ragte bis in die sieben Himmel hinauf. Von Gabriel begleitet, betrat darauf Mohammed (as) die himmlischen Sphären, wo er von den Propheten Belehrungen erhielt, bis ihn Gabriel anwies, selbst aber außerhalb zurückbleibend, sich vor das Angesicht Gottes zu begeben.

Und er gab seinem Diener jene Offenbarung ein. […] Und er sah ihn bei einer anderen Begegnung, beim fernsten Lotusbaum (Sidrat Al-Muntaha) am äußersten Ende, an dem das Paradies der Geborgenheit liegt, als den Lotusbaum überflutete, was (ihn) überflutete. Der Blick (des Propheten) schweifte nicht ab, und er übertrat nicht die gesetzte Grenze. Wahrlich, er hatte eines der größten Zeichen seines Herrn gesehen.

- Sure 53:10,13-18

Als der Prophet Mohammed (as) am darauffolgenden Tag seiner Gemeinschaft vom Erlebten berichtete, erntete er nur Hohn und Spott. Schließlich äußerte er etwas, dass dem konformen Gottesglauben seiner Zeit nicht entsprach. All jene, die die spirituelle Reise seines lichthaften Daseins bezweifelten, waren Vertriebene aus dem Lichtreich, fernab ihrer vollkommenen Natur, gefangen im weltlichen Gefüge althergebrachter Gewohnheiten und Normen.

Doch das äußerste Ende, von dem in diesen Koranversen, vom lichtüberfluteten Lotusbaum die Rede war und wo »kein Blick abschweift« (Sure 53:14-17), dort eben beleuchtet das Glanzlicht des Erhabenen, das höhere Selbst eines Individuums, am Himmelspol jenes zuvor beschriebenen kosmischen Orients.

Suhrawardi nannte diesen kosmischen Orient, die Himmelsrichtung der Erleuchtung, ein Ort von dem aus das Licht einer überirdischen Sonne aufsteigt. Dieses Licht empfand Suhrawardi als Quelle allen Seins. Der gegenüberliegende, kosmische Okzident aber, galt ihm als finsterer Abgrund allen Nicht-Seins. Im Arabischen heißt der Okzident »Maghreb«, was etymologisch einhergeht mit der Vorstellung vom Fernen, und damit etwas benennt, das getrennt von der Welt in Dunkelheit besteht, eben so wie auch die Orte jenseits des irdischen Sonnenuntergangs. Darum steht der Okzident im übertragenen Sinne auch für das Schattenhafte im Menschen, seine Ignoranz, insbesondere aber seine Unwissenheit über das wahre Wesen seiner Seele.

Suhrawardi schrieb in einer seiner visionären Erzählungen, über die Seele, die sich im Exil von ihrem wahren Ursprung befindet. Doch auf Erden im Menschenleibe inkarniert, vergaß sie den wahren Ursprung ihrer eigentlichen Lichtnatur.

In dieser kleinen mystischen Schrift Suhrawardis, erwähnt der Autor eine »Zwei-Einheit«, die sich aber leider den Kategorien menschlicher Sprache entzieht, da sie sich nur in der Polarität ausdrücken lässt. Doch beides zugleich, Sein und Nichtsein in Einem, kann lediglich als Begrifflichkeit vorausgesetzt werden, die aus dem Reinen Licht entstammen. Aus ihm wurde auch die Vollkommene Natur geboren, das große, kosmische Selbst, das dem Licht-Menschen verhilft, ihn aus seinem körperlichen Exil, zu seiner wahren Herkunft zurückzuführen.

Sonnenuntergang - ewigeweisheit.de

Ein Sonnenuntergang über dem Wasser. Die geografische Region, wo die Abendsonne im Westen versinkt, nannten die Römer den Okzident: das Abendland.

Die Erzählung vom westlichen Exil

Gewiss erinnert Suhrawardis gleichnishafte Erzählung, an das aus den gnostischen Thomas-Akten bekannte »Lied von der Perle«. Denn auch in seiner Geschichte erzählt er von einem Jungen, der sich aus dem Orient ins Exil begibt. Er geht nach Al-Qairawan, die Stadt der Unterdrücker.

Einst unternahmen ich und mein Bruder eine Reise, ins Land des Okzident, das zum Land jenseits des Flusses gehört

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:1

In diesem Land lebten Despoten, die in der Erzählung Suhrawardis, die Hauptfigur als Freien erkannten und ihn darum festnahmen, fesselten und in einen tiefen Brunnen warfen, den die Mauerzinnen einer riesigen Burg umgaben. Die Einwohner der Stadt Al-Qairawan erlaubten dem Jungen seinen Kerker zu verlassen, wenn er dabei nur nackt bliebe und zu Tagesanbruch wieder dort hin zurück kehrt – an jenen Ort tiefster Finsternis, über die es in der koranischen Licht-Sure heißt:

Wie Finsternisse in einem abgrundtiefen Meer, eine Woge bedeckt es, über ihr ist eine Woge, darüber ist eine Wolke: Finsternis über Finsternis.

- Sure 24:40

Nur Nachts also, für kurze Augenblicke, konnte er aus der Tiefe emporsteigen. Natürlich scheint das eine Anspielung zu sein, auf die Seele, die sich des Nachts in der Traumwelt frei bewegt, doch im Erwachen am Tage, in den Körper zurückkehren muss, ihre eigentliche Ungebundenheit und die gesehenen Wahrheiten der Traumgesichte, wieder vergessend.

Der Wendepunkt in der Erzählung vom westlichen Exil, ist das Erscheinen eines Wiedehopf, der die Hauptfigur eines Nachts, zu Vollmond besuchte.

Ich bin gekommen um Euch frohe Botschaft zu überbringen aus dem Königreich von Saba.

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:10

Wer die Tempellegende der Freimaurer kennt, dürfte hier aufhorchen.

Wie dem auch sei, erhielt er von dem Wundervogel einen Brief, den ihm sein Vater aus Sehnsucht geschrieben hatte. Er glaubte nämlich, sein Sohn hätte ihn vergessen.

'Wir rufen nach dir, doch du trittst die Reise nicht an. Wir senden dir Zeichen, doch du verstehst sie nicht.' Dann fuhr der Verfasser des Briefes damit fort, mir Anweisung in seiner Nachricht zu geben, die da hieß: 'Wenn du dich retten willst, warte nicht, schiebe deine Abreise nicht weiter auf, und nutze den Rat unserer Leitung vom himmlischen Drachen des Mondes, der über die spirituelle Welt regierend, die Enden der Ekliptik umkreist.'

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:11f

Der Wiedehopf flog ihm voraus, und als er den Rand der Finsterwelt erreichte, sah er die Sonne über sich aufsteigen. Darin erkannte er den Ruf seines Aufbruchs. Er machte sich auf die Suche nach jenem Orient, der sich aber nicht im Osten unserer Weltkarten finden lässt. Es war jener Orient, der im kosmischen Norden verortet, den Reisenden auf seiner Rückkehr dorthin, jenseits des kosmischen Mond-Drachen, durch das Reich der Sternbilder führt, hinauf zu dem kosmischen Berge Qaf, dem mystischen Sinai, dessen Felsen aus reinstem Smaragd, das gesamte Universum umringen.

Den smaragdenen Felsen des Berges Qaf, erreicht schließlich derjenige, der alle Himmel hinter sich gelassen hat. Dort angekommen, betritt er das mystische Lichtland von Hurqalya. Jenes Licht das ihm dort aufdämmert, führt ihn zu seinem eigenen Selbst, worin er seiner vollkommenen Natur gewahr geworden, die äußeren Sinne seiner Körperlichkeit hinter sich lässt.

Es ist in Hurqalya, wo der Pilger seinem persönlichen Engel begegnet, der ihm die mystische Hierarchie all derer enthüllt, die vor ihm, hierher gelangt waren.

'Wisse, dass dies der Berg Sinai (Qaf) ist. Über diesem Berge aber ist ein anderer: Der Sinai dessen, der mein Vater ist, dein Großvater, zu dem ich in Beziehung stehe, wie du zu mir. Und doch gibt es noch weitere Ahnen und unsere Abstammung endet schließlich beim König, dem höchsten Urahn, dem, der keine Ahnen und keinen Vater hat (dem unbewegten Beweger). Wir sind seine Diener, dem wir unser Licht schuldig sind, da wir unser Feuer von seinem Feuer nur geborgt haben. Seine Schönheit ist beeindruckender als jede andere Schönheit, von nobelster Erhabenheit und überwältigendem Lichtschein. Er ist jenseits allen Jenseits. Er ist das Licht über dem Licht (Sure 24:35), jenseits allen Lichts in Ewigkeit für alle Ewigkeit.

- Erzählung vom Westlichen Exil 3:42f

Jener Pilger, ein Ausgestoßener, als er noch unbewusst in jenem tiefen Kerker der Materialität gefangen war (in der Stadt Al-Qairawan), ging gegen seine Unterdrücker an. Schließlich hatten sie ihn gezwungen, seine wahre Herkunft zu vergessen, damit er sich nicht mehr an seine eigentliche Lichthaftigkeit erinnere. Doch er wurde erst zum Pilger, zum »Aufbrechenden« auf der Rückkehr zu seinem wahren, zu seinem kosmischen Selbst. Als »Bleibender« war er wie ein Heimatloser gefangen, in jener Welt der Finsternis, wo man ihn konform machen wollte im Un-Bewusstsein eines dunklen Vergessens.

Als er aber den Ruf seines Vaters (aus dem Lichtland Hurqalya) vernommen hatte, und aufbrechen wollte, galt er jenen Unterdrückern wohl als Ketzer, der sich wieder die Gesellschaftlichen Normen wandte. Ihnen war er nur noch ein Unangepasster, ja sogar ein Verrückter. Als so ein Kranker diagnostiziert, sollte er zum »Heilbaren« werden, dem seine Hirngespinste ausgeredet werden mussten, um ihn wieder leben zu lassen – im Einvernehmen mit dem Konformen.

Doch seine Erweckung ließ sich nicht auf solche Angepasstheit reduzieren, auch wenn man ihn hat Speisen des Vergessens verzehren lassen. Trotz alledem vernahm er den Ruf. Er kam als Botschaft aus jener Lichtwelt, die nicht dem Tageslicht der Stadt Al-Qairawan entsprach. Es war der Ort seiner wahren Herkunft, der Ursprung des großen Selbst seiner vollkommenen Natur – dort auf dem Berge Qaf, am smaragdenen Felsen – am Pol des himmlischen Orient.

Auf der Suche nach der vollkommenen Natur unseres Seins

Kehren wir noch einmal zurück zur Schilderung der Himmelsfahrt des Propheten Mohammed (as). Sieben Himmel durchreiste er, bis er vor Gottes Angesicht, am Lotusbaum des äußersten Endes vom Licht des Erhabensten gebannt »eines der größten Zeichen seines Herrn gesehen« hatte (Sure 53:18). Der griechische Philosoph Aristoteles, der in der islamischen Philosophie wie auch für Suhrawardi, eine nicht unbedeutende Rolle spielte, hatte ebenfalls den Himmel in sieben Sphären unterteilt, als Königreiche der sieben Gestirne, wo Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn regieren.

Von diesen sieben Himmeln ist auch im Koran die Rede, wo Allah jeden davon harmonisch formte (Sure 71:15) und den Wesen und Planeten (als Himmelsleuchten) darin, ihre jeweiligen Aufgaben zuwies (Sure 41:12). Diesen Geschöpfen, durch die biblischen Propheten repräsentiert, begegnete Mohammed (as) auf seiner Reise (Miradsch) durch die sieben himmlischen Sphären.

Die Vision vom kosmischen Selbst

In der folgenden meditativ-imaginative Exkursion, möchte ich dem Leser eine Möglichkeit übergeben, sich auf ähnliche Weise, diesem kosmischen Orient, in einer Visualisierung zu nähern, um sich dort der vollkommenen Natur seines Großen Selbst gewahr zu werden.

Denke dir eine Stufenleiter, die vor dir aufsteigend, hin in Richtung Norden, zum Sternbild des Großer Bären weisend (Großer Wagen) und über den Horizont hinausstrebt (jenem Sternbild nämlich, das in Europa etwa 20° über dem Horizont der nördlichen Hemisphäre, Tag und Nacht um den Polarstern kreist).

Du näherst dich ihr und betrittst ihre Stufen, bis du den ersten Himmel erreichst. In deinem spirituellen Gewahrsein, findest du dort einen geheimnisvollen See. Dieser erste Himmel ist das Zuhause Adams und Evas, die dort mit den Engeln der Sterne weilen.

Und wie du dich weiterbewegst, durchschreitest du die Sphäre des zweiten Himmels, dessen Pfade gesäumt sind von Perlen. Hier ist die himmlische Heimat von Johannes dem Täufers und von Jesus dem Christus.

Im dritten Himmel, der in festem Eisen gefasst erscheint, dort wohnt der Prophet Joseph.

Nun bewegst du dich fort in den vierten Himmel. Alles dort ist in weißes Gold gehüllt. Es ist die Wohnstatt des Propheten Idries (Henoch).

Im fünften Himmel erreichst du eine kosmische Sphäre, wo fein poliertes Silber das Angesicht des Propheten Aaron spiegelt.

Den sechsten Himmel schmücken wundervoll rote Rubine, bei denen sich der Prophet Moses aufhält.

Endlich erreichst du den siebten Himmel. Hier wirst du eines Lichtes gewahr, so wundervoll, dass du es nur mit deinem inneren Auge vernehmen kannst und es dir sicherlich auf eine Weise erscheint, wie nur du es zu vernehmen vermagst. In ihm erblickst du einen riesigen Felsen aus reinstem Smaragd, dessen Leuchten alles in grünes Licht eintaucht. Hier begibst du dich in Gegenwart des Propheten Abraham, in dessen Nähe sich auch der geheimnisvolle Lotusbaum der koranischen Licht-Sure befindet. Er markiert den Gipfel des siebten Himmels. Hier erfährt die Seele ihre höchste Erfüllung und erkennt die Lichtnatur ihres eigentlichen, höheren Selbst.

An diesem Punkt der Reise angelangt, ordnet sich alles. Die Gedanken werden rein und Klarheit erfüllt dein Wahrnehmen. Hier nimmst du Kontakt auf mit den tiefsten Schichten deines Selbst, wo sich der Schimmer deiner vollkommenen Natur, deines kosmischen Selbst, im polierten Spiegel deines Herzen reflektiert.

Sei wachsam – empfinde und fühle, was von dort, aus der Mitte deines Seins, du mit dem Auge deines Herzens erblickst. Es ist der Glanz deines großes Selbst.

Lass dich von ihm führen.

 

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Eine Chimäre in der Geschichte der Mystik: Bernhard von Clairvaux

von Johan von Kirschner

Bernhard von Clairvaux - ewigeweisheit.de

Um sich ein Bild zu machen, von dem französischen Mystiker und Heiligen Bernhard von Clairvaux, muss man ihn im geschichtlichen Kontext des 12. Jahrhunderts sehen. Europa befand sich damals in einer Phase gewaltiger Umbrüche. Wer in jenen Tagen an der Spitze der theologischen Geistesschulen stand, dessen Denken reflektierte unweigerlich die Verstimmtheit seiner Zeit.

Bernhard von Clairvaux setzte als Mönch und Prediger wichtige Zeichen, die auf die Geschicke der abendländischen Kultur direkten Einfluss ausübten. Viele schicksalhafte Fügungen, über die wir aus den Chroniken dieser Zeit erfahren, schienen auf sonderbare Weise mit Bernhard und den ihm nahestehenden Personen verquickt gewesen zu sein.

Es war die Zeit, als Nachrichten nach Europa kamen, über die Blüte einer fremden Hochkultur im Morgenland. Mathematik, Philosophie, Physik, Metaphysik, Medizin, Architektur und die schönen Künste, erlebten dort gerade ihr Goldenes Zeitalter und waren dem abendländischen Geistesleben in vielen Dingen überlegen. In Europa aber schien man davon nur zu ahnen – vielleicht aber auch nichts wissen zu wollen, denn die christlichen Heiligtümer von einst, bewachten jetzt die Fürsten jener unbekannten Religion, wo man angeblich einen Götzen Namens Mahomet anbetete. Das gemeine Volk wusste nicht, dass das kein falscher Gott, sondern der Prophet einer noch jungen Religion war, des Islam – in dem Juden und Christen das »Volk des Buches« genannt werden und die, wie auch Muslime, die spirituellen Nachkommen des Propheten Abraham sind. Sehr wahrscheinlich jedoch wusste Bernhard von Clairvaux sehr wohl wie es um diese Religion stand.

Zwischen Geistlichem und Weltlichem

Bernhard war ein frommer Mönch mit außergewöhnlichen spirituellen Fähigkeiten. Immer aber beschäftigten ihn auch weltliche Belange. Unzählige Widersprüche zankten offenbar im Verborgenen seiner Persönlichkeit. Als eigentlicher Verkünder des Friedens, führte er nicht nur die Christen seiner Zeit näher an ihren Glauben, sondern außerdem tausende Ritter, die wenn nötig, auch im Namen ihres Herrn sterben würden.

Bernhard wurde 1090 als Sohn burgundischer Adeliger geboren. Als er mit 22 Jahren seiner Familie erklärte Mönch zu werden, erstarrte sie in Fassungslosigkeit. Doch es kam noch besser, denn mit ihm zogen vier seiner Brüder ins nahegelegene Zisterzienserkloster Cîteaux ein. Auch viele seiner Freunde folgten ihm 1112 dorthin nach und wurden ebenfalls Mönche. Bernhard verstand es seine Mitmenschen ihrem wahren Wesen nach zu erkennen, sie so zu sehen wie sie wirklich sind, mit all ihren Anfälligkeiten und Versuchungen. Das schienen seine Zeitgenossen an ihm zu lieben und sich darum auch für seine spirituellen Ideen zu begeistern.

1115 entsandte der Abt des Klosters Cîteaux, Stephen Harding (1060-1134), Bernhard im Gefolge 12 anderer Mönche, nach Vallée d'Absinthe. Dort sollte er ein neues Kloster gründen, dem Bernhard den Namen Claire Vallée gab, woraus schließlich »Clairvaux« wurde.

Als Abt dieses neu gegründeten Klosters, verfasste Bernhard dort seine inspirierenden Schriften. Man könnte sagen, dass die Geschichte der Christlichen Mystik mit diesem Abt von Clairvaux begann. Seine persönliche Anziehungskraft, wegen der ihm schon seine Geschwister und Freunde gefolgt waren, sollte noch über größere Kreise hinweg wirken. Denn um den begnadeten Prediger von Clairvaux zu hören, besuchten Menschen aus ganz Europa sein Kloster. Wegen seiner bemerkenswerten Kenntnis der Heiligen Schrift, die er so wundervoll zu predigen vermochte, nennt man ihn auch den Doctor Mellifluus – den »honigfließenden Lehrer«.

Bernhard war im Stande auch die innere Bedeutung der Heiligen Schrift zu enthüllen, ihr Flügel zu verleihen und zum Leben zu erwecken. Er konnte auch in Anderen, die seine Predigten hörten oder lasen, ein wirkliches Empfinden der Bibeltexte entfachen. Doch dies gelang ihm nur, da das der echte Ausdruck seiner persönlichen Empfindung war – etwas, dass er an mystischer Erfahrung selbst erlebt hatte.

Im Mittelpunkt abendländischer Geisteskultur

Die Klöster Clairvaux und Cîteaux gediehen im 12. Jahrhundert zu einem spirituellen Zentrum, in dem die geistigen Kräfte des abendländischen Zeitalters zusammenliefen. Von hier aus prägte Bernhard von Clairvaux in seinem Wirken, ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte.

Sein gewaltiger Einfluss reichte in die Ränge des Vatikan und die Politik seiner Zeit. Er war Mentor von Päpsten und diente den Fürsten seines Landes als Berater. Aus dem Kreise seiner Familie stammte auch der Adlige Hugo von Payens (1070-1136) – der dann der erste Großmeister des Ordens der Templer sein sollte – für den Bernhard noch eine sehr wichtige Rolle spielte.

Die große Wirkung seiner spirituellen Betätigung, hinterlies ihre Spuren in den Gemütern ganz Europas. Dereinst sollte sogar der Papst ihn bitten, die Bildung eines der einflussreichsten Ritterorden der Geschichte voran zu treiben: Der Orden der Tempelritter. Seine Lobreden auf diesen christlichen Ritterorden und das Regelwerk das er für seine Mitglieder erschuf, sollte bald zum Ideal der abendländischen Aristokratie werden. Unter Bernhards Einfluss, gewannen die Templer immer mehr Mitglieder. Durch seine Predigt-Reisen rekrutierte er überall in Europa junge Adlige, die sich diesem neuartigen ritterlichen Mönchsorden anschlossen. Doch dazu später mehr.

Mystik des Heiligen Bernhard

Wenn man sich heute an Bernhard von Clairvaux erinnert, denkt man nicht zuerst an seine Kreuzzugspredigten, als eher an seine Spiritualität.

Bernhards Begabung als Mystiker war bemerkenswert. In 120 Predigten, die auch schriftlich niedergelegt wurden, schuf er einen Schriftkorpus, mit dem er die Angehörigen seines Ordens in das christliche Mysterium einweihte. Den wichtigster Teil seines Werkes bildet wohl das De Diligendo Deo – Über die Gottesliebe – und die Sermones super Cantica Canticorum – die Predigten über das Hohelied Salomos.

Seine Spiritualität stellte allerdings auch einen Gegenpol zur wissenschaftlichen Rationalität dar, die in der scholastischen Theologie, zu seiner Zeit viel Zustimmung fand.

Der Glaube der Frommen vertraut, er diskutiert nicht.

- Bernhard von Clairvaux

Statt das Wesen Gottes in einer Dialektik zu entzweien, versuchte Bernhard seinen Schülern das zu vermitteln, was man die Unio Mystica nennt, die mystische Liebesvereinigung der menschlichen Seele mit Gott. Dies gelang ihm in der sogenannten Brautmystik, die er aus den Versen des Hohelied Salomos entwickelte.

Für Bernhard bildete die menschliche Seele ein Ebenbild zu Gott. Dadurch war sie – und somit auch jeder Mensch – zur Unio Mystica mit Gott befähigt. Dank dieses angeborenen Seelenadels, bestand für jeden Menschen Zuversicht, durch seine Gottesliebe, den Wunsch nach Erlösung aus weltlichem Schmerz, letztendlich sich auch selbst erfüllen zu können.

Doch nicht jedem war diese hohe Form der Spiritualität zugänglich. Die in seinen Predigten verwendeten Gleichnisse, konnten darum den meisten seiner Zuhörer, nur eine erste Ahnung vom esoterischen Gehalt seiner Lehre vermitteln.

Hochzeit von Christus und der Kirche – ewigeweisheit.de

Die Mystische Hochzeit zwischen dem Christus und den Menschen der Gemeinde. Aus einem Buch des Herzogs von Berry (15. Jahrhundert).

Menschliche Seele - Göttliche Braut

In der wundervollen, liebeslyrischen Sprache des Hohelieds Salomos, erlebt der Leser einen erotischen Wechselgesang, wo es um die leidenschaftliche Hingabe eines Liebespaares geht: der jungen Königin von Saba und dem König Salomo. Der heilige Bernhard fand im Hohelied eine höhere Erzählebene, auf der er die ultimative Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk erfährt, was er letztendlich übertrug auf die Liebe zwischen Christus und seiner bräutlichen Kirchengemeinde.

Diese sogenannte Brautmystik, ist jedoch keineswegs nur allegorisch zu verstehen, sondern meint das betont körperbezogene Erleben des Lesers, während seiner Meditation über die Zeilen des Hohelieds. Es befähigt den Betenden, die darin verdichtete Weisheit in seinem Verstand so aufzunehmen, dass sie sich mit seinem emotionalen Empfinden auch tatsächlich begreifen lässt. Denn Bernhard galt Theologie nicht etwa nur als abstrakter Versuch die Wahrheit zu finden. Eher versuchte er durch seine Predigten tatsächlich seine Zuhörer auf einen spirituellen Pfad zu führen, wobei er durch seine mystische Sprache, in den Seelen aller Anwesenden, eine Liebe zu entfachen vermochte die ihnen gar das Empfinden einer heiligen Kommunion mit Gott vermittelte.

Inmitten seines Gebets träumt er (der Betende) von Gott. Was er da sieht ist (zwar nur) eine schummrige Spiegelung, kein Traumbild Auge in Auge. Doch selbst wenn es nur eine vage Ahnung ist, und kein echtes Sehen, vernimmt er den flüchtigen Anblick einer funkelnden Pracht vollkommenster Vorzüglichkeit, wobei er in Liebe entflammt und spricht: 'Von Herzen begehre ich dein des Nachts; dazu mit meinem Geist in mir wache ich früh zu dir (Jesaja 26:9).'

Eine Liebe wie diese ist voller Leidenschaft. Es ist eine Liebe, die die Freundin des Bräutigams wird, Liebe, die die treu ergebene und kluge Dienerin inspiriert, die der Herr für seine Familie (die Gemeinde der Kirche) bestimmt. […]

Letztendlich ist Gott selbst Liebe, und nichts Erschaffene kann befriedigen, den in Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen, außer dem, nur ein Gott der Liebe ist, der alleinig über allem Geschaffenen steht.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 18:6

Wie die erotische Kraft eines sehnsüchtig Liebenden, schirrte er in Anderen eine Fähigkeit an, die sie zur spirituellen Reflexion führte. Immer schon war die erotische Allegorie ein Mittel der Initiation durch das Wort, was etwa auch im Buch Genesis erfolgte, wo spirituelles Erkennen und der Akt körperlicher Liebe, als synonyme Ausdrücke verwendet werden (Genesis 4:1).

Lectio Divina: Gebet in Meditation

Einer der rituellen Bestandteile des täglichen Klosterlebens ist die meditative Gebetspraxis. Mönche lesen dabei aufmerksam bestimmte Abschnitte aus der Bibel, worüber sie dann meditieren. Hierzu wählt ein Mönch einen bestimmten Vers aus der Heiligen Schrift, zum Beispiel einen Psalm, den er beständig wiederholt und leise vor sich hinmurmelt. Während dieses Lesens vernimmt der Betende das Wort Gottes, über das er dabei meditierend nachsinnt und aus dem gelesenen Bibelvers eine Antwort auf diese Anrede Gottes erhält.

Die Aufgabe der Mönche besteht nun darin, während ihrer geflüsterten Bibellektüre, dem Klang ihrer Stimme nachzuspüren. Damit machen sie aus der Heiligen Schrift etwas Lebendiges. In der Kontemplation über das biblische Wort, bewegt sich die Seele des Meditierenden dabei in geistigen Dialog mit Gott.

In dieser intensiven Beschäftigung mit den Versen der Heiligen Schrift, werden sich die Mönche der tieferen Bedeutung des Wortes gewahr. Allmählich beginnt der Betende, der im Bibelwort enthaltenen Weisheit voll bewusst zu werden, fängt an, eine Art Süße aus dem Text herauszulesen. Er beginnt sozusagen zu schmecken, was er in der Heiligen Schrift liest, löst er in seiner Lektüre der Zeilen doch ein Mysterium.

Zu lesen, bedeutet auch einer Spur zu folgen. Einer Spur folgt auch der Winzer beim Lesen der Trauben vom Rebstock. Auch die Bienen in den Weinbergen folgen ihren Spuren, wenn sie die Blüten beehren. Ihre Lust ist es deren Nektar auszulösen, während sie sie bestäubt, damit in Zukunft auch die Nachkommen ihres Volkes wieder blüten aufsuchen werden.

Ein »Honigsammler« war auch der Heilige Bernhard, der den Spuren der Wörter der Heiligen Schrift folgte. Immer wieder sucht er ihre Buchstaben auf, um die darin enthaltene Süße auszulesen.

So wie Speise dem Gaumen süß ist, so schmeckt der Gesang der Psalmen dem Herzen. Doch die Seele, die inniglich weise ist, darf nicht unterlassen, ihn (den Psalm) sozusagen mit den Zähnen der Einsicht zu zerkleinern, denn wenn sie ihn in einem Brocken herunterschlingt, würde der Gaumen um den köstlichen Wohlgeschmack betrogen werden, der süßer ist als Honig der aus der Wabe fließt. Drum lasst uns beim himmlischen Gastmahle mit den Aposteln Honigwaben darbringen, auf die Festtafel des Herrn. Denn so wie Honig aus der Wabe fließt, soll aus der Schrift Ehrerbietung fließen (Hohelied 4:10f). Sonst nämlich, wenn du die Schrift ohne die Würze des Geistes hinunterschlingst, bleiben da nur Buchstaben toter Schrift zurück.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 7:5

Vom Schweigen über die Geheimnisse

Dem Heiligen Bernhard war bewusst, dass er in seinen Interpretationen gewiss Zurückhaltung wahren musste. Denn nicht jeder war mit dem angemessenen Bewusstsein ausgestattet, so großen spirituellen Themen wie der Heiligen Hochzeit, überhaupt gewachsen zu sein. Er wusste, dass das im Hohelied Salomos beschriebene Mysterium, durchaus vor Missverständnissen und Missdeutungen geschützt bleiben musste.

Bernhards in lateinischer Sprache verfassten Predigten über das Hohelied, waren nur jenen vorbehalten, die das nötige Bewusstsein besaßen, um seine Worte auch wirklich zu begreifen. Dazu gehörten wohl zuerst die Mönche des Klosters Clairvaux. Wen dann die Praxis der Lectio Divina, zu einem wahren spirituellen Leben befähigte, der brachte wohl auch die notwendige Verantwortung mit, die Bernhards Schriften ihren Lesern abverlangen.

Die Anweisungen, mit denen ich mich an euch wende, meine lieben Brüder, sollten sich von denen unterscheiden, die ich den Menschen in der Welt überliefere, zumindest die Art und Weise ist eine andere. Wer als Priester der Methode des Heiligen Paulus folgen will, gibt ihnen eher Milch zu trinken, als dass er ihnen feste Nahrung serviert (die sie nämlich nicht verdauen können) und serviert nahrhaftere Kost jenen, die spirituelle Erleuchtung erlangten: 'Und davon reden wir', so sprach er (der Heilige Paulus), 'auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen (1. Korinther 2:13).' Und wieder: 'Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen (1. Korinther 2:6)', in deren Gemeinschaft, davon bin ich überzeugt, man euch findet, es sei den, dass euere Studien der göttlichen Lehren nicht anhielten, euere Sinne verendet sind, und ihr Tag und Nacht im Sinnen über das Gesetz Gottes verbrachtet. Daher seid bereit dazu euch eher vom Brot zu nähren, als von der Milch. Salomon hat vortreffliches Brot für euch, dass gar köstlich ist. Es ist das Brot eines Buches, dass man das 'Hohelied' nennt. Lasst es uns brechen, wenn ich bitten darf, und so verkünden.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 1:1

Rosen vor die Säue – ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Gemälde Pieter Brueghel des Älteren: Die niederländischen Sprichwörter (1559). Hier wirft einer Rosen vor die Säue - verschwendet etwas Kostbares an Unwürdige.

Worauf sich Bernhard hier bezieht ist die Arkandisziplin: der Grundsatz, nur im Kreise Eingeweihter über Geheimnisse zu sprechen. Denn Esoterik darf nichts Profanes werden, nicht zu Allerweltlichem verkommen und

die Perlen nicht vor die Säue geworfen werden.

- Matthäus 7:6

Und doch kann der, der Geheimnisse durch Allegorien und Metaphern verkündet, sich einer möglichen Auskunft nicht ganz versagen. Doch was er weiß, sind die ihm gesetzten Grenzen, die ein Uneingeweihter nicht kennt. Der spricht was ihm sein Wunsch nach Wichtigkeit gebietet.

Auf der anderen Seite, ist die Wissbegierde der meisten Menschen doch eher oberflächlich. Ein Wissender sollte also zuerst versuchen, neugierige Fragen in ihrer Bedeutungslosigkeit zu entlarven. Denn je wissensdurstiger jemand auf esoterisches Wissen ist, desto mehr zeigt das seine spirituelle Unreife.

Jesus ließ die meisten Menschen über die Bedeutung seiner Gleichnisse im Unklaren. Nur im Kreise der Zwölf, machte er den Grund dafür bekannt:

Euch ist's gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Himmelreichs, diesen aber ist's nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): 'Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet, und mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie geschlossen, auf dass sie nicht mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, dass ich sie heile.' Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören.

- Matthäus 13:11-1

Es bedarf einer gewissen Seelenhygiene, die ein Mensch erst im Laufe seines Lebens entwickeln muss – vorausgesetzt, er befasste sich über lange Zeit damit, was seinem Seelenleben gut tut. Erst dann ist einer dazu befähigt, aus seinem esoterischen Wissen anderen mitzuteilen. Es kann einer eben nur so weit andere führen, wie er schon selbst fortgeschritten ist. Was darüber hinausgeht, ist gefährlich – besonders dann, wenn einer zur Masse spricht. Wer ohne die entsprechende Erfahrung über die Bedeutung der Geheimnisse spricht, setzt damit nicht unbedingt seine eigene, gewiss aber die Sicherheit anderer aufs Spiel.

Du könntest alle Geheimnisse kennen, du könntest die Größe der Erde kennen, die Höhen des Himmels und die Tiefen des Meeres: Doch wenn du dich selbst nicht kennst, würdest du jemandem gleichen, der ohne Fundamente eine Ruine, statt eines Gebäudes errichtete. Alles was du außerhalb deiner selbst aufrichtest, wird wie ein Staubhaufen sein, der dem Wind preisgegeben ist. Keiner ist also weise, der nicht über sich selbst Bescheid weiß. Ein Weiser wird in Weisheit über sich selbst informiert sein, und er trinkt auch als Erster aus der Quelle seiner eigenen Wasserfülle.

- De Consideratione (Über das Nachdenken) II:3:6

Das schrieb Bernhard circa 50 Jahre nach dem ersten Kreuzzug. Papst Urban II. jedoch schien solchen Nachdenkens zu entbehren, als er 1095 zum Ersten Kreuzzug aufrief. Denn was sich damit von Frankreich in Richtung Palästina aufmachte, war ein unorganisierter Mob, gemeinen, ungebildeten Volkes.
Bereits in Ostfrankreich kam es zu Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung. Solcher Art Pogrome zogen sich entlang der Kreuzfahrerroute bis in Heilige Land. Im syrischen Maarat an-Numan, sollte der Erste Kreuzzug seinen Höhepunkt an Grausamkeit annehmen, wo die barbarischen Kreuzfahrer in ihrer Hungersnot, sogenannte Ungläubige aufspießten und geröstet fraßen. Das berichtete der normannische Radulf von Caen (1080-1120) in seiner Kreuzfahrer-Chronik.

Ob der Heilige Bernhard von diesen Schreckenstaten wusste? Ignorierte er die Grausamkeiten und die unzähligen Menschen die auf dem Kreuzzug umkamen, auch die vielen Christen die aus Unwissenheit der Kreuzfahrer einen so erbärmlichen Tod fanden?

Abaelard und Heloise – ewigeweisheit.de

Abaelard und Heloise in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert.

Wozu Bernhard außerdem fähig war

Die Äbtissin Heloise (1095-1164) vom französischen Frauenkloster Le Paraclet, könnte sehr wohl in Bernhards Werken und Wirken eine nicht unbedeutende Rolle eingenommen haben. Zu der nur fünf Jahre jüngeren Nonne, hatte Bernhard über lange Zeit Kontakt gepflegt und die beiden standen wohl auch in spirituellem Austausch.

Zwischen 1116-1118 traf Heloise den Mönch Pierre Abaelard (1079-1142). Er war zuerst ihr Lehrer, doch die beiden verliebten sich. Heloise wurde schwanger. Als Nonne aber war sie nun gezwungen ihr Kind im Geheimen zur Welt zu bringen. Abaelard wurde heftig bestraft. Viele Texte der Literatur des Hochmittelalters schrieben über diese verbotene, tragische Romanze.

In Briefen an Abaelard sprach Heloise interessanterweise auch das Hohelied Salomos an. Und da sie immer auch in Verbindung stand zu Bernhard von Clairvaux, liegt die Vermutung nahe, dass die Inspiration zu seinem Kommentar zum Hohelied, vielleicht auch mit ihr zu tun hatte. Dafür gibt es bisher keine genauen historischen Belege. Es bleibt also eine Vermutung. Bestätigt aber ist, dass Bernhard von der Liebesaffäre zwischen Heloise und Abaelard wusste. Doch nie sprach er darüber öffentlich.

Es scheint Bernhard aber gequält zu haben, von dieser Liebschaft zu wissen. Denn es war fast absurd, wie vehement er sich gegen die Lehren Peter Abaelards wandte. Der nämlich vertrat eine Philosophie der Vernunft, wo nicht-religiöse philosophische Techniken, zur Erklärung des Glaubensbegriffes zur Anwendung kamen. Das galt Bernhard als vollkommenes Absurdum. Denn jene mystische Liebe, die ein Gläubiger gegenüber Gott in der Unio Mystica erfährt, sei auch durch wissenschaftliches Hinterfragen nicht zu erklären. Abaelards Rationalismus und seine Mittel zur methodischen Wahrheitsfindung erschienen Bernhard darum einfach zwecklos. Für ihn war christlicher Glaube nur im Herzen zu erfahren. Bernhard glaubte, dass wer durch Verstandesdenken einen Beweis für die Existenz Gottes logisch herzuleiten gesuchte, nichts als nur den Teufel fand.

Bernhard erschien Abaelars Philosophie aber sogar als Angriff auf seinen christlichen Glauben. Und durch sein Drängen, verwarf die Katholische Kirche Abaelards Lehren sogar als Häresie, für die dieser vor dem Konzil von Sens (1141) der Ketzerei angeklagt wurde. Ein Gerücht behauptet, Bernhard hätte die Anwesenden trunken gemacht, um sie leichter zu ihrem Urteil gegen Abaelard zu bewegen. Schließlich verurteilte man Abaelard später zu einer Klosterhaft und ewigem Schweigen. Seine philosophischen Schriften wurden sogar öffentlich in Rom verbrannt!

Nach Abaelards Tod in 1142, führte Heloise als Äbtissin, noch für 20 Jahre das Kloster Paraclet. Trotz der Tragödie um Abaelard, hielt sie in dieser Zeit weiter Kontakt zu Bernhard von Clairvaux. Auf Heloisas Bitten hin wurde Abaelards Leichnam in ihr Kloster überführt, wo sie dann auf eigenen Wunsch, nach ihrem Tod neben Abaelard bestattet wurde.

Aufruf zum Zweiten Kreuzzug

Während all dieser Jahre schien das Heilige Land in sicherer Hand des dort residierenden christlichen Adels. Doch im Jahr 1144 wurde die Kreuzfahrerstadt Edessa erobert und fiel an die Türken. Der Emir Imad ad-Din Zengi (1087-1146) stürmte die Festungsstadt im Gefolge von 30.000 Soldaten. Er war der Legende nach ein Sohn der Markgräfin Ida von Österreich. Zengis Truppen mordeten alle Bewohner der Stadt in einem grausamen Gemetzel.

Die Nachricht von der Einnahme Edessas durch die Ungläubigen, zwang die Könige und Fürsten der anderen vier Kreuzfahrerstaaten (Königreich Jerusalem, Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Tripolis) zum Handeln. Darum entsandte Prinz Raimund von Antiochien seinen Bischof Hugo von Jabala nach Rom, wo er 1145 Papst Eugen III. vom Fall Edessas berichtete. Einer der Anwesenden dabei war auch der deutsche Chronist Otto von Freising. Ihm erzählte Bischof Hugo in Gegenwart des Papstes, von einem nestorianischen Christen, der im fernen Osten als mächtiger Herrscher regiere: Priesterkönig Johannes von Indien. Er sollte ein Nachfahre eines der Heiligen drei Könige sein, der sich anscheinend mit einem riesigen Heer nach Jerusalem aufmachte, »vor nicht all zu langer Zeit« wie es hieß, um das Heilige Land vor der Hand der Ungläubigen zu erretten.

In diesem Jahr noch, rief Papst Eugen III. zum Zweiten Kreuzzug auf. Doch diesem Aufruf schienen nur wenige der europäischen Fürsten überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken. Darum wandte er sich an Bernhard von Clairvaux, seinen einstigen Lehrer: Er sollte den Kreuzzug predigen. Das weltliche Gepränge am päpstlichen Hof und all die politischen Machenschaften des Vatikan waren Bernhard allerdings zutiefst zu wider. Es muss ihn dennoch gedrängt haben, seine geistlichen Nachkommen, vor einem aus der Ferne bedrohenden Unbekannten zu schützen – vor einem fremden Gottesglauben, von dem keiner ahnte, wofür er eigentlich stand. Und so wurde Bernhard von Clairvaux auf einmal zum Organ des Vatikan und zum Prediger eines weiteren Kreuzzugs berufen. Er sollte den Eifer einer neuen Ritterschaft anschirren, durch seine Predigten und die von ihm verordneten Ordensregeln.

Bernhard wandte sich mit seinen Predigten aber gezielt an den Adel, um eine Wiederholung eines neuen Volkskreuzzuges zu vermeiden. Auf den Ritter-Haudegen von einst, sollten nun Tugenden und christliche Pflichten angewendet werden, um aus diesen alten Kämpen des Ersten Kreuzzugs, nun wahre Edelleute zu machen. Vor allem aber, und das hatte es bisher nicht gegeben, sollte dieser neue Orden in sich Rittertum und Mönchtum vereinigen.

Aus den Kreisen der Aristokratie, rekrutierte Bernhard die Mitglieder dieses neuen geistlichen Ordens, der vermutlich von Mitgliedern seiner Familie 1118 in Jerusalem ins Leben gerufen wurde. Denn einer der neun Gründungsmitglieder war Andreas von Montbard (1103-1156), ein Onkel Bernhards.

Tempelritter – ewigeweisheit.de

Der Orden der Templer: Mönchsritterschaft der Katholischen Kirche.

Bernhard von Clairvaux: Mentor des Templerordens

Unter den Heimkehrern vom Ersten Kreuzzug befand sich der französische Adlige Hugo von Payens, den man in Frankreich als Helden feierte. Er sollte erster Großmeister einer Gruppe von Edelleuten sein, die sich als Wächter des Jerusalemer Tempelbergs, zu einem außergewöhnlichen Orden organisierten. Sie nannten sich die »Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem«.

Für diesen neu gegründeten Orden sollte Bernhard von Clairvaux schon bald eine ganz bedeutende Rolle spielen. Denn auf Bitten von Hugo von Payens, verfasste Bernhard seine berühmte Mahnrede an die Templer.

Es ist gut möglich, dass sich Bernhard und Hugo von Payens schon begegnet waren, als Bernhard noch ein Kind war. Denn sowohl die Gründungsmitglieder der Templer als auch Bernhard von Clairvaux, stammten aus den selben Kreisen des mittelalterlichen Adels in Frankreich.


Alles was Bernhard in seinem Leben tat, geschah immer aus vollem Herzen. Wenn er nun also den Zweiten Kreuzzug predigte, schwelgte er dabei in der selben christlichen Überzeugung, wie in seinen Predigten vor seinen Klostergenossen. Er meinte sogar, dass im Namen Christi zu töten, keine Sünde sei.

Vielleicht wäre ihm zuerst lieber gewesen, dass sich durch seine Predigten mehr Menschen einem christlichen Klosterleben verschrieben hätten, doch naheliegender schien ihm in dieser Zeit, jene Vereinigung von Mönch- und Rittertum, was er in seiner Mahnrede an den Orden der Templer addressierte:

Aber wenn beide Menschen (Mönch und Ritter) in einer Person, ein jeder sich kraftvoll mit dem Schwert umgürten […], wer würde einen solchen nicht aller Bewunderung für höchst würdig erachten, zumal es sich ja um Außergewöhnliches handelt? Ein solcher ist jedenfalls ein unerschrockener Ritter, allenthalben gefeit; er umgibt seinen Leib mit der Rüstung aus Eisen, seine Seele aber mit der des Glaubens. Da er nun durch beiderlei Waffen geschützt ist, fürchtet er weder Teufel noch Menschen. Nicht einmal vor dem Tode fürchtet sich der, der sich zu sterben sehnt. Denn was könnte der im Leben oder im Tode fürchten, dem Christus Leben und Sterben Gewinn ist? […] Schreitet also sicher voran, ihr Ritter, und vertreibt unerschrocken die Feinde des Kreuzes Christi in der Gewissheit, dass weder Tod noch Leben euch von der Liebe Gottes trennen kann, die sich in Christus Jesus offenbart. In jeder Gefahr wiederholt für euch das Wort: 'Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn (Römer 14:8)'

- Aus dem Buch an die Tempelritter von Bernhard an Clairvaux

Unter der Führung Bernhards von Clairvaux fand am 13. Januar 1129 die Synode von Troyes statt, bei der auch Hugo von Payens und Andreas von Montbard anwesend waren. Hierbei erhielt der Templerorden seine offizielle Anerkennung durch die Katholische Kirche und bekam feste Ordensregeln. Zu diesen Regeln lieferte Bernhard einen ganz wesentlichen Beitrag. In der damit verfassten Urkunde wurde auch explizit auf die Anwesenheit von Payens und Montbard hingewiesen.

Nach dem Aufruf zum Zweiten Kreuzzug durch Papst Eugen III. begann dann nach 1145 Bernhards kirchenpolitische Vermittlertätigkeit. Dank seiner Unterstützung bei der Rekrutierung neuer Mitglieder, wurde aus dem erst winzigen Templerorden von gerade mal neun Mitgliedern, in nur kurzer Zeit eine ganze Armee! Es dürfte darum kaum verwundern, dass das großes Gefallen fand – sowohl im Vatikan als auch im europäischen Adel.

Ein versiegeltes Geheimnis

Mit dem bisher Gesagten, scheint Bernhard weit mehr als nur Mönch gewesen zu sein. Fast könnte man ihn als Vorboten eines neuen Zeitalters bezeichnen. Dann aber war er sicher eine Doppelgestalt – ein Prophet sowohl des Lichts wie auch der Finsternis.

Diese chimärenhafte Erscheinung Bernhards und sein Einfluss auf den Templerorden, führte in zeitgenössischer Literatur auf eine Unmenge an Verschwörungstheorien. Doch zu solchen Vermutungen kommt ohnehin sehr schnell, wer von den vielen Querverbindungen zu Kirche, Adel und Mysteriengeschichte erfährt, die einem gemeinsam mit dem Namen »Templer« begegnen.

Das liegt wohl daran, dass der Einfluss der Templer über zwei Jahrhunderte eine ganz wesentliche Rolle spielte, in der spirituellen und politischen Entwicklung der damals bekannten Welt. Auch die vielen Widersprüche, für die der Templerorden steht, gab manchem Anlass viel über die Geheimnisse dieser Bruderschaft zu spekulieren.

Eines der wichtigsten Themen die einem bei der Recherche immer wieder begegnet, ist die Frage, ob die Kreuzzüge, neben ihrem offiziellen Grund, auch eine okkulte Bedeutung hatten. Weit verbreitet ist eine Annahme, dass diese »Arme Ritterschaft Christi« Ausgrabungen im Tempelberg durchführte, um nach etwas zu suchen, dass sich einst unter dem Salomonische Tempel befunden haben soll. Worum es sich dabei handelte ist nicht endgültig klar.

Wie uns aus den Büchern der hebräischen Bibel überliefert wurde, stand im Heiligtum des Salomonischen Tempels eine heilige Lade, worin sich besondere Gegenstände befanden. Sie soll die Israeliten einst mit großer Macht ausgestattet haben. Damit nämlich teilten sie das im Buch Exodus beschriebene Schilfmeer und ließen mit der Kraft die aus dieser Lade strömte, die Mauern von Jerichon einstürzen.

Von Jerusalem aus, so wollen es manche Schriftsteller, sollte die Lade dann von Hugo von Payens nach Chartres in Frankreich gebracht worden sein, wo sie im Fundament der dortigen, neu gebauten gotischen Kathedrale integriert wurde. Dazu sandte sie angeblich Bernhard von Clairvaux aus, um das heilige Reliquium aus dem Heiligen Land nach Frankreich zu bringen. Sicher aber sollten die Templer im Heiligen Land von den Muslimen überhaupt die Bildung erhalten, solch umfangreichen Unternehmens überhaupt fähig zu sein.

Das die Templer tatsächlich sehr mächtig waren, bleibt unbezweifelt. Schließlich gründet sich auf ihrem bargeldlosen Zahlungsverkehr das moderne Bankenwesen. Das machte sie zur reichsten Organisation der gesamten damals bekannten Welt. Ihr Einfluss und ihr Vermögen war so groß, dass manch Monarch ihren Besitz neidisch beäugte. Da sie außerdem im Geheimen Rituale praktizierten, die nicht dem Regelwerk der katholischen Kirche entsprach, sollte das jenen Neidern dienen, sie dereinst wegen ketzerischer Machenschaften zu überführen. In Wirklichkeit aber waren diese nur auf den Besitz der Templer aus.

Seltsam nun, dass dieser Order ja überhaupt nur entstand, da die Katholische Kirche ihren Gläubigen einen Pilgerweg ins heilige Land schaffen wollte, worauf sie von den Mitgliedern der Templer beschützt wurden.

Einer der Hauptgründe für spätere Ahndungen gegen den Orden, war ihre Verehrung für einen Kopf mir zwei Gesichtern: das Janushaupt. In diesem Symbol blicken zwei Gesichter sinnbildlich in die Vergangenheit und in die Zukunft. Daher auch der Name des Monats Januar, der ja mit dem neuen Jahr beginnt, wo um den Jahreswechsel, Menschen quasi gleichzeitig auf das vergangene und auf das neue Jahr schauen.

Das Janushaupt nannten die Templer anscheinend auch Baphomet – ein Name, mit dem heute eine ganz und gar zwielichtige, teuflische Gestalt assoziiert wird. Baphomet entspricht »dem Tier« aus der Offenbarung Johanni, einer Chimäre aus gehörntem Engel, Mensch, Ziege oder Steinbock. Anscheinend galt den Templern dieses Wesen, wie auch das Janushaupt, als esoterisches Symbol für den Dualismus aller Dinge in der Welt, die immer als gemeinsames Ganzes betrachtet werden sollten. Wohl nicht zufällig, ist der Ziegenfisch, den die moderne Astrologie den »Steinbock« nennt, jenes Tierkreiszeichen, durch das sich die Sonne eben genau durch den Jahreswechsel zwischen Ende Dezember und Anfang Januar bewegt.

Nun ist auch bekannt, dass sich mit weißer und schwarzer Magie auch König Salomon befasste – jener König und Prophet, dessen Hohelied ja auch den Bernhard von Clairvaux in seinen Predigten verzückte. Wie die »Arme Ritterschaft vom salomonischen Tempel«, war auch Salomon laut Bibelurkunde, der reichste Mann seiner Zeit. Darüber lesen wir in der Bibel, im Ersten Buch der Könige. Darin ist die Rede von Salomos Goldbesitz der durch eine eigenartige Zahl beziffert wird (1. Könige 10:14), auf die auch das Buch der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 13:18) hinweist, wo sie sowohl die »Zahl eines Menschen«, wie auch die »Zahl eines Tieres« ist. Und dieses Tier eben scheint eigenartiger Weise, jenem, oben erwähnten Ziegenfisch verblüffend zu ähneln (Offenbarung 13:1).

Das solche Geheimnisse zu damaliger Zeit aber gegen die Templer verwendet wurden, wissen alle, die sich mit dem Ende dieser einstigen Mönchsritter befassen. Denn wie konnte es sein, dass ein Katholischer Ritterorden Christi, sich mit solchen Dingen beschäftigt? Nach außen hin waren sie die frommen Ritter Christi, doch im inneren Kreise vollzogen sie anscheinend genau das Gegenteil. Liegt hinter solchem Handeln ein höherer, okkulter Sinn?

Es scheint als wussten die Mitglieder des Templerordens ein Geheimnis in der Welt, dass den Gläubigen der weltlichen Christenheit nicht bekannt war. Sicher war es kein Zufall, wieso sich, schon in ihrer Erscheinung in der Geschichte, etwas abzeichnete, dass offensichtlich widersprüchlich war. Mindestens so widersprüchlich wie die Erscheinung Bernhards von Clairvaux – der als Abt die Liebe zu Gott predigte, dem Ritterorden der Templer aber überhaupt erst ermöglichte, so viele neue Mitglieder zu gewinnen, die auf einem neuen Kreuzzug im Namen Jesu Christi, vermeintlich Ungläubige im Heiligen Land töten sollten.

Anscheinend zeichnete sich der Templerorden aber eben genau durch solche Widersprüchlichkeiten aus. Denn um in den Orden aufgenommen zu werden, musste ein Ritter zuerst ein Armutsgelübde ablegen, doch schloss sich damit einem Orden an, der wegen seines immensen Reichtums berühmt war. Die Templer waren nach außen hin mit weltlichen Belangen beschäftigt, pflegten im Geheimen aber okkulte, diabolische Rituale. Sie waren zum einen asketische Mönche, zum anderen gehörten sie zu den gefürchtetsten Rittern ihrer Zeit.

Bernhard und auch die Tempelritter wussten anscheinend um Dinge, die dem Normalsterblichen nur schwer verdaulich sind. Nichteingeweihten bleiben sie bis heute ein Rätsel. Es wäre darum sehr unvorsichtig, vorschnell die Person des Bernhard von Clairvaux oder die Templer zu verurteilen – solange noch der eigene Wissenseifer, das Siegel Salomos verschlossen hält.

 

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