Reisetipps

Der einsame Kahn vor Samothrake

von S. Levent Oezkan

Einsamer Kahn - ewigeweisheit.de

Im Mai 2019 verbrachte ich zwei Wochen in Athen, bevor ich meine Reise von dort, mit dem Zug nach Thessaloniki fortsetzte – die große Stadt im makedonischen Norden Griechenlands. Später ging es von dort aus weiter in Richtung Osten. Mein Ziel war Samothrake: »Die Hohe Insel Thrakiens«.

Seit Langem schon wollte ich dort die alten Kultstätten besuchen, deren Geschichte weit bis ins 5. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht. Man hielt dort Mysterienfeiern zu Ehren der Großen Muttergöttin Kabeiro.

An diesem Ort wurden Menschen eingeweiht, in die Geheimnisse des Lebens. Laut Überlieferung starben sie dort einen Tod vor ihrem eigentlichen Tod. Nach so einer Erfahrung empfand man alltäglich aufgeschichtete Mutmaßungen über die eigene Existenz, wahrscheinlich wie einen lästigen Kokon, den man dann, durchaus verwundert, von sich abwarf. Erst damit kam das wahre Selbst zum Vorschein, das einen auferstehen ließ, im Lichte eines neuen Lebens.
 

Samothrake ist auf seine Art, man könnte sagen, »ein magischer Ort«. Schon die Reise dorthin war beeindruckend. Meine Überfahrt startete in der Küstenstadt Alexandroupolis. Bei Regen legte das Fährboot ab, doch als wir uns der Insel näherten, klarte der Himmel allmählich auf, bis schließlich mit unserer Ankunft dort, die Sonne ein fast wolkenloses Firmament überstrahlte.

Das Zentrum dieser kleinen Insel bildet der 1.600 Meter hohe Gipfel, der konusförmigen Erhebung des Berges Saos – den man auf Samothrake auch »Fengari« nennt: Den Mondberg. Häufig kommt es dort zu meteorologischen Phänomenen: Während sich über die Berghänge gewittriges Regenwetter ergießt, strahlt, teils nur einige Kilometer entfernt, an der Küste die Sonne am blauen Himmel. Auch die vielen Delphine, die abends dort zwischen den Meereswellen springen, verleihen dieser Insel ihre Eigenart.

Am darauf folgenden Tag startete ich früh, um das Heiligtum der Kabairo zu besuchen. Auf meinem Spaziergang, entlang einer sehr schmalen Küstenstraße, fuhr erst kein einziges Auto. Doch dann kam eins, gelenkt von einem weißbärtigen Mann, der verlangsamte und das Fenster herunterkurbelnd mir zurief: »Where?«

Ägäisches Meer – ewigeweisheit.de

Mehr als 1000 Worte

Ich sagte ihm mein Ziel, bedankte mich und stieg also ein. Wir sprachen nicht viel. Oft aber reichen ja wohlwollende Blicke aus, um »viel mehr zu sagen«. Ungefähr 15 Minuten später waren wir schon da. Wir hielten am Straßenrand, während er auf den Weg zum Tempel deutete und danach auf sich, um mich wissen zu lassen: »Vassili«.

Auch ich nannte ihm meinen Namen, wir lächelten beide und reichten uns die Hände. Eine besondere Begegnung. Ja eigentlich auch alles sonst, was ich in den folgenden Tagen dort erfuhr. Die Haine an den Hängen des Berges, mit ihren unzähligen, meist Jahrhunderte alten, mächtig dicken Bäumen. Die vielen natürlichen Kaskaden, deren trinkbares Wasser dazwischen hinunter ins Meer stürzt. All das beeindruckte mich. Ein wahrer Kraftort.

An diesem Tag aber, begab ich mich zu dem Mysterien-Tempel von Samothrake, umgeben von Bäumen und Weiden, wo nahe der aufragenden Abhänge des hohen Berges, einige blinzelnde Steinböcke zwischen den Felsen liegend, den stillen Morgen genossen.

Ein Geisterboot?

Schön dass ich dort so viel Zeit verbringen konnte. Auch, zumal meinen Tagesausklang ein einfaches, doch interessantes Ereignis vollenden sollte.

Zwar hatte ich nicht das Glück wieder bei jemandem mitfahren zu dürfen, denn an dem Abend fuhren scheinbar keine Autos mehr. Doch auf meinem Spaziergang zurück ins Hotel, sah ich langsam tuckernde Fischerboote auf dem Meer, die den winzigen, etwa 20 Kilometer entfernten Hafen von Kamariotissa ansteuerten, wo am Vortag auch meine Fähre gelandet war.

Nun war da dieses kleine weiße, wahrscheinlich schon sehr alte Boot auf dem Wasser. Entlang des Küstenstreifens, recht nah, schien es wie von alleine zu fahren. Ich hatte immer wieder hingesehen, doch niemand stand am Steuer. Wahrscheinlich war der Fischer seine Strecke heimwärts schon so oft gefahren, dass er vielleicht das Ruder einfach fest stellte, und seinen motorisierter Kahn dort, wie von selbst fahren ließ, während er vielleicht, meinem Blick entzogen, einfach ein Nickerchen hielt.

Irgendwie kam mir das aber vor, wie in einem Märchen, dass erzählt »vom einsamen Boot das ausfuhr, um mit großem Fang zurückzukehren«.

Ägäisches Meer – ewigeweisheit.de

Dunkelblauer Tiefgang

Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstück. Von meinem Tisch aus, blickte ich da auf das Meer der nördlichen Ägäis. Da kam mir wieder das Bild von dem »einsamen Boot« in den Sinn. Es weckte Assoziationen in mir, was mich über unser Alltagsleben nachdenken ließ. Denn ganz routiniert bewegen wir uns in unserem Körper, bald schon wie im Halbschlaf, mal hier, mal dort ein wenig, oder garnicht, um irgendetwas zu tun. Das herrenlose Boot auf dem Meer, erschien mir dafür als Metapher, wo ein vielleicht schlafender Steuermann seinen Fischkutter sich selbst überlässt, der dort jedoch über dunkle wässrige Tiefen schwimmt.

Wir bewegen uns oft unbewusst im Glauben, unser Selbst sei mit unserem Körper identisch. Während es, ebenso im Schlummer und darin eingeschlossen, über die Tiefen des Unbewussten gondelt, ahnen wir meist nicht, welche ungeahnten Schätze dort, in dunklen Dimensionen verborgen auf ihre Entdeckung warten.

Dieser Fischer aber, im Gegenteil zu uns, machte wohl sein Nickerchen nachdem er seine Netze ausgeworfen hatte und mit gutem Fang eingezogen, zufrieden heimfuhr.

Er weiß um die Tiefen und weiß wie er sein Netz gebraucht. In diesem Wissen führt er sein Leben.
Vielleicht steuerte seine alte weiße Gondel erst kürzlich wieder, wie von selbst den Hafen an.

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Bauernregeln

Bauernregeln

Seit alter Zeit gibt es die sogenannten "Bauernregeln", die im Jahreslauf das Wetter deuten und welche Folgen sich daraus für die Landwirtschaft ergeben. Schon im alten Griechenland unternahmen die Bauern Versuche, besondere Wetterregeln zu ergründen.

Folgend sind einige der vielen Bauernregeln, für unser alltägliches Leben geeignet, aufgeführt für alle Monate, von Januar bis Dezember.

Januar

Morgenrot am Neujahrstag Unwetter bringt und große Plag.
Eis und Schnee im Januar, künden ein gesegnet' Jahr.
Wie das Wetter zu Markarius (2. Januar ist der Tag der heiligen Markarius) war, so wird's auch im September - trüb oder klar.
Ist der Januar hell und weiß, wird der Sommer sicher heiß.
Braut der Januar Nebel gar, wird der Frühling nass fürwahr.

Februar

Wenn der Hornung (Februar) warm uns macht, friert's im Mai noch oft bei Nacht.
Scheint zu Lichtmess (Mariä Lichtmess am 2. Februar) die Sonne heiß, gibt's noch sehr viel Schnee und Eis.
Im Hornung Schnee und Eis macht den Sommer lang und heiß.
Rauer Februar, schöner August.
Hornung hell und klar, gibt es gut's Frühjahr.

März

Märzenstaub und Märzenwind, guten Sommers Vorboten sind.
Wenn es Kunigunde (3. März ist der Tag der heiligen Kunigunde von Luxemburg) friert, man's noch vierzig Tage spürt.
Märzensonne - kurze Wonne.
An Vierzigritter (10. März ist der Tag der heiligen vierzig Märtyrer) kalter Wind, noch vierzig Tage windig sind.
Soviel Nebel im März, soviel Gewitter im Sommer.

April

Wenn's viel regnet am Amantiustag (8. April ist der Tag des heiligen Märtyrers Amantius), ein dürrer Sommer folgen mag.
Gibt's im April mehr Regen als Sonnenschein, wird warm und trocken der Juni sein.
Grollt der Donner im April, ist vorbei des Reifes Spiel.
Gehst du im April bei Sonne aus, lass nie den Regenschirm zu Haus.
Im April ein tiefer Schnee, keinem Dinge tut er weh.

Mai

Windet's am ersten Mai, dann das ganze Jahr.
Wie's Wetter am Kreuzauffindungstag, bis Himmelfahrt es bleiben mag.
Heiligkreuz (3. Mai ist der Tag der Auffindung des Kreuzes Christi) nass, wächst nirgends Gras.
Der Florian (4. Mai ist der Tag des heiligen Märtyrers Florian), der Florian, noch einen Schneehut setzen kann.
Ein kühler Mai wird hoch geacht', hat stets ein gutes Jahr gebracht.

Juni

Juniregen und Brauttränen dauern so lange wie's Gähnen.
An Sankt Medardus (8. Juni wird des heiligen Medardus) wird ausgemacht, ob vierzig Tag die Sonne lacht.
Sankt Medard (Heiliger Medardus) keinen Regen trag', es regnet sonst wohl vierzig Tag'.
Wenn es regnet an Gervasius (19. Juni ist der Tag des heiligen Märtyrers Gervasius), es vierzig Tage regnen muss.
Regnet's am Siebenschläfertag (27. Juni), es noch sieben Wochen regnen mag.

Juli

Was der Juli nicht siedet, kann der August nicht braten.
Wenn der Juli fängt zu tröpfeln an, so wird man lange Regen haben.
Wenn im Jul' das Vieh nicht schwitzt, es im August oft donnert und blitzt.
Wie's Wetter am Siebenbrüdertag (10. Juli ist der Tag der Sieben Brüder), es sieben Wochen bleiben mag.
Macht der Juli uns heiß, bringt der Winter viel Eis.

August

Trübe Aussicht an den Hundstagen (23. Juli bis zum 23. August), trübe Aussicht das restliche Jahr.
Hundstage heiß - Winter lange weiß.
Wenn's im August aus Norden weht, beständiges Wetter vor dir steht.
Nebel im August - ein kalter Winter.
Wird's an Dominik (8. August ist der Tag des heiligen Dominikus) sehr heiß, dann bleibt der Winter lange weiß.

September

Wie Sankt Ägidientag (1. September ist der Tag des heiligen Ägidius), so der ganze Monat mag.
Ist Ägidi (Tag des heiligen Ägidius) ein heller Tag, ich dir einen schönen Herbst ansag'.
September schön in den ersten Tagen, will den ganzen Herbst ansagen.
Im September schwitzen - im Dezember sitzen.
Donnert's im September noch, liegt der Schnee um Weihnacht hoch.

Oktober

Wenn's im Oktober friert und schneit, bringt der Januar milde Zeit.
Warmer Oktober bringt fürwahr uns sehr kalten Februar.
Der Oktober freundlich und mild, der März dann rau und wild.
Oktoberregen verspricht ein Jahr voller Segen.
Im Oktober Sturm und Wind uns den frühen Winter künd't.

November

Allerheiligen (1. November dem Gedenken aller Heiligen, Märtyrer und Verstorbenen) feucht, wird der Schnee nicht leicht.
Wenn im November die Wasser steigen, dies nassen Sommer will anzeigen.
November nass, bringt jedem was.
Hat Martini (11. November ist der Tag des heiligen Martin von Tours) einen weißen Bart, dann wird der Winter lang und hart.
Donnert's im November gar, so folgt ihm ein gesegnet' Jahr.

Dezember

Wenn's regnet am Bibianstag (2. Dezember ist der Tag der heiligen Bibiana), regnet's vierzig Tage und eine Woche danach.
Geht Barbara (4. Dezember ist der Tag der heiligen Barbara) im Klee, kommt's Christkind im Schnee.
Regnet's an Sankt Nikolaus (6. Dezember ist der Tag des heiligen Nikolaus von Myra), wird der Winter streng und graus.
Wird es kalt, kommt der Winter bald. Schneit es zu Sankt Nikolo (Nikolaus), ist der Winter auch schon do.
Wenn die Kälte in der ersten Adventswoche kommt, hält sie zehn Wochen an.

 

Mythos Agartha

von S. Levent Oezkan

Agartha - ewigeweisheit.de

Aus Zentralasien ist eine alte Legende überliefert, die ein unterirdisches Reich erwähnt, dessen Bewohner dereinst auf der Erdoberfläche erscheinen sollen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts soll das ein sonderbarer »König der Welt« prophezeiht haben. Leben diese Bewohner darum vielleicht bereits heimlich unter uns?

Dabei hielt sich dieser König anscheinend in der äußeren Mongolei auf, im tibetisch-buddhistischen Kloster Narobanchin: eine besondere Institution, denn dieses Kloster bildete sowohl einen heiligen Tempel für die Menschen die dort lebten, doch hatte gleichzeitig auch weltliche Funktion, wie etwa die Eintreibung der Steuern.

Es war also nach innen als Kloster organisiert, nach außen aber wie eine staatliche Institution. Letztere Angelegenheiten vertraten die sogenannten »Aimaken«, Menschen die einer Volksgruppe der Afghanen angehörten. Nicht zum ersten Mal fiele da der Namen Afghanistan, wenn es um die Verortung eines verborgenen Reiches in Zentralasien geht, denn in den hohen Bergen des afghanischen Pamir-Gebirges, vermuteten manche den Zugang zu jenem mythischen Reich von Agartha (manchmal auch geschrieben als Aghartha, Agarttha, Agarthi oder Asgartha).

Die inneren Angelegenheiten des Klosters Naronachin vertraten hochrangige buddhistische Lamas, über die es heißt, dass sie einen Kreis von Heiligen bildeten, die bereits das Nirvana erlangt hätten, doch beschlossen in ihren sterblichen Körpern in dieser Welt zu bleiben, um ihren Mitmenschen helfend zur Seite zu stehen.

Im Innern des Planeten Erde

Es ist keine Erfindung, die sich moderne Autoren ausdachten: Seit alter Zeit erzählt man von einem unterirdischen Weltreich, in dem Menschen leben. In den Legenden westlicher und östlicher Mythologie finden diese Erwähnung. Im alten Griechenland etwa erzählte man, dass die Verstorbenen weiter an den Ufern des Hades lebten, jenem Fluss der Unterwelt. Auch die nordische Mythologie der Prosa-Edda spricht von einer unterirdischen Wohnstatt der Elfen, die man da »Schwarzalbenheim« nennt. Mit solch Unterwelt ließe sich auch das assoziieren, was kabbalistische Literatur »Scheol« nennt. Wenn im Christentum die Rede ist von der Hölle, als Unterweltsreich, so sollte man sich vorsehen das einfach nur negativ zu bewerten. Denn das Wort »Hölle« ist alt-germanischen Ursprungs und leitet sich ab vom Namen der nordischen Totengöttin »Hel«, der hervorgeht aus der germanischen Wortwurzel »hal«, was soviel wie »verbergen« heißt. Wer die Legende von dem sagenhaften Baumeister Hiram Abiff kennt, weiß, dass ins Innere der Erde auch Kain, der erste Sohn Adams verschwunden sein soll.

Da ist also ein verborgenes Reich gemeint, von dem all die verschiedenen Mythen der Welt erzählen. So auch ein Mythos Nordirlands, wo die Rede ist von besonderen Höhlengängen, die in ein unterirdisches Reich führen, wo die Tuatha Dé Danann wohnen, Kinder der Göttin Dana. Sie sollen den Menschen auf der Erde das Druidentum gelehrt haben, doch darauf wieder in der Unterwelt verschwunden sein.

Zu Anfangs ging es aber um ein buddhistisches Kloster, wo jener König der Welt den eingeweihten Mönchen, die Existenz eines solchen inneren Reiches unter der Erde kundgab. Tatsächlich sprechen alte Mythen des tibetischen Buddhismus von diesem Reich in einer Unterwelt. Sie basieren vermutlich auf noch älteren Legenden, wie man sie etwa in den heiligen Schriften der Hindus, den Bhagavatapurana findet (9. Gesang, Kapitel 16, Verse 19-21). Da sollen Angehörige der Kschatriyas (Kriegerkaste) vom sechsten Avatar Vishnus, dem »Parashurama«, von der Erde in eine Unterwelt verbannt worden sein.

Ebenso in der Mythologie der nordamerikanischen Indianer gibt es eine Legende des Volkes der Mandan. Ihre Vorfahren sollen in alter Zeit aus einem unterirdischen Land durch eine Höhle, nördlich des Missouri, auf die Erde gekommen sein. 
Die Hopi sprechen vom »Sipapu«, einem Erdloch, das sich im Grand Canyon befinden soll und man von dort in eben diese Unterwelt gelangt. Manchmal ist da auch die Rede von der »Vierten Welt«. Auch die Hopi sagen, dass vor Urzeiten von dort aus ihre Vorfahren in diese Welt kamen.

Aber auch ganz wissenschaftliche Denker des 18. Jahrhunderts, wie etwa der deutsche Mathematiker Leonhard Euler (1707-1783), befassten sich mit der Frage, ob die Erde sogar hohl sein könnte und von einer »inneren Sonne erleuchtet«:

die einer hochstehenden innerirdischen Menschheit Wärme und Licht spendet

- Aus Eulers »Briefen an eine deutsche Prinzessin über verschiedene Gegenstände aus der Physik und Philosophie«

Auch schon vor Euler, hatten sich in ihren Arbeiten Wissenschaftler wie Edmond Halley (1656-1742) oder Isaac Newton (1642-1726) der Frage gewidmet, ob es so ein inneres Erdenreich gäbe.

Schlangen der Unterwelt

Doch schauen wir noch einmal nach Fernost, genauer gesagt nach Sibierien. Im Jahre 1920 befand sich dieser Teil Russlands unter der Kontrolle der kommunistischen Bolschewiken. Alles was dort jemals an Spiritualität ausgeübt wurde, sollte dieser neuen politischen Macht weichen. So kam es natürlich auch dazu, dass viele Menschen von dort versuchten zu fliehen. Unter ihnen war auch der damals in der sibirischen Stadt Omsk lebende polnische Forschungsreisende Ferdynand Ossendowski (1876-1945). Über die Mongolei, China und Tibet, versuchte er mit anderen nach Indien zu entkommen.

Auf dieser Reise sollte Ossendowski dann aber in Kontakt kommen mit jenen, die ihm über das Reich von Agartha berichteten. Von ihnen erfuhr er, dass vor mehr als 6.000 Jahren im Innern der Erde ein Reich entstanden sei, zu einer Zeit, als das begann, was die indischen Weisheitslehren das »Kali-Yuga« nennen: Das Zeitalter des Streits. Es stimmt in etwa mit dem überein, worüber der griechische Dichter Hesiod (vor 700 v. Chr.) vom »Eisernen Zeitalter« sprach.

Zurück wird bleiben der sterblichen Menschen düsterer Jammer, und im Elend sich nirgends Hilfe zeigen.

- Aus Hesiods »Werke und Tage«

Um die christliche Zeitenwende, schrieb auch der griechische Dichter Ovid (43 v. Chr. - 17 n. Chr.) in seinem Hauptwerk »Metamorphosen«, über dieses Eiserne Zeitalter, als eine Periode der Menschheit, in der wirtschaftliche und technische Veränderungen, Verderben über die Welt bringen werden. Es ist eine Zeit, die in der Gegenwart auf ihren Höhepunkt zuzusteuern scheint.

Lange vor dieser finsteren Zeit aber sollen sich die Eingeweihten in dieses Reich von Agartha zurückgezogen haben. Manche sprechen auch von den »Schlangen«. Man muss das aber sicherlich als Metapher verstehen, und zwar für eine Gruppe von Menschen, die in die Mysterien eingeweiht sind, wo solche Mysterieneinweihungen ja immer im Erdinnern stattfanden, wie etwa auch im alten Eleusis in Griechenland. Und dass das Innere der Erde von Reptilien bewohnt wird, kennt man aus den verschiedensten Legenden der Menschheitsgeschichte (wie etwa über den alt-ägyptischen Gott Sobek).

Kehren wir aber wieder zurück, zu dem, was wir oben als das Kali-Yuga einführten: im Hinduismus das letzte von vier Zeitaltern. Wenn am Ende dieses Yuga, von dem manche sagen, dass es unmittelbar bevorstehe, die Bewohner von Agartha an die Erdoberfläche zurückkehren sollen, dann erinnert das irgendwie auch an den im Johannes-Evangelium genannten »Jüngsten Tag«, wo Menschen aus der Erde wieder auferstehen sollen:

Verwundert euch des nicht, denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

- Johannes 5:28f

Wer heute glaubt, dass wir uns in eine Zeit der Verdunkelung bewegen, dürfte mit dieser Anti-Utopie wohl nicht ganz falsch liegen. Es scheinen da gegenwärtig Kräfte zu wirken, denen die Geheimnisse der Mysterien vorenthalten bleiben müssen. Nur darum wurden, und werden auch heute noch, Initiationen nur im Verborgenen durchgeführt. Mit dieser heute gegenwärtigen Verdunkelung des Bewusstseins der Menschen aber, ist die bewusste Verbindung der Menschen mit dem, was manche Gott nennen, scheinbar verloren gegangen. Man könnte auch von einem »Geistigen Zentrum« sprechen, von wo aus dieser, zu eingangs genannte, »König der Welt« seine Wohnstatt besitzt.

Unter den Bewohnern dieses Reiches, so vermuten andere, gehörten jene, über die der Theosoph Alfred Percy Sinnett (1840-1921) in seinem Buch »Die Mahatma-Briefe« schrieb. Da fallen so Namen wie »Meister Morya« oder »Meister Kuthumi«.

Zwar ist diese Verbindung scheinbar verloren, doch existiert dieser Ort auch heute noch. So zumindest wollen es die Überlieferungen jener, die sich mit den Legenden um dieses verborgene Reich, schon seit Jahrzehnten auseinandersetzen. Und wenn das so ist, kann man davon ausgehen, dass es auch manche finden können, eben dort, wo auch schon im vergangenen Jahrhundert gesucht wurde. Alles was es dazu bedarf, ist eine echte Intention. Nicht zufällig heißt es über andere Weise der Vergangenheit, wie etwa den russischen Maler und Forschungsreisenden Nicholas Roerich (1874-1947), dass sie in Kontakt standen mit solchen, die Zugang gefunden hatten nach Agartha. Roerich schrieb selbst darüber, doch nannte dieses verborgene Reich »Shambhala«. Der Aufwand, den er und seine Frau, die Theosophin Helena Roerich (1879-1955), dafür betrieben, war ungeheuerlich.

Gibt es ein »Geistiges Zentrum« der Welt?

Wenn nun also von Agartha oder Shambhala die Rede war, so ist das der Ort dieser Intention, die man vielleicht besser als »geistige Ausrichtung« bezeichnen könnte, der es jedoch bedarf, um dorthin auch zu gelangen.

Besonders in Europa scheint eine bewusste Verbindung mit Agartha unterbrochen zu sein, und das nicht erst in unserer Zeit. Man frage jemanden auf der Straße nach diesem Ort und ernte entsprechend Verwunderung.

Der französische Traditionalist René Guénon (1886-1951) nun schrieb in seinem Buch »Der König der Welt«, dass es bereits seit dem 14. Jahrhundert im Westen zu diesem Bruch kam, womit das Bewusstsein für ein solches Weltzentrum, gänzlich in ein Schattenreich verdrängt wurde. Vermutlich lag die Gründung jenes Ordens der Tempelritter auch darin begründet, diese alte Verbindung mit dem Reich in Fernost wieder herzustellen. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben die mythische Figur des Priesterkönigs Johannes, dessen Untertanen sowohl in Fernost, wie auch in Afrika gelebt haben sollen. War oder ist er jener König der Welt?

Auch mit der sich zwischen 1517 und 1648 vollziehenden Kirchen-Reformation, soll es zu einem weiteren Bruch gekommen sein, zwischen den Menschen im Westen und jenem Geistigen Zentrum. Damals kamen die Rosenkreuzer-Manifeste in Umlauf und es heißt, dass kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) die wahren Rosenkreuzer Europa verließen, um sich nach Zentralasien zurückzuziehen. Nicht zufällig wohl scheint in moderneren Kreisen rosenkreuzerischer Geheimbünde, die Zahl Zwölf eine Rolle zu spielen, wie etwa bei dem, was da als das »Goldene Haupt« bezeichnet wird: einem Kreis von zwölf Adepten die über dem Orden des Goldenen Rosenkreuzes stehen.

Weitere Nachforschungen brachten manche irgendwann auch zu dem, was man die »Große Weiße Loge« nennt, die über das verfügen soll, was der schwedische Theosoph Emmanuel Swedenborg (1688-1772) als das »verlorene Wort« bezeichnete. Guénon meint in seinem oben genannten Buch dazu, man müsse es unter den Weisen Tibets suchen. Auch die Eingeweihten der Tataren Zentralasiens, könnten jenen Hinweise geben, die sich auf der Suche nach dem geistigen Zentrum von Agartha befinden - dann, wenn sich Menschen wieder frei über den Erdball bewegen dürfen.

Oder bereits doch schon jetzt?

Zwar sprach der 14. Dalai Lama Tendzin Gyatsho nicht über Agartha, sondern über Shambala, doch lassen sich beide Namen auch synonym verstehen. Seine Äußerung darüber, wer dieses geistige Zentrum erreichen kann und wer nicht, ist dabei interessant:

Gleichgültig ob Shambhala ein Ort irgendwo auf diesem Planeten ist, oder nicht, so kann er dennoch nur von denen gesehen werden, deren Geist und karmische Tendenzen rein sind.

- Aus dem Handbuch der tibetischen Astrologie

 

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Freundeskreis der Edition Ewige Weisheit

Innere Weisheiten vermitteln - Spirituelle Erfahrungen teilen: Gemeinsam.

Riesige, immer neue Wogen an Informationen münden heute mehr und mehr ins Uferlose. Nur sehr wenig davon verdient als wahres Wissen gewertet zu werden.

Wer aber in Berührung kam mit innerer Welterkenntnis, der vermag auch, jenseits dieser gegenwärtigen Informations-Krise, neue Wege zu entdecken, die ihn zu wahren Weisheiten führen können.

Was man heute Wissen nennt, hat mit Weisheit doch nur wenig zu tun. Eher vergrößert vieles davon die Probleme unseres Daseins, im Informations-Strudel einer sich ständig verändernden Welt der Moderne.

Das, woraus sich unser alltägliches Wissen ursprünglich bildete, geht zurück auf ein inneres, ein esoterisches Wissen, das sich als Urwissen der Menschheit bezeichnen ließe. Vielen Menschen der Gegenwart aber ist nicht bewusst, dass so etwas überhaupt existiert – oder – sie solch Wissen nur oberflächlich betrachtet, als unwichtig einschätzen.

Wer jedoch von dem Urwissen der Ewigen Weisheitstraditionen der Welt erfährt, dem dürfte sich auch der Sinn unseres Daseins allmählich entfalten.

In solch universalem Bewusstsein, für eine allem Wissen zugrunde liegenden Urtradition, können wir entsprechend handeln und unsere gemeinsame Zukunft verantwortungsvoll bewältigen.

Das Ziel des Freundeskreises

Das Wirken des Freundeskreises prägt ein zentrales Ziel: Die traditionellen Weisheitslehren aus West und Ost stärker mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld, im deutschsprachigen Raum zu verbinden – durch Bildungsarbeit und die ideelle Unterstützung von Menschen in Ihrer Bewusstseinsfindung.

Er trägt dazu bei, die geistigen und kulturellen Werte, einer allen spirituellen Traditionen zu Grunde liegenden Weisheit, zu fördern und zu verbreiten. Diese Weisheit nahm ihren Ursprung in den alten Menschheitskulturen. In ihr spiegeln sich bis heute die Wesensmerkmale eines inneren Wissens der Menschheit.

Dazu zählen die Weisheiten und Erkenntnisse aus der Hermetik, der Alchemie, der Kabbala, des Neuplatonismus, der Gnosis, der christlichen Mystik,  des Sufismus, des Vedanta, des Taoismus, des Schamanismus und der Traditionen indigener Spiritualität.

Die damit zusammenhängenden Überlieferungen führen den Einzelnen an die Tore höherer Bewusstheit für das, was in ihm verborgen ist, doch erkannt werden will.

Aus der im Freundeskreis erfolgenden Zusammenarbeit, soll im Jahr 2022 eine Stiftung hervorgehen, die Menschen im deutschsprachigen Raum ermöglicht, Freundschaften zu schließen, im Bewusstsein eines gemeinschaftlichen Ursprungs der traditionellen Weisheitslehren der Menschheit.

Diese Stiftung will Orte auf Erden schaffen, die spirituelle Zufluchtsstätten für all jene bereitstellen, die sich dem Trubel der modernen Welt des Alltags entziehen möchten – mit dem Zweck, einen kraftvollen Strang im tief verwurzelten Urwissen der Menschheit für sich zutage zu fördern.

Die Arbeit des Freundeskreises

Das, was aus der Wiege unserer Menschheitskultur, sich als spiritueller Impuls so kraftvoll in Bewegung setzte, um sich auf der Erde auszubreiten, will der Freundeskreis Menschen unserer Gesellschaft vermitteln, die die wesentlichen Weisheitslehren oben genannter Traditionen zu erfahren wünschen.

Es ist im Sinne des Freundeskreises der Edition Ewige Weisheit, wegen einer scheinbar überall aufdämmernden Zeitenwende, möglichst vielen Menschen das nahe zu bringen, was das innere Wissen der Kulturen in West und Ost zu tragen vermag – im Leben des Einzelnen, wie auch im Zusammenleben der Menschen untereinander.

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Sieben Tage auf dem Berg Athos

von S. Levent Oezkan

Wandgemälde auf dem Athos - ewigeweisheit.de

Seit mehr als tausend Jahren leben und beten christlich-orthodoxe Asketen auf dem Heiligen Berg, dem »Agion Oros«, wie ihn die Griechen nennen. Vor langer Zeit entstand hier das, woraus einmal die Mönchsrepublik Athos werden sollte.

Über zweitausend Meter erhebt sich der Berg Athos, auf dem östlichen Finger der griechischen Halbinsel Chalkidikí. Viele Mönche und auch Eremiten leben hier auch heute noch in beschaulicher Praxis meditierend und in praktischem Dienst ihren täglichen Aufgaben nachkommend.

Zu letzterer Praxis der Mönche auf dem Athos gehört das Kochen ebenso, wie die Arbeit im Garten, die jährliche Weinlese, Handwerksarbeiten, doch vor allem die Kunst der Ikonenmalerei und das Verfassen und Bearbeiten spiritueller Texte. Meist ist der Handelnde während dieser Tätigkeiten in seinem Tun allein, wenn dabei auch in Gemeinschaft.

Allein sein und Mönch sein an sich aber bedingen einander. Bereits die etymologische Wurzel des Wortes »Mönch« weist darauf hin: sie stammt vom griechischen »monos«, dem Alleinsein eben. Und doch findet ein besonderes Zusammensein der Mönchsgemeinde statt, im Gottesdienst, den gemeinsamen Speisen und besonderen Unterredungen.

An diesem gemeinschaftlichen Geschehen in einem griechisch-orthodoxen Kloster wollte ich einmal teilnehmen und bat darum einen guten Freund aus Athen, mich auf seine Reise zum Berg Athos mitzunehmen.

Heilige Berge Griechenlands

Auf der seit Langem bestehenden Zuglinie, die den südlich Athens gelegenen Hafen Piräus verbindet mit der thrakischen Stadt Thessaloniki im Norden Griechenlands, begann unsere Pilgertour zum Heiligen Berg. Die Bahn passierte auf der etwa sechsstündigen Fahrt auch zwei andere Berge, die im Alten Griechenland eine wichtige Rolle spielten.

Die Bahnlinie führt an dem im Westen befindlichen heiligen Berg Parnass vorbei, wo sich einst die Pilger zum Orakel von Delphi begaben. Und als wir nach etwa drei Stunden, nördlich Athens, die Tiefebene Larissas durchquert hatten und sich vor uns die Landschaft in den Thermaischen Golf öffnete, begann sich, ebenfalls westlich der Zuglinie, der gigantische Olymp zu erheben. Der Sage nach versammelten sich auf seinem Gipfel die olympischen Götter, von wo aus sie sich auch aufmachten, um gegen die verfeindeten Giganten zu kämpfen.

An der Pforte zum Himmel

Erst als es schon dunkel war kamen wir an in Thessaloniki: der einstigen Heimatstadt Alexanders des Großen. Nachdem wir unsere nächtliche Bleibe bezogen hatten, begaben wir uns zum Abendessen in eine nahe gelegene Taverne.

Am nächsten Morgen um 4:00 Uhr schon ging die Reise weiter. Auf einer etwa dreistündigen Fahrt schlängelte sich unser Bus durch die Serpentinen des Gebirges von Aristotelis, auf der östlichen Chalkidiki. Aus qualmenden Schloten breitete sich ein hölzern duftender Rauch aus über den Häusern der Bergdörfer, die unser Bus durchfuhr. Vom Licht der Morgensonne korallenrot gefärbt, gab der Kaminrauch eine fabelhafte Ergänzung, zu den im bläulich-grauen Morgenlicht erscheinenden Gebäuden der Dörfer.

In meinem noch halbschlafähnlichem Zustand kam mir das vor als verließen wir unser von weltlichen Sorgen geplagtes Diesseits, um bald die »Himmlische Stadt« zu erreichen: Ouranopolis. Von hier nämlich sollte unsere Fähre auf den heiligen Berg Athos starten.

Wir hatten in Ouranopolis noch eine Stunde Aufenthalt, wo wir in einem kleinen Café sitzend auf den fast achthundert Jahre alten, riesigen Wehrturm »Prosphorion« blickten, dem Wahrzeichen von Ouranopolis. Sein großes, moosbedecktes Dach nutzten die Möwen als Treffpunkt, bevor sie abhoben, um die Fähre zum Berg Athos zu flankieren. Ein nahegelegener Platz mit dem Titel »Phosphorion« gab diesem Monument wohl seinen Namen, der aufgrund einer Legende entstand: die Wächterin der Tore zwischen den Welten, die mythische Göttin Hekate, beschien als Lichtträgerin (griech. »Phosphoros«) den Ankömmlingen den Übergang vom Heiligen Berg ins Diesseits, mit dem Licht ihrer magischen Fackel. Nicht zufällig ist darum auch einer der Beinamen Hekates »Ourania«: die Himmlische.

Die Entstehungslegende vom Berg Athos

Den Neuplatonikern galt Hekate als Verkörperung der Weltseele, aus der die Seelen der Menschen entspringen und in die sie mit dem Tod zurückkehren. Sie sahen in ihr die Mittlerin zwischen der Menschenwelt und der Götterwelt. Drum kaum ein Zufall, wenn Hekate eben in jener Legende von Ouranopolis auftaucht, um die Seelen der Reisenden mit ihrer Fackel zu leiten.

Hekate aber kämpfte auch an Seiten der Olympier gegen die Giganten. Einer unter ihren Feinden trug den Namen »Athos«. Während dieser mythischen Schlacht, brach da auf einmal aus den Meerestiefen ein riesiger Berg empor. Der olympische Poseidon griff danach und warf ihn auf den Giganten Athos, der darunter begraben starb. So kam der Heilige Berg zu seinem Namen.

Nun verehrte man in alter, vorpatriarchaler Zeit die Hekate als »Magna Mater«: Sinnbild der großen Muttergöttin. Das dürfte alle aufmerken lassen, die wissen, dass auf dem heiligen Berg Athos ja allein die christliche Mutter Maria verehrt und »sonst keiner anderen Frau Zugang gewährt wird. Als sich nämlich, laut Legende, Maria in Begleitung des Evangelisten Johannes, vor etwa 2000 Jahren, von Jaffa aus nach Zypern begeben wollte, um dort den Lazarus zu besuchen, kam ihr Boot vom Kurs ab und sie landeten auf dem Athos. Es war schon damals ein Ort der von Weisen bewohnt war, die Mitglieder, sagen wir, schamanisch geprägter Kulte waren.

Mutter Maria die heilige Halbinsel betreten, fand so großes Gefallen an der Schönheit dieses Ortes, dass sie den Athos segnete. Darauf sprach sie zum Christus, ihrem himmlischen Sohn, und bat ihn um den riesigen Garten der hier vor ihr blühte. Aus dem Himmel erwiderte eine Stimme:

Sei dieser Ort dein Erbe und dein Garten, ein Paradies und ein Zufluchtsort des Heils für jene die errettet werden wollen.

- Zitiert nach Gregorios Palamas

Drum nennen die Mönche den Heiligen Berg Agion Oros auch »Perivóli tis Panagías«, Garten der Gottgebärerin. Ein Mönch vom Athos, Vater Mitrophan, schrieb dazu:

Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch wieder, durch die Gottesmutter Maria, sind alle anwesend.

- Pater Mitrophan, in einem Beitrag zum Buch »Athos-Impressionen« von Johann Günther

Es ist aber wohl auch zu vermuten, dass dieser Ort seit 1000 Jahren ein »Männerberg« ist, da die Mönche dort von optischen Reizen unbeeinflusst leben wollen, um sich in Ruhe der Gottesverehrung zu widmen. Das der Ort nur männlichem Leben vorbehalten ist beschränkt sich im Übrigen auch auf die dort lebenden Tiere – mit Ausnahme der Katzen.

Kloster Maroudá auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Das kleine Kloster Maroudá auf dem Berg Athos.

Maroudá – Kloster der kleinen Maria

Wartete nun die sagenhafte Göttin Hekate mit ihrer Fackel tatsächlich in Ouranopolis, um den Schiffsführern Orientierung zu geben? Zumindest will es so die Legende. Wahrscheinlich aber brannte auf dem alten Wehrturm Prosphorion ein Feuer, dass jenen leitenden Zweck erfüllte und auf das außerdem auch die Passagiere auf der Fähre zurückblicken konnten, wenn ihr Boot von dort aus auf die Westküste des Athos zusteuerte. Es glich wohl einem Blick zurück ins Diesseits, auf dem Weg in ein symbolisches Jenseits. Einen Zugang zu Lande nämlich gibt es nicht.

Auch unsere Fähre schiffte uns von Ouranopolis aus durch den Singitischen Golf zum Berg Athos, wo sich hinter Wolken verborgen sein zweitausend Meter hoher Gipfel verbarg. Es regnete nämlich in Strömen.

Das kleine Schiff legte pünktlich ab, mit all seinen nasstriefenden Passagieren. Ein internationales Pilger-Publikum wie mir schien, wo sich in schwarze Habite gehüllte, langbärtige Mönche mit fragenden Gläubigen umgaben, mit denen sie mal griechisch, mal russisch, serbisch und wie mir schien auch englisch sprachen.

Der Seegang war gewaltig. Sich auf Deck von hier nach dort zu bewegen war ein echter Balanceakt, denn das Boot schien sich beinahe zu überschlagen. Trotzdem genoss ich die Fahrt, ja vielleicht eben genau wegen des so abenteuerlichen Seegangs.

Nach etwa zweieinhalb Stunden landeten wir schließlich in Dafni, dem winzigen Hafen unweit von Karyes – der Hauptstadt der Mönchsrepublik.

Bis auf den letzten Platz besetzt, brachte uns von Dafni aus ein brummender, schnaubender Bus auf schottrig befestigter Strecke zuerst nach Karyes, von wo aus wir mit einem anderen Bus in unser kleines Kloster kamen, gelegen auf etwa 400 Metern über dem Meet. Auf dem Schild am Eingang des Kloster laß man seinen Titel »Maroudá«. Eigenartig nur, dass sich darüber der echte Totenschädel eines Wildschweins befand: Wie mir schien ein durchaus schamanisch anmutendes Totem, über diesem Eingangschild des Klosters.

Es regnete weiter in Strömen. Blitzend krachte Donner dazwischen und der stürmische Wind machte unseren kleinen Schirm bald über-flüssig. Doch auch in dem neblig-dunstigen Regenstrom, mutete das Kloster wirklich schön an: Seine Mauern und Wände rot und dunkelgrün, seiner Architektur nach gewiss ein Ort, der auch eine Klause chinesischer Taoisten in Fernost hätte sein können. Auch das Arrangement der Treppenaufgänge, und der Rundgang um die im Innern des Kloster gesenkte Kirche, erinnerten wirklich an fernöstlichen Baustil.

Im Gespräch mit dem Abt

Normalerweise halten sich die Pilger auf dem Athos drei Tage und drei Nächte auf, bevor sie die Rückreise antreten. Vater Makarios aber, der Abt des Klosters Maroudá – ein ausgesprochen lebhafter Mann mit schimmernd-grünen Augen – gestattete mir so lange zu bleiben wie ich will. Nie zuvor hatte er mich gesehen und erst eine Woche war vergangen, dass er mir die Einreise auf den Athos gestattete.

An einem der Abende saßen wir nach dem Essen bei einem Glas Tee zusammen, während Vater Makarios seinen dicken schwarzen Kater kraulte, der bei ihm schnurrend auf dem Schoß lag. Ein außergewöhnlich altes Tier mit sonderbarer Ausstrahlung, dessen Blick aus seinen dunklen Augen, so kam es mir vor, tatsächlich in mich hineinsah. Hätte der Kater plötzlich angefangen zu sprechen, es hätte mich kaum überrascht.

Wir redeten zuerst über dies und das. Unweigerlich kamen wir aber zum Thema Glauben und Wissen und als ich dabei Vater Makarios auch meinen besonderen Dank für seine große Gastfreundlichkeit ausdrückte, meinte er:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit. Denn darin liegt wahre Liebe.

Ich wusste erst nicht genau was er damit erwidern wollte. Doch langsam wurde mir seine ganz und gar einfache, doch tiefgründige Bemerkung bewusst.

In unserem weiteren Dialog bestätigte er mir, dass die meisten Menschen an nichts mehr glauben wollen, als die Nachrichten, die sie über ihre in Händen funkelnden Mobilgeräte wischen. Er teilte mit mir die Einsicht, dass sich die digitale Technologie zunehmend zwischen uns Menschen dränge, wo viele eine Kommunikation über diese »Endgeräte« einer echten Unterhaltung immer mehr zu bevorzugen scheinen. Man sieht häufig Jugendliche, die schweigend nebeneinander sitzend, sich dies und das auf ihren kleinen Taschencomputern zeigen.

Doch selbst wenn das manchen, oberflächlich betrachtet, als ein vielleicht etwas überzogener Einfall vorkommen mag, muss doch jeder zugeben, dass wir uns schon ganz und gar damit abgefunden haben, dass fast alle von uns immer auf dem Laufenden sein wollen, viel schneller Orte finden möchten die wir suchen, sich automatisch erinnern zu lassen gewohnt sind, schönste Eindrücke von hier, dort und anderswo sofort teilen zu wollen, immer weniger an Kassen zu warten bereit sind und so viele andere Bequemlichkeiten, die uns die moderne Technikwelt einräumt, doch irgendwie auch einbläut.

Vor dem Hintergrund aber dass diese pfiffigen Geräte nur leuchtend betätigt werden können, sind die Menschen auch zu Lichtträgern geworden. Nicht aber etwa wie die oben genannte Hekate, die anderen den Weg beleuchtet, damit sie auch ihr Ziel erreichen. Eher scheint die alltäglich gewordene »Selbstbeleuchtung« wie es scheint, jegliche Selbstbeweihräucherung überflüssig zu machen, wo in sozialen Medien oder mit dem blendenden Ding in der Hand, man ja auch ganz selbstverständlich auch zu Bett geht.

Als mir das zum ersten Mal bewusst wurde, kam ich allerdings zu einer ziemlich schaurigen Einsicht. Denn spricht man die lateinische Variante des Wortes »Lichtträger« aus: bleibt da nicht ein bitterer Nachgeschmack?

All die Lichterscheinungen der modernen Technikwelt hinterlassen bei mir den Eindruck, als schmeichelten sie unseren Egos heute so sehr, dass wir sie doch nur aus Gründen einer angenommenen Selbstinszenierung, nur immer noch mehr füttern wollen. Fragt sich: Wo nachdem wir sie eingetippt haben, landen all diese persönlichen, emotional geladenen Informationen eigentlich sonst noch so?

Sehen mit dem Auge des Herzens

Es ist sicher angebracht sich irgendwann vom eigenen Ego zu trennen, auch wenn das manchen unmöglich erscheinen will. Unser Ego erfüllte sicher seinen Zweck, als wir noch Kinder waren. Doch es verhärtete immer mehr, bis es im Erwachsenalter einem festen Mörtel zu ähneln begann, der unsere Seelen allegorisch an unseren Körper kittet. Darum: Erst wenn unser Ego gebrochen wird, kann sich unsere Seele lösen, um sich dem Auftrag unseres wahren Selbst zuzuwenden. Alle unliebsamen Pflichten von einst, könnten damit bald der Vergangenheit angehören.

Vielleicht stimmten Sie der Behauptung zu, dass wir gegenwärtig Teil einer Zivilisation sind, in der sich das Visuelle immer mehr zum ultimativen Erfahren entwickelt. Und es ist genau das, was auch auf unser inneres Leben zurückzuwirken scheint.

Darüber dachte ich an einem der Nachmittag nach, als ich in der kleinen Bibliothek des Klosters Maroudá gerade das neue Testament zur Seite legte. In den Paulusbriefen stieß ich auf diesen Vers:

Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke.

- Epheser 1:18f

Ich kannte dieses Sinnbild vom Auge des Herzens bereits. Doch es schien mir, als äußerte diese Bibelstelle des Epheserbriefs noch mehr, als nur reine Bildsprache.

Einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike, der Heilige Augustinus von Hippo (354-430), wusste um eine Kraft, die eben über jenes Sehen mit dem Auge des Herzens, dem so Sehenden zuteil wird. Aus ihr nämlich wird eine spirituelle Aufnahmefähigkeit befeuert, deren spirituelles Licht den Praktizierenden zu einer »mystischen Schau« leitet. In diesem Erfahren kann er sich dann, des in ihm existierenden göttlichen Ichs gewahr werden. So soll sich der Sehende letztendlich erfreuen dürfen, an einem Finden der Gestalt der Weisheit an sich.

Doch es ist damit kein intellektuell fassbares Sehen gemeint, als eher das Empfinden des Wahrhaftigen, das etwa der selben Tatsache entspricht, wie auch dass unsere Herzen schlagen. Ab einem gewissen Entwicklungsgrad, den jeder Gläubige entwickeln kann, beginnt sein Herz bewusst zu schlagen, ohne dass er sich daran explizit erinnern müsste. Es ist eben keine Kopfsache auf die hier angespielt wird. Vielmehr geht es um einen belebenden, vollkommen gedankenlosen Vorgang, der jedoch die Gabe fördert wahrhaft lebendig zu sein.

Augustinus wusste um diese Tatsache. Und doch wies er seine Glaubensbrüder ebenfalls darauf hin, dass niemand seine äußeren Pflichten dafür vernachlässigen dürfe oder gar, in solch spirituellem Erfahren, sich allmählich vollkommen der Welt entfremde und dabei am Ende noch verwahrlose.

Auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Im Kloster Koutloumousiou (Athos)

Kyrie Jesu Christe Eleyson

In einer unentwegten spirituellen Praxis nun haben manche der Mönche auf dem Athos tatsächlich höhere Fähigkeiten entwickelt. Ganz gleich welcher weltlichen Aufgabe sie auch nachgehen: pausenlos befindet sich ihr Geist im Gebet – doch weniger in Gedanken, als dass sie diese Geistigkeit wirklich in ihren Herzen empfindend, als das Kyrie Eleyson, das Herz-Jesu-Gebet wiederholen:

Kyrie eleyson.
Kyrie eleyson me.
Kyrie Jesu Christe eleyson.
Kyrie Jesu Christe eleyson me.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson me.

Herr erbarme Dich.
Herr erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus erbarme Dich.
Herr Jesus Christus erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich meiner.

In unentwegtem Beten versuchen die Athos-Mönche dabei eine innere Ruhe zu erlangen, die der Seele vollkommenen Frieden bringen soll. Während sie obige Verse ständig wiederholen, verwenden sie zur Steigerung ihrer Konzentrationsfähigkeit eine besondere Atemtechnik, während sie sich dabei auf ihren Nabel konzentrieren.

Wie mir ein anderer Mönch auf dem Athos erzählte, seien manche seiner Glaubensgefährten gar dazu fähig das Kyrie Eleison in ihrem Herzen selbst dann betend kreisen zu lassen, während sie sich in Unterhaltung mit anderen befinden. Ihrem Gegenüber vermitteln sie dabei jedoch subtil eine tiefe Demut, ja Ergebenheit – etwas, dass sich doch eigentlich jeder wünscht der über sich spricht oder Antworten auf seine Fragen sucht.

Indes zurückgezogen praktiziert, soll der Mönch im Herz-Jesu-Gebet zu einem Erleben göttlicher Gnade gelangen, was ihn zur Wahrnehmung eines mystischen Lichts führt, worin Gott selbst anwesend und sichtbar sein soll. Welche innere, esoterische Bedeutung dieses Licht hat, darauf wollen wir im Folgenden Antworten finden.

Mystisches Tabor-Licht

Seit dem 9. Jahrhundert beten und arbeiten christlich-orthodoxe Mönche auf dem Athos. Unter ihnen befinden sich auch Mitglieder des Hesychasmus, einer Form christlich-orthodoxer Spiritualität, die in ihrer Praxis jemanden zu wahrhaft gottergebener Gelassenheit leiten möchte. Im Mittelalter bildeten die Klöster und Einsiedeleien auf dem Berg Athos das Zentrum des Hesychasmus, von wo aus sich diese spirituelle Tradition in den nördlichen Balkanraum und bis nach Russland ausbreitete.

Die heychastischen Mönche suchen nach einem im Herzen empfundenen inneren Frieden und gelten in dieser Praxis gewissermaßen als »Mystiker der Ostkirche«. Ähnlich ihrer christlichen Zeitgenossen im Westen (darunter etwa Bernhard von Clairvaux oder Hildegard von Bingen) meditierten die ersten Mönche auf dem Athos, um darin einen Zustand vollkommenen Seelenfriedens zu erlangen, was man nun eben »Hesychia« nennt: ein Zustand vollkommenen Glaubens, der in eine Freiheit mündet, woraus sich der meditierende Mensch aus allen störenden Vorstellungen und Begierden erlöst.

Auf ihrem Weg zur inneren Erkenntnis des Göttlichen, üben sich die Heychasten zuerst in Askese, wobei sie ihre Leidenschaften zu überwinden lernen, um schließlich die christlichen Grundtugenden einzuüben. Ihr Ziel ist ihr triebhaftes Leben souverän beherrschen zu lernen, um so ihre Seele zu reinigen. Hernach betrachtet so ein Mönch in Hesychia (griech. auch: »Ruhe«) die Natur der göttlichen Schöpfung und ihren religiösen Symbolgehalt, um so die Welt in neuem Licht zu erkennen.

Auf der höchsten Stufe dieser spirituellen Entwicklung des Selbst, ereignet sich schließlich das Schauen Gottes in jenem zuvor bereits angedeuteten mystischen Licht, was einhergeht mit tief im Innern empfundenem Frieden und vollkommener innerer Ruhe. Das ist ein Erfahren, dass sich jenseits aller rationalen Vorstellungen ereignet – jenseits allen diskursiven Denkens, wo sich ja in unserem Geist, von ständiger Bewegung befangen, ein gedachter Satz an den nächsten heftet. Endet das diskursive Denken jedoch, können seinen Platz Visionen und intuitive Anschauungen einnehmen. Und in eben diesem höheren Zustand der Erkenntnis, gelangt der Mönch in seiner kontemplativen Praxis zur Wahrnehmung dessen, was die Hesychasten die Vision des ungeschaffenen Tabor-Lichts nennen.

»Tabor« steht darin für den Namen eines Berges im Jesreel-Tal (Galiläa), wo der Christus in mystischem Licht verklärt den drei Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes erschien. Schon im Altertum war dieser Berg eine wichtige Kultstätte, wo man lange auch den blitzwerfenden Fruchtbarkeitsgott Ba'al verehrte.

Als der wichtigste Gelehrte des Hesychasmus nun gilt der byzantinische Theologe Gregorios Palamas (1296-1359). Er beschrieb die visuell-mystische Erfahrung, die einer im Herz-Jesu-Gebet erfährt, als das »Schauen des Tabor-Lichts«. Es ist dabei aber keineswegs die Wahrnehmung gewöhnlichen, physischen Lichts gemeint. Statt dessen vernimmt der Schauende dies als ein inneres Leuchten, entbunden aus der »ungeschaffenen Energie Gottes«. Dennoch wird auch damit nur beschrieben worum es geht, denn letztendlich muss man jenes mystische Licht selbst geschaut haben, um zu wissen was die dabei gemachte Erfahrung zu Tage bringt.

Wichtig ist, dass Palamas auch der Körper des Menschen zu Gotterkenntnis befähigt galt, nämlich dann wenn der Praktizierende in seinem Herzen das Herz-Jesu-Gebet ausübt. Das Fleisch soll dabei zu einer Würde erhoben werden, die der des Geistes nahe ist, denn unter diesem Eindruck soll der Körper seine Neigung zum Bösen aufgeben. Durch die hesychasitsche Praxis aber strebt einer danach seinen Körper zu heilen und auch dabei zur Vergöttlichung zu führen.

Eine Reinigung allein des Gemüts war für Palamas jedoch unzureichend. Eher sollte durch diese Art spiritueller Reinigung des Körpers, jemand die von ihm ersehnten spezifisch körperlichen Vergnügen vermeiden lernen, die ja die Seele durch angenehme Empfindungen beeinflusst.

Aus Sicht anderer orthodoxer Theologen mag diese Praxis jedoch erscheinen, als versuche jemand spirituelle Ergebnisse herbeiführen zu wollen und so etwa die göttliche Gnade herbeizuzwingen. Palamas und anderen Hesychasten ging es keineswegs darum. Vielmehr war ihnen in ihrer kontemplativen Praxis daran gelegen, die unerlässliche Konzentration auf Gott zu bewahren.

Gregorios Palamas sah im Gebet in erster Linie eine bewusste Geschäftigkeit des Menschen, der damit gegenüber dem Göttlichen seine Dankbarkeit ausdrücke, als etwa nur Gott zu etwas bewegen zu wollen. Vielmehr erhebe sich der Beter durch die hesychastische Form der Kontemplation zu Gott, was er im Sehen des Taborlichts in Wirklichkeit gar nicht erstrebte, als es vielmehr, demütig wahrgenommen, allem Sein ergeben zur Verfügung stellen will.

Vater Makarios (Kloster Maroudá, Athos) und S. Levent Oezkan - Foto: Konstantinos Stavropoulos – ewigeweisheit.de

Vater Makarios, der Abt des Klosters Maroudá, (Berg Athos) und S. Levent Oezkan (Foto: Konstantinos Stavropoulos).

Die eucharistische Liturgie der Ostkirche

Es muss aber keineswegs eine so explizite Form kontemplativer Praxis vorausgesetzt werden, um sich dem zu nähern, was wohl allen gläubigen Menschen als Ziel gelten könnte. Darum wäre es auch falsch anzunehmen es würde hier behauptet, dass nur einer der die hesychastische Praxis des Herz-Jesu-Gebets übe, dazu befähigt sei die Bedeutung dessen zu erkennen, was man eben als Gott beziehungsweise die spirituelle Welt als solche bezeichnet.

Meine eigene Hinwendung zur christlichen Theologie und der in der Ostkirche vollzogenen liturgischen Dienste, war der Versuch solch geartete Erkenntnisse ohne explizite Übungen zu machen. Vielmehr wollte ich das in der orthodoxen Liturgie erfahrbare Christus-Mysterium als solches betrachten. Aus diesem Grund hatte ich täglich an den beiden Gottesdiensten auf dem Kloster Maroudá teilgenommen: Einer begann früh morgens, der zweite vor dem Abendessen. Beide Dienste zogen sich manchmal bis über zwei Stunden.

Die Morgengebete aber unterschieden sich von den abendlichen insofern, als dass sie nur in Anwesenheit des Priesters durchgeführt werden konnten, was für die Abendgebete nicht zwingend notwendig ist, da dort nicht die Eucharistie gefeiert wird – das was man im Westen die heilige Kommunion nennt.

Von byzantischem Gesang begleitet, schienen sich vor mir gleichnishaft Abendmahl, Passion und die Wiederkehr Christi abzuspielen und die als Chorgebet gesungenen Melodien strahlten eine transzendente Kraft aus.

Diese Liturgie feiern die Mönche auf dem Athos an 365 Tagen im Jahr, wenn auch der Ablauf variiert, je nach Wochentag oder entsprechendem Feiertag (im orthodoxen Christentum ist vor allem Ostern von Bedeutung). Was man darin aber erfährt (natürlich auch anderswo) empfand ich als wahrlich wundersames Ereignis, an dem alle Sinne des Körpers miteinbezogen wurden: die Augen durch die Positionen der aufgestellten Kerzen, die die überall aufgestellten Ikonen anstrahlten, die Ohren durch die inspirierenden Melodien der Gesänge, das Gemüt durch die darin formulierten biblischen Erzählungen und Berichte über Christus, die Propheten und die Heiligen, sowie der Geruchssinn durch das vom Abt zubereitete Räucherwerk. Vater Makarios verstand tatsächlich Duftmischungen des Weihrauchs zuzubereiten, die mich und scheinbar auch die anderen Anwesenden in eine vollkommen andere Stimmung versetzten.

Auch die Lippen der Gläubigen werden auf einzigartige Weise in das Geschehen mit einbezogen: Beim Betreten des Gotteshauses, und dann wieder zum Ende des Geschehens, küssen sie die darin, an der Außenwand des Heiligen Altars platzierten Ikonen.

Mit dem Kosten vom eucharistischen Wein und der Einnahme des geteilten Brotes, der gleichnishaften Aufnahme vom Leib und vom Blut Jesu Christi, ist es der Geschmackssinn der der Heiligen Eucharistie einen besonderen Mysteriencharakter verleiht.

Nicht dass sie damit gleichzusetzen wären, doch die Ähnlichkeiten zwischen den alten Riten der Mysterienkulte und der Abendmahlszeremonie sind in vieler Hinsicht vorhanden, wo ja in den Demeter- und den Dionysos-Mysteriuen etwa Getreide und Wein ebenfalls von herausragender Bedeutung waren. Was die Mysten dabei jedoch erfuhren, sollte durch die spätere Darstellung des Kreuzigungsereignisses im Christentum, in quasi abstrahierter Form wiedergegeben werden. Doch sowohl in den alten Mysterien, wie natürlich auch im Christentum, spielt das Erleben der Vorwegnahme der Todeserfahrung, eine zentrale Rolle. Vielen Christen aber ist das gar nicht bekannt, zumal sie sich der darin enthaltenen Symbolik, höchstens mitleidig betrachtend, gar nicht bewusst sind, wo sie doch eigentlich das darin vermittelte Mysterium als Vorbild für ihren eigenen, spirituellen Lebensweg erkennen könnten.

Was ich in den sieben Tagen dort im Kloster Maroudá von dem ziemlich eigenartigen Abt Vater Makarios jedoch vermittelt bekam, ähnelte durchaus einer Einweihung, auch wenn ich doch selbst gar kein Christ bin. Doch der Ort, der Heilige Berg Athos, schien vielleicht von seiner geomantischen Struktur her zu dieser wohl mysterienartigen Erfahrung beigetragen zu haben.

Glauben ohne zu wissen - Gewissheit ohne zu vermuten

Fest steht: insbesondere in den morgendlichen Gottesdiensten hatte ich den Eindruck als verstünde ich allmählich was es so auf sich hat, in Bezug auf das Religiöse, was die Wörter Glauben und Wissen, Vermuten und Verstehen, in ihrem Verhältnis zueinander an sich bedeuten könnten.

Natürlich wird mir hier kein Gottesbeweis gelingen, was im Übrigen auch gar nicht meine Absicht ist. Es gibt aber, so empfand ich es zumindest als Anwesender in den Gottesdiensten des Klosters, eine Urtradition, an deren christlichen, rituellen Handlungen ich dort teilgenommen hatte. Und diese überlieferten, rituellen Handlungen bildet, wenn auch zuerst im Geiste, ein mentales Muster – oder besser, eine spirituelle Struktur.

Wenn die Liturgie von der ich sprach, schon einmal von insgesamt 300 Millionen orthodoxen Christen wahrgenommen wurde, dann kann man davon ausgehen, dass die darin vollzogenen spirituellen Handlungen auch auf die Gläubigen übergehen. Jene Priester und Mönche die für diese Handlungen in der Verantwortung stehen, übertragen ihr religiös-spirituelles Denken natürlich auch im Zwiegespräch auf den Gläubigen.

Als ich an den Gottesdiensten teilnahm (wie eben auch schon im Freitagsgebet in einer Moschee oder auch dem Schabbat-Gottesdienst in einer Synagoge in Israel beiwohnte), empfand ich, wie mich eine mystische Kraft durchdrang. Ganz gleich ob das einer »Wahrheit« entsprach oder im Prinzip »nur eingebildet« war, wusste ich doch, dass es in jedem Gläubigen Christen (oder anders gläubigem Menschen) eben genau das auslösen kann, was auch ich empfand.

Mir dünkte jedoch so, als ob es in der Entscheidung eines jeden Menschen liegt, ob er nun glaubt, also eine spirituelle Form in seinem Herzen als gegeben empfindet oder ob er dazu in der Lage ist logisch zu schlussfolgern, dass je mehr Menschen einen regelmäßigen Ritus erleben, wohl freilich auch gemeinsam ein mental-spirituelles Feld erschaffen, dass durchaus eine Eigendynamik entwickeln kann. Was dabei jedoch entsteht, ereignet sich jenseits allen raum-zeitlichen Darstellungsvermögens, auch wenn man immer wieder versuchte wissenschaftliche Beweise zu finden, um dieses Wirken veranschaulichen zu können.

Da wir nun aber alle gemeinsam auf diesem einen Planeten leben, mischen sich dieses Empfinden und die eben angedeutete Eigendynamik, natürlich immer auch mit materiell erwachsenen Unabdingbarkeiten. Diese konzentrieren sich manchmal, in bestimmten zeitlich überschaubaren Entwicklungsphasen unserer Menschheitskultur. Was daraus jedoch an Ergebnissen resultiert, entwickelt sich manchmal zu einem großen Guten. Doch ebenso mächtig ist das, was sich uns weniger günstig zeigt, ja uns manchmal sogar durch unheilvolle Konsequenzen bedroht.

Immer aber ist das was eine entsprechende Aussicht auf positive oder negative Empfindungen liefert, der wahre Glaube, im aktiven Sinne. Zu glauben ist dabei alles andere als ein Vermuten. Es ist nicht die Annahme gemeint, dass es da vielleicht einen Gott oder einen auf Erden herabgestiegenen Gesandten gibt, der unter uns dessen Wesentlichkeit repräsentierte oder an den göttlichen Kern unserer Seele erinnert. Nein. Worauf ich mit dem Gesagten anspiele, ist, dass es auf unserer Erde Orte gibt, die, sagen wir, einen Zugang eröffnen zur Erkenntnis dieser überall gegenwärtigen, wundersamen Parallelität von religiösem Glauben und spirituell-empfundener Wirklichkeit. Denn diese beiden Größen sind wie zwei Pole, die anscheinend nur durch eine dünne Schicht getrennt sind, wo das unsichtbare vom Sein der sichtbaren Welt unterschieden ist.

Auf dem Athos empfand ich diese Schicht jedoch manchmal als so dünn, als so transparent, dass ich den Eindruck bekam als könnte ich ein Dahinter erkennen, das sich jenseits alles Weltlichen befindet.

Berg Athos – ewigeweisheit.de

Der Heilige Berg Athos, in einer Illustration von John Pentland Mahaffy  (1839–1919).

Reflexionen auf meiner Rückreise

Mein letzter Tag war angebrochen und nach der Morgenmesse und dem gemeinsamen Frühstück – das im Übrigen immer aus Kuchen und Keksen bestand – fuhr ich gemeinsam mit anderen Pilgern zum Anleger in Dafni.

Dort hatte ich noch etwa eine Stunde Aufenthalt, setzte mich in die kleine Taverne, um noch einen Kaffee zu trinken. Als ich dort aber wie gewohnt nach Milch fragte, ließ mich der Servierer abblitzen und es fiel mir wieder ein: Auf dem ganzen Athos gibt es keine Milch, da sie doch weiblich ist; die logische Konsequenz dessen also, was auf dem Athos seit nunmehr 1000 Jahren beharrlich aufrechterhalten wird.

Über das und meine anderen Erlebnisse nachsinnend, bestieg ich dann die kleine Fähre zurück ins »Diesseits« nach Ouranopolis.

Das lange Warten beim Anleger in Dafni hatte mir irgendwie auch gut getan, zumal ich meine Rückreise entsprechend entspannt antrat. Denn gezwungen sein nichts zu tun, kann ein andermal auch schrecklich sein. Zeit wird hier aber anders empfunden, auch wenn es, vielleicht nicht auf dem Athos, trotzdem christliche Mönche waren die das Räderwerk und letztendlich die Uhren erfanden, um danach pünktlich ihre Gebete auszurichten. Trotzdem scheint das Thema Zeitempfinden auf dem Agion Oros ein anderes zu sein.

Der kleine, sehr alte Mönch der allein auf der Fähre seine selbst geknüpften Gebetskränze verkaufte, ihn ließ der Fährkapitän als einzigen vom Boot steigen, an einem winzigen Anleger, wo sich nicht viel mehr als nur seine Zelle zu befinden schien. Wir hatten alle viel Zeit.

Möwen umkreisten die Fähre an diesem strahlend sonnigen Tag meiner Rückreise. Fast schon wie die Glieder eines Gebetskranzes gereiht, eskortierten sie unser Boot über das Meer. Als ich mich nach Dafni umdrehte, war da eine runde Wolke, die den pyramidenförmigen Gipfel des Agios Oros umrang. Es war wohl meine selektive Wahrnehmung, die all das für himmlische Zeichen hielt – doch was immer es war: nicht nur sah ich es, sondern eine Gewissheit gab mir das sichere Gefühl, dass sich die Ereignisse der kommenden Zeit entsprechend fügen werden. Da dachte ich wieder an die Aussage des Abts von Maroudá:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit.

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Besuch der Großen Pyramiden von Gizeh

Besuch der Großen Pyramiden von Gizeh

Cheops-Pyramide und Sphinx - ewigeweisheit.de

Nur wenige antike Bauwerke umschweben so dichte Nebel aus Sagen, Vermutungen und Behauptungen, wie die großen Pyramiden. Eine Zeit lang war es sehr populär über die gewaltigen Monumente am Nil zu erzählen. Die Esoterik-Szene ließ kein Härchen an diesem vermeintlich haarigen Monster, dass die okkulten Geheimnisse über die Pyramiden von Gizeh, uns bisher anscheinend nur vorenthielt.

Heute aber erscheinen immer wieder neue Erklärung für das Entstehen, die Funktion und die wirkliche Bedeutung dieser drei größten Bauwerke der Antike. Nur leider widersprechen sie sich viel zu oft.

Phänomenal an den vielen Legenden und Theorien zu den großen Pyramiden bleibt, dass bis heute einfach immer noch keiner das Warum und noch viel weniger das Wie dieser Bauwerke tatsächlich und plausibel beantworten kann. Und es wurde so viel Gerede und Getöse um sie gemacht, dass manche wohl schon abwinken, wenn man auf die Pyramiden von Gizeh zu sprechen kommt.

Doch wie auch alle anderen Forschungs- und Wissensgebiete ihre Gezeiten haben, trifft das auch zu auf diese Monumente. Mal ist da wieder Offenheit, damit bei einem, wie ich gerade selbst hoffe, nochmal Neugierde entfacht wenn die Frage aufkommt: Warum stehen diese denkwürdigen Bauwerke dort in Ägypten?

Die erste Antwort darauf birgt an sich die Erkenntnis darüber was die Pyramiden alles nicht sind, um zu verstehen was ihre Bedeutung sein könnte. Damit meine ich die Widerlegung angenommener Thesen und ein damit einhergehender »Beweis durch Widerspruch«, mit dem Ziel die eigentliche Dimension ihres Sinns, aus dem Gerippe rein profaner Annahmen zu befreien und sie auf eine Art abzubilden, die ihnen auch gebührt.

Auf dem Gizeh-Plateau (Ägypten) - ewigeweisheit.de

Auf dem Gizeh-Plateau in Ägypten. Die wirkliche Größe der Pyramiden lässt sich erahnen, wenn man die winzigen Menschen am äußersten Saum des Bauwerk anschaut. Der in diesem Foto sichtbare Abschnitt, der einen Ecke der Pyramide, erreicht nur etwa ein Drittel der tatsächlichen Höhe der Pyramide!

Auf dem Gizeh-Plateau (Ägypten) - ewigeweisheit.de

Komischer König Cheops

Alles fängt in Gizeh dabei an mit den Mutmaßungen von Archäologen. Was sie bisher aus den Tiefen der Unwissenheit an die Oberfläche der Wissenschaft befördern konnten, soll unser Ausgangspunkt sein. Denn was sie uns da an alt-ägyptischer Sachkunde zu vermitteln versuchen, ist so zäh und undurchdringbar, dass sich daraus schon fast die Fundamente für eine Theorie errichten lassen, die eigentlich gar nichts mehr mit den Pyramiden selbst zu tun haben. Alle Archäologen möchten mir diese fiese Unterstellung bitte vergeben.

Doch nicht nur dass es fantastisch viele Arbeiten von Archäologen über die Gizeh-Pyramiden in den vergangenen zwei Jahrhunderten gab: Mit den Forschungsergebnissen, die sowohl Wissenschaftler als auch Pseudowissenschaftler liefern, scheinen mittlerweile immer skurrilere Facetten von Annahmen einander die Stirn zu bieten.

Schon als man zuerst in Europa versuchte das Phänomen der Pyramiden zu erklären oder sie in Beziehung setzen wollte mit Personen und geschichtlichen Ereignissen, ging all das immer mit Grotesken einher.

Zu einem der aus meiner Warte absurdesten Bezüge, zählt dabei sicherlich die Namensgebung der höchsten der drei Großen Pyramiden, die den Namen »Cheops-Pyramide« trägt.

In einer Kammer dieses Bauwerks fand man Anfang des 19. Jahrhunderts Graffiti mit diesem Namen Cheops, eine moderne Form des Namens von Pharao Khufus, der vor mehr als viereinhalbtausend Jahren im Alten Reich Ägyptens regierte und heute offiziell als Erbauer der großen Pyramide von Gizeh gilt.

Man schlussfolgerte nun, er hätte mit diesem Monument sein Grab erbaut, nur weil man zufällig in dieser und jener Ecke, undatierte Gekritzel mit seinem Namen Cheops fand.

Der englische Ägyptologe Richard William Howard Vyse sprengte eine Bresche in die Südseite der Pyramide, da er davon ausging im Innern mehr zu finden. Ob seine Hauptmotivation dafür die Suche nach Goldschätzen war, sei einmal dahingestellt, denn Gold will er darin tatsächlich gefunden haben. Nur was darin sonst noch zum Vorschein kam, hätte seinem Ruf als Archäologen wohl kaum etwas gebracht, denn er wusste nicht wofür die darin zum Vorschein gekommenen Kammern eigentlich gedacht waren. Manche glauben darum, dass er selbst den Namen Cheops dort in den Stein kratzte, zumal die Hieroglyphen dafür anscheinend falsch geschrieben sind.

Selbst aber wenn, wie von Vyse angenommen, vor langer Zeit die Bauarbeiter die Graffiti mit dem Namen Cheops dort hinterließen, was sollte das bezwecken? Wollten sie sich daran erinnern, für wen sie eigentlich die Pyramide bauten?

Bis heute scheinen die Graffiti der eindeutige Beweis dafür zu sein, um logisch schlussfolgern zu können und um damit weitere Studien herzuleiten, die bis heute als Ausgangspunkt für weitere Forschungsansätze dienen, trotz das man nie einen Leichnam oder irgendwelche Grabbeigaben in den vollkommen versiegelten Pyramiden fand, die auch nur den Anschein eines Bezugs zu dem besagten König haben könnten, nennt sie die Wissenschaft weiterhin »Pyramide des Cheops«.

Die Marsianische Stadt

Über diese Informationen nachsinnend saß ich in meinem Flugzeug nach Kairo. Draußen war es bereits dunkel. Man sah dann aber wie wir uns allmählich der Metropole näherten. Das Bild dass sich uns da zeigte war wirklich fantastisch. Bald schien der gesamte Horizont in der Ferne von unzähligen Lichter und Laternen übersät zu flimmern, so weit das Auge reichte. Es schien als befänden wir uns im Landeanflug auf eine galaktische Stadt.

Die Abwicklung am Flughafen erfolgte unkompliziert und ich erhielt schnell mein Touristenvisum. Von dort nahm ich ein Taxi nach Gizeh, wo sich mein Hotel befand. Der Taxifahrer war ein freundlicher, hilfsbereiter, älterer Mann, der einen kleinen schwarzen Turban trug und in eine graublaue Galabea gekleidet war, dem typischen, arabischen Kleid mit Kapuze für Männer. Ziemlich archaisch, doch nicht ungewöhnlich für Kairo.

Er fragte mich in gebrochenem Englisch woher ich komme und nachdem ich ihm meine Herkunft verriet, lächelte er mich mit seinen verbliebenen Zähnen im Mund an und reichte mir die Hand. Ein Taxifahrer in Ägypten der Englisch kann. Irgendwie seltsam, denn mir war das seitdem nie wieder passiert.

Er bot mir gleich eine Zigarette an, doch ich lehnte dankend als Nichtraucher ab. Er zwinkerte und lächelte, während er mich dabei wissen ließ, dass in Ägypten ja sowieso alle rauchen, was sich in den kommenden Tagen für mich auch so bestätigte. Als Tabakabstinenzler waren ich und vielleicht andere Touristen in der Minderheit.

Oft war ich in Ägypten in den vergangenen Jahren. Ein wahrlich besonderes doch auch sonderbares Land, ein Ort der Begegnung afrikanischer, asiatischer und auch europäischer Kultur. Schließlich waren die alten Ptolemäer-Könige Griechen und Ägypten lange Zeit ein Weltzentrum der Gelehrsamkeit, allen voran wohl die nordägyptische Hafenstadt Alexandria.

Kairo, auf arabisch Al-Qahira, die heutige Hauptstadt des Landes, nennen die Ägypter die »Mutter aller Städte«. Dort nämlich soll mancher Meinung nach die erste städtische Zivilisation unseres Planeten entstanden sein. Ihren Namen aber erhielt die Stadt vom Planeten Mars, den die Ägypter »An-Najm Al-Qahir« nennen: den Stern der Eroberer. So ist Kairo also die »Stadt des Mars«. Als ich darüber zum ersten Mal laß, war ich schon ein wenig verdutzt.

Wer aber erbaute diese uralte Stadt nun wirklich?

Heiliger Berg Parnass in Mittelgriechenland - ewigeweisheit.de

Das Cydonia-Hochland auf der nördlichen Hemisphäre des Planeten Mars (Foto: NASA). Oben sieht man das berühmte Marsgesicht, südlich davon, hier unten im Bild, pyramidenförmige Felsen. Die Pyramide rechts unten hat eine ungefähre Breite von etwas mehr als drei Kilometern. Bei Ufologen der Moment, in dem die Alarmglocken läuten!

Sklavenarbeit in Hochpräzision?

Zumindest waren Kairos Erbauer wohl nicht jene, die sich angeblich am Bau der Pyramiden von Gizeh beteiligten. Die nämlich sollen einfache Sklaven gewesen sein.

Wie uns der griechische Geschichtsschreiber Diodor von Sizilien mitteilte, halfen 360.000 Mann beim Aufbau der Cheops-Pyramide. Angeblich errichteten sie riesige Erdwälle, auf denen dann die gigantischen Steinquader immer weiter nach oben zogen wurden, um sie an dem für sie vorgesehenen Platz zu positionieren.

Unter Peitschenhieben gequält, schoben die Männer angeblich diese monströsen Quader aus Stein, zentimetergenau in die gewünschte Lage, was zu Hunderten, mit striemigem Rücken, bei erbärmlich praller Hitze und brennendem Sonnenlicht, ganz akkurat durchgeführt werden musste.

Ich gebe zu, hier kamen mir gewiss die Bilder des in den Fünfzigern entstandenen Monumentalschinken »Sinuhe der Ägypter« von Michael Curtiz in den Sinn. Woran denken Sie, wenn es um 360.000 Sklaven geht die die Pyramide zu Ehren Cheops erbauen mussten? Wohl kaum etwas, dass sich nicht auch Diodor vorgestellt haben musste, denn alles was er dazu aufschrieb, entstammte seiner Phantasie, lebte der Mann doch mehr als 2.000 Jahre nach dem eigentlichen Bau der Pyramide!

Wusste Diodort aber noch etwas wovon wir nichts wissen und schwieg nur darüber?

Ich selbst begann zum ersten Mal zu zweifeln an der Sklavenarbeit, als ich erfuhr wo diese riesigen Steine vielleicht herkamen. Manche meinen nämlich man hätte sie aus dem »nahe gelegenen« Mukattam-Gebirge nach Gizeh gebracht. Schön und gut. Nur wie holte man die gigantischen Steine von 2.500 Kilogramm, damals aus mehr als 23 Kilometern Entfernung auf das Gizeh-Plateau? Zu Fuß benötigt man für so eine Strecke ungefähr vier oder fünf Stunden. Wie in aller Welt aber brachte man von diesen Zweieihalbtonnern ganze 2,3 Millionen Stück auf das Gizeh-Plateau und das »nur« für eine der drei großen Pyramiden?

Man ließ sich wohl viel Zeit. Sehr viel Zeit. Oder?

Selbst wenn man 500 Jahre lang jeden Tag damit zugebracht hätte, wären es täglich mehr als 30 Tonnen Gestein gewesen, die man aus 23 Kilometern Entfernung hätte ankarren müssen – auf das Gizeh-Gelände, durch Felsklüfte und Täler, entlang von Berghängen, zu Hunderten buckelnd an Seilen zerrend. Laut Diodor aber verlief der Bau der Pyramiden in gerade einmal 20 Jahren!

Doch selbst in dieser Zeit hätte man pro Minute einen dieser zweieinhalb Tonnen schweren Steinquader verbauen müssen, um in 20 Jahren das Bauwerk zu errichten. Das heißt also, alles musste 25 mal so schnell erfolgen wie eben dargestellt. Somit hätten die Sklaven täglich 750 Tonnen Gestein aus der Ferne anrücken müssen. Pro Mann hätten da also pro Minute im Schnitt etwa vier Tonnen Steinmasse bewegt werden müssen. Machbar? Niemals. Selbst wenn jeder der Sklaven einen eigenen Kran besessen hätte, wie sollte er damit pro Minute einen solchen Stein bis letztendlich auf fast 140 Meter Höhe anheben?

Man fand außerdem nie irgendwelche Werkzeugüberreste, die bei einem solchen Aufgebot an Arbeitern, wohl sicherlich irgendwo zurückgeblieben wären. Weder Hebe- noch Zugwerkzeuge wurden gefunden; und selbst heute, wenn man dazu neueste Technik verwendete, ist dieses Werk vom Bau der großen Pyramiden von Gizeh, nach den üblichen Vorstellungen einfach nicht zu machen.

Man muss sich vor Augen führen: Die jeweilige Neigung der vier Seiten der großen Pyramide beträgt 52 Grad, was einem Gefälle von 115% entspricht. Ohne entsprechende Rampen, hätten die Steine niemals durch Bauarbeiter an ihren Ort gebracht werden können. Doch das mit dem Vorschlag, dass dort Erdrampen aufgeschüttet wurden, ist eigentlich hinfällig, zumal das dafür benötigte Material noch größerer Mengen bedurft hätte.

Doch damit immer noch nicht genug. Denn die Steine waren ja nicht einfach nur lose Brocken die dort im Mukattam-Gebirge herumlagen. Man musste einen gesamten Berg abtragen, Stück für Stück, in exakt ausgeschnittenen Teilen, die hinterher in Gizeh auf ebenso unerklärliche Weise wieder zusammengesetzt wurden, dann aber als perfekt gestaltete Pyramide, die außerdem noch mit einer vollkommen glatten Schicht versiegelt war, so dass man sie wohl sicher bis an die Küste des Mittelmeeres und weit ins Landesinnere Alt-Ägyptens, im grellen Sonnenlicht glitzern sehen konnte.
 

Man kann viel über die Gizeh-Pyramiden in Büchern lesen und sich Fotos dazu ansehen; man kann nette Berichte im Fernsehen schauen und namhafte Wissenschaftler Powerpoints zeigen lassen. Wer aber schon einmal selbst vor den Pyramiden stand und über einigermaßen gesunden Menschenverstand verfügt, der wird wohl zweifellos zugeben müssen, dass es sich hier um eine Dimension der Wirklichkeit handelt, deren Ausmaße jenseits allen Urteils liegen.

Sternbilder Sirius und Orion

Auch wenn das Genannte eigentlich noch zu den absurderen Theorien zählt, ist für mich das Phänomen, dass die Pyramiden anscheinend einen kosmischen Bezug zu den Gestirnen aufweisen. Aber genau da liegt der Knackpunkt, der für manche eher unwissenschaftlich arbeitende Forscher eben auf der Tatsache basiert, dass nicht Menschen diese Bauwerke dort errichteten.

Wer aber dann? Waren es höher geartete Wesen einer Zivilisationen, aus einem anderen Sonnensystem? Oder etwa die Baumeister einer alten Menschheitszivilisation vom Mars?

Natürlich stelle ich diese Frage mit einem gewissen Stirnrunzeln. Doch angenommen es gab eine Zivilisation damals, die von, sagen wir, höher entwickelten Kreaturen beherrscht wurde, scheinen die Pyramiden für ihre Mitglieder zu einem wohl eher überweltlichen Zweck erbaut worden zu sein. Und überweltlich heißt hier, dass es Bauwerke sind die den Göttern geweiht einen Zweck erfüllen sollten. Doch mit welcher Absicht?

Eine Theorie besagt, dass es sich, bei den drei großen Pyramiden von Gizeh, um ein Abbild der Gürtelsterne Orions handelt. Denn die drei hellsten Sterne dieses astrologischen Zeichens stehen im verhältnismäßig selben Abstand zueinander wie eben die ägyptischen Pyramiden auf dem Gizeh-Plateau erbaut wurden. So wie die drei hellsten Sterne des Orion, befinden sich also auch die Pyramiden in Gizeh zueinander, wovon eine jedoch etwas versetzt zu den anderen beiden ist.

Selbst aber man erklärte damit die Anordnung der Form ihrer Platzierung im sogenannten Gizeh-Plateau, bleiben unzählige Fragen unbeantwortet. Dazu zählen sicherlich die verborgenen Schächte in der Cheops-Pyramiden, die sich Howard Vyse damals eben mal freibombte, denn eigentlich war das gesamte Gebäude vollkommen unzugänglich. Weder besaß es einen überirdischen noch einen unterirdischen Eingang, was im Übrigen auch für die anderen beiden Pyramiden gilt. Wegen ihrem Gefälle von 115% und ihrer glatten Oberfläche, konnte man auch nicht an ihnen hinaufsteigen. Damit waren die Pyramiden vollkommen abgeschlossene, unerklimmbare Monumente überirdischen Ausmaßes und damit allein auf ihre Funktion reduziert.

Da stellt sich erneut die Frage: Welchen Zweck erfüllten sie und welche Rolle spielten die großen Pyramiden von Gizeh für ihre Erbauer?

Heiliger Berg Parnass in Mittelgriechenland - ewigeweisheit.de

Eine Darstellung der sogenannten Orion-Korrelationstheorie (Bildquelle: Wikimedia CC BY-SA 3.0). Die Kanten der Pyramiden-Positionen in Gizeh wurden hier über die drei hellsten Sterne Orions gelegt, womit man zu einem recht beeindruckenden Zusammenhang zwischen Gizeh und dem Sternbild Orion kommen könnte. Alles nur Zufall?

Pyramiden in der Freimaurer-Symbolik

Der fehlende Schlussstein auf der Spitze der Cheops-Pyramide aber sollte in die Symbolik übergehen, die heute der Bruderschaft der Freimaurer zugeschrieben wird. Sie steht da für das unvollkommene das auf Vervollkommnung ebenso wartet und danach strebt, wie ein Neophyt der aufgenommen wurde in eine Loge. Und was waren die Logen? Es waren die Bauhütten jener weisen Architekten und Handwerker, die die heiligen Gebäude Europas errichteten, wie Klöster, Kirchen und Kapellen.

So wie diese sogenannten Gotteshäuser in Europa erbaut wurden, im selben Sinne sollen die Pyramiden ihren rein spirituellen Zweck erfüllt haben. Das man sie auch als Beerdigungsstätten vermutet, liegt wohl ganz einfach daran, dass die Ägypter einen ausgeprägten Totenkult pflegten, wo man etwa die Herrscher mumifizierte, damit ihre Seele nach dem Tod ihren Leib wieder beziehen konnte, um auf der Erde unter ihren einstigen Zeitgenossen fortzuleben.

Auch im Einweihungsritus der Freimaurer, spielt der Tod eine ganz zentrale Rolle.

Doch allein hierzu, zu diesem Thema der Auferstehung der Pharaonen nach ihrem Tod, wurden unzählige Bände verfasst, wo auch immer wieder Bezug genommen wird auf die eigentliche und ursprüngliche Funktion der Gizeh-Pyramiden.

Trotzdem bleiben diese Bauwerke ein Phänomen, auf das keine eindeutige Antwort gegeben werden kann. Zumindest nicht heute. Dass die verschiedenen Theorien die dazu im Umlauf sind, sich teils vehement widersprechen, zeigt, dass keiner so recht behaupten kann er wüsste über ihre wahre Bedeutung und wofür sie in Wirklichkeit errichtet wurden.

Die Tatsache dass es keine eindeutige Antwort für dieses Wie, Warum und Wofür dieser Monumente gibt, doch stattdessen unzählige Vermutungen, die sich oft auch widersprechen, scheint es umso mehr ein Bedürfnis zu sein, trotzdem nach Antworten zu suchen.

Gleichermaßen wissenschaftliche und pseudo-wissenschaftliche Forschungsergebnisse, regen die Phantasie weiter an. Beide machen für sich jeweils Sinn. Die universale Lösung des Pyramiden-Phänomens konnte bisher zumindest keiner liefern.

Wer aber schon einmal dort auf dem Gizeh-Plateau gestanden hat, dem scheinen sich manche Fragen wie von selbst zu beantworten – oder, anders ausgedrückt: So jemand erhält Antworten auf Fragen die er nie gestellt hat, doch ihn wie von innen heraus, tatsächlich bereichern. Schließlich wirkt die Symbolik hinter den Pyramiden weit hinein in die Urgeschichte unserer westlichen Kultur und ist damit etwas, dass einem tief liegenden Bewusstsein zu Grunde liegen dürfte.


 

Konya: Die Stadt der Tanzenden Derwische

Konya: Die Stadt der Tanzenden Derwische

Kuppel über dem Mausoleum Rumis in Konya

Mitten im zentral gelegenen Hochland von Anatolien befindet sich auf tausend Metern Höhe die Stadt Konya. Hier lebte im 13. Jahrhundert der große Mystiker und persische Dichter Dschallaledin Rumi. Wer ihn kennt der kennt auch die Drehenden Derwische in ihren weißen Gewändern, mit ihren hohen braunen Filzhüten. Schon lange tanzen sie da in Konya, in dieser Stadt inmitten der größten Steppe der Türkei.

Besucht man Konya mit dem Auto, dem Bus oder dem Zug, fährt man, ganz gleich aus welcher Richtung, eine ganze Weile durchs Nirgendwo, bevor man die Stadt erreicht. Weit und breit, so scheint's, gibt's nichts als trockene Erde, aus der sich, über ganz lang gezogene Hänge, weit gestreckte kahle Hügel erheben. Eine imposante Gegend, deren Böden sich in verschiedenen Farben zeigen.

Ich selbst fuhr mit dem Zug nach Konya. Meine Reise begann früh morgens in Yenice, einer kleinen Stadt in der Nähe von Tarsus. Von dort ging die Fahrt zuerst durch das schöne Taurus-Gebirge, von dem manche glauben, dass dort einst wilde Stiere lebten.

Das Herz der Seidenstraße

Konya ist schon sehr lange ein bedeutender Ort auf der Landkarte. Als sich einst die Karawanen entlang der Seidenstraße durch Anatolien bewegten, rasteten sie in Konya und trieben Handel dort. Im 13. Jahrhundert war es die Hauptstadt des Sultanats der Rum-Seldschuken. Schon sehr viel früher aber war dieser Ort besiedelt, wieso Konya sogar zu den ältesten Städten der Welt zählt. Hier nämlich leben Menschen seit bereits 6000 Jahren.

Das diese Region schon sehr früh bewohnt war zeigt auch das etwa vierzig Kilometer südöstlich der Stadt gelegene Çatalhöyük (gesprochen: »Tschatalhöyük«), jene sogenannte »Hügelgabelung«, in der Ende der 1950er Jahre Prähistoriker eine alte Siedlung aus der Jungsteinzeit entdeckten. Von allen heute durch Archäologen gefundenen Siedlungen, ist Çatalhöyük, mit seinen mehr als 9000 Jahre alten Gebäuderuinen, die älteste Siedlung der Welt. Die religiösen Kulte dieser Menschen reichen damit zurück bis in die Zeit des alten Matriarchats, dass in dieser Region noch Tausende Jahre lang bestehen sollte.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. dann siedelte in dieser Region das indogermanische Volk der Phryger. Ihre zentrale Gottheit war Kybele, die »Magna Mater«, die Große Muttergöttin. Letzte Stadt des alten Reichs der Phryger war Ikonion. Konya aber ist die jüngere Form dieses griechischen Namens.

Der Name Ikonion aber geht zurück auf das alt-griechische Wort »Eikon«, die Ikone. Und eine Ikone ist das Kultbild einer heiligen Person, die in diesem Falle da wohl irgendwo das Haupt der Medusa zeigte. Wer aber war die Medusa?

Vor der olympischen Zeit Alt-Griechenlands, das sich ja einst westlich und östlich der Ägäis befand, verkörperte das wunderschöne Mädchen Medusa die Göttin der Weisheit. Sie aber war auch eine Göttin der Unterwelt und ihr Haupt war den Jüngern des mythischen Dichters Orpheus heilig. Im Vollmond verehrten sie die Medusa, da sich ihm das Licht aus der Unterwelt spiegelt, durch die sich die ja »nächtliche Sonne« bewegt. Medusa aber bewachte das Reich der Gattin des Hades, Persephone, jenen Ort an den sich die Seelen der Verstorbenen, doch auch jener hinbegeben, die vom Tod schon kosten durften, um schließlich als Eingeweihte fortzuleben.

In olympischer Zeit dann aber sollte der griechische Held Perseus das Leben der Medusa beenden, denn ihr Blick war tödlich und wer ihr in die Augen sah, erstarrte zu Stein. Perseus hatte ihr darum »den Spiegel vorgehalten« worin sie sich selbst erblickte und erstarrte. Die olympische Weisheitsgöttin Athene aber beneidete Medusa um ihre Weisheit und jener Spiegel des Perseus war eigentlich das Schutzschild der Athene.

Die psychologische Deutung des Medusa-Mythos ist wohl ein Hinweis darauf, dass die Weisheit über den reinen Intellekt siegt. Sie lässt ihn erschaudern und bringt die Münder der Intellektuellen zum Schweigen. Medusas Blick lässt erstarren, wenn auch nur die Lippen.

Die Weisheit der Sufis und Derwische

Die Hochebene Konyas war immer schon ein Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und der Begegnungen. Ob Menschen aus dem Osten kamen oder aus dem Westen: Wer durch Zentralanatolien reiste, kam auch durch Konya. Manche waren nur Besucher, andere blieben dort. Und das sieht man den Menschen auch heute noch an, denn man begegnet dort einer Vielzahl verschiedener Ethnien und Menschentypen. Manche sind Nachfahren von Griechen, andere haben arabische Vorfahren. Menschen mit blauen Augen trifft man da, wie ebenso welche mit asiatischen Zügen.

Die alten Verwandten der Menschen dieser Stadt scheinen von überall her gekommen zu sein. Unter ihnen war auch jener Derwisch den man den Griechen nannte, auf türkisch »Rum«. Daher sein Name Rumi. In der Türkei ist aber die Rede von »unserem Meister«: Mevlana – einem Menschen der wahrliche Meisterschaft über sein Leben errungen hat, ein Adept, würde man vielleicht auch sagen.

Ursprünglich aber stammte Dschalaladdin Rumi aus dem alten Land von Chorasan, das sich damals weit erstreckte über die Grenzen des heutigen Iran, Afghanistans und Turkmenistans. In Balch, der »Stadt des Goldenen Pferdes«, erblickte der kleine Dschalaladdin im Jahre 1207 das Licht der Welt.

Als er zwölf Jahre alt war musste er mit seinen Eltern fluchtartig Balch verlassen, denn aus dem Osten kamen die gefürchteten Reiterheere Dschingis Khans immer näher. Auf ihrer Reise trafen sie in Nischapur (Stadt im Iran) den Sufi-Heiligen Fariduddin Attar, der schon damals die Größe Rumis erkannte. Attar war der Verfasser eines berühmten Buches mit dem Titel »Das Parlament der Vögel«. Er schildert darin die ungewöhnliche Reise eines Vogelschwarmes, angeführt von einem Wiedehopf. Die Vögel bewegten sich durch die »sieben Täler der Liebe«, auf der Suche nach dem Göttervogel Simourgh.

Für den jungen Dschalaladdin sollte die Begegnung mit Attar von großer Bedeutung sein, der, wenn man so will, ganz und gar das spätere Schaffen des Dichters Rumi inspirieren sollte.

Steppe von Konya - ewigeweisheit.de

Die Steppe von Konya in Zentralanatolien

Auf dieser gefährlichen Reise aber verlor der junge Dschalaladdin seine Mutter und seinen Bruder. Er und sein Vater Bahaudin kamen nach Konya im Jahre 1228. Er sollte dort der Leiter einer großen Schule werden. Später erbte Rumi von ihm diese ehrenhafte Aufgabe.

Im alten Persien waren die Sufis meist große Gelehrte. Möglicherweise bereits vor der Islamisierung bewegten sie sich als Botschafter eines neuen Geisteslebens zwischen den Städten des mittleren Orients, lehrten später an den Universitäten und den Höfen der Herrscher und Sultane. Sie waren Männer und Frauen die von Mund zu Ohr die alten Weisheiten aus Ost und West bewahrten.

Der sonderbare Mann im Secondhand-Laden

Etwa sieben Stunden verbrachte ich im Zug und staunte, wie sich die Ausblicke immer wieder wandelten. Es war eine wahrlich inspirierende Fahrt nach Konya, durch verschiedene Vegetationszonen. Als ich dann am Nachmittag ankam fuhr ich vom Bahnhof mit dem Taxi in mein Hotel in der Altstadt von Konya.

Unzählige sehenswerte Orte gibt es in der Stadt. Den Besuch des Mausoleums Rumis legte ich auf den kommenden Morgen.

Seit Rumis Lebzeiten ist das Mevlana-Museum Konyas, worin sich das Mausoleum Rumis befindet, wie auch die Loge der Mevlevi-Derwische, ein wichtiger islamischer Wallfahrtsort der Türkei. Zu Zeiten des Osmanischen Reichs fügte man diesem Bau darum weitere Gebäude hinzu und setzte ältere in Stand. Den Vorhof zu diesem Bau umsäumen 18 Klausen, worin einst die Derwische des Ordens lebten. In diesen Räumen findet man heute gut illustriert und Beschrieben, wichtige Exponate aus der Frühzeit des Mevlevi-Ordens.

Den gesamten Gebäudekomplex nennt man Tekke (auch: Dargah, »der Rückzugsort«). Hier fanden die Dhikr-Zeremonien der Mevlevi-Derwische statt, wo man gemeinsam im Kreise repetitiv die Heiligen Namen Allahs rezitiert. Der Hauptraum einer Tekke wird darum Dhikrhane oder auch Semahane genannt. In letzterer Beititelung klingt das Wort »Sema« an, das für den typischen Drehtanz der Mevlevi-Derwische steht, in dem sie durch kreisende Bewegungen in Ekstase geraten und dabei, himmlische Segnungen empfangend, diese an die zuschauenden Anwesenden übertragen. Doch das ist die eher oberflächliche Betrachtung dessen, was während dieser Zeremonie sonst noch alles stattfindet.

Ince-Minareli-Medrese - ewigeweisheit.de

Das berühmte Tor der Ince-Minareli-Medrese: Ein Meisterwerk der Steinmetzkunst.

Nachdem ich mir jedenfalls dort in der Tekke der Mevlevis alles angesehen hatte, wollte ich noch zur Ince-Minareli-Medrese, einer alten Schule hinter dem Alaadin-Hügel-Park. Vom Mevlana Mausoleum läuft man dort in etwa zwanzig Minuten hin. Das Portal dieses Gebäudes nämlich gehört zu den schönsten Toren die ich je sehen sollte.

Bevor ich aber dorthin laufen wollte, holte ich mir in einer der Bäckereien noch ein Simit, diese typischen türkischen Hefeteigringe mit Sesam. Den Bäcker aber fragte ich ob man hier in der Nähe auch mal ins Gespräch kommen könne mit einem richtigen Derwisch, in der Hoffnung das er vielleicht selbst einer wäre. Da deutete er in Richtung Selimiye-Moschee. Dahinter befände sich ein Secondhand-Laden, wo ein redseliger Mann gerne über die Derwische erzähle. Einer der Lehrlinge des Bäckers, der mir gerade mein Simit eintütete, warf seinem Meister einen heimlichen Blick zu, so als wüsste der genau, was er mir da in Wirklichkeit gerade empfohlen hatte. Das aber machte mich nur neugieriger.

In einem kleinen Gässchen, nicht all zu weit von dem Mausoleum Rumis entfernt, befand sich ein außergewöhnliches Geschäft mit allerlei kleinen Gegenständen. Jesusstatuen befanden sich dort neben kleinen Buddhas, kleine Koranbüchlein standen in einem alten hölzernen, verglasten Schrank wo man auch Ney-Flöten liegen sah, Rosenkränze in allen Farben und Formen, Bilder Rumis und anderer Sufis und kleine weiße Plastik-Derwische.

Der Mann der dort arbeitete begrüßte mich freundlich als er mich sah und fragte wie er mir weiterhelfen könne.

Als ich ihn auf Sufismus und Esoterik ansprach, schien mir als hätte er nun ein »Opfer« gefunden. Er hielt mir gleich die Hand hin, stellte sich mir vor als Aslan (der türkische Name bedeutet wörtlich: »Löwe«), fragte mich nach meinem Namen und bat mich an einem winzigen, vollgekramten Tisch, mitten zwischen Bücheregalen in der Ecke des Raumes Platz zu nehmen. Um den Tisch standen drei hölzerne Stühle mit bunten Kissen und ein Sessel.

Schon stand da ein Glas mit Tee vor mir. Er warf mir einfach drei Zuckerwürfel rein, nahm seine Ney-Flöte und begann darauf sogleich mit pathetischer Gebärde eine Melodie zu blasen. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber die Situation war mir irgendwie peinlich. Dennoch fragte ich ihn nach seiner kurzen Einlage über die Bedeutung des Instruments. Aslan versicherte mir zuerst, dass er selbst kein Sufi wäre, sich aber trotzdem für Sufismus und Derwischtum interessiere. Dann setzte er sich mir gegenüber, blickte mich mit seinen großen Kulleraugen an und erzählte weiter:

Die Rohrflöte ist wie ein Mensch.

Dann machte er eine etwas längere Pause, wahrscheinlich um den Moment abzupassen bis ich stutzig wurde. Dann setzte er an zu seinem eigentlichen Vortrag:

Nur der Mensch wurde in Gottes Angesicht geschaffen. Gott gab dem Menschen eine Seele, damit er etwas von ihm habe, das gleich mit ihm ist. Damit hat der Mensch etwas, das nicht von dieser Welt ist, jedoch übernatürlich und göttlich.

Diese Geistseele formt das wahre Selbst eines Menschen. Doch sie kam in diese Welt aus anderen Welten, jenseits allen irdischen Daseins.

Nun senkte Aslan seine Stimme und neigte sich etwas zu mir vor, so als ob er wolle dass ich ihn besser verstehen kann:

Manche sagen die Seelen käme vom Stern Sirius auf die Erde, zumindest wird so etwas Ähnliches in der 53. Koran-Sure »Der Stern« angedeutet. Und jene Seele bekleidet sich dann mit der Erscheinung eines menschlichen Körpers.

Tekke der Mevlevi-Derwische mit dem Mausoleum Rumis - ewigeweisheit.de

Moschee und Tekke der Bruderschaft der Mevlevi-Derwische in Konya. Über dem Mausoleum Rumis erhebt sich die türkisfarben gekachelte Kuppel - heutiges Wahrzeichen der Stadt Konya.

Danach setzte er sich in seinen mit Wolldecken eingemummelten Sessel, lehnte sich zurück und nahm sein kleines Glas Tee in die Hand führte es bedächtig an seine Lippen, blies kurz darüber, um dann einen Schluck daraus zu nehmen. Er schaute mich dabei an, so als erwartete er von mir eine Frage.

Ich fragte mich, ob er das jetzt nur mir erzählte oder ob er bereits so eine Art Programm einstudiert hatte. Dennoch aber fand ich interessant was er da sprach, war es doch etwas worüber ich auch schon las.

Doch da sich diese Geistseele auf der Erde eigentlich an einem fremden Ort aufhält, sehnt sie sich nach ihrer wahren Heimat

meinte Aslan und fügte mit besonderer Betonung hinzu, dass ein Mensch, der noch nicht aus seinem Alltagsschlaf erwacht sei, sich noch mit seinem Körper identifiziere und darum der manifesten Welt um ihn herum anhafte.

Wenn sich nun aber so einer danach sehnt weltliche Güter zu besitzen, eine besondere Stellung in der Gesellschaft zu haben, Ansehen, Ruhm und Macht zu genießen, wird er dennoch eines Tages merken, dass das wonach er sich sehnt nichts Weltliches kompensieren kann. Dann aber beginnt ihn das Geistselbst so fest zu umschlingen, dass er unweigerlich zu jammern beginnt. Und für diese Traurigkeit steht bei den Mevlana-Derwischen der wimmernde Klang der Rohrflöte.

Aslan lehnte sich wieder zurück, griff nach seiner Rohrflöte und spielte mir darauf noch eine dieser durch und durch melancholischen Melodien vor.

Dann erzählte er mir, dass das Schneiden der Röhrichts aus dem Schilfmeer dem gleiche, was mit der Seele passiert, wenn sie ihren eigentlichen Ursprung im Meer des Göttlichen verlässt.

Denn so wie das Schilfbett die Heimat für das Rohr der Flöte bildet, so ist der Himmel die Heimat der menschlichen Seele.

Wenn nun der Derwisch auf der Ney-Flöte spielt, kommt das dabei zum Ausdruck. Das Innere des Rohrs ist eigentlich leer. Nur der Atem der dort hindurchgeht, da hineingeblasen wird, lässt den so charakteristischen Klang der Rohrflöte erklingen und erwckt sie damit quasi zum Leben. Und während man an der einen Öffnung der Rohrflöte die hauchende Klage vernehmen kann, bildet die andere Öffnung das Mundstück an den Lippen des Flötenspielers. Wäre dieser aber ein Sufi der eingeweiht ist in das Mysterium von Leben und Sterben, der wüsste um den Grund dieser Trennung der Seele aus dem Göttlichen und fände damit auch den Weg zur Rückkehr in seine wahre Heimat. Spielte so einer auf der Ney, so ertönte daraus wohl der Klang Gottes.

Aslan blickte mich mit seinen leuchtenden Augen eindringlich an, womit er mich etwas verunsicherte. Doch dann stand er auf und hob den Zeigefinger, um anzudeuten dass er da etwas habe, was Rumi dazu schrieb. Aus Mitten eines riesigen Stapels Papier zog er ein einzelnes Blatt, von dem er mir aus einem Gedicht Rumis vorlas.

Hör auf der Flöte Rohr – wie es erzählt, und wie es klagt
Vom Trennungsschmerz gequält:
Seit man mich aus der Heimat Röhricht schnitt,
Weint alle Welt bei meinen Tönen mit.

Ich suche ein Herz, vom Trennungsleid zerschlagen,
Um von der Trennung Leiden ihm zu sagen.
Sehnt doch nach dem in Einheit Lebensglück
Wer fern vom Ursprung, immer sich zurück.

Ich klagt’ vor jeder Gruppe in der Welt,
Ward Guten bald und Schlechten bald gesellt.
Ein jeder dünkte sich mein Freund zu sein,
Sucht mein Geheimnis nicht im Herzen mein.

Und doch, so fern ist’s meiner Klage nicht,
Dem Ohr und Auge fehlet nur das Licht.
So sind auch Leib und Geist einander klar.
Doch welchem Auge stellt der Geist sich dar?

- Aus dem Lied der Rohrflöte von Dschalaleddin Rumi (die hier verwendete Übersetzung aber stammt von Annemarie Schimmel)

Symbole von Leben und Sterben

Alles was die Derwische in ihrem besonderen Ritus tun, sagte Aslan, sei genau strukturiert. Jeder Teil ihrer Kleidung, der Gewänder und der besondere Filzhut ist alles von esoterischer Bedeutung. Es sind Symbole für das menschliche Sterben – für aber ein Sterben vor dem eigentlichen Sterben!

Natürlich liegt in den Bewegungen der Mevlevi-Derwische ein tieferes Geheimnis. Die nach oben geöffnete Hand empfängt die himmlischen Einflüsse und die nach unten weisende, sendet diese Segnungen an die Anwesenden. Der schwarze Umhang aber ist das Leichentuch des Ego, der Filzhut ist sein Grabstein.

In dieser Symbolik erkennt einer unweigerlich den initiatorischen Charakter der den Ritus der Mevlevi-Derwische unter allen Sufi-Orden einzigartig macht.

Das Dervishane-Tor - ewigeweisheit.de

Das Dervishane-Tor: Eingang der Mevlevi-Sufis in ihre Tekke.

War Goethe ein Derwisch?

Abends las ich noch über islamische Mystik im Internet und fand dabei zu Johann Wolfgang von Goethe. In seiner wohl umfangreichsten Gedichtsammlung, dem »West-Östlichen Diwan«, dichtete Goethe aus Perspektive eines Muslim. In einigen der darin enthaltenen Verse spricht er etwas an, worauf auch die Symbolik im Ritus der Mevlevi-Derwische hindeutet, nämlich auf das Leben und Sterben eines jeden von uns:

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Goethes hierin zitierte »Stirb und werde!« spielt wohl auch darauf an, was der Prophet Mohammed (as) in einer ihm zugesprochenen Überlieferung einst sagte: »Stirb bevor du stirbst«.

Einweihung in die Mysterien hat nichts mit dem Verraten von Geheimnissen zu tun, wie viele meinen. Es ist stattdessen die Vorwegnahme der Todeserfahrung. Wenn Goethe schreibt »Bist Du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde«, meint er damit all jene, die wie in geistiger Umnachtung sich Tag für Tag durchs Dunkel ihrer Unwissenheit schleppen, so als würden sie wachend schlafen und sich allein von den Triebkräften ihres Egos gesteuert durch die Welt bewegen.

»Komm nach Konya, wer immer du bist«

In Rumis Weisheit, aus der wir in seinen Schriften erfahren, darunter das Mathnawi und der Diwan-e-Schams, geht es immer wieder darum das Ego zu überwinden. Es ist ein Kampf den jeder Mensch nicht im Außen sondern in sich austragen muss, ein Kampf gegen das Böse im Herzen der eigenen Seele.

Nur in der Überwindung des Ich, kann einer, so Rumi, in seinem Herzen Göttlichkeit erblühen lassen. Wem damit gelingt die eigene Seele zum Sterben zu bringen, bevor er stirbt, der wird die höchste Stufe eines Liebenden erlangen. Und das ist wofür der Mensch eigentlich erschaffen wurde.

Es gilt die Schwächen eines auf das Diesseits gerichtete Dasein zu überwinden. Wem das gelingt, der wird die Menschen in seinem Umfeld selbstverständlich so nehmen wie sie sind und einer sein den man liebt für seine Liebe.

All jene die zum ersten Mal nach Konya kommen, und dabei noch unvollständig sind, so Rumi, verlassen die Stadt um dabei vollständig zu werden, ganz gleich was ihnen auch immer gefehlt haben mag. Ich muss sagen, dass das auf mich wirklich zutraf. Denn nach dieser Zeit hatte sich etwas in meinem Leben ganz grundsätzlich verändert.

Die Drehenden Derwische in Konya - ewigeweisheit.de

Die Drehenden Derwische in Konya

Auch wenn das »nur« ein Zufall war, bin ich dennoch dankbar für diese Wende in meinem Leben, auch wenn ich noch immer daran arbeite. Veränderung ist eben mit Aufwand verbunden und manchmal auch mit Schmerz. Was man da braucht ist Geduld – viel Geduld.

Das Rumi aber erst einmal selbst diesen Weg gehen musste, darauf kommt man schnell wenn man sich mit seinem Werk befasst. Besonders die abrupte Trennung von seinem so sehr geliebten Lehrer Schemseddin stürzte Rumi in eine tiefe Krise. Was er durch die Überwindung dessen aber vollbringen sollte, das ist was uns bis heute so wertvoll erhalten geblieben ist. Kein Wunder wenn Rumi zum Beispiel bis heute der meist zitierte Poet in den Vereinigten Staaten ist.

Rumis Liebe war universal und galt Jedem, ganz gleich woher er stammte. Drum kamen zu seiner Beerdigung Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, jeglicher kulturellen Herkunft oder Religion. Darunter waren Sultane, Emire, doch ebenso ungebildete Menschen. Auch Rabbiner kamen, Imame und Christen-Priester, Heiden und die Gelehrten der großen Medressen (Schulen). Darum wohl finden sich in Rumis Mausoleum diese so oft zitierten Verse:

Komm, komm, wer immer du bist,
Wanderer, Götzenanbeter,
du, der du den Abschied liebst,
es spielt keine Rolle.

Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.
Komm, auch wenn du deinen Schwur
tausendfach gebrochen hast.
Komm, komm, noch einmal, komm!

 

Reise nach Avalon

Reise nach Avalon

Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Ich saß gerade in der großen Buchhandlung in der Friedrichstraße, unweit von Unter den Linden. Zwei Frauen in bunten Gewändern unterhielten sich neben mir. Ein etwas ungewöhnliches Bild. Dann fiel da der Name Avalon. Ich dachte gleich an den Zauberer Merlin, den alten Druiden und Ratgeber des legendären König Artus.

Zuerst hatte ich, wie wohl auch viele andere, als Junge von dem sonderbaren Zauberer und seiner geheimnisvollen Insel gehört. In einem verborgenen Hain dort, wuchs Merlins magischer Apfelbaum, auf eben dieser Insel des Lichts, einem Hort der Unsterblichen.

Kein Wunder dass es schonmal vorkommt, dass jemand auf den Landkarten danach sucht, wenn es doch eine so wundervolle Stelle auf dem Globus gibt, wo man sich der Unvergänglichkeit erfreut. Diese Insel aber trägt den Namen Avalon. Immer schon auch ein Ort der Feen und Priesterinnen, ein überweltlicher Bereich der weiblichen Spiritualität.

Wo aber befindet sich diese mythische Insel heute und wo befand sie sich einst? Ist Avalon eine Gegend im Jenseits oder ist es wirklich eine Insel auf unserer Erde, in einer schwer zugänglichen Region?

Chalice Well Gardens Glastonbury - ewigeweisheit.de

In den Chalice Well Gardens im südenglischen Glastonbury.

Wenn man die Sagen um Morgan Le Fay, König Artus und Merlin liest, scheint sich Avalon sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu befinden.

In unserer Welt aber beansprucht der englische Ort Glastonbury für sich, jene Insel Avalon zu sein. Doch auch wenn es um den wundersamen Heiligen Gral geht, kommt man nicht umhin sich mit Glastonbury zu beschäftigen, dieser kleinen Stadt in der englischen Grafschaft Somerset.

Das Beltane-Fest

Schon einen Tag darauf saß ich in der Staatsbibliothek zu Berlin und schlug dort neue Bücher auf, worin ich fand dass Glastonbury in der Tat ein Ort ist, wo einst alter Paganismus auf die neue Religion der Christenheit traf - zwei spirituelle Strömungen, die sich dort auch auf ganz wundersame Weise vermischen sollten. Darum auch umwehen diese südenglische Kleinstadt unglaublich viele alte, doch auch neue Legenden.

Es war etwa Anfang April, als ich in der Staatsbibliothek über den arthurischen Gral, Druidentum und paganische Kulte im alten Europa recherchierte. Wie ich da herausfand, sollten sich in etwa vier Wochen in Glastonbury die alljährlichen Festlichkeiten zu Beltane ereignen, jener heiligen Nacht im Heidentum, der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai. Noch am selben Tag buchte ich meinen Flug nach Bristol. Ich konnte kaum erwarten nach Glastonbury zu kommen.

Druidenfeuer und Hexentanz

Beltane ist das Fest des hellen Feuers, das man überall im Kult der Druiden in dieser heiligen Nacht entzündet. In alter Zeit glaubte man, dass sich in dieser Nacht die Bewohner der Unterwelt zeigten und einem jeden der ihnen begegnet ein Weistum anvertrauen, was in Büchern kaum zu finden ist.

Für die alten Kelten begann an Beltane der Sommer und damit ein neues Jahr. Die keltische Priesterschaft der Druiden entzündete da des Nachts riesige Holzscheite, um deren Feuer man ekstatisch tanzte. Wohl kein Zufall das mancherorts auch heute noch Leute in der Nacht vom 30. April große Holzscheite in Flammen setzen und woanders »in den Mai tanzen«.

Wie ich allerdings erfuhr wurden diese Festlichkeiten in Glastonbury auf eine ganz intensive Weise begangen, was man nicht mit den Feierlichkeiten in anderen europäischen Städten vergleichen kann. Was dort nämlich in der Walpurgisnacht, an Beltane gefeiert wird, spielt sich irgendwo ab zwischen Euphorie und Wahn – und das in einer so kleinen Stadt von gerade einmal 9000 Einwohnern. In Deutschland gab es dazu mal den Heiligenberg am Neckar oder den Brocken im Harz.

Chalice Well Brunnen Glastonbury - ewigeweisheit.de

Der Brunnen Chalice Well in Glastonbury. Hier soll sich in verborgener Tiefe ein sakrales Gefäß befinden, dass man im Westen den Heiligen Gral nennt.

Am Brunnen Chalice Well

Als mein Flugzeug in Bristol gelandet war und ich damals zum ersten Mal meine Füße auf englischen Boden setzte, stieg eine eigenartige Vertrautheit in mir auf, die mich wissen ließ: Das ist ein guter Ort.

Mit meinem Mietwagen fuhr ich vom etwa 40 km entfernten Flughafen zum ersten Mal im Linksverkehr. Da dachte ich mir »hätte ich doch vielleicht besser ein Taxi genommen.« Doch schon nach etwa drei Kilometer begann sich alles immer vertrauter anzufühlen und ich sauste über die teils moosbewachsenen, engen Straßen Somersets.

Also kam ich schließlich an, dort im hübschen Städtchen Glastonbury. Ich hatte mich eingemietet in einem kleinen Landhaus. Von meinem Fenster aus konnte ich den magischen Turm auf dem Glastonbury Tor sehen. Unweit von dort befand sich auch ein schöner alter Brunnen.

Meine freundliche Gastgeberin lud mich ein zu einem Glas Tee und da lernte ich auch meine Zimmernachbarin kennen: Françoise aus Toulouse. Sie hatte schon viel über die Geschichte des Ortes gelesen und interessierte sich wie wohl fast alle Touristen hier, für alternative Themen der Heilkunde und Spiritualität.

Sie war schon einmal hier, ein Jahr zuvor, doch leider nur ein Wochenende. Diesmal hatte sie aber mehr Zeit mitgebracht, wie sie meinte, um auch die umliegenden Orte besuchen zu können. Françoise hatte große grüne Augen und blickte mich damit an, als sie mir versicherte dass in Glastonbury einfach alles miteinander vernetzt sei und, das wenn man an einem Ort begänne, bald schon zur nächsten interessanten Stätte eile, da sich dort mitunter das Rätsel einer begonnenen Geschichte auf wunderbare Weise löst. So ist das eben mit mythenbehafteten Orten in Glastonbury: Sie nehmen kein Ende.

Auch wollte sie sich einen Tag Zeit nehmen, um hier einen der drei esoterischen Buchhandlungen zu besuchen. Für einen kleinen Ort wie Glastonbury eine verblüffen hohe Dichte an »Spiritual Bookshops«.

Glastonbury ist voller solcher Läden und ähnlicher Seminarzentren, wo man ungewöhnliche Dinge lernt, wo man besonderen Schmuck, Kräuter, besondere Düfte und noch so einiges mehr kaufen kann, wo einem Wahrsagerinnen die Zukunft voraussagen wollen und man dort in den Genuss von allerlei alternativer Wellness kommt.

Besonders auch die Räumlichkeiten des Chalice Well Trust, einem esoterischen Zentrum direkt umgeben von den Chalice Well Gardens, bieten regelmäßige Veranstaltungen zu Meditation, alternativen Heilmethoden, zu den Jahreszeitlichen Festen wie Tagundnachtgleiche und Sonnenwende, doch auch mit vielen anderen interessanten Inhalten. Außerdem befindet sich hier der ehrwürdige Brunnen Chalice Well mit seinem wunderschön verzierten Deckel (siehe Bild).

Blick auf den Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Blick auf den Glastonbury Tor. Das ganze Jahr über umgeben ihn grüne Wiesen.

Muttergöttin Erde

Glastonbury ist durchtränkt von einer sehr alten, scheinbar durch und durch keltisch geprägten Kultur, die ihre Gottesvorstellungen nicht unerreichbar in den Himmel verfrachtete, sondern eine ganz greifbare, fast einen ganz eigenen Geschmack besaß, den jene Priesterinnen ihren Bewunderern und Anhängern sprichwörtlich zu kosten gaben. Man kann hier auch von einem Kult um die alte Erdgöttin sprechen, die als Lebensspenderin den Menschen Gesundheit gab und Weisheit vermittelte – nun ja, es eigentlich auch heute noch tut.

Es ist auf jeden Fall das, was im frühen Druidentum zu höchster Entfaltung kommen sollte, doch irgendwann das Christentum ablöste.

In Glastonbury aber scheint sich mancherorts seit alter Zeit nichts verändert zu haben. Eher versucht man dort Druidentum und esoterisches Christentum auch heute noch gekonnt miteinander zu verbinden. Was die Muttergöttin im alten Keltentum bedeutete, das Selbe glaubt man zu erkennen in der christlichen Gottesmutter Maria.

Das wohl ist eines der wichtigen Augenmerke, wieso sich dieser alte Kult des keltischen Druidentums, bis heute als das erhalten hat, wofür so viele Menschen wieder Feuer und Flamme geworden sind.

Arkane Kräfte im Grund

Von meiner Nachbarin Françoise hatte ich außerdem erfahren, wie wichtig Glastonbury für spirituell gesinnte Menschen ist. Hier nämlich sollen in der Erde zwei Hauptkraftlinien verlaufen, die sich auf dem nahegelegenen Erdhügel in Form eines Labyrinths in einander verquirlen. Und dieser Hügel, der dort von einem Turm gekrönt aufragt, den nennt man den Glastonbury Tor.

Das Wort »Tor«, hatte mir Françoise bestätigt, kommt vom keltischen »Twr Avallach«, dem Erdberg, womit auch der Name Avalon verwandt ist. Wir werden aber noch sehen, was es damit sonst noch auf sich hat.

Direkt auf dem Gipfel des Glastonbury Tor nun, verlaufen wie gesagt zwei unterirdische Energielinien: Die sogenannte St-Michael-Linie und die Marien-Linie – ein männlicher Erdkraftstrom und ein weiblicher. Man spricht hier auch von den sogenannten »Ley-Linien«. Die ziehen sich entlang einer hunderte Kilometer langen Linie vom südwestlichen Cornwall bis nach Norfolk. Manche glauben gar sie verliefen noch weiter westlich im Meeresgrund, unter den heiligen Stätten des versunkenen Atlantis. Unzählige heilige Monumente liegen darauf, die von den Marien- und St-Michaels-Linien umwunden werden. In Glastonbury verdichten sich diese Kräfte unter dem Wearyall Hill, dem Tor, sowie der Abbey, der einstigen Kathedrale von Glastonbury.

Der Glastonbury Tor ist ein großer Kraftort. Wer schon einmal auf ihn stieg und von dort ins weit umläufige Gebirge geschaut hat, der spürt unweigerlich eine Art Vitalität, die dort echt aus dem Boden aufströmt. Feinfühlige Menschen empfinden da eine große magnetische Kraft, die sich aus dem Erdinnern gen Himmel öffnet. Ein anderer, nicht weit davon entfernter, sogenannter Kraftort, ist wo die beiden tausendjährigen Eichen stehen, denen man einst, in nachkeltischer Zeit, die Namen »Gog und Magog« gab.

Die saftig grünen Wiesen auf jeden Fall, die auch den Hügel des Glastonbury Tor bedecken, tragen ihren Teil zu dem bemerkenswerten Eindruck bei. In der wärmeren Jahreszeit sieht man hier auch kleine Herden weißer Schafe und es kommt schon einmal vor, dass sich einem ein solches, dort ja freilaufendes Tier, einfach für einen Spaziergang anschließt. Mir auf jeden Fall war das passiert. Ein kleiner Widder folgte mir. Nicht das er etwa auf irgend etwas Schmackhaftes hoffte. Ich weiß wirklich nicht was er an mir fand. Er lief mir einfach hinterher und blieb stehen, wenn ich mich nach ihm umdrehte. Irgendwie ulkig, doch gleichzeitig auch unheimlich.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Eine der beiden uralten Eichen Gog und Magog, etwa nordwestlich des Glastonbury Tor. Wen man hinter dem Gipfel des Hügels, etwa 400 m einem kleinen Weg (Stone Down Lane) folgt und die erste Abzweigung nach links nimmt, findet man sie dort.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Außer Rand und Band

Glastonbury ist wirklich klein, denn als ich mich abends in den wohl einzigen Pub begab, um dort den Klängen eines Konzerts zu lauschen, traf ich dort zufällig auch Françoise. In unserer Unterhaltung sprachen wir natürlich über Glastonbury. Sie hielt diese Stadt für einen der wichtigsten Orte in Europa, von wo aus das einstige Matriarchat der Neuzeit und auch ein neues Heidentum, noch einmal in den schönsten Farben zu blühen beginnen sollten.

Man konnte tatsächlich diesen Eindruck gewinnen, wenn man durch die kleine schöne High Street in Glastonbury spazierte, wo einem da und dort Hexen und weiß gekleidete, goldbehangene Druidinnen begegnen. In dieser Straße passiert man auch eine anglikanische Kirche, in deren Vorhof sich ein Labyrinth befindet, jener Form deren Ursprünge aus der sehr alten minoischen Kultur Griechenlands stammen, wo der Stier in der Zeit vom Übergang zwischen Matriarchat und Patriarchat, eine zentrale Symbolfigur gewesen war.

Dieser Ort in Somerset zeigt sich darum in einem wahrhaft seltsamen Zusammenspiel aus vielen uralten Kulten. Auf ganz kuriose Weise finden hier einander Druidentum, moderne Gesellschaft und christliches Gralsmysterium. Eben auch die alte Legende von dem heiligen Trinkbecher des Letzten Abendmahls Christi, hat in Glastonbury einen wichtigen Stellenwert.

In Glastonbury scheinen die Kräfte des Himmlischen und des Irdischen auf faszinierende Weise zusammenzulaufen und sich dort an den heiligen Stätten zu verbinden. Und nicht nur theoretisch. Man braucht sich nur zu Walpurgisnacht auf den Glastonbury Tor begeben, an dessen Hängen sich ja zwei heilige Quellen befinden – eine rote und eine weiße, eine »blutige« und eine »silbrige« – so zumindest scheinen es die sichtbaren Öffnungen der beiden Brunnen zu suggerieren. Denn aus der einen Quelle fließt anscheinend eher eisenhaltiges Wasser (Red Spring), wodurch ihr Lauf rot-orange gefärbt ist, während die andere Quelle eher silbrige Farben zeigt (White Spring).

Während meines Besuchs in Glastonbury, waren in der Beltane-Nacht an den Quellen, und auch sonst wo in der Stadt, Schamanen, Druiden und Hexen zu Gange. Wer sich nach Sonnenuntergang zum Brunnen von White Spring begab, fand dort ein kleines Gebäude, wo sich über viele Bahnen Wasserströme ergossen und wo zu lauten Trommelklängen Tänzer und Tänzerinnen um Becken voll »geheiligtem Wasser« einen wilden Reigen tanzten.

Während mir der benachbarte Chalice Well tagsüber eher als Ort der Besinnlichkeit erschien, war White Spring zu Beltane ein Ort der Hemmungslosigkeit, wo sich manche ganz den Kräften der Unterwelt hinzugeben schienen. Denn hier sollen sich die Tore nach »Annwn« öffnen, dem was die alten Kelten so als das Schattenreich titulierten.

Andere machten sich in dieser Nacht auf, um die Stufen auf den Gipfel des Glastonbury Tor zu erklimmen. Auf der Höhe dort soll sich einst ein großer Fels befunden haben. Den aber zerschlugen angeblich Christen als sie genug hatten vom wilden Treiben der Druiden, wo es, wie ich mal wo laß, auch schonmal vorkam dass ein Mensch den Göttern geopfert wurde.

So machten die Christen riesige Feuer um den Fels und zerschlugen hernach das darin glühende steinerne Ungetüm der Heiden. Aus den Steinen aber erbauten sie zu Ehren des Erzengels St. Michael dort auf dem Gipfel des Glastonbury Tor eine kleine Kirche.

Was mit dem heiligen Fels auf dem Glastonbury Tor geschah, dass schien den Göttinnen und Faunen der Umgebung gar nicht lange zu gefallen. Ein Erdbeben soll den Hügel so sehr erschüttert haben, dass das Kreuzschiff der kleinen Kapelle dort in sich zusammenfiel, bis eben auf jenen Turm der dort noch heute steht. Wollte das der Geist des Felsen? Erinnerten sich die Steine an ihren eigentlichen Ursprung?

Es ist eben eine weitere der vielen Sagen, die diesen magischen Ort zu umschweben scheinen.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Äste dieses Baumes in den Chalice Well Gardens in Glastonbury, haben sich über die Jahrzehnte ineinander verwunden. Man sieht hier anscheinend die Effekte, die aus den Erdströmungen in den Pflanzen zum Vorschein kommen, denn so wie die Wurzel so auch Krone.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Insel der Äpfel

Was bedeutet der Name »Avalon« seinem Ursprung nach?

Es ist ein keltisch-kymrisches Wort und kommt von »Abal« oder auch »Afall«, dem Apfel. Denn wie 1135 der alte Geistliche Geoffrey von Monmouth in seiner Geschichte über die englischen Könige verriet, nannte man eben jenen Ort, von dem hier die Rede ist, die »Insel der Äpfel«. Und eben diese Insel dachte man sich oft als jenen Hügel, den Glastonbury Tor.

In der Tat war das einst ein von Wasser umgebener Berg. Erst vor etwa 2000 Jahren zog sich von hier das Meerwasser des Bristol-Kanals allmählich zurück, so dass dort ein kleiner See entstand aus dessen Mitte da der Glastonbury Tor und der gegenüberliegende Wearyall Hill aus dem Wasser ragten. Die alten Kelten aber sollen hier einst eine kleine Siedlung gegründet haben.

Der Name Glastonbury aber kommt von »Glestinga Burg«. Hier nämlich herrschte wohl einst ein keltisches Adelsgeschlecht, die Glestinga, deren Name vielleicht verwandt ist mit dem englischen Wort »glistening«, dem Funkeln. Denn wenn dort auf dem Tor in den ersten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, vielleicht jene Menschen lebten, so sah man des Nachts dann wohl dort aus der Ferne, wie sich der schimmernde Glanz ihrer Feuerlichter im Wasser spiegelte. Auch heute noch kann man solche Phänomene im Winter beobachten, da dann die Felder in Feuchtigkeit getränkt, den Glastonbury Tor als tatsächliche Insel erscheinen lassen.

Heiliger Weißdorn und der Gral

Wie dem auch sei, sollte Glastonbury dereinst eine Stadt werden, wo sich sowohl das alte Heidentum und das jüngere Christentum trafen. Und da fällt der Name Josef von Arimathäa. Er war ein Onkel des Jesus von Nazareth, in dessen Grab man den am Kreuze gestorbenen Christus legte. Auch gab man ihm anscheinend den Gral – jenes heilige Trinkgefäß des letzten Abendmahls. Doch als die Römer erfuhren dass Josef von Arimathäa mit dem verurteilten Nazarener zu Gange gewesen war, verurteilte man ihn zu einer jahrelangen Kerkerhaft, ohne ihm dann dort aber Wasser oder Nahrung zu geben, in Erwartung das er dort sterbe. Allein durch die Kraft des Grals soll er in seinem Verließ überlebt haben, um dereinst seinen Auftrag zu erfüllen. Er sollte hier in Glastonbury die erste christliche Gemeinde Europas gründen.

Es heißt dass Josef von Arimathäa nach Avalon zu Schiff kam und auf dem Wearyall Hill landete, gegenüber des Glastonbury Tor. Da rammte er seinen Wanderstab aus Weißdorn in den Boden, woraus dann Wurzeln trieben und die heilige Pflanze zu wachsen begann. So will es der Mythos vom »Holy Thorn«, dem heiligen Weißdorn, der dort bis einst gewachsen war, doch anscheinend immer wieder neue Triebe aus seinem Stamm hervorschießen.

Den Gral aber brachte Josef von Arimathäa aus Jerusalem hierher, um ihn am Fuße des Glastonbury Tor zu verbergen. Darin nämlich hatte er die gottgesegneten Tropfen eingesammelt, die Jesus bei seinem Kreuzestod aus der Seite rannen, als Blut und Wasser, nachdem ihm der Centurio Longinus diese Wunde zugefügt hatte, mit seiner weißdornhölzernen Lanze.

An jener Stelle aber wo Josef von Arimathäa dort in Glastonbury den Kelch verbarg, sollen, so die Legende, dereinst die beiden Quellen Red Spring und White Spring entspringen – als Allegorie auf die Heilige Wunde des Christus. Diese Stelle nennt man darum »Chalice Well«, den Brunnen des Kelchs, die Quelle des heiligen Grals.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Die Ruinen der alten Abtei zu Glastonbury. Dort soll der Leichnam von König Artus begraben sein.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Warten im Jenseits

Wie mir meine französische Nachbarin Françoise am kommenden Morgen beim Frühstück erzählte, sollte ich unbedingt noch die alte Abtei zu Glastonbury besuchen. Das natürlich hatte ich mir bereits auf meine Reiseliste geschrieben. Angeblich sei dort, so Françoise, der Leichnam König Artus' beigesetzt und im rechten Winkel zu ihm seine Gattin Guinevere. Sie ruhte dort also nicht neben ihm. Man hatte sie  zu seinen Füßen beigesetzt.

Guinevere, so will es die Sage, hatte Artus betrogen mit dem eigentlich ehrenhaftesten aller Ritter der Tafelrunde: Lancelot, den Artus einst mit dem magischen Schwert Escalibur zwang sich ihm zu ergeben und anzuschließen.

»Doch auch Artus war nicht ohne«, meinte Françoise, die gerade ihren Tee austrank, um mich darauf wissen zu lassen, dass sie gleich zu einem »Hexentreffen« verabredet war. Ich musste unweigerlich schmunzeln darüber, doch schon reichte sie mir die Hand.

Was Françoise angedeutet hatte mit Artus, war wohl ein Hinweis auf seinen Sohn: Mordred. Zwar wusste Artus davon selbst erst nichts, denn es war finster in der Höhle und es scheint als hätte Merlin seine Finger da im Spiel gehabt. Doch einst an Beltane, zeugte er mit seiner Halbschwester, der großen Zauberin Morgan Le Fay, im Dunkel dort ein Kind, dass aber im Verborgenen bei Morgan aufwuchs. Dieser Junge aber, nicht wissend wer sein Vater ist, sollte genau ihn dereinst schwer verwunden.

Wie uns der alte französische Schriftsteller Chrétien de Troyes wissen lässt, kam es wirklich zum Kampf zwischen Sohn und Vater. Dabei wurde Artus fast getötet. Im Schwebezustand zwischen Leben und Tod kam er auf die magische Insel Avalon, schien dorthin entrückt worden zu sein, in jenen himmlischen, paradiesischen Apfelgarten. Dahin aber hatte Morgan Le Fay Zugang und pflegte ihn dort. Seither liegt er dort in einer Art Totenhalbschlaf, auf seine irdische Rückkehr wartend, um dereinst wieder zu erscheinen – in Glastonbury.

Kommen Sie ihm vielleicht zuvor?

 

Zum Orakel von Delphi

Zum Orakel von Delphi

Orakeltempel Delphi - ewigeweisheit.de

Früh morgens verließ ich Athen. Es war Mai und morgens noch nicht warm. An meinem Zielort erwartete ich entsprechend mäßige Temperaturen, denn ich fuhr auf 630 Meter Höhe: nach Delphi – zu einem der interessantesten Orte der westlichen Kultur.

Mit dem Mietwagen kommt man von Athen ganz bequem ins etwa 190 km nordwestlich gelegene Delphi, im Übrigen auch mit dem Reisebus. Da ich schon vormittags dort sein wollte nahm ich also den Bus um 8:30 Uhr, der in etwa drei Stunden dort hin fährt.

Meine Mitreisenden kamen von überall her und schienen ebenso gespannt wie ich, was wir dort wohl sehen und erfahren werden, an jenem sakralen Ort der Griechischen Antike. Das wir tatsächlich in ein Gebirge fahren, signalisierte mir auch mein Sitznachbar in seiner Bergmannsmontur, ein freundlicher Grieche mittleren Alters, der mich irgendwie an den Filmemacher Theo Angelopoulos erinnerte.

Ich genoss die Fahrt und als wir nach etwa anderthalb Stunden die Autobahn verließen und sich unser Bus nach und nach in die Gebirgsregion Mittelgriechenlands bewegte, da wechselten auch die Perspektiven. Die Hügel wurden zu Bergen, die Kurven der Straße zu Serpentinen und zusehends folgte unsere Fahrt schlängelnden Bewegungen.

Da kam mir unweigerlich die alte Legende von der riesigen Schlange Python in den Sinn, die sich hier am Berge Parnass womöglich einst auch um die Felsen wand, mit einem Auge die Eingänge ihrer sagenhaften Höhle im Blick, worin sie wohl ihr Gold hortete.

Heiliger Berg Parnass in Mittelgriechenland - ewigeweisheit.de

Der Heilige Berg Parnass in Mittelgriechenland.

Der Berg Parnass: Wohnort der Nymphen

Vor sehr langer Zeit, so die Legende, in der Blütezeit der Menschheit, wo Kriege, Verbrechen und Laster noch unbekannt waren, weilte dort auf dem hohen Parnass im Frühling das lebendige Licht Gottes, dessen Strahlen dereinst den schönen Künsten ihren vollen Glanz verleihen sollten: Dieses Licht verkörperte Apollon – der leuchtende Sonnenkönig aus Hyperboräa. Er auch war es der die grässliche Schlange Python erschlug und damit eine neue Ära einleiten sollte.

Der Gipfel des Parnass aber war einst, zu Beginn des Eisernen Zeitalters, vor vielleicht 12000 Jahren, der Landeplatz eines besonderen Schiffes.

Wie aber soll das gehen? Ein Schiff auf 2455 Metern?

Nun, es ist eben ein Mythos. Doch der alte griechische Schriftsteller Apollodor von Athen schrieb davon ganz ausführlich, so als hätte sich das vor langer Zeit wirklich ereignet: Es kam auf der ganzen Erde zu einer Katastrophe ungeheuerlichen Ausmaßes. Alles versank während einer riesigen Überschwemmung. König Deukalion und seine Gattin Phyrra konnten sich noch in ein Schiff retten, auf dem sie dann über die Wassermassen dieser riesigen Sintflut hinweg fuhren, bis sie hier aufsetzten, zwischen den felsigen Zinnen des Parnass. So entstand auf diesem Berg eine neue Zivilisation – das zumindest schrieb Apollodor für seine Erzähler auf.

Am Fuße des Parnass musste sich das neue Menschengeschlecht von diesem Armageddon aber erst über viele Jahrhunderte hinweg regenerieren. Und da kam der Gott Apollon zu ihnen, als Spender von Licht und Heil. Jeden Frühling reiste er von jenseits des Nordwinds, vom mythischen Kontinent Hyperboräa, hier nach Delphi. Er kam um Kranke zu heilen und jungen Priesterinnen die Kunst der Weissagung zu lehren. So eine nannte man dann »Pythia«, in Anlehnung an den Namen ihrer Vorgängerin, der Python nämlich, die man in sehr alter Zeit dort anrief um die Botschaften der Stimmen aus der Zukunft zu vernehmen.

Doch nachdem Apollon das Ungeheuer getötet hatte, verweste der Kadaver des Ungetüms zwischen Felsspalten, wo ausgerechnet dereinst die heilige Tempelanlage Delphis erbaut werden sollte. Über tiefen Schächten stand der Dreifuß Pythias, wo sie berauscht von dem unter ihr aufsteigenden, geruchlosen Gas des wesenden Ungeheuers, ihre Orakel verkündete. So will es ein Mythos.

Delphi war trotz allem weit mehr als das. Schon immer war es auch ein Ort politischer Entscheidungen, an dem man aber ebenfalls Künstler und Musiker bejubelte. Das etwa belegt das große Amphitheater in einem der beiden dort befindlichen Tempel, das nachher auch als Parlament einen Zweck erfüllte. Was auch immer man dort sonst noch tat, sei der Fantasie überlassen.

Hier musizierte Apollon für die Menschen auf seiner viersaitigen Lyra, mit seinen singenden Mädchen, wo göttliche Harmonien erklangen. So erst fand das Wort Musik zu seiner Geltung, durch Apollons schöne Töchter – den Musen.

Apollon war der Sohn des Göttervaters Zeus, der einst zwei Adler entsandte: einen aus dem Westen und einen aus dem Osten. Sie trafen sich dann hier in Delphi, das damit zum Nabel der Welt wurde.

Um diesen wichtigen Punkt aber auch physisch zu markieren wurde hier der »Omphalos« platziert: der »Nabelstein«. Dieser Stein schmückte das Adyton, den allerheiligsten, verborgenen Raum des Orakel-Tempels zu Delphi.

Der Nabelstein Omphalos im Museum von Delphi - ewigeweisheit.de

Der Nabelstein Omphalos im Museum von Delphi.

Ein 6000 Jahre alter Pilgerweg

Auf der Fahrt dachte ich über all diese Einzelheiten nach. Doch auf einmal wurde ich aus meinem Wachtrum entrissen. Unvermittelt verringerte der Bus sein Tempo. Doch wir Passagiere wunderten uns nur kurz. Wir machten einfach nur Halt an einer dieser schönen griechischen Raststätten, wo es immer all die vielen Süßigkeiten gibt, auch wenn ich selbst kein Zuckeresser bin. Gegen einen weiteren Kaffee aber war nichts einzuwenden. Damit setzte ich mich nach draußen zu den anderen, unter eine große Platane.

Mein Sitznachbar, mit dem ich bisher noch kaum gesprochen hatte, saß unweit von mir. Wir stellten uns vor und kamen ins Gespräch. Marios war Athener und ein begeisterter Wanderer und Skifahrer, wie ich erfuhr.

In unserem Gespräch erzählte er von einem eigentümlichen Ort, von dem ich nur beiläufig gehört hatte: der Korykischen Höhle. Marios versicherte mir, mit einem leichten Schmunzeln, dass er dorthin jeden Frühling wandere zur »Wallfahrt«. Etwa drei Stunden dauert der Aufstieg von der Kleinstadt Arachova, die auf 960 Metern Höhe gelegenen, sich etwa zehn Kilometer östlich von Delphi befindet. Von Arachova aber fahre auch ein Bus in die Richtung der Höhle, so dass man sich den größten Teil des Aufstiegs ersparen kann und der Weg von der Haltestelle »nur« anderthalb Stunden entfernt ist, wie mich Marions wissen ließ.

Er aber besteht auf den Fußweg, zumal das die einzige Möglichkeit ist in den vollen Genuss der sagenhaften Aussichten zu kommen, blickt man von der Südseite des Parnass doch auf den Golf von Korinth, bis auf die Zinnen der hohen Zweitausender der Gebirgslandschaft der Peleponnes. Er versicherte mir das selbst Pausanias (115-180 n. Chr.), der alte griechische Reiseschriftsteller, diesen Ort als höchst sehenswert empfahl.

Er meinte das es ihm darum jedesmal von Neuem ein Vergnügen sei, von Arachova aus zur Korykischen Höhle auf 1360 Metern zu steigen (von Delphi aus braucht man etwa anderthalb Stunden länger). Marios wollte, wie er meinte, sich hineinversetzen in diese alte Zeit, wo schon vor 6000 Jahren Menschen wanderten, um die sagenhafte Kraft dieses magischen Berges auch wirklich zu erfahren.

Diese Grotte soll einst bewohnt gewesen sein, der Legende nach zuerst von der Nymphe Korykia, einer Gefährtin des Apollon, nach der die Höhle benannt werden sollte. Von dort aus wachte die Nymphe über die Kastalische Quelle Delphis, zwischen den beiden großen Felsen, den Phädriaden.

Mir schien als hätte sich Marios' Ausstrahlung verändert, als er mir das alles erzählte. Da fragte ich ihn ob er sich auch mit Geomantie beschäftigen würde und hatte das Ja erwartet, dass ich auch prompt von ihm bekam. Er erzählte mir dass an solchen Orten besondere terrestrische Kraftlinien verlaufen, deren Energie sich direkt wahrnehmen lasse. Sofort musste ich an die Berichte denken, die ich mal über den sogenannten »Tempelschlaf« laß, wo doch schon in alter Zeit Menschen heilige Orte aufsuchten, um dort in Träumen Antworten zu finden auf zentrale Lebensfragen. Als ich Marios darüber erzählte lächelte er und sagte:

Genau das ist der Grund wieso ich mich dorthin auf den Weg mache.

Die Gipfel des Parnass

Im Vorübergehen bat uns der Busfahrer freundlich auf unsere Plätze zurückzukehren. Etwa eine Stunde später sollten wir in Delphi sein. Die Fahrt ging also weiter und als wir etwa zwanzig Minuten später vor uns die Höhen des Parnass aufragen sahen, schien sich der Stimmenpegel im Bus zu heben. Einige deuteten staunend auf die teils schneeweißen Gipfelscharten des Berges und begannen Fotos zu schießen.

Wahrscheinlich hörte man ähnliches Gemunkel, wäre man einer der hellenischen Pilger gewesen, die sich schon vor tausenden Jahren hier, nach wohl tagelanger Wanderung, in diesen Gebirgslichtungen trafen und ehrfürchtig staunten, über ein vielleicht ähnliches Panorama.

Auf der Weiterfahrt nach Delphi setzten Marios und ich unsere Unterhaltung fort. Wir sprachen über den Mythos des Ortes und wie sich aus der Entwicklung seiner eigentümlichen Tempelbauten damals, gewisse Parallelen zur heutigen Welt ziehen lassen. Jede Kultur entwickelt sich immer wieder so weit, bis sie einen gewissen Gipfel erreicht, meinte Marios, um schließlich von einer neuen und jüngeren Kultur verdrängt oder schlicht aufgegeben zu werden. Was aber immer bleibt wären jene Formen die den Menschen zu allen Zeiten gut tun. Doch sie müsse man erst erkennen und interpretieren lernen. Das solcher Art Anstrengungen de facto auch unternommen wurden, dass steht für Delphi jedoch fest, auch wenn es heute nur noch für ganz wenige auch ein religiöser Pilgerort ist.

Etwa zehn Kilometer vor Delphi erreichten wir Arachova, von wo aus im Winter sich Skifahrer auf die Pisten des Parnass begeben. Der Bus machte hier kurz Halt und Marios verabschiedete sich von mir. Als ich ihn da so vor mir in seiner vollen Trekking-Montur sah, wusste ich, dass er sich sogleich auf den Weg machen würde zu jener Nymphenhöhle.

Der Eherne Schlangensäule am Apollon-Tempel in Delphi - ewigeweisheit.de

Eherne Schlangensäule am Apollon-Tempel in Delphi.

Drache, Mond und Erde

Jahrtausende lang huldigte man in den namhaften Kultstätten Europas Schlangen- und Drachengottheiten. Drum erbaute man auch an solchen Kultstätten wie Delphi einst chtonischen Göttern Heiligtümer. Das waren der Erde zugehörige, mächtige Wesen, über die die große Mutter Gaia herrschte. Ihr Sohn war Typhon, der mit seinen zahlreichen Drachenköpfen sich aus einer tiefen Höhle in Kleinasien erhob, die ausgerechnet den selben Namen trägt, wie eben jene Korykische Höhle am Parnass. Ein Zufall?

Zumindest scheint es mit Typhon eine klare Parallele zu geben zu jener reptilischen Gottheit Python, der man vor dem Erscheinen Apollons in Delphi huldigte. Sieht man sich die Buchstaben dieser beiden Namen an, kommt einem wohl unweigerlich der Gedanke, dass es sich hier um Synonyme handelt.

Als jedenfalls später der Apollon-Tempel in Delphi errichtet wurde, schien man sich zu Ehren Gaias daran erinnern zu wollen, befinden sich hier doch zwei um einander windende, zu einer hohen Säule verbundene, ehern-bronzene Schlangen, denen jedoch einst die Häupter abgeschlagen wurden.

Ähnliche Standbilder finden sich auf dem gesamten Gebiet des antiken Griechenland von Süd-Anatolien (dort in Tarsus), über Byzanz (Istanbul), bis nach Mittelgriechenland und auf den Ionischen Inseln. Dort eben herrschte einst ein Kult der großen Muttergottheit und ihren reptilischen Nachkommen.

Wohl darum finden wir in Delphi zwei Tempel: einen älteren und einen neueren, wobei ersterer der Athena Pronoia gewidmet war und letzterer eben dem Drachentöter Apollon.

Der Tempel der Athena Pronoia aber wurde über noch viel älteren Bauwerken errichtet, wo sich zuerst ein Kultort zu Ehren Gaias befand. Später erbaute man hier der Mondkönigin Artemis (Apollons Zwillingsschwester) ein Heiligtum, bis dort schließlich die vermännlichte Athena ihren Platz bekam – Göttin der Weisheit im patriarchal geprägten Griechenland und Namensgeberin der Stadt Athen.

Apollon-Tempel und Amphitheater in Delphi - ewigeweisheit.de

Apollon-Tempel und Amphitheater in Delphi.

Eindeutig Zweideutig

Jahrhunderte lang besuchten Könige und Diplomaten, Philosophen und auch gewöhnliche Leute das Orakel von Delphi. Unter ihnen befanden sich auch so sagenhafte Gestalten wie der reiche König Krösus oder Alexander der Große. Sie und viele andere suchten dort Rat, nach Antworten auf ihre brennendsten Fragen und nach deutlichen Zeichen, die sie zu richtigen Entscheidungen führen sollten.

Zu jenen Fragen die der Orakel-Priesterin Pythia gestellt wurden, gehörten persönliche Anliegen ebenso wie politische Fragestellungen, wo letztere aber zu Entscheidungen führen sollten, die manchmal gar das Bestehen oder den Untergang eines ganzen Volkes betrafen.

Anfänglich durfte das Orakel nur an einem Tag im Jahr angerufen werden. Und das war der Geburtstag des Lichtgottes, um die Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche, wo ja das Licht wieder der Dunkelheit zu überwiegen beginnt und Apollon eben zurückkehrt, um den Menschen wieder mehr Licht, Gesundheit und Wohlbefinden zu schenken.

Aus dieser Zunahme des Sonnenlichts im Frühling, gewann auch die Priesterin Pythia ihre Kraft, um das verborgene Weistum der Unterwelt an die Erdoberfläche zu Tage zu befördern. Doch eben so wie sie damit zwischen der Lichtwelt Apollons und der Unterwelt Pythons stand, so zweideutig waren auch ihre Orakelsprüche.

Das erfahren wir etwa von dem griechischen Historiker Herodot, wie einst die Antwort des Orakels zum Untergang eines Reiches führen sollte, da sein König die eigentliche Warnung der Pythia, als Ansporn missverstanden hatte. Und dieser Fürst hieß Krösus – der reiche König von Lydien (Westen Kleinasiens).

Krösus hatte aber einen Feind. Der Perserkönig Kyros bedrängte ihn von Osten her mit seiner Streitmacht. Durch eine List gelang ihm auch an das Geld des Krösus zu kommen, worauf dieser auf Rache sann und zu einem Feldzug gegen die Perser rüstete. Doch bevor er seine Offensive startete befragte er das Orakel von Delphi, um zu erfahren was geschehe, wenn er in das Reich des Kyros mit seiner Armee eindringt. Pythia sprach:

Wenn du den Fluss Halys (heute: Kizilirmak) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.

Krösus jedoch ahnte nicht: es war sein eigenes Reich, denn Kyros sollte ihn besiegen.

Ganz gleich welcher Art Orakel man befragt, um über den zukünftigen Ausgang einer Sache zu erfahren, sollte man stets auf der Hut sein vor vermeintlich gut aussehenden und günstig klingenden Berufungen. Sie können uns offenbar auch irreführen, doch damit einen ganz und gar unerwarteten Zweck erfüllen. Doch sicher ergäbe auch dass dann seinen Sinn.

Ausblick in Delphi, Golf von Korinth und Peleponnes - ewigeweisheit.de

Ausblick in Delphi, Golf von Korinth und Peleponnes.

Die berühmte Inschrift am Delphischen Orakel-Tempel

Mein Bus erreichte nach fast genau drei Stunden den kleinen Ort Delphi. Von dort nahm ich ein Taxi in das nahe gelegene Hotel, wo ich dann drei Tage verbringen wollte.

Als ich dort ankam, hieß mich ein freundlicher Portier willkommen, der sich mir vorstellte als Panaiotis. Gleich dachte ich an die Avant-Garde-Musik der amerikanischen »Deep Listening Band«, deren eines Mitglied auch Panaiotis heißt.

Wirklich atemberaubend war der Blick den ich von meinem sonnenbeleuchteten Balkon aus hatte. Ich schaute von dort auf den Golf von Korinth und die teils noch schneebedeckten Gipfel, der jenseits davon liegenden Berge des Peleponnes.

Bei Sonnenuntergang suchte ich gleich nach einem passenden Titel der eben erwähnten Musikgruppe. Ihre sphärischen Kompositionen genießend, sah ich dann von meinem schönen Balkon aus, wie von Süd-Osten her das Licht der rötlichen Strahlen des Sonnenuntergangs, die riesigen Täler vor mir in eine wundervolle Abendstimmung tauchte.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, um die aufgehende Sonne zu begrüßen.

Die Gebirgsvorläufer vor mir umwuchsen riesige Haine von wahrscheinlich mehr als tausend Oliven, einem ganzen Wald von Ölbäumen der sich erstreckte bis an die Küste der Bucht von Itea, wo sich, wie ich später herausfand, eine kleine Fischergemeinde befand.

Bei diesen wundervollen Eindrücken erinnerte ich mich an einen Spruch:

Ein Suchender schaut morgens aufmerksam gen Osten, der aufgehenden Sonne entgegen und empfindet dabei vielleicht in Ehrfurcht verzückt, ein kosmisches Liebesgefühl, dass ihm signalisiert: Folge Deinem Herzen.

Und was ist das Herz? Ist es nicht jene Stelle in uns, wo die Essenz unseres Selbst zu liegen scheint?

Zumindest ist das Herz jener Kraftpol in uns, der, ganz gleich woran wir denken, uns losgelöst von Allem, von unserer Mitte her mit Lebenskraft und Wärme versorgt. Dabei bilden Atem und Herzschlag in ihren sich überlagernden Schwingungen eine Allegorie auf eben das, was uns die Sonne jeden Tag aufs Neue mit ihrem Licht, ihrer Wärme und als aufsteigender Himmelspol beibringt: das nämlich alles einem stetigen Wandel unterliegt – auch unser lebendiges Selbst.

Was dort oben am Himmel uns täglich leben lässt, ist sinnbildhaft auch in uns. Sonne und Herz sind die Zentren unseres Selbst – im Außen und Großen, wie im Innern und Kleinen.

Was aber meinte der griechische Weise Chilon von Sparta, wenn er einst sagte: Gnothi seauton – »Erkenne Dich selbst«? Dieser berühmte, so häufig zitierte Spruch stand nämlich einst am Eingang des delphischen Apollon-Tempels.

Dieser Satz dürfte den meisten wohl fast schon abgenutzt erscheinen, da er schon so oft irgendwo zu lesen war oder ihn jemand zitierte. Seine wahre Bedeutung aber scheint man dabei nur all zu leicht zu übersehen. Denn nicht zufällig wurde er im Westen zu dem wahrscheinlich berühmtesten Wahrspruch aller Zeiten, der sich uns mehr als 2500 Jahre erhalten hat.

Auch wenn wir ihn schon hundertmal gehört haben, lohnt es sich doch immer wieder einige Augenblicke darüber nachzufühlen, was er in uns an Bedeutungen aufsteigen lässt. Jetzt.

Apollon-Tempel in Delphi - ewigeweisheit.de

Apollon-Tempel in Delphi.

Die Frage nach dem Weg

Imposant ragten die verbliebenen dorischen Säulen der alten Ringhalle vor mir auf, als ich schließlich den Apollon-Tempel morgens früh, als erster Besucher betrat. Hier also befand sich einst das große Bauwerk, worin in einem besonderen Raum die Pythia auf ihrem hohen Dreifuß sitzend wahrsagte, über der schwärenden Spalte sitzend, in die Apollon die vermeintlich getötete Schlange Python hinabstieß.

Dort saß sie in Dunkelheit, vielleicht umgeben vom Schein einiger Öllichter, als man den Frager vor sie führte, damit er sich befreie aus vermeintlich unbeantworteter Ahnungslosigkeit. Darüber sann ich nach, als ich langsam über die Heilige Straße des Tempelbezirks schritt, vorbei am alten Schatzhaus der Athener, hinauf zum großen Amphitheater.

Auch ich und wahrscheinlich auch Sie, die gerade diesen Text lesen, haben viele unbeantwortete Fragen. Woher aber kommen all unsere Fragen eigentlich? Wieso stellen wir sie uns?

Schon immer wohl haben Menschen das Bedürfnis verspürt nach etwas Größerem zu streben. Wir sind mit dem was wir haben vielleicht schon viel zu lange zufrieden, oder sogar bereits unzufrieden. Nagen tun Fragen auch den, der schon viel erreicht hat, denn er glaubt kaum noch mehr erreichen zu können.

Alexander der Große besuchte das Delphische Orakel im Jahr 336 v. Chr. und wollte von der Pythia hören, dass er bald die ganze Welt erobern würde. Doch zu seinem Erstaunen verwehrte ihm das Orakel eine Prophezeiung und bat ihn wieder zu kommen. In Raserei empört zog er Pythia an ihren Haaren, bis sie schrie:

Du bist unbesiegbar mein Sohn!

Als er das hörte ließ er sie los und sagte:

Jetzt habe ich meine Antwort.

13 Jahre später hatte Alexander der Große die ganze damalige Welt erobert. Doch da brach er in Tränen aus, da für ihn nichts mehr zu erobern blieb. Nicht lange danach wurde er krank und starb, als er nicht einmal sein 33. Lebensjahr vollendet hatte.

Wer hat ein Ziel?

Als Mensch kann man sich zwar auf die Suche begeben und dabei ein besonderes Ziel anstreben, doch man kommt im Grunde niemals an. Wer sucht eröffnet neue Fragen. Ist es darum überhaupt wichtig ein Ziel zu haben?

Und ob! Auch wenn die Pythia nur einmal im Jahr weissagte, fanden bei Ihr Antwort doch nur jene, die einen Vorsatz hatten und einen Zweck erfüllen wollten.

Nur wer Ziele hat bewegt sich, bleiben dem Ziellosen doch alle Möglichkeiten offen. Und das lässt ihn nur erstarren, da er nicht weiß wohin er sich wenden soll. Ziellos mit gebeugtem Haupt passieren sie uns, all die vielen Menschen heute, auf etwas Leuchtendes blickend, woraus sich schier unendlich viele Ziele aufrufen lassen. Doch was davon ist wichtig und was ist richtig?

Die Freiheit der Wahl ist bedeutungslos wenn wir keine Ziele haben. Haben wir ein Ziel gefunden liegt dessen Erreichen aber allein im Antreten und dem Zusteuern darauf. Denn etwas zu erreichen ist eine einmalige Sache, die sich zum ersten Mal, nur einmal erreichen lässt. Alle weiteren Male sind Wiederholungen und werden darum irgendwann zum Trott.

Wahre Ziele zu erreichen heißt darum auch mit etwas Altem abzuschließen. Und wer eine neue Reise antreten will der braucht, wie könnte es anders sein, ein neues Ziel.

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