Die Wintersonnenwende: Zeit der Stille

von S. Levent Oezkan

In der Zeit um den 21. Dezember vergehen die kürzesten Tage des Jahres. Dann obsiegt die vollkommene Dunkelheit über das Licht. Kurz nach dieser Zeit jedoch, kehrt das Licht der Sonne zurück und verdrängt allmählich die langen Nächte. Es ist eine Neugeburt der Sonne, die sich da jedes Jahr aufs Neue ereignet.

Und die Sonne ist das wichtigste Symbol für den einen Gott und all seine Gesandten. Denn was als Osiris und Horus bei den Alten Ägyptern das unsterbliche Licht der Sonne repräsentierte, sollte bei den Alten Griechen dann der »zweimal Geborene« Dionysos sein: Ein Gott des Guten, einer der das verlorene Licht zurückbringt.

Es scheint wohl auch kein Zufall, dass wir heute Christi Geburt an Heilig Abend feiern, wenn sich der Bogen des Sonnenlaufs um die Erde, allmählich nach Norden hin ausdehnt und die Tage wieder länger werden.

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

- Johannes 8:12

Am 21. Dezember durchläuft die Sonne für drei Tage, eine exakt gleiche Bahn über den Horizont im Süden. Nicht ein einziges Grad ihrer anscheinenden Umlaufbahn, verändert sich dann. Doch am 24. Dezember, da beginnt sie morgens ihre Bahn, jeden Tag ein wenig weiter Richtung Osten und senkt ihr Licht in der Abenddämmerung ein wenig weiter Richtung Westen. Das heißt also, dass sich ihr Zenit, ihr Höchststand um Mittag, ganz allmählich von Süden gen Norden strebend erhebt. Allerdings ist das ein Vorgang, der nur oberhalb des Nördlichen Wendekreises wahrgenommen werden kann. Für Menschen die nahe des Äquator leben, ändert sich auch um die Weihnachtszeit nicht viel. Auch da durchläft die Sonne um Mittag fast senkrecht ihren Tagesbogen über den Himmel. Daher galten in dieser Region der Erde andere Gestirne als Maßgabe für den Beginn des neuen Jahres, wie etwa das Gestirn der Plejaden.

Für die Nordvölker aber, war dieses besondere Ereignis der Wintersonnenwende, seit jeher ein wichtiger Grund zu feiern. Zumindest seitdem die Rotationsachse der Erde ihre spezifische Neigung besitzt. Ob sich diese Gradzahl im Laufe der Jahrmillionen ihrer Existenz vielleicht doch veränderte, kann heute niemand sagen. Doch es spricht einiges dafür, dass sich die Achslage der Erde wohl einst senkrecht zur Sonnenumlaufbahn befand. Doch das ist ein anderes Thema.

Kehren wir also wieder zurück in diese Zeit der Wintersonnenwende. Die Feierlichkeiten dieses Datums wurden bereits vor vielen Jahrtausenden abgehalten, in einer Zeit, da die Menschen noch als Nomaden über den Erdball wanderten und sich ihre Riten aus jenen Gebräuchen entwickelten, die wir auch heute noch bei den Schamanen finden, die im Bereich des nördlichen Wendekreises der Sonne leben.

Es ist dies eine Zeit, wo seit Alters her die Familien zusammen saßen. Es war eine Zeit tiefer Dankbarkeit und einem Vertrauen in seine Mitmenschen und in Gott. In den Industrieländern scheint dieser Brauch durch die kommerzielle Ausbeutung dieses eigentlich heiligen Ereignisses, an Relevanz immer stärker zu verlieren. Denn die Menschen kennen nicht mehr die esoterisch-kosmischen Zusammenhänge dieses hohen Festes. Jene Nacht der großen Weihe, also Weihnachten, wird dann vielleicht eher als Zwang empfunden.

Doch auch heute noch gibt es Menschen, die sich, ganz gleich ob sie Christen sind oder nicht, in jenen finsteren Tagen zusammenfinden um das Fest der Neugeburt des Lichts gemeinsam zu begehen. Sie sitzen dann zusammen im Kreise ihrer liebsten Freunde oder Verwandten und versuchen sich mit den geistigen Welten dieser Jahreszeit zu verbinden, jeder für sich, ganz nach seinem Ermessen. In Skandinavien werden dann die sogenannten Jul-Feuer entzündet. Vermutlich vermischte sich hier ein keltisch-germanisches Brauchtum mit noch viel älteren Gebräuchen aus matriarchalen Kulten. Auf dem sogenannten Jul-Tisch brennt in der Nacht das Jul-Licht. Gewiss erkennt man hier die Parallele zum Weihnachtsbaum, an dem Kerzen leuchten. Zweifellos sind das bis heute Bräuche, die nicht unmittelbar christlichen Gehalt haben.

Die Mittwinternacht, wie sie auch genannt wird, besitzt praktisch ihre ganz eigene, magische Kraft. Nach ihr können sich die Herzen hin öffnen. Es ist eine kurze Zeit des Lauschens nach dem, was im Trubel des restlichen Jahres viel zu oft überhört wird. Es ist eine tatsächlich »Stille Nacht«, wo sich ein Mensch auf das kommende Jahr vorbereiten kann. Damit ist der 24. Dezember streng genommen der eigentliche Jahresbeginn, wo die Stunden des Lichts die Finsternis verdrängen.

 

 

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