Ein Ur-Teil: Wovon eigentlich?

von S. Levent Oezkan

Urteile zu fällen, setzt Erfahrung voraus. Was wir erfuhren, führte uns zu Erkenntnissen über Dinge oder Ereignisse, um diese damit auch zu bewerten. Immer aber bewerten wir da mit einer gewissen Befangenheit, die uns, wenn auch unbewusst, mit dem Beurteilten verbindet.

Es ist eben so, dass nur das, was in uns als Bild schon einmal auftauchte, wir auch im Außen sehen können. Wenn es um Bewusstseinsdinge geht, die wir erst kürzlich in uns wachgerufen und dabei erkannt haben, und dann etwas im Außen, ein Erinnern an diese Erkenntnis auslöst, so ist es gut möglich, dass das in uns Erkannte – und in unserem Bewusstsein vielleicht sogar tiefer liegende Thema – damit in Resonanz gerät.

Angenommen nun, wir haben eine damit einhergehende Problematik aus unserem Bewusstsein noch nicht lösen können: Solche Auslöser dürften uns dann doch recht unangenehm vorkommen, nicht wahr?

Nicht aber, dass diese uns etwa auch in uns selbst als negativ erscheinen, als wir sie hauptsächlich im Außen als ungut erfahren. Beispielsweise ist da jemand, der uns durch seine Sprache, sein Verhalten oder sein Auftreten ärgert. Und was kann uns ärgern, über das wir kein Urteil mehr fällen brauchen?

Das heißt: Mit dem Urteil, das wir nur bilden können, da es mit einer selbst gemachten Erfahrung korrespondiert, darüber verbinden wir uns ein jedes Mal mit einem Denken oder Erinnern an eine Sache, einen Menschen oder an uns selbst.

Innere Arbeit

Wenn es um uns selbst geht, ist ein Urteil grundsätzlich brauchbar, da wir damit vielleicht erkennen würden, dass etwas in uns liegt, das vielleicht bearbeitet werden will. Man sollte jedoch vorsichtig sein zu glauben, man könne durch eigene Urteile auch gleich eine Selbstanalyse führen. Die Gefahr sich dabei zu verzetteln ist groß.

Anders ist es, wenn wir solch etwas in uns, eine eigentliche Schwäche, bei jemand anderem bemerken – durch seine Aussage oder sein Verhalten. Sich über besondere Charaktereigenschaften eines Menschen zu wundern oder gar zu empören, ist durchaus etwas, dass auch uns entspricht. Wer mit dieser Aussage ganz und gar nichts anfangen kann: Bitte nicht weiterlesen!

 

Ein, sagen wir, »schlummernder Teil unseres Bewusstseins«, erwacht durch ein Verspüren solch scheinbar fremden Tuns. Dieser Teil jedoch hängt an noch tieferen Schichten unseres Unterbewusstseins geknüpft, die in so einem Moment beginnen mitzuschwingen, mit der von Außen auf uns eintreffenden Ereigniswelle. Das kann mitunter erschrecken, was katalysiert von uns vielleicht als Ärger verspürt wird. Und was sich da ereignete, wurde durch einen anderen Menschen verursacht.

Man könnte sich damit einmal die Frage stellen, ob vielleicht eine Bewältigung dieses negativen Teiles unserer Erfahrung, also das, was uns vielleicht negativ vorkommt, wir erst dann in uns bewältigen und in uns lösen können, wenn wir davon lassen, es im Außen ändern zu wollen.

So könnten wir zum Beispiel einfach nicht mehr reagieren, mit Worten der Empörung oder dem Wunsch, jemanden eines Besseren zu belehren – wo Letzteres doch insbesondere vergeblich ist, wenn es um jemanden geht, dem wir womöglich niemals begegnen werden oder auf dessen Entscheidungen wir keinen direkten Einfluss haben. Doch wie oft regt man sich auf, über etwa politische Entscheidungen.

Unsere Energie ist zu kostbar um sie zu verschwenden

Je mehr wir uns über ein Urteil verbinden, ganz egal über was, verlieren wir Kraft, die wir eigentlich bräuchten, um uns von dem zu lösen, das wir da mit einem Urteil versehen. Es entgleitet uns wenn wir es zu packen versuchen, eben durch ein, wenn auch »nur« gedanklich gefälltes Urteil, was im Übrigen auch für positive Erlebnisse zutrifft.

In dem Augenblick wo wir einem schönen Moment einen Namen geben, ihn also beurteilt –, ist er schon wieder vorbei, wurde unterbrochen in seiner Schönheit.

So auch verhält es sich mit dem Urteil über das, was in uns als negative Erinnerung, Innere Arbeit auftaucht. Mit ihr zu arbeiten hieße, sie erscheinen und wiederkehren zu lassen, ohne ihr einen Namen zu geben oder mit einem Namen aus anderen Erinnerungen, durch ein Benennen verbinden zu wollen.

Allein schon der Versuch, dieser Erkenntnis gemäß, an sich zu arbeiten, wäre doch großartig. Nur wie oft gelingt uns das? Eher glauben wir in den Verhaltensmustern anderer Menschen, aus unserem sozialen Umfeld, Fehler zu entlarven, die aber als negative Wahrheiten an der selben Stelle unseres Bewusstseins wurzeln, wie auch bei anderen.

Für denjenigen, der dies bereits erkannt hat: Ist solch Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen, also nicht reine Energie-Verschwendung?

Was uns als kritikwürdig bei anderen Menschen erscheint, ist meist etwas, von dem wir glauben, es hätte ganz und gar nichts mit dem zu tun, was wir in uns selbst noch nicht bewerkstelligen konnten.

Was es bedarf

Wir müssen ehrlich sein: Selbst widrigste Vorfälle mit anderen Menschen, insbesondere jenen, die uns in irgendeiner Form nahestehen oder sich gerade in unserem Umfeld bewegen, deuten auf etwas in uns, das wir immer noch als wichtig empfinden, doch was bislang unbewusst geblieben ist.

Natürlich zeigt sich uns das im Außen, in einem anderen Gewand. Und genau das ist ja das Erschreckende: Jenes Gewand ist nichts als der sprechende, wandelnde Körper eines anderen Menschen, der aber sich auf eine Art äußert, die uns an uns selbst gar nicht (mehr) gefällt.

Im grundsätzlich Gelingen, vom Urteilen abzulassen, und das können auch Urteile über vollkommen fremde Dinge im Leben sein, schafft man Raum. Und diesen Bewusstseins-Raum können wir stattdessen mit positiver Energie erfüllen, mit Erfahrungen die uns gut tun. Nach solchen aber, die am besten sogar neue Erfahrungen sind, müssen wir Ausschau halten, können nach ihnen suchen.

Das gelingt uns wenn wir täglich üben nicht mehr nach Urteilen über die Dinge im Außen zu trachten, wie ebensowenig nach jenen in uns – es sei denn wir arbeiten gewollt mit ihnen.

Kraft zur Lösung unserer Probleme

Lassen Sie uns auf diese Weise gewonnene Energie nutzen, zur Auflösung in uns liegender Schwächen und Hindernisse, die uns von unserem Glück, von Gesundung, von Freundschaft und vom Erfolg im Leben – auch finanziell – abhalten.

Fragen wir uns:

Wie oft täglich werfe ich diese – metaphorisch gesprochen – »Angel des Urteils« aus, um damit irgendetwas ans Land meines Bewusstseins zu ziehen, das ich vermeintlich bestenfalls, verurteilen kann?

Täglich ereignen sich unzählige Momente, wo wir uns auf diese Weise verhaken können. Und das geschieht vor Allem mit Menschen, mit denen wir zu tun haben, überall und jeden Tag.

Niemand lebt alleine, ohne dass er das, was andere ihm zur Verfügung stellen, leben kann. Was unseren Körper, unsere emotionale Empfindung, unseren Intellekt am Leben erhält, das erhalten wir von anderen Menschen – selbst wenn es aus der Vergangenheit konserviert, gegenwärtig konsumiert wird.

Aber auch in der Vergangenheit kann man sich verhaken. Indem man in der Gegenwart immer noch urteilt über das, was einst, vor allem zum eigenen Schaden, geschehen war. Dabei verbinden wir uns zurück auf eine Realität, die eigentlich gar keine mehr ist.

Zwar können wir die Ursachen für einen Auslöser in der Vergangenheit erkennen, doch im Jetzt nicht mehr ungeschehen machen. Neue Ursachen aber können wir gestalten, zu unserem und dem Behagen anderer Menschen.

Das Gute im Jetzt geschehen lassen

Was uns in Zukunft gut tun soll, das vermögen wir nur in der Gegenwart zu erschaffen. Wenn uns soviel wie möglich Kraft zur Verfügung steht, gelingt uns das auch. Und diese Kraft dürfen wir nicht an negativ gefällt Urteile über gegenwärtige Erscheinungen und Ereignisse verschwenden.

Vom Urteilenwollen ablassen und uns auf das ausrichten, was uns gut tut, darf jedoch nicht mit Unterdrücken oder unbedingtem Vermeiden verwechselt werden. Eher geht es darum, nach und nach zu lernen von etwas abzusehen und es nicht weiterzuverfolgen.

In diesem Üben können wir stattdessen zu Menschen finden, die uns neue Impulse geben, durch die wir zu mehr Energie kommen, die wir brauchen, um Themen, die uns an der Selbstentwicklung hindern, aus dem Weg zu räumen und sich damit einfach erübrigen. Nur zu!