Die alten Freunde

von S. Levent Oezkan

Wir alle durchleben verschiedene Phasen im Leben. Mal geht es uns dabei besser, mal weniger gut. Manchmal gar wollen wir alles am liebsten vollkommen verändern, damit all das was an uns nagt, ein für alle Mal der Vergangenheit angehören soll. Wäre da nicht der Wunsch zurückzublicken.

Denn was ist das Gegenteil von dem Wunsch, sich zu erinnern an das was war? Beschreibt das vielleicht ein Wort, dass man in ganz anderem Kontext gewöhnt ist: Rücksichtslosigkeit? Das schiene doch anzudeuten, dass man sich überhaupt nicht mehr um andere kümmert, sondern nur an sich denkt.

Doch wenn man etwas ein für alle Mal ändern will, bleibt einem da gar nichts anderes übrig, als nicht mehr zurück zu sehen. Rückschau halten über längst vergangene Zeiten, in der Hoffnung, ja eigentlich in der Erwartung, dass sich auch bei anderen Menschen etwas getan hat im Leben: Das wohl wäre einer der wahrscheinlich sehr wenigen Wünsche, wenn nicht sogar der einzige Wunsch, sich noch einmal mit jemandem von Einst zu treffen.

Allerdings haben die meisten unter uns wahrscheinlich schon feststellen müssen, dass es anscheinend, wenn auch unerklärliche Gründe gibt, die Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt auseinander bringen. Trennungen, ja sogar Scheidungen, wollten da erfolgen. Und auch wenn dem meist ein recht einseitiger Entschluss vorausging, der so ein gezwungenes Lebewohl auslöste, bedeutet das, so glaube ich, dennoch auch für die andere Seite, diesen Wendepunkt im Leben so zu nehmen, wie er eben gerade ist – ganz gleich wie schmerzlich so etwas erfahrungsgemäß auch empfunden wird.

Es muss aber gar nicht so etwas drastisches Sein, wie ein Liebender erfährt, den sein dann ehemaliger Partner verließ. Auch Freundschaften jenseits von Liebesbeziehungen, lassen uns manchmal diese Erfahrung machen: Man fühlt sich in einem freundschaftlichen Gefüge einfach nicht mehr wohl, will sich lösen und irgendwann vielleicht, hat sich eine alte Freundschaft auseinandergelebt.

Dann vergehen die Jahre. Und manchmal kommt es vor, dass man durch Zufall auf etwas stößt, dass in einem eine Erinnerung hervorruft, die mit Neugierde verbunden ist. Vielleicht hat man nun die Trennung, nach so langer Zeit, endlich überwunden und sucht nach einem klärenden Gespräch. Gut möglich jedoch, dass in diesem Wunsch etwas mitschwingt, dass als Emotion nur deshalb existiert, weil man sich einfach nur etwas erhofft, dass die einstige, wohl negative Erfahrung endgültig ausgleichen soll.

Wie aber kann so etwas gehen? Ist es überhaupt möglich?

Ich wage zu behaupten: Es ist sogar überflüssig. Denn jetzt ist jetzt. Und wer sich nicht mit weiteren Erinnerungen und damit vielleicht verbundenen schweren Gefühlen überhäufen möchte, der sollte bei jedem solchen Auslöser (zum Beispiel ein Foto, ein alter Brief, eine alte Email) einen ganz klaren Schlusstrich ziehen, wenn auch in guter Gesinnung.

Gleichzeitig aber bedeutet das nicht, dass es nicht auch schön sein kann, einen alten Freund oder eine alte Liebe wieder zu treffen, besonders dann, wenn auch in deren Leben sich etwas so verändert hat, dass es ähnlich wie bei einem selbst, zu einem Fortschritt im Leben kam. Wahrscheinlich jedoch wird man enttäsucht, da wir Menschen eben gar nicht alle die Gelegenheit haben, aus welchen erschwerenden Gründen auch immer, uns weiter zu entwickeln.

Bei alle dem steht fest: Nur wer die eigene Wichtigkeit verliert, bei dem vermögen alte Freunde kaum irgend eine Unausgewogenheit auszulösen. Fragt sich dann nur, welchen Zweck, als nur ein Vergleichen von sich mit dem anderen, eine solche Kontaktaufnahme bewirken soll?