Der Narr, der Weise und der Krug

Ein echter Narr gleicht einem Menschen, der das was ihm in seinem Leben widerfährt, stets falsch interpretiert – sei es bei dem was er tut oder bei dem was ihm durch das Tun anderer widerfährt.

Nun gibt es eine alte Sufi-Erzählung von einem Narren, den man eines Tages mit einem Krug zu einem weisen Mann schickte, um dort Wein zu holen.

Auf dem Weg dorthin jedoch zerschlug der Narr den Krug an einem Felsen, aus reiner Unachtsamkeit.

Dennoch lief er weiter und als er am Haus des Weisen ankam, überreichte er ihm den Henkel des Kruges und sagte dabei:

So-und-so hat dir diesen Krug geschickt, aber ein schrecklicher Stein hat ihn mir gestohlen.

Amüsiert fragte der weise Mann:

Wenn der Krug gestohlen ist, warum gibst du mir dann den Henkel?

Darauf der Narr:

Ich bin nicht so dumm, wie die Leute sagen und deshalb habe ich den Henkel mitgebracht, um meine Geschichte zu beweisen.


Ein immer wiederkehrendes Thema in solchen Erzählungen der Sufis ist, dass die Menschen im Allgemeinen nicht in der Lage sind, eine verborgene Tendenz in den Ereignissen ihres persönlichen Lebens zu erkennen. Wären mehr von ihnen dazu aber in der Lage, würde ihnen damit ermöglicht, das Leben voll auszuschöpfen. Diejenigen aber, die die verborgenen Ereignisse in ihrem Leben erkennen können, werden als die Weisen bezeichnet. Der gewöhnliche Mensch hingegen erkennt nicht, dass sein geglaubter Wachzustand nur eine andere Form des Schlafs ist.

Solche Erzählung wie die eben vorgetragene aber könnte manchem Menschen einen Hinweis darauf geben, dass er sich durch Parodien wie diese für das darin Verborgene sensibilisiert (zumal die Behauptung des Narren ja eine konstruierte ist). Denn aus dem, worüber man in dieser Erzählung vielleicht schmunzelte, lässt sich keine Logik ablesen, doch allemal erkennen, dass durch das Licht unserer Betrachtungen immer auch ein Schatten entsteht, worin alle Schlüssigkeit zwar verdunkelt wird, aber dennoch besteht und darum auch erkannt werden kann.

 

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