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Vom Wesen wahrer Schülerschaft im Sufismus

Es erzählt eine Geschichte von dem irakischen Sufi-Meister Ibrahim Al-Khawwas dem »Palmenweber«. Als Jüngling übergab er sich einem besonderen Lehrer. Er bat den älteren Weisen darum sein Schüler werden zu dürfen. Doch der sagte nur: »Du bist noch nicht so weit.«

Al-Khawwas aber bliebt hartnäckig, ja bestand sogar darauf, dass ihn dieser Sufi-Sheikh doch bitte als getreuen Zögling aufnehmen solle. »Nun gut«, sagte der Meister, »ich werde Dich etwas lehren. Weißt Du, ich will nämlich gerade zu einer Pilgerfahrt nach Mekka aufbrechen. Komm Du mit mir.«

Der junge Ibrahim war darüber fröhlich und voll Zuversicht, dass aus ihm auf dieser Reise ein Sufi werden würde. »Nachdem wir nun Reisegefährten sind«, sagte der Meister zu ihm, »muss der eine führen und der andere gehorchen. Welche Rolle willst Du übernehmen?«

»Ich werde folgen. Du, mein Meister, sollst mich führen«, sagte Ibrahim.

»Ich werde führen, wenn Du verstehst zu folgen«, sagte der Sheikh. Also begaben sie sich auf den Weg.

Eines Nachts nun, da rasteten sie in der Gebirgslandschaft von Hedschas (die sich im Westen Saudi-Arabiens befindet, wo sich die beiden heiligen Stätten Mekka und Medina befinden). Auf einmal begann es zu regnen. Da sprang der Meister auf und hielt eine Decke über seinen Schüler Ibrahim damit er nicht nass werde. Ihm aber war das etwas peinlich, denn schließlich verehrte er seinen Meister und sprach: »Aber das sollte doch eigentlich ich für Dich tun«. Doch der Weise gebot ihm: »Du musst mir erlauben, dass ich Dich auf diese Weise schütze.«

Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, sagte der junge Ibrahim zu seinem Sheikh: »Nun beginnt ein neuer Tag. Lass mich der Führer sein und Du gehorchst nun mir.« Der Meister war einverstanden.

»Ich werde nun Reisig sammeln, damit wir unser Lagerfeuer machen können«, sagte Ibrahim. »Nein«, rief sein Meister, »du darfst das nicht. Ich werde Reisig sammeln fürs Feuer.« Doch der Junge entgegnete ihm: »Ich gebiete Dir, setz Dich! während ich Reisig sammeln gehe.« Sein Meister aber sagte, dass Ibrahim so etwas nicht tun dürfe, »denn das entspricht nicht den Bedingungen der Schülerschaft, dass der Jünger sich erlaubt, vom Führer sich bedienen zu lassen.«

Damit und bei anderen Gelegenheiten, zeigt der Lehrmeister seinem Schüler Ibrahim auf diese Weise recht anschaulich, was Schülerschaft wirklich bedeutet.

Einige Zeit später erreichten sie die Heilige Stadt, an deren Toren sich ihre Wege aber trennten. Nach ein paar Tagen traf Ibrahim seinen Sheikh wieder, doch aus Verlegenheit wagte er nicht ihm die Augen zu sehen. Der ältere Weise aber sprach: »Was Du da gelernt hast, ist etwas vom Wesen der Schülerschaft.«

Seit damals hatte Ibrahim erkannt, was den Weg eines wahren Sufi ausmacht:

Lass für Dich tun, was für Dich getan wird. Tu für Dich, was Du für Dich tun musst.

In dieser Geschichte, die später der Sufi Ibrahim Al-Khawwas (†904) seinen eigenen Schülern erzählte, veranschaulichte er ganz deutlich den Unterschied zwischen dem, wie sich ein Möchtegern-Schüler die Beziehung zu einem Lehrmeister vorstellt und wie sie aber tatsächlich sein sollte.

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