Angst

Perspektivwechsel

Perspektivwechsel

Ja, es lohnt sich immer, die eigene Perspektive zu ändern. Denn damit lässt sich ein neuer Durchblick erreichen, lassen sich neue Sichtachsen legen auf das was ist, von dem was ist und auch über dem was ist. Kompliziert? Aber nein und wieso im Folgenden:

Es ist ganz einfach neue Sichtweisen zu entwickeln. Man kann etwa das was ist zur Probe einfach in den Gedanken umkehren. Was negativ erscheint positiv sehen. Wie soll das aber gehen?

Alles in der Welt hat seine Licht- und Schattenseiten. Von seitens der etablierten Religionen aber wird meist irrtümlicherweise gedacht, sie würden immer nur auf das Positive hinweisen, also kurz gesagt, einen durch ihre Lehren dazu anzuhalten immer nur auf die helle Seite des Lebens zu schauen.

Nun, generell ist das auch der Weg aus jeder Krise. Denn was nützt einem sich zu "zergrübeln" wenn alles ohnehin schon finster ausschaut? Es nützt nichts.

Irgendwie aber scheint vielen von uns angeboren, für das Finstere Faszination zu haben, immer dann, wenn es uns nicht selbst betrifft. Doch wären wir dazu in der Lage am Schönen und Lichten das Gute wahrzunehmen, ohne darüber zu urteilen, wohl sicher blickten wir in selber Manier auf die Schattenseiten unseres eigenen Lebens.

Wem das gelingt der kann sogar die gesamte Perspektive umdrehen: Was negativ erscheint und als emotional bedrückend, birgt manchmal tatsächlich einen Vorteil. Man ist oft nur zu bekümmert, hierfür die notwendige Energie aufbringen zu können. Doch wenn es zu jeder Lichtseite auch einen Schatten gibt, wodurch ja das Licht überhaupt erst Licht ist, muss es doch zu jedem Schatten auch eine Lichtquelle geben, denn ohne sie wäre da kein Schatten.

Klingt das einleuchtend?

Wo liegt die Quelle des Lichts, dass den Schatten umfließt?

Was an dieser Schattenseite ist in Wirklichkeit ein Vorteil?

Welchen Effekt hat das, was man gerade Negatives erlebt?

Welchen negativen Effekt hat es vielleicht jetzt, doch wo liegt der Lichtblick in der Zukunft?

 

All das sind Fragen, die sich nicht sofort beantworten lassen. Voraussetzung aber aus einer negativen Situation, durch einen entsprechenden Perspektivwechsel, die darin im Dunklen liegenden Vorteile zu erkennen, bedarf es

  1. eines Annehmens dieser Situation,
  2. geduldigen Beobachtens,
  3. eines grundsätzlichen Optimismus' und
  4. eines achtsamen Lebens im Hier und Jetzt.

Dies sind vier Eckpfeiler zur Errichtung der nächsten Stufe, auf die wir uns durch unsere Probleme, Schmerzen, Enttäuschungen, Ängste, Traurigkeiten und Schwierigkeiten tatsächlich über unser bisheriges Leben erheben können. Vorausgesetzt wir wollen nicht, dass alles so bleibt wie es immer war.

 

Leid und Freuden, Freude und Leidenschaft

von S. Levent Oezkan

Welchem Zweck dient all das viele Leid auf Erden? Was sind seine wahren Ursachen? Auf solche Fragen haben manche vielleicht eine plausible Antwort. Wer aber das Feld dieser Problematik betritt, über Leid und seine Ursachen spricht oder schreibt, sollte nicht verallgemeinern. Zumal Leid immer etwas Persönliches ist – auch dann, wenn etwa wegen eines Vorfalls viele Menschen gleichzeitig leiden.

Auch die Geografie ist wesentlich, für das Verständnis und die Erklärung von Leidursachen. Denn worunter Menschen in den Industrieländern leiden, mag Menschen aus Staaten in denen große Armut herrscht, recht fragwürdig erscheinen. Mitleidsempfindungen scheinen sich proportional zum Gefälle zwischen reich und arm zu verhalten. Damit ist Leid etwas Relatives – besonders im Wissen, dass die Menschen ihr Leid ja auf verschiedenen Ebenen des Seins bekümmert.

Das Wort »Leid« wird aber ebenso verwendet um den Gemütszustand eines depressiven Menschen, mit dem eines Hungernden zu bezeichnen. Echt schwierig wird's dann aber, wenn einer versucht einheitliche Regeln festlegen zu wollen, die zur Auflösung von Leidursachen führen sollen. Doch genau das geschieht, wenn in manchen Glaubensgemeinschaften das Konzept »Leid« religiös generalisiert wird. Dann nämlich treten die Atheisten auf den Plan und stellen die Frage: Warum muss es Leid geben, wenn ein allmächtiger Gott über Gut und Böse verfügt? Hätte ein so omnipotentes Wesen vollkommener Intelligenz, nicht eine Welt erschaffen können, worin seine Geschöpfe ohne Leid leben?

Das sind durchweg berechtigte Fragen, zu denen wir im Folgenden Antworten finden wollen.

Freiheit der Wahl

Der Mensch hat eine relative Freiheit zu entscheiden, zu tun und zu lassen was er will. Doch zuvor legt ihn sein Unterbewusstsein auf das fest, wofür er sich letztendlich entscheidet. Seiner Wahlfreiheit ist damit nur ein gewisser Spielraum gesetzt. Normen prägen Bewusstseinsmotive, die das Unbewusste begrenzen. Auf dieser Grundlage entscheidet ein Mensch welchen Weg er geht. Vorausgesetzt natürlich, ihm sind die Optionen seines Handlungsspielraums bewusst.

Jeder von uns mag wählen, ob er höheren Zielen zustrebt oder sich damit zufrieden gibt, sich allein niederen Instinkten zu überlassen. Gewiss aber lastet dabei auf ihm immer auch ein Teil des Gesamtwillens der Gesellschaft in der er lebt. Nur in seiner sexuellen Freiheit scheint der Mensch uneingeschränkt zu bleiben. Und so werden Leidenschaften als Vorwand ausgelebt, um wichtige Leidursachen zu verharmlosen und vor sich nicht zugeben zu müssen. Doch daraus wird heutzutage eine Menge Kapital geschlagen.

Je mehr Möglichkeiten sich uns bieten, desto schwerer fällt die Entscheidung. Statt sich zu bewegen, kommt es irgendwann zum Stillstand. Was aber wäre, wenn einem Menschen keine Wahl bleibt? Er bliebe einfach in Bewegung, ohne innezuhalten und sich zu fragen: Schlage ich diesen oder jenen Weg ein? Verlöre der Wunsch nach Freiheit dann nicht an Bedeutung?

In dieser Welt scheinen sich unzählige Gelegenheiten zu bieten, wegen denen wir unsere Wahlfreiheit bemühen, um dies oder das zu tun. Doch sind das echte Mühen? Oder versinken wir in Wirklichkeit nur immer tiefer in eine Art Schlaf, aus dem uns nur noch Leid erwachen lässt? Wenn das der Fall wäre, würde wohl das Wissen darüber verloren gehen, was einem selbst, geschweige denn anderen wirklich gut tut. Doch dieses Wissen ist ja die Grundlage des Zusammenlebens überhaupt. Und wer auf der Welt kann alleine überleben?

Die Gleichnis von der Schlange am Baum

Wenn wir als Mensch nun über die Fähigkeit zu entscheiden verfügen, bedeutet das trotzdem nicht, dass wir auch tatsächlich selbst auswählen. Meist laufen eigene Wünsche mit denen anderer zusammen oder entstehen sogar erst, wenn gewisse äußere Einflüsse an Bedeutung gewinnen.

Die biblische Symbolik der Schlange am Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösen, deutet hin auf den Zwist der Kräfte von Licht und Finsternis, von Leben und Tod, von Freuden und Leiden. Dieses uralte Thema verdichtete sich vor ungefähr 2000 Jahren, zum zentralen Symbol der Christenheit: dem gekreuzigten Messias. So wie die Schlange sich zwischen den Ästen des Baumes der Erkenntnis emporwand, so richtete man den Leib Christi am Kreuzesbaum auf, als ultimatives Symbol für die Auflösung jener Ursünde, zur Erretung der Menschheit.

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden.

- Johannes 3:14

Die christlichen Evangelien beschreiben Jesus als den Erlöser, der die Menschen heilte und den Unglücklichen half. Doch er tat das nicht seiner selbst willen, sondern opferte sich allen auf, für seine göttliche Bestimmung. Er trat den Leidensweg also freiwillig an, was offensichtlich genau das Gegenteil davon ist, wonach wir in unserem tagtäglichen Leben heute suchen: die Vermeidung von Leid.

Da ist eigentlich nichts, was dieses Streben in Frage stellen könnte, als ein kleines, jedoch nicht unbedeutendes Detail: Wenn wir uns erinnern, als wir selbst einmal gelitten haben oder durch eine sehr schwere und beengende Lebensphase gingen, war es da nicht so, dass wir danach klüger waren und uns ähnliche Leiderfahrungen viel weniger schmerzlich erschienen? Was man einst durchstand, wiederholt sich niemals auf selbe Weise, sondern ist als solches mit dem Durchschreiten der Leiden oder der Angst, auf immer gebannt. Man eignete sich dann nämlich, wenn vielleicht auch ungewollt, das nötige Handwerkszeug an, um in der Zukunft ähnlichen Problemen mit mehr Gelassenheit zu begegnen.

Ängste und Leiden zu überstehen, sind unsere wichtigsten Lektionen in der Schule des Lebens. Sie bereiten uns vor auf das, was man das ultimative Ziel im Leben nennt: den Tod.

Ewiges Leben ohne Leidenschaft?

Nun versucht jeder vernünftige Mensch, möglichem Leid oder dem noch schlimmeren Risiko des Todes, aus dem Weg zu gehen. Es ist ratsam und auch gesund davon auszugehen, dass wir in diese Welt geboren wurden, um ein angenehmes Leben zu führen. Weder Leid noch Tod aber, lassen sich vermeiden – auch wenn gegenwärtig manche Wissenschaftler forschen, ob der Tod nicht sogar überwunden werden könnte, in dem man den menschlichen Geist digitalisiert und auf einem Medium außerhalb des Körpers sichert. Wenn es damit sogar tatsächlich gelänge, ein elektronisches, selbst-denkendes System zu kreieren, das von einem Informationsträger aus agiert, stellt sich die Frage, wie es dann aussieht mit dem freien Willen dieses Denksystems?

Wieso außerdem, sollte diese digitale Kopie überhaupt fortleben wollen? Auf den ersten Blick ließe sich damit vielleicht der »vollständige Tod« umgehen. Doch was ist, wenn man bereits zu Lebzeiten eine digitale Kopie seines Geistes mehrfach erstellen ließe? Welche davon bliebe dann das eigentliche Ich? Und was würde geschehen, wenn nun eine dieser Kopien die Daseinsexistenz des Originals anzweifelte oder ihr sogar das Lebensrecht abspräche: Würden so nicht noch mehr Quellen des Leids entstehen?

Solche Fragen mögen heute vielleicht noch etwas fantastisch anmuten, doch es dauert keine Jahrzehnte mehr, bis so etwas tatsächlich möglich ist. Dann wäre die Frage wirklich berechtigt, ob der Wunsch Leben, Fühlen und Denken zu überlisten, zur Quelle unsäglichen Leids führen könnte.

Zu denken was man ist

Der wahrscheinlich größte Teil, auch körperlicher Leiden, steht in direktem Zusammenhang mit dem Denken eines Menschen. Denn so wie es in der physischen Welt Gesetze gibt, die Ordnung und Stabilität sichern sollen, so gibt es auch geistige Gesetze, die sich begünstigend auf das gesamte Leben auswirken.

Ganz wenige Menschen nur haben die natürliche Veranlagung positiv zu denken. Die Wertung »positives Denken« mag manchen schon recht abgedroschen erscheinen, was aber wohl nur daran liegt, dass sie es nie wirklich versucht haben. Es hilft eben nicht, alleine nur ein gutes Buch über bessere Lebensführung oder Ernährung zu lesen. Nur wer tagtäglich zur Entwicklung seiner konstruktiver Weltsicht durch richtiges Denken beiträgt, wird positive Resultate ernten, die irgendwann auch auf seine Umwelt übergehen.

Jeder Schöpfung geht ein Gedanke voraus und Denken ist eine kreative Kraft, mit der man äußert vorsichtig umgehen sollte. Zweifel, Sorgen und Ängste scheinen Unglück regelrecht einzuladen. Und wer sein Bewusstsein ständig mit Negativinformationen beeindruckt, darf sich nicht wundern, wenn sich diese auch irgendwann als leidvolle Erfahrungen im Leben manifestieren.

Wir sind was wir denken, und was wir denken wird zu dem, was uns in unserem Leben begegnet. Man sollte sich darum immer wieder daran erinnern, dass Ängste tatsächlich in Erfüllung gehen, vielleicht noch schneller, als man denkt. Das Selbe aber gilt auch für unsere Wünsche. Doch Vorsicht! Viele von uns nämlich erhoffen sich dies und das im Leben, einen Liebespartner, mehr Geld oder Gesundheit, sind aber mental noch gar nicht auf die Erfüllung des Wunsches vorbereitet. Und wenn sich diese Wünsche dann erfüllen, hat man sich vielleicht alles ganz anders vorgestellt. Jeder von uns ändert sich ständig. Und wenn so ein Wunsch sich erfüllt, sind wir vielleicht bereits über ihn hinausgewachsen und er erscheint uns womöglich unbedeutend.

Oft sind außerdem viele der Wünsche die wir hegen, die Wünsche anderer, die sich nur als unsere eigenen ausgeben. Hierzu zählen sicherlich all die Moden, die wir alle mehr oder minder mitmachen. Individualismus scheint dazu ein wirksames Gegenmodell, dass sich dem Wahn aufoktroyierter Sehnsüchte zu entziehen versucht. Wer das aber als Lebensmotto wählt, dürfte irgendwann die leidvolle Erfahrung machen, das man mit so etwas sehr schnell vereinsamt.

Herren des Seelengifts

Schwierig wird es, wenn Regierungen mancher Staaten Steuergelder verschwenden, um den Menschen Ideologien einzubläuen, die sie gegen anders gesinnte Menschen aufbringen. Das scheint besonders heute sehr einfach zu gelingen, bei all den Falschmeldungen in sozialen Medien. Bestes Beispiel ist die Verteufelung des Islam. Doch auch die Lächerlichkeit mit der über christliche Gläubige geurteilt wird, basiert auf eigentlicher Unwissenheit.

Wenn auch indirekt, ist es die Unwissenheit unter der die Menschheit gegenwärtig am meisten leidet. Der Großteil der Weltbevölkerung hat eben nicht die leiseste Ahnung von der Kraft unserer Gedanken. Einem verständigen Menschen dürfte das aber vollkommen absurd erscheinen.

Statt das Regierungen riesige Geldmengen bewegen, um damit Hass zu schüren, gegen die Mitglieder einer anderen Gemeinschaft, bedürfte es viel weniger Geld die Mittel zur Verfügung zu stellen, um in den Köpfen der Menschen, durch entsprechendes Wissen, zuerst einmal Frieden zu schaffen – ist es doch der Frieden, der den Menschen in der Gemeinschaft stärkt.

Gemeinsam eine Menschheit

Immer mehr scheint das Verständnis über das gemeinsame Miteinander zu schwinden. Begriffe wie Brüderlichkeit und Menschlichkeit, empfinden viele nur noch als Erinnerungen aus alter Zeit. Unzählige junge Menschen »üben« Zerstörung und Krieg, wenn auch »nur« im Spiel. Wo aber verläuft die Grenze?

In diesem Bewusstsein entsteht eine vollständige Entfremdung von dem, was Menschsein eigentlich ausmacht: das Anteil haben am Leben der Anderen, nicht um einen Zweck zu erfüllen, sondern weil alle Menschen auf diesem Planeten aufeinander angewiesen sind – direkt oder indirekt. Jeder Mensch ist Teil unserer gesamten Menschheit. Nur, wie viele Menschen erinnern sich daran, bevor sie morgens das Haus verlassen?

Jeder von uns ist unlösbar verbunden mit dem Rest der Menschheit. Denn was andere tun, sagen und denken, beeinflusst unser Leben, unser Schicksal und trägt zu unserem Glück oder Unglück bei. Was wir unserem Nächsten antun, tun wir gewiss der ganzen Menschheit an. Und so lange auch nur ein Mensch leidet, hält das Leid der Menschheit an.

»Geld heilt alle Wunden«

Viele glauben, dass wenn sie nur genügend Geld hätten, sich ihre Probleme lösen ließen. Armut aber ist nur einer der vielen Gründe für Kummer und Sorgen. Wenn nämlich allein Geld die Schwierigkeiten in der Welt lösen könnte, hätten die Reichen keine Probleme mehr. So mag es vielen auch erscheinen, doch in Wirklichkeit ist das nur eine Seite der Wahrheit.

Sorgen die Geld zu heilen vermag, sind keine wirklichen Sorgen. Der Besitz und Verlust von Geld jedoch, führt manchmal zu viel größeren Tragödien, besonders dann, wenn damit menschliche Enttäuschungen, Trennungen und der Schmerz der Einsamkeit einher gehen.

Manche, sehr reiche Menschen scheinen ein unbeschwertes Leben zu führen. Doch nur sie wissen welche Last ihre Herzen bedrückt. Wer hinter die Fassaden vermeintlichen Glücks schauen könnte, würde sich wohl wundern zu sehen, dass es keinen Menschen gibt, der ohne Last beladen auf dieser Erde wandelt.

Geld an sich versklavt den Menschen, doch wir alle brauchen das Geld. Je mehr wir davon aber haben, desto eher neigen wir dazu Dinge zu tun, die sich gegen unser gutes Gewissen richten. Denn Geld will nicht nur besessen werden, es will auch beschützt sein. Und je mehr Geld einer hat, desto größer die Gefahr, dass es ihn darum zu seinem eigenen Sklaven macht.

Kein Leid ohne Freude - keine Süße ohne Bitternis

Jeder der schon einmal gezwungen war sich durch eine schwierige Phase in seinem Leben zu drängen, der weiß nur zu gut wie es sich anfühlt, wenn die schweren Fesseln der Sorgen fallen. Vielleicht war es die Einstellung, die einer der Sache gegenüber hatte, die mühevolle Überwindung etwas zu schaffen, vor dem er sich bisher fürchtete. Doch ist das erst einmal erfolgt, lösen sich die dunklen Wolken der Angst schnell auf.

Wenn man der wortgetreuen Bedeutung der Begriffe »Freuden« und »Leidenschaften« nachgeht, könnte man den Eindruck gewinnen, als seien auch Freude und Leid irgendwie miteinander verwandt. Könnte es sogar sein, dass sie sich gegenseitig bedingen?

Fest steht, dass Freude nur erfahren werden kann, wenn man auch weiß was Leid ist. Man denke an die Kinder, die wegen jeder Kleinigkeit in Geheul ausbrechen. Und dann wieder ist ihr freudiges Lächeln so süß, dass auch Erwachsene zu grinsen beginnen.

Wir können Freude nur empfinden, wenn wir im Leben auch schonmal vom Leid kosteten. Ohne Schatten kein Licht, ohne Klang keine Stille, ohne Bitterkeit keine Süße. Etwas lässt sich nur als gut bemessen, wenn wir auch schon Schlechtes, Nachteile und Unwohlsein erfuhren. Keine Unendlichkeit ohne Begrenzungen im Raum, keine Wahrheit ohne vom Irrtum zu wissen!

Immer vergleicht der Mensch die Gegensätze – im Geist und im Gefühlten. Wie, als nur durch den Vergleich, sollte ein Mensch darum Freude genießen, wenn ihm niemals Leid widerfuhr? Nur wer schonmal Schmerzen überwunden hat, kann Wonne genießen. Niemand kann andauernde Wohlgefühle haben. Gewohnte Harmonie nehmen wir nur dann als Glück wahr, wenn sie sich wieder einstellt, nach unmittelbar vorangegangenem Unglück. Für einen weisen Menschen liegt Wonne bereits darin, zu erkennen, dass man gerade kein Leid erfährt.

Den Leidensweg zu Ende gehen

Unsere Zivilisation pflegt eine regelrechte Leid-Vermeidungs-Kultur. Die Ursprünge dessen liegen wohl sehr weit in der Vergangenheit, als sich der Großteil der Menschheit vom Nomadentum verabschiedete, um sesshaft zu werden. Man lagerte Vorräte und die dort verwahrten Güter mussten in Speichern beschützt werden. Das war auch die Zeit der ersten Könige, die ihre Männer in Armeen scharten, um über ihre Äcker und Ländereien zu wachen.

Wer mehr besaß, wurde beneidet, was letztendlich Missgunst anderer aufbrachte. Räuber kamen und wurden bekämpft. Das aber sollte sich dereinst zur grausamsten Ursache allen Leids verschlimmern: dem Krieg.

Die Vermeidung von Leid in unserer heutigen Zeit, ergibt sich, wie schon damals, allein aus der Unwissenheit des eigentlichen Zwecks der Leiden. Es kann also vorkommen, dass ein leidender Mensch seinen Leidensweg nicht zu Ende geht. Dann bleibt er stehen, erträgt willig was geschieht und sagt zu allem Ja. Damit glauben die meisten tatsächlich bereits die höchste Stufe des Seins erlangt zu haben. Mit Glück und Freude hat das aber nichts zu tun. Viele darunter werden zu Nörglern oder Kritikern, da sie, wenn auch unwissend, sich nur am Schaden der Anderen erfreuen. Doch gleichzeitig fürchten sie sich panisch davor, dass ihr Leben nur begrenzt ist. Würden diese Menschen aber verstehen, das sie sich nur durch Leiden über diese Furcht erheben können, gelänge es ihnen auch diese Begrenzungen zu überwinden. Doch die Gewohnheit hält sie davon ab.

Vielleicht ist es auch die über viele Jahrhunderte missverstandene Bedeutung jenes berühmten Leidensweges Christi. Jesus warb nicht für obligatorischen Jammer, sondern versuchte den Menschen zu verdeutlichen sich nicht gegen das Leid zu stellen, sondern es durchzustehen, um letztendlich Freude zu ernten. Das aber setzt voraus, dass man überhaupt erst einmal gelernt hat sich zu freuen!

Die Ehrfurcht vor Verboten, Strafen und Züchtigungen – die es in allen Religionen gibt – hält viele davon ab sich aus den Fesseln des Leids zu lösen und sich endlich auch einmal zu freuen. Ist das aber nicht eine Verleugnung des eigenen Schmerzes, ein Verbergen der Tränen unter einem Lächeln, das eigentlich nur ein allzu leidendes, allzu verwundbares Gemüt verbirgt?

Aus der Tiefe des Leids strebt zwar keine Heiterkeit oder Sorglosigkeit empor, doch wer das Leben grundsätzlich bejaht – auch in Zeiten von Not, Schmerz oder Sorgen –, entwickelt ein natürliches Vertrauen dafür, dass kein Problem endgültig ist.

Der Weg geht vom Leiden müssen, durch Leiden wollen, zum Leiden können und schließlich zur Heiligung des Leids. Doch ist dabei der Blick nicht auf das Leid zu richten, sondern auf eine sicher kommende Erheiterung.

Unsere Leiden sind nie das Ziel, immer nur der Weg – der Weg zur Freude, zum Strahlen und zum Licht.

 

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Kein Grund zur Angst

Kein Grund zur Angst

Das Wort Angst ist indogermanischen Ursprungs und setzt sich zusammen aus den Wörtern angh – »Enge«, und st – »was dazu gehört«. Also ist Angst etwas, dass zur Enge gehört. Was bedeutet das?

Es weißt wohl hin auf das Empfinden, dass jemand hat, der Angst verspürt: Ein beengender Druck im Brust- und Schulterbereich und ein Gefühl anscheinender Ausweglosigkeit.

Angst basiert aber meist nur auf Unwissenheit. Wer wegen eines bevorstehenden Ereignisses Angst spürt, kennt wahrscheinlich nur einen, oder zumindest nur sehr wenige Wege, sich einem beängstigenden Zeitpunkt zu nähern.

Meist ist es aber eben genau die Angst selbst, die einen blind macht für die Vielzahl von Alternativen. Und wenn man sich nun fürchtet, etwas könnte schief gehen oder man könnte versagen oder etwas oder jemanden verlieren, führt meist genau diese Furcht dazu, dass das auch eintritt. Wieso? Weil man sich zur Angst ins Verhältnis setzt, man der Plus- zum Minuspol wird. Das heißt, man schreibt dem Verhältnis vom Ich und dem Ereignis, übermäßige Wichtigkeit zu.

Vielleicht aber haben sie schon öfter einmal die Erfahrung gemacht, dass Ihnen Dinge mit Leichtigkeit gelingen, die Ihnen nicht wichtig sind. Was ist damit gemeint?

Sie haben zum Beispiel Lust etwas Bestimmtes zu unternehmen. Doch es ist Ihnen gleich, ob es am Ende genau so ist wie ausgemalt, oder sich eine Alternative ebenso gut eignet. Das könnte etwa ein Ausflug oder eine kleine Reise sein. Es ist Ihnen nicht wichtig und sie fahren oder laufen einfach drauf los und nehmen die Dinge so wie sie kommen. Nichts leichter als das, nicht wahr?

Wenn sich unterwegs nun Schwierigkeiten ergäben, würden Sie einfach direkt handeln. Wenn etwas Ihren Weg auf Ihrem Spaziergang versperrt, dann suchen Sie sich eben einen Um- oder Ausweg. Wovor sollten Sie nun also Angst haben? Das Selbe gälte in Ihrer Küche. Entweder Sie kochen das eine oder das andere Mahl. Und wenn das eine Gewürz gerade aufgebraucht ist, dann verwenden Sie eben ein anderes. Doch Angst?

Natürlich ist all das bei Bewerbungsgesprächen, unserem ersten Treffen mit unserem begehrten Lebenspartner oder anderen bedeutungsvollen Ereignissen, offenbar eine andere Sache. Doch ist das wirklich so? Es liegt eigentlich nur an unserer Bewertung, wie »schwerwiegend« eine Sache für uns ist. Der Ursprung des Wortes »wichtig«, liegt im mittelhochdeutschen wihtec – das Gewicht.

Nicht ohne Grund fühlt man sich »erleichtert«, wenn man um ein bevorstehendes Ereignis bangte, dass man dann aber überstanden hat.

Haben wir etwas ausgestanden, weiten wir danach unsere Brust und atmen tief durch. Das können Sie gleich jetzt mal üben: tief durchatmen tut gut.

Bei manchen von uns, ist der Brustbereich aber dermaßen verengt, dass Atmen bereits schwer fällt und durch den offenem Mund erfolgen muss. Doch was ist mit Ihrem Bauch? Nehmen Sie ihn beim Tief durchatmen auch zu Hilfe? Atmen Sie durch die Nase oder ist ihr Mund offen? Spüren Sie den Unterschied? Durch den Mund können Sie niemals so tief einatmen, wie durch die Nase!

Ein Gefühl der Weltenge

Wir leben in einer Welt voller Angstreize. Ein ängstliches Volk lässt sich besser steuern. Denken Sie nur, Sie rannten in Todesangst vor etwas davon. Jedem ruhig erscheinenden Menschen auf dem Weg würden sie sofort glauben, sagte er zu ihnen »Lauf nach links, lauf nach rechts«. Das Fernsehen scheint voller solcher beruhigenden Gesichter zu sein. Manche davon, meist in den Nachrichten, geben sogar noch genaue Anweisungen. Und sind es nicht solche, sind es eben andere, die uns an unsere Angst erinnern – die schreien, die befehlen, die drängen uns etwas zu erstreben, das wir eigentlich gar nicht wollen und ebenso wenig brauchen.

Wenn Sie in Panik sind, ist nur noch ihr sogenanntes Reptilienhirn aktiv. Ihr Vernunftdenken aber ist komplett deaktiviert.

Wird dieser Zustand, auch in verminderter Form, über längere Zeit, immer wieder erfahren, spricht das Bewusstsein besonders auf die niedrigen Instinkte an, wie Hunger oder das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung. Angst drängt den Menschen dann, zu all den Ausflüchten, an die man sich nur all zu leicht gewöhnen kann. Selbst dann, wenn Sie anderen oder einem selbst schaden. Besonders unsere sexuelle Freiheit, wird dann unglaublich wichtig, auch wenn sie sich vielleicht nicht wie gewünscht befriedigen lässt.

Sicher wäre der erste Schritt sich von allerhand alltäglichen Ängsten zu befreien, zunächst einmal die eigene Wichtigkeit zu verlieren, nicht mehr auf Irritationen zu reagieren und sich tagtäglich bewusst zu machen: es könnte heute auch alles ganz anders sein und vielleicht ist es sogar mein letzter Tag! Denn letztendlich ist es doch der Tod, vor dem wir uns alle fürchten. Daher weihte man die Krieger in alter Zeit, in die Geheimnisse des Todes ein. Im Mithraskult und anderen Geheimkulten, wurden die Initianden an die Todesgrenze herangeführt.

Ähnliche Rituale werden bis heute wohl auch von den indigenen Völkern Amerikas praktiziert. Dabei machen die Krieger eine Erfahrung, die ihnen die wesentlichen Aspekte des Selbst bewusst macht. Wer diese Einweihung erhielt, hat bereits vom Tod geschmeckt und ist von da an frei von alltäglichen Ängsten.

Aber auch die schwierigen Probleme im Leben, vor denen viele davonlaufen, sind ein Wink aus dieser Richtung unseres eigentlichen Endes. Wer sich den wirklich schwierigen Herausforderungen im Leben aber stellt und sie so annimmt wie sie eben gerade sind, der wird sich ihnen auch ohne große Furcht stellen können – vorausgesetzt: Leichtigkeit ersetzt die eigene Wichtigkeit.

 

Raus aus der Angst! Hinein ins Vergnügen?

von S. Levent Oezkan

Landschaft mit Seiltänzer, Gemälde von Joachim Kupke

Leben wir gerade in sehr turbulenten Zeiten? Oder war die Welt schon immer wild? Zumindest kann noch keiner genau sagen: Wohin werden uns die Entwicklungen moderner Technologie führen? Ebenso unklar die politische Richtung, der das globale Weltgeschehen zustrebt. Doch auch morgen wird sich unser Planet unaufhaltsam durch den Kosmos drehen und die Sonne wohl im Osten aufgehen.

Bei allen Befürchtungen und Ängsten weiß nicht, welche großartigen Vorteile uns die Zukunft bescheren wird. Gestalten wir nicht sogar selbst die Zukunft – wir alle zusammen?

Die große Flut an moderner Technologie, die man als „vierte industrielle Revolution“ bezeichnet, bringt unvorhersehbare Veränderungen. Niemand kann heute sagen wohin diese Entwicklung bis 2029 steuert. Nie war deutlicher: das äußere Leben ist von Unsicherheit geprägt!

Am Leben teilzunehmen

In unserer Zeit sehen die meisten Menschen ihr Leben getrennt von sich, so als spielte es sich vor ihnen ab. Freiheit bedeutet für sie, sich zu dem in Bezug zu setzen, was sich um sie herum abspielt: Negatives wie Positives. Sie nehmen an etwas Teil, sind wie Zuschauer die ihr Leben auf einer Filmleinwand anschauen. Der größte Teil der Menschen in den Industrienationen fühlt den Lebensstrom darum nur als passiver Beobachter. Daher glauben die meisten Menschen, dass sie auf die Gunst des Schicksals angewiesen sind.

Es gibt aber auch welche für die das Leben wie ein Fluss aus ihnen heraus sich in die Welt ergießt. Solche Menschen wissen, dass sie die Ursachen für die Gestaltung ihres Lebens selbst gestalten.

Wer am Leben einfach nur teilnimmt, versucht sich am Kreislauf der Wiederholungen festzuhalten. Was einschätzbar ist suggeriert Sicherheit und gibt Halt. Was nicht abschätzbar ist macht Angst. Entsprechend klein ist die Motivation das Leben neu zu gestalten. Der Glaube das sich das Leben verändert fällt proportional zum Wunsch nach Normalität, da man glaubt das Leben entfalte sich unabhängig vom Selbst.

Auch wenn die ewige Wiederholung Sicherheit suggeriert, entsteht viel Langweile und Frustration. Dafür sollen Ersatzbefriedigungen herhalten und im Denken ein Gefühl der Freiheit entstehen lassen – denn der Trott ist nichts als Unfreiheit. So entwickelt man Kaufsüchte, isst mehr als nötig, versuchen sich zu Vergnügen, durch übermäßigen Sex, Spiele oder Räusche. Auch Sport oder Bücher sind als Ersatzbefriedigung problematisch. Ist aber das Vergnügen nicht ein Ver-Genügen – ein sich Abfinden mit dem was man nicht hat, aus Angst vor der eigentlichen Unsicherheit im Leben? Sind Angst und Vergnügen vielleicht sogar die beiden Seiten der selben Münze?

Ersatzbefriedigungen täuschen uns darüber hinweg, dass das Leben sich einfach nur abwickelt, bis das Ende der „Lebensschnur“ sich von der Spule des Seins gelöst hat und man stirbt. Was aber hat man hinterlassen?

Wie uns buddhistische Weise lehren, öffnet die Suche nach Befriedigung durch Vergnügen, das Tor zu allem Jammer und Elend in der Welt. Doch davon haben wir bereits mehr als wir bewältigen können.

Sicherheit um jeden Preis

Die meisten von uns versuchen sich viele Sicherheiten im Leben zu verschaffen: durch einen sicheren Job, durch eine Lebensversicherung, durch einen sicheren Partner, durch sichere Freunde. Doch der Kreis all dieser Sicherheiten, in dem sich ihr ganzes Leben dreht wird immer enger – und Enge erzeugt Frustration und Angst (= indogermanisch angh: „das, was zur Enge gehört“).

Da wir in unsicheren Zeiten leben, haben immer mehr Menschen Angst und leiden an Depressionen, fühlen sich niedergeschlagen, hilflos. Es ist aber auch die Angst davor, den Trott der sicheren Gewohnheit zu durchbrechen. Das ist kein Vorwurf! Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Was für den einen unmöglich wäre, erträgt ein anderer scheinbar problemlos – denn er hat sich wohl an seine Situation gewöhnt. Einer arbeitet unter sehr unerfreulichen Bedingungen, ein anderer hat sich abgefunden mit der Abhängigkeit von fremder Hilfe. In beiden Fällen aber fehlt etwas. Man verweigert sich der Veränderung dessen was ist – fühlt sich schlimmstenfalls als Opfer und den Launen des Lebens ausgeliefert.

Manchmal aber geschieht Unvorhersehbares. Besonders Unangenehmes schafft Ärger oder Angst. Ist Gewohnheit aber nicht eine Zivilisationskrankheit? Bevor die Menschen begannen Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, lebten sie als Nomaden. Jeder Tag war anders. Wahrscheinlich aber ging es den Menschen sogar besser, bevor sich die landwirtschaftliche Revolution vor etwa 12.000 Jahren ereignete. Das vermuten heute immer mehr Wissenschaftler. Archäologische Funde beweisen, dass die alten Menschen viel stärkere Knochen und auch bessere Zähne besaßen. Das ist auf die Aufnahme von mehr Sonnenlicht zurückzuführen, was natürlich derjenige unterlässt, der sich die meiste Zeit in geschlossenen Räumen aufhält. Ist die Menge an aufgenommenem Sonnenlicht nur gering, wirkt sich das nachteilig auf unsere Gesundheit aus (Stichwort Vitamin-D: diese körpereigene Substanz wirkt als Krebshemmer und wird über die Haut, durch das UV-Licht der Sonne auf natürliche Weise im Körper erzeugt).

Auf der Suche nach neuen Ideen

Es gibt Familien der edelsten Geister. Jeder kann auswählen in welche er aufgenommen werden will. Es gibt viele positive Vorbilder und ausreichend Inspirationen in unserer Welt.

Wenn wir bereit sind aus der passiven Lebenshaltung auszusteigen und nach neuen Ideen zu suchen, können wir tatsächlich unser Leben bereichern. Es ist eine Einstellungssache. Alles was sich in unserem Leben ereignet können wir als Hinweis annehmen. Besonders unangenehme Lebensumstände sind Warnzeichen: „Du sollst Dich verändern!“ Wer immer versucht die Widrigkeiten des Lebens abzuwehren, der schwächt sich. Wer die Energie der Widerstände aber als Antrieb zur Veränderung verwendet, stärkt seinen Lebensfortschritt.

Doch nichts überstürzen: nur ein ruhiges Herz ist stark, ein ruhiger Geist vermögend. Man sollte ganz mäßig ein stilles Gemüt entwickeln und immer aus dieser Stille heraus handelnd, Entscheidungen treffen. Alle Weisheitslehren der Welt sprechen davon. Wer aus der Ruhe heraus handelt schafft Veränderung, bewirkt Wunder und Heilung.

Hindernisse auf dem täglichen Lebensweg

Alle Hindernisse auf dem Lebensweg sind Prüfungen. Ist es nicht so, dass wir stärker, schlauer und weiser sind, wenn wir ein schwieriges Problem gelöst, eine Herausforderung bewältigt haben?

Veränderung aber ist schmerzhaft, fordert Opferbereitschaft. Wer dem gegenüber aufgeschlossen ist der erzeugt in sich neue Sichtweisen, sieht das Leben in einem anderen Licht. Auch die Träume verändern sich. In Träumen können wir alles sein und alles tun. Und je mehr wir uns in unseren Träumen befreien, desto stärker wird sich diese Freiheit auch in unserem realen Leben manifestieren.

Es gilt also Gewohnheiten zu brechen. Man muss keine Revolution auslösen. Doch war es nicht immer so, dass diejenigen Menschen, die trotz aller Widerstände weitergingen – im übertragenen, wie im tatsächlichen Sinne – manchmal auch Gesetzesbrecher waren? Man denke nur an die Ereignisse vor 2000 Jahren in Palästina. Da war ein „Menschensohn“ der das Gesetz – die Tora – gebrochen und damit aber gleichzeitig erfüllt hatte. Damit wurde ein ganz neues Zeitalter eingeleitet. Doch genau hier liegt der Knackpunkt: wer versucht die Errungenschaften anderer zu verwirklichen, ohne in sich die selbe Veränderung errungen zu haben, bringt nur Unheil über seine Mitmenschen. Das hat uns die Geschichte immer wieder gezeigt und viele Religionsgegner auf den Plan gerufen.

Es hilft also keineswegs unsere Vorbilder nur zu imitieren. Wer sein Schicksal selbst in die Hand nehmen möchte, der muss wagen: er muss sich aus der vermeintlichen Sicherheit im Außen lösen. Es gibt einfach keine Sicherheit in dieser Welt – doch es gibt jede Menge Chancen und Gelegenheiten!

Wer erkannt hat, dass es im Zyklus unseres Lebens keine Sicherheit gibt, der kann sich aus der Gewalt der Angst befreien. Es ist jedoch ein Irrglaube, dass irgendein Mensch auf dieser Welt ohne Ängste sei. Wer seine Angst überwindet und etwas wagt, dass er noch nie getan hat, der wird sich davor in Zukunft natürlich nicht mehr fürchten. Wer sich aber beständig verändern will, der wird auch immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die ihn verunsichern, zuweilen ängstigen. Doch wer wagt, dem fließt Hilfe aus der universalen Quelle des Lebens zu. Man denke an all die Heldinnen und Helden der Geschichte, die das Unmögliche gewagt haben. Sie waren es die die Welt verbesserten und damit zum Wohle aller Menschen beitrugen.

 

Titelbild: Landschaft mit Seiltänzer, Gemälde von Joachim Kupke, Quelle: http://bit.ly/2kf2gop

 

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Intuition und Kosmisches Bewusstsein

von S. Levent Oezkan

Wo immer der Blick des Mystikers hinfällt: er kommuniziert mit allen Dingen und allen Wesen. Er lebt vollbewusst in der Gegenwart und schaut mit geistigem Auge in die Seelen der Menschen. Diesem Schauen eröffnen sich die Geheimnisse des Lebens. Vor seinem Blick fallen die Schleier - nichts versucht sich ihm zu verschließen.

Der Mystiker kennt die geistigen Quellen unserer materiellen Welt. Er schaut, was sich jenseits dieser irdischen Ebene befindet. Diese geistige Schau erfolgt mit dem "Auge des Herzens". Was er wahrnimmt, lässt sich nicht in Worte hüllen. Vielmehr fließt ihm das Licht höherer Welten zu. Durch ihn kommt dieses Licht in die irdische Welt zum Wohle aller. Der Mystiker ist ein Künstler, der, was ihm aus der geistigen Welt zuströmt, den Bedürftigen in dieser Welt gibt was sie brauchen. Er gibt Himmlisches dem Irdischen bei.

Ein wahrer Mystiker tratscht nicht rum, was er in der Welt oder an anderen sieht, was jemanden bewegt, besorgt oder erfreut. Daran erkennt man einen weisen Menschen: er muss sich nicht die Angelegenheiten anderer Menschen zu eigen machen, um damit seine Person aufzuwerten. Dem Mystiker ist einfach nicht möglich über das zu reden was er wahrnimmt, denn was auch immer gesagt werden könnte, ist eben keine Mystik; was immer man in Worten ausdrücken könnte, verkleinert das, was Mystik tatsächlich ist. Geschriebene oder gesprochene Worte halten die Wirklichkeit fest. Mystik heißt: werden - und streng genommen nicht etwas, wovon man hören oder lesen kann. Alles was aufgeschrieben wurde, alles was mit Worten beschrieben wird, kommt aus der Vergangenheit. Es sind also Beschreibungen dessen, was menschlicher Sinn vernommen hat. Der Mystiker versucht darum Mund und Augen zu verschließen. Er blickt mit seinen nicht-physischen Organ in die geistige Welt, sieht in die Dinge hinein, schaut sie unmittelbar an (lat. intuitio).

Das ganze Werk unseres Lebens zielt darauf hin, die Augen unseres Herzens zu heilen, so dass sie fähig werden, Gott zu schauen.

- Augustinus

Der Mystiker hat sein inneres Auge geheilt, sein Herzen von weltlicher Begierde entkleidet. Nicht dass er dabei besonders ambitioniert war. Statt dessen gibt er sich in intuitiver Versenkung dem Sein einer Sache hin - einem Lebewesen oder einer kosmischen Struktur.

Der schwedische Wissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg - ewigeweisheit.de

Der schwedische Wissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg (1688-1772). Portrait von Per Krafft dem Älteren.

Wort und Offenbarung

Ist die Sprache der heiligen Schriften nur eine Hülle der Wahrheit? Oder sind die biblischen Worte als Ganzes, und in ihren Einzelheiten göttlich?

Worte die gegenwärtige Ereignisse schildern, sind nicht das Selbe wie heilige Worte die aus der geistigen Welt stammen. Solche Worte bezeichnen das Wahre. Sie werden aus der universalen Einheit geführt und nicht durch den Willen eines Menschen. Die Worte etwa, die wir im Buch der Weisheit König Salomos oder in den Psalmen Davids lesen, enthalten eine heilige Kraft, geben Führung. Das gilt auch für die christlichen Evangelien, die indischen Upanischaden, die Verse des Koran oder die Worte des Tao-Te-Ging. Sie waren nicht die Worte ihrer Verfasser, sondern wurden inspiriert aus der geistigen Welt. Sie sprach durch sie; nur durch einen "erleuchteten Empfänger" konnten sie schriftlich niedergelegt werden.

Das Wort (Gottes) wird nur von Erleuchteten verstanden. Die menschliche Vernunft kann nichts Göttliches, nicht einmal Geistiges erfassen, wenn sie nicht vom Herrn erleuchtet wird. Daher verstehen nur Erleuchtete das Wort. Der Herr ermöglicht denen, die erleuchtet sind, das Wahre zu verstehen und zu erkennen, was sich zu widersprechen scheint. Das Wort stimmt im Buchstabensinn nicht immer mit sich selbst überein und scheint mitunter sich zu widersprechen. Es kann darum von Menschen, die nicht erleuchtet sind, so erklärt und gedreht werden, so dass sich beliebige Meinungen und Irrlehren begründen und beliebige weltliche und körperliche Neigungen begünstigen lassen. Aus dem Worte erleuchtet werden diejenigen, die es aus Liebe zum Wahren und Guten lesen, nicht aber die, die dies aus Liebe zu Ruhm, Gewinn oder Ehre tun, also aus Liebe zu sich selbst.

- Aus Emanuel Swedenborg: Das Weiße Pferd

Im Anfang war Gott allein

Wer Intuition entwickeln möchte, sollte sich eine Zeit lang aus dem alltäglichen Leben zurückziehen und in die Abgeschiedenheit begeben. Nur in Stille kann man den nötigen Sanftmut entwickeln, den jede Form von Intuition voraussetzt. Diese Stille ist notwendig, um uns den geistigen Einflüssen anderer Menschen zu entziehen. Orte der Stille gibt es vielerorts - man muss sie nur suchen. Jetzt mag einer sagen: "ich habe keine Zeit mich aus dem Leben zu entfernen oder mich in die Stille zu begeben." Ja, das ist in unserer heutigen, schnellebigen Zeit ein Problem. Was aber tun die Menschen, neben ihrem Broterwerb? Sie lesen in ihrem Smartphone, schauen fern oder verschwenden ihre Zeit daran, über die Angelegenheiten anderer oder die Nachrichten im Fernsehen zu reden. Authentische Menschen meiden solches Geschwätz. Ihnen erscheint es sinnlos die neusten Skandale im Freundeskreis oder in der Welt zu diskutieren. Ihnen liegen Themen mit Substanz!

Genies sprechen über ihre Vorstellungen; durchschnittlich Intellektuelle diskutieren Ereignisse; Kleingeister sprechen über andere Menschen.

- Eleanor Roosevelt, amerikanische Menschenrechtsaktivistin

Klar, man muss sich mal über andere austauschen. Wer aber eine gute Intuition entwickelt (hat), kann über Dinge Urteilen, auch ohne sich über die Meinungen anderer zu erkundigen. Meinungen sind nur Vermutungen über das Außen, denn etwas zu meinen, heißt nicht zu wissen. Intuition ist aber innere Gewissheit! Unser Unterbewusstsein ist oft über die Dinge wohl informiert - wenn da nicht unsere Vernunft dazwischen funkte!

Intuition hat keine Zeit

Intuition ist die Fähigkeit unvorhersehbare Situationen zu erspüren. Auf der anderen Seite versucht unsere Vernunft die Welt zu bewerten, abzuwägen und aus ihr eine Sache zu machen. Naturphänomene erscheinen dem Vernunftmenschen einfach nur als Sinnesobjekte, die ihr Verstand logisch einzuordnen sucht. Quantenphysiker wissen, dass im feinstofflichen Bereich die Gesetze der Logik verwischen, sie werden "unscharf" und wahre Aussagen über die Wirklichkeit sind dann nicht mehr möglich. Nur mit dem Feingefühl unserer Intuition können wir in der Unordnung komplexer Gegebenheiten, klar sehen. Entscheidungen werden spontan gefällt. Je weniger Zeit da ist, desto intuitiver müssen Entscheidungen getroffen werden.

Wir sollten uns angewöhnen, den ersten intuitiven Eindruck den wir bekommen, abzufangen, bevor er durch unsere Vernunft in Frage gestellt wird. Wir können auch hinterher noch vernünftig sein. Bevor unsere Vernunft das Bewusstsein erreicht, sollten wir ihr die Intuition vorwegnehmen. Es macht darum unbedingt Sinn die Argumente unserer Vernunft immer wieder in Frage zu stellen. Leider ist unsere Vernunft oft wie ein sturer Kontrolleur, der unseren natürlichen Wahrnehmungsfluss unterbricht. Auch Wissenschaftler wissen das. Intuition ist ein stilles Wissen, unbegrenzt und frei von logischen Schranken. Intuition überbietet ständig das Wissen unserer Vernunft - denn Wissen ist an die Sprache gebunden. Intuition aber ist "sprach-los". Sie versucht nicht zu be-schreiben. Wo Sprache einsetzt, da können Zweifel beginnen und wo Zweifel ist, da entsteht Auswahl. Wo es aber keine Wahl gibt, dort zählt nur die Tat!

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer - ewigeweisheit.de

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Radierung von Francisco Goya (1746–1828).

Wie man Ein-Bildungen durch Vor-Stellungen ersetzt

Je komplexer eine Entscheidung, desto mehr sollte man seiner Intuition vertrauen. Mit der Zeit entwickelt der Mystiker die Fähigkeit kreativ zu denken. Er wird nach und nach zum Schöpfer seiner Vorstellungen. Die hierzu nötige Energie bezieht er über das Vehikel seiner Individualität, die er nur durch Innenschau festigen kann. Er sieht die Dinge wie sie sind – ohne das sie verfälscht werden oder von der Wahrheit abweichen. Intuition ist die Voraussetzung für unsere Vorstellungskraft - die Imagination. Einbildung ist genau das Gegenteil davon. Wie schon der Begriff sagt, man bildet sich etwas ein: es ist eine Verstandessache, denn man sucht Bilder im Außen, um ihnen im Innern weitere Bilder beizustellen (die im Übrigen ebenso äußerlich sind). Sich etwas vorstellen bedeutet, darauf zu achten, was vor unserem inneren Auge abläuft. Wer sich Dinge einbildet und für wahr hält, der hat sich von der Quelle seiner Intuition entfernt. Zufällig imaginierte, eingebildete Dinge täuschen uns darüber hinweg was real ist. Um Intuition zu entwickeln braucht man einen Sinn für Authentizität. Das heißt: wer authentisch ist, setzt niemals die Wahrheit aufs Spiel oder versucht einen Mittelweg zwischen Falschem und Richtigem zu finden.

Unser Gehirn: Empfänger und Sender

Äußere Reize bestimmen heute unseren Alltag. Viele Kinder sehen bestimmte Dinge zuerst als Fernseh- oder Computerbild, bevor es ihnen in der Wirklichkeit begegnet und sie den Umgang damit lernen können. Damit werden nicht nur die rationalen Gehirnfunktionen unterbeansprucht; besonders intuitives und kreatives Denken geraten ins Hintertreffen. Kreative, schöpferische Fähigkeiten gehören zum Menschsein aber dazu. Kreativität ist immer eine Tat, während äußere Sinnesreize bestenfalls der Befriedigung unserer Wünsche genügen, sie aber keineswegs endgültig stillen. Zudem verwirrt uns der zunehmende Fluss an wertlosen Informationen. Je mehr sich davon in unserem Geist befindet, desto unsicherer werden wir hinsichtlich unserer Intuition.

Durch Grübeln schränken wir unsere Aufnahmefähigkeit ein. Wer ständig analysiert, kann kaum neue Eindrücke gewinnen – weder äußere noch innere Impulse wahrnehmen. Wer seinen Kopf der Gedanken jedoch entledigt, wird empfänglich, kann Einfühlungsvermögen und Intuition entwickeln. Intuition stammt nicht aus dem persönlichen Wissenszentrum. Vielmehr eröffnet sich dem Intuitiven, Zugriff auf universales Wissen und die Kenntnis basaler Zusammenhänge. So weit wir in die Ferne vordringen können, ebenso tief können wir in unser eigenes, inneres Bewusstsein vordringen – grenzenlos! Intuitive Menschen bewegen sich jenseits ihres Bewusstseins. Sie können universales Bewusstsein in ihre Wahrnehmung aufnehmen – sich in einen Schwebezustand zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung begeben. Ein Teil unseres Gehirns arbeitet produktiv, ein anderer Teil rezeptiv, ein Teil ist Sender, ein anderer Teil Empfänger. Diese wichtigen Arbeitsweisen der beiden Gehirn-Hemisphären (Gehirnhälften) unterscheiden folgende Aufgabenbereichen:

  • Die linke Hemisphäre denkt rational, digital. Hier werden logische Zusammenhänge linear aufgeschlüsselt. Es ist die Gehirnhälfte unseres mathematischen Verstands, der uns hilft Sachverhalte zu analysieren und detaillierte Strukturen in der Welt zu erkennen. Hier befindet sich unser Sprachzentrum.
  • Die rechte Hemisphäre ist intuitiv, analog. Sie ist der assoziative Teil unseres Großhirns, womit wir Musik, Farben, Bilder, Muster und Formen wahrnehmen und abspeichern. Auf dieser Seite nehmen wir die Welt ganzheitlich war. Von hier aus arbeitet unsere Kreativität, da die rechte Gehirnhälfte synthetisch denkt, zusammenfügt und neu erschafft.

Die rechte Hemisphäre steht hierarchisch aber gewissermaßen über der linken Hemisphäre. Sie stehen zueinander wie der Herrscher und sein Diener. Diese Metapher ist folgender Fabel entlehnt:

Es war einmal ein spiritueller Meister, der sich um eine Gemeinschaft Gläubiger kümmerte. Durch sein Wirken kam es zur Hochblüte dieser Gemeinschaft, so dass er sich irgendwann nicht mehr um alle Angelegenheiten der Menschen kümmern konnte. Er konnte sich nicht nur weniger um all die Einzelfälle in seinem Reich kümmern, sondern brauchte unbedingt Hilfe. Bestimmte Arten des Denkens und Handelns waren einfach unvereinbar mit dem Versuch, den Überblick zu behalten. Er wusste, dass er nur durch die nötige Distanz spiritueller Meister dieser Gemeinschaft bleiben konnte. Also beauftragte er einen klugen und gebildeten Abgesandten, der in seinem Namen sich als Stellvertreter um die weltlichen Geschäfte kümmern sollte. Der Abgesandte dachte sich: "Ich weiß alles über die Menschen dieser Gemeinschaft". Diese Einstellung sollte sich aber als Fehler erweisen, denn er kannte nicht die wahre Bedeutung seiner Aufgabe als Abgesandter des Herrschers. Er ärgerte sich und dachte "Was weiß schon dieser Herrscher, wie er dort im Palast auf seinem Hintern sitzt? Ich bin der, der alles weiß! Ich bin der, der mit allem und jedem in Kontakt steht. Ich bin der, der all die harte Arbeit erledigt." Also zog er sich den Mantel des Meisters über, so dass alle in der Öffentlichkeit sahen, dass eigentlich er der Herrscher ist. Und so hielt er seinen Meister auch nicht mehr auf dem Laufenden, über das, was in der Gemeinschaft vor sich ging. Der Herrscher konnte also nicht mehr die wichtigen Dinge, mit in sein Wirken einbeziehen. Nach und nach ließ das einstige Gedeihen der Gesellschaft nach und alle verarmten.

Unsere Intuition (Herrscher) ist eine heilige Begabung. Unser rationaler Geist (Abgesandter) ist nur ein nützlicher Diener. Ihm wird in der modernen Gesellschaft aber übermäßige Bedeutung zugeschrieben. Die Funktion unserer linken Hemisphäre wird also überbewertet - alles Intuitive, der rechten Hemisphäre Zugehörige, wird gerne belächelt. Diese zunehmende Unausgewogenheit unserer Gehirnnutzung, spielt sicher auch eine Rolle bei der Zunahme psychischer Krankheiten und dem zunehmendem Verfall spiritueller Werte in unserer industrialisierten, modernen Gesellschaft.

Sich in andere hineinversetzen

Unsere Gehirnfunktionen werden ständig durch die Gehirnaktivität anderer Menschen angeregt und beeinflusst. Insbesondere wenn zwei Personen miteinander arbeiten, beginnen sich ihre Gehirnwellen zu synchronisieren. Auch das EEG (Elektroenzephalogramm) einer schwangeren Frau, wird durch die Gehirnwellen ihres Kindes "gefärbt" – schließlich teilen sie den selben Organismus. Eine Mutter-Kind-Beziehung besteht aus dem ständigen Sichhineinversetzen der Mutter in die, sich immer wandelnden Entwicklungsbedürfnisse, ihres heranwachsenden Kindes. Eine gute Mutter weiß darum, wenn das jugendliche Kind beginnt sich von ihr zu lösen und lässt es auch gehen.Die Mutter-Kind-Beziehung ist ein Idealbild, dass als seelisch-geistiges Modell, allen Menschen als Maßstab nützt, die lernen möchten, sich besser in andere Menschen hineinzuversetzen. Eine Mutter konzentriert sich nicht bloß auf die äußeren Erscheinungen ihres Kindes und erwägt diesbezüglich zu handeln, sondern muss sich in ihr Kleines hineinversetzen können. Die Phase vor der Geburt ist ein gutes Vorbild für das was Intuition meint: Intuition heißt, sich auf eine Innerlichkeit einer Person oder Situation zu richten. Einer intuitiven Person gelingt, das was sie im Außen wahrnimmt, in ihrem Inneren aufzunehmen und darüber zu kontemplieren. Kontemplation heißt, etwas anzusehen wie es ist und durch solche Ansicht darin sehend zu verweilen. Man nimmt auf was dabei empfunden und erkannt wird. Die Art der Empfindung des Schauenden, wird durch die Erscheinung des Beschauten geformt. Der Betrachter der z. B. über eine Rose kontempliert, sieht dann nicht nur eine Rose vor sich, sondern ist selbst die Rose, stellt sich selbst vor, ihren Duft zu verströmen und die Blüten dem strahlenden Sonnenlicht zuzuwenden. Es geht um die Betrachtung etwas Äußeren und das dadurch erkannte, im Bewusstsein des Betrachters selbst lebendig werden zu lassen. Für den Zeitraum der Betrachtung wird man Teil des Betrachteten, begreift sein Wesen von innen heraus. Man beurteilt dabei nicht was man sieht, sondern empfindet nach, was dort vor einem ist oder stattfindet. Ein intuitiver Mensch fühlt wie es ist, sein Gegenüber zu sein. So kann er Eindrücke über die Handlungen und inneren Vorgänge seiner Mitmenschen erfassen.

Wenn also dem intuitiven Betrachter gelingt, nach Innen zu schauen, kann er entsprechend seiner Vorstellungskraft die Vorgänge im Außen verstehen. Bei wem die Vernunft dazwischenfunkt und die egoistisch zentrierte Berechnung versucht zu manipulieren, dessen Wahrnehmung ist eingetrübt von allen möglichen Fantasiegebilden. Nur wer sich vom ambitioniertem Wunsch nach Beeinflussung anderer frei macht, kann stark intuitive Gefühle entwickeln. Wer nicht mehr versucht andere zu manipulieren, dem enthüllt sich der wahre Kern seiner eigenen Gefühlslandschaft. Wer noch die Unsicherheit einer anderen Person fühlt oder durch seine Vernunft bestätigt weiß, der trägt in sich selbst noch ganz viel Unsicherheit, der er sich dann unbewusst gewahr wird. Worüber man im Außen oder bei einem anderen Menschen ein Urteil fällen möchte, das hat man in Wirklichkeit in sich selbst noch nicht gelöst oder in Griff bekommen. Wenn wir tatsächlich hinter die Kulissen des menschlichen Dramas schauen wollen, darf die Wahrnehmung von Schwächen anderer, einfach keine Rolle mehr spielen. Oft steigt in vielen von uns das Gefühl des Triumphes auf, wenn wir glauben Schwächen anderer zu entlarven. Es ist das uralte Problem der Konkurrenz, das unsere Zivilisation als Ballast mit sich herumträgt. Entweder man fühlt sich überlegen oder unterlegen oder, wenn das nicht zutrifft, fürchtet man einen Rivalen. Es ist immer leichter eine Schwäche bei anderen Menschen zu entdecken, als eine Stärke - insbesondere wenn wir die Person nicht kennen.

Die Prinzessinnen Mariya Nikolayevna and Olga Nikolayevna – ewigeweisheit.de

Empathie: die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen. Gemälde von Carl Timoleon von Neff (1804–1877).

Wir sind was wir denken und denken was wir sind

Unser Denken erschafft unsere Welt. Umgekehrt wirkt die Körperbefindlichkeit zurück auf unsere Gefühle und unser Denken. Gedanken sind verschiedenartig: mal aufsteigend, mal absteigend. Sie manifestieren sich als geistige Schwingung – die sich in einer Art Gedankenfeld um uns ausbreitet. Die geistige Einstellung eines Menschen beeinflusst seine nervöse Struktur, wie auch den arteriellen Blutstrom seines Körpers. Je nachdem wie unser Denken ist, entsprechend ist der Aufbau unseres Muskel- und Nervensystem und die daraus resultierende Körperhaltung. Wie sich eine Person gibt oder aussieht, hängt darum ganz wesentlich mit ihrem Denken zusammen. Kenntnisse über Körpersprache und Mimik sind hilfreiche Werkzeuge, um die Gedanken einer Person zu verstehen. Es gibt hierzu eine Menge Material, z. B. in unserem kostenlosen Online-Kurs in Körpersprache (Dauer: 5 Wochen). Darin wird detailliert auf die Themen Körpersprache, Mimik und Physiognomie eingegangen.

Über die optische Erscheinung einer Person hinaus, kann ein Intuitiver, die Atmosphäre einer andere Person wahrnehmen. "Atmosphäre" heißt, das Gedankenfeld, die Wärme und Ausstrahlung die einen Menschen umgeben. Was wir denken, strahlen wir aus. Und diese Gedanken können manchmal sehr "laut" sein. Manche können Gedanken anderer lesen, indem sie intuitiv die visuellen Eindrücke ihrer Körpersprache wahrnehmen. Manche Menschen die über sogenannte "Psi-Kräfte" verfügen, können die Gedanken anderer auch über weite Strecken wahrnehmen. Dann spricht man von Telepathie (altgr. tele, fern, und pathos, die Erfahrung).

Da wir bei Fremden nie wissen, mit wem wir es wirklich zu tun haben, sollten wir, bei dem Versuch andere einzuschätzen, sehr vorsichtig sein. Es geht um eine sensible Ebene der Wahrnehmung, auf der immer auch unsere eigenen Gedanken zirkulieren. Man sollte seine Eindrücke die man von außen erhält, nicht mit dem verwechseln, was unterschwellig im eigenen Denken vor sich geht. Oft ist nur schwer auseinander zu halten was sich tatsächlich im Außen abspielt und welche Färbungen unsere inneren Eindrücke über das Wahrgenommene hervorrufen. Viel zu oft vermischen wir unsere Absichten und Ambitionen, mit dem was wir am anderen zu erkennen glauben. Dann projizieren wir Hoffnungen oder Ängste auf eine Person, die wir vielleicht noch nie zuvor gesehen haben.

Wer Eindrücke von verschiedenen äußerlichen Quellen aufnimmt, muss also unterscheiden lernen: was ist wichtig und was davon unwichtig. Das setzt innere Gelassenheit und Sensibilität voraus.

Reisen jenseits der Raumzeit

In die Vergangenheit zu schauen, ist, wie als blicke man aus großer Höhe in die Tiefe hinab. Ein hoch fliegender Adler erkennt jedes Detail, das sich auf dem Erdboden abspielt. In die Gegenwart zu schauen ist, als ob man den weiten Horizont überblickt. Sitzt jemand in einem Raum und schaut nach draußen, so nimmt er die äußere Realität wahr, gemäß der Größe des Fensterrahmens. Wenn er jedoch auf dem Dach des Gebäudes steht, in dem sich dieser Raum befindet, so ist seine Wahrnehmung entsprechend riesig. In die Zukunft zu blicken, ist wie in den Zenit zu schauen. Natürlich sieht man immer nur die Gegenwart – die Archetypen der Zukunft werden aber im Jetzt geformt. Auf sie können wir uns vorbereiten, bevor sie sich in der Gegenwart manifestieren. Solche Archetypen sind die Gestirne. Ihre Bewegung über den Himmel lässt sich voraussagen. Die Astrologie liefert dazu brauchbare Werkzeuge.

Um unsere Zukunft zu deuten reicht es nicht, unsere Wahrnehmung nur auf die materielle Zukunft zu richten. Vielmehr sollten wir mit wachem Auge verfolgen, was geschieht, um im richtigen Augenblick die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Was möglich ist, zeigt uns nur die Gegenwart. Sie ist das Zeitfenster, durch das wir mit dem Auge der Intuition blicken. Intuition ist nicht wie das Denken begrenzt, sondern unabhängig vom Gefüge der Raumzeit. Zur Veranschaulichung denke man sich einen dreidimensionalen Raum, in dem ein bestimmtes Ereignis stattfindet. Danach ein anderes Ereignis, und wieder ein anderes. Zwischen allen Ereignissen vergeht Zeit, die sich messen lässt, so wie auch die Abstände des Raumes. Dem dreidimensionalen Raumsystem, lässt sich mit der Zeit also eine vierte Dimension hinzufügen. Da unsere Intuition aber Raum und Zeit in ihrer Gesamtheit überwindet, steht sie jenseits dieses vierdimensonalen Raum-Zeit-Kontinuums. Für die Intuition spielen Ort, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine gleichbedeutende Rolle. Erfahrung und Erwartungshaltung verschmelzen in der Raumzeit, zu einem, intuitiven Moment.

Geschichtliche Ereignisse prägen die Haltung gegenüber unserer Zukunft. In das Kommende setzen wir unsere Hoffnungen, die sich an die Erfahrungen der Vergangenheit knüpfen. Man wünscht erneut positive Erfahrungen, fürchtet aber, Negatives könne sich wiederholen, denn die Ereignisse der Vergangenheit wirken auf das Jetzt. Sie zeichnen ihre Spuren in unsere Geschichte.

Alles was die Menschheit heute weiß, ist das Resultat ihrer uralten Vergangenheit. An dieser Realität nehmen alle Menschen teil. Es geht nicht darum, die eigene Vergangenheit immer wieder aufzurollen, sondern zu lernen die Geschichte der Menschheit zu überblicken. Wer sich von seiner eigenen Vergangenheit rücksichtslos frei macht, also nicht mehr zurück blickt, der wird auch weniger befürchten, was in Zukunft geschieht. Der wird voll und ganz in der Gegenwart leben – Frei sein im Hier und Jetzt. Wie das Wort "Er-Innerung" schon sagt: was einmal wird gegenwärtig noch einmal verinnerlicht. So kreisen unsere Gedanken in der Vergangenheit - lassen uns leben in einem ewigen Gestern!

Kosmisches Bewusstsein

In der Neurophysiologie bilden sich Erinnerungs-Muster, durch die Vernetzung sehr vieler Gehirnzellen. Niemand weiß, wieviele Erinnerungen man ins Gehirn maximal eintrichtern kann. Fest steht jedoch, dass sich große Masse an Neuronen (Gehirnzellen) unendlich komplex verschalten können. Es sind potentiell sogar mehr solcher neuronalen Verschaltungen im Gehirn möglich, als subatomare Teilchen im heute bekannten Universum existieren! Die Kapazität unserer geistigen Vorstellungskraft ist also gigantisch.

Grundsätzlich gliedert sich unser Geist in vier Stufen:

  1. Der empfindende Geist oder Sinneseindruck, der keines höheren Bewusstseins benötigt.
  2. Der aufnehmende Geist setzt sich zusammen aus Empfindungen und Rezeptionen. Rezeptionen sind Wahrnehmungen, die sich aus mehreren Empfindungen bestehen. Sie werden geistig aufgenommen, nicht aber aktiv verarbeitet, wie etwa Farb-, Form oder Klang-Wahrnehmungen, die bestimmte Empfindung hervorrufen.
  3. Der selbstbewusste Geist setzt sich zusammen aus Sinneseindrücken, rezeptiven Wahrnehmungen und Begriffen. Wir können hier auch vom "begrifflichen Geist" sprechen.
  4. Der intuitive Geist setzt sich zusammen aus Empfindungen, Wahrnehmungen, aus daraus gewonnenen Ideen und Begriffen und aus moralischen Einstellungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben.

Höchste Essenz die über diesen Bewusstseinsfeldern steht, ist das kosmische Bewusstsein. Die Entwicklung dieser höchsten Form menschlichen Bewusstseins nannte Gautama Buddha das Nirvana - den Austritt aus dem Leidenszyklus der Inkarnationen. Das Wort Nirvana definiert sich als höchstes Ziel der geistigen Entwicklung eines Menschen. Der Apostel Paulus von Tarsus sprach vom selben Zustand, wenn er sich als "Mensch in Christus" bezeichnete. Nachdem er in das kosmische Bewusstsein eingetreten war, wusste er, dass er selbst das Leben Jesu lebte: nicht die menschliche Person des Jesus von Nazareth, als vielmehr eine andere Individualität, die als Christus in ihm fortlebte. Dieser zweifachen Personalität des Menschen begegnen wir immer wieder in der Geschichte der Menschheit. Für den islamischen Prophet Mohammed verkörperte das kosmische Bewusstsein der Erzengel Gabriel. Er sprach durch Mohammed die Worte, die im Heiligen Koran niedergeschrieben wurden (Mohammed war Analphabet!). Diese göttlich-menschliche Personalität erfolgt durch die Auslöschung bestimmter, niedriger Gefühle wie etwa Todesangst oder der Wunsch nach Reichtümern. Es ist ein bewusstes Erfassen von Leben und Ordnung im Universum. Das bedeutet Erleuchtetsein. Ein Erleuchteter ist eine höhere Form Mensch, der "erwacht" ist und seinen "Angstkörper" verlassen hat - den Tod nicht mehr fürchtet. In allen Mysterien-Einweihungen war das Heranführen an die Todesgrenze von zentraler Bedeutung. Denn in diesem Zustand bewegt sich der göttliche Funke im Initianden, wobei er die kosmische Einheit allen Seins erkennt (wer die Bücher von Carlos Castaneda kennt, erinnert sich an das "Bewegen des Montagepunkts", was identisch ist mit der Initiation in die Mysterien). Wer kosmisches Bewusstsein entwickelt, den nennt man einen Eingeweihten - einer, der der universalen Einheit geweiht ist. So jemand lebt ohne Angst, denn er hat die Unsterblichkeit des göttlichen Funken in ihm erkannt.

Zusammenfassend können wir sagen: es geht um das Erwachen aus dem alltäglichen Zustand. Es ist die Erfahrung einer Überbewusstheit, was mit der Zerstörung des alten Selbst einhergeht, damit das neue Selbst geboren werden kann. Eine schöne Metapher für diesen Vorgang ist die Metamorphose des Schmetterlings aus der Raupe. Sobald er sich verpuppt hat, löst er sich zu einer schwarzen Masse auf, aus der er sich zu einer anderen, höheren (fliegenden) Form entwickelt: niemals mehr, wird er eine Raupe sein!

 

Wanderer am Weltenrand - ewigeweisheit.de

Holzschnitt eines unbekannten Künstlers: "Wanderer am Weltenrand", erschienen im Buch L’atmosphère, Paris (1888).

Die Stufe kosmischer Bewusstheit, werden in vielen Jahrtausenden alle Menschen auf der Erde erreicht haben. Sobald diese Phase der menschlichen Bewusstseinsentwicklung einsetzt, werden sich auch die Grenzen zwischen den spirituellen Traditionen auflösen. Es ist das, was in den abrahamitischen Traditionen der "Jüngste Tag" genannt wird. Dann wird es keinen Zweifel mehr an der Existenz einer göttlichen Existenz geben. Es muss dieser Ebene selbst, kein Name, wie etwa Gott, Brahma, Jahwe, Allah, usw., gegeben werden, kein Glaube oder Unglaube wird mehr nach Beweisen und Gegenbeweisen verlangen, da jedem Menschen die Einheit allen Seins bewusst ist. So wie sich der Mensch seiner Selbst bewusst ist, so wird er sich irgendwann seiner kosmischen Seele bewusst sein. Dann sieht er keinen Unterschied mehr zwischen Ich und Du – sieht sich und alle Seelen, als Teil der einen großen Weltseele.

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