Apologie

Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates - ewigeweisheit.de

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte der Philosoph dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen.

Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen. Hier wandelten, in Dialoge vertieft, der große Philosoph Sokrates, Platon oder Aristoteles – alles Namen, die bis heute noch vielen Menschen bekannt sein dürften. Und es waren diese drei Weisen, jeweils Lehrer und Schüler, über die sich fast schon eine Familiengeschichte der klassischen Philosophie schreiben ließe, die sich in einer Zeit begab zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Neben Sokrates' wichtigstem Schüler Platon, schrieb auch der Schriftsteller und spätere Feldherr Xenophon über die Weisheit seines Lehrers. Eine Geschichte erzählt, dass sich Sokrates dem damals noch jungen Xenophon in einer engen Gasse in den Weg stellte und fragte, wo man diverse Lebensmittel kaufen könne. Nachdem ihm Xenophon antwortete, fragte Sokrates weiter:

Und wo werden die Menschen edel und tüchtig?

- Aus Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen

Diese Frage wusste der junge Mann nicht zu beantworten, blieb ganz verständnislos, wollte jedoch verstehen lernen und folgte seitdem Sokrates. Einst sollte er die Dialoge mit Sokrates als eine Sammlung von Weisheitsschriften verfassen, worin er seinen Lehrer beschrieb im Gespräch mit anderen – denn das ist was Sokrates tat: Sprechen. Alles was er der Nachwelt hinterließ, wissen wir nur durch jene, die sein Gesagtes notierten.

Philosophische Geburtshilfe

Als vor zweieinhalb Jahrtausenden Sokrates' die Weltbühne der Weisen betrat und sie auf so ungewöhnliche Weise wieder verließ, sollte eine neue Ära in der westlichen Philosophie eingeleitet werden. Wer war dieser Mann, dessen Erscheinen und Wirken die Schulen des Denkens im Westen, so von Grund auf verändern sollte?

Alles was in der alten Welt Griechenlands an Denkern und Weisheitsliebenden zu Gegen war, deren Wege sollten nach Sokrates im Sande der Vergangenheit versiegen. Denn mit seinem Auftreten und Fortwirken, durch seinen wohl wichtigsten Schüler Platon, endete das, was der deutsch-schweizerische Kulturphilosoph Jean Gebser (1905-1973) in seinem Werk »Ursprung und Gegenwart«, als die »Mythische Bewusstseinsstruktur« bezeichnete. Der alte Glaube an ein im Himmel weilendes Göttergeschlecht, dass die Verantwortung für das Leben in der Welt trug, sollte durch Sokrates nun auf die Ebene menschlichen Seins gebracht und in den Schulen des Denkens eingeführt werden. Was das bedeutet brachte der römische Schriftsteller Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) auf den Punkt:

Sokrates rief die Philosophie vom Himmel herab, hat sie in den Städten angesiedelt und sogar in die Häuser hinein geführt und er zwang die Menschen über das Leben, über die Sitten und über Gut und Böse nachzudenken.

Seine vielfach gewandte Art des Unterrichts und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände und die Größe seines Geistes, durch Platon zum ewigen Gedächtnis in Schriften niedergelegt, veranlasste mehrere Schulen abweichender Philosophen.

- Aus Ciceros Hymnus auf die
Philosophie

Durch Sokrates Wirken kam der Wunsch nach Antworten auf die praktischen Lebensfragen unter die Menschen. In den Weisheitslehren von Pythagoras, Parmenides, Thales oder Heraklit war das, was man später Philosophie nannte, noch eine recht abstrakte Geisteswissenschaft. Was die Führung des eigenen Lebens aber anbetrifft, so sollte dies erst durch Sokrates' menschliches Ansinnen bedeutsam werden. Aus diesem Grund war er für den schweizerischen Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) sogar eine ebenso wichtige Gestalt, wie der Buddha, wie Konfuzius oder Jesus – waren sie doch andere wichtige Weisheitslehrer der Antike, die den Menschen authentische Lebensweisheiten brachten.

Sicher spielte Sokrates in der Geschichte des antiken Geisteslebens auch sonst eine Sonderrolle, als eben der eigenartige Mensch der er war und der sich, wie Jesus nach ihm, eigentlich unschuldig hingerichtet werden sollte, doch sich seinem offensichtlich ungerechten Todesurteil stellte.

Sokrates wahrlich lebte Philosophie. Auch wenn er von Haus aus eigentlich das Handwerk des Steinmetzes erlernt hatte, übte er diesen Beruf nie wirklich aus. Eher lag ihm daran sich mit seinen Zeitgenossen zu unterhalten – vor Allem aber Fragen zu stellen, und dabei herauszufinden, was Menschen etwa damit meinen, wenn sie von ihren Tugenden sprechen.

Er selbst hätte sich gern immerfort über die menschlichen Dinge unterhalten, indem er untersuchte, was fromm, was gottlos; was schön, was schimpflich; was gerecht, was ungerecht sei; worin die Besonnenheit und Tollheit, die Tapferkeit und die Feigheit bestehe; wie ein Staat und ein Staatsmann, eine Regierung und ein Regent sein müsse, und Anderes der Art, was nach seiner Überzeugung Jeden, der es weis, zu einem guten und edlen Menschen macht, demjenigen aber, welcher damit unbekannt ist, mit Recht den Ruf einer knechtischen Seele zuzieht.

- Aus Xenophons Erinnerungen an Sokrates 1:16

Nur wer diese Dinge gut weiß, der konnte laut Sokrates auch gut handeln. Drum stellte er immer und immer wieder die sogenannten »Was ist«-Fragen:

Was ist Besonnenheit?

Was ist Frömmigkeit?

Was ist Tapferkeit?

Sein Anliegen bei der Suche nach Antworten sollte zur zentralen Frage und dem Hauptgeschäft der gesamten Philosophie werden. Dabei lag Sokrates niemals daran seinem Gegenüber irgendwelches Wissen aufzudrängen. Vielmehr wollte er auf jemanden zugehen, um dabei von ihm etwas zu erfahren. Sokrates also wollte statt lehren, lernen.

 

Wie es Sokrates' Mutter als Hebamme verstand Kinder zur Welt zu bringen, so schien ihr Sohn diese Kunst durch sein Fragen auszuüben, um dabei besonderen Antworten zur Geburt zu verhelfen, als Weisheiten, die in seinen Gesprächspartnern bereits schlummerten, doch danach drängten zur Welt gebracht und bewusst zu werden. So wie also eine Hebamme nicht eigene, sondern fremde Kinder zur Welt bringt, so ging es auch Sokrates in erster Linie nicht darum selbst Wissen oder Weisheit zu gebären, sondern anderen bei der Geburt ihrer Weisheit zu helfen, die in ihrem Inneren nur darauf wartet sich im Licht der Welt zu erklären.

Diese ganz eigene Form des Dialogs existierte vor ihm noch nicht. Sokrates sah in manchen seiner Gesprächspartner, wie ihre eigentlichen Fähigkeiten und Veranlagungen, scheinbar in die äußere Wirklichkeit der Gegenwart drängten. Er verhalf ihren dadurch so geplagten Seelen dabei, ihr wirklich wesentliches Naturell zu gebären. So wie eine Hebamme zu erkennen vermag ob überhaupt eine Schwangerschaft vorliegt, wusste auch Sokrates um das vielleicht verborgene Potential seiner Gesprächspartner – sei es positiv oder negativ. Durch seine drängenden Fragen brachte er es aus ihnen zum Vorschein. Gewiss ähnelt das dem heute so oft angeratenen »Coaching«, dass sich wohl insbesondere darin versucht die richtigen Fragen zu stellen, deren Antworten dem Fragenden Richtungen im Leben weisen.

Manche sahen in Sokrates aber eher einen Plagegeist und weniger einen Geburtshelfer, der in Anderen Erkenntnisse hervorbringt. Das ihm sein Fragen dereinst teuer zu stehen kommen würde, schien er, wenn auch schon erwartet, kaum Beachtung zu schenken.

Zwar suchte sich Sokrates für seine Themen stets Kenner der Materie, zumindest aber Menschen, die sich für solche hielten. So fragte er einen Priester aus über Frömmigkeit, wollte über Gerechtigkeit von einem Mann des Staats wissen oder suchte Antworten bei einem Feldherrn über die Tapferkeit. Was aber die dabei befragten Tugenden beförderten, war gar kein Wissen, sondern eher etwas, dass man als »Nicht-Wissen« bezeichnen könnte.

Die drängenden Fragen, die Sokrates wohl anscheinend auf alle Antworten seines Gegenübers folgen ließ, vereitelten jeden Einwand und veranlassten seine Gesprächspartner einräumen zu müssen, dass sie eigentlich keine Antworten hatten. Und zu solchem Schluss sollten leider auch jene kommen, die unter seinen Zeitgenossen die großen Herren waren: Staatsmänner, Admiräle oder Richter. Doch auch die großen Seher, Wahrsager und Priester dieser Zeit wussten meist keine Antworten auf Sokrates' Fragen. Sie alle mussten mit ihrer Sprachlosigkeit bitter hinnehmen, dass sie vom Göttlichen eigentlich gar nichts wussten. Das aber führte immer zu einem recht unbefriedigenden Ergebnis, denn fast alle seine Dialoge führten zu einem Ende ohne Lösung – Sokrates' Hebammenkunst scheiterte also, was Sokrates auf ganz beeindruckende Weise einfach so hinnahm.

Keineswegs empfand sich Sokrates darum als einer, der es besser wusste. Er war sich durchaus bewusst, dass er auch selbst keine Antwort oder Lösung hatte. Doch unglücklich war er deshalb nicht. Allein in seinem Gegenüber eine Antwort hervorzubringen, war für ihn schon ein Gewinn. Bleiben doch die unbeantworteten Fragen das, was uns streben lässt. Das Unerfüllbare, das aus uns ein neues Ansinnen hervorbringt ist von Wert, wo sich einer stets bewusst ist, dass er eben nichts weiß – und wenn doch, dann nur sehr wenig. Schließlich stammte von Sokrates der berühmte Satz:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Wobei diese Übersetzung seiner Aussage einen kleinen, jedoch nicht unerheblichen Fehler beinhaltet, denn das griechische oîda ouk eidōs müsste eigentlich korrekt übersetzt heißen:

Ich weiß, dass ich nicht weiß.

Und das ja ist die Aussage eines Weisen, der nicht von sich glaubt ein Wissender zu sein und noch viel weniger das Selbe behaupten würde. Genauer hieße es vielleicht: Ich bin Mitwisser meiner Selbst, als jemandem der eigentlich nicht über begründetes Wissen verfügt. Das klingt nun vielleicht bescheidener als es letztendlich ist. Sokrates nämlich sah sich damit seinen Mitmenschen einen Schritt voraus.

Mit dieser weisen Einsicht aber empfand sich Sokrates eben auch nicht als Vorbote, der den Menschen von einem Besseren kündete, sondern forderte sein Gegenüber damit heraus, dass er äußerst treffliche Fragen zu stellen wusste – auch jenen die nicht einmal gefragt werden wollten.

Menon: O Sokrates, ich habe schon gehört, ehe ich noch mit dir zusammengekommen bin, dass du allemal nichts als selbst in Verwirrung bist und auch andere in Verwirrung bringst. Auch jetzt kommt mir vor, dass du mich bezauberst und mir etwas antust und mich offenbar besprichst, dass ich voll Verwirrung geworden bin, und du dünkst mich vollkommen, wenn ich auch etwas scherzen darf, in der Gestalt und auch sonst, jenem breiten Seefisch, dem Zitterrochen, zu gleichen. Denn auch dieser macht jeden, der ihm nahekommt und ihn berührt, erstarren. Und so, dünkt mich, hast auch du mir jetzt etwas Ähnliches angetan, dass ich erstarre.

- Aus Platons Dialog Menon

Das Sokratische Problem

Sokrates war keineswegs jemand, den man als gewöhnlichen Mann bezeichnen könnte. Nicht aber war er nur ein kluger Spinner, der anderen auf die Nerven ging. Was durch ihn zum Begriff der Philosophie kam, konnte recht lästig sein, musste man doch sein ewiges Fragen durch Antworten erwidern.

Sokrates aber war ein echter Weiser, jemand der allein durch seinen Geist und durch seine wunderbare Sprache, auf diese Weise im Anderen vermochte eine Wandlung zu vollziehen. Etwas, das wohl keinem anderen Philosophen nach ihm gelang. Doch keineswegs waren alle denen Sokrates seine Fragen stellte, dafür auch dankbar. Im Gegenteil: Aus Ermangelung an Antworten mussten sie plötzlich feststellen, dass sie, wenn von ihnen auch anders angenommen, eigentlich nichts wirklich wussten. Sokrates war sozusagen der lästige Typ, der jedem, der von überschwänglichem Selbstbewusstsein aufgeblasen durch die Straßen ging, verfängliche Fragen stellte, auf die er keine Antwort wusste. Da fühlte sich immer mal wieder jemand einfach nur bloß gestellt, da sich herausstellte, dass sein Wissen eigentlich nur Scheinwissen war. Manche waren so erbost über sein Fragen, dass sie ihn sogar körperlich attackierten.

Wer war Sokrates wirklich?

Nun, zugegebenermaßen müssen wir uns hier auf all das stützen, was uns durch seine Schüler Platon und Xenophon überliefert wurde. Und es gibt wohl etliche philosophie-historische Abhandlungen und Arbeiten darüber, wer der historische Sokrates in Wirklichkeit war und wie sehr ihn insbesondere Platon zu seiner Kunstfigur stilisiert hatte, in der er seine eigene Philosophie zum Ausdruck bringt: man nennt das das »Sokratische Problem«, das bis heute ungeklärt bleibt.

Wahrscheinlich war es Platons Lebensaufgabe, das Werk seines Meisters auf eben seine Weise niederzuschreiben, dass es der Nachwelt auf ewig erhalten bleibe. Dabei erscheint Sokrates, in dem was Platon über ihn schrieb, fast schon als einer, den man, aus christlicher Sicht, durchaus einen Heiligen, ja vielleicht sogar einen Propheten nennen könnte. Denn schon die Art wie er starb, worauf wir später noch eingehen wollen, deuten durchaus Parallelen an zu demjenigen, den die Christen als ihren Heiland und Sohn Gottes Jesus Christus verehren. Es scheint daher auch kein Zufall, dass Sokrates eine Vorbildfunktion einnehmen sollte, wie er zu seiner Aufgabe als Unbeirrbarer in voller Verantwortung stand. Seine Rolle als eine Art Heldenfigur, sollte ganz wesentlich das Denken des späteren Altertums im Westen beeinflussen. Man deutete dies auf ganz eigentümliche Weise auch in die christliche Botschaft hinein. Sogar noch bis ins 18. Jahrhundert nämlich, wurden Sokrates und Jesus immer wieder miteinander verglichen.

 

Es spricht einiges dafür, dass es sich bei Sokrates' Verteidigungsrede (Apologie) und den vor seiner Hinrichtung geführten Dialogen (Phaidon), um die wahre Person Sokrates handelt. Wäre dem nicht so, hätte Platon wohl viele gegen sich aufgebracht. Die Gerichtsverhandlung nämlich fand statt, was im Übrigen auch für die Gespräche nach seiner Verurteilung im Kreise seiner Freunde zutrifft. Vor allem aber empört wären wohl die Gegner des Sokrates darüber gewesen, hätte Platon, aus ihrer Sicht, in der Wiedergabe der Geschehnisse und Aussagen seines Meisters, den tatsächlichen Inhalt einfach nur schöngeredet.

 

Metaphysik des Eros

Metaphysik des Eros

Gehen wir in der Zeit noch einmal einige Jahre zurück. Da ist die Rede von einem Trinkgelage im Hause des Tragödiendichters Agathon, von einem Gastmahl, worüber Platon in seinem »Symposion« schrieb. Sein Gastgeber, der in der Erzählung als junger Schriftsteller auftritt, hatte tags zuvor einen Dichter-Wettbewerb gewonnen. Dies wollte er mit seinen Freunden feiern, die er zu diesem Gastmahl einlud. Auch Sokrates zählte zu den Gästen, der in Platons Symposion die Hauptfigur ist.

In diesem Text lässt Platon den Bildhauer Apollodoros erzählen, über die da gehaltenen Reden, Dialoge und das allgemeine Geschehen dieser Zusammenkunft. Als Gäste sind, neben anderen, außerdem anwesend Aristodemos, einer der eifrigsten Anhänger des Sokrates, der Arzt Phaidros, der in Platons gleichnamigen Werk ein fiktives philosophisches Gespräch mit Sokrates führte, wie auch der Komödiendichter Aristophanes. Als einzige Frau anwesend ist die von Zeus geehrte, weise Frau aus Mantineia in Arkadien: Diotima – eine Kunstfigur, die Platon im Gastmahl nicht direkt auftreten lässt. Denn Sokrates erzählt im Symposion davon, wie er durch sie belehrt wurde über die Bedeutung des Eros.

Wie auch sonst sollte Sokrates, auch in diesem Treffen, mit seinen Schülern und Freunden, das Thema des Abends bestimmen – weniger aber durch besondere Argumentationen, als vielmehr durch eine, sagen wir, seelische Schönheit, die die Bewunderung seiner Zuhörer auf sich zog – ja sogar ihre Liebe zu ihm befeuerte. Sokrates' Vorbildfunktion dabei, als idealer Philosoph, hat eine so starke Wirkung auf seine Schüler, dass sie ihn gar erotisch attraktiv erscheinen lässt, ganz gleich ob Sokrates nun körperlich dem Schönheitsideal seiner Zeit entsprach oder nicht.

Sokrates schlug im Symposion vor, dass jeder eine Rede in der Tradition der Aphrodite halten könne. Und diese Aphrodite, welche die Römer Venus nannten, war die schaumgeborene Göttin der Liebe. Doch Aphrodite ist mehr als das. Es scheint nämlich eigentlich zwei Figuren zu geben, die ihren Namen tragen:

Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muss nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«.

- Aus Platons Symposion

Und dieser Uranos des griechischen Sagenkreises, der vergöttlichte Himmel, wurde zum Vater der Aphrodite. Sein Sohn Kronos schnitt ihm mit der Sichel das Glied vom Leibe, das sodann vom Himmel ins Meer fiel. Aus dem da so aufbrausenden Schaum erstand nun die Aphrodite, die man seither »die Schaumgeborene« nennt.

Dieser Schaum meint jedoch mehr, als was man sich im Mythos angedeutet, darunter vielleicht vorstellt: Seine Erscheinung ist eine Metapher für zwei, die gemeinsam den Liebesakt erleben, wo, wie man sagt, das Blut beginnt aufzuschäumen. Doch auch der Redefluss der Teilnehmer dieses Gastmahls war aufschäumend, wenn sie eifrig tranken, begeistert im Rausch über die Lüste diskutieren und übereinander scherzten. All das findet in der Horizontalen, auf Bastmatrazen statt, wo man isst und säuft. Und nicht etwa nur wird da über die Leidenschaften gesprochen, die einer mit Frauen hat. Auch sich mit Männern leidenschaftlich zu vergnügen, war den griechischen Philosophen nicht fremd. Eros ist eben eine Kraft die viel bewirkt: Gutes – doch viel zu oft auch Schlechtes. So wie ja auch der Gott Eros aus Himmel und Erde geboren, als Schlange aus dem göttlichen Ur-Ei entweicht, als jene Kraft, die seither verzweifelt versucht, den Urzustand der Ganzheit wiederherzustellen, der vor der Trennung in Himmel und Erde gewesen ist. Doch es scheint da, in allem was seither sich zu vereinigen sehnt, eine Urahnung lebendig zu sein, die diesen Grundzustand der Weltentstehung wieder herstellen will – doch gleichzeitig ahnend, dass dies sich nur augenblicklich erfüllen lässt: im Impuls höchster Erregtheit.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme umeinander und hielten sich eng umschlungen und waren voller Begierde wieder zusammenzuwachsen […]. Und wenn etwa die eine von beiden Hälften starb und die andere noch übrig blieb, dann suchte diese sich eine andere und umschlang diese, mochte sie dabei nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes, also das, was wir jetzt Weib nennen, oder eines ganzen Mannes treffen, und so gingen sie zugrunde.

Da erbarmte sich Zeus und erfand einen andern Ausweg, indem er ihnen die Geschlechtsglieder nach vorne versetzte; […] So verlegte er sie also nach vorne und bewirkte dadurch die Erzeugung ineinander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.

- Aus Platons Symposion

Seitdem also sind wir Menschen auf der Suche nach dem Anderen, sehnen uns geliebt zu werden und wünschen uns zärtliche Zuneigung. Unser Ziel nämlich ist, diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Was mit dem Titel auf eine Metaphysik des Eros hindeutet, behandelte Platon in seinem Symposion, aus dem wir soeben das Zitat lasen. In diesem Werk behandelt er die Themen der Liebe, der Erotik und zuletzt auch was man Wahrheit, woraus sich im Grunde das Ideal der Liebe kristallisiert.

Wenn hier aber die Rede ist von »Eros«, so meint dieser Name den griechischen Gott der Liebe, einen wohltätigen und großen Gott, der so vielen Dichtern zu all den Lobliedern auf die Liebe verhalf.

Die Kraft des Eros gebiert jedoch sowohl das Eine wie das Andere, bringt sowohl himmlische wie auch irdische Ekstase zur Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Eros als nur schön und würdig empfunden wird. Insbesondere im Übermaß resultiert aus sinnlicher Liebe nur Verzweiflung, denn da kann sie nicht mehr befriedigt werden und wird zur Sucht, führt zu Abhängigkeit. Es ist damit wie mit allen Lüsten die, wurde von ihnen zu viel gekostet, nur zum Gegenteil beitragen – sei es der Genuss guten Essens, die Freude am Rausch oder die erotischen Leidenschaften. Alle die nicht genug kriegen können, werden an den Rand des physischen und psychischen Kollapses gedrängt.

Einer der berühmten Sprüche im Orakel-Tempel zu Delphi ermahnt: Gnothi seauton – Nichts im Übermaß. In der Mäßigkeit liegt der Schlüssel zu wahrem Glück.

Auch wenn die Teilnehmer des Gastmahls keine Kinder von Traurigkeit waren und um die ungeheuere Kraft des Begehrens wussten, war ihnen dennoch klar, wie wichtig es ist gesund zu bleiben. Wer darum in seinem Leben länger von den Genüssen der Welt kosten will, muss sie eben in vernünftigem, mäßigem Rahmen genießen. Das Bild das uns Platon über die Eltern des Eros gibt, Poros – der Gott des Reichtums – und Penia – die Göttin der Armut –, deutet an was man als einen Weg der Mitte bezeichnen könnte:

Als nämlich Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den anderen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber gespeist hatten, da kam Penia, um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar, denn Wein gab es damals noch nicht, in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da macht Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen: sie legt sich also zu ihm hin und empfing den Eros.

Deshalb ist Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfeste erzeugt ward und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als Sohn des Poros und der Penia nun ist dem Eros folgendes Los zuteil geworden: Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse.

Von seinem Vater her aber stellt er wiederum dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.

- Aus Platons Symposion

Eros also vereint in sich zwei Extreme. Was in diesem Zusammenhang aber Armut meint, ist, dass jemand bedürftig nach Liebe, zu wenig davon hat. Sein oder ihr Reichtum ist der Liebe teilhaftig zu werden, die sie oder er für jemanden empfindet, der sie wiederum erwidert. Eros' Reichtum ist unermesslich reich, denn er bereichert alle Menschen. Aber ist er auch, wie der Gott Hermes, ein Mittler zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Mensch. Und als solchen nannte man ihn im alten Griechenland einen Daimon1. Was das ist sehen wir uns später noch genauer an.

Was Eros als solch Daimon in den Menschen durch seine Kraft zu entfachen vermag, galt den alten Griechen als Gefühl einer Zeitlosigkeit und Unendlichkeit, wo sich unser seelisches Empfinden aus allen empfundenen Beschränkungen befreit und unsere körperliche Endlichkeit transzendiert.

Eros gibt dem Menschen die Möglichkeit die göttliche Ebene zu schauen, wenn zu Lebzeiten auch nur für die Dauer von Augenblicken. Aus aller Ignoranz und Unwissenheit entstiegen, erkennt er damit aber was Unendlichkeit bedeutet: das was die Seele im Tod vernehmen wird. Das Erlebnis des sexuellen Orgasmus jedoch, als »Kleiner Tod«, nimmt diese Erfahrung quasi vorweg – zumindest als ein Schmecken der Todeserfahrung. Ist das aber nicht ein Grund aufzumerken, wo der Orgasmus doch die Voraussetzung für neues Leben ist?

Diotima: Die weise Prophetin

Die innig-seelische Verschmelzung zweier Menschen, doch auch eines Menschen in seiner Liebe zu Gott, dass nennt man im Griechischen »Agape«. »Philia« ist die Freundschaft, die Zuneigung die man für andere Menschen oder auch für Dinge empfindet. Eros ist alles was jemand empfindet der sich in jemanden ver-liebt, ihm körperlich nahe sein will, ihn begehrt aus Lust und im Wunsch zur Verführung. Und genau die Liebe des Eros, war in diesem Gastmahl Sokrates Kern der Argumentation. Diotima nun, die Sokrates von der rechten Steuerung des erotischen Drangs erfahren lässt, spricht durch ihn auf dem Gastmahl als Daimon, über die Weisheit des Eros. Nicht aber, dass sie sich etwa seines Körpers bedient hätte, als vielmehr Sokrates mit seinen Freunden teilte, was Diotima ihn lehrte. Sie lässt ihn für sich sprechen lässt.

Doch, fuhr Sokrates fort, ich höre jetzt auf zu fragen, und teile euch ein Gespräch mit, das ich einst mit der Prophetin Diotima über Liebe gehalten habe. Ihr kennet dieses Weib, die nicht in der Philosophie der Liebe bloß, sondern überhaupt in allen Stücken große Einsichten hatte. […] Sie ist es, der auch ich meinen Unterricht in der Philosophie der Liebe danke. […] auch ich äußerte mich ihr gegenüber ungefähr auf ähnliche Weise, wie eben Agathon mir gegenüber, dass Eros nämlich ein großer Gott wäre und zu den Schönen gehöre […] sie (aber) widerlegte mich wiederum mit eben denselben Gründen, wie ich ihn, dahin, dass Eros […] weder schön noch gut sei. Ich aber hielt ihr entgegen: »Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?«

Diotima: »Ein wenig ehrerbietiger, wenn ich bitten darf! Meinst du, was nicht schön sei, das müsse notwendig hässlich sein?«

- Aus Platons Symposion

Sokrates geht also zu Anfangs davon aus, dass Eros ein Gott überirdischer Schönheit und nur so der Inbegriff der Liebe sein könne. Doch wie obiges Zitat zeigt, widerlegte Diotima seine Meinung und fügt hinzu:

[…] jeder Daimon macht ein Mittelwesen zwischen der Gottheit und dem Menschen aus.

- Aus Platons Symposion

Denn allein dafür ja existiert ein Daimon: Himmlisches an Irdisches weiterzugeben, Göttliche Offenbarung an den Menschen zu übermitteln.

Sie sind Dolmetscher und Unterhändler zwischen den Göttern und Menschen. Jenen überbringen sie die Bitten und Opfer der Letzteren; diesen aber die Befehle von den Ersteren und ihre Antworten auf die Opfer. Als Mittelwesen zwischen beiden, machen sie gleichsam das Band, durch welches das Universum zusammenhängt.

- Aus Platons Symposion

Kann Eros aber überhaupt ein Gott sein, als solch Mittelwesen? Zumindest zählt er nicht zu den Sterblichen, wie sich der alt-griechischen Theologie entnehmen lässt. Wenn er nun aber aus der Hierarchie des Göttlichen in die Menschenwelt vermittelt, kann es sich bei seiner Liebe keineswegs nur um Lust, Leidenschaft und körperliche Befriedigung handeln.

Doch um was dann?

Begehrt man einen Menschen nicht allein wegen der Schönheit seines Körpers, sondern hauptsächlich wegen seiner seelischen, tugendhaften Anmut, trifft man da auf das Edelste der erotischen Anziehungskraft. Da geht es dann um die rechte Lenkung des erotischen Dranges, eine »philosophische Steuerung« der Leidenschaft und demnach das, was man die Platonische Liebe nennt. Der Liebende sieht dann das Schöne in den Handlungen seines begehrten Gegenübers, dass sich in unzähligen besonderen Begebenheiten zeigt.

Der göttliche Eros ähnelt seinem Vaters Poros, einem der für alles Schöne und Gute leidenschaftlich kämpft, doch eben nicht ergeben oder untertänig, sondern:

[…] tapfer, kühn, beharrlich, (als) ein gewaltiger Jäger, ein unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet, erfinderisch im Besiegen einer Schwierigkeit; Philosoph sein ganzes Leben hindurch; ein gefährlicher Zauberer, Giftmischer […] und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben […]

- Aus Platons Symposion

Wenn Sokrates nun aber, durch Diotima beeinflusst, im Gastmahl behauptet, dass Eros also in Wirklichkeit gar kein Gott ist, sondern einem Engel gleicht, erschien das den Bürgern Athens wohl sicherlich als ungeheuerliche Behauptung. Eros war da doch ein Gott, den man nur zu gerne zur Rechtfertigung für die eigene Unfehlbarkeit zur Verantwortung zog. Jeglicher Ehebruch wurde wegen seines Wirkens legitimiert, schließlich hatte einen Eros überkommen, hatte einen listig heimgesucht. Für jeden Ehebruch musste er herhalten. Bei diesem Glauben dürfte man sich kaum wundern, dass sich einige für seine Heimsuchung sogar im Tempel bedankten. Und da nun kam dieser Sokrates daher und behauptete, dass dieser vollkommenste Gott des Schönen, in Wirklichkeit nur Medium dessen ist, worüber ein Mensch zur Mäßigung findet – etwas, dass man ihm, neben anderem, wie wir noch sehen werden, zu Lasten legte und ihn dafür aufs Unbarmherzigste verurteilte.

Sokrates führte seine Zeitgenossen damit also zu der Einsicht, dass menschliches Begehren in Wirklichkeit in der Verantwortung dessen liegt, der durch seine Leidenschaften getriebenen handelt. Eros erwuchs damit nicht von Außen oder vom Himmel auf den von Lüsternheit Überwältigten, sondern entstehe in ihm selbst, so dass er dieses Begehren auch zurückhalten kann. Denn wäre Eros vollkommen, also ein Gott, wäre ihm alles Streben fremd, da er ja bereits als solcher alles besäße und vollkommen reich wäre. Erotisches Begehren ist aber eher das genaue Gegenteil von Reichtum. Zu glauben man könne wie Reichtum auch erotische Befriedigung anhäufen: gleicht das nicht einer Illusion?

Niemand liebt was er bereits hat

Diotima lässt Sokrates wissen, dass Eros ein Freund der Weisheit ist, wenn sie sagt:

Unter den schönen Gegenständen ist Weisheit einer der vorzüglichsten. Eros ist ein Freund des Schönen; er muss folglich auch ein Philosoph sein. Als solch ein Freund der Weisheit aber muss er zwischen dem Weisen und dem Toren in der Mitte stehen. Ursache auch hiervon ist ihm seine Geburt: weil er nämlich einen weisen und reichen Vater, aber eine dürftige und unweise Mutter hatte. Dies ist also die Natur dieses Daimons.

- Aus Platons Symposion

Wer liebt, der besitzt nicht, sondern hat zum Geliebten ein Verhältnis, berührt es allemal. Verfügte man aber über das Geliebte, was in aller Welt bliebe da noch zu begehren?

Es geht um die Mäßigkeit, um den Mittelweg, um das was Eros uns eben als Mittler lehrt: uns zwischen Schönem und Unschönem, zwischen Begehrtem und Unerwünschtem, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem zu bewegen. So ist es doch auch mit denen die wir mögen, die wir lieben oder sogar begehren: Nach ihnen verlangt uns nur so lange, als dass wir sie nicht andauernd um uns haben. Und was hierfür gilt, dass trifft auch für die Weisheit zu: Sie lässt sich lieben, doch lässt sich nicht besitzen. Sobald wir sie in unserer Welt integrieren wollen, entflieht sie uns, denn die Weisheit lässt sich nicht festhalten und berührt nie den Boden unseres irdischen Daseins. Wir wollen sie erlangen, wollen nach ihr streben und uns ihr annähern. Doch wie töricht erschiene einer, der sie sein Eigen nennt?

Sokrates, ja eigentlich Diotima, ging es darum, bei der geistigen Liebe auf den Gedanken einer einzigen reinen Vorstellung zu achten, nämlich der Idee des Schönen.

Wenn also jemand [...] nun das Urschöne selbst zu erblicken beginnt, dann dürfte er seinem Ziele ziemlich nahe gekommen sein. Denn dies ist die richtige Weise sich den Liebesdingen zuzuwenden oder von einem anderen dort hingeführt zu werden, wenn man um dieses Urschönen willen von jenem vielen Schönen ausgeht und so stufenweise innerhalb desselben immer weiter aufsteigt, als ob man eine Stufenleiter verwendete: von einem schönen Körper zu zweien und von zweien zu allen, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man innerhalb der Erkenntnisse zu schließlich jener Erkenntnis kommt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhafte Schöne erkennt.

- Aus Platons Symposion

Die höchste Stufe dieses Aufstiegs erreicht jener, der das ultimativ Schöne schaut. Nicht aber etwa wie es ihm in Gestalt einer schönen Frau oder eines schönen Mannes entgegentritt, oder anders geartetem Schönen, sondern als Urprinzip, das in allem Schönen wirksam ist. Wem so widerfährt, der wird das Schöne in seiner reinsten Form anbeten wollen.

Für Sokrates drückte sich in der Liebe das Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit aus. Verbrächte einer sein Leben vollkommen allein, ohne je mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wäre er einer, den man durchaus als »Weltverlorenen« bezeichnen könnte. Vom ungeheueren Reichtum des Lebens aber, dass er im Zusammensein mit den anderen erlebt, würde er niemals erfahren.

Eros dabei steht für die unerschöpfliche, ununterbrochen zischende Energiequelle, aus der der Strom von Leben und Liebe hervorsprudelt. Wer aus ihr zu schöpfen vermag, der wird zum wahren Schöpfer, der im Stande ist das Schöne zu erschaffen, zu erzeugen.

Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen, und wenn wir zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen.

- Aus Platons Symposion

 

Über gute Dämonen

Über gute Dämonen

Erst unter christlichem Einfluss wandelte sich die Bedeutung des Wortes »Dämon«, den die alten Griechen als »Daimonion« bezeichneten, zu etwas Bösem. Wer heute von einem Dämon spricht meint nicht etwa die neutrale, ja vielleicht eher sogar positive Ursprungsbedeutung dieses Begriffs – denn im Griechenland der Antike war das Daimonion nichts Böses.

Zu Zeiten Sokrates' war es eine geistige Schicksalsmacht, die einem Menschen als warnende oder ermahnende Stimme zusprach.

Mir aber ist dieses von meiner Kindheit an geschehen: eine Stimme nämlich, welche jedesmal, wenn sie sich hören lässt, mir von etwas abredet, was ich tun will, zugeredet aber hat sie mir nie.

- Sokrates über seinen Daimonion in Platons Apologie

Dieser Daimonion ist, man würde heute sagen, das »höhere Wesen« des Selbst. Sokrates empfand es als guten Geist, welcher ihn, wie obiges Zitat ja sagt, stets von Unrechtem abgehalten hatte. Er tauchte also immer dann auf, um ihm zu sagen was er nicht tun solle. In Form traumartiger Visionen teilte sich ihm sein Daimonion mit, nur für ihn hörbar, als innere Stimme. Sie war etwas Göttliches, einem Schutzengel gleichend, eine geistig-göttliche Personifizierung des eigenen Schicksals. Nie aber riet sie ihm zu etwas Gutem, sondern immer von etwas ab.

Es handelt sich beim Daimonion um eine innere, geistige Instanz, die uns ganz klar sagt, dass wir etwas tun sollen, oder aber nicht tun dürfen. In unserer Erfahrung wirkt dabei das Wissen um ein letztes Gutes: Das was man im Christentum als das »Gewissen« bezeichnet. Und als solches Gewissen meldete sich Sokrates' Daimonion, um ihn vor dem Wunsch seiner Freunde zu warnen. Sie nämlich redeten auf ihn ein, sich seinem Todesurteil durch Flucht zu entziehen. Das Daimonion aber warnte ihn dem zu widersprechen, damit er sich seinem nahenden Tode stellen.

Vom Erkennen und dem Entstehen des Selbst

Das Orakel von Delphi hatte verkündet, dass Sokrates der weiseste Mann von allen sei. Was er zudem, wie gesagt, als seinen Daimonion zu sich sprechen hörte, galt für manche als Beweis, dass Sokrates ein Heiliger ist. Sokrates aber wollte diese Orakelverkündigung nicht recht glauben und beschloss jemanden zu finden, der weiser war als er selbst:

Was meint doch wohl der Gott? Und was will er etwa andeuten? Denn das bin ich mir doch bewusst, dass ich weder viel noch wenig weise bin. Was meint er also mit der Behauptung, ich sei der Weiseste? Denn lügen wird er doch wohl nicht; das ist ihm ja nicht gestattet.

Und lange Zeit konnte ich nicht begreifen, was er meinte; endlich wendete ich mich gar ungern zur Untersuchung der Sache auf folgende Art: Ich ging zu einem von den für weise Gehaltenen, um dort, wenn irgendwo, das Orakel zu überführen und dem Spruch zu zeigen: »Dieser ist doch wohl weiser als ich, du aber hast auf mich ausgesagt.« Indem ich nun diesen beschaute – denn ihn mit Namen zu nennen ist nicht nötig; es war aber einer von den Staatsmännern, auf welchen schauend es mir folgendergestalt erging, ihr Athener: Im Gespräch mit ihm schien mir dieser Mann, zwar vielen andern Menschen auch, am meisten aber sich selbst sehr weise vorzukommen, es zu sein aber gar nicht. Darauf nun versuchte ich ihm zu zeigen, er glaubte zwar weise zu sein, wäre es aber nicht; wodurch ich dann ihm selbst verhasst ward und vielen der Anwesenden.

Indem ich also fortging, gedachte ich bei mir selbst: weiser als dieser Mann bin ich nun freilich. Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

Hierauf ging ich dann zu einem andern von den für noch weiser als jener Geltenden, und es dünkte mich eben dasselbe, und ich wurde dadurch ihm selbst sowohl als vielen andern verhasst.

- Aus Platons Apologie

Sokrates kam nun zwar zu der Einsicht, dass er wusste weiser zu sein, als die mit denen er sprach. Doch das wusste er eben nur deshalb, da er es nicht wie jene, von sich selbst behauptete. Ebenso wenig verleitete andere zu solcher Vermutung. Er wusste dass er damit dem Orakelspruch zu Delphi gerecht geworden war, der ja lautet:

Erkenne dich selbst.

Dieses Selbst hatte Sokrates allerdings sehr viel ernster genommen, als jene, mit denen er sprach zur Beantwortung seiner Frage nach dem Weisesten. Für ihn entstand dieses Selbst erst durch die Selbsterkenntnis an sich, durch etwas, auf das man sich überhaupt einlassen muss.

Nur wer in sich reflektiert ist, bildet das, was man als Bewusstheit bezeichnen könnte. So meinte Sokrates mit seinem berühmten Ausspruch »zu wissen, dass er nicht wisse«, keineswegs dass er etwa unwissend gewesen wäre. Was er damit zu wissen glaubte, erklärte sich ihm aus einer Reflexion auf sein Wissen. Er stellte dabei fest, dass Wissen an sich, dass er und seine Gesprächspartner hatten, eher einem Vermuten glich, denn man glaubte dies und das zu wissen. Fragt einer jedoch einmal genauer nach und erkundigte sich über mögliche Beweise für dieses Wissen, sahen die Dinge doch gar nicht mehr so klar aus, wie man sie eben als Wahrheiten zu wissen glaubte. Hiervon ausgehend, gerät doch alles herkömmliche Wissen ins Schwanken.

Wie aber soll in solcher Ungewissheit noch das eigene Wissen sicher sein?

Wer weiß denn dann noch ob die eigenen Werte überhaupt richtig sind?

Sind wir uns denn alle nicht, auch heute noch, oft all zu sicher mit dem was wir wissen – über andere oder gar über uns selbst?

Aufgabe der Philosophie war darum immer, spätestens aber seit Sokrates, all das was man als selbstverständliches Wissen bezeichnet, immer wieder zu hinterfragen.

 

Hinrichtung eines Philosophen

Hinrichtung eines Philosophen

Alle Überzeugungen und alle Meinungen sind Dinge an die wir Menschen glauben. Wohl aber meinen die meisten Meinungen immer nur auch tatsächliche Wahrheiten zu sein. Auch die Überzeugung weist in diese Richtung. Denn ein Überzeugen ist doch immer etwas, wo jemand versucht, durch entsprechende Beweismittel, andere zur Anerkennung einer Tatsache oder Meinung zu bringen, meist sogar zu zwingen.

Wäre es aber nicht eigentlich angebrachter, dass wir das was wir wissen, mit all den darin anklingenden negativen und behindernden Überzeugungen, als solche in unserem Leben zu entlarven? Viel zu oft nämlich neigen wir dazu uns in unseren vielen Meinungen ganz bequem einzurichten. Doch das wäre etwas, dass immer wieder neue Beweise für Meinungen benötigt, an die wir uns wegen unseres eigentlichen Wunsches nach Komfort freiwillig binden.

Es scheint, als sei diese Haltung der Menschen aus dem Bewusstsein unserer Jahrtausende alten sesshaften Zivilisation gezeugt. Kommt da nun aber einer daher und stellt die eigenen Überzeugungen in Frage, fühlt sich das gar nich mehr an wie eine Liebe zur Weisheit, wie eine Philosophie, sondern wird als durchaus lästig empfunden.

Vielen der Zeitgenossen des Sokrates dürfte es so ergangen sein, als er sie mit seinen unangenehmen Fragen irritierte. Klar: Wer will sich schon in seinem eigentlichen Nicht-Wissen selbst erkennen? Was Sokrates bei seinen Zeitgenossen als eigentliches Scheinwissen entlarvte, brachte darum viele gegen ihn auf. Als Sokrates in einer seiner Begegnungen solche Fragen stellte, erhielt er anstelle der erbetenen Auskünfte, von seinem wütenden Gegenüber sogar Fußtritte. Einer seiner Schüler, der ihn bei diesem Vorfall begleitete, fragte empört wieso er sich das gefallen lasse. Sokrates antwortete aber darauf:

Wieso nicht? Hätte mich ein Esel getreten hätte, so hätte ich ihn doch auch nicht gerichtlich belangt.

- Aus Diogenes Laertius' Leben und Meinungen berühmter Philosophen, II:21

Der Prozess

Im Jahr 399 v. Chr. stellte man Sokrates vor Gericht. Es ist wohl nicht ganz einfach zu beantworten, wie es letztendlich dazu kommen konnte, das er sich einem öffentlichen und dabei so entwürdigenden Prozess stellen musste. Ob dabei vielleicht auch politische Interessen eine Rolle spielten, sei zumindest einmal zu vermuten.

Wie aber konnte es dazu kommen, dass einer der in Gesprächen mit seinen Mitmenschen nach der Wahrheit suchte, solche Feindseligkeit auf sich zog? Stein des Anstoßes war eben, dass Sokrates wortwörtlich »in Frage stellte«, was über so lange Zeit als gesichertes Wissen galt, basierte es doch auf den Überlieferungen ferner Vergangenheit. Der alte Glaube an die Mythen sollte einer neuen Bewusstseinsstruktur weichen. Ein Mythos stellt keine Fragen, sondern liefert mehrere Möglichkeiten zu antworten. Im sokratischen Fragen bleiben jegliche Antworten aus, womit sich jedwedes Beziehen auf die Vergangenheit erübrigt und vielleicht sogar das, was man als Tradition bezeichnet, ins Reich der Fabeln verweist. Lässt der Wunsch nach Wissen, über die eigentliche Wahrheit der Dinge, den Befragten aber nicht nur mit Zweifeln im Stich?

Vielleicht darum empfanden Sokrates' Zeitgenossen sein eindringliches Fragen als schlichte Frechheit, denn oft zerstörte er damit einfach nur die Gewissheiten der Befragten und machte sie vor sich selbst lächerlich. Denn er ließ sie, wenn auch unbeabsichtigt, ohne Antwort stehen. Nun wäre das an sich nicht weiter gefährlich gewesen, wären seine treuesten Schüler und innigsten Freunde keine Adeligen gewesen. Doch in Anbetracht dieser Tatsache, erschütterte er durch sein Fragen, und die damit empfundene Kritik an allem Geglaubten, womöglich die Grundfesten des Staates und brachte vielleicht sogar die Religion ins Wanken.

Sokrates hatte sich also immer mehr Feinde unter den einflussreichen Bürgern Athens gemacht, was schließlich in diesem Prozess gegen ihn enden sollte. Man beschuldigte ihn wohl aus Angst vor seinem weiteren Treiben. Er befand sich wahrscheinlich in seinem siebzigsten Lebensjahr, als man ihn mit folgenden beiden Punkten der Anklage beschuldigte:

  1. Leugnung der Staatsgötter Athens und Einführung neuer Gottheiten.
  2. Verführung der Jugend.

Es war aber nicht von vorn herein klar, ob dieser Prozess Erfolg haben würde, denn weder hatte Sokrates die Götter der Griechen verleugnet, noch hatte er die Jugend verführt. Stattdessen hatte er seine Schüler sogar zu guter Lebensführung ermahnt!

Es war wohl eher das Festhalten an seinem Tun und seine damit signalisierte Unbeirrbarkeit, die seine Ankläger gegen ihn aufgebracht hatten. Mit 281 gegen 220 Stimmen fällten sie das Urteil gegen ihn, womit für den Hauptankläger Meletos feststand: die Sokrates gebührende Strafe ist der Tod durch den Schierlingsbecher – ein Trank aus Gift – was damals in Athen die gängige Hinrichtungsart war.

Sokrates nahm das Urteil an, so wie es war.

Seine Freunde aber wollten das so nicht hinnehmen. Auch für seine Frau Xanthippe stand das Unrecht des Urteils im Vordergrund. Doch selbst im Angesicht des Todes verließ Sokrates keineswegs sein schelmischer Sinn für Ironie, denn nie ging es ihm darum Wortgefechte mit Argumenten und Gegenargumenten auszutragen oder sein Gegenüber von etwas zu überzeugen. Eher wollte er vermeintliche Widersprüche entlarven, als alleiniges Mittel zum Zweck.

Und als einer zu ihm die Äußerung tat: 'Die Athener haben dich zum Tode verurteilt,' sagte er 'Und die Natur hat sie zum Tode verurteilt' […] Als seine Frau sagte 'Du stirbst ungerechterweise,' erwiderte er 'Wäre es dir lieber ich stürbe gerechterweise?'

- Aus Diogenes Laertius' Leben und Meinungen berühmter Philosophen, II:35

Angesichts der knappen Verurteilung hätten für Sokrates jedoch gute Chancen bestanden sein Todesurteil noch abzuwenden. Er aber war zu keinem Kompromiss bereit.

Zuerkennen also will mir der Mann den Tod. Wohl! Was soll ich mir nun dagegen zuerkennen, ihr Athener? Doch gewiss, was ich verdiene! Wie also? Was verdiene ich zu erleiden oder zu erlegen dafür, dass ich in meinem Leben nie Ruhe gehalten, sondern unbekümmert um das, was den meisten wichtig ist, um das Reichwerden und den Hausstand, um Kriegswesen und Volksrednerei und sonst um Ämter, um Verschwörungen und Parteien, die sich in der Stadt hervorgetan, weil ich mich in der Tat für zu gut hielt

[…]

Was ist also einem unvermögenden Wohltäter angemessen, welcher der freien Muße bedarf, um euch zu ermahnen? Es gibt nichts, was so angemessen ist, ihr Athener, als dass ein solcher Mann im Prytaneion (Rathaus) gespeist werde, weit mehr, als wenn einer von euch mit dem Rosse oder dem Zwiegespann oder dem Viergespann in den Olympischen Spielen gesiegt hat. Denn ein solcher bewirkt nur, daß ihr glückselig scheint, ich aber, daß ihr es seid; und jener bedarf der Speisung nicht, ich aber bedarf ihrer. Soll ich mir also, was ich mit Recht verdiene, zuerkennen, so erkenne ich mir dieses zu: Speisung im Prytaneion.

- Aus Platons Apologie

Sokrates wollte ihre Strafe nicht, sondern die höchste Auszeichnung die die Stadt Athen an verdiente Mitbürger wie ihn zu vergeben hat: Eine kostenlose und lebenslange Speisung im Prytaneion, dem Rathaus Athens. Die Richter empörten sich über seine Provokation, die so groß war, dass jene die ihn zuvor nur für schuldig befunden hatten, sich nun ebenfalls für seinen Tod aussprachen.

Wer damals einflussreiche oder wohlhabende Freunde hatte, floh normalerweise. Bei Sokrates war das ja der Fall, denn die meisten seiner Schüler und Freunde waren ja Adlige. Sein Tod hätte ihnen den Verlust eines unersetzlichen Freundes bedeutet. Außerdem hätten sie doch als feige und geizig gegolten, wäre nichts geschehen. Mit seinem Freund Kriton prüfte er diese und andere Argumente seiner Schüler sorgfältig, ob es nicht doch angebracht sei, seinem Todesurteil mit ihrer Hilfe zu entfliehen, denn offensichtlich war ihm darin doch Unrecht widerfahren. Unrecht zu erleiden schien Sokrates aber nicht so schlimm, wie Unrecht zu tun. Er ließ also seine Chance zu entfliehen verstreichen. Weil er sein ganzes Leben die Gesetze Athens geachtet hatte, wollte er sie nun auch nicht im Angesicht des Todes übertreten.

Wo der Gott mich hinstellte, wie ich es doch glaubte und annahm, damit ich in Aufsuchung der Weisheit mein Leben hinbrächte und in Prüfung meiner selbst und anderer, wenn ich da, den Tod oder irgend etwas fürchtend, aus der Ordnung gewichen wäre!

Schlimm wäre das, und dann in Wahrheit könnte mich einer mit Recht hierher führen vor Gericht, weil ich nicht an die Götter glaubte, wenn ich dem Orakel unfolgsam wäre und den Tod fürchtete und mich weise dünkte, ohne es zu sein.

Denn den Tod fürchten, ihr Männer, das ist nichts anderes, als sich dünken, man wäre weise, und es doch nicht sein. Denn es ist eine Anmaßung, etwas zu wissen, was man nicht weiß. Denn niemand weiß, was der Tod ist, nicht einmal, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüßten sie gewiss, dass er das größte Übel ist.

- Aus Platons Apologie

Sich auf das Unbekannte des Todes vorzubereiten

Den Tod zu fürchten empfand Sokrates als ganz und gar unweise. Selbst wenn man nicht wissen kann, was nach dem Tod folgt, wusste Sokrates aber dass sich Körper und Seele trennen, sobald ein Mensch stirbt. Für ihn ging da etwas vor sich, dass der Philosoph, in seiner Tätigkeit als solcher, schon während seiner Lebenszeit unentwegt übt, zumindest aber üben sollte. Was damit gemeint sein könnte, darauf geht Platon in seinem Phaidon ein, wo er Simmias von Theben seinem Lehrer Sokrates als Schüler gegenüberstellt, um die Fragen zu diesem Thema auszuleuchten:

Scheint es dir Sache eines philosophischen Menschen zu sein, sich Mühe zu geben um die sogenannten Lüste, wie um die am Essen und Trinken?

Durchaus nicht Sokrates, antwortete Simmias.

Oder um die aus der körperlichen Liebe?

Keineswegs.

Und die übrige Besorgung des Körpers, glaubst du, dass ein solcher sie groß achte? Wie zum Beispiel schöne Kleider und Schuhe und andere Arten von Schmuck des Körpers zu haben, glaubst du, dass er es hoch oder gering achtet, soweit es nicht unbedingt notwendig ist, etwas davon zu haben?

Gering achten, dünkt mich wenigstens, wird es der wahre Philosoph.

Scheint dir also nicht überhaupt die Bemühung eines solchen Menschen nicht auf den Körper gerichtet zu sein, sondern sich, soweit es ihm möglich ist, sich von diesem abzukehren und sich der Seele zuzuwenden?

Das denke ich.

Also hierin zuerst zeigt sich der Philosoph als einer, der die Seele von der Gemeinschaft mit dem Körper loslässt, anders als die übrigen Menschen?

Offenbar.

- Aus Platons Phaidon

So scheint es also Ziel des wahren Philosophen zu sein, schon während seines Lebens in seinem Bewusstsein Körper und Seele zu trennen. Ein wahrer Philosoph nämlich will doch ungestört von leiblichen Bedürfnissen nachdenken können. Auf diese Weise nimmt er die Todeserfahrung schon zu Lebzeiten vorweg – eigentlich etwas, dass er mit jenen teilt, die man als die Eingeweihten in die Mysterien bezeichnet.

Wer sich also auf diese Weise vorbereitet, das eigene Bewusstsein nicht auf seine körperliche Existenz beschränkt, sondern sich von ihr zu lösen übt, wird gefasst und getrost auch dem Tod entgegen gehen können. Und was stirbt sonst, als »nur« der Körper?

Für Sokrates lebte die Seele fort, warum wir uns eben um sie kümmern sollten und weniger um die materiell gebundenen Umstände, durch die sich unser Leib auf unserer Lebensreise bewegt. Den Wandel unserer Seele aber bestimmt darin die Art unserer Lebensführung. Sokrates:

[…] nichts anderes tue ich, als dass ich umhergehe, um Jung und Alt unter euch zuzureden, bloß nicht für den Körper und für das Geld zuerst und so sehr zu sorgen, als um die Seele, dass sie möglichst vollkommen werde, in dem ich außerdem sage: nicht mit dem Geld kommt die Tugend, sondern aus der Tugend entsteht Geld und alles andere dem Menschen Nützliche – für den Einzelnen und für die Gemeinschaft.

- Aus Platons Apologie

Nachdem man Sokrates das Todesurteil verkündet hatte, erhielt er noch einmal das Wort.

Lasst uns aber auch überlegen, wieviel Grund es gäbe zu hoffen, das an dem Urteil etwas Gutes sei. Denn eins von beiden ist der Tod: entweder bedeutet er dass man nichts mehr ist, noch irgendeine Empfindung von irgendetwas hat, wenn man tot ist; oder, wie überliefert ist, es erfolge mit ihm ein Auswandern der Seele von einem Ort hier nach einem anderen Ort.

Gibt es nun im Tod keinerlei Empfindung, sondern ist er wie ein Schlaf, in welchem der Schlafende noch nicht einmal einen Traum hat, so wäre der Tod doch ein wunderbarer Gewinn. Denn ich glaube, wenn jemand eine solche Nacht, wo er so fest schlief, dass er keinen Traum hatte, mit allen übrigen Tagen und Nächten seines Lebens vergleichen würde, und nach reiflicher Überlegung sagen sollte, wieviel er wohl angenehmere und bessere Tage und Nächte als jene eine Nacht in seinem Leben gelebt habe, so glaube ich, würde nicht nur ein Privatmann, sondern sogar der Großkönig selbst entdecken, das diese, verglichen mit den übrigen Tagen und Nächten, sehr leicht zu zählen wären.

Wenn also der Tod etwas solches ist, dann nenne ich ihn einen Gewinn. Denn dann scheint mir ja die ganze Zeit nach dem Tod nicht länger zu währen, als eine einzige Nacht.

Ist aber der Tod wiederum wie eine Auswanderung von hier nach einem anderen Ort, und wenn es wahr ist, wie gesagt wird, dass sich dort alle Verstorbenen aufhalten, was für ein größeres Glück könnte es wohl geben als dieses, ihr Richter?

Denn wenn einer in den Hades (Unterwelt) kommt und sich derer entledigt die sich für Richter halten, dort aber die wahren Richter antrifft, von denen die gleiche Überlieferung sagt, dass sie dort Gericht halten, nämlich den Minos, den Rhadamanthys, den Aiakos, den Triptolemos und all die anderen Halbgötter die sich in ihrem Leben als gerecht bewährten: wäre eine solche Reise so schlimm?

[…]

Für wieviel, ihr Richter, möchte das einer wohl annehmen den auszufragen, welcher das große Heer gegen Troia geführt hat oder den Odysseus oder den Sisyphos, und viele andere könnte einer nennen, Männer und Frauen, mit denen dort zu sprechen und umzugehen und sie auszuforschen auf alle Weise; das wäre wohl eine unbeschreibliche Glückseligkeit! Jedenfalls verurteilen sie einen dort, wie man annehmen darf, deswegen nicht zum Tod.

Jedoch ist es nun Zeit, dass wir gehen: ich um zu sterben, und ihr um zu leben. Wer aber von uns beiden dem besseren Los entgegengeht, das weiß keiner – außer nur Gott.

- Aus Platons Apologie

Das Vermächtnis des Sokrates

Sokrates hatte ein materiell sehr bescheidenes Leben geführt. Was man Armut nennt, empfand er nicht als Ärgernis. Seine Freunde sorgten durch ihre Gastfreundschaft und ihre Geschenke für seinen Lebensunterhalt. Aber auch diese Gaben nahm Sokrates nur begrenzt an. Nichts sollte sein irdisches Dasein zu sehr bestimmen, lebte er doch gern die von ihm selbst gewählte Lebensweise, in der, spricht man doch heute noch über ihn, so viel Philosophie steckte. Man sah das eben an seiner Distanz zu den materiellen Dingen der Welt, seine Hingabe an das philosophierende Fragen und seine unglaubliche Gelassenheit, äußeren, ihm widerfahrenen Ereignissen gegenüber – insbesondere dem über ihn gesprochenen Todesurteil.

Nie ging es Sokrates darum, um jeden Preis eine Lösung zu finden, sondern die Menschen dazu zu bringen, selbst über sich und ihr Leben nachzudenken. Denn nach Sokrates' Auffassung, verdiente ein Leben ohne Selbstbetrachtung nicht, überhaupt gelebt zu werden. Wenn darum sein Fragen im Gegenüber zu keiner Antwort führte, nahm er das so hin und war darüber nicht etwa enttäuscht, denn auch wenn eine Frage zu keiner Antwort führend ungelöst bleibt, bedeutet allein das ja schon einen Erkenntnisgewinn.

Sokrates wollte erreichen, dass die Befragten nicht einfach nur dahinleben. Vielmehr sollten sie ihr Leben bewusst führen und gestalten.

Was er hinterließ waren jedoch nicht nur Philosophen, sondern vor allem Menschen.