C. G. Jung

Was ist der Stein der Weisen?

Was ist der Stein der Weisen?

Der Stein der Weisen - ewigeweisheit.de

Paris im Jahr 1659: Der legendäre Alchemist Basilius Valentinus veröffentlicht ein geheimnisvolles Buch, mit dem eigenartigen Titel »L'Azoth des Philosophes«, auf deutsch: »Das Azoth der Philosophen«. Was beutet das?

Das Wort Azoth an sich schon ist ein Geheimnis, denn es deutet hin auf jenes »Einige Ding«, von dem in der wundersamen Smaragdtafel des Hermes Trismegistos (Tabula Smaragdina Hermetis) die Rede ist:

Das was oben ist, entspricht dem was unten ist. Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

- Tabula Smaragdina II

Die ersten beiden Buchstaben A und Z im Namen Azoth, beziehen sich auf den Anfang und das Ende aller Dinge – bei dem das »Einige Ding« am immer es selbst bleibt.

Alchemisten und Magier suchten nach einer einzigartigen, rein-geistigen Substanz. Sie glaubten darin sowohl das Chaos vom Uranfang des Universums zu finden, wie auch jenes vollkommen vollendete Werk, dass sie als den perfekten Stein der Weisen bezeichnen. In der Vereinigung dieser beiden universalen Urformen des Kosmos, sah man in uralter Zeit das, was die Smaradtafel das »Einiges Ding« nennt.

Die Etymologie des Wortes Azoth aber ist arabischen Ursprungs und bedeutet schlicht Quecksilber (arab. الزَّاوُوق‎ Az-Zawuq). Für Alchemisten gilt Quecksilber, genannt Mercurius, als Seele aller Metalle. Dem deutschen Arzt Paracelsus (1493-1541) war Mercurius sogar der Inbegriff einer Universalmedizin. Kaum aber meinte er damit das giftige Metall, als vielmehr ein rein-geistiges, heilendes Prinzip, dass dem Unwissenden jedoch für immer unzugänglich bleibt.

Azoth - ewigeweisheit.de

Illustration im Buch Azoth des Basilius Valentinus: Es veranschaulicht das gesamte Wesen von der siebenstufigen Veredelung des Selbst im Leben eines Menschen.
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Ein alchemistisches Emblem

Im Zentrum dieser außergewöhnlichen Illustration, sieht man das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes. Er ist im Begriff sein Werk zu beginnen, indem er die Kräfte des Oberen und des Unteren in sich und in der Welt eint. Das ist das Ziel seiner hermetischen Arbeit.

Wer darum das Bild des Azoth versteht, kann es durchaus als Bild für die Kontemplation verwenden. Dann ist es so, als schaue der Meditierende in einem Spiegel ein Mandala, worin er die Transmutation seines eigenen Lebens zu etwas höherem, erkennen kann.

Der große innere Kreis des Emblems überlagert ein Dreieck, dessen drei Ecken unter ihm hervorragen und die Formen höheren Lebens andeute:

  • Spiritus – Der Geist
  • Anima – Die Seele
  • Corpus – Der Körper

Gemeinsam symbolisieren sie drei archetypische Urkräfte, die den Alchemisten bekannt sind als Sulphur, Mercurius und Sal – die drei philosophischen Prinzipien. Sie bilden eine Heilige Dreiheit im Universum. Als solche wirken sie in allem, was in der manifestierten Welt existiert: materiell oder imateriell. Alles im Kosmos unterliegt ihrer Wirkung: unser Geist, unsere Emotionen, unser Körper, die Planeten des Himmels, die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere. Auch in nicht-physische Wesen und Geistern sind diese drei Wirkprinzipien präsent.

Das Siebenfältige Werk

Jenen großen Kreis in der Mitte des Bildes, unterteilen sieben Strahlen eines großen Sterns. Das ist ein Symbol für die siebenfältigkeit von Mikrokosmos und Makrokosmos. Daher enthält jeder der Strahlen das Symbol eines der sieben klassischen Planeten (Makrokosmos), dass gleichzeitig einem klassischen Metall (Mikrokosmos) zugeordnet ist.

Paracelsus nannte dieses Symbol den Stern im Menschen, der die geheimen alchemistischen Prozesse in allen Seelen repräsentiert. Sie entsprechen gleichzeitig den Vorgängen in der universalen Weltseele des gesamten Kosmos.

Die Ziffern 1 bis 7 im Bild weisen hin auf die sieben Arbeitsgänge bei der Bereitung des Steins der Weisen und der Herstellung des Lebenselixiers:

  1. Die Calcinatio – die Kalzinierung oder Veraschung,
  2. die Solutio – die Auflösung,
  3. die Separatio – die Trennung oder Filterung,
  4. die Conjunctio – die Vermählung oder das Schwängern,
  5. die Fermentatio – die Fermentierung,
  6. die Destillatio – die Destillierung und
  7. die Coagulatio – die Gerinnung, die, durch die in der Destillatio erhaltene Substanz, schließlich zur Verfestigung beziehungsweise Manifestierung des erzielten Zustands führt.

Dem aufmerksamen Lesen dürfte auffallen, dass sich zu diesen sieben Stufen, gewiss auch Parallelen ziehen ließen, zum Siebentagewerk im ersten Kapitel der biblischen Genesis.

Die Reihenfolge der sieben hier benannten Arbeitsschritte jedenfalls, sollte der Alchemist bei der Schaffung des Steins der Weisen einhalten. Was in den einzelnen Arbeitsschritten geschieht, erläutern außerdem die Vignetten, die sich zwischen den Strahlen des Siebensterns befinden. Sie enthalten besondere, dem Uhrzeigersinn  folgende Bilder, die wie folgt beschrieben werden:

  1. Vignette: Ein schwarze Krähe sitzt auf einem Totenkopf. Dieses Bild steht für die Nigredo, den Vorgang der Schwärzung, dem Anfangszustand des alchemistischen Prozesses.
  2. Vignette: Hier beobachtet die Krähe, wie sie sich selbst auflöst und sich vor ihr die reineren, weißen Bestandteile ihres Seins zeigen. Was also zurückbleibt war zuvor im Innern verborgen und wird nun sichtbar.
  3. Vignette: Hier sieht man zwei weiße Vögel die an der auf dem Boden liegenden Krähe zerren und sie in Stücke reißen. Dieses Bild steht für die Trennung beziehungsweise Isolierung der Essenz, die zuvor aus der Materie ausgelöst wurde.
  4. Vignette: Zwei weiße Vögel fliegen gen Himmel und erhöhen mit ihren Schnäbeln dabei eine goldene Krone. Dies symbolisiert die Läuterung, der die gewonnene Essenz unterzogen wird. Dabei werden ihr himmlisch-göttliche Kräfte zugeführt und sie damit veredelt.
  5. Vignette: Man sieht hier die beiden Vögel die auf einem Baum in ihrem Nest brüten. Hiermit beginnen die geheimnisvollen Prozesse im Werk des Alchemisten. Denn was dort ausgebrütet wird ist zwar noch verborgen, doch wird sich schon sehr bald offenbaren.
  6. Vignette: Vor einem Rosenbusch liegt ein weißes Einhorn. Nie konnte ein Jäger dieses legendäre Wundertier gefangen. Doch es wird ganz zahm, wenn sich ihm eine Jungfrau nähert. Sie nämlich symbolisiert die vollkommen geläuterte Materie, die sich bereits in greifbarer Nähe befindet. Sie ist der Inbegriff vollkommener Reinheit und Unschuld. Das nämlich sind die maßgeblichen Voraussetzungen, um den Stein der Weisen entgegennehmen zu dürfen.
  7. Vignette: Hier sieht man einen jungen Menschen, der aus einem Grab aufersteht. Jetzt wurde der Stein der Weisen gefunden und das Große Werk der Alchemie vollbracht. Denn jene Auferstehung steht für das ewige Leben, in das der Besitzer jenes geheimnisvollen Steins erwacht. Es wird dieser Stein manchmal auch »der Gral« genannt. Ihn hat der Sucher nun in sich entdeckt.

Sol und Luna: Die Königlichen Himmelsleuchten

Der schematisch dargestellte Körper des Alchemisten, ist der Sprössling der hervorgeht aus der Vermählung der Archetypen des Sonnenkönigs (Sol) und der Mondkönigin (Luna). Sol reitet zu seiner Rechten auf einem Löwen, während Luna zu seiner Linken auf einem Fisch das Meer durchquert.

Auf der Smaragdtafel lesen wir:

Sein Vater ist die Sonne, Seine Mutter der Mond

- Tabula Smaragdina IV

Bei genauem Hinsehen, erkennt man, dass der Sonnenkönig lächelt. Das ist ein Hinweis auf seine extravertierte Art. Er hält in seiner Linken ein Schild und in seiner Rechten ein Szepter: Sinnbilder für seine Macht über Vernunft und die sichtbare Welt.

Der Löwe auf dem er sitzt ruht selbst auf einem Felsen, in dem sich eine Höhle befindet. Daraus erscheint ein feuerspeiender Drache. Er weist hin auf des Sonnenkönigs verborgene, unbewusste Triebe. Denn aus dem extravertierten, immer frohen König, wird manchmal ein arroganter Despot. Damit aber besiegelt er bereits sein Ende, denn der feurige Drachenhauch aus dem Urgrund seines Bewusstseins, wird ihn in seinen Leidenschaften verbrennen.

Die Mondkönigin macht einen eher melancholischen Eindruck. Sie aber hält in ihren Zügeln einen riesigen Fisch, der ihre Macht über das Unbewusste symbolisiert. So hat die Mondkönigin die Vorgänge in ihrem Unterbewusstsein vollkommen unter Kontrolle, etwas also das dem Sonnenkönig fehlt. In ihrer Linken wiegt sie Pfeil und Bogen. Sie stehen für die Hinnahme von Kummer und Leid, dass die Mondkönigin als Teil des Lebens anerkennt.

»Die Chymische Hochzeit«

Sonnenkönig und Mondkönigin stehen für die Ausgangsubstanzen, mit denen der Alchemist sein Werk beginnt. Sie verkörpern seine Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, die für seine Arbeit von Bedeutung sind. Er nämlich ist der Erschaffer des Steins der Weisen.

Der Sonnenkönig repräsentiert die Macht des Geistes über das Denken, was im Makrokosmos dem Weltgeist (Spiritus Mundi) entspricht. Die Mondkönigin dagegen repräsentiert die menschlichen Gefühle und Emotionen, die auf makrokosmischer Ebene der Weltseele (Anima Mundi) entsprechen. In der Kabbala ließen sich diese Wirkformen, mit den Sefiroth Binah (göttliche Intelligenz) und Chokmah (göttliche Weisheit) vergleichen. Der Weltgeist ergießt sich als göttliche Intelligenz und ordnende Instanz, in das in der Weltseele wütende, magische Urchaos.

Es scheint nun naheliegend, dass daher beide Prinzipien auf gegenseitige Ergänzung drängen und sich die Ordnung mit dem Chaos vermählen will, der Geist mit der Seelensubstanz, der Intellekt mit der Weisheit. Damit käme es zur sogenannten Heiligen Hochzeit (Hieros Gamos) von Sonnenkönig und Mondkönigin. Auf den Menschen übertragen bedeutete das einen Bewusstseinszustand, in dem ihm gelingt sein Denken mit seinem Fühlen zu verbinden, in sich quasi eine emotionale Intelligenz zu schaffen. Dieser Zustand aber, kann geläutert und erhöht werden, was den Alchemisten in die Lage einer perfekten Intuition versetzt. Damit aber gelingt ihm die vollkommene Erkenntnis über das innerste Wesen der Realität. In der Tabula Smaragdina heißt es dazu:

Alle Finsternis wird von Dir weichen.

- Tabula Smaragdina IX

Womit gemeint sind, die:

Vollendungen der ganzen Welt

- Tabula Smaragdina VI

Ziel des großen Werks

Alle Alchemisten suchten nach diesem Zustand, vollkommener ungetrübter, edelster Weisheit. Man könnte sagen, dass sie versuchten jenen Moment der Erleuchtung, im gesuchten und letztendlich geschaffenen Stein der Weisen zu gewinnen und darin zu bewahren.

Es wäre aber falsch hier nur an ein physisches Mineral oder eine perfekten Edelstein, wie etwa den Smaragd zu denken. Vielmehr handelt es sich beim Stein der Weisen um einen Bewusstseinszustand vollkommener, geistig-seelischer Ordnung. Diese spirituelle Struktur erschafft der wahre Alchemist durch die heilige Vermählung der Gegensätze in ihm – das was C. G. Jung als den Animus und die Anima bezeichnete.

Der Leib des Alchemisten

In der vorliegenden Illustration des Azoth, stehen die vier Gliedmaßen des Alchemisten, für die vier alchemistischen Elemente:

  • sein rechtes Bein steht auf dem Land (Erde),
  • sein linkes Bein steht im Meer (Wasser),
  • seine rechte Hand hält eine brennende Fackel (Feuer) und
  • seine linke Hand greift nach einer Feder (Luft).

Sein Haupt aber steht für das verborgene fünfte, geistige Element: den Äther. Es ist die unsichtbare Quintessenz, durch die sich das im Geist Ausgemalte, in der Realität manifestiert. In der Smaragdtafel heißt es dazu:

Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es sich in die Erde ergießt und sich mit ihr vereint.

- Tabula Smaragdina VII

Zwischen seinen Beinen baumelt ein Würfel, den sechs Sterne umgeben. Dieses Symbol, dass das Wort »Corpus« – der Körper – kennzeichnet, steht für die sechs Richtungen der materiellen Welt: oben, unten, links, rechts, hinten und vorn.

Was aber ist über seinem Haupt zu sehen? Eigentlich sollte sich ja dort der Kopf des Alchemisten befinden. Doch der scheint ins Herz verrückt zu sein. Was man hier aber sieht, ist ein kleines Gebilde, dass zwei lange Flügel tragen: ist damit etwa das dritte Auge gemeint – jene lichtempfindliche Drüse im Zentrum des menschlichen Gehirns?

Geflügelte Sonne - ewigeweisheit.de

Die geflügelte Sonnenscheibe: ein häufiges Symbol im Alten Ägypten, das links und rechts eine Uräus-Schlange ziert. Eigentlich ist dieses Bild auf dem gesamten Erdball verbreitet. Man denke etwa an die Ähnlichkeit des zoroastrischen Faravahar-Symbols.

Womöglich entwickelte sich diese Symbolik aus der geflügelten Sonnenscheibe des Echnaton. Dieses uralte Emblem krönt den magischen, schlangenumwundenen Stab des Hermes: den Caduceus. Er ist das, was im Allgemeinen unter der Bezeichnung »Zauberstab« verstanden wird. Die beiden Schlangen nämlich, die sich daran emporwinden, stehen für zwei geheimnisvolle Kräfte im Körper.

Somit ist der Caduceus an sich ein Symbol für die oben näher erläuterte Heilige Hochzeit des mikrokosmischen Spiritus und der Anima im Menschen, wie ebenso Weltgeist und Weltseele im Makrokosmos.

Was in Basilius Valentinus Emblem also zwischen den beiden Flügeln in der Mitte zu sehen ist, symbolisiert die aufgestiegene Seelenessenz desjenigen, der sie in seinem Körper auf die höchste Stufe des Gehirns brachte. Denn von diesem zerebralen Zentrum aus, kann sich menschliches Bewusstsein, dass diesen Grad der Vollendung erreichte, vom Körper lösen und sich in andere Gefilde des Seins begeben.

In den alt-ägyptischen Mysterien, weihte man die Adepten ein, in diesen Zustand ultimativen Gewahrseins. Man führte ihren Körper an die Todesgrenze, so dass sie ihn als Leiche empfanden, doch gleichzeitig bei vollem Bewusstsein blieben.

Es ist also die Krone des Caduceus, die hier hinter der großen, siebengeteilten Scheibe emporragt. Links brennt ein Feuer, worin sich ein Salamander befindet. Und so wie der Salamander die Wärme des Sonnenlichts benötigt, so benötigt auch die Seele (Anima) das Licht des Geistes.

Auf der rechen Seite der geflügelten Caduceus-Krone aber befindet sich ein Adler, der für den Geist (Spiritus) steht. So wie die kühlende Nacht den Geist beruhigt und ihm zur Reflexion verhilft, so gleitet am Abend der Adler in sein mondbeschienenes Nest.

Vitriol-Formel-Emblem in den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Eine Illustration der berühmten Vitriol-Formel, die ursprünglich in Valentinus' Buch Azoth erschien, jedoch vielfach kopiert wurde. Diese Version stammt aus dem sogenannten "Dritten und letzten Heft" der Geheimen Figuren der Rosenkreuzer.
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Smaragdgrüner Stein der Weisen

In alter Zeit nannte man das smaragdgrüne Eisensalz der Schwefelsäure »Vitriol«. Den Alchemisten aber ist es außerdem der verschlüsselte Name für die prima materia, die Ausgangssubstanz bei der Bereitung des Steins der Weisen. Es handelt sich also nicht um das gewöhnlichesbuchstaben Eisenvitriol, sondern eher um ein geistiges Ausgangsprinzip.

Schauen wir uns noch einmal die Basilius Valentinus' Illustration an: in den Zwischenräumen, umgeben von den sieben Strahlen des Sterns, lesen wir sieben Worte. Ihre Anfangsbuchstaben bilden ein Akronym: Vitriol!

Die innere Bedeutung des Namens Vitriol also ergibt der Satz, den diese sieben Worte im Urhzeigersinn gelesen ergeben:

Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem.
Besuche das Innere der Erde, inmitten der du dich läuterst, und du wirst finden den geheimen Stein.

Mit jenem visita, dem Besuch, ist der Beginn einer Reise gemeint, die der Alchemist in den interiora, den innersten Empfindungen seines Körpers auf der terrae, der Erde, einer rectificando, einer Läuterung unterziehen muss. Ist das aber vollzogen, wird er finden, invenies, den Stein der Weisen: occultum lapidem.

Der Heros in Tausend Gesichtern - von Joseph Campbell

Der Heros in Tausend Gesichtern - von Joseph Campbell

Joseph Campbell (1904-1987) war ein amerikanischer Wissenschaftler und Autor auf den Gebieten der Mythologie und der vergleichenden Völkerkunde. Bücher wie »Der Heros in tausend Gestalten« (1949) oder das nach seinem Tod veröffentlichte »Kraft der Mythen« (1988), fanden eine große Leserschaft und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Joseph Campbell - ewigeweisheit.de

Bereits als Junge faszinierten Campbell die Ähnlichkeiten zwischen christlichen und indigenen Glaubensvorstellungen. Daraus schloss er schon sehr früh, dass sie nicht zufällig, sondern auf einem viel älteren, gemeinsamen Ursprung basieren müssen, der alle Kulturen weltweit miteinander verbindet.

Campbells Werk ließe sich als psychotherapeutisch orientierte Mythenforschung bezeichnen, wo den Leser Helden-Charaktere begleiten – auf einer Reise zu sich selbst. Sie nehmen ihn mit auf ihrem Weg, lassen ihn teilhaben an ihren Heldenfahrten. Gewiss erinnert das an die Queste der mittelalterlichen Troubadour-Dichtung. Auch da begegnen Helden, in bestimmter Abfolge, archetypische Charaktere. Man denke etwa an Parzival aus der Gralsgeschichte des Wolfram von Eschenbach. Joseph Campbell nannte das, die »Heldenreise« (engl. Hero's Journey). Es ist ein besonderer Zyklus mit verschiedenen Stationen, die der Held auf seiner Reise passieren muss. Was er dabei erfährt, hilft ihm sich über seine bisherige Persönlichkeit hinaus zu entwickeln. Das wurde von vielen Therapeuten zu initiatorischen Übungen weiterentwickelt. Sie sollten ihren Klienten helfen, ihrem wahren Wesenskern näher zu kommen – etwas, das ja insbesondere im Coaching, die zentrale Zielsetzung ist.

Das Werk des Psychologen C. G. Jungs, übte auf Joseph Campbell großen Einfluss aus. In Jungs Werk fand er die elementaren Gemeinsamkeiten von Mythos und menschlicher Psyche. So steht die Campbell'sche Auffassung über die Mythe, in engem Zusammenhang mit den Methoden der Traumdeutung von C. G. Jung. Für beide ist die Interpretation von Träumen und Mythen durch Symbole, von ganz wesentlicher Bedeutung.

In seinem Buch »Der Heros in tausend Gestalten«, beleuchtet Campbell den Mythos der Heldenfahrt, als allgemeinen Leitfaden für alle Menschen. Die Stationen der Heldenreise finden wir in den Mythen der Antike, wie sie ebenso in Traumvisionen von Klienten eines Psychologen auftauchen. Campbells große Leistung war, das schier unendliche Material durchzuarbeiten, aus verschiedenen Mythen der Völker. Die darin immer wieder auftretenden Charaktere und Situationen, erkannte er als besondere Muster, die er in seinen Büchern herausarbeitete.

Was Campbell aus den unzähligen Heldenmythen der Völker extrahierte, ließe sich in einer Formel zusammenfassen, die den drei Stufen der Mysterien-Einweihung entspricht:

  • Die zeremonielle Beendigung eines alten Lebensabschnittes,
  • Initiation in ein neues Leben und
  • Rückkehr des Eingeweihten ins alltägliche Leben.

Unser weltliches Dasein, so Campbell, sei ein langsamer Initiationsprozess. Doch fehlt den meisten modernen Menschen oft die Hilfe von jemandem, der diesen Initiationsweg bereits gegangen ist. So besteht die Gefahr, in den Ritualen des Übergangs, von einer zur nächsten Station der Heldenreise, in unbewältigten Fixierungen steckenzubleiben.

Im ersten Teil seines Buches beschreibt Joseph Campbell die typischen Stationen der Heldenreise: Die Berufung und der Aufbruch, eine besondere Schwelle muss überschritten werden, die aber Wesen aus der Schattenwelt bewachen. Auf seiner Reise gerät der Held in eine Gegend fremder, aber seltsam vertrauter Kräfte. Manche davon sind bedrohlich, andere hilfreich. Gefangen im »Bauch des Wales« und auf dem »Weg der Prüfungen«, wird seine alte Person vernichtet. Im weiteren Verlauf dieser mythischen Reise aber, erhält er schließlich den Lohn für seinen siegreichen Wandel. Es kommt zur Ausweitung seines Bewusstseins. Die Stationen der »Heiligen Hochzeit«, der »Versöhnung mit dem Vater« oder der »Apotheose«, bringen ihn dann zur Erleuchtung, Verwandlung und endlich in die Freiheit. Die Mächte die ihn einst hinderten, helfen ihm nun bei der Rückkehr in die alte Welt.

Der zweite Teil befasst sich mit den Zyklen der Welterschaffung, wie auch ihrer Zerstörung. Dem Helden werden darin die Symbole der Gleichsetzung von Unbewusstem und Überbewusstem offenbart. Was in der Bibel als »der Fall« bezeichnet wird, entspricht für Campbell dem Sturz des Überbewussten ins Unbewusste, wobei sich die manifeste Welt auflöst.

Campbell schließt sein Buch, indem er noch einmal zusammenfasst, die Funktionen von Mythos, Kultus und Meditation. Ziel einer modernen Heldenfahrt müsse sein, so Campbell, »das verlorene Atlantis der unzerspaltenen Seele wieder ans Licht zu bringen.«

Inhalt

  • Prolog: Der Monomythos
  • Das Abenteuer des Heros
    • Aufbruch
    • Initiation
    • Rückkehr
    • Die Schlüssel
  • Der kosmologische Zyklus
    • Emanation
    • Die Geburt von der Jungfrau
    • Die Verwandlung des Heros
    • Die Auflösung
  • Epilog: Der Mythos und die Gesellschaft
     

Informationen zum Buch

Das Buches ist hier http://amzn.to/2ufxPnb  erhältlich oder im Buchhandel.

Foto: http://bit.ly/2vFMWUO

 

Geschichte des Tarot

Geschichte des Tarot

Die aus alter Zeit stammenden Bilder des Tarot sind voller Andeutungen und Geheimnisse. Es sind esoterische Symbol-Schlüssel, mit denen sich dem Suchenden die esoterischen Wissenschaften der Numerologie, Kabbala, Astrologie und Hermetik eröffnen. Der vielgestaltige Symbolgehalt des Tarot und die geistreiche Zusammensetzung seiner Abbildungen, machen aus ihm eines der besten Werkzeuge für die Selbsteinweihung in die okkulte Tradition.

Woher aber stammen diese Bilderschlüssel des Tarot? Was weiß man über ihre Geschichte und Bedeutung? Was ist ihr innerstes Mysterium?

Archetypen der menschlichen Psyche

Manchmal begegnet man an eigentümlichen Orten besonderen Figuren: in alten Kapellen, Gräbern, Höhlen, geheimen Gängen, in Grotten oder an wilden, unbewohnten Orten, lassen uns geheimnisvolle Bilder und Symbole aufmerken. Solche Symbole, wie man sie auch im Tarot findet, ähneln den archetypischen Bildern die uns nachts in unseren Träumen begegnen. Es sind Zeichen und Wegweiser auf den verborgenen Pfaden unserer Seele. Die Figuren des Tarot übersetzen solche Symbole für den Uneingeweihten. Durch ihre universale Bildsprache befördern sie eine für alle verständliche Ausdrucksform.

Für ein besseres Verständnis der Kartensymbole bietet die mystische Kabbala viele Hinweise. Beim Studium des kabbalistischen Lebensbaumes erkennen wir nach und nach auch die esoterischen Zusammenhänge der 78 Karten besser. Seine 22 Zweige korrespondieren mit den 22 Großen Arkana. Darum empfiehlt es sich diese Grafik eingehend zu studieren und über die darin abgebildeten Zusammenhänge zu meditieren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - im Rider-Waite-Tarot.

Die 78 Urbilder des Tarot sind Teil des kollektiven Unbewussten (ein Begriff den der schweizerische Psychologe C. G. Jung einführte). Sie sind der Teil der Psyche, der seine Existenz nicht persönlichen Erfahrungen verdankt, sondern sich im Wesentlichen aus Motiven und Traumbildern zusammensetzt, die ihren Ursprung in der Kulturgeschichte der Menschheit haben. Es sind Bilder die in allen Märchen, Mythen und Legenden, in allen Kulturen wiederkehren. Die Symbole und Bilder des Tarot bilden eine psychische Grundlage aller Menschen. Insbesondere die Bilder der Großen Arkana - wie die Hohepriesterin, der Herrscher (auch: Kaiser), die Herrscherin, die Liebenden, der Stern, der Mond, die Sonne, die Welt, um einige zu nennen - sind Archetypen die jedem Menschen irgendwann bekannt sind.

All diese Bilder in unserer Psyche fügen sich als verschiedene Seelen-Aspekte zu einer inneren Einheit. Wie bei einer divinatorischen Tarotlegung treten in der Seele einer Person jeweils andere dieser Aspekte in den Vordergrund. Der eine hat mehr von dem Einen, der andere mehr von dem Anderen.

Die vielen archetypischen Grundwesenszüge aus denen sich unsere Seelenwelt zusammensetzt, lassen sich in den Weisheitsbildnissen auf den Tarotkarten entdecken. So ist das Tarot ein universales System zur Selbsterkenntnis.

Tarocchi-Spieler - ewigeweisheit.de

"Die Tarocchi-Spieler" - Fresco im Casa Borromeo (Milan, Italien) aus dem Jahre 1440.

Geschichte des modernen Tarot

Neben seinem spirituell-initiatorischen Aussagewert hat das Tarot vor allem auch Bekanntheit erlangt als Zukunftsorakel. Seinen wahren Ursprung verdunkeln aber die Schleier der Geschichte. Man kann letztendlich nicht genau sagen, ob die Karten morgenländischen oder abendländischen Ursprungs sind. Ebenso geheimnisvoll ist die Etymologie seines Namens. Es gibt viele Theorien darüber, woher die Begriffe Tarot, Tarosh, Tarock oder Tarocchi stammen.

Immer wieder gab es Versuche den Namen des Spiels mit Orten in Verbindung zu bringen. So sollen die Karten erstmals in der Nähe des norditalienischen Flusses Taro aufgetaucht sein. Dem widersprechen aber andere Historiker, die den Ursprungs des Tarot in der marokkanischen Gelehrtenstadt Fez sehen wollen. Auch dem burmesischen Dorf mit dem Namen Taro wurde bereits die Ehre zuteil, für den Ursprungsort des Kartenspiels gehalten zu werden. Es folgen der See Tarok Tso im Hochland von Tibet, während andere altkluge Forscher den Ursprung der Karten bei den präkolumbianischen Maya ausmachen wollen.
Auch soll das Tarot ein Erbe des altchinesischen Spiels Chaturunga sein, auf das auch die Entstehung des Schachspiels zurückgeht. Da man für die Karten der großen Arkana oft die Bezeichnung »Trumpf« (von ital. Trionfi) verwendet, lautet wieder eine andere Theorie, dass das Tarotspiel eine bildliche Darstellung der mittelalterlichen Triumphzüge und christlichen Karnevalsmärsche sei. Für die Kirche allerdings waren Spielkarten einfach nur ein Werk des Teufels. Man sah in Kartenspielen Überbleibsel eines zu verachtenden Heidentums, das nur der teuflischen Belustigung dienen konnte, durchtrieben von schwarzer Magie und Hexerei.

Manche Tarot-Karten hinterlassen beim Betrachter tatsächlich einen ziemlich finsteren Eindruck, wie etwa der Tod, der Teufel oder der Turm, oder die Schwertkarten der kleinen Arkana im Rider-Waite-Tarot. Sicher hat das zu missgünstigen Ansichten geführt, so das das Tarot-Spiel der Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Wenn es nicht von vornherein nur ästhetischen Ansprüchen genügen sollte, wie etwa das Kartendeck von Visconti, diente die exoterische Variante des Tarotspiels allein der Unterhaltung.

Ardhanari - ewigeweisheit.de

Ardhanarishvara (ardha = halb, nari = Frau, ishvara = Herr, „der Herr, der halb Frau ist“) ist eine Mischgestalt des Gottes Shiva mit seiner Gemahlin Parvati.

Die vier Farben des Tarot-Spiels

Um 1435 entstand in Norditalien das Tarocchi. Wie das heutige Tarot setzt sich das Tarocchi aus 78 Karten zusammen. Damals erhielten die Farbenkarten der kleinen Arkana ihre Symbole: Stäbe, Schwerter, Münzen und Kelche. Auf den ersten Blick scheint es sich um christliche Symbole zu handeln, die sich mit Jesus von Nazareth (Stab: Lanze des Longinus; Kelch: Abendmahlskelch) und Johannes dem Täufer (Schwert des Henkers; Scheibe: Teller der Salomé) in Verbindung bringen ließen. Wahrscheinlich aber sind diese vier Symbole Insignien einer noch viel älteren Zeit, da die Vierheit von Stäben, Kelchen, Schwertern und Münzen, in ähnlicher Form auch in alt-irischen Sagen als Knüppel, Schwert, Kessel und Stein vorkommt.
Sogar im fernen Tibet bilden die vier Symbole von Vajra (eine Art Donnerkeil), Schwert, Glocke und Lotus (manchmal auch das Rad), wichtige Symbole bei der Initiation im Vajrayana-Buddhismus. Es sind heilige Symbole universalen Charakters, die die vier Weltrichtungen andeuten, wie auch die vier Sonnenstationen im Jahr.

Aus den vier Farben des alten Tarot entstanden außerdem die vier Farben der heutigen 52 Karten des französischen und des deutschen Blatts:

  • Kelche: Herz - Rot
  • Schwerter: Pik - Schippe
  • Münzen: Karo - Schellen
  • Stäbe: Kreuz - Eichel

Über den Ursprung der Spielkarten

Nach heutigem Kenntnisstand kamen die ersten Kartenspiele aus Fernost nach Europa. Die Idee Spielkarten zu drucken war vermutlich inspiriert vom Papiergeld-Druck, den es in China seit der Tang-Dynastie im 7. Jhd. gibt. Auch Spielkarten aus China und Korea, lassen sich bis ins 11. Jhd. zurückdatieren. Zwar gibt es keine Hinweise, doch es ist möglich, dass sich die Hersteller europäischer Kartenspiele von ihren chinesischen Zeitgenossen inspirieren ließen. Wahrscheinlich brachten heimkehrende Kaufleute die Spielkarten aus Fernost nach Europa. Denn im Frühmittelalter kam aus China auch die Idee des Papiergeldes auf den Handelsruten zu uns.

Der Tod - ewigeweisheit.de

XIII - Der Tod - aus dem Tarot-Unikat von Jacquemin Gringonneur.

Es gibt auch eine indische Legende über den Ursprung des Kartenspiels. Die Frau eines Maharadschas soll für ihren Mann das Kartenspiel erfunden haben. Damit wollte sie ihm helfen, sich von seinen schlechten Angewohnheiten abzulenken. Als Vorlage für die vier Kartenfarben verwendete sie die Symbole der vierarmigen Hindugottheit Ardhanari, einer androgynen Gestalt, zur einen Hälfte Shiva (männlich) und zur anderen Hälfte Devi (weiblich). In ihren Händen hält Ardhanarishvara einen Dreizack (Stäbe), eine Trommel (Kelche), ein Schwert (Schwerer) und einen Ring (Münzen; als Bhairava-Shiva hält der Gott statt eines Ringes eine Schädeldecke). Manchmal wird auch der indische Affengott Hanuman mit ähnlichen Symbolen abgebildet.

Kartenfarben und das indische Kastensystem

Dem Mythos nach flohen die Gypsies (Roma, Sinti) im ausgehenden 14. Jhd. aus ihrer kriegsgebeutelten, zentralindischen Heimat und begaben sich nach Europa. Da sie aber seitens der Inquisition durch den Ruf der Gottlosigkeit diskreditiert wurden, wanderten sie von Land zu Land, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Durch sie verbreiteten sich möglicherweise alt-indische Weisheiten im damaligen Europa und sie sollen es auch gewesen sein, die das vierfarbige Kartenspiel mitbrachten.

Die auf den Karten abgebildeten Tarotsymbole sollen von einer geheimnisvollen, verborgenen Schrifttafel stammen, die bis heute streng gehütet wird. Mit ihrem Ursprung werden oft die Farben des Tarot assoziiert, da sie den vier Varnas entsprechen: den vier Kasten, von denen sich die Vorfahren der Gypsies möglicherweise einst trennten (als die Dalit, die »Unberührbaren«).

Wenn die vier Tarotfarben tatsächlich auf das indische Kastensystem verweisen, ließe sich vielleicht folgende Zuordnung machen:

  • Priesterklasse der Brahmanen - Kelche,
  • Kriegerkaste der Kshatriyas - Schwerter,
  • Kaufleute der Vaishyas - Münzen,
  • Handwerker der Shudras - Stäbe.
Siebenerreihen des Tarot - ewigeweisheit.de

Drei Siebener-Reihen des Tarot (zusammengestellt aus dem Tarot de Marseilles).
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Die Arkana des Tarot

Von den 22 großen Arkana sagt man sie kämen aus Ägypten. Diese Theorie stammt ursprünglich von dem Theologen und Freimaurer Antoine Court de Gébelin (1719-1784). Diese Vortstellung verbreitete sich seit etwa 1781 in Europa.

Für den französischen Okkultisten Éliphas Lévi (1810-1875) stammten die 22 Tarot-Trümpfe aus der Geheimlehre der Kabbala, gibt es doch ebenso viele hebräische Buchstaben, von denen jeder einzelne, magische Eigenschaften hat. Er sprach von einer umfassenden Wissenschaft der Hieroglypen, denen die 22 Buchstaben zu Grunde lagen. Hinter jedem dieser Buchstaben stand eine göttliche Vorstellung, denen als Grundlage wiederum die Zahlen als perfekte Symbole dienten.

Der okkultistische Autor Arthur Edward Waite (1857-1942) suchte den Ursprung der Bilder der 22 Großen Arkana bei den Albigensern (Katharer), den jener Überlebende vom Montségur, Ende des 13. Jhd. in seinem sagenhaften Schatz gerettet haben könnte.

Gemeinsam mit den vielleicht aus Asien stammenden 56 kleinen Arkana auf jeden Fall, wurden sie zu den uns heute bekannten 78 Tarotkarten. Es könnte gut sein, dass das Tarot also erst in Europa seine bis heute erhaltene Form angenommen hat. Ziemlich wahrscheinlich wurden die Karten schon bei ihrem ersten Auftreten im 14. Jhd. zum Wahrsagen und als Schlüssel zur Entwicklung eines magischen Weltbilds verwendet. 

Eine erste schriftliche Erwähnung des Kartenspiels gibt es aus dem Jahre 1377: ein Mönch eines schweizerischen Dominikanerklosters in Brefeld, beschrieb die Karten als »genaue Abbilder der Weltordnung«. 1378 tauchen die Karten dann auch in Regensburg auf, wurden aber bald verboten. In Belgien werden im Jahre 1379 die Karten von Johanna Herzogin von Brabant gekauft. 1380 werden die Karten in Nürnberg wieder erlaubt, während man sie im französischen Marseilles, ein Jahr später als Teufelswerk wieder verbietet. In Florenz erscheint 1393 eine Liste von Spielen, unter denen die Karten als erlaubt aufgeführt werden. Es ist kaum anzunehmen, dass die Parallelität der historischen Phänomene der Ankunft »indischer Fahrender« (Gypsies, Zigeuner) und die rasante Verbreitung des Tarot, sowie anderen okkulten Gedankengutes in Europa, reiner Zufall waren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - aus dem Visconti Sforza Tarot von Bonifacio Bembo (1420–1477).

Um 1423 werden die Karten von St. Bernadin von Siena verurteilt und erneut verboten.

Trotzdem setzte sich im Volk die Nachfrage nach Spielkarten gegen den religiösen Widerstand durch. Gegen Mitte des 15. Jhd. gediehen Kartenmanufakturen in Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien. Im Hinblick auf die Vielfalt der neuen Spiele und Spielkarten, die seit dieser Zeit entwickelt wurden, ist es erstaunlich, wie sich durch die Jahrhunderte hindurch, die komplexen und rätselhaften Darstellungen der Tarotkartenbilder, bis in die heutige Zeit hinein erhalten haben.

Im Auftrag Karls VI. von Frankreich gestaltete der Maler Jacquemin Gringonneur im Jahre 1392 drei vergoldete Kartenspiele, zum Zeitvertreib des Fürsten. 1392 war auch das Jahr, als Karl VI. leider seinen Verstand verlor!
Über Gringonneur heißt es, er hätte in Paris mit dem berüchtigten Alchemisten und Goldmacher Nicolas Flamel in Verbindung gestanden. So Gestalten wie Flamel, verfügten natürlich über ein ganz tief reichendes, esoterisches Wissen. Wer sich mit so jemandem traf, der muss eine wohl ebenso geheimnisvolle Person gewesen sein.

Gringonneurs Tarotset könnte sehr gut die Vorlage für spätere Spiele gewesen sein - wie z. B. das Visconti-Sforza-Tarot von Bonifacio Bembo, einem der ältesten erhaltenen Tarotspiele Europas. Das Visconti-Tarot besteht allerdings nur aus den 22 Symbolen der großen Arkana. Die italienischen Tarotkünstler des 15. Jhd. nannten die 22 großen Arkana - trionfi -, Trümpfe. Später hießen die Karten einfach »Tarocchi«, was das Spiel mit den 78 Karten bezeichnet. Aus Tarocchi leitet sich wahrscheinlich das französische, englische und deutsche Lehnswort »Tarot« ab.

Sol - ewigeweisheit.de

Sol - die Sonne - aus dem Tarot de Mantegna von Andrea Mantegna (1431-1506).

Ebenfalls Vorläufercharakter hat das Tarocchi di Mategna (um 1470). Es enthält belehrenden und erbaulichen Inhalt und wurde wahrscheinlich vom italienischen Kupferstecher Andrea Mantegna (1431-1506) geschaffen. Auch wenn es kein eigentliches Tarotspiel ist, lassen sich seine Bilder mit den Darstellungen der großen Arkana vergleichen. Albrecht Dürer (1471-1528) nahm die Mantegna-Karten als Vorbild für seine 21 Federzeichnungen, die heute bekannt sind als das »Albrecht-Dürer-Tarot«.

Ende des 15. Jhd. entsteht das Tarot des Marseilles, dessen Bilder sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen. Neben dem Rider-Waite-Tarot ist das Tarot de Marseilles zu einem Standard-Tarotset geworden, von dem es zahllose Varianten gibt.

Tarot und Freimaurerei

Immer wieder wurde die besondere Symbolik des Spiels Gegenstand intensiver Studien seitens spiritueller Logen. Man glaubte in den Karten Verbindungen zu den ältesten philosophischen Systemen der Menschheit zu finden. Da die Sichtweisen und Meinungen über den wahren Ursprung in den vergangenen 700 Jahren jedoch stark differierten, lieferten sich Esoteriker erbitterte Debatten über die wahre Bedeutungen der Tarot-Bilder. Eine Theorie besagt, dass das ursprüngliche Tarot, das kleine Arkanum bildet. Andere ließen nur die 22 großen Arkana als echtes Tarot gelten, während wieder andere behaupten, dass nur mit allen 78 Karten ein Tarotspiel »richtig« sei. Auch wenn sich letztere Variante durchgesetzt hat, unterscheidet man zwischen 22 großen und 56 kleinen Arkana (lat. arcanum: Geheimnis).

Der Magier - ewigeweisheit.de

I - Der Magier - aus einem Tarot-de-Marseilles-Deck des Künstlers Jean Dodal (Lyon).

Im 18. Jhd. interpretierte man das Tarot völlig neu. Mit der damals aufkommenden, jahrzehnte dauernden Okkultismuswelle, gab es eine regelrechte Flut an Neugründungen geheimwissenschaftlicher Bünde und Bruderschaften. Der Theologe und Alchemist Samuel Richter gründete 1710 den Orden des Gold- und Rosenkreuzes. 1767 organisierte sich um den Franzosen Martinès de Pasqually (1727–1774) der freimaurerische Martinistenorden. 1776 wurde in Ingolstadt der Illuminatenorden von Adam Weishaupt gegründet. Es war auch die Zeit der legendären Grafen Cagliostro (1743-1795) und Saint-Germain (1710-1784).

An anderer Stelle haben wir bereits über Antoine Court de Gébelin gesprochen. Er gilt als Vater des esoterischen Tarot. Für Gébelin waren die Tarot-Bilder Nachbildungen des geheimnisvollen Buches Thoth (Thoth, auch Toth oder Tehuti, war der alt-ägyptische Gott der Magie, der Schreiber und der Wissenschaften). Damit traf Gébelin den Nerv der Zeit, denn damals wurde dem Land der alten Ägypter eine wachsende Aufmerksamkeit entgegengebracht.
Jeder wollte die Bilder dieses außergewöhnlichen und kostbaren Buches kennenlernen. So wurde Gébelins Theorie populär und fand zahlreiche Unterstützer. Für Gébelin bewahrten die Tarotbilder die uralten Weisheiten der alt-ägyptischen Kultur. Sie warteten nur darauf, so Gébelin, eingeweihten Augen ihre Geheimnisse preiszugeben. In seinem 1781 erschienen Werk »Le Monde Primitif« schrieb er:

Das Tarot ist rein ägyptischen Ursprungs. Seine 22 großen Arkana aber können nur Eingeweihte deuten.

Etteilla - ewigeweisheit.de

Etteilla: Pseudonym des Franzosen Jean-François Alliette (1738-1791).

Das erste Tarot-Buch

Jean-François Alliette (1738-1791), ein Pariser Barbier und Perückenmacher, war der erste Autor, der 1783 zu den Bildern des Tarot ein Buch mit Erklärungen verfasste. Unter dem Pseudonym »Etteila« (der Name Aliette, rückwärts geschrieben) veröffentlichte er bis 1787 verschiedene Bücher und Tarotspiele oder versah sie mit einigen Neuerungen. In einem seiner Bücher behauptet er, dass er angeblich die genauen Entstehungsjahre des Buches Thoth kenne: 1828 Jahre nach der Erschaffung der Welt und 171 Jahre nach der Sintflut. Diese und andere seiner Geheimlehren waren über Jahre in der französischen Okkultszene sehr populär. Alliette war außerdem der erste professionelle Kartenleger Frankreichs.

Das Tarot im 19. und 20. Jahrhundert

Alphonse Louis Constant (1810-1875), besser bekannt unter dem Namen Eliphas Levi, war ein französischer Diakon, Schriftsteller und Zeremonialmagier. Er gilt als Wegbereiter des modernen Okkultismus. In seinem 1854 erschienen Buch »Dogme et Rituel de la Haute Magie« (Dogma und Ritual der Hohen Magie) bezeichnet er das Tarot als wichtigste Informationsquelle zur Erklärung esoterischer Geheimnisse. Laut Levi sollte ein Gefangener der nichts als ein Tarot besäße, mit dem er sich ausgiebig beschäftigt, die Möglichkeit haben ein Kenner seiner selbst, der Welt und der Götter zu werden. Er fand zudem, dass die Tarotkarten sehr eng mit dem System der Kabbala zusammenhängen. Die 22 großen Arkana waren mit den 22 hebräischen Buchstaben, die vier Farben der kleinen Arkana mit den vier alchemistischen Elementen und den vier Buchstaben des göttlichen Namens JHVH verknüpft. Mit seinem Wissen über das Tarot, die Kabbala und die Magie, beeinflusste Levi ganz maßgeblich die Entwicklung der New Thought Bewegung im 19. und 20. Jhd. Seine Einflüsse finden sich in den Schriften Helena Blavatskys, seine Lehren durchdringen die Schulen des französischen Okkultismus (Papus) und durch die Übersetzung seiner Schriften ins Englische, gelangte er auch in die Kreise des Golden Dawn.

Rider-Waite-Smith-Tarot - ewigeweisheit.de

Das Ass der Kelche im Rider-Waite-Smith-Tarot.

Levis Schriften beeinflussten die Arbeiten des schottischen Freimaurers Samuel Liddell Mathers und Dr. Wynn Wescott. Auch der amerikanische Freimaurer Albert Pike zitiert in seinem Buch »Morals and Dogma« passagenweise aus dem »Dogme et Rituel de la Haute Magie« von Eliphas Levi. Das Golden-Dawn-Tarot Mathers' unterschied sich allerdings von dem Levis', schon alleine deshalb, weil er die Karte »Der Narr« nicht als 22. Karte nummerierte. Stattdessen setzte er sie an den Anfang der Folge mit der Ziffer 0, was später von Edward Arthur Waite und Aleister Crowley übernommen werden sollte.

Im Jahre 1910 veröffentlichte Waite, einstiges Mitglied des Golden Dawn, sein berühmtes Rider-Waite-Tarot. Die Illustrationen der 78 Karten malte die englisch-jamaikanische Künstlerin Pamela Colman Smith. Dieses Set bildet heute das weltweit gängigste Tarotspiel. Es ist das erste Tarot, das die bildliche Darstellung kunstvoll ausgearbeiteter Szenen, auch auf die kleinen Arkana ausdehnte. Damit erweitereten Waite und Coleman Smith die ursprünglich einfache, formale Anordnung der Farbenzeichen, wie sie etwa im Tarot de Marseilles dargestellt wurden.

Zu den originellsten und ungewöhnlichsten Tarotspielen gehört das von Aleister Crowley und Lady Frida Harris entworfene »Book of Thoth«. Crowley trat 1898 dem Golden Dawn bei, geriet später jedoch mit Mathers aneinander und gründete daraufhin im Jahre 1905 den Orden des Silbernen Sterns. Sein Tarotspiel wurde 1944 in London gedruckt. Zwar basiert es auf den Zuordnungen des Golden Dawn, die Abbildungen und Namen modifizierte Crowley aber nach seinem eigenen System. Das die Kartendecks des Rider-Waite-Tarot oder des Tarot de Marseilles, heute populärer sind als Thoth-Tarot, mag möglicherweise daran liegen, dass Crowleys teils extreme Ideen von anderen Okkultisten abgelehnt wurden.

Pamela Colman Smith - ewigeweisheit.de

Pamela Colman Smith (1878-1951): Die Illustratorin des Rider-Waite-Tarot.

Crowley führte in seinem Tarot-System eine Neuerung ein: Da jede der 22 großen Arkana jeweils einem hebräischen Buchstaben entspricht, können die einzelnen Karten in die 22 Pfade des kabbalistischen Lebensbaumes integriert werden. Damit ist Crowleys Kartenspiel nicht nur ein divinatorisches Werkzeug, sondern bildet ein Einweihungssystem und eine Methode zur Selbsterkenntnis.

Die Smaragdene Tafel von Thoth dem Atlanter

Zusammenfassend ließe sich sagen, dass wahrscheinlich indische, ägyptische und jüdische Geheimlehren zur Entwicklung der Tarotkarten beitrugen. Trotzdem lässt sich die tatsächliche Herkunft des Tarot nicht eindeutig einem Ort auf der Erde zuordnen. Vielleicht existiert der Ort seines Entstehens heute nicht mehr auf der Erde. Laut mancher Legenden soll das Land wo einst die Bilder des Tarot entstanden, mit der Sintflut verschwunden sein. Der geheimnisvollen Akasha-Chronik können manche Medien entnehmen, dass die Priester von Atlantis kurz vor dem Untergang des Kontinents, all ihr Wissen in Form von Bildern festhielten. Wollten sie diese Bilder vor dem Vergessen bewahren?

In grauer Vorzeit, so heißt es, erfand der ibisköpfige Gott Thoth die Schrift und gravierte sie in die Smaragdene Tafel (Tabula Smaragdina). Damit gab Thoth den Menschen alles Wissen , dieser Welt. Die Eingeweihten sollten dieses Wissen bewahren und bewachen. Die auf Papyri gemalten Symbole und Zeichen bilden das »Buch des Thoth«. Schon Apollonius von Tyana, wie später auch Raymondus Lullus, nahmen in ihren Schriften Bezug auf dieses uralte Buch.

Aleister Crowley - ewigeweisheit.de

Aleister Crowley (1875-1947): Erschaffer des Thoth-Tarot (1935).

Jenes sagenhafte Werk des altägyptischen Schreibergottes Thoth bezeichnete Antoine de Gébelin als esoterisches Unterweltsbuch. Darin sei eine Landkarte der Unterwelt wiedergegeben, auf der sich sieben Tore befinden, die von sieben Torhütern bewacht werden, die der Jenseitsreisende (verkörpert in der Karte »Der Narr«) durch sieben Losungsworte passieren darf. So kann er das sagenhafte Totenreich der Göttin Amentet betreten und daraus auch wieder ins Diesseits zurückkehren. Im Totenreich kostet er von der Milch sieben heiliger Kühe, überwindet zweimal sieben Hügel und durchschreitet dreimal sieben Pforten, um in der Unterwelt, zur strahlenden Sonne des Osiris zu kommen.

Diese Siebener-Reihen (7, 14, 21) waren für Gébelin ganz eindeutig dreimal sieben Einweihungsstufen, die der Neophyt auf dem Weg zur Meisterschaft durchschreiten muss. Jede dieser Stufen repräsentiert eine der Karten des Großen Arkanums.
Auf der 21. Stufe (im Tarot die Karte »Die Welt«) erhielt er schließlich ein allumfassendes Bewusstsein, mit dem er als Erleuchteter in die diesseitige Welt zurückkehrte.

Was Sie über die sieben Chakras unbedingt wissen sollten

von S. Levent Oezkan

Geheimnisse der Chakras - ewigeweisheit.de

Jeder kennt sie: die sieben Chakras. Doch nur wenige wissen, dass die Menschheit bisher nur die unteren fünf Chakras voll entwickelt hat. Die beiden höchsten Chakras sind zwar im Körper aktiv, doch die Menschen werden ihre wahren Bedeutungen und Eigenschaften erst in ferner Zukunft erkennen.

Muladhara-Chakra

Das Muladhara sitzt im Perineum, dem Damm zwischen After und den äußeren Geschlechtsorganen. Hier sitzt die Wurzel unseres feinstofflichen Körpers. Dorthin zieht sich unser Körperbewusstsein im Schlaf zurück. Es ist das Muladhara-Chakra die Wurzel aus der unser Leben hervorwächst, dass uns an die Erde bindet und uns mit den tagtäglichen Lebensaufgaben hilft. In ihm wurzelt unser Sein auf der Erde. Von hier aus dehnt sich unsere bewusste Wahrnehmung in die vier Himmelsrichtungen hin aus - daher die vier Blütenblätter des Muladhara-Lotus.

Was immer über das Muladhara-Chakra ausgesagt werden kann, dass trifft auch auf die äußere Welt zu. Zwar wird diese Welt vom gewöhnlichen Menschen für die eigentliche, tatsächliche Welt gehalten, doch ist es eher eine Welt, in der wir den Impulsen, Instinkten und unbewussten Eindrücken regelrecht ausgeliefert sind. Das Bewusstsein von Muladhara ist wie ein dunkler Ort, an dem sich unser wahres Selbst in einem unbewussten Zustand, ja man könnte fast sagen, in einem Schlafzustand aufhält.

Darum fühlen wir uns immer wieder ungerecht von anderen behandelt, als Opfer der gegebenen Umstände, selbst wenn unsere Vernunft versucht, Auswege aus unangenehmen Situationen zu finden.

Muladhara-Chakra - ewigeweisheit.de

Yantra des Muladhara-Chakra

Swadhisthana-Chakra

Im Nachtmeer der Psyche ist es der symbolische Sitz des sich windenden, allmächtigen Leviathan. Er bewegt sich in der wässrigen Ebene des Swadhisthana-Chakra - einem Bewusstseinsbereich, der von C. G. Jung als das Unbewusste beschrieben wird. Wer in diesem Bewusstseins-Ozean erste Tauchübungen macht, sei es durch eine Psychoanalyse oder andere tiefenpsychologische Methoden, dem kann es entweder nutzen oder schaden, dass dort schlafende Ungeheuer kennenzulernen.

Manipura-Chakra

Manipura ist das Zentrum der göttlichen Substanz im Menschen. Dort erkennt er die Unsterblichkeit seiner Seele. Dieses Chakra befindet sich zwischen den Bereichen hinter dem Solar-Plexus und dem Bauchnabel. Es ist eines der ältesten Bewusstseinszentren im humanoiden Menschen. Wenn man vom »Bauchgefühl« spricht, bekommt das Bewusstsein "Nachrichten" aus diesem Chakra-Zentrum. Die Redewendung »etwas hat mir auf den Magen geschlagen« deutet darauf hin. Das die Farbe des Manipura gelb ist, findet man auch in der Redewendung »gelb vor Wut« (Gelbsucht) sein. Ist einer ängstlich hat er »Schiss« (Durchfall). Wenn einer starrsinnig an etwas festhält bekommt er vielleicht Verstopfung.

Swadhisthana-Chakra - ewigeweisheit.de

Yantra des Swadhisthana-Chakra

Die Fähigkeit des »Bauchdenkens« stammt aus einer Zeit der Menschheitsentwicklung, als die ersten humanoiden Wesen begannen die Befindlichkeit ihres Unterleibs wahrzunehmen.

Anahata-Chakra

Der Übergang von Manipura nach Vishudda ist etwas kompliziert. Nur ungern wollen wir uns sagen lassen, das sich unsere Psyche manchmal ziemlich eigenwillig in Bewegung versetzt. Es scheint als sei sie etwas Eigenständiges, etwas von uns Getrenntes. Unser Bewusstsein mag von uns wohlgeordnet sein, jeder Teil sich an dem Ort befinden, von dem man glaubt dass er dort hin gehört. Trotzdem kommt es aber vor, und jeder weiß das, dass wir plötzlich nicht mehr Herr unseres eigenen Hauses sind und andere Anteile unseres Bewusstseins wie unabhängig beginnen ihr Unwesen zu treiben. Das ist der Moment in dem wir erkennen, dass in uns etwas ist das viel urtypischer ist, als das was unser bewusster Geist zu ordnen versucht. Hierbei erkennen wir das Wirken der Urseele in uns – Purusha genannt. Purusha wird im Chakra-Yantra des Anahata als Gazelle symbolisiert (siehe Abb.) - ein Wesen nämlich, dass plötzlich aus dem Unterholz auf die Lichtung tritt und sogleich wieder zwischen Büschen und Bäumen verschwindet. Diese Symbolik steht für die überraschenden Moment großer Erkenntnis im Leben - wo uns die "Augen des Herzens" aufgehen und die Dinge sehen lassen wie sie in Wirklichkeit sind.

Manipura-Chakra - ewigeweisheit.de

Yantra des Manipura-Chakra

Sowohl aus der amerikanischen Pueblo-Kultur wie auch im Kontext der Kabbala (insbesondere im Buch Sefer Yetzirah) wird davon gesprochen, dass das Denken nicht im Kopf sondern im Herzen stattfindet. Zum einen merkt sich das Herz, als Teil des organisch-neuronalen Bewusstseins, bestimmte Erfahrungen. Wissen wird aber in den Windungen der Großhirnrinde gespeichert.

Herz und Denken im Gleichgewicht

Wenn hier gesagt wird, dass der Mensch mit dem Herzen denkt, ist es ein Hinweis auf die Kohärenz oder Inkohärenz im Blutkreislauf zwischen Herz und Gehirn. Ist unser Herzschlag ruhig, so ist auch unser Denken ruhig. Bluthochdruck, Vorhofflimmern oder andere Kreislauf-Probleme deuten auf eine Inkohärenz, ein Ungleichgewicht im Fluss der Lebensenergie (Prana) zwischen Herz und Kopf - das kann natürlich verschiedene Ursachen haben. Die Redewendung "jemand koche vor Wut", zeigt aber deutlich dass Bluthochdruck und Herzrasen auch sehr viel mit unserem Denken zu tun haben.

In der Chakra-Lehre ist das Herz dem Anahata-Zentrum zugeordnet, auf dass wir z. B. durch unsere Atmung Einfluss nehmen können. Die Herzaktivität ist direkt mit unserer Atmung verbunden.

Auf der Ebene des Anahata bewegen wir uns jenseits von Wünschen und Leidenschaften. Die Chakras unterhalb des Zwerchfells sind die Chakras die im menschlichen Körper den energetischen Bereich der Leidenschaften gehören und allem irdischen und unterirdischen unseres Planeten in Verbindung stehen. In Anahata haben wir uns über diese Ebenen erhoben, so als wären wir aus der Höhle der Leidenschaften auf die Erdoberfläche gestiegen. Was in der Natur, löst die Dinge vom Boden und erhebt sie in die Luft? Der Wind! Es ist also der Atem mit dem wir uns von den Trieben und Leidenschaften befreien können. Daher muss in allen Formen der Meditationspraxis (Buchtipp) zuerst der ruhige Atem geübt werden.

Anahata-Chakra - ewigeweisheit.de

Yantra des Anahata-Chakra

Vishudda-Chakra

Über der Ebene von Anahata befindet sich das Vishudda-Chakra. Man nennt es auch die "Sphäre der Abstraktion", da es sich dort befindet, wo der Mensch die Wirklichkeit seiner Erfahrungen durch seine Sprache (Hals, Kehlkopf, Unterkiefer) abstrahiert. Über Vishudda treten wir ein in die Ebene menschlichen Austausch. Es ist ein wissenschaftlicher Bereich unseres Bewusstseins. Nur mit Wissen, mit der Kenntnis der Sprache, können wir Konzepte erzeugen, die anderen zum Verständnis dienen.

Vishudda ist aber auch das Chakra des Atmens, da die Atemwege auf dieser Höhe ihren äußeren Eingang in die Lungen nehmen. Sprechen und Atmen sind untrennbare Glieder unseres lebendigen Körpers. Man kann Vishudda also dem Lufthauch des Atems zuordnen. Die alten Griechen nannten ihn "Pneuma" - Lebensgeist. So also ließe sich Vishudda als Geistprinzip der Atemseele definieren. Das indische Wort »Atman« - das Selbst - und das Wort »Atem«, sind ihrer Herkunft nach miteinander etymologisch verwandt. Das Geistprinzip des Atmens können wir mit der Lebensenergie Prana gleichsetzen (was die Chinesen »Chi« oder die Japaner »Ki« nennen). Prana gehört im System der fünf Tattvas (Elemente im Vedanta) zum Akasha - dem Lebensäther. 
Hiermit wäre die Chakra-Reihe eigentlich abgeschlossen, da die fünf Tattvas die elementare Basis und Schwingungsgrundlage der fünf unteren Chakras bilden:

  • Das Muladhara (Wurzelchakra) basiert auf dem Erd-Tattva Prittvi,
  • das Swadhisthana (Sakralchakra) auf dem Wasser-Tattva Apas,
  • das Manipura (Nabel- bzw. Solarplexus-Chakra) auf dem Feuer-Tattva Agni (in anderen Systemen "Tejas" genannt),
  • das Anahata (Herzchakra) auf dem Luft-Tattva Vayu und schließlich
  • das Vishudda (Kehlkopfchakra), wie wir im letzten Absatz dargestellt haben, auf dem ätherischen Tattva Akasha.

Akasha ist bereits jenseits menschlicher Vorstellungskraft, da es unsere Sinneswahrnehmungen nicht berührt. Darum ist die Definition der beiden Chakras oberhalb des Vishudda - Ajna und Sahasrara - sehr schwierig. Sie befinden sich jenseits der Elementarwelt, jenseits des Akasha und damit ganz außerhalb unserer körperlichen und psychischen Wahrnehmung.

Vishudda-Chakra - ewigeweisheit.de

Yantra des Vishudda-Chakra

Ajna-Chakra

Es wäre eher frech zu behaupten, man wüsste worum es sich beim sechsten Chakra Ajna in Wirklichkeit dreht. Selbst wenn jeder durchschnittlich gebildete Esoteriker sofort auf die Stirn deutet, um die Position des Ajna-Chakra im menschlichen Körper zu zeigen, ist damit das Wesen dieses geheimnisvollen Chakras noch nicht erklärt.

Auf seiner Entwicklungsebene hat der heutige Mensch nicht einmal die fünfte Chakra-Ebene voll entwickelt. Er befindet sich immer noch am Anfang. In der Theosophie ist die Rede von Entwicklungsschritten der Menschheit die in großen Zeitzyklen erfolgen. Jeder dieser Entwicklungsschritte läuft parallel zur planetarischen Entwicklung (Sonne, Sonnensystem, Erdentwicklung und Austritt des Mondes aus der Urerde, usw.). Diese Schritte werden in der indischen Theosophie als Manvantaras bezeichnet. Es sind die Zeitalter der Manus, überweltliche Führer der Menschheit. Die Bezeichnung »Manu« leitet sich vom Wort »Manas« ab, das mit dem deutschen Wort »Mensch« verwandt ist. Als indischer Fachausdruck entspricht Manas dem, was man im Christentum als den »Heiligen Geist« bezeichnet. Manus sind also geistige Stammväter einer jeweiligen Menschheitskultur. In der Theosophie werden sieben große Zeiträume genannt, in denen ein Manu die Menschheit führt und ihre feinstofflichen Lichtkörper weiterentwickelt werden:

  1. Polarische Zeit: Entwicklung des Muladhara

  2. Hyperboräische Zeit: Entwicklung des Swadhisthana (vergl. Genesis 4:1, wo nach der Kost vom Baum der Erkenntnis, Adam Eva erkennt und sie schwanger wird)

  3. Lemurische Zeit: Entwicklung des Manipura

  4. Atlantische Zeit: Entwicklung des Anahata

  5. Gegenwart: Entwicklung des Vishudda

  6. Sechste Menschheit (Zukunft): Entwicklung des Ajna

  7. Siebte Menschheit (Zukunft): Entwicklung des Sahasrara

Als Mensch besitzen wir zwar alle Chakras, die auch in ihrer Gesamtheit in Körper, Seele und Geist zusammenspielen, die Rolle des Menschen in seiner gegenwärtigen Verkörperung aber wird sich erst in ferner Zukunft zu einem hochgeistigen Wesen entwickeln. Dann erst werden wir die wahre Bedeutung der oberen beiden Chakras (Ajna und Sahasrara) erkennen. Das heißt, der Mensch ist im Besitzt all der Eigenschaften der sieben Chakras, hat aber erst die unteren vier Chakras (Muladhara, Swadhisthana, Manipura, Anahata) in ihrer vollen Wirksamkeit ausgebildet und erkannt.

In den fünf Chakra-Yantras wird jeweils ein Tier abgebildet:

  1. Muladhara: Elefant (mit sieben Rüsseln)

  2. Swadhisthana: Alligator

  3. Manipura: Widder

  4. Anahata: Antilope

  5. Vishudda: Elefant

Die Tierbilder in den Yantras stehen für die physischen Faktoren, die je auf eines dieser Chakras spürbar einwirken. Im Yantra des Ajna-Chakra fehlt jegliche Tiersymbolik. Gott der im Schlafzustand Muladharas ruhte, ist in Ajna vollkommen erwacht. Es ist das energetische Zentrum wo sich das menschliche Bewusstsein mit der Shiva-Kraft verbindet. Man nennt dieses Bewusstsein Shakti. Es ist die kosmische Gattin Gottes, an deren Wirkung der Mensch teilhat. Die vollständige Erlangung der Shakti wird bei der Einweihung in die Mysterien vollzogen. Wir als »Normalsterbliche« können sie aber allmählich in unserem Bewusstsein entwickeln, indem wir immer mehr die Angst vor dem eigenen Tod verlieren. Daher auch die göttliche Hochzeit von Shakti mit ihrem männlichen Konstorten Shiva – dem Gott des Todes, der Zerstörung, aber Erneuerung. Einweihung bedeutet nichts anderes als sich »dem Einen zu weihen«, also den Tod zu überwinden, der ja die Grenze zwischen polarem Bewusstsein (Gut und Böse, Licht und Finsternis, Mann und Frau, etc.) und dem Einheitsbewusstsein ist. Wir finden dies im Yantra des Ajna versinnbildlicht, dessen zwei nach links und rechts weisende Lotusblätter durch einen Kreis dazwischen verbunden, vereinheitlicht werden.

Ajna-Chakra - ewigeweisheit.de

Yantra des Ajna-Chakra

Auf der Ebene des Ajna ist sich der Mensch bewusst, dass er ursprünglich ein geistig-seelisches Wesen war, dass in die irdische Realität »gefallen« ist (Stichwort: Sündenfall, durch die Kost vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösen, von Licht und Finsternis; kurz: der Erkenntnis der Polarität die gleichzeitig die Erkenntnis des Todes ist). Wenn es in der Genesis heißt "Adam erkannte sein Weib Eva und sie ward schwanger", heißt dass, das die beiden Geschlechter des Menschen ihre Unterschiede erkennen, die sich durch Vereinigung gegenseitig ergänzen, miteinander verbinden, verschmelzen lassen, und der Mensch in diesem Vereinen zum Lebensschöpfer wird. Für den Einzelnen bedeutet das, dass die Erkenntnis auf psychisch-geistiger Ebene durch die Vermählung von Verstand und Gefühl errungen wird.

So können wird über das Ajna-Chakra die Ich-Illusionen auflösen, die ja wesentlich zu den Konflikten in unserem Leben beitragen. Psychisches ist nicht mehr ein Teil von uns, sondern wir werden ein Teil des Psychischen - werden damit eins. Hier ist eine Stufe erreicht, in der Vorstellungen über die Wesensgestalt des Seins nicht mehr erklärt werden müssen - ja sogar überflüssig werden. Um in Ajna anzukommen muss menschliches Denken vollkommen still werden. In diesem Zustand wird man zum Gefäß des Göttlichen. Alles was in diesem Bewusstsein geschieht, ist dem Verlangen Gottes nachzukommen, wobei eigentlich nichts von einem verlangt wird, da man es bereits von selbst erfüllt. Man ist eins mit Gott geworden und diese Kraft kehrt zurück in Gott.

Sahasrara-Chakra

Wir erreichen in Sahasrara das Kronenchakra. Wovon soll man sich hier ein Bild machen? Es ist ein Bereich jenseits aller Gedankenleere!

Sahasrara ist eher eine philosophische Auffassung als ein tatsächlicher Erfahrungswert. Es mag deshalb nicht verwundern, dass diese Ebene in manchen Chakra-Systemen einfach weggelassen wird und nur von sechs Chakras die Rede ist.
Und doch scheint auch diese Ebene auf unser Dasein zu wirken. Es wäre aber sinnlos hier eine Erklärung über das wahre Wesen des Sahasrara abzugeben. Vielleicht können wir sagen, dass Sahasrara auf die Wahrheit dessen deutet, was in der westlichen Tradition mit der in Genesis genannten »wüsten Leere« beschrieben wird - ganz am Anfang des Schöpfunsberichts der Bibel. Die Inder nennen das Brahman. Es ist die Einheit ohne etwas anderes, dass neben ihm existiert. Es ist absolutes Chaos und absolute Ruhe zugleich, in der das »Wehen des Nichts« alles erloschen hat und gleichzeitig jede Schöpfung aus dem Nichts hervorbrechen kann. Diesen Zustand nennt man im Osten das Nirvana.

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Alchemie oder: die Kunst das eigene Leben in Gold zu verwandeln

von S. Levent Oezkan

Bild aus dem Splendor Solis - Der Rote König - ewigeweisheit.de

Ewiges Leben erlangen - Blei in Gold verwandeln: das sind Ziele, die mit dem Wort "Alchemie" assoziiert werden. Wer nach der wirklichen Bedeutung der Alchemie sucht, stolpert aber über jede Menge Unfug. Doch was ist Alchemie tatsächlich? Ein Mantel des Schweigens ist darüber ausgebreitet - wer wagt ihn zu lüften?

Solange man sich nur oberflächlich mit Alchemie befasst, bleibt die Frage nach ihrer wahren Bedeutung in einem Schwebezustand zwischen Wunderwerk und Quacksalberei. Ihrem geheimnisvollen Wesen nähert man sich durch direktes Erfahren und weniger auf der Suche nach Fakten. Es ist eine okkulte, spirituelle Praxis die nur wenig mit esoterischer Theorie zu schaffen hat.
Die Schriften der Alchemie sind voller Metaphern, die die menschliche Vorstellungskraft aktivieren - mit dem Zweck, den Menschen an eine verborgene Realität heranzuführen, in der, wie es scheint, einfach alles möglich ist - auch Blei in Gold zu verwandeln!

Zwei Formen der Realität

Es gibt eine "Urschöpfung" in der wir uns selbst wiederfinden, sobald wir auf diese Welt kommen. Diese Realität ist aber bereits vollendet - denn wir sind ja schon hier. In der Alchemie lässt sich damit nur wenig anfangen. Doch da ist noch eine andere Realität, die aus einer "zweiten Schöpfung" kommt. Es ist die eigentliche, wahre Schöpfung.
In jedem von uns gibt es etwas, das, wenn es erst einmal aktiviert wurde, die Tore zu dieser verborgenen, zweiten Schöpfung eröffnet. Es ist eine Wirklichkeit die sich stark von der uns bekannten und "vorgefertigten Realität" unterscheidet. Sie ist das Arbeitsfeld des Alchemisten, in der er durch seine Imagination auf die Welt Einfluss nimmt.
Imagination ist die kraftvollste Fähigkeit des menschlichen Geistes. Was man visualisieren kann, das kann man auch tatsächlich bewirken und erschaffen.

Kalachakra thangka painted in Sera Monastery, Tibet - ewigeweisheit.de

Kalachakra-Mandala aus dem Sera Kloster in Tibet

Wie wir unser Leben verändern

Alles bewegt sich. Alles kommt und geht im ewigen Werden und Wandeln - auf griechisch: "Panta Rhei" - "Alles fließt". Nichts bleibt - bis auf den Tod.

Alles fließt – aus und ein;
Alles hat seine Gezeiten;
Alles hebt sich und fällt, der Schwung des Pendels äußert sich in allem;
Der Ausschlag des Pendels nach rechts ist das Maß für den Ausschlag nach links;
Rhythmus gleicht aus.

- Aus dem Kybalion

Pendel und Rad sind verwandte Symbole für Schwingung und Zyklus. Beide haben ein Minimum, ein Maximum und ein Äquilibrium. Im Vajrayana-Buddhismus steht dafür das "Kalachakra" - das Rad der Zeit. Es ähnelt einer Mühle, worin alles Entstandene in seine Elemente zerfällt. Um aus diesen Bestandteilen was neues und besseres zu erschaffen, helfen uns Hermetik und Alchemie. Die Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos, gibt uns auf die Möglichkeit Neues zu erschaffen einen wertvollen Hinweis:

Hiermit sei vollendet, was vom Meisterwerk der Sonne verkündet werden sollte.

- Vers XIV der Tabula Smaragdina

Was bedeutet das?

Der solare Zyklus, den wir jedes Jahr aufs Neue miterleben, zeigt wie aus Vergänglichem etwas Beständiges, aus Totem etwas Lebendiges wird. Am Jahreslauf der Sonne können wir den Zyklus der Vegetation ablesen:

  • Der Tiefpunkt der Sonnenbahn ist auf der Nordhalbkugel der Erde in der finstersten Zeit des Jahres, mitternachts zur Wintersonnenwende erreicht. Dieser Punkt entspricht einem Todpunkt und ist gleichzeitig der Beginn neuen, aber noch unterirdischen Wachstums. Es ist das Ende der ersten Phase auf dem Weg der Neuschöpfung, was in der Alchemie Nigredo (Schwärzung) genannt wird.
  • Der Höchststand der Sonne tritt in der hellsten Zeit des Jahres, mittags zur Sommersonnenwende ein. Dies entspricht dem Ende der zweiten Phase: Albedo (Weißung). An diesem Punkt ist das Wachstum in der Vegetation voll ausgeprägt.
  • Rot ist die Farbe der Sonne im Wechsel von Tag und Nacht. Mit Sonnenuntergang zur Herbsttagundnachtgleiche, wird der Prozess durch das hermetische Einschließen der Prima Materia, der Ausgangssubstanz, in die alchemistische Retorte eingeleitet. Bäume verlieren ihre Blätter, die Gräser welken. Der rote Sonnenaufgang zur Frühlingstagundnachtgleiche bringt dann schließlich die veredelte Substanz zum Vorschein, womit der alchemistische Prozess in der Rubedo (Rötung) vollendet und die edelste aller Substanzen gewonnen wird: der Stein der Weisen.

Wenn der Mensch in Berührung kommen möchte, mit dem, was bei Weitem größer ist als sein bisheriger Zustand, kann er diesem kosmischen Vorbild gemäß handelnd sein Leben stetig veredeln. Dabei dehnt sich seine Handlungsfähigkeit immer weiter aus.
Dieser Prozess der Veredelung des Selbst, beginnt mit der Suche nach Antworten auf zwei sehr wichtige Fragen:

1. Was ist das wahre Wesens meines Selbst?

2. Was ist die Rolle dieses gegenwärtigen Selbst, woher kam es und warum hat es sich ins "Zwielicht der äußeren Welt" begeben - in die Welt in der es jetzt lebt?

Um zum Kern unserer Existenz vorzudringen, müssen wir unser Inneres vollkommen umgestalten. Das geht aber nicht, wenn wir an den oben dargestellten Jahreszyklen einfach nur passiv teilnehmen. Vielmehr müssen wir die drei oben dargestellten Phasen bewusst in der alchemistischen Arbeit hervorrufen, um die ewigen Wiederholungen, den Trott in unserem Leben zu unterbrechen, aufzulösen und zu etwas wertvollerem umzuwandeln.
Wer immer nur der Selbe bleibt, wird nie erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Das "Rad der Zeit" gleicht dann einem Hamsterrad, das einen im zyklischen Zeitablauf immer wieder auf die selbe Stelle treten lässt. Man kommt nicht weiter.

Der Keltische Jahreskreis - ewigeweisheit.de

Der Keltische Jahreskreis (Illustration: S. Levent Oezkan)
Diese Grafik zeigt die hermetischen Korrespondenzen zwischen Mikro- und Makrokosmos, sowie die damit zusammenstehenden Jahresfeste der alten Kelten.
Im inneren, roten Kreis befinden sich die Symbole der vier Elemente: Feuer (oben), Erde (rechts), Luft (unten), Wasser (links). Sie ergeben sich aus den Elementarkräften, die mit den Sonnenstationen zusammenhängen, nämlich Widder (Feuer), Krebs (Wasser), Waage (Luft), Steinbock (Erde).

Was ist Zeit?

Das eben dargestellte Modell zyklischer Zeit, das wir auch in der Bewegung der Planeten sehen oder an den Zeigern der Uhr ablesen können, kann in ein Lineares Zeitmodell geändert werden. Die lineare Zeit ist die historische Zeit, die sich auf gerader Linie fortsetzt. Entlang dieser Linie gleicht kein Tag, kein Jahr, kein einziger Moment dem anderen. Jeder Moment ist einzigartig.
Doch wir können uns die Zukunft zwar ausmalen und positiv vorstellen, doch haben eigentlich keine Ahnung wohin uns die Zeit letztendlich führt. Darum gab es in allen Kulturen der Menschheit immer Endzeitvisionen vom Ausgang der Dinge, vom Ende der Welt - der Zeit an sich. Etwas sollte geschehen und das Beil des kosmischen Henkers fallen.

Es gibt aber noch ein drittes, evolutionäres Zeitmodell. Wir können es uns als Spirale denken, in der sich das oben angedeutete zyklische Zeitmuster der Wiederholungen, an einer senkrechten Linie der linearen Zeit allmählich emporschraubt (die ihrerseits natürlich Teil einer anderen, übergeordneten Zeitspirale sein kann - Stichwort: String-Theorie).
Alles was sich im evolutionären Zeitverlauf ändert, ist im Begriff sich umzuwandeln. Leider gibt es hierfür nur wenige Beispiele. Ein Beispiel aber gibt unmissverständlich zu verstehen, worum es hier geht: die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling.

Eine Raupe verpuppt sich und verwandelt sich zu einer formlosen Masse, aus der sie sich auf geheimnisvolle Weise wieder zusammensetzt, um sich schließlich aus der Puppe als geflügelter Schmetterling zu befreien. Dieses natürliche Vorbild war in alter Zeit die essentielle Veranschaulichung des alchemistischen Prozesses der Umwandlung. Zwar weiß die Raupe nicht dass sie eines Tages ein Schmetterling sein wird, doch sie weiß, dass sie sich verpuppen muss. Es ist ihr Instinkt. Ähnlich verhält es sich mit der menschlichen Psyche (im Übrigen: "Psyche" ist ein griechisches Wort und bedeutet: Schmetterling!). Jeder von uns weiß instinktiv, dass er sich weiterentwickeln und verbessern muss, doch wir wissen nicht 100%ig wohin uns die Reise dabei führt.

Unsere Realität kann aber einen substanziellen Umwandlungsprozess durchlaufen. Sie wird dabei zu etwas, was zuvor überhaupt nicht existierte. Es geht also nicht allein um einen evolutionären Wachstumsprozess, sondern um die Entstehung etwas völlig Anderem - einer Realität, die jenseits dessen ist, was wir bisher kannten.
Wem diese Umwandlung gelingt, der wird ein transzendentes und zeitloses Wunder erschaffen können und den Stein der Weisen, das Elixier des ewigen Lebens finden.

Das Schwarze Land

Die Araber haben viele wunderbare Traktate zur Alchemie verfasst. Durch die Ausbreitung des Islam kam dieses Wissen nach Europa. 
Für die Araber war die Alchemie eindeutig ägyptischen Ursprungs. Daher auch der Name Alchemie, von Al-Khem, dem "schwarzen Land". Khem war die alt-ägyptische Bezeichnung für den schwarzen, fruchtbaren Nilschlamm.

Alchemie wurde aber auch im fernen China betrieben. Anstatt mit Substanzen wie Antimon, Schwefel, Quecksilber und Salz zu hantieren, gab es einen dem menschlichen Körper entsprechenden Symbolismus. Letztendlich ging es auch in China um die Transformation eines niedrigen Zustandes in einen höheren, nur eben mehr auf seelisch-körperlicher Ebene.
Natürlich gehörte auch bei den alten Indern die Alchemie zur hohen Wissenschaft. Sie ähnelte jedoch mehr als die chinesische, der westlichen Tradition.

Forging of the Sampo, Akseli Gallen-Kallela - ewigeweisheit.de

"Das Schmieden der Zaubermühle Sampo", Gemälde von Akseli Gallen-Kallela

Möglicherweise lassen sich die Anfänge der Alchemie auch in der Schmiedekunst entdecken. In alter Zeit waren die Schmieden kleine schwarze Häuser in denen vom Ruß geschwärzte Männer arbeiteten. Sie warfen Metallstücke in die heiße Glut und man sah dort bei lautem Getöse, rote und orangefarbene Funken aus dem Schmiedefeuer sprühen. Schwarze Gesichter, rotes Glühen und Dampfwolken, die beim Abkühlen der geschmiedeten Formen im Wasser entstanden: sowas macht auf den Menschen einen enormen Eindruck. Darum waren Schmieden immer Orte des Staunens, wo reine Fakten über Zusammenhänge keine Rolle spielten, sondern die menschliche Imagination angeregt wurde.

Es sind diese Tore der Imagination, die uns helfen in die Welt jener "zweiten Schöpfung" einzutreten, von der wir oben sprachen.
Alchemie kam aus der menschlichen Seele und ließ den Menschen versuchen, zunächst in seiner Vorstellung, dann in der Welt, die Dinge von ihrem ursprünglichen, in einen höheren und edleren Zustand zu überführen. So wie eben der Schmied, der aus Erzen Metalle schmilzt und aus der Schmelze alle möglichen Formen zu Stande bringt.

Der Alchemist, Gemälde: Pietro Longhi - ewigeweisheit.de

"Der Alchemist", Gemälde von Pietro Longhi

Die Hohe Kunst der Umwandlung

Auch im Zeitalter der Aufklärung gab es im Westen einige sehr berühmte Alchemisten. Darunter Newton, Voltaire, Goethe oder Benjamin Franklin. 
Alchemie war lange Zeit in der Naturphilosophie von Bedeutung. Durch die Beobachtung der Verwandlungen in der Natur, erkannte man das Wesen ihrer Elemente. Auch Maler mussten damals Alchemisten sein, denn sie stellten ihre Farben selber her. Dieses Wissen sollte dann in der "Schwarzen Kunst" der Buchdrucker an Bedeutung gewinnen.

Trotz dem aber, dass die Alchemie einige tausend Jahre lang als hohe Wissenschaft galt, fand sie während der Aufklärung ihr Ende und versank im Abgrund der Quacksalberei. Doch warum?

Für ihren allmählichen Niedergang sorgte das aufkommende Vernunftdenken. Absolute, reale Fakten zählten mehr als intuitiv gewonnene Erkenntnisse. Wissenschaftler interessierten sich für exakte Informationen mehr, als nach Erfahrungen zu suchen. Für sie war der menschliche Körper etwas, das geboren, vielleicht krank wird und irgendwann stirbt. Mit der Transformation der Alchemisten hat das aber nichts zu tun.
Der Alchemist schaut sich die Welt genauer an. Er nimmt an ihr Teil und erfährt sie in ihrem innersten Zusammenhang. Es geht ihm nicht darum die äußere Welt der körperlichen Dinge zu verändern - sondern den Kern ihres inneren Wesens zu enthüllen. Stößt er bei seiner Suche auf dieses innere Prinzip, wird er den Stein der Weisen gefunden haben. Es ist die Suche nach dem Kern des eigenen Selbst, die eine Transformation der Persönlichkeit einleitet.

Der Vorgang der Transformation

Um eine Transformation zu erreichen, muss das feste Gefüge der äußeren Welt erst verschwinden. Dieses Gefüge symbolisiert in der Alchemie das Quadrat.
Etwas soll gefunden werden, dass die eigenen Begrenzungen auflöst, damit die Transformation beginnen kann. Auf unser Leben bezogen: Wenn wir uns außergewöhnliche Veränderungen im Leben wünschen, z. B. von einer schweren Krankheit geheilt, finanziellen Ruin in Reichtum, Mittelmäßigkeit in Großartigkeit verwandeln wollen, muss etwas gefunden werden, mit dem sich alle physischen, hinderlichen Begrenzungen auflösen lassen. Dann kann die Heilung, die Umwandlung der Lebenssituation oder die tatsächliche Verwandlung, von dem einen in einen anderen Zustand tatsächlich gelingen!

Wenn unser statisches, persönliches Gefüge zu bröckeln beginnt, dann setzt ein ähnlicher Vorgang ein wie bei der Raupe: sie bildet einen Kokon um sich (synonym zur alchemistischen Retorte) und löst sich darin in eine formlose Masse auf. Diese formlose Masse nennen die Alchemisten die "Prima Materia" - die Urmaterie und Ausgangssubstanz. Sie entspricht dem, dass zu Anbeginn der Zeit war und in der Genesis als "Wüste und Leere", in der griechischen Kosmogonie als "das Chaos" bezeichnet wurde - etwas vollkommen Unbeständigem also, das in sich jedoch alle Möglichkeiten der Manifestation enthält.

Alle gewünschten Formen entstehen aus dem Formlosen der kreativen Matrix. Wenn wir aber Formen auflösen möchten, müssen wir zu dieser formlosen Matrix zurückkehren. Kreativ bleibt nur das Unvollendete!

Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

- Oskar Wilde

Der Mensch ist ein unvollkommenes Wesen. Diese unvollkommene Qualität gibt unserer Kreativität aber die Möglichkeit, sich in uns zu einer vollkommenen Qualität zu entwickeln!

Schöpferisches Gestalten

Ein alter alchemistischer Lehrsatz lautet:

Aus einer Frau und einem Mann, aus der Welt, zeichne ein Quadrat, in das Quadrat zeichne einen Kreis, um das Quadrat ein Dreieck und um das Dreieck wieder einen Kreis.

Der Kreis der dem Quadrat folgt, ist die Prima Materia, der Urzustand der alle Möglichkeiten in sich trägt und aus dem alle Formen hervorgehen können. Darin ist das Potential jede Art Form zu erzeugen. Es ist wie mit einem unförmigen Felsen, aus dem ein Steinmetz jede beliebige Form hauen kann - einen Hund, eine Höhle, einen Menschen usw. Aus diesem Zustand kann alles Mögliche erschaffen werden. 
Dieser kreative Schaffensprozess beginnt in der Alchemie in der Phase der Nigredo - der "Schwarzheit". Schwarz steht in der Alchemie für das Vermögen der Natur, Dinge hervorzubringen. Wir erinnern uns an das ägyptische Khem - die schwarze Erde. Sie wird mit der jährlichen Nilflut als schwarzer Schlamm über die Äcker gespült. Hierdurch werden alle möglichen Pflanzen und Insekten hervorgebracht, die anderen Lebewesen als Nahrung dienen.

Aus Micheal Maiers "Atalanta Fugiens" - ewigeweisheit.de

Aus Michael Maiers alchemistischen Werk "Atalanta Fugiens"

Aber auch ein vollkommen finsterer, schwarzer Raum, in den kein Licht einfällt, auch dort tauchen alle möglichen Dinge vor unseren Augen auf. Manches was da erscheint kann schockieren! Sobald aber Licht in den Raum fällt, verändert sich alles.

Das Licht schien in der Finsternis, doch die Finsternis hat's nicht ergriffen

- Johannes 1:5

Bevor wir unser Leben umgestalten können, müssen die Dinge in unserem Leben zuerst vermindert werden - ganz gleich was auch immer das sein mag. Das ist die dunkle, kreative Matrix von der oben die Rede war. Auf unser Leben übertragen: wenn wir in tiefsten, seelischen Abgründen und durch finstere Lebensphasen bewegen, ist das eigentlich der Punkt, an dem es wieder aufwärts geht und neues Licht in unser Leben kommt - solange wir danach Ausschau halten!

Wenn man nach einem wirklich kreativen Einfall sucht, der einem aus einer anscheinend auswegslosen Situation im Leben helfen soll, ist es angebracht, sich erst einmal von all den Meinungen zu befreien, die man gegenwärtig hat: über andere und über sich selbst. Das heißt nicht, dass diese Meinungen notwendigerweise falsch sind. Die starren Muster in unserem Leben werden aber durch diese Meinungen aufrecht erhalten, Meinungen an denen wir hängen und die verhindern, dass sich etwas in unserem Leben ändert. Neue Erkenntnisse erhellen unser Leben, sobald sich alte Meinungen auflösen.

Es geht aber nicht darum alles bisherige in unserem Leben über Bord zu werfen. Vielmehr gilt es die dunklen mit den lichten Anteilen unseres Seins zu vereinigen. Dies symbolisiert die Alchemie durch die Vermählung von Sonne und Mond, von König und Königin. Hiermit kann der Vorgang der Umwandlung ganz langsam gestartet werden - sobald eine dritte Komponente ins Spiel kommt.

Symbol für das Feuer in der Alchemie - ewigeweisheit.de

Symbol für das Feuer in der Alchemie

Die beständige Flamme

Es ist wie mit der Retorte des Alchemisten: durch ein Feuer darunter wird die Umwandlung eingeleitet. Das ist die langsame, beständige Flamme des Alchemisten - nicht zu heiß, nicht zu wenig Hitze. Zwar wird damit auch der tatsächlich, physische Zustand beschrieben, doch es ist in erster Linie ein Symbol für etwas, das jeder in seinem Leben etablieren sollte: eine anhaltende, unnachgiebige Entschlossenheit!
Wer von der Begeisterung verlassen aufgibt, der stürzt ab. Die Aufmerksamkeit des Alchemisten darf also nicht schwanken. Er muss voll dabei, hier und im Jetzt sein - aufmerksam und stets bereit an seinem "Projekt" weiter zu arbeiten, bis der Vorgang beendet ist.
Wer nicht dran bleibt, der wird niemals etwas in seinem Leben verändern können!

Nun haben die alchemistischen Symbole von König und Königin einen besonderen Namen: Der König ist Sulphur (Schwefel), die Königin ist Sal (Salz). Sulphur ist gelb, so wie auch die Sonne gelb ist. Es ist ein "stinkendes Urgold" - ein "Proto-Gold" (wie etwa das Katzengold oder Pyrit, das eine chemische Verbindung von Eisen und Schwefel, Eisensulfid ist). Salz kann Wasser aufnehmen (Kristallwasser), so wie die Königin durch den flüssigen Samen geschwängert wird.

Doch es gibt noch ein drittes Prinzip, das die alchemistische Vereinigung (coniunctio) von Sulphur und Sal als Mittler fördert: der Mercurius. Mit Sulphur und Sal alleine, so die Alchemisten, wird letztendlich kein Werk vollbracht. Erst durch den Geist des Mercurius kann die gegenseitige Beeinflussung beginnen. Mercurius ist ein symbolisches Medium der Vereinigung, sowie eine vollkommene Kombination aus Flüssigkeit und Feststoff. Auf physischer Ebene entspricht dem Mercurius das Quecksilber. Das Wesen dieses Metalls ist charakteristisch: es trennt sich leicht in kleine, kugelförmige Tröpfchen, die sich aber eben so schnell wieder zu einer großen Masse zusammenführen lassen.

Die Schwarze Sonne in der Alchemie - ewigeweisheit.de

"Sol niger" - die Schwarze Sonne der Alchemie: Symbol der Nigredo

Drei Phasen bei der Bereitung des Steins der Weisen

In der Alchemie spielt die Astrologie eine nicht unbedeutende Rolle. Der dem Quecksilber zugeordnete Planet ist der Merkur, der sich viermal im Jahr auf enger Bahn um die Sonne bewegt. Wegen Merkur also Mercurius - dem wichtigsten Agens der Alchemie und Hermetik.
Bei den Griechen entspricht Mercurius dem Gott Hermes - im alten Ägypten hieß er Thoth. All diese Götter haben das Vermögen zusammenzubringen, zu vereinigen. Das oben erwähnte Dreieck steht für die drei Prinzipien von Sulphur, Mercurius und Sal. Mercurius vereinigt in einem langwierigen Prozess Sulphur und Sal, was in drei Phasen abläuft: der Nigredo, der Albedo und der Rubedo.

Nigredo - Die Schwärzung

1. Zuerst erfolgt die calcinatio. Dabei wird die Ausgangssubstanz, symbolisiert durch das zuvor erwähnte Quadrat, durch Brennen und Glühen im Feuer zu Asche zermürbt. Hiermit werden materielle Begrenzungen aufgebrochen. 

2. Die so erhaltene prima materia wird dann in der solutio aufgelöst bzw. verflüssigt. Hier geht es um den Ist-Zustand unserer psychischen Verfassung. Während einer schweren Lebenskrise braucht dieser Zustand nicht erst herbei geführt zu werden, sondern ist bereits präsent.

3. Nun folgt die seperatio: eine Trennung in die antagonistischen Bestandteile - König und Königin werden geschieden. In der alchemistischen Praxis erfolgt in diesem Schritt die Ausfilterung der festen Bestandteile, aus der durch die solutio hergestellten Lösung. Mit der separatio werden die inneren von den äußeren Seelenanteilen getrennt, verborgene Seelenanteile erkannt (vergl. Anima und Animus bei C. G. Jung) und entfaltet. Es geht um das Erkennen verborgener Anteile des Selbst.

4. König und Königin werden in der coniunctio wieder vermählt, sie umarmen und vereinigen sich, verschmelzen miteinander. Gemäß C. G. Jung wird in diesem Prozess der Vereinigung der ursprüngliche Lichtmensch (in der Kabbala: Adam Kadmon) wiederhergestellt. Er ist ein archetypisches Wesen, dass vor der ersten Weltschöpfung existierte. Die bewusst gewordenen Anteile werden in der coniunctio mit dem alten Selbstbild vereint.

5. Miteinander vereinigt, tritt dann in der mortificatio der Tod des Vereinigunsproduktes ein. Hierbei werden die unreinen, dunken Anteile ausgeschieden. Dieser alchemistische Prozess entspricht in der Psychologie dem Zustand der Finsternis, einer absoluten Niederlage im Leben.

Tief in des Dunkels Schoß,
verborgene Stufen längs, vermummt, umdichtet –
Oh wunderseliges Los! –
nachts, jedem Blick vernichtet,
mein Haus in Stille lassend, tiefbeschwichtet!

Geheim, in Zauberringen
der Dunkelheit, wo mich kein Blick erkannte,
wo ich nichts sah von Dingen
und nichts mir Strahlen sandte
als jenes Leitlicht, das im Herzen brannte!

- Heiliger Johannes vom Kreuz: "Die Dunkle Nacht der Seele"

6. Danach kommt es zur Verwesung des getöteten Vereinigungsprodukts: putrefactio. Der reinste Teil steigt auf, der gröbere Teil stirbt und fällt ab, so wie das verwesende Fleisch der Leiche von den Knochen fällt. Psychologisch kann dieser Vorgang am besten durch den Zustand tiefer Depression beschrieben werden. Dieser Vorgang ähnelt auch der im alt-ägyptischen Mythos beschriebenen Zerstückelung des Osiris.

7. Mit der coagulatio beginnt dann die eigentliche Transformation. Die geistigen, aufgestiegenen Anteile kehren zurück und werden in die Lösung eingebunden, woraus sich feste Bestandteile in Form von Kristallen bilden und es allmählich zur Gerinnung kommt. Psychologisch empfindet der Mensch diesen Zustand als neue Zuversicht, da sich in seiner Seele neue Emotionsformen bilden.

Diese sieben Schritte müssen ganz in Ruhe, bei "stetiger Wärme" durchgeführt und ausgebrütet werden. Dann wird sich alles zu dem fügen, wie es für den Vorgang bzw. unser Leben am Besten ist. Damit ist die Phase der Nigredo abgeschlossen, was bei der Bereitung des Steins der Weisen zur Weißung führt.

Albedo - Die Weißung

8. In der sublimatio wird die schwarze Masse in der Retorte, allmählich immer heller, von grau bis weiß, gewinnt immer mehr an Licht. Laut C. G. Jung beginnt hier auch die seelische Transformation. Es dämmert in der Seelennacht ein immer heller werdendes Licht eines neuen Anfangs.

9. Mit der ablutio, der Waschung kehrt Leben in das Geschehen zurück - seelische Probleme haben sich geklärt.

Hiermit ist die Albedo abgeschlossen.

Rubedo - Die Rötung

Das Rot der Rubedo zeigt an, dass der alchemistische Prozess abgeschlossen ist. Der Stein der Weisen wurde gefunden und daraus das rote Elixier des ewigen Lebens gewonnen. Mit dem Entstehen dieses roten Wundersteins, ist alles möglich. Und wenn alles möglich ist, so können auch unedle Metalle wie Blei in Gold verwandelt werden und das Leben eines Menschen verlängert werden. Dieser Stein der Weisen ist identisch mit dem Lapis Exilis des Wolfram von Eschenbach: dem Heiligen Gral.

Die Rote Sonne des Splendor Solis - ewigeweisheit.de

Die Rote Sonne - Symbol des Steins der Weisen

Ziele der Alchemie

In der Alchemie geht es gar nicht darum ein äußeres, wertvolles Produkt wie etwa Gold herzustellen. Vielmehr ist das Hauptziel die Transformation des Ausübenden selbst. Aus einem "normalen Menschen" wird ein "Wundermensch". Sein Tun ist allein durch den Himmel begrenzt - auf Erden aber ist ihm alles möglich. Einen Alchemisten, dem die Herstellung des Steins der Weisen geglückt ist, könnte man darum auch als einen Adepten bezeichnen. Er wird zu einem gottähnlichen, allmächtigen Wesen. 

Wer sich wirklich zu dieser Ebene des Seins aufgeschwungen hat, für den werden alle bisherigen Vorstellungen und Erfahrungen langweilig und uninteressant. Nicht das er jetzt ein größeres Ego entwickelt hätte. Eher kann er jetzt alle unedlen Erfahrungen, Halbwissen, Krankheit und Ignoranz, zu etwas höherwertigem, weisem, heilem und tolerantem umwandeln - d. h. alles, ganz gleich ob grau, klumpig oder wertlos, lässt sich zu strahlendem Gold transmutieren - im übertragenen, wie im tatsächlichen Sinne.

Vielleicht kann die Seele den oben beschriebenen, wundersamen Vorgang der Umwandlung, auf alle möglichen Lebenserfahrungen anwenden. Das bedeutet: Alles was bisher langweilig und schlecht erschien, wird plötzlich zu etwas ganz wunderbarem. Das Leben selbst verwandelt sich in ein einziges großes Wunder - wo immer wir auch hinsehen, da entdecken wir Gold. Was sich im alchemistischen Prozess verwandelt hat, sind wir selbst! Die Suche und das Gewinnen des Steins der Weisen hat uns verändert!

Alle großen Alchemisten wussten, dass metallisches Gold nur ein Nebenprodukt eines viel wichtigeren und viel wertvolleren Geschehens ist, an dem man während seiner Arbeit bei der Bereitung des Steins der Weisen teilhat.
Der Alchemist muss sich also selbst verändern, bevor er die Welt und ihre Erscheinungen verändern und umformen kann. Er betrachtet die Gegenstände in der Welt als eine alchemistische Retorte, in der das Licht der Erkenntnis konserviert und daraus hervorgebracht wird. 
Es geht darum die Weisheit (Sophia) aus den Fängen materieller Sichtweisen und Meinungen zu erlösen. Sophia steht für die Rubedo im großen Werk der Alchemie. Wohl nicht zufällig wird sie in der Ikonographie stets als rothaarige, in rote Roben gekleidete Heilige dargestellt.

Aufgabe des Alchemisten ist also die geheimnisvolle Sophia in ihrer herrlichen Erscheinung aus der Erde zu erlösen, aus den Fesseln materieller Beschränkungen zu entbinden.

Das Geheimnis, Gemälde: Felix Nussbaum - ewigeweisheit.de

"Das Geheimnis", Gemälde von Felix Nussbaum.

Geheimhaltung

Es hat seinen Grund, dass alchemistische Schriften oft nur schwer verständlich und irreführend geschrieben sind. Niemand sollte sich ihrer bemächtigen können, ohne nicht zuvor den Weg der Selbstläuterung gegangen zu sein. Im Übrigen ist das der einzige Grund wieso es überhaupt Geheimnisse gibt. Wer zu schnell an esoterisches Wissen kommt, den kann es überwältigen, was mitunter folgenschwere Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Alchemie ist ein "geheimer Weg der Verwandlung" - ein "geheimer Weg des Lebens", mit dem Weisheit gefunden wird. Das ist das Lebensziel des Menschen im Großen Werk der Alchemie - dem Opus Magnum.

Vielleicht befinden wir uns ja bereits auf diesem Weg ohne davon zu wissen - letztendlich sind wir dazu aber auf die Welt gekommen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, werden wir hoffentlich den sagenhaften Stein finden!

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