Dhikr

Die Wohlverwahrte Tafel

Die Wohlverwahrte Tafel

Die Kosmologie der man in Al-Ghazalis Werk begegnet, basiert auf der Vorstellung der Existenz dreier Welten. Was darin jeweils geboren wurde, wird seine entsprechende Welt mit dem Tod wieder verlassen.

In der ersten Welt, Al-Mulk, dem Königreich, befinden sich alle die mit ihren fünf Sinnen die irdische Welt bewusst wahrnehmen, aus der sie mit ihrem Tod einen verstorbenen Leib zurücklassend scheiden.

Die esoterische, geistige Welt, heißt Al-Malakut. Sie liegt über dieser, physisch manifestierten Welt. Darin halten sich die Dschinn und die Engel auf. Diese Welt ließe sich in etwa vergleichen mit der von Platon formulierten Welt der Ideen, mit Urbildern also, die in die geschaffene Welt projiziert, dort Strukturen bilden, die der Mensch dann auch wahrzunehmen vermag.

Unter den Engeln aber befinden sich Auserwählte, die sich nun in der dritten Welt von Al-Dschabarut aufhalten. Diese Welt bildet das Zentrum inmitten der beiden anderen Welten, wo die Welt von Al-Mulk, die Welt von Al-Malakut umgibt. Laut Al-Ghazali ist das die Welt der Cherubim, die den Thron Gottes tragen, vielleicht zu vergleichen mit dem, was die jüdische Mystik die Merkaba nennt, dem Reich des göttlichen Angesichts. Wenn hier die Rede ist von einem Thron der getragen wird, so impliziert das ja eine Bewegung. Was sich da bewegt ist ein Wort, indem wiederum das Wort »Weg« enthalten ist, was entsprechend auf das arabische Wort »Dschabarut« verweist, das wörtlich übersetzt »Brücke« bedeutet. Über diese Brücke von Al-Dschabarut nämlich gelangen die Befehle aus dem göttlichen Logos (arabisch »Al-Amr«) in die Welt.

Licht des göttlichen Logos

Was wir eben mit Al-Dschabarut als das Zentrum der materiellen und der geistigen Welt einführten, von dort aus strahlt der göttliche Logos in die manifestierte Welt. Sie ist der Aufenthaltsort dessen, was der Islam die »Wohlverwahrte Tafel« nennt: »Al-Lahul Al-Mahfudh«:

Vielmehr ist es ein ruhmvoller Koran auf einer Wohlverwahrten Tafel.

- Sure 85:21f

Wie sich diesem Vers entnehmen lässt, existierte seit aller Ewigkeit ein nicht-manifester Koran. Prophet Mohammed (as) empfing die göttliche Offenbarung, in den Versen des irdischen Koran, als Abbild der Al-Lahul Al-Mahfudh, der Wohlverwahrten Tafel. Dazu schrieb Al-Ghazali in seinem ethischen Werk »Die Wiederbelebung der Wissenschaften von der Religion«, arabisch »Ihya Ulum Ad-Din«:

Alles das Gott vom Anfang bis zum Ende der Welt verordnet hat, ist in einem der von ihm geschaffenen Dinge unveränderlich festgehalten, was manchmal bezeichnet wird als »Die Tafel«, manchmal als »Das Deutliche Buch«, manchmal als »Die Deutliche Richtschnur«, wie es der Koran bekundet im 79. Vers der 15. Sure: 'Beide sind eine klare Richtschnur.'

Das der Islam offenbar eine Prädestination allen Seins voraussetzt, darauf könnte folgender Vers hindeuten:

Wir erwecken die Toten zum Leben und schreiben auf, was sie getan haben und was sie hinterlassen haben; alles haben wir in einem deutlichen Buch aufgezählt.

- Sure 36:12

Was in solch »deutlichem Buch« von den Engeln notiert wird, ist jedoch nicht gleichbedeutend mit den Ereignissen eines starren Lebenslaufs, der jedem Menschen vorgezeichnet ist. Eher meint das eine Bestimmung im Leben, die eben nicht jedem deutlich vor Augen steht. Stattdessen hüllen zahlreiche Irrtümer ihr wahres Wesen. Und was da die mystische Sicht auf den eigentlichen Lebensweg verhüllt, sind falsche Grundannahmen, die sich als Angst, Zorn, Neid und weitere solcher schlechten Eigenschaften äußern. Doch das verhüllt den eigentlichen Lebensweg eines Menschen.

In Al-Ghazalis Ihya Ulum Ad-Din heißt es dazu:

Glaube nicht, dass diese Tafel aus Holz, aus Eisen oder aus Knochen ist, oder die Seiten dieses Buches aus Papier oder Pergament sind. Allerdings du musst ein für alle Mal verstehen, das diese Tafel keiner stofflichen Tafel gleicht und dieses Buch keinem stofflichen Buch gleicht, eben so, wie sein (Gott) Wesen und seine Eigenschaften nicht dem Wesen und den Eigenschaften erschaffener Lebewesen gleichen. […] Die Art und Weise wie die (göttlichen) Gebote in der Tafel festgelegt sind, gleichen auswendig gelernten Worten und Zeichen des Koran, die jemand aus seinem Verstand zu erinnern vermag. Es ist in seinem Verstand so verzeichnet, als würde es beim Rezitieren vor ihm sichtbar erscheinen. Und doch: solltest du seinen Verstand ganz genau durchsehen (können), würdest du darin nicht ein einziges Zeichen der Schrift (Koran) finden. Auf eben diese Weise musst du verstehen, dass alles was Gott entschieden und verordnet hat, diese Tafel darstellt.

Al-Ghazali vergleicht die Wohlverwahrte Tafel mit einem Spiegel, der die Formen reflektiert. Stellte man diesem, jedoch noch ein anderer Spiegel gegenüber, würden auch dessen Form darin reflektiert, es sei denn, ein Schleier dazwischen verhüllte ihn. Damit klingt das an, was wir oben sagten über die menschlichen Verfehlungen, die als Irrtümer das überdecken, was den eigentlichen, den wahren Lebensweg eines Menschen erkennen ließe.

Tabula Smaragdina – ewigeweisheit.de

Die Tabula Smaragdina (Smaragdtafel) des Ur-Alchemisten Hermes Trismegistos (alt-ägyptischer Gott Thoth) wurde immer wieder mit der im Koran besprochenen »Wohlverwahrten Tafel« gleichgesetzt (Suren 22:70, 57:22, 85:21-22). Auch mit dem, was die Anthroposophie als »Akasha-Chronik« bezeichnet, scheint ein Zusammenhang zu bestehen.

Das Herz, einem Spiegel gleich

Auch das spirituelle Herz (Qalb), von dem an anderer Stelle bereits die Rede war, besitzt die Eigenschaften eines solchen Spiegels. Sofern das Herz rein ist und unbefleckt, da sich sein Träger in seinem Handeln nicht wider seine eigenen guten Absichten und vor Allem nicht gegen Gott stellte, vermag sich darin esoterisches, göttliches Wissen zu reflektieren. So jemand kann hernach in seinem Intellekt (Aql) von eben jener »Wohlverwahrten Tafel« entsprechende Erkenntnisse empfangen.

Wenn das Herz (aber) befangen ist mit Lüsten und sinnlichem Verlangen, fällt da ein Schleier, der die Sicht auf die Tafel schützt, welche ja in die Welt von Al-Malakut gehört. Lüftet diesen Schleier aber eine (sprichwörtliche) Brise, blitzt da im Spiegel des Herzens ein Funkeln auf, aus der Welt von Al-Malakut.

- Aus Al-Ghazalis »Ihya Ulum Ad-Din«

Und dieses »Funkeln« gleicht einem flüchtigen Blick in die geistige Welt Al-Malakuts. Das ist ein Moment besonderen Erkennens, das jemand in seinem Herzen, als tatsächlich richtungsweisend erleben dürfte. Es gleicht dieser spirituelle Vorgang einem Gewahrwerden des göttlichen Logos (arabisch »Amr«), durch den in der geschaffenen, materiellen Welt, jene Abbilder zum Widerschein gebracht werden, die als göttliche Archetypen verzeichnet sind, auf eben dieser Wohlverwahrten Tafel, Al-Lahul Al-Mahfudh. Auch der Mensch, der solcher Art Einsicht bekommt, sieht als Reflexion alle auf der Wohlverwahrten Tafel verzeichneten Urbilder schimmern. Sein geistiges Herz (Qalb) vermag darum die wahre Essenz des Seins zu erkennen. Und diese Erkenntnis steuern drei Faktoren:

  • Der Intellekt bildet den Spiegel des Herzens, der das Wesen der Dinge reflektiert,
  • das Verstehen entspricht dem Spiegelbild dieser Dinge und schließlich
  • die Intelligenz: sie entspricht dem eigentlichen Vorgang der Reflexion in diesem Spiegel.

Der Geist verhält sich wie der Spiegel, der Intellekt wie seine Politur. Je weniger persönliche Makel den Intellekt eines Menschen beflecken, desto eher reflektieren sich in seinem Herzen die Symbole, Zeichen und Begriffe, die von jener Tafel als heilige Offenbarungen ausgehen. Solange das spirituelle Herz aber unfähig bleibt wahres Wissen zu erlangen, kann sich darin auch nichts widerspiegeln. Und das rührt her von der Unentschlossenheit eines Menschen, sich etwas höher Geistigem hinzugeben und seien es schlicht Zweifel an der Existenz der geistigen Welt.

Sind wir Menschen aber nicht in diese Welt geboren worden, um uns dieser Fähigkeit zur spirituellen Reflexion bewusst zu werden? Sollte das der Fall sein, ließen sich da wohl auch jene Wegweiser enthüllen, an denen wir den eigentlichen Sinn unseres Daseins auf Erden angedeutet fänden.

Alchemie des Glücklichseins

Um die Voraussetzungen für eine solche Klärung des geistigen Herzens zu schaffen, entwickelte Al-Ghazali eine praktische Vorgehensweise. Sie beschreibt er in seinem Buch »Kimiya As-Saada« – »Das Elixier der Glückseligkeit«. Er leitet den Leser darin an, in seinem menschlichen Werdeprozess auf einen Weg zur Erkenntnis seines wahren Selbst zu gelangen. Letztendliches Ziel auf diesem Wege ist die Gotterkenntnis:

Wer sich selbst erkennt, erkennt Allah.

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, ja doch genau zu wissen wer man ist. Man weiß ja in der Regel wo und wann man geboren wurde, welchen Namen man trägt, welche Vorlieben man hat und so weiter. Da das aber alles äußerliche Eigenschaften sind, meinen sie nicht das Selbe, was auf die Frage nach dem eigenen Dasein und der darin zu erfüllenden Rolle, beantwortet werden muss. Es empfiehlt sich darum zu erkennen, über welche Wege man geschaffen wurde, und sei es zuerst einmal in der Kenntnis über die eigenen Ahnen. Hierüber vielleicht ließe sich herausfinden, wenn auch nicht sofort ganz eindeutig, wofür man auf dieser Erde wandelt und welche Ziele man auf seiner Lebensreise ansteuern kann.

Wer sich aber schon auf diese Reise begeben hat, der beginnt vielleicht zu empfinden, auf welche Art sich ein damit verbundenes, den eigenen Wünschen entsprechendes Glück äußert und in dieser Wahrnehmung könnte man sich fragen:

Womit kann ich sicherstellen, auf diesem Weg zu wahrer Freude zu finden, für mich und zum Wohle anderer?

Was beklage ich im Leben, worunter leide ich und wie kann ich weiteren Kummer vermeiden?

Was sind meine größten Schwächen?

Welche negativen Eigenschaften drängen mich zu unüberlegtem Handeln oder lassen mich Wichtiges vernachlässigen?

Hierzu muss man natürlich ganz und gar ehrlich zu sich sein und das ist nicht immer einfach. Jede der dabei aber anklingenden Besonderheiten, ganz gleich ob Stärken oder Schwächen, lassen sich immer aus zwei Blickwinkeln betrachten, so dass manche Stärken Schwachpunkte aufweisen können, doch ebenso aus jeder Schwäche eine ihr innewohnende Kraft hervorgebracht werden kann. Sicher spannen diese Fragen mitunter riesige Bewusstseinsbereiche auf, worin man sich mit jeder Antwort erst einmal vertraut machen muss. Al-Ghazali aber beschreibt ganz passend dazu vier Bereiche, in die sich jene Antworten zu diesen Fragen einordnen lassen. Zu diesen Bereichen aber bringt ein Mensch, vielleicht schon seinen natürlichen Veranlagungen gemäß, besondere Eigenschaften und Fähigkeiten mit:

Tierische Eigenschaften drängen den Menschen Tag und Nacht dazu für sein Essen und sein Trinken zu sorgen.

Jeder Mensch hat in sich auch die eine oder andere Form von grausamen Eigenschaften (bei manchen mehr, bei anderen kaum), die ihn in bestimmten Situationen wahrlich wild auftreten lassen, und er anderen dann auch wirklichen Schaden zufügen kann.

Wenn man bei Al-Ghazali dann über die »Dämonischen Eigenschaften« eines Menschen ließt, könnte man das leider missverstehen. Denn sicher ist da wohl eher das gemeint, was der griechische Philosoph Sokrates meinte, wenn er von seinem »Daimonion« sprach. Es sind damit Wirkungen verbunden, die den Astralleib bilden – einen feinstofflichen Teil des Körpers, der durch die astrologischen Voraussetzungen einen Menschen, ihm schon mit der Geburt spezielle Begabungen verleiht. Wenn die Seele aus der geistigen Welt in den irdischen Bereich von Werden und Vergehen hinabsteigt, hüllt sie sich bereits im himmlischen Bereich des Astralen, in dieses unsichtbar-sternartige »Fahrzeug«, dessen Formen sich auch der physische Körper im Mutterleib angleicht. Bis ans Ende der Pubertät dann ist dieser Vorgang der Anpassung abgeschlossen. Bei manchen aber nun, so Al-Ghazali, kann die Präsenz dieses geisterhaften, dämonischen Körpers im Vordergrund stehen, so dass sie auf ihren Träger manipulative oder gar schwindlerische Eigenschaften übertragen. Doch durch die dabei unweigerlich gemachten Erkenntnisse, kann ein Mensch letztendlich doch auf den Weg zur Vollendung finden.

Ist man zu guter Letzt mit engelgleichen Fähigkeiten ausgestattet – was sicher nur die wenigsten zugeben werden – erscheint man als wahrer Gottesverehrer, der Tag und Nacht beflissentlich versucht, dass Angesicht Gottes zu schauen. Doch dann nicht aus Selbstgenügsamkeit, sondern als wissender Adept, der nichts anderes will, als nur auch anderen zur Erleuchtung zu verhelfen.

 

Mit dem Herzen zu erkennen

Mit dem Herzen zu erkennen

Wie auch immer diese Körperlichkeit eines Menschen geartet sein mag, ist unser Leib doch letztendlich eine ganz und gar individuelle Erscheinung, in der aber dennoch ein Gemüt wohnt, eine Seele, der der Körper als Fahrzeug dient. Dieses Fahrzeug aber hilft ihm sich zu bewegen in der Welt, auf unserem Planeten Erde, seinem zeitweiligen Aufenthaltsort.

Je nachdem aber wie dieses Fahrzeug geartet ist, werden damit entsprechend die Saaten des Glücks gesät, die den Weg zieren, auf dem sich die Seele begeben wird, nach dem Tod des Körpers, bei ihrer Rückkehr in ihre eigentliche Heimat. Drum sollte Ziel der Seele sein, sich von aller Materie abzuwenden, den Körper als reines Mittel zu betrachten, damit sie sich der wahren Gotterkenntnis und Gottesliebe zuwenden kann.

Wenn Du, oh Suchender auf dem Weg, deine eigene Seele kennenlernen willst, so wisse, dass dich der heilige und wunderbare Gott aus zwei Dingen geschaffen hat: ein sichtbarer Körper ist das eine. Und das andere ist etwas Inneres, das man Gemüt oder Herz nennt, dass nur die Seele wahrzunehmen vermag. Doch wenn wir hier vom Herzen sprechen, meinen wir nicht das Stück Fleisch, dass sich in der linken menschlichen Brust befindet […] Dieses Herz, dass ausdrücklich als Gemüt bezeichnet wird, ist nicht von dieser Welt. Und auch wenn es in diese Welt kam, kam es nur um sie wieder zu verlassen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dieses geistige Herz gilt Al-Ghazali als Herrscher über den menschlichen Leib. So gleicht unser physischer Leib durchaus einem Königreich, wo die äußeren und inneren Organe diesem Herrscher dienen. Wenn das Herz einem Organ befehligt seine Funktion zu erfüllen – dem Ohr zu Hören, dem Auge zu sehen, der Hand zu greifen oder Ähnliches zu tun erfolgt das ad hoc. Das sind die Aufgaben des geistigen Herzens, die es mit dem Körper auf Erden erfüllt, doch nur um sich dabei immer wieder seiner wichtigsten Aufgabe zuzuwenden: der Erkenntnis Gottes.

Wisse sodann, dass die Existenz des Gemüts offenkundig und nicht in Zweifel getaucht ist. […] Wenn ein Mensch mit weit geöffneten Augen die Welt und seinen eigenen Körper anschaut, doch dann auf einmal seine Augen schließt, wird sich seinem Blick alles entziehen, so dass er auch nicht mehr seinen eigenen Körper sieht. Gleichzeitig aber wird sich sein Gemüt seinem (inneren) Blick nicht entziehen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Das geistige Herz, das Al-Ghazali hier wieder als Gemüt bezeichnet, repräsentiert eine eigenständige Einheit im Körper. Dabei gilt zu unterscheiden zwischen dem Teilbaren und dem Unteilbaren. Der Körper setzt sich aus Bestandteilen zusammen, die mit dem Tod zerfallen. Wegen ihrer Geisthaftigkeit lässt sich die Seele jedoch nicht teilen. Sie ist eine Einheit und bleibt als solche auch nach dem Tod bestehen. Und diese Seele ist gleichzusetzen mit dem, was wir zuvor als das Herz einführten. Ihr sind die Eigenschaften der Engel inhärent.

Wisse, du Sucher der göttlichen Geheimnisse, dass die großartigen Tätigkeiten des Herzens unbegrenzt sind. Denn, um mit dem Gesagten fortzufahren, ist die Würde des Herzens zweifältig: einerseits ist es tätig mittels Wissen, andererseits wirkt es in seiner Beherrschung göttlicher Energie. Seine durch Wissen erreichte Erhabenheit ist ebenfalls zweifältig: Erstere besteht in äußerem Wissen, was jeder zu verstehen vermag, während die zweite Art (von Wissen) verborgen ist und nicht von allen verstanden werden kann, doch von höchstem Wert ist. […] und auch wenn das Herz etwas ist, dass sich nicht aufgliedern lässt, ist dennoch alles Wissen der Welt in ihm gegenwärtig. Wahrlich: im Vergleich mit ihm (dem Herzen) ist die ganze Welt wie ein Korn verglichen mit der Sonne oder mit einem Tropfen im Meer.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Al-Ghazali führt diese Vergleiche ein, um zu zeigen, dass das was allgemein als Wirklichkeit vorausgesetzt wird, sich außerhalb dessen abspielt, was er unter seinem Konzept des geistigen Herzens versteht. Der Mensch neigt eben dazu allein die gegenwärtig sichtbare, fühlbare, materielle Welt als wahre Realität anzuerkennen. Seine Bewusstheit ist häufig rein sinnesbezogenen, weshalb er die materielle Welt für die einzig wahre hält. Das aber zeugt doch von einer recht oberflächlichen und begrenzten Auffassungsgabe.

Aus seinem geistigen Herzen aber, so Al-Ghazali, lässt sich ein verborgenes Fenster öffnen, von wo aus der Mensch eine Welt zu überschauen vermag, die dem physischen Auge verschlossen bleibt. Ihr Licht zeigt sich dem Auge des Herzens, im Sinne einer spirituellen Einsicht, womit dieses mystische Auge für die Erkenntnis steht. Das Herz von dem wir hier sprechen aber steht für das Gemüt, für ein gefühltes Bewusstsein dessen, was man als Liebe bezeichnet. Erst durch kann letztendlich vollkommene Erkenntnis erlangt werden, denn was man nicht kennt, das kann man auch nicht lieben: seien es Dinge, Tiere, Menschen, Freunde oder sei eben es Allah.

Es gibt da aber noch ein weiteres Fenster (oder Auge) im Herzen, von wo aus es die Gegenstände des Geistes zu betrachten vermag. Während wir schlafen bleibt dieses geheime Fenster geöffnet und wir können da die Vorgänge und Erscheinungen wahrnehmen, die sich einem aus der unsichtbaren Welt zeigen. Auch offenbarte Visionen gehören dazu, die sich dann, aus dem vorherbestimmenden Urwissen von Al-Lahul Al-Mahfudh, der »Wohlverwahrten Tafel«, dem Auge des Herzens als Offenbarung zeigen. Auch was sich dem Schlafenden in seinen Träumen an Archetypen zeigt, kann in die geöffneten Fenster des Herzens einströmen, sofern es rein ist und bar jeder tadelswerten Neigungen. Und da sich nun dieses innere Sehen des Herzens, nicht vergleichen lässt mit dem alltäglichen Sehen der Dinge im Außen, sondern sich als Vorstellung der inneren Wirklichkeit äußert, kann einer, der in seinem alltäglichen Leben zu sehr von den Genüssen der sinnlichen Welt vereinnahmt ist, auch Nachts nur Phantome dessen sehen, was sich ihm da eigentlich zu zeigen versucht.

Mit dem Tod schließlich, wenn sich die körperliche Hülle mit all ihrer Sinnlichkeit von diesem geistigen Herzen getrennt hat, kann es in Beschaulichkeit all die verborgenen Geheimnisse jener unsichtbaren, spirituellen Welt von Al-Malakut betrachten. Wäre es aber nicht bedauernswert, ja sogar armselig, man käme erst dann in den Genuss, dieser durch und durch wohltuenden, innersten Geheimnisse?

Denke nicht, oh Sucher nach den göttlichen Geheimnissen, dass sich das Fenster des Herzens niemals öffnet, außer im Schlaf und nach dem Tod. Das Gegenteil ist der Fall! Wenn ein Mensch seine Übungen durch heilige, asketische Hingabe perfektioniert und damit sein Herz reinigt, von den Befleckungen ausgelebter Neigungen, die ja eigentlich tadelswert sind, und sodann einen zurückgezogenen Ort aufsucht, um sich von äußeren Sinneseindrücken zurückgezogen in Meditation zu begeben, und dabei pausenlos ausruft »Ya Allah, Ya Allah« (deutsch: »O Gott, O Gott«), wird sein Herz zu Übereinstimmung gelangen mit dem, was man die unsichtbare Welt nennt. Da wird er sich nicht länger Gedanken hingeben an die materielle Welt, als sich in seinem Herzen an nichts anderes zu erinnern, als nur an Allah.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Durch diese Form der Meditation (Dhikr) offenbaren sich einem Übenden Eindrücke aus der unsichtbaren Welt, die wir bereits mehrfach als Al-Malakut bezeichneten. Da öffnen sich die Fenster dieses mystischen Herzens, damit, über die geheimnisvolle Überführung von Al-Dschabarut, sich dem Meditierenden das zeigt, was andere nur im Traumschlaf erfahren. Er aber sieht da die Welt in ihrer vollkommenen Wahrheit, wo er in Austausch zu treten vermag mit den aufgestiegenen Seelen der Engel und Propheten.

Die verborgenen Dinge der Erde und des Himmels enthüllen sich ihm dabei. Und wem immer sich diese Dinge zeigen, der schaut großmächtige, unbeschreibliche Wunder.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Ist das Herz also bar jeden weltlichen Verlangens, frei von weltlichen Eindrücken, als auch von Feindseligkeiten gegenüber anderer Menschen, ist das möglich, was man die »Göttliche Schau« nennt: zu sehen mit dem mystischen Auge des Herzens. Man sollte dabei jedoch nicht vergessen, so Al-Ghazali, dass diese Gabe erst wachgerufen werden muss, nämlich durch tatsächliches Üben und eine gewisse Entsagung, wenn nicht gar Askese. Wer dazu nicht bereit ist, kann die zuvor geschilderten Offenbarungen nicht erleben. Es sei denn, so fügt Al-Ghazali überraschender Weise hinzu, dass einer der Gnade Gottes empfänglich wurde. Das aber soll nur sehr selten vorkommen.

Fest steht, dass diesen Weg des Herzens nur beschreiten kann, wer auch bereit ist Schwierigkeiten zu bewältigen. Das zeigen uns all die unzähligen Beispiele von Biografien solcher, die man als erleuchtete Meister bezeichnet – allen voran dieser, den der Islam »Isa ibn Maryam« nennt: Jesus Christus. Sein Leidensweg sollte ja zum wichtigsten Symbol einer der großen Weltreligionen werden.

Engelhafte und dämonische Aspekte des Herzens

Wie man geistlichen Schriften vieler Religionen entnehmen kann, fehlt den Tieren das worüber der Mensch verfügt: eine spirituelle Kraft, die er in seinem Herzen zu konzentrieren vermag. So wie nach islamischer, wie auch christlicher oder jüdischer Auffassung, die Aufgabe der Engel darin besteht, Wind und Regen zu lenken, Junge auf die Welt zu bringen, sie entsprechend ihrem Schicksal zu formen, die Saaten in der Erde aufgehen zu lassen, wie auch die Pflanzen zum Wachsen zu bringen und Früchte tragen zu lassen, so soll auch das mystische Herz im Menschen auf die materielle Welt Einfluss ausüben können – zuerst in seinem eigenen Innern, dann aber auch über sein Außen durch sein Handeln, vorausgesetzt, es ist rein und frei von negativen Einflüssen.

[…] wenn das Herz nicht trübe werden soll durch den Rost der Aufruhr, und es nicht animalische und bösartige Eigenschaften bestimmen sollen, wäre es in der Lage dazu, im Namen der in ihm gegenwärtigen engelhaften Eigenschaften, die selbe Wirkung auch auf andere Körper auszuüben.

Wenn es (das Herz) ernsthaft einen Löwen oder Tiger betrachtete, würden sie in ihrer Art erweichen und sich ihm fügen. Betrachtete es jemanden der krank ist mit Güte, so würden sich dessen Gebrechen in Gesundheit verwandeln. Betrachtete es einen Kraftprotz, ganz erhaben, so finge dieser zu schwächeln an.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dass das, was Al-Ghazali hier beschreibt, nicht allein Hirngespinste sind, meint er vernünftig belegen zu können, allein aus seiner eigenen Erfahrung heraus. Er erwähnt etwa das, was über diese Augen des Herzens auch an »Zauberei« möglich ist: Wenn ein hämischer Charakter einen schwachen Menschen mit Neid betrachte und diesem übel wolle, und während er ihn so anstarrt, ihm sogar dessen Zerstörung in den Sinn käme, ließe sich dieser Einfluss bei dem Betroffenen sofort erkennen und man sähe nicht all zu lange danach den angerichteten Schaden. Solch Einfluss kann nur durch den Missbrauch der eigentlich heiligen Eigenschaften des Herzens erfolgen, was aber letztendlich nur auf den zurückfällt, der versuchte über sein Gemüt Macht auszuüben, um seinen Mitmenschen Schaden zuzufügen.

Gesicht – Gewalt – Gewissen

Der Einfluss des Herzens erfolgt über drei Wege:

Ein Sehen im Außen, wozu jeder Mensch fähig ist. Auch den Propheten und Heiligen offenbaren sich die Mysterien im Außen.

Dann auch mit der Beherrschung des eigenen Körpers, etwas wozu ebenfalls jeder Mensch fähig ist. Propheten und Heilige aber haben, zum Wohle der Gemeinschaft, die Fähigkeit diese Herrschaft auch über die Körper anderer auszuüben.

Der Dritte Weg wird durch das Vernehmen besonderen Wissens gegangen, über den das Herz Macht auszuüben vermag. Jeder kann solches Wissen erlangen, indem er lernt und damit ausgebildet wird. Propheten und Heiligen aber wird dieses Wissen direkt durch Gott vermittelt.

Letztere Art der Erlangung von Wissen ist allgemein bekannt als das, was man »Erleuchtung« nennt: ein Wissen das einstrahlt aus der spirituellen Welt in den Geist des Menschen. Wenn folgender Koranvers von »uns« und »wir« spricht, ist das eine Aussageweise um die dabei wirkende, spirituelle Kraft Allahs nachdrücklich zu betonen:

Da fanden sie einen unserer Diener, dem wir unsere Barmherzigkeit zukommen ließen, und den wir Wissen von uns gelehrt hatten.

- Sure 18:65

Jene zuvor beschriebenen drei Formen, über die durch das Herz Einfluss genommen werden kann, davon stehen manchen Menschen alle drei, anderen zwei oder auch nur eine zu. Wer aber über alle drei Fähigkeiten verfügt, schreibt Al-Ghazali, der bewegt sich in den Rängen der Heiligen.

Das Herz ist dazu befähigt, äußeres Einwirken in seinem Innern aufzunehmen und darin in Form besonderer Kräfte zu speichern. Die drei eben beschriebenen Arten erfolgen jedoch in bewusster Form. Doch durch das alltägliche Leben können auch andere Kräfte auf dieses Herz-Bewusstsein Einfluss nehmen. Auf fünf Arten wirken diese auf das Herz ein, in Form der Erscheinungen der Außenwelt. Als solche Sinnes-Ströme strahlen sie in das Herz ein und können von ihm auch gespeichert werden.

Sind diese Einflüsse klar und von Licht erfüllt, so erfolgt das natürlich zum Wohle des Herzens. Die Wirkungen unserer Sinneseindrücke bringen aber auch Eintrübungen mit sich, die sich, allegorisch gesprochen, im Herzen allmählich ansammeln und darin ablagern, wie Schlamm der sich mit der Zeit in einem Wasserbehälter am Boden sammelt. Es scheint darum nur logisch, dass einer, der diese innerlichen Störfaktoren in seinem Herzen beseitigen und sich des darin angesammelten, geistigen Unrats entledigen will, solche äußeren Einflüsse aufstauen muss, damit ihm durch rechtes Denken und Fühlen gelingt diesen Schlamm negativer Gedanken und Emotionen regelrecht aufzurühren und dabei aus seinem Herzen, mit den geläuterten Wassern des Geistes auszuspülen. Ist das aber erfolgt, so können diese Wasser nachströmen, bis sich jene mystischen Herzkammern damit angefüllt haben, worauf man allen weiteren Zustrom stoppt.

Wenn wir zu Anfangs sagten, dass es fünf Kraftströme sind, die auf das Herz Einfluss ausüben, hängen diese natürlich mit den fünf äußeren Sinnen zusammen. Mit ihrer »Strömung« aber werden auch alle möglichen Arten von wertlosem Wissen, unnützen Gedankengängen und Vorurteilen »angespült«, die sich, wie gesagt, über längere Zeit in uns ansammeln, in den Tiefen der Seele (das heißt also, des Herzens) ablagern und jene zuvor erwähnten Fenster (oder »Lichttore«) im Herzen verschmutzen und sie dabei allmählich ganz verkrusten. Wenn Al-Ghazali also von einem »Aufstauen« spricht, meint er damit, sich zuerst aller negativen Sinneseindrücke zu entledigen, sie dann durch positive, wertvolle Eindrücke zu ersetzen, um letztendlich damit die beiden Fenster des Herzens gereinigt zu haben. Dann aber kann sich der Seele ein wahrlich erhellendes Wissen offenbaren, wo sich einem Menschen die Wirklichkeit des Göttlichen enthüllt.

Das Auge erfreut sich an rechten Bildern und seinem Sehen angemessener Figuren. Das Ohr erfreut sich an harmonisch stimmenden Klängen. In gleicher Weise erfreut sich das Herz, da es angewiesen ist auf eine Beschäftigung mit Dingen, die der Aufgabe seines Daseins entsprechen: nämlich alles zu erfahren in seiner Wirklichkeit und Wahrheit. Ein jeder Mensch findet darum großes Gefallen an dem was er weiß, selbst wenn die Sache (in Wirklichkeit) auch nur von geringer Relevanz ist.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Die Quintessenz aller Hochgefühle

Viele von uns suchen nach Antworten auf Lebensfragen im Außen. Mit dem hier Beschriebenen aber scheint es eine mindestens ebenso große, ja wahrscheinlich noch viel größere Welt in unserem Innern zu geben. Und wie es auch in der alltäglichen Welt bestimmte Helfer gibt, so gibt es diese auch in uns. Wie sich aus den hier beschriebenen Wirkungen aus der Welt des Göttlichen ableiten lässt, ereignet sich das Werk dieser Helfer außerhalb unseres Verständnisses von Raum und Zeit. Da sie eben keine physischen, sondern geistige Wesen sind, führen sie dem Herzen eines Gläubigen geistige Kräfte zu, die ihm zur Verwirklichung seiner Selbst auf Erden, ununterbrochen zur Verfügung stehen. Das zumindest versuchte Al-Ghazali dem Leser nahezulegen, in seinem hier vorgestellten Werk: Das Elixier der Glückseligkeit.

Am Ende des ersten Kapitels dieses Buches, fordert er den Lesen dazu auf, sich vor seinem inneren Auge auszumalen, was sinngemäß im Folgenden wiedergegeben werden soll:

Stellen Sie sich vor, dass es da mal einen Diener gab, der ihnen sein ganzes Leben treu ergeben war und auf dessen Hilfe sie keinesfalls verzichten konnten, während er aber jederzeit hätte einen anderen Meister finden können. Wäre er nur einen Tag lang nicht auf ihre Wünsche eingegangen: Wären sie darüber erbost gewesen?

Wenn da aber nun eine höchste, unbegrenzte, geistige Macht (das heißt also Gott) veranlasste, dass ein Teil von ihr, als Seele in einen menschlichen Körper einzog: War es ihr dann wirklich wichtig, genau jenen oder einen anderen Körper, als Bewohner eben jenes mystischen Herzens seiner selbst auszuerkiesen?

Und wenn nein: Wie kann es da sein, dass ein Mensch allein zum Diener seiner körperlichen Leidenschaften wurde und dabei völlig vergaß, wo das ewige, innere und tiefste Wesen seines Selbst seinen Ursprung nahm, das mit dem Ziel in diese Welt kam, sich zu verwirklichen, zum eigenen Behagen, zum Wohl der Anderen und zur Freude seines Schöpfers?


Der menschliche Körper unterscheidet sich, rein biologisch und physiologisch gesehen, grundsätzlich nicht von dem des Tieres. Ja in gewisser Hinsicht steht er manchen Tieren darin sogar nach. Was jedoch seinen Verstand anbelangt, unterscheidet sich der Mensch vom Tier, ist ihm darin überlegen – doch ebenso zur Verantwortung verpflichtet. Wer sich dann aber seines geistigen Herzens bewusst geworden ist, kann jene mit dem Gesagten beschriebene reinste Substanz als vollendeten Verstand aus seiner Geistigkeit herauslösen und die Quintessenz dessen erschaffen, woraus sich jenes geistige Herz im Wesentlichen zusammensetzt. In diesem Vermögen kann jedem Menschen gelingen, dieses Elixier der Glückseligkeit, von dem hier immer wieder die Rede war, auf geistiger Ebene auszudrücken. Wem das gelingt, dem wird der Körper zum lieben Gefährt, worin er sein Herz zu wahrer Gotterkenntnis führen wird.

Die Würde eines Dinges ist abhängig davon, was es an und für sich ist. Wenn ein Mensch sich darum nicht auf seine eigene Körperlichkeit, sein Herz und seine Seele einzufühlen vermag, doch Anspruch auf Gotterkenntnis erhebt, ähnelt er einem Mittellosen, der, obwohl er nichts für sich zu essen hat, dennoch ein Festessen für die Armen der Stadt veranstalten wollte. Kurzum: ein Mensch sollte alles daran geben Gotterkenntnis zu erlangen, da Gotterkenntnis Gottesliebe bedingt.

[…]

Da du, oh Forscher nach den göttlichen Geheimnissen, die Würde und die edle Gesinnung des (mystischen) Herzens kennengelernt hast, wisse auch, dass dir dieses kostbare Juwel in ein Tuch gehüllt anvertraut wurde, damit es nicht in Kontakt mit der Welt (des Alltags) gerate, und damit du es zur Vollendung seinem Ruhepol zuführst, ihn in den Genuss reinen Glücks kommen lässt, in den Palästen der Ewigkeit.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Konya: Die Stadt der Tanzenden Derwische

Konya: Die Stadt der Tanzenden Derwische

Kuppel über dem Mausoleum Rumis in Konya

Mitten im zentral gelegenen Hochland von Anatolien befindet sich auf tausend Metern Höhe die Stadt Konya. Hier lebte im 13. Jahrhundert der große Mystiker und persische Dichter Dschallaledin Rumi. Wer ihn kennt der kennt auch die Drehenden Derwische in ihren weißen Gewändern, mit ihren hohen braunen Filzhüten. Schon lange tanzen sie da in Konya, in dieser Stadt inmitten der größten Steppe der Türkei.

Besucht man Konya mit dem Auto, dem Bus oder dem Zug, fährt man, ganz gleich aus welcher Richtung, eine ganze Weile durchs Nirgendwo, bevor man die Stadt erreicht. Weit und breit, so scheint's, gibt's nichts als trockene Erde, aus der sich, über ganz lang gezogene Hänge, weit gestreckte kahle Hügel erheben. Eine imposante Gegend, deren Böden sich in verschiedenen Farben zeigen.

Ich selbst fuhr mit dem Zug nach Konya. Meine Reise begann früh morgens in Yenice, einer kleinen Stadt in der Nähe von Tarsus. Von dort ging die Fahrt zuerst durch das schöne Taurus-Gebirge, von dem manche glauben, dass dort einst wilde Stiere lebten.

Das Herz der Seidenstraße

Konya ist schon sehr lange ein bedeutender Ort auf der Landkarte. Als sich einst die Karawanen entlang der Seidenstraße durch Anatolien bewegten, rasteten sie in Konya und trieben Handel dort. Im 13. Jahrhundert war es die Hauptstadt des Sultanats der Rum-Seldschuken. Schon sehr viel früher aber war dieser Ort besiedelt, wieso Konya sogar zu den ältesten Städten der Welt zählt. Hier nämlich leben Menschen seit bereits 6000 Jahren.

Das diese Region schon sehr früh bewohnt war zeigt auch das etwa vierzig Kilometer südöstlich der Stadt gelegene Çatalhöyük (gesprochen: »Tschatalhöyük«), jene sogenannte »Hügelgabelung«, in der Ende der 1950er Jahre Prähistoriker eine alte Siedlung aus der Jungsteinzeit entdeckten. Von allen heute durch Archäologen gefundenen Siedlungen, ist Çatalhöyük, mit seinen mehr als 9000 Jahre alten Gebäuderuinen, die älteste Siedlung der Welt. Die religiösen Kulte dieser Menschen reichen damit zurück bis in die Zeit des alten Matriarchats, dass in dieser Region noch Tausende Jahre lang bestehen sollte.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. dann siedelte in dieser Region das indogermanische Volk der Phryger. Ihre zentrale Gottheit war Kybele, die »Magna Mater«, die Große Muttergöttin. Letzte Stadt des alten Reichs der Phryger war Ikonion. Konya aber ist die jüngere Form dieses griechischen Namens.

Der Name Ikonion aber geht zurück auf das alt-griechische Wort »Eikon«, die Ikone. Und eine Ikone ist das Kultbild einer heiligen Person, die in diesem Falle da wohl irgendwo das Haupt der Medusa zeigte. Wer aber war die Medusa?

Vor der olympischen Zeit Alt-Griechenlands, das sich ja einst westlich und östlich der Ägäis befand, verkörperte das wunderschöne Mädchen Medusa die Göttin der Weisheit. Sie aber war auch eine Göttin der Unterwelt und ihr Haupt war den Jüngern des mythischen Dichters Orpheus heilig. Im Vollmond verehrten sie die Medusa, da sich ihm das Licht aus der Unterwelt spiegelt, durch die sich die ja »nächtliche Sonne« bewegt. Medusa aber bewachte das Reich der Gattin des Hades, Persephone, jenen Ort an den sich die Seelen der Verstorbenen, doch auch jener hinbegeben, die vom Tod schon kosten durften, um schließlich als Eingeweihte fortzuleben.

In olympischer Zeit dann aber sollte der griechische Held Perseus das Leben der Medusa beenden, denn ihr Blick war tödlich und wer ihr in die Augen sah, erstarrte zu Stein. Perseus hatte ihr darum »den Spiegel vorgehalten« worin sie sich selbst erblickte und erstarrte. Die olympische Weisheitsgöttin Athene aber beneidete Medusa um ihre Weisheit und jener Spiegel des Perseus war eigentlich das Schutzschild der Athene.

Die psychologische Deutung des Medusa-Mythos ist wohl ein Hinweis darauf, dass die Weisheit über den reinen Intellekt siegt. Sie lässt ihn erschaudern und bringt die Münder der Intellektuellen zum Schweigen. Medusas Blick lässt erstarren, wenn auch nur die Lippen.

Die Weisheit der Sufis und Derwische

Die Hochebene Konyas war immer schon ein Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und der Begegnungen. Ob Menschen aus dem Osten kamen oder aus dem Westen: Wer durch Zentralanatolien reiste, kam auch durch Konya. Manche waren nur Besucher, andere blieben dort. Und das sieht man den Menschen auch heute noch an, denn man begegnet dort einer Vielzahl verschiedener Ethnien und Menschentypen. Manche sind Nachfahren von Griechen, andere haben arabische Vorfahren. Menschen mit blauen Augen trifft man da, wie ebenso welche mit asiatischen Zügen.

Die alten Verwandten der Menschen dieser Stadt scheinen von überall her gekommen zu sein. Unter ihnen war auch jener Derwisch den man den Griechen nannte, auf türkisch »Rum«. Daher sein Name Rumi. In der Türkei ist aber die Rede von »unserem Meister«: Mevlana – einem Menschen der wahrliche Meisterschaft über sein Leben errungen hat, ein Adept, würde man vielleicht auch sagen.

Ursprünglich aber stammte Dschalaladdin Rumi aus dem alten Land von Chorasan, das sich damals weit erstreckte über die Grenzen des heutigen Iran, Afghanistans und Turkmenistans. In Balch, der »Stadt des Goldenen Pferdes«, erblickte der kleine Dschalaladdin im Jahre 1207 das Licht der Welt.

Als er zwölf Jahre alt war musste er mit seinen Eltern fluchtartig Balch verlassen, denn aus dem Osten kamen die gefürchteten Reiterheere Dschingis Khans immer näher. Auf ihrer Reise trafen sie in Nischapur (Stadt im Iran) den Sufi-Heiligen Fariduddin Attar, der schon damals die Größe Rumis erkannte. Attar war der Verfasser eines berühmten Buches mit dem Titel »Das Parlament der Vögel«. Er schildert darin die ungewöhnliche Reise eines Vogelschwarmes, angeführt von einem Wiedehopf. Die Vögel bewegten sich durch die »sieben Täler der Liebe«, auf der Suche nach dem Göttervogel Simourgh.

Für den jungen Dschalaladdin sollte die Begegnung mit Attar von großer Bedeutung sein, der, wenn man so will, ganz und gar das spätere Schaffen des Dichters Rumi inspirieren sollte.

Steppe von Konya - ewigeweisheit.de

Die Steppe von Konya in Zentralanatolien

Auf dieser gefährlichen Reise aber verlor der junge Dschalaladdin seine Mutter und seinen Bruder. Er und sein Vater Bahaudin kamen nach Konya im Jahre 1228. Er sollte dort der Leiter einer großen Schule werden. Später erbte Rumi von ihm diese ehrenhafte Aufgabe.

Im alten Persien waren die Sufis meist große Gelehrte. Möglicherweise bereits vor der Islamisierung bewegten sie sich als Botschafter eines neuen Geisteslebens zwischen den Städten des mittleren Orients, lehrten später an den Universitäten und den Höfen der Herrscher und Sultane. Sie waren Männer und Frauen die von Mund zu Ohr die alten Weisheiten aus Ost und West bewahrten.

Der sonderbare Mann im Secondhand-Laden

Etwa sieben Stunden verbrachte ich im Zug und staunte, wie sich die Ausblicke immer wieder wandelten. Es war eine wahrlich inspirierende Fahrt nach Konya, durch verschiedene Vegetationszonen. Als ich dann am Nachmittag ankam fuhr ich vom Bahnhof mit dem Taxi in mein Hotel in der Altstadt von Konya.

Unzählige sehenswerte Orte gibt es in der Stadt. Den Besuch des Mausoleums Rumis legte ich auf den kommenden Morgen.

Seit Rumis Lebzeiten ist das Mevlana-Museum Konyas, worin sich das Mausoleum Rumis befindet, wie auch die Loge der Mevlevi-Derwische, ein wichtiger islamischer Wallfahrtsort der Türkei. Zu Zeiten des Osmanischen Reichs fügte man diesem Bau darum weitere Gebäude hinzu und setzte ältere in Stand. Den Vorhof zu diesem Bau umsäumen 18 Klausen, worin einst die Derwische des Ordens lebten. In diesen Räumen findet man heute gut illustriert und Beschrieben, wichtige Exponate aus der Frühzeit des Mevlevi-Ordens.

Den gesamten Gebäudekomplex nennt man Tekke (auch: Dargah, »der Rückzugsort«). Hier fanden die Dhikr-Zeremonien der Mevlevi-Derwische statt, wo man gemeinsam im Kreise repetitiv die Heiligen Namen Allahs rezitiert. Der Hauptraum einer Tekke wird darum Dhikrhane oder auch Semahane genannt. In letzterer Beititelung klingt das Wort »Sema« an, das für den typischen Drehtanz der Mevlevi-Derwische steht, in dem sie durch kreisende Bewegungen in Ekstase geraten und dabei, himmlische Segnungen empfangend, diese an die zuschauenden Anwesenden übertragen. Doch das ist die eher oberflächliche Betrachtung dessen, was während dieser Zeremonie sonst noch alles stattfindet.

Ince-Minareli-Medrese - ewigeweisheit.de

Das berühmte Tor der Ince-Minareli-Medrese: Ein Meisterwerk der Steinmetzkunst.

Nachdem ich mir jedenfalls dort in der Tekke der Mevlevis alles angesehen hatte, wollte ich noch zur Ince-Minareli-Medrese, einer alten Schule hinter dem Alaadin-Hügel-Park. Vom Mevlana Mausoleum läuft man dort in etwa zwanzig Minuten hin. Das Portal dieses Gebäudes nämlich gehört zu den schönsten Toren die ich je sehen sollte.

Bevor ich aber dorthin laufen wollte, holte ich mir in einer der Bäckereien noch ein Simit, diese typischen türkischen Hefeteigringe mit Sesam. Den Bäcker aber fragte ich ob man hier in der Nähe auch mal ins Gespräch kommen könne mit einem richtigen Derwisch, in der Hoffnung das er vielleicht selbst einer wäre. Da deutete er in Richtung Selimiye-Moschee. Dahinter befände sich ein Secondhand-Laden, wo ein redseliger Mann gerne über die Derwische erzähle. Einer der Lehrlinge des Bäckers, der mir gerade mein Simit eintütete, warf seinem Meister einen heimlichen Blick zu, so als wüsste der genau, was er mir da in Wirklichkeit gerade empfohlen hatte. Das aber machte mich nur neugieriger.

In einem kleinen Gässchen, nicht all zu weit von dem Mausoleum Rumis entfernt, befand sich ein außergewöhnliches Geschäft mit allerlei kleinen Gegenständen. Jesusstatuen befanden sich dort neben kleinen Buddhas, kleine Koranbüchlein standen in einem alten hölzernen, verglasten Schrank wo man auch Ney-Flöten liegen sah, Rosenkränze in allen Farben und Formen, Bilder Rumis und anderer Sufis und kleine weiße Plastik-Derwische.

Der Mann der dort arbeitete begrüßte mich freundlich als er mich sah und fragte wie er mir weiterhelfen könne.

Als ich ihn auf Sufismus und Esoterik ansprach, schien mir als hätte er nun ein »Opfer« gefunden. Er hielt mir gleich die Hand hin, stellte sich mir vor als Aslan (der türkische Name bedeutet wörtlich: »Löwe«), fragte mich nach meinem Namen und bat mich an einem winzigen, vollgekramten Tisch, mitten zwischen Bücheregalen in der Ecke des Raumes Platz zu nehmen. Um den Tisch standen drei hölzerne Stühle mit bunten Kissen und ein Sessel.

Schon stand da ein Glas mit Tee vor mir. Er warf mir einfach drei Zuckerwürfel rein, nahm seine Ney-Flöte und begann darauf sogleich mit pathetischer Gebärde eine Melodie zu blasen. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber die Situation war mir irgendwie peinlich. Dennoch fragte ich ihn nach seiner kurzen Einlage über die Bedeutung des Instruments. Aslan versicherte mir zuerst, dass er selbst kein Sufi wäre, sich aber trotzdem für Sufismus und Derwischtum interessiere. Dann setzte er sich mir gegenüber, blickte mich mit seinen großen Kulleraugen an und erzählte weiter:

Die Rohrflöte ist wie ein Mensch.

Dann machte er eine etwas längere Pause, wahrscheinlich um den Moment abzupassen bis ich stutzig wurde. Dann setzte er an zu seinem eigentlichen Vortrag:

Nur der Mensch wurde in Gottes Angesicht geschaffen. Gott gab dem Menschen eine Seele, damit er etwas von ihm habe, das gleich mit ihm ist. Damit hat der Mensch etwas, das nicht von dieser Welt ist, jedoch übernatürlich und göttlich.

Diese Geistseele formt das wahre Selbst eines Menschen. Doch sie kam in diese Welt aus anderen Welten, jenseits allen irdischen Daseins.

Nun senkte Aslan seine Stimme und neigte sich etwas zu mir vor, so als ob er wolle dass ich ihn besser verstehen kann:

Manche sagen die Seelen käme vom Stern Sirius auf die Erde, zumindest wird so etwas Ähnliches in der 53. Koran-Sure »Der Stern« angedeutet. Und jene Seele bekleidet sich dann mit der Erscheinung eines menschlichen Körpers.

Tekke der Mevlevi-Derwische mit dem Mausoleum Rumis - ewigeweisheit.de

Moschee und Tekke der Bruderschaft der Mevlevi-Derwische in Konya. Über dem Mausoleum Rumis erhebt sich die türkisfarben gekachelte Kuppel - heutiges Wahrzeichen der Stadt Konya.

Danach setzte er sich in seinen mit Wolldecken eingemummelten Sessel, lehnte sich zurück und nahm sein kleines Glas Tee in die Hand führte es bedächtig an seine Lippen, blies kurz darüber, um dann einen Schluck daraus zu nehmen. Er schaute mich dabei an, so als erwartete er von mir eine Frage.

Ich fragte mich, ob er das jetzt nur mir erzählte oder ob er bereits so eine Art Programm einstudiert hatte. Dennoch aber fand ich interessant was er da sprach, war es doch etwas worüber ich auch schon las.

Doch da sich diese Geistseele auf der Erde eigentlich an einem fremden Ort aufhält, sehnt sie sich nach ihrer wahren Heimat

meinte Aslan und fügte mit besonderer Betonung hinzu, dass ein Mensch, der noch nicht aus seinem Alltagsschlaf erwacht sei, sich noch mit seinem Körper identifiziere und darum der manifesten Welt um ihn herum anhafte.

Wenn sich nun aber so einer danach sehnt weltliche Güter zu besitzen, eine besondere Stellung in der Gesellschaft zu haben, Ansehen, Ruhm und Macht zu genießen, wird er dennoch eines Tages merken, dass das wonach er sich sehnt nichts Weltliches kompensieren kann. Dann aber beginnt ihn das Geistselbst so fest zu umschlingen, dass er unweigerlich zu jammern beginnt. Und für diese Traurigkeit steht bei den Mevlana-Derwischen der wimmernde Klang der Rohrflöte.

Aslan lehnte sich wieder zurück, griff nach seiner Rohrflöte und spielte mir darauf noch eine dieser durch und durch melancholischen Melodien vor.

Dann erzählte er mir, dass das Schneiden der Röhrichts aus dem Schilfmeer dem gleiche, was mit der Seele passiert, wenn sie ihren eigentlichen Ursprung im Meer des Göttlichen verlässt.

Denn so wie das Schilfbett die Heimat für das Rohr der Flöte bildet, so ist der Himmel die Heimat der menschlichen Seele.

Wenn nun der Derwisch auf der Ney-Flöte spielt, kommt das dabei zum Ausdruck. Das Innere des Rohrs ist eigentlich leer. Nur der Atem der dort hindurchgeht, da hineingeblasen wird, lässt den so charakteristischen Klang der Rohrflöte erklingen und erwckt sie damit quasi zum Leben. Und während man an der einen Öffnung der Rohrflöte die hauchende Klage vernehmen kann, bildet die andere Öffnung das Mundstück an den Lippen des Flötenspielers. Wäre dieser aber ein Sufi der eingeweiht ist in das Mysterium von Leben und Sterben, der wüsste um den Grund dieser Trennung der Seele aus dem Göttlichen und fände damit auch den Weg zur Rückkehr in seine wahre Heimat. Spielte so einer auf der Ney, so ertönte daraus wohl der Klang Gottes.

Aslan blickte mich mit seinen leuchtenden Augen eindringlich an, womit er mich etwas verunsicherte. Doch dann stand er auf und hob den Zeigefinger, um anzudeuten dass er da etwas habe, was Rumi dazu schrieb. Aus Mitten eines riesigen Stapels Papier zog er ein einzelnes Blatt, von dem er mir aus einem Gedicht Rumis vorlas.

Hör auf der Flöte Rohr – wie es erzählt, und wie es klagt
Vom Trennungsschmerz gequält:
Seit man mich aus der Heimat Röhricht schnitt,
Weint alle Welt bei meinen Tönen mit.

Ich suche ein Herz, vom Trennungsleid zerschlagen,
Um von der Trennung Leiden ihm zu sagen.
Sehnt doch nach dem in Einheit Lebensglück
Wer fern vom Ursprung, immer sich zurück.

Ich klagt’ vor jeder Gruppe in der Welt,
Ward Guten bald und Schlechten bald gesellt.
Ein jeder dünkte sich mein Freund zu sein,
Sucht mein Geheimnis nicht im Herzen mein.

Und doch, so fern ist’s meiner Klage nicht,
Dem Ohr und Auge fehlet nur das Licht.
So sind auch Leib und Geist einander klar.
Doch welchem Auge stellt der Geist sich dar?

- Aus dem Lied der Rohrflöte von Dschalaleddin Rumi (die hier verwendete Übersetzung aber stammt von Annemarie Schimmel)

Symbole von Leben und Sterben

Alles was die Derwische in ihrem besonderen Ritus tun, sagte Aslan, sei genau strukturiert. Jeder Teil ihrer Kleidung, der Gewänder und der besondere Filzhut ist alles von esoterischer Bedeutung. Es sind Symbole für das menschliche Sterben – für aber ein Sterben vor dem eigentlichen Sterben!

Natürlich liegt in den Bewegungen der Mevlevi-Derwische ein tieferes Geheimnis. Die nach oben geöffnete Hand empfängt die himmlischen Einflüsse und die nach unten weisende, sendet diese Segnungen an die Anwesenden. Der schwarze Umhang aber ist das Leichentuch des Ego, der Filzhut ist sein Grabstein.

In dieser Symbolik erkennt einer unweigerlich den initiatorischen Charakter der den Ritus der Mevlevi-Derwische unter allen Sufi-Orden einzigartig macht.

Das Dervishane-Tor - ewigeweisheit.de

Das Dervishane-Tor: Eingang der Mevlevi-Sufis in ihre Tekke.

War Goethe ein Derwisch?

Abends las ich noch über islamische Mystik im Internet und fand dabei zu Johann Wolfgang von Goethe. In seiner wohl umfangreichsten Gedichtsammlung, dem »West-Östlichen Diwan«, dichtete Goethe aus Perspektive eines Muslim. In einigen der darin enthaltenen Verse spricht er etwas an, worauf auch die Symbolik im Ritus der Mevlevi-Derwische hindeutet, nämlich auf das Leben und Sterben eines jeden von uns:

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Goethes hierin zitierte »Stirb und werde!« spielt wohl auch darauf an, was der Prophet Mohammed (as) in einer ihm zugesprochenen Überlieferung einst sagte: »Stirb bevor du stirbst«.

Einweihung in die Mysterien hat nichts mit dem Verraten von Geheimnissen zu tun, wie viele meinen. Es ist stattdessen die Vorwegnahme der Todeserfahrung. Wenn Goethe schreibt »Bist Du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde«, meint er damit all jene, die wie in geistiger Umnachtung sich Tag für Tag durchs Dunkel ihrer Unwissenheit schleppen, so als würden sie wachend schlafen und sich allein von den Triebkräften ihres Egos gesteuert durch die Welt bewegen.

»Komm nach Konya, wer immer du bist«

In Rumis Weisheit, aus der wir in seinen Schriften erfahren, darunter das Mathnawi und der Diwan-e-Schams, geht es immer wieder darum das Ego zu überwinden. Es ist ein Kampf den jeder Mensch nicht im Außen sondern in sich austragen muss, ein Kampf gegen das Böse im Herzen der eigenen Seele.

Nur in der Überwindung des Ich, kann einer, so Rumi, in seinem Herzen Göttlichkeit erblühen lassen. Wem damit gelingt die eigene Seele zum Sterben zu bringen, bevor er stirbt, der wird die höchste Stufe eines Liebenden erlangen. Und das ist wofür der Mensch eigentlich erschaffen wurde.

Es gilt die Schwächen eines auf das Diesseits gerichtete Dasein zu überwinden. Wem das gelingt, der wird die Menschen in seinem Umfeld selbstverständlich so nehmen wie sie sind und einer sein den man liebt für seine Liebe.

All jene die zum ersten Mal nach Konya kommen, und dabei noch unvollständig sind, so Rumi, verlassen die Stadt um dabei vollständig zu werden, ganz gleich was ihnen auch immer gefehlt haben mag. Ich muss sagen, dass das auf mich wirklich zutraf. Denn nach dieser Zeit hatte sich etwas in meinem Leben ganz grundsätzlich verändert.

Die Drehenden Derwische in Konya - ewigeweisheit.de

Die Drehenden Derwische in Konya

Auch wenn das »nur« ein Zufall war, bin ich dennoch dankbar für diese Wende in meinem Leben, auch wenn ich noch immer daran arbeite. Veränderung ist eben mit Aufwand verbunden und manchmal auch mit Schmerz. Was man da braucht ist Geduld – viel Geduld.

Das Rumi aber erst einmal selbst diesen Weg gehen musste, darauf kommt man schnell wenn man sich mit seinem Werk befasst. Besonders die abrupte Trennung von seinem so sehr geliebten Lehrer Schemseddin stürzte Rumi in eine tiefe Krise. Was er durch die Überwindung dessen aber vollbringen sollte, das ist was uns bis heute so wertvoll erhalten geblieben ist. Kein Wunder wenn Rumi zum Beispiel bis heute der meist zitierte Poet in den Vereinigten Staaten ist.

Rumis Liebe war universal und galt Jedem, ganz gleich woher er stammte. Drum kamen zu seiner Beerdigung Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, jeglicher kulturellen Herkunft oder Religion. Darunter waren Sultane, Emire, doch ebenso ungebildete Menschen. Auch Rabbiner kamen, Imame und Christen-Priester, Heiden und die Gelehrten der großen Medressen (Schulen). Darum wohl finden sich in Rumis Mausoleum diese so oft zitierten Verse:

Komm, komm, wer immer du bist,
Wanderer, Götzenanbeter,
du, der du den Abschied liebst,
es spielt keine Rolle.

Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.
Komm, auch wenn du deinen Schwur
tausendfach gebrochen hast.
Komm, komm, noch einmal, komm!

 

Der Dhikr der Sufis: Auf dem Weg zum Licht Allahs

von S. Levent Oezkan

Tesbih - ewigeweisheit.de

Dhikr ist die zentrale Praxis der Sufi-Derwische. Damit beabsichtigen sie ihr Herz von allen Versehrungen zu reinigen. Ihr Wunsch ist Raum zu schaffen, für die Liebe Allahs und ein Bewusstsein seiner universalen Größe. Der Dhikr, so die Sufis, bringt Frieden und Erfüllung - für einen selbst, wie auch für andere.

Im Dhikr praktizieren die Sufis, neben den fünf täglichen Pflichtgebeten, diese spezielle Form des Gebets. Nicht aber nur zu bestimmten Zeiten, sondern ununterbrochen. Der Gläubige führt im Schweigen ununterbrochen diese Form des stillen Gebets aus. Das ist in etwa mit dem Herz-Jesu-Gebet in der christlichen Tradition vergleichbar. 

Seiner arabischen Bedeutung nach, bedeutet das Wort Dhikr (arab. ذكر, auch "Zikr") "Gottgedenken" (Dhikr Allah). Damit ist die meditative Vergegenwärtigung Allahs gemeint. Wie jedoch dieses Gottgedenken ausgeübt wird, darin unterscheiden sich die verschiedenen sufischen Orden (Tariqas).

Unter den Sufis, die Dhikr praktizieren, gibt es manche die mehr Wert auf einen stillen Dhikr legen – eine Form stiller, meditativer Rezitation heiliger Worte und Verse. Anderen Sufi-Orden ist insbesondere der gemeinschaftliche, laute Dhikr wichtig, der je nach Schulrichtung, wahrhaft ekstatische Züge annehmen kann. Darum auch bedeutet Dhikr, vollkommene Hingabe an Allah.

Dhikr ist eine Empfehlung aus dem Koran, worauf folgende Verse hinweisen:

Siehe, das Gebet hält vom Schändlichen und Verwerflichen ab. Doch das Gedenken (Dhikr) Gottes ist wahrlich bedeutender.

- Sure 29:45

O die ihr glaubt, gedenkt Allahs in häufigem Gedenken (Dhikr) und preist Ihn morgens und abends.

– Sure 33:41f

Über den wachsamen Atem

Meist wird der Dhikr in Harmonie mit der Atembewegung praktiziert. Der Sufi-Schüler beginnt dabei zumeist mit der Formel "Allah Hu" ألله هو - "Allah, Er ist". Mit jedem Einatmen im Geiste wird der Name "Allah" gesprochen – mit jedem Ausatmen das Wort "Hu". Dabei wird, mit jedem Atemzug, das Herz mit göttlicher Energie erfüllt.

Der Ort des so ausgeführten Dhikr liegt aber nicht in den Atemorgan an sich, sondern im Herzen. Immer wird der Dhikr im Herzen ausgeführt. Es gibt dafür einen Grund: gemäß der Sufi-Lehren, geht vom Herzen die größte Wärme im Körper aus. Und nur im Herzen können göttliche Lichterscheinungen empfangen werden.

Darum sollte der Suchende schnell und energisch atmen, um ausreichende Wärme im Herzen und im Blutkreislauf zu erzeugen, um das Blut zu erwärmen, damit es "zu leuchten beginnt".

Im freien Atmen befördert man den Namen "Allah" ins Innere des Herzens und bringt die selbe Bedeutung, in transformierter Form, wieder nach Außen, im Aussprechen des Namens "Hu". Um das sogenannte Herzensdhikr auszuführen, vollziehen die Sufis diese heftige Stoßatmung, die sie verbinden mit Körperbewegungen und geistiger Konzentration. Grundvoraussetzung für einen wirksamen Dhikr, ist die rhythmische Ausführung oben beschriebener Praxis.

Die mentale Konzentration auf das Herz, eine Rezitiation der heiligen Worte, Atmung und Körperbewegung, muss im Dhikr synchron ausgeführt werden. Es nützt nichts, den Namen oder die Atmung gleichzeitig auszuführen, während der Geist umherwandert, sich in Erinnerungen und Sorgen verstrickt.

Der Dhikr als Ergänzung zum islamischen Pflichtgebet

In der spirituellen Praxis der Derwische, die den Dhikr entweder laut gesprochen oder still im Herzen ausführen, können alle möglichen Formen von Segnungen empfangen werden. Dabei rezitiert der Sufi Verse der Suren, Heilige Namen oder andere im Islam relevante Verse (wie etwa das islamische Glaubensbekenntnis).

Ein Detail ist hier besonders interessant, da ja Sprache und Herz im selben Zusammenhang genannt werden: Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), sind die Zungenspitze, als jener Körperteil der Wörter zu Sprache formt, und das menschliche Herz, über einen gemeinsamen Meridian verbunden.

Zweck des Dhikr

Die Sufis glauben, dass wir, als spirituelle Wesen, von Dschinnen umgeben sind: das sind feinstoffliche Lebensformen, die uns zwar sehen, wir sie aber nicht direkt wahrnehmen können. Sie aber verfügen über Kräfte, die am Menschen gewissermaßen zerren und ihn ständig von seinem Weg abbringen wollen. Das hat natürlich auch einen konstruktiven Aspekt, wenn sich jemand diesen Kräften widersetzt und damit quasi eine Art spirituelles Krafttraining ausübt. Für die Sufis besteht diese Übung zum einen durch ihre fromme Ausübung der fünf täglichen Pflichtgebete, die in der restlichen Zeit des Tages, durch einen andauernden Dhikr ergänzt werden. Sie erinnern sich damit also ständig an die göttliche Wahrheit, von der der Mensch, nach sufischer Auffassung, ja ein Teil ist.

Je mehr sich nun der Sufi an Allah erinnert, je mehr kommt er in den Genuss göttlichen Segens. Hierher verweisen folgende Suren des Heiligen Koran:

O ihr Gläubigen, lasset euch durch euer Vermögen und eure Kinder nicht vom Gedenken an Allah abhalten. Und wer das tut, der gehört zu den Verlierenden.

- Sure 63:9

Diejenigen, die überzeugt sind und deren Herzen befriedigt werden im Gedenken an Allah. Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.

- Sure 13:28

[…] Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen – ihnen allen wird Allah vergeben, für sie hat er großartigen Lohn bereitet.

- Sure 33:35

Allah hat die schönste Botschaft, ein Buch, herabgesandt, eine sich gleichartig wiederholende Schrift, vor der denen, die ihren Herrn fürchten, die Haut erschauert; dann erweicht sich ihre Haut und ihr Herz zum Gedenken Allahs. […]

- Sure 39:23

[…] Allahs zu gedenken, ist gewiß das Höchste. Und Allah weiß, was ihr begeht. […]

- Sure 29:45

Bei alle dem aber muss betont werden, dass das rituelle Gebet im Islam (Salaat), sowie das Lesen der Koransuren, aber dem Dhikr übergeordnet bleibt.

Trotzdem ist es für einen wahren Sufi von großer Bedeutung den Dhikr auszuüben – sprechend in der Gruppe oder allein, sowie schweigend im Herzen. Keineswegs aber versucht der Islam den Gläubigen zu spiritueller Praxis (Gebet, Dhikr) zu zwingen, noch Anderes, Weltliches wegen der Ausübung zu unterlassen oder zu meiden.

Eher soll die Nähe zu Gott erzielt werden, um damit das Licht Allahs zu empfangen – durch Rezitation und Herzensgebet – auch dann, wenn der Sufi mit alltäglichen Aufgaben beschäftigt ist.

Ein wahrer Sufi wird den Dhikr immer ausüben, unter allen gegebenen Umständen. Ganz gleich, was er gerade tut: während er sich um seine Familie, seine Verwandten kümmert, während er arbeitet oder während er mit anderen Menschen Handel treibt. Er führt in seinem Herzen, ein ständiges Kreisen der heiligen Namen und Verse aus und handelt aus diesem spirituellen Zentrum heraus, um in der Außenwelt Gutes zu vollbringen.

Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages, liegen wahre Zeichen für jene die verständig sind, die Allahs gedenken im Stehen und im Sitzen und auf ihren Seiten und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: 'Unser Herr, Du hast dieses nicht umsonst erschaffen. Gepriesen seist Du, darum hüte uns vor der Strafe des Feuers.'

- Sure 3:190f

In einer alt-islamischen Überlieferung heißt es hierzu:

Der Prophet Mohammed (as) sprach einst zu Ibn Umar, einem seiner Gefährten: 'Wenn ihr an den Paradiesgärten vorrüberschreitet, nutzt diese Gelegenheit.' Da fragte Ibn Umar: 'Was sind die Paradiesgärten, oh Gesandter Allahs?', worauf der Prophet Mohammed (as) antwortete: 'Die Versammlungen des Dhikr (eine Gruppe Frommer, die den Dhikr ausüben). Es gibt himmlische Engel, die nach diesen Versammlungen des Dhikr suchen. Sobald sie solch eine Gruppe finden, lassen sie sich dort nieder, um diese Versammlung zu umsäumen.'

- Aus dem Fiqh Us-Sunnah des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Sufi Dhikr – ewigeweisheit.de

Dhikr ägyptischer Sufis in einem Gemälde des englischen Künstlers Robert Talbot Kelly (1861-1934).

Der heilige Satz "La ilaha illa Allah"

Einer der zentralen Gebetsformeln des Dhikr, ist der erste Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses: "La ilaha illa Allah" - "Es gibt keine Gott außer Allah". In den gesammelten Aussprüchen des Propheten Mohammed (as), den sogenannten "Hadithen", heißt es dazu:

Die beste Form sich an Allah zu erinnern, besteht in der Rezitation des Satzes 'La ilaha illa Allah.'

- Aus einem Hadith des Isa At-Tirmidhi (825–892)

Daher das Wort Dhikr: die Erinnerung an Gott. In einem anderen Hadith heißt es, dass der Prophet Mohammed (as), einst zu seinen Gefährten sprach:

'Erneuert euern Glauben', worauf sie fragten: 'Wie können wir unseren Glauben erneuern?' Darauf antwortete er 'sagt immer wieder La ilaha illa Allah.'

- Aus dem Fiqh us-Sunnah, des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Man könnte darum durchaus sagen, dass man den Dhikr garnicht oft genug ausüben kann. Mohammed (as) sprach dazu in einem anderen Hadith:

Die Stunde (das Jüngste Gericht) wird erst eintreten, wenn keiner mehr 'Allah, Allah' sagen wird.

- Aus der Hadith-Sammlung des Muslim Ibn Al-Hadschadsch (Sahih Muslim)

Politur des Herzens

Für die Sufis ist Gott im menschlichen Herzen gegenwärtig. Der Dhikr aber ist das Mittel, sich diese göttliche Anwesenheit bewusst zu machen. Jenes Herz, von dem hier die Rede ist, ist etwas, dass sich über das organische Herz hinaus erstreckt. Es ist ein spirituelles Organ, dass aber im Dhikr, tatsächlich auf das physische Herz des Praktizierenden zurückwirkt; er kann es spüren.

In diesem spirituellen Herzen nun, sehen die Sufis einen metaphorischen Spiegel, der ihm erlaubt über das göttliche Geheimnis zu reflektieren.

Jeder Mensch verfügt über dieses spirituelle Herz, diesen geheimnisvollen Spiegel. Doch mit der Zeit setzt sich darauf eine, bisweilen starke Schmutzschicht ab. Es sind jene verdunkelnden Gefühle, wie Zorn, Eifersucht, Neid und übermäßiges Verlangen, die die Oberfläche dieses spirituellen Spiegels verdunkeln. Der Dhikr aber dient als Politur, mit deren Hilfe seiner Oberfläche wieder Glanz verliehen wird, damit sich darin die göttliche Vollkommenheit widerspiegeln und den Sufi, von innen heraus, erleuchten kann.

 

هو

 

Der Heilige Name "Hu".

Vom Gottgedenken der Sufis

Der persische Sufi Nedschmettin Al-Kubra (gest. 1221) spricht von einem Feuer, dass entfacht wird, durch das im Dhikr erfolgende Gottgedenken. In seinen Flammen verbrennt alles Dunkle. Was Al-Kubra damit meinte, war aber keineswegs nur sinnbildlich gemeint: wenn dieses Feuer in ein Haus eindringe, so vernehme man "Ich, und kein anderer" (entsprechend dem islamischen Glaubensbekenntnis). Die Flammen aber verzehrten alles dort befindliche Brennholz.

Was aber ist mit dem Feuer, dass, laut muslimischen Glaubens, in der Hölle lodert? Die Sufis sehen darin ein schwelendes, dunkles und langsam loderndes Feuer. Das Feuer aber, dass der Dhikr entfacht, steigt auf und ist rein, hell und schnell lodernd.

Drei Stufen der Versenkung

Al-Kubra nun, unterscheidet drei Stufen der Meditation. Darin kann der Sufi allerdings nicht nur positive Erfahrungen machen, sondern gar an der Todesgrenze schlittern. Aber an genau jenem "letalen Grat", macht ein Mensch die Erfahrung, die man in den Traditionen in Ost und West als "Einweihung" bezeichnet (Buchtipp).

  1. Die Meditation über das Daseins: Al-Kubra beschreibt diese Erfahrung wie die eines Fürsten, der auf einem Feldzug in ein Land eindringt. Dabei hört der Sufi verschiedene Klänge: Posaunen und Pauken erklängen, worauf das Rauschen von Wasser und Wind wahrnommen würden. Was er dabei jedoch erfährt ist äußert heftig: sein Körper kann beginnen zu schmerzen und es bestehe sogar die Gefahr, dass seine Seele den Körper verlässt, die "silberne Schnur" durchreißt und er dabei stirbt.
  2. Die Meditation, die das Herz berührt: in dieser Stufe fällt der Sufi, in seinem Gottgedenken, quasi in sein Herz hinein. Dabei stößt er in eine Stufe der Wahrnehmung hervor, die in einzigartige Visionen erleben lässt.
  3. Die Meditation über das Geheimnis: hier spricht Al-Kubra vom Hineinfallen des Gottgedenkens ins Geheimnis. Damit entschwindet dem Sufi sein aktives Bewusstsein und er geht vollkommen auf, in eben diesem Gottgedenken. Ab dieser Stufe bleibt jenes Gottgedenken beim Sufi – schwirrt in ihm, sozusagen als stille, automatische, lebendige Rezitation.

Formen des Dhikr

Grundsätzlich kann der Dhikr auf drei unterschiedliche Formen ausgeführt werden: praktisch, verbal und still. Damit versucht der Sufi sich in seinem Handeln und Denken, kontinuierlich dem Gedenken an Gott hinzugeben.

Praktischer Dhikr

Den sogenannten "Dhikr-e-Faily", den praktischen Dhikr, führt der Sufi aus in seinem gehorsamen Handeln. Dies umfasst:

  • die göttlichen Gebote im Islam: Das tägliche Gebet, das Fasten zu Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch), die Pflicht Almosen zu geben (Zakat) und im Sinne seiner Mitmenschen, karitativ zu handeln - und
  • die Sitten, Bräuche, Werte und Normen seines Landes einzuhalten und entsprechend der Sunnah (Bräuche) des Propheten Mohammed (as) zu essen, zu trinken, sich zu bewegen, zu sprechen und sich zu kleiden.

Mündlicher Dhikr

Zentraler Gottesname im Dhikr ist das Wort "Allah", auch im lauten, mündlichen Dhikr. Doch auch die Anrufung eines seiner 99 anderen Namen ist üblich (siehe Asma Al-Husna).

Außerdem meditieren die Sufis im lauten Dhikr über folgende Formeln:

  • Subhan Allah سبحان الله – Allah ist erhaben,
  • Al-Hamdulillah الحمد لله – Lobet Allah,
  • Allahu Akbar الله أكبر – Allah ist der Größte,
  • Ya Allah يا ألله – Oh Allah,
  • Ya Hu يا هو – Oh Er,
  • Ya Hayy يا حي – Oh Lebendiger,
  • La ilaha illa llah لا اله الا الله – Es gibt keinen Gott außer Allah, dass dann auch durch den zweiten Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses ergänzt wird,
  • Muhammadun rasul ullah محمد رسول الله – Mohammed ist der Gesandte Gottes,
  • Estaghfirullah أستغفرالله‎ – Ich bitte Gott um Vergebung.

Die Anzahl der Wiederholungen der Namen beläuft sich normalerweise auf 11 oder 33. Um diese Anzahl genau abzuzählen, verwendet man die islamische Gebetskette (Tasbih) mit 11, 33 oder auch 99 Perlen, die je in Gruppen von 11 unterteilt sind. Diese Anzahlen gelten auch für den stillen Dhikr.

Der laute Dhikr ist mit einer stoßweisen Ausatmung verbunden. Häufig wechseln dabei die Neigungungen des Kopfes und Oberkörpers zur Seite. Im Stehen wird diese Bewegung durch ein rhythmisches Bewegen der Beine unterstützt, wobei sich der Oberkörper leicht auf und ab bewegt.

Stiller Dhikr

Ziel des stillen Dhikr, ist das, was Al-Kubra als die dritte Stufe des Gottgedenkens bezeichnet: der Sufi strebt an, seine(n) Namen immerwährend zu wiederholen. Auch inmitten aller anderen weltlichen Aktivitäten, fährt er damit in seinem Herzen fort und aus dem Herzen heraus, erfolgt sein Gottgedenken. Die heiligen Silben die er dabei im Herzen rezitiert, entsprechen jenen des lauten Dhikr (siehe oben) und können auch mit den 99 Namen Allahs ausgeführt werden.

Spirituelle Praxis in den verschiedenen Sufi-Orden

Generell lässt sich sagen, dass den Sufi-Weg vier Elemente bestimmen:

  1. Die Einhaltung der Schariah, dem islamischen Gesetz,
  2. die Beachtung der Sunnah, der islamischen Gebräuche,
  3. der Dhikr, das Gedenken an Allah und
  4. ein besonderer Ehrencodex der Liebe.

Da nun aber die verschiedenen Sufi-Schulen (Tariqas) ihre eigenen Formen des Dhikr ausüben, führen eben so viele Wege zu Gott, auf denen sich die Muriden (Sufi-Schüler) bewegen.

Bei den berühmtesten Sufi-Orden, wie der Qadiriyya, Chistiyya und Sohrawardiyya, beginnt der Murid mit dem lauten, mündlichen Dhikr, den er später in den Herzens-Dhikr (Qalbi Dhikr) transformiert und dabei veredelt. Der Orden der Naqshbandiyya allerdings, führt den Muriden direkt zum Herzens-Dhikr.

Vom Segen des Dhikr

Von jeder guten Tat geht ein Segen aus. Und der guten Taten sind viele! Die Sufis aber sagen, dass das Beste, dass ein Murid ausführen kann, der Dhikr ist. Riesig sind die Segnungen die durch die Praxis des Dhikr gewonnen werden können. Wer diese Form der sufischen Meditationspraxis täglich übt, den umgeben bald Gelassenheit und Frieden.

Wer mit der Dhikr-Praxis anfängt, sollte sein Denken auf ein bestimmtes Ziel ausrichten. Welches Ziel das ist, sei jedem selbst überlassen, solange es zum Guten hinstrebt.

Der Dhikr an sich aber, hat eigentlich nur ein wahres Ziel: das Schauen göttlichen Lichts, dass aus dem eigenen, innersten Seelenbrunnen, in schillernsten smaragdgrünen Lichtern hervorstrahlt. Wer dieses erhabene Ziel erreicht hat, der kann sich wahrlich als Erleuchteten bezeichnen. Es ist ein langer Weg dorthin, teils beschwerlich – doch allemal lohnend – für den Sufi selbst, wie für jene, die ihn umgeben. Inshallah (Wenn Allah will)!

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