Einweihung

Das indianische Medizinrad: Symbol der Unversehrtheit

von S. Levent Oezkan

Medizinrad - ewigeweisheit.de

Die Symbolelemente des Medizinrades verbinden die essentiellen Wesensmerkmale von Himmel, Mensch und Erde. Aus den vielschichtigen Bedeutungen dieses heiligen Zeichens, lassen sich die Einflüsse der Himmelsbewegungen ebenso ablesen, wie auch die Effekte ganzheitlicher Heilweisen. So beschreibt das Medizinrad, als Symbol indianischer Religion, die Eigenarten der Stammesrituale und der Lebensführung eines jeden Menschen.

Die makrokosmische Bedeutung dieses Symbols, stellt das religiöse Wesen menschlichen Zusammenlebens dar, im Einklang mit der Natur, Erde und Himmel. In seiner mikrokosmischen Bedeutung, erklärt es die Harmonie der Lebensaspekte im Individuum.

Das Wort "Medizin" im Namen aber, erstreckt sich über einen weiteren Bedeutungshorizont, als wofür wir es in unserer Sprache verwenden. Im Medizinrad nämlich verbirgt sich ein tiefgehendes System, dass im Kontext innerer Spiritualität gesehen werden muss. Das heißt, es hilft nicht allein dem Menschen bei Heilungsvorgängen, sondern führt jemanden zu erleuchtenden Erkenntnissen und Erfahrungen.

Im Folgenden wollen wir uns zuerst mit den äußeren, himmlisch-irdischen Aspekten des Medizinrades befassen, wie später dann mit den in ihm symbolisierten, inneren, menschlichen Aspekten.

Awwakkulé: Die magischen Menschen des Kleinen Volkes

Zu Ehren des Sonnengottes, begingen die amerikanischen Ureinwohner ihre Jahresfeste. Im Mittsommer fand der heilige Sonnentanz statt, an dem neue Initianden in die Geheimnisse der Medizinrades eingeweiht wurden. Das Wissen zur Durchführung dieser Initiationsriten aber, erhielten die Medizinmänner und Häuptlinge von sagenhaften Menschenwesen: den Awwakkulé. So nennt man in der Sprache der Crow, das geheimnisvolle "Kleine Volk". In verschiedenen mündlichen Traditionen werden sie als elfenartige, zwergwüchsige Menschen beschrieben.

Lange bevor die europäischen Invasoren auf den amerikanischen Kontinent kamen, erzählten sich die Arapaho, die Lakota-Sioux, die Cheyenne und die Crow, Legenden von diesem sagenhaften Kleinen Volk. Sie, so heißt es, waren Heiler mit magischen Fähigkeiten, die über eine besondere Medizin verfügten.

Zwergenmumie von San Pedro

Die Zwergmumie von San Pedro: Einst Magierin der Awwakkulé?

Begegnungen mit den Geistzwergen

Ist die Legende von den Awwakkulé aber nichts als nur ein indianisches Märchen?
Archäologische Funde weisen anscheinend auf das Gegenteil hin: 1932 stießen Goldgräber, auf eine sehr gut erhaltene, etwa 40 cm große Mumie einer Frau, die einst Mitglied dieses sagenhaften Volkes war. Man fand den kunstvoll mumifizierten Körper in einer Höhle, in den Bergen von San Pedro, im amerikanischen Bundesstaat Wyoming.

Jenen außergewöhnlichen Menschen, begegneten Anfang des 19. Jhd. aber auch Forscher einer Expedition. Auf ihrer Reise in den Westen der heutigen USA, im Jahre 1804, trafen die Offiziere Meriwether Lewis und William Clark, Angehörige des Kleinen Volkes in der Nähe eines heiligen Ortes: dem Medizinberg. Wie Lewis in seinem Tagebuch vermerkte, waren die Menschen etwa 45 cm groß, trugen riesige Köpfe auf kurzen Hälsen. Ihre kleinen Körper hatten runde Bäuche, doch ihre Arme und Beine waren außergewöhnlich muskulös. Daher die Redewendung der Crow, jemand sei "stark wie ein Zwerg".

Diese eigenartigen Zwerge beobachteten die Eindringlinge sehr genau, waren jene doch auf dem Weg, in eigentlich ihr Territorium, worin sich der heilige Medizinberg befindet. Jeden aber der sich diesem heiligen Ort zu nähern versuchte, töteten sie mit giftigem Pfeil. Das klingt recht märchenhaft, scheint aber weit mehr als eine Legende zu sein. Lewis vermerkte in seinem Tagebuch nämlich, dass die Angehörigen der Stämme der Omaha, Otoe und Lakota-Sioux, das Kleine Volk aus Angst mieden und sich überhaupt nicht erst in die Region des Medizinberges bewegten. So erzählt etwa eine Lakota-Sioux-Legende, wie einst hunderte Krieger wegen des Kleinen Volkes ihr Leben verloren, als sie versuchten sich dem Berg-Heiligtum zu nähern.

In den Volkssagen der Crow sind die Angehörigen des Kleinen Volkes, Menschen mit magischen Heilfähigkeiten. Jedes Jahr brachten darum die Crow, dem Kleinen Volk Opfergaben dar, um sie milde zu stimmen. Man wusste nämlich, dass die Menschen des Kleinen Volkes, Segnungen auf einen Günstling der Crow übertragen und ihn in die Gesetze der spirituellen Welt einweihen konnten. Darum also begaben sich Stammesmitglieder der Crow dennoch in dieses Gebiet, wo sich ein steinernes Medizinrad befindet.

In den Höhlen unterhalb dieses Medizinrades, sollen schon seit mehr als 10.000 Jahren die Angehörigen des magischen Kleinen Volkes gelebt haben. Ihre unterirdische Wohnstatt war angeblich über einen Steinhaufen im Innern des Medizinrades zugänglich.

Vom geheimnisvollen Sinn der indianischen Steinkreise

Einer der ältesten Medizinrad-Steinkreise, befindet sich im kanadischen Majorville und ist archäologischer Schätzungen nach, mehr als 5.000 Jahre alt.
Wie bei diesem befinden sich im Zentrum aller anderen Medizinräder, aufgehäufte Felsbrocken. Diesen Mittelpunkt des Medizinrades umringen Steinkreise, die strahlenförmige Steinlegungen mit dem Zentrum verbinden.

Die alten Medizinräder wurden jedoch immer wieder nachkorrigiert, verschiebt sich der Punkt der Frühlingstagundnachtgleiche doch alle 72 Jahre um 1°. Das heißt, die horizontale Position des Sonnenaufgangs rückt ganz allmählich immer weiter nach Westen.

Auf Grundlage dieser und anderer astronomischer Fakten, erforschte man die Himmelsausrichtungen einiger Medizinräder Kanadas und der USA. Dabei fand man, dass der innere Steinhaufen, der Ausrichtung des Betrachters diente, über dem er den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende beobachten konnte. Die Speichen der Medizinräder halfen dem Betrachter dann, kurz vor Sonnenaufgang, bestimmte Sterne am Horizont zu sehen. Sie waren, wie wir im Folgenden sehen werden, wichtig für die Bestimmung sakral günstiger Zeitpunkte.

Astrotheologische Bedeutung des Medizinrades

Ein verblüffendes Detail liefert das Medizinrad von Bighorn, im amerikanischen Bundesstaat Wyoming. Dieses, wohl aus dem 13. Jhd. stammende Steinmonument, befindet sich nahe eines 3.000 m hohen Gipfels.

Gemäß indianischer Tradition begaben und begeben sich auch heute noch, die Stammesangehörigen zum Medizinberg, um an diesem heiligen Ort zu beten, Visionen zu empfangen und so mit ihren Ahnengeistern Verbindung aufzunehmen. Der Steinhaufen in der Mitte des Medizinrades, diente auch als Opferplatz. So lag dort auch der Totenschädel eines Büffels, in Richtung des Sonnenaufganges.

Medizinrad – ewigeweisheit.de

Alte Fotografie des Medizinrades

Wegen seiner Höhenlage, ist das Bighorn-Medizinrad nur in der Sommerzeit, um die Jahresmitte zugänglich. Das sind die windstillsten Monate mit den längsten Sonnenstunden. Den Rest des Jahres bedecken das Medizinrad Eis und Schnee. Dann ist dieser Ort unzugänglich.

In der warmen Phase des Jahres, konnte man dort, kurz vor Sonnenaufgang, bestimmte Sterne am Horizont aufgehen sehen. Die Ausrichtung der Linien des Medizinrades deuteten damals auf die Positionen von vier Sternen: Formalhaut, Aldebaran, Rigel und Sirius – vier der hellsten Sterne am Himmel.

Was wollten die alten Medizinmänner daran ablesen?

Genau 28 Tage vor der Sommersonnenwende, ereignete sich der heliakische Aufgang des Sternes Formalhaut (den Aufgang eines Sterns nennt man heliakisch, wenn er am Horizont erscheint, kurz bevor er vom Licht des Sonnenaufgangs überstrahlt wird). Sein morgendliches Aufleuchten war ein wichtiges, astronomisches Zeitmaß, denn wenn nach dieser 28-tägigen Periode, kurz vor Sonennaufgang, dann der Stern Aldebaran am Morgenhimmel, über dem Horizont flimmerte, wusste man: in Kürze findet die Sommersonnenwende statt.

Weitere Himmelsmarker waren dann, wiederum 28 Tage später, der heliakische Aufgang des Rigel und weitere 28 Tage später, das heliakische Erscheinen des Hundssterns Sirius. Entsprechend dieser Perioden, die also jeweils 28 Tage dauern, etwa einen lunaren Monat, erbaute man das Bighorn-Medizinrad mit seinen 28 Speichen. Diese Zeitabschnitte von jeweils 28 Tagen, markierten einen sakralen Zeitpunkt, der für die Riten der Crow von Bedeutung war: das Fest des Sonnentanzes.

Skizze des Medizinrades – ewigeweisheit.de

Skizze der Positionen des Medizinrades:
A = Aufgangspunkt Aldebaran, B = Aufgangspunkt Rigel, C = Aufgangspunkt Sirius, D = Aufgangspunkt Formalhaut, E = Standpunkt des Beobachters des Sonnenaufgangs zur Sommersonnenwende, F = Beobachtungspunkt der heliakischen Aufgänge der vier Sterne, G = Zentrum des Steinkreises

Der Sonnentanz

Kehren wir noch einmal zurück zu den sagenhaften Awwakkulé. Sie spielten im Glauben der Crow, eine ganz zentrale Rolle. Von ihnen bekamen sie das spirituelle System, dass hinter der Sonnentanz-Zeremonie steht. Und dieser sakrale Tanz, so die indianischen Weisen der Crow, gehört zu den ältesten Zeremonien der Menschheit.

Um den Sonnentanz zu feiern, baute man die sogenannten Sonnenzelte, deren Runddach 28 strahlenförmige Zeltbalken zusammenhielten – ebenso wie die 28 Steinstrahlen des Medizinrades. In dessen Mitte befand sich die zentrale Zeltstütze. Hieran banden sich die Teilnehmer fest. Dieser Stamm in der Mitt des Zeltes war ein Symbol für die Weltachse, über die die Erde mit der Welt des Himmlisch-Göttlichen verbunden ist. Die 28 strahlenförmigen Dachbalken, standen für den Zyklus von Licht und Finsternis, wie ihn der Mond reflektiert. Auch sind sie ein Abbild des heiligen Büffels, dessen Brust 28 Rippen zusammenhalten. Der Büffel bedeutete den Indianer in alter Zeit sehr viel. Er gab Nahrung und Kleidung, man stellte aus seinem Gerippe Werkzeuge und Geräte her. Aus Dankbarkeit dafür verehrte man die Seelen dieser heiligen Tiere, als Geistwesen, da sie den Indianern alles gaben, was sie zum Überleben benötigten.

Heilige Rituale im Sonnenzelt

Die Sonnenzelte nun, baute man zu Ehren der Awwakkulé. Eines der Ratsmitglieder des Sonnentanzes, war selbst Mitglied der sagenhaften Awwakkulé, durch das den Teilnehmern die Visionen und geistigen Einsichten übertragen wurden. Auch wer als bester Tänzer auserkoren wurde, oblag dem Ratsmitglied der Awwakkulé.

Diese Zeremonie aber wurde vor allem zur Sommersonnenwende gefeiert und dauerte 28 Tage lang, die man mit vier sehr intensiven Tagen des Rituals beschloss. Die darin ausgeführten Zeremonien ähnelten auch jenen anderer Stämme und waren begleitet von Tänzen, Gesängen und Trommelmusik. Man betete, meditierte und fastete.

Manche der Teilnehmer empfingen Visionen in das Geheimnis des Todes. Jene Initiationserfahrung aber war nur den Anwärtern der Krieger vorbehalten. Für die anderen Mitglieder bestand die Sonnentanz-Zeremonie überwiegend aus Gebeten, die man für sich oder einen Verwandten ausübte. Auf anderer Ebene, diente das Sonnentanzfest vor Allem der Sippe und der Erde.

Im Glauben der Crow hoffte man durch den Sonnentanz, regenerierende Himmelskräfte auf die Erde zu führen und damit das irdische Treiben, jedes Jahr zur Sommersonnenwende neu zu beleben – war das doch die Phase, in dem die Tage des Jahres wieder kürzer wurden und die Mächte des Todes wieder Einzug in das Leben von Mensch und Natur nehmen.

Indianischer Sonnentanz – ewigeweisheit.de

Indianischer Sonnentanz: ein wichtiger Bestandteil der Tradition des Medizinrades.

Eine äußerst schmerzhafte Einweihungszeremonie

Im Sonnentanz trafen die Stammesangehörigen zusammen, um ihren Glauben zu festigen. Der Sonnentanz hatte also eine spirituelle und auch soziale Bedeutung. Traditionell waren es Männer, die am Sonnentanz teilnahmen. Durch die besonderen Rituale des Sonnentanzes erkannten sie die Wesensbeschaffenheit des Universums und des Übernatürlichen.

Man erbrachte Opfer, teils durch besonders schmerzhafte Selbstkasteiungen, um sich dabei an die Todesgrenze zu führen. In einer so gesteigerten Trance, empfingen die Tänzer besondere Visionen, woraus sie Antworten auf ihre Lebensfragen erhielten. Sie durchstachen dazu ihre Haut an verschiedenen Stellen, durchzogen sie mit Schnüren und ließen sich daran aufhängen. Ziel dieser absichtlich herbeigeführten Schmerzerfahrung, war, das Leid der Frauen während der Geburt zu erleben. Man wollte so das Geheimnis des Blutes und des Schmerzes ergründen, ohne Krieg führen zu müssen.

Medizinrad der Lakota – ewigeweisheit.de

Das Medizinrad der Lakota-Sioux.

Das Medizinrad der Lakota-Sioux

Dieses Medizinrad bildet ein Kreis, der ein Kreuz umringt. Grundlegend stellt dieses Symbol den Erdkreis und die vier Himmelsrichtungen dar: Osten, Norden, Westen und Süden. Zwar stehen sich die Himmelsrichtungen gegenüber, wodurch sich das innere Kreuz bildet, doch seine Enden sind dennoch miteinander verbunden; dafür steht der äußere Kreis. Das also sind die vier Dimensionen des Medizinrades.

Würde man dieses Medizinrad horizontal legen, wiese der Kreuzungspunkte der Ost-West- und der Nord-Süd-Linien, nach oben und nach unten: die fünfte und sechste Dimension. Jene Kreuzung aber ist das Zentrum und bildet damit eine siebte Dimension. Das Medizinrad repräsentiert die Dimensionen, deren harmonisches Zusammenwirken sowohl Lebenszyklen, als auch die menschliche Gesundheit begünstigen:

  • Die vier Himmelsrichtungen,

  • das himmlische Prinzip des Vaters,

  • das irdische Prinzip der Mutter und

  • der Zauberbaum, als Symbol des Weltenpols.

Heilung mit dem Medizinrad: spirituell, psychisch, körperlich, emotional

Im Folgenden nun, wollen wir uns mit den vier ersten Dimensionen des Medizinrades befassen. Ihnen teilte man die vier Farben Gelb, Weiß, Schwarz und Rot zu. Sie stehen für die vier alten Kontinente in der Welt, die einst den Urkontinent Atlantis umgaben und heute bekannt sind unter den Namen Asien, Europa, Afrika und Amerika. Wäre die Welt heute vollkommenen, strebten die Menschen dieser Kontinente danach, sich miteinander zu verbinden. Unglücklicherweise, scheint das gegenwärtig jedoch nur schwer möglich zu sein.

Die Medizinmänner der Lakota-Sioux sagen, dass wir aus den vier Himmelsrichtungen heilige Gaben des großen Geistes (Gott) bekommen - in Form der vier Elemente Feuer, Wind, Wasser und Erde. Da nun jede dieser Himmelsachsen durch den Erdkreis miteinander verbunden sind, führen Ungleichgewichte im Süden (zum Beispiel Abholzung der Regenwälder, Störung des Erdelements) zu Ungleichgewichten im Norden (wie durch Stürme, sich als Störung des Windelements auswirkend). Und was sich im Großen abspielt, ähnelt auch dem, was im Leben eines Menschen vor sich geht: wer unter Depressionen leidet (Süden), dessen Denken (Norden) ist verwirrt.

Anmerkung:
Weiter unten im Text befindet sich eine Tabelle. Darin finden Sie die Zuordnungen der vier Himmelsrichtungen zu verschiedener Ebenen des Medizinrades. Wenn nun hinter einem Begriff oder Konzept, in Klammern eine Himmelsrichtung steht, soll Ihnen dass dabei helfen, in der Zuordnungstabelle Entsprechungen zu finden.

Das Wort Medizin im Namen dieses Symbols, steht für das menschliche Sein. Aus dem Osten strömt dem Menschen seine spirituelle Fähigkeit zu, aus dem Norden sein Intellekt, aus dem West seine Körperlichkeit und aus dem Süden seine Emotionen.

Kommt es zu einem Ungleichgewicht im Medizinrad, wird ein Mensch krank. Bei den Lakota-Sioux helfen die Medizinmänner, diese Disharmonien auszugleichen und beherrschen die große Fähigkeit, alle vier Aspekte im Gesamtzusammenhang zu betrachten und Menschen zu helfen wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Sie "entfernen" keine Krankheiten, wie es in der modernen Medizin der Fall ist, sondern helfen dem Betroffenen, seinen Symptomen entsprechend, sich aus sich selbst heraus zu heilen. So spielt der Kranke seine eigene Rolle im Heilungsprozess.

Noch immer versucht die moderne Medizin, diese verschiedenen Dimensionen menschlichen Daseins, voneinander zu trennen. Der Mensch aber steht eigentlich im Zentrum des Medizinrades und ist für die Wirkungen, die ihm aus den vier Himmelsrichtungen zuströmen, selbst verantwortlich. Dennoch glauben die meisten, dass sich andere um diese göttlichen Gaben kümmern müssen. Sie brauchen dann einen Priester oder Guru, der ihnen ihre Spiritualität (Osten) liefern soll. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht durch einen spirituellen Lehrer schneller ans Ziel kämen, als alleine. Eher soll auf die Passivität vieler Menschen hingewiesen werden, die vollkommen von ihrer spirituellen Kraftquelle abgeschnitten sind und auch nicht glauben, dass Spiritualität zuerst in ihnen selbst empfunden werden kann.
Für psychische Probleme (Norden) ist ein Therapeut wichtig. Natürlich kann er einem helfen, die eigenen Probleme selbst zu lösen. Was aber die westliche Medizin, zumindest mir vermittelt, ist, dass man zu jemandem geht, der einem ein Problem entfernt. Aus diesem Grund wird in der Chirurgie auch viel operiert und herausgeschnitten. Es scheint einfach an Zeit zu fehlen, die Ursachen der Unausgewogenheiten im individuellen Medizinrad zu erkennen. Wem das aber gelingt, kann Mangelerscheinungen durch die eigenen Stärken harmonisieren und ins Gleichgewicht zu bringen. Voraussetzung dafür aber ist die Kenntnis der eigenen Stärken. Heutzutage sind die meisten Menschen jedoch mit allem anderen beschäftigt, haben sich und ihr innerstes Wesen aber anscheinend vergessen.

Wer körperliche Beschwerden hat (Westen) geht einfach zu einem Arzt, der einem zum Beispiel etwas gibt, dass man einnimmt – ein Mittel aus dem Außen, dass das innere Problem beseitigen muss.
Man sollte aber vorsichtig sein, einfach nur die Schulmedizin als negativ abzustempeln, was in der alternativen Heilerszene viel zu häufig geschieht. Chirurgie und Allopathie einfach zu verteufeln, ist sicherlich ein falscher Weg. Denn beide gehören zum physischen Aspekt (Westen) des Medizinrades und erfüllen durchaus ihren Sinn.

Es sind eben alle vier Aspekte des Medizinrades untereinander verbunden und weisen ganz deutlich auf das oben angedeutete Problem: die meisten Menschen fühlen sich als Opfer äußerer Umstände, da sie nicht mehr über die zeitlichen, mentalen oder emotionalen Kapazitäten verfügen, um in sich, nach den Ursachen ihrer Probleme zu suchen.
Denn auch was unsere Emotionen angeht (Süden), dafür scheinen die meisten Menschen, am liebsten ihre Freunde und Familienangehörigen verantwortlich zu machen. Steht man dann nicht vollkommen unter der Kontrolle seiner Außenwelt?

So bleibt jemand unfähig alle vier Aspekte seines Daseins zu kontrollieren. Wie auch sollte er etwas in Griff bekommen, hat er doch für jeden Aspekt andere Menschen, die sich darum kümmern. Wer aber lernt, sich selbst im Zentrum seines individuellen Medizinrades zu sehen, kontrolliert diese vier Aspekte von innen heraus und wirt dabei gleichzeitig auch positiv auf seine Umwelt.

Wer den Glauben verloren hat, findet ihn wieder im Gebet. Wer nervös, verwirrt oder ängstlich ist, dem wird Meditation helfen. Einen kranken Körper und emotionale Probleme können Pflanzen heilen.

Das Medizinrad und die Kreisläufe des Lebens

Viele von uns haben bereits die Erfahrung gemacht, dass sich geistig-nervliche Belastungen (Norden) negativ auf unser körperliches Befinden (Westen) auswirken, während körperliche Beschwerden auf die Dauer emotionale Depressionen (Süden) begünstigen (zum Beispiel bei Übergewicht). Doch wenn ein Mensch weiß, dass die vier Aspekte seines Daseins alle miteinander verbunden sind, kann er sich selbst helfen und mit einem dieser Aspekte, der am stärksten ausgeprägt ist, zur Harmonisierung der anderen Aspekte beitragen. Somit könnte eine spirituelle Ausrichtung (Osten) zur Harmonisierung des intellektuellen, emotionalen und körperlichen Wohlbefindens beitragen. Das diese Annahme berechtigt ist, zeigt uns etwa die Tatsache, dass Menschen, die sehr krank sind oder im Krankenhaus liegen, sich plötzlich öffnen und nach Rat eines Priesters suchen.

Alle vier Aspekte des Medizinrades sind also miteinander verbunden und wirken aufeinander.

Unsere Werte (Osten) sind der Maßstab für unsere Entscheidungen (Norden). Sie wiederum realisieren wir in unseren Handlungen (Westen), die uns zu bestimmten Reaktionen (Süden) bringen, woraus unsere Emotionen entstehen. Diese wiederum bestätigen oder erübrigen die Bedeutung unserer Werte (Osten). Damit schließt sich der Kreis und beginnt von Neuem. Verwenden wir also die Qualitäten, die uns aus den vier Himmelsrichtungen zuströmen auf diese, kreisläufige Weise, können wir jeder Zeit damit beginnen, unser Leben zu verändern und auch zu etwas Besserem zu führen.

Es scheint also, als wurzelte alles was wir tun, in unserer Spiritualität – dem was im Medizinrad dem Ort der aufgehenden Sonne entspricht: dem Osten. Alle Entscheidungen (Norden) die wir treffen, unsere Handlungen (Westen) und Reaktionen (Süden), entspringen unserem Wertesystem (Osten) – sei es religiös oder säkular, traditionell oder modern. Genau darum sprechen die Stammesältesten der Lakota-Sioux, von der Heiligkeit unseres Lebens und der eigentlichen Spiritualität, der all unsere Handlungen zu Grunde liegen. Sie sagen, dass wir auf unsere Gefühle hören sollten, stets unserer Werte bewusst. Damit stärken wir unsere Fähigkeit, richtige Entscheidungen zu treffen und ihnen gemäß, rechtschaffen zu handeln. So werden wir in uns selbst und in unserer Umwelt Harmonie vorfinden und zum Wohle allen Lebens beitragen.

  Rot Weiß Gelb Schwarz
Richtung Süden Norden Osten Westen
Kontinent Amerika Europa Asien Afrika
Tageszeit Mittag Mitternacht Morgen Abend
Jahreszeit Sommer Winter Frühling Herbst
Lebenszeit Jugend Alter Geburt Tod
Elemente Erde Wind Feuer Wasser
Krafttier Wolf Bison Adler Bär
Kraftpflanze Mariengras Zeder Tabak Salbei
Symbole Herz Geist Seele Leib
Empfinden Emotional Intellektuell Spirituell Körperlich
Verhalten Reaktionen Entscheidungen Werte Aktionen
Handlung Geben Empfangen Bestimmen Halten
Typus Lehrer Krieger Seher Heiler
Tugend Großzügigkeit Tapferkeit Weisheit Seelenstärke

Die mündliche Geheim-Tradition

Wir hatten uns im Verlauf dieses Textes nun mit den Wissensaspekten beschäftigt, die über das Medizinrad bekannt sind. Das magische Bild, dass die Symbolik des Medizinrades auf makrokosmischer, wie auf mikrokosmischer Ebene projiziert, zeigt ganz deutlich seinen universalen Sinngehalt. Sicher aber finden sich in den mündlichen Traditionen der noch heute lebenden Indianer, viele weitere Aspekte dieses heiligen Symbols, die für uns aber leider verborgen bleiben und vielleicht nur den Eingeweihten von Mund zu Ohr übermittelt werden.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass solch verborgenes Wissen ganz und gar nicht kompliziert sein muss, wie vielleicht manche glauben mögen. Naheliegend erscheint mir deshalb, dass es in einer mündlichen Tradition, um die Vollendung des hier vorgestellten Systems gehen könnte.

Wir sprachen ja über die verschiedenen Ebenen, die sich nach vier Himmelsrichtungen hin ausbreiten (siehe Tabelle). Was sich jedoch ausbreitet, hat einen Ursprung und bildet die Mitte. Sie ist die fünfte Himmelsrichtung im Medizinrad. Es ist eine polare Größe in der Welt: die kosmische Senkrechte. Sie durchstrahlt die unveränderlichen Wesensmittelpunkte von Himmel, Mensch und Erde. Auf der Erde repräsentiert sie die Polachse, um die sich unser Heimatplanet ununterbrochen dreht. Von der Himmelsmitte aus, erstrahlt das Licht ihres astralen Repräsentanten, ausgehend vom Hauptstern der himmlischen Konstellation des Kleinen Bären: Polaris.

Und so wie diese kosmische Senkrechte, als Weltachse Himmel und Erde durchragt, berührt ihr Strahl auch das Herz des Menschen. Dieses große Geheimnis erfahrend, wünscht sich der Initiand sein Leben mit den zyklischen Gesetzen dieser kosmischen Größen in Einklang zu bringen. Damit symbolisiert das Medizinrad den Weg des Herzens, auf dem einer zum ursprünglichen, wahren Menschsein zurückfinden kann.

Die besondere Struktur des Medizinrades ist, wie wir sehen konnten, universal, denn seit jeher verwendeten es die indianischen Weisen als Bestimmungsmittel für sakrale Zeitpunkte, Orte und Begebenheiten – zum Heil der Erde und der auf ihr lebenden Menschen. Daher vielleicht die Aussage mancher indianischer Weiser, dass das Medizinrad durch den Sonnengott vom Himmel auf die Erde kam. Schließlich bilden sich seine Symbolelemente (Kreuz, Pol und Kreis) ja genau dem kosmischen Tanz von Sonne und Erde entsprechend.

Wie wir sehen konnten, ist das Medizinrad ein universales Symbol zur Harmonisierung der Natur, eines Volkes und seiner Menschen. Seit bereits über 10.000 Jahren wird das Symbol darum zu diesen Zwecken verwendet. Wer also den Anweisungen folgt, die sich aus seiner Symbolik ablesen lassen, wird dazu befähigt, sein Leben zu Harmonie und Gleichgewicht zu führen.

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Christliche Ostern: Ein Planetarisches Einweihungsmysterium

von Johan von Kirschner

The Baptism of Christ, 1803 - William Blake - ewigeweisheit.de

Jesus und Christus sind nicht der Selbe. Jesus ist der Name eines Menschen, der sich über unzählige Inkarnationen zu einem körperlichen Gefäß entwickelte, um durch die Taufe den kosmischen Christus aufzunehmen - drei Jahre lang.

Mit der Geburt Jesu senkte sich der Geist Gottes in das Fleisch - Gott wurde Form. Und da Gott zeitlos, Materie aber vergänglich ist, muss Gott auf der Erde sterben, um sich auf ihr zu Verkörpern. Und er muss im Körper sterben, um in der himmlisch, ewigen Einheit wieder geboren zu werden. Das ist das christliche Mysterium.
Auf den Menschen übetragen: das Ich leiht sich das Licht des Selbst, so wie Gott Jesu das Christuslicht für die Dauer seines Wirkens verlieh. Das Ostermysterium signalisiert die Befreiung Gottes aus der Gefangenschaft der weltlichen Formen.

Mit dem Auftreten Jesu Christi wurde den Menschen gezeigt, wie sie sich durch die Welt der Formen bewegen sollen, damit, im christlichen Sinne, der Geist sich dereinst vom leidenden Körper befreien kann. Es geht ums Verlassen der Welt der Gegensätze, denn das Reich des göttlichen Geistes "[...] ist nicht von dieser Welt" (Johannes 18:36).
Weltflucht ist was anderes. Es geht um die absolute Hingabe an das "was ist". Das Erleben des Abstiegs in den tiefsten und dunkelsten Punkt, die bedrückende Enge der Schwierigkeiten im Leben: daran reift der Mensch.

Die Karwoche

Die sieben Tage der Karwoche und die Stationen des Leidensweges Jesu zeigen uns einen Mysterienweg. Seit jeher ist die Sieben eine Zahl der Einweihung. Sieben Stufen musste der Initiant im iranischen Mithraskult durchlaufen und bewegte sich dabei durch die sieben Sphären der Planeten.

Mit den sieben Tagen der Karwoche wird ein siebenfach gegliederter Einweihungsweg gegeben: von der Huldigung der körperlichen Erscheinung Jesu zu Palmsonntag, bis zu seiner Grablegung am Karsamstag. Zweimal Sieben (14) Stationen des Kreuzweges (Via Dolorosa) am Karfreitag, "sieben Worte" des Jesu am Kreuz. Wie wir im Folgenden sehen werden, ist die Sieben auch die esoterische Zahl des Freitags.

Karwoche und Chaldäische Reihe

Die Umlaufzeiten der Planeten sind unterschiedlich: von der Erde aus beobachtet, braucht der Saturn am längsten, ihm folgen Jupiter, dann Mars, Sonne, Venus, Merkur und am schnellsten ist der Mond (zwischen dem 1. Jtsd v. Chr. bis zum 2. Jhd. n. Chr. zählten auch Sonne und Mond zu den Planeten). Die Chaldäer zeichneten gemäß dieser Reihenfolge die Planeten um einen Siebenstern. Jeder Planet herrscht über eine Stunde des Tages. Gemäß chaldäischer Zählung beginnt die erste Stunde des Tages mit Sonnenuntergang (was im Übrigen auch im Judentum gilt):

  1. Stunde: Saturn
  2. Stunde: Jupiter
  3. Stunde: Mars
  4. Stunde: Sonne
  5. Stunde: Venus
  6. Stunde: Merkur
  7. Stunde: Mond

Mit der 8. Stunde wiederholt sich die Reihung wieder mit Saturn. Setzen wir diese Wiederholungen fort, sind wir nach 24 Stunden bei Mars und nach 25 Stunden, also der 1. Stunde des neuen Tages, bei der Sonne. Darum ist dann ein Sonnen-Tag: Sonntag. Wieder 24 Stunden später herrscht der Mond. Dann ist also Mond-Tag: Montag. Der Planet der über die erste Stunde herrscht, gibt dem Tag seinen Namen.
Aus dieser Planetenreihe ergeben sich die Namen der Wochentage, da die Planeten ja auch Namen römischer Götter sind:

  • Saturn: Samstag (engl. "Saturday")
  • Sonne: Sonntag
  • Mond: Montag
  • Mars: Dienstag (nord. Gottheit "Ziu" oder "Die", deshalb engl. "Tuesday", franz. "Mardi")
  • Merkur: Mittwoch (franz. "Mercredi")
  • Jupiter: Donnerstag (germ. "Donar", "Thor" im engl. "Thursday", franz. "Jeudi")
  • Venus: Freitag (germ. "Freya", franz. "Vendredi")

Jedem der Planeten ordneten die alten Chaldäer außerdem eine Zahl und ein magisches Siegel bei:

Grund dass die Zählung nicht mit Eins oder mit Zwei beginnt, ist, dass sich mit diesen Zahlen kein magisches Quadrat bilden lässt. Man verwendete solche magischen Siegel synonym für die damit zusammenhängenden Planetenmächte (im Folgenden entsprechen die Zahlen ihren magischen Planetenkräften).

Die Chaldäische Reihe - ewigeweisheit.de

Die Chaldäische Reihe - 7 klassische Planeten, den Wochentagen entsprechend. Die Pfeile auf den Sternlinien deuten auf den jeweils folgenden Wochentag.

Sonntag

Am ersten Tag der jüdischen Woche, dem Palmsonntag, kehrt Jesus auf einem Esel reitend nach Jerusalem ein. Jesus wird von der Menge wie ein König bejubelt. Doch wer hier bejubelt wird ist Jesus, nicht Christus. Es geht um den Leib, das Ich - nicht um das Selbst. Das Ich aber ist sterblich, während das Selbst unsterblich bleibt. Wieso sollte man also dem Körper huldigen, der doch nur ein Abglanz dieses wahren Selbst ist?
Wenn Jesus auf einem Esel reitet, ist das ein Symbol der Seele die sich im Körper sitzend über die Erde bewegt. Der Heilige Franziskus von Assisi nannte seinen Körper "Bruder Esel". Jesus ist jetzt noch nicht der wahre König - erst eine Woche später zu Ostersonntag, wenn er ins himmlische Jerusalem einkehrt.
Nicht also durch die Huldigung der Materie und des Körpers, wird der Mensch ins Licht erhoben, sondern durch die Absage an die Verhaftungen mit der Welt.

Montag

Am Montag fand die Tempelreinigung statt. Jesus warf die Stände der römischen Steuereinnehmer, Geldwechsler und Händler um. Sie standen im Tempelvorhof, wo sich einst die Heiligtümer der Juden befunden hatten. Für die Juden war das ein Kompromiss. Sie wollten verhindern dass im Allerheiligsten des Tempels, an Stelle der Bundeslade, ein Cäsar-Standbild errichtet wurde.
Jesus trat diesem Kompromiss trotzdem entgegen. Er machte durch die Tempelreinigung bewusst, das zwei Götter, JHVH und Cäsar, nicht "unter dem selben Dach" wohnen könnten. Darum zerschlug er gewaltsam die Stände im Vorhof und zwang die Juden damit zur Entscheidung. Durch den gewaltsamen Akt der Tempelreinigung, sorgten sich die Pharisäer um ihr Allerheiligstes. Sie hatten Angst, die Römer könnten den Tempel nun ganz übernehmen. Darum klagten sie Jesus als Tempelschänder an.

Der Tag der Tempelreinigung war also ein Montag - ein Mond-Tag. Als Träger des Sonnenlichts, symbolisiert der Mond die an die materiellen Formen gebundenen, himmlischen Geisteskräfte. Sobald sich das Licht nach Vollmond von ihm löst, verschwindet der Mond allmählich am Himmel - so wie nach einiger Zeit auch der Körper von der Erde verschwindet, wenn ihn das Seelenlicht verlassen hat.
Daher wird das Osterdatum anhand des ersten Frühlingsvollmonds ermittelt. Es ist der Zeitpunkt des Vollmonds zwischen Frühlingsanfang (21. März des gregorianischen Kalenders) und dem darauf folgenden Sonntag.

Am Karfreitag verlässt das Christuslicht den Leib Jesu, der Mond nimmt ab und verdunkelt sich, bis drei Tage später, am Ostermontag (Montag = Mond) Jesu Auferstehung gefeiert wird.

Dienstag

Am dritten Tag, dem Dienstag, der ja dem kriegerischen Mars zugeordnet ist, wird Jesus in kämpferische Streitgespräche verwickelt. Hier spricht Jesus seinen neunmaligen Wehruf gegen die Pharisäer aus, und behauptet, dass Jerusalem dem Untergang geweiht sei. Dies sollte sich mit dem Jüdischen Krieg im Jahr 70 n. Chr. bewahrheiten. Jerusalem war damals also eine dem Untergang geweihte Stadt.

Mittwoch

Der vierte Tag der Karwoche war ein Mittwoch, dem Merkur zugeordnet. Merkur war der römische Götterbote (entsprechend seinem griechischen Pendant "Hermes"). Als Bote steht gewissermaßen auch der Mittwoch zwischen den beiden Hälften der Karwoche. Die erste Hälfte der Karwoche ist "laut" und aktiv nach außen gerichtet. Die zweite Hälfte ist viel leiser. In den drei folgenden Tagen nimmt die Bedeutung der inneren, stilleren Vorgänge zu: das Abendmahl im geschlossenen Kreis (Gründonnerstag), das einsame Sterben Jesu am Kreuz (Karfreitag) und seine Grablegung (Karsamstag).

Donnerstag

Am Gründonnerstag, dem fünften Tag der Karwoche, kommt das Jupiter-Prinzip zur Entfaltung. Die Farbe Grün steht für die Erneuerung des alten Brauchs des Pessachfests. Das Urmuster des Segens über Brot und Wein wird erneut beim heiligen Abendmahl ausgeübt.
Pessach ist den Juden heilig. Man zieht sich in den Kreis der Familie zurück. Niemand darf das Haus verlassen, da ihm sonst des Nachts der Würgeengel (wie im 11. Kapitel des Exodus) begegnet. Jesus und seine Jünger begingen das Fest in einem Haus des Essenerordens auf dem Zionsberg (siehe Buch: Die Bruderschaft der Essener). Es ist ein heiliger Ort, denn hier brachte einst der Sonneneingeweihte und Priesterkönig Melchisedek dem Abraham Brot und Wein (Genesis 14:18-20 ). Darum nennt man Jesus Christus einen Hohenpriester nach der Ordnung des Melchisedek (Hebräer 5:6,10). Das Mahl mit Brot und Wein ist ein Brauch der die Zeiten durchlebt hat und beibehalten wurde. Mit der Einsetzung des letzten Abendmahls erneuerte und erhöhte Christus aber dieses Opfer von Brot und Wein.

Das Brot der Einsegnung, dass von der Kirche als Hostie übernommen wurde, wird aus zusammengebackenem Mehl hergestellt. Und dieses Mehl entsteht aus dem Getreide, dass die Sonne durch ihr Licht und ihre Wärme auf die Erde fallen und so die Pflanze wachsen lässt. Wenn sich unser Körper durch die in der Sonne gewachsenen Pflanzen ernährt, ist er also aus Sonnenlicht gemacht. Das Licht des Sonneneingeweihten Jesus ist in der geweihten Brot (und in der Hostie) lebendig.
Jesus nahm dieses Brot, teilte es und reichte es seinen Jüngern mit den Worten:

Und indem sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des neuen Testamentes, das für viele vergossen wird.

- Markus 14:22-24

Nachdem Judas vom Brot aß, verließ er die Runde und ging um Jesus zu verraten! Auch Jesus verließ wenig später mit seinen Jüngern das Haus. Sie nahmen den selben Weg ins Tal, auf dem einst Melchisedek Brot und Wein hinuntertrug. Am Fuße des Berges, im Garten Gethsemane, wurde Jesus von einem Dämon heimgesucht, der ihn versuchte zu töten. Ihm widerstehend trat blutiger Schweiß aus seiner Haut.

Freitag

In der Nacht zu Karfreitag, dem sechsten, der Venus zugeordneten Tag der Woche, gingen Jesus und seine Jünger hinaus zum Bach Kidron, an dem sich ein Garten befand. Dorthin war in der Morgendämmerung Judas mit einem Trupp bewaffneter Männer gekommen, um ihn festzunehmen und vor die Hohepriester zu bringen. Hier beginnt der Leidensweg Christi - die Via Dolorosa mit ihren 14 Stationen.

Station 1: Jesus wird zum Tode verurteilt

Die Sterblichkeit unseres menschlichen Körpers.

Beim Aufgehen der Sonne kam er vor Pontius Pilatus. Da dieser keine Schuld an Jesus fand, ließ er ihn zu Herodes bringen. Herodes hatte viel von Jesus gehört und wollte diesen Wundermann schon immer mal kennen lernen. Als Jesus vor ihm aber nur schwieg, verspottete ihn Herodes und so kam er zurück zu Pilatus. Der verweigerte sich den Pharisäern ein Todesurteil gegen Jesus zu vollstrecken, erreichte aber nichts. Stattdessen schwoll der Tumult der Pharisäer zu einem lauten Geschrei an. Sie forderten die Kreuzigung Jesu.

Da aber Pilatus sah, dass er nichts schaffte, sondern dass ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu!

- Matthäus 27:24

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Station 1 - Jesus wird zum Tode verurteilt.

Station 2: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Der Künstler nimmt das tote Holz und formt daraus ein Bildnis der Liebe. Liebe überwindet den Tod.

Soldaten brachten Jesus ins Gerichtshaus und entkleideten ihn. Man legte ihm einen Purpurmantel um, flocht ihm eine Dornenkrone, die man ihm auf den Kopf setzte. In seine Rechte gaben sie ihm einen Stab. Die Soldaten fielen vor ihm auf die Knie und verspotten ihn: "Gegrüßet seist du, König der Juden!" Sie rissen den Stab aus seiner Hand, schlugen ihm damit auf den Kopf und spuckten ihn an.
Was sich hier ereignete, erinnert an ein Einweihungsritual. Seit jeher ist die Verletzung der Haut Teil der Initiation. Die Haut grenzt das Innen vom Außen ab - das Ich vom Nicht-Ich. Mit der Initiation wird diese Grenze in Frage gestellt.

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Station 2 - Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.

Station 3: Jesus fällt unter der Last des Kreuzes

Wer fällt wurde versucht, doch war zuvor nie gefallen. Nun beginnt der Fall im Menschen. Denn der Versucher, der ihm einst das Zaubern lehren wollte, doch nicht durfte, rächt sich nun an ihm.

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Station 3 - Jesus fällt unter der Last des Kreuzes.

Station 4: Auf seinem Weg auf die Schädelstätte von Golgatha begegnet er Maria seiner Mutter

Stille ist mächtiger als Worte. Das Wort aber bricht die Stille.

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Station 4 - Jesus begegnet auf dem Weg seiner Mutter Maria.

Station 5: Der Unbekannte Simon aus Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Nach der Begegnung mit der Mutter begegnet der Mensch dem Fremden.

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Station 5 - Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.

Station 6: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Das Geheimnis des Heiligen Gesichts.

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Station 6 - Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

Station 7: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Gottes Schwäche ist stärker als die Menschen - 1. Chorinther 25

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Station 7 - Jesus fällt erneut.

Station 8: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Weint nicht um mich, weint um eure Kinder - Lukas 23:28

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Station 8 - Jesus begegnet den weinenden Frauen.

Station 9: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Wie die Schlange im Garten Eden, so bewegt er sich auf seinem Bauch durch den Staub.

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Station 9 - Jesus füllt zum dritten mal.

Station 10: Jesus wird auf der Schädelstätte Golgatha von Soldaten entkleidet, die seine Gewänder untereinander auslosen

Wir müssen uns von allem entledigen.

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Station 10 - Jesus wird seiner Kleider beraubt.

Station 11: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösen wird zurückgegeben.

Am oberen Ende brachte man ein Schild mit den Buchstaben I.N.R.I an. Das waren die Initialen des Namens "Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum", dem lateinischen Namen für "Jesus von Nazareth König der Juden". Manche sagen auch, die Initialen wären in Wirklichkeit das Tetragrammation JHVH (hebr. יהוה‎, "Jahve") gewesen, denn die hebräische Variante des Könignamens ist "Jehoschua Ha-Notzri Ve-Melek Ha-Jehudim".

Am Kreuz hängend spricht Jesus sieben Sätze:

  1. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" - Psalm 22:2.
    Dies ist ein Einweihungsspruch, gesprochen von denen, die der Prüfung der Einweihung unterzogen wurden. Es geht in der Einweihung um die Loslösung des Körperlichen vom Geistigen. Jesus ist der Christusgeist entwichen. Erst mit der Auferstehung kehrt er in den toten Leib zurück. Jesus wird sich als fleischlicher Mensch bewusst, dass ihn Gott verlassen hat und er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Christus ist.
  2. Als Jesus am Kreuz hing und die Soldaten sich um seine Kleider stritten, sprach er:
    "Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun!" - Lukas 23:34.
    Die Gewänder sind Symbole der leiblichen Hülle. Die Soldaten stehen für die unbewusst Lebenden, die sich um die materiellen Dinge streiten.
  3. Jesus wurde mit zwei Verbrechern gekreuzigt. Einer von ihnen bekannte sich zu seinen Verbrechen. Jesus sprach zu ihm:
    "Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein." - Lukas 23:43
  4. "Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn!" - Johannes 19:26.
    Es ist der Körper, der aus Mutter Erde durch die Inkarnation der Seele geboren wurde.
  5. "Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich." - Johannes 19:27.
  6. "Darnach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, dass die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet!" - Johannes 19:28.
    Man gibt ihm Essig. Das ist das polare Gegenteil von Wein. Der Mensch empfängt in der Kommunion den göttlichen Wein. Gott empfängt in der Kreuzigung jedoch den irdischen Essig.
  7. "Es ist vollbracht!" - Johannes 19:30
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Station 11 - Jesus wird an das Kreuz genagelt.

Station 12: Jesus stirbt

Da schrie Jesus noch einmal laut auf und starb. [...] Der römische Hauptmann und die Soldaten, die Jesus bewachten, erschraken sehr bei diesem Erdbeben und allem, was sich sonst ereignete. Sie sagten: Dieser Mann ist wirklich Gottes Sohn gewesen!

- Matthäus 27:45-54

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Station 12 - Jesus stirbt am Kreuz.

Die Zeugnisse über die Kreuzigung in den Evangelien Lukas und Matthäi, müssen aus dem Johannes-Evangelium übernommen worden sein, denn Johannes war als einziger der Zwölf während des Kreuzigungsdramas anwesend. Er war einer der beiden Jünger (neben Thomas) die von Jesus eingeweiht wurden. Er verstand darum was geschah, während die anderen Jünger das eigentliche Werk Jesu versäumten.

Samstag

Der siebte Tag der Woche ist der Sabbat (von hebr. "Shabbatei": Saturn). Zwei Personen treten ins Geschehen: Joseph von Arimathäa und Nikodemus. Joseph von Arimathäa war ein Jünger Jesu. Doch aus Furcht vor den Juden verheimlichte er das. Joseph war ein wohlhabender Ratsherr, der dem Orden der Essener nahe stand. Er war im Besitz des Kelches, der aus einem grünen Stein gemeißelt war. Laut Legende fiel dieser Stein (Smaragd) vom Himmel, als Luzifer und seine Engel gestürzt wurden. Erzengel Michael schlug diesen grünen Stein mit seinem Schwert aus Luzifers Krone.
In diesem grünen Kelch trug Melchisedek den Wein dem Abraham entgegen. Aus dem selben Kelch tranken Jesus und seine Jünger beim Abendmahl. Im selben Kelch fing Joseph von Arimathäa das Blut auf, das Jesus am Kreuz nach dem Lanzenstich aus der Seite rann. Später wurde daraus der heilige Gral, den Joseph als erster Hüter dann nach England brachte (siehe Buch: Das mythische Avalon).

Station 13: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Er wandelt nun auf den Pfaden der Toten.

Joseph von Arimathäa erhält von Pilatus Erlaubnis, den Leichnam Jesu vom Kreuz nehmen zu dürfen.

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Station 13 - Jesus im Schoß seiner Mutter.

Station 14: Grablegung

Aus der Tiefe rufe ich, JHVH, zu dir - Psalm 130:1

Joseph von Arimathäa stellt sein eigenes Grab für den Leichnahm Jesu zur Verfügung.

Joseph nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.

- Matthäus 27:59-61

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Station 14 - Grablegung Jesu.

Die Auferstehung

Das Kreuz ist ein uraltes Symbol der Vierheit in Mikrokosmos (vier Elemente) und Makrokosmos (vier Himmelsrichtungen und vier Jahreszeiten). Der leidende Jesus am Kreuz ist Symbol des archetypischen Menschen, dessen Körper an die Welt der Sinne gebunden ist. Festgenagelt durch fünf Wunden, entsprechend den fünf Sinnesorganen die an die materiellen Erscheinungen der Welt gebunden sind. Es ist also die Arretierung der weltlichen Illusionen, die die Sinne dem Menschen vorgaukeln. Jesus leidet am Kreuz, so wie das an die Polarität von Gut und Böse gebundene Ich. Jesus befreit sich nicht vom Kreuz, sondern befreit am Kreuz sein an die Materie gebundenes Ich.

Beide Balken stehen für die weltlichen Dimensionen von Raum und Zeit. Ihr Schnittpunkt in der Mitte: das Hier und Jetzt - Zeit und Raum sind eins. Dieser Kreuzungspunkt ist ein Synonym für die in der Alchemie begehrte quinta essentia - das Elixier des Lebens, die Tinktur aus dem Stein der Weisen.

Die Kreuzigung ist der Weg des Menschen zu Gott, vom Ich zum Selbst. Darum sagt man: "Du musst das Kreuz auf dich nehmen".
Sich von der Welt zu befreien heißt, sich seinem Schicksal voll und ganz hinzugeben. Zuerst muss man in der gegenwärtigen Lebenssituation Freiheit finden. Erst diese Freiheit erlaubt es, uns an einen anderen Ort, in eine andere Lebenssituation zu begeben.
Somit ist das Kreuz ein Ort der Wandlung, wie ja auch die Erde im Verlauf unserer Inkarnation, mit ihren vier Himmelspolen ein Ort der Wandlung ist. Dafür steht im Christentum der Leidensweg.

Jesu Kreuzigung ist Gegenbild zum Sündenfall im Paradies, wobei das Kreuzesholz dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem entspricht. Die Schlange kam von diesem Paradiesbaum zur Erde und brachte das Böse. Um das Böse von der Welt zu nehmen, musste die Schlange am Kreuz aufgerichtet werden:

Da sandte der JHVH feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

– Numeri 21:6-9

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn (am Kreuz) erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.

- Johannes 3:14-15

Die Schlange ist der absteigende Aspekt der Erkenntnis. Der Messias (hebr. für "Christus") ist der aufsteigende Aspekt der Schlange, die wieder in ihre paradiesische Heimat zurückkehrt. Interessant ist die kabbalistische Numerologie der hebräischen Worte "Schlange" und "Messias" - sie sind identisch:

נחש Nachasch, Schlange = 358 - משיח Meschiach, Messias = 358

Die Legende vom Kreuzesholz

Zwischen Kreuzesholz und dem Holz vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem, gibt es einen esoterischen Zusammenhang, den folgende Legende erzählt:

Als Adam aus dem Paradies verdammt wurde, durfte er sich einen Zweig vom Paradiesbaum mitnehmen. In der Welt außerhalb des Paradieses wurde aus diesem Zweig das Holz, aus dem Moses seinen Hirtenstab verfertigte. Mit diesem Holzstab teilte Moses das Meer, er konnte ihn in eine Schlange verwandeln oder mit ihm, an einen Felsen geschlagen, eine Wasserquelle hervorbringen. Am selben Holz richtete er in der Wüste die eherne Schlange auf, damit die Israeliten geheilt wurden. Später wuchs aus dem lebendigen Zweig ein Baum, der zu einem Balken im Salomonischen Tempel wurde. Dieses Holz kam schließlich in die Zimmerer-Werkstatt des Joseph von Nazareth. Von Joseph erwarb Judas das Holz, den er den Soldaten gab, um daraus das Kreuz zu verfertigen.

In dieser Metamorphose wurde das Holz vom Erkenntnisbaum des Todes auf Golgatha zum Kreuzbaum des Heils und des Lebens.

 

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Einweihung in die Mysterien im Alten Ägypten

von Johan von Kirschner

In sehr alter Zeit, lange vor den großen Pyramiden, herrschte im ägyptischen Memphis eine göttliche Dynastie. Dort hütete man die alten Weisheiten von Atlantis.

Die folgende Schilderung einer ägyptischen Mysterien-Einweihung beschreibt in erzählerischer Form, welchen gefährlichen Prüfungen sich ein Initiant unterziehen musste, um in den Kreis der Tempelpriester von Memphis aufgenommen zu werden.

Die Vorbereitung

Nur wenigen war gegeben, in die heiligen Mysterien eingeweiht zu werden.
Zur Vorbereitung hatte der Neophyt bestimmte Meditationsübungen auszuführen, bis in ihm keine Gedanken mehr aufstiegen und er gelernt hatte Gedanken und Gefühle zu beherrschen. 
Ohne diese spirituelle Macht erlangt zu haben, wurde niemand zur Einweihung zugelassen. Der Grund: wer seinem Denken, Fühlen und damit auch seinen Begierden unterlag, hätte die Mysterien nicht überlebt.

Nach einer dreitägigen Fastenzeit, kamen nach Sonnenuntergang zwei Mysteriendiener zum Aspiranten. Sie führten ihn zum Tor eines verborgenen Heiligtums. Dort wurde er aufgefordert in den dunklen Vorraum eines, der Isis geweihten Tempels einzutreten. 
Darin sah der Neophyt beim Schein der Fackeln Bildsäulen, auf denen Menschen- und Tierköpfe von Löwen, Stieren und Adlern abgebildet waren. In Begleitung der beiden Mysteriendiener durchschritt er mehrere, immer enger und niedriger werdende Hallen. Zuletzt er zu einem langen Gang, an dessen Ende sich ein bronzener Altar befand. Rechts und links davon brannte in zwei großen Schalen Räucherwerk. Auf dem Altar saß eine lebensgroße Statue der Göttin Isis, die ein verschlossenes Buch auf ihrem Schoß hielt. Über ihr stand in alter Hieroglyphenschrift:

Kein Sterblicher hat je meinen Schleier gelüftet!

Das Tor in den Einweihungstempel

Unter dem Altar öffneten sich zwei schwere Torflügel. Dazwischen sah der Neophyt in der Mauer ein gähnend schwarzes Loch. Es war so niedrig, dass man nur kriechend hinein kam. Dies war die Öffnung zu einem winzigen Tunnel, der in die Mysteriengänge führte. 
Wer nun für die Einweihung bestimmt war, dem wurde noch einmal freigestellt sich der Prüfung zu unterziehen.
Wer zustimmte, dem gab man eine kleine Öllampe in die Hand und entzündete sie mit den Worten: "Hab' acht auf deine Lampe und merke dir: wissen, wollen, wagen, schweigen - das sind nicht nur die Stufen zur Vollkommenheit, sondern auch deine Richtschnur, die Dich heute bewahren kann! Du weißt dass dieser Weg zur Vollkommenheit führt. Du willst ihn gehen - nun sollst du wagen und darüber schweigen - geh nun - geh!"

Wellcome Library, London, Egypt: ceremonies of the cult of Isis, 1804 - 1811, Robert von. Spalart - ewigeweisheit.de

Eine Zeremonie des Isis-Kults. Robert von Spalart. Wellcome Library, London.

Als der Neophyt nun in das dunkle Loch krauchte, warnte ihn einer der Mysteriendiener noch einmal: 
"Bedenke - noch bist du frei, noch kannst du umkehren. Bist du aber in den Gang eingetreten, so verschließt sich das Tor hinter dir und es gibt kein zurück. Dann musst du den Weg heraus, selber finden. Niemand wird dich holen!"

Er wagte sich in das schwarze Loch und hinter ihm verschlossen sich donnernd die schweren Tore. Er war nun eingesperrt in der Finsternis. Mit dem Licht seiner Öllampe kroch er auf Knien entlang des finsteren Tunnels.
Plötzlich hörte er Schreie und eine Stimme quoll aus der Erde hervor: "Hier verderben die Toren, die nach Wissen und Macht gieren."

Eine furchtbare Angst stieg in ihm auf und seelische Beklemmungen wollten sich seiner bemächtigen. Doch nur wenn er dagegen ankämpfte und gewahr wurde, dass andere vor ihm wohl auch diesen finsteren Ort passieren mussten, wurde er wieder Herr über seine Ängste.
Der Initiant krabbelte weiter. Ihm blieb nichts anderes übrig, denn der Weg zurück war versperrt. Der Gang wurde immer enger und schließlich blieb er wie in einem Rohr stecken. Inneres Grauen und Todesangst wühlten ihn auf. Es kam ihm vor, als befände er sich in einem fürchterlichen Sarg und wollte am liebsten Schreien.

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Ein tiefer schwarzer Abgrund

Sein Herz raste, sprengt fast seine Brust. Er knirschte mit den Zähnen.
Wie eine Schlange versuchte er sich durch die immer enger werdende Röhre zu pressen. Schließlich atmete er auf, denn der Gang erweiterte sich. Irgendwann konnte er sich aufrichten.

Dennoch musste er fortschreiten. Der Gang senkte sich in immer schärferem Abhang. Auf einmal tat sich vor seinen Füßen ein Abgrund auf, der den Gang in voller Briete durchschnitt. Weder nach links noch nach rechts konnte er ausweichen. In dieser trichterförmigen Grube sah er eine eiserne Leiter. Als er darauf die letzte Sprosse hinabstieg, sah sein verstörter Blick nur den fürchterlichen Abgrund. In der Tiefe reflektierte eine Wasserfläche das Licht seiner Lampe. Er zauderte, doch es blieb ihm nichts anderes übrig als dort hineinzuspringen.
Noch einmal hob er seine Öllampe und spähte umher, ob es nicht vielleicht doch einen Ausweg gäbe. Nur finstere Leere verlor sich in dem totem Fels der Wände. Am liebsten wäre er umgekehrt, hätte an das schwere Tor geschlagen und um Hilfe geschrien. Doch er wusste auch, dass die Priester den großen Tempel längst verlassen haben. Niemand hätte sein Schreien gehört. Was nun?

Eine Rückkehr war unmöglich. Und dann? Wollte er nicht ein Eingeweihter werden, einer der weis und der sehen kann? Ja! Er wollte es um jeden Preis!

Anscheinende Ausweglosigkeit

"Es muss hier einen Ausweg geben", sprach er zu sich. Doch auch als er erneut umherspähte, konnte ihm der unsichere Schein seiner Lampe keinen Ausweg zeigen. Überall fielen die schwarzen Felswände zum Wasser hinab. Sein rechter Arm ermüdete und er wechselte die Lampe in seine linke Hand. Wechselte erneut. Auf einmal erblickte er einen Spalt zu seiner Linken. Sich mit einer Hand an die Leiter klammernd, in der anderen Hand die Lampe vorgestreckt, sah er dort sogar Stufen. Eine Treppe! Er war gerettet.

Die Spalte war groß genug um seine Hand hinein zu stecken. Auch wenn er fast in den tiefen Abgrund fallen könnte, musste er es wagen. 
Zwischen den Zähnen hielt er den kleinen Henkel der Öllampe und griff mit den Händen in die Felsspalte. Er fand einen Felsvorsprung, schwang sich daran hoch, glitt dabei aber aus und fiel rückwärts in das Wasser unter ihm. Seine Lampe fiel und erlosch zischend.
Nun umgab ihn dunkle Nacht - finster und grausam - und er stand bis zu den Achselhöhlen im kalten Wasser. Doch er stand!

Zitternd suchte er nach jener Spalte in der Wand, doch fand sie nicht, denn im Fallen hatte er die Richtung verloren. 
Schließlich aber fand er einen Spalt an dem er sich emporziehen konnte und stieg auf. Seine Kräfte ließen allmählich nach. Angstschweiß bedeckte ihn.
Doch da: seine Hand ergriff plötzlich ein hervorstehendes, gebogenes Eisen, woran er sich an den Rand des Abgrunds emporzog. Langsam betastete er mit den Füßen den Boden, ehe er einen Schritt machte. Der Boden war eben. Er ging weiter.

Das Licht am Ende des Tunnels

Mehrmals machte der Gang Biegungen, zuletzt aber sah er in der Ferne einen Schimmer. Wie zu neuem Leben erweckt lief er darauf zu. Lief immer weiter. Er gelangte schließlich zu einem, in den Fels gehauenen, viereckigen Raum, der an zwei Wänden Öffnungen hatte. Durch die eine Öffnung kam er herein, in der anderen loderte ein gewaltiges Feuer. Da sollte er durch? Es war der einzige Ausgang und es gab ja kein Zurück. 

Als er durchlief blieb er erstaunt stehen. Das glühende Feuer war eine geschickte Spiegelwirkung, die er zuerst für echt gehalten hatte. In diesem Moment umwehte ihn ein kühler Lufthauch. 
Nun kam er in einen Raum der mit Teppichen belegt und von einer Öllampe an der Decke beleuchtet war. 
Da kam ein Diener in den Raum, gab ihm trockene Kleider und salbte ihn mit duftenden Ölen. Man gab ihm zu essen. Er genoss seine Speise, hatte er doch drei Tage gefastet. Danach legte er sich auf ein großes Kissen um etwas zu ruhen.

Credit: Wellcome Library, London Group of Nubian women and children resting by the Nile at Korti, Sudan. Coloured lithograph by Louis Haghe after David Roberts, 1846. - ewigeweisheit.de

Nubische Frauen. David Roberts. Wellcome Library, London.

Die schöne Nackte

Hinter einem Vorhang sah er mit halb geöffneten Augen eine Frau, die daraus in den Raum hervor trat. Sie war sehr schön und ihr nackter Körper nur in einen durchsichtigen Purpurmantel gehüllt.
Der junge Novize starrte die wunderbare Erscheinung an. Sie lächelte und sprach:
"Du hast gesiegt oh Jüngling! Empfange den Lohn den du verdienst. Siehe, ich habe dir Wein eingeschenkt. Mein schöner Körper verlangt nach dir."

Wer den Kelch austrank und sich in Liebe mit der Schönen auf dem Boden wälzte, der fiel hernach in tiefen Schlummer. Zwar hatte er die Prüfungen bestanden, doch nicht diese letzte. Er blieb der Sklave seine Triebe und unfähig das Priesteramt zu bekleiden.

Wer andererseits dieser Versuchung widerstand, der wurde von 12 Mysteriendienern zum Heiligtum der Isis geführt. Ein in Purpur gekleideten Priester empfing dort den Ankömmling. Er musste nun unter furchtbarsten Androhungen das Gelübde des Schweigens ablegen.

Danach begrüßte man ihn als Mitbruder der Eingeweihten.


Inspiration: Eine Einweihung im Alten Ägypten, Woldemar von Uxkull; Die großen Eingeweihten, Eduard Schuré

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