Einweihung

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Mysterien von Eleusis - ewigeweisheit.de

Heute gelten Nachrichten, Ereignisse und Aussagen nur dann als anerkannte Fakten, wenn sie einen Bezug haben zu einem Ort und einem Zeitpunkt, zumindest aber einer dieser beiden Größen. Selbst aber wenn das heute als Voraussetzung gilt, musste sich so etwas wie Raum- und Zeitbewusstsein erst entwickeln. Tausende von Jahren dauerte es, bis sich der Mensch den Mysterien von Raum und Zeit bewusst wurde.

Über das Empfinden der Bewegung seines selbst bewusst gewordenen Körpers durch die Welt, entwickelte der Mensch ein Gefühl für das, was wir heute »Raum« nennen. Dieses räumliche Wahrnehmen entfaltete sich allmählich zu einer geistigen Funktion, die irgendwann im Erleben des unendlichen Raumes gipfeln sollte. Das aber war die Voraussetzung dafür, das der Mensch schließlich ein weiteres, neues Geistesmaß entdeckte: die Zeit.

Wenn die geschichtliche Wissenschaft nun von einer Vorzeit spricht, bezeichnet dieser Ausdruck ganz deutlich das Element der magischen Bewusstseinsstruktur: Eine Vor-Zeit lag vor dem Zeit-Bewusstsein. Hiermit erübrigt sich jedoch eine Nachforschung wann es zu diesem menschlichen Empfinden der Raumzeit kam, zumal es in der Periode der magischen Bewusstseinsstruktur eben noch kein Zeitmaß gab. Womöglich aber ereignete sich diese nächste Bewusstseinsmutation in der nachatlantischen Epoche, also vermutlich vor ungefähr 12.000 Jahren.

In dieser Ära kam es zu verschiedenen, ganz maßgeblichen Veränderungen in der menschlichen Wahrnehmung. Ab einem gewissen Moment, vielleicht am Ende der letzten Eiszeit, begann man in Europa besondere jahreszeitliche Riten zu zelebrieren. Das ging einher damit, dass der Mensch begann die Bewegung der Himmelskörper voraussagen zu wollen. An den Himmelsbewegungen laß er ab, wann der Zeitpunkt für eben solche Feste gekommen war und vermerkte sie in seinen damals entwickelten Kalendern. Er wurde also einer sich verändernden Welt bewusst, worin er sich selbst wiederfand, in einem wohl als Spannungsfeld empfundenen Raum zwischen Irdischem und Himmlischem.

Was den Menschen der magischen Bewusstseinsstruktur noch in seiner Naturverflochtenheit gefangen hielt, daraus sollte er sich nun lösen, mit dem Erkennen der Rhythmen der Natur. In diesem Heraustreten aus den Verflechtungen seines eindimensionalen Empfindens aber, sollte er sich bewegen in ein Empfinden einer zunächst zyklischen Zeit.

In einer Welt sprechender Münder

Immer wieder hatte sich die Menschheit neu erfunden. In archaischer Zeit identifizierte sie sich noch als Einheit mit dem sie Umgebenden, empfand sich als Teil einer ursprünglichen Ganzheit allen Seins.

Die magischen Menschen sahen sich in der Natur verwoben, doch hatten sich darin erkannt, worin sie sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst wurden und begannen sich wahrzunehmen.

Jean Gebser führte nun noch eine weitere Stufe der Bewusstseinsentwicklung ein, die er als die »mythische Ebene« bezeichnete. Hierauf begab sich die Menschheit in einer Zeit, als ein jemand einen anderen von Mund zu Ohr, über das Wesen des Seins unterrichtete.

Soweit nun zuvor diese neu entstandene Bewusstseinsebene, als »mythisch« angesprochen wurde, hat das guten Grund: das griechische Wort »Mythos« nämlich bedeutet »Rede«, »Wort« oder »Bericht« und ist auch verwandt mit dem englischen Wort »mouth«, für den Mund. Das man im Deutschen synonym für Mythos das Wort »Sage« verwendet, kommt auch nicht von ungefähr, geht es da doch eben um ein »Sagen«, ein Erzählen.

Wenn wir uns aber der Bedeutung der Wurzel dieses griechischen Wortes zuwenden, dem »my« oder »mu« (Anm.: der griechische Buchstabe »y«, wird sowohl als »i«, »ü« wie auch als »u« ausgesprochen), was »laut werden« oder »ertönen« bedeutet, stoßen wir auf einen interessanten Zusammenhang: denn auch ein anderes griechisches Wort besitzt benannte Wortwurzel »my«: das Wort »myein«, was für ein »Sichschließen« steht, womit eben der geschlossene Mund gemeint ist. Im Sanskrit gibt es ebenfalls ein Wort mit dieser Wurzel, nämlich »mukas«, dass diesen Zusammenhang noch unterstreicht: da bedeutet es »stumm«. Und auch im Lateinischen begegnet man dieser Silbe »mu« mit »mutus«, das ebenfalls »stumm« bedeutet.

Im Griechischen ist die Wurzel »mu« oder »my« überdies enthalten am Anfang dieser Wörter: »Mystos«, dem Mysten, der in die geheimen Mysterien eingeweiht wurde, sowie in »Mysterion«, dem entsprechenden Mysterienkult. Beides sind Ableitungen von »myo«, dass ebenfalls die Wurzel »my« (beziehungsweise »mu«) enthält, und für den eigentlichen Grund eines geschlossenen Menschenmundes steht: Über Geheimnisse wird geschwiegen.

Aus dem griechischen Mystos entwickelte sich später dann das, was man in christlicher Zeit zur Bezeichnung für jemanden verwendete, der sich in wortloser, innerer Versenkung befand: ein Mystiker.

So sind also die Bedeutungen dieser Wortwurzel anscheinend widersprüchlich, wo es doch im Wort Mythos um das Sprechen geht und im Wort Mystos um das Schweigen. Es wäre dabei jedoch falsch sich voreilig für eine der beiden Bedeutungen entscheiden zu wollen, sind doch beide gültig. Hier nämlich kommt eine Polarität zum Vorschein, die den alten Menschen zuerst einmal bewusst werden musste.

Ihr Eingebundensein in der Welt erhielt damit eine neue, zweite Dimension. Der Mensch begann sich von da an als Subjekt zu empfinden, zu den ihn umgebenden Objekten. Und da sich in dieser Umwelt unendlich viele Objekte befanden, ließ sich damit auch die Zweidimensionalität eines Kreises aufspannen, in dem der er seine Welt räumlich wahrzunehmen begann.

Führte die archaische Struktur durch den Verlust der Ganzheit zur Einheit der magischen Struktur, und war damit ein erstes dämmerhaft zunehmendes Bewusstwerden des Menschen als einer Einzelung vorgegeben, so brachte die magische Struktur durch den in ihr sich abspielenden Befreiungskampf gegen die Natur eine Herauslösung aus der Natur und damit die Bewusstwerdung der Außenwelt. Die mythische Struktur nun führt zu einer Bewusstwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist der Kreis, der stets auch Symbol der Seele war.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

War das Resultat der magischen Struktur des Menschen die Bewusstwerdung von Erde und Natur, so brachte die mythische Struktur einen Gegenpol zur Erde: den Himmel. Darin wieder taucht die Symbolik des Kreises auf. Denn der Zyklus der Gestirne, vornehmlich der Lauf von Sonne und Mond durch Tag und Nacht, repräsentiert jene angedeutete Polarität von Subjekt und Objekt, in der sich der Menschen als Beobachter befindet und bewegt.

Damit schließt sich auch der Kreis zu dem, was wir zuvor über die besagte Wortwurzel »mu« oder »my« andeuteten: Aus ihr wachsen zwei anscheinende Widersprüche – Mystos und Mythos – Schweigen und Sagen, welche in direktem Zusammenhang stehen mit der dunklen Abwesenheit und der lichtvollen Anwesenheit der Sonne. Was bedeutet das?

Um sich in der Welt zu empfinden, musste der mythische Mensch das polare Verhältnis seines Seelenseins nicht nur zu einem über-erdhaften Himmel (Berg Olymp), sondern ebenso zu einem unter-erdhaften Schattenreich (Fluss Hades) erkennen.

In diesem inneren Gewahrwerden einer neuen Dimension, worin die Pole eines Sternenzelts und einer Unterwelt, eines Himmels und einer Hölle, einen Kreis der Zweidimensionalität aufspannen, dort im Mittelpunkt dieses Kreises lernte der Mensch das Wesen seiner Seele zu empfinden. In ihr nämlich spiegelte sich sein mythisch-mystisches Sein, darin reflektierte die Doppelnatur alles Weltlichen, symbolisch-diabolisch, göttlich-teuflisch, hell-dunkel, licht-finster, gut-schlecht, überweltlich-tiefgründig.

Diese Pole im Kreis, umspannen im Leben eines Menschen den Zyklus von Werden und Vergehen – im Erkennen der Zeit.

Über die Wirksamkeit des Schweigens

Was in der Seele des Menschen zum einen als stummes Bild erscheint, erklingt daraus ein andermal durch den Mund, als tönendes Wort. Das als inneres Bild Vernommene hat seine polare, bewusst gewordene Entsprechung im ausgesagten Wort. Dabei erkennt der Mensch seine Seele, worüber er den in nächtlicher Stummheit geschauten Traum, im Wachbewusstsein sprechend hörbar macht. Indem er darüber spricht, richtet er die sich ent-sprechenden Pole von Traum und Wachheit aufeinander aus.

So ist das Wort stets Spiegel des Schweigens; so ist der Mythos Spiegel der Seele. Erst die blinde Seite ermöglicht die sehende. Und da alles Seelische vor allem auch Spiegelcharakter hat, trägt es nicht nur naturhaften Zeitcharakter, sondern ist stets auf den Himmel bezogen; die Seele ist ein Spiegel des Himmels – und der Hölle. So schließt sich der Kreis von Zeit – Seele – Mythos – Hölle und Himmel – Mythos – Seele – Zeit.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Etwas zu sagen oder darüber zu schweigen obliegt die besondere Entscheidung einer Ver-Antwortung. Jemand kann das im Gesagten Geschiedene ent-scheiden und so das darin Scheidende aufheben. Darum ist es nicht notwendig beim Berichten über eine Sache, alles bis aus dem letzten Bedeutungswinkel heraus erklären zu wollen. Vielmehr macht das Nichtgesagte, das im Gesagten mitschwingt, einen Bericht oder eine Rede erst interessant. Damit nämlich erhält das Gesagte seine Tiefe und einen Gegenpol, die es in die Spannung eines wirkenden Lebens bringt.

Von daher bewirkt etwas beim Zuhörer nur anzudeuten, weit mehr als ein vollständiges und bis ins letzte Detail erfolgte Erklären. Klarheit soll sich der Zuhörer durch eben jene, in der Rede tiefer liegende, jedoch unausgesprochene Aussage, selbst verschaffen, durch seine eigene Imagination.

Bloßes Schweigen ist magische Gebanntheit; bloßes Reden ist rationaler Leerlauf.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Wer war Christian Rosenkreuz?

Wer war Christian Rosenkreuz?

Christian Rosenkreuz - ewigeweisheit.de

Wenn man über Christian Rosenkreuz spricht, geht es nicht in erster Linie um jemanden der ausschließlich in einem physischen Körper lebte. Es geht außerdem um eine Individualität die aus dem Verborgenen, auch ohne physischen Körper, durch ihre Ausstrahlung auch heute auf die Entwicklung der Menschheit wirkt - so zumindest glauben es zu wissen die Mitglieder der Bruderschaft vom Rosenkreuz.

Neben seinem physischen Körper besitzt jeder Mensch auch einen feinstofflichen Körper, den man den Ätherleib nennt. Beide, physischer und ätherischer Körper, sind zu Lebzeiten eines Menschen miteinander verbunden. Im Augenblick des Todes aber löst sich der ätherische Körper vom physischen, wobei sich letzterer ja durch organische Prozesse allmählich auflöst. Auch der Ätherkörper entschwindet nach einer gewissen Zeit. Immer aber bleibt ein Teil dieses ätherischen Wesens als äußerst feine Substanz auf der Erde zurück. Besonders bei hohen Eingeweihten, wie etwa den Propheten und Heiligen, wirkt dieser Ätherleib aber weiterhin auf die Entwicklung der Menschheit.

So auch ging vom Ätherleib des des sagenhaften Christian Rosenkreuz, den wir im Folgenden C. R. nennen, eine große Wirkung aus, die tatsächlich bis heute auf unser Geistesleben einwirken könnte. Im Bestreben der Bruderschaft der Rosenkreuzer gilt es diese verborgenen Kraftwirkungen der Individualität des C. R. kennenzulernen und darüber das ewige, aus alter Zeit stammende Wissen wahrzunehmen. Die daraus strömende Weisheit wollen die Rosenkreuzer zugänglich machen - zum Nutzen des heutigen Menschen.

Was man heute die Bruderschaft vom Rosenkreuz nennt, nahm wahrscheinlich Mitte des 13. Jhd. seinen Anfang. C. R. aber deutete in seinem Werk an, dass sich in jedem Jahrhundert der Kraftstrom seines Wirkens, den gegebenen Umständen der Zivilisation anpasst. Das heißt, dass es in jedem Jahrhundert eine Thematik gibt, in der die geheime Lehre der ursprünglichen Rosenkreuzer, auf neue Art zum Ausdruck kommt.

Christian Rosenkreuz - ewigeweisheit.de

Bildnis des Christian Rosenkreuz

Vom Ursprung der Rosenkreuzer-Strömung

Das Bewusstsein der Menschen die im 13. Jhd. lebten war völlig anders geartert als unser heutiges. Bereits damals aber war die Fähigkeit zur Hellsicht sehr verkümmert, etwas das eigentlich jeder Mensch besitzt und von Geburt als geistiges Potential in sich trägt. Doch es kam zum vollkommenen Verschwinden dieser eigentlich urtypischen menschlichen Fähigkeit. Damit begaben sich die Menschen in eine tiefe Finsternis der Unwissenheit. Selbst hohen Eingeweihten fehlte der Zugang zu den spirituellen Welten. Statt also zu sehen, erinnerte man sich an das was man wusste. Nur so traf man eine Aussage über etwas das eintreten könnte – sei es physischer oder geistiger Art.

Es soll hier aber nicht der Eindruck entstehen, dass diese Entwicklung nur negativ war. Wie alles höhere Spirituelle, hatte auch sich dies als Teil des kosmischen Plans erfüllt. Denn erst durch dieses Ereignis konnte sich die intellektuelle und wissenschaftliche Kultur der Gegenwart ausprägen - eine Kultur, in der der Verstand die zentrale Rolle spielt. Die moderne Theosophie spricht hier von der fünften nachatlantischen Kulturepoche, in der sich die gegenwärtige Menschheit befindet.

Vorläufer der heutigen, war die griechisch-lateinische Weltkultur. Das sehen wir etwa an den noch immer verwendeten alten Begriffen, die sich insbesondere in den romanischen und angelsächsischen Sprachfamilien zeigen. Und da die Völker jener Sprachen begannen, sich seit dem Mittelalter über ihre Reichsgrenzen hinweg zu bewegen – teils durch Handel, doch leider auch durch Kolonialisierung – kann man heute in der Tat von geistigen Ausläufern sprechen, die sich um den gesamten Erdball hinaus bewegt haben, ihren Ursprung aber in der alten griechisch-lateinischen Kulturepoche haben.

In der alten griechischen Kultur existierte aber noch nicht das heutige verstandesmäßige Denken. Was sich jedoch aus der rationalen, verstandesbestimmten Kultur entwickelte, ist das, was man heute unter visionärem Denken versteht. Denn in der griechisch-lateinischen Kulturzeit fantasierte man nicht, als eher direkt in bewusster Verbindung zu stehen mit dem was gefühlt oder gesehen wurde.

Heute aber ist die Fähigkeit sich Dinge auszumalen, zu fantasieren und Visionen zu erzeugen, wohl unabdingbar geworden. Allmählich könnte darum auch die Fähigkeit des Hellsehens, langsam wieder in unsere Kultur zurückkehren, gewissermaßen als eine Fortentwicklung der Fähigkeit zur Vision.

Zur Entwicklung dieser hohen Fähigkeiten und dem Verstehen des innersten Wesens unserer Welt, begann aus dem Verborgenen eine Bruderschaft ihre besondere spirituelle Arbeit.

Ein katharischer Mönch in Thüringen

Im 13. Jhd. gründete sich im Verborgenen die Bruderschaft der Rosenkreuzer. Aus dem Kreis der häretischen Glaubensbewegung der Katharer, ging ein Weiser hervor, den wir oben als C. R. einführten. Er kam im thüringischen Germelshausen zur Welt, als Nachfahre eines verarmten Adelsgeschlechts. Jener Geburtsort des C. R. existiert heute nicht mehr auf der Landkarte, sondern verschwand angeblich über Nacht von der Erdoberfläche. Einige Legenden ranken sich um diesen Ort.

Die Eltern des C. R. aber waren einige der wenigen Initiierten, die die geheimnisvollen Lehren der Katharer bewahrten. Sie glaubten an die Wiedergeburt und die Befreiung von der selben, zur Erretung der Seele. Dies erfolgte durch das katharische Consolamentum, einer Geisttaufe die durch Auflegen der Hände erfolgt.

Es gibt jedoch keine genauen Daten oder Schriftstücke, die belegen könnten was im Folgenden gesagt wird. Denn was über die Herkunft des C. R. bekannt ist, wurde eigentlich nur mündlich weitergegeben, was kaum verwunderlich sein dürfte. Wie hätte etwas jemals anders erhalten bleiben können, das so vehement von der Kirche unterdrückt wurde? Zweihundert Katharer verbrannten 1244 in den Palisaden der Burg Montségur in Südfrankreich. So rabiat ging die katholische Inquisition gegen die Katharer vor. Auch die Gebäude der Katharer zerstörte man und verbrannte ihre heiligen Schriften.

Wer von ihnen also überleben wollte, verbarg sich und hüllte sein Wissen in tiefes Schweigen. Darum ist es heute nicht einfach, Beweise über das hier Gesagte vorzulegen. Was sich nach dem Untergang der Katharer später von ihrem esoterischen Wissen erhielt, wurde im Stillen, von Mund zu Ohr weitergegeben. Sicher aber sind die bis heute überlieferten Geheimnisse und Lehrer der Katharer nichts Erfundenes – hätten sich oberflächliche Geisteskonzepte doch niemals so lange erhalten können.

Ziemlich sicher entkamen einige der Katharer aus Südfrankreich, bevor sie der Inquisition der katholischen Kirche zum Opfer fielen. Einer von ihnen nun, sollte sich als Mönch in der Kapelle jener Adelsfamilie von Germelshausen versteckt haben. Doch auch hier dauerte es nicht lange, bis auch diese Familie wegen ihres häretischen Glaubens umgebracht wurde. Nur ihr jüngster Sohn konnte durch die Hilfe eben jenes Katharer-Mönchs, mit diesem in ein nahegelegenes Kloster fliehen. Dort nun wurde er aufgezogen und bereits als Kind eingeweiht in die Mysterien der Katharer.

Man könnte sagen, dass C. R., wie auch Jesus oder der Buddha, eine reale Person gewesen ist – auch wenn jene großen Individualitäten eine viel höhere sakrale Aufgabe auf Erden erfüllten. Dennoch ist auch ihre wahre Existenz kaum zu belegen und nicht durch eindeutige historische Daten gesichert. An ihrer Existenz und ihrem Wirken jedoch besteht kein Zweifel. Wie und aus welchem Grund auch, hätte jemand die bemerkenswerten und heiligen Hinterlassenschaften ihres Wirkens, in Form ihres riesigen spirituellen Weisheitskorpus, einfach nur erfinden sollen? Selbst wenn Jesus Christus oder der Buddha keine Einzelpersonen gewesen sind, hätte doch eine riesige Gruppe Eingeweihter an jenem durch sie entstandenen Werk arbeiten müssen, was, ohne die Führung eines zentralen Organs, hätte nie stattfinden können! Was vor Allem wäre der Grund für solch eine spirituelle Bewegung gewesen, zu der man gewiss ja auch die Rosenkreuzer zählen kann?

Ziel der Bruderschaft des Rosenkreuzes war ein neues Zeitalter einzuleuten, um den Menschen zu helfen sich aus der Finsternis der Unwissenheit zu befreien. Und in diesem Sinne musste etwas geschaffen werden, das diese Vision durch einen Mythos verhüllte. Man wusste eben, dass nur damit Aufmerksamkeit erregt werden konnte, was sich als Legende verbreitete - als etwas das in ein tiefes Geheimnis gehüllt war.

Die Erzieher des C. R.

An einem geheimen Ort in Deutschland, bildete sich eine Loge hoher, geistiger Individuen von zwölf Männern. Sie besaßen die Weisheiten der alten atlantischen Zeit, wie auch die uralten Weisheiten jener Völker, die die nachsintflutliche Kultur über Jahrtausende hinweg prägten. Sie vereinigten sich mit dem Ziel den Fortschritt der Menschheitsentwicklung zu fördern.

Sieben dieser großen Geister waren Reinkarnationen jener heiligen Rishis, durch die nach der Sintflut die Lehren aus der alten atlantischen Weltzivilisation überliefert wurden. Zu diesen sieben Weisen aber gesellten sich noch vier weitere Individuen, die zuvor als Hohepriester inkarniert, in den vier großen Zeitepochen unserer Menschheitsvergangenheit lebten. Einer von ihnen blickte zurück auf die alte indische Zeit des fernen Osten, ein anderer auf die alte persische Zeitepoche, der dritte auf die Zeit der alt-ägyptischen, alt-assyrischen und alt-babylonischen Epoche und der vierte auf die griechisch-lateinische Zeit, die ja unserer heutigen Kultur vorausging.

Gemeinsam vereinigten sie sich dann im 13. Jhd. zu einem auserwählten Kollegium. Zu dem aber trat noch ein zwölfter Weiser hinzu. Er war der, der das innerste Wesen der gegenwärtigen Kulturepoche kannte, in der, wie oben bereits angedeutet, der menschliche Geist wissenschaftlich und verstandesmäßig geprägt war. Ob es hier eine Verbindung zum Stauferfürsten Friedrich II. gab, sei dahin gestellt. Sicher jedoch das jene Mentalität die dieser Zwölfte besaß, noch bis in die Gegenwart hineinstrahlt und die Schwelle berührt zu einem neu anbrechenden Zeitalter.

So also trat damals dieses Kollegium zwölf großer Eingeweihter zusammen, um aber einen 13. in ihre Mitte aufzunehmen und ihn in ihre Weisheiten zu initiieren. Und eben dieser war der junge C. R., den der Katharermönch aus den Fängen der Inquisition errettet hatte.

Im Kreis der zwölf Weisen

C. R. wuchs in der Erziehung dieser zwölf Eingeweihten auf. Jedem der Zwölf galt es als Pflicht C. R. - dem 13. - die Essenz ihrer gesamten Weisheit, aus all den vorhergehenden und gegenwärtigen Zeitepochen zu übertragen. Jedoch geschah das abgesondert von der Welt im Verborgenen jenes Klosters. So konnte niemand anderes Einfluss auf den jungen C. R. ausüben, als nur das auserwählte Kollegium dieser zwölf Erleuchteten.

Auch wenn man sie als Christen bezeichnen kann, waren sie dennoch davon überzeugt, dass das damals gegenwärtige Christentum in Wirklichkeit nur die entstellte Wiedergabe einer wahren Christenheit war. Aus diesem Grund auch, hielten sie sich im Verborgenen auf. Ihre Anschauung des Christentums nämlich wäre der Kirche nur ein gefährliches Feindbild geworden. Doch die Kraft der darin vermittelten christlichen Weisheit hätte sich wegen seiner Wirksamkeit wohl ebenso schnell verbreitet, wie das, was die Katharer lehrten. Was aber mit jenen Eingeweihten geschah, durfte sich nicht wiederholen und musste sich darum im Verborgenen entwickeln.

Was der junge Mann in dieser Zeit im Kreise der zwölf Weisen erlebte, führte sein gesamtes Dasein in ein vollkommen anderes Leben. Er war in seinem alten Leben gestorben, und erfuhr seine eigentliche Aufgabe als christlicher Botschafter jener vor- und nachatlantischen Weisheiten, die ihm von den zwölf heiligen Männern zuströmten. Seine Lehrer erkannten, dass durch ihr Wirken, C. R. eine ebenso transformierende Lebenserfahrung machte, wie einst der Apostel Paulus von Tarsus, als er in Damaskus dem auferstandenen Christus begegnet war. Nicht nur absorbierte C. R. das Geheimwissen der zwölf Weisen, sondern es sollte sich daraus später das entwickeln, was man heute als das esoterische Christentum der Rosenkreuzer bezeichnet. Damit hatte der Junge nicht nur das Wissen jener zwölf Lehrer aufgenommen, sondern in sich umgewandelt in eine noch höhere Form der Weisheit: einem wahren Christentum, das sich vollkommen unterschied von jenem der Epoche, in der es sich bildete.

Im Wirken des C. R. und des Kollegiums der zwölf Weisen, wurde zusammengetragen wofür die verschiedenen Religionsbekenntnisse der Welt stande. Aus den okkulten Weisheiten der Zwölf, reduzierte in einem symbolischen Tod jener 13. sein Wissen zu einer Essenz, aus der sich ein vollkommen neues, esoterisches Christentum bilden konnte. Was C. R. damit den Zwölfen aus ihrer Mitte her geoffenbart hatte, zeichneten diese auf, um es später auf geheimen Wegen unter jene zu bringen, die dafür bestimmt waren, es als ihre Nachfahren in den kommenden Jahrhunderten der Menschheit zu offenbaren.

Die Reisen des C. R.

Als C. R. fünfzehn Jahre alt war, brach er auf zu einer großen Reise. Ihn begleitete einer der Mönche jenes Klosters, in dem er damals Zuflucht vor der Inquisition fand. Ihn nennen die Rosenkreuzer den Bruder P. A. L. Angeblicher Grund für ihre Reise war der Besuch des Heiligen Grabes Christi in Jerusalem. In Wirklichkeit aber waren sie auf dem Weg zu einem Einweihungszentrum, von dem sie bereits wussten, wo es sich befand. Ihr Weg dorthin aber war nicht ungefährlich. Jeder der sich zu damaliger Zeit auf lange Reisen in ferne Länder begab, musste sich mit zum Teil negativen Eventualitäten abzufinden wissen.

Und so kam es leider auch, das in Zypern der Bruder P. A. L. verstarb. Doch C. R. blieb nichts als seine Reise fortzusetzen ins syrische Damaskus - jenes Ziel, dass er bereits bei seiner Abreise ansteuerte. Von seinem einstigen Retter in Germelshausen, wusste er, das diese Stadt sich auf dem Pfad der Einweihung befindet.

Zu dieser Zeit, die man auch das Goldene Zeitalter des Islam nennen könnte, war Damaskus eine Hochburg der Gelehrsamkeit. Viele Weise und Gelehrte aus dem alten Persien suchten in dieser Stadt Zuflucht vor den Reiterhorden der Mongolen, die damals aus Zentralasien nach Persien und immer weiter in den Nahen Osten vordrangen.

So fand der junge C. R. in Damaskus die Weisheiten des jüdischen Maimonides, erfuhr von der spirituellen Alchemie des Al-Ghazali und lernte durch die Schriften Al-Mazudis, die alte Geschichte der Welt kennen. Er meditierte wohl über Dschalladin Rumis Masnavi, jenem heiligen Buch der Sufis, worin er wohl auch den mystischen Pantheismus wieder fand, wie ihn auch seine katharischen Vorväter kannten.

Von hier setzte er seine Reise fort ins arabische Damkar. Verwunderlich war, dass man hier C. R. bereits erwartete. Man weihte ihn dort ein, in der geheimen Stadt der Königin von Saba, in die Geheimnisse einer Bruderschaft, die möglicherweise auch in Verbindung stand mit jenen Adepten, aus denen später die Bruderschaften der modernen Freimaurerei hervorgingen. Hier in Damkar fand C. R. das Liber Mundi (auch: Liber M) - das Buch der Welt - worin er das Wissen vom Wesen der Mineralien, Pflanzen und Tiere verzeichnet fand.

Für einige Jahre blieb er bei diesen arabischen Weisen, bevor er seine Reise nach Ägypten fortsetzte. Im Tempel zu Luxor empfing er wahrscheinlich eine Initiation in die Mysterien des Thoth, die vor etwa 3500 Jahren, dort im alten Theben durch den Priesterkönig Tutmosis III. eingeführt wurden. Nach seinem Aufenthalt in Ägypten aber reiste er zu Schiffe über das Mittelmeer in den Westen nach Fessanum - das marokkanische Fès. Es war ein Hort vieler Sterndeuter und Magier, wo C. R. wohl die Kunst der astrologischen Divination erlernte und in Berührung kam mit dem Wissen über die geheimen Naturkräfte.

Von Marokko aus setzte er über Gibraltar nach Spanien über, von wo aus er nach einiger Zeit schließlich nach Deutschland zurückkehrte.

Philosophisches Siegel der Gesellschaft der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Philosophisches Siegel der Gesellschaft der Rosenkreuzer

Die Gründung des Geheimordens der Rosenkreuzer

Sieben Jahre reiste C. R. durch die ganze damals bekannte Welt. Was er in diesen Jahren des Reisens lernte waren die gesamten Weisheiten der alten Welt. Als er dann nach Europa zurückkehrte, begann durch sein Wirken die eigentliche Arbeit der geheimen Bruderschaft vom Rosenkreuz.

C. R. aber war klar, dass seine akkumulierten Weisheiten und sein tieferes Wissen über die Mysterien, den Herzen der Menschen nur ganz langsam zugeführt werden durfte. Was geschieht, wenn solches Wissen auf einmal geoffenbart wird, führte schließlich zu den Greueltaten, die an den Eingeweihten der Katharer begangen wurden. Drum also erwählt er einen Kreis von Menschen, die ihm würdig erschienen in seine Weihseiten eingeweiht zu werden. Diese okkulte Bruderschaft war aber verpflichtet über die von C. R. erfahrenen Geheimnisse zu schweigen.

Er nahm derohalben aus seinem ersten Kloster, zu welchem er eine besondere Zuneigung trug, drei seiner Mitbrüder: G. V., Frater I. A. und Frater I. O., die mehr Kenntnis in den Künsten hatten, als viele ihrer Zeit. Diese drei verpflichtete er, recht zuverlässig, fleissig und verschwiegen zu sein, auch all das, wozu er sie anleitete, mit grosser Gewissenhaftigkeit zu Papier zu bringen, damit die Nachwelt, der die Offenbarung bestimmt war, durch keine einzige Silbe oder Buchstabe betrogen würde.

- Fama Fraternitatis

So also begann mit vier Personen das Wirken der Rosenkreuzer in Europa. Aus dieser ursprünglichen Gruppe entstand jene Bruderschaft, die dann über eine Zeit von drei Jahrhunderten im Verborgenen arbeitete. Auch nach dem Tod des C. R. setzte die Bruderschaft ihre Arbeit fort. Sie blieb dabei verbunden mit dem vollständig erhaltenen Ätherkörper ihres Gründers.

In ihrer Arbeit und der Erforschung des Wesens unserer Welt, veröffentlichten sie ihre Erkenntnisse in der folgenden Zeit. Erst Anfang des 17. Jhd. trat die Bruderschaft der Rosenkreuzer zum ersten mal an die Öffentlichkeit:

  • In 1614 erschien die Fama Fraternitatis (Ruhm der Bruderschaft), aus der man über die Lebensgeschichte des legendären Frater C. R. erfährt.
  • Ein Jahr später erschien die Confessio Fraternitatis (Bekenntnis der Bruderschaft) - das Eingeständnis ihres öffentlichen Wirkens - erschienen als »Confession oder Bekandnuß der Societet und Brüderschaft R. C. an die Gelehrten Europae«.
  • Im Jahre 1616 dann wurde die Die Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459 veröffentlicht, worin in Form eines alchemistischen Romans, die Einweihung des C. R. und die Begründung des Rosenkreuzer-Schulungsweges beschrieben steht.

Fama und Confessio fanden in Europa gewaltigen Anklang. Seit der Veröffentlichung der Fama 1614, erschienen hunderte Drucke, worin die jeweiligen Verfasser mit der Bruderschaft vom Rosenkreuz Kontakt aufnehmen wollten. Andere wehrten sich vehement gegen diese Veröffentlichung, während wieder andere behaupteten selbst die Initiaten dieser geheimen Bruderschaft zu sein. Man könnte die Veröffentlichung der Fama darum zu Recht bezeichnen, als erste multi-nationale Geschichte eines geheimen Komplotts.

Ihre eigentlichen Geheimnisse hielten die Rosenkreuzer aber weiterhin vor dem profanen Geist ihrer Zeit verborgen. Erst weitere hundert Jahre später, sollte ihr esoterisches Wissen der Welt offenbart und in entsprechender Weise darüber gesprochen werden. So also kam es 1785 zur Veröffentlichung der Geheimen Figuren der Rosenkreuzer in Altona. Sie enthielten die gesammelten esoterischen Offenbarungen der Bruderschaft.

In den folgenden Jahrhunderten bildeten sich weltweit Gruppen, Bruderschaften und Kollegien, die im Sinne des C. R. ihre Arbeit am großen Weltprozess erfüllen sollten.

Das Rosenkreuz - ewigeweisheit.de

Die Rose und das Kreuz

Das Wirken des Ätherkörpers des C. R.

Durch die Arbeit der Rosenkreuzer blieb der Ätherleib des C. R. bis in die heutige Zeit hinein erhalten. Hiervon bezogen auch alle seine Schüler Kraft. Da sich seine ätherische Existenz in der Welt jedoch niemals aufgelöst hatte, inkarnierte C. R. in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder. Was die moderne Theosophie und Anthroposophie verkündete, wurde ebenfalls durch die Kräfte des Ätherleibs des C. R. unterstützt - so zumindest will es die Bruderschaft vom Rosenkreuz.

Ziel jener, die im Sinne dieser Gehemímbruderschaft arbeiten, ist jenen Ätherleib des C. R. zu energetisieren und daraus einen Einweihungskörper zu bilden, der für alle Menschen zugänglich ist. Wer aber die wahre Bruderschaft vom Rosenkreuz gegenwärtig bildet, darüber kann an dieser Stelle keine Aussage getroffen werden. Denn es ist wichtig zu wissen, dass in jedem Jahrhundert die rosenkreuzerische Inspiration so gegeben wird, dass die wahren Träger der geistigen Eingebungen des C. R., niemals öffentlich genannt werden. Nur die höchsten Eingeweihten unter ihnen wissen davon. Alles worüber wir heute sprechen können, ist das, was bereits hundert Jahre in der Vergangenheit liegt.

Doch woran liegt das?

Es ist ganz einfach: würden nämlich jene, die im Sinne der ursprünglichen Zwölf heute im Verborgenen agieren, ihre Existenz bekannt geben, wäre die Versuchung viel zu groß solchen Autoritäten eine begeisterte Heiligenverehrung entgegenzubringen. So etwas aber würde nur die Eitelkeit der Betroffenen reizen, was ihre eigentliche Arbeit jedoch zunichtemachten würde.

Ein zweiter, mindestens ebenso wichtiger Grund für die Verschwiegenheit jener zwölf weisen Häupter, ist sich gegen die okkulten astralen Attacken zu schützen, die fortwährend auf solche Individualitäten gerichtet sein würden. Daher also die Bedingung, dass erst hundert Jahre nach der Erkenntnis wichtiger esoterischer Fakten, davon auch gesprochen und darüber geschrieben werden darf.

So glauben also die Rosenkreuzer, dass die Ausstrahlungen des ätherischen Fortbestehens des C. R. auch in Zukunft noch dem Wohle der Menschheit dienen können. Je eher sich nach ihrer Lehre, die Menschen von jeglichem Autoritätsglauben lösen, desto eher werden sie den Ätherleib des C. R. erkennen können. Und je mehr sie sich dabei dieser großen Geist-Individualität nähern, desto mehr Kraft werden sie von ihr für ihre Arbeit empfangen können - zum Wohle aller Menschen.

Das indianische Medizinrad: Symbol der Unversehrtheit

von S. Levent Oezkan

Medizinrad - ewigeweisheit.de

Die Symbolelemente des Medizinrades verbinden die essentiellen Wesensmerkmale von Himmel, Mensch und Erde. Aus den vielschichtigen Bedeutungen dieses heiligen Zeichens, lassen sich die Einflüsse der Himmelsbewegungen ebenso ablesen, wie auch die Effekte ganzheitlicher Heilweisen. So beschreibt das Medizinrad, als Symbol indianischer Religion, die Eigenarten der Stammesrituale und der Lebensführung eines jeden Menschen.

Die makrokosmische Bedeutung dieses Symbols, stellt das religiöse Wesen menschlichen Zusammenlebens dar, im Einklang mit der Natur, Erde und Himmel. In seiner mikrokosmischen Bedeutung, erklärt es die Harmonie der Lebensaspekte im Individuum.

Das Wort "Medizin" im Namen aber, erstreckt sich über einen weiteren Bedeutungshorizont, als wofür wir es in unserer Sprache verwenden. Im Medizinrad nämlich verbirgt sich ein tiefgehendes System, dass im Kontext innerer Spiritualität gesehen werden muss. Das heißt, es hilft nicht allein dem Menschen bei Heilungsvorgängen, sondern führt jemanden zu erleuchtenden Erkenntnissen und Erfahrungen.

Im Folgenden wollen wir uns zuerst mit den äußeren, himmlisch-irdischen Aspekten des Medizinrades befassen, wie später dann mit den in ihm symbolisierten, inneren, menschlichen Aspekten.

Awwakkulé: Die magischen Menschen des Kleinen Volkes

Zu Ehren des Sonnengottes, begingen die amerikanischen Ureinwohner ihre Jahresfeste. Im Mittsommer fand der heilige Sonnentanz statt, an dem neue Initianden in die Geheimnisse der Medizinrades eingeweiht wurden. Das Wissen zur Durchführung dieser Initiationsriten aber, erhielten die Medizinmänner und Häuptlinge von sagenhaften Menschenwesen: den Awwakkulé. So nennt man in der Sprache der Crow, das geheimnisvolle "Kleine Volk". In verschiedenen mündlichen Traditionen werden sie als elfenartige, zwergwüchsige Menschen beschrieben.

Lange bevor die europäischen Invasoren auf den amerikanischen Kontinent kamen, erzählten sich die Arapaho, die Lakota-Sioux, die Cheyenne und die Crow, Legenden von diesem sagenhaften Kleinen Volk. Sie, so heißt es, waren Heiler mit magischen Fähigkeiten, die über eine besondere Medizin verfügten.

Zwergenmumie von San Pedro

Die Zwergmumie von San Pedro: Einst Magierin der Awwakkulé?

Begegnungen mit den Geistzwergen

Ist die Legende von den Awwakkulé aber nichts als nur ein indianisches Märchen?
Archäologische Funde weisen anscheinend auf das Gegenteil hin: 1932 stießen Goldgräber, auf eine sehr gut erhaltene, etwa 40 cm große Mumie einer Frau, die einst Mitglied dieses sagenhaften Volkes war. Man fand den kunstvoll mumifizierten Körper in einer Höhle, in den Bergen von San Pedro, im amerikanischen Bundesstaat Wyoming.

Jenen außergewöhnlichen Menschen, begegneten Anfang des 19. Jhd. aber auch Forscher einer Expedition. Auf ihrer Reise in den Westen der heutigen USA, im Jahre 1804, trafen die Offiziere Meriwether Lewis und William Clark, Angehörige des Kleinen Volkes in der Nähe eines heiligen Ortes: dem Medizinberg. Wie Lewis in seinem Tagebuch vermerkte, waren die Menschen etwa 45 cm groß, trugen riesige Köpfe auf kurzen Hälsen. Ihre kleinen Körper hatten runde Bäuche, doch ihre Arme und Beine waren außergewöhnlich muskulös. Daher die Redewendung der Crow, jemand sei "stark wie ein Zwerg".

Diese eigenartigen Zwerge beobachteten die Eindringlinge sehr genau, waren jene doch auf dem Weg, in eigentlich ihr Territorium, worin sich der heilige Medizinberg befindet. Jeden aber der sich diesem heiligen Ort zu nähern versuchte, töteten sie mit giftigem Pfeil. Das klingt recht märchenhaft, scheint aber weit mehr als eine Legende zu sein. Lewis vermerkte in seinem Tagebuch nämlich, dass die Angehörigen der Stämme der Omaha, Otoe und Lakota-Sioux, das Kleine Volk aus Angst mieden und sich überhaupt nicht erst in die Region des Medizinberges bewegten. So erzählt etwa eine Lakota-Sioux-Legende, wie einst hunderte Krieger wegen des Kleinen Volkes ihr Leben verloren, als sie versuchten sich dem Berg-Heiligtum zu nähern.

In den Volkssagen der Crow sind die Angehörigen des Kleinen Volkes, Menschen mit magischen Heilfähigkeiten. Jedes Jahr brachten darum die Crow, dem Kleinen Volk Opfergaben dar, um sie milde zu stimmen. Man wusste nämlich, dass die Menschen des Kleinen Volkes, Segnungen auf einen Günstling der Crow übertragen und ihn in die Gesetze der spirituellen Welt einweihen konnten. Darum also begaben sich Stammesmitglieder der Crow dennoch in dieses Gebiet, wo sich ein steinernes Medizinrad befindet.

In den Höhlen unterhalb dieses Medizinrades, sollen schon seit mehr als 10.000 Jahren die Angehörigen des magischen Kleinen Volkes gelebt haben. Ihre unterirdische Wohnstatt war angeblich über einen Steinhaufen im Innern des Medizinrades zugänglich.

Vom geheimnisvollen Sinn der indianischen Steinkreise

Einer der ältesten Medizinrad-Steinkreise, befindet sich im kanadischen Majorville und ist archäologischer Schätzungen nach, mehr als 5.000 Jahre alt.
Wie bei diesem befinden sich im Zentrum aller anderen Medizinräder, aufgehäufte Felsbrocken. Diesen Mittelpunkt des Medizinrades umringen Steinkreise, die strahlenförmige Steinlegungen mit dem Zentrum verbinden.

Die alten Medizinräder wurden jedoch immer wieder nachkorrigiert, verschiebt sich der Punkt der Frühlingstagundnachtgleiche doch alle 72 Jahre um 1°. Das heißt, die horizontale Position des Sonnenaufgangs rückt ganz allmählich immer weiter nach Westen.

Auf Grundlage dieser und anderer astronomischer Fakten, erforschte man die Himmelsausrichtungen einiger Medizinräder Kanadas und der USA. Dabei fand man, dass der innere Steinhaufen, der Ausrichtung des Betrachters diente, über dem er den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende beobachten konnte. Die Speichen der Medizinräder halfen dem Betrachter dann, kurz vor Sonnenaufgang, bestimmte Sterne am Horizont zu sehen. Sie waren, wie wir im Folgenden sehen werden, wichtig für die Bestimmung sakral günstiger Zeitpunkte.

Astrotheologische Bedeutung des Medizinrades

Ein verblüffendes Detail liefert das Medizinrad von Bighorn, im amerikanischen Bundesstaat Wyoming. Dieses, wohl aus dem 13. Jhd. stammende Steinmonument, befindet sich nahe eines 3.000 m hohen Gipfels.

Gemäß indianischer Tradition begaben und begeben sich auch heute noch, die Stammesangehörigen zum Medizinberg, um an diesem heiligen Ort zu beten, Visionen zu empfangen und so mit ihren Ahnengeistern Verbindung aufzunehmen. Der Steinhaufen in der Mitte des Medizinrades, diente auch als Opferplatz. So lag dort auch der Totenschädel eines Büffels, in Richtung des Sonnenaufganges.

Medizinrad – ewigeweisheit.de

Alte Fotografie des Medizinrades

Wegen seiner Höhenlage, ist das Bighorn-Medizinrad nur in der Sommerzeit, um die Jahresmitte zugänglich. Das sind die windstillsten Monate mit den längsten Sonnenstunden. Den Rest des Jahres bedecken das Medizinrad Eis und Schnee. Dann ist dieser Ort unzugänglich.

In der warmen Phase des Jahres, konnte man dort, kurz vor Sonnenaufgang, bestimmte Sterne am Horizont aufgehen sehen. Die Ausrichtung der Linien des Medizinrades deuteten damals auf die Positionen von vier Sternen: Formalhaut, Aldebaran, Rigel und Sirius – vier der hellsten Sterne am Himmel.

Was wollten die alten Medizinmänner daran ablesen?

Genau 28 Tage vor der Sommersonnenwende, ereignete sich der heliakische Aufgang des Sternes Formalhaut (den Aufgang eines Sterns nennt man heliakisch, wenn er am Horizont erscheint, kurz bevor er vom Licht des Sonnenaufgangs überstrahlt wird). Sein morgendliches Aufleuchten war ein wichtiges, astronomisches Zeitmaß, denn wenn nach dieser 28-tägigen Periode, kurz vor Sonennaufgang, dann der Stern Aldebaran am Morgenhimmel, über dem Horizont flimmerte, wusste man: in Kürze findet die Sommersonnenwende statt.

Weitere Himmelsmarker waren dann, wiederum 28 Tage später, der heliakische Aufgang des Rigel und weitere 28 Tage später, das heliakische Erscheinen des Hundssterns Sirius. Entsprechend dieser Perioden, die also jeweils 28 Tage dauern, etwa einen lunaren Monat, erbaute man das Bighorn-Medizinrad mit seinen 28 Speichen. Diese Zeitabschnitte von jeweils 28 Tagen, markierten einen sakralen Zeitpunkt, der für die Riten der Crow von Bedeutung war: das Fest des Sonnentanzes.

Skizze des Medizinrades – ewigeweisheit.de

Skizze der Positionen des Medizinrades:
A = Aufgangspunkt Aldebaran, B = Aufgangspunkt Rigel, C = Aufgangspunkt Sirius, D = Aufgangspunkt Formalhaut, E = Standpunkt des Beobachters des Sonnenaufgangs zur Sommersonnenwende, F = Beobachtungspunkt der heliakischen Aufgänge der vier Sterne, G = Zentrum des Steinkreises

Der Sonnentanz

Kehren wir noch einmal zurück zu den sagenhaften Awwakkulé. Sie spielten im Glauben der Crow, eine ganz zentrale Rolle. Von ihnen bekamen sie das spirituelle System, dass hinter der Sonnentanz-Zeremonie steht. Und dieser sakrale Tanz, so die indianischen Weisen der Crow, gehört zu den ältesten Zeremonien der Menschheit.

Um den Sonnentanz zu feiern, baute man die sogenannten Sonnenzelte, deren Runddach 28 strahlenförmige Zeltbalken zusammenhielten – ebenso wie die 28 Steinstrahlen des Medizinrades. In dessen Mitte befand sich die zentrale Zeltstütze. Hieran banden sich die Teilnehmer fest. Dieser Stamm in der Mitt des Zeltes war ein Symbol für die Weltachse, über die die Erde mit der Welt des Himmlisch-Göttlichen verbunden ist. Die 28 strahlenförmigen Dachbalken, standen für den Zyklus von Licht und Finsternis, wie ihn der Mond reflektiert. Auch sind sie ein Abbild des heiligen Büffels, dessen Brust 28 Rippen zusammenhalten. Der Büffel bedeutete den Indianer in alter Zeit sehr viel. Er gab Nahrung und Kleidung, man stellte aus seinem Gerippe Werkzeuge und Geräte her. Aus Dankbarkeit dafür verehrte man die Seelen dieser heiligen Tiere, als Geistwesen, da sie den Indianern alles gaben, was sie zum Überleben benötigten.

Heilige Rituale im Sonnenzelt

Die Sonnenzelte nun, baute man zu Ehren der Awwakkulé. Eines der Ratsmitglieder des Sonnentanzes, war selbst Mitglied der sagenhaften Awwakkulé, durch das den Teilnehmern die Visionen und geistigen Einsichten übertragen wurden. Auch wer als bester Tänzer auserkoren wurde, oblag dem Ratsmitglied der Awwakkulé.

Diese Zeremonie aber wurde vor allem zur Sommersonnenwende gefeiert und dauerte 28 Tage lang, die man mit vier sehr intensiven Tagen des Rituals beschloss. Die darin ausgeführten Zeremonien ähnelten auch jenen anderer Stämme und waren begleitet von Tänzen, Gesängen und Trommelmusik. Man betete, meditierte und fastete.

Manche der Teilnehmer empfingen Visionen in das Geheimnis des Todes. Jene Initiationserfahrung aber war nur den Anwärtern der Krieger vorbehalten. Für die anderen Mitglieder bestand die Sonnentanz-Zeremonie überwiegend aus Gebeten, die man für sich oder einen Verwandten ausübte. Auf anderer Ebene, diente das Sonnentanzfest vor Allem der Sippe und der Erde.

Im Glauben der Crow hoffte man durch den Sonnentanz, regenerierende Himmelskräfte auf die Erde zu führen und damit das irdische Treiben, jedes Jahr zur Sommersonnenwende neu zu beleben – war das doch die Phase, in dem die Tage des Jahres wieder kürzer wurden und die Mächte des Todes wieder Einzug in das Leben von Mensch und Natur nehmen.

Indianischer Sonnentanz – ewigeweisheit.de

Indianischer Sonnentanz: ein wichtiger Bestandteil der Tradition des Medizinrades.

Eine äußerst schmerzhafte Einweihungszeremonie

Im Sonnentanz trafen die Stammesangehörigen zusammen, um ihren Glauben zu festigen. Der Sonnentanz hatte also eine spirituelle und auch soziale Bedeutung. Traditionell waren es Männer, die am Sonnentanz teilnahmen. Durch die besonderen Rituale des Sonnentanzes erkannten sie die Wesensbeschaffenheit des Universums und des Übernatürlichen.

Man erbrachte Opfer, teils durch besonders schmerzhafte Selbstkasteiungen, um sich dabei an die Todesgrenze zu führen. In einer so gesteigerten Trance, empfingen die Tänzer besondere Visionen, woraus sie Antworten auf ihre Lebensfragen erhielten. Sie durchstachen dazu ihre Haut an verschiedenen Stellen, durchzogen sie mit Schnüren und ließen sich daran aufhängen. Ziel dieser absichtlich herbeigeführten Schmerzerfahrung, war, das Leid der Frauen während der Geburt zu erleben. Man wollte so das Geheimnis des Blutes und des Schmerzes ergründen, ohne Krieg führen zu müssen.

Medizinrad der Lakota – ewigeweisheit.de

Das Medizinrad der Lakota-Sioux.

Das Medizinrad der Lakota-Sioux

Dieses Medizinrad bildet ein Kreis, der ein Kreuz umringt. Grundlegend stellt dieses Symbol den Erdkreis und die vier Himmelsrichtungen dar: Osten, Norden, Westen und Süden. Zwar stehen sich die Himmelsrichtungen gegenüber, wodurch sich das innere Kreuz bildet, doch seine Enden sind dennoch miteinander verbunden; dafür steht der äußere Kreis. Das also sind die vier Dimensionen des Medizinrades.

Würde man dieses Medizinrad horizontal legen, wiese der Kreuzungspunkte der Ost-West- und der Nord-Süd-Linien, nach oben und nach unten: die fünfte und sechste Dimension. Jene Kreuzung aber ist das Zentrum und bildet damit eine siebte Dimension. Das Medizinrad repräsentiert die Dimensionen, deren harmonisches Zusammenwirken sowohl Lebenszyklen, als auch die menschliche Gesundheit begünstigen:

  • Die vier Himmelsrichtungen,
  • das himmlische Prinzip des Vaters,
  • das irdische Prinzip der Mutter und
  • der Zauberbaum, als Symbol des Weltenpols.

Heilung mit dem Medizinrad: spirituell, psychisch, körperlich, emotional

Im Folgenden nun, wollen wir uns mit den vier ersten Dimensionen des Medizinrades befassen. Ihnen teilte man die vier Farben Gelb, Weiß, Schwarz und Rot zu. Sie stehen für die vier alten Kontinente in der Welt, die einst den Urkontinent Atlantis umgaben und heute bekannt sind unter den Namen Asien, Europa, Afrika und Amerika. Wäre die Welt heute vollkommenen, strebten die Menschen dieser Kontinente danach, sich miteinander zu verbinden. Unglücklicherweise, scheint das gegenwärtig jedoch nur schwer möglich zu sein.

Die Medizinmänner der Lakota-Sioux sagen, dass wir aus den vier Himmelsrichtungen heilige Gaben des großen Geistes (Gott) bekommen - in Form der vier Elemente Feuer, Wind, Wasser und Erde. Da nun jede dieser Himmelsachsen durch den Erdkreis miteinander verbunden sind, führen Ungleichgewichte im Süden (zum Beispiel Abholzung der Regenwälder, Störung des Erdelements) zu Ungleichgewichten im Norden (wie durch Stürme, sich als Störung des Windelements auswirkend). Und was sich im Großen abspielt, ähnelt auch dem, was im Leben eines Menschen vor sich geht: wer unter Depressionen leidet (Süden), dessen Denken (Norden) ist verwirrt.

Anmerkung:
Weiter unten im Text befindet sich eine Tabelle. Darin finden Sie die Zuordnungen der vier Himmelsrichtungen zu verschiedener Ebenen des Medizinrades. Wenn nun hinter einem Begriff oder Konzept, in Klammern eine Himmelsrichtung steht, soll Ihnen dass dabei helfen, in der Zuordnungstabelle Entsprechungen zu finden.

Das Wort Medizin im Namen dieses Symbols, steht für das menschliche Sein. Aus dem Osten strömt dem Menschen seine spirituelle Fähigkeit zu, aus dem Norden sein Intellekt, aus dem West seine Körperlichkeit und aus dem Süden seine Emotionen.

Kommt es zu einem Ungleichgewicht im Medizinrad, wird ein Mensch krank. Bei den Lakota-Sioux helfen die Medizinmänner, diese Disharmonien auszugleichen und beherrschen die große Fähigkeit, alle vier Aspekte im Gesamtzusammenhang zu betrachten und Menschen zu helfen wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Sie "entfernen" keine Krankheiten, wie es in der modernen Medizin der Fall ist, sondern helfen dem Betroffenen, seinen Symptomen entsprechend, sich aus sich selbst heraus zu heilen. So spielt der Kranke seine eigene Rolle im Heilungsprozess.

Noch immer versucht die moderne Medizin, diese verschiedenen Dimensionen menschlichen Daseins, voneinander zu trennen. Der Mensch aber steht eigentlich im Zentrum des Medizinrades und ist für die Wirkungen, die ihm aus den vier Himmelsrichtungen zuströmen, selbst verantwortlich. Dennoch glauben die meisten, dass sich andere um diese göttlichen Gaben kümmern müssen. Sie brauchen dann einen Priester oder Guru, der ihnen ihre Spiritualität (Osten) liefern soll. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht durch einen spirituellen Lehrer schneller ans Ziel kämen, als alleine. Eher soll auf die Passivität vieler Menschen hingewiesen werden, die vollkommen von ihrer spirituellen Kraftquelle abgeschnitten sind und auch nicht glauben, dass Spiritualität zuerst in ihnen selbst empfunden werden kann.
Für psychische Probleme (Norden) ist ein Therapeut wichtig. Natürlich kann er einem helfen, die eigenen Probleme selbst zu lösen. Was aber die westliche Medizin, zumindest mir vermittelt, ist, dass man zu jemandem geht, der einem ein Problem entfernt. Aus diesem Grund wird in der Chirurgie auch viel operiert und herausgeschnitten. Es scheint einfach an Zeit zu fehlen, die Ursachen der Unausgewogenheiten im individuellen Medizinrad zu erkennen. Wem das aber gelingt, kann Mangelerscheinungen durch die eigenen Stärken harmonisieren und ins Gleichgewicht zu bringen. Voraussetzung dafür aber ist die Kenntnis der eigenen Stärken. Heutzutage sind die meisten Menschen jedoch mit allem anderen beschäftigt, haben sich und ihr innerstes Wesen aber anscheinend vergessen.

Wer körperliche Beschwerden hat (Westen) geht einfach zu einem Arzt, der einem zum Beispiel etwas gibt, dass man einnimmt – ein Mittel aus dem Außen, dass das innere Problem beseitigen muss.
Man sollte aber vorsichtig sein, einfach nur die Schulmedizin als negativ abzustempeln, was in der alternativen Heilerszene viel zu häufig geschieht. Chirurgie und Allopathie einfach zu verteufeln, ist sicherlich ein falscher Weg. Denn beide gehören zum physischen Aspekt (Westen) des Medizinrades und erfüllen durchaus ihren Sinn.

Es sind eben alle vier Aspekte des Medizinrades untereinander verbunden und weisen ganz deutlich auf das oben angedeutete Problem: die meisten Menschen fühlen sich als Opfer äußerer Umstände, da sie nicht mehr über die zeitlichen, mentalen oder emotionalen Kapazitäten verfügen, um in sich, nach den Ursachen ihrer Probleme zu suchen.
Denn auch was unsere Emotionen angeht (Süden), dafür scheinen die meisten Menschen, am liebsten ihre Freunde und Familienangehörigen verantwortlich zu machen. Steht man dann nicht vollkommen unter der Kontrolle seiner Außenwelt?

So bleibt jemand unfähig alle vier Aspekte seines Daseins zu kontrollieren. Wie auch sollte er etwas in Griff bekommen, hat er doch für jeden Aspekt andere Menschen, die sich darum kümmern. Wer aber lernt, sich selbst im Zentrum seines individuellen Medizinrades zu sehen, kontrolliert diese vier Aspekte von innen heraus und wirt dabei gleichzeitig auch positiv auf seine Umwelt.

Wer den Glauben verloren hat, findet ihn wieder im Gebet. Wer nervös, verwirrt oder ängstlich ist, dem wird Meditation helfen. Einen kranken Körper und emotionale Probleme können Pflanzen heilen.

Das Medizinrad und die Kreisläufe des Lebens

Viele von uns haben bereits die Erfahrung gemacht, dass sich geistig-nervliche Belastungen (Norden) negativ auf unser körperliches Befinden (Westen) auswirken, während körperliche Beschwerden auf die Dauer emotionale Depressionen (Süden) begünstigen (zum Beispiel bei Übergewicht). Doch wenn ein Mensch weiß, dass die vier Aspekte seines Daseins alle miteinander verbunden sind, kann er sich selbst helfen und mit einem dieser Aspekte, der am stärksten ausgeprägt ist, zur Harmonisierung der anderen Aspekte beitragen. Somit könnte eine spirituelle Ausrichtung (Osten) zur Harmonisierung des intellektuellen, emotionalen und körperlichen Wohlbefindens beitragen. Das diese Annahme berechtigt ist, zeigt uns etwa die Tatsache, dass Menschen, die sehr krank sind oder im Krankenhaus liegen, sich plötzlich öffnen und nach Rat eines Priesters suchen.

Alle vier Aspekte des Medizinrades sind also miteinander verbunden und wirken aufeinander.

Unsere Werte (Osten) sind der Maßstab für unsere Entscheidungen (Norden). Sie wiederum realisieren wir in unseren Handlungen (Westen), die uns zu bestimmten Reaktionen (Süden) bringen, woraus unsere Emotionen entstehen. Diese wiederum bestätigen oder erübrigen die Bedeutung unserer Werte (Osten). Damit schließt sich der Kreis und beginnt von Neuem. Verwenden wir also die Qualitäten, die uns aus den vier Himmelsrichtungen zuströmen auf diese, kreisläufige Weise, können wir jeder Zeit damit beginnen, unser Leben zu verändern und auch zu etwas Besserem zu führen.

Es scheint also, als wurzelte alles was wir tun, in unserer Spiritualität – dem was im Medizinrad dem Ort der aufgehenden Sonne entspricht: dem Osten. Alle Entscheidungen (Norden) die wir treffen, unsere Handlungen (Westen) und Reaktionen (Süden), entspringen unserem Wertesystem (Osten) – sei es religiös oder säkular, traditionell oder modern. Genau darum sprechen die Stammesältesten der Lakota-Sioux, von der Heiligkeit unseres Lebens und der eigentlichen Spiritualität, der all unsere Handlungen zu Grunde liegen. Sie sagen, dass wir auf unsere Gefühle hören sollten, stets unserer Werte bewusst. Damit stärken wir unsere Fähigkeit, richtige Entscheidungen zu treffen und ihnen gemäß, rechtschaffen zu handeln. So werden wir in uns selbst und in unserer Umwelt Harmonie vorfinden und zum Wohle allen Lebens beitragen.

  Rot Weiß Gelb Schwarz
Richtung Süden Norden Osten Westen
Kontinent Amerika Europa Asien Afrika
Tageszeit Mittag Mitternacht Morgen Abend
Jahreszeit Sommer Winter Frühling Herbst
Lebenszeit Jugend Alter Geburt Tod
Elemente Erde Wind Feuer Wasser
Krafttier Wolf Bison Adler Bär
Kraftpflanze Mariengras Zeder Tabak Salbei
Symbole Herz Geist Seele Leib
Empfinden Emotional Intellektuell Spirituell Körperlich
Verhalten Reaktionen Entscheidungen Werte Aktionen
Handlung Geben Empfangen Bestimmen Halten
Typus Lehrer Krieger Seher Heiler
Tugend Großzügigkeit Tapferkeit Weisheit Seelenstärke

Die mündliche Geheim-Tradition

Wir hatten uns im Verlauf dieses Textes nun mit den Wissensaspekten beschäftigt, die über das Medizinrad bekannt sind. Das magische Bild, dass die Symbolik des Medizinrades auf makrokosmischer, wie auf mikrokosmischer Ebene projiziert, zeigt ganz deutlich seinen universalen Sinngehalt. Sicher aber finden sich in den mündlichen Traditionen der noch heute lebenden Indianer, viele weitere Aspekte dieses heiligen Symbols, die für uns aber leider verborgen bleiben und vielleicht nur den Eingeweihten von Mund zu Ohr übermittelt werden.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass solch verborgenes Wissen ganz und gar nicht kompliziert sein muss, wie vielleicht manche glauben mögen. Naheliegend erscheint mir deshalb, dass es in einer mündlichen Tradition, um die Vollendung des hier vorgestellten Systems gehen könnte.

Wir sprachen ja über die verschiedenen Ebenen, die sich nach vier Himmelsrichtungen hin ausbreiten (siehe Tabelle). Was sich jedoch ausbreitet, hat einen Ursprung und bildet die Mitte. Sie ist die fünfte Himmelsrichtung im Medizinrad. Es ist eine polare Größe in der Welt: die kosmische Senkrechte. Sie durchstrahlt die unveränderlichen Wesensmittelpunkte von Himmel, Mensch und Erde. Auf der Erde repräsentiert sie die Polachse, um die sich unser Heimatplanet ununterbrochen dreht. Von der Himmelsmitte aus, erstrahlt das Licht ihres astralen Repräsentanten, ausgehend vom Hauptstern der himmlischen Konstellation des Kleinen Bären: Polaris.

Und so wie diese kosmische Senkrechte, als Weltachse Himmel und Erde durchragt, berührt ihr Strahl auch das Herz des Menschen. Dieses große Geheimnis erfahrend, wünscht sich der Initiand sein Leben mit den zyklischen Gesetzen dieser kosmischen Größen in Einklang zu bringen. Damit symbolisiert das Medizinrad den Weg des Herzens, auf dem einer zum ursprünglichen, wahren Menschsein zurückfinden kann.

Die besondere Struktur des Medizinrades ist, wie wir sehen konnten, universal, denn seit jeher verwendeten es die indianischen Weisen als Bestimmungsmittel für sakrale Zeitpunkte, Orte und Begebenheiten – zum Heil der Erde und der auf ihr lebenden Menschen. Daher vielleicht die Aussage mancher indianischer Weiser, dass das Medizinrad durch den Sonnengott vom Himmel auf die Erde kam. Schließlich bilden sich seine Symbolelemente (Kreuz, Pol und Kreis) ja genau dem kosmischen Tanz von Sonne und Erde entsprechend.

Wie wir sehen konnten, ist das Medizinrad ein universales Symbol zur Harmonisierung der Natur, eines Volkes und seiner Menschen. Seit bereits über 10.000 Jahren wird das Symbol darum zu diesen Zwecken verwendet. Wer also den Anweisungen folgt, die sich aus seiner Symbolik ablesen lassen, wird dazu befähigt, sein Leben zu Harmonie und Gleichgewicht zu führen.

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Die Reise des Helden: Auf dem Weg zu unserem wahren Selbst

Die Reise des Helden: Auf dem Weg zu unserem wahren Selbst

Viele Märchen, Legenden und Mythen erzählen von der Reise eines Helden, der sich in ein Abenteuer stürzt, sich in schwierigen Herausforderungen behaupten muss, mit dem Ziel etwas Besonderes zu finden. Mit was er da zurückkehrt in seine alte Welt ist ein Elixier, ein Schatz, der Gral - etwas wodurch er sich vollkommen verwandelt: vom naiven Narren zum wahren Helden. Alle Erzählungen von Heldenreisen folgen einem gemeinsamen, sich stets wiederholenden Muster, das diese Metamorphose darstellt.

Was wir hier eben als Heldenreise einführten, darüber schrieb ausführlich der amerikanische Mythologe Joseph Campbell in seinem Buch "Der Heros in Tausend Gestalten". Mit Campbell schließlich war es der dieses Grundmuster in Heldenmythen überhaupt erst identifizierte. Dabei untergliederte er die Heldenreise in drei Abschnitte: eine Trennung oder ein Aufbruch aus der gewohnten Welt, worauf die Initiation (Einweihung) folgt und schließlich eine Rückkehr und damit eine Integration des Erfahrenen in ebenjenen Ausgangszustand.

In jedem dieser Abschnitte aber durchläuft der Held auf seiner Reise jeweils mehrere Stationen.

Dieser Monomythos, wie man die Heldenreise auch nennt, half vielen Autoren und auch Filmemachern, den Handlungsablauf ihrer Erzählungen so zu konzipieren, dass sich der Leser oder Kinobesucher, auch tatsächlich mit den Protagonisten des Geschehens identifizieren konnte. Natürlich ist das Konzept der Monomythos älter als Campbells Buch und sicher wusste davon auch J. R. R. Tolkien, als er den "Herrn der Ringe" verfasste. Dennoch war er es der dem Monomythos eine strukturierte Form verlieh. Außerdem sollte Campbells Arbeit zum großen Erfolg des Hollywood-Filmes von George Lucas beitragen, dem "Krieg der Sterne" (1977).

Psychologie der Heldenreise

Wer sich mit dem Konzept der Heldenreise schon einmal befasst hat, merkt schnell, dass ihm auch andere Geschichten und Märchen folgen, wie etwa die Gralserzählung (Parzival) des Wolfram von Eschenbach. Immer geht es in den Heldenmythen um die Reise eines Suchenden, der im Finden seines wahren Selbst und seiner eigentlichen Lebensaufgabe, immer auch anderen, wenn auch nicht allen Menschen, zu einem besseren Leben verhilft.

Aus diesem Grund gewann die Heldenreise auch in der Psychotherapie und Selbsttherapie, in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung. Doch wie auch in anderen psychologischen Modellen, ist das System der Heldenreise kein Gesetz, dass sich immer auf einen Lebenslauf oder das Handlungsgeschehen eines Mythos anwenden lässt. Es lohnt sich also durchaus mit den verschiedenen Stationen der Heldenreise "zu spielen", sie zu vertauschen oder einfach auzulassen, sie zu wiederholen oder andere, individuelle Stationen einzubauen.

Es lohnt sich aber allemal Campbells Heldenreise zumindest untersucht zu haben, was im Folgenden geschehen soll. Die Punkte des anschließenden Inhaltsverzeichnisses sind verlinkt und führen zu detaillierteren Beschreibungen.

1. Trennung / Aufbruch

Im ersten Abschnitt der Reise verlässt der Held seine gewohnte Umwelt. Gewiss klingen da auch Töne der Trennung an, wie sie etwa ein Mensch vollzieht, der das Elternhaus verlässt oder das kleine Kind, das sich zum ersten mal dem Gebot oder einem Verbot der Mutter widersetzt. Immer begibt sich einer da in eine neue Welt der Ungewissheit.

  1. Der Ruf ins Abenteuer
  2. Sich dem Ruf verweigern
  3. Übernatürliche Hilfe
  4. Das Überschreiten der ersten Schwelle
  5. Im Bauch des Walfischs

2. Einweihung

Dieser Zweite Abschnitt ist der wesentliche Teil der Heldenreise. Denn hier erhält der Held seine Einweihung. In verschiedenen Tests und Ritualen wird er auf seine wahre Heldenrolle vorbereitet. Durch Kühnheit und Kampfesmut bringt er seinen wahren Charakter zum Ausdruck.

  1. Der Weg der Prüfungen
  2. Die Begegnung mit der Göttin
  3. Die Versucherin
  4. Versöhnung mit dem Vater
  5. Vergöttlichung (Apotheose)
  6. Endgültige Segnung

3. Rückkehr

Nach der Einweihung ist aus dem Reisenden ein wahrer Held geworden. Jeder der ihm begegnet erkennt ihn sofort auch als solchen. Doch auch in diesen Begegnungen wird der Held noch einmal herausgefordert. Bevor er in die gewohnte Welt zurückkehren kann, muss er erst unter Beweis stellen, dass er sich seine Einweihung auch verdient hat - was ihn in seiner Rolle erneut auf die Probe stellt oder ihm eben auch neuen Kummer bringt.

  1. Verweigerung zurück zu kehren
  2. Die magische Flucht
  3. Rettung von außen
  4. Rückkehr über die Schwelle
  5. Meister in zwei Welten
  6. Freiheit zum Leben

 

Suche nach dem Gral - Suche nach dem Selbst

von Johan von Kirschner

Der Heilge Gral - ewigeweisheit.de

Viele haben vom Heiligen Gral gehört, nur wenige aber wissen um seine wirkliche Bedeutung und Kraft. Die Legenden, die diesen sonderbaren Gegenstand umranken, wurden von den Troubadouren im mittelalterlichen Europa besungen. In ihrer Minnedichtung ging es um die »große Queste«: die Suche nach einem Objekt sakraler Vollkommenheit.

Queste – da klingt das englische Wort »Question« an – die Frage nach dem was ist, ein Suchen nach Antworten auf die Frage nach dem innersten und essentiellen Wesen des Selbst. Letztendlich eine Suche nach Gott. All das vereint in sich das Wort Gral.

Im Mittelalter kamen Legenden von solch einem Kuriosum, nur durch Troubadoure und Meistersinger unters Volk. Kaum jemand konnte damals lesen. Für denjenigen, der die große Gralsgeschichte Parzival verfasste, war das anscheinend nicht anders: Wolfram von Eschenbach sagte über sich selbst, Analphabet gewesen zu sein und der schriftlichen Sprache gar nicht mächtig. Anscheinend dichtete er aus freien Stücken, lernte auswendig. Das muss ihm ja aber einer diktiert haben, und da wird als Quelle angegeben Kyot de Provence, ein französischer Troubadour, der Kontakt hatte mit Wolfram. Wahrscheinlich trafen die beiden zusammen auf Wolframs Residenz im Odenwald, der Wildenburg- Dort erfuhr er von Kyot die geheimnisvolle Geschichte von der Suche nach dem heiligen Gral. Natürlich war es nichts, das sich Kyot selbst ausgedacht hatte, sondern seinerseits auf die Geschichte kam, im spanischen Toledo. Er selbst fand dort einst eine arabische Handschrift, die ein persisches Märchen erzählt.

Wenn man das Wort »Gral« betrachtet als was es in den Legenden erscheint, dann ist es manchmal ein Kelch, manchmal ein Stein, doch manchmal auch eine Perle – und das Wort Gral auf persisch, »gohar al«, ist die Perle der Weisheit. Von einer »kostbaren Perle« liest man auch im Matthäus-Evangelium. Insbesondere die Akten des Apostels Thomas, erzählen eine ganz wunderschöne Geschichte, die für die christliche Gnosis des 3. Jhd. n. Chr. und die Manichäer, von hoher Bedeutung war: »das Lied von der Perle«. Wie in Wolframs Parzival, ist in diesem gnostischen Märchen, ein Prinz auf der Suche nach einem besonderen Gegenstand. In seinem Fall ist es ein geheimnisvolle Perle. Sie soll er den Fängen eines Drachen entreißen. Der Prinz ist ein Sinnbild für die Seele. Und die Suche nach der Perle symbolisiert die Reinheit und Weisheit dieser Seele – die Gnosis. Dem dualistischen Weltbild der Manichäer, ähneln die Vorstellungen der zwischen dem 10. und 15. Jhd. in Europa lebenden Bewegung der Bogomilen – der »Gottesfreunde«. In ihrer Philosophie standen ihnen die Katharer und Albigenser Südfrankreichs nahe. Sie assimilierten Teile der manichäischen Philosophie.

Wolfram von Eschenbach - ewigeweisheit.de

Wolfram von Eschenbach - Illustration aus dem Codex Manesse (UB Heidelberg) um 1305.

Die Ahnen des Gralsgeschlechts

Im alten Perser war Ahura Mazda der Gott des Lichts. In der alten zoroastrischen Religion stand er im Mittelpunkt als höchster Gott des Lichtreiches. Bei Wolfram beginnt die Ahnenreihe der patrilinearen Linie mit dem Namen Mazadan, worin dieser Gottestitel anklingt. Ahura Mazda war Mazadans himmlischer Vorfahre, letzterer, wenn man so will, Ahura Mazdas irdische Inkarnation. Mazadan hatte mit Ter de la Schoye, einer Fee aus Avalon, zwei Söhne: Brickus und Lassalies. Brickus war der Vater von Uther Pendragon. Uther und Igraine, die eigentliche Gattin des Gorlois von Cornwall, wurden die Eltern des jungen Artus, dem späteren König der Tafelrunde.

Mazadans anderer Sohn Lassalies, wurde Vater von Addanz von Britannien, der seinerseits Vater des Gandin werden sollte. Gandin und Schoette zeugten Gamureth – den großen Streiter und Vater des Helden Parzival. Das ist die aus dem alten Perserland entsprungene, patrilineare Abstammungslinie der Gralssippe.

Die matrilineare Ahnenreihe geht auf das sagenhafte Troja zurück. Bestimmte Personen in dieser Abstammungslinie sind eng verbunden mit den bekannten Insignien und Symbolen, die mit dem Gralsmysterium assoziiert werden. Das ist einmal die Heilige Lanze, ein andermal der Kelch. Der Held Achilles hielt in seiner Hand diese Lanze, als er die Heere anführte bei der Eroberung Trojas. Diese Geschichte galt später als symbolisches Vorbild der römischen Centurionen, von denen einer für das spätere Christentum, ja eine wichtige Rolle spielen sollte: Longinus. Dieser Hundertschaftführer war angeblich im Besitz der Lanze des Achill, von der wir in der alten Sage vom Trojanischen Krieg erfahren. Mit ihr soll er dem sterbenden Jesus in die Seite gestochen haben, um ihn von den Kreuzesqualen zu erlösen. Im Kontext Alt-Trojas steht auch ein magisches Gefäß. Tros, der Ahnherr Trojas, hatte einen Sohn, Ganymed, der eine heilige Schale besaß. Mit ihr kredenzte er den Göttern auf dem Olymp den Trank der Unsterblichkeit – die Ambrosia. Es sollte diese magische Trinkschale über viele Generationen hinweg, weitergereicht werden, bis sie schließlich in die Hände von Joseph von Arimathäa kam. Er war ein reicher Jude und Jünger Jesu Christi. Mit dieser heiligen Schale, die identisch mit dem Kelch des Abendmahls ist, sammelte Joseph das Blut auf, das aus dem Körper Jesu, nach dem Lanzenstich des Longinus, aus seiner Seite rann. Von Pontius Pilatus erbat er sich den Körper des verstorbenen Heilands und legte ihn, in das für ihn selbst vorgesehene Grab auf Golgatha. Der mit dem Blut des Christus gesegnete Kelch wurde schließlich zum Symbol des heiligen Grals.

Stammbaum der Gralsfamilie - ewigeweisheit.de

Schaubild: Stammbaum der Gralsfamilie.
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Titurel - der erste Gralshüter

Die Römer waren sehr stolz auf ihr altes trojanisches Erbe. So auch der nach Jesus Zeiten lebende Kaiser Vespasian. Er soll maßgeblich an der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem beteiligt gewesen sein. Einer seiner Feldherren, Parille (das ist die westliche Variante des Namens Beryllus, der Stein), wurde einer der Vorfahren der Franken. Als großen Feldherrn belohnte man Parille mit viel Ländereien in Franken, d. h. dem heutigen Frankreich. Er heiratete die Argusille, die Tochter Kaisers Vespasian, mit der er einen Sohn hatte: Titurisone. Er ist die erste Person, die relevant ist in der Gralserzählung des Wolfram von Eschenbach. Titurisone vermählte sich später mit Elizabel von Aragon, einer spanischen Fürstentochter. Ihr Sohn, Titurel, sollte dann erster Gralskönig werden. Er errichtete die Gralsburg auf dem Montsalvatsch – dem Mont Salvationes, dem gesegneten Berg. Dort lebten gemeinsam mit Titurel, die sogenannten Tempeleisen, Ritter am Gral. Ganze 400 Jahre sollen Titurel und seine Ritter auf dem Montsalvatsch gelebt haben. Im Alter von unglaublichen 400 Jahren, empfing Titurel eine göttliche Eingebung. Er sollte sich vermählen und für Nachkommen der Gralssippe zu sorgen. Er heiratete die Richaude, die ihm den Frimutel gebar. Frimutel vermählte sich mit Klarissa. Sie wurden die Eltern der berühmten Gralsfamilie, über die wir im Folgenden sprechen wollen.

Die Kinder von Frimutel und Klarissa waren der sagenhafte Fischerkönig Amfortas, der Eremit Trevrizent, die Gralsjungfrau Repanse de Schoye und Herzeleide. Sie war Gemahlin des oben erwähnten Gamureth, aus der patrilinearen Ahnenreihe der Perser, mit dem sie einen Sohn hatte: Parzival. Doch Gamureth kam im fernen Babylon ums Leben. Um ihr einziges Kind vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren – denn er war alles was ihr geblieben war –, begab sie sich mit ihrem Sohn, ängstlich und verzweifelt, in die Einöde von Soltane. Dort lebten sie in der Isolation der Wildnis. Herzeleide wollte um jeden Preis verhindern, dass ihr Sohn Parzival auch ein Ritter wird, dem das gleiche Schicksal widerfährt, wie seinem Vater Gamureth. In Wolframs Parzival verkörpert sie Abhängigkeit in Person. Dies hatte sich selbst auf ihren Sohn übertragen. Sie hatte sich mit Parzival einen »Ersatzmann« geschaffen – wozu man heute vielleicht »Ödipuskomplex« sagen würde. Der kleine Parzival war völlig unselbstständig, völlig abhängig von seiner Mutter, hatte keine Vorbilder, Verantwortung war ihm fremd. Nun, diese Isolation, dieses soziale Vakuum, dem sich die beiden ausgesetzt haben, barg gleichzeitig, etwas Gutes. Denn wenn diese Isolation auch etwas anscheinend Negatives vermuten lässt, führte es doch dazu, dass ihr Sohn einst selbst König am Gral werden sollte.

Parzival – der Tumbe Tor

Wolframs Parzival ist eine Heldengeschichte und sie beginnt mit einem Vakuum, d. h. mit etwas völlig Sinnlosem, etwas Idiotischem. Doch wie in vielen Sagen und Märchen, ist es oft ja der Narr, der Dümmste, der Jüngste, der sich zum Retter verwandelt, zum Helden wird.

Am Anfang war die Leere, so erzählen es zumindest die Schöpfungsmythen. Und in dieser Leere entstand ein Chaos, dass sich aber selbst ordnete und in seiner Finsternis plötzlich ein Licht aufstrahlt. Im Parzival sollte sich das, symbolisch ereignen, als aus der Finsternis des dunklen Waldes von Soltane, plötzlich drei Ritter mit golden glänzenden Rüstungen erscheinen. Der kleine Parzival war gerade unterwegs auf der Jagd. Er sieht sie und hält die Ritter tatsächlich für Götter. Gleich eilt er ihnen entgegen und will eines ihrer Schwerter greifen. Das Schwert als Symbol des Sonnenhelden, steht für Mut und Macht. Mit Schwert und Lanze stürzte der solare Erzengel Michael, Luzifer und seine diabolischen Heere vom Himmel. Dieses Schwert stand auch, ohne das er es selbst wusste, dem Parzival zu, als eigentlichem Königssohn der Gralsfamilie. Doch das Schwert ist auch das, was trennt. Und in diesem Falle, das Alte vom Neuen, weil Parzival langsam erkennt, dass er sich nach einem edleren Leben, etwas abenteuerlichem sehnt. Von den Rittern erfährt er auch vom Hof des König Artus. Er will auch Ritter werden. Natürlich äußert er diesen Wunsch gegenüber seiner Mutter, die damit, wie könnte es anders sein, nicht einverstanden ist. Nichts aber kann Parzival mehr aufhalten. Das Auftauchen der Ritter in ihren glänzenden Rüstungen, ist für Parzival wie ein Ruf, etwas das ihn anspornt die wirkliche Welt zu entdecken.

Herzeleide kann ihn nicht mehr aufhalten, auch wenn sie mit allen Mitteln versucht ihn bei sich zu behalten. Sie steckt ihn in ein läppisches Narrenkostüm, zieht ihm eine Zipfelmütze auf und gibt ihm ihren alten Ackergaul; das alles in der Hoffnung, dass er in solch lächerlichem Erscheinen keinen Erfolg haben und schließlich zu ihr umkehren werde. Doch als Parzival zwischen den Bäumen des Waldes verschwunden ist, fühlt sie, dass sie ihn niemals mehr sehen wird und nimmt sich in ihrer Verzweiflung das Leben.

Die Gralsburg - ewigeweisheit.de

Die Gralsburg (1899) - Teil eines Gemäldes von Hans Thoma (1839–1924).

Diese drei Ritter sind also die ersten Vorbilder des kleinen Parzival. Und mit ihnen taucht die Frage auf: »Wer bin ich eigentlich«. Dabei erkennt Parzival vielleicht auch seine Unvollständigkeit. Seine Mutter hat ihn immer nur »mein kleiner Junge« genannt. Seinen wirklichen Namen aber kannte er nicht. Und diese Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit, der sind auch wir alle immer wieder ausgesetzt, da uns im Leben immerfort Probleme herausfordern, deren Namen wir noch nicht kennen, ihre Bezeichnung noch nicht verstehen.

Der einzige Weg für Parzival ist, eine Ergänzung für diese Unvollständigkeit zu finden, seinem Ruf zu folgen, der durch das Auftauchen der drei Ritter erschallte und durch den er die Vision bekommt, selbst Ritter zu werden. Jetzt aber hat er ein Ziel, dem er intuitiv durch seine Vision folgt. Ohne Ziel gibt es keine Bewegung, gibt es nur Starrheit, manchmal Halsstarrigkeit. Ohne Ziele und Visionen bleibt man Spielball äußerer Umstände. Das Gegenteil davon symbolisiert das Pferd: Parzivals Ross repräsentiert seine dynamische Kraft.

Parzival reitet planlos zu auf sein Ziel, ohne zu wissen, wohin es geht. Zügellos, taumelt er auf dem Pferd, auf seinem Psychopompos, seinem Seelenführer. Das Pferd Parzivals steht für den Instinkt. Und tatsächlich bringt ihn sein Pferd an einen Ort, wo jemand ist, der ihm seinen Namen offenbart. Und das ist seine Cousine Sigune. Ihr Name steht für die ᛊ Sig-Rune, die ja, für alle die sich mit Runenkunde auseinandergesetzt haben, das heilige Zeichen des Sonnenlichts ist.

Sol er landa ljome; luti ek helgum dome.
Sonne ist das Licht der Welt; Ich beuge mich der göttlichen Entscheidung.

- Vers aus einem altnorwegischen Gedicht

Sigune ist Parzival zwar unbekannt, doch sie erkennt ihn und wusste von der Mutter, die dort im Wald lebte mit ihrem Sohn. Sie sagt ihm seinen Namen und bringt Licht ins Dunkel seiner Unwissenheit. Und dieser Name, den wir ja selbst tragen, ist das Göttliche was uns aufgeprägt wird mit den heiligen Symbolen, den Buchstaben dieses Namens. Und diese Buchstaben sind ja anscheinend Symbole, die im alten Europa entstanden sind und vor mehr als 7000 Jahren bereits für die alten Priesterinnen der Muttergöttin, als heilige Zeichen im spirituellen Ritus verwendet wurden. Man fand diese Symbole später wieder im Phönizischen, dann irgendwann als Runen. Wer beide Zeichenlisten kennt, weiß um ihre Gemeinsamkeiten.

Der Name der die Dinge bezeichnet, gibt einem Macht über die Dinge. Wir wissen: Adam gab jedem der Wesen im Garten Eden seinen Namen. Es geht also um die Persönlichkeitsbildung mit der Kenntnis des Namens der Dinge. Ab einem bestimmten Entwicklungsgrad, wendet sich dieses Erkennen dem eigenen Namen zu. 

Trotz aber das Parzival seinen Namen jetzt erfuhr, blieb er zunächst ein Unwissender. Er war sich seines Namens noch nicht bewusst, denn er hatte eben keine Anhaltspunkte in der Vergangenheit, an denen er ihn festmachen konnte. Niemand zuvor hatte ihn so genannt. Er hatte alles zurück gelassen auch ohne zu wissen, wohin er sich eigentlich begibt. Und das ist eine Unwissenheit die eigentlich sehr hilfreich ist. Denn wenn wir unser Leben anschauen: sind wir eher von den Dingen in unserem Leben betroffen, die sich in unserer Vergangenheit ereigneten. Es ist eben dieses Anhaften an die Vergangenheit, dass statt Visionen des Mutes, Visionen der Furcht erzeugt, die all zu leicht in die Zukunft projiziert werden. Visionen der Furcht verwandeln sich zu Visionen der Wut, wenn sie über lange Zeit als Angst empfunden wurden – sie werden sogar zu feindseligen Vorstellungen; manchmal so, dass wir glauben andere Menschen hassen zu dürfen, obwohl sie uns nicht hassen. Vision der Angst sind eine Täuschung. Unser Held Parzival aber kennt keine Furcht. Wie ein Narr stürzt er sich ins Leben. Ohne also eine positive Vision, eine konstruktive Vision zu besitzen, ist es ein fragloses Hinnehmen der Umstände, was ja Parzival tat. Er aber hatte eben keine eigene Vergangenheit. Das ist der haarfeine Unterschied zum Durchschnittsmenschen.

Der Rote Ritter

Nur ohne Angst kann Parzival die Schwelle ins Abenteuer überschreiten. Und diese Schwelle ist das Wissen, das dort in der Ferne, im fränkischen Nantes, der Hof des König Artus tagt. Und dort an der symbolischen Schwelle, begegnet ihm ein Ritter in rotem Harnisch, den Parzival so fasziniert, das er des Ritters Rüstung unbedingt haben will. Er greift einfach nach seinem Speer, wirft ihn in das offene Visier des Helden, der dort auf seinem roten Pferd sitzt und tötet ihn. Parzival reißt ihm die Rüstung ab und bekleidet sich damit selbst – aber eben ohne sein dummes Narrenkostüm, seine alte »Haut», vorher ausgezogen zu haben, zieht er einfach die geraubte Rüstung darüber. Der Ritter aber ist tot. Und er weiß nicht, dass er gerade Ither von Gaheviez getötet hat – seinen Onkel.

Nun hat Parzival, ohne es zu wissen, sich Ritterehren erschlichen. Er war einfach nur vom Äußeren fasziniert. Diese Rüstung wird ihm aber dabei helfen, dass er von anderen Fürsten und Rittern, als solcher, erst einmal anerkannt wird. Insofern könnte man sagen – betrachtet aus der hermetischen, aus der alchemistischen Perspektive – das Parzival sich die Rubedo erschlichen hat: das ist die letzte Stufe im Großen Werk (Opus Magnum) bei der Schaffung des Steins der Weisen, bei der Bereitung des Elixiers des Lebens. Doch eben nur anscheinend. Und er weiß nicht, dass er damit gleichzeitig dunkle Mächte anzieht (Nigredo), mit denen er auf seinem Heldenweg erst noch konfrontiert wird.

Er reist weiter, trifft irgendwann zufällig auf seinen Lehrer Gurnemanz. Dort erhält er seine Erziehung und bringt ihm all die Fertigkeiten und Manieren bei, die ein Ritter kennen muss. Er sagt ihm aber leider auch, er solle nicht zu viele Fragen stellen. Doch in der Queste, die wir Anfangs ja bereits erwähnt haben, da geht es ja genau darum die Frage zu stellen. Sie ist der Mittelpunkt des ganzen Gralsthemas. Es ist doch oft die Frage die wir uns nicht trauen zu stellen, doch wie oft schon, haben wir eine solche Unterlassung bitter bereut.

Percival Gemälde - ewigeweisheit.de

Percival (1934) - Ölgemälde des englischen Künstlers Martin Wigand

In dieser Zeit der Lehre lernt er seine Liebe kennen, Condwiramur, mit der er eine gemeinsame Nacht verbringt. Sie heiraten und Condwiramur bringt einen Sohn zur Welt, der dereinst der Held einer anderen Erzählung sein wird: Lohengrin – der Schwanenritter.

Nun ist Parzival aber ja getrennt von seiner Mutter und er hat große Sehnsucht, sie wieder zu treffen. Er trennt sich von Condwiramur – trennt sich von seinem Lehrer Gurnemanz, reitet davon, denn er will seine guten Erfahrungen mit seiner lieben Mutter teilen, weis aber nicht wohin er reiten soll. Er ist jetzt aber einen großen Schritt gegangen, durch die Erfahrung der Sexualität. Mit Condwiramur hat er diesen Schritt getan – heraus aus der Pubertät, hinein ins Erwachsensein.

Wenn wir uns daran erinnern, als wir das erste mal verliebt waren. Welche führende Kraft doch von dieser Liebe ausging. In ihr erkannten wir zum ersten mal, was die Unterschiede in dieser Welt sind. Der Unterschied zu meinem Partner – der Unterschied den die Polarität der Geschlechter verdeutlicht. Der Erkenntnisbaum im Paradies, ist dafür ein Symbol. Und es heißt ja, im vierten Kapitel der Genesis, dass Adam seine Frau erkannte, und sie dabei schwanger wurde. Ist das Erkennen der Polarität also eine Schöpfungsakt? Die Schlange auf dem Baum gibt dieses Erkenntnismittel weiter, das Erkennen der Polarität. Es ist diese Schlange diabolisch, die Erkenntnis aber ist symbolisch – Diabol als Erkennen der Polarität, das Symbol als Form der Einheit. So bilden beide zusammen eine Dreiheit, die sich das eine mal als göttliche, ein andermal als irdische Wahrheiten erweisen.

Himmelspol und Weltenberg

Erwachsen sein: soweit war Parzival noch nicht. Er war auf der Suche nach seiner Mutter. Als es Abend wird kommt er an einen See und sieht dort Fischer und fragt sie nach einer Herberge. Unter ihnen ist Amfortas – der König der Fischer. Er weist ihm den Weg auf die Gralsburg Montsalvatsch, wo man ihn schon erwartet. Feierlich werden dem Parzival die Tore zur Montsalvatsch geöffnet. Als er eintritt hüllt man ihn sogleich in einen Purpurmantel, als sei er bereits der König. Das Ankommen Parzivals auf der Burg Montsalvatsch, ist ein Symbol für die Vergöttlichung der Seele. Der Montsalvatsch – die magische Burg – symbolisiert den heiligen Berg, das Symbol der Weltachse, der Axis Mundi, ähnlich dem Berg Meru der Inder, wie auch dem Berg Moriah der Israeliten – auf dessen Gipfel der Polarstern scheint.

Wenn der Polarstern den höchsten Punkt des Himmelsberges beleuchtet, so formt das Licht der Sonne einen Licht-Dom, der sich um den Polarkreis bildet. Wie Sie ja vielleicht wissen, wechseln Tag und Nacht am Polarkreis, nur einmal im Jahr. Ein Tag heißt: sechs Monate, indem sich die Sonne unentwegt, im Kreis, über den Horizont, in drei Monaten, nach oben »schraubt« und sich in drei Monaten wieder schneckenförmig hinab bewegt, und so eine Spirale des Lichts bildet. So wird jedes Jahr, zwischen Frühlings- und Herbsttagundnachtgleiche, der Licht-Dom um die mystische Gralsburg errichtet. Auf dieser Gralsburg berührt der Himmel also die Erde. Alle geistigen Dinge im Himmel haben eine Entsprechung auf der Erde. Diese Gralsburg Montsalvatsch, wie sie Wolfram von Eschenbach beschrieb, ist vielleicht der Montsegur, heute in Südfrankreich – die alte Festung der Katharer.

Dort angekommen tritt Parzival in einen großen Saal, der von tausenden Lichtern erfüllt ist. Vor sich sieht er 400 Ritter, die alle traurig drein blicken, doch voll hoffnungsvoller Erwartung sind. Der Fischerkönig Amfortas sitzt bereits an einem Kamin und bittet den Erwarteten neben sich Platz zu nehmen. Nun ereignet sich etwas Sonderbares. Parzival sieht wie ein großes, ehernes Portal sich vor ihm öffnet und in Brokat gekleidete Jungfrauen, sanften Schrittes langsam in den Saal kommen. Jede trägt eine brennende Kerze in der Hand, stellt sich in einem Halbkreis vor ihn und Amfortas. Ihnen folgt ein Page mit einem Schwert. Er legt es zu Füßen Parzivals. Der ist über all das sehr verwundert und würde gerne fragen, ist sehr neugierig, doch er fragt nicht.

Ein weiterer Page kommt in den Saal, mit einem Speer, der an der Spitze blutet. Schließlich hört man Musik und im Rhythmus der Harfentöne schreitend, wird der Gral von der Jungfrau Repanse de Schoye in des Saal getragen. Der Gral leuchtet hell wie das Licht der Sonne. Parzival hört die Ritter flüstern: »Der Gral! Der Gral!«

Mit dem Eintreffen des Grals, decken sich alle Tische im Saal, mit köstlichen Speisen. Das Zaubergefäß stillt alle Bedürfnisse. Zu seiner Verwunderung aber merkt Parzival, dass Amfortas schwer krank ist. Und er wüsste gern die Bedeutung, doch er erinnert sich an seine Mutter, erinnert sich an die Vergangenheit, das was ihm Gurnemanz beigebracht hat: »Stelle keine unnötigen Fragen«. Doch alle warten eigentlich auf die Frage. Parzival aber hat Angst.

Enttäuscht von Parzivals unangebrachter Zurückhaltung, trägt man Amfortas auf seiner Liege wieder aus dem Saal – die Ritter rücken ab. In der Nacht hat Parzival, dort auf der Montsalvatsch, furchtbare Alpträume. Er flüchtete morgens aus der völlig verlassenen Burg, als wäre niemals jemand dagewesen. Seine Irrfahrt geht weiter! Parzival ist ein wahrer Odysseus des Nordens – doch er ist allein!

Kleiner Wagen Swastika - ewigeweisheit.de

Der äußerste Stern der Deichsel im Sternbild des Kleinen Wagens (Kleine Bär) bildet heute den Polarstern (in der Abb. gelb). Momentaufnahmen dieses Sternbilds, zu den vier Tageszeiten (Morgendämmerung, Mittag, Abenddämmerung, Mitternacht), ergeben eine rechtsdrehende Swastika: das 11.000 Jahre alte Glückssymbol der Hindus.

Im Labyrinth des Karmas

Parzival überollte regelrecht die Abfolge von Ereignissen, die sich im Saal auf der Gralsburg vor ihm abspielten. Was sollten die Forderungen die man ihm stellte? Er wusste nicht, dass er »die Frage« hätte stellen soll – die »erlösende Frage«? Parzival wollte ja eigentlich, aber er hatte immer noch die Befehle im Kopf, die Stimmen aus der Vergangenheit.

Ungewissheit umgab ihn, vielleicht als Gefahr empfunden, doch Parzival musste es einfach durchstehen – in diesem Zustand seiner Reise, durch das öde Land weitergehen – in einem Land das gemeinsam mit seinem König Amfortas leidet.

Nun hat sich Parzival im Labyrinth seines eigenen Karmas verirrt. Er tötete seinen Onkel Ither (Roter Ritter) und unterließ ebenso unwissend, die Frage zu stellen. Jetzt beginnt der andere Aspekt der Nordsonne wirksam zu werden, die sich diesmal nämlich, in der zweiten Jahreshälfte, unter die Erde bewegt und dort als Mitternachtssonne, quasi ein imaginäres Labyrinth gräbt. Hier findet die Konfrontation statt mit den Finsterniskräften, mit den schwarzen Aspekt des Seelenlebens, den Schatten. Dahinter lauert der Minotaurus – jene kretische Bestie, halb Mensch, halb Stier – der griechischen Mythologie, der symbolisch immer wieder auf den qualvollen Lebensweg des Menschen hindeutet. Doch eben in dieser finsteren Phase beginnt die eigentliche Verwandlung unseres Helden, seine Transformation zu etwas Höherem, Größerem und Vollkommenerem. Am Anfang versuchte er den Leidensweg der Finsternis auszulassen, wenn auch unwissend, indem er sich in die Rüstung des getöteten Roten Ritters kleidete. Die eigentliche Nigredo, die erste Stufe bei der Bereitung des Steins der Weisen, erfolgte erst jetzt. Sein altes Ich musste absterben, damit etwas neues in seinem Leben kommen kann.

Nur durch das Ablassen vom Alten, ist Neues möglich. Die Vergangenheit bleibt zurück, stirbt und wird begraben. Doch dafür muss sich Parzival seinem Schattenselbst stellen, dem, was einst in Kreta der finstere Minotaurus im sagenhaften Labyrinth darstellte. Denn das Äußere, spiegelt unser Inneres wieder. Nur so, im Verstehen dessen, können wir in das große Weltgeschehen eingebunden werden. Durch das Annehmen dieser Schatten in uns, können wir aufgenommen werden, indem wir uns trennen von alten, damit wir neue Freunde finden können – indem wir alte, durch neue Gewohnheiten ersetzen.

Ja, das Thema der Wiedergeburt, ist das Thema der Nigredo – sie ist der erste Schritt, um dieses erhabene Ziel zu erreichen. Und interessanterweise bezeichnet den Namen für die Seele, das griechische Wort »Psyche«, was gleichzeitig das griechische Wort für den Schmetterling ist. Der Schmetterling verpuppt sich ja und würde in seiner Hülle verrecken, entpuppte er sich nicht, damit er fliegen lernte. Seine alte Hülle verlassend, fliegt er hinein in ein neues Leben, um allen seine wahre Schönheit zu zeigen. Wer will in der alten Hülle bleiben? Wer will anhaften, an alten Verkrustungen und alten Starrheiten? Wer will an alten Erinnerungen, an festen Standpunkten festhalten?

Durch diese Erkenntnis erneuert, findet Parzival wie von selbst den Weg an den Artushof. Er trägt noch immer den roten Harnisch – ist noch auf dem Weg – ja, hat seinen Weg vielleicht immer noch nicht wirklich angetreten. Wegen seiner Erscheinung wird er aber gleich in die Tafelrunde aufgenommen. Es ist ein feierlicher Vorgang der Einweihung in die Ritterlichkeit. Jetzt tritt eine besondere Figur auf seine Lebensbühne: die Gralsbotin Kundrie. Sie ist eine Frau mit einem vollkommen guten Herzen, in dem eine wunderbare Seele wohnt. Doch ihr äußeres Wesen mutet schauerlich an, denn sie ist wirklich sehr, sehr hässlich – die Vorstellung einer Hexe wäre bezeichnend. Auch ihre Art lässt nicht ein gutes Herz vermuten, denn ihre Güte ist zu diesem Zeitpunkt noch in ein Kostüm grauenhafter Alpträume gekleidet.

Sie verflucht die Artusrunde, denn den jungen Mann, den man hier eben mal zum Ritter gemacht hat, hat sich diese Ehren erschlichen. Es steht ihm nicht zu. Stattdessen hat er Schande über die Edelmänner der Artusrunde gebracht: er hat seinen Onkel getötet und hat Amfortas die Frage nicht gestellt.

Aber da: es ist ja ein Glück für Parzival, endlich zu verstehen, was er eigentlich besser unterlassen hätte und was er eigentlich besser hätte tun sollen! Sein Ziel war der königliche Hof des Artus, als er noch als dummer Junge, im schützenden Umfeld von Soltane lebte. Jetzt ist er hier. Er ist angekommen, ist schockiert. Ist es nicht oft so, dass, wenn wir erst einmal haben was wir unbedingt wollten, es sich ganz anders anfühlt als wir erwarteten? Ein Ziel entsteht mit der Absicht es zu erreichen. der Wunsch aber, der diese Absicht hervorbringt, mag ein anderer sein, als was er sich am Ende erfüllt.

Nun, diese erneute Konfrontation mit Kundrie, die hier das Böse symbolisiert, gleichzeitig aber zu Parzivals vorübergehender Meisterin wird, lähmt ihn. Wir würden heute sagen: er verfällt in Depressionen. Doch nur in diesem Zustand, in diesen engen Tiefen der eigenen Seele, erkennt er eigentlich, was das Böse und was der Nutzen des Bösen ist. Er schaut nach innen, sieht sich als einsamen Reisenden. Die Suche nach dem Gral ist eben eine Reise, die nur jeder alleine machen kann, weil er nach etwas sucht, das absolut allein ist, in ewiger Einsamkeit.

Die Tafelrunde des König Artus - ewigeweisheit.de

Die Tafelrunde des König Artus (1475) in deren Mite der Gral erstrahlt. Gemälde von Evrard d'Espinques.

Par ce val – Pfad durchs Tal

Dieser Teil der Geschichte, mit dem Vorfall am Artushof, wie auch die folgende Episode, beschreiben Parzivals absoluten Tiefpunkt. Er beginnt an allem zu zweifeln, auch an Gott, an den er ja eigentlich glaubte. Ja, er hasst Gott regelrecht, denn er empfindet alles was ihm widerfuhr als große Ungerechtigkeit. Letztendlich leidet er aber unter seinem mangelnden Verständnis dafür, dass alles einen höheren Zweck erfüllt. Doch seine Einstellung ist nur all zu menschlich. Oft finden wir uns wütend über andere oder uns selbst, weil wir nicht den Sinn hinter diesen und jenen Vorgängen im Leben verstehen. Es sind Überbleibsel von Handlungen in unserer Vergangenheit, die bis in die Kindheit zurückreichen. Darin lebt unser ichbezogenes Wesen fort, das ein kleines Kind bleiben will, ohne Verantwortung zu übernehmen, doch mit dem Anspruch, sich jede Freiheit in der Welt nehmen zu können.

In dieser Stimmung setzt Parzival seine Reise fort bis Karfreitag. Jetzt erinnert er sich an seinen Gottesglauben, weiß nun wieder, dass es sich lohnt zu suchen, weiterzugehen. Karfreitag ist von großer Bedeutung in der Erzählung des Wolfram von Eschenbach. Es ist die Rede von einer weißen Taube, die vom Himmel hinabfliegt und eine Hostie auf den Gral legt, um seine Wunderkraft, seine Nährkraft zu erneuern. Dafür steht die Farbe Weiß – die Albedo, die zweite Hauptstufe des Großen Werks in der Alchemie. Die weiße Taube ist auch eins der Hauptsymbole der Aphrodite, dem griechischen Pendant der Venus – und die Venus ist ja der Planet, den die alten Lateiner »Luzifer« nannten – den »Lichtbringer«, da er als Morgenstern die Dämmerung ankündigt – das Licht bringt (lucis, ferre).

Wir hatten bereits über den »Streit im Himmel« gesprochen. In der Offenbarung des Johannes kämpfen die englischen Heerscharen des Michael, gegen die dämonischen Heerscharen des Luzifer. Dabei schlägt ein Schwert einen Stein aus der Krone des Luzifer. Es ist ein Smaragd der vom Himmel auf die Erde fällt. Man nennt ihn auch den »Chintamani-Stein«. Es ist der sprichwörtliche Zacken, der dem übermütigen Luzifer aus der Krone gehauen wurde: der grüne Stein ist Gral, ist die Smaragdtafel (Tabula Smaragdina), auf der ja der große Eingeweihte Hermes Trismegistos, die Verhältnisse des Oberen und Unteren in ihre Bedeutung, im Sinne des »Einigen Dinges« beschrieben hat.

Nach diesem Kleinod sucht unser Held – ohne es selbst zu wissen. Er sucht nach dem Stein der Weisen – einem Stein des Lichts. Auf seiner Reise ist er diesem erhabenen Ziel schon ein gutes Stück näher gekommen. Doch Gralshüter ist er noch nicht.

Lange nach Ostern, lange nach diesem Vorfall erst, im Winter, kommt er nachts an eine Klause, die sich in einer großen Höhle befindet. Dort trifft er auf einen Eremiten: das ist sein Onkel Trevrizent. Irgendwie wusste der von seinem Kommen bereits und empfängt ihn freundlich. Dort in der Höhle wird Parzival von Trevirzent in die Bedeutung und Wichtigkeit des heiligen Grals eingeweiht:

Ich weiß es wohnt eine Schar
Beim Gral zu Montsalvatsch immer dar
Ihre Arbeit und ihren Preis
Ihm ganz geweiht
Tempeleisen heißen,
Sich seines Dienstes sich befleißen.
Ihre Nahrung spendet ein Edelstein,
Wunderkräftig, klar und rein.
Mit Namen 'Lapis Exillis'.

Durch ihn verbrennt der Phönix,
Zu Asche sich,
Doch diese schafft ihm Leben wieder,
So dass er steigt empor aus neuer Kraft
Und schöner als er war zuvor.

Dem Menschen kann kein Leid geschehen,
Am Tag da er den Stein gesehen.
Und eine Woche nach der Zeit,
Bleibt er vom Tode befreit.

Wer ihn täglich erblicken kann,
Dem, sei es Frau oder Mann,
Bleibt unverändert Farb' und Haut,
Wie in schönster Jugend sie ward geschaut.
Und sähe er ihn zweihundert Jahre,
Ihm ergrauten dennoch nie die Haare.
Und solche Kraft verleiht der Stein,
Dem Menschen, das ihm Fleisch und Bein,
In ungeschwächter Jugend bleiben.

Der Stein, des Wunder ich versuchte zu beschreiben,
Wird der Gral genannt,
Gesendet von der höchsten Hand.
 

Die Gralsjungfrau - ewigeweisheit.de

Die Gralsjungfrau Repanse de Schoye.

Wiedergeburt

Die Höhle, in der sich Parzival bei Trevrizent aufhält, ist ja das alte und urtümliche Refugium, ein Ort an dem Einweihungen stattfinden. Die Höhle ist Symbol des Uterus, aus dem das neue Leben geboren wird: und darum geht’s ja. Es ist das Sein der Seele in diesem Leib, der stirbt und in neuer Form wieder aufersteht. Die schwarzen und weißen Kacheln über die der Neophyt im Freimaurer-Ritus schreitet, zeigt genau diese Bedeutung an: wir Sterben und werden wiedergeboren, jeden Augenblick. Das beschreiten des Einweihungsweges ist der Gang durch die Gegensätze, der zur Einung führt von Gut und Böse, Unschuld und Erfahrung, Schwarz und Weiß. In diesem Sinne ist die Höhle ein gleichnishaftes Bild des Weltalls, wo Sterne funkeln als Licht im Kontrast zur tiefen Finsternis.

Die Höhle stellt ein inneres Weltzentrum der Einweihung dar, während der Berg, als das Pendant zur Höhle, ein äußeres Weltzentrum darstellt. Im Menschen entspricht diese Höhle der fünften, verborgenen Herzkammer, während das Denken ständig die Gipfelhöhen des menschlichem Geistes erklimmen will.

Das Heraustreten aus dieser Höhle, der Einweihungsstätte seines Onkels Trevrizent, war für Parzival ein Heraustreten aus seiner Eingeschlossenheit in sich selbst, eine Befreiung aus seiner Introvertiertheit. Nur aber in der Akzeptanz von alle dem was vorgefallen war, konnte diese Einweihung zu seiner neuen, eigenen Lebensvision beitragen, ihm ein Licht sein, auf dem Weg zum wahren Lebensziel. Er erkennt nun wofür seine Mitmenschen existieren. Wichtiger noch: er sieht all die Verbindungen innerhalb einer Gemeinschaft, die alle Menschen zusammenhält.

Seinen Onkel Trevrizent zu treffen war also ein ganz wichtiger Schritt, um zu diesen essentiellen Erkenntnissen zu gelangen. Bei ihm erhielt er die klare Vision für seine eigentliche Lebensaufgabe. Doch für all das musste er sein ganzes bisheriges Leben zurücklassen. Sogar seine geliebte Mutter! Dieses Sterbenlassen des alten Lebens: Wie oft sind wir dazu bereit? Wie oft fehlt und hierzu die Vision, der wir danach folgen könnten? Oder ist es jener Einsiedler, dem wir bisher noch nicht begegnet sind, der wir vielleicht, zumindest für eine angemessene Zeit, selbst werden müssen?

Der Eremit Trevrizent gibt unserem Helden zu wissen, dass er sich noch einmal auf die Gralsburg begeben muss, um seine Heldenreise zu komplettieren. Wer schon einmal in Okzitanien, der französischen Arriege gewesen ist, weiß, dass sich unweit der legendären Festung auf dem Montségur, besondere Höhlen befinden. Dort wurden bereits vor mehr als 12.000 Jahren Menschen eingeweiht in die Mysterien der Großen Mutter. Auch wenn es nicht das erste mal ist, dass jemand diese Vermutung anstellt: es könnte gut sein, dass Kyot de Prevance die Geschichte vom Helden Parzival mit dieser Region romantisch assoziierte.

Die entscheidende Frage

So stieg Parzival nach seiner Einweihung aus der Höhle bei Trevrizent, passierte den engen Eingang. Da musste er sich wohl gefühlt haben wie das Kind das durch den Geburtskanal, in ein neues Leben geboren wird – von der Dunkelheit heraus ins Licht. Dort draußen begibt er sich zum Gipfel des Berges, auf dem sich die Burg Montsalvatsch befindet. Er wird erwartet. Nur durch einen Nachfolger kann der Fischerkönig Amfortas von seinem Leid erlöst werden. Von Trevrizent erfuhr er außerdem die zentrale Frage, um die sich ja die ganze Gralsgeschichte dreht. Endlich stellt Parzival dem Amfortas die alles erlösende Frage:

Was fehlt Dir Oheim?

Wäre es nicht manchmal angebracht, wir stellten auch unseren Mitmenschen ähnliche Fragen? Ein Arzt kuriert schon allein damit, dass er einen Leidenden fragt: »Was fehlt Ihnen?« – »Was haben Sie?«

Parzivals Frage, die er König Amfortas stellt, ist der mündliche Vollzug der Herrschaftsübernahme des Gralstums. So wird Amfortas endlich von seinem Leid erlöst. Dieser Vorgang entspricht dem, was man in der Hermetik den »Phönix im Rosengarten« nennt: Das Rot der Rose, zeigt die Rubedo an – die letzte Stufe bei der Schaffung des Steins der Weisen. So hat Parzival schließlich, nach langem Suchen, diesen Teil gefunden, diesen Aspekt seines zeitlich begrenzten, natürlichen Wesenskerns. Jetzt erkennt er, das seine Suche, eine Suche war, nach seinem wahren Selbst – die Suche nach dem verborgenen Licht im Herzen. Es ist ein Licht, das verborgen in jener geheimen Herzkammer schimmert, in der sich alle Leben des großen Inkarnationszyklus, auf- und wieder abrollen. Danach sollen wir suchen, das sollen wir zu erkennen trachten. Denn dort, in der Tiefe unseres inneren Seelenbrunnens, auf dessen grün strahlendem Grund, hier befindet sich der Heilige Gral. Die Erkenntnis ist also im Herzen; die Erkenntnis der göttlichen Absicht, dort im smaragdenen Licht dieser Herzkammer, dort erscheint die Vision der wahren Lebensabsicht.

Der Weg zu uns selbst

Um diesen Weg zu gehen, müssen wir all die Schwierigkeiten im Leben durchstehen. Die Umwege im Leben führen uns zu uns selbst, während der kürzeste Weg nirgendwo wo anders hinführt, als direkt ins Grab. Und dennoch wollen viele Erleuchtung erlangen, ohne bereit zu sein auch zu Irren und den Weg des Leidens zu gehen.

Ich hatte lange Zeit das Gefühl, es müsste unbedingt so sein, dass ich alles in der Welt verstehe. Doch ich wollte eigentlich nur kontrollieren, was mich immer mehr an die Welt gebunden hat, mich nur immer unfreier machte. Das oder Ähnliches unterstelle ich hiermit dem Leser, aber möglicherweise weiß er oder sie, worauf ich eigentlich hinaus will: Wenn man auf seinem spirituellen Weg, so schnell wie möglich ans Ziel kommen möchte, ohne in sich selbst zuerst einen Frieden geschaffen zu haben, ohne die Sicherheit, die man sich im Außen wünscht, zuerst einmal in sich selbst geschaffen hat, wohin soll der Weg uns dann führen? Es ist wichtig ohne den Zwang erfolgreich zu sein, Visionen zu erzeugen – Vision von Zielen, die wir im Leben erreichen wollen. Das sind Ziele, die unser neues Leben erschaffen. Lebensziele führen einen auch zu den Menschen, die einem gut tun – und darum geht es: zusammen zu verstehen, zusammen zu arbeiten, zusammen neues, schönes zu schaffen.

Mit einem Ziel vor Augen, weiß man genau wonach man sucht. Und suchen tun wir doch immer nur danach, was wir auch brauchen. Jede Suche aber ist mit Fragen verbunden. Wer nicht fragt und glaubt schon alles zu wissen, der kommt einfach nicht weiter und findet auch keine Freunde.

Das ganz Große müssen wir nicht erreichen, im Kleinen aber den Glauben bewahren. Dann werden wir die Meisterschaft über die großen Dinge erringen. Es ist der Glaube daran, dass die Erneuerung unseres Selbst immer möglich ist, egal wie alt wir sind. Dann werden die großen Aufgaben von alleine kommen, die zur Lösung der Probleme in unserem Leben beitragen. Daraus erwachsen dann jene Ideen, mit denen sich auch die Probleme unserer Mitmenschen lösen lassen – dem was von Wert ist, für unsere Welt.

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Kalachakra: Das Rad der Zeit

von Johan von Kirschner

Die ewige Wiederkehr des Gleichen vollzieht sich in höchst komplexer Form. Im tibetischen Buddhismus schuf man darum ein System, das den Menschen in das Wesen dieser irdischen Zeitabläufe initiiert: das Kalachakra vereinigt Ritual, Erkenntnislehre und Magie. Die Einweihung in das Kalachakra-Tantra ist der »Diamantweg« des tibetischen Buddhismus.

Kalachakra ist die »theologische Summe« des buddhistischen Tantra. Alle Beziehungen zwischen Körper, Sprache und Geist werden hierin systematisiert. Das Kalachakra-Tantra ist ein Universalsystem zum Verständnis der äußeren, der inneren und der jenseitigen Welten.

Derjenige, der das Kalachakra-Tantra beherrscht, kann sich ohne Mühen auch alle anderen buddhistischen Geheimlehren aneignen.

– Tsongkapa (1357-1419), Reformator des tibetischen Buddhismus

Ziel des Kalachakra-Rituals ist die Förderung von Herzensfreude, Glückseligkeit und Toleranz. So kann der Weltfrieden erhalten und ein ökologisches Bewusstsein geschaffen werden. Und da wir alle diesen kleinen Planeten teilen, soll heute immer mehr Menschen die Möglichkeit gegeben werden and der Kalachakra-Initiation teilzunehmen. Der XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso führt als buddhistische Oberhaupt, darum jährlich das heilige Ritual öffentlich durch. Der Ort wechselte jedes Jahr und wurde 1981 zum ersten mal im Westen (Madison, Wisconsin, USA) vom Dalai Lama durchgeführt. Mehr als eine Million Menschen wurden seither in die Geheimlehre des Kalachakra eingeweiht.

Viele hundert Jahre wurde das Kalachakra-Ritual nur im Geheimen durchgeführt. Seit 1954 führt der XIV. Dalai Lama Initiationen durch, die sich aus einem exoterischen und einen esoterischen Teil zusammensetzen. Die esoterischen Einweihungen bleiben den Kennern des tibetischen Buddhismus vorbehalten. Nur eine handvoll der Teilnehmer der exoterischen Einweihungen, werden zu den esoterischen Initiationen zugelassen.

Jedem Menschen steht aber die Möglichkeit offen, auch durch die Teilnahme am exoterischen Kalachakra-Ritual, die höchste Erleuchtungsstufe zu erlangen. Natürlich sind das nur wenige von den vielen Menschen (im Januar 2012 nahmen etwa 200.000 Menschen in indischen Bodhgayaan der exoterischen Initiation teil), die jährlich dem Kalachakra-Ritual beiwohnen.

Tsongkapa - ewigeweisheit.de

Tsongkapa (1357-1419), Reformator der Gelug-Schulrichtung (Gelbmützen)

Das Rad der Zeit

Kalachakra ist der Name des tibetischen Zeitgottes (sanskr. Kala: Zeit, Chakra: Rad). System und Ritualtext wurden im 10. Jhd. festgelegt und sind auf Grundlage der Überlieferungen des Buddha Shakyamuni entstanden.

Der Text des Kalachakra-Tantra ist die Krone aller lamaistischen Lehren und spirituellen Systeme des Buddhismus. Es beinhaltet eine umfassende Lehre über die Entstehung der Welt, als auch über das Ende der selben.

Es gibt drei Formen des Kalachakra:

  • Das äußere Kalachakra beschreibt die kosmologischen Gesetze von Raum, Zeit und den Bewegungen der Gestirne.
  • Das innere Kalachakra dreht sich um die Energieströme und den Fluss der Sekrete im menschlichen Körper, und wie diese mental beherrscht werden.
  • Das alternative oder andere Kalachakra beschäftigt sich mit den gegenseitige Beeinflussungen des äußeren und inneren Kalachakra.

Dem Verfasser dieser heiligen Schrift kam es vor allem darauf an, zu zeigen, wie der Mensch durch den kontrollieren Umgang mit den inneren Energieströmen seines Körpers, auf das Geschehen des Kosmos Einfluss gewinnen kann. Damit ist das Kalachakra-Tantra auch ein magisches System.

Das im Kalachakra enthaltene Wissen, setzt sich zusammen aus Lehren, die teils aus dem indischen Kulturkreis stammen, teils dem Bön (alte Religion der Tibeter) entnommen sind.

Im Folgenden wollen wir uns die interessantesten Merkmale dieses geheimnisvollen Einweihungsrituals, etwas genauer ansehen.

Die Lehre von den vier Weltzeitaltern

Das Kalachakra-Tantra beschreibt vier Yugas (Zeitalter):

Das Satya-Yuga war das Zeitalter der Wahrheit, der Tugend und der spirituellen Vollendung.

Im Treta-Yuga nahm der Materialismus allmählich zu, da der Mensch neben seiner göttlichen Existenz, auch physische Hilfsmittel benötigte, um in einer Gemeinschaft zu leben. Man könnte sagen, dass das Treta-Yuga begann, als die Menschen sesshaft wurden, begannen Acker-, Vieh- und Bergbau zu betreiben.

Im Dvapara-Yuga entwickelte sich in Indien das Kastenwesen (entsprechend der Stände im Westen). In dieser Zeit nahm der göttliche Intellekt sehr stark ab. Menschen begannen zu lügen und die ersten schweren Krankheiten kamen über die Menschheit.

Das gegenwärtige Zeitalter bezeichnen die Kalachakra-Texte als das Kali-Yuga. Es ist das »Zeitalter des Untergangs«, wo die Menschen jegliche Spiritualität verdrängt haben und das materialistische Denken auf seinen Höhepunkt zusteuert. Es ist eine finstere Phase der Menschheit, wo Naturkatastrophen, Terror, Kriege und Hungersnöte die Sicherheit der Weltgemeinschaft bedrohen.

Nach dem Kali-Yuga beginnt ein neues Satya-Yuga. Dann werden die Menschen in einem neuen Paradies auf Erden leben. Hierzu ist jedoch die Zerstörung der gegenwärtigen Zivilisation notwendig; laut Überlieferung werden Feuer und Krieg einen Großteil der gegenwärtigen Zivilisation auslöschen.

Vasubandhu - ewigeweisheit.de

Vasubandhu (4. Jhd) war einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Mahayana-Buddhismus.

Kosmische Geografie der Kalachakra-Lehre

Vasubandhu, Philosoph und Mönch der buddhistischen Mahayana-Tradition, verfasste zwischen 320 und 400 n. Chr. die Kalachakra-Schrift Abdiharmakosha (»Schatz des Abhidharma«, Dharma: höhere Gesetze und Riten). Darin beschreibt er Meditationspraktiken, Kosmologie, Psychologie, Inkarnationstheorie, sowie die Eigenschaften des Buddha, wie auch die Entstehung der Welt:

Vor Urzeiten strömte ein unglaublich starker Wind, der aus allen vier Himmelsrichtungen den kosmischen Urraum füllte. Aus den dabei entstandenen Wolken, ergoss sich sintflutartig Wasser in die Welt. Dies geschah wegen des gesamten Karmas aller früheren Lebewesen (d. h. jener Wesen, die in einem vergangenen Kali-Yuga lebten). Die Winde bewegten den so entstandenen Urozean, worin sich ein gigantischer, zylindrischer Sockel formte. Um diesen Sockel begannen die Wellen des stürmischen Meeres zu schäumen. Der Schaum wurde immer dichter und hatte eine gelbe Farbe. Daraus entstand die goldene Erde, aus deren Mitte sich eine viereckige Säule emporhob: der Weltenberg Meru. Um das Urzentrum dieses gewaltigen Ozeans, gruppierten sich 12 Kontinente – je drei in einer der vier Himmelsrichtungen. Den Gipfel des Meru durchragt seither die Weltachse (axis mundi), im Zentrum des buddhistischen Kosmos. Die Spitze des Meru bildet der Polarstern.

Unter dem Meru befinden sich sieben freudlose Bereiche, über ihm dehnt sich der Kosmos in 25 himmlische Gefilde aus. Zwischen Himmel und Hölle (freudlose Welt) befindet sich die Erde. Dort wohnen auf dem südlichen Kontinent Jampudvipa die Menschen und die Tiere. Im Zentrum des Weltberges Meru leben aber die Götter.

Das buddhistische Weltall gleicht einem überdimensionalen Mandala, dass einen symbolischen und einen realen Wert besitzt. Der reale Wert besteht in der Vorstellung, dass die beschriebene Kosmografie die tatsächliche »Form« des Kosmos wiedergibt. Jetzt mag einer einwenden, dass die Welt auf keinen Fall so aufgebaut sein kann. Doch die Erscheinungen in der Welt sind relativ. Zu diesem Schluss kamen nicht nur fernöstliche Philosophen. Schon in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende, erkannten die großen Philosophen Griechenlands die Relativität aller Erscheinungen. Im 20. Jhd. wurde dies spätestens durch Albert Einsteins Relativitätstehorie bestätigt: alles ist relativ und es kommt darauf an welchem Ort und in welcher Bewegung sich Beobachter und Beobachtetes befinden. Daraus folgt, dass solange Menschen, in völlig verschiedenen Lebenssituationen leben, solange es auch verschiedene Vorstellungen gibt, von der Beschaffenheit der Erde und des wahrgenommenen Kosmos. Die Buddhisten sagen, dass der Kosmos nur eine Erscheinung des Bewusstseins ist und deshalb jeder, entsprechend seiner geistigen Verfassung, den Kosmos auch verschieden wahrnimmt.

Es gibt also eine gewisse Relativität, wie Menschen die Welt erfahren. Darum ist die buddhistische Kosmologie und der Aufbau der Kalachakra-Welt durchaus gültig und auch unwiderlegbar, da auf einer letzten Stufe der Untersuchung, eben gar keine Kosmologie geben kann, die absolut wahr ist!

Buddhisten gehen aus von einer eigentlichen Leerheit und Vergänglichkeit aller Dinge (Shunyata). Sie ist die Umschreibung für das Fehlen eines konstanten Seins. Alle Existenz und jedes Ich, unterliegt dem steten Wandel seiner Existenz. Damit kann keine endgültige Aussage über Wahrheit und Unwahrheit getroffen werden, da beide der Prinzip der Vergänglichkeit unterliegen. Das bestätigt auch die wissenschaftliche Kosmologie der modernen Welt, denn die physikalischen Gesetze waren während der Weltentstehung, dem »Urknall«, außer Kraft gesetzt – was im Übrigen ja auch gegenwärtig der Fall ist, wenn wir uns solche Phänomene wie Schwarze Löcher ansehen.

Weltbild im Kalachakra - ewigeweisheit.de

Das kosmologische Modell im Kalachakra-Tantra: in der Mitte des Mandalas befindet sich der Berg Meru, über dem sich die Himmel der Götter, Lichtkörper- und Geistkörperwesen erheben. Den Meru umgeben 12 Kontinente, je drei in jeder Himmelsrichtung. Auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa (Insel der Rosenäpfel) leben die Menschen.

Shambhala – das geheime Weltzentrum

Eingeflochten in das System der Kalachakra-Lehre ist der Shambhala-Mythos (siehe Buch: Shambhala und der Polare Mythos ). Inmitten des Weltenberges Meru verbirgt sich ein geheimnisvoller Palast aus Gold und Edelsteinen: die Shambhala-Burg. Von Kalapa aus, der Hauptstadt Shambhalas, lenkt eine geheime Weltregierung die Geschichte auf unserem Planeten. Auch der XIV. Dalai Lama ist der Meinung, dass unsere planetarische Gemeinschaft von dem mythischen Reich von Shambhala beeinflusst wird. Hier verbirgt sich der allwissende »König der Welt« und Stammvater der Menschheit: der Manu. Er harrt dem Ende des Kali-Yuga und wartet auf das Dämmern eines neuen, goldenen Zeitalters – dem kommenden Satya-Yuga. Als Meister des Universums regiert er das geheimnisvolle Königreich von Shambhala. Dieser König der Welt ist auch der Herr der Herzen der Menschen und dirigiert die spirituelle Entwicklung der gegenwärtigen Menschheit, die von den Erscheinungen der materiellen Welt geblendet ist und darum Führung benötigt – so zumindest die Kalachakra-Lehre. Diesen König der Welt, nennt man in Indien den Chakravartin – einen idealen, weltumfassenden Herrscher, der das Rad des Gesetzes bewegt. Eines Tages werden unter der Führung des Chakravartin die Boddhisattvas (heilige Priesterkönige) von Shambhala, mit unserer Welt Kontakt aufnehmen.

Chakravartin ähnelt dem Priesterkönig Melchisedek, der, laut dem apokryphen Buch der »Schatzhöhle«, sich über dem Weltberg Moriah (entspr. Meru) befindet und von dort die Geschicke aller gläubigen Christen und Juden lenkt. Gewissermaßen ähnelt er auch dem Mahdi der islamischen Schiiten und es lassen sich auch Ähnlichkeiten mit dem sagenhaften Priesterkönig Johannes von Indien feststellen, der seinerseits, als Sohn der Gralsjungfrau Repanse de Schoye und des Sarrazenenfürsten Feirefiz, im fernen Osten geboren wurde.

Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Kalachakra-Tantra und dem Mythos von der Suche nach dem heiligen Gral. In vieler Hinsicht ähnelt die Parzival-Legende der Reise nach Shambhala. Wie Parzival begibt sich der Sucher auf eine geheimnisvolle Pilgerreise. Doch er muss sich seinem Ziel als würdig erweisen. Was im Shambhala-Mythos der sagenhafte Wunschjuwel »Chintamani« ist, das ist der heilige Gral des nordisch-christlichen Mythos.

Im Kalachakra-Tantra werden die Lehren von Shambhala zusammengefasst. Es ist die Staatsreligion von Shambhala. Dort erhielt das Kalachakra seine erste Fassung durch den König Manjushri – einem der drei großen Bodhisattvas. Er war es der die heiligen Priesterkönige von Shambhala in die Praxis des Kalachakra-Tantra einweihte.

Das Kalachakra-Mandala

Akshobhya - ewigeweisheit.de

Buddha Akshobhya

So wie sich die Fürstentümer Shambhalas auf einer nicht sichtbaren Ebene der Welt befinden, so verbergen sich auch die Chakras im menschlichen Körper. Im Kalachakra-Tantra ist, anders als im Vedanta, die Rede von sechs Chakras:

Der vierblättrige Lotus des Scheitel-Chakras gehört in den Bereich des Geistes. 10 Götter reinigen darin den Raum, in dem sich 10 Elemente des Universums befinden: Luft, Feuer, Wasser, Erde, der Weltenberg Meru, der Lotus auf dem Meru, Mond, Sonne, Rahu (aufsteigender Mondknoten) und Kalagni (absteigender Mondknoten). Die korrespondierende Keimsilbe ist »Ham«, mit der man den Buddha Akshobhya (Symbol: Vajra, »Diamantszepter«), »Den Unerschütterlichen«, im oberen Zentrum des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Der 16-blättrige Lotus des Stirn-Chakras gehört in den Bereich der Sprache. 10 Weltgötter (Brahma, Vishnu, Nairrti, Vayu, Yama, Agni, Samudra, Rudra, Indra, Yaksha) reinigen das Luft-Element. Über die Keimsilbe »Om« wird der Buddha Amitabha (Symbol: Lotus), »Buddha des grenzenlosen Lichts«, im Norden des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Amitabha - ewigeweisheit.de

Buddha Amitabha

Der 32-blättrige Lotus des Kehl-Chakras gehört ebenfalls in den Bereich der Sprache. 10 Planetengötter (Rahu, Kalagni, Mond, Sonne, Merkur, Mars, Venus, Jupiter, Ketu, Saturn) reinigen das Feuer-Element. Die Keimsilbe »Ah« (lang gesprochen) entspricht diesem Chakra und mit ihr wird der Buddha Ratnasambhava (Symbol: Juwel), der »Herr der Buddhas der Juwel-Familie«, im Süden des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Der achtblättrige Lotus des Herz-Chakras gehört in den Bereich des mystischen Körpers. 10 Schlangenkönige (10 Nagas: Raja, Vijaya, Karkotaka, Padma, Vasuki, Sankhapala, Ananta, Kulika, Mahapadma, Takshaka) reinigen das Wasser-Element. Mit der Keimsilbe »Hum« wird der Buddha Amoghasiddhi (Symbol: Schwert oder Doppel-Vajra), dem »der die Weisheit vollendet«, im Osten des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Der 64-blättrige Lotus des Nabel-Chakras gehört ebenfalls in den Bereich des mystischen Körpers. 10 Elementar-Göttinnen (repräsentiert von 10 Erdgeistern bzw. Dämonen) reinigen das Erd-Element. Die diesem Chakra entsprechende Keimsilbe ist das »Ho«, mit der der Buddha Vairochana (Symbol: Rad), »Die Weisheit der reinen Natur«, im Westen des Kalachakra-Mandala visualisiert wird.

Ratnasambhava - ewigeweisheit.de

Buddha Ratnasambhava

Der 32-blättrige Lotus des Sexual-Chakras gehört ebenfalls in den Bereich des Geistes. 10 zornvolle Gottheiten (Ushnisha, Shumbha, Sarvanivaranavishkambhi, Niladanda, Prajnantaka, Takki, Padmantaka, Achala, Yamantaka, Mahabala), die das tiefe Gewahrsein reinigen. Diesem Chakra entspricht die Keimsilbe »Kshah«, wodurch der Buddha Vajrasattva, »Der Diamantgeist«, im unteren Zentrum des Kalachakra-Mandala visualisiert wird.

Die acht Blätter des Herz-Lotus entsprechen dem zentralen Teil des Kalachakra-Mandala, das in acht Abschnitte unterteilt ist. Dieser Bereich wird im Sandmandala-Ritual, dass während der Kalachakra-Initiation durchgeführt wird, als achtblättrige Form gemalt und symbolisiert den heiligen Palast im Zentrum von Kalapa (Hauptstadt von Shambhala). So wie das Herz im menschlichen Körper verborgen liegt, so liegt Shambhala verborgen auf unserem Planeten, der selbst einem lebendigen Körper ähnelt. Die Korrespondenzen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos finden sich in den Formen des anderen Kalachakra-Mandalas (siehe oben) – dem idealen Archetyp des Kosmos.

Das Mandala ist ein »Kosmogramm«, eine »Blaupause des Kosmos«. So wie das berühmte Axiom der Smaragdenen Tafel des Hermes Trismegistos sagt:

Wie oben so unten, wie unten so oben

Amoghasiddhi - ewigeweisheit.de

Buddha Amoghasiddhi

so gibt es ein entsprechendes Axiom im Kalachakra-Tantra:

Wie im Außen, so im Körper. Wie im Körper, so im Anderen.

Das Wort »Körper« wird hier als Referenz auf das innere Kalachakra verwendet, weil es der innere, feinstoffliche Körper ist, aus dem sich die Korrespondenzen im Kalachakra-System ergeben. Dieser feinstoffliche Körper des inneren Kalachakra, setzt sich zusammen aus:

  • den sechs Chakras, den eben dargestellten feinstofflichen Energiezentren,
  • den Nadis, den feinstofflichen Kanälen, durch die die Energien zwischen den Chakras fließen,
  • dem Lebensatem Prana, der durch die Nadis fließt und
  • den Bindus oder »Tropfen«, die sich im Prana durch die Nadis bewegen.

Das Kalachakra ein sehr detailliertes und komplexes System, wo das Äußere, das Innere und das Andere zusammenspielen. Das Kalachakra-Mandala stellt dieses komplexe System als bildhafter Archetyp dar.

Vairochana - ewigeweisheit.de

Buddha Vairochana, umgeben von vier weiteren Buddhas und vier Boddhisattvas

Das Herz-Sutra-Gebet

Im Mahayana-Buddhismus gehört das Herz-Sutra in die Kategorie der vollendeten Sutras (Verse der Lehrreden des Buddha) der Weisheit. Es gibt eine lange Form und eine kurze Form des Sutras. Letztere nennt man die »Essenz des Weisheitssutras«. Sie ist der Kernpunkt des Herz-Sutra und wird dargestellt durch das folgende Mantra:

Sanskrit: तद्यथा गते गते पारगते पारसंगते बोधि स्वाहा
Transliteration: tadyatha gate gate paragate parasamgate bodhi svaha
Übersetzung: Gegangen, gegangen, hinübergegangen, ganz hinübergegangen, oh welch ein Erwachen, vollkommener Segen

Mit dem Hinübergehen ist gemeint das Gelangen ans jenseitige Ufer der Weisheit. Während des Kalachakra-Rituals erklärt der Dalai Lama dieses Mantra. Es gilt als praktische Unterweisung, um die erlangten, spirituellen Errungenschaften des Meditierenden zu messen.

Vajrasattva - ewigeweisheit.de

Buddha Vajrasattva. Er hält in seiner Rechten den männlichen Vajra (Diamantenszepter) und die weibliche Gantha (Glocke) in seiner Linken: Symbole sexueller Vereinigung.

In diesem Vers werden die vier Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung angedeutet. Viermal wird hierin das Wort »gate«, gehen (»gate gate paragate parasamgate«) gesprochen. Die ersten beiden »gate« sind die vorbereitenden Stufen auf dem Pfad zur Erleuchtung. Dem folgt der erste Schritt zur Erleuchtung, auf dem Pfad der Einsicht »paragate« - dann der zweite Schritt auf dem Pfad der Meditation »parasamgate«, bis mit dem »bodhi svaha« die Stufe der Erleuchtung und das »Ende allen Lernens« erreicht wird.

Die Sadhana-Meditation

Zum komplexen Mandala des Kalachakra, gibt es eine Meditation: das Sadhana. Es bezeichnet eine spirituelle Disziplin, mit der ein bestimmtes geistiges Ziel erreicht wird. Hier geht es um die Visualisierung des Kalachakra-Mandala, in all seinen Details. Diese Praxis stellt natürlich hohe Anforderungen an die Vorstellungskraft der ausübenden Person. Darum setzt man als Hilfsmittel gerne Abbildungen der entsprechenden Formen und Gottheiten ein. Um die Komplexität des Kalachakra-Mandala weiter aufzulösen, schuf man in der Vergangenheit das dreidimensionale Modell des Mandala-Palastes.

Wird die Sadhana-Praxis korrekt ausgeführt, erreicht der Meditierende eine »Reinigung« und Klärung der inneren und äußeren Welten. Daher nennt man das Kalachakra-Sadhana »das was reinigt«.

Die in diesem Mandala-Ritual durchgeführten Visualisierungen der sechs Gottheiten (siehe oben), fördern die Erkenntnisfähigkeit, da mit ihr ein hoher Grad an Reinheit erlangt wird und die Betrachtungen des Meditierenden von falschen Eindrücken gereinigt werden. Der Meditierende lädt einen der sechs Buddhas ein und bittet ihn vor sich, an einem reinen Ort, auf der ihm entsprechenden Lotusblüte Platz zu nehmen. Dort erschaut er ihn an, in all seinen Einzelheiten (vergl. oben die Buddhas und Lotosblüten bei der Darstellung der Chakras). Er sieht darin die »Prinzipien hinter den Prinzipien« und erkennt, dass nichts aus sich selbst existiert. Nachdem er diesem Buddha Opfer reichte (Wasser zur Reinigung, Gewänder, Schmuck, Blumen, Parfüm, Nahrung, etc.), bekennt er ihm gegenüber seine Fehler, die er im Leben begangen hat und die auch jetzt noch an ihm haften. Schließlich nimmt er Zuflucht bei diesem Buddha, spricht ein Gebet und begibt sich aus seiner Meditation, um in seinem Leben die vier Tugenden der Liebe, des Mitgefühls, der Freude und des Gleichmuts zu verwirklichen.

Gliederung des Mandalas

Voraussetzung zur Erschaffung des Kalachakra-Mandalas, ist ein reiner, angenehmer Ort. Das kann ein schöner Garten, ein Berg oder ein Palast sein. Es ist auch möglich die Kalachakra-Zeremonie an einem vorher geläuterten und gereinigten Ort durchzuführen, was voraussetzt, dass an diesem Ort weder Scherben noch Knochen gefunden wurden.

Im Kalachakra-Ritual wird, neben spirituellen Lesungen, Meditationen, Tänzen und Gebeten, von den tibetischen Yogis ein Mandala hergestellt.

Das mit farbigem Sandpulver erstellte Diagramm wird gemäß der Beschreibungen des Vasubandhu (siehe oben) angefertigt: Fünf Elementarscheiben umringen das viereckige Zentrum des Kalachakra-Palasts auf dem Berg Meru. Je einer der Ringe entspricht den Elementen des Raumes, der Luft, des Feuers, des Wassers und der Erde. Innerhalb dieser fünf äußeren Ringe, befindet sich der Berg Meru, auf dem der dreigliedrige Kalachakra-Palast steht.

Meru selbst wird im Kalachakra-Mandala nicht abgebildet, befindet sich aber zwischen dem Erdelement und dem Palast. Was der Yogi im Sadhana visualisiert, wird von den Mönchen mit farbigem Sand als Mandala gemalt. Im Zentrum des Mandalas, umgeben von fünf kreisförmigen Elementarebenen (Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde), befindet sich der Palast des Kalachakra. Dieser setzt sich aus drei Bereichen zusammen:

  • aus dem Körper-Mandala,
  • dem Sprach-Mandala und
  • dem Geist-Mandala.

Diese drei Mandalas gelten als Emanationen des erleuchteten Buddha. Sie formen die Gemäuer des Mandala-Palasts. Seine Wände sind schwarz im Osten, rot im Süden, weiß im Norden, gelb im Westen und blau im Zentrum. Im Inneren des Shambhala-Palastes halten sich die oben dargestellten Buddhas auf, die im Mandala-Ritual angerufen und visualisiert werden.

Kalachakra thangka painted in Sera Monastery, Tibet - ewigeweisheit.de

Das Kalachakra-Mandala

Konstruktion und Zerstörung des Mandalas

Bevor das Kalachakra-Mandala mit dem farbigen Sand gestreut werden kann, wird ein »Grundgerüst« von Linien gezeichnet. Diese Linien werden mittels einer in Kalkschlamm getränkten Schnur, der »genässten Karma-Schnur«, auf der quadratischen Oberfläche des Mandala-Tisches aufgetragen, dessen vier Kanten nach den Himmelsrichtungen weisen. Zuerst wird die Mitte des Mandalas festgelegt und von dort aus werden acht große Linien aufgetragen (Ost-West und Nord-Süd, diagonal Südost-Nordwest und Südwest-Nordost, die inneren Wandlinien des Geist-Mandala, entsprechend nach Osten, Norden, Westen und Süden hin weisend). Durch auflegen von Gerstenkörnern an bestimmten Schnittpunkten der so erzeugten Grundlinien, wird unter der Rezitation bestimmter Mantras, das Mandala belebt. Das zuvor visualisierte Mandala, wird aus dem Kosmos nun in Gedanken herabgeholt und mit dem auf dem Tisch vorbereiteten Mandala für kurze Zeit »verschmolzen«. Danach lassen die Mönche, in ihrer Imagination, das Mandala wieder in die Höhe des Weltalls verschwinden.

In Vorbereitung auf den Höhepunkt des Kalachakra-Rituals, erfolgt nun die eigentliche Konstruktion des Sandmandalas. Der Vajra-Meister (Dalai Lama) beginnt mit dem Färben der ersten Linien, die im Mandala-Palast die Ostwand des inneren Geist-Mandalas darstellen. Danach lassen in konzentrierter Feinarbeit, vier Mönche, aus ihren trichterförmigen Streuinstrumenten, von der Mitte her, langsam das gesamte Mandala entstehen, bis sie sich Schritt für Schritt bis zur Peripherie hin durchgearbeitet haben. Das hierfür verwendete Farbpulver ist eingefärbter Quarzsand (blau, grün, rot, orange, weiß und schwarz). Alle Farben und Formen sind genau vorgeschrieben. Damit ein fehlerfreies Arbeiten gewährleistet ist, bedienen sich die Künstler ihrer Notizbücher.

Zum Abschluss reinigt der Vajra-Meister die Ecken des Mandala-Tisches mit Safran-Wasser und stellt dort Blumen auf. Während der öffentlichen Kalachakra-Einweihung, wird das kunstvolle Ausstreuen des Sandmandalas, von sieben Initiationen begleitet, die wir weiter unten im Detail besprechen werden. Das Kalachakra-Mandala stellt den transzendenten, tantrischen Götterpalast dar, der sich in Mitten der elementaren Welten, im Zentrum des Berges Meru befindet.

Nach der eigentlichen Liturgie der Kalachakra-Initiation, wird das aufwendig hergestellte Sandmandala wieder zerstört. Was ist der Sinn dahinter? Im buddhistischen Mythos wendet sich Vajravega zornvoll gegen seinen eigenen Vater, den Zeitgott Kalachakra. Vajravega erscheint als der dunkle Dämon Rahu – der Finsternisplanet (vergl. Drachen- oder Finsternispunkt westlicher Astrologie), der Sonne und Mond verschlingt. An ihrer Stelle ergreift er die Macht über die Zeit. Mikrokosmisch erfolgt dabei, im mystischen Leib der Teilnehmer, die Vernichtung der beiden Hauptenergieflüsse des Körpers. Gleichzeitig wird der Hauptenergiekanal des Körpers aktiviert, durch den ein unbezwingbarer Energiefluss im zentralen Nadi des Initianden aufsteigt (durch die Wirbelsäule verlaufend, identisch mit der Kundalini-Schlangenkraft vedischer Tradition).

Am Ende der siebten Initiation beginnt also die Zerstörung des Mandalas durch den Vajra-Meister. Danach werden Pinsel verwendet, um das mit eingefärbten Sand gemalte Kalachakra-Mandala zusammenzuwischen, wobei ein graues Sandpulver entsteht, das man in eine Vase füllt. Dieses Gefäß wird nun in ein Gottesgewand gekleidet und mit einem besonderen Utensil gekrönt. Mit Gebeten und Gesängen trägt eine Prozession den sandigen Inhalt der Vase an einen nahegelegenen Fluss, wo ihn der Vajra-Meister ins Wasser schüttet – als Geschenk an die Schlangengötter (Nagas). Dabei entsteht im Wasser ein letztes Mandala (Wellenringe auf der Wasseroberfläche), was das Ende des Kalachakra-Rituals besiegelt.

Kalachakra und Vishvamata - ewigeweisheit.de

Kalachakra vereinigt sich mit Vishvamata

Die Kalachakra-Initiation

In der Einweihung (sanskr. »Abhisheka«) geht es um die Übertragung spiritueller Energie vom Priester (bzw. Meister) auf den Schüler (Teilnehmer der Kalachakra-Initiation). Diese Übertragung findet freiwillig statt. D. h. der Priester wird um die Einweihung gebeten. Wenn dies erfolgt ist, überträgt der Priester sein Wissen und seine spirituellen Kräfte auf den Schüler. All jene, die andere einweihen, saßen einst selbst zu Füßen eines Meisters. Die Kalachakra-Tradition beruft sich auf eine lange Kette von Eingeweihten, die sich bis auf den historischen Buddha zurückführen lässt. Das ähnelt in etwa dem, was im Sufismus »Silsila« genannt wird, wo die Sheiks sich als Nachfolger verstehen, der vom Propheten Mohammed eingeweihten Kalifen. Der Schüler dient nun also als leeres Gefäß, in das der Geist seines Meisters einströmt – der den Geist aller in der Linie vorangegangenen Meister enthält.

Der Meisters (oder Guru) repräsentiert Kalachakra (Zeitgott, Symbol: Diamantenszepter) und Vishvamata (Zeitgöttin, Symbol: Glocke).

Die Einweihung findet statt sowohl von Mund zu Ohr, wie auch durch Zeigen von Handgesten und Bildsymbolen. Hier wird der sogenannte Linienbaum enthüllt, auf der alle hohen Eingeweihten des Lamaismus verzeichnet sind. In der Krone dieses mystischen Stammbaumes, sitzt der Adi Buddha, den wir am Schluss noch genauer beschreiben werden.

Auf dem Weg zur Erleuchtung, bewegt sich der Initiand, auf komplizierte Weise, über mehrere Ebenen der Erkenntnis. Die unteren Ebenen der Einweihung simulieren die höheren Ebenen der Einweihung, sind ihre Vorwegnahme und haben den Zweck eines systematischen Einübens, das zum eigentlichen Stadium der Vollendung hinleitet.

Die sieben unteren Einweihungen ahmen die Phasen der Kindheit nach – von der Geburt (Wassereinweihung) bis zum Erwachsensein (Ermächtigungseinweihung). Man betritt das »Feld der Initiation« völlig unwissend und nähert sich Schritt für Schritt den Geheimnissen.

Nach Ablegen eines Gelübdes, wird der Vorhang vor dem Kalachakra-Mandala entfernt und der Initiand ist nun bereit in Gedanken das Mandala zu betreten. Dabei verpflichtet er sich, ohne Unterlass nach Buddhaschaft zu streben, alle Fehlgriffe zu bereuen, ihre Wiederholung zu meiden, andere Menschen auf den Erleuchtungsweg zu führen und den Anleitungen seines Meisters Folge zu leisten.

Seine Augen sind zu Anfangs mit einer roten Augenbinde verbunden. Der Schüler betritt das Mandala sozusagen »blind«. An der Hand führt in der Meister, wie ein kleines Kind, durch die fünf Elementarwelten. Nachdem er sie durchschritten hat, muss er erneut ein Gelübde ablegen. Danach darf er mit seinem Meister das Osttor des Mandala-Palastes betreten: hier betritt er das Körper-Mandala. Während er durch das Körper-Mandala wandelt, nimmt er die Formen der verschiedenen Buddhas an, die sich im Körper-Mandala aufhalten. Nachdem ihm jetzt die Augenbinde kurz abgenommen wird, erscheint ihm eine Farbe, die er seinem Meister mitteilt. Dieser Farbe entsprechend erkennt der Meister, welche Energie im Initianden wirkt (besänftigende, besiegende, vermehrende oder kontrollierende Energie). Jetzt wirft der Initiand eine Blüte in das Mandala. Die Stelle an die die Blüte fällt, zeigt den Buddha an, mit dem sich der Schüler auf seiner Reise durch das Kalachakra-Mandala identifizieren soll. Nach weiteren rituellen Prozessen wird dem Initianden die Augenbinde endgültig abgenommen und er darf jetzt das gesamte Mandala vollständig betrachten.

Es folgen weitere Rituale, durch die der Initiand geläutert wird. Am Ende der Einweihung der ersten sieben Phasen (Ermächtigungseinweihung), löst der Meister den Schüler imaginativ in der »Leerheit« auf. So kann er anschließend sein eigenes polares Ebenbild imaginieren, mit dem er sich vereint und dabei auflöst, was ja das eigentliche Ziel buddhistischen Strebens ist. So verlässt er das Samsara, den ewigen Kreislauf der Inkarnationen in der Welt der Illusionen.

Jetzt erreicht der Initiand eindeutig die Erkenntnis der Korrelation zwischen seinem Körper und dem Universum. Wer dieses Ziel erreicht, kann die zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos wirkenden Kräfte, bewusst kontrollieren.

Über die Meditation der eigentlichen Leerheit aller Dinge, kann der Initiand jetzt all seine ungünstigen Vorstellungen endgültig auflösen.

Die sieben exoterischen Initiationsgrade

  1. Die Wassereinweihung ist die erste Reinigung des mystischen Leibes. Sie entspricht dem »Baden des Kindes« kurz nach der Geburt. Hier findet die Reinigung der fünf Elemente des Energiekörpers statt: Raum (Äther), Luft, Feuer, Wasser und Erde. In seiner Imagination ist der Initiand jetzt zur Größe eines Tropfen zusammengeschmolzen. Der Meister verschlingt diesen Tropfen und ejakuliert ihn als Kalachakra-Gott, anschließend durch seinen Penis (Vajra, »Diamantszepter«) aus, in die Gebärmutter (Padma, »Lotus«) seiner göttlichen Gemahlin Vishvamata. Diese tantrische Vereinigung nennt man auf tibetisch »Yab-Yum« (»Vater-Mutter«). Auch wenn die Symbole eindeutig sexuellen Charakter besitzen, haben sie keine wirklich erotische Intention, sondern symbolisieren die mystische Aufhebung der Gegensätze, wie das etwa auch durch das taoistische Symbol des Yin-Yang ausgedrückt wird. Gleichzeitig wird Sexualität im tantrischen Buddhismus aber auch nicht verneint und deshalb offen dargestellt. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass Sex einen wichtigen Stellenwert im Leben hat. Schließlich ist die erotische Vereinigung der Geschlechter die Voraussetzung um Leben zu erschaffen. Sexualität wird darum nicht verneint. Was es mit dieser Zustimmung tatsächlich auf sich hat, davon wissen nur diejenigen Schüler, die die höheren Initiationsgrade absolviert haben.
    Jetzt bringt Vishvamata, die Gattin des Kalachakra, den Initianden selbst als Gottheit zu Welt. Abschließend berührt der Meister den Initianden mit einer Muschel – ein Symbol für das Wasserelement – an »fünf Stellen« seines Körpers: am Scheitel, an den Schultern, an den Oberarmen, an der Hüfte und an den Oberschenkeln.
  2. Die Kroneneinweihung ist die zweite Reinigung des mystischen Leibes. Hier werden die fünf »Aggregate« des Schülers gereinigt: Bewusstsein, Geistesregungen, Empfindungen (Gefühle), Wahrnehmungen und Körperlichkeit. Jetzt lösen sich alle individuellen Persönlichkeitsstrukturen auf, um eine anschließende Neuschaffung in Form einer Gottheit zu ermöglichen. Abschließend berührt der Meister die »fünf Stellen« mit einer Krone. Im Menschwerdungsprozess entspricht diese Stufe dem »ersten Haarschnitt« bzw. dem ersten »Aufbinden des Haares«.
  3. Die Kronenbandeinweihung ist die erste Reinigung der Sprache. Erneut verschlingt der Meister in seiner Imagination den Initianden, so dass er von Vishvamata, als Gott geboren wird. Es werden hier die Energiekanäle (Nadis) gereinigt. Sie bilden das mystische Gerüst des feinstofflichen Körpers. In der Kindheitsentwicklung entspricht diese Initiation dem Durchstechen des Ohrläppchens, so dass ein goldener Ohrring als Schmuck getragen werden kann. In dieser Initiation werden die 10 Winde im Schüler gereinigt (Feuerbegleitender Wind, Schildkröten-Wind, Aufwärtsbewegender Wind, Chamäleon-Wind, Alldurchdringender Wind, Devadatta-Wind, Schlangen-Wind, Dhamnajaya-Wind, Lebenserhaltender Wind, Abwärtsbewegender Wind).
  4. Die Vajra-Glockeneinweihung ist die zweite Reinigung der Sprache. Sie entspricht im Prozess der Menschwerdung, dem Sprechen der ersten Worte, bzw. dem ersten Lachen des Kindes. In dieser Phase werden die drei Haupt-Nadis im Körper des Initianden gereinigt. Diese drei Energiekanäle verlaufen entlang der Wirbelsäule und bilden das feinstoffliche Rückgrat des Eingeweihten. Im Energiekörper des Menschen, entsprechen sie dem linken Ida-Nadi (Mondenergie), dem rechten Pingala-Nadi (Sonnenenergie) und dem zentralen Sushumna-Nadi (Erfahrung der Einheit) aus der vedischen Chakralehre. Die Tibeter nennen den linken Nadi Gantha (»Glocke«), den rechten Vajra (»Diamantszepter). Der mittlere Nadi bewirkt eine Vereinigung der beiden anderen, polar entgegengesetzten Nadis, was in der höchsten Initiation das Hauptereignis darstellt. Nachdem der Initiand vom Meister die Gantha und den Vajra überreicht bekommt, überträgt sich auf ihn die spirituelle Androgynität und damit das absolute Erfahren des Jetzt.
  5. In der Verhaltenseinweihung erfolgt die erste Reinigung des Geistes. Hier geht es um die sinnbildliche Erfahrung eines Kindes, das sich an den Sinnesobjekten erfreut. Es werden in dieser Phase die sechs Sinne (Gehör, Geruch, Gefühl, Gesicht, Geschmack, Gedanken) und ihre Sinnesobjekte meditativ vernichtet und danach auf göttlicher Ebene, neu geschaffen. Diese Initiation wird vom Meister abgeschlossen, indem er die »fünf Stellen« am Körper des Schülers, mit je einem Ring berührt, die er an seinen fünf Fingern, entsprechend der fünf Elemente trägt. Der Daumenring korreliert mit der Erde und ist deshalb gelb.
  6. In der Namenseinweihung geht es um die zweite Reinigung des Geistes. Dabei bekommt der Initiand einen religiösen Geheimnamen mitgeteilt, der einer bestimmten Gottheit entspricht. Sie wurde während der Vorbereitungsriten aus dem Kalachakra-Mandala ermittelt (siehe oben). Hiernach spricht der Guru eine Prophezeiung aus. Darin soll der Schüler als ein Buddha in Erscheinung treten. Während dieses Vorgangs werden die sechs Handlungsorgane des Körpers gereinigt: der Mund, die Arme, die Beine, die Geschlechtsorgane, der Urinapparat und der Anus – sowie die sechs Handlungen, die mit diesen sechs Organen in Verbindung stehen: Sprechen, Greifen, Gehen, Kopulieren, Urinieren und Kot ausscheiden.
  7. Die Ermächtigungseinweihung entspricht auf menschlicher Ebene der ersten Lesestunde des Kindes. Hier wird das »Tiefe Gewahrsein« geläutert. In dieser Stufe verschlingt der Meister in seiner Imagination erneut den Schüler, wonach er mit der Vereinigung von Kalachakra und Vishvamata wieder zur Welt kommt. Jetzt reicht der Guru dem Initianden, eins nach dem anderen, die fünf Bewusstseinssymbole: Vajra (Feuer), Juwel (Erde), Schwert (Luft), Lotus (Wasser) und Rad (Raumzeit). Jetzt bekommt er auf seine Bitte hin, vom Meister das Diamantszepter und die Glocke. Dabei »strömen« aus dem Mund des Meisters heilige Mantras, die vom Initianden im Herzzentrum gesammelt werden. Jetzt wird dem Initianden mit einem goldenen Löffel eine »Augenmedizin« verabreicht und er legt dabei den »Schleier der Unwissenheit« ab. Jetzt kann er die illusionären Dinge der Welt und ihre eigentliche Leerheit erkennen. Ein Spiegel wird ihm dazu als Ermahnung überreicht. Um sich auf diese Wahrheit zu konzentrieren, überreicht ihm der Meister symbolisch einen Bogen und einen Pfeil.

Abschließend übergibt der Guru dem Initianden feierlich das Diamantenszepter (Vajra) und die Glocke (Gantha). Seine geheime Natur besteht in der erhabenen Weisheit der großen Glückseligkeit desjenigen, der die »Methode« Upaya empfangen hat. Jetzt kreuzt der Schüler den männlichen Vajra in seiner Rechten mit die weibliche Gantha in seiner Linken – diese Geste heißt Vajrahumkara, was die tantrische Fertigkeit symbolisiert, die weiblichen Weisheitsenergien durch das Upaya zu beherrschen.

Hiermit enden die sieben unteren Initiationsphasen des Sadhakas (Schüler, Sucher, der Initiand der unteren Kalachakra-Einweihung geworden ist). Er darf sich jetzt als »Herr der siebten Ebenen« bezeichnen und erhält damit das Recht, die Lehre des Buddha zu verbreiten.

Kalachakra-Mandala - ewigeweisheit.de

Das Kalachakra-Mantra besteht aus sieben ineinandergreifen Sanskrit-Buchstaben: Ham (Mond), Kshah (Lotus), Ma (Meru), La (Erde), Va (Wasser), Ra (Feuer) und Ya (Luft). Bild: (cc)

Die esoterischen Initiationsgrade

So wie die sieben unteren Einweihungen den Initianden gereinigt haben, so sollen die vier höheren Einweihungen ihm helfen sich in eine Gottheit zu verwandeln. Diese Einweihungen dürfen nur von einer kleinen Zahl von Auserwählten empfangen werden und unterliegen strengster Geheimhaltung:

  1. Die Vaseneinweihung
  2. Die Geheime Einweihung
  3. Die Weisheitseinweihung
  4. Die Worteinweihung

Die Meister des Kalachakra-Tantra geben die Geheimnisse dieser vier Einweihungsstufen nicht preis. Sie ähneln vielleicht dem, was ja auch in den Riten der Freimaurer unter strengster Geheimhaltung verschwiegen werden muss. Würde einer die Initiationsgeheimnisse der höheren Grade ausplaudern, brächte er sich damit in Gefahr.

Es scheint, als spielten sich während der esoterischen Einweihungen Vorgänge ab, die jeder Erklärung entbehren und den Nichteingeweihten, durch ihren Verrat, mit Sicherheit schockieren würden. Was gesagt werden kann, ist das es sich hier teilweise um sexualmagische Praktiken handelt, von denen man sich aber keine biederen Vorstellungen machen darf. Wahrscheinlich finden bei allen Geheim-Initiationen Handlungen statt, die, würden sie durch Worte beschrieben, einfach nur zu schlimmer Irreführung und schrecklichen Vermutungen führten.

Adi Buddha – der höchste Initiationsgrad

Letzte Stufe und Ebene absoluter Vollkommenheit, auf dem Weg der Kalachakra-Initiation, ist die Erreichung eines geistigen Zustandes, der »Adi Buddha« genannt wird. Derjenige, der diesen höchsten Buddha erkannt hat, der hat auch das Rad der Zeit (Kalachakra) erkannt. Den Adi Buddha nennt man auch den »Höchsten Einen«, aus dem alles andere hervorgeht – was ja dem Konzept der monotheistischen Religionen, verblüffend nahe kommt.

Der Adi Buddha ist als großer, kosmischer Androgyn aus sich selbst entstanden, hat also keine Vorgänger von denen er abstammt. Er ist die Vereinigung der Gegensätze, ist ungeteilt. Bar aller Leiden lebt er in höchster Glückseligkeit. Wie der heilige und oberste Herr-Gott der Hebräer JHVH, besteht der Adi Buddha schon immer und wird bis in alle Ewigkeit fortbestehen. Dieser transzendente Ewigkeitsaspekt, lässt ihn ohne Befleckung auch in einer Welt der Makel bestehen, da aller Makel ja bereits auf dem Weg des Zerfalls und seiner Auflösung ist. Alles schlechte, böse und unreine fällt vom Adi Buddha darum einfach ab. Er ist der Allgott und höchster Herr des Universums.

Der Adi Buddha verkörpert sich als das Rad der Zeit. Er lässt alles es entstehen, im Zyklus von Schöpfung und Zerstörung aller niederen Existenzen. Er ist der König des Kalachakra-Tantra, beherrscht Körper, Sprache und Geist und kann, im höchsten Initiationsgrad, als anthropomorphe Gestalt in einem Adepten erscheinen.

Wer in diesen höchsten Grad eingeweiht wurde, der ist durchdrungen vom Adi Buddha. Aus seinem Herz strahlt das Licht der universellen Wahrheit.

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Die Mysterien von Eleusis und das Urchristentum

von Johan von Kirschner

Einweihung in Eleusis - ewigeweisheit.de

Wer nie das Blut eines Mitmenschen vergossen hatte und fähig war zu schweigen, der konnte, ganz gleich ob Fürst oder Sklave, in die Mysterien von Eleusis eingeweiht werden. Wer Anteil hatte an der göttlichen Weisheit der Mysterien, wie wohl einst der Apostel Paulus, der wurde ein »Vollkommener« und konnte auch in anderen die Flamme der Erkenntnis entzünden.

Viele alte Philosophen, Dichter und Historiker sprachen mit größter Ehrfurcht von einem Kult, der sich um drei Gottheiten drehte: Demeter, Persephone und Dionysos. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, strahlte in seiner ganzen Erscheinung eine Heiligkeit aus, die, so der alte Glaube, von diesen Gottheiten auf ihn überging. Was Christen und Juden beim Namen Jerusalem, Muslime beim Namen Mekka empfinden, dass und mehr mussten eingeweihte Griechen beim Namen »Eleusis« empfunden haben. Eleusis war ein Ort wo etwas stattfand, dass die dort Teilnehmenden niemals mehr vergessen konnten und ihnen für den Rest ihres Lebens Licht, Kraft und Trost gab.

Sophokles, selbst ein Eingeweihter, fasste seine Eindrücke der Ereignisse von Eleusis so zusammen:

Dreimal selig, ewig stillbeglückt
Ist der Sterbliche, der jene Weihe erblickt
Ehe er zum Hades niederstieg.
Seiner harrt dort Freude, Licht und Sieg.
Ihm allein ist Sterben neues Leben;
Doch den andern wird viel Leid gegeben.

Die Mysterien von Eleusis wurden in Griechenland vor mehr als 3.000 Jahren gegründet. Seit damals wurden in Eleusis zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende Menschen in die Mysterien eingeweiht. Das bedeutet, dass die Teilnehmer nicht allein aus dem alten Griechenland stammten, sondern wohl auch aus dem römischen Reich, aus Kleinasien, Palästina, Ägypten und Persien eingeladen wurden, um an den Mysterienfeiern teilzunehmen.

Auch wenn man damals im griechischen Arkadien, Messenien und Korinth Mysterienfeiern abhielt, waren ihnen seit alters her die Eleusinischen Mysterien übergeordnet. Ihr Ahnherr war der thrakische Demeterpriester Eumolpos, der als erster Hierophant (Enthüller der heiligen Geheimnisse) im heiligen Drama der Mysterien die Rolle des Zeus zufiel.

Man unterschied zwischen den kleinen Mysterien, den Myesis (von griech. myo, verschleiern), und den großen Mysterien, den Teletai (von griech. telos, vollkommen), in denen die eigentliche Einweihung vollzogen wurde. Es war Personen beider Geschlechter und aller Stände, auch Sklaven, gestattet, an den kleinen Mysterien teilzunehmen. Doch die höhere und letzte Initiation der großen Mysterien vollzogen nur wenige – trotz dass ihnen darin die großen Geheimnisse des Lebens offenbart wurden.

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens - ewigeweisheit.de

Klassische Illustration des Mysteriengeschehens

Die kleinen Mysterien

Die kleinen Mysterien wurden jedes Jahr im Monat Anthesterion, um das Frühlings-Äquinox in der Kleinstadt Agrae abgehalten, in der Nähe von Athen. Dort hausten die Teilnehmer in einer kleinen Zeltsiedlung, von wo aus sie sich in ein nahe gelegenes Demeter-Heiligtum begaben, in dem die Weihehandlungen stattfanden. Wer die Weihe empfangen wollte, dessen guter Leumund musste von zwei Eingeweihten bezeugt werden, die damit seine Mysterien-Paten wurden. Nur wer ein ehrenhafter Bürger des hellenischen Staates war und sein Hände niemals mit dem Blut eines Mitmenschen befleckt hatte, entsprach den Anforderungen der eleusinischen Priester und konnte als Neophyte angenommen werden.

In den kleinen Mysterien wurde der Neophyt auf die heiligen Wahrheiten der großen Mysterien vorbereitet und nach dem Empfang der ersten Weihe, durfte er sich »Myste« nennen: Verschleierter.

Die großen Mysterien

Man sagt jene Eingeweihte der kleinen, glichen unvollkommenen Schatten derjenigen die die Weihen der großen Mysterien empfangen hatten – ganz so wie der Schlaf ein Schatten des Todes ist. Als ein Myste der kleinen Mysterien wurde man aber für die großen Mysterien zugelassen. Sie fanden alle vier Jahre im Monat Boedromion, um das Herbst-Äquinox, in der Tempelanlage von Eleusis statt. Alles was dort geschah ereignete sich hinter verschlossenen Toren. Uneingeweihte die sich in die Mysterien einschleichen wollten, wurden mit dem Tode bestraft.

Wer die Weihen der großen Mysterien empfangen hatte wurde in die Anfangsgründe der heiligen Wissenschaften eingeweiht. Ihn nannte man einen Epopten – das war ein »Sehender«, einer der das Mysterium des Todes »geschaut« hat.

Das Geheimhaltungsgebot

In den Mysterien wurde kein geheimes Wissen vermittelt, noch führte man darin intellektuelle Unterweisungen durch. Die Teilnehmer machten aber Erfahrungen, durch die sie ein phänomenale Selbst-Transformation erfuhren. Der griechische Philosoph Apuleius (125-180 n. Chr.) beschrieb die Einweihung als einen freiwilligen Tod des Teilnehmers und seine Wiedergeburt zu neuem Leben. Man teilte den Mysten etwas mit, zeigte ihnen etwas und etwas wurde mit ihnen getan. Während der mehrtägigen Mysterienhandlungen, erfuhren die Teilnehmer die Bedeutung der Pole von Sterben und Wiedergeburt, von Schmerz und Vergnügen, von Finsternis und Licht.

Was die Mysten in den Weihen von Eleusis empfingen, muss eine ganz wunderbare Erfahrung gewesen sein. Das innerste Seelenleben des Initianden wurde in seinen verborgensten Tiefen erschüttert und auf geheimnisvolle Weise wieder neu zusammengefügt. Wer in die Mysterien eingeweiht wurde, der lebte fortan als anderer Mensch. Was das bedeutet, bleibt Nicht-Eingeweihten für immer verborgen. Es ging also nicht um die Mitteilung besonderer Geheimnisse, sondern um tiefgründige Erfahrungen – etwas, dass in Worten ebenso wenig mitteilbar war, wie ein Sehender einem Blinden von Farben erzählen könnte. Es war eine Art Vorgeschmack auf die Todeserfahrung, den der Myste in Eleusis kostete. Wie sollte also jemand ganz genau in Worten beschreiben wie es sich anfühlt und was in diesem Zustand mit einem geschieht, der diese Erfahrung noch nie gemacht hat?

Jede Erfahrung die wir machen ist vollkommen individuell und kann nicht durch Worte beschrieben werden – denn die Beschreibung ist niemals das Beschriebene! Was sich den Mysten in den Mysterien in dieser Erfahrung ganz deutlich offenbarte, war die esoterische Geschichte über die Entstehung der Götter in der alten Volksreligion. Wer preisgab was er erfuhr, der gefährdete Staat und Glauben, denn er verriet die Herkunft der Volksgötter, was, ohne Verständnis der geistigen Hintergründe im Volk, zu gefährlichen Missverständnissen geführt hätte. Nur dem Auge des Eingeweihten erschlossen sich die göttlich-geistigen Zusammenhänge. Darum das Schweigegelübde: die Mysterien-Weisheit musste Tempel-Geheimnis bleiben. Wer die Mysteriengeheimnisse verriet, der machte sich der Todesstrafe schuldig! Doch im Verlauf der Jahrhunderte in denen die Mysterien abgehalten wurden, ist nie ein Fall von Verrat der Geheimnisse durch einen Eingeweihten bekannt geworden.

Hehres Geheimnis, das keiner verraten darf, noch erfragen,
Noch beklagen; ein heiliger Schauer ja bindet die Sprache.
Glücklich jedoch, wer es sah von den erdebewohnenden Menschen!
Denn wer die Weihen empfing, und dem das Heilige fremd blieb;
Nicht doch haben sie gleiches Geschick in dem Reiche der Toten.

- Aus Homers Hymnus an Demeter

Die Geheimhaltung der Mysterien waren in sich selbst ein Symbol dafür, dass die wichtigsten Dinge im Leben nicht beschrieben werden können. Wie wollte jemand beschreiben was Liebe ist, wie es sich anfühlt und in welche Stimmung es jemanden versetzt? Ist Liebe nicht eines der größten Mysterien? Auch was der Tod, das Leben, die Zeit und das menschliche Bewusstsein sind, bleiben Geheimnisse, denn die Erfahrung der mit ihnen zusammenhängenden Vorgänge sind jeglicher Sprache erhaben. Über das wirklich Wichtige im Leben lässt sich nicht reden.

Die Mysterien-Handlungen

Was die Neophyten im heiligen Drama der kleinen Mysterien gezeigt bekamen, war die Geschichte der Persephone, der Tochter der Korngöttin Demeter. Es war eine Allegorie auf die Geschichte der menschlichen Seele. Persephones Weg aus der Oberwelt in die Unterwelt, bedeutete das Herabkommen der menschlichen Seele auf die Erde in der Stunde der Zeugung. Durch ihr Begehren wurde Persephone verführt, wodurch der finstere Herrscher der Unterwelt Gewalt über sie erlangte. Auch die Seele des Menschen wird durch die irdische Liebe angezogen, wenn sich Mann und Frau vereinigen. Sie wird dann in dieses Leben hineingeboren, wo sie im Dunkel des Körpers weilen muss. Erst in der Stunde des Todes, ringt sie sich wieder empor, in die lichtvollen Welten des Himmels.

Wie in den ägyptischen Mysterien von Osiris und Isis wurde auch in Eleusis den Mysten etwas erzählt, dem sie mit verschleiertem Gesicht lauschten. Als man von ihren Augen den Schleier nahm und vor ihnen geheime Symbole enthüllte, erschloss sich ihnen das Gehörte, machte Sinn und fügte sich zu einem großen Ganzen zusammen. Immer ging es um den Zyklus von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt, symbolisiert durch den Jahreszyklus im Leben des Getreides. So wie im Jahreskreis die Vegetation im Winter stirbt, so lebt im Menschen die Hoffnung auf ihre Wiederkehr. Die in der Erde um diese Zeit vergrabene Saat stirbt dort, um im Frühling aus der Erde zu neuem Leben zu erblühen.

So hoffte auch der Mensch auf sein eigenes Wiedererwachen nach dem Tod, auf die Unsterblichkeit seiner Seele in der Wiederauferstehung zu ewigem Leben. Das herbstliche Erntefest war auch eine Feier der Unsterblichkeit. In mancher Hinsicht erinnern diese Formulierungen an das Christentum. Und in der Tat ist davon auch die Rede in einem der Evangelien:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

- Johannes 12,24-26

Der hier angedeutete symbolische Charakter des Vegetationszyklus, wurde im Mysterienkult von Eleusis voll ausgeschöpft. Doch es wäre falsch zu glauben, dass es nur ein symbolischer Vorgang war, der den Mysten im Einweihungstempel gezeigt wurde. Es war ein tief mystisches Erfahren, wodurch die Initianden erkannten, was das innerste Wesen der Naturvorgänge ist: im Menschen, auf der Erde und im Weltenkosmos. Die Teilnehmer waren sich bewusst, dass die Kräfte, die in der Erde wirken, auch in den Tiefen der menschlichen Seele aktiv sind.

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Angst vor dem Tod

Auch schon für die alten Griechen war der Tod etwas ganz Furchtbares. Achilles, der seinem Genossen Odysseus in der Unterwelt begegnete, sagte zu diesem, er wolle lieber als Bettler in der Menschenwelt leben, statt als König im Reich des Hades. Ein Gegenbild hierzu liefern die Eleusinischen Mysterien, denn sie vermitteln den Wert des Ewigen gegenüber dem Irdischen und Vergänglichen. Den hoch erhabenen Epopten wurde das geheime Wesen dieser Wahrheit vom Hierophanten enthüllt.

Die Schönheit (der Mysterien) aber war damals leuchtend zu schauen, als wir (als Epopten, als »Sehende«) mit dem glückhaften Chore das selige Gesicht und Schauspiel genossen […] (und) in die Mysterien eingeweiht wurden, die nach ewigem Recht die segenbringendsten aller Mysterien genannt werden. Als Makellose schwärmten wir, damals noch unversehrt von den Übeln, die uns in der künftigen Zeit erwarteten. Darauf vorbereitet und geweiht, schauten wir klare, beglückende, unwandelbare und heilige Visionen, die in reinem Lichte wohnten. Wir sahen uns selber, rein und nicht behaftet mit dem, was wir jetzt unseren Körper nennen, den wir an uns geheftet (d. h. an die Seele gebunden), mit uns herumtragen, so wie die Purpurschnecke ihr Haus.

- Aus Platons Phaidros

In Eleusis lernten die Teilnehmer das innerste Wesen dieses großen Mysteriums kennen. Sie erfuhren, dass ihre Seele aus himmlischen Regionen stammte, sich aber von Zeit zu Zeit auf der Erde in einem Menschenleib verkörperte. Da die Seele sich nach dem Irdischen sehnt, wird sie zu immer neuen Verkörperungen getrieben und kehrt darum wieder auf die Erde zurück – so wie Persephone zu Hades.

Dem Epopten jedoch erschien diese Angelegenheit, als wandelte seine Seele in einem Menschenkörper eingefangen, ganz unbewusst auf dieser Erde – im Exil von ihrer himmlischen Heimat. So findet die Seele mit der Geburt in einem Menschenkörper, gewissermaßen ihren Tod auf der Erde. Erst wenn der Kerker des Menschenkörpers abgestorben ist, kehrt sie wieder zu ihrem Ursprung und zu einem neuen himmlischen Leben zurück. Das sollte der Teilnehmer als eine Art allegorische Erfahrung erleben - als Vorwegnahme davon, was seine Seele dereinst erleben wird.

Mit diesem Drama der menschlichen Existenz auf der Erde, verbanden die alten Griechen aber auch die schicksalhafte Geschichte des Gottes Dionysos. Über sein Wesen und das der anderen Mysteriengötter, werden wir im Folgenden näheres erfahren.

Mythologischer Hintergrund der Mysterien

Zeus, bei den Römern Jupiter genannt, war bekanntlich ein donnernder Himmelsvater und höchster Gott des alt-griechischen Pantheon. Seiner etymologischen Herkunft nach ist der Name Zeus abgeleitet vom indogermanischen Dyaus (Dyaus Pita, Ju Piter, »Himmelsvater«) – der Himmel. Mit seinen Beinamen Jovis oder Jove, sind Zeus oder Jupiter, außerdem mit dem phönizischen Mysteriengott Jao verwandt. Man sah in Jao ein Licht, aus dem die Seelen emanieren. Jao ist auch ein anderer Name für den Jahve oder Jehova der Hebräer. In all diesen Namensformen steht er als höchster Gott und Herrscher über der Götterversammlung und kommt von einem heiligen Götterberg (Olymp, Berg Nysa, Berg Sinai) auf die Erde.

Zeus hatte zwei Schwestern: Hera und Demeter. Die eine wurde seine Ehefrau, die andere eine seiner vielen Liebschaften. Demeter war Göttin der Agrarkultur, der Fruchtbarkeit des Ackerbodens und der Kornähren. Ihr Name hat sich über die Zeiten hinweg ein wenig verändert, denn sie hieß ehemals Ge-Meter bzw. Gaia-Mater, »Mutter der Erde«. Wie uns die griechische Sage verrät, war sie die einzige Göttin, die nicht wie die anderen, Zeus »anhimmelte«, sondern sich ihm gegenüber eher gleichgültig zeigte. Das reizte den himmlischen Donnerer aber umso mehr. Doch fast schon gleichgültig ließ Demeter sich von Zeus begatten, wurde aber schwanger. Das so zur Welt gekommene Mädchen erhielt später den Namen Persephone – die »Getreidedrescherin«.

Die Göttin Demeter - ewigeweisheit.de

Die Göttin Demeter

Wie von einem Wahn befallen, und das scheint ja in der Götterwelt immer wieder vorzukommen, verliebte sich Zeus in das Mädchen Persephone, seine eigene Tochter! Aus Scham aber verwandelte er sich in eine Schlange, näherte sich ihr von hinten, kroch in sie hinein und schwängerte sie auf diese Weise. Es kam ein Sohn zu Welt: Zagreus. Zeus »offizielle« Ehefrau Hera, raste vor Eifersucht. Nicht nur mit ihrer Schwester hatte er es getrieben, sondern sich sogar über ihre Tochter hergemacht. Im Hass gegen den unehelichen Sprössling ihres Mannes Zeus, verbündete sie sich mit den Feinden der Olympier. Sie hetzte die Titanen (die verhassten Vorfahren der Olympier) gegen Zagreus auf. Seinen geliebten Sohn versteckte Zeus deshalb in seiner Geburtshöhle auf der Insel Kreta. Doch Hera verriet den Titanen das Versteck, die ihm bald folgten und ihn mit einem Spiegel aus der Höhle lockten. Sobald er sich darin sah und erkannte!, trat er aus seinem Versteck heraus, sie aber ergriffen ihn und rissen ihn in Stücke. Im letzten Augenblick aber konnte die Weisheitsgöttin Pallas-Athene – Zeus' Kopfgeburt – dem zerstückelten Leib das Herz des Zagreus entreißen. Während die Titanen das Fleisch des Zagreus in einem Kessel kochten, brachte Athene das Herz von Zagreus der Prinzessin Semele. Sie war die Tochter von König Kadmos dem Drachentöter und legendären Gründer der alten Stadt Theben.

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter - ewigeweisheit.de

Das Kornmädchen: Persephone, die Tochter von Zeus und Demeter

Nun sah Zeus das große Unglück das die Titanen mit seinem Sohn begangen hatten und verbrannte sie mit seinem Blitz zu einem großen Haufen Asche. Einer der Titanen jedoch blieb verschont, da er sich mit den Olympiern gegen sie verschwor: Prometheus. Dieser nahm die Asche und formte daraus die ersten Menschen – doch das ist eine andere Geschichte.

Bald darauf erschien Zeus der Semele als Sterblicher. Er überredete sie das Herz des Zagreus zu essen. In diesem mythischen Bild erkennen wir eine uralte, aus den Tiefen religiöser Anschauungen empor drängende Vorstellung. Schon seit alter Teit glaubten Menschen sich mit einem Gott dadurch vereinigen zu können, dass man ihn selbst oder nur ein Stück von ihm aß, was natürlich auch an den Einsetzungsbericht der Bibel erinnert:

Nehmt und esst; das ist mein Leib.

- Matthäus 26,26-28

Semele tat wie ihm der Gott Zeus befahl, aß das Herz des Zagreus und wurde schwanger. Sie wunderte sich jedoch über diesen Fremden, der ihr ja ganz und gar nicht wie ein Sterblicher vorkam. Sie war sehr neugierig und wollte wissen, wer in Wahrheit dieser schöne Mann sei. Sie gab nicht nach bis der Himmelsgott schließlich eingestand: »Ich bin Zeus«. Ungläubig schaute ihn Semele an und verlangte, dass er sich ihr dann doch bitte in seiner vollen Gestalt zeige, was Zeus leider auch tat. Doch das Licht das von seiner Erscheinung ausging war so stark, dass Semele darin verbrannte. Aus den Flammen rettete jedoch der Götterbote Hermes die Leibesfrucht und übergab sie dem Himmelsvater. Zeus nähte sich den Embryo in seine Hüfte ein und brachte das Kind drei Monate später selbst zur Welt. Biologisch kaum machbar, doch mythologisch einwandfrei! So wurde der unsterbliche Dionysos geboren – Zeus »eingeborener« Sohn. Dionyos wurde von Nymphen auf dem Berg Nysa großgezogen. Später wurde er zum Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase.

Der junge Dionysos bei den Nymphen - ewigeweisheit.de

Der junge Dionysos bei den Nymphen

Mit diesem Dionysos aber, hat es eine besondere Bewandtnis. Es heißt er sei eigentlich der selbe, der in der Bibel später als »Gott der Herr« – als »JHVH Elohim« (Jahve Elohim) bezeichnet wurde. Wie kann das sein? Es scheint als wäre der Name des jüdischen Gottes Jahve, der am Berg Sinai zu Moses sprach, im Namen Dionysos' enthalten. Tatsächlich gibt es eine Tradition von »Nysa« und eine Höhle, wo dieser Gott großgezogen wurde. Was oben gesagt wurde, scheint sich hier also mit der Figur des Dionysos, des »Zeus von Nysa«, zu vermischen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor (1. Jhd. v. Chr.) behauptete, der Ort »Nysa« befände sich zwischen Phönizien und Ägypten. Diese beiden Länder trennte das Rote Meer, doch war im Norden durch die Sinai-Halbinsel verbunden, auf der sich bekanntlich ja der Berg Sinai, der Mosesberg befindet. Diodor setzte Dionysos sogar gleich mit dem ägyptischen Gott der Vegetation und der Wiedergeburt: Osiris. Diodors »Universalgeschichte« entnehmen wir dazu Folgendes:

Einige Griechische Mythologen nennen den Osiris auch Dionysos, und um des gleichen Lauts willen Sirius. Nach Eumolpus z. B. in den Bacchischen Gesängen: 'Strahlet im Sternenglanz Dionysos feuriges Antliz.' Und Orpheus sagt: 'Darum nennen sie ihn den Leuchtenden und Dionysos.'

- Diodor, Universalgeschichte, 2. Buch, Kapitel 11

Wie man der esoterischen Philosophie entnehmen kann, besteht nicht nur in der ägyptischen, sondern auch in anderen Traditionen (z. B. bei den Dogon), ein enger Zusammenhang zwischen dem Sirius und der Agrarkultur.

Osiris war selbst ein Freund des Feldbaues; er war im glücklichen Arabien erzogen, in Nysa, nicht weit von Ägypten; darum erhielt er bei den Griechen, die aus dem Namen seines Vaters Zeus (nominativ Zeus, Genitiv Dios) und dem dieses Orts zusammengesetzte Benennung Dio-nysos. […] Osiris entdeckte bei Nysa den Weinstock, und erfand dann auch die Behandlung dieses Gewächses; er war der Erste, welcher Wein trank, und die andern Menschen den Weinbau lehrte und den Gebrauch des Weins, wie auch die Bereitung und Aufbewahrung desselben.

- Diodor, Universalgeschichte, 3. Buch, Kapitel 15

Wenn wir nun die Namensdeutung des Dionysos, als Zeus von Nysa, mit dem Bibelvers Exodus 17:15 vergleichen, verehrte dann Moses mit seinem Volk am Berg Sinai eine israelitische Variante des Dionysos? Denn dort heißt es wörtlich:

Und Mose bauete einen Altar und hieß ihn: Der Herr Nissi.

Natürlich ist hier das Wort »Herr« die Übersetzung des hebräischen Wortes »Jahve« (JHVH, יהוה). Und wie wir zu Anfangs sagten, ist Jahve ja identisch mit Zeus, als Nominativ von Dios – und so könnten wir doch also den »Jahve-Nissi« (»Herr Nissi«), als »Dios-nissi« und damit als »Dionysos« deuten!
So wie Diodor in seiner Universalgeschichte den Osiris mit Dionysos gleichsetzte, so identifizierte er dessen Gattin Isis, die Göttin der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt, mit der griechischen Demeter – eben jener Erdenmutter, deren Tochter Persephone, in der griechischen Mythologie, die selben Attribute wie Isis verkörpert.

Der Gott Dionysos - ewigeweisheit.de

Der Gott Dionysos

Persephone in der Unterwelt

In Homers »Hymnus an die Göttin Demeter« finden wir die Erzählung vom Raub der Persephone. Die Hierophanten wussten, dass die Vorführung gewisser Ereignisse sich dem menschlichen Geist tiefer einprägten, als deren bloße Erzählung. Darum zeigte man in Eleusis den Teilnehmer das Drama von Persephone als Mysterienschauspiel. Gut möglich, dass das europäische Bühnendrama in Eleusis sogar seinen Ursprung hat.

Als Tochter der Demeter, der Weltseele, personifizierte Persephone die Geschicke der Menschenseele und wie sie von ihr durch Geburt, Leben, Sterben und Wiedergeburt geführt wurde. Eigentlich sollte Persephone mit Dionysos vermählt werden, jenem der, wie wir oben gesagt haben, den göttlichen Geist der alles belebenden Naturkräfte verkörpert. Doch als sie in der Ebene von Nysa (!) auf einer Wiese eine Narzisse pflückte, riss vor ihr der Boden auf und aus dem Schlund der Erdentiefe brach der goldene Wagen des Hades hervor. Er, der Gott der Unterwelt und des Reichtums, entführte die junge Persephone mit Hilfe des Eros – dem Gott der lieblichen Sinnlichkeit.

Der Raub der Persephone - ewigeweisheit.de

Der Raub der Persephone

Demeter war bestürzt über das Verschwinden ihres Mädchens. Auf der Suche nach ihm, durchzog Demeter trauernd alle Länder der Erde. In Gestalt einer alten Frau kam sie nach Eleusis, wo man sie im Haus des Königs Keleos gastlich aufnahm. Zum Dank überreichte Demeter einem der beiden Söhne des Königs, dem Triptolemos, ein Getreidekorn und weihte ihn ein in die Kunst des Ackerbaus. Von Demeter lernte Triptolemos die Bedeutung des Säens, des Keimens, des Emporwachsens des Korns zum Licht und wie man die Getreideähren erntete. Es war Demeter die die Mysterien von Eleusis stiftete und Triptolemos war es der den ersten Acker auf Erden mit Getreide bepflanzte.

Wie Homers Hymnus weiter fortfährt, verließ Demeter später Keleos und seine Familie, um weiter nach ihrer Tochter Persephone zu suchen. Auf dem Weg begegnete ihr Hekate, die Göttin der Metamorphosen und der Verwandlungen. Sie war die einzige auf der Erde, die das Schreien ihrer entführten Tochter gehört hatte und konnte Demeter darum Aufschluss geben, über den Aufenthaltsort der Persephone. Von ihr erfuhr Demeter, dass ihre Tochter in der Unterwelt weilt, als Gemahlin des finsteren Hades. Die Grotte des Hades im Tempelbezirk von Eleusis, ist die legendäre Stelle, wo sich die Erde geöffnet haben soll und Persephone mit Hades verschwunden ist.

Mit der Hilfe des Götterboten Hermes drangen Demeter und Dionysos an dieser Stelle in die Unterwelt ein, um Persephone zu befreien. Doch Hades wollte seine Eherechte nicht aufgeben. Als ihn Persephone verlassen wollte, verlangte er,dass sie einen Kern des Granatapfels esse. Doch wer einmal von der Kost der Unterwelt zu sich genommen hat, der wird dorthin auch wieder zurückkehren. Nach einem Streit entschied Zeus, dass Persephone zwei Drittel des Jahres bei ihrer Mutter Demeter und ihrem Sohn Dionysos bleiben dürfe, das restliche Drittel des Jahres bei Hades in der Unterwelt. Natürlich erkennen wir hier gleich den Zusammenhang mit dem Agrarzyklus, wo das Korn nachdem es der Bauer im Dezember aussäet, dort vier Monate später den Erdboden durchbricht und dann auf der Erdoberfläche wächst, geerntet, gelagert und nach acht Monaten erneut ausgesät wird.

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend - ewigeweisheit.de

Triptolemos auf seinem Drachenwagen sitzend

Im Tempel zu Eleusis

Bevor die Mysten in das Telesterion (Einweihungstempel) gelassen wurden, wurden sie aufgefordert ihre Hände am Eingang, in einem Becken mit geweihtem Wasser zu reinigen. Mit reinem Herzen und sauberen Händen nämlich, sollten sich die Teilnehmer in den Weihetempel begeben. Das erinnert uns natürlich an das Weihwasserbecken der christlichen Kirchen.

In der Mitte des Daches des Tempelheiligtums, befand sich ein Fenster und war die einzige natürliche Lichtquelle. Das innerste Heiligtum sollte damit ein Abbild des Universums darstellen, das sich nur von seinem Ausmaß her davon unterschied. Es war eine Allegorie auf des Menschen »Kurzsichtigkeit«, der die wahre Größe der Welt mit seinen Sinnen nicht erfassen kann. In dieser Kulisse sahen die Mysten Bilder von Sonne, Mond und Merkur. Als höchster Geistlicher des Mysteriengeschehens, repräsentierte der Hierophant den Baumeister der Welt. Im heiligen Drama des Mysterienspiels verkörperte er den höchste Himmelsvater Zeus.

Hierophant Visconti-Sforza Tarot - ewigeweisheit.de

Der Hierophant auf einer Trumpfkarte des Visconti-Sforza Tarot (um 1450)

Zweithöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie, war die der Daduchoi - der beiden Fackelträger. Sie waren es, die die Prozession der Initianden anführten und waren für die sakrale Reinheit des Mysteriengeschehens verantwortlich. Die Fackel des einen Daduchos repräsentierte die Sonne, die des Anderen den Mond. Mit ihren Fackeln standen die beiden Daduchoi symbolisch am Eingang der beiden Tore zur Heimstatt der menschlichen Seele: Durch das eine Tor kommt die Seele in diese Welt, durch das andere verlässt sie die Welt.

Aus dem Geschlecht der Keryken stammte Hieroceryx - der heilige Heros des Mysteriengeschehens. Er trug vor sich einen Caduceus (Schlangenstab), der auch ein Symbol des Planeten Merkur ist. Er war die dritthöchste Würde in der eleusinischen Hierarchie. Der Hieroceryx war der heilige Bote der Mysterien, der die Seelen durch die zwei oben erwähnten Tore begleitet. Auf dem Weg von der Sonne zum Mond gehen die Seelen an Hermes vorüber. Hermes war bei den Griechen auch derjenige, der das Kommen und Gehen der Seelen zuließ oder verhinderte, je nach dem wie rein oder unrein sie waren. Während der Mysterienfeier erklärte er den Einzuweihenden was geschah und worauf sie zu achten hatten.

Alles was in den Mysterien erzählt wurde, muss für die Teilnehmer etwas ganz wunderbares gewesen sein. Jede vollzogene Handlung der Mysterienfeier schien Auge und Ohr der Teilnehmer aufs aller tiefste zu verwundern. Der Hierophant muss ein ganz vornehmer, alter und ernsthafter Nobelmann gewesen sein. Er saß auf einem Thron, in langer Robe und unter seiner würdevollen Kopfbedeckung könnte er wohl lange weiße Haare getragen haben. Wenn seine Stimme ertönte, empfanden sie die Mysten als klangvoll und süß. Kein Normalsterblicher konnte seine Erscheinung nachahmen. Und so unaussprechlich wie der Name des Baumeisters der Welten ist (vergl. den Namen Jahve der Hebräer), so kannte auch keiner der Mysten den wirklichen Namen des Hierophanten.

Daudachos - ewigeweisheit.de

Ein Daudachos - Fackelträger der Mysterienfeier

Wie auch der Hierophant trugen die Dadouchoi kostbare Gewänder. Jeder Normalsterbliche der einen Dadouchos sah, glaubte wohl einen edlen König zu erblicken. Von ihnen ging eine geheiligte Stimmung aus, die sie auf die Teilnehmer der Mysterien übertrugen.

In einem großen Spektakel wurde den Teilnehmern das Wesen zweier großer Lebensprinzipien vor Augen geführt. In tiefster Finsternis bekamen sie plötzlich grauenhafte Trugbilder gezeigt, gefolgt von einem hell glänzenden Lichtschein, der um die Statue der Göttin aufleuchtete. Dann schritt der Myste in einen geheimnisvollen, überaus harmonisch gestalteten Bau erstaunlichen Ausmaßes. Hier zeigte man ihm, bei ohrenbetäubendem Lärm, verschiedene Szenen aus der Geschichte der Persephone. Die Bilder erschienen vor ihm in schneller Aufeinanderfolge von Licht und dann wieder Dunkelheit: Symbole für den Lebenskampf der menschlichen Seele in ihrer Wiederkehr auf Erden.

Das Schauen der Sonne um Mitternacht

Es ging in den Mysterien-Initiationen wie gesagt nicht um freundliche Unterweisungen in spirituellem Wissen. Sondern, was während der Einweihungsriten erfolgte, das war eine Heranführung des Initianden an die Schwelle des Todes. Vielleicht ließe sich das Geschehen im Tempelheiligtum folgendermaßen rekonstruieren:

Wie ein schwarzes Tuch breitete sich mitternächtliche im Tempelheiligtum aus. Die Mysterienhandlungen waren von Trübsinn, bald ängstlicher Stille begleitet. Doch plötzlich schlug die Stimmung um. Alle Sorgen schienen wie verbannt, als man sich überall in heiterer Aufregung den Namen des Weingottes zuflüsterte. Die großen Fackeln der Daduchoi erleuchteten die Tempelhalle und nach langem Fasten, reichte man den Mysten den Kykeon – das heilige Zeremonialgetränk der eleusinischen Mysterien. Nachdem sie davon tranken, wurde in einer freudigen Prozession eine myrtenbekrönte Statue ins Zentrum des Geschehens gebracht: Dionysos – der lichthafte Sprössling der hervorging aus dem Zusammenwirken der drei Weltprinzipien von Geist (Zeus), Körper (Demeter) und Seele (Persephone).

Jetzt aber verlöschten die Fackeln plötzlich, es wurde stockfinster und auf einmal erschallte überall schreckliches Todesgeschrei. Von Angst erfüllt und vollkommen eingeschüchtert, tasteten sich die Mysten, ohne zu wissen wohin sie sich eigentlich bewegen, durch die finsteren Gänge des Tempels. Die Eindrücke und Schreckensszenen die um den Mysten immer wieder auftauchten und das ängstliche Stammeln anderer, müssen den Einzuweihenden in einen panischen Zustand versetzt haben, wo ihm vielleicht eine innere, aufgeregte Stimme zurief:

»schnell, schnell – das ist vielleicht das Ende, bring dich in Sicherheit, du wirst vielleicht gleich Sterben, schnell, schnell, … vielleicht stirbst du gleich!«

Was die Mysten dabei empfanden, das muss wohl dem entsprochen haben, was die Seele empfindet, die sich durch das Schattental des Todes drängt. In diesem Zustand lockerte sich die Bindung zwischen Seele und Körper. Der Kausalleib, als Körper der Seele, wurde zerstört, und eine neue, direkte Beziehung zwischen dem Mysten und seinem wahren Selbst wurde hergestellt. Was die Mysten auf dem Weg zu diesem Ereignis erlebten, glich vielleicht dem, wovon Nahtod-Erfahrene berichteten: Szenen ihres Lebens laufen episodenhaft vor ihnen ab, dann spüren sie wie sich ihre Seele vom Körper löst und sich auf ein wunderbares Licht zu bewegt, wo anscheinend einer auf sie wartet.

Ich näherte mich den Grenzen des Todes, und als ich die Schwelle zur Proserpina (Persephone) erreicht hatte, kehrte ich zurück, nachdem ich durch alle Elemente geführt worden war (die Elementargeister der Erde, des Wassers, der Luft und des Feuers). In der mitternächtlichen Tiefe sag ich die Sonne in herrlichem Licht erstrahlen, ebenso die infernalen und die himmlischen Götter; ich näherte mich diesen Gottheiten, idem ich ihnen den Tribut einer frommen Anbetung brachte.

– Apulejus

Dieses geheimnisvolle Licht von dem Apulejus hier spricht, erschien dem Mysten so, als würde es in seiner ganzen Strahlenpracht nur für ihn persönlich leuchten. Er erkannte darin ein lichthaftes Bild seines wahren Selbst. In diesem Moment spürten die Einzuweihenden ihre innere Vereinigung mit Demeter und Persephone. Sie empfanden das als Lebensrat und Weisheit. In dieser Vereinigung fand der Myste sein eigenes Seelenleben widergespiegelt und erfuhr, bei diesem Zusammenprall der Seele mit den externen Kräften der Welt, die eigentliche Initiation.

Wahrscheinlich wurde diese Erfahrung ganz wesentlich durch die Wirkung des Kykeon-Tranks verstärkt, was einer durch Drogen induzierten Halluzination geähnelt haben könnte. Auch in anderen Mysterienkulten ist das Einnehmen besonderer Kraftpflanzen und -pilze ein fester Bestandteil der Einweihung (man vergleiche etwa die Einnahme des Peyote oder Ahayuasca in indigenen Riten). Der Kykeon war ein Mischtrank aus Wasser, Weizen (oder Gerste) und Frauenminze. Wahrscheinlich aber befanden sich im Kykeon auch Spuren des giftigen Mutterkorns: ein Pilz (Claviceps purpurea), der als Parasit in Getreideähren wächst und bei entsprechender Dosierung beim Menschen Halluzinationen hervorruft. Im Mutterkorn sind zwei Alkaloide (giftige Natursubstanzen) enthalten. Ergotamin setzt im Körper die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin frei. Serotonin vermittelt ein Gefühl der Gelassenheit und inneren Ruhe. Dopamin nennt man auch »Glückshormon«. Das Alkaloid, Ergometrin, besitzt andere Eigenschaften. Es wird in der Geburtshilfe zur Stillung von Gebärmutter-Blutungen und zur Lösung der Plazenta eingesetzt. Es könnte nun sein, dass im Zusammenwirken von Ergometrin und Ergotamin, im Teilnehmer die hier so oft betonte Geburtserfahrung, in einer Art psychischen Simulation erzeugt wurde.

Nach der tiefgreifenden Erfahrung kamen die Dadoukoi mit ihren brennenden Fackeln zurück in die Tempelhallen. Alle erblickten nun den Hierophanten auf seinem Thron. In einem gleichnishaften Akt zeigte er allen das Symbol der Demeter: ganz langsam erhob er in seiner Hand eine Kornähre, um auf das Wachstumsprinzip und die damit verbundene Erhebung der Natur hinzuweisen. Das ähnelt stark der Elevation in der christlichen Liturgie: auch der Priester erhebt den »Leib Christi« in Form eines Brotes (oder einer Hostie). Er zeigt den Anwesenden also einen aus Kornähren hergestellten Laib. Die Samen der Kornähren symbolisieren den göttlichen Funken, durch den aus der Erde ein lebendiger Körper aufersteht und zur Welt kommt, um dereinst zu sterben, zu Erde zu werden. Dabei kehrt die Seele an ihren Ursprung zurückkehrt, um irgendwann erneut vom »göttlichen Sämann« ausgestreut und aus einer irdischen Mutter zur Welt gebracht zu werden. Das ist was im Mythos von Demeter und Persephone zum Ausdruck kommt. Persephone begibt sich in die Unterwelt zu ihrem Gatten Hades (Körper), kehrt zu ihrer Mutter Demeter zurück (Seele), um dereinst wieder in Unterwelt zu ihrem finstern Gatten (Körper) hinabzusteigen. Um diesen Vorgang zu erspüren, legte sich der Initiand in der Nacht in ein Grab. Daraus wurde er am Morgen von Mutter Erde symbolisch wiedergeboren, während dass rote Morgenlicht in den Mysterientempel eindrang.

Die Einweihung in die Mysterien nahm vorweg, was sich der Mensch am Ende seines Lebens gewahr wird. Die Angst vor dem Tod wurde in Eleusis aufgelöst, die Zwänge aller zügellosen Leidenschaften verworfen und die furchtbedingten Wurzeln bösen Denken ausgerottet. Die Mysterien erstrebten mit würdigsten Mitteln, den Menschen als »Vollkommenen« in einer mystischen Wiedergeburt zurück in die Welt zu bringen – in eine Welt, in die er von nun an eintrat, als ein Diener an der Menschheit.

Wohl ist im Tode versehen, wer unter Wissen der eleusinischen Wahrheit in die Gruft steigt; denn er versteht das Ende sterblichen Lebens und den Anfang eines neuen, gottgegebenen Lebens.

- Pindar

Eleusis und das Christentum

In den ersten vier Jahrhunderten des aufkommenden Christentums, verlor der Mysterienkult von Eleusis seine Bedeutung. 12 Jahre nachdem das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches erklärt wurde, endete der Kult von Eleusis in einem letzten großen Drama. Unter Kaiser Theodosius, selbst ein frommer Christ, wurden die Mysterienfeiern von Eleusis im Jahre 392 n. Chr. per Dekret verboten. Drei Jahre späterzerstörte der Gotenkönig Alarich, in dessen Gefolge sich auch arianische Christen befanden, die eleusinischen Tempelanlage. Ob diese Wut der jungen Christenheit wohl einem ungebildeten Unverstand verschuldet war? Wir wissen es nicht. Es stellt sich jedoch die Frage, welchen Einfluss die Mysterien auf das junge Christentum gehabt haben könnten, denn wie wir oben bereits mehrfach sehen konnten, scheinen viele Elemente des eleusinischen Mysterienkults im Christentum erhalten geblieben zu sein.

Wichtige Anhaltspunkte geben uns die Schriften der Kirchenväter. Manche von ihnen bestätigten, dass die Mysterienkulte zur Strecke gebracht wurden. Doch sie sollten wohl in der Kirche als christliches Ritual fortleben. Während seiner Missionen in Griechenland kam sicherlich auch Apostel Paulus in Kontakt mit den Mysterien. Da Paulus aber griechischer Staatsbürger war, könnte es sein, dass er vielleicht selbst einst an den eleusinischen Mysterienfeiern teilnahm.

Ähre und Traube - Brot und Wein

Auffällig ist die Ähnlichkeit der verwendeten Motive, die in der eleusinischen, wie auch in der christlichen Mysterienfeier verwendet werden. Insbesondere der so sonderbar auf die Welt gekommene Sohn des Zeus Dionysos, gibt Anlass zu verschiedenen Mutmaßungen. Der bekannte Weingott hatte neben Demeter und Persephone spielte zentrale Rolle in den eleusinischen Mysterien. In vieler Hinsicht ähnelt er dem Jesus – denn wie er, so war auch Dionyos der Sohn des höchsten Gottes (Zeus). Außerdem wuchs Dionysos, wie wir oben gesehen haben, im Leib einer Jungfrau. Er verwandelte Wasser in Wein (Dionysiaka, 14. Gesang) und fuhr in die Unterwelt, um aus ihr zu neuem Leben aufzuerstehen. Auch die eleusinischen Symbole von Getreide (Demeter) und Wein (Dionysos) weisen ja recht deutlich hin auf das christliche Abendmahl:

[...] Denn der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach's und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen auch den Kelch (mit dem Wein) nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis. Denn so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis dass er kommt.

- 1. Korinther 11:23-26

Das Letzte Abendmahl

Das Letzte Abendmahl - Ikone von Theophanes von Kreta (1490–1559).

Waren diese Worte Jesu etwa ein Hinweis auf das, was in den Eleusinischen Mysterien verschwiegen wurde? Wurde den Mysterien damit vielleicht der Mantel des Schweigens entzogen und damit die eleusinischen Geheimnisse der Menschheit enthüllt? Es scheint zumindest als bestünde eine enge Verwandtschaft zwischen den Ereignissen in der Pessachnacht und in Golgatha, mit dem Mythenkreis um Demeter, Persephone und Dionysos.

Was in den verschiedenen Legenden von den Leiden der Götterkinder dargestellt wird, sind eigentlich Allegorien auf die Leiden der menschlichen Seele, ihre Befreiung aus den Bindungen an die Körperlichkeit und schließlich ihre Rückkehr ins himmlische Lichtland. Die Schilderung dieses Seelenzyklus finden wir in den Leidensgeschichten von Jesus Christus, Persephone und Dionysos gleichermaßen. Doch schon lange vor den christlichen und griechischen Mysterien, gab es sowas in noch viel älteren Kulten (Persien, Ägypten). Immer befreite darin ein himmlischer Bote (Horus, Mithras, Hermes, Dionysos), als Todesengel im Auftrag eines höchsten Gottes (Zeus, Jupiter, Jove, Jao, Jahve), die Seele aus den Fängen des Körpers (griech. Hades, ägypt. Amentet) und begleitete sie in den Himmel (Olymp), wo sie unter den Unsterblichen weilt - bis sie wieder in die Unterwelt (Erde) zurückkehren muss (Persephone zu Hades).

Wenn er aber hinaufstieg, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg?

- Epheser 4:9

Wenn im griechischen Mysterienschauspiel der Hermes die Rolle des Seelenboten übernahm, war es im Kontext des Neuen Testaments der Christus. Bei seinem Abstieg in die Unterwelt befreite er die Gerechten (Moses, Abraham, ...) die dort seit biblischer Urzeit ausharrten. Im Übrigen verwendet Lukas im Originaltext seines Evangeliums zur Bezeichnung der Hölle, das Wort Hades:

Und in der Hölle (im griech. Original »hadē«, das Lokal-Adverb von »hadēs«) hob er seine Augen auf, da er Qualen litt, da sieht er Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

- Lukas 16:23

Auch wenn wir uns die heutige Form des griechisch-orthodoxen Osterfests ansehen, so scheint darin der Geist des alten eleusinischen Mysterienkults gegenwärtig zu sein. Jene die in alter Zeit Demeters Trauer um ihre verlorene Tochter teilten, freuten sich um so mehr über ihre Rückkehr. Persephone war Symbol für das freudenentfachende Ereignis, vom Wiederaufleben der Vegetation. Ähnliche Erfahrungen repräsentiert heute das griechische Osterfest im Frühling, das einen höheren Rang einnimmt als Weihnachten. Nach der Trauer um den toten Jesus Christus, ruft der Priester die Wiederauferstehung aus. In diesem Moment wird vom Kerzenlicht des Priesters, die Flamme an die Kerzen aller Anwesenden weitergegeben und breitet sich langsam im dunklen Vorhof der Kirche aus. Oft ertönen auch Feuerwerke, die das Ende der Fastenzeit freudvoll ankündigen.

Es ist durchaus möglich, dass Teile des alten Ritus also tatsächlich im Christentum weitergeführt werden.

Apostel Paulus - Gemälde von El Greco (1541–1614) - ewigeweisheit.de

Paulus von Tarsus in einem Gemälde von El Greco (1541–1614)

War Paulus in die Mysterien von Eleusis eingeweiht?

Wir wollen diesen Blog-Artikel zu Ende führen, mit der Frage nach der Bedeutung, die die Mysterien von Eleusis für das paulinische Christentum gehabt haben könnten.

Wenn all das bisher Gesagte auch nur auf äußerliche Ähnlichkeiten hinweist, so zeigen die eleusinischen und christlichen Mysterien doch auch esoterische Gemeinsamkeiten. Demeter gab ihrem Schützling Triptolemus in Eleusis einen Kornsamen: ein Hinweis auf die Initiation in das Wesen vom Ackerbau. Dieses mythologische Gleichnis ist aber auch ein Symbol für die Initiation der Seele (Persephone), während ihrer Rückkehr in die Oberwelt. Als Kornmädchen der Menschheit bringt Persephone mit sich, alle Eingeweihten zurück ins Leben – so wie der biblische Christus die Adepten Abraham und Moses in den Himmel führte. Die Allegorie des Kornsamens klingt auch in folgendem Zitat des Johannes-Evangeliums an:

[…] Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte. Wer sein Leben liebhat, der wird es verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; […]

- Johannes 12:24-26

Wenn der Hierophant den Teilnehmern des Mysteriendramas von Eleusis, gleichnishaft eine Kornähre zeigte, erkannten sie darin ja das Bild ihrer eigenen Auferstehung von den Toten in ein neues spirituelles Leben, von der Nacht in den Tag, vom Hades zum Olymp, von der Unterwelt in den Himmel. Diese Erkenntnis scheint Paulus in seinem Brief an die Römer mitteilen zu wollen:

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. So wir aber samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tode, so werden wir auch seiner Auferstehung gleich sein

- Römer 6:4-5

Paulus war ausgebildeter Toralehrer, doch auch gut vertraut mit hellinistischer Rhetorik und dem philosophischen Lehrgebäude der Stoa. Es scheint auch das ein Grund für seine eigentümliche Sprache zu sein, die er in seinen Briefen verwendet. Sie ist überreich an Ausdrücken, die an die Einweihungen der dionysischen und eleusinischen Mysterien erinnern und eigentlich nur von einem griechischen Initiierten stammen konnten. In den Paulusbriefen erscheint sehr häufig der Begriff mystírion - das Geheimnis, das Mysterium. Alle Verse in denen dieser Begriff vorkommt, beschreiben ohne Zweifel eine rituelle oder magische Handlung und stehen meist in enger Verbindung mit dem Offenbarungsbegriff (Römer 11:25, 1. Korinther 2:1,7, 4:1, 15:51, Epheser 1:9, 3:3-4, 5:32, 6:19, Kolosser 1:26, 4:3, 2. Thessalonicher 2:7). Wenn Paulus in seinen Briefen vom mystírion spricht, so meint er damit, das im Geheimen offenbarte Gotteswort - ein abstraktes Ideal einer persönlichen, dem Menschen innewohnenden Gottheit. Auch der Begriff der Vollkommenheit spielt in den paulinischen Briefen eine nicht unbedeutende Rolle:

Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen (teleiois); nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher (archonton) dieser Welt, die da zu nichte werden.

- 1. Korinther 2:6

Das Wort »Vollkommene« (teleiois) werden von Paulus wohl für sendungsbegabte Heilige verwendet, die (durch die Initiation) ein neues Leben »erhalten« haben. Es sind »Wiederauferstandene«, ganz gemäß der eleusinischen Mysterien. Diese Vollkommenen waren rechtschaffene Weisheitslehrer, die den Heiligen Geist ausstrahlend, den »Fleischlichen« (Menschen) eine lebensspendende Kraft zuströmen lassen konnten. Paulus fährt fort:

Sondern was wir reden, ist Gottes Weisheit im Geheimnis (mystírion), das verborgene, welches Gott verordnet hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern (archonton) dieser Welt kannte.

- 1. Korinther 2:7-8

Spricht Paulus hier von Dingen, die nur im Geheimen vermittelt werden? Was er als »Herrscher« (archonton) bezeichnet, scheint ein unmittelbarer Hinweis auf die Archonten zu sein – eine Bezeichnung für die Herrschenden im alten Athen. Keiner dieser Herrscher kannte die Mysterien-Geheimnis. Bis auf den Archon Basileos – einem Oberpriester und sakralen Beamten Athens, der zum Stab des Hierophanten gehörte: er war der einzige der »Herrscher« (archonton), der von den Geschehnissen im Heiligtum des Mysterientempels von Eleusis wusste. Ob die Basileoi aber selbst in die Mysterien eingeweiht waren, das bleibt ungeklärt. Das Paulus in etwas eingeweiht wurde, darüber lesen wir im Brief and die Philipper:

in allem und jedem wurde ich eingeweiht (memyēmai)

- Philipper 4:12

Das griechische Wort für das hier zitierte »eingeweiht werden«, memyēmai, enthält das Wort myéo, das wörtlich bedeutet »Initiation in die Mysterien«. Es wird mit myéo auch ein etymologischer Hinweis auf das Wort myo erbracht, was »schweigen« oder »verschleiern« bedeutet (vergl. oben mit dem Verschwiegenheitsgebot der Epopten, den »Sehenden« der großen Mysterienoben, und den Myesis, den »Verschleierten« der kleinen Mysterien).

Vor diesem Hintergrund ist es umso interessanter zu fragen, was es damit auf sich hat, wenn Paulus sich im ersten Korintherbrief als »weisen Baumeister« bezeichnet. In der gesamten Bibel taucht das Wort »Baumeister« nur einmal an dieser Stelle auf:

Ich von Gottes Gnaden, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister (architekton); ein anderer bauet darauf.

- 1. Korinther 3:10

Nun hatten wir zuvor gesagt, dass ein Epopte, ein Sehender und Eingeweihter gewesen ist. Epopten waren jene, die die großen Mysterien von Eleusis schauen durften, die heiligen Geheimnisse aufnahmen und den höchsten Zustand des Hellsehens erreicht hatten. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes epoptes, stammt von epoptaei, der »Aufsicht«, womit man auch die Pflicht eines Baumeisters bezeichnete. Davon ist auch der Titel des Maurer-Meisters in der Freimaurerei hergeleitet. Epoptaie steht als Begriff ganz im Sinne der Bezeichnung, wie er in den Mysterien für den Aufseher gebraucht wurde.

Wenn sich Paulus im Korinther-Brief als Baumeister von Gottes Gnaden bezeichnet, erklärte er sich damit nicht selbst zum Adepten, zu jemandem der das Recht hatte andere zu initiieren? Wenn auch Petrus in Rom die erste Kirche der Welt errichtete, so war aber Paulus der eigentliche Baumeister des geistigen Erbes der gesamten Christenheit.

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Christliche Ostern: Ein Planetarisches Einweihungsmysterium

von Johan von Kirschner

The Baptism of Christ, 1803 - William Blake - ewigeweisheit.de

Jesus und Christus sind nicht der Selbe. Jesus ist der Name eines Menschen, der sich über unzählige Inkarnationen zu einem körperlichen Gefäß entwickelte, um durch die Taufe den kosmischen Christus aufzunehmen - drei Jahre lang.

Mit der Geburt Jesu senkte sich der Geist Gottes in das Fleisch - Gott wurde Form. Und da Gott zeitlos, Materie aber vergänglich ist, muss Gott auf der Erde sterben, um sich auf ihr zu Verkörpern. Und er muss im Körper sterben, um in der himmlisch, ewigen Einheit wieder geboren zu werden. Das ist das christliche Mysterium.
Auf den Menschen übetragen: das Ich leiht sich das Licht des Selbst, so wie Gott Jesu das Christuslicht für die Dauer seines Wirkens verlieh. Das Ostermysterium signalisiert die Befreiung Gottes aus der Gefangenschaft der weltlichen Formen.

Mit dem Auftreten Jesu Christi wurde den Menschen gezeigt, wie sie sich durch die Welt der Formen bewegen sollen, damit, im christlichen Sinne, der Geist sich dereinst vom leidenden Körper befreien kann. Es geht ums Verlassen der Welt der Gegensätze, denn das Reich des göttlichen Geistes "[...] ist nicht von dieser Welt" (Johannes 18:36).
Weltflucht ist was anderes. Es geht um die absolute Hingabe an das "was ist". Das Erleben des Abstiegs in den tiefsten und dunkelsten Punkt, die bedrückende Enge der Schwierigkeiten im Leben: daran reift der Mensch.

Die Karwoche

Die sieben Tage der Karwoche und die Stationen des Leidensweges Jesu zeigen uns einen Mysterienweg. Seit jeher ist die Sieben eine Zahl der Einweihung. Sieben Stufen musste der Initiant im iranischen Mithraskult durchlaufen und bewegte sich dabei durch die sieben Sphären der Planeten.

Mit den sieben Tagen der Karwoche wird ein siebenfach gegliederter Einweihungsweg gegeben: von der Huldigung der körperlichen Erscheinung Jesu zu Palmsonntag, bis zu seiner Grablegung am Karsamstag. Zweimal Sieben (14) Stationen des Kreuzweges (Via Dolorosa) am Karfreitag, "sieben Worte" des Jesu am Kreuz. Wie wir im Folgenden sehen werden, ist die Sieben auch die esoterische Zahl des Freitags.

Karwoche und Chaldäische Reihe

Die Umlaufzeiten der Planeten sind unterschiedlich: von der Erde aus beobachtet, braucht der Saturn am längsten, ihm folgen Jupiter, dann Mars, Sonne, Venus, Merkur und am schnellsten ist der Mond (zwischen dem 1. Jtsd v. Chr. bis zum 2. Jhd. n. Chr. zählten auch Sonne und Mond zu den Planeten). Die Chaldäer zeichneten gemäß dieser Reihenfolge die Planeten um einen Siebenstern. Jeder Planet herrscht über eine Stunde des Tages. Gemäß chaldäischer Zählung beginnt die erste Stunde des Tages mit Sonnenuntergang (was im Übrigen auch im Judentum gilt):

  1. Stunde: Saturn
  2. Stunde: Jupiter
  3. Stunde: Mars
  4. Stunde: Sonne
  5. Stunde: Venus
  6. Stunde: Merkur
  7. Stunde: Mond

Mit der 8. Stunde wiederholt sich die Reihung wieder mit Saturn. Setzen wir diese Wiederholungen fort, sind wir nach 24 Stunden bei Mars und nach 25 Stunden, also der 1. Stunde des neuen Tages, bei der Sonne. Darum ist dann ein Sonnen-Tag: Sonntag. Wieder 24 Stunden später herrscht der Mond. Dann ist also Mond-Tag: Montag. Der Planet der über die erste Stunde herrscht, gibt dem Tag seinen Namen.
Aus dieser Planetenreihe ergeben sich die Namen der Wochentage, da die Planeten ja auch Namen römischer Götter sind:

  • Saturn: Samstag (engl. "Saturday")
  • Sonne: Sonntag
  • Mond: Montag
  • Mars: Dienstag (nord. Gottheit "Ziu" oder "Die", deshalb engl. "Tuesday", franz. "Mardi")
  • Merkur: Mittwoch (franz. "Mercredi")
  • Jupiter: Donnerstag (germ. "Donar", "Thor" im engl. "Thursday", franz. "Jeudi")
  • Venus: Freitag (germ. "Freya", franz. "Vendredi")

Jedem der Planeten ordneten die alten Chaldäer außerdem eine Zahl und ein magisches Siegel bei:

Grund dass die Zählung nicht mit Eins oder mit Zwei beginnt, ist, dass sich mit diesen Zahlen kein magisches Quadrat bilden lässt. Man verwendete solche magischen Siegel synonym für die damit zusammenhängenden Planetenmächte (im Folgenden entsprechen die Zahlen ihren magischen Planetenkräften).

Die Chaldäische Reihe - ewigeweisheit.de

Die Chaldäische Reihe - 7 klassische Planeten, den Wochentagen entsprechend. Die Pfeile auf den Sternlinien deuten auf den jeweils folgenden Wochentag.

Sonntag

Am ersten Tag der jüdischen Woche, dem Palmsonntag, kehrt Jesus auf einem Esel reitend nach Jerusalem ein. Jesus wird von der Menge wie ein König bejubelt. Doch wer hier bejubelt wird ist Jesus, nicht Christus. Es geht um den Leib, das Ich - nicht um das Selbst. Das Ich aber ist sterblich, während das Selbst unsterblich bleibt. Wieso sollte man also dem Körper huldigen, der doch nur ein Abglanz dieses wahren Selbst ist?
Wenn Jesus auf einem Esel reitet, ist das ein Symbol der Seele die sich im Körper sitzend über die Erde bewegt. Der Heilige Franziskus von Assisi nannte seinen Körper "Bruder Esel". Jesus ist jetzt noch nicht der wahre König - erst eine Woche später zu Ostersonntag, wenn er ins himmlische Jerusalem einkehrt.
Nicht also durch die Huldigung der Materie und des Körpers, wird der Mensch ins Licht erhoben, sondern durch die Absage an die Verhaftungen mit der Welt.

Montag

Am Montag fand die Tempelreinigung statt. Jesus warf die Stände der römischen Steuereinnehmer, Geldwechsler und Händler um. Sie standen im Tempelvorhof, wo sich einst die Heiligtümer der Juden befunden hatten. Für die Juden war das ein Kompromiss. Sie wollten verhindern dass im Allerheiligsten des Tempels, an Stelle der Bundeslade, ein Cäsar-Standbild errichtet wurde.
Jesus trat diesem Kompromiss trotzdem entgegen. Er machte durch die Tempelreinigung bewusst, das zwei Götter, JHVH und Cäsar, nicht "unter dem selben Dach" wohnen könnten. Darum zerschlug er gewaltsam die Stände im Vorhof und zwang die Juden damit zur Entscheidung. Durch den gewaltsamen Akt der Tempelreinigung, sorgten sich die Pharisäer um ihr Allerheiligstes. Sie hatten Angst, die Römer könnten den Tempel nun ganz übernehmen. Darum klagten sie Jesus als Tempelschänder an.

Der Tag der Tempelreinigung war also ein Montag - ein Mond-Tag. Als Träger des Sonnenlichts, symbolisiert der Mond die an die materiellen Formen gebundenen, himmlischen Geisteskräfte. Sobald sich das Licht nach Vollmond von ihm löst, verschwindet der Mond allmählich am Himmel - so wie nach einiger Zeit auch der Körper von der Erde verschwindet, wenn ihn das Seelenlicht verlassen hat.
Daher wird das Osterdatum anhand des ersten Frühlingsvollmonds ermittelt. Es ist der Zeitpunkt des Vollmonds zwischen Frühlingsanfang (21. März des gregorianischen Kalenders) und dem darauf folgenden Sonntag.

Am Karfreitag verlässt das Christuslicht den Leib Jesu, der Mond nimmt ab und verdunkelt sich, bis drei Tage später, am Ostermontag (Montag = Mond) Jesu Auferstehung gefeiert wird.

Dienstag

Am dritten Tag, dem Dienstag, der ja dem kriegerischen Mars zugeordnet ist, wird Jesus in kämpferische Streitgespräche verwickelt. Hier spricht Jesus seinen neunmaligen Wehruf gegen die Pharisäer aus, und behauptet, dass Jerusalem dem Untergang geweiht sei. Dies sollte sich mit dem Jüdischen Krieg im Jahr 70 n. Chr. bewahrheiten. Jerusalem war damals also eine dem Untergang geweihte Stadt.

Mittwoch

Der vierte Tag der Karwoche war ein Mittwoch, dem Merkur zugeordnet. Merkur war der römische Götterbote (entsprechend seinem griechischen Pendant "Hermes"). Als Bote steht gewissermaßen auch der Mittwoch zwischen den beiden Hälften der Karwoche. Die erste Hälfte der Karwoche ist "laut" und aktiv nach außen gerichtet. Die zweite Hälfte ist viel leiser. In den drei folgenden Tagen nimmt die Bedeutung der inneren, stilleren Vorgänge zu: das Abendmahl im geschlossenen Kreis (Gründonnerstag), das einsame Sterben Jesu am Kreuz (Karfreitag) und seine Grablegung (Karsamstag).

Donnerstag

Am Gründonnerstag, dem fünften Tag der Karwoche, kommt das Jupiter-Prinzip zur Entfaltung. Die Farbe Grün steht für die Erneuerung des alten Brauchs des Pessachfests. Das Urmuster des Segens über Brot und Wein wird erneut beim heiligen Abendmahl ausgeübt.
Pessach ist den Juden heilig. Man zieht sich in den Kreis der Familie zurück. Niemand darf das Haus verlassen, da ihm sonst des Nachts der Würgeengel (wie im 11. Kapitel des Exodus) begegnet. Jesus und seine Jünger begingen das Fest in einem Haus des Essenerordens auf dem Zionsberg (siehe Buch: Die Bruderschaft der Essener). Es ist ein heiliger Ort, denn hier brachte einst der Sonneneingeweihte und Priesterkönig Melchisedek dem Abraham Brot und Wein (Genesis 14:18-20 ). Darum nennt man Jesus Christus einen Hohenpriester nach der Ordnung des Melchisedek (Hebräer 5:6,10). Das Mahl mit Brot und Wein ist ein Brauch der die Zeiten durchlebt hat und beibehalten wurde. Mit der Einsetzung des letzten Abendmahls erneuerte und erhöhte Christus aber dieses Opfer von Brot und Wein.

Das Brot der Einsegnung, dass von der Kirche als Hostie übernommen wurde, wird aus zusammengebackenem Mehl hergestellt. Und dieses Mehl entsteht aus dem Getreide, dass die Sonne durch ihr Licht und ihre Wärme auf die Erde fallen und so die Pflanze wachsen lässt. Wenn sich unser Körper durch die in der Sonne gewachsenen Pflanzen ernährt, ist er also aus Sonnenlicht gemacht. Das Licht des Sonneneingeweihten Jesus ist in der geweihten Brot (und in der Hostie) lebendig.
Jesus nahm dieses Brot, teilte es und reichte es seinen Jüngern mit den Worten:

Und indem sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des neuen Testamentes, das für viele vergossen wird.

- Markus 14:22-24

Nachdem Judas vom Brot aß, verließ er die Runde und ging um Jesus zu verraten! Auch Jesus verließ wenig später mit seinen Jüngern das Haus. Sie nahmen den selben Weg ins Tal, auf dem einst Melchisedek Brot und Wein hinuntertrug. Am Fuße des Berges, im Garten Gethsemane, wurde Jesus von einem Dämon heimgesucht, der ihn versuchte zu töten. Ihm widerstehend trat blutiger Schweiß aus seiner Haut.

Freitag

In der Nacht zu Karfreitag, dem sechsten, der Venus zugeordneten Tag der Woche, gingen Jesus und seine Jünger hinaus zum Bach Kidron, an dem sich ein Garten befand. Dorthin war in der Morgendämmerung Judas mit einem Trupp bewaffneter Männer gekommen, um ihn festzunehmen und vor die Hohepriester zu bringen. Hier beginnt der Leidensweg Christi - die Via Dolorosa mit ihren 14 Stationen.

Station 1: Jesus wird zum Tode verurteilt

Die Sterblichkeit unseres menschlichen Körpers.

Beim Aufgehen der Sonne kam er vor Pontius Pilatus. Da dieser keine Schuld an Jesus fand, ließ er ihn zu Herodes bringen. Herodes hatte viel von Jesus gehört und wollte diesen Wundermann schon immer mal kennen lernen. Als Jesus vor ihm aber nur schwieg, verspottete ihn Herodes und so kam er zurück zu Pilatus. Der verweigerte sich den Pharisäern ein Todesurteil gegen Jesus zu vollstrecken, erreichte aber nichts. Stattdessen schwoll der Tumult der Pharisäer zu einem lauten Geschrei an. Sie forderten die Kreuzigung Jesu.

Da aber Pilatus sah, dass er nichts schaffte, sondern dass ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu!

- Matthäus 27:24

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Station 1 - Jesus wird zum Tode verurteilt.

Station 2: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Der Künstler nimmt das tote Holz und formt daraus ein Bildnis der Liebe. Liebe überwindet den Tod.

Soldaten brachten Jesus ins Gerichtshaus und entkleideten ihn. Man legte ihm einen Purpurmantel um, flocht ihm eine Dornenkrone, die man ihm auf den Kopf setzte. In seine Rechte gaben sie ihm einen Stab. Die Soldaten fielen vor ihm auf die Knie und verspotten ihn: "Gegrüßet seist du, König der Juden!" Sie rissen den Stab aus seiner Hand, schlugen ihm damit auf den Kopf und spuckten ihn an.
Was sich hier ereignete, erinnert an ein Einweihungsritual. Seit jeher ist die Verletzung der Haut Teil der Initiation. Die Haut grenzt das Innen vom Außen ab - das Ich vom Nicht-Ich. Mit der Initiation wird diese Grenze in Frage gestellt.

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Station 2 - Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.

Station 3: Jesus fällt unter der Last des Kreuzes

Wer fällt wurde versucht, doch war zuvor nie gefallen. Nun beginnt der Fall im Menschen. Denn der Versucher, der ihm einst das Zaubern lehren wollte, doch nicht durfte, rächt sich nun an ihm.

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Station 3 - Jesus fällt unter der Last des Kreuzes.

Station 4: Auf seinem Weg auf die Schädelstätte von Golgatha begegnet er Maria seiner Mutter

Stille ist mächtiger als Worte. Das Wort aber bricht die Stille.

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Station 4 - Jesus begegnet auf dem Weg seiner Mutter Maria.

Station 5: Der Unbekannte Simon aus Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Nach der Begegnung mit der Mutter begegnet der Mensch dem Fremden.

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Station 5 - Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.

Station 6: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Das Geheimnis des Heiligen Gesichts.

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Station 6 - Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

Station 7: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Gottes Schwäche ist stärker als die Menschen - 1. Chorinther 25

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Station 7 - Jesus fällt erneut.

Station 8: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Weint nicht um mich, weint um eure Kinder - Lukas 23:28

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Station 8 - Jesus begegnet den weinenden Frauen.

Station 9: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Wie die Schlange im Garten Eden, so bewegt er sich auf seinem Bauch durch den Staub.

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Station 9 - Jesus füllt zum dritten mal.

Station 10: Jesus wird auf der Schädelstätte Golgatha von Soldaten entkleidet, die seine Gewänder untereinander auslosen

Wir müssen uns von allem entledigen.

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Station 10 - Jesus wird seiner Kleider beraubt.

Station 11: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösen wird zurückgegeben.

Am oberen Ende brachte man ein Schild mit den Buchstaben I.N.R.I an. Das waren die Initialen des Namens "Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum", dem lateinischen Namen für "Jesus von Nazareth König der Juden". Manche sagen auch, die Initialen wären in Wirklichkeit das Tetragrammation JHVH (hebr. יהוה‎, "Jahve") gewesen, denn die hebräische Variante des Könignamens ist "Jehoschua Ha-Notzri Ve-Melek Ha-Jehudim".

Am Kreuz hängend spricht Jesus sieben Sätze:

  1. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" - Psalm 22:2.
    Dies ist ein Einweihungsspruch, gesprochen von denen, die der Prüfung der Einweihung unterzogen wurden. Es geht in der Einweihung um die Loslösung des Körperlichen vom Geistigen. Jesus ist der Christusgeist entwichen. Erst mit der Auferstehung kehrt er in den toten Leib zurück. Jesus wird sich als fleischlicher Mensch bewusst, dass ihn Gott verlassen hat und er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Christus ist.
  2. Als Jesus am Kreuz hing und die Soldaten sich um seine Kleider stritten, sprach er:
    "Vater, vergib ihnen sie wissen nicht, was sie tun!" - Lukas 23:34.
    Die Gewänder sind Symbole der leiblichen Hülle. Die Soldaten stehen für die unbewusst Lebenden, die sich um die materiellen Dinge streiten.
  3. Jesus wurde mit zwei Verbrechern gekreuzigt. Einer von ihnen bekannte sich zu seinen Verbrechen. Jesus sprach zu ihm:
    "Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein." - Lukas 23:43
  4. "Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn!" - Johannes 19:26.
    Es ist der Körper, der aus Mutter Erde durch die Inkarnation der Seele geboren wurde.
  5. "Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich." - Johannes 19:27.
  6. "Darnach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, dass die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet!" - Johannes 19:28.
    Man gibt ihm Essig. Das ist das polare Gegenteil von Wein. Der Mensch empfängt in der Kommunion den göttlichen Wein. Gott empfängt in der Kreuzigung jedoch den irdischen Essig.
  7. "Es ist vollbracht!" - Johannes 19:30
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Station 11 - Jesus wird an das Kreuz genagelt.

Station 12: Jesus stirbt

Da schrie Jesus noch einmal laut auf und starb. [...] Der römische Hauptmann und die Soldaten, die Jesus bewachten, erschraken sehr bei diesem Erdbeben und allem, was sich sonst ereignete. Sie sagten: Dieser Mann ist wirklich Gottes Sohn gewesen!

- Matthäus 27:45-54

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Station 12 - Jesus stirbt am Kreuz.

Die Zeugnisse über die Kreuzigung in den Evangelien Lukas und Matthäi, müssen aus dem Johannes-Evangelium übernommen worden sein, denn Johannes war als einziger der Zwölf während des Kreuzigungsdramas anwesend. Er war einer der beiden Jünger (neben Thomas) die von Jesus eingeweiht wurden. Er verstand darum was geschah, während die anderen Jünger das eigentliche Werk Jesu versäumten.

Samstag

Der siebte Tag der Woche ist der Sabbat (von hebr. "Shabbatei": Saturn). Zwei Personen treten ins Geschehen: Joseph von Arimathäa und Nikodemus. Joseph von Arimathäa war ein Jünger Jesu. Doch aus Furcht vor den Juden verheimlichte er das. Joseph war ein wohlhabender Ratsherr, der dem Orden der Essener nahe stand. Er war im Besitz des Kelches, der aus einem grünen Stein gemeißelt war. Laut Legende fiel dieser Stein (Smaragd) vom Himmel, als Luzifer und seine Engel gestürzt wurden. Erzengel Michael schlug diesen grünen Stein mit seinem Schwert aus Luzifers Krone.
In diesem grünen Kelch trug Melchisedek den Wein dem Abraham entgegen. Aus dem selben Kelch tranken Jesus und seine Jünger beim Abendmahl. Im selben Kelch fing Joseph von Arimathäa das Blut auf, das Jesus am Kreuz nach dem Lanzenstich aus der Seite rann. Später wurde daraus der heilige Gral, den Joseph als erster Hüter dann nach England brachte (siehe Buch: Das mythische Avalon).

Station 13: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Er wandelt nun auf den Pfaden der Toten.

Joseph von Arimathäa erhält von Pilatus Erlaubnis, den Leichnam Jesu vom Kreuz nehmen zu dürfen.

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Station 13 - Jesus im Schoß seiner Mutter.

Station 14: Grablegung

Aus der Tiefe rufe ich, JHVH, zu dir - Psalm 130:1

Joseph von Arimathäa stellt sein eigenes Grab für den Leichnahm Jesu zur Verfügung.

Joseph nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.

- Matthäus 27:59-61

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Station 14 - Grablegung Jesu.

Die Auferstehung

Das Kreuz ist ein uraltes Symbol der Vierheit in Mikrokosmos (vier Elemente) und Makrokosmos (vier Himmelsrichtungen und vier Jahreszeiten). Der leidende Jesus am Kreuz ist Symbol des archetypischen Menschen, dessen Körper an die Welt der Sinne gebunden ist. Festgenagelt durch fünf Wunden, entsprechend den fünf Sinnesorganen die an die materiellen Erscheinungen der Welt gebunden sind. Es ist also die Arretierung der weltlichen Illusionen, die die Sinne dem Menschen vorgaukeln. Jesus leidet am Kreuz, so wie das an die Polarität von Gut und Böse gebundene Ich. Jesus befreit sich nicht vom Kreuz, sondern befreit am Kreuz sein an die Materie gebundenes Ich.

Beide Balken stehen für die weltlichen Dimensionen von Raum und Zeit. Ihr Schnittpunkt in der Mitte: das Hier und Jetzt - Zeit und Raum sind eins. Dieser Kreuzungspunkt ist ein Synonym für die in der Alchemie begehrte quinta essentia - das Elixier des Lebens, die Tinktur aus dem Stein der Weisen.

Die Kreuzigung ist der Weg des Menschen zu Gott, vom Ich zum Selbst. Darum sagt man: "Du musst das Kreuz auf dich nehmen".
Sich von der Welt zu befreien heißt, sich seinem Schicksal voll und ganz hinzugeben. Zuerst muss man in der gegenwärtigen Lebenssituation Freiheit finden. Erst diese Freiheit erlaubt es, uns an einen anderen Ort, in eine andere Lebenssituation zu begeben.
Somit ist das Kreuz ein Ort der Wandlung, wie ja auch die Erde im Verlauf unserer Inkarnation, mit ihren vier Himmelspolen ein Ort der Wandlung ist. Dafür steht im Christentum der Leidensweg.

Jesu Kreuzigung ist Gegenbild zum Sündenfall im Paradies, wobei das Kreuzesholz dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem entspricht. Die Schlange kam von diesem Paradiesbaum zur Erde und brachte das Böse. Um das Böse von der Welt zu nehmen, musste die Schlange am Kreuz aufgerichtet werden:

Da sandte der JHVH feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

– Numeri 21:6-9

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn (am Kreuz) erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.

- Johannes 3:14-15

Die Schlange ist der absteigende Aspekt der Erkenntnis. Der Messias (hebr. für "Christus") ist der aufsteigende Aspekt der Schlange, die wieder in ihre paradiesische Heimat zurückkehrt. Interessant ist die kabbalistische Numerologie der hebräischen Worte "Schlange" und "Messias" - sie sind identisch:

נחש Nachasch, Schlange = 358 - משיח Meschiach, Messias = 358

Die Legende vom Kreuzesholz

Zwischen Kreuzesholz und dem Holz vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem, gibt es einen esoterischen Zusammenhang, den folgende Legende erzählt:

Als Adam aus dem Paradies verdammt wurde, durfte er sich einen Zweig vom Paradiesbaum mitnehmen. In der Welt außerhalb des Paradieses wurde aus diesem Zweig das Holz, aus dem Moses seinen Hirtenstab verfertigte. Mit diesem Holzstab teilte Moses das Meer, er konnte ihn in eine Schlange verwandeln oder mit ihm, an einen Felsen geschlagen, eine Wasserquelle hervorbringen. Am selben Holz richtete er in der Wüste die eherne Schlange auf, damit die Israeliten geheilt wurden. Später wuchs aus dem lebendigen Zweig ein Baum, der zu einem Balken im Salomonischen Tempel wurde. Dieses Holz kam schließlich in die Zimmerer-Werkstatt des Joseph von Nazareth. Von Joseph erwarb Judas das Holz, den er den Soldaten gab, um daraus das Kreuz zu verfertigen.

In dieser Metamorphose wurde das Holz vom Erkenntnisbaum des Todes auf Golgatha zum Kreuzbaum des Heils und des Lebens.

 

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Einweihung in die Mysterien im Alten Ägypten

von Johan von Kirschner

In sehr alter Zeit, lange vor den großen Pyramiden, herrschte im ägyptischen Memphis eine göttliche Dynastie. Dort hütete man die alten Weisheiten von Atlantis.

Die folgende Schilderung einer ägyptischen Mysterien-Einweihung beschreibt in erzählerischer Form, welchen gefährlichen Prüfungen sich ein Initiant unterziehen musste, um in den Kreis der Tempelpriester von Memphis aufgenommen zu werden.

Die Vorbereitung

Nur wenigen war gegeben, in die heiligen Mysterien eingeweiht zu werden.
Zur Vorbereitung hatte der Neophyt bestimmte Meditationsübungen auszuführen, bis in ihm keine Gedanken mehr aufstiegen und er gelernt hatte Gedanken und Gefühle zu beherrschen. 
Ohne diese spirituelle Macht erlangt zu haben, wurde niemand zur Einweihung zugelassen. Der Grund: wer seinem Denken, Fühlen und damit auch seinen Begierden unterlag, hätte die Mysterien nicht überlebt.

Nach einer dreitägigen Fastenzeit, kamen nach Sonnenuntergang zwei Mysteriendiener zum Aspiranten. Sie führten ihn zum Tor eines verborgenen Heiligtums. Dort wurde er aufgefordert in den dunklen Vorraum eines, der Isis geweihten Tempels einzutreten. 
Darin sah der Neophyt beim Schein der Fackeln Bildsäulen, auf denen Menschen- und Tierköpfe von Löwen, Stieren und Adlern abgebildet waren. In Begleitung der beiden Mysteriendiener durchschritt er mehrere, immer enger und niedriger werdende Hallen. Zuletzt er zu einem langen Gang, an dessen Ende sich ein bronzener Altar befand. Rechts und links davon brannte in zwei großen Schalen Räucherwerk. Auf dem Altar saß eine lebensgroße Statue der Göttin Isis, die ein verschlossenes Buch auf ihrem Schoß hielt. Über ihr stand in alter Hieroglyphenschrift:

Kein Sterblicher hat je meinen Schleier gelüftet!

Das Tor in den Einweihungstempel

Unter dem Altar öffneten sich zwei schwere Torflügel. Dazwischen sah der Neophyt in der Mauer ein gähnend schwarzes Loch. Es war so niedrig, dass man nur kriechend hinein kam. Dies war die Öffnung zu einem winzigen Tunnel, der in die Mysteriengänge führte. 
Wer nun für die Einweihung bestimmt war, dem wurde noch einmal freigestellt sich der Prüfung zu unterziehen.
Wer zustimmte, dem gab man eine kleine Öllampe in die Hand und entzündete sie mit den Worten: "Hab' acht auf deine Lampe und merke dir: wissen, wollen, wagen, schweigen - das sind nicht nur die Stufen zur Vollkommenheit, sondern auch deine Richtschnur, die Dich heute bewahren kann! Du weißt dass dieser Weg zur Vollkommenheit führt. Du willst ihn gehen - nun sollst du wagen und darüber schweigen - geh nun - geh!"

Wellcome Library, London, Egypt: ceremonies of the cult of Isis, 1804 - 1811, Robert von. Spalart - ewigeweisheit.de

Eine Zeremonie des Isis-Kults. Robert von Spalart. Wellcome Library, London.

Als der Neophyt nun in das dunkle Loch krauchte, warnte ihn einer der Mysteriendiener noch einmal: 
"Bedenke - noch bist du frei, noch kannst du umkehren. Bist du aber in den Gang eingetreten, so verschließt sich das Tor hinter dir und es gibt kein zurück. Dann musst du den Weg heraus, selber finden. Niemand wird dich holen!"

Er wagte sich in das schwarze Loch und hinter ihm verschlossen sich donnernd die schweren Tore. Er war nun eingesperrt in der Finsternis. Mit dem Licht seiner Öllampe kroch er auf Knien entlang des finsteren Tunnels.
Plötzlich hörte er Schreie und eine Stimme quoll aus der Erde hervor: "Hier verderben die Toren, die nach Wissen und Macht gieren."

Eine furchtbare Angst stieg in ihm auf und seelische Beklemmungen wollten sich seiner bemächtigen. Doch nur wenn er dagegen ankämpfte und gewahr wurde, dass andere vor ihm wohl auch diesen finsteren Ort passieren mussten, wurde er wieder Herr über seine Ängste.
Der Initiant krabbelte weiter. Ihm blieb nichts anderes übrig, denn der Weg zurück war versperrt. Der Gang wurde immer enger und schließlich blieb er wie in einem Rohr stecken. Inneres Grauen und Todesangst wühlten ihn auf. Es kam ihm vor, als befände er sich in einem fürchterlichen Sarg und wollte am liebsten Schreien.

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Ein tiefer schwarzer Abgrund

Sein Herz raste, sprengt fast seine Brust. Er knirschte mit den Zähnen.
Wie eine Schlange versuchte er sich durch die immer enger werdende Röhre zu pressen. Schließlich atmete er auf, denn der Gang erweiterte sich. Irgendwann konnte er sich aufrichten.

Dennoch musste er fortschreiten. Der Gang senkte sich in immer schärferem Abhang. Auf einmal tat sich vor seinen Füßen ein Abgrund auf, der den Gang in voller Briete durchschnitt. Weder nach links noch nach rechts konnte er ausweichen. In dieser trichterförmigen Grube sah er eine eiserne Leiter. Als er darauf die letzte Sprosse hinabstieg, sah sein verstörter Blick nur den fürchterlichen Abgrund. In der Tiefe reflektierte eine Wasserfläche das Licht seiner Lampe. Er zauderte, doch es blieb ihm nichts anderes übrig als dort hineinzuspringen.
Noch einmal hob er seine Öllampe und spähte umher, ob es nicht vielleicht doch einen Ausweg gäbe. Nur finstere Leere verlor sich in dem totem Fels der Wände. Am liebsten wäre er umgekehrt, hätte an das schwere Tor geschlagen und um Hilfe geschrien. Doch er wusste auch, dass die Priester den großen Tempel längst verlassen haben. Niemand hätte sein Schreien gehört. Was nun?

Eine Rückkehr war unmöglich. Und dann? Wollte er nicht ein Eingeweihter werden, einer der weis und der sehen kann? Ja! Er wollte es um jeden Preis!

Anscheinende Ausweglosigkeit

"Es muss hier einen Ausweg geben", sprach er zu sich. Doch auch als er erneut umherspähte, konnte ihm der unsichere Schein seiner Lampe keinen Ausweg zeigen. Überall fielen die schwarzen Felswände zum Wasser hinab. Sein rechter Arm ermüdete und er wechselte die Lampe in seine linke Hand. Wechselte erneut. Auf einmal erblickte er einen Spalt zu seiner Linken. Sich mit einer Hand an die Leiter klammernd, in der anderen Hand die Lampe vorgestreckt, sah er dort sogar Stufen. Eine Treppe! Er war gerettet.

Die Spalte war groß genug um seine Hand hinein zu stecken. Auch wenn er fast in den tiefen Abgrund fallen könnte, musste er es wagen. 
Zwischen den Zähnen hielt er den kleinen Henkel der Öllampe und griff mit den Händen in die Felsspalte. Er fand einen Felsvorsprung, schwang sich daran hoch, glitt dabei aber aus und fiel rückwärts in das Wasser unter ihm. Seine Lampe fiel und erlosch zischend.
Nun umgab ihn dunkle Nacht - finster und grausam - und er stand bis zu den Achselhöhlen im kalten Wasser. Doch er stand!

Zitternd suchte er nach jener Spalte in der Wand, doch fand sie nicht, denn im Fallen hatte er die Richtung verloren. 
Schließlich aber fand er einen Spalt an dem er sich emporziehen konnte und stieg auf. Seine Kräfte ließen allmählich nach. Angstschweiß bedeckte ihn.
Doch da: seine Hand ergriff plötzlich ein hervorstehendes, gebogenes Eisen, woran er sich an den Rand des Abgrunds emporzog. Langsam betastete er mit den Füßen den Boden, ehe er einen Schritt machte. Der Boden war eben. Er ging weiter.

Das Licht am Ende des Tunnels

Mehrmals machte der Gang Biegungen, zuletzt aber sah er in der Ferne einen Schimmer. Wie zu neuem Leben erweckt lief er darauf zu. Lief immer weiter. Er gelangte schließlich zu einem, in den Fels gehauenen, viereckigen Raum, der an zwei Wänden Öffnungen hatte. Durch die eine Öffnung kam er herein, in der anderen loderte ein gewaltiges Feuer. Da sollte er durch? Es war der einzige Ausgang und es gab ja kein Zurück. 

Als er durchlief blieb er erstaunt stehen. Das glühende Feuer war eine geschickte Spiegelwirkung, die er zuerst für echt gehalten hatte. In diesem Moment umwehte ihn ein kühler Lufthauch. 
Nun kam er in einen Raum der mit Teppichen belegt und von einer Öllampe an der Decke beleuchtet war. 
Da kam ein Diener in den Raum, gab ihm trockene Kleider und salbte ihn mit duftenden Ölen. Man gab ihm zu essen. Er genoss seine Speise, hatte er doch drei Tage gefastet. Danach legte er sich auf ein großes Kissen um etwas zu ruhen.

Credit: Wellcome Library, London Group of Nubian women and children resting by the Nile at Korti, Sudan. Coloured lithograph by Louis Haghe after David Roberts, 1846. - ewigeweisheit.de

Nubische Frauen. David Roberts. Wellcome Library, London.

Die schöne Nackte

Hinter einem Vorhang sah er mit halb geöffneten Augen eine Frau, die daraus in den Raum hervor trat. Sie war sehr schön und ihr nackter Körper nur in einen durchsichtigen Purpurmantel gehüllt.
Der junge Novize starrte die wunderbare Erscheinung an. Sie lächelte und sprach:
"Du hast gesiegt oh Jüngling! Empfange den Lohn den du verdienst. Siehe, ich habe dir Wein eingeschenkt. Mein schöner Körper verlangt nach dir."

Wer den Kelch austrank und sich in Liebe mit der Schönen auf dem Boden wälzte, der fiel hernach in tiefen Schlummer. Zwar hatte er die Prüfungen bestanden, doch nicht diese letzte. Er blieb der Sklave seine Triebe und unfähig das Priesteramt zu bekleiden.

Wer andererseits dieser Versuchung widerstand, der wurde von 12 Mysteriendienern zum Heiligtum der Isis geführt. Ein in Purpur gekleideten Priester empfing dort den Ankömmling. Er musste nun unter furchtbarsten Androhungen das Gelübde des Schweigens ablegen.

Danach begrüßte man ihn als Mitbruder der Eingeweihten.


Inspiration: Eine Einweihung im Alten Ägypten, Woldemar von Uxkull; Die großen Eingeweihten, Eduard Schuré

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Die Freimaurer - Eine himmlische Bruderschaft?

Nur wenige Suchende wissen, dass wenn sie sich auf den Pfad der heiligen Wahrheit begeben, sie sich damit auch zu einer neuen Verantwortung verpflichten. Wahre Geheimwissenschaft ist wie ihr Titel schon andeutet etwas, das nur im Geheimen behandelt und besprochen wird.

Der Suchende muss sich klar machen, dass die Heiligen Lehren der Antike auch als solche behandelt werden sollen. Jene die sich in den Kreis einer solchen Bruderschaft begeben sind verpflichtet zu schweigen.
Es gibt eine Wissenschaft der Seele, die versucht eine universale Beschreibung dafür zu geben, was man als "Göttliche Weisheit" bezeichnet - das was die Kabbalisten "Chokmah" nennen. Der Begriff "Göttliche Weisheit" wird seit jeher verwendet, um die größten Geheimnisse der heiligen Philosophie anzudeuten, in der sich die geheime Hierarchie erleuchteter Wesen zu erkennen gibt.

Das Freimaurertum widmet sich dem Studium des Kosmos ebenso, wie der Arbeit am eigenen Leben. Es hat sich zum Ziel gesetzt durch besseres Denken zur Erleuchtung des Geistes zu gelangen.
Man kann sagen, dass die Wissenschaft der Freimaurer älter ist als die Menschheit, da sich ihre Wurzeln nicht in der materiellen Welt finden lassen. Denn was wir in der Welt sehen und berühren können gleicht eher einem großen Labor in dem viele Experimente durchgeführt werden, um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen. In dieses irdische Laboratorium strahlen ununterbrochen kosmische Energien himmlischer Intelligenzen ein, die sich auf die Führung der Menschheit konzentrieren.
Das was aus den mystischen Hierarchien auf die Menschheit hinabstrahlt, formt das Muster um das sich das Freimaurertum vor sehr langer Zeit auf diesem Planeten gründete. Die Existenz von Mysterienschulen, lässt sich bis in die Anfänge der Zeit zurückverfolgen. Es war eine Zeit in welcher der Tempel des Sonnenmenschen erbaut wurde. In diesem Tempel wurden die wahren Mysterien niedergelegt. Er bildete die erste Loge der Eingeweihten, von der alle esoterisch arbeitenden Bruderschaften der Erde abstammen. Ihren wahren Ursprung haben die Lehren und Riten der Freimaurer haben im alten Persien und Ägypten. Zwischen Freimaurern und Sufis gibt es viele Berührungspunkte.

Diejenigen, die die alten Lehren der Freimaurer erforscht und studiert haben, haben verstanden, dass es um die Entfaltung eines dreifältigen Prinzips geht. Ihre wahren Mitglieder verstehen, dass all ihr Handeln und Tun nötig ist, um den Tempel des göttlichen Königs zu erbauen.

Illustration: Augustus Knapp

Es ist eine Verpflichtung und ein Privileg das der Suchende seiner Gottheit, seinem Nächsten und sich selbst schuldet.

Wahres Freimaurertum ist esoterisch - also geheim. Es ist nichts das von dieser Welt ist. Alles was diese Welt uns gibt sind Schlüssel die uns in das pfadlose Land der Weisheit führen können. Aus diesem Grund wird ein Freimaurer nicht in dieser Welt der Form nach Weisheit suchen, sondern nach dem was ihm aus den himmlischen Welten gegeben wird.
In den alten Mysterienschulen durchlief der Anwärter mehrere Stufen der Einweihung, bis er die Initiation in die heiligen Mysterien der Naturgesetzte erhielt.
Ein Sucher der Wahrheit versucht sich über die exoterische, äußere Welt zu erheben, um damit in die spirituellen Welten aufzusteigen. Denn dort findet er die wahre Loge - eine esoterische Bruderschaft, die viel großartiger ist als jede physische Schule auf Erden. Sie ist das Zentralfeuer aller anderen Schulen die es in der materiellen Welt gibt. Diese hohe Schule der Eingeweihten bezieht alle irdischen Formen der Weisheitsschulen mit ein, in ihr großes Werk.

Die Kuppel dieser universalen Loge befindet sich im Bereich des Himmlischen, ihre Säulen bilden die vier Weltecken, ihr schwarz-weiß gekachelter Boden deutet hin auf die sich überschneidenden Eigenschaften von Licht und Finsternis, Gut und Böse, Leben und Tod.
Auf diesem Boden von Sein und Nichtsein - dort befindet sich ein Altar: das Herz des Menschen.

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