Gnosis

Okkulte Zahlensymbolik in der Gnosis

von S. Levent Oezkan

Zahlensymbolik - ewigeweisheit.de

Die antike Religion der Chaldäer war astronomisch-mathematischer Natur. Weltentstehung und Evolution versuchte man in Zahlensymbolen auszudrücken. Jeder Buchstabe der heiligen Sprache besaß einen Zahlenwert. Damit konnten Worte und Sätze in Zahlen ausgedrückt werden. Diese Zahlen aber erklärten irdische und himmlische Vorgänge, die man damit als göttliche Erscheinungen interpretierte.

Die Chaldäer beschrieben in ihren heiligen Büchern, wie man aus jedem Text einen numerologischen Schlüssel ermittelte. Durch diese Zahlenschlüssel erhielten sie Aufschluss über das Wesen der Gottheit, des Menschen und der Natur. So erhielten sie ein Geheimwissen, wie es die Seher der alten Zivilisationen besaßen.

Die Chaldäer lebten im 1. Jahrtausend v. Chr. in Südmesopotamien - dem alten Babylon. Als Nebukadnezzar II. die Juden nach Babylon verschleppte, kamen sie in Berührung mit den alten astronomischen und mathematischen Lehren der Chaldäer.

Nach der Rückkehr aus ihrer Gefangenschaft, brachten die jüdischen Rabbiner einige ihrer dort gewonnenen Erkenntnisse über die Zahlen-Buchstaben-Methoden, mit nach Palästina. Sie verwendeten sie, um ihre alten Überlieferungen entsprechend auf ihre verborgenen numerologischen Bedeutungen hin zu untersuchen. Damit versuchte man in die hebräischen Texte der alten Legenden der Patriarchen Adam, Seth, Noah, Sem, Abraham, Jakob und Moses, einen neuen geistigen Sinn zu legen.

Später wurde diese esoterische Technik zur Textauslegung, in Ägypten erweitert, insbesondere im alten Alexandria, das für die damaligen Schüler der gnostischen Bewegung, ein Zentrum der Gelehrsamkeit war. Überreste dieser alten Techniken und Zahlensysteme, sind allerdings durch die Überlieferungen der Kabbala bis in unsere heutige Zeit gelangt. Viele Elemente daraus sind übergangen in die moderne Numerologie (Buchtipp: Lehrbuch der Numerologie).

Alphabete

Die alten Rabbiner glaubten, dass jedes Wort und jeder Buchstabe der Tora und der Prophetenbücher, von Gott eingegeben waren. Man glaubte sie besäßen eine wunderbar-magische Kraft.

Der Gnostiker Valentinus († nach 160) verfügte über das alte Wissen der kabbalistischen Zahlensymbolik und numerologischen Bibel-Exegese. Auch die Zahlenphilosophie der Pythagoräer, war Valentinus und seinen Anhängern wohl bekannt. Ihre Symbolik hatte ohne Zweifel viele Ähnlichkeiten mit den Zahlensymbolen der Chaldäer. Darum übertrug man die numerologischen Techniken der Chaldäer auch auf die griechische Schrift.

Durch die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten, seit dem 4. Jhd. v. Chr., kam es in Ägypten zu einer intensiven Hellenisierung. Die alte Schrift wurde durch das griechische Alphabet ersetzt, woraus sich später das koptische Alphabet aus 24 Buchstaben entwickelte.

Anders als bei den hebräischen Buchstaben, verfügt die Symbolik der griechischen und koptischen Buchstaben, nicht über den selben Bedeutungsumfang. Denn jeder hebräische Buchstabe ist neben seinem Laut- und Zahlenwert, auch ein Synonym für die Richtung des Raumes, die Sterne, Körperorgane und geheime Hieroglyphen. Wenn dies auch weniger für die griechischen Buchstabensymbole galt, war es für die Schüler der Gnosis, doch ein gutes Betätigungsfeld, um ihren Verstand zu erweitern.

Mit dem Wissen um die numerologische Buchstaben- und Textdeutung konnte man anderweitig erlangtes Wissen zusätzlich untersuchen.

Die Vier: Zahl des Allerhöchsten

In der Gnosis nennt man den Sitz der höchsten Gottheit, von wo aus alles Gute ausströmt, das Pleroma. Es ist das Lichtreich dass die Gottheit vollständig mit ihrem Geist erfüllt und alles Lebendige in der Welt des Seins durchwirkt. Zwar verwendet man hierfür andere Begriffe, doch auch Zentralasiens verwenden Schamanen dieses Konzept in ihrer Kosmologie.

Die spirituell höchste aller Zahlen, ist in der Gnosis die Zahl Vier. Die Eingebung der Vier erzeugt die Vorstellung des griechischen Alphabets. Das heißt, sie kommt aus dem Lichtreich des Pleroma und offenbart sich den sterblichen Menschen, in ihrer weiblichen Form - wäre doch die Lichtmacht ihrer männlichen Form nach, der Welt unerträglich. Nicht zufällig vermeiden gläubige Juden den vierbuchstabigen Namen Gottes JHVH laut zu äußern. Warum das so ist, darauf gehen wir später noch genauer ein.

Eine Vorstellung von der Hoheit der Vier, gibt es aber auch in Indien. Um mit den Menschen in Verbindung zu treten, vermittelt Shakti die Kraft Gottes. Als die aktive Energie des Kosmos, gilt sie im Hinduismus als weibliche Urkraft des Universums. Ohne Shakti, so die indische Lehre, könne ein Sterblicher die Kraft des höchsten Gottes (den die Vier repräsentiert) nicht ertragen - er müsse sterben.

Der Große Name

Viele Schriften der Gnostiker sind verloren. Entweder brannten ihre Manuskripte auf den Scheiterhaufen oder verrotteten in ihren Höhlenverstecken. Viele der gnostischen Lehren, wurden uns daher überliefert aus polemischen Schriften der Gnosis-Gegner. Insbesondere Irenäus von Lyon (135-200 n. Chr.), einem vehementen Gegner der christlichen Gnosis, verfasste viele Texte aus denen man von der alten Lehre der Gnosis erfährt.

Durch Irenäus wurde z. B. ein Manuskript überliefert, dass für unsere folgenden Betrachtungen von Bedeutung ist. Er schrieb in seiner Polemik über die gnostische Lehre des Markus Magus (Markus der Magier). Es ist die Lehre von den 30 Elementen:

Der Vater ist sogar nicht der Eine, ist über alle Möglichkeiten des Denkens und Seins erhaben, ist weder männlich noch weiblich. Als er zuerst wollte, dass seine Unaussprechlichkeit ins Dasein trete und seine Unsichtbarkeit ins Dasein trete und seine Unsichtbarkeit eine Form annehme, öffnete er seinen Mund und sprach ein Wort. Dieses Wort war ihm gleich. Es erschien derart vor ihm und war das Mittel, um ihm zu zeigen, was er selbst ist. Nämlich erschien er selbst in Form seiner eigenen Unsichtbarkeit.
Er sprach also den großen Namen aus: Der Vater sprach das Wort und die erste Note des Namens, war ein (Ur)Ton aus vier Elementen. Auch der zweite Name hatte vier Elemente. Der dritte Name hatte zehn - der vierte und letzte Name hatte zwölf Elemente. Im Aussprechen des ganzen Namens kamen also 30 Elemente, in vier Gruppen in die Welt.

Jedes dieser 30 Elemente hat wiederum seinen individuellen Ausdruck und charakteristischen Buchstaben, wie auch Bildsymbole. Doch keines dieser Elemente kennt den Urton, dessen Element es ist. Es kennt auch nicht die Klänge der anderen Elemente, sondern nur seinen eigenen Klang. Alles was es weiß, ist sein eigener Name. Wenn es diesen Namen ausspricht, irrt es aber, da es glaubt den wahren, den großen Namen auszusprechen.

Nun, so die Gnostiker, soll die Wiederherstellung aller Dinge stattfinden, wenn alle diese 30 Urelemente zum selben Ton oder Buchstaben gelangen und ein und die selbe Note hervorbringen: den Urton. Daher das gemeinsame Amen in der Kirche. So waren all die göttlichen Urelemente, mit all ihren Unterformen von Tönen, Klängen und Buchstaben, Teil des göttlichen Wesen, das den symbolischen Namen "Kirche" trägt. Der griechische Ausdruck für die Kirche, "Ecclesia", bedeutet "Hervorrufen" und steht stellvertretend für den wirklichen Namen, der nun den Eingeweihten mitgeteilt wurde. Die Kirche war die weibliche Seite der vierten der heiligen Vier - eine Spiegelung des Herren des Pleroma.

Das Echo des allerhöchsten Namens

Als der Klang, das letzte der 30 Elemente von sich gegeben hatte, seinen ihm eigenen Ton, erklang schließlich das Echo aller dieser Elemente. Hieraus wurde eine zweite Serie von Elementen geboren, die zur Ursache wurde für alle uns bekannten Dinge in der Welt.

Der letzte göttliche Ton wurde dann von seinem erzeugenden Klang zur Höhe getragen, um den göttlichen Namen zu vollenden. Sein Echo aber setzte sich weiter nach unten fort und verblieb dort, so als wäre es aus dem Pleroma hinausgeworfen worden.

Was für dieses letzte Element galt, war ebenso gültig für die anderen Elemente. Jedes Element selbst, enthält aber wieder Elemente, mit deren Hilfe das Urelement erklingen kann, bis in die Ewigkeit.

Hiermit machte Markus der Magier seinen Schülern begreiflich, wie es sich mit den koptischen Buchstaben der heiligen Schrift verhält. Nehmen wir z B. den Buchstaben Delta Δ (δελτα) und spreche ihn aus. Mit seiner Aussprache erhalten wir sofort fünf Buchstaben: δ Delta, ε Epsilon, λ Lambda, τ Tau und α Alpha - aus Ihnen setzt sich der Name des Buchstaben zusammen. Der zweite Buchstaben Epsilon setzt sich wiederum zusammen, aus ε Epsilon, ψ Psi, σ Sigma, ι Iota, λ Lambda, ο Omikron und ν . Ebenso ließe sich dann also mit dem Lamda, Tau und Alpha verfahren, die sich ja jeweils wieder aus Buchstaben zusammensetzten, so dass man ein, sich unendlich ausbreitendes Geäst erhielte.

Der Aura-Körper des Menschen

Markus dem Magier fährt in seinem Manuskript dann fort, mit der Beschreibung der Aura des himmlischen Menschen. Die 24 Buchstaben, so Markus, bezeichnen die Glieder des himmlischen Menschen. Diese Buchstaben des griechischen Alphabets lassen sich wie folgt unterteilen:

  • 9 Konsonanten,
  • 8 Liquida (Halbtöne) und
  • 7 Vokale.

Als tonlose Elemente, sind die neun Konsonanten die Repräsentanten der geistigen Wahrheit. Die Liquida befinden sich zwischen den tonlosen und klingenden Buchstaben und sind damit ein Abbild von Wort und Leben. Sie empfangen aus der Höhe die Ausströmungen des Ungeoffenbarten und nehmen auf, was aus dem Offenbarten zu ihnen aufschwingt. Die Vokale stellen die Elemente von Mensch und Kirche dar, da der Ton vom Menschen ausging und alle Dinge formte. Aus dem Echo seiner Stimme, erhielten sie ihre Form.

Damit erhalten wir nun drei Zahlen: Neun, Acht und Sieben. Zusammen ergeben sie:

9 + 8 + 7 = 24

Markus der Magier kam nun auf die Idee, der Neun die Eins zu entziehen und sie der Sieben hinzuzufügen, so dass die Rechnung so aussähe:

(9-1) + 8 + (7+1) = 8 + 8 + 8 = 24

Das war eine Anspielung auf den Namen "Jesus", den die sechs griechischen Buchstaben ιησουσ bilden. Jeder dieser Buchstaben enthält einen Zahlenwert. Erst um 500 n. Chr. kam aus Indien das Stellenwertsystem in den Westen. Zahlen wurden davor durch die Buchstaben des Alphabets notiert. Mit diesem Zahlensystem arbeiteten auch die Gnostiker, bei der Auslegung der heiligen Namen (wie vor ihnen schon die Kabbalisten). 

Folgende Tabelle zeigt, wie die Buchstaben des griechischen Alphabets mit bestimmten Zahlenwerten korrespondieren:

Griechisch Koptisch Zahl
Alpha α Vokal 1
Beta β Konsonant 2
Gamma γ Konsonant 3
Delta δ Konsonant 4
Epsilon ε Vokal 5
Zeta ζ Liquida 7
Eta η Vokal 8
Theta θ Konsonant 9
Iota ι Vokal 10
Kappa κ Konsonant 20
Lambda λ Liquida 30
My μ Liquida 40
Ny ν Liquida 50
Xi ξ Liquida 60
Omikron ο Vokal 70
Pi π Liquida 80
Koppa Ϟ 403 v. Chr. als Konsonant abgeschafft 90
Rho ρ Liquida 100
Sigma σ Liquida 200
Tau τ Konsonant 300
Ypsilon υ Vokal 400
Phi φ Konsonant 500
Chi χ Konsonant 600
Psi ψ Liquida 700
Omega ω Vokal 800

Gemäß den Zahlen in der Tabelle, erhalten wir für den Namen ιησουσ Jesus also:

ι + η + σ + ο + υ + σ ⇒ 

10 + 8 + 200 + 70 + 400 + 200 = 888

Im Zusammenhang mit obigem Zitat, bedeutet das:

Er, der seinen Sitz beim Vater hatte (dem Geist), verließ diesen Sitz und stieg herab zu der einen gesendet, von der er getrennt war (der Versammlung der Menschheit), um die göttliche Schöpfung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So sollte die Einheit des Pleroma wieder ausgewogen werden, um daraus ein Einheit zu schaffen. Die 7 erhielt von der 9 die 8 und die drei oben dargestellten Regionen wurden gleich gemacht in ihrer Zahl, nämlich dreimal 8, die zusammen 24 ergeben. Wobei die Ziffern der 24 zusammen 2 + 4 die 6 ergeben, die Anzahl der Buchstaben des Namen ιησουσ (Jesus). Fügt man diese 6 zu den 24, so hat man wiederum die 30 Äonen des Pleroma.

Auslegung der Evangelien

Für die Gnostiker waren die Legenden der Evangelien nicht unbedingt geschichtlich. Eher sahen sie darin Allegorien und symbolische Darstellungen des Dramas der Initiation. Damit gewinnt die Sache der numerologischen Deutung natürlich einen ganz anderen Sinn.

Die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor z. B., war ein symbolisches Bild des göttlichen Wirkens, dass sich im Menschen offenbart. Dies geschah ab einem gewissen Moment in jenen, die nach Vollkommenheit strebten. Damit war es ein bestimmtes Stadium der Einweihung.

Aus dem Markus-Evangelium erhalten wir einige Zahlenangaben aus diesem Ereignis:

Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgendjemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.

- Markus 9:2-9

"Sechs Tage danach" heißt eigentlich siebter Tag, da er dem Ereignis folgte. In Verbindung mit der Aussage, dass Jesus die drei Jünger "auf einen hohen Berg" brachte, ist das ein klares Bild für einen höheren Grad des Bewusstseins.

Jesus stieg als Vierter hinauf und wurde der Sechste. Was bedeutet das? Er nahm mit sich Petrus, Jakobus und Johannes auf den Gipfel des Tabor, wo sie zu viert waren. Zu ihnen kamen dann noch Moses und Elijas. So waren sie also zu sechst. 

So erhalten wir drei Zahlen:

  • Eins für Jesus Christus
  • Drei für Petrus, Jakobus und Johannes, und
  • Zwei für Moses und Elijas.

Die Eins steht für Jesus selbst. Die Drei ist Symbol für die Macht, die Jesus schon über die grobmaterielle (Petrus), die feinstoffliche (Jakobus) und die Geistesebene (Johannes) gewonnen hat. Die Zwei repräsentiert die geistigen (Moses) und göttlichen (Elijas) Kräfte, die ihn willkommen heißen und unterstützen. Hiermit wird der Initiant zur Sechs und hat jetzt das vollkommen-geistige Bewusstsein, ist ein Erleuchteter, denn er hat Gier, Hass und Verblendung vollständig abgelegt:

Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann.

Dieser Erleuchtete enthält in sich alle Elemente (für die die obigen 24 Buchstaben stehen). Im Falle des Christus war diese Tatsache schon vorgebildet durch die Taufe im Jordan. Dafür stand die Herabkunft der Taube. Sie ist das Symbol für das Alpha α und Omega ω, über das Jesus Christus sagt:

Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.

- Offenbarung 22:13

Alpha α und Omega ω sind entsprechend die Zahlenwerte:

1 + 800 = 801

Und diese Summe erhalten wir ebenfalls, wenn wir die Buchstabenwerte für das griechische Wort für "Taube" addieren:

περιστερα (Peristera)

80 (π) + 5 (ε) + 100 (ρ) + 10 (ι) + 200 (σ) + 300 (τ) + 5 (ε) + 100 (ρ) + 1 (α) = 801

Söhne des Lichts

Alpha und Omega: beide Buchstaben deuten im esoterischen Christentum auf die Wesensähnlichkeit von Jesus und Adam. Jesus ist der neue Adam, ist damit gleichzeitig erster und letzter "Menschensohn". Am sechsten Tag offenbarte die göttliche Ordnung den Himmelsmenschen (Jesus) zur Neugeburt des Erdenmenschen (Adam). In der sechsten Stunde begann die Passion Christi: da wurde der Geweihte ans Kreuz geschlagen.

Nun ist die Sechs eine wichtige Zahl im Ereignis der Initiation. Zum einen entsprach sie als chaldäische Zahl der Sonne, dem Lebenslicht. Andererseits steht bei den Autoren der Gnosis die Zahl Zwei (Dyade) für die Schöpfung, bzw. die Herabkunft Christi. Während für sie die Drei (Triade), Zahl der Wiedergeburt und des Aufstiegs ist. Vereinigt ergeben sie die Hexade: 2 × 3 = 6.

Damit ein Wort aussprechbar wird, benötigt es Selbstlaute aus den sieben Vokalen. Jeder dieser Buchstaben steht für die siebenfache Hierarchie des Weltalls. Entsprechend der siderischen Zyklen der sieben chaldäischen Himmelskörper Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn, ergibt sich folgende Zuordnung:

Alpha α 1. Sphäre Mond
Epsilon ε 2. Sphäre Merkur
Eta η 3. Sphäre Venus
Iota ι 4. Sphäre Sonne
Omikron ο 5. Sphäre Mars
Ypsilon υ 6. Sphäre Jupiter
Omega ω 7. Sphäre Saturn

Sie sind der Geist des göttlichen Wortes - des Logos. In der Gnosis nennt man sie die "siebenfache Erhabenheit", durch die sich die Frucht des göttlichen Schöpfers offenbart. Gemeinsam bilden die sieben Sphären das Gebäude des göttlichen Denkens.

Der Weltbaumeister, der Demiurg, ist eine Wiederspiegelung dieses universalen Logos. Allerdings ist er in dieses göttliche Gebäude nur hineingelegt, ist abgeschieden und damit außerhalb des Pleroma. Zwar steht in seiner Macht die Welt zu erschaffen, doch er erkennt nicht, dass er selbst als Teil etwas Größerem dient. Er kannte nicht das wahre Bild der ruhenden, ewigen Art des Logos - war er doch selbst ein Produkt dessen Mangelhaftigkeit, die er ewigen Natur entsprang. So bildete der Demiurg die Ewigkeit also nach, fügte zahllose Jahre und Zeit-Abschnitte (Äonen) aneinander. Vielfache Zeiteinteilungen, meinte er, ahmten die Unendlichkeit nach. Damit aber ging er einer Unwahrheit nach und sein Werk, so die Gnostiker, begann irgendwann ein Ende zu nehmen - dann wenn sich die Zeiten erfüllt haben.

Logos und Weltseele

Beseelt werden die sieben Sphären durch die Kraft des göttlichen Logos. Zwar geschieht das durch die Macht, über die der Demiurg handelt, doch das Wesen der Weltseele ist ewig - das des Demiurgen endlich. Durch das Ausströmen des Lebens aus dem göttlichen Logos, wurde nun durch den Demiurgen, eine Weltseele des sichtbaren Kosmos gezeugt. Jenes Strömen aus dem Logos aber, ist "nur" die Wiederspiegelung des Lebens aus dem glänzenden Lichtmeer des Pleroma. Der Demiurg aber glaubt von seinem Werk, es sei aus seinen eigenen Willen entstanden. In Wirklichkeit aber sind die sieben Sphären der Weltseele, eine Kopie dessen, was als göttliches Leben aus der Welt der Sophia (Weisheit) ausstrahlt. Sie ist die allerhöchste Mutter. Jene sieben Sphären also, sind nichts als Diener, die dieser verborgenen Sphäre des universalen Lichtmeers gehorchen.

Die sieben Sphären erklingen zusammen in den Tönen der sieben Vokale α (A), ε (kurzes E), η (langes E), ι (I), O (kurzes O), υ (U) und ω (langes O). Sie harmonieren und bilden zusammen einen Ton der hinaufklingt bis zum göttlichen Logos. Ihr Echo aber dringt hinab zur Erde und spielt dort die Rolle des Formers aller irdischen Menschenseelen.

Die Tetraktys

Bevor all diese Sphären vom Demiurgen geschaffen wurden, existierte ein Anfang. Der war unbegreiflich, unaussprechlich und unnennbar - ein wahres "Nichtsein". Zugleich mit dieser Kraft der Nichtheit, existierte die Einheit. In Wirklichkeit aber sind beide eins und bilden als solches die Quelle des Weltalls. Sie nennt man die Monade. Selbst aber sind sie unerzeugt, unsichtbar, doch von ihnen strömen alle Äonen und Welten aus, alle Zeit und aller Raum. Symbol dieser Nichtheit ○, ist die "Nichtzahl", die allerdings alle Zahlen enthält. Aus ihr quellen alle Zahlen hervor.

Aus der Dualität aus Nichtheit und Einheit, aus Null 0 und Eins 1, lassen sich vier Paare erzeugen, indem man sie ausschließt, kombiniert oder vertauscht:

00
01
10
11

Was aber letztendlich hinter Nichtheit und Einheit steht, bleibt unbeantwortet. Es gibt keine Möglichkeit jene Ursprünge mit menschlicher Sprache auszudrücken. Sie stehen für die Tetraktys, einen Namen den allein der Menschensohn (Jesus Christus) kennt. Doch in Wahrheit weiß auch er nicht, was die Vier in Wahrheit sind. Dieses letzte Wissen von der dahinter stehenden Wirklichkeit ist allein dem göttlichen Vater vorbehalten.

Die Gnostiker verwendeten vier Namen, wenn sie über die Tetraktys sprachen:

  • Unaussprechlich, αρρητος (appretos),
  • Schweigen, σειγη (seige),
  • Vater, πατηρ (pater) und
  • Wahrheit, αληθεια (aletheia).

Zählen wir die Anzahl der hier aufgelisteten griechischen Buchstaben zusammen, erhalten wir 7, 5, 5 und 7, die addiert die Summe 24 ergeben: die Anzahl der himmlischen Glieder des Menschen - Zahl der Elemente im Pleroma.

 

Nun gut. Vielleicht werden sie sagen, es sei beliebig, was aus den Buchstaben und ihren Zahlen zu machen sei. Letztendlich aber entstammen die Namen, die in jenen griechischen Buchstaben geschrieben werden, anderen, verborgenen Namen und gehören zu den Geheimnissen der Einweihung. Die Weisheit jedoch besteht darin, die Zahlenprozesse, die sich aus den heiligen Worten entwickeln, in Symbole umzuwandeln. Mit ihnen können wir uns den Gründen der uranfänglichen Evolution nähern und davon ableiten, wie sich die Hierarchien des kosmischen Weltenbaus zusammenfügten und dereinst auflösen werden.

Es wäre aber falsch, die obigen Rechenbeispiele vor dem Hintergrund der modernen Mathematik, Physik und Wirtschaftswissenschaften zu sehen - auch wenn sie an sich, natürlich alle einen sinnvollen Zweck erfüllen. Diese Art Rechnungen suchen jedoch nicht nach Genauigkeit. Schließlich gibt es keine Brüche oder Kommazahlen. Alles was betrachtet wird sind Ganzzahl, Form und Periodizität (wie etwa in der Zahl 888).

Die gnostische Zahlenmystik sucht bei der Auslegung der Heiligen Schrift nach besondere Mustern, anhand derer sie das Konzept des Weltenplans verstehen lernt. Dieser Artikel diente als Einführung in die Erkenntnislehre von Numerologie und Kabbala.

 

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Wer war der Prophet Mani?

von Johan von Kirschner

Der Prophet Mani - ewigeweisheit.de

Die Religion der Manichäer beanspruchte für sich, eine abschließende Offenbarung zu sein. Ihr Prophet Mani verkündete in seiner dualistischen Gnosis die Lehre einer kosmischen Koexistenz von Gutem und Bösem. In mythenreicher Sprache verbreitete Mani eine Weisheitslehre, die gleichermaßen von Bedeutung war für Christen, Juden, Zoroastrier und Buddhisten.

Der junge Mani

Wie Buddha oder Christus, so ist Mani der Ehrentitel für einen Menschen, der durch den "Hohen Geist" erleuchtet wurde. Die Person auf die sich dieser Erleuchtungsgeist senkte, hieß nach abendländischen Quellen "Curbicius". Er kam zur Welt am 14. April 216 in der Nähe von Ktesiphon am Tigris (im Reich Babylon, heute Irak), der damaligen Residenz der Perserkönige. Er stammte aus vornehmem Hause. Seine Mutter war von fürstlicher Abkunft (Arsakidin) und bevor sie den Mani zur Welt brachte, offenbarte sich ihr im Traum, die große Bedeutung ihres zukünftigen Sohnes für die Menschheit. Sein Vater Patig (Pattikios) war ein vornehmer Perser aus dem Stamm der Chaskanier, der sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigte. Er war Angehöriger einer gnostischen Täufersekte - den "Elchesaitan". In diesem Umfeld wurde Mani erzogen. Schon im zarten Alter wurde er dort von seinem Vater in die Lehren und Bräuche jener religiösen Gemeinschaft eingeführt. Er sollte sich von einem erst schwächlichen jungen Mann, in den unermüdlichen Apostel einer neuen Erlösungsreligion verwandeln.

Dann trat ich, Mani, in die Glaubensgemeinschaft der Täufer ein, wo man mich großzog. Als mein Leib jung war, wurde ich durch die Kraft der Lichtengel und die so überaus starken Mächte beschützt, die von Jesus beauftragt waren, zu meinem Schutz.

- Aus dem Kölner Mani-Kodex

Es war eine ungemein spirituelle Zeit in die der Mani hineingeboren wurde. Sein Denken wurde in diesem Umfeld schon früh in religiöse Bahnen gelenkt. Schon als Junge soll Mani wie ein Weiser gesprochen haben. Seine religiöse Berufung äußerte sich jedoch in Opposition zur christlichen Theologie, wich vom christlichen Ritus ab. Dennoch bezeichnete sich Mani, als Apostel Christi, denn er räumte Jesus eine hervorragende Rolle ein. Später wandte er sich von den judenchristlichen Gnostikern, bei denen er aufwuchs, ab. Seine eigentliche Sendung erkannte er in zwei Offenbarungen: im Alter von zwölf und 24 Jahren.

Manichäischer Jesus - ewigeweisheit.de

Jesus Christus als manichäischer Prophet. Bildnis aus der Yüen-Dynastie (14. Jhd.). Auf dem Bild kann man den Christus identifizieren, da er ein kleines Goldkreuz in Händen hält.

Die Sendung

Als der Mani zwölf Jahre alt war, teilte ihm ein Engel - der "Taum" (= Gott-Genosse) - eine Botschaft aus dem Lichtreich mit. Er gebot ihm die Gemeinschaft seines Vaters zu verlassen (vergl. Jesus als zwölfjähriger im Tempel, Lukas 2:41f):

Verlasse diesen Kult, denn du bist keiner seiner Anhänger. Dir sind auferlegt Reinheit zu halten und von körperlichen Lüsten Abstand zu nehmen. Noch ist die Zeit aber nicht reif, dass du an die Öffentlichkeit trittst.

In den folgenden 12 Jahren beschäftigte sich Mani mit Philosophie, dem altorientalischen Religionssystem "nach der Tradition der Gelehrten Babylons" und mit den Lehren, der in Südbabylon lebenden Christen. Auch mit den Morallehren des Buddhismus machte er sich in dieser Zeit vertraut. Ferner eignete er sich Sprachkenntnisse an in Persisch, Aramäisch und Griechisch. Als er sein 24. Lebensjahr vollendet hatte, erschien ihm erneut der Taum.

Zu dem Zeitpunkt also, als mein Leib die Vollendung ganz erreicht hatte, flog so gleich jenes höchst wohlgestaltete und machtvolle Spiegelbild meiner Gestalt herab und erschien vor mir [...] 'Friede sei mit dir, o Mani, von mir und vom Herrn (König des Lichtparadieses) der mich zu dir sandte. Er erwählte dich für seine Mission, und gebot dir in deiner Berufung, das Evangelium der Wahrheit zu verkünden, eines aus seiner Gegenwart, und fortzufahren auf dieser Mission mit all deiner Ausdauer.'

An anderer Stelle heißt es:

Nun ist die Zeit für dich gekommen, dich öffentlich kundzutun und laut deine Lehre zu verkünden.

Ausbreitung des Manichäismus

Mani begann sein öffentliches Wirken im damaligen Reich von Belutschistan (Hochland, dass sich heute über den Osten Irans, den Süden Afghanistans und den Südwesten Pakistans ersteckt). Dort gewann er seine ersten Anhänger. Die Mission die er einleitete, stützte sich auf hohe Beziehungen zum Adel und verfügte darum über bedeutende Mittel und besondere Befugnisse.

Manis Hoffnung richtete sich sowohl auf den Westen, wie auf den Osten. Es sollte sich auch tatsächlich erfüllen - wenn auch erst nach seinem Tod - das sich von Fernoast, entlang der Seidenstraße, bis nach Westeuropa, die Religion Manis verbreitete. Mani sollte seine neue Kirche bis an die äußersten Grenzen des einstigen Reiches der alten Perser verbreiten. Solch missionarisches Streben war ein charakteristisches Symptom der ersten Jahrhunderte nach Christus. Auf Grund des inhaltlichen Gewichts seiner Botschaft, versammelte sich rasch eine sehr große Ökumene um Mani. Trotz dass heute kaum ein Mensch davon weiß, erlangte die Religion Manis, wegen der Vielzahl ihrer Anhänger in Europa, Nord-Afrika und Asien, tatsächlich die Bedeutung einer Weltreligion. Viele seiner Jünger lebten in Mesopotamien, Baktrien, Syrien, Ägypten, Karthago, ebenso in Spanien und Südgallien. Die Länder die er selbst bereiste wurden von Mani in seinen "Kephalaia", den "Kapiteln", niedergeschrieben. Die schnelle Ausbreitung dieser Religion stellte aber für die junge christliche Kirche des 4. Jhd. eine ernste Bedrohung dar. So wurde eine Verfolgung der Manichäer durch staatliche Organe geführt und eine Abwehrbewegung eingeleitet. Seit 382 n. Chr. stand im Westen die Todesstrafe für all jene, die sich zum Manichäismus bekannten! Während der islamischen Dynastie der Ummayaden (611-750) hingegen, wurde der Manichäismus in Mesopotamien gedultet und erfreute sich dort sogar einer großen Blüte.

Im 8. Jhd. war die Religion in ganz Zentralasien verbreitet, wie später auch im Reich der Uiguren und in China. 762 wurde unter Bögü Khan der Manichäismus sogar Staatsreligion der Uiguren (heute die größte turksprachige Ethnie in China, im Autonomen Gebiet Xinjiang) und genoss damit Schutz am chinesischen Kaiserhof. Doch ab Mitte des 9. Jhd. wurden die Manichäer auch in China verfolgt, konnten sich dort aber dennoch bis zum 14. Jhd. halten. Erst das Mongolenreich brachte seine endgültige Verdrängung.

Ausbreitung des Manichäismus - ewigeweisheit.de

Schaubild: Ausbreitung des Manichäismus.
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Eine universale Religion

Bis heute sind die großen missionarischen Erfolge des Manichäismus nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich trug die große Anpassungsfähigkeit der Manichäer, an die lokalen Bräuche und Gegebenheiten in Ost und West, dazu bei, dass sich diese Religion mehr als tausend Jahre erhalten hat. Mani hatte eine religiöse Sprache entwickelt, die ebenso den westlichen wie den östlichen Regionen der damaligen Welt vertraut war. Den Wortschatz seiner Lehre war im Osten dem Buddhismus, im Westen dem Christentum angepasst. Immer aber blieb der charakteristische Gehalt und die religiöse Identität seiner Weisheitslehre erhalten. Trotz dieser eher heterogenen religiösen Elemente, bot der Manichäismus eine innere Einheitlichkeit. Es war eine echte Religion, in deren Zentrum eine kraftvolle Weisheitslehre stand.

Wiederum sprach er zu seinen Jünger, als er in der Mitte der Versammlung saß: Wie die Sonne, der große Erleuchter, wenn sie kommt in ihrem Aufgang, zur Zeit, da sie in die Welt strahlt, ihre Strahlen ausbreitet auf der ganzen Erde [...] die Gerechten, die mir in jedem Lande sind, sind gleich den Strahlen der Sonne.

- Aus den Kephalaia

Von 240 bis 243 n. Chr. unternahm Mani seine erste Missionsreise nach Indien. Doch sein Kontakt mit einigen Repräsentanten der indischen Spiritualität sollte Konsequenzen haben: sowohl für für Indien, wie auch für Mani selbst.

Die letzten Tage Manis

Ardashir (Artaxerxes), der Begründer der Sassaniden-Dynastie, war gestorben. Sein Nachfolger war sein Sohn Shapur I. (Regierungszeit 240–270 n. Chr.). Am Tage seiner Krönung, dem 20. März 242, entschied sich Mani für sein öffentliches Auftreten. Begleitet von seinem Vater Patig, predigte er in seiner Geburtsstadt Ktesiphon, dem zu den Feierlichkeiten, zahlreich erschienenen Volk.

Von Äon zu Äon brachten die Apostel Gottes, unaufhörlich die Weisheit und die Werke in die Welt. So kamen sie in einem Zeitalter in die indischen Lande durch den Apostel namens Buddha; in einem anderen Zeitalter kamen sie ins Land der Perser durch Zarathustra; in einem anderen ins Land des Westens durch Jesus. Danach, in diesem letzten Zeitalter, kam die Offenbarung hernieder und die Prophetie kam durch mich selbst - Mani, den Apostel des wahren Gottes, ins Land von Babylon.

- Aus dem Buch Shapur

Shapur erkannte in Mani den Führer einer neuen Religion. Mani und seinen Predigern räumte Shapur in seinem Reich, offizielle Missionsfreiheit ein. Sie sollten im gesamten Sassanidenreich ihre Lehren verbreiten. Nach dem Tod Shapurs übernahm sein Sohn Hormizd die Nachfolge. Doch kaum ein Jahr später verstarb auch er. Damit fiel der Thron an seinen Bruder Bahram. Der war dem Mani weniger gut gesinnt und veranlasste seine Vorladung in den Königspalast. Im Gegensatz zu der günstigen Begegnung mit Shapur, wurde er sofort nach seiner Ankunft, vom Magier Mobed Karter, unter Anklage gestellt. Er wurde beschuldigt die Anhänger des Zarathustra, durch seine Lehren, ihrer wahren Religion abspenstig zu machen. Auch Bahram war ihm weniger zugeneigt, als einst dessen Vater. Er fuhr ihn an:

Wieso wurde die Offenbarung dir gegeben und nicht uns, die wir die Herren dieses Landes sind?

Mani antwortete:

So ist es Gottes Wille.

Mani verteidigte seine Lehre leidenschaftlich und führte sie auf göttliche Offenbarung zurück. Dem König gegenüber betonte er die Übereinstimmung seiner Lehre mit einer viel älteren, jedoch zeitweilig in Vergessenheit geratenen Wahrheit. Davon war Bahram jedoch wenig beeindruckt. Man verurteilte den Mani, legte ihn in Ketten und warf ihn in einen Kerker, wo er aufrecht an den Wänden in Form des Kreuzes gespannt wurde. Darum sprach sein Jüngerkreis, der ihn in seiner Kerkerhaft besuchte, von einer Ähnlichkeit mit der Passion Jesu. Nach langen schrecklichen Leiden, starb Mani am 26. Februar 277 im Alter von 60 Jahren. Man zerstückelte seinen Körper. Sein Kopf wurde am Haupttor der Stadt Gundeshapur ausgestellt, während man die Reste den Hunden zum Fraß vorwarf.

Es kann nicht abschließend gesagt werden, wieso sich Manis Religion nicht bis zum heutigen Tage erhalten konnte. Vielleicht war sie zu kontemplativ, zu ruhebedürftig, um den Kampf aufzunehmen mit dem Profanen. Sie zielte eben nicht in erster Linie auf die Lösung der weltlichen Schicksale der Menschen.

Wir, die wir zur Rasse der Lichtsöhne gezählt werden, lasst und Mani unsere Blüten schenken. Der geliebte Sohn Jesus Christus, legt dir, Mani, voll Freude die Krone aufs Haupt. Denn sein Bau der geschändet wurde, ihn hast du wieder aufgebaut. Seinen Weg der im Verborgenen war, hast Du wieder beleuchtet. Seine Lehre die verdunkelt war, hast du wieder in die Klarheit gebracht. Seine verborgene Weisheit hast du erklärt.

- Aus einem manichäischen Textfragment

Die Lehre des Manichäismus

An der Spitze der göttlichen Himmels-Hierarchie, steht in der Religion Manis der "König des Lichtparadieses". Von dort kam der Taum, Manis himmlischer Zwilling, von dem er seinen prophetischen Auftrag empfing. Der Zwilling ist in etwa das, was im Christentum der Heilige Geist vermittelt. Im Buddhismus steht dafür der Buddha Maitreya - der in Zukunft kommende, messianische Weltlehrer.

Ab dem Zeitpunkt, da dem Mani der himmlische Zwilling als sein "Licht-Selbst" begegnete, fielen alle Beschränkungen von ihm ab, die einen Normalsterblichen im Leben behindern. Von da an war er als engelhaftes Wesen auf Erden gegenwärtig. Von da an war Mani ein Apostel des Lichts.

Ich, Mani, wurde durch die Kraft der Engel und der heiligen Mächte beschützt, die mit meinem Schutz betraut waren. Sie bereicherten mich durch Visionen und Zeichen, die sie mir zeigten, die nur klein und sehr kurz waren, so wie ich sie ertragen konnte. [...]

- Ausspruch des Mani

Mit der zweiten Offenbarung wurde er zum "Mani hajja", dem "lebendigen Mani", der nun im Stande war sein erlösendes Wissen an seine Mitmenschen weiterzugeben.

In Manis Erlösungslehre verschmolzen verschiedene religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. Mani bekannte sich offen, zu dem von ihm verbreiteten Synkretismus. Er wurde aus dem Lichtreich von seinem himmlischen Zwilling entsandt, um das Erbe von Buddha, Zarathustra, Jesus Christus und all ihren Vorgängern zu verwirklichen. Mani sah sich als das "Siegel aller gekommenen Propheten" (ein Begriff der im Übrigen auch von den Muslimen für den Propheten Mohammed a. s. beansprucht wird). Er sah die Lehre seiner prophetischen Sendung nicht nur endgültig: Sie war für ihn universal.

von Zeit zu Zeit (sind) Boten Gottes gekommen mit der Weisheit und den frommen Werken.

- Ausspruch des Mani

Früher verkündete Religionen waren, nach Manis Dafürhalten, spätestens nach dem Tode ihrer Meister verderbt. Er sah den Grund dafür im Fehlen direkter, schriftlicher Aufzeichungen, seitens der Religionsstifter. Im Gegensatz zu Zarathustra, Buddha oder Jesus, schrieb Mani seine Lehren nieder. So sicherte er sie vor Umdeutungen seiner Lehre und verfälschenden Zufügungen oder Auslassungen. Damit wurde der Manichäismus als ausgesprochene Buchreligion begründet. Mani verfasste sieben Traktate, die den Kanon des Manichäismus darstellen:

  1. Das lebendige Evangelium,
  2. der Schatz des Lebens,
  3. die Pragmateia (= der Traktat),
  4. die Geheimnisse,
  5. das Buch der Gigangten,
  6. die Briefe (Episteln) und
  7. die Psalmen und Gebete.

Die Lehre des Mani und seiner Missionare war für alle Zuhörer, gleich ob Christen, Zoroastrier oder Buddhisten, unmittelbar zu verstehen. Auch wenn er versuchte seine Lehre den Begriffen anderer Religionen anzupassen, nahm sie davon keinen Schaden.

Auch wenn man den Manichäismus als Teil der gnostischen Bewegung bezeichnen kann, ging es seinem Religionsstifter jedoch darum, die Lehren allen zugänglich zu machen. Damit unterschied sich der Manichäismus von anderen gnostische Sekten, deren Lehren ausschließlich Initiierten vorbehalten waren. So war es für die Manichäer selbstverständlich auch zu missionieren.

Der Prediger muss unablässig in der Welt umherirren, indem er die Lehre predigt und die Menschen in die Wahrheit führt.

- Ausspruch des Mani

Der Manichäismus war ein Seelendienst, der sich, wie andere Religionen auch, auf die Erlösung der Seele verschrieb. Jedoch glaubten die Manichäer, dass durch die Erlösung der Seele, der Gott des Lichtreichs selbst, aus den Widerwärtigkeiten der Finsterniswelt erlöst würde. Jesus Christus war für sie das einzig großartige Bild, für die Verdichtung des göttlichen Lichts, wie es in einem menschlichen Körper in der stofflichen Welt, den Menschen als Erlöser erschien (vergl. Johannes 12:46, "Licht der Welt"). Was der erste Korintherbrief in 15:45 als "lebendige Seele" erwähnt, das galt den Manichäern als das "in der Welt leidende Licht Gottes". Dieses Licht findet sich nicht nur im Menschen. Auch Tiere, Pflanzen und Minerale enthalten es. Der "Essende", so die Manichäer, nimmt deshalb eine große Verantwortung auf sich, da das Licht, das durch die Nahrung aufgenommen wird, ein Teil des göttlichen Lebens ist. Es liegt also nahe, dass die Manichäer besondere Speisegebote befolgen mussten. Natürlich bereiteten solche Auffassungen über Licht und Leben der Wesen, den Grund für Spott und Verachtung, von seitens christlicher Kleriker (Augustin). Sie sagten über die Manichäer, sie glaubten Gott "mit dem Gaumen" finden zu können. Man suchte einfach nach Gründen gegen den Manichäismus vorzugehen.

Mani erklärte alle Erscheinungen des Geistes und alle Ideen, als stoffliche Dinge großer Feinheit. Sie alle waren Teil der "Lichtsubstanz". Die existierende Materie war eine Einmischung der Finsterniskräfte ins Lichtreich. Im Makrokosmos waren die Elemente der Lichtwelt in die geschaffene Welt eingegangen und an ihrem Aufbau beteiligt. Von der himmlischen Welt herab, bis hinunter zum Menschen, leben die Seelenglieder aber in Gefangenschaft, was bestätigt, dass Gott selbst in den Kampf gezogen ist und sich immer wieder selbst, durch die von ihm geschaffenen Wesen, zu erlösen versucht. So eine Vorstellung erfordert das dualistisches Weltbild, wo Gut und Böse nebeneinander existieren.

Die Materie in ihrer Gesamtheit, also auch das, was am Menschen der Stofflichkeit angehört, ist nach Manis Lehre leidenschaftlich, leidvoll und darum ungöttlich. Wie aber bereits angedeutet, trägt nach Manis Lehre der Mensch den göttlichen Funken in sich, als Teilchen des göttlichen Lichts. Diesen Funken kann er zur Flamme entfachen, indem er ein "richtiges Denken" entzündet. Dieses richtige Denken besteht darin, das er Klarheit über sein wahres Wesen gewinnt. Der Mensch muss seine Gespaltenheit zwischen Licht und Finsternis, zwischen göttlichem Geist und "teuflischem" Stoff erkennen. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer das Offenbarungswort hört und auch annimmt, das Gott bereits an Adam hat gelangen lassen. Immer wieder wurde es durch die Gesandten und Avataras, wie Buddha, Zarathustra oder Jesus in die Welt gesandt. So sah auch Mani seine göttliche Sendung.

Manichäische Priester - ewigeweisheit.de

Manichäischer Priester beim Schreiben. Gemälde in einem Buch aus Gaochang (Nordchina, Xinjiang) aus dem 8. oder 9. Jhd. n. Chr.

Der dualistische Urzustand

Wie die Lehre Zarathustras, lehrt der Manichäismus eine uranfängliche Existenz, zweier, einander entgegengesetzter Welten: das lichterfüllte Gottesreich und das materielle Reich der Finsternis. Sie äußern sich in der Natur als die Mächte von Gutem und Bösem. Beide existieren parallel, grenzen sich aber haarscharf von einander ab. Diese beiden Welten - die eine entstanden aus dem Urlicht, die andere aus der Urfinsternis - sind unbegrenzt, verhalten sich aber zueinander wie zwei unendlich große Halbkugeln, deren obere die Lichtwelt und deren untere die Welt der Finsternis ist. Den Rahmen der unendlichen Lichthalbkugel bildet der "Vater der Herrlichkeit". Er ist das übersinnliche Urbild, was man sich als das Himmelsgewölbe der Erde denken kann. Ebenso ewig wie der Vater der Herrlichkeit, ist der Lichtäther das Urbild des irdischen Luftraums, und die Lichterde, das übersinnliche Urbild der Erdscheibe. Sie bilden gemeinsam mit dem Vater der Herrlichkeit eine Dreiheit, die rein geistiger Natur, übersinnlich und ewig ist. Diese drei Teile besitzen besondere Attribute:

  • Das Geistige Leben des Vaters der Herrlichkeit ist gekennzeichnet durch Sanftmut, Wissen, Verstand, Geheimnis und Einsicht. Die Attribute seines reinen Geistes sind Liebe, Glaube, Treue, Altruismus und Weisheit.
  • Die Attribute des Lichtäthers sind identisch mit dem geistigen Leben des Vaters der Herrlichkeit.
  • Die Attribute der Lichterde sind der Lufthauch, Windeswehen, Licht, Licht-Wasser und das Himmelsfeuer.

Die Lichterde entspricht dem übersinnlichen Lichtpararadies, dem ein ewiger Lichtgott vorsteht. Er ist von 12 Wesen umgeben - Urbildern der 12 Tierkreiszeichen.

Entsprechend der Dreiheit des Lichtreichs, existiert eine Dreiheit der Finsternis. Darin steht dem Vater der Herrlichkeit gegenüber der "König der Finsternis": Cheschucha.

Der König des Rauches der herausgekommen ist aus der Tiefe der Finsternis, der welcher er ist, der Anführer der gesamten Schlechtigkeit und der Bosheit. Der Anfang der Anzettelung des Krieges geschah durch ihn; alle Kämpfe, die Schlachten, die Gefahren, die Niederlagen, die Ringkämpfe. Jener erregt Gefahren und Kriege zusammen mit seinen Welten und seinen Kräften. Alsdann kämpfte er mit dem Licht.

- Aus dem Kephalaia

Gegenstück zum Lichtreich bildet die Geistesmacht der Finsternis - Humama. Diese Macht ist in etwa vergleichbar mit der babylonischen Tiamat - dem Ungeheuer das aus dem finsteren Urmeer des Chaos entstand.
Schließlich entspricht der Lichterde in der Dunkelwelt, die "Erde der Finsternis" - die "kosmische Hölle". Auch diese Dreiheit hat ihre Attribute:

  • Der König der Finsternis besteht aus Gifthauch, Glutwind, Dunkel, Nebel und Höllenfeuer.
  • Die Attribute der Geistesmacht der Finsternis entsprechen den Attributen ihres Königs.
  • In der Erde der Finsternis brodeln giftige Quellen, dort wehen Rauchwolken und an finsteren Abgründen sind Sümpfe und dort lodern Flammensäulen.

Aus diesen Elementen der Finsternis ging nun als "Urteufel" der Satan hervor.

Was den Archonten, den Führer aller Mächte der Finsternis anbetrifft, so befinden sich fünf Gestalten an seinem Körper entsprechend der Gestalt der Merkmale der fünf Geschöpfe, die sich in den fünf Welten der Finsternis befinden. Sein Kopf hat das Gesicht eines Löwen, der aus der Welt des Feuers entstanden ist, Seine Flügel und seine Schultern haben ein Adlergesicht entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Seine Hände und seine Füße sind Dämonen entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Sein Bauch und sein Gesicht eines Drachen entsprechend, der Gestalt der Söhne der Welt der Finsternis. Sein Schwanz hat die Gestalt des Fisches, der gehört zu der Welt der Söhne des Wassers. Diese fünf Gestalten befinden sich an ihm, die, welche entstanden sind aus den fünf Geschöpfen, der fünf Welten der Finsternis.

- Aus dem Kephalaia

Der Satan wagte es bis zu den finstern Lichtbezirken vorzudringen, was zur Erschütterung der Lichterde führte. So sah sich der König des Lichtparadieses veranlasst einen neuen Äon hervorzubringen: die Mutter des Lebens. Unter dem Einfluss der fünf geistigen Attribute (siehe oben) und den 12 Herrlichkeiten, kam durch sie der "Urmensch" in die Welt (der entspricht dem Adam Kadmon der Kabbala). Er wurde zum Kampf gegen den König der Finsternis ausgestattet, mit den fünf Elementen der Lichterde. Nun traf er an der Grenze zwischen Lichtreich und dem Reich der Finsternis, auf den Satan, begleitet von den 12 Archonten (Dämonen). Doch der Satan und die Archonten besiegten ihn, und raubten ihm einen Teil seines Lichts. Doch auf ein siebenmaliges Stoßgebet, sendete ihm der Vater des Lichtreichs die "Lichtfreunde", mit denen gemeinsam er letztlich den Satan besiegte und die Archonten gefangennahm.

Die Söhne des Lichts führten fünf Kriege mit den Söhnen der Finsternis. Die Söhne des Lichts bezwangen die Söhne der Finsternis in ihnen allen. Der erste Krieg ist der des Urmenschen, des Lebendigen, den er geführt hat mit dem König des Reiches der Finsternis und allen Archonten, die aus den fünf Welten hervorgekommen waren. Er stellte ihnen nach mit seinem (Fischer)Netz, welches die Lebendige Seele ist. Er schloss sie ein wie Fische (mit einem Netz).

- Aus dem Kephalaia

Der Demiurg Satan

Die Entstehung der Welt im Manichäismus

Die "Drei Söhne des Lebensgeistes" (Freunde der Lichter) töteten die 12 Archonten. Aus ihren astralen Häuten formte die Mutter des Lebens das Himmelsgewölbe über der Erde, was die 12 Sternbilder wurden. Je mehr Licht einer der Archonten dem Urmenschen entzogen hatte, desto heller leuchten die Sterne, die dem Himmelbereich seiner Haut entsprechen.

Im Kampf vermischten sich nun die fünf Licht-Attribute mit den fünf Attributen des finsteren Satans. Hieraus entstanden fünf materielle Elemente:

  • Lufthauch und Gifthauch ergaben die irdische Luft,
  • Windeswehen und Glutwind den irdischen Wind,
  • Licht und Dunkel zusammen die Metalle,
  • Licht-Wasser und Nebel bildeten das irdische Wasser und
  • Himmelsfeuer und Höllenfeuer vermischten sich zum irdischen Feuer.

Aus ihnen entstanden die nützlichen, wie auch die schädlichen Wirkungen von Himmlischem und Höllischem, von Gutem und Bösem, von Lichtem und Dunklem.

Nun befahl der König des Lichtreichs einem Engel - dem Demiurgen - die Erde zu bilden. Das Licht, das in dieser Welt an die Materie gebunden ist, nannte Mani die "Lichtseele". Sie entspricht dem Leiden unterworfenen Jesus.

Der Ort an den sich die Lichtseele und das Gebet begeben

Zweck des gesamten Weltprozesses ist es nun, das in die Materie eingeschlossene Licht zu befreien. Diesem erhabenen Zweck dienen Gott, die Sonne, der Mond und die 12 Sternbilder. Alle anderen Himmelskörper waren für die Manichäer Dämonen.

Die Lichtseelen, die sich aus der Körperlichkeit entrungen haben, wie auch die Gebete die über die Lippen gesprochen wurden, kehren zu ihrem Ursprung zurück. Den Sternbilderkreis nannte man das "Schöpfrad mit den 12 Eimern", woraus die im Lichtmeer befindlichen Seelen und Gebete, gemäß dem Schicksal ihrer Besitzer, "geschöpft" werden. Diese noch nicht völlig von ihrer Materialität befreiten Licht-Elemente, werden durch die 12 Sternbilder dann zunächst zum Mond gebracht - dem Ort der Lichtjungfrau - der Mutter des Lebens (siehe oben). Vom Mond gelangen diese Elemente zur Sonne - dem Wohnsitz des Lebensgeistes, des Urmenschen und seiner Lichtfreunde. Schließlich werden die Lichtseelen und die gesprochenen Gebete, zum höchsten Licht gebracht (vergl. Zentralsonne). Dort werden die Lichtelemente abgesondert und absorbiert, und die "materiellen Schlacken", werden in den tiefen, um die Welt gezogenen Graben, hinabgeworfen.

Mani sagte, dass es der oben erwähnte Urmensch sei, dem die Haupttätigkeit in diesen Vorgängen zufällt. Er ist der "Vollender der Entsündigung", weshalb ihn die abendländischen Manichäer den "Jesus impatibilis" nannten: den "leidensbaren Jesus". Jesus wird im Übrigen ja auch der "wahre Adam" genannt, womit ein Hinweis auf diesen Ur-Menschen gegeben ist.

Was aber geschieht mit den übrigen Archonten, die sich außerhalb der 12 Tierkreiszeichen befinden? Schließlich raubten auch sie dem Urmenschen das Licht. Hierzu, so Mani, erschien ihnen eine Lichtgöttin, die die Lichtfunken befreite. Das freigelassene Licht konnte nunmehr geläutert werden. Zum gleichen Zweck erschien den weiblichen Archonten ein männlicher Lichtgott.

Die Rolle des Menschen

Die Archonten strebten danach, ihr geraubtes Sternenlicht, das ihnen Einfluss auf die Erdenwelt gab, aber mit allen Mitteln für sich selbst zu behalten. Einer der Archonten - Sindid, der "Gewaltige" - kam zu der Erkenntnis, dass, wenn möglichst viel von diesem Sternenlicht in einem Individuum aufgespeichert sei, man ihm dieses Licht entziehen könnte. Das versuchte er dadurch zu erreichen, dass er sich mit fünf anderen Archonten - der Brunst, der Hast, der Habgier, der Lust und der Sünde - vereinigte, woraus Kinder geboren wurden, die er alsdann verschlang (wie der griechische Kronos). Denn diese Kinder hatten den Archonten eine große Menge Lichts entzogen. Danach paarte er sich mit seiner Frau und es kam ein Wesen zur Welt, das alle Eigenschaften dieser sieben Hauptarchonten in gesteigertem Maße besaß: Adam - der erste Erdenmensch. Sein materieller Körper, von den Elementen der Finsternis stammend, gehört zum Reich der Finsternis. Seine Seele aber gehört dem oberen Lichtreich an - denn sie wurde dem Urmenschen (vergl. Adam Kadmon) einst geraubt. Darum stehen auch im Menschen Licht und Finsternis in absolutem Gegensatz. Der erste Mensch Adam erhielt den größten Teil dieses spirituellen Lichts. Bei ihm überwog der lichte Anteil gegenüber seiner finsteren Körperlichkeit. Das Selbe gilt für das zweite Wesen, das Sindid zeugte: Chawa (Eva). Zwei Archonten wurden von Sindid dafür vorgesehen, dieses erste Menschenpaar zu bewachen.

Die fünf lichten Schutzengel der Erdenwelt sahen nun, dass in den beiden neuen Lebewesen das geistige Licht durch die "Finsternis des Körpers" begrenzt wurde. Sie baten daher die Mächte des Lichtreichs (darunter der Lebensgeist, die Mutter des Lebens), dem in den Banden der Sinnlichkeit schmachtenden Menschenpaar einen Erlöser zu senden. So wurde der Äon Isa gesendet, der die beiden Wächter fesselte und dann den Menschen zeigte, aus was ihr Leib zusammengesetzt ist: Licht und Finsternis. Isa zeigte ihnen wie sie das an ihren Körper gebundene Licht erlösen konnten. Chawa näherte sich ihr Erzeuger Sindid und sie gebar ihm den Kain (diese Überlieferung ähnelt der Tempellegende der Freimaurer), mit dem sie wiederum den lichten Abel und zwei Mädchen zeugte: die "Weltweise" und die "Tochter der Habgier". Letztere wurde selbst zur Frau ihres Vaters Kain, die erstere bekam den Bruder Abel. Sie aber wurde nicht von Abel geschwängert sondern von einem Engel, und gebar die beiden Töchter "Kommzuhilfe" und "Bringehilfe". Als nun Abel den Kain für den Vater der Kinder hielt und dafür kritisierte, tötete ihn Kain und heiratete dann auch noch seine Tochter "Weltweise".

Dieses Inzestmotiv ist alt-orientalischen und vorchristlichen Ursprungs, denn es taucht ebenso auf im jüdischen Midrasch Bereshit Rabba, wo Kain seinen Bruder erschlägt, wegen ihrer beiden Schwester Naëmah.

Die manichäische Erzählung fährt nun damit fort, dass die Chawa mittels eines von Sindid gelernten Zaubers, die Zuneigung Adams gewinnt und ihm den Schathil (= Seth, vergl. Genesis 4:25, dritter Sohn von Adam und Eva) gebiert. Er besitzt mehr Lichtelemente als es von Sindid und Chawa eigentlich geplant war. Sie versuchten darum das Kind zu töten. Adam rettete es aber mit Hilfe eines, aus einem Gebet niedergesanden Licht-Äon. Später trennte sich Adam von Chawa und begab sich mit seinem Sohn Seth in den Osten - "der Welt wo Licht und Weisheit sind". Dort starb er und gelangte alsdann zum Paradies der Lichterde (zwischen diesem Ort und der Erde, soll sich angeblich der Priesterkönig Melchisedek von Salem befinden, als Hüter des vom Guten und Bösen des MakrokosmosAdamgrabes).

Der Mensch steht im Weltprozess auf dem Kampfplatz der Dämonen der Finsternis und den Engeln des Lichtreiches. Manis Lehre zielte hin auf eine Wiederherstellung des ursprünglichen, paradiesischen Zustandes, wo dann das "Böse Prinzip" dem Guten machtlos gegenüberstehen wird. Bei diesem kosmischen Erlösungprozess, kommt dem Menschen eine große Rolle zu: durch seine Vernunft hat er, in einem Erkenntnisakt, die Verstrickungen der Lichtkräfte im finsteren Reich der Materie (Hyle) zu durchschauen. So ist der Mensch beteiligt als Mikrokosmos, im Kampf von Gutem und Bösem im Makrokosmos. Es ist des Menschen Aufgabe dabei die in der Materie eingeschlossenen "Lichtteile" zu befreien. Was dabei erlöst wird ist nach Ansicht der Manichäer Gott selbst, denn für sie war die menschliche Seele substantiell mit Gott gleich und damit ein Teil seines göttlichen Lebenslichtes. Es ist hiermit der himmlische Lichtfunke gemeint, der den menschlichen Körper bewohnt.

Ihr Geheiligten, sorgt euch nicht, so ihr in Einklang seid mit Mani, unserem Vater, dem Paraklet (der "Tröster"). Alle göttlichen Wesen ruhen konzentrisch ineinander, ihr Himmelsmenschen. So achtet darauf, dass ihr keinen Zweifel pflanzt in euer Denken, sondern einzig Friede in eure Tat. Ihr Geheiligten, die ihr dem Gesetz Gottes nahe seid, achtet darauf - in drei Dingen ruht Vollkommenheit: im heiligen Gesetz, in der Weisheit und in der Liebe. In diesen dreien sind alle Menschen, die aus Gott sind, vollkommen.

- Ausspruch des Mani

Gebote und Verbote der Gläubigen

Um diese göttlichen Lichtfunken aus der stofflichen Welt zu erlösen, dafür musste sich ein Angehöriger der Religion Manis verantworten. Sein Handeln in dieser Welt zog besondere Konsequenzen nach sich. So war ihm geboten bestimmte Dinge zu unterlassen, was letztendlich den asketischen Charakter der manichäischen Religion unterstreicht.

Den Manichäern war zwar die Mission der Verbreitung ihres Glaubes eine Pflicht, doch es kam ihnen nicht so sehr darauf an wie viele Anhänger die gewinnen konnten, sondern wie viele gute Gemeindemitglieder sie zählten. Unter ihnen gab es die "Vollkommenen" und die "Hörer". Die Vollkommenen hatten Gebote zu befolgen, die als die "drei Siegel" zusammengefasst sind:

  • Das Siegel des Mundes gebot zur Enthaltung von Fleisch, Blut und Alkohol und untersagte das Fluchen.
  • Das Siegel der Hände verbot jedes gegen die göttliche Lichtwelt gerichtete Handeln.
  • Das Siegel des Busens forderte geschlechtliche Enthaltsamkeit.

Die strikte Befolgung solcher Gebote war natürlich nur als ein Mönch unter den Vollkommenen möglich. Darum gab es neben diesen strengen Geboten auch etwas abgeschwächtere zehn Pflichten, die für die Hörer galten:

  • Verbot des Götzendienstes,
  • Verbot des Lüge,
  • Verbot des Habsucht,
  • Verbot jeglichen Tötens,
  • Verbot der Unzucht,
  • Verbot des Stehlens,
  • Verbot des Betrügens und der Verleitung dazu,
  • Verbot der Zauberei,
  • Verbot der Heuchelei,
  • Verbot religiöser Gleichgültigkeit.

Anders als den Vollkommenen, war den Hörern der Genuß von Fleisch und Wein gestattet. Sie durften Kinder zeugen, Handel und Gewerbe treiben und öffentliche Ämter bekleiden. Man riet ihnen jedoch keine Häuser zu bauen und auch keine Bäume zu pflanzen, weil solches Handeln sie zu sehr an diese Welt und ihr Treiben fesseln würde.


Der Manichäismus lieferte seinen Gläubigen nicht nur Gebot und Moral, sondern auch, und vor allem, ein absolutes Wissen, dass ihnen half totale Erkenntnis (Gnosis) zu erlangen. Dieses Wissen führt, so die Manichäer, unvermeidlich zum Heil eines Gläubigen. Es gleicht einer Bestandsaufnahme und einer Erfragung aller wichtigen Einzelheiten, zur Rolle des Menschen und des in seinem Körper eingeschlossenen göttlichen Lichtfunken. Der Eingeweihte erkennt sein wahres Selbst als diesen göttlichen Lichtfunken - als Lichtteilchen des Allgottes im Lichtreich. So sind Gott und Seele also vom selben Licht. Nur die Unwissenden kennen diese Wahrheit nicht. Darum bleibt bei ihnen dieses Licht im Körper gefangen.

Im religiösen System Manis wurde das Drama der Seele und ihr Aufstieg zum universalen Leben, eingehend und plausibel erklärt. Auch die damals lebenden Menschen konnten es verstehen. Niemand musste ihnen geheimnisvolle Gleichnisse erklären, sondern verstanden die Vorgänge im Kosmos direkt. Sie sahen ihre Absichten, wie auch die der rein geistigen Wesen, als Teil eines großen göttlichen Plans - eines höheren Gesetzes, zu dessen Erfüllung sie beitragen konnten.

Die Freude ist gekommen, der Sommer gibt seinen Duft von sich. Öffnet die Tore, entzündet die Lampen. Das Schiff hat angelegt. Das Schiff ist das Gebot. Lade ein dein Gut. Segle mit frischem Wind. Wir haschen nach jedem Augenblick, doch wir vergeuden jeden Tag, denn wir wissen nicht den Augenblick wo alles still wird. Wo sind nur alle Menschen? Sie haben Abschied genommen. Sie sind fort gegangen. O dieses große Wunder, dieses Staunen, das den Menschen erfasst hat. Sie rennen, sie stürmen voran, doch sie eilen umsonst. Viele von ihnen starren in die Ferne, doch vor uns, in uns, liegt ein allgegnwärtiger Tag. Die Wunder sind gekommen und ziehen vorüber. Die Zeichen erfüllen sich. Lasst die weiße Taube in ihr Leben und setz ihr nicht die Schlange vor. Das Königreich ist Liebe - die weiße Taube.

- Ausspruch des Mani

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Das Lied von der Perle

Das Lied von der Perle

Der ursprüngliche Titel dieses wunderschönen Gedichts ist uns heute leider nicht mehr bekannt. Ein alternativer Titel, »Die Hymne der Seele«, deutet bereits an, was der Inhalt dieses alten Textes ist. Als »Das Lied von der Erlösung« gab es der deutsche Philologe und Theologe Erwin Preuschen (1867-1920) heraus, während es der englische Theosoph George R. S. Mead (1863-1933) nannte »Die Hymne des Gloriengewands«.

Perle, Seele, Erlösung und Gloriengewand - das sind Begriffe die auf den Kern unseres Daseins hindeuten, seine Bestandteile und den Weg der werdenden Seele bis zu ihrer Erlösung aus dem Zyklus der Wiedergeburten. 

Zentrales Objekt dieses Gedichts ist die Perle - ein Symbol für die Gnosis - der religiösen Geheimlehre, in deren Umfeld sich im 3. Jhd. n. Chr. verschiedene Gruppierungen bildeten. Wir haben uns in dieser Fassung darum für den Titel »Das Lied von der Perle« entschieden. Denn die Perle erhebt sich wegen ihrer Schönheit aus dem Wirrwarr des profanen Erdenlebens. Dieser Titel wurde auch übernommen von Max Bonnet, der im Jahr 1903 den Originaltext in Rom entdeckte und später, in denen von ihm gesammelten »Thomasakten«, veröffentlichte. Das Perlenlied gehört also zum gnostischen Text-Corpus des heiligen Thomas, wie auch die ihm zugeschriebenen 114 Verse des Thomas-Evangeliums.

Der Zwilling

Thomas war einer der drei Jünger, die neben seinem Bruder Jakob (dem Gerechten) und Maria Magdalena, Jesus am nächsten standen. In den Texten der Gnosis werden Thomas und Maria Magdalena immer wieder angegeben, als wichtigste Apostel. So wie der Heilige Petrus für den Katholizismus eine zentrale Rolle spielt, so ist der heilige Apostel Thomas von Bedeutung für die Gnosis. Er gilt als der wichtigste Apostel, denn er war es, der die Lehre Jesu, in ihrer innersten Wahrheit verstanden hatte.

Thomas wurde später ein großer Lehrer, dem viele nachfolgten. Er begab sich auf eine Reise nach Indien. Noch heute leben dort die Nachfahren seiner Jünger – die sich »Thomaschristen« bezeichen – im Bundessaat Kerala, damals Malabar genannt. Die indischen Christen sehen sich auch als die ersten Christen überhaupt, noch lange bevor andere Christengemeinden in Europa entstanden (durch Paulus in Griechenland oder Petrus in Rom). Sie waren also die ersten Christen außerhalb Palästinas.

In manchen Überlieferungen wird Thomas als Jesu Zwillingsbruder bezeichnet. Daher der griechische Beiname »Didymus« der »Zwilling«. Bereits aber der Name »Thomas«, ist aramäischen Ursprungs und auch »Thomas« bedeutet »Zwilling«.

Das Gedicht

Das in alt-syrischer Sprache verfasste Manuskript, geht auf die gnostische Schule der Bardesanisten zurück, die als Gruppe von Dichtern Anfang des 3. Jhd. n. Chr. in Mesopotamien, westlich des Euphrat siedelte. Der Name dieser gnostischen Gruppierung geht auf ihren Gründer Bardaisan (154-222) zurück. Er gilt als Verfasser des Perlenlieds, dass er wahrscheinlich in Edessa niederschrieb. Er stammte aus reichem Elternhaus und wurde am Hof in Edessa, gemeinsam mit dem Kronprinzen der Abgaren aufgezogen. Er selbst, zuerst Heide, konvertierte später zum gnostischen Christentum und versuchte den Thronfolger davon zu überzeugen, das gnostische Christentum als Staatsreligion einzuführen.

Bardaisan war erfüllt von einem Verlangen, die Geheimnisse der Gnosis zu durchdriungen. Er schloss sich einer Handels-Karawane an, die ins ägyptische Alexandria reiste. Auf dieser Reise kam er in Kontakt mit einem Landesgenossen, der sich ebenso auf der Suche nach den Geheimnissen der Gnosis befand. Der warnte Bardaisan vor den Pseudo-Sekten und Charlatanen, die sich als Gnostiker ausgaben. Doch leider fiel er in Ägypten in die Hände skrupelloser Magier, die ihn vergessen ließen, weshalb er sich auf seine spirituelle Reise begab. Erst später, als er sich aus den Fängen dieser falschen Gnostiker befreien konnte, wurde er initiiert, im inneren Kreis der valentinischen Gnosis. Wenn man das Gedicht ließt, scheint es, als wären Teile dieser persönlichen Geschichte Bardaisans, teils in die geheimnisvolle Poesie seines Perlenliedes eingeflossen.

Bardaisans Gedicht ist eine wirkliche Inspiration für alle »Sucher der Erkenntnis«.

Zu vielen Begriffen und Symbolen im Text gibt es am Ende dieser Seite Fußnoten mit Interpretation und Erklärungen (klicken Sie auf die Begriffe im Text, die sie direkt zur Fußnote führen; am Ende jeder Fußnote finden sie einen Link  um zum Vers zurückzukehren).

 

Einleitung

Als der heilige Apostel Thomas sich auf seiner Reise nach Indien befand, nahm man ihn gefangen und warf ihn ins Gefängnis. Dort sprach er ein Gebet. Und als er gebetet hatte, setzte er sich und sang diese Hymne:

I.

Als ich ein kleines Kind war und in meinem Königreiche, in meinem Vaterhause wohnte, und mich erfreute am Reichtum und an der Pracht meiner Ernährer, entsandten mich meine Eltern vom Morgenland, unserer Heimat, nachdem sie mich ausgerüstet hatten. Und aus dem Reichtum unseres Schatzhauses schnürten sie mir eine Last zusammen, groß und doch leicht, so dass ich sie selbst tragen konnte.

II.

Gold aus Beth-Ellaya und Silber von Gazak dem Großen, Rubine aus Indien und Achate aus Beth-Kashan. Und sie umgürteten mich mit dem Diamant, der Eisen ritzt, und sie zogen mir das glänzende Gewand aus, das sie mir in ihrer Liebe gemacht hatten, und die purpurne Toga, die nach dem Maße meiner Gestalt gewebt war.

III.

Und sie schlossen mit mir einen Pakt und schrieben ihn mir in mein Herz, das ich ihn nicht vergessen möge:

»Wenn du nach Ägypten hinabsteigst und die eine Perle bringst, die in der Mitte des Meeres ist, das der laut atmende Drachen umschließt, dann sollst du dich wiederum in dein glänzendes Gewand und in deine Toga kleiden, die darauf liegt, und sollst mit deinem Bruder, unserem Zweiten –, Erbe in unserem Reiche sein.«

IV.

Ich brach auf vom Morgenland und stieg hinab, geleitet von zwei Wächtern, denn der Weg war gefährlich und schwierig und ich war zu jung, ihn (allein) zu gehen. Ich durchschritt das Gebiet von Maischan, dem östlichen Treffpunkt der Kaufleute, und kam zum Lande Babylon und betrat die Mauern von Sarbug. Ich stieg hinab nach Ägypten und meine Gefährten (Wächter) verließen mich.

V.

Ohne Umweg ging ich zu dem Drachen, nahm Wohnung nahe seiner Stätte, bis er schlummern und schlafen würde und ich meine Perle ihm entwenden könnte. Und da ich völlig allein und den Mitbewohnern meiner Herberge ein Fremder war, erblickte ich dort einen Mann meines Stammes, einen Edelmann aus dem Morgenland, einen jungen Mann, schön und von Anmut, einen Sohn von höchstem Adel; und er kam und hing mir an.

VI.

Ich machte ihn zu meinem Freund und meinem Gefährten und ließ ihn teilhaben an meinem Handel. Ich warnte ihn vor den Ägyptern und vor den Beziehungen zu den Unreinen. Ich aber bekleidete mich mit ihren Gewändern, damit sie nicht gegen mich Verdacht schöpften, ich sei von auswärts gekommen, um die Perle zu nehmen, und damit sie nicht den Drachen gegen mich aufscheuchten.

VII.

Aus irgendeinem Grunde aber bemerkten sie, dass ich in ihrem Land ein Fremder war. Und sie näherten sich mir mit List und gaben mir zu essen ihre Speise. Ich vergaß, dass ich ein Königssohn war, und diente ihrem König als Sklave. Und alles was die Perle betraf vergaß ich, um derentwillen mich meine Eltern entsandt hatten; und durch die Schwere ihrer Speisen versank ich in tiefen Schlaf.

VIII.

All dies, was sich aber mit mir begab, ward meinen Eltern kund und sie sorgten sich meinetwegen. Und in unserem Königreiche wurde verkündet, dass ein jeder komme zum Tore (unseres Reiches): Die Könige und Häupter von Parthien und alle noblen Prinzen des Morgenlands; und meinetwegen fassten sie einen Entschluss, dass man mich nicht in Ägypten lassen solle. Und sie schrieben einen Brief an mich, und jeder Große unterzeichnete ihn mit seinem Namen:

IX.

»Von deinem Vater, dem König der Könige, und deiner Mutter, der Königin des Morgenlands, und von unserem Zweiten, deinem Bruder, dir senden wir, unserem Sohne in Ägypten, Gruß. Auf, erhebe dich von deinem Schlaf und höre die Worte unseres Briefes. Erinnere dich, dass du ein Königssohn bist. Siehe wem du als Sklave dienst! Erinnere dich an die Perle, derentwegen du nach Ägypten reistest!«

X.

»Erinnere dich deines glänzenden Gewandes und gedenke deiner prächtigen Toga, die du tragen sollst und mit der du geschmückt sein sollst, dass im Buche der Tapferen dein Name gelesen werde! Und mit deinem Bruder, unserem Erben, zusammen sollst du Thronfolger in unserem Reich sein!«

Der Brief war ein Sendung, die der König mit seiner Rechten versiegelt hatte, ihn zu verschonen vor den Bösen, den Kindern von Babylon und den tyrannischen Dämonen von Sarbug.

XI.

Er flog wie ein Adler, dem König aller Vögel. Er flog und ließ sich neben mir nieder, wurde ganz und gar zum Wort. Bei seiner Stimme, dem Geräusch seines Rauschens, erwachte ich und erhob mich aus meinem Schlaf; ich nahm ihn auf und küsste ihn und löste sein Siegel und las. Ganz so wie in meinem Herzen aufgezeichnet, waren geschrieben die Worte meines Briefes.

XII.

Ich entsann mich, dass ich ein Königssohn sei und ich entdeckte meine noble Abstammung. Ich erinnerte mich an die Perle, um derentwillen ich nach Ägypten gesandt worden war, und ich begann ihn zu beschwören, den grauenhaft schnaubenden Drachen. Ich versenkte ihn in Schlummer und Schlaf, da ich den Namen meines Vaters über ihm aussprach und den Namen unseres Zweiten und den meiner Mutter, der Königin des Morgenlands.

XIII.

Und ich entriss ihm die Perle und wandte mich um, zurückzukehren in meines Vaters Haus. Und ihr schmutziges und unsauberes Gewand zog ich aus und ließ es in ihren Landen. Und ich nahm den Weg auf zum Licht unseres Landes, zum Morgenland. Und meinen Brief, meinen Erwecker, fand ich vor mir auf dem Wege; wie er mich durch seine Stimme geweckt hatte, so führte er mich nun mit seinem Licht.

XIV.

Auf seidenem Stoff mit roter Farbe geschrieben, mit seinem Aussehen vor mir strahlend, mit der Stimme seiner Führung gab er mir Mut und spornte mich an mit seiner Liebe. Ich zog weiter und durchquerte Sarbug. Ich ließ Babylon zu meiner Linken und gelangte zum großen Maischan, zum Hafen der Kaufleute, der sich am Ufer des Meeres befindet.

XV.

Und das glänzende Gewand, das ich abgelegt hatte, und meine Toga, die es umhüllte, hatten meine Eltern von den Höhen Hyrkaniens durch ihre Schatzmeister hierher gesandt, die wegen ihrer Treue damit betraut wurden. Und da ich mich nicht seiner Art und Weise entsann – denn ich hatte doch mein Vaterhaus in meiner Kindheit verlassen, so wurde plötzlich das glänzende Gewand, als ich es mir gegenüber sah, mir gleich wie mein eigen Spiegelbild.

XVI.

Ich sah es als ein Ganzes und ich sah mich ganz in ihm mir gegenüber, denn wir waren zwei in Verschiedenheit und doch wiederum eins in einer Gleichheit. Und auch die Schatzmeister, die es mir gebracht hatten, sah ich in gleicher Weise: Sie waren zwei und waren doch gleich an Gestalt, denn ein Siegel des Königs befand sich auf ihnen, dessen, der mir mein Vertrauen und meinen Reichtum durch sie zurückgab.

XVII.

Mein glänzendes Gewand war geziert mit herrlichen Farben, mit Gold und mit Beryllen, mit Rubinen und Achaten und mit verschiedenfarbigen Sardonen. Es war in seiner Erhabenheit angefertigt worden, mit Diamantsteinen waren alle seine Nähte befestigt, und das Bild des Königs der Könige war in voller Größe überall aufgemalt. Und Saphiren gleich waren seine Farben bunt gewirkt.

XVIII.

Ich sah, dass in seinem ganzen Umfang die Bewegungen der Erkenntnis sichtbar wurden. Und ich sah weiter, dass es sich zum Sprechen bereitete. Ich hörte den Klang seiner Musik, die es bei seinem Herabkommen flüsterte:

»Siehe, ich gehöre zum flinkesten Diener, den sie für ihn vor meinem Vater großgezogen haben. Ich habe in mir gespürt, dass meine Gestalt mit seinen Werken wuchs.«

XIX.

Und mit seinen königlichen Bewegungen, ergoss es sich vollkommen über mir und auf der Hand seiner Überbringer, damit ich es empfinge. Und auch mich trieb meine Liebe an, ihm entgegenzueilen und es zu empfangen; und ich streckte mich hin, um es zu empfangen. Mit der Pracht seiner Farben schmückte ich mich und hüllte mich ganz in meine glänzend farbige Toga.

XX.

Ich kleidete mich in sie und stieg auf, zum Tor des Grußes und der Demut. Ich beugte mein Haupt und verehrte die Herrlichkeit meines Vaters, der es mir gesandt hatte, dessen Gebote ich befolgt hatte, so wie auch er erfüllte, was er verheißen hatte; und am Tore seiner Satrapen mischte ich mich unter seine Edelmänner, denn er hatte mich mit Wohlgefallen aufgenommen und ich war mit ihm in seinem Königreich.

XXI.

Ihm singen all seine Diener, mit süß klingenden Stimmen Lobpreisungen. Und er verkündete, dass ich zum Tore des Königs der Könige gehen solle und mit der Opfergabe meiner Perle mit ihm zusammen vor unserem König erscheinen solle.

Die Hymne des Judas Thomas des Apostels, die er in seiner Kerkerzelle sprach, endet hier.

 

Interpretation

Der Heilige Thomas sprach zu seinen Jüngern in kurzen Erzählungen und Parabeln, ähnlich wie das vor ihm Jesus tat. Zu den wichtigsten dieser Lehrparabeln, gilt dieser Hymnus. Das »Lied von der Perle« soll uns an unsere eigene Göttlichkeit erinnern und uns von den Verblendungen befreien, der unsere Menschenseelen ausgesetzt sind. Es gilt aber die Perle zu finden und aus den Fängen des Demiurgen, des Weltenbaumeisters, zu befreien. Im »Lied von der Perle« wird der Demiurg als »Drache« (Satan) bezeichnet. Die Perle, von der hier die Rede ist, über sie schrieb auch der Evangelist Matthäus:

[...] eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.

- Matthäus 7:6

Die gnostische Interpretation dieses Verses, versteht unter den »Säuen« die Dämonen des Demiurgen. Vor ihnen soll man das höhere Selbst, den göttlich Funken, den jeder in sich trägt, bewahren. Es ist dieser »Licht-Funke« das Christus-Bewusstsein im Menschen. Somit ist die Perle ein Symbol für das im Menschen verborgene Geheimnis, dass in seinem Körper »begraben« liegt. Im Land der Ägypter sah Bardaisan die materielle Welt, den menschlichen Körper.

Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

- Matthäus 13:45-46

In diesem Gleichnis steht die Perle für den Höchstwert dessen, was der Finder besitzen wird. Wenn er klug genug ist, es zu erwerben, bekommt er einen Platz im kommenen "Königreich". Dieses Gleichnis ist quasi ein Echo auf das Lied der Perle.

Symbole im Text


Kleines Kind: der göttliche Funke im Menschen. Es ist auch ein Hinweis auf die Stufe der Initiation, wo der (untere) Mensch seine spirituelle Natur in sich erkennt und aus sich hervor bringt.

König: Gott.

Königin: der Heilige Geist.

Prinz: die Seele, welche im Paradies lebte und ausgeschickt wurde in die Welt (Ägypten). Der Prinz vergisst die Perle, welche über die Seele kommt, wenn sie in den Körper (Gewänder der Ägypter) eingekerkert ist.

Bruder des Prinzen: die »Zwillingsseele« des Menschen. Die »duale Sohnschaft«, die im Symbol des Prinzenbruders ausgedrückt ist, war ein weit verbreitetes Symbol bei den Gnostikern. Der Prinz und sein Bruder stehen für die beiden »Söhne«: einer der verbleibt und einer der weitergeht - d. h. der, der fortbesteht, ist der Christus. In Vers III lesen wir »deinem Bruder, unserem Zweiten«: dieser »Zweite« ist der Menschensohn, der überirdische Mensch. Und der Herabgestiegene, der Prinz, gewinnt die »Perle vom Bewusstsein des Höheren Selbst«, wird schließlich erhöht und auf die Stufe mit dem Menschensohn gebracht, so ist der Prinz gleichzeitig auch der Christus - Christus und der Menschesohn sind eins, so wie die inkarnierte Seele eins ist mit dem Höheren Selbst.

Zwei Wächter: wie der Bruder des Prinzen, gehören die beiden Wächter zum Symbol der Zwillinge. In antiken Legenden war der Zwilling ein Symbol für die Initiation. Als eine Art Zwilling kann man auch die beiden Diebe ansehen, die neben Christus am Kreuz hingen. Auch in der »Verklärung des Herrn«, wo auf Berg Tabor Jesus in gleißendem Licht erscheint (Lukas 9:28-36), sehen ihn drei Jünger begleit von zwei »Wächtern« - Moses und Elija. Im Kontext der Hermetik, sind es die beiden Schlangen, die sich im den Caduceus winden. Andererseits stehen die beiden Wächter auch für das Vater-Mutter-Androgyn der Seele, das zur Welt kommen will und mit der weltlichen Geburt in das Diesseits, mit dem ersten Atemzug, qausi die erste Initiation ins weltliche Menschsein erfährt. Es sind also die Kräfte, die zur Wiedergeburt zwingen.

Kaufleute: die Grenzen der materiellen Welt.

König der Ägypter: der Teufel.

Drachen (oder Schlange): der Demiurg, das heftige Verlangen. Er ist der Typhon, der Verschlinger, der Widersacher, der Herr der Leidenschaften. Auch ist der Drachen ein Symbol für die elementare, tierische Essenz der Materie.

Satrap: ein Stadthalter im alten Persien.


Vaterhaus: das Zuhause des Höheren Selbst.

Ägypten: der Kosmos in dem der Fleischkörper des Menschen »gefangen« ist. Es ist die materielle, irdische Welt, die vom Demiurgen erschaffen wurde, eine Welt die verführerisch den Menschen in Abhängigkeiten gefangen hält, darum auch »Unterwelt«. In dieser Welt schläft der Prinz, ist sich also unbewusst seiner wahren, himmlischen Herkunft.

Maischan: die äußerste Grenze zwischen der himmlischen Welt (Überwelt), dem Äther, und der irdischen Welt. Es ist dies in etwa zu vergleichen mit der Nachtreise des Propheten Mohammed, in der er sich zur äußersten Grenze des siebten Himmels begab (Sure 53:14-15) am Rande des Paradieses.

Babylon und Sarbug: die Gefahren auf dem Weg. Es sind die falschen Religionen und falschen Versprechungen, die den Menschen davon abhalten sich dem wahrhaft Göttlichen anzunähern.

Königreich: das Reich das im Morgenland liegt, im Osten, so wie das Paradies (Genesis 2:8), wo der Prinz in Reichtum und Wonne lebte.

Morgenland: die himmlische Lichtwelt, das Elysium im Osten. Es ist damit das Pleroma (Glanz- und Lichtmeer der Gnostiker) gemeint, wie auch die sogenannte Ogdoade - die Achtheit - eine Bezeichnung für die sieben Himmel (ptolemäische Planetensphären) und die "Achte Sphäre" (Fixsternhimmel) - somit also die geistigen Königreiche der Welt.

Meer: der »Ozean« der Genesis, das Meer der groben wie der feinen Materie. Das Meer ist das Manifestierte, in dem der Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt stattfindet.

In den Landen zurücklassen: der Prinz ließ seinen Körper während der Initiation in Verzückung zurück.

Hyrkanien: der Götterberg (Moriah, Meru), die »Überwelt«, das Pleroma (Glanz- und Lichtmeer der Gnostiker). Hyrkanien ist aber auch eine tatsächliche Gebirgslanfschaft im Süden des Kaspischen Meeres (heutiger Iran / Turkmenistan).


Reichtum: die Instinkte und Sinne des spirituellen Geistes.

Perle: das himmlische Königreich im Sinne der Gnosis, repräsentiert durch das höhere Selbst und den Gnostizismus an sich.

Glänzendes Gewand: der Lichtkörper, das Lichtgewand der Seele - eine kosmische Struktur (Gewebe) des Lichts und des Lebens. In diesem strahlenden Lichtgewand zeigte sich Jesus seinen Jüngern Petrus, Johannes und Jakobus (»Taborlicht«, Lukas 9:28-36).

Purpurne Toga: das heilige Wissen des Menschen, seine innere Festigkeit. Purpur ist die Farbe der Könige, denn Bardaisan singt von der königlichen Seele.

Gewänder der Ägypter: der menschliche Körper. Die Gewänder der Ägypter müssen scharf abgegrenzt werden vom himmlischen Kleid, dem "Glänzenden Gewand". Die Aussage in Genesis 3:21, dass Gott Adam und Eva in "Kleider von Haut" machte", kann als diese Leiblichkeit interpretiert werden. Das Logion 56 des Thomas-Evangeliums dazu: "Wer auch immer kam um die Welt zu erkennen, fand nichts als eine Leiche. Und wer auch immer eine Leiche fand, der ist der Welt überlegen." 

Speisen der Ägypter: die weltlichen Freuden.

Brief: die Weisheit, verkörpert durch die Heilige Sophia.

Worte des Briefes: der Christus-Logos, der durch die Heilige Sophia zu dem Prinzen spricht und ihm hilft sich an seine wahre Herkunft zu erinnern.

Herz: die innerste Substanz der menschlichen Natur, in der das spirituelle Blut, die Lebenssubstanz des Menschen fließt. Der Pakt (Verpflichtung) der geschlossen wurde, wurde nicht in den Geist, sondern ins Herz geschrieben, wo er nicht vergessen werden kann - kurz: nicht Wissen, sondern mystische Erfahrung der Einweihung.

Namen: die Kräfte.

Adler: der höchste Einweihungsgrad, der z. B. in den Mithras-Mysterien dem »Grad des Vaters« entspricht.

Niederlassen des Vogels: das Niedersteigen des Heiligen Geistes bzw. des geistigen Bewusstseins.

Linke: der Prinz geht zur Rechten, wie alle die in den Mysterien eingeweiht werden.

Spüren: das Werk des Kausalkörpers, der Kausalhülle, die das höhere Ich bildet.

Spiegelbild: der himmlische Doppelgänger der Seele, der Schutzengel als himmlisches Ebenbild (Abbild) des Menschen. Dieser Schutzengel existierte schon vor dem Menschen, war sogar vor der Grundlegung der Welt entstanden (Genesis 1:26).