Hesychasmus

Sieben Tage auf dem Berg Athos

von S. Levent Oezkan

Wandgemälde auf dem Athos - ewigeweisheit.de

Seit mehr als tausend Jahren leben und beten christlich-orthodoxe Asketen auf dem Heiligen Berg, dem »Agion Oros«, wie ihn die Griechen nennen. Vor langer Zeit entstand hier das, woraus einmal die Mönchsrepublik Athos werden sollte.

Über zweitausend Meter erhebt sich der Berg Athos, auf dem östlichen Finger der griechischen Halbinsel Chalkidikí. Viele Mönche und auch Eremiten leben hier auch heute noch in beschaulicher Praxis meditierend und in praktischem Dienst ihren täglichen Aufgaben nachkommend.

Zu letzterer Praxis der Mönche auf dem Athos gehört das Kochen ebenso, wie die Arbeit im Garten, die jährliche Weinlese, Handwerksarbeiten, doch vor allem die Kunst der Ikonenmalerei und das Verfassen und Bearbeiten spiritueller Texte. Meist ist der Handelnde während dieser Tätigkeiten in seinem Tun allein, wenn dabei auch in Gemeinschaft.

Allein sein und Mönch sein an sich aber bedingen einander. Bereits die etymologische Wurzel des Wortes »Mönch« weist darauf hin: sie stammt vom griechischen »monos«, dem Alleinsein eben. Und doch findet ein besonderes Zusammensein der Mönchsgemeinde statt, im Gottesdienst, den gemeinsamen Speisen und besonderen Unterredungen.

An diesem gemeinschaftlichen Geschehen in einem griechisch-orthodoxen Kloster wollte ich einmal teilnehmen und bat darum einen guten Freund aus Athen, mich auf seine Reise zum Berg Athos mitzunehmen.

Heilige Berge Griechenlands

Auf der seit Langem bestehenden Zuglinie, die den südlich Athens gelegenen Hafen Piräus verbindet mit der thrakischen Stadt Thessaloniki im Norden Griechenlands, begann unsere Pilgertour zum Heiligen Berg. Die Bahn passierte auf der etwa sechsstündigen Fahrt auch zwei andere Berge, die im Alten Griechenland eine wichtige Rolle spielten.

Die Bahnlinie führt an dem im Westen befindlichen heiligen Berg Parnass vorbei, wo sich einst die Pilger zum Orakel von Delphi begaben. Und als wir nach etwa drei Stunden, nördlich Athens, die Tiefebene Larissas durchquert hatten und sich vor uns die Landschaft in den Thermaischen Golf öffnete, begann sich, ebenfalls westlich der Zuglinie, der gigantische Olymp zu erheben. Der Sage nach versammelten sich auf seinem Gipfel die olympischen Götter, von wo aus sie sich auch aufmachten, um gegen die verfeindeten Giganten zu kämpfen.

An der Pforte zum Himmel

Erst als es schon dunkel war kamen wir an in Thessaloniki: der einstigen Heimatstadt Alexanders des Großen. Nachdem wir unsere nächtliche Bleibe bezogen hatten, begaben wir uns zum Abendessen in eine nahe gelegene Taverne.

Am nächsten Morgen um 4:00 Uhr schon ging die Reise weiter. Auf einer etwa dreistündigen Fahrt schlängelte sich unser Bus durch die Serpentinen des Gebirges von Aristotelis, auf der östlichen Chalkidiki. Aus qualmenden Schloten breitete sich ein hölzern duftender Rauch aus über den Häusern der Bergdörfer, die unser Bus durchfuhr. Vom Licht der Morgensonne korallenrot gefärbt, gab der Kaminrauch eine fabelhafte Ergänzung, zu den im bläulich-grauen Morgenlicht erscheinenden Gebäuden der Dörfer.

In meinem noch halbschlafähnlichem Zustand kam mir das vor als verließen wir unser von weltlichen Sorgen geplagtes Diesseits, um bald die »Himmlische Stadt« zu erreichen: Ouranopolis. Von hier nämlich sollte unsere Fähre auf den heiligen Berg Athos starten.

Wir hatten in Ouranopolis noch eine Stunde Aufenthalt, wo wir in einem kleinen Café sitzend auf den fast achthundert Jahre alten, riesigen Wehrturm »Prosphorion« blickten, dem Wahrzeichen von Ouranopolis. Sein großes, moosbedecktes Dach nutzten die Möwen als Treffpunkt, bevor sie abhoben, um die Fähre zum Berg Athos zu flankieren. Ein nahegelegener Platz mit dem Titel »Phosphorion« gab diesem Monument wohl seinen Namen, der aufgrund einer Legende entstand: die Wächterin der Tore zwischen den Welten, die mythische Göttin Hekate, beschien als Lichtträgerin (griech. »Phosphoros«) den Ankömmlingen den Übergang vom Heiligen Berg ins Diesseits, mit dem Licht ihrer magischen Fackel. Nicht zufällig ist darum auch einer der Beinamen Hekates »Ourania«: die Himmlische.

Die Entstehungslegende vom Berg Athos

Den Neuplatonikern galt Hekate als Verkörperung der Weltseele, aus der die Seelen der Menschen entspringen und in die sie mit dem Tod zurückkehren. Sie sahen in ihr die Mittlerin zwischen der Menschenwelt und der Götterwelt. Drum kaum ein Zufall, wenn Hekate eben in jener Legende von Ouranopolis auftaucht, um die Seelen der Reisenden mit ihrer Fackel zu leiten.

Hekate aber kämpfte auch an Seiten der Olympier gegen die Giganten. Einer unter ihren Feinden trug den Namen »Athos«. Während dieser mythischen Schlacht, brach da auf einmal aus den Meerestiefen ein riesiger Berg empor. Der olympische Poseidon griff danach und warf ihn auf den Giganten Athos, der darunter begraben starb. So kam der Heilige Berg zu seinem Namen.

Nun verehrte man in alter, vorpatriarchaler Zeit die Hekate als »Magna Mater«: Sinnbild der großen Muttergöttin. Das dürfte alle aufmerken lassen, die wissen, dass auf dem heiligen Berg Athos ja allein die christliche Mutter Maria verehrt und »sonst keiner anderen Frau Zugang gewährt wird. Als sich nämlich, laut Legende, Maria in Begleitung des Evangelisten Johannes, vor etwa 2000 Jahren, von Jaffa aus nach Zypern begeben wollte, um dort den Lazarus zu besuchen, kam ihr Boot vom Kurs ab und sie landeten auf dem Athos. Es war schon damals ein Ort der von Weisen bewohnt war, die Mitglieder, sagen wir, schamanisch geprägter Kulte waren.

Mutter Maria die heilige Halbinsel betreten, fand so großes Gefallen an der Schönheit dieses Ortes, dass sie den Athos segnete. Darauf sprach sie zum Christus, ihrem himmlischen Sohn, und bat ihn um den riesigen Garten der hier vor ihr blühte. Aus dem Himmel erwiderte eine Stimme:

Sei dieser Ort dein Erbe und dein Garten, ein Paradies und ein Zufluchtsort des Heils für jene die errettet werden wollen.

- Zitiert nach Gregorios Palamas

Drum nennen die Mönche den Heiligen Berg Agion Oros auch »Perivóli tis Panagías«, Garten der Gottgebärerin. Ein Mönch vom Athos, Vater Mitrophan, schrieb dazu:

Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch wieder, durch die Gottesmutter Maria, sind alle anwesend.

- Pater Mitrophan, in einem Beitrag zum Buch »Athos-Impressionen« von Johann Günther

Es ist aber wohl auch zu vermuten, dass dieser Ort seit 1000 Jahren ein »Männerberg« ist, da die Mönche dort von optischen Reizen unbeeinflusst leben wollen, um sich in Ruhe der Gottesverehrung zu widmen. Das der Ort nur männlichem Leben vorbehalten ist beschränkt sich im Übrigen auch auf die dort lebenden Tiere – mit Ausnahme der Katzen.

Kloster Maroudá auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Das kleine Kloster Maroudá auf dem Berg Athos.

Maroudá – Kloster der kleinen Maria

Wartete nun die sagenhafte Göttin Hekate mit ihrer Fackel tatsächlich in Ouranopolis, um den Schiffsführern Orientierung zu geben? Zumindest will es so die Legende. Wahrscheinlich aber brannte auf dem alten Wehrturm Prosphorion ein Feuer, dass jenen leitenden Zweck erfüllte und auf das außerdem auch die Passagiere auf der Fähre zurückblicken konnten, wenn ihr Boot von dort aus auf die Westküste des Athos zusteuerte. Es glich wohl einem Blick zurück ins Diesseits, auf dem Weg in ein symbolisches Jenseits. Einen Zugang zu Lande nämlich gibt es nicht.

Auch unsere Fähre schiffte uns von Ouranopolis aus durch den Singitischen Golf zum Berg Athos, wo sich hinter Wolken verborgen sein zweitausend Meter hoher Gipfel verbarg. Es regnete nämlich in Strömen.

Das kleine Schiff legte pünktlich ab, mit all seinen nasstriefenden Passagieren. Ein internationales Pilger-Publikum wie mir schien, wo sich in schwarze Habite gehüllte, langbärtige Mönche mit fragenden Gläubigen umgaben, mit denen sie mal griechisch, mal russisch, serbisch und wie mir schien auch englisch sprachen.

Der Seegang war gewaltig. Sich auf Deck von hier nach dort zu bewegen war ein echter Balanceakt, denn das Boot schien sich beinahe zu überschlagen. Trotzdem genoss ich die Fahrt, ja vielleicht eben genau wegen des so abenteuerlichen Seegangs.

Nach etwa zweieinhalb Stunden landeten wir schließlich in Dafni, dem winzigen Hafen unweit von Karyes – der Hauptstadt der Mönchsrepublik.

Bis auf den letzten Platz besetzt, brachte uns von Dafni aus ein brummender, schnaubender Bus auf schottrig befestigter Strecke zuerst nach Karyes, von wo aus wir mit einem anderen Bus in unser kleines Kloster kamen, gelegen auf etwa 400 Metern über dem Meet. Auf dem Schild am Eingang des Kloster laß man seinen Titel »Maroudá«. Eigenartig nur, dass sich darüber der echte Totenschädel eines Wildschweins befand: Wie mir schien ein durchaus schamanisch anmutendes Totem, über diesem Eingangschild des Klosters.

Es regnete weiter in Strömen. Blitzend krachte Donner dazwischen und der stürmische Wind machte unseren kleinen Schirm bald über-flüssig. Doch auch in dem neblig-dunstigen Regenstrom, mutete das Kloster wirklich schön an: Seine Mauern und Wände rot und dunkelgrün, seiner Architektur nach gewiss ein Ort, der auch eine Klause chinesischer Taoisten in Fernost hätte sein können. Auch das Arrangement der Treppenaufgänge, und der Rundgang um die im Innern des Kloster gesenkte Kirche, erinnerten wirklich an fernöstlichen Baustil.

Im Gespräch mit dem Abt

Normalerweise halten sich die Pilger auf dem Athos drei Tage und drei Nächte auf, bevor sie die Rückreise antreten. Vater Makarios aber, der Abt des Klosters Maroudá – ein ausgesprochen lebhafter Mann mit schimmernd-grünen Augen – gestattete mir so lange zu bleiben wie ich will. Nie zuvor hatte er mich gesehen und erst eine Woche war vergangen, dass er mir die Einreise auf den Athos gestattete.

An einem der Abende saßen wir nach dem Essen bei einem Glas Tee zusammen, während Vater Makarios seinen dicken schwarzen Kater kraulte, der bei ihm schnurrend auf dem Schoß lag. Ein außergewöhnlich altes Tier mit sonderbarer Ausstrahlung, dessen Blick aus seinen dunklen Augen, so kam es mir vor, tatsächlich in mich hineinsah. Hätte der Kater plötzlich angefangen zu sprechen, es hätte mich kaum überrascht.

Wir redeten zuerst über dies und das. Unweigerlich kamen wir aber zum Thema Glauben und Wissen und als ich dabei Vater Makarios auch meinen besonderen Dank für seine große Gastfreundlichkeit ausdrückte, meinte er:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit. Denn darin liegt wahre Liebe.

Ich wusste erst nicht genau was er damit erwidern wollte. Doch langsam wurde mir seine ganz und gar einfache, doch tiefgründige Bemerkung bewusst.

In unserem weiteren Dialog bestätigte er mir, dass die meisten Menschen an nichts mehr glauben wollen, als die Nachrichten, die sie über ihre in Händen funkelnden Mobilgeräte wischen. Er teilte mit mir die Einsicht, dass sich die digitale Technologie zunehmend zwischen uns Menschen dränge, wo viele eine Kommunikation über diese »Endgeräte« einer echten Unterhaltung immer mehr zu bevorzugen scheinen. Man sieht häufig Jugendliche, die schweigend nebeneinander sitzend, sich dies und das auf ihren kleinen Taschencomputern zeigen.

Doch selbst wenn das manchen, oberflächlich betrachtet, als ein vielleicht etwas überzogener Einfall vorkommen mag, muss doch jeder zugeben, dass wir uns schon ganz und gar damit abgefunden haben, dass fast alle von uns immer auf dem Laufenden sein wollen, viel schneller Orte finden möchten die wir suchen, sich automatisch erinnern zu lassen gewohnt sind, schönste Eindrücke von hier, dort und anderswo sofort teilen zu wollen, immer weniger an Kassen zu warten bereit sind und so viele andere Bequemlichkeiten, die uns die moderne Technikwelt einräumt, doch irgendwie auch einbläut.

Vor dem Hintergrund aber dass diese pfiffigen Geräte nur leuchtend betätigt werden können, sind die Menschen auch zu Lichtträgern geworden. Nicht aber etwa wie die oben genannte Hekate, die anderen den Weg beleuchtet, damit sie auch ihr Ziel erreichen. Eher scheint die alltäglich gewordene »Selbstbeleuchtung« wie es scheint, jegliche Selbstbeweihräucherung überflüssig zu machen, wo in sozialen Medien oder mit dem blendenden Ding in der Hand, man ja auch ganz selbstverständlich auch zu Bett geht.

Als mir das zum ersten Mal bewusst wurde, kam ich allerdings zu einer ziemlich schaurigen Einsicht. Denn spricht man die lateinische Variante des Wortes »Lichtträger« aus: bleibt da nicht ein bitterer Nachgeschmack?

All die Lichterscheinungen der modernen Technikwelt hinterlassen bei mir den Eindruck, als schmeichelten sie unseren Egos heute so sehr, dass wir sie doch nur aus Gründen einer angenommenen Selbstinszenierung, nur immer noch mehr füttern wollen. Fragt sich: Wo nachdem wir sie eingetippt haben, landen all diese persönlichen, emotional geladenen Informationen eigentlich sonst noch so?

Sehen mit dem Auge des Herzens

Es ist sicher angebracht sich irgendwann vom eigenen Ego zu trennen, auch wenn das manchen unmöglich erscheinen will. Unser Ego erfüllte sicher seinen Zweck, als wir noch Kinder waren. Doch es verhärtete immer mehr, bis es im Erwachsenalter einem festen Mörtel zu ähneln begann, der unsere Seelen allegorisch an unseren Körper kittet. Darum: Erst wenn unser Ego gebrochen wird, kann sich unsere Seele lösen, um sich dem Auftrag unseres wahren Selbst zuzuwenden. Alle unliebsamen Pflichten von einst, könnten damit bald der Vergangenheit angehören.

Vielleicht stimmten Sie der Behauptung zu, dass wir gegenwärtig Teil einer Zivilisation sind, in der sich das Visuelle immer mehr zum ultimativen Erfahren entwickelt. Und es ist genau das, was auch auf unser inneres Leben zurückzuwirken scheint.

Darüber dachte ich an einem der Nachmittag nach, als ich in der kleinen Bibliothek des Klosters Maroudá gerade das neue Testament zur Seite legte. In den Paulusbriefen stieß ich auf diesen Vers:

Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke.

- Epheser 1:18f

Ich kannte dieses Sinnbild vom Auge des Herzens bereits. Doch es schien mir, als äußerte diese Bibelstelle des Epheserbriefs noch mehr, als nur reine Bildsprache.

Einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike, der Heilige Augustinus von Hippo (354-430), wusste um eine Kraft, die eben über jenes Sehen mit dem Auge des Herzens, dem so Sehenden zuteil wird. Aus ihr nämlich wird eine spirituelle Aufnahmefähigkeit befeuert, deren spirituelles Licht den Praktizierenden zu einer »mystischen Schau« leitet. In diesem Erfahren kann er sich dann, des in ihm existierenden göttlichen Ichs gewahr werden. So soll sich der Sehende letztendlich erfreuen dürfen, an einem Finden der Gestalt der Weisheit an sich.

Doch es ist damit kein intellektuell fassbares Sehen gemeint, als eher das Empfinden des Wahrhaftigen, das etwa der selben Tatsache entspricht, wie auch dass unsere Herzen schlagen. Ab einem gewissen Entwicklungsgrad, den jeder Gläubige entwickeln kann, beginnt sein Herz bewusst zu schlagen, ohne dass er sich daran explizit erinnern müsste. Es ist eben keine Kopfsache auf die hier angespielt wird. Vielmehr geht es um einen belebenden, vollkommen gedankenlosen Vorgang, der jedoch die Gabe fördert wahrhaft lebendig zu sein.

Augustinus wusste um diese Tatsache. Und doch wies er seine Glaubensbrüder ebenfalls darauf hin, dass niemand seine äußeren Pflichten dafür vernachlässigen dürfe oder gar, in solch spirituellem Erfahren, sich allmählich vollkommen der Welt entfremde und dabei am Ende noch verwahrlose.

Auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Im Kloster Koutloumousiou (Athos)

Kyrie Jesu Christe Eleyson

In einer unentwegten spirituellen Praxis nun haben manche der Mönche auf dem Athos tatsächlich höhere Fähigkeiten entwickelt. Ganz gleich welcher weltlichen Aufgabe sie auch nachgehen: pausenlos befindet sich ihr Geist im Gebet – doch weniger in Gedanken, als dass sie diese Geistigkeit wirklich in ihren Herzen empfindend, als das Kyrie Eleyson, das Herz-Jesu-Gebet wiederholen:

Kyrie eleyson.
Kyrie eleyson me.
Kyrie Jesu Christe eleyson.
Kyrie Jesu Christe eleyson me.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson me.

Herr erbarme Dich.
Herr erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus erbarme Dich.
Herr Jesus Christus erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich meiner.

In unentwegtem Beten versuchen die Athos-Mönche dabei eine innere Ruhe zu erlangen, die der Seele vollkommenen Frieden bringen soll. Während sie obige Verse ständig wiederholen, verwenden sie zur Steigerung ihrer Konzentrationsfähigkeit eine besondere Atemtechnik, während sie sich dabei auf ihren Nabel konzentrieren.

Wie mir ein anderer Mönch auf dem Athos erzählte, seien manche seiner Glaubensgefährten gar dazu fähig das Kyrie Eleison in ihrem Herzen selbst dann betend kreisen zu lassen, während sie sich in Unterhaltung mit anderen befinden. Ihrem Gegenüber vermitteln sie dabei jedoch subtil eine tiefe Demut, ja Ergebenheit – etwas, dass sich doch eigentlich jeder wünscht der über sich spricht oder Antworten auf seine Fragen sucht.

Indes zurückgezogen praktiziert, soll der Mönch im Herz-Jesu-Gebet zu einem Erleben göttlicher Gnade gelangen, was ihn zur Wahrnehmung eines mystischen Lichts führt, worin Gott selbst anwesend und sichtbar sein soll. Welche innere, esoterische Bedeutung dieses Licht hat, darauf wollen wir im Folgenden Antworten finden.

Mystisches Tabor-Licht

Seit dem 9. Jahrhundert beten und arbeiten christlich-orthodoxe Mönche auf dem Athos. Unter ihnen befinden sich auch Mitglieder des Hesychasmus, einer Form christlich-orthodoxer Spiritualität, die in ihrer Praxis jemanden zu wahrhaft gottergebener Gelassenheit leiten möchte. Im Mittelalter bildeten die Klöster und Einsiedeleien auf dem Berg Athos das Zentrum des Hesychasmus, von wo aus sich diese spirituelle Tradition in den nördlichen Balkanraum und bis nach Russland ausbreitete.

Die heychastischen Mönche suchen nach einem im Herzen empfundenen inneren Frieden und gelten in dieser Praxis gewissermaßen als »Mystiker der Ostkirche«. Ähnlich ihrer christlichen Zeitgenossen im Westen (darunter etwa Bernhard von Clairvaux oder Hildegard von Bingen) meditierten die ersten Mönche auf dem Athos, um darin einen Zustand vollkommenen Seelenfriedens zu erlangen, was man nun eben »Hesychia« nennt: ein Zustand vollkommenen Glaubens, der in eine Freiheit mündet, woraus sich der meditierende Mensch aus allen störenden Vorstellungen und Begierden erlöst.

Auf ihrem Weg zur inneren Erkenntnis des Göttlichen, üben sich die Heychasten zuerst in Askese, wobei sie ihre Leidenschaften zu überwinden lernen, um schließlich die christlichen Grundtugenden einzuüben. Ihr Ziel ist ihr triebhaftes Leben souverän beherrschen zu lernen, um so ihre Seele zu reinigen. Hernach betrachtet so ein Mönch in Hesychia (griech. auch: »Ruhe«) die Natur der göttlichen Schöpfung und ihren religiösen Symbolgehalt, um so die Welt in neuem Licht zu erkennen.

Auf der höchsten Stufe dieser spirituellen Entwicklung des Selbst, ereignet sich schließlich das Schauen Gottes in jenem zuvor bereits angedeuteten mystischen Licht, was einhergeht mit tief im Innern empfundenem Frieden und vollkommener innerer Ruhe. Das ist ein Erfahren, dass sich jenseits aller rationalen Vorstellungen ereignet – jenseits allen diskursiven Denkens, wo sich ja in unserem Geist, von ständiger Bewegung befangen, ein gedachter Satz an den nächsten heftet. Endet das diskursive Denken jedoch, können seinen Platz Visionen und intuitive Anschauungen einnehmen. Und in eben diesem höheren Zustand der Erkenntnis, gelangt der Mönch in seiner kontemplativen Praxis zur Wahrnehmung dessen, was die Hesychasten die Vision des ungeschaffenen Tabor-Lichts nennen.

»Tabor« steht darin für den Namen eines Berges im Jesreel-Tal (Galiläa), wo der Christus in mystischem Licht verklärt den drei Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes erschien. Schon im Altertum war dieser Berg eine wichtige Kultstätte, wo man lange auch den blitzwerfenden Fruchtbarkeitsgott Ba'al verehrte.

Als der wichtigste Gelehrte des Hesychasmus nun gilt der byzantinische Theologe Gregorios Palamas (1296-1359). Er beschrieb die visuell-mystische Erfahrung, die einer im Herz-Jesu-Gebet erfährt, als das »Schauen des Tabor-Lichts«. Es ist dabei aber keineswegs die Wahrnehmung gewöhnlichen, physischen Lichts gemeint. Statt dessen vernimmt der Schauende dies als ein inneres Leuchten, entbunden aus der »ungeschaffenen Energie Gottes«. Dennoch wird auch damit nur beschrieben worum es geht, denn letztendlich muss man jenes mystische Licht selbst geschaut haben, um zu wissen was die dabei gemachte Erfahrung zu Tage bringt.

Wichtig ist, dass Palamas auch der Körper des Menschen zu Gotterkenntnis befähigt galt, nämlich dann wenn der Praktizierende in seinem Herzen das Herz-Jesu-Gebet ausübt. Das Fleisch soll dabei zu einer Würde erhoben werden, die der des Geistes nahe ist, denn unter diesem Eindruck soll der Körper seine Neigung zum Bösen aufgeben. Durch die hesychasitsche Praxis aber strebt einer danach seinen Körper zu heilen und auch dabei zur Vergöttlichung zu führen.

Eine Reinigung allein des Gemüts war für Palamas jedoch unzureichend. Eher sollte durch diese Art spiritueller Reinigung des Körpers, jemand die von ihm ersehnten spezifisch körperlichen Vergnügen vermeiden lernen, die ja die Seele durch angenehme Empfindungen beeinflusst.

Aus Sicht anderer orthodoxer Theologen mag diese Praxis jedoch erscheinen, als versuche jemand spirituelle Ergebnisse herbeiführen zu wollen und so etwa die göttliche Gnade herbeizuzwingen. Palamas und anderen Hesychasten ging es keineswegs darum. Vielmehr war ihnen in ihrer kontemplativen Praxis daran gelegen, die unerlässliche Konzentration auf Gott zu bewahren.

Gregorios Palamas sah im Gebet in erster Linie eine bewusste Geschäftigkeit des Menschen, der damit gegenüber dem Göttlichen seine Dankbarkeit ausdrücke, als etwa nur Gott zu etwas bewegen zu wollen. Vielmehr erhebe sich der Beter durch die hesychastische Form der Kontemplation zu Gott, was er im Sehen des Taborlichts in Wirklichkeit gar nicht erstrebte, als es vielmehr, demütig wahrgenommen, allem Sein ergeben zur Verfügung stellen will.

Vater Makarios (Kloster Maroudá, Athos) und S. Levent Oezkan - Foto: Konstantinos Stavropoulos – ewigeweisheit.de

Vater Makarios, der Abt des Klosters Maroudá, (Berg Athos) und S. Levent Oezkan (Foto: Konstantinos Stavropoulos).

Die eucharistische Liturgie der Ostkirche

Es muss aber keineswegs eine so explizite Form kontemplativer Praxis vorausgesetzt werden, um sich dem zu nähern, was wohl allen gläubigen Menschen als Ziel gelten könnte. Darum wäre es auch falsch anzunehmen es würde hier behauptet, dass nur einer der die hesychastische Praxis des Herz-Jesu-Gebets übe, dazu befähigt sei die Bedeutung dessen zu erkennen, was man eben als Gott beziehungsweise die spirituelle Welt als solche bezeichnet.

Meine eigene Hinwendung zur christlichen Theologie und der in der Ostkirche vollzogenen liturgischen Dienste, war der Versuch solch geartete Erkenntnisse ohne explizite Übungen zu machen. Vielmehr wollte ich das in der orthodoxen Liturgie erfahrbare Christus-Mysterium als solches betrachten. Aus diesem Grund hatte ich täglich an den beiden Gottesdiensten auf dem Kloster Maroudá teilgenommen: Einer begann früh morgens, der zweite vor dem Abendessen. Beide Dienste zogen sich manchmal bis über zwei Stunden.

Die Morgengebete aber unterschieden sich von den abendlichen insofern, als dass sie nur in Anwesenheit des Priesters durchgeführt werden konnten, was für die Abendgebete nicht zwingend notwendig ist, da dort nicht die Eucharistie gefeiert wird – das was man im Westen die heilige Kommunion nennt.

Von byzantischem Gesang begleitet, schienen sich vor mir gleichnishaft Abendmahl, Passion und die Wiederkehr Christi abzuspielen und die als Chorgebet gesungenen Melodien strahlten eine transzendente Kraft aus.

Diese Liturgie feiern die Mönche auf dem Athos an 365 Tagen im Jahr, wenn auch der Ablauf variiert, je nach Wochentag oder entsprechendem Feiertag (im orthodoxen Christentum ist vor allem Ostern von Bedeutung). Was man darin aber erfährt (natürlich auch anderswo) empfand ich als wahrlich wundersames Ereignis, an dem alle Sinne des Körpers miteinbezogen wurden: die Augen durch die Positionen der aufgestellten Kerzen, die die überall aufgestellten Ikonen anstrahlten, die Ohren durch die inspirierenden Melodien der Gesänge, das Gemüt durch die darin formulierten biblischen Erzählungen und Berichte über Christus, die Propheten und die Heiligen, sowie der Geruchssinn durch das vom Abt zubereitete Räucherwerk. Vater Makarios verstand tatsächlich Duftmischungen des Weihrauchs zuzubereiten, die mich und scheinbar auch die anderen Anwesenden in eine vollkommen andere Stimmung versetzten.

Auch die Lippen der Gläubigen werden auf einzigartige Weise in das Geschehen mit einbezogen: Beim Betreten des Gotteshauses, und dann wieder zum Ende des Geschehens, küssen sie die darin, an der Außenwand des Heiligen Altars platzierten Ikonen.

Mit dem Kosten vom eucharistischen Wein und der Einnahme des geteilten Brotes, der gleichnishaften Aufnahme vom Leib und vom Blut Jesu Christi, ist es der Geschmackssinn der der Heiligen Eucharistie einen besonderen Mysteriencharakter verleiht.

Nicht dass sie damit gleichzusetzen wären, doch die Ähnlichkeiten zwischen den alten Riten der Mysterienkulte und der Abendmahlszeremonie sind in vieler Hinsicht vorhanden, wo ja in den Demeter- und den Dionysos-Mysteriuen etwa Getreide und Wein ebenfalls von herausragender Bedeutung waren. Was die Mysten dabei jedoch erfuhren, sollte durch die spätere Darstellung des Kreuzigungsereignisses im Christentum, in quasi abstrahierter Form wiedergegeben werden. Doch sowohl in den alten Mysterien, wie natürlich auch im Christentum, spielt das Erleben der Vorwegnahme der Todeserfahrung, eine zentrale Rolle. Vielen Christen aber ist das gar nicht bekannt, zumal sie sich der darin enthaltenen Symbolik, höchstens mitleidig betrachtend, gar nicht bewusst sind, wo sie doch eigentlich das darin vermittelte Mysterium als Vorbild für ihren eigenen, spirituellen Lebensweg erkennen könnten.

Was ich in den sieben Tagen dort im Kloster Maroudá von dem ziemlich eigenartigen Abt Vater Makarios jedoch vermittelt bekam, ähnelte durchaus einer Einweihung, auch wenn ich doch selbst gar kein Christ bin. Doch der Ort, der Heilige Berg Athos, schien vielleicht von seiner geomantischen Struktur her zu dieser wohl mysterienartigen Erfahrung beigetragen zu haben.

Glauben ohne zu wissen - Gewissheit ohne zu vermuten

Fest steht: insbesondere in den morgendlichen Gottesdiensten hatte ich den Eindruck als verstünde ich allmählich was es so auf sich hat, in Bezug auf das Religiöse, was die Wörter Glauben und Wissen, Vermuten und Verstehen, in ihrem Verhältnis zueinander an sich bedeuten könnten.

Natürlich wird mir hier kein Gottesbeweis gelingen, was im Übrigen auch gar nicht meine Absicht ist. Es gibt aber, so empfand ich es zumindest als Anwesender in den Gottesdiensten des Klosters, eine Urtradition, an deren christlichen, rituellen Handlungen ich dort teilgenommen hatte. Und diese überlieferten, rituellen Handlungen bildet, wenn auch zuerst im Geiste, ein mentales Muster – oder besser, eine spirituelle Struktur.

Wenn die Liturgie von der ich sprach, schon einmal von insgesamt 300 Millionen orthodoxen Christen wahrgenommen wurde, dann kann man davon ausgehen, dass die darin vollzogenen spirituellen Handlungen auch auf die Gläubigen übergehen. Jene Priester und Mönche die für diese Handlungen in der Verantwortung stehen, übertragen ihr religiös-spirituelles Denken natürlich auch im Zwiegespräch auf den Gläubigen.

Als ich an den Gottesdiensten teilnahm (wie eben auch schon im Freitagsgebet in einer Moschee oder auch dem Schabbat-Gottesdienst in einer Synagoge in Israel beiwohnte), empfand ich, wie mich eine mystische Kraft durchdrang. Ganz gleich ob das einer »Wahrheit« entsprach oder im Prinzip »nur eingebildet« war, wusste ich doch, dass es in jedem Gläubigen Christen (oder anders gläubigem Menschen) eben genau das auslösen kann, was auch ich empfand.

Mir dünkte jedoch so, als ob es in der Entscheidung eines jeden Menschen liegt, ob er nun glaubt, also eine spirituelle Form in seinem Herzen als gegeben empfindet oder ob er dazu in der Lage ist logisch zu schlussfolgern, dass je mehr Menschen einen regelmäßigen Ritus erleben, wohl freilich auch gemeinsam ein mental-spirituelles Feld erschaffen, dass durchaus eine Eigendynamik entwickeln kann. Was dabei jedoch entsteht, ereignet sich jenseits allen raum-zeitlichen Darstellungsvermögens, auch wenn man immer wieder versuchte wissenschaftliche Beweise zu finden, um dieses Wirken veranschaulichen zu können.

Da wir nun aber alle gemeinsam auf diesem einen Planeten leben, mischen sich dieses Empfinden und die eben angedeutete Eigendynamik, natürlich immer auch mit materiell erwachsenen Unabdingbarkeiten. Diese konzentrieren sich manchmal, in bestimmten zeitlich überschaubaren Entwicklungsphasen unserer Menschheitskultur. Was daraus jedoch an Ergebnissen resultiert, entwickelt sich manchmal zu einem großen Guten. Doch ebenso mächtig ist das, was sich uns weniger günstig zeigt, ja uns manchmal sogar durch unheilvolle Konsequenzen bedroht.

Immer aber ist das was eine entsprechende Aussicht auf positive oder negative Empfindungen liefert, der wahre Glaube, im aktiven Sinne. Zu glauben ist dabei alles andere als ein Vermuten. Es ist nicht die Annahme gemeint, dass es da vielleicht einen Gott oder einen auf Erden herabgestiegenen Gesandten gibt, der unter uns dessen Wesentlichkeit repräsentierte oder an den göttlichen Kern unserer Seele erinnert. Nein. Worauf ich mit dem Gesagten anspiele, ist, dass es auf unserer Erde Orte gibt, die, sagen wir, einen Zugang eröffnen zur Erkenntnis dieser überall gegenwärtigen, wundersamen Parallelität von religiösem Glauben und spirituell-empfundener Wirklichkeit. Denn diese beiden Größen sind wie zwei Pole, die anscheinend nur durch eine dünne Schicht getrennt sind, wo das unsichtbare vom Sein der sichtbaren Welt unterschieden ist.

Auf dem Athos empfand ich diese Schicht jedoch manchmal als so dünn, als so transparent, dass ich den Eindruck bekam als könnte ich ein Dahinter erkennen, das sich jenseits alles Weltlichen befindet.

Berg Athos – ewigeweisheit.de

Der Heilige Berg Athos, in einer Illustration von John Pentland Mahaffy  (1839–1919).

Reflexionen auf meiner Rückreise

Mein letzter Tag war angebrochen und nach der Morgenmesse und dem gemeinsamen Frühstück – das im Übrigen immer aus Kuchen und Keksen bestand – fuhr ich gemeinsam mit anderen Pilgern zum Anleger in Dafni.

Dort hatte ich noch etwa eine Stunde Aufenthalt, setzte mich in die kleine Taverne, um noch einen Kaffee zu trinken. Als ich dort aber wie gewohnt nach Milch fragte, ließ mich der Servierer abblitzen und es fiel mir wieder ein: Auf dem ganzen Athos gibt es keine Milch, da sie doch weiblich ist; die logische Konsequenz dessen also, was auf dem Athos seit nunmehr 1000 Jahren beharrlich aufrechterhalten wird.

Über das und meine anderen Erlebnisse nachsinnend, bestieg ich dann die kleine Fähre zurück ins »Diesseits« nach Ouranopolis.

Das lange Warten beim Anleger in Dafni hatte mir irgendwie auch gut getan, zumal ich meine Rückreise entsprechend entspannt antrat. Denn gezwungen sein nichts zu tun, kann ein andermal auch schrecklich sein. Zeit wird hier aber anders empfunden, auch wenn es, vielleicht nicht auf dem Athos, trotzdem christliche Mönche waren die das Räderwerk und letztendlich die Uhren erfanden, um danach pünktlich ihre Gebete auszurichten. Trotzdem scheint das Thema Zeitempfinden auf dem Agion Oros ein anderes zu sein.

Der kleine, sehr alte Mönch der allein auf der Fähre seine selbst geknüpften Gebetskränze verkaufte, ihn ließ der Fährkapitän als einzigen vom Boot steigen, an einem winzigen Anleger, wo sich nicht viel mehr als nur seine Zelle zu befinden schien. Wir hatten alle viel Zeit.

Möwen umkreisten die Fähre an diesem strahlend sonnigen Tag meiner Rückreise. Fast schon wie die Glieder eines Gebetskranzes gereiht, eskortierten sie unser Boot über das Meer. Als ich mich nach Dafni umdrehte, war da eine runde Wolke, die den pyramidenförmigen Gipfel des Agios Oros umrang. Es war wohl meine selektive Wahrnehmung, die all das für himmlische Zeichen hielt – doch was immer es war: nicht nur sah ich es, sondern eine Gewissheit gab mir das sichere Gefühl, dass sich die Ereignisse der kommenden Zeit entsprechend fügen werden. Da dachte ich wieder an die Aussage des Abts von Maroudá:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit.

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Meditation in der christlich-orthodoxen Tradition

von S. Levent Oezkan

Taborlicht - ewigeweisheit.de

Im inneren Schauen des Lichts Gottes, erfährt ein Mensch die höchste Vervollkommnung seiner irdischen Existenz. Dann ist er am engsten verbunden mit Gott. Nach dieser Erfahrung strebten jene frühchristlichen Mönche und Eremiten, die man die "Wüstenväter" nennt.

Ein Großteil der Christen im Osten, darunter die spirituelle Bewegung der Hesychasten, berufen sich in ihrer spirituellen Praxis auf diese heiligen Mönche, Nonnen und Eremiten. Sie lebten Anfang des 3. Jhd. hauptsächlich in den Wüsten Ägyptens und Syriens.

Berühmtester christlich-orthodoxer Eingeweihter, war der Heilige Antonius (um 250-356), der sich im Jahre 270 in die ägyptische Wüste zurückzog. Antonius, genannt "Der Große", gilt als der Begründer des monastischen Wüstentradtiton. Nach seinem Tod zog es tausende Mönche und Nonnen in die Wüste, dem Vorbild des Heiligen Antonius folgend. Hierzu schrieb einer seiner Biografen, der Mönch Athanasius von Alexandria (296-373):

Die Wüste wurde zur Stadt.

Darum dürfte es nicht verwundern, wenn der Einfluss der Wüstenväter, eine ganz wesentliche Rolle auf die Entwicklung des damals noch jungen Christentums spielte. Insbesondere aber die klösterliche Tradition im Christentum, geht auf die Wüstenväter zurück. Zu den bekanntesten Klöstergemeinden, zählt wohl der Mönchsstaat auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland. Auch für die Klostergründungen im Mittelalter, waren die alten Wüstenväter Quelle der Inspiration.

Der Heilige Antonius – ewigeweisheit.de

Der Heilige Antonius. Russische Ikone von Nikolai Roerich.

Vom Schauen des mystischen Taborlichts

Durch ihre spirituelle Praxis gelang es den Wüstenvätern das "mystische Licht der Liebe" zu schauen. Man nennt diese, innerlich gemachte Erfahrung auch das "Schauen des Taborlichts". Dieser Begriff stammt aus dem Ereignis auf dem Berg Tabor, das die folgenden Bibelverse wiedergeben:

Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, es erschienen ihnen Moses und Elijas und redeten mit Jesus. Und Petrus antwortete und sagte zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Moses und eine für Elijas. Noch während er redete, siehe, eine leuchtende Wolke überschattete sie und siehe, eine Stimme erklang aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, warfen sie sich mit dem Gesicht zu Boden und hatten große Furcht. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht! Und als sie aufblickten, sahen sie niemanden außer Jesus allein. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemandem von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist.

- Matthäus 17:1-9

Das Taborlicht ist kein gewöhnliches Licht. Es ließe sich vielleicht als "ungeschaffene Energie Gottes" beschreiben. Doch jeder Mensch kann eine Stufe der Spiritualität erreichen, um im Gebet dieses Licht zu schauen. Es ist nichts was man sich einbildet, sondern es geht hier tatsächlich um ein Sehen jenes Taborlichts, dass der Betende im Innern wahrnimmt. In diesem Licht erstrahlt die Herrlichkeit Gottes. Was Jesus seinen Jüngern im Taborlicht zeigte, war das Wirken Gottes durch den Christus. Wichtig aber ist, dass Gottes Wirken nicht das Selbe ist, wie seine wahrhafte Essenz. Dazu sagt das Johannes-Evangelium:

Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

- Johannes 1:18

Verklärung des Herrn Christus auf dem Berg Tabor – ewigeweisheit.de

Verklärung des Herrn Christus auf dem Berg Tabor. Russische Ikone aus dem 16. Jhd.

Ursprünge des Hesychasmus

In der Tradition des Hesychasmus streben die Praktizierenden nach vollkommener Gedankenstille. Daher das griechische Wort "Hesychia", die Ruhe. Hauptziel der Hesychasten ist es, die physische Wahrnehmung vollkommen einzuschränken, um damit eine innere Konzentriertheit zu entwickeln. Dies kann natürlich nur erfolgen in der Abgeschiedenheit, wonach die Wüstenväter in der Stille der Wüste suchten.

Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

- Matthäus 6:6

Die Tradition des Hesychasmus, enthält aber nicht allein Wissen aus der christlichen Tradition der Evangelien-Auslegung. Das vielleicht mag einer der wichtigsten Punkte sein, der der Hesychia-Tradition von ihren Kritikern entgegnet wurde. Der Hesychasmus enthält nämlich auch Elemente aus dem Platonismus und der jüdischen Merkaba-Mystik. Möglicherweise findet man Wurzeln dieser Tradition, zwischen dem 3. und 7. Jhd. auch im Neuplatonismus. 

Laut der Merkaba-Tradition, nimmt ein Meditierender eine besondere Meditationshaltung ein, um das mystische Licht zu schauen. Sie wird sogar im ersten Buch der Könige dargestellt. Als der Prophet Elias seine Himmelfahrt unternahm, legte er seinen Kopf auf die Knie:

Und da Ahab zog hinauf, zu essen und zu trinken. Elia ging auf des Karmels Gipfel und bückte sich zur Erde und tat sein Haupt zwischen seine Knie

- 1. Könige 18:42

Auch die griechisch-orthodoxen Hesychasten nehmen diese Haltung ein, um in Meditation das mystische Tabor-Licht zu schauen. Ihre Gegner aber verurteilten sie dafür. Sie nannten sie daher einfach abfällig die "Omphalopsychiten", jene die den "Nabel anstarren".

Wie auch in der jüdischen Merkaba-Tradition, atmet der Hesychast während dieser Form der Meditation rhythmisch und ruft dabei einen heiligen Namen an. Der Ursprung dieser Form der Meditation, liegt wohl in den Askesepraktiken der Propheten der Bibel.

Gut möglich, dass auch der Apostel Paulus in dieser Tradition stand und vielleicht ein früher Adept der Mekaba-Mysterien war.

Elemente der Hesychia-Tradition

Der Hesychasmus beschäftigt sich mit den geistigen Fähigkeiten der Seele. Hierbei unterscheiden die Hesychasten zwischen intellektuellem Verstandesdenken (griech. nous) und dem rein innerlich gefassten Denken (griech. logos).

Außerdem wird im Hesychasmus unterschieden zwischen andächtiger Versenkung und dem Verzicht auf willentliche Wunscherfüllungen. Nur so, soll der Meditierende das wahrhaftige Wesen Gottes, wie auch seine Wirkungsweisen erkennen. Die Unterscheidung dieser beiden Aspekte des Göttlichen jedoch, ist nicht etwas, dass erst die Hesychasten herausfanden. Schon damals war diese Differenzierung des göttlichen Wesens, bereits Jahrhunderte alt. Sicher jedoch wussten schon die Wüstenväter, dass man die wahre Erkenntnis des Göttlichen, nicht etwa allein durch das Studium der Heiligen Schrift, sondern durch die Reinigung der Seele und das inständige Gebet erreicht.

Später gewann eine weitere Lehre an Bedeutung, die sich auf zwei Aspekte des Göttlichen konzentrierte: das Wesen und die Eigenschaften Gottes, insbesondere das, was die Hesychasten als "göttliche Kraft" bezeichneten. Was aber ist damit gemeint?

Im Platonismus galt Gott als unerreichbar, jenseits aller Kategorien des Seins. Man dachte sich: Gott würde die Welt der Materie niemals berühren. Alles was vom Göttlichen in der Welt des Seins hervorgerufen wurde, geschah im Auftrag Gottes durch die Demiurgen. Sie wirkten als himmlische Vermittler zwischen Gott und Mensch. Ebenso unterschied man im Hesychasmus also zwischen dem Wesen Gottes und der durch seine Kräfte erfolgten Wirkungen in der Welt. Gott an sich transzendiert alles, ist absolut und nicht durch Worte oder irgend welche Konzepte beschreibbar. Kein Auge kann ihn sehen, kein Geist ihn erfassen. Alles was der Mensch vom göttlichen Wirken wahrnimmt, sind die Ausführungen eben jener göttlichen Kräfte. Daher also die konzeptuelle Trennung vom Wesen Gottes und der Wirkungen des Göttlichen.

Beispiele über die Bedeutung jener Trennung, lieferten die Hesychasten Gregor Sinaites (†1346), Athanasius von Meteora (1305-1380) und der Heilige Basilius von Poiana Mărului (1692-1767). Sie verglichen das Wesen Gottes und seine Kraft, mit dem Wesen der Sonne und ihrem Licht: die Sonnenstrahlen sind ja in der Tat nicht identisch mit dem eigentlich brennenden Globus der Sonne – doch es gibt nur eine Sonne. Um die Wahrnehmung dieser "Lichtstrahlen des Göttlichen", dreht sich die meditative Praxis in der Tradition der Hesychia. Es gibt nur einen Gott, wahrgenommen wird aber nicht er selbst, sondern sein "Licht", das aber, da es aus ihm entstammt, auch er selbst ist. Doch wäre es falsch, Gott mit seinen Wirkungen gleichzusetzen. 

Meditationpraxis der Hesychia-Mönche

Erhabenes Ziel der Mönche auf dem Pfad der Hesychia-Tradition, ist das kontemplative Gebet und die damit geübte Achtsamkeit.

Grundlegend unterscheidet die Hesychia-Praxis drei Stufen:

  1. Die Reinigung – Katharsis,
  2. die Erleuchtung – Theoria und
  3. die Vergöttlichung – Theosis, worin die Einheit in Gott erfahren wird.

In Vorbereitung auf seine göttliche Vision, reinigt ein Mensch seinen Geist und seine Fähigkeiten der Wahrnehmung. Nur im Vollzug der ersten beiden Phasen von Katharsis und Theoria, kann Selbstsucht umgewandelt werden in selbstlose Liebe. Diese Verwandlung findet im Meditierenden statt, der die höheren Ebenen der Erleuchtung erreicht hat. Aus ihm wurde ein Sehender. So jemand ist fähig, unablässig sich an die göttliche Wahrheit zu erinnern.

Wen seine selbstsüchtige, ego-zentrierte Einstellung gefangen hält, dessen Herz aber bleibt verhärtet. So ein Herz ist verbittert und ihm bleiben die Pforten zur göttlichen Liebe verschlossen und er wird in seinem Leben nicht an der Herrlichkeit Gottes teilhaben. Irgendwann aber, so die Wüstenväter, wird so jemand der Herrlichkeit Gottes gewahr, doch nicht etwa in Form des segnenden Taborlichts, doch als ewig verzehrendes Feuer und äußere Finsternis.

Die Reinigung – Katharsis

Es bedarf also der Reinheit und der Lösung aus einer ego-zentrischer Lebensführung. Um die Katharsis richtig zu praktizieren, bedarf es aber einer gewissen Gelassenheit. Sie kann nicht erzwungen werden. Ohne die Reinigung des Geistes aber, gibt es kein Fortkommen auf dem Weg. Die Reinigung der im Geiste entstehenden Vorstellungen, ist dafür Voraussetzung. Wer jedoch geduldig mentale Askese übt und sich damit von verführerischen Vorstellungen befreit (die Wüstenväter sprachen hier von den "Dieben"), erreicht nach und nach den Zustand der Katharsis. Hierzu richten die Hesychasten ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Bewusstsein ihrer inneren Welt. Während dieser kontemplativen Innenschau, rezitiert der Hesychia-Mönch das Jesusgebet, lässt es sprichwörtlich in seinem Herzen kreisen, daher nennt man es ja auch das Herz-Jesu-Gebet. Dabei beschränkt der Meditierende seinen Geist vollkommen auf die innere Wahrnehmung in seinem Herzen, ohne dass er abschweift oder an etwas anderes denkt, als eben die Worte des Jesusgebets.

Nicht aber etwa, übt sich diese Form höchster Konzentration hin und wieder, wenn die "Zeit dafür da ist": ununterbrochenes Beten ist erforderlich. Nach einiger Zeit konzentrierten Übens jedoch, erfolgt die innere Rezitation des Jesusgebets automatisch. Es heißt, sogar im Schlaf, beten die Mönche der Hesychia-Tradition das Jesusgebet. Es kreist unentwegt als spirituelle Entität in ihren Herzen. Wann immer ein ungebetener Gedankengang einsetzt, um den Mönchen zu verführen, besinnt er sich erneut auf sein Herz und die darin erspürten Worte des Jesusgebets.

Der Heilige Johannes Klimakos vom Sinai (570-650), beschrieb die Hesychastische Praxis so:

Nimm Platz an hohem Orte und schau, wenn Du nur weißt wie, und Du wirst sehen, auf welche Weise, wann, woher, wie viele und welche Arten von Dieben Dir auflauern und Deine Weintrauben stehlen. Wird der Wächter überdrüssig, steht er auf und betet; und dann setzt er sich wieder und geht mutig seiner vorherigen Tätigkeit nach.

Der Hesychast soll seine Sehnsüchte binden durch ununterbrochenes Üben der Enthaltsamkeit. Nur so kann er die Versuchungen überwinden. Es heißt sogar, er solle eine Art "kontrollierte Wut" gegenüber verführerischer Gedanken entwickeln. Gleichzeitig aber soll er unablässig das Jesusgebet rezitieren, damit verführerische Visionen erst garnicht entstehen können.

Der griechische Mönch Evagrios Pontikos (346-399) zählte zu diesen verführerischen Gedanken jene, die zu Fettsucht führen, Sucht nach sexueller Befriedigung erzeugen, Zweifelsucht, Zorn, Mutlosigkeit, Melancholie, Prahlerei und Stolz. Gewiss aber gilt es hier zu differenzieren, denn diese fast 1700 Jahre alte Kategorisierung, lässt sich heutzutage, nicht mehr so einfach zusammenfassen. Sicherlich aber, sind diese acht Nachlässigkeiten (Acedia) auch heute noch die Ursache für Lebensprobleme. Jeder Mensch hat seinen Grund, wieso er gegen sich selbst rebelliert. Es geschahen Dinge in seinem Leben, die in ihm schädliche Neigungen entstehen ließen. Doch wir alle können uns ändern - je früher, desto besser. Denn je älter wir werden, desto tiefer werden die Furchen, die solche Neigungen hinterlassen und desto schwerer nur, lassen sie sich glätten.

Die Erleuchtung – Theoria

Was den Hesychasten ausmacht, ist die Disziplin einer mentalen Askese. Er verfrachtet gewissermaßen sein Denken in sein Herz. Gelassen spricht er in Zurückgezogenheit, in seinem Herzen, das Jesusgebet:

Herr Jesus Christus,
Sohn des lebendigen Gottes,
Erbarme Dich meiner.

Kyrie Iesou Christe,
Yie tou Theou,
Eleison me.

Der Hesychast betet das Jesusgebet also mit dem Herzen, entschlossen und wahrhaftig. Niemals aber spricht er nur die Silben des Jesusgebets vor sich her, sondern empfindet im Herzen ihre mystische Bedeutung, fühlt ihrer wahren Kraft nach. Was hier aber gemeint ist, mit dem "Verfrachten des Denkens ins Herz", ist nicht nur Metapher, sondern wörtlich zu nehmen. Nach langem, ununterbrochenen Üben, so die alten Wüstenväter, versinkt das Denken von allein im Herzen – was nicht bedeutet, dass das Gehirn seine Funktion aufgibt. Im Gegenteil: das Kopfdenken ist wie der Sekretär des Meisters, der jedoch im Herzen wohnt.

Doch diese Meditationspraxis ist nicht gleichzusetzen mit einer Visualisierung. Das im Herzen ausgeführte Jesusgebet ist frei von Bildern. Wer darum lange Zeit, in Meditation das Jesusgebet praktiziert, den behindern plötzlich entstehende Vorstellungen nicht länger, die ihn zuvor zu unerwünschtem Handeln führten. Mit Handlungen ist nicht einmal das gemeint, was Evagrios Pontikos als verführerische Gedanken aufführte. Generell befindet sich der Geist eines Betenden, ruhig und frei von unerwünschten Bildern. Gewiss besteht hier eine Ähnlichkeit zu dem, was die Sufis das Dhikr nennen: das Erinnern an Gott. Ebenso lassen sie im Herzen die 99 Namen Allahs kreisen, um ihr Denken zu reinigen und ihr Herz, wie sie sagen, zu "polieren".

Wer als Meditierender in diese Phase der Praxis eingeht, hat eine hohe Stufe der Vervollständigung seines Daseins erreicht. Sein Denken im Griff zu haben, ist das praktische Ziel eines Menschen, in der Praxis der Hesychia-Tradition.

Besonders aber betonten die Wüstenväter die Bescheidenheit eines Menschen, der das Jesusgebet praktiziert. Wer jedoch als Möchtegern-Hesychast mit seinen Fähigkeiten prahlt, dem könnte das zum Verhängnis werden, denn dann schleifen sich in das Herzdenken, egozentrische Ambitionen mit ein, die dort gewiss ihre Spuren hinterlassen.

Die Vergöttlichung – Theosis

Ein Mensch, der der Hesychia-Tradtion folgt, erfährt die nachsinnende Versenkung in Gott, als Licht. Der Heilige Gregor Palamas (1296-1359) sprach hier vom "ungeschaffenen Licht". Für einen Hesychasten aber, dem durch die Gnade Gottes solch Erfahrung gewährt wurde, hält diese Schau göttlichen Lichts nicht etwa dauerhaft an. Es ist eine kurze, vorübergehende Erfahrung, nach der er aber in sein weltliches, irdisches Leben zurückkehrt, um das inständige Jesusgebet fortzuführen.

Im Hesychasmus wird dieses "ungeschaffene Licht" gleichgesetzt mit dem Heiligen Geist. Wer dieses Licht schaut, erfasst das Wesen des Heiligen Geistes.

Hesychasmus und die spirituellen Traditionen des Ostens

In mancher Hinsicht gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Hesychasmus und den Meditationspraktiken östlicher Weisheitslehren und Religionen – wie insbesondere dem Buddhismus oder dem Yoga der hinduistischen Tradition. Was im Hesychasmus als das Jesusgebet praktiziert wird, entspricht etwa dem, was im Osten als Mantra bezeichnet wird. Gewiss besteht eine Ähnlichkeit im Zweck, der das Jesusgebet verfolgt, mit dem, was im Buddhismus als wichtigstes Mantra bekannt ist: "Om Mani Padme Hum". Das Wort Padme meint hier den unbefleckten, reinen Lotus, was gewiss eine Ähnlichkeit hat, mit dem durch das Jesusgebet geläuterten, "unbefleckten Herzen".

Es wäre jedoch unangebracht, das Jesusgebet mit den Mantras der östlichen Weisheitslehren einfach gleichzusetzen. Es ist eben nicht einfach eine Aneinanderreihung von Silben, deren Bedeutung man nicht kennt, da sie aus einer anderen Sprache stammen. Was natürlich auch nicht heißt, dass jemand der des Sanskrit mächtig ist, nicht auch mit dem Om Mani Padme Hum der Tibeter zu selbem Ziel gelangt.

Oft ist es aber der Kontext, in dem ein Mensch sich in meditative Stimmung begibt. Wer nur die Gebete und Mantras einer spirituellen Tradition ausspricht, ohne diese tatsächlich auch zu kennen, der bleibt wohl eher an der Oberfläche dessen, was eigentlich durch die Praxis des Gebets beabsichtigt wird. Es geht eben auch darum, aus dem gesamten Kontext einer Religion oder Weisheitstratition zu handeln. Wer darum als orthodoxer Christ das Jesusgebet rezitiert, wird gewiss zu anderen Ergebnissen kommen, als einer, der es nur aus dem Kontext genommen vor sich her sagt.

Und doch muss ebenso betont werden, das die Beschäftigung mit den Prinzipien hinter diesen Gebetsausführungen und den Meditatonspraktiken der Hesychasten, eine ganz grundlegende Fähigkeit des Menschen hervorhebt. Jeder kann sein Herz läutern und dabei die Wesensessenz seines ganzen Daseins erkennen und sich mit dem universalen, göttlichen Urgrund verbunden finden.

 

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