Kabbala

Wege zu einer modernen Kabbala

von S. Levent Oezkan

Gerschom Scholem - ewigeweisheit.de

Kabbala ist der Name für eine Überlieferung und einer von Generation zu Generation weitergegebenen Lehre, die jedoch sorgfältig verwahrt wurde. Ursprünglich nämlich war es eine Geheimlehre, die in einem religiösen Akt nur vom Meister zum Schüler weitergegeben wurde – »von Mund zu Ohr«. Erst seit dem Mittelalter werden auch Schriften zur Kabbala weitergegeben.

Sie dienen als Vehikel für die esoterische Auslegungen der Heiligen Schrift. Diese Literatur enthielt weniger Erklärungen, als dass sie Kommentare zur Bibel waren, die den Leser zu Schlussfolgerungen führen sollten. Ziel war, ihm so die darin verborgenen, mystischen Bedeutungen zu vermitteln.

Zu den ersten Büchern die in dieser Zeit entstanden, zählt wohl das Buch Sefer ha-Bahir, das gegen 1180 veröffentlicht wurde und lange Zeit die Hauptgrundlage bildete, für eine danach immer mehr verschriftlichte Form der kabbalistischen Geheimlehren.

Der jüdische Religionshistoriker Gerschom Scholem (1897-1982) lieferte zu diesem Buch Bahir die erste deutsche Übersetzung. Er war auch einer der ersten modernen Wissenschaftler des Judaismus, der sich intensiv mit eben jener Geheimlehre der Kabbala auseinandersetzte und dazu an verschiedenen Instituten der Universitäten Deutschlands, sowie im Kreise deutscher Rabbiner, nach weiteren Anhaltspunkten suchte.

In frühen Jahren, als Scholem gerade begonnen hatte sich mit der jüdischen Mystik zu befassen, verwies ihn ein Weimarer Bekannter zu einem berühmten Rabbiner, der manchen als Kabbala-Experte galt. Scholem besuchte diesen Rabbi zuhause und sah bei ihm im Regal viele Bücher zur benannten Geheimlehre der Kabbala, was ihn natürlich neugierig machte. Doch als er den Rabbi darauf ansprach erhielt er als Antwort:

Was? Diesen Müll? Wieso glauben Sie ich würde meine Zeit damit verschwenden, solchen Blödsinn zu lesen?

Seit dieser eigenartigen Begegnung ahnte Scholem, dass er selbst wohl einer von ganz wenigen, wenn überhaupt anderen Juden war, die sich mit diesem durchaus vernachlässigten Thema befassen wollten. Gleichzeitig erkannte er darin aber auch eine Chance, durch seinen Beitrag zur Kabbala, tatsächlich Spuren zu hinterlassen, die ihn dann schließlich zum wichtigsten Kabbala-Gelehrten des 20. Jahrhunderts machen sollten.

Meine Recherche in der Geschichte der Kabbala habe ich nur darum gemacht, da ich einfach das Judentum liebte und zeigen wollte, dass die Mystik einen rechtmäßigen Platz in diesem Judentum einnimmt. Keine fremdartige Blume ist die Kabbala, sondern ein uransässiges Gewächs.

- Gerschom Scholem über seine Arbeit, in einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Reformrabbiner Herbert Weiner

Die Kabbala als Lehre jüdischen Rabbitums

Scholem sehnte sich nach einer Reform der jüdischen Spiritualität. Das war der wichtigste Impuls, den er beim Verfassen seiner Texte verspürte. Während seiner Studienjahre repräsentierten solche Themen allein rabbinische Gelehrte. Er wollte die jüdische Spiritualität aber aus diesem rein sittengebundenen Kontext lösen, um sie auch einer sekular etablierten Schicht der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Das Judentum sollte sich damit fortentwickeln und seine Lehren nicht allein von einer dazu ernannten Autorität weitergegeben werden.

Trotzdem musste er mit diesem Versuch erst einmal scheitern. Die Lehre der Kabbala lässt sich eben nicht ganz und gar von rabbinischer Spiritualität trennen. Auch einer der berühmtesten und wichtigsten Gelehrten in der Geschichte der Kabbala war Rabbiner: Isaak Luria. Er und auch andere lebten all die Mystik des jüdischen Schrifttums der Bibel (das sogenannte »Alte Testament«) und des Talmud (Regeln in der Praxis und im Alltag von Rabbinern), besitzen diese Schriften doch, man könnte sagen, ein durch und durch mathematisch-logisch geordnetes Fundament – vorausgesetzt man berücksichtigt so diffizile Praktiken wie zum Beispiel die Gematrie (numerologische Bedeutung von biblischen Wörtern) und das Wissen vom esoterischen Wesen und der Symbolik der hebräischen Buchstaben.

Wenn ein Rabbiner also ein wahrer Kenner des jüdischen Schrifttums war, halfen ihm die Kenntnisse dessen was er aus Kabbala-Schriften erfahren konnte, tatsächlich seine religiöse Praxis auf einer höheren Ebene auszuüben. Es war jedoch immer eine Geheimlehre und niemals sprach ein Rabbiner über das damit verbundene Wissen. Gut möglich also dass der damals noch unerfahrene Gerschom Scholem, bei der zu Eingangs wiedergegebenen Episode auf jemanden traf, der eben nicht über so etwas wie die Kabbala sprechen wollte und darum den Inhalt seiner Bücher wie beschrieben herabsetzte.

Sicherlich aber sollte Scholems späteres Werk ganz wesentlich dazu beitragen, dass die Schriften der jüdischen Mystik und der Kabbala, überhaupt in dem heute verfügbaren Umfang zur Verfügung stehen. Denn die Gegenwartsliteratur zu diesen Themen kam durch ihn eben auch zu Menschen, die nicht aus einem rabbinischen, ja nicht einmal alle aus einem jüdischen Kontext stammen sollten.

Was aber bedeutet jüdische Mystik an sich?

Scholem war der Erste der all die alten Texte über die Kabbala laß und sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Seine Hauptbeschäftigung lag dabei wohl darin, aus dem gigantischen Schriftkorpus der Bibelliteratur, und den dazu verfügbaren Kommentaren, eine einheitliche esoterische Wissenschaft abzuleiten. Denn die Kabbala ist eigentlich nicht ein System, sondern wird eher als Oberbegriff verwendet, für viele verschiedene Geheimwissenschaften, die zur mystischen und magischen Religionstradition im Judentum zählen. Scholem versuchte darum eine symbolische Struktur zu schaffen, die die Kabbala als Ganzes zu erfassen sucht, innerhalb des Judentums und dem damit verbundenen Schriftwerk. Es sind eben auch viele Dinge in den kabbalistischen Schriften von Bedeutung, die sich jenseits theosophischer Theorien und Strukturen magischen Wissens bewegen.

Sicher aber ist vieles, was an kabbalistischen Lehren zur Verfügung steht, nur schwer zu durchdringen. Der Grund dafür ist einfach: Was an Kabbala aus den Kommentaren zu den Bibeltexten existiert, wurde eben von Rabbinern verfasst, von wahren Kennern der Heiligen Schrift. Sie besaßen das notwendige Hintergrundwissen beziehungsweise das in der Bibel verfügbare, nennen wir es »Grundwissen«, um die darin enthaltene Mystik auf einer ganz anderen Ebene zu verstehen, als jemand der sich beispielsweise zuerst einmal die Stammbäume der Propheten oder ähnliche religiöse Kenntnisse aneignen muss.

Der Sohar: Buch des strahlenden Glanzes

Die Gestalt des menschlichen Seins wurde im Kontext der Kabbala zum ersten Mal im Buch Sohar erläutert. Diese Schrift ist ein klassischer Text der jüdischen Mystik, die erst im Mittelalter, Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auftauchte, doch bereits im zweiten Jahrhundert n. Chr. entstanden sein soll.

Als Autor des Buches Sohar gilt der bedeutende jüdische Gelehrte Schimon ben Jochai, den manche als »Vater der Kabbala« bezeichnen. Gut möglich jedoch, dass es sich bei dieser Person um eine Kunstfigur handelt, die von dem Kabbalisten Mosche de Leon (1250-1305) erfunden wurde, was anscheinend auch seine Witwe später bestätigt haben soll.

Wie dem auch sei, wird dazu angegeben, dass der legendäre Schimon ben Jochai nun tatsächlich vom Propheten von Elija den Auftrag den Auftrag erhalten haben will, das Buch Sohar zu verfassen. Er sollte darin die Lehren vom Wesen Gottes in eine Form bringen, die ihm erlaubte von seinen Zeitgenossen auch verstanden zu werden. Da Gott aber verborgen ist, blieben auch die Mitteilungen über seine Natur höchst spekulativ. Aus diesem Grund kann man über das Buch Sohar sagen, es sei eine esoterische Auslegung der Tora (die fünf Bücher Mose). Für diese Auslegung beschreibt der Sohar vier Stufen, auf denen das Verstehen der Mystik der Tora erfolgen kann:

  • Pschat, der wortwörtliche Sinn der Tora,
  • Remez, seine allegorische Bedeutung,
  • Drasch, die Auslegung seiner Bedeutung im Leben und
  • Sod, seine esoterische, mystische Bedeutung.

Nicht zufällig wurde diese Reihenfolge gewählt, lässt sich aus den ersten Konsonanten dieser vier hebräischen Wörter doch der Begriff »P-r-d-s« bilden, mit entsprechenden Vokallauten versehen also »Pardes«: das Wort für den sagenhaften Obstgarten der Bibel, entsprechend dem deutschen Wort »Paradies«.

Schimon ben Jochai galt das Studium der Heiligen Schrift wie ein Gang durch den blühenden Garten des Paradieses, jenem heiligen Ort der biblischen Legende, auf dem später der Tempel Salomos errichtet werden sollte, dort auf dem Berg Zion, dem Wohnsitz JHVHs, dem Herrgott der Israeliten.

Siehe, ich und die Kinder, die der Herr (JHVH) mir gegeben hat, sind zu Zeichen und Mahnmalen in Israel geworden, vom Herr der Heerscharen, der auf dem Berg Zion wohnt.

- Jesaja 8:18

Sefiroth-Baum - ewigeweisheit.de

Der Lebensbaum der Kabbala: Jeder der Pfade die die 10 Sefiroth (große Kreise) verbinden, entspricht einem der 22 Buchstaben des Hebräischen Alphabets. Einen interaktiven Lebensbaum finden Sie hier.

Die wiederum vier Buchstaben des in diesem Zitat erwähnten JHVH (herb. יהוה, »Herr«), sind auf esoterische Weise verbunden mit der Zahl Zehn (theosophische Addition der Zahl Vier ergibt Zehn, denn 1 + 2 + 3 + 4 = 10). Und davon ausgehend spricht der Sohar auch von der Vorstellung von den zehn Sefiroth als die Sphären der Manifestation Gottes.

Über diesen zehn Manifestationen aber lässt sich das Unendliche erkennen, das die Kabbala »Ayn Soph« nennt (auch: En Sof, »das kein Ende hat«), aus dem sich das Sein aus einem einzigen Lichtpunkt (Dimension Null) in die vielfältigen Erscheinungsformen der Welt entfaltet – auch jetzt in diesem Moment.

In dieser Entwicklung der Welt nun kam es dann auch zur Erschaffung des Menschen in Gottes Ebenbild, wie davon in Genesis 1:26 die Rede ist:

Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!

Was hier als »Bild« übersetzt wurde, das nennt die Kabbala das »Zelem«, die Formstruktur des in menschlicher Gestalt erscheinenden Gottes, über den gesprochen wird in der Bibel als »Zelem Elohim«, das heißt also »Gottes Angesicht«. Worauf obiges Zitat aus der Genesis natürlich hinweist, meint eben die Erschaffung des Menschen als Abbild des Göttlichen. Der Mensch kam in die Welt in Bezug zum Urbild Gott. Er ist das Ebenbild einer himmlischen Struktur, die Gott in eine körperliche, physische Form des Leibes auf Erden kleidete: zum ersten Mal als Adam.

Kann es Teile eines einigen Gottes geben?

Diese Auffassung von der Erschaffung des Menschen, beinhaltet allerdings ein Problem, das sich aus der Einheit des Göttlichen ergibt. Denn wie kann der Eine etwas erschaffen, dass seinem Ebenbild entspricht, doch dabei nur Eins bleiben, wenn doch eben ein Anderes, ihm gleiches Sein existiert?

Es scheint diese Interpretation, die durch die jüdische Mystik des Sohar in die Welt kam, nicht wirklich den Vorstellungen der Bibel zu entsprechen. Denn was den Mystikern da wichtig war, war die Frage:

Was eigentlich erzeugt die besondere und individuelle Essenz jedes menschlichen Wesens?

Bei dieser Frage ging es nämlich um die Seelenwanderung, etwas, dass unter Kabbalisten im Allgemeinen angenommen wurde. Aus diesem Grund empfanden es manche jedoch angemessen daran zu zweifeln.

Aber warum?

Die Voraussetzung der Seelenwanderung erhebt das Menschsein, als Abbild Gottes, in eine kosmische Ebene, so dass sich die Seele nicht nur während der Zeit eines Menschenlebens entfalten kann, sondern darüber hinaus fortlebt und dabei zu erreichen vermag, was ihr bisher vorenthalten blieb. Hierbei taucht eine weitere Frage auf:

Wie soll sich das Individuum vor diesem Hintergrund verwirklichen können?

Noch bevor der Sohar veröffentlicht wurde, nahm dazu Stellung der Schriftgelehrte Isaak ben Abraham ibn Latif von Toledo (1210-1282). Seiner Meinung nach konnte es so etwas wie Seelenwanderung gar nicht geben. Eine Vorstellung dass die Seele in der Welt fortbestünde, erschien Ibn Latif als schlicht absurd. Wie nämlich konnte einer versuchen das Göttliche im Menschen herleiten zu wollen, anhand der Vorstellung von einer Seelenwanderung? Damit nämlich würde man die Absicht jeglicher Individuation eines Menschen schlicht überflüssig machen.

Jene aber, die an die Seelenwanderung glauben, unterstellen Ibn Latif dass er sich eben noch nicht bewusst war dessen, was jedem individuellen Leben auf Erden eigentlich inhärent ist, als ein besonderes Element seiner eigenen Erscheinung. Und daraus ergibt sich die Frage nach dem Zelem des Menschen, etwas das geschaffen wurde, eine astrale Gestalt, in der sich die eigentliche Inkarnation abbildet.

Ist es also eine kabbalistische Form einer Vorstellung vom Selbst, als einer tiefer spirituellen menschlichen Essenz?

Oder ist es eine Art intuitive Vorstellung von seinem Astralleib, einem übernatürlichen Körper des Menschen?

Eine eindeutige Antwort darauf zu finden ist schwer. Zumindest aber ließe sich sagen, dass wenn dieser Astralleib des Menschen als solcher existiert, dann aber eine vermittelnde Funktion besitzten muss, als sozusagen die dritte Instanz ist, zwischen Körper und Seele. In diesem Astralleib, den wir zuvor mit dem Wort Zelem definierten, manifestiert sich im Menschen ein magisches Selbst, als reine, individuale Gestalt eines schaffenden Elements.

Das, anders als wir hier, keiner der Schriftgelehrten wagte eine Schlussfolgerung zur Gestalt des Zelem niederzuschreiben und damit festzulegen, mag wohl an ihrer grundsätzlichen Geisteshaltung gelegen haben. Sie wollten nämlich nur indirekt auf etwas hindeuten, dass ihren Schülern erst im Erfahren eigener Erkenntnisse begreiflich werden sollte.

Schreiben über mystische Erfahrungen

Gemäß Scholem war den Kabbalisten, anders als was über christliche und muslimische Mystiker bekannt ist, weniger wichtig die persönliche Erfahrung zu beschreiben. Ihnen galt vielmehr eine Objektivierung der Heiligen Schrift als erstrebenswert, gelöst von dem Wunsch nach eigener Mitteilung. Was die Rabbiner in ihren mystischen Erfahrungen erlebten, wurde darum nur äußerst selten als ausdrückliche Beschreibung preisgegeben.

Den meisten Kabbalisten war wichtiger den Leser an das angedeutete mystische Wissen heranzuführen, ohne sich dabei etwa selbst ins Spiel bringen zu wollen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass sie nicht auch selbst solche Erfahrungen gemacht hätten. Wie sonst nämlich wäre ihnen gelungen darüber auch zu schreiben?

Bei alle dem steht fest, dass die Kabbala sehr lange Zeit eine reine Geheimlehre blieb, über die keiner außerhalb des Kreises mit anderen sprach. Wie auch soll man das Unbeschreibliche, das wohl einer in einer ekstatischen Erfahrung, in seiner mystischen Vereinigung mit Gott macht, anderen anschaulich beschreiben wollen? Ebenso schwer wäre es wohl jemandem erklären zu wollen, wie es sich anfühlt wenn die Zunge ein Salzkorn berührt, der diese Erfahrung noch nie selbst machte.

Wenn nun also in den ersten Schriften der Kabbalisten gewagt wurde, über jene Geheimnisse mystischer Erfahrung zu sprechen, erfolgte das stets über besondere Zitate aus der heiligen Schrift, die eine ähnliche Erfahrung der darin beschriebenen Hauptakteure erwähnen.

Die Tore der Heiligkeit

In seinem Buch Schaare Keduscha, »Die Tore der Heiligkeit«, beschrieb der Hauptschüler des berühmten Kabbalisten Isaak Luria, der Rabbiner Chaim Vital Calabrese (1543-1650), eine kurze Anweisung zum mystischen Leben. Es geht in diesem Buch um diejenigen Eigenschaften, die ein Mensch in seinem Leben verwirklichen soll. Damit hatte er sozusagen ein Kompendium für »Kabbalistische Moral« geliefert, womit sich der Kabbala-Schüler auf ein wahrhaft heiliges Leben vorbereiten sollte, mit dem Ziel jedoch selbst prophetische Erkenntnis zu erlangen.

Was Vital aus allen möglichen Schriften älterer Kabbalisten schöpfte, sollte im Wesentlichen die Technik der Ekstase vermitteln. Das Buch, dass sich zwar in vier Teile gliedert, enthält leider nur drei Teile. Der vierte Teil wurde nie gedruckt,

da alles heilige Namen und verborgene Mysterien sind, von denen es sich nicht ziemt, sie zum Druck zu bringen.

so Vital.

Was er mit seinem Buch allerdings der Öffentlichkeit zugänglich machte, ist das, was wir oben bereits angeschaut haben, über die verschiedenen Anteile des Menschlichen Seins und die damit verbundenen Wesensglieder: Es geht im Schaare Keduscha um den fleischlichen Körper, der als Kleid der Seele auf Erden geboren, sich durch die Welt bewegt. Da spricht die Seele über ihre irdische Reise in Ich-Form, wie folgt:

Wie man weiß, ist der physische Körper des Menschen nicht seine eigentliche Identität. Man sagt dazu bloß Menschenfleisch, wie im Vers Hiob 10:11: 'Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Gebeinen und Adern hast du mich zusammengefügt.' Des Weiteren steht geschrieben in Exodus 30:32, 'Auf Menschenleib soll's nicht gegossen werden.' Daraus lässt sich erklären dass der Mensch die innere Erscheinung ist, wohingegen der Körper einem Gewand aus Fleisch und Knochen gleicht.

Die intellektuelle Seele, die die wahre Identität ist, ist in den Körper so lange eingesetzt, wie eine Person sich in der physischen Welt aufhält. Mit dem Tod jedoch entledigt sie sich von ihrem körperlichen Gewand, wie es in Sacharja 3:4 heißt: 'Nehmt die unreinen Kleider von ihm weg! […] Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen'. So wie der Schneider, nach Maß des Körpers einer Person, ein Kleid gestaltet, so auch macht Gott, gesegnet ist er, ein Kleid in der Form vom Ebenbild der Seele.

Er schuf 248 Organe plus 365 Adern die sie miteinander verbinden. […] Sobald Gott den Körper (des Menschen) geformt hatte, blies er ihm den Lebensgeist ein. Dieser Lebensgeist umfasst 248 spirituelle Organe und 365 spirituelle Adern, die in den 248 Organen und den 365 Adern des physischen Körpers angelegt sind. Damit verwirklichen sich die Organe der Seele durch die Organe des Körpers, die ihre Werkzeuge sind, wie die Axt in der Hand des Waldarbeiters. Der Beweis dafür ist die Tatsache, dass die physischen Organe nur solange ihre Funktionen ausführen, solange die Seele in ihnen weilt. […] Mit dem Tod, wenn die Seele entweicht, erlöschen die Lebenskräfte die den Körper zusammenhielten. Darum zerfallen dann die physischen Adern und Organe, verwesen und werden, so als ob sie niemals waren. Daher sehen wir, dass die eigentliche Identität einer Person ihre intellektuelle Seele ausmacht und den Körper bewohnt, der ihr als Gewand dient, während die Seele in dieser Welt bleibt.

- Aus Chaim Vitals Buch »Schaarei Keduscha«, Teil 1

Selbsterkenntnis und Prophetie

Was Rabbi Vital in seinem Schaarei Keduscha zu veranschaulichen versuchte, ähnelt also dem was wir zuvor sagten über das Zelem: das plastische Bild in dessen Gestalt der Urmensch erschaffen wurde. Gerschom Scholem verfasste aus der Handschrift Schuschan Sodoth hierzu eine Übersetzung, in der ein Rabbi Nathan, einer der Schüler des großen Abraham Abulafia, die Erscheinung dieser mystischen Gestalt des Zelem, in Verbindung bringt mit einer Erscheinung des menschlichen Selbst, das, wenn ihm ein Kabbalist begegnet, diesem die Gabe der Prophetie verleiht:

Wisse, dass das vollkommene Geheimnis der Prophetie für den Propheten darin besteht, dass er plötzlich die Gestalt seines Selbst vor sich sieht, wie sie mit ihm spricht und ihm das Zukünftige verkündet, und von diesem Geheimnis haben unsere Weisen gesagt: Groß ist die Kraft der Propheten, die die Gestalt mit dem Gestalter verglichen.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Wenn hier die Rede von der Gestalt und dem Gestalter ist, meint das eben wieder jenes Ebenbild Gottes (Genesis 1:26) in dem er den Urmenschen Adam formte und das auch alle anderen Menschen erhalten, sobald ihre Seele in die besagte Leibeshülle einzieht.

Auch von dem im 12. Jahrhundert lebenden Bibelkommentator Rabbi Abraham Ben Esra, erfahren wir über diese Gestalt in seinem Kommentar zum Bibelvers Daniel 10:21:

Der Hörende ist ein Mensch und der Redende ist ein Mensch.

- Übersetzung aus dem Schuschan Sodoth, aus Gerschom Scholems »Von der mystischen Gestalt der Gottheit«

Ben Esra sagt hier allerdings nicht, dass die beiden, Hörender und Redender, ein und der Selbe sind. Aber er weist darauf hin, dass es einerseits einen passiven, mit seinen Sinnen wahrnehmbaren, und andererseits einen von Geistigkeit erfüllten Menschen gibt, dessen Wesen ja die Sprache unterscheidet von den anderen Lebewesen.

Noch ein weiterer, nicht näher identifizierbarer Gelehrter, erfuhr ebenfalls diese Begegnung mit seinem Zelem. Darüber schrieb er:

Ich weiß und erkenne mit völliger Gewissheit, dass ich kein Prophet bin und keines Propheten Sohn, dass der Heilige Geist nicht in mir ist und ich keine Gewalt über die »himmlische Stimme« habe […] dass ich eines Tages saß und ein kabbalistisches Geheimnis niederschrieb, und plötzlich sah ich die Gestalt meines Selbst mir gegenüberstehen und mein Selbst von mir entrückt und war genötigt und gezwungen, mit Schreiben aufzuhören.

Wie auch in dem anderen Zitat hierzu, waren die Autoren über das Ereignis sehr überrascht, war es doch eine Erscheinung des Göttlichen, beziehungsweise jenes persönlichen Engels, der laut Kabbala wesensmäßig dem Menschen zugehört. Wer sich dabei also selbst sieht, nimmt, laut der geschilderten Erlebnisse dieser Autoren, eine sich verselbständigende Emanation seiner eigenen Wesenheit wahr, die ihm als sein Astralleib erscheint, das was wir zuvor nun als das Zelem definierten.

Dieser engelhafte »Doppelgänger« entspricht der vollkommenen Natur des Menschen. Es ist sein ganz und gar vollendeter, astraler Leib, der gleichzeitig das himmlische Gewand ist, das in der Welt mit seinen guten Taten wächst.

Wenn es also bei obigen Schilderungen um die prophetische Schau ging, wird demjenigen, dessen Seele aufs äußerste gereinigt wurde und dann seinem persönlichen Engel begegnet, nicht mehr als nur die reine Lichtfläche dessen erscheinen, was das Göttliche zu repräsentieren bereit ist.

Geheimhaltung in der Esoterik

Das bisher Gesagte streifte das ein oder andere Thema im Gesamtwerk Gerschom Scholems. Und da er, wie schon angedeutet, überhaupt als erster Nicht-Rabbiner über die jüdische Mystik und Kabbala schrieb, gilt seine Arbeit als Standard für den Einstieg in die Thematik. Vor allem sein 1941 erschienenes Buch »Major Trends in Jewish Mysticism« (deutsch: »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«) gibt, wie der Titel verspricht, einen Gesamtüberblick über dieses weite Feld kabbalistischer Geheimwissenschaft.

Ob er damit aus orthodoxen Kreisen Kritik erhielt, davon kann wohl ausgegangen werden, gehören solche Themen wie die Kabbala eben zu jenen, die eigentlich nur Menschen mit entsprechender Reife zugänglich sein sollten. Damit sprechen wir aber etwas an, was wahrscheinlich bis heute in der gesamten Welt der Esoterik manchmal ein Problem zu sein scheint.

Das Menschen, die offen gestehen sich mit Esoterik zu befassen, belächelt oder sogar ausgelacht werden, das hat seine Gründe. Sie nämlich streifen doch meist nur die Oberfläche dessen, worum es in Wirklichkeit geht: Etwas dass von Unbefugten falsch verwendet, weitreichende Folgen nach sich ziehen kann.
In seinem Buch schreibt Scholem dazu:

Die mündliche Überlieferung und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen waren eher die Regel, als nur Erklärungen abzugeben. Die Vielzahl von Anspielungen die man in diesem Feld der Literatur findet, wie etwa 'Mehr kann ich nicht sagen' oder 'Ich habe es dir bereits mündlich erklärt', sind nicht einfach nur Anflüge besonderer Redekünste. Eben genau diese Vagheit ist der Grund, wieso viele Passagen bis heute ungeklärt blieben.

- Gerschom Scholem in »Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen«

Und diese Unklarheit hat anscheinend ihren Grund. Denn mit dem Schreiben über Kabbala, dürfte ein Autor eigentlich nur anspielen auf die tatsächlichen Bedeutungen bestimmter Themen. Über sie aber eindeutig zu sprechen oder zu schreiben, sollte er eigentlich vermeiden.

Offenbar hatten Eingeweihte darum ihre Gründe, wieso sie mit Außenstehenden nicht über ihre Geheimnisse redeten. Sie wollten damit Irrtümer abwenden, die sie schnell auf gefährliche Abwege bringen würden.

In unserer modernen Informationskultur wird der Trend jedoch immer stärker, alles an die Öffentlichkeit befördern zu wollen. Das allgemeine Mitteilungsbedürfnis ist gestiegen, da aber andererseits, durch die Verwendung moderner Medien, die Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen abgenommen hat. In der sogenannten »Esoterik-Szene«, scheint sich jedoch jeder dazu berufen zu fühlen, gefundene Geheimnisse sofort hinauszuposaunen, meist ohne selbst überhaupt ihren Hintergrund erfasst zu haben oder tatsächliche Kenntnis über ihre innere Bedeutung zu besitzen.

Bei der Unzahl an esoterischem Wissen auf das man heute Zugriff hat, dürfte es dennoch schwer sein, wirklich wertvolle und brauchbare Erkenntnisse aus solchen Büchern über Mystik, Kabbala und Magie zu gewinnen. Fest steht auch, dass jene die etwa auch in jüngerer Zeit über »Praktische Kabbala« schrieben, wie auch schon ihre Vorgänger, darunter wohl besonders Abraham Abulafia, sich durch ihre Veröffentlichungen immer auch groben Anfeindungen ausgesetzt sahen, wobei manche sogar verfrüht den Tod fanden. Ob letzteres Schicksal nur solche belangte die als »Uneingeweihte« das kabbalistische Geheimwissen verwendeten, sei einmal dahingestellt.

Vom Umgang mit magischem Wissen

Sobald da jedoch die Rede ist von »Praktischer Kabbala«, sollte man aufhorchen. Denn dieser Begriff steht eben für nichts anderes als für Magie – gewiss eine Kunst, doch sie wird gebraucht, um selbst göttliche Kreationen zu bewirken. Abraham Abulafia war so ein Praktischer Kabbalist. Er war jedoch bestrebt sich im Rahmen seiner Religion damit zu beschäftigen. So glaubte er sich abzugrenzen von dem, was man als Schwarze Magie bezeichnet. Ob es aber eine wirkliche Trennlinie zu dem gibt was manche »Weiße Magie« nennen, ist doch recht zweifelhaft. Denn sobald man sich mit den Kräften dämonischer Wesen (Genien) befasst, nähert man sich damit auch den magischen Kreisen eher finsterer Gebiete, aus denen sehr wahrscheinlich auch unheilvolle Wesenheiten wirken.

Wie aber soll man sich dann überhaupt mit dem befassen, was durch Rabbi Abulafia geschaffen wurde? Jene 72 Namen des Schem HaMephorasch stammen aus seiner Feder. Er fand eine Anleitung sie zu formulieren und Erkenntnis über ihren Bezug zu den übergeordneten Welten und kosmischen Bezüge herzustellen.

Ganz sicher wandte er dabei aber ein Wissen an, das ganz und gar nicht jüdischen Ursprungs gewesen sein muss, sondern schuf Korrespondenzen mit der magischen Traditionen des Ostens, um sie einmal so zu nennen. Dabei zählte Abulafia zu jenen die sich entschieden gegen alles stellten, was unter dem Titel »Magie« stand. Die von ihm gefundenen Heiligen Namen für magische Rituale zu verwenden, verurteilte er scharf. Magie war für ihn schlicht eine Verfälschung wahrer Mystik, die ja eine innere Schau des Göttlichen anstrebt. Wenn er darum die Heiligen Namen verwandte, wollte er damit das eigene Ich erkennen, durchschauen und damit die »Magie eines Insichseins« verrichten.

Niemals aber lag Abulafia daran, durch seine Lehre über die Heiligen Namen, äußere Resultate hervorzurufen oder etwas sinnlich Spürbares zu manipulieren. Doch er betonte auch, dass dies im Grunde möglich sei, mit dem feinen Unterschied jedoch, dass sich alle auf diesem Weg mit üblen Flüchen beladen würden. Die Kräfte eben halten sich immer die Waage. Wer sie selbst aus dem Jenseits beziehen mag, wird damit dennoch das Gleichgewicht so stören, dass es letztendlich auf ihn zurückfällt und wenn er sich nicht in Acht nimmt, es ihn oder das was ihm lieb ist, unter sich begräbt.

Darum auch waren alle, die dennoch so verfuhren, für Abulafia nur Irregeleitete, die gerade einmal gut genug dazu waren einen echten religiösen Schock zu erleiden, womit sie ein für alle Mal vom Feuer ihres Leichtsinns gebrandmarkt werden sollten.

Scholems Werk

Das die Beschäftigung mit der Kabbala eine gewisse Verantwortung und Lebenserfahrung voraussetzt, sollte das bisher Gesagte vorschlagen. Dass Scholem zu diesem Wissen über tatsächlich wissenschaftliche Forschung kam, soll darum nicht unerwähnt bleiben. Er lieferte eine Landkarte über die Geschichte der jüdischen Religion und Mystik, worin er peinlich genau auf Details und Quellen einging. Damit schuf er eine echte Alternative zu dem, was seit dem 19. Jahrhundert an entsprechender Literatur in Europa kursiert. Scholems Werk ist dabei so umfassend, dass es wohl Jahrzehnte bräuchte alles davon zu durchdringen. Die vielen Texte und damit in Verbindung stehenden Persönlichkeiten der jüdischen Mystik, die Scholem aus alter Zeit ans Licht brachte, sollte die Grundlage werden für kommende Generationen Studierender der Kabbala.

 

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Isaak Luria: Der Heilige Löwe von Safed

von S. Levent Oezkan

Der Löwe von Safed - ewigeweisheit.de

Ende des 16. Jahrhunderts wurde im palästinischen Galiläa, die kleine Stadt Safed zu einem Zentrum spiritueller Gelehrsamkeit. Hier formulierte man die wesentlichen Glaubenslehren der Kabbala und von hier aus breiteten sie sich schließlich aus, in der gesamten jüdischen Welt.

Die Kabbala-Mystiker Safeds übten großen Einfluss aus, auf das religiöse Denken der Juden ihrer Zeit. Dabei war Safed nicht einmal von historischer Bedeutung, da es weder in biblischem noch talmudischem Kontext auftaucht. Das sich die politische Rolle dieser kleinen Stadt jedoch änderte, lag an den eher ungünstigen Verhältnissen, die damals in Jerusalem herrschten. Denn während der osmanischen Herrschaft über die heilige Stadt, war man sich uneinig in der Haltung gegenüber den Rabbinern.

Zu den Söhnen der Stadt Safed aber zählten die Koryphäen der Kabbala: unter ihnen Moses Cordovero, Chaim Vital und vor allem Isaak Luria. Er nämlich sollte die Vorstellungen über das Judentum nachhaltig verändern.

Isaak Luria kam 1534 in Jerusalem zur Welt und der Legende nach, erschien seinem Vater noch vor seiner Geburt der Prophet Elija, der zu ihm sprach:

Du sollst wissen, dass der Alleinige Herr, Segen sei auf ihm, mich zu dir sandte, um dir die Nachricht zu überbringen, dass deine Frau einen Sohn zur Welt bringen wird. Du sollst ihn Isaak nennen. Er wird Israel aus der Gewalt der Schalen befreien (das Wort »Schale« wird in der Kabbala auch an anderer Stelle als Synonym für die Kräfte des Bösen verwendet, wie sie etwa in Zeiten des Krieges die Kräfte des Guten verhüllen). Er wird viele Seelen erlösen, aus ihren leidvollen Wanderungen. Durch ihn werden die Lehren der Kabbala der Welt enthüllt.

Sein Vater sollte schließlich erkennen, dass sich seine Vision im Wesen seines Sohnes bewahrheiten sollte, zeigte der sich ihm doch als außergewöhnlich kluges Kind. Doch Isaak Luria war gerade acht Jahre alt, als sein Vater plötzlich verstarb. Seine Mutter ging darauf mit ihm nach Kairo, wo er im Hause seines Onkels David ben Zimra aufwuchs. Der war oberster Rabbiner Ägyptens. Im Alter von fünfzehn Jahren verheiratete ihn sein Onkel mit seiner Tochter. Er erkannte Lurias wirkliche Größe und unterstützte ihn in den kommenden Jahren in seinen Studien.

In dieser Ausbildung lernte Luria alles was er als Rabbiner wissen musste. Auch eignete er sich in dieser Zeit die alten Symbole der Kabbalisten an, um daraus neue Denkweisen herzuleiten.

Isaak Luria befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeiten. Drum wollte er sein Wirken nicht nur auf den Talmud beschränken. Vor allem die Lehre der Kabbala interessierte ihn – die man »Wissenschaft der Wahrheit« nannte. Das Anliegen dieser Geheimlehre war die Tora ins genaueste zu untersuchen und die größten Geheimnisse der fünf Bücher Mose in ihr zu enthüllen. Unwiderstehlich schien Luria die Anziehungskraft dieser Geheimlehre. Doch auch jeder, der sich mit den Inhalten der Kabbala-Lehre zum ersten Mal befasst, dürfte Ähnliches verspüren. Dabei ist das Studium der Kabbala durchaus ein Lebenswerk und könnte, wenn möglich, über viele Menschenleben hinweg studiert werden.

Das Buch Sohar

So also kam Luria dazu, sein Leben ganz dieser Geheimlehre zu widmen. Seinem Eifer geschuldet, konnte er damit aber nicht mehr am alltäglichen Leben teilnehmen. Er zog sich vollkommen zurück und begab sich in eine kleine Einsiedelei am Ufer des Nils. Nur an Schabbat war er bei seiner Familie. Den Rest der Woche verbrachte er fastend in Gebet, Meditation und Studium der heiligen Schriften. Dieser völlige Rückzug in Askese begann, als er sich mit dem wohl wichtigsten Werk der Kabbala befasste: dem Sohar – Buch des Glanzes, das der sagenhafte Rabbi Schimon ben Jochai im 2. Jahrundert n. Chr. verfasste.

Luria begegnete einmal einem Händler. Der führte mit sich den Sohar, dieses eigenartige Buch jüdischer Esoterik. Er fragte den Mann, ob er ihm das Buch verkaufe. Doch der Mann meinte nur, dass er kein Gelehrter sei und in die Hände dieser Schrift eher zufällig kam und er es ihm einfach so überlassen könne. Erst damit, meinen Manche, begann Luria sich für die Mystik des Göttlichen zu interessieren. Sicherlich aber würden manche unterstellen, dass das tatsächlich untertrieben ist, denn Luria hatte fast schon einen fanatischen Enthusiasmus entwickelt, der ihn befähigte, in den kommenden acht Jahren sich voll und ganz dem Studium dieses Buches zu widmen, auch wenn er in den ersten Jahren nicht wirklich alles darin vollkommen verstand. Doch es heißt, Isaak Luria schaute direkt in die Ränge der Engel, wodurch sich ihm die Geheimnisse des Sohar immer mehr erhellten.

In der biografischen Literatur findet man keine Erwähnung über einen spirituellen Lehrer oder Meister, den Luria hatte, während seines zurückgezogenen Lebens am Nil. Anscheinend war so ein menschlicher Lehrer für ihn nicht vonnöten. Denn in jenen Tagen, so die Legende, trat er in Kommunikation mit dem Heiligen Propheten Elija – der ja Isaak Lurias Vater noch vor seiner Geburt erschienen war. Durch den Propheten löste sich seine Seele von allen körperlichen Banden und stieg auf, bis an die Wohnstatt des Himmlischen. Dort wurde ihm die göttliche Gegenwart gewahr, im Beisein all der vielen Seelen der Verstorbenen, der Heiligen und Schutzengel. Nach sechs Jahren schließlich träumte Luria von einer geheimnisvollen, himmlischen Stimme die zu ihm sprach und ihn aufforderte Ägypten zu verlassen. So also war Luria seinem asketischen Leben, auf Geheiß des Himmels gefolgt, was dazu führte, dass er dereinst Ägypten verlassen und sich ins palästinische Safed begeben sollte.

Eine spirituelle Bewegung in Galiläa

Bei alle diesen fast schon fantastisch anmutenden Beschreibungen, von Isaak Lurias göttlichen Eingebungen, dürfte es recht wahrscheinlich sein, dass er in seiner Zelle, neben dem Buch Sohar, auch eine kleine Bibliothek besaß, worin sich neben der Heiligen Schrift auch die Werke verschiedener anderer jüdischer Mystiker reihten. Schließlich verwies er immer wieder auf jene Rabbis, die sich in der geschichtlich langen Kette der mystischen Tradition im Judentum bilden.

Auf Geheiß jener mystischen Stimme, kehrte 1569 Isaak Luria zurück nach Palästina und ließ sich dort im galiläischen Safed nieder. Dort traf er auf seinen zukünftigen Lehrer Rabbi Moses Cordovero (1522-1570) – einem Nachkommen sephardischer Juden, die einst auf der iberischen Halbinsel lebten, von dort aber 1492 nach Galiläa fliehen mussten. Über einen Zeitraum von drei Monaten nun, begab sich Luria in die Lehre seines neuen Meisters. Doch Cordovero verstarb bereits nach relativ kurzer Zeit. In der Prozession zu seinem Grab erhielt Luria dann Kunde über seine zukünftige Rolle in Safed, als Lehrer der Kabbala.

Ein ergebener Schüler Isaak Lurias

Als Isaak Luria dann als Nachfolger Cordoveros seine Berufung als Kabbala-Lehrer in Safed begann, war sein Ansehen noch sehr gering. Seine Schüler waren eben den rationalen Stil Cordoveros gewohnt. Luria aber sah im spirituellen System des Sohar ein eher dynamisches Zusammenspiel in der Beschreibung der kosmischen Urarchetypen. Nur wenige aber wollten damals seiner Lehre folgen.

Auf einmal gewann ein anderer Rabbi in Safed Einfluss, der in den Reihen der Schülerschaft Isaak Lurias stand. Auf seinen Namen hatten wir bereits oben hingedeutet: Rabbi Chaim Vital (das »Ch« im Vornamen »Chaim« wird ausgesprochen wie das »ch« im deutschen »Nacht«). Der führte eine komplett neue Form ein, wie das Buch Sohar zu studieren sei.

Eines Tages nun bat Chaim Vital seinen Lehrer Isaak Luria, eine bestimmte Passage aus dem Sohar zu erklären. Lurias Interpretation des Textes war aber so außergewöhnlich, das Vital und alle anderen Anwesenden, damit auf einen völlig neuen Weg geführt wurden, um die Geheimnisse des Sohar nun tatsächlich auch zu begreifen. Auch nachdem Vital ihn nach einem weiteren Vers im Sohar fragte, gab ihm Luria eine Erklärung, die dem Frager wiederum völlig neue Perspektiven eröffnete. Vital begriff auf einmal die tiefer liegenden Geheimnisse dieses heiligen Buches, etwas das er bisher nicht erkannt hatte.

Dies musste auf Chaim Vital einen ganz enormen Einfluss ausgeübt haben und er erkannte, dass in Wirklichkeit doch Isaak Luria sein Meister war. Als er ihm ein andermal wieder eine Frage stellte, wies Luria diese zurück. Anscheinend wollte er Chaim Vital sogar aus den Lehrveranstaltungen ausschließen. Doch dieser fiel vor Luria auf die Knie und erflehte bei ihm weiter studieren zu dürfen. Schließlich gewährte im Luria die weitere Teilnahme.

Geistiges Erbe des Weisen Moses Cordovero

Was an Lehren über das biblische Schriftwerk und den Sohar in Safed geschaffen wurde, ist bis heute in der Welt der Kabbala von höchster Relevanz. Denn es scheint, als ergeben sich beim Studium der Lehren von Moses Cordovero und Isaak Luria, sich gegenseitig ergänzende Glaubenssätze. Cordovero neigte eher zur Rationalität und versuchte seine Lehre auf bestimmte Weise zu systematisieren, wozu ihm insbesondere der Sohar als wichtiges Hilfmittel diente. Das gab ihm die Chance zu neuen Erkenntnissen. Fest steht, dass Moses Cordovero zu den größten Theoretikern der jüdischen Mystik zählt. Gleichzeitig aber wäre falsch anzunehmen, dass er selbst ein reiner Vernunftmensch gewesen sei. Nie fehlte es Cordovero an mystischen Gewahrsein. Er war es nämlich der die verschiedenen Stufen der göttlichen Emanationen, wie wir sie im Lebensbaum sehen, auf ganz einzigartige Weise erklärte, als einen Vorgang visionären, göttlichen Denkens.

Moses Cordovero erklärte das Verhältnis des unendlichen Ayn Soph (auch: En Sof) zum instrumentalen Organismus der Kelim – den Gefäßen der Sefiroth. Immer wieder, so Cordovero, stoßen auf diese Kelim, aus der Unendlichkeit die Kräfte des göttliche Werkes. Danach ziehen sich diese Wirkungen wieder zurück, um aber dereinst erneut auf die Schöpfung einzuwirken. Und in dieser Wechselwirkung steht Gott zu seiner Schöpfung, in einem ihr innewohnenden Konflikt, denn er ist sowohl ihr Lenker als auch das Gelenkte selbst, womit also Gott und seine Schöpfung eins sind. Cordovero aber gelang es diesen eigentlichen Widerspruch aufzulösen und auf gekonnte Weise so zu systematisieren, das sich aus der problematischen Frage nach dem Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung, ein verständliches System entwickeln ließ. Cordovero meinte eben, dass alle Realität mit Gott identisch sei, nicht aber alle Realität Gott selbst ist. Für ihn war der Begriff Ayn Soph damit gleichbedeutend mit einem »Weltdenken«, einer geistig-göttlichen Substanz, worin alles Seiende existiert. Damit sind der Schöpfer und seine Schöpfung im Erschaffenen eins – Gott ist Alles und nichts existiert außerhalb seines Seins.

Das außergewöhnliche Werk, das Cordovero seiner Nachwelt hinterließ, schuf er in verhältnismäßig kurzer Zeit, denn er starb bereits im Alter von 48 Jahren. Moses Cordovero aber hatte die Gabe, die spirituell-mystischen Inhalte der Kabbala in eine einfache, verständliche Form zu bringen, die den Leser befähigten, die hinter dem Inhalt seiner Schriften wirkende Weisheit, auch tatsächlich in ihrer Kernaussage zu erfassen und zu verinnerlichen.

Isaak Lurias Grab - ewigeweisheit.de

Verehrer an Isaak Lurias Grab im galiläischen Safed.

Was Luria hinterließ

Im Wirken Isaak Lurias sollte sich alles spätere reflektieren, was in der Kabbala Bedeutung hatte. Gewiss ließe er sich als größter Gelehrter der gesamten spirituellen Kabbala-Bewegung Safeds bezeichnen. Sein Wirken, in diesem kleinen Ort Galiläas, entfachte nach seinem Tod eine regelrechte Heiligenverehrung. Auf seinen Spuren bewegen sich noch heute Kabbala-Schüler, entlang unzähliger Wegweiser, die an die mit diesem Meister zusammenhängenden Legenden erinnern.

Nicht etwa aber hinterließ Isaak Luria, in seiner recht kurzen Lebenszeit von gerade einmal 38 Jahren, ein Schriftwerk. Es heißt, er war ganz und gar kein Literat. Alles was man über Luria weiß, erhielt sich über seine Schüler, die ihn jedoch wie ein übernatürliches Wesen verehrten. Einer von ihnen fragte ihn einst, wieso er keine seiner außergewöhnlichen Lehrreden in Buchform brachte, worauf ihm Luria antwortete:

Es ist gänzlich unmöglich, stehen doch alle Dinge miteinander in Wechselbeziehung. Ich kann kaum meinen Mund zum Sprechen öffnen, ohne dabei das Gefühl eines brechenden Dammes zu verspüren, von dessen Wassern alles überspült wird. Wie soll ich das denn in einem Buch niederschreiben, um damit auszudrücken was meine Seele tatsächlich empfängt?

Und doch versuchte Luria, während seiner drei Jahre in Safed, seine Gedanken in einem Buch niederzulegen, was seine Verehrer unter dem Titel Kithve Ha-Ari führen: »Die Schriften des Heiligen Löwen«. Darin schrieb er Kommentare zum Buch Sohar, was sicherlich nur einen kleinen Ausschnitt seines eigentlichen Wissens und seiner Weisheiten zusammenfasst.

Seine mystischen Hymnen zum Schabbat aber, sollten selbst in die jüdische Religionstradition übergehen. Bis heute findet man sie in fast jedem jüdischen Gebetbuch.

In Gegenwart der Schekinah

An jedem Vorabend zum Schabbat wird die Heilige Schekinah – die Göttliche Gegenwart in ihrer weiblichen Dimension – von den Gläubigen eingeladen, diese Welt auf Erden weitere sechs Tage zu bewohnen. Mit dem Singen der Hymnen Lurias, zelebrieren die Gläubigen die Heilige Hochzeit des Himmlischen und des Irdischen, von Gott und seinem Volk Israel, das »der paradiesische Fall« ja vor sehr langer Zeit trennte.

Hierzu wird ein Tisch mit dem Schabbat-Mahl gedeckt, den einstigen Tempel symbolisierend, worin Gott als Gast gebeten wird, sich eben dort, im Kreis der Familie niederzulassen. Der Schabbat-Tisch wird damit zum »Landefeld«, wo sich Gott vergegenwärtigt in dem darauf befindlichen siebenarmigen Leuchter (Menora), im Salz, im Brot, im Fleisch, im Wein und im Fisch. Der Fisch aber ist das Symbol des Schabbat.

Hymnen singend
Trete ich ein durch die Tore,
Zu den Feldern
Der Heiligen Äpfel.

Einen neuen Tisch
Decken wir für sie
Ein hübscher Kandelaber
Ergießt sein Licht über uns.

Zwischen rechts und links
Nähert sich die Braut,
Geschmückt mit heiligen Juwelen
Und festlichen Gewändern.

Ihr Ehemann umarmt
Ihr ganzes Dasein,
Ihr Freude spendend,
Seine Kraft zu ihr hinausdrängend.

Marter und Mühen
Sind beendet.
Jetzt sind die Gesichter,
Sinne und Seelen fröhlich.

Große Freude ist da
In zweifältigem Maße.
Licht scheint auf die Braut
Und Ströme des Segens.

Brautführer, geht hin
Und bereitet vor die Zierde der Braut,
Essen verschiedener Arten
Alle Arten von Fisch.

Um Seelen
Und neue Geisteswesen zu zeugen
Auf den zweiunddreißig Zweigen
Und drei Ästen.

Sie trägt siebzig Kronen
Und den überirdischen König
Damit alle gekrönt werden
Im Allerheiligsten.

Alle Welten sind in ihr eingraviert
Und in ihr verborgen,
Doch sie strahlen fort
Vom »Alten der Tage«.

Möge es Sein Wille sein
Unter Seinem Volke zu verweilen
Das sich Seinetwillen erfreut
Mit Süßigkeit und Honig.

Im Süden stelle ich auf
Den verborgenen Kandelaber,
Im Norden mache ich Platz
Für den Tisch der Brote.

Mit Weinbechern
Und Myrtenzweigen
Die Verlobten beschütze,
Die Schwachen stärke.

Wir flechten ihnen Zöpfe
Aus kostbaren Worten
Die Siebzig zu krönen
In fünfzig Toren.

Die Schekinah sei geschmückt
Mit sechs Sabbat-Laibern
An jeder Seite verbunden
Mit dem himmlischen Heiligtum.

Geschwächt und ausgestoßen
Die unreinen Mächte,
Die bedrohlichen Dämonen
Sind nun gefesselt.

Grundkonzepte der Lurianischen Kabbala

Den größten Teil dessen, was Isaak Luria seinen Schülern lehrte ist uns durch Chaim Vitals Arbeit erhalten geblieben. Er nämlich war es, der alles genau dokumentierte und niederschrieb, was Luria mit seinen Schülern besprach. Vital schrieb außerdem über Isaak Lurias besondere Charakterzüge, womit er der Lehre seines Meister auch eine authentische Note verlieh. Das Wichtigste dieser Notizen ist zusammengefasst in dem kabbalistischen Buch Etz Chaim – zu deutsch: »Baum des Lebens«. Doch auch zu Lebzeiten Vitals, blieben die Lehren Lurias Geheimwissen. Wer Kopien seiner Texte herstellte, dem drohte der Ausschluss aus der Gemeinde, was zu damaliger Zeit einen erheblichen, sozialen Einschnitt im Leben eines Juden bedeutete. So also blieb die Lurianische Kabbala lange Zeit eine verborgene Lehre, in Safed aufbewahrt und nur besprochen im engen Kreise seiner Schüler.

Die Entstehung der Seele im Angesicht des Göttlichen

Charakteristisch für Lurias System der Kabbala, sind die sogenannten »Partzufim«, die Gesichter der Schöpfung, die als Vermittler zwischen Gott und seiner Schöpfung fungieren.Sefer Yetzirah (hebr. ספר יצירה).Kabbala Lebensbaum nach Rodurago

Vor der Erschaffung der Welt, erfüllte das Ayn Soph einen unendlichen Raum des Nichts und war damit identisch, doch es barg in sich das Potential des Entstehens. Denn die Leere nimmt alles auf, was sich in sie begibt. So auch kam es laut Lurianischer Kabbala zu Gottes Entschluss zur Schöpfung. Auf einmal zog sich dieser unendliche Raum des Ayn Soph, in sich selbst zurück. Das heißt also, das in der ewigen Unendlichkeit dieser Leere, sich alles auf einen Punkt zusammenzog und darin konzentrierte, was eben dem Zustand entspricht, den die moderne Kosmologie »Urknall« nennt, wo sich in einem unendlich kleinen Punkt, die Masse des gesamten heute existierenden Universums konzentrierte und worin Raum und Zeit noch eins waren – doch im nächsten Augenblick das Nichtsein in ein Sein überführt wurde. Aus der Konzentration des universalen Seins, vor dem Schöpfungsakt, brach das hervor, was die Kabbala Ayn Soph Aur nennt: »Das unendliche Licht«. Um dieses Licht aber bildeten sich zehn kreisförmige Schalen oder Behältnisse, hebräisch Kelim, die die Kabbala Sefiroth nennt – die »Sphären der Schöpfung«. Durch sie entstand das Universum in seiner Einheit, aus der sich dieses unendliche Licht ausbreitete, doch sein Zentrum nie ganz verließ.

Vom Rande dieser kreisförmigen Schöpfung nun durchbrach ein Licht die einzelnen Schalen, und drang vor bis ins innerste Zentrum. Von den zehn Sphären jedoch, hielten dem Andruck dieses Lichtstroms nur die äußersten, die obersten Sefiroth (Sphären) stand, da sie sich am nächsten zum Ayn Soph befanden. Die inneren sechs Sefiroth konnten dem Lichtstrom nicht standhalten und zerplatzen. Darum war es wichtig sie aus dem Lichtstrom zu entfernen. Und das war der Moment, als die Partzufim entstanden – die »Gesichter der Schöpfung«.

So transformierten sich die zehn Sefiroth in die göttlichen Gesichter der Partzufim. Aus der Sefirah Kether (Sefirah ist der Singular von Sefiroth) formte sich Arik Anpin, das »Große Gesicht« aus dem wiederum die zweite Sefirah Chokmah hervorging, die Luria Abba nennt, den »Vater«, was das aktive Prinzip der Schöpfung repräsentiert. Hierzu formte sich das Gesicht der Imma, der »Mutter«, als entsprechend passives Prinzip der Schöpfung.

Das verbliebene Licht der »zerplatzten Hüllen« der unteren sechs Sefiroth, formte Zeir Anpin, den »göttlichen Sohn«. Zu ihm, und abschließend, steht Nukvah, die »Tochter« oder Schekinah, jenes »weibliche Prinzip«, das sich in der Natur unserer Welt, aus der zehnten Sefirah Malkuth manifestierte.

Es muss nun aber unterschieden werden zwischen dem Licht der Sefiroth und den Scherben, die aus den zerplatzen Kelim (Schalen) in die Finsternis stürzten und dort das bilden, was in der Kabbala als die Klipoth bezeichnet wird. Sie sind die Ursache für die Entstehung des Bösen. Als Konsequenz daraus entstand eine Welt deren Gesetze auf Lohn und Strafe beruhen. Hätte Gott jedoch die Partzufim zuvor geschaffen, wäre es nicht zum Bruch der Kelim (Gefäße) der Sefiroth gekommen, wo doch aus ihren Scherben das Böse hervorgeht, dass die in diesem Schöpfungskontext entstandenen Seelen, seit Anbeginn ihrer Existenz, überwinden sollten.

Aus diesen fünf Göttlichen Gesichtern nun (also Arik Anpin, Abba, Imma, Zeir Anpin und Nukvah) gestaltete sich eine Metaphysik der Seele zu dem, was sich etwa als Lurianisches System der Psyche bezeichnen lässt. Gemäß dieser fünf metaphysischen Strukturen, gingen dabei die fünf Teile der Seele hervor: Jechida, Chaja, Neschama, Ruach und Nefesch (das »ch« in diesen hebräischen Begriffen wird ausgesprochen wie das »ch« im Wort »Nacht«, während das »j« wie beim deutschen Wort »Jahr« ausgesprochen wird). Die erste Seele gilt als die spirituell höchste, die letzte in dieser Reihe als die spirituell niedrigste, wobei die Verantwortung der menschlichen Seele als solche, ein Bindeglied bildet zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, worin sich Göttliches und Weltliches konzentrieren.

Aus diesem spirituellen Seelenleib, ging als geistiger Mensch hervor Adam Kadmon – Urbild des Menschen, aus dem der irdische Adam hervorging. Mit seiner Versündigung am Baum der Erkenntnis aber, fiel der irdische Adam in die materielle Welt, worauf er sich mit dem menschlichen Körper unserer Spezies bekleidete. Doch sich aus den geistigen Gefilden des Zeir Anpin lösend, riss er mit sich jene Splitter der sechs unteren Sefiroth (siehe oben), die seit jeher auch in jedem Menschen veranlagt sind, doch gleichzeitig von jedem Individuum überwunden werden können und sollen, und zwar durch seine Hinwendung zum höchsten und reinsten Teil seiner Seele, die dem reinen Urlicht der Schöpfung am nähsten ist – jenem Licht das aus Arik Anpin hervorstrahlt.

Adam Kadmon Baum - ewigeweisheit.de

Die zehn göttlichen Attribute der Sefiroth bilden den Urtypus Mensch: Adam Kadmon. Illustration von Isaak Meyer in einem Buch von Christian Ginsburg: »The Kabbalah - its Doctrines, Development and Literature«, aus dem Jahre 1888.

Rückkehr der Seele

Zu dieser Lehre der Seelenwanderung, fügte Isaak Luria den Begriff des Ibbur hinzu – der »Schwängerung der Seele«. Was ist damit gemeint?

Verstarb ein guter Mensch, kann es manchmal vorkommen, das seine Seele zeitweilig die Seele eines auf Erden verkörperten, lebenden Menschen durchdringt und dabei sozusagen mit positiven, geistigen Impulsen »schwängert«. Im Gegensatz dazu steht der Dibbuk, der Seele eines Toten, die sich aufgrund ihrer Verfehlungen nicht von der irdischen Existenz trennen konnte und darum seither verzweifelt nach einem lebenden Körper sucht, um diesen zu besetzen und für seine widergeistigen Zwecke zu missbrauchen.

Ziel des Ibbur allerdings ist, seine religiösen Verpflichtungen auf Erden nachzuholen, wobei sich die Seele des Verstobenen mit der eines Lebenden verbindet, um Gutes zu vollbringen. Jene wiederkehrende Seele erscheint auf Erden erneut, um einer schwachen Seele bei ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Bei alle dem aber geschieht dies nur für Seelen homogenen Charakters. Laut Isaak Luria trägt ein Mensch auf seiner Stirn ein Zeichen, was dem Kenner erlaubt daran die Seelennatur ihres Trägers abzulesen (ausführlicher beschrieben im Buch Sohar, Stichwort »Stirnfalten«).

Die rituelle Praxis

Für Luria besaß jedes der Zehn Gebote auch eine mystische Dimension. Und vor diesem Hintergrund galt ihm der Schabbat als der Tag, an dem sich die Gottheit im alltäglichen Leben, in Gegenwart der Menschen manifestiert. Jede rituelle Handlung, die am Schabbat vollzogen wird, soll im Umkehrschluss darum auch auf die obere Welt zurückwirken. Voraussetzung dafür aber ist, dass man die Silben der heiligen Namen im Gebet, in Meditation und vollkommener Ergebenheit rezitiere.

Isaak Luria versuchte damit das mystische Judentum stellvertretend für das rabbinische Judentum einzutauschen. Gut möglich, dass nach seinem Tod darum die oben zitierten Hymnen zum Schabbat so weite Verbreitung fanden, eben auch unter Gläubigen, die sich weniger der Kabbala zugewandt haben. Sein spirituelles Erbe sollte dereinst aber den Weg ebnen für die Lehren des asketischen Sabbatianismus.

Wenn man sich auf die Spuren der Geschichte der Lurianischen Kabbala begibt, findet man an ihr aber doch auch recht dramatische Züge. Allerdings waren es weniger seine Schüler, die zu so etwas beigetragen hatten. Was Chaim Vital an Lurias Lehren systematisierte, behandelte er, wie gesagt als strenge Geheimlehre. Allein seinen Mitschülern gab er die theosophische Lehre ihres Meister Isaak Luria weiter, und verlieh ihr dabei sogar einen recht akademischen Beiklang. Lurias Kabbala wurde also nur im Kreise seiner Schüler in Safed weiter gelehrt und kommentiert. Bis zu Vitals Tode im Jahr 1620 in Damaskus, wurde nicht ein einziges seiner Bücher über Lurias Kabbala vervielfältigt. Gut möglich jedoch, dass manche seiner Texte im Geheimen kopiert wurden und sich so auch über die Grenzen seiner Schülerschaft aus Safed hinausbewegten – sicher aber auch, weil er Schüler unterrichtete, die eben nicht zum direkten Kreise Lurias gehört hatten.

Die Lurianische Kabbala fand also, wenn man so will, erst durch andere Kabbalisten zu ihrer Verbreitung. Doch über sie gelangten die darin besprochenen Lehren Ende des 18. Jahrhunderts auch nach Europa – im sogenannten »Zeitalter der Aufklärung«, während der großen Reformbewegungen in der Geschichte des Westens. Alles was damals jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangt war, das ist auch heute noch im Verborgenen.

 

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Die magischen Werke eines Rastlosen: Agrippa von Nettesheim und die okkulte Philosophie

von S. Levent Oezkan

Agrippa von Nettesheim - ewigeweisheit.de

Einer der sonderbarsten Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, ist der Verfasser eines eigenartigen Werks: De Occulta Philosophia - drei Bücher über die Magie. Was hat sich der Autor dabei gedacht, als er geheime Traditionen und okkulte Schriften der Renaissance, in einem eigenen magischen System zusammenfasste?

Wen man damals nämlich verdächtige, sich mit Magie, mit Weissagekunst oder Nekromantie zu befassen, der konnte sich, doch auch seine Nächsten, in ernste Schwierigkeiten bringen. Sich mit solcher Geheimwissenschaft im 16. Jahrhundert zu beschäftigen, war ein äußerst abenteuerliches Unterfangen.

Im Aberglauben von einst, kannte man die wahre Bedeutung des Wortes »Magie« eigentlich nicht. Es ist ein Ausdruck indo-arischen Ursprungs, der einst die Künste einer alten Priesterkaste von Sterndeutern bezeichnete: den Magoi.

Heute verwendet man das Wort, um auf die Fähigkeit eines Menschen hinzuweisen, der etwas Außergewöhnliches, Unerklärliches zu tun vermag und durch geheime Macht auf die Dinge Einfluss nimmt. In der europäischen Renaissance aber glaubte man, Magie sei nichts als Teufelswerk. Was die Alten, als magische Handlungen fürchteten, dahinter vermuten die Menschen der Gegenwart vielleicht etwas Sonderbares, für das es aber sicher eine vernünftige Erklärung gibt. Kaum einer glaubt heute noch an das personifizierte Böse und schon gar nicht an die Hölle. Und wer sich jemandem als »Magier« vorstellt, dürfte ausgelacht werden.

Ahnungslosigkeit und Spekulation also – damals wie heute: Das Wort Magie bleibt ein Rätsel.
Wieso aber sollte man es lösen wollen?

Agrippa von Nettesheim, der Verfasser des Schriftwerks »De Occulta Philosophia«, hatte sich zur Aufgabe gemacht ein vollständiges Werk über die Geheimwissenschaften zu verfassen, was bis zum heutigen Tage die Hauptquelle vieler geblieben ist, die sich mit Hermetik, Kabbala, Alchemie, Numerologie oder Astrologie befassen. Seine Texte aber verwahrte der Autor zunächst im Verborgenen. Doch es blieb ihm nicht erspart, sich mit großen Unannehmlichkeiten und widrigen Umständen konfrontiert zu sehen. Schließlich schlug sein Wirken so große Wellen, dass man über ihn einfach sprechen musste – und das nicht nur unter Freunden.

Wir wollen im Folgenden versuchen, ein Bild des vielbewegten Lebens eines Mannes wiederzugeben, der sich, wie kaum ein anderer seiner Zeit, in so vielen Wissensgebieten auskannte und, wie es scheint, über schier übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen schien – doch niemals zur Ruhe kam.

Goldmacher und Kabbalist

Am 14. September 1486 kam in Köln Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim zur Welt, als Erbe eines alten und reichen Rittergeschlechts. Früh schon beschäftigte sich Agrippa, wie man ihn heute kurz nennt, mit den Geheimwissenschaften. Er arbeitete am »Stein der Weisen«. Damit bewegte er sich in fürstliche Kreise, deren Mitglieder bald zu seinen Gönnern wurden und ihn rühmten, wegen seines »Großen Werks«, der Goldmacherkunst.

Zu Agrippas Lebzeiten, zählten die Geheimwissenschaften zu den wichtigen Interessengebieten zeitgenössischer Gelehrter; man denke etwa an John Dee, Edward Kelley oder Isaak Luria, mit denen wir uns noch an anderer Stelle beschäftigen werden. Alles was Agrippa damals an Literatur zum Thema zur Verfügung stand, scheint er auch gelesen zu haben. Seine klassische Bildung war durchaus bemerkenswert: Er verstand acht Sprachen, kannte die Evangelien und biblischen Texte wie zu seiner Zeit kaum ein anderer.

Schon mit 21 Jahren begab er sich nach Paris und stiftete dort eine Geheimgesellschaft. Ihr Zweck: das Studium und die Praxis der geheimen Künste. Dieser Orden breitete sich später sogar aus über Frankreich, fand Mitglieder in Deutschland, England und Italien. Doch bald schon musste er aus finanziellen Gründen nach Köln zurückkehren. Trotzdem setzte er sich das Ziel, bald wieder in Paris zu sein.

Agrippa wechselte immer wieder seinen Platz in der Gesellschaft. Er fand sich als Krieger auf dem Schlachtfeld, ein andermal erfüllte er seine Pflichten als Lehrer. Später begab er sich wieder in Gesellschaft seiner Ordensfreunde, die sich mittlerweile sogar in Spanien fanden. Sein Geld aber verdiente er durch astrologische Deutungen und andere Geheimkünste.

1509 hielt er im alten burgundischen Dola (heute Frankreich) öffentliche Vorlesungen über das Werk Johannes Reuchlins (1455-1522). Dieser hatte zu Lebzeiten, als Christ, wahrscheinlich mehr zur hebräischen Literatur und der Geheimlehre der Kabbala beigetragen, als so mancher ordentliche Rabbiner. In einem seiner wichtigsten Werke »De arte cabalistica«, leitete er die Bedeutung der zehn göttlichen Urkräfte her (siehe: Sefiroth), die bis heute eine zentrale Rolle spielen in der Kabbala. Agrippa auf jeden Fall, erregte mit seinen Vorträgen über Reuchlins Werk großes Aufsehen bei seinen Zuhörern. Man ernannte ihn zum Lehrer der Theologie an der Akademie von Burgund. Selbst die Räte des Parlaments, wohnten seinen Vorlesungen bei.

Doch je erfolgreicher er damit wurde und je mehr Menschen er mit seiner Lehre erreichte, desto mehr geriet er bald auch in Konflikt mit der hohen christlichen Geistlichkeit. Alles was man da nicht mehr verstand, galt als Irrtum und war darum Ketzerei. Nach Meinung der Kirchenoberhäupter konnte es nicht angehen, dass einer ungestraft so geheimnisvolle Bücher öffentlich erklärte, wie jene von Johannes Reuchlin. Vor Allem der burgundische Franziskaner Jean Catilinet (1450-1530) wandte sich gegen Agrippas öffentliches Wirken. Er verleumdete ihn wegen seiner öffentlichen Lehrtätigkeit zur Kabbala und klagte ihn an als Ketzer.
Waren diese Kirchenmänner wie Catilinet, einfach nur Unwissende oder ahnten sie hinter Agrippas Dasein und Wirken noch etwas Anderes?

Einer der zu viele Geheimnisse kannte

Agrippa versuchte nach all den Anschuldigungen, die man gegen ihn vorbrachte, die Gunst der Statthalterin der habsburgischen Niederlande zu gewinnen: Margarete von Österreich (1480-1530). Er schrieb damals, wohl als Widmung, seine Abhandlungen von der Vortrefflichkeit der Frauen und die Vorzüge des weiblichen Geschlechts, und seine Schilderungen der weiblichen Schönheit. Sie brachte er auch in Verbindung mit den kabbalistischen Gesetzen. Doch es schien nicht, als erreiche Agrippa damit seinen Zweck. Denn die Verfolgung von Seiten der Kirche hielten an. Als Vertriebener setzte er sich 1510 nach England ab. Dort verfasste er seine Verteidigungsschrift. Auch mit den Briefen des Heiligen Paulus befasste er sich in dieser Zeit und im selben Jahr noch kehrte er in seine Heimatstadt Köln zurück. Dort hielt er eine Zeit lang Vorlesungen über verschiedene theologische Themen. Wieder fanden diese großen Zulauf.

Portrait von Johannes Trithemius - ewigeweisheit.de

Portrait von Johannes Trithemius von einem Meister H. B., entstanden zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert.

Auf einer Reise nach Würzburg, lernte er den Abt Johannes Trithemius (1462-1516) kennen: einem der größten Adepten der Magie und der Kabbala. Er blieb eine Weile bei seinem neuen Meister, von dem er Vieles gelernt haben will. Auf Trithemius' Anregung, verfasste Agrippa schließlich De Occulta Philosophia. Er wollte darin die alte Magie in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder herstellen und vom Vorwurf gefährlicher Irrlehren befreien.

Agrippas Wissen war zu diesem Zeitpunkt so umfassend, dass er auch über genaue Kenntnisse der Stoffe und der Alchemie verfügte. Man ernannte ihn nicht zufällig zum kaiserlichen Rat, denn sein alchemistisches Wissen »war Gold wert«, insbesondere auch, als es um die Verbesserung des Bergwesens zur Gewinnung von Erzen ging. Doch damit nicht genug. Im Jahre 1512 ernannte man ihn zum Hauptmann des kaiserlichen Heeres Maximilans I. Im Krieg gegen die Venezianer zeichnete er sich durch große Tapferkeit aus. Noch auf dem Schlachtfeld schlug man Agrippa zum Ritter. Seine militärischen Ehren, versuchte er auch seine akademische Anerkennung beizugesellen. Das Studium der Geheimwissenschaften aber setzte er über all die Zeit kontinuierlich fort.

Ich wurde Doctor beider Rechte und der Medizin, vorher noch Ritter. Diesen Stand (den eines Ritters) habe ich mir nicht erbettelt, nicht nach einer Seereise angenommen, nicht bei einer Königskrönung durch schamlose Aufdringlichkeit weggeschnappt, sondern auf dem offenen Schlachtfelde, mitten im Kampfe habe ich ihn durch Tapferkeit erworben.

Dereinst sollte Kardinal de Sainte Croix, Agrippa nach Pisa berufen, damit dort seine Talente als Theologe, ihm zu noch mehr Ruhm verhalfen. 1515 dann lehrte Agrippa im lombardischen Pavia. Er hielt dort Vorlesungen über den großen Hermes Trismegistos. Aber auch hier blieb er nur einige Zeit und es scheint. Musste er fliehen?

Agrippa: Anwalt, Arzt und Witwer

Agrippa war verheiratet und hatte einen Sohn. Von seiner Frau sprach er in höchsten Tönen. Sie war ihm, so wörtlich, »ein Weib nach seinem Herzen«, war schön, jung, klug und von edler Abstammung. Seine Freunde in Europa versuchten ihm eine ehrenvolle Stellung zu verschaffen, in Grenoble, Genf, Avignon oder in Metz.

1518 zog Agrippa nach Metz, wo er als Anwalt und Redner wirkte. Allmählich entspannten sich in dieser Zeit auch die Spannungen zwischen ihm und dem Klerus. Doch es war auch die Zeit, in der er sich unschuldig verfolgter Menschen annahm, die der Hexerei angeklagt auf seinen Rechtsbeistand angewiesen waren. Ein Jahr später aber schon, verließ er Metz wieder und begab sich erneut nach Köln. Dort hatte sich der Hauptsitz des deutschen Mönchtums entwickelt.

1521 verlor Agrippa seine liebe Gattin. Daraufhin reiste er nach Genf, wo er sich allerdings nicht in sehr günstigen Verhältnissen wiederfand. Bald schon reiste er wieder ab und kam 1523 ins schweizerische Freiburg, um dort als Arzt zu wirken, wie er es auch schon in Genf tat. Hier heiratete er ein zweites Mal eine Frau, die ihm ebenso lieb war, wie die erste.

Im Jahre 1524 setzte Agrippa seine Reisen fort. Damals kam er nach Lyon, wo er schon bald zu einem angesehenen Mediziner wurde. Die Mutter Königs Franz I. ernannte ihn zu ihrem Leibarzt. Später auch sollte Agrippa ihr als Astrologe dienen, um zu ermitteln, welchen Lauf der Heereszug ihres Sohnes nach Italien nehmen könnte. Agrippa jedoch verweigerte eine Erklärung dazu abzugeben. Es erschien ihm einfach lächerlich, sich mit solchen »Lapalien« zu beschäftigen. Diese Verweigerung nahm ihm die Königsmutter jedoch sehr übel. Schließlich hatte er in der Vergangenheit auch dem Herzog von Bourbon-Montpensier, einem erfolgreichen Heerführer, seine Erfolge prophezeit.

Im Laufe der folgenden vier Jahre, bedrückten Agrippa schwere Geldsorgen. Er verließ Frankreich und kam im Juli 1528 nach Antwerpen. Dort gewann er einen neuen Freund, dem er vielversprechende Aussichten stellte: ihn nämlich wollte er in die Geheimnisse der Alchemie einweihen. Bald erwarb er hier wieder einen sehr guten Ruf als Wunderarzt und erlangte auch in der Öffentlichkeit großes Ansehen. Das aber war auch die Zeit als seine zweite Gattin verstarb, die ihm mehrere Kinder geboren hatte.

Etwas Trost darüber fand er wohl, als er ein Jahr später von König Heinrich von England, dem Kanzler des Kaisers, zum kaiserlichen Archivar und Historiographen bestellt wurde. Doch all seine Erfolge, die ja nun in verschiedenen europäischen Städten bekannt waren, wurden ihm von jenen Mitgliedern des Klerus nicht gut vergönnt. Sie hatten ihn sogar beim Fürsten angeschwärzt. Auch bei anderen verleumdete man Agrippa. Besonders seine »Geheime Philosophie«, die er 1530 in Antwerpen drucken ließ, lieferte seinen Feinden neuen Stoff für Gründe, Agrippa zu verfolgen und auf die inquisitorische Anklagebank zu bringen. Schließlich warf man ihn 1531 tatsächlich in Brüssel ins Gefängnis. Glücklicherweise aber verblieb er dort nicht lange und schon im folgenden Jahr besuchte er den Erzbischof von Köln. Ihm nämlich hatte er seine Occulata Philosophia gewidmet. Der Druck seines Werkes konnte vielleicht darum und trotz der vehementen Angriffe der Inquisitoren, schließlich doch noch erfolgreich abgeschlossen werden. 1533 erschien die erste Ausgabe seines Buches.

Agrippa lebte später, bis 1535 in Bonn, hatte wieder geheiratet, doch sich von seiner dritten Ehefrau bald wieder scheiden lassen. Darauf kehrte er zurück nach Lyon. Hier aber warf man ihn in den Kerker, da er sich noch den Anschuldigungen der Mutter Franz I. ausgesetzt fand. Auf Bitte gewisser Unbekannter aber, ließ man ihn wieder frei.

Von Lyon machte er sich auf nach Grenoble, wo er aber dann noch im selben Jahr im Alter von 49 Jahren verstarb.

Der Mensch im Pentagramm - ewigeweisheit.de

Der Mensch im Pentagramm: Abbildung in Agrippas Werk über die Okkulte Philosophie.

Agrippa. Ein Schwarzmagier?

In der gesamten Zeit seines Wirkens, machten ihm seine Gegner den Vorwurf im Bund mit dem Teufel zu stehen und ein finsterer Zauber zu sein. Man unterstellte ihm, er solle immer einen schwarzen Hund bei sich geführt haben. Darüber berichtete sein Famulus Johann Wier:

Dieser schwarze Hund war von mittlerer Statur und hieß »Montfleur«, welches so viel als »Herr« bedeutet. Ich habe ihn besser gekannt, als irgend ein Anderer, und ihn nicht selten, wenn ich Agrippa begleitete, an einem Haarseile geführt; aber es war ein ganz natürlicher Hund männlichen Geschlechtes, dem Agrippa einen weiblichen fast von gleicher Farbe und Gestalt, den er »Mademoiselle« nannte, beigesellt.

Wie Johann Wier weiter meinte, liebte Agrippa seine Hunde über alles, dass er sie sogar öfters küsste und mit ihnen beim Essen zu Tische saß. Sogar im Bett sollen sie mit ihrem Herrchen geschlafen haben. Da Agrippa seine Wohnung teils wochenlang nicht verließ, doch über den Lauf der Dinge stets unterrichtet war, unterstellte man ihm, einer seiner Hunde sei der Teufel, der ihn über alles Geschehen unterrichte.

Als sich Agrippa dem Tode näherte, soll er diesen Hund zu sich genommen und sein mit Nägeln und nekromantischen Zaubersprüchen besetztes Halsband abgenommen haben und sprach darauf zu ihm:

Geh', unglückliche Bestie, die du Ursache meines ganzen Verderbens warst.

Dieser Hund sei dann zum Fluss Saône, westlich von Genf gerannt und habe sich in die rauschenden Wasser des Stromes gestürzt, ohne je daraus wieder zum Vorschein zu kommen.

Man unterstellte Agrippa, die Menschen so gut getäuscht zu haben, dass er in den Wirtshäusern seine Mahlzeiten mit Stücken aus Horn bezahlte, die die Wirte aber für bare Münzen hielten. Einer seiner Studenten kam ums Leben, als er in Abwesenheit seines Meisters den Teufel anrief. Als Agrippa nachhause kam, fand er dort dessen Leiche, während auf dem Dachfirst seines Hauses Dämonen tanzten. Einen von ihnen soll er dann in den Körper des Verstorbenen kommandiert haben, um ihn darauf hin auf den Marktplatz der Stadt zu zitieren.

Ist etwas an diesen Geschichten wahr? Oder waren es eher die üblen Verleumdungen seiner Gegner, die Agrippa als großen Zauberer in Verruf bringen wollten?

Es ist wohl nicht ganz zufällig, dass zu Lebzeiten Agrippas, die Geheimwissenschaften als solche, immer tiefer in die Verborgenheit verschwanden. Denn es war ihm wohl ganz und gar bewusst, dass er mit seinen okkulten Forschungen ein Wissensfeld betrat, das sehr wohl bei Anderen Missverständnis, Zweifel und sogar Furcht hervorrufen konnte. Wer öffentlich mit solchem Wissen auftritt, setzt sich Angriffen aus - das ist auch heute so. Stellt sich die Frage, wieso die Geheimlehren auch heute noch Menschen studieren?
Nun, es ist wohl bei allen Interessierten das Selbe: Sie suchen nach Wahrheit und haben das Verlangen die Wunder dieser Welt zu verstehen und mit dem so gewonnenen Wissen, ihr Leben zu etwas Besserem zu führen. Was spräche dagegen?

Viele Neugierige sind unter jenen, die sich selbst als Magier sehen, doch nicht die entsprechende Reife und Verantwortung entwickeln konnten. Sie gehen nur vom großen Nutzen ihres Geheimwissens aus. Die unzähligen Übel aber, die einem dabei auflauern können, werden von ihnen – aus Unwissenheit – leider ignoriert. Sie nämlich treten auf, wenn man diese Geheimnisse unrechtmäßig verwendet. Der Mensch ist leider unvorsichtig von Natur aus. Das rührt von seiner irdischen Körperlichkeit her, der er sich ja, dem Mythos nach, erst bewusst wurde, als er einst in den verlockenden roten Apfel biss.

Das Buch der Geheimen Philosophie

Agrippa versuchte durch sein Werk, solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, mit denen sich der magische Praktiker konfrontiert sieht. Einem seiner Lehrer, dem oben erwähnten Johannes Trithemius, schrieb Agrippa:

Als ich neulich bei Euch, Ehrwürdiger Vater, in Eurem Kloster bei Würzburg eine Zeit lang mich aufhielt, und wir viel über chemische, magische, kabbalistische und sonstige Wissenschaften und Künste gesprochen hatten, da wurde unter Anderem auch die wichtige Frage aufgeworfen, warum wohl die Magie, die einst nach dem einstimmigen Urteil der alten Philosophen den höchsten Rang einnahm und bei den Weisen und Priestern des Altertums stets im größten Ansehen stand, in der Folge den heiligen Vätern seit der Entstehung der katholischen Kirche immer verhasst und verdächtig gewesen und endlich von den Theologen verworfen, von den heiligen Konzilen verdammt und überall durch gesetzliche Bestimmungen geächtet worden sei.

Es gab eben Zeiten, wo sich böswillige Menschen, Pseudo-Philosophen und angebliche Magier in die Gesellschaft einschlichen, aus reinem Eigennutz. Sie trieben üblen Missbrauch der Geheimlehren und gingen damit vor, gegen die Ordnung der natürlichen Gesetze. Sie gaben auch Schriften heraus, die nur dem Zwecke dienten, tatsächlich Schaden anzurichten.

Nun ist sicher die Frage berechtigt: Werden nicht durch die Verbreitung geheimen Wissens, solche Pseudo-Magier überhaupt erst auf den Plan gerufen?

Es ist sehr leicht okkulte Weisheiten allein zur Befriedigung eigennütziger Zwecke zu missbrauchen, so nach dem Motto »mal eben etwas Magie und schauen was dabei herauskommt«. Was aber einmal ausgesprochen und vernommen wurde, was einmal gedruckt und gelesen wurde, lässt sich nicht mehr zurückziehen. Wer es »in den falschen Hals« bekommt, droht daran entweder zu ersticken, da er nicht über die nötigen Mittel verfügt die Geheimnisse entsprechend zu ordnen und bekömmlich zu machen, oder aber er verdaut solches Wissen zu etwas, wovon ihm nur die übelste Losung bleibt – miefender Abfall, über den sich all die parasitischen Dämonen und bösen Geister hermachen. Darum wohl zieht jeder, der von sich als Magier reden macht, recht schattenhafte, dunkle Spuren hinter sich her – oder aber wird als Scharlatan verlacht.

Es ist sinnlos, seine Zeit mit niedrigen Tätigkeiten zu verschwenden. Damit aber ist keineswegs einfache Arbeit gemeint. Eher geht es um die kleinen »Vergehen«, von denen man glaubt, sie schaden doch eigentlich Niemandem. Was genau damit gemeint ist, darüber weiß nur der Leser selbst bescheid. Wer sich aber mit Magie und solch höherem Wissen der Geheimlehren befasst, sollte tunlichst vermeiden, seinem körperlichen Dasein, irgendwelche schändlichen Ausnahmen zu gestatten.

Und wieder: Das Niedere den Niederen, das Höhere sei nur den hervorragendsten Geistern unter den Menschen zu erlernen gestattet. In Vertrauen sollten solche Geheimnisse weitergegeben werden – von Mund zu Ohr. Wer anders tut, bringt sich entweder in Gefahr oder macht sich, wenn es gut läuft, allenfalls lächerlich.

Gib dem Ochsen Heu und nur dem Papagei den Zucker!

So unter Anderem, antwortete Johannes Trithemius auf Agrippas oben zitierten Brief. Man sollte sich in Acht nehmen, mit wem man über die Geheimnisse der okkulten Philosophie spricht, um nicht jenem Ochsen unter die Füße zu kommen. Doch alles was einer hier zu lesen findet, ist gut genug zu wissen auf was man sich einlässt. Mag sein, dass sich Menschen, die sich für Magie interessieren, sehr schnell voran kommen. Leider aber ahnen sie nicht, dass sie diesen Kreis dereinst, wenn sie es nicht mehr wünschen, kaum noch verlassen können! Man sollte sich also stets vor Augen führen, dass man mit dem Lesen jener Schriften, auch schon mal die Büchse der Pandora öffnet.

Zentrale Themen in Agrippas Werk

Wer sich mit Agrippas Büchern befasst, sieht, dass er die Welt darin als elementaren Kosmos beschreibt. Das heißt nicht das Selbe, worüber die heutige Physik spricht. Eher werden die Elemente der Natur darin beschrieben und wie diese sich so kombinieren lassen, dass man damit allerhand Wunderwerk vollbringt. Das zumindest war ja immer das Ziel jener, die sich dem Studium der Magie widmeten. Alles Untere, so schreibt er, wird beherrscht vom Oberen, empfängt und überträgt durch sich die Wirkungen der »Ersten Ursache«. Die erste Ursache ist das, was man als den »Unbewegten Beweger« bezeichnen könnte - also Gott. Der Urvater aller Alchemisten, Hermes Trismegistos, formulierte dieses hermetische Gesetz in seiner Tabula Smaragdina – der atlantischen Smaragdtafel.

Geheime Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Illustration aus den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer. Das Bild zeigt wie vom Obersten, hier als der heilige Name der Kabbala יהוה (JHVH), aus dem ewigen Anfang allen Seins, sich über die Engelwelten über die Gestirne, auf mehreren Stufen, die Wirkungen des Urlichts sich letztendlich in den verschiedenen Formen der Materie enden. Vergrößern +

Durch eine dreifaltig gegliederte Weltordnung – himmlisch-göttlich, elementar-irdisch und intellektuell-geistig – waltet dieses Wirken der ersten Ursache im Kosmos. Und es sind diese drei Teile im Kosmos, über die Agrippa schrieb, in seinen drei Büchern über die Magie.

Wer sie liest, so Agrippa, könne sich stufenweise durch diese drei Welten bewegen, bis vor Gottes Angesicht, den man darin etwa als einen »Autor des Kosmos« bezeichnen könnte. Wer so weit fortschreitet, wird außerdem selbst dazu befähigt, diese Kräfte vom Oberen ins Untere zu leiten. Doch Vorsicht! Wie damals, gilt auch heute der Energieerhaltungssatz. Wer sich in einem bestimmten Umfang bereichert, wird in seinem Leben, in eben gleichem Umfang geben müssen. Bester Beweis dafür scheint mir die Tatsache, dass alle sogenannten Magier, damals wie heute, meist sehr früh verstarben. Ob sie wohl über ihre Verhältnisse lebten?

Die edlen Wirkungen des Sternenlichts

Es gibt eine himmlische Sphärenharmonie, von der die moderne Astronomie nichts mehr zu wissen scheint. Doch die Planeten und Gestirne, sind über bestimmte numerologische Geheimnisse miteinander verbunden. Auch die Lehre von den raumzeitlichen Verhältnissen der Sterne und Planeten im Tierkreis, das heißt also dem, womit sich die Astrologie befasst, spielte bei Agrippa eine wichtige Rolle. Er liefert in seinen Büchern ganz wesentliche Gleichungen und Zuordnungstabellen, die dem Leser Tür und Tor öffnen, zu den verborgensten Geheimnissen des Okkulten und des Jenseits. Man achte auf die erste Stufe, die man hinter jenem Tor dorthin betritt.

Was Agrippa unter dem Wort Magie verstand, war das Wissen über die Natur und die Vollendung ihrer Erscheinungen. Die philosophische Disziplin, galt ihm ebenso dreifältig wie die Welt: natürlich, mathematische und theologisch.

Einer studiert die charakteristischen Erscheinungen in der Welt, ein anderer die Mengen dieser Erscheinungen und wie sie sich im raumzeitlichen Gefüge bewegen und verhalten. Was Letzterem aber abgeht, ist die wahre Verbindung zu kennen, zwischen jenen Erscheinungen in Natur und Kosmos und dem, was Gott ist, was der Geist, was die Engel, was der Teufel, was die Seele, was die Mysterien und was Glaube und Religion sind.

Wer aber beides, das Gemessene und das Ganze zu verbinden weiß, wer die Dimensionen der Dinge ebenso zu erkennen weiß, wie ihre Bedeutungen und Wirkungen im Universum, der, so Agrippa, habe die wahre Philosophie begriffen. Denn so einer kenne die Ursachen hinter den Erscheinungen der sichtbaren Welt. Er weiß von der Metaphysik, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende erforscht.

Es ist wohl bekannt, dass Pythagoras und Plato sich nach Memphis begaben, um dort von den Sehern zu lernen und ganz Syrien, Ägypten und Judäa bereisten, die Schulen der Chaldäer aufsuchten, damit ihnen nur nicht entgingen, die allerheiligsten Merkmale und Aufzeichnungen der Magie, doch auch damit sie von Göttlichem erfüllt zur Erkenntnis gelangten.

- Agrippa von Nettesheim

Die Elemente

Was die alten Philosophen Griechenlands von den noch älteren Völkern erlernten, waren die Bedeutungen der Elemente, und zu was sich diese zusammensetzten in der Natur der Steine, Metalle, Pflanzen und im Tierreich.

Vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft: aus ihnen setzen sich alle Stoffe und alle Erscheinungen im Kosmos zusammen. Wenn hier aber zum Beispiel von Wasser die Rede ist, sprach Agrippa nicht allein von jener Flüssigkeit aus der sich die Meere bilden. Eher ist damit ein Prinzip des Fließens und seine gebärende Wirksamkeit gemeint. Sobald sich das Element Wasser mit Erde verbindet, kann der Heilige Geist daraus eine Seele hervorbringen (oder ein Mensch, wie etwa der Rabbi Löw seinen Golem zum Leben erwecken).

Auch Luft ist mehr als das, was man atmet. Es ist der Lebensgeist an sich, der alles Seiende durchdringt und bewegt. Atem als solcher ist Bewegung, bildet den kreislauf. Alles in der Welt atmet wenn man so will. Auch die vier Jahreszeiten sind ein kosmischer Atemvorgang: ein Ausatmen beginnt zu Frühlingsanfang und erreicht seinen Tiefpunkt im Herbst, wenn das kosmische Selbst im Innern der Erde, wieder »einatmet« und damit alles in der Natur entstandene, sich zurückzieht in die Dunkelheit des Winters.

Das Feuer entspricht dem Himmlischen und der Wärme des Wassers und der Erde. Letztere ist aber nicht nur das, was wir im Wald und auf den Äckern finden, sondern das Medium, worin sich ein Same zu Leben entfaltet, solange die Erde rein ist. Und dieser Same kann sowohl geistig, wie auch körperlich sein. Die Erde ist die Substanz, das Wasser gibt ihm die Form, das Feuer die Wärme und die Luft den Atem, so dass sich aus dem Samen, Leben entwickeln kann.

Auch im körperlichen Menschen, haben diese vier Elemente ihre Entsprechungen: Die Knochen bilden die Erde, die Muskeln die Luft (da sich der Körper ja durch sie bewegt), den Lebensgeist das Feuer und das Temperament das Wasser. Doch auch die Seele, setzt sich aus diesen vier Elementen zusammen: die Erkenntnis ist feurig, aus der Luft bildet sich die Vernunft, die Phantasie ist wässrig und die Sinne irdisch. Auch die Sinne lassen sich mittels der vier Elemente aufgliedern, wo das Sehen dem Feuer entspricht, das Hören der Luft (Schall), Geschmack und Geruch durch Wasser repräsentiert werden und schließlich das Empfinden, der Tastsinn irdisch ist.

Die vier Elemente finden sich überall im Kosmos und alles kann im Verständnis ihrer wahren Bedeutung, erkannt und verwendet werden. Denn aus ihnen lassen sich die darin existierenden Eigenschaften ableiten und zu etwas fortentwickeln, was ihnen wiederum entspricht. Das Feurige der Sonne, wird zu Trockenheit der Erde. Das wässrige im Mond, zu den Gezeiten der Meere.

Es sind eben nicht jene Elemente, wie sie die moderne Chemie erklären würde, sondern eher Qualitäten des Seins. Weniger geht es in der Magie um Messbares, als letztendlich um das, was erfahren und erlebt werden kann. Doch insbesondere was man für andere erfahr- und erlebbar macht.

Die Quintessenz und das Elixier

Alles Untere, so sagten wir bereits, empfängt seine Wirkungen vom Oberen. Für Agrippa entsprach auch allem Irdischen etwas Himmlisches: das Untere dem Oberen. Diese beiden Postulate bilden das erste hermetische Prinzip. Die Weltseele aber führt die Wirksamkeiten dieser Entsprechungen von oben nach unten, und wieder von der Wirkung zurück zur Ursache. Diese Ursachen zu kennen will Agrippa in seinen drei Büchern über die okkulte Philosophie, helfen genau zu verstehen.

Die sichtbaren Dinge entstehen durch bestimmte Impulse der geistigen Welt. Auch die in den Dingen liegenden Eigenschaften, und wie sie damit auf andere Dinge wirken. Es sind diese Wirkungen aber unterschiedlich im Grad. Je nach Reinheit oder Verunreinigung, erfüllt sie die selbe Kraft, die sie von der Anfangs erwähnten, impulsgebenden Ursache er-halten haben und nun für sich ent-halten.

Was aber ist diese Ursache beziehungsweise, welche wirksame Kraft liegt in ihr, so dass überhaupt etwas entstehen kann, an das ihre Wirkung übertragen wird?

Ein Mensch etwa, kann ja durchaus auf einen anderen Menschen seine Wirkung übertragen. Das macht er mittels seiner Seelenkräfte. Es ist wie mit einem Magneten: Wenn Sie ihn auf ein Stück Eisen legen, geht sein Magnetismus darauf über. Auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben, macht man ähnliche Erfahrung. Unser Umgang prägt unser Leben.

Die Seele des Einen, wirkt auf die Seele eines Anderen, wobei sie selbst oder ihre Wirkungen verändert oder diese beeinflusst werden. Die Kräfte die dabei wirken, werden vermittelst der geistigen Weltsubstanz, der »quinta essentia«, wie sie die Alchemie nennt, vom Einen auf das Andere übertragen.

Wir hatten nun gesagt, dass sich die Dinge aus Feuer, Wasser, Erde und Luft zusammensetzen. Die eben definierte Quintessenz, gleicht einem fünften Element in der Hermetik – etwas, dass sich sowohl über den Vieren, außerhalb von ihnen befindet und sie durchdringt. Und so wie die Quintessenz nun aus dem Inneren der Welt wirkt, so wirkt sie auch aus dem Inneren des Menschen. So wie die Kräfte der menschlichen Seele an seine Körperglieder durch seinen Geist übertragen werden, so breiten sich die Kräfte der Weltseele, durch die Quintessenz aus und durchdringen, formen und verändern die dingliche Welt.

Nichts in der Welt existiert, dass nicht auch etwas von den Wirkungen der Quintessenz in sich trägt. Doch es gibt Dinge, in denen diese Quintessenz ganz reichlich vorhanden zur Wirkung kommt. Und das sind die Himmelskörper. Ihre Strahlen enthalten konzentrierte Wirkungen der Quintessenz. Was sich auf Erden befindet, seiner Natur nach aber diesen himmlischen Kräften entspricht, darauf haben die astralischen Kräfte besonderen Einfluss. Einfachstes Beispiel sind die Sternzeichen des Tierkreises, die einem Menschen bestimmte Veranlagungen mit auf seinen Lebensweg geben. Und diese Übertragung erfolgt durch eben dieses fünfte Element,  die Quintessenz.

Das bedeutet also, das alles real Existierende, von dem was über ihm steht beeinflusst wird, seien es Pflanzen, Steine, Metalle oder die Planeten, über denen die Wirkungen des Fixsternhimmels regieren.

Hieraus schloss Agrippa, dass derjenige, der den Geist der Quintessenz von Materie zu trennen vermag, oder von jenen Dingen Gebrauch macht, in denen die Quintessenz überwiegt (zum Beispiel in der Bewegung der Sternenlichter), wahrlich auf dem besten Wege ist, den Stein der Weisen zu bereiten. Denn auch die alten Alchemisten versuchten, die Quintessenz des Goldes oder des Silbers aus den entsprechenden Metallen zu extrahieren. Wem es unter ihnen gelang, der vermochte mit diesem heiligen Extrakt, jede Substanz in Gold oder Silber zu verwandeln – vorausgesetzt, sie wissen, wie die Quintessenz auf den vermeintlichen Stoff angewendet werden muss, damit sie ihn durchdringt und mit ihren geistigen Prinzipien vollkommen erfüllt.

Man sollte jedoch niemals vergessen, dass immer nur soviel von dem gewünschten Ding hergestellt werden kann, sei es Gold, Silber oder irgendeine andere Sache, wie man entsprechend anderswo, die vermeintliche Quintessenz zu extrahieren vermochte. Nur soviel das Pendel nach links ausschlägt, wird es auch nach rechts sich wenden, doch immer ein wenig schwächer als der erste Ausschlag.

Ähnliches dem Ähnlichen

Das Gesagte dürfte damit etwas erhellen, welche Absicht Agrippa mit seiner Schrift von den Okkulten Philosophie zur Verfügung stellte. Es ging ihm darum zu untersuchen und aufzuschreiben, welche der irdische Substanzen und Dinge, wozu natürlich auch der Mensch als Ganzes zählt, die himmlischen Wirkungen anzunehmen vermögen, um sie hier auf Erden zur etwas Höherem, etwas Geeigneterem zu formen. Das vollbringt aber nur derjenige, der die hermetischen Gesetze verinnerlicht hat.

Ähnliches bringt Ähnliches hervor, Wirkungen zeigen sich als Allegorien ihrer Ursache. Was immer lange stand und Salz enthielt, wird wohl auch irgendwann zu Salz. Das gilt ebenso für unser Leben. Wer sich lange genug mit einer bestimmten Sache beschäftigt, nützlich oder unnütz, und sich damit ihrer Wirkung aussetzt, wird ihr immer ähnlicher. Dieses Ähnlichkeits-Prinzip, fand seinen Weg auch in die Heilkunde. Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) sprach vom »similia similibus curentur«, wo es darum geht, das Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden kann – besser bekannt als Simile-Prinzip der Homöopathie, wonach jede Krankheit durch die Substanz geheilt werden kann, die beim Gesunden, der Krankheit entsprechende, ähnliche Symptome hervorruft.

Wer demnach also Wirkungen erzielen will, sollte entsprechende Resultate in der Natur ausfindig machen und versuchen, daraus die besagte Quintessenz zu extrahieren. Je reiner diese Essenz, das »Elixier«, desto einfacher lassen sich damit Zwecke erfüllen und Dinge oder Umstände ineinander verwandeln, zum Wohle des Wissenden oder zu seinem Nachteil. Wer aber zurückschreckt vor der letztendlichen Konsequenz dessen, was auch an Grobheit notwendig ist, um die gewünschte Essenz herzustellen, sollte erst gar nicht damit anfangen. Denn wenn die Sterne auf die Planeten, und diese auf die Mineralien wirken, in die Pflanzen in der Erde gebettet gedeihen, die wiederum von Tieren gefressen werden, dürfte daraus abzuleiten sein, dass bei der Bereitung des Steins der Weisen, insbesondere auch der Tod eine Rolle spielt. Wahre Veränderung kann tatsächlich aufreiben, letztendlich gar zunichtemachen.

Als Kinder lasen wir Fabeln, wo bestimmte Tiere für bestimmte Haltungen und Charaktereigenschaften eines Menschen stehen. Wer diese Eigenschaften in seinem Leben zur Wirkung bringen will, der muss sich eben an jene Tiere wenden und die lebendige Essenz aus ihnen zu geeignetem Zeitpunkt gewinnen, um sie für sich nutzbar zu machen.

Wer sich nun also, mit einem Wissen bereichern will, dass ihm erklärt, wie in solchem Vorgehen zu handeln ist, der kann sich mit Agrippas okkulten Philosophie befassen. Bis ins Detail geht er darin auf die notwendigen Vorkehrungen ein. Wer unter den Lesern aber macht sich die aufwendige Mühe, diese Vorkehrungen auch tatsächlich zu treffen?

Viele Fragen bleiben offen.

 

 

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Magie in der Zeit vor der Sintflut

von S. Levent Oezkan

Sohar - ewigeweisheit.de

Im 13. Jahrhundert tauchte in Spanien ein sonderbares Buch auf: Der Sohar – dessen Namen sich wörtlich übersetzen ließe als »Das Buch des strahlenden Glanzes«. Seit jeher gilt es als bedeutendstes Schriftwerk der Kabbala.

Dieses Buch enthält Kommentare zum Schriftwerk der Hebräischen Bibel, sprich, also den fünf Büchern Moses. Besonders das erste Bucht ist von zentraler Bedeutung: Bereshith ראשית, auch griechisch »Genesis«. Bereshith aber bedeutet auf deutsch übersetzt »Im Anfang«, so wie eben das griechische Genesis »Ursprung« bedeutet.

Und viele Seiten des Buches Sohar widmen sich diesem Anfang der Bibel, wobei da die verborgenen Bedeutungen biblischer Wörter auf ihre mystische und magische Bedeutung hin untersucht werden. Jedem dieser Buchstaben des hebräischen Alphabets aber entpsrechen, neben seinem phonetischem und numerologischen Wert, außerdem noch geheime Symbole, die auf besondere Bedeutungen im Menschen und im Kosmos hinweisen.

Damit ist die Bedeutung des Wortes Bereshith ראשית eben nicht nur »Im Anfang«, sondern jeder einzelne Buchstabe erzählt selbst eine kleine Geschichte – was diesem Wort natürlich einen enormen Raum an Bedeutungen zugesteht. Somit ließen sich die im Buch Sohar besprochenen Techniken der mystischen Auslegung von Worten und Namen, auch als eine der Quellen für die numerologische Wissenschaft sehen. Denn auch in der Numerologie, werden verborgene Zahlenwerte hinter jedem Buchstaben eines Namens, ihrer Bedeutung nach analysiert.

Wenn nun die Rabbis das Buch Genesis fast Wort für Wort auf diese Weise interpretierten, fing sein Text quasi an zu atmen, wo in jedem Aushauchen eines Buchstaben quasi auch die Kräfte seiner mystischen Bedeutungen mit ausgelöst wurden. Auch aus beinahe unwichtigen Details der Bibel, eröffnen sich damit vollkommen neue Perspektiven der Interpretation. So scheint jedes Bibelwort und jeder heilige Name in sich, eine besondere Welt zu enthalten. Damit kann der Text der Heiligen Schrift auf vielen verschiedenen Ebenen analysiert werden. Und für so eine dedizierte Herangehensweise mystischer Betrachtung, wurde auch das Wort Kabbala gefunden. Es steht für das Vernehmen einer Geheimlehre, eines okkulten Wissens, hinter der Fassade aller Offensichtlichkeiten.

Dies wissend wurde natürlich auch das Buch Sohar geschrieben. Es unterhalten sich darin verschiedene Charaktere in Dialogform, die gemeinsam nach einer tieferen Auslegung des Bibeltextes forschen. So ist der Sohar gewissermaßen die esoterische Variante zum hebräischen Midrasch, der eine exoterische Auslegung der Bibel darstellt.

Die an diesem Dialog beteiligten Personen, sind Rabbiner. Im Folgenden sollen einige Textstellen aus diesem Schriftwerkes er jüdischer Literatur zitiert werden.

Rabbi Jose sprach:

Wegen seines Ungehorsams gegen Gottes Gebot, verlor der Mensch das Geheimwissen und die okkulten Mächte und Bedeutungen der Buchstaben des Alphabets – außer den beiden letzten Buchstaben ש Shin und ת Tav. Denn obwohl er sündigte, wurde die in ihm bewahrte Güte nicht gänzlich ausgelöscht. Als Zeichen seines Dankes für Gottes entgegenkommen, nannte er seinen (dritten) Sohn Seth שת (Genesis 4:25). Nach seiner Reuebekundung und Versöhnung mit seinem Herrn, eröffneten sich auch wieder die mystischen Geheimnisse und Mächte der Buchstaben. Dementsprechend aber in umgekehrter Reihenfolge ת Tav, ש Shin, ר Resh, ק Qoph, bis zu dem Tage, da die Kinder Israels am Fuße des Berges Sinai standen. Erst da erhielten die Buchstaben wieder ihre natürliche Reihenfolge, wie an dem Tag, da Himmel und Erde erschaffen wurden. Diese Umverteilung der alphabetischen Buchstaben, trug zum dauerhaften Wohl und Bestand der Welt bei.

Rabbi Abba antwortete:

Als sich Adam versündigte, begannen Himmel und Erde zu schaukeln und sehnten sich nach Auflösung in ihre ursprünglichen Elemente. Schließlich war der Bund zwischen Gott und den Menschen gebrochen, der Grund ihrer Existenz. Dazu sagt die Schrift,

Meinen Bund mit dem Tag und der Nacht werde ich niemals brechen, und die Ordnungen von Himmel und Erde lasse ich für alle Zeiten gelten.

- Jeremia 33:25

Wir wissen, dass dieser Bund einst brach durch die Übertretung des Gesetzes durch Adam, wozu die Schrift sagt

Die Israeliten sind mir untreu geworden, schon damals in der Stadt Adama. Und seitdem haben sie immer wieder den Bund gebrochen, den ich einst mit ihnen geschlossen habe

- Hosea 6:7

Hätte der Heilige bei Ankunft Israels am Berge Sinai nicht vorausgesehen, das sein Volk den Bund annehme, wären alle Himmel und die Erde aus ihrer Existenz verschwunden, zurück ins Chaos.

Darauf sprach Rabbi Hezekiah:

Der Heilige erlässt und vergibt jedem der sich zu seinen Sünden und Übeltaten bekennt. Schau da recht hin, als die Welt erschaffen wurde: der Heilige schloss einen Bund über jenen, für den die Welt fortbesteht. Daraus entnehmen wir die Bedeutung des Wortes Bereshith ראשית, das eigentlich so geschrieben werden sollte: bereרא, shith שית. Das bedeutet 'Er schuf das Fundament' oder den Bund, den der Buchstabe Yod י repräsentiert, im Zentrum des Wortes shith שית. Auch wenn es der kleinste aller Buchstaben des Alphabets ist, steht er dennoch für den Bund, durch den allen Menschen Segnungen zukommen. Als ihm ein Sohn geboren wurde, bekannte sich Adam zu seiner Sünde und der Heilige vergab ihm. Und darum nannte er ihn Seth שת, was die selben Konsonanten enthält wie das Wort shith שית, nur eben ohne Yod י, Symbol des Bundes, gegen den er verstieß. Außerdem symbolisiert den Heiligen Bund auch der Buchstabe Bethר, der einverleibt wurde mit ש Shin und ת Tav, als die Kinder Israels am Fuße des Berges Sinai standen und so gründete sich der Sabbath שרת, von dem es heißt,

Alle Israeliten – heute und in allen künftigen Generationen – sollen sich daran halten. Sie sollen den Sabbath feiern als Zeichen des Bundes, den ich mit ihnen geschlossen habe.

- Exodus 31:16

Rabbi Jose bestätigte:

Die beiden Buchstaben ש Shin und ת Tav wurden auf diese Weise assoziiert und als die Kinder Israels den Bund am Berg Sinai entgegennahmen, erwarben sie damit okkulte Geheimnisse und ein Verständnis für die mystische Bedeutung aller Buchstaben des Alphabets, außer ש Shin und ת Tav. Ihre (wahre) Bedeutung aber ging der Menschheit verloren.

Dazu sagte Rabbi Jehuda:

Seit der Geburt des Seth שת bis zur Ankunft der Kinder Israels am Berg Sinai, entfalteten sich allmählich die Geheimnisse der Buchstaben und enthüllten ihre Bedeutungen den Patriarchen. Doch dies geschah nicht vollständig, da sich die Buchstaben damals nicht in ihrer normalen Reihenfolge befanden wie heute.

Rabbi Eleazar sprach:

In den Tagen des Enosch (erster Sohn des Seth), waren die Menschen sehr bewandert in Okkultismus und den magischen Wissenschaften. Sie wussten auf die Naturkräfte Einfluss zu nehmen. Seit den Zeiten Adams, dessen Hauptbeschäftigung darin lag, die Blätter des Baumes der Erkenntnis von Gutem und Bösem genau zu studieren, besaß keiner solch magische Fähigkeiten wie Enosch. Er war es der dies okkulte Wissen lehrte und seinen Zeitgenossen überlieferte. Sie aber sollten es weitergeben an die Menschen vor der Sintflut, den aufdringlichen und verdorbenen Gegnern Noahs. Sie rühmten sich damit, wegen ihrer magischen Kenntnisse das Gericht Gottes abwenden zu können. In der Zeit des Enosch wurden die Menschen eingeweiht in das höhere Leben – davon kündet die Schrift. Dann begannen Menschen den Namen JHVH anzurufen.

Dazu meinte Rabbi Isaak:

Alle Gerechten die nach Enosch lebten, wie Jared, Methusalem und Henoch, taten alles in ihrer Macht Stehende, die Menschen an der Ausübung der magischen Künste zu hindern. Doch ihre Bemühungen sollten nutzlos bleiben. Ihre Gläubigen wurden stattdessen immer stolzer auf ihr Geheimwissen, rebellierten und zeigten dem Herrn Ungehorsam, sprachen

Wer ist Schaddai der Allmächtige, das wir ihm dienen sollten. Welchen Nutzen sollten wir haben, wenn wir ihn bis zum Ende anbeten?

So sprachen sie. Sie glaubten, dass sie mit ihrem Okkultismus und ihrer Magie, dem kommenden Gericht entgehen könnten, das sie vollkommen auslöschen sollte. Als sie ihre üblen Taten und Praktiken ansahen, sorgte der Heilige dafür, das sich die Erde zurückbewege in ihren Ausgangszustand und damit alles in den Fluten der Meere versank.

Nach der Sintflut jedoch, übergab er die Erde erneut der Menschheit. In seiner Gnade versprach er, dass sie niemals wieder auf so verheerende Weise zerstört würde. Dazu heißt es in der Schrift,

Der Herr thront über den Fluten, als König herrscht er für alle Zeit.

- Psalm 39:10

Der Wort für 'Herr' das hier steht, ist JHVH und nicht Elohim: der erste Name steht für die Gnade, letzterer für Härte und das Gericht. In der Zeiten des Enosch, wurden sogar Kinder eingeweiht in die Mysterien und das Wissen einer Geheimlehre.

Rabbi Jose fragte:

Wenn all das wahr ist, warum nur waren sie so unglaublich dämlich und blind, dass sie ungeachtet all ihrer okkulten Wissenschaften, trotzdem nicht die Sintflut vorhersahen, die der Heilige schon vorbereitet hatte?

Rabbi Isaak antwortete:

Sie wussten sehr wohl was geschehen würde. Doch wegen ihrer verdorbenen Herzen sprachen sie

Wir kennen die Engel die über Wasser und Feuer walten. Und unsere magische Wissenschaft wird uns befähigen uns vor ihrer Gewalt zu schützen.

Doch ach, wie dumm waren sie nur! Wussten Sie denn nicht, dass der Heilige über die Welt regiert und das durch ihn Urteil und Strafe über sie kommt? Die Engel verwirklichten seine Gebote. Das schien ihnen nicht bewusst zu sein – bis zu dem Tag der großen Flut und obwohl der Heilige Geist sie warnte, dass

die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden, und die Gottlosen nicht mehr sein.

- Psalm 104:35

Der Heilige blieb ihnen gegenüber nachsichtig und ertrug still ihren Hochmut, so lange Jared Methusalem und Henoch lebten. Nach ihrem Hinscheiden, sollte das Gericht ihrer habhaft werden und sie wurden hinweggerafft wegen ihrer Sünden und Falschheit – so steht es geschrieben:

So vertilgte er alles, was auf dem Erdboden war.

- Genesis 7:23

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Wie meditiert man in der Kabbala über den Namen JHWH?

von S. Levent Oezkan

Abraham Abulafia - ewigeweisheit.de

Als Gründer der Schule der ekstatischen Kabbala, verfasste Rabbi Abraham Abulafia einige Anleitungen zur Meditation. Eine davon verwendet den heiligen Namen JHWH. In der Meditation über diese vier urtümlichen Buchstabensymbole, erreichte Abulafia tief-ekstatische Zustände.

Die Buchstaben des hebräischen Alphabets, sind vervollkommnete Fortentwicklungen des phönizischen Alphabets. Sie entstanden aus Bildsymbolen, mit denen man den Anfangslaut des jeweiligen Symbols verband. Sie stammen aus einer Zeit, wo man diese, noch archaischeren Buchstaben, als magische Symbole einsetzte.

Die magische Verwendung dieser Bildsymbole, ist in etwa zu vergleichen mit dem, was in der nordischen Kultur unter Runenmagie verstanden wird.

Wer war der geheimnisvolle Rabbi Abraham Abulafia?

Abraham Abulafia (1240–1291) war einer der wohl bedeutendsten Kabbalisten im mittelalterlichen Spanien. Er bereiste den Orient, Griechenland und Italien. Abulafia war auf der Suche nach alten Geheimnissen der Magie und der ekstatischen Praktiken der Eingeweihten des Altertums.

Im katalonischen Barcelona macht er seine ersten Erfahrungen damit, was später als "prophetische Ekstase" bekannt wurde. So gewann er tiefe Einsichten in die Mysterien des Menschen und des Selbst. Über die Meditation, wie etwa über den heiligen Namen JHWH, sollte jemand auf diesem Pfad der Erkenntnis vorstoßen können, zu seinem wahren Selbst. Drum war die Ekstase für Abulafia, ein Zugang zum innersten Wesen des Menschen.

Besonders eigenartig war seine Wirken auf Papst Nikolaus III. Er stand mit dem Kirchenoberhaupt anscheinend in Kontakt und wollte ihn 1281 treffen, um ihn zum Judentum zu bekehren. Schließlich sah sich Abulafia selbst, als den lang ersehnten Messias der Juden. Doch der Papst verstarb in der Nacht vor Abulafias Ankunft. Abulafia entging nur knapp dem Scheiterhaufen, was er dem Kollegium der Franziskaner zu verdanken hatte. Im Jahr 1291 verstarb er aber - vermutlich in Barcelona.

Einziges Werk Abraham Abulafias, das heute erhalten geblieben ist, ist das "Sefer Ha-Oth" - das Buch des Zeichens (Buchstabens).

Abulafias Methode

Das System Abraham Abulafias, beinhaltet eine recht ungewöhnliche Form der Meditationspraxis. Sie zeichnet sich vor allem aus, durch ihrer Klarheit. Das heißt, auch für einen Anfänger, ist Abulafias System einfach zu verstehen. Außerdem beschreibt Abulafia in seinem Sefer Ha-Oth, warum seine Form der Meditation funktionieren muss. Er beruft sich dabei auf das Werk des jüdischen Philosophen Moses Maimonides (1135-1204), dass er ganz einzigartig in die Praxis der Kabbala-Meditation integrierte.

Abulafias Meditationstechniken zielen direkt darauf ab, auch tatsächlich besondere mystische Erfahrungen zu machen. Sie sind also weniger spekulative Versuche, die englische Welt und den Kosmos zu begreifen, als echte Anleitungen zu mystischer Erfahrung.

Gut möglich, dass sich Abulafias Formen der Meditation, etwas von jenen anderer jüdischer Eingeweihter unterscheiden. Sie gleichen eher den mystischen Traditionen anderer Religionen. So gibt es etwa in der christlichen Mystik Beschreibungen von Meditationen, die in der Ich-Form dargestellt wurden. Das heißt, einer erklärt sowohl das Meditationsrezept, wie auch die dabei gemachte Erfahrung aus der Ich-Perspektive. Gleichermaßen scheint Abulafia auch darauf hinzudeuten.

Manipulation der hebräischen Sprache

Das Besondere an den Übungen Abraham Abulafias ist, dass sie nicht allein bestimmte Bibelzitate oder Wörter verwenden, sondern es vor allem Buchstaben sind, die in seinen Übungen von zentraler Bedeutung sind. Dabei werden die Buchstaben eines heiligen Namens teils umgestellt oder mit anderen Vokalzeichen versehen. Nun muss hier hinzugefügt werden, dass das hebräische Alphabet aus 22 Konsonanten besteht. Vokale als solche, gibt es im Hebräischen eigentlich nicht. Es ist eine reine Konsonantenschrift, wobei aber, der einfacheren Lesbarkeit halber, die Buchstaben mit besonderen Vokalzeichen versehen werden. Diese Methode der Vokalisation, wurde im 8. Jahrhundert eingeführt. Die Vokalzeichen sind in etwa zu vergleichen mit den zwei Punkten auf dem Ä, dem Ö oder dem Ü, des deutschen Alphabets. In Alltagstexten werden die Vokalzeichen aber weggelassen.

Insbesondere in Abulafias Meditationspraxis, spielen die Vokalzeichen eine wichtige Rolle. In der Tora sind alle Wörter mit Vokalzeichen ausgestattet. Abulafia aber nahm nur die Konsonanten bestimmter Wörter und vertauschte darin die Vokalzeichen. Damit konnte er beim Meditieren frei assoziieren und so besondere Bilder im Geist hervorrufen.

Solche Bilder aber bleiben bedeutungslos, solange man nichts von den rezitierten Konsonantenfolgen kennt.

Gematrie: Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben

Wegen ihrer Zahlenwerte, werden die Bedeutungen bestimmter hebräischer Wörter miteinander verglichen. Besonders dann aber, wenn die Gematrie, also quasi die Numerologie ihrer Buchstaben identisch ist, fällt auf diese Wörter ein besonderes Augenmerk.

Für Abulafia war die gematrische Äquivalenz der Begriffe "Israel" יִשְׂרָאֵל (der von Gott an den Propheten Jakob verliehene Name) und "Sechel Ha-Poal" שֵׂכֶל הופֹּ֫עַל eine Besonderheit. "Sechel Ha-Poal" ist die Bezeichnung für den aktiven Intellekt.

Jeder hebräische Buchstabe nun, hat einen bestimmten Zahlenwert. Im Falle der beiden oben genannten Begriffe, ergibt sich als Summe der Zahlenwerte, jeweils 541:

יִשְׂרָאֵל Israel: 10+300+200+1+30 = 541

שֵׂכֶל הופֹּ֫עַל Shekel Ha-Poal: 300+20+30+5+6+80+70+30 = 541

Die Gematrie ergibt sich also aus der Summe der Buchstaben eines Wortes. Dafür gibt es viele weitere Beispiele. So hat etwa das hebräische Wort für die Poesie, "Shirah" שירה, den Zahlenwert 515. Den selben Zahlenwert 515 besitzen auch das Wort "Tiflah" תפלה, das Gebet – "Wa Echatanan" ואתחנן, "ich flehte" – als auch "Yeshara" ישרה, die Aufrichtigkeit. Sicherlich bewegen sich alle diese Begriffe in einem ähnlichen Kontext.

In diesem Zusammenhang seien natürlich auch die 72 Heiligen Namen genannt, wie sie in der praktischen Kabbala von Bedeutung sind (Buchtipp).

Meditation über den heiligen Namen JHWH

Eine der einfachsten Übungen, die in Abulafias Werk genannt werden, ist die Meditation über den heiligen Namen JHWH יהוה (Jod, Heh, Waw, Heh) – auch bekannt als "Tetragrammaton". Dabei werden die einzelnen Buchstaben dieses Namens ausgerufen, während sich der Kopf im Rhythmus des Atems, auf besondere Weise bewegt.

Für diese Meditation sucht man sich einen ruhigen und sauberen Ort, an dem man auf jeden Fall ungestört ist. Die Übung wird für ungefähr 20 Minuten durchgeführt. Schließen Sie dabei ihre Augen.

Beginnen Sie mit dem ersten Buchtaben des Tetragrammaton JHWH – dem J also. Sie sprechen den Konsonanten J mit diesen vier Vokal-Lauten: Oh (kurzes O), A, Ay, E und O (langes O). Jeder dieser fünf Laute wird mit einer entsprechenden Kopfbewegung gesprochen. Der Kopf bewegt sich dabei in Übereinstimmung mit der Atembewegung: mit jedem Einatmen bewegen sie sich in eine der entsprechenden Richtungen (oben, links, rechts, unten, vorn). Mit dem Ausatmen bewegt sich der Kopf wieder zurück in Normalposition. Daraus ergibt sich also folgende Form:

  • Einatmen – Kopf bewegt sich aufwärts
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Joh (kurz) ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach Links
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Ja ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach Rechts
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Jay ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach unten
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Je ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach hinten
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück, nach vorn in Ruheposition, während man Jo (lang) ausspricht.

Nachdem diese Meditation über den Buchstaben J durchgeführt wurde, setzt man sie für die übrigen drei Buchstaben des Namen JHWH fort. Das heißt also:

  • Hoh, Ha, Hay, He, Ho,
  • Woh, Wa, Way, We, Wo,
  • Hoh, Ha, Hay, He, Ho.

Diese Übung erzielt Wirkungen auf verschiedenen Ebenen. Da man jeden der vier Konsonanten des heiligen Namens JHWH mit den fünf hebräischen Vokalen ausspricht, hat man dabei irgendwie auch den "unaussprechlichen Namen Gottes" ausgesprochen.

Vor allem aber muss man sich während der Aussprache des Namens vollkommen konzentrieren, auf Atmung und Aussprache. Damit schafft man eben das, was auch die östlichen Traditionen durch Meditation erreichen wollen: die Gedanken an Alltägliches oder Sorgen zu unterbinden.

Wer diese Form der Meditationspraxis nach einiger Zeit vervollkommnet hat, kann sie weiter ausbauen. Man kann sich dann zusätzlich die hebräischen Buchstaben des Namen JHWH, während der Meditation visualisieren:

 

י    Jod


ה    Heh


ו    Waw


ה    Heh

 

Durch diese Kombination von Meditation und Visualisierung, lassen sich bemerkenswerte Ergebnisse erzielen.

Konzentration auf die Stille

Sie sollten unbedingt vermeiden, mit dieser Meditation, zu schnell etwas erreichen zu wollen. Gier kann nur Schaden anrichten. Es ist darum wichtig, dass Sie sich mit dieser kraftvollen Meditation Zeit lassen. Beginnen Sie zum Beispiel zuerst damit, den Kopf entsprechend der obigen Raumrichtungen mit dem Atem abzustimmen. Diese Übung lässt sich täglich für 20 Minuten, über eine Woche ausführen. In der Woche danach, können Sie damit beginnen die Buchstaben leise auszusprechen. Schließlich visualisieren Sie in der Woche darauf die vier heiligen Buchstaben als Bilder.

Meditieren heißt, zur Ruhe kommen und sich auf etwas Einfaches zu konzentrieren, um dabei den Kopf frei zu kriegen. Wer mit den heiligen Namen der Kabbala arbeitet, sollte allerdings wissen, dass er bei dieser Übung, durchaus mächtige Kräfte auslöst. Das eben sind jene mystischen Erfahrungen, die Abulafia jedem versicherte, der diese kabbalistische Übung durchführt.

Doch wie mit allen Dingen im Leben, kann etwas nur zur Vollkommenheit geführt werden, wenn man es richtig übt. Die oben beschriebene Methode also, ein, zwei oder dreimal durchzuführen und zu erwarten eine außerkörperliche Erfahrung zu machen, ist zwecklos.

Wer wirklich mit seiner Meditation weiterkommen möchte, muss täglich üben. So lange bis die Übung vollkommen beherrscht wird.

Sind Sie dazu bereit?

 

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Geschichte des Tarot

Geschichte des Tarot

Die aus alter Zeit stammenden Bilder des Tarot sind voller Andeutungen und Geheimnisse. Es sind esoterische Symbol-Schlüssel, mit denen sich dem Suchenden die esoterischen Wissenschaften der Numerologie, Kabbala, Astrologie und Hermetik eröffnen. Der vielgestaltige Symbolgehalt des Tarot und die geistreiche Zusammensetzung seiner Abbildungen, machen aus ihm eines der besten Werkzeuge für die Selbsteinweihung in die okkulte Tradition.

Woher aber stammen diese Bilderschlüssel des Tarot? Was weiß man über ihre Geschichte und Bedeutung? Was ist ihr innerstes Mysterium?

Archetypen der menschlichen Psyche

Manchmal begegnet man an eigentümlichen Orten besonderen Figuren: in alten Kapellen, Gräbern, Höhlen, geheimen Gängen, in Grotten oder an wilden, unbewohnten Orten, lassen uns geheimnisvolle Bilder und Symbole aufmerken. Solche Symbole, wie man sie auch im Tarot findet, ähneln den archetypischen Bildern die uns nachts in unseren Träumen begegnen. Es sind Zeichen und Wegweiser auf den verborgenen Pfaden unserer Seele. Die Figuren des Tarot übersetzen solche Symbole für den Uneingeweihten. Durch ihre universale Bildsprache befördern sie eine für alle verständliche Ausdrucksform.

Für ein besseres Verständnis der Kartensymbole bietet die mystische Kabbala viele Hinweise. Beim Studium des kabbalistischen Lebensbaumes erkennen wir nach und nach auch die esoterischen Zusammenhänge der 78 Karten besser. Seine 22 Zweige korrespondieren mit den 22 Großen Arkana. Darum empfiehlt es sich diese Grafik eingehend zu studieren und über die darin abgebildeten Zusammenhänge zu meditieren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - im Rider-Waite-Tarot.

Die 78 Urbilder des Tarot sind Teil des kollektiven Unbewussten (ein Begriff den der schweizerische Psychologe C. G. Jung einführte). Sie sind der Teil der Psyche, der seine Existenz nicht persönlichen Erfahrungen verdankt, sondern sich im Wesentlichen aus Motiven und Traumbildern zusammensetzt, die ihren Ursprung in der Kulturgeschichte der Menschheit haben. Es sind Bilder die in allen Märchen, Mythen und Legenden, in allen Kulturen wiederkehren. Die Symbole und Bilder des Tarot bilden eine psychische Grundlage aller Menschen. Insbesondere die Bilder der Großen Arkana - wie die Hohepriesterin, der Herrscher (auch: Kaiser), die Herrscherin, die Liebenden, der Stern, der Mond, die Sonne, die Welt, um einige zu nennen - sind Archetypen die jedem Menschen irgendwann bekannt sind.

All diese Bilder in unserer Psyche fügen sich als verschiedene Seelen-Aspekte zu einer inneren Einheit. Wie bei einer divinatorischen Tarotlegung treten in der Seele einer Person jeweils andere dieser Aspekte in den Vordergrund. Der eine hat mehr von dem Einen, der andere mehr von dem Anderen.

Die vielen archetypischen Grundwesenszüge aus denen sich unsere Seelenwelt zusammensetzt, lassen sich in den Weisheitsbildnissen auf den Tarotkarten entdecken. So ist das Tarot ein universales System zur Selbsterkenntnis.

Tarocchi-Spieler - ewigeweisheit.de

"Die Tarocchi-Spieler" - Fresco im Casa Borromeo (Milan, Italien) aus dem Jahre 1440.

Geschichte des modernen Tarot

Neben seinem spirituell-initiatorischen Aussagewert hat das Tarot vor allem auch Bekanntheit erlangt als Zukunftsorakel. Seinen wahren Ursprung verdunkeln aber die Schleier der Geschichte. Man kann letztendlich nicht genau sagen, ob die Karten morgenländischen oder abendländischen Ursprungs sind. Ebenso geheimnisvoll ist die Etymologie seines Namens. Es gibt viele Theorien darüber, woher die Begriffe Tarot, Tarosh, Tarock oder Tarocchi stammen.

Immer wieder gab es Versuche den Namen des Spiels mit Orten in Verbindung zu bringen. So sollen die Karten erstmals in der Nähe des norditalienischen Flusses Taro aufgetaucht sein. Dem widersprechen aber andere Historiker, die den Ursprungs des Tarot in der marokkanischen Gelehrtenstadt Fez sehen wollen. Auch dem burmesischen Dorf mit dem Namen Taro wurde bereits die Ehre zuteil, für den Ursprungsort des Kartenspiels gehalten zu werden. Es folgen der See Tarok Tso im Hochland von Tibet, während andere altkluge Forscher den Ursprung der Karten bei den präkolumbianischen Maya ausmachen wollen.
Auch soll das Tarot ein Erbe des altchinesischen Spiels Chaturunga sein, auf das auch die Entstehung des Schachspiels zurückgeht. Da man für die Karten der großen Arkana oft die Bezeichnung »Trumpf« (von ital. Trionfi) verwendet, lautet wieder eine andere Theorie, dass das Tarotspiel eine bildliche Darstellung der mittelalterlichen Triumphzüge und christlichen Karnevalsmärsche sei. Für die Kirche allerdings waren Spielkarten einfach nur ein Werk des Teufels. Man sah in Kartenspielen Überbleibsel eines zu verachtenden Heidentums, das nur der teuflischen Belustigung dienen konnte, durchtrieben von schwarzer Magie und Hexerei.

Manche Tarot-Karten hinterlassen beim Betrachter tatsächlich einen ziemlich finsteren Eindruck, wie etwa der Tod, der Teufel oder der Turm, oder die Schwertkarten der kleinen Arkana im Rider-Waite-Tarot. Sicher hat das zu missgünstigen Ansichten geführt, so das das Tarot-Spiel der Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Wenn es nicht von vornherein nur ästhetischen Ansprüchen genügen sollte, wie etwa das Kartendeck von Visconti, diente die exoterische Variante des Tarotspiels allein der Unterhaltung.

Ardhanari - ewigeweisheit.de

Ardhanarishvara (ardha = halb, nari = Frau, ishvara = Herr, „der Herr, der halb Frau ist“) ist eine Mischgestalt des Gottes Shiva mit seiner Gemahlin Parvati.

Die vier Farben des Tarot-Spiels

Um 1435 entstand in Norditalien das Tarocchi. Wie das heutige Tarot setzt sich das Tarocchi aus 78 Karten zusammen. Damals erhielten die Farbenkarten der kleinen Arkana ihre Symbole: Stäbe, Schwerter, Münzen und Kelche. Auf den ersten Blick scheint es sich um christliche Symbole zu handeln, die sich mit Jesus von Nazareth (Stab: Lanze des Longinus; Kelch: Abendmahlskelch) und Johannes dem Täufer (Schwert des Henkers; Scheibe: Teller der Salomé) in Verbindung bringen ließen. Wahrscheinlich aber sind diese vier Symbole Insignien einer noch viel älteren Zeit, da die Vierheit von Stäben, Kelchen, Schwertern und Münzen, in ähnlicher Form auch in alt-irischen Sagen als Knüppel, Schwert, Kessel und Stein vorkommt.
Sogar im fernen Tibet bilden die vier Symbole von Vajra (eine Art Donnerkeil), Schwert, Glocke und Lotus (manchmal auch das Rad), wichtige Symbole bei der Initiation im Vajrayana-Buddhismus. Es sind heilige Symbole universalen Charakters, die die vier Weltrichtungen andeuten, wie auch die vier Sonnenstationen im Jahr.

Aus den vier Farben des alten Tarot entstanden außerdem die vier Farben der heutigen 52 Karten des französischen und des deutschen Blatts:

  • Kelche: Herz - Rot
  • Schwerter: Pik - Schippe
  • Münzen: Karo - Schellen
  • Stäbe: Kreuz - Eichel

Über den Ursprung der Spielkarten

Nach heutigem Kenntnisstand kamen die ersten Kartenspiele aus Fernost nach Europa. Die Idee Spielkarten zu drucken war vermutlich inspiriert vom Papiergeld-Druck, den es in China seit der Tang-Dynastie im 7. Jhd. gibt. Auch Spielkarten aus China und Korea, lassen sich bis ins 11. Jhd. zurückdatieren. Zwar gibt es keine Hinweise, doch es ist möglich, dass sich die Hersteller europäischer Kartenspiele von ihren chinesischen Zeitgenossen inspirieren ließen. Wahrscheinlich brachten heimkehrende Kaufleute die Spielkarten aus Fernost nach Europa. Denn im Frühmittelalter kam aus China auch die Idee des Papiergeldes auf den Handelsruten zu uns.

Der Tod - ewigeweisheit.de

XIII - Der Tod - aus dem Tarot-Unikat von Jacquemin Gringonneur.

Es gibt auch eine indische Legende über den Ursprung des Kartenspiels. Die Frau eines Maharadschas soll für ihren Mann das Kartenspiel erfunden haben. Damit wollte sie ihm helfen, sich von seinen schlechten Angewohnheiten abzulenken. Als Vorlage für die vier Kartenfarben verwendete sie die Symbole der vierarmigen Hindugottheit Ardhanari, einer androgynen Gestalt, zur einen Hälfte Shiva (männlich) und zur anderen Hälfte Devi (weiblich). In ihren Händen hält Ardhanarishvara einen Dreizack (Stäbe), eine Trommel (Kelche), ein Schwert (Schwerer) und einen Ring (Münzen; als Bhairava-Shiva hält der Gott statt eines Ringes eine Schädeldecke). Manchmal wird auch der indische Affengott Hanuman mit ähnlichen Symbolen abgebildet.

Kartenfarben und das indische Kastensystem

Dem Mythos nach flohen die Gypsies (Roma, Sinti) im ausgehenden 14. Jhd. aus ihrer kriegsgebeutelten, zentralindischen Heimat und begaben sich nach Europa. Da sie aber seitens der Inquisition durch den Ruf der Gottlosigkeit diskreditiert wurden, wanderten sie von Land zu Land, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Durch sie verbreiteten sich möglicherweise alt-indische Weisheiten im damaligen Europa und sie sollen es auch gewesen sein, die das vierfarbige Kartenspiel mitbrachten.

Die auf den Karten abgebildeten Tarotsymbole sollen von einer geheimnisvollen, verborgenen Schrifttafel stammen, die bis heute streng gehütet wird. Mit ihrem Ursprung werden oft die Farben des Tarot assoziiert, da sie den vier Varnas entsprechen: den vier Kasten, von denen sich die Vorfahren der Gypsies möglicherweise einst trennten (als die Dalit, die »Unberührbaren«).

Wenn die vier Tarotfarben tatsächlich auf das indische Kastensystem verweisen, ließe sich vielleicht folgende Zuordnung machen:

  • Priesterklasse der Brahmanen - Kelche,
  • Kriegerkaste der Kshatriyas - Schwerter,
  • Kaufleute der Vaishyas - Münzen,
  • Handwerker der Shudras - Stäbe.
Siebenerreihen des Tarot - ewigeweisheit.de

Drei Siebener-Reihen des Tarot (zusammengestellt aus dem Tarot de Marseilles).
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Die Arkana des Tarot

Von den 22 großen Arkana sagt man sie kämen aus Ägypten. Diese Theorie stammt ursprünglich von dem Theologen und Freimaurer Antoine Court de Gébelin (1719-1784). Diese Vortstellung verbreitete sich seit etwa 1781 in Europa.

Für den französischen Okkultisten Éliphas Lévi (1810-1875) stammten die 22 Tarot-Trümpfe aus der Geheimlehre der Kabbala, gibt es doch ebenso viele hebräische Buchstaben, von denen jeder einzelne, magische Eigenschaften hat. Er sprach von einer umfassenden Wissenschaft der Hieroglypen, denen die 22 Buchstaben zu Grunde lagen. Hinter jedem dieser Buchstaben stand eine göttliche Vorstellung, denen als Grundlage wiederum die Zahlen als perfekte Symbole dienten.

Der okkultistische Autor Arthur Edward Waite (1857-1942) suchte den Ursprung der Bilder der 22 Großen Arkana bei den Albigensern (Katharer), den jener Überlebende vom Montségur, Ende des 13. Jhd. in seinem sagenhaften Schatz gerettet haben könnte.

Gemeinsam mit den vielleicht aus Asien stammenden 56 kleinen Arkana auf jeden Fall, wurden sie zu den uns heute bekannten 78 Tarotkarten. Es könnte gut sein, dass das Tarot also erst in Europa seine bis heute erhaltene Form angenommen hat. Ziemlich wahrscheinlich wurden die Karten schon bei ihrem ersten Auftreten im 14. Jhd. zum Wahrsagen und als Schlüssel zur Entwicklung eines magischen Weltbilds verwendet. 

Eine erste schriftliche Erwähnung des Kartenspiels gibt es aus dem Jahre 1377: ein Mönch eines schweizerischen Dominikanerklosters in Brefeld, beschrieb die Karten als »genaue Abbilder der Weltordnung«. 1378 tauchen die Karten dann auch in Regensburg auf, wurden aber bald verboten. In Belgien werden im Jahre 1379 die Karten von Johanna Herzogin von Brabant gekauft. 1380 werden die Karten in Nürnberg wieder erlaubt, während man sie im französischen Marseilles, ein Jahr später als Teufelswerk wieder verbietet. In Florenz erscheint 1393 eine Liste von Spielen, unter denen die Karten als erlaubt aufgeführt werden. Es ist kaum anzunehmen, dass die Parallelität der historischen Phänomene der Ankunft »indischer Fahrender« (Gypsies, Zigeuner) und die rasante Verbreitung des Tarot, sowie anderen okkulten Gedankengutes in Europa, reiner Zufall waren.

Die Liebenden - ewigeweisheit.de

VI - Die Liebenden - aus dem Visconti Sforza Tarot von Bonifacio Bembo (1420–1477).

Um 1423 werden die Karten von St. Bernadin von Siena verurteilt und erneut verboten.

Trotzdem setzte sich im Volk die Nachfrage nach Spielkarten gegen den religiösen Widerstand durch. Gegen Mitte des 15. Jhd. gediehen Kartenmanufakturen in Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien. Im Hinblick auf die Vielfalt der neuen Spiele und Spielkarten, die seit dieser Zeit entwickelt wurden, ist es erstaunlich, wie sich durch die Jahrhunderte hindurch, die komplexen und rätselhaften Darstellungen der Tarotkartenbilder, bis in die heutige Zeit hinein erhalten haben.

Im Auftrag Karls VI. von Frankreich gestaltete der Maler Jacquemin Gringonneur im Jahre 1392 drei vergoldete Kartenspiele, zum Zeitvertreib des Fürsten. 1392 war auch das Jahr, als Karl VI. leider seinen Verstand verlor!
Über Gringonneur heißt es, er hätte in Paris mit dem berüchtigten Alchemisten und Goldmacher Nicolas Flamel in Verbindung gestanden. So Gestalten wie Flamel, verfügten natürlich über ein ganz tief reichendes, esoterisches Wissen. Wer sich mit so jemandem traf, der muss eine wohl ebenso geheimnisvolle Person gewesen sein.

Gringonneurs Tarotset könnte sehr gut die Vorlage für spätere Spiele gewesen sein - wie z. B. das Visconti-Sforza-Tarot von Bonifacio Bembo, einem der ältesten erhaltenen Tarotspiele Europas. Das Visconti-Tarot besteht allerdings nur aus den 22 Symbolen der großen Arkana. Die italienischen Tarotkünstler des 15. Jhd. nannten die 22 großen Arkana - trionfi -, Trümpfe. Später hießen die Karten einfach »Tarocchi«, was das Spiel mit den 78 Karten bezeichnet. Aus Tarocchi leitet sich wahrscheinlich das französische, englische und deutsche Lehnswort »Tarot« ab.

Sol - ewigeweisheit.de

Sol - die Sonne - aus dem Tarot de Mantegna von Andrea Mantegna (1431-1506).

Ebenfalls Vorläufercharakter hat das Tarocchi di Mategna (um 1470). Es enthält belehrenden und erbaulichen Inhalt und wurde wahrscheinlich vom italienischen Kupferstecher Andrea Mantegna (1431-1506) geschaffen. Auch wenn es kein eigentliches Tarotspiel ist, lassen sich seine Bilder mit den Darstellungen der großen Arkana vergleichen. Albrecht Dürer (1471-1528) nahm die Mantegna-Karten als Vorbild für seine 21 Federzeichnungen, die heute bekannt sind als das »Albrecht-Dürer-Tarot«.

Ende des 15. Jhd. entsteht das Tarot des Marseilles, dessen Bilder sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen. Neben dem Rider-Waite-Tarot ist das Tarot de Marseilles zu einem Standard-Tarotset geworden, von dem es zahllose Varianten gibt.

Tarot und Freimaurerei

Immer wieder wurde die besondere Symbolik des Spiels Gegenstand intensiver Studien seitens spiritueller Logen. Man glaubte in den Karten Verbindungen zu den ältesten philosophischen Systemen der Menschheit zu finden. Da die Sichtweisen und Meinungen über den wahren Ursprung in den vergangenen 700 Jahren jedoch stark differierten, lieferten sich Esoteriker erbitterte Debatten über die wahre Bedeutungen der Tarot-Bilder. Eine Theorie besagt, dass das ursprüngliche Tarot, das kleine Arkanum bildet. Andere ließen nur die 22 großen Arkana als echtes Tarot gelten, während wieder andere behaupten, dass nur mit allen 78 Karten ein Tarotspiel »richtig« sei. Auch wenn sich letztere Variante durchgesetzt hat, unterscheidet man zwischen 22 großen und 56 kleinen Arkana (lat. arcanum: Geheimnis).

Der Magier - ewigeweisheit.de

I - Der Magier - aus einem Tarot-de-Marseilles-Deck des Künstlers Jean Dodal (Lyon).

Im 18. Jhd. interpretierte man das Tarot völlig neu. Mit der damals aufkommenden, jahrzehnte dauernden Okkultismuswelle, gab es eine regelrechte Flut an Neugründungen geheimwissenschaftlicher Bünde und Bruderschaften. Der Theologe und Alchemist Samuel Richter gründete 1710 den Orden des Gold- und Rosenkreuzes. 1767 organisierte sich um den Franzosen Martinès de Pasqually (1727–1774) der freimaurerische Martinistenorden. 1776 wurde in Ingolstadt der Illuminatenorden von Adam Weishaupt gegründet. Es war auch die Zeit der legendären Grafen Cagliostro (1743-1795) und Saint-Germain (1710-1784).

An anderer Stelle haben wir bereits über Antoine Court de Gébelin gesprochen. Er gilt als Vater des esoterischen Tarot. Für Gébelin waren die Tarot-Bilder Nachbildungen des geheimnisvollen Buches Thoth (Thoth, auch Toth oder Tehuti, war der alt-ägyptische Gott der Magie, der Schreiber und der Wissenschaften). Damit traf Gébelin den Nerv der Zeit, denn damals wurde dem Land der alten Ägypter eine wachsende Aufmerksamkeit entgegengebracht.
Jeder wollte die Bilder dieses außergewöhnlichen und kostbaren Buches kennenlernen. So wurde Gébelins Theorie populär und fand zahlreiche Unterstützer. Für Gébelin bewahrten die Tarotbilder die uralten Weisheiten der alt-ägyptischen Kultur. Sie warteten nur darauf, so Gébelin, eingeweihten Augen ihre Geheimnisse preiszugeben. In seinem 1781 erschienen Werk »Le Monde Primitif« schrieb er:

Das Tarot ist rein ägyptischen Ursprungs. Seine 22 großen Arkana aber können nur Eingeweihte deuten.

Etteilla - ewigeweisheit.de

Etteilla: Pseudonym des Franzosen Jean-François Alliette (1738-1791).

Das erste Tarot-Buch

Jean-François Alliette (1738-1791), ein Pariser Barbier und Perückenmacher, war der erste Autor, der 1783 zu den Bildern des Tarot ein Buch mit Erklärungen verfasste. Unter dem Pseudonym »Etteila« (der Name Aliette, rückwärts geschrieben) veröffentlichte er bis 1787 verschiedene Bücher und Tarotspiele oder versah sie mit einigen Neuerungen. In einem seiner Bücher behauptet er, dass er angeblich die genauen Entstehungsjahre des Buches Thoth kenne: 1828 Jahre nach der Erschaffung der Welt und 171 Jahre nach der Sintflut. Diese und andere seiner Geheimlehren waren über Jahre in der französischen Okkultszene sehr populär. Alliette war außerdem der erste professionelle Kartenleger Frankreichs.

Das Tarot im 19. und 20. Jahrhundert

Alphonse Louis Constant (1810-1875), besser bekannt unter dem Namen Eliphas Levi, war ein französischer Diakon, Schriftsteller und Zeremonialmagier. Er gilt als Wegbereiter des modernen Okkultismus. In seinem 1854 erschienen Buch »Dogme et Rituel de la Haute Magie« (Dogma und Ritual der Hohen Magie) bezeichnet er das Tarot als wichtigste Informationsquelle zur Erklärung esoterischer Geheimnisse. Laut Levi sollte ein Gefangener der nichts als ein Tarot besäße, mit dem er sich ausgiebig beschäftigt, die Möglichkeit haben ein Kenner seiner selbst, der Welt und der Götter zu werden. Er fand zudem, dass die Tarotkarten sehr eng mit dem System der Kabbala zusammenhängen. Die 22 großen Arkana waren mit den 22 hebräischen Buchstaben, die vier Farben der kleinen Arkana mit den vier alchemistischen Elementen und den vier Buchstaben des göttlichen Namens JHVH verknüpft. Mit seinem Wissen über das Tarot, die Kabbala und die Magie, beeinflusste Levi ganz maßgeblich die Entwicklung der New Thought Bewegung im 19. und 20. Jhd. Seine Einflüsse finden sich in den Schriften Helena Blavatskys, seine Lehren durchdringen die Schulen des französischen Okkultismus (Papus) und durch die Übersetzung seiner Schriften ins Englische, gelangte er auch in die Kreise des Golden Dawn.

Rider-Waite-Smith-Tarot - ewigeweisheit.de

Das Ass der Kelche im Rider-Waite-Smith-Tarot.

Levis Schriften beeinflussten die Arbeiten des schottischen Freimaurers Samuel Liddell Mathers und Dr. Wynn Wescott. Auch der amerikanische Freimaurer Albert Pike zitiert in seinem Buch »Morals and Dogma« passagenweise aus dem »Dogme et Rituel de la Haute Magie« von Eliphas Levi. Das Golden-Dawn-Tarot Mathers' unterschied sich allerdings von dem Levis', schon alleine deshalb, weil er die Karte »Der Narr« nicht als 22. Karte nummerierte. Stattdessen setzte er sie an den Anfang der Folge mit der Ziffer 0, was später von Edward Arthur Waite und Aleister Crowley übernommen werden sollte.

Im Jahre 1910 veröffentlichte Waite, einstiges Mitglied des Golden Dawn, sein berühmtes Rider-Waite-Tarot. Die Illustrationen der 78 Karten malte die englisch-jamaikanische Künstlerin Pamela Colman Smith. Dieses Set bildet heute das weltweit gängigste Tarotspiel. Es ist das erste Tarot, das die bildliche Darstellung kunstvoll ausgearbeiteter Szenen, auch auf die kleinen Arkana ausdehnte. Damit erweitereten Waite und Coleman Smith die ursprünglich einfache, formale Anordnung der Farbenzeichen, wie sie etwa im Tarot de Marseilles dargestellt wurden.

Zu den originellsten und ungewöhnlichsten Tarotspielen gehört das von Aleister Crowley und Lady Frida Harris entworfene »Book of Thoth«. Crowley trat 1898 dem Golden Dawn bei, geriet später jedoch mit Mathers aneinander und gründete daraufhin im Jahre 1905 den Orden des Silbernen Sterns. Sein Tarotspiel wurde 1944 in London gedruckt. Zwar basiert es auf den Zuordnungen des Golden Dawn, die Abbildungen und Namen modifizierte Crowley aber nach seinem eigenen System. Das die Kartendecks des Rider-Waite-Tarot oder des Tarot de Marseilles, heute populärer sind als Thoth-Tarot, mag möglicherweise daran liegen, dass Crowleys teils extreme Ideen von anderen Okkultisten abgelehnt wurden.

Pamela Colman Smith - ewigeweisheit.de

Pamela Colman Smith (1878-1951): Die Illustratorin des Rider-Waite-Tarot.

Crowley führte in seinem Tarot-System eine Neuerung ein: Da jede der 22 großen Arkana jeweils einem hebräischen Buchstaben entspricht, können die einzelnen Karten in die 22 Pfade des kabbalistischen Lebensbaumes integriert werden. Damit ist Crowleys Kartenspiel nicht nur ein divinatorisches Werkzeug, sondern bildet ein Einweihungssystem und eine Methode zur Selbsterkenntnis.

Die Smaragdene Tafel von Thoth dem Atlanter

Zusammenfassend ließe sich sagen, dass wahrscheinlich indische, ägyptische und jüdische Geheimlehren zur Entwicklung der Tarotkarten beitrugen. Trotzdem lässt sich die tatsächliche Herkunft des Tarot nicht eindeutig einem Ort auf der Erde zuordnen. Vielleicht existiert der Ort seines Entstehens heute nicht mehr auf der Erde. Laut mancher Legenden soll das Land wo einst die Bilder des Tarot entstanden, mit der Sintflut verschwunden sein. Der geheimnisvollen Akasha-Chronik können manche Medien entnehmen, dass die Priester von Atlantis kurz vor dem Untergang des Kontinents, all ihr Wissen in Form von Bildern festhielten. Wollten sie diese Bilder vor dem Vergessen bewahren?

In grauer Vorzeit, so heißt es, erfand der ibisköpfige Gott Thoth die Schrift und gravierte sie in die Smaragdene Tafel (Tabula Smaragdina). Damit gab Thoth den Menschen alles Wissen , dieser Welt. Die Eingeweihten sollten dieses Wissen bewahren und bewachen. Die auf Papyri gemalten Symbole und Zeichen bilden das »Buch des Thoth«. Schon Apollonius von Tyana, wie später auch Raymondus Lullus, nahmen in ihren Schriften Bezug auf dieses uralte Buch.

Aleister Crowley - ewigeweisheit.de

Aleister Crowley (1875-1947): Erschaffer des Thoth-Tarot (1935).

Jenes sagenhafte Werk des altägyptischen Schreibergottes Thoth bezeichnete Antoine de Gébelin als esoterisches Unterweltsbuch. Darin sei eine Landkarte der Unterwelt wiedergegeben, auf der sich sieben Tore befinden, die von sieben Torhütern bewacht werden, die der Jenseitsreisende (verkörpert in der Karte »Der Narr«) durch sieben Losungsworte passieren darf. So kann er das sagenhafte Totenreich der Göttin Amentet betreten und daraus auch wieder ins Diesseits zurückkehren. Im Totenreich kostet er von der Milch sieben heiliger Kühe, überwindet zweimal sieben Hügel und durchschreitet dreimal sieben Pforten, um in der Unterwelt, zur strahlenden Sonne des Osiris zu kommen.

Diese Siebener-Reihen (7, 14, 21) waren für Gébelin ganz eindeutig dreimal sieben Einweihungsstufen, die der Neophyt auf dem Weg zur Meisterschaft durchschreiten muss. Jede dieser Stufen repräsentiert eine der Karten des Großen Arkanums.
Auf der 21. Stufe (im Tarot die Karte »Die Welt«) erhielt er schließlich ein allumfassendes Bewusstsein, mit dem er als Erleuchteter in die diesseitige Welt zurückkehrte.

ROTA TARO ORAT TORA ATOR

von S. Levent Oezkan

In grauer Vorzeit verewigte eine geheimnisvolle Priesterschaft uralte Bildsymbole auf Steintafeln, um sie während der Katastrophe von Atlantis vor den Meeresfluten zu retten: Das Tarot. Neben anderen Relikten waren die Bilder des Tarot wenige der gebliebenen Urkunden einer Zivilisation, die wahrscheinlich vor 14.000 Jahren im Atlantik versank. Das ist der Mythos über den Ursprung des Tarot, der sich in esoterischen Kreisen bis heute erhalten hat.

Als Kartenspiel tauchte das Tarot im 14. Jhd. wieder auf. Doch nur für kurze Zeit, da der Klerus Spielkarten als Teufelswerk verbot und so versank das Tarot wieder im Untergrund. Erst mit der Aufklärung im 18. Jhd. kamen die Bilder als Kartenspiel in verschiedenen europäischen Städten wieder in Umlauf.
In dieser Zeit lebte in Paris ein Schweizer Theologe und Freimaurer: Antoine Court de Gébelin (1719-1784). Man nennt ihn heute den "Vater des esoterischen Tarot".
Für Gébelin war das Tarot eine Sammlung uralter Symbole, die aus dem ägyptischen Alexandria nach Europa kamen. Dort sollen sie vor ungefähr 2.000 Jahren aus den Regalen der brennenden Bibliothek von Alexandria nur knapp ihrer Vernichtung entgangen sein.

Court de Gébelin - ewigeweisheit.de

Antoine Court de Gébelin - Vater des "Esoterischen Tarot"

Das Buch des Thoth

Für Gébelin war das Tarot eine Nachbildung des geheimnisvollen Buches des Thoth. Im alten Ägypten war Thoth der Gott der Weisheit, der Magie, der Schrift und der Wissenschaften. Sein Buch enthielt gemäß Gébelins Behauptung besondere Bildtafeln der Initiation, die den Hermespriestern gegeben wurden, um sie in die hermetischen Lehren einzuweihen (Hermes, griechisch, und Thoth, ägyptisch, sind identische Götter).
Mit solchen Geschichten traf Gébelin natürlich den Nerv der Zeit, denn jeder wollte die Bilder dieses außergewöhnlichen und kostbaren Buches kennenlernen. Die Neugierde vieler seiner französischen Zeitgenossen galt allem was mit dem antiken Ägypten zu tun hatte.

Gébelin sah die Tarotkarten zum ersten Mal im Hause eines Freundes in Paris. Nachdem er von ihm erfuhr, dass das Spiel mittlerweile in vielen Städten Europas bekannt war, bewog dies Gébelin seine wahre Herkunft zu ergründen. Nach intensiven Recherchen gelangte er zur Auffassung, dass sich in den Tarotbildern die Schlüssel zur Weisheit und den okkulten Kräften der Alten Welt befinden. Diese Theorie fand zahlreiche Unterstützung.

Das Rad des Tarot

Gébelin sah in dem Namen Tarot das altägyptischen Wort Tarosh: "Ta" der König und "Rosh" der Weg - also ein Königsweg der Erkenntnis und Einweihung.
Für solch einen Königsweg steht im großen Arkanum des Tarot die 4. Karte: Der Kaiser (auch: Der Herrscher), der in den kleinen Arkana durch die vier Hofkarten vertreten wird – bei Edward Arthur Waite betitelt als König, Königin, Ritter und Bube, während sie bei Crowley als Ritter, Königin, Prinz und Prinzessin genannt werden.
Jede Hofkarte erscheint in vier Tarotfarben, nämlich den Stäben, den Kelchen, den Schwertern und den Münzen, die ihrerseits wieder einem alchemistischen Element zugeordnet sind: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Da die Tarotsymbolik einen engen Bezug zur Astrologie hat, korrespondieren die vier Tarotfarben mit den vier Kardinalzeichen der Sonnenstationen:

Kreuz im Kreis, Symbol der Erde - ewigeweisheit.de

Das Kreuz im Kreis - Symbol der Erde.

  • Stäbe mit dem Widder der dem Feuerelement zugeordnet ist, während
  • Kelche dem Krebs entsprechend das Wasserelement repräsentieren,
  • Schwerter mit der Waage korrespondierend dem Luftelement entsprechen und
  • Münzen (Pentakel) dem Steinbock und dem Element Erde zugeordnet sind.

Die Sternzeichen bilden im jährlichen Sonnenzyklus vier Punkte, die mit einander verbunden ein Kreuz in den Erdkreis zeichnen und diesen in die vier Jahreszeiten unterteilen. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Sonne in das Sternzeichen Widder eintritt, findet die Frühlingstagundnachtgleiche statt, mit dem Krebs die Sommersonnenwende, mit der Waage die Herbsttagundnachtgleiche und schließlich die Wintersonnenwende mit dem Steinbock. Die Zahl Vier bildet ein astronomisches Verhältnis der Himmelsbewegungen von der Sonne zur Erde. Dieses Gesetz kannte man auch im alten Ägypten. Die Sonnenstationen zeichnen auf der Erde den jährlichen Agrarzyklus: Aussaat, Durchbruch der Sprossen, Reifung und Ernte. Im alten Ägypten war das Einsetzen der Nilflut der Höhepunkt im landwirtschaftlichen Jahreskreis, da sich mit ihr fruchtbarer Ackerschlamm über die Felder ergoss. Die Flut ereignete sich jedes Jahr im Sommer zur Zeit des heliakischen Aufgangs des Sirius, dem die 17. Karte, "Der Stern" entspricht.

Der Stern im Tarot - ewigeweisheit.de

Der Tarot-Trumpf Nr. 17: Der Stern.

Man sieht auf dieser Karte einen großen Stern, der von 7 kleinen Sternen umgeben ist, unter dem ein Fluss hindurchläuft und ein junges Mädchen Wasser über das Land gießt. Dieses Mädchen ist die Göttin Hathor - die Tochter des ägyptischen Sonnengottes. Hathor nannte man im Ägypten die "Herrin der Sterne". In alten Hieroglyphentexten wurde sie häufig als Kuh dargestellt und war Göttin der Feuchtigkeit. Von Hathor kam der Regen, der die Quellflüsse Weißer und Blauer Nil füllte und so das Ansteigen des Flusspegels in Unterägypten bewirkte (auf der rechten Seite der Tarotkarte "Der Stern" deuten die Rinnsale das Nildelta an).

Als "Himmelsgöttin des Westens" war Hathor die Wächterin am Eingang zur Unterwelt, wodurch die Sonne jeden Abend verschwand. Für die Ägypter war es der Eingang der Seelen, die in einer Nachtmeerfahrt den Geschmack der Körperlosigkeit probierten und schließlich mit der Sonne jeden morgen im Osten zurück kehrten. Für diesen ewigen Kreislauf steht im Tarot das "Rad des Schicksals" (auch: "Glücksrad").

Über die esoterische Bedeutung des Wortes Tarot

Verschiedene Riten und Gebräuche prägten den Staatshaushalt der altägyptischen Agrarkultur bis in die Zeit des Neuen Reichs (16. bis 11. Jh. v. Chr.). Sie wurden zu Ehren lokaler Gottheiten gepflegt. Mit Pharao Tutmosis I. wurde als Sonnen- und Fruchtbarkeitsgott Amun-Ra eingeführt. Fünf Generationen später schaffte Echnaton (Amenhotep IV.) den Vielgötterglaube ab. Er erhob die Sonnenscheibe Aton zum höchsten und einzigen Gott der Ägypter – das war die Geburt des Monotheismus.

Der Okkultist Edward Arthur Waite, wie auch der Psychiater Sigmund Freud, sahen den jüdischen Monotheismus als das durch Moses vermittelte Erbe der Religion Echnatons. Mit den Nachfahren Moses kam dieser Eingottglaube nach Palästina. Aus dem ägyptischen Gottesnamen "Aton" entwickelte sich vermutlich der jüdische Name "Adon", aus dem wiederum der Gottesname "Adonai" entstand: "Mein Herr" (Adon = Herr).
Der Gottesname Adonai wird seinerseit verwendet um den vierbuchstabigen "unaussprechlichen Namen des Herrn" JHVH (Tetragrammaton) zu benennen (JHVH wir gesprochen "Jod-Heh-Vaw-Heh", hebräisch יהוה), auch bekannt als "Jehova" oder "Jahve". Kabbalistisch entsprechen den vier Buchstaben des JHVH die Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde.

Die Rad des Schicksals im Tarot - ewigeweisheit.de

Der Tarot-Trumpf Nr. 10: Das Rad des Schicksals. Es weist prinzipielle Ähnlichkeiten mit dem fernöstlichen Kalachakra auf - dem Rad der Zeit. Außerdem erkennt man bei genauerem Hinsehen auf dieser Karte auch die vier Buchstaben T-A-R-O, sowie die hebräischen Buchstaben des Tetragrammaton.

Aus der Sonnenzahl Vier erhalten wir durch theosophische Addition die Zahl Zehn, da 1 + 2 + 3 + 4 gleich 10 ist. Zehn "Früchte" wachsen auf dem kabbalistischen Lebensbaum (siehe Abb. am Ende dieses Artikels). Im Tarot heißt die 10. Karte "Rad des Schicksals", auf dem in den vier Ecken die vier Evangelisten Markus, Johannes, Matthäus und Lukas als Tetramorph abgebildet sind. In der Mitte der Karte sieht man ein Rad, das die vier hebräischen Buchstaben י ה ו ה enthält – wie wir oben gesehen haben, ist dies der wichtigste Gottesname im jüdischen Glauben.
In diesem drehenden Lebens- und Sonnenrad platzierte Waite außerdem noch die Buchstaben des Wortes "TAROT". Da der Name mit einem T beginnt und mit einem T endet, kann er in einen Kreis gestellt, auch nur mit einem T geschrieben werden. So ergibt sich das Bild, dass Waite als die vier lateinischen Buchstaben T A R O mit den vier Buchstaben des Gottesnamens י ה ו ה auf der 10. Karte in ein Kreuz im Kreis zeichnen ließ: das hermetische Sonnenkreuz (bei genauem Hinsehen, finden wir darin auch die Symbole der drei philosophischen Elemente Sulphur, Mercurius und Sal, sowie das astrologische Zeichen des Wassermanns). Inspiriert vom französischen Renaissancegelehrten Guillaume Postel, entwickelte Waite in Anlehnung an Gébelins Königsweg, gemäß der fünf Bücher Moses aus TARO ein Anagramm aus fünf Wörtern:

ROTA TARO ORAT TORA ATOR

Daraus leitete Waite für jeden der vierbuchstabigen Worte, ihrer Lautform gemäß, besondere Bedeutungen ab:

  • ROTA auf lateinisch "Das Rad", ein Begriff für das höchste römische Gericht des Papstes, der im Tarot durch die 5. Karte repräsentiert wird "Der Hierophant".
  • Das göttliche Gesetz steht in Zusammenhang mit Fortuna, der römischen Glücksgöttin, die günstige oder ungünstige Ereignisse hervorbringt. Damit entsprechen die vier Buchstaben des TARO dem "Spiel des Glücks", dem Tarot selbst.
  • Das Wort ORAT ist das lateinische Partizip von "oro", das für das "anbeten" oder die Befragung eines Orakels steht: "weissagen".
  • Die TORA ist das heilige Buch des Judentums (hebr. תורה), das "Gebot", die "Weisung".
  • ATOR ist ein Synonym der altägyptischen Fruchtbarkeitsgöttin Hathor, die, wie wir oben gesagt haben, auch die Einweihung in die Mysterien des Todes verkörpert.

Der Satz ROTA TARO ORAT TORA ATOR kann vielfältig gedeutet werden, denn es gibt mehrere Auslegungsmöglichkeiten. Man kann ihn allgemein mit folgendem Wortlaut übersetzten:

"Das Rad des Tarot weissagt das Gebot der Einweihung"

Man könnte diesen Satz auch als Urteil des göttliches Gerichts deuten, das uns durch die Bilder des Tarot in unser eigenes Schicksal einweiht.

Der Magier im Tarot - ewigeweisheit.de

Der solare Ritus im Tarot

Unser Schlaf- und Wachrhythmus, unsere Ernährung, die damit erzeugte Körperwärme, resultieren letzten Endes alle aus dem Wirken des Sonnenlichts. Menschen aßen schon immer die Pflanzen, die der Jahreszeit gemäß wuchsen. In größerer Gemeinschaft lebend, entwickelten sich vor etwa 10.000 Jahren die ersten Ackerbaukulturen (im Übrigen bedeutet das lat. Wort cultura, Ackerbau) und die damit begangenen Feste der Aussaat und Ernte.
Und da das Wachstum der Pflanzen immer mit der Sonnenphase in den Jahreszeiten zusammenhängt, glaubten die alten Menschen, dass dies ein Vorbild auch für das menschliche Seelenleben sei.
Die Sonne wurde deshalb als Stellvertreterin des in unserem Körper befindlichen Seelenfunken angesehen. Dieser Lichtsame in uns stellte für die alten Menschen das inkarnierte Selbst dar, das in unserem geistigen Herzen verborgen liegt –, der mikrokosmischen Sonne unseres Körpers. Alle Adepten, Avatare und Herabgestiegenen waren immer irdische Repräsentanten dieses Sonnengeheimnisses gewesen, die durch ihren eigenen Lebens- und Leidensweg die solaren Seelenfunken des einzelnen Menschen und ganzer Völker aus der Schale des Körpers zu lösen versuchten. So rettete in der indischen Bhagavad Gita der solare Held Ajurna mit Hilfe des erleuchteten Krishna sein Volk. Der solare Prophet Moses führte die Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft und Christus als Verkörperung des Sonnenlogos, starb am Kreuz für die Sünden der Menschen.

Der Tarot-Trumpf Nr. 1: Der Magier. Vor ihm liegen die vier Farben des Tarot: Stab, Kelch, Schwert und Münze (Pentakel). Er ist der Repräsentant der hermetischen Mysterien. Die Haltung seiner beiden Hände deuten auf das hermetische Prinzip: "Das was oben ist, entspricht dem was unten ist. Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen." Dieser "Einigkeit" von Mikro- und Makrokosmos schuldend erhielt dieser Tarottrumpf die Zahl Eins.

Die Christen feiern dieses Sonnengeheimnis theoretisch jedes Jahr mit der Geburt des Jesuskindes an Weihnachten, denn ab dem 24.12. nehmen die Sonnenstunden wieder zu, während die Auferstehung des Christus an Ostern das Überwiegen der Sonnenstunden und Unterliegen der Nachtstunden zelebriert - der Sieg der Licht- über die Finsterniskräfte.

Das Heraustreten aus dem Kreislauf der Leiden (Rad der Zeit), wird im Tarot durch die 19. Karte versinnbildlicht "Die Sonne". Es geht darum das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Handeln entspricht im Hebräischen dem Buchstaben Kaph כ, Hand. Dieser Buchstabe entspricht im Sefer Yetzirah auf himmlischer Ebene wiederum der Sonne, im Tarot der 10. Karte "Rad des Schicksals". Nach und nach wird deutlich welche initiatorische Bedeutung die Karten 1, 10, 19 haben.

Der Narr im Tarot - ewigeweisheit.de

Der Narr im Tarot - der eigentliche Held!

Die Null 0 entspricht dem "Narren". Er ist der solare Archetyp des Reisenden, der durch die 21 großen Arkana seinem Schicksal entgegenschreitet. Synonym verbildlicht der Narr die Reise unserer Seele durch die Welt. Er verinnerlicht alle anderen Werte der 21 Tarotkarten, denn eine Zahl die man zur 0 addiert, ergibt immer diese Zahl. Mit der 1. Karte "Der Magier" wird ihm "das Gesetz" gegeben - die zehn Gebote der Tora. Auch Moses war ein in die ägyptischen Mysterien eingeweihter Magier. Da er das göttliche Gesetz befolgte, schien ihm nichts unmöglich zu sein, denn er konnte die unbegrenzten kosmischen Kräfte vom Himmel herableiten, um Wunder auf Erden zu vollbringen (Teilung des Meeres, usw.).

Der Narr durchschreitet neun weitere Arkana, bis er zum Rad des Schicksals kommt – die Zehn. Diese Zahl korrespondiert zum einen mit der Vier (siehe oben) und über ihre Quersumme mit der Eins (1 + 0 = 1).
In seiner Abwärtsbewegung durch den Kreis der 21 Tarot-Trümpfe wir der Narr mit dem Passieren der zehnten Karte (Rad des Schicksals) von den Kräften der Finsternis in die Tiefe gezogen und dabei in die Mysterien der Erde eingeweiht. Während er sich daraus wieder befreit, tritt er mit der 19. Karte - Die Sonne - am Tage heraus - um wiedergeboren zu werden. Auch die 19 bildet als Quersumme die Zehn des Schicksalsrades, sowie die Eins des Magiers - denn 1 + 9 = 10 und 1 + 0 = 1.

Die 21. Karte steht für die von ihm wiederhergestellte "heile Welt", die in sich bereits wieder den Keim für einen neuen Zyklus enthält. So ist es auch mit unserer Seele. In der Kabbala steigt sie über die 10 Lebensfrüchte entlang der 21 Zweige hinab in das "Königreich des Körpers", um durch die Einweihung wieder in entgegengesetzter Richtung aufzusteigen und mit dem Tod zu ihrem göttlichen Ursprung zurückzukehren, um dereinst erneut zu inkarnieren.

Tarot-Baum - ewigeweisheit.de

Der Lebensbaum der Kabbala: Jeder der 22 Pfade zwischen den 10 Sefiroth, entspricht einer der 22 Großen Arkana.

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Ewige Weisheit aus Kabbala und Vedanta

Sieh in allen Dingen nur eines, denn das Zweite führt dich in die Irre.

- Kabir

Hinter dem Wesen unserer Seele befindet sich etwas, das mit der Wirklichkeit des Göttlichen identisch ist. Eine Bestimmung des menschlichen Lebens mag sein, dies zu erkennen. Alles was in dieser Welt und in der unsichtbaren, jenseitigen Welt existiert, besitzt ein Zentrum und ist doch zugleich grenzenlos. Gott transzendiert alles Menschsein und ist ihm doch immanent.

Je mehr Er in den Dingen ist, desto mehr ist Er außerhalb von ihnen; je mehr Er im Inneren ist, desto mehr ist Er draußen.

- Meister Eckhart

Immer wieder ließe sich über solch anscheinenden Widerspruch nachgrübeln. Wie nämlich kann etwas das Sein überflügeln und zugleich in ihm lebendig sein? Nach dem Verständnis der Sophia Perennis liegt der Grund für diese Paradoxie allein am Urteil und dem Wunsch des Menschen zu unterscheiden.

Das Studium der Sophia Perennis kann ganz gleich aus welcher Richtung begonnen werden. Manche finden zur Sophia Perennis über die praktischen Wege, über Moralvorstellungen wie sie uns etwa Bibel, Koran oder auch die Veden liefern. Das ist der Zugang der sich dem Suchenden von oben her öffnet - der vordergründige und oberflächliche Weg. Der Zugang "von unten" ist der Weg der Philosophen, jenen, die dazu berufen sind über Gott, den Menschen und die Welt nachzusinnen. Den mittleren Weg gehen nur die Mystiker. Es ist der Weg, der den Suchenden zur wahren Erkenntnis der Ewigen Weisheit führt.

Sufis, Kabbalisten, Rosenkreuzer, die Yogis des Vedanta, die Sant (indische Heilige), die Zen-Buddhisten und viele andere Geistesschulen, üben sich in kontemplativer Praxis, um ihre Aufmerksamkeit auf den Kernpunkt ihres wahren Selbst zu richten. Es geht ihnen nicht nur um das wissenschaftliche, psychologische Verstehen des Ich, sondern um die Erkenntnis des ewigen Selbst, das ein Teil des göttlichen Urgrunds, ja mit ihm sogar identisch ist.

Diese Suche nach Selbsterkenntis in der Sophia Perennis, kommt am treffendsten mit dem Satz "Das bist Du" zum Ausdruck - auf Sanskrit "tat twam asi".
Das ewige, immanente Selbst des Menschen, das im Sanskrit als Atman bezeichnet wird, ist eins mit dem Brahman, dem göttlichen Selbst. Diese geheime Tatsache zu entdecken, ist wohl eine Bestimmung aller Mystiker.

Die Erkenntis wer der Mensch und was das Selbst eigentlich ist, erübrigt alle Dogmen, moralische Regelwerke und Gebote. Denn derjenige der weiß, dass sein Wesenskern ebenso ein Teil der universalen Einheit des Göttlichen ist, für den wäre es absurd zu glauben, dass er getrennt von seinem Nächsten sei.
Er erkennt in allen Dingen jenes übernatürliche Wesen, das mit seiner großen, unbeschreiblichen transzendenten Mächtigkeit alles durchdringt.

Über das Empfangen der Geheimlehren

Moses empfing die Tora am Sinai und übergab sie Joshua, Joshua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten übergaben sie den Männern der großen Versammlung

- Aus der Mischna, Sprüche der Väter

In den Geheimlehren des Westens, steht das Wort Kabbala (קבל) für dieses »Empfangen«. Es ist die älteste philosophische Schulrichtung der Buchreligionen des Westens.

Vedanta (वेदान्त) ist ein Wort im Sanskrit und bezeichnet die bekannteste Schulrichtung der indischen Philosophie. Wörtlich übersetzt bedeutet es »Erweiterung zum Wissen« und bildet ein Appendix zu den heiligen Veden (von sanskr. »Veda«, Wissen). Es handelt sich dabei um geheimwissenschaftliche Abhandlungen, deren Texte die Belehrungen eines religiösen Meisters, eines Gurus schildern.

In beiden philosophisch-religiösen Schulen, der Kabbala im Westen und dem Vedanta im Osten, wurzeln die Weisheiten des Judentums, Christentums, des Islams, des Hinduismus und auch des Buddhismus. Kabbala und Vedanta verweisen also auf einen weiten Bedeutungshorizont, aus dem für einen Eingeweihten die geheimen und mystischen Überlieferungen aufsteigen. In eigentlich allen geheimwissenschaftlichen Schulrichtungen finden wir viele Berührungspunkte, die auf grundlegenden Gemeinsamkeiten in allen Religionen, Philosophien und spirituellen Traditionen hindeuten.

Menschen in der Tradition der Sophia Perennis wissen, dass es unzählige Analogien religiös-esoterischer Überlieferungen der Kulturen in West und Ost gibt. Sie versuchen die in allen Traditionen unseres Globus existierende ewige, innere Weisheit zu betonen, die sich als kulturelle Urtradition bis in unsere heutige Zeit hinein erhalten hat und auch in Zukunft fortbesteht. Die Sophia Perennis fasst in sich die unveränderlichen Wahrheiten, Formen und Prinzipien zusammen, die wir in Philosophie, Religion, Mystik und Metaphysik als universale Weisheitsdoktrin finden.

Von solch absoluter Wahrhaftigkeit erfüllt ist es Agia Sophias Glück, sich an allen spirituell-esoterischen Weisheiten zu erfreuen, seien sie aus dem Christentum, Islam oder Judentum, Hinduismus, Sikhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, Paganismus, Druidentum oder Schamanismus. Die Ewige Weisheit gleicht, sinnbildlich gesprochen, der Süße jener Äpfel, die auf den mythischen Bäumen aller spirituellen Weisheiten reiften, und uns bis heute in den Kulturen der Menschheit erhalten geblieben sind. Agia Sophia führt uns in diesen heiligen Apfelhain und will dort ihre Früchte mit uns teilen.

Wie Anfangs angedeutet geht wahre Spiritualität aus von einem gleichzeitig immanenten und transzendenten Geist. Indem sich der Mensch auf eine innere Suche begibt, gelangt er durch diesen Geist auf den Pfad zur Freiheit, der aus der Dualität der Gegensätze in die Einheit (zurück)führt. Auf diese Weise kann das Individuum diesen ewigen Geist (Gott, Brahman, Tao, Allah, Elohim, Manitu, usw.) in seinem Innern empfinden und sich allmählich aus den Verstrickungen des Leids befreien. So wird einer zu einem mitfühlenden Menschen, der zum Wohle aller Lebewesen auf unserem Planeten Erde denkt, spricht und handelt.

Die 10 Sefiroth im Kabbala-Lebensbaum

In zweiunddreißig wunderbaren Pfaden der Weisheit zeichnete Jah, JHVH Zabaoth, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der ewig lebendige Gott, gnädig, barmherzig und hoch erhaben, lebt er in der Höhe und bewohnt die Ewigkeit, sein Name ist heilig. Er erschuf sein Universum durch drei Zählprinzipien: Zahl, Zähler und Erzähltes.

– Sefer Yetzirah I:1

Der kabbalistische Lebensbaum, der Etz Chaim (hebr. עץ חיים), ist ein zentrales System der Kabbala und beschreibt die Emanationen der göttlichen Schöpfung, wie diese im Buch der Formgebung, dem Sefer Yetzirah (hebr. ספר יצירה), beschrieben werden.Kabbala Lebensbaum nach Selim Oezkan

Der Lebensbaum ist untergliedert in Dreierpaare, welche sich aus den zehn Urziffern, den Sefiroth (sing. Sefira) in bestimmter Weise gruppieren. Über kabbalistische Gesetzmäßigkeiten, die sich aus einem System von 22 Pfaden ergeben, sind diese 10 Urspähren der Sefiroth untereinander auf geheimnisvolle Weise verbunden. Hier gibt es einen direkten Zusammenhang zum hebräischen Alphabeth und den Karten des großen Arkanums im Tarot.

Das Urlicht, das Ayn Soph (oder En Sof), welches man auch als das unendliche, unbegrenzte, unsichtbare Licht Gottes begreifen könnte, fließt aus einer Welt, die man mit der platonischen Lehre von der Welt der Ideen vergleichen kann. Aus diesem, einem Chaos ähnelndem Zustand, entspringt die erste Motivation der Schöpfung Gottes, seine erste Bewegung, die durch seine Kontraktion und Expansion die 10 Sefiroth aus dem reinen Urlicht entstehen lässt. Diese 10 Sphären des Ur-Seienden entfalten sich in die vier Welten: Assia, die Welt der Handlung, Yetzirah, die Welt der Formung, Briah, die Welt der Kreation (oder Schöpfung), und der Welt Atziluth, die sich in einer übernatürlichen Dreiheit über den diesseitigen, darunterliegenden, seelisch-stofflichen Emanationen, gleich einem geistigen Baldachin schwebt, der mit den unteren Welten über die verborgene Sefirah Da'at verbunden ist.

Zwischen der reinen Bewusstheit und dem Unterbewusstsein, liegt im Baum des Lebens das Denken: links, in Sefira Hod, das analytische Denken, rechts davon in Sefira Netzach das kreative Denken.

Die oberste Sefira Kether, stellt hierbei die Anwesenheit Gottes in der Schöpfung dar, während die unterste Sefira Malkuth, die Materie beschreibt (die Erde, unseren Planeten). Zwischen diesen Beiden Entitäten, liegt das menschliche Bewusstsein, Sefira Tiferet. Zwischen dem Bewusstsein und dem Irdischen, liegt das Unterbewusstsein, welche der Sefira Yesod entspricht.

Die rechte Seite des Etz Chaim, beschreibt daraus folgend, das nehmende, weibliche Prinzip (man stelle sich dies natürlich umgekehrt im menschlichen Körper selbst vor: die linke Seite des Baums, entspricht der rechten Seite des menschlichen Körpers und umgekehrt), welches sich durch die Sefirah Chokmah manifestiert, das gebende, männliche Prinzip, auf der linken Seite, manifestiert durch die Sefira Binah.

Es gibt sieben irdische Sefirot (Malkuth, Yesod, Netzach, Hod, Tiferet, Geburah, Chesed) und drei himmlische oder göttliche Sefirot (Binah, Chokmah, Kether). Diese sind voneinander getrennt und werden über die Erkenntnis (Daat) überbrückt.

In meiner Veranschaulichung finden sich ausserdem, am Fuß der Illustration, die drei Säulen: die Härte (Binah, Geburah und Hod), die Milde (Kether, Tiferet, Yesod und Malkuth) und die Barmherzigkeit (Chokmah, Chesed und Netzach).

Links des Baumes versuche ich die sieben Ebenen dieser Entitäten des menschlichen Seins mit den Chakren aus der fernöstlich-indischen Tradition in Verbindung zu bringen.