Kundalini

Esoterische Bedeutung des Ankh

Esoterische Bedeutung des Ankh

Ankh - ewigeweisheit.de

Spätestens seit der Zeit des alten Ägypten, verwendete man im Westen ein Symbol, das heute unter dem Namen »Ankh« geläufig ist: Das Kreuz des Lebens. Seiner esoterischen Bedeutung nach, steht dieses einfache Symbol für die Ganzheit allen Seins. Dabei stellt sich natürlich die Frage, woraus sich diese Ganzheit zusammensetzt und wie ihre Teile zueinander in Beziehung stehen.

Insbesondere das Verhältnis von Einheit (Unität) und Zweiheit (Dualität) sind dabei von grundlegender Relevanz, bilden sie doch den logischen Ursprung der existentiellen Realität in der wir leben.

Symbol der Einheit ist der Punkt oder der Kreis. Ein Kreis hat weder Anfang noch Ende und ist in sich abgeschlossen, ungeteilt und ganz. All das sind Attribute, die sich gewöhnlich mit dem Wort Gott assoziieren lassen.

Gott ist wie ein Kreis,
Dessen Mittelpunkt sich überall und
Dessen Umfang sich nirgendwo befindet.

Der Kreis also steht für die Vollkommenheit und Ganzheit allen Seins.

Die horizontale Linie unterhalb des Kreises, deren beiden Enden in die Unendlichkeit weisen, symbolisiert die Begrenzung, die das Vollkommene vom Erschaffenen trennt. Wobei das Erschaffene letztendlich die manifestierte, physische Welt unseres Universums ist.

Eine Begrenzung des unendlich Vollkommenen also, führt zur Erschaffung, zur Schöpfung dessen, was räumlich und zeitlich manifestiert ist und darum begrenzt sein muss. Das ist die Welt der Dualität, das kosmische Reich der Gegensätze und Pole. Hierfür steht die senkrechte Linie im Ankh, die durch die Waagrechte vom Kreis der Ganzheit getrennt ist. Sie emanierte im Augenblick der Schöpfung, gleich einem Strahl der Kraft, aus der Grenzenlosigkeit (symbolisiert durch den Kreis), hin durch all die Welten und Äonen unseres Kosmos, bis sie in der materiellen Ebene wie ein Kristall, in Vollkommenheit verfestigte.

Als senkrechte Linie im Ankh-Kreuz, symbolisiert sie die Trennung der Polaritäten in unserer Welt: Rechts und Links, Licht und Finsternis, weiß und schwarz, heiß und kalt, gut und böse, erfreulich und unliebsam, aufregend und langweilig, und so weiter.

Der Caduceus - ewigeweisheit.de

Der Caduceus, der Schlangenstab des Götterboten Hermes, ist seinem Symbolcharakter nach verwandt mit dem Ankh. Natürlich könnte man hier noch weitere Assoziationen durchführen, ist doch der Schlangenstab ein Symbol, dem wir auch in der biblischen Tora und im Neuen Testament begegnen: Einmal als der Stab des Moses, der gleichzeitig eine Schlange ist (Exodus 4:2f), und wo Moses an einer Stange eine eherne Schlange aufrichtet (Numeri 21:6-9), die jedem der sie dort erblickt, Heilung bringt. Jene Symbolik wiederholt sich in den christlichen Evangelien, wo es heißt: »Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat.« (Johannes 3:14-15) Damit also bewegen sich die inneren Bedeutungen der Symbol-Konzepte von Ankh, Hermesstab, Mosesstab und gekreuzigtem Christus, in der selben spirituellen Matrix von Sein und Erlösung. Mehr zum Thema auch hier.

Aufstieg entlang des Mittleren Pfades

So wie diese Senkrechte blitzartig in die Welt der Polaritäten hinabfiel, so auch fand einst, nicht lange nach unserer Zeugung, ein göttlicher Funke seinen Weg aus dem Göttlichen ins Irdische, worum sich dann unser Körper formte. Das zumindest glauben Menschen der spirituellen Traditionen in West und Ost: Die Seele ist himmlischen, göttlichen Ursprungs.

Die Dinge der irdischen Welt aber, befinden sich immer in einem Spannungsfeld der Polarität, zwischen Werden und Vergehen, Aufstieg und Abstieg, Leben und Sterben, Sein und Nicht-Sein. Jeder Mensch weiß das, da er mit seinem Körper, seinen Gefühlen und Gedanken, immer Teil dieser polaren Gegensätze ist. Denn nichts bleibt, alles verändert sich vom Positiven zum Negativem und wieder vom Negativen zum Positiven, in einem lebenslangen Kreislauf.

In der manifestierten Welt begegnet die menschliche Seele immer wieder dem Zwist der Polaritäten, einem nicht endendem Wechselspiel der Gegensätze im irdischen Dasein. Davon ist unser gesamtes Leben bestimmt, jeden Augenblick. Wir atmen ein und wir atmen aus. Unser Herz strömt Blut durch die Arterien, dass durch die Venen zurückkehrt. Wir schlafen ein und wachen auf. Wir nehmen auf und scheiden aus.

Solange sich darum unser Bewusstsein, allein nur mit dieser manifestierten (oder inkarnierten) Existenz identifiziert, mit den darin erscheinenden Dingen der Wahrnehmung, über die es nachdenkt, die es bedauert oder bewundert, verharrt es auf der Ebene seines Egos. Und dabei erfährt es ständig Konflikte, empfindet das Leben nicht spielerisch sondern als anscheinend nicht endenden Kampf. Denn was man wahrnimmt, ist eben jene Reibung der Gegensätze, die in der Welt der Polaritäten konkurrieren. Wem jedoch gelingt, sich entlang des Mittleren Pfades an die Grenzen der Alleinigkeit emporzuführen, wird dort höchste Harmonie finden, wo alle gegensätzlichen Kräfte zu ultimativer Versöhnung gekommen sind.

Im indischen Tantra ist da die Rede vom sogenannten »Kundalini-Prozess«. Die Kundalini ist eine Schlange, die dort am untersten Punkt der Senkrechten im Ankh-Kreuz schläft, jedoch erweckt werden kann. Als ätherisches, feinstoffliches Wesen steigt sie dann entlang dieser Senkrechten auf, bis sie jene Waagrechte im Ankh-Kreuz mit ihren Lippen berührt. Das aber gelingt ihr nur, wenn sie alle Polarität überwindet, weder Freude noch Trauer empfindet, Angst und Mut ihre Bedeutung verloren haben und sie weder Gutes noch Böses beeinflussen.

Auf diesem Mittleren Pfad bewegen sich alle, die die Kraft zum Gleichmut entwickelt haben. Ihnen ist gewährt, sich entlang jener kosmischen Senkrechten, hinauf zur Grenze der großen Alleinigkeit zu bewegen (symbolisiert durch den Kreis).

Wenn wir ein Bewusstsein entwickeln, diesen Pfad aufzusteigen und jenen Grenzbereich zu berühren (im Ankh als die Waagrechte symbolisiert), verlassen wir die duale Welt der Gegensätze und erleben die große göttliche Einheit, die uns mit unendlicher Kraft und Weisheit erfüllt. Alles was sich widersprach kommt hier zur Ausgleichung und verliert seine Relevanz.

Bei alle dem sollten wir aber nicht vergessen, das diese beiden Modi des Bewusstseins – in der kosmischen Einheit und der kosmischen Zweiheit (Dualität) – voneinander getrennt bleiben. Nachdem aber eine menschliche Seele in der Welt der Gegensätze inkarnierte, kann sie irgendwann damit beginnen, diesen Mittleren Pfad aufzusuchen. Hat sie ihn gefunden, wird sie durch allmähliche Veränderung ihres Bewusstseins eine Reife entwickeln, die es ihr ermöglicht, sich entlang dieses Mittleren Pfades hinaufzubewegen, entlang jener Vertikalen, bis sie zum Gebiet der großen Einheit vordringt, um dort schließlich ihre Erlösung zu finden.

 


 

Schlangenkraft Kundalini: Urenergie des Universums

von Johan von Kirschner

Kundalini - ewigeweisheit.de

Im Hinduismus stehen die drei Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva, auf Sanskrit Trimurti, für die drei Formen des Ursprungs der göttlichen Wirkungen in der Einheit aller Welten. Somit sind die Trimurti also nicht getrennt voneinander existierende »Götter«, sondern drei Aspekte von sich gegenseitig, ergänzender Prinzipien göttlichen Seins:

Brahma ist der schöpferische Aspekt.
Vishnu der erhaltende und verwandelnde Aspekt.
Shiva der zerstörende, jedoch erlösende Aspekt.

Brahma steht für den Neubeginn, nachdem Shiva den dunklen Geist der Unwissenheit zerstört hat. Vishnu repräsentiert die zwischen beiden bestehende Harmonie und Gutmütigkeit Gottes, die für eine gewisse Zeit besteht. Diesen drei Prinzipien begegnen wir erneut, in den Kapiteln über die Chakras.

Die Urenergie des Universums

Im Hinduismus ist Shakti die weibliche, aktive Urenergie im Universum. Sie repräsentiert Macht und Kraft, als weiblicher Gegenpart der männlichen Trimurti. Auch sie erscheint in drei Formen:

  1. Als Gattin des Brahma nennt man sie Sarasvati, die Mutter der Künste und der Wissenschaften.
  2. Als Gattin Vishnus ist die Lakshmi, Göttin des Glücks und der Reichtümer.
  3. Die Shakti des Shiva ist Parvati, die entweder als sanfte oder kriegerische Göttin auftritt.

Gemeinsam mit Prakriti, dem Urstoff (Urmaterie) und Maya, den Illusionen des Vergänglichen, bildet Shakti die drei Urkräfte des Universums. In jedem Chakra wirken diese Aspekte von Gottheit und Urenergie (Shakti).

Shakti-Energie ist jedoch keine materielle Kraft wie Elektrizität, Magnetismus, keine zentripetale oder zentrifugale Kraft. Sie ist vielmehr etwas Geistiges, das den gesamten Kosmos durchdringt, sich jedoch als physische Kraft manifestieren kann.

Energiekanäle des Ätherkörpers

Wir hatten oben gesagt, dass der physische und der ätherischer Körper, ineinander bestehen. So wie im physischen Leib, durch Nervenbahnen, Lymphgefäße und Blutgefäße, Energie, Körpersäfte und Blut fließen, so wird ätherische Energie durch die sogenannten Nadis transportiert.

Im ätherischen Körper gibt es zwei Hauptströme, die im Körper zirkulieren:

  • Rechts der Wirbelsäule der Sonnenstrom Ha.
  • Links der Wirbelsäule der Mondstrom Tha.

Daher stammt der Begriff »Hatha-Yoga«, einer Form des Yoga mit dem Ziel, Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist herzustellen. Dies geschieht durch das Einnehmen besonderer Körperhaltungen (Asanas) und dem bewussten Atmen (Pranayama). Die meisten Menschen setzen die Bezeichnung des Hatha-Yoga mit dem Begriff des Yoga gleich. Yoga an sich ist aber weit mehr als nur die Praxis bestimmter Körperübungen. Es ist ein Weg der Befreiung.

Yoga ist die Kontrolle über die Denkbewegungen des
Geistes. Damit verweilt der Mensch in seiner wahren Wesensnatur. Wenn sich der Mensch nicht im Yoga- Zustand befindet, identifiziert er sich mit den
Denkbewegungen seines Geistes.

– Yoga Sutras 1:2-4

In diesem Yoga-Zustand, wo Geist, Emotionen und Körper, vom Meditierenden kontrolliert werden, sind die Energieflüsse in den Nadis gleichmäßig und ausgewogen.

Im Yoga-System unterscheidet man drei Haupt-Energiekanäle, die mit drei feinstofflichen Pforten des Körpers verbunden sind.

Ida-Nadi

Ida, ist kühl und gleicht dem blassen Glanz des Mondlichts. Hier fließt Lebensenergie durch das linke Nasenloch in den Körper ein. Dieser Nadi ist weiblicher Natur, durch den lebensspendende, feinstofflich-wässrige Energie fließt.

Pingala-Nadi

Pingala, ist heiß, dem Strahlen der Sonne gleich und fließt durch das rechte Nasenloch in den Körper ein. Dieser Nadi ist männlicher Natur, durch den auflösende, feinstofflich-feurige Energie fließt.

Shushumna-Nadi

Shushumna ist der zentrale Nadi, der sich parallel zum Rückenmark-Kanal des physischen Körpers befindet. Das Energietor dieses Nadis öffnet sich an der Stelle, wo sich die noch offene Fontanelle befindet, im Schädeldach des Neugeborenen. Beim Erwachsenen ist diese Stelle im Normalfall geschlossen.

Shushumna hat seinen Ursprung im Wurzelchakra (Muldahara) und steigt entlang des Rückenmarkkanals durch den Körper auf, um sich ins Kronenchakra (Sahasrara) zu öffnen.

Lebensenergie

Prana bedeutet wörtlich »Lebensatem« und ist ein untrennbarer Teil der kosmischen Energie Shakti, durch die das Weltall geschaffen wurde. Atmen heißt Leben und so ist Prana an sich ein Synonym für die Lebenskraft oder Lebensenergie. Es entspricht dem Qi oder Chi (auch: Ki) der Traditionellen Chinesischen Medizin. Diese Lebensenergie ist Teil der Materie, auch wenn sie nicht für jeden Menschen direkt wahrnehmbar ist. Durch die richtige Yoga-Praxis, kann ein Mensch ein Gespür für diese Energie entwickeln.

Verschiedene Aspekte annehmend, zirkuliert Prana im Körper durch die oben beschriebenen Nadis Ida, Pingala und Shushumna, sowie durch ihre Nebenäste (im klassischen Hatha Yoga Pradipika ist die Rede von 72.000 Nadis). Prana ist die darin aufsteigende Lebensenergie. Absteigendes Prana nennt man Apana. Beide, Prana und Apana, strömen beim Ein- und Ausatmen durch die beiden Nasenlöcher. Sind Prana und Apana im Gleichgewicht, ist ein Mensch gesund.

Für den Menschen ist dieses Strömen jedoch nicht spürbar, da er vom ersten Augenblick seines Lebens daran gewöhnt ist.

Biologische Aspekte des Prana

Der Fluss von Prana und Apana bewirkt den Stoffwechsel und die Erzeugung von Wärme im menschlichen Körper. Auf physisch-biologischer Ebene, lässt sich der Prana-Fluss mit dem Atmungsvorgang vergleichen. So entspricht Prana der eingeatmeten Luft, während Apana der ausgeatmeten Luft entspricht.

Unsere eingeatmete Atemluft (Prana) besteht aus ungefähr 21% Sauerstoff, 78% Stickstoff und 1% anderen Gasen (überwiegend das Edelgas Argon). Die ausgeatmete Luft enthält dann nur noch etwa 17% Sauerstoff, jedoch ungefähr 4% Kohlendioxid (Kohlensäure). Dieses Gas entsteht bei der Oxidation des im Blut gelösten Traubenzuckers (Glukose). Diese Substanz wird bei der Verdauung aus den aufgenommenen Kohlenhydraten erzeugt und zirkuliert als Energieträger im Blutkreislauf. Beim Einatmen »verbrennt« dieser Zucker in den Lungen, was die lebensnotwendige Körperwärme erzeugt.

So also stehen Prana und Apana in Zusammenhang mit dem Stoffwechsel im menschlichen Körper.

Doch Prana ist mehr als nur Luft. Die Sonne strahlt ununterbrochen eine enorme Menge an pranischer Energie auf die Erde aus. Darum sind, im Bereich der feinstofflichen Wirkungen, Sonnenfinsternisse besondere Ereignisse. Dann nämlich ist die Erde, wenn auch nur kurz, vom solaren Prana-Strom abgeschnitten.

Die andere kosmische Prana-Quelle für die Erde ist der Mond. Auch Planeten und Sterne beleben die Erde mit pranischer Energie. Jede dieser kosmischen Kraftwirkungen, übt auf den menschlichen Energiehaushalt seine besondere Wirkung aus. Ohne Prana gibt es kein Leben auf der Erde.

Die Kundalini

Zentrales Wesen des esoterischen Yoga-Systems ist die Kundalini. Sie ist die verkörperte Urenergie des Weltalls und ist vom Prinzip her identisch mit der bereits erwähnten Shakti. So wie die Shakti die kosmische Energie des Kosmos darstellt, stellt die Kundalini, die ja ein Teil dieser Shakti ist, die geistig-kosmische Energie im menschlichen Körper dar.

Kundalini nennt man die Schlangenkraft; daher auch ihr Name: »Die Aufgerollte«. In den Yoga-Lehren heißt es, die Kundalini sei in dreieinhalb Windungen am unteren Ende der Wirbelsäule aufgerollt. Die drei Windungen entsprechen den drei Gunas – den Qualitäten der Materie: Sattva (Reinheit), Rajas (Bewegung) und Tamas (Trägheit). Jene halbe Schwanz-Windung bleibt in der Urmaterie Prakriti verwurzelt. Ist die Kundalini-Schlange aufgerollt, schläft sie im Wurzelchakra des Ätherkörpers.

Diese geheimnisvolle Kundalini-Schlange ruht am Beginn des Shushumna Nadi, am untersten Punkt der Wirbelsäule. Wird die Kundalini erweckt, soll sie einen zischenden Laut von sich geben, man sagt, so als hätte man sie mit einem Stock geschlagen. Dann steigt sie entlang des Shushumna-Nadi auf, dem zentralen Energie-Kanal, und durchläuft dabei alle Chakras. Wer die Kundalini langsam zu erwecken vermag, dem verleiht sie Glückseligkeit und Weisheit.

Prana, das in unserem Körper fließt, ist ein Aspekt der Kundalini. Der natürliche Egoismus, der Intellekt, die Sinneswahrnehmungen und das Bewusstsein, bilden, zusammen mit den fünf Tattvas (Elementen), Produkte der Kundalini. Wenn nun die göttliche Kraft der Kundalini, auf das Prana in den Nadis wirkt, bringt sie einen mystischen Klang hervor. In umgekehrter Weise kommt es zum Mitschwingen der Kundalini-Energie, wenn bestimmte Klänge im Körper erzeugt werden. Das sind die sogenannten Mantras (sanskritisch für »Lied« oder »Hymne«). Mit dem Singen oder Wiederholen besonderer, den Chakras eigenen Mantras, beginnt die Kundalini den Shushumna-Nadi aufzusteigen. Da kommt einem das Bild des indischen Schlangenbeschwörers, der durch die Melodien seiner Klarinette, die Kobra aus ihrem Korb lockt, bis sie sich vollständig aufgerichtet hat.

Ist die Kundalini erweckt, wird ihre Vibration in allen Teilen des Körpers wirksam. Daher rühren auch die mystischen Erfahrungen, die Gläubige in Ost und West in besonderen Gottesdiensten machen, wie etwa die Sufis bei ihrem Dhikr – dem Wiederholen der heiligen Namen Allahs.

Kundalini und Prana hängen direkt zusammen. Ihr Zusammenspiel wirkt auf die Nadis und damit auf die Chakras. So können die Wirkungen bestimmter Mantras sich bis in jede Körperzelle fortpflanzen. Von dort aus können sie, etwa bei einem kranken Menschen, Heilprozesse in Gang setzen, die sich auf alle umliegenden Körperzellen hin ausbreiten.

Die Kundalini eines Menschen existiert also in zwei Zuständen: schlafend und erwacht, ist statisch und dynamisch. Durch richtiges, bewusstes Atmen steuern wir ihre Funktion.

Erweckung der Kundalini

Für die meisten modernen Menschen ist der Geist etwas, das ausschließlich von der Aktivität der Gehirnzellen ausgeht. Wahrscheinlicher aber, sind die Bewegungen unseres Geistes von jenem feinstofflichen Lebenselement abhängig, dass wir oben als Prana definiert haben. Prana existiert überall im Kosmos: in unserer Galaxie ebenso, wie im Sonnensystem. Es fließt durch die Erde und durch jede Zelle eines lebenden Organismus. Es zirkuliert im menschlichen Körper als anregende, belebende Kraft. So ist Prana Nahrung für die Geistesbewegungen, wie auch für die feinstofflichen Ströme die in den Nadis, Adern und Nervenbahnen fließen.

Im Gegensatz zu unserem Körper, erfährt das Gehirn in unserem gesamten Leben keine nennenswerten Veränderungen. Anders aber, sobald die Kundalini erwacht. Damit beginnt eine Verwandlung des gesamten Nervensystems, von dem das Gehirn ja einen ganz wesentlichen Teil bildet.

Das Erwecken der Kundalini bewirkt einen bemerkenswerten Einfluss auf das Bewusstsein eines Menschen. Dann kommt es zu einem gesteigerten Fluss von Prana im zerebralen Bereich. Mit der Wirkung dieses neuen Lebensstroms, genannt Kundalini-Kraft, kommt es auch zu einem erhöhten Fluss von Blut im Schädelbereich. Natürlich hat das entsprechende Effekte.

Das Nervensystem eines Menschen, das noch keine hohe Reife der Entwicklung erreicht hat, kann durch Aktivierung des Kundalini-Stroms gereizt werden. Hierbei stellen sich unter anderem verwirrende Nebeneffekte ein, die zu Erregung führen können. Auch Fälle von Wahnvorstellungen sind schon aufgetreten, die in Extremfällen sogar in Ohnmacht oder Lähmungserscheinungen endeten. Je nach Entwicklungsgrad, körperlicher Beschaffenheit und Temperament eines Menschen, muss das Erwachen der Kundalini darum unbedingt langsam erfolgen.

Bevor wir damit beginnen unsere Kundalini zu aktivieren, sollten wir uns entsprechend vorbereiten. Entsagung von Wünschen und Begierden, wie in jeder anderen spirituellen Praxis auch, bildet die Grundlage, im Umgang mit dieser höchst kraftvollen Energie. Letztendlich aber erwacht die Kundalini-Kraft nur, wenn sich ein Mensch über seine Begierde, seine negativen Gefühle wie Zorn und Stolz erhebt und sich dadurch aus den Täuschungen des Geistes befreit.

Voraussetzung für den Erfolg der Kundalini-Erweckung ist also Reinheit im Denken, Wollen und Handeln. Doch es ist auch nicht damit getan, nur einmal, sozusagen »zum Test«, zu versuchen die Kundalini-Kraft zu erwecken. Regelmäßiges Üben ist wichtig, denn das Erwecken dieser Kraft schafft viele Begierden die man unter Kontrolle bringen muss. Wer nicht rein ist, wird diesen Begierden nicht widerstehen können – die Arbeit an Körper und Seele, wäre dann aber überflüssig.

Durch diszipliniertes Üben kann der Yogi die Kundalini allmählich erwecken, so dass sie beginnt sich zu entrollen und entlang des Rückenmark-Kanals aufzusteigen. Leider gibt es aber Törichte, die glauben bereits erleuchtet zu sein und sich aus Irrtum eine bestimmte Methode aussuchen, gleichzeitig aber auf andere wichtige Übungen verzichten. Sobald so einer bei seinen Übungen in Schwierigkeit gerät, gibt er schnell auf.

Meisterschaft erlangt, wer geduldig übt.

Wem gelingt, die Vereinigung der Kundalini-Shakti-Energie aus dem Wurzelchakra (Muladhara) mit der Shiva-Energie im Kronenchakra (Sahasrara) zu erzielen, der hat den Zustand des Samadhi erreicht – jenen Bewusstseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgeht: die achte und höchste Stufe des Yoga-Weges. Doch bereits auf dem Weg dorthin, öffnen sich die Chakra-Lotusse dem feinstofflichen Pranalicht. Es ist so, dass sich die drei oberen Stufen des Yogaweges – Dharana, Dhyana und Samadhi – ab einem gewissen Grad der Fortschritts, von alleine einstellen und die Kundalini dann ganz aufgerichtet werden kann.

Leider aber, und es muss nochmal darauf hingewiesen werden, missverstehen viele das Erwachen der Kundalini. Solange diese geheimnisvolle Schlange dort im Wurzelchakra (Muladhara) ruht, ist sich der Mensch seiner Umgebung noch vollkommen bewusst. Wenn die Kundalini jedoch erwacht ist, verschwindet das Selbstsein in dieser Welt und man löst sich, aus dem reinen Körperbewusstsein. Mit dem Steigen der Kundalini, von Stufe zu Stufe, erlangt der Yogi wahre Bewusstseinserweiterung. Dabei entwickelt er geistige Kräfte, die weit hinausgehen über physiologische Wahrnehmung und Denkmechanismen. Im Zustand des Samadhi, wird er Herr über die fünf Elemente (Tattvas) und betritt den Raum wahrer Weisheit.

Hat man innerliche und äußerliche Reinheit hergestellt, kann, durch eine Visualisierung im Dharana (siehe oben), die Kundalini-Kraft im Körper aktiviert werden.

Kundalini-Visualisation

Für den Anfang ist es wichtig, sich die Chakra-Yantras lange anzusehen, damit man sich ihre Bilder entsprechend visualisieren kann. Man kann zu Beginn der Meditation auch eines der Chakra-Yantras auswählen, was die Visualisierung vereinfacht.

1. Schließe die Augen und Atme ruhig.

2. Stelle Dir die Kundalini vor, wie sie im Muladhara mit geschlossenen Augen, als aufgerollte Schlange schläft.

3. Langsam öffnet Kundalini ihre Augen – wacht auf – der Pranastrom im Muladhara, im Wurzelchakra beginnt ganz langsam nach oben zu steigen.

4. Pranastrom und Kundalini sind eins. Sie steigen gemeinsam entlang des Shushumna-Nadi, im innern der Wirbelsäule, ganz allmäglich nach oben – Chakra für Chakra.

5. Während die leuchtende Kundalini langsam aufsteigt, passiert der Pranastrom die farbigen Chakra-Lotusse. Davon berührt, beginnen sich die Blätter der Lotusse zu öffnen, so wie die Blüte einer Blume, die ganz gemächlich ihre Blätter im Morgenlicht entfaltet.

6. Nun sieht man das innere der Chakra-Blüte: das Chakra-Yantra, das Chakra-Tier, die Chakra-Gottheit.

7. Nachdem das Aufsteigen der Kundalini erfolgt ist und ihr Kopf sich über das Sahasrara-Chakra wölbt, erleuchtet sie das Gehirn mit einem hellen Strahlen.

8. Jetzt ist die Kundalini ganz aufgerichtet: ihr Schwanz am unteren Ende der Wirbelsäule, ihre Nasenspitze berührt die Schädeldecke und man spürt, wie aus dem Inneren des Kopfes ein Strahlen ausgeht, entlang der Wirbelsäule und durch den ganzen Körper, der in den Regenbogenfarben erstrahlt. Dieses Strahlen pulsiert ganz leicht im Rhythmus des Atems.

9. Nun tritt Kundalini ihren Rückweg an. Während sie die Chakra-Lotusse nach unten passiert, schließen sich deren Blütenblütter wieder.

10. Kundalini findet zur Ruhe in ihrer Wohnung des Muladhara, im Wurzelchakra, rollt sich dort wieder auf. Nun ruht sie dort in der finsteren Tiefe des Körpers, in dreieinhalb Windungen, schließt ihre Augen und schäft.

Entfaltung der Chakra-Zentren

Durch die zu voller Tätigkeit entfalteten Chakras, wird die von ihnen ausgehende, ätherische Energie dem physischen Körperbewusstsein übermittelt. Damit lassen sich Entspannung und Heilung erzielen.

Wenn wir uns die Chakras visualisieren, schaffen wir uns innere Geistesbilder von Lotus, Yantra, Tier und Gottheit des Chakras. Das kann ergänzend zur Kundalini-Meditation durchgeführt werden. Wenn man das Auf- und Absteigen der Kundalini übt, visualisiert man sich im Dharana (siehe letztes Kapitel) die oben genannten Geistesbilder zu den sieben Chakras. Wer in der Lage ist, die Kundalini-Visualisierung ohne Bild-Vorlage, vollständig durchzuführen, ist zu hoher Meisterschaft gelangt.

Chakra-Meditation

Man kann sich für jedes Chakra eine individuelle Meditations- und Konzentrationsübung selbst zusammenstellen. Für die Meditation verwendet man dazu die Eigenschaften, die in den Kapiteln zu den Chakras erläutert wurden. Im Anhang dieses Buches finden sich außerdem Angaben über Kraftpflanzen. Auch Edelsteine und Mineralien, die über längere Zeit getragen werden, können die Chakra-Arbeit unterstützen und zu einer Harmonisierung der Chakras beitragen.

1. Bereite Dich auf die Meditation vor, indem Du eine kurze, zwei-minütige Sitz-Meditation durchführst.

2. Nun kannst Du einen besonderen Duft zur Aktivierung der Chakras auftragen oder aus einer Duftlampe verströmen lassen.

3. Mit geschlossenen Augen, stellst Du Dir dann zuerst die mit dem Chakra assoziierte(n) Farbe(n) vor.

4. Jetzt kannst Du Dir ein Chakra-Yantra nehmen und die darin abgebildeten Details ansehen und danach visualisieren. Du stellst Dir vor, wie sich die Blütenblätter des Chakras öffnen. Innerhalb der Chakra-Blume siehst Du vor Deinem inneren Auge die geometrische Form des Chakras.

5. Nun denke an die Gottheit(en) dieses Chakras und was sie in ihren Händen an Attributen trägt und was deren Eigenschaften sind.

6. Die Chakra-Meditation endet mit dem Wiederholen der Chakra-Mantras. Die Anzahl der Wiederholungen sind die Vielfachen der Nadis eines Chakras (entspricht der Zahl der Blütenblätter; so könnte bei der Meditation auf das Sakralchakra, das Mantra 6mal, 12mal, 18mal oder 24mal wiederholt werden, bei der Meditation auf das Herzchakra beispielsweise 12mal, 24mal, 36mal).

7. Nach der Chakra-Meditation kannst Du ein kurzes Gebet sprechen und damit enden, indem Du einige Zeilen aus der Bhagavad Gita liest (alternativ: Bibel, Koran, oder andere heilige Schrift).

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Sonne und Schlange (3)

Schlangenlinien und Sonnenkräfte

Die Menschen wussten bereits vor tausenden von Jahren, dass die sichtbare Wirklichkeit nicht dem eigentlich Wirkenden entspricht, und sich stattdessen eine verborgene Kraft hinter den sichtbaren Dingen verbirgt. In der indischen Philosophie ist Maya die Göttin der Illusion, aus der sich alles in der Welt manifestiert, indem sie die kreative Kraft Shakti verschleiert, was den Menschen dann als Materie erscheint. Materie ist der Schatten der geistigen Wirklichkeit. Anfang des 20. Jhd. fand diese philosophische Annahme durch Albert Einstein's Relativitätstheorie in einem wissenschaftlich erklärbaren Rahmen Bestätigung. Sichtbar für die Augen ist alles, dass sich mit hoher Frequenz in Schwingung befindet, oder etwas hoch schwingendes reflektiert, das von einer materiellen Form ausgeht, die letztendlich einer im Vakuum zu kristallinen Materiestrukturen geronnenen Lichtwirkung gleichkommt.

Im sogenannten »Einheitlichen Feld« der Quantenphysik, bestehen polare Wechselwirkungen bestimmter, objektiver Kraftfelder, die ab einer sehr hohen Umdrehungs-Frequenz beginnen Licht auszusenden. Damit dieses Licht Wirklichkeit wird, bedarf es eines relativen Beobachters, wodurch eine Polarität von dem was leuchtet und dem was dieses Leuchten wahrnimmt aufgespannt wird – ohne Auge, kein Licht – Goethe schrieb: »Wäre das Auge nicht sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?«.
Physikalisches Licht ist nichts anderes als eine polare, schlangenförmige, raumzeitliche Ausbreitung zweier Kräfte: Elektrizität und Magnetismus, die aus einer androgynen, für uns nicht wahrnehmbaren, da unsichtbaren Energie, in eine sich bedingende, untrennbare Zweiheit der Bewegung »gestürzt« ist, worauf vielleicht auch der Luzifermythos hindeutet. Die Tatsache dass erst durch Polarität Wahrnehmung entstehen kann, führt zu dem Schluss, dass Einheit von Unveränderbarkeit, Ewigkeit und Formlosigkeit begleitet wird.

Alles Ewige unterliegt keiner Veränderung und auch keinem Kreislauf. Leben kann deshalb nur, was zwar an der Ewigkeit teilnimmt, als Polarität unbedingt aber sterben muss, um wieder in die Einheit zurückzukehren.

Der Lauf des Lebens ist Geburt aus der Dunkelheit – ob nun aus dem finsteren Weltraum, aus dem Mutterleib oder dem, unter der Erde keimenden Samen, der den Erdboden irgendwann durchbricht um am Tage zu wachsen. In Ägypten symbolisiert diesen Vorgang die Geburt des Sonnenkäfers Skarabäus, den der warme, schwarze Nilschlamm bebrütet, um schließlich aus seiner Hülle zu schlüpfen, um alsdann zur Sonne empor zu fliegen.
Es ist immer eine Geburt aus der Finsternis – hinein ins Licht.

Beginnen tun die Dinge also mit etwas Unsichtbarem, etwas verschlossenem, was das Ei versinnbildlicht. Aus einem Ei schlüpft ein Insekt, ein Fisch, ein Vogel oder eine Schlange – letztere beiden weisen im ägyptischen Mythos ebenfalls auf eine Verwandtschaft, denn in den Pyramidentexten finden wir des Öfteren Geier und Schlange dargestellt, die das Auge des Sonnengottes beschützend flankieren. Hier wird wieder der Zusammenhang zwischen Licht und Materie, zwischen Sonnenkraft und Schlangenkraft deutlich.

Alles ist lebendig, dass sich von selbst und anderes bewegen kann. Das gilt ebenso für unser Zentralgestirn, die Sonne, um deren Zentrum sie sich selbst, und mit ihr alles dreht was sich im Sonnensystem befindet – auch das Leben im Wechsel der Jahreszeiten, wird aus dieser Drehung immer wieder von neuem geboren. Doch wie insbesondere durch die vier Jahreszeiten verdeutlicht wird, ist für das Aufrechterhalten der Lebenszyklen auch ein Opfer notwendig – stirbt doch ein gewisser Teil des animalischen und vegetarischen Lebens im Winter ab, woraus dann wieder Nahrung auf der Erde entsteht, für einen kommenden Sonnenzyklus.

Opfer verkörpern auch die Symbole des gekreuzigten Jesus oder der von Moses im Sinai an einem Kreuz aufgerichteten, ehernen Schlange: die flüchtigen, heilkräftigen Christus- bzw. Schlangenkräfte (Magnetismus) sollen auf den Betrachter übertragen, und durch das Sinnbild des Kreuzes in ihm fixiert werden. Drum windet sich auch eine symbolische Schlange um den Stab des Arztes Asklepios, während sich sein Vater Apollon im ägäischen Delos selbst einmal als Schlange, oder in Delphi als Verkörperung der Kräfte der Erleuchtung und der Erkenntnis zeigt, wenn er eben als Sonnenheld das Orakel von einem Drachen befreit.

Ein anderes, in verschiedenen Mythen verwendetes Symbol in dem sowohl Sonne als auch Schlange vereint sind, ist der hermetische Heroldstab. Dieses Symbol wird auch verwendet in Bezug auf den feinstofflichen, menschlichen Körper. In der vedischen Esoterik werden die zwei Schlangen als Ida und Pingala bezeichnet, die als Kundalini-Kraft jeweils um den zentralen Shushumna-Nadi, entlang der Wirbelsäule aufsteigen – einem anderen Bild für den zuvor erwähnten Stab des Hermes.

Den Sonnenkräften im Menschen entspricht das sinnbildliche Herz. Es teilt auf Höhe des Herzchakras die Bahn der Kundalini in zwei Hälften: in drei geistig-ätherische und in drei seelisch-körperliche Energiezentren.

Die Kundalini und das Licht der Sonne haben eine zweifache Natur, und können entweder richtig oder missbräuchlich angewendet werden – wirken aufbauend oder abbauend, lebensfördernd oder lebenszerstörend.

Kehren wir jetzt aber noch einmal zurück nach Sumer. Der mythische König Gilgamesh beschreitet auf seiner Reise einen Weg zu sich selbst. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu, wird er sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst, und irrt aus Angst vor dem Tod lange umher, bis er zu den Skorpionmenschen kommt, die den Weg der Sonne bewachen. Er befragt sie nach dem Aufenthaltsort des ehrwürdigen Helden der Sintflut, der angeblich den Odem der Unsterblichkeit besitzt. Ihn will er befragen über Leben und Tod. In der Unterwelt erscheint ihm der Sonnengott und lässt Gilgamesh wissen, dass er das ewige Leben nach dem er sucht, nicht finden wird. Am Ufer des morgendlichen Sonnenaufgangs erreicht Gilgamesh schließlich den Unsterblichen.

The Phanes-Eros - Illustrated by Selim Oezkan
 

Dieser stellt Gilgamesh eine Aufgabe: er solle dem Schlaf, dem Bruder des Todes widerstehen – doch Gilgamesh schläft ein – als er erwacht erkennt er, dass er nicht für die Unsterblichkeit geschaffen sei. Die Frau des Unsterblichen legt für Gilgamesh aber ein gutes Wort ein, da er große Mühen auf sich genommen hat um hierher zu kommen. Man solle ihm doch, bevor er abreist, ein Geschenk machen. Der Unsterbliche offenbart Gilgamesh also ein verborgenes Geheimnis der Götter: Auf dem dunklen Grund des Meeres, wüchse eine Pflanze, die neues Leben verleiht. Gilgamesh holt sich diese Pflanze aus der Tiefe, doch eine Schlange entwendet sie ihm flink und verjüngt sich auf der Stelle, indem sie ihre alte Haut abstreift.

Dieses Epos macht auf den Zeitaspekt im Antagonismus von Sonne und Schlange aufmerksam: Das Licht der Sonne kommt aus der Vergangenheit und entstand durch Zusammenfügen. Während die Finsterniskräfte der Schlange für die Zukunft stehen, da sie durch ihr Wesen die Vergänglichkeit des Lebens ankündigen. Aus den Mythen des Altertums in West und Ost lernen wir, dass der Mensch als Bindeglied dieser vermeintlichen Trennung von Oberem und Unterem, und als Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem gesehen werden kann, so wie auch das menschliche Herz im Körper die Kohärenz zwischen Denken und Fühlen bildet. Durch die Verbindung dieses antagonistischen Systems in uns, im Jetzt, können wir beide, Sonne und Schlange, Geistiges und Materielles, Himmel und Erde, in ihrer ursprünglichen, heilsamen Einheit erfahren.

Die beiden widerstrebenden Strömungen, sind letztendlich nichts anderes als Synonyme für die Trennung von Denken und Erfahrung, etwas das z.B. auch Religion von Wissenschaft abgrenzt. Über Jahrhunderte hinweg verteufelte die Kirche alles, was uns die Natur lehrt. Man denke nur an die mittelalterlichen Auffassungen der Beschaffenheit der Welt, wie sie aus Sicht des Klerus angeblich durch Kolumbus, Galilei oder Bruno in Frage gestellt wurden. Bestimmt einer der Gründe, dass sich seit dem Zeitalter der Aufklärung eine so vehemente Ablehnung gegen die Kirche, den Glauben und gegen einen christlichen Gott entwickelte. Materialistisches Vernunftdenken lehnt eine Gottesvorstellung deshalb bis heute kategorisch ab, da für viele das Wort Gott eine Personifikation ist. Darum sei nochmals hervorgehoben, weshalb vielleicht die Ideen die zu uns aus buddhistisch geprägten Traditionen gekommen sind, toleranter aufgenommen werden, da sie eine transzendente Weltsicht vertreten, als die eines immanenten, monotheistischen Gottes der Vergeltung, wie er im Pentateuch festgelegt wurde.

Es wird immer eine Gruppe von Menschen geben, die unablässig bemüht ist die Gegensätze der beiden, immanenten und transzendenten Weltsichten in einer gemeinsamen, ewigen Philosophie zu versöhnen. Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft können zu einer lebendigen Einheit, in einem organischen Ganzen verschmolzen werden, was Aufgabe der Menschen des neuen Weltzeitalters sein wird.


Die bildlichen Darstellungen Jesu Christi mit seinem bekannten Fingerdeut weisen auf das Herz – die Sonne im Körper – das Organ der Erleuchtung. Im Hinduismus ist das Anahata, das Herzchakra, mit einem Hexagramm gekennzeichnet, dem Symbol der Vereinigung von Äther und Stoff. Es ist also ein Versuch beides, geistiges und körperliches zu er- und beleben, ohne eines von beiden zu leugnen. Zwar setzt die Wahrnehmung eine Trennung, einen Kontrast voraus, der die Dinge erkennbar macht, denn nur was sich in der Polarität befindet, kann der Mensch erfassen – doch beide, Sonne und Schlange, Geist und Materie, sind nur Erscheinungsformen der im allegorischen, »kosmischen Ei« enthaltenden unbegrenzten Wirklichkeiten der Einheit, die die hermetische Tradition als »das einige Ding«, oder die moderne Physik als einheitliches Feld bezeichnet.

Die wohl treffendste Darstellung der hier diskutierten Pole von Sonne und Schlange, wie sie als feurige Kraft aus der Einheit zum Vorschein kommen, ist deutlich versinnbildlicht in der Gestalt des leuchtenden Phanes. Von einer Schlange umwunden, entsteigt er als Sonnengott aus den beiden Hemisphären des kosmischen Eis. Bei den Orphikern war er der Urschöpfer des Lebens und treibende Kraft aller Reproduktionen im Kosmos.

Nach Auffassung der Orphiker entstanden mit dem Erscheinen von Phanes, die Kräfte von Licht, Liebe und Leben, die seither in der Welt umherschweifend bestrebt sind, die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, was den Zyklus von Werden und Vergehen in der Ewigkeit zeitigt.