Kundalini

Sonne und Schlange

von S. Levent Oezkan

Drachenorden in Ost und West - ewigeweisheit.de

Die Sonne ist die Kraft unseres Planetensystems. Von ihr hängt alles Leben auf unserer Erde ab. Ihr Magnetismus, ihre Wärme und ihre Schwerkraft gleichen einer makrokosmischen Dreiheit von Geist, Seele und Körper, die unseren vergleichsweise winzigen Planeten durchwirkt.

Alles geistig-himmlische assoziieren die Menschen seit ehedem mit der Sonne, während man der Schlange die Rolle der Erdkräfte, insbesondere der Kräfte der Unterwelt zuschreibt, wohin sie sich wohl auch tatsächlich zurückzieht um in Starre die Finsternis des Winters zu durchweilen.

Sonne und Schlange. Himmel und Erde.

Den Finsterniskräften einer mythischen, sonnenvertilgenden Schlange, steht ein biologisches Reptil gegenüber, für das die Sonne geographisch zwar nicht erreichbar ist, es als Kaltblüter seine Körperwärme aber über das Licht der Sonne bezieht. So wie die mythologische Schlange alles licht- und sonnenhafte aufzehrt, so verschlingt die naturkundliche Schlange gierig ihre Beute, in einem Stück. Der Schlange ist das Begehren inhärent.

In den Sagen des klassischen Altertums taucht sie oft als Wesen auf, dass, so z. B. im alten Ägypten, gegen die lebenserhaltenden Kräfte der Sonne kämpft, und als riesiges Monster versucht die Sonne selbst in ihr finster-kaltes Wesen aufzusaugen. Das sagenumwobene Schlangenwesen scheint zu Grunde zu richten, auszulöschen und alles einverleiben zu wollen, was lebendig ist. Es will alles sich selbst gleich machen, zuweilen sich sogar selbst verzehren: als Ouroboros.

Da Drachen und Schlange, als Wesen der Erde, sich leicht mit allem Unterirdischen assoziieren lassen, ist in der Geomantie auch die Rede von Drachenströmen. Sie verlaufen im Erdgrund, doch tragen meist christliche Namen, die aber ganz und gar nicht abwegig sind, schaut man sich etwa die Symbolik von Michael und Maria im katholischen Christentum an, denn nach diesen beiden Heiligenfiguren sind diese Ströme benannt - zumindest in Nordeuropa.

Durch dies magnetische Strömen, das durch die Einwirkung der Sonne im Erdgrund wirkt, bildet sich das Gold der Alchemisten als geronnenes, kristallines Sonnenlicht. Möglicherweise eine Erklärung dafür, weshalb in verschiedenen Sagen und Märchen, ein Drache erst von einem Sonnenhelden getötet werden muss, bevor ein Goldschatz aus dessen Höhle geborgen werden kann.

Wegen der Begründung im biblischen Sündenfall, hat die Schlange in den abrahamitischen Religionen eine eher negative Konnotation, während sie als solares Weisheitssymbol im Buddhismus oder Hinduismus, z. B. für die Schöpferkraft steht. So etwa Vishnu, der sich als die zehn Avatare auf Erden inkarniert. Er liegt auf einem aus 1000 Schlangen geformten Bett, und badet so im kosmischen Milch-Ozean von König Shesha, dem Herrscher der Schlangengottheiten. Auch der dritte im Bunde der Trimurti, der Zerstörergott Shiva, wird in bildlichen Darstellungen stets mit einer Kobra um den Hals gezeigt.

Als Siddharta Gautama, eine dieser Inkarnationen Vishnus, am siebten Tag seiner Erleuchtung, unter einer Pappel in Meditation das Buddhatum erlangte, begann ein Monsunregen, als eine Riesenkobra an ihn herankroch, sich aufrichtete und ihren siebenköpfigen Schlangenkörper schützend über ihn wölbte.

In China charakterisieren Reptilien oft in Drachengestalt, auf Bildern, Reliefs und Skulpturen dargestellt, den fruchtbringenden Regen des Frühlings, und werden deshalb gerne als Glückssymbole verwendet.

Im 12.000 Jahre alten Tempel von Göbekli Tepe in der Türkei, findet man Stützpfeiler auf denen überwiegend Schlangenfiguren abgebildet sind, was ein Hinweis darauf ist, dass seit bereits sehr alter Zeit Schlangenkulte existiert haben müssen. Auch im 5. Kapitel der Vishnu Puranas wird von großen Schlangengöttern berichtet, die auf der Insel Atala gelebt haben sollen. Ebenso wie das aztekische Atzlan ist Atala ein anderer Name für Atlantis. Sowohl im aztekischen, wie im indischen Mythos wird überliefert, dass einst Schlangengottheiten subterrane Paläste bewohnt haben sollen. Das gibt Anlass zu der Vermutung, dass die atlantische Weltzivilisation von einem Schlangenkult geprägt gewesen sein könnte.

Hierauf Bezug nehmend, möchte ich überleiten zu einem ursprünglich sumerischen Mythos. Der solare Schlangengott Enki, ein Gegenstück zum griechischen Prometheus, kam auf die Erde als Erschaffer und Lehrer der Menschen. Er gründete die Bruderschaft der Schlange, deren Mitglieder sich nach der atlantischen Katastrophe angeblich in zwei Gruppen getrennt hatten: In den Orden des roten Drachen, der seitdem die Geschicke der westlichen Zivilisation, aus der angeblich im Erdinnern befindlichen Stadt Agarthi, lenkt – während der Orden des gelben Drachen vom himmlischen Shambhala aus, über das Schicksal der östlichen Zivilisation waltet.

Eine Legende aus diesem Mythenkreis berichtet wie die Priester des Roten Drachen von Agarthi, durch Invokation ihre Initianden in die Geheimnisse der Erde einweihten, das heißt, dass dabei Wesenheiten durch Anrufung eingeladen wurden.

Die Priesterschaft des Gelben Drachen führte traditionsgemäß Evokationen aus, wobei die Anwesenheit von Wesen der geistigen Welt angeblich erzwungen wurde, um so die Mysten in die Erscheinungsformen der Sonne einzusegnen.

Sagen, Fabeln, Geschichten.

Vermutlich rührt der Mythos von der Gründung zweier Bruderschaften im Mittelalter her. Vielleicht hat er sich in den letzten 500 Jahren verbreitet.

Anfang des 15. Jhd. wurden fast zeitgleich zwei Bruderschaften in Europa und Asien gegründet: Die Bruderschaft des Drachen, einem katholischen Ritterorden der von Kaiser Sigismund im Jahre 1408 zur Verteidigung des Christentums gegen die eindringenden Osmanen ins Leben gerufen wurde.

Sein Emblem: ein roter Drache. Ein Jahr später, im Jahre 1409 wurde in Tibet vom Manjushri-Eingeweihten Tsongkhapa, in der Nähe von Lhasa das Kloster Ganden gegründet, aus dem die Gelug-Schule hervorging, der buddhistische Orden der gelben Drachenmützen.

Die Religionen des Okzident glauben an eine innere, verborgene Kräfte. Sie richten sich auf einen zentralen, einzigen Gott aus. Sie glauben an ein, sagen wir, »Konzept« eines Weltendes, wie etwa das jüngste Gericht der Christen oder die »Götterdämmerung« nordischer Mythen. Die spirituelle Auffassung im Orient hingegen, geht aus von einer transzendenten Ewigkeit eines zeitlosen Buddha, dessen Weisheit, da ewig, wie es scheint nicht im selben Umfang geheim gehalten werden muss.

Im Westen werden religiöse Weisheitslehren, insbesondere im Christentum, Judentum und Islam, scheinbar aufgespart und nur gleichnishaft überliefert, während die Lehren östlicher Weisheitstraditionen meist deutlicher erscheinen und dem Vernehmen nach einfacher zu begreifen sind, als z. B. die Gleichnisse der Evangelien, die sich manchem auf den ersten Blick offenbar nichts sagend vorstellen. Östliche Weisheit scheint näher am Leben und geerdeter zu sein, während die westlichen Geisteslehren mit dem wirklichen Leben anscheinend nicht all zuviel zu tun haben – zumindest oberflächlich gesehen.

Die beiden oben vorgestellten Bruderschaften bildeten sich vermutlich, um in der alten Welt eine Polarität aufrecht zu erhalten, die auf dem Widerstreit von Licht- und Finsterniskräften gründet und bis ans Ende des Fischezeitalters vorherrschen sollte. Es sind also zwei Pole, die aber streng genommen eigentlich eine Dualität wiedergegeben, denn würden sie polar-verbunden erscheinen, erführe man wohl ihr innerstes Geheimnis.

Soll damit also der Zugang zu einem der größten Geheimnisse der Menschheit verschleiert werden? Es scheint doch nämlich eine dritte Kraft zu existieren, über die eben jene beiden Pole verbunden sind. Schaue wir in die mythische Zeit unserer Menschheitsgeschichte tauchen da im Okzidents vermeintliche Gegensatzpaare auf, als Sonne und Mond, Michael und Drachen, Mithras und der Stier, Theseus und Minotaurus, Zeus und Typhon, Apollon und Python, Osiris und Seth oder Adler und Schlange.

Auf jene dritte Kraft kommen wohl all jene die den Mysterienweg gegangen sind, die starben um wieder aufzuerstehen: im ägyptischen Memphis, im griechischen Samothrake oder in Eleusis: Die Initianden wurden dem »Einen« geweiht, indem man ein vorübergehendes Auslösen der Seele aus dem Körper, durch eine Art Todeserfahrung erzielte. So wurde aus dem Initianden eine »kluge Schlange«, wie sie einst Jesus beschrieben hatte.

Initiation ist keine Wissenschaft die durch Sprache vermittelt werden kann, sondern eine Einsicht, in deren Besitz man nur durch unmittelbares Erleben kommt – eine Erfahrung die physiologisch über die Nervenimpulse im Rückenmark, in das Bewusstsein des Initianden eintritt und wie überliefert wurde, als ein inneres, sonnenhaftes Licht wahrgenommen wird.

Hier gibt es eine interessante thematische Verbindung zur biologischen Schlange, da das verlängerte Rückenmark, eine evolutionsbedingt reptilienartige Körperstruktur ist. Die Gehirnbrücke, die vom Kleinhirn und Großhirn aufgenommen wird, bezeichnet man in der Anatomie auch als Reptilienhirn. Das eine Art Ur-Reptil, einen Teil unseres Körpers bildet, glauben auch die Jivaro, peruanische Ureinwohner des Amazonas. Einst sollen riesige, schwarze, flugsaurierartige Fischwesen aus dem Weltall gekommen sein, da sie sich vor etwas weit draußen in der Galaxie auf der Flucht befanden, und auf der Erde landeten, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Sie brachten angeblich das Leben auf der Erde hervor und waren die wahren Meister des Planeten und der Menschheit. Die Menschen seien nur die Diener und Behälter dieser Reptilienwesen.

Manche New-Age-Forscher und Ufologen vermuten, dass die mächtigsten Familien der Welt, durch reptiloide Wesen, die vom Orion-Sternbild stammen sollen, in ihren Entscheidungen beeinflusst und gelenkt werden, weil diese mit anderen außerirdischen Wesen, wie z. B. den »Plejadiern«, um die Vorherrschaft auf Planet Erde kämpfen. Solche Nachrichten erinnern sicherlich an Sciencefiction, doch lassen sich die Ursprünge solcher Geschichten durchaus in verschiedenen Legenden finden, wie z. B. die der indigenen Tolteken, der Azteken und der Maya. Einst soll die Sonnengottheit Quetzalcoatl, die leuchtende Schwanzfederschlange auf die Erde als Schöpfergott und Lehrer der Menschen gekommen sein, von der geglaubt wird, dass sie wiederkehren werde, um über das Weltreich der Erde zu walten.

Ein ähnliches Wesen existiert auch in zentralasiatischen Mythen: der Simourgh-Vogel.

Im alten Ägypten war es der Vogel Benu, der vermutlich auch etymologisch mit dem rotgoldenen Feuervogel Phönix identifiziert werden kann, der laut eines anderen Mythos als Stammvater der Phönizier angesehen wird, jenem Volk dem wir die Verbreitung unserer Schrift zu verdanken haben.

Annunaki - ewigeweisheit.de

Ein Unterweltsdämon wie er in alten Mesopotamischen Basreliefen häufig dargestellt wird. Manche meinen, solche Wesen kamen von fernher auf die Erde, um dort die Zivisation der Menschheit zu erschaffen.

Von Drachen und Sonnenkönigen

In den Texten des ägyptischen Totenbuchs scheint es auf den überirdischen oder unterirdischen Aufenthaltsort anzukommen, ob man einer Schlange als Gegner oder als Helfer begegnet, je nachdem wo im zyklischen Verlauf einer Geschichte man sich gerade befindet. Der einstige Sonnengott Osiris wurde von seinem finsteren Bruder Seth ermordet, einem von späthellinistischen Griechen mit dem drachenköpfigen Typhon gleichgesetzten Ungeheuer.

Der selbe Seth ist es auch, der auf dem Bug der Sonnenbarke stehend, mit seinem Speer in der nächtlichen Unterwelt die Apophisschlange bekämpft, um dem Sonnengott Ra, seinen Aufgang am kommenden Morgen zu ermöglichen. Sonne, Mond, Licht, Finsternis, Schlange und Auge bildeten bei den alten Ägyptern ein »antagonistisches System«, aus welchem sich, je nach mythischem Zusammenhang, eine bestimmte, archetypische Wesenheit oder Konstellation manifestieren kann.

Der Sonnengott Ra formte aus dem aus seinem rechten Auge austretenden feurigen Strahlenschein die Uräusschlange. Als goldenes Herrscherdiadem trugen die Pharaonen dieses solare Reptil auf ihrem Haupt. Gekrönt mit diesem Emblem, wähnten sie sich unbesiegbar, sollte doch der Gluthauch der Uräus ihre Feinde vernichten können.

Den beiden Urformen, Sonne und Auge, begegnen wir auch wieder in der Biologie: Als vor 100 Mio. Jahren die ersten Nager, die Vorfahren der Primaten, aus ihren Höhlen krochen und begannen aktiv zu werden, überwiegend im Sonnenlicht, verbesserte sich evolutionsbedingt die Funktion des Sehens um ein Vielfaches – warum? Damit sie ihre Feinde, insbesondere Schlangen, schneller erkennen konnten.

Licht, Auge, Sonne und Schlange stehen sich ihrem Sinn gemäß also näher, als man zuerst vermutet. Sowohl in der Mythologie des Ostens als auch des Westens, in der Biologie, und, wie wir später noch sehen werden, ebenfalls im Zusammenhang mit Feuer und Metall, zeigen sich Sonne und Schlange als äußerst ambivalente Erscheinungen, die sich auf geheimnisvolle Weise gegenseitig ergänzen oder sich sogar in einander umwandeln können.

Auf diese Ambivalenz wurde seit jeher in vielen Sagen von Sonnenhelden hingewiesen, die zunächst aus der Finsternis kommend, ganz gleich ob nun aus einer physischen Dunkelheit oder aus geistiger Umnachtung, sich auf eine Reise begaben, um das verlorene Licht oder Feuer wiederzufinden und den Menschen zurückzubringen – eine Art Paradies, das sich in die physische Welt versenkt hatte und von dort von einem Erlöser, aus seinen materiellen Verstrickungen befreit, aus der Dunkelheit emporgehoben wurde: Dafür steht die solare, das Erdreich mit ihrem Magnetismus belebende Schlange, wie wir sie auf dem Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem in der Bibel antreffen – oder als die auf dem Baum des ewigen Lebens wachende Schlange der atlantischen Hesperiden. Es ist ebenfalls diese Schlange, die am Stab des Heilergottes Asklepios empor kraucht, dem Sohn des Sonnengottes Apollon.

Prometheus, der Bruder des Atlas, war Kulturstifter, laut Ovid sogar Erschaffer der Menschen. Dem griechischen Held Herakles wies er den Weg nach Westen, wo er mit Atlas den Drachen der Hesperiden überlistete, um an die Äpfel des ewigen Lebens zu gelangen. Prometheus brachte den Menschen auch das Feuer, trotz dass Zeus es ihnen versagte. Als der Göttervater entdeckte, dass er es den Menschen nicht wieder nehmen konnte, bestrafte er Prometheus, den er im Kaukasus vom Himmelsschmied Hephaistos an einen Felsen ketten ließ, wo ein schrecklicher Adler täglich von seiner Leber zehrte.

Die in diesem Mythos beschriebene Himmelsschmiede steht wohl auch in Bezug zur Region des kaukasischen Georgiens, in dem bereits vor 7.000 Jahren Erze zu Metall verarbeitet wurden.

Georgien ist auch das Land aus dem die früheste Erwähnung der Drachentöter-Legende des heiligen St. Georg bekannt ist, auf den im Mittelalter die Eigenschaften des solaren St. Michael übertragen wurden, jenem Erzengel, der laut christlicher Überlieferung den rebellierenden Lichtfürsten in den Abgrund stürzte – wo er sich in die böse Schlange Satan verwandelte und angeblich seither aus der Unterwelt versucht die Herrschaft über die Erde an sich zu reißen.

Von einer anderen Drachentöter-Legende erfahren wir in der germanischen Nibelungensage. Dort ist es der rotblond gelockte Siegfried, der von einem Schmied namens Mime in einer Waldhöhle erzogen wird. Mit seiner Hilfe schmiedet Siegfried das Zauberschwert Balmung, womit er den schrecklichen Drachen Fafnir tötet, um damit einen riesigen Goldschatz in Besitz zu nehmen. Eigentlich aber sind die wirklichen Besitzer des Schatzes die sagenhaften Nibelungen, doch Siegfried, von seiner Goldgier überwältigt, möchte den ganzen Schatz für sich behalten. Damit zieht er einen Fluch auf sich: Er vergisst seine Vergangenheit und auch seine Liebe Brunhilde, die ihm dafür eines Tages, durch seinen Widersacher Hagen, ihre Rache tödlich spüren lassen wird (Hagen ist der Neffe des getöteten Drachen).

Die visuelle Sinnenbindung an den Glanz des Sonnenmetalls, veranlasste also Siegfried eine Bestie zu beseitigen, doch die chtonischen Begierdekräfte gingen auf den Drachentöter über. Ihm kam ein Blutstropfen des getöteten Drachen auf die Zunge, er schmeckte seine Zauberkraft und nahm daraufhin sogar ein Bad im Blut des Drachen, das ihn unverletzlich machte. Vielleicht ist das Drachenblut auch eine symbolische Manifestation des Menschen innerster Angst vor dem Tod, etwas, über das er sich mit irdischen Reichtümern hinwegzutäuschen versucht.

Wie die Sonne, kann auch das Schwert mit der Schlange kulturhistorisch in Verbindung gebracht werden: Die Waffen des Mittelalters trugen Schlangenverzierungen oder hatten einen Drachenkopf als Knauf. Insbesondere in künstlerischen Darstellungen aus dem Mittelalter finden sich Schlangenlinien in den Hohlkehlen von Schwertklingen. Zudem wurden die Schichten des Stahls auf bestimmte Weise »verdreht«, womit der Schmied eine »Schlängelung« der Metallfasern bewirkte, um so eine Härtung des Stahls zu erzielen. Eine andere Form der Metallhärtung geschieht durch Abschrecken des glühenden Stahls in einem Wasserbecken.

Einen interessanten Bezug zum Element Wasser gibt es auch in der Geschichte der griechisch-orthodoxen Heiligen Margarete von Antiochien, einer christlichen Drachenbezwingerin und der Schutzpatronin des zuvor erwähnten Drachenordens. Die griechische Form ihres Namens, Marina, bedeutet »Vom Meer stammend«. Margarete als Name ist allerdings persischen Ursprungs. »Morvarid« bedeutet auf persisch »Kind des Lichts« – ein besonderer Name für das Wort »Perle«, da in der persischen Mythologie die Perle durch die Umwandlung eines Tautropfen durch das Mondlicht entsteht. Wasser und Mond bilden also Variablen, die sich in die »Familie« der Schlangensymbole einreihen lassen. Der Mond, wie man ihn etwa im Bildnis der Mondsichelmadonna findet, weist auf die Offenbarung des Johannes hin. Dort steht eine Schwangere auf dem Mond, die von einem Drachen verfolgt wird. Das ist sozusagen die biblische Fortsetzung der Geschichte des gestürzten Erzengels, der sich an der Menschheit und an Gott rächen will, doch im letzten apokalyptischen Gefecht gegen den Sonnenfürsten Michael, von diesem endgültig geschlagen wird.

Schlangenlinien und Sonnenkräfte

Schon vor tausenden von Jahren ahnten Menschen, dass die sichtbare Wirklichkeit nur die Erscheinungen einer im verborgenen Kraft sind. In der indischen Philosophie ist Maya die Göttin der Illusion, aus der sich alles in der Welt manifestiert. Sie verschleiert die kreative Kraft Shakti, die den Menschen in der Materie manifestiert erscheint. Was zu Materie wurde, gleicht dem Schatten einer eigentlich geistigen Wirklichkeit. Anfang des 20. Jhrhunderts gab Albert Einstein's Relativitätstheorie dem auch einen wissenschaftlich erklärbaren Rahmen.

Sichtbar für die Augen ist alles, das sich mit hoher Frequenz in Schwingung befindet oder etwas hoch Schwingendes reflektiert, das von einer materiellen Form ausgeht und letztendlich einer im Vakuum geronnenen Lichtwirkung gleichkommt, die sich zu kristallinen Materiestrukturen verfestigte.

Im sogenannten »Einheitlichen Feld«, vom dem die Quantenphysik spricht, bestehen polare Wechselwirkungen bestimmter, objektiver Kraftfelder, die, ab einer sehr hohen Umdrehungs-Frequenz, beginnen Licht auszusenden. Damit dieses Licht Wirklichkeit wird, bedarf es eines relativen Beobachters, wodurch eine Polarität von dem was leuchtet und dem was dieses Leuchten wahrnimmt aufgespannt wird – ohne Auge, kein Licht.

Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.

- Goethe

Physikalisches Licht gleicht einer polaren, schlangenförmigen, raumzeitlichen Ausbreitung zweier Kräfte: Elektrizität und Magnetismus, die aus einer androgynen, für uns nicht wahrnehmbaren, da unsichtbaren Energie, in eine sich bedingende, untrennbare Zweiheit der Bewegung »gestürzt« ist, worauf vielleicht auch der Luzifermythos hindeutet. Die Tatsache, dass erst durch Polarität Wahrnehmung entstehen kann, führt zu dem Schluss, dass Einheit von Unveränderbarkeit, Ewigkeit und Formlosigkeit begleitet wird.

Alles Ewige unterliegt keiner Veränderung und auch keinem Kreislauf. Leben kann deshalb nur, was zwar an der Ewigkeit teilnimmt, als Polarität unbedingt aber sterben muss, um wieder in die Einheit zurückzukehren.

Der Lauf des Lebens beginnt als Geburt aus der Dunkelheit – ob nun aus dem finsteren Weltraum, aus dem Mutterleib oder dem unter der schwarzen Erde keimenden Samen, der den Erdboden irgendwann durchbricht, um in den Tag zu wachsen. In Ägypten symbolisiert diesen Vorgang die Geburt des Sonnenkäfers Skarabäus, den der warme, schwarze Nilschlamm bebrütet, bis er schließlich aus seiner Hülle schlüpft, um alsdann zur Sonne empor zu fliegen.
Es ist immer eine Geburt aus der Finsternis hinein ins Licht.

Die Dinge fangen im Unsichtbarem an, treten aus dem Verschlossenen in die Wahrheit der Gegenwart. Für diesen Vorgang steht als Sinnbild das Ei. Aus einem Ei schlüpft ein Insekt, ein Fisch, ein Vogel oder eine Schlange – letztere beiden weisen im ägyptischen Mythos ebenfalls auf eine Verwandtschaft, denn in den Pyramidentexten finden wir des Öfteren Geier und Schlange dargestellt, die das Auge des Sonnengottes beschützend flankieren. Hier wird wieder der Zusammenhang zwischen Licht und Materie, zwischen Sonnenkraft und Schlangenkraft deutlich.

Alles ist lebendig, das sich von selbst und anderes bewegen kann. Das gilt ebenso für unser Zentralgestirn Sonne, um deren Zentrum sie sich selbst und mit ihr alles dreht was sich im Sonnensystem befindet – auch das Leben im Wechsel der Jahreszeiten, wird aus dieser Drehung immer wieder von Neuem geboren. Doch wie insbesondere durch die vier Jahreszeiten verdeutlicht, ist für das Aufrechterhalten der Lebenszyklen auch ein Opfer notwendig – stirbt doch ein gewisser Teil des animalischen und vegetarischen Lebens im Winter ab, woraus dann wieder Nahrung auf der Erde entsteht, für einen kommenden Sonnenzyklus.

Opfer verkörpern auch die Symbole des gekreuzigten Jesus oder der von Moses im Sinai am Kreuz aufgerichteten, ehernen Schlange: die flüchtigen, heilkräftigen Christus- bzw. Schlangenkräfte (Magnetismus) sollen auf den Betrachter übertragen und durch das Sinnbild des Kreuzes auch in ihm fixiert werden. Drum windet sich auch eine symbolische Schlange um den Stab des Arztes Asklepios, während sich sein Vater Apollon im ägäischen Delos selbst einmal als Schlange oder in Delphi als Verkörperung der Kräfte der Erleuchtung und der Erkenntnis zeigt, wenn er eben als Sonnenheld das Orakel von einem Reptil, vom Drachen Python befreit.

Ein anderes, in verschiedenen Mythen verwendetes Symbol, in dem sowohl Sonne als auch Schlange vereint sind, ist der hermetische Heroldstab. Dieses Symbol wird auch verwendet in Bezug auf die feinstoffliche Ebene des menschlichen Körpers: In der vedischen Esoterik ist die Rede von zwei Schlangen Ida und Pingala, die als »Kundalini-Kraft« jeweils um den zentralen, sogeannten »Shushumna-Nadi«, entlang der Wirbelsäule aufsteigen – einer Symbolik die gewiss dem zuvor skizzierten Stab des Hermes entspricht.

Den Sonnenkräften im Menschen entspricht das sinnbildliche Herz. Es teilt auf Höhe des Herzchakra die Bahn der Schlange Kundalini in zwei Hälften: drei geistig-ätherische und drei seelisch-körperliche Energiezentren.

Kundalini und Sonnenlicht sind von zweifacher Natur und können entweder richtig oder missbräuchlich angewendet werden – wirken aufbauend oder abbauend, lebensfördernd oder lebenszerstörend.

Wenden wir unseren Blick nun aber noch einmal nach Sumer: Da beschreitet der mythische König Gilgamesh auf seiner Reise einen Weg zu sich selbst. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu, wird er sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst und irrt aus Angst vor dem Tod lange umher, bis er zu den Skorpionmenschen kommt, die den Weg der Sonne bewachen.

The Phanes-Eros - Illustrated by Selim Oezkan - ewigeweisheit.de

Der alt-griechische Gott Phanes-Eros.

Er befragt sie nach dem Aufenthaltsort des ehrwürdigen Helden der Sintflut, der angeblich den Odem der Unsterblichkeit besitzt. Ihn will er befragen über Leben und Tod. In der Unterwelt erscheint ihm der Sonnengott und lässt Gilgamesh wissen, dass er das ewige Leben nach dem er sucht, nicht finden wird. Am Ufer des morgendlichen Sonnenaufgangs erreicht Gilgamesh schließlich den Unsterblichen.

Dieser stellt Gilgamesh eine Aufgabe: er solle dem Schlaf, solle dem Bruder des Todes widerstehen – doch Gilgamesh schläft ein – als er erwacht erkennt er, dass er nicht für die Unsterblichkeit geschaffen sei. Die Frau des Unsterblichen aber legt für Gilgamesh ein gutes Wort ein, da er große Mühen auf sich genommen hat, um hierher zu kommen. Man solle ihm doch bevor er abreist ein Geschenk machen. Der Unsterbliche offenbart Gilgamesh also ein verborgenes Geheimnis der Götter: Auf dem dunklen Grund des Meeres, wüchse eine Pflanze, die neues Leben verleiht. Gilgamesh holt sich diese Pflanze aus der Tiefe, doch eine Schlange entwendet sie ihm flink und verjüngt sich auf der Stelle, indem sie ihre alte Haut abstreift. Wieder begnen wir einem Antagonismus von Sonne und Schlange: Diesmal aber kommt das Licht der Sonne aus der Vergangenheit, während die Finsterniskräfte der Schlange für die Zukunft stehen, da sie durch ihr Wesen die Vergänglichkeit des Lebens ankündigen.

Aus den Mythen des Altertums in West und Ost lernen wir, dass der Mensch als Bindeglied dieser vermeintlichen Trennung von Oberem und Unterem und als Mittler zwischen Göttlichem und Irdischem gesehen werden kann, so wie auch das menschliche Herz im Körper die Kohärenz zwischen Denken und Fühlen bildet. Durch die Verbindung dieses antagonistischen Systems in uns, im Jetzt, können wir beide, Sonne und Schlange, Geistiges und Materielles, Himmel und Erde, in ihrer ursprünglichen, heilsamen Einheit erfahren.

Die beiden widerstrebenden Strömungen sind letztendlich nichts anderes als Synonyme für die Trennung der Erlebnisse von Denken und Erfahren, etwas das z. B. auch Religion von Wissenschaft abgrenzt. Über Jahrhunderte hinweg verteufelte die Kirche alles, was uns die Natur lehrt. Man denke nur an die mittelalterlichen Auffassungen über die Beschaffenheit der Welt, wie sie aus Sicht des Klerus angeblich durch Kolumbus, Galilei oder Bruno in Frage gestellt wurden. Bestimmt einer der Gründe, dass sich seit dem Zeitalter der Aufklärung eine so vehemente Ablehnung entwickelte, gegenüber der Kirche, dem Glauben und einem christlichen Gott. Materialistisches Vernunftdenken lehnt eine Gottesvorstellung deshalb bis heute kategorisch ab, da für viele das Wort Gott eine Personifikation ist. Darum sei nochmals hervorgehoben, weshalb vielleicht die Ideen die zu uns aus buddhistisch geprägten Traditionen gekommen sind, toleranter aufgenommen werden, da sie eine transzendente Weltsicht vertreten, als die eines immanenten, monotheistischen Gottes der Vergeltung, wie er uns aus dem Pentateuch erscheint.

Es wird immer eine Gruppe von Menschen geben, die unablässig bemüht ist die Gegensätze der beiden, immanenten und transzendenten Weltsichten in einer gemeinsamen, ewigen Philosophie zu versöhnen. Glauben und Vernunft, Religion und Wissenschaft können zu einer lebendigen Einheit, in einem organischen Ganzen verschmolzen werden, was Aufgabe der Menschen des neuen Weltzeitalters sein wird.


Die bildlichen Darstellungen Jesu Christi mit seinem bekannten Fingerdeut weisen auf das Herz – die Sonne im Körper – das Organ der Erleuchtung. Im indischen Vedanta ist das Anahata, das Herzchakra, mit einem Hexagramm gekennzeichnet, dem Symbol der Vereinigung von Äther und Stoff. Es ist ein Versuch beides, Geistiges und Körperliches zu er- und beleben, ohne eines von beiden zu leugnen. Zwar setzt die Wahrnehmung eine Trennung, einen Kontrast voraus, durch den die Dinge überhaupt erkennbar werden, denn nur was sich in der Polarität befindet, kann der Mensch erfassen. Doch beide, Sonne und Schlange, Geist und Materie, Himmlisches und Irdisches, sind nur Erscheinungsformen der im allegorischen »kosmischen Ei« enthaltenden unbegrenzten Wirklichkeiten der Einheit, die die hermetische Tradition als »das einige Ding« oder die moderne Physik als einheitliches Feld bezeichnen.

Die wohl treffendste Darstellung der hier diskutierten Pole von Sonne und Schlange, wie sie als feurige Kraft aus der Einheit zum Vorschein kommen, ist deutlich versinnbildlicht in der Gestalt des leuchtenden Gottes Phanes-Eros aus der griechischen Mythologie. Von einer Schlange umwunden, entsteigt er als Sonnengott aus den beiden Hemisphären eines kosmischen Ovals. Bei den Orphikern war der aus dem Ei entsteigende Phanes-Eros der Urschöpfer allen Lebens und die treibende Kraft aller Reproduktionen im Kosmos.

Die Orphiker sahen in Phanes-Eros den Ursprung der Kräfte von Licht, Liebe und Leben, die seither in der Welt umherschweifend bestrebt sind, die ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, was den Zyklus von Werden und Vergehen in der Ewigkeit zeitigt.

 

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Esoterische Bedeutung des Ankh

Esoterische Bedeutung des Ankh

Ankh - ewigeweisheit.de

Spätestens seit der Zeit des alten Ägypten, verwendete man im Westen ein Symbol, das heute unter dem Namen »Ankh« geläufig ist: Das Kreuz des Lebens. Seiner esoterischen Bedeutung nach, steht dieses einfache Symbol für die Ganzheit allen Seins. Dabei stellt sich natürlich die Frage, woraus sich diese Ganzheit zusammensetzt und wie ihre Teile zueinander in Beziehung stehen.

Insbesondere das Verhältnis von Einheit (Unität) und Zweiheit (Dualität) sind dabei von grundlegender Relevanz, bilden sie doch den logischen Ursprung der existentiellen Realität in der wir leben.

Symbol der Einheit ist der Punkt oder der Kreis. Ein Kreis hat weder Anfang noch Ende und ist in sich abgeschlossen, ungeteilt und ganz. All das sind Attribute, die sich gewöhnlich mit dem Wort Gott assoziieren lassen.

Gott ist wie ein Kreis,
Dessen Mittelpunkt sich überall und
Dessen Umfang sich nirgendwo befindet.

Der Kreis also steht für die Vollkommenheit und Ganzheit allen Seins.

Die horizontale Linie unterhalb des Kreises, deren beiden Enden in die Unendlichkeit weisen, symbolisiert die Begrenzung, die das Vollkommene vom Erschaffenen trennt. Wobei das Erschaffene letztendlich die manifestierte, physische Welt unseres Universums ist.

Eine Begrenzung des unendlich Vollkommenen also, führt zur Erschaffung, zur Schöpfung dessen, was räumlich und zeitlich manifestiert ist und darum begrenzt sein muss. Das ist die Welt der Dualität, das kosmische Reich der Gegensätze und Pole. Hierfür steht die senkrechte Linie im Ankh, die durch die Waagrechte vom Kreis der Ganzheit getrennt ist. Sie emanierte im Augenblick der Schöpfung, gleich einem Strahl der Kraft, aus der Grenzenlosigkeit (symbolisiert durch den Kreis), hin durch all die Welten und Äonen unseres Kosmos, bis sie in der materiellen Ebene wie ein Kristall, in Vollkommenheit verfestigte.

Als senkrechte Linie im Ankh-Kreuz, symbolisiert sie die Trennung der Polaritäten in unserer Welt: Rechts und Links, Licht und Finsternis, weiß und schwarz, heiß und kalt, gut und böse, erfreulich und unliebsam, aufregend und langweilig, und so weiter.

Der Caduceus - ewigeweisheit.de

Der Caduceus, der Schlangenstab des Götterboten Hermes, ist seinem Symbolcharakter nach verwandt mit dem Ankh. Natürlich könnte man hier noch weitere Assoziationen durchführen, ist doch der Schlangenstab ein Symbol, dem wir auch in der biblischen Tora und im Neuen Testament begegnen: Einmal als der Stab des Moses, der gleichzeitig eine Schlange ist (Exodus 4:2f), und wo Moses an einer Stange eine eherne Schlange aufrichtet (Numeri 21:6-9), die jedem der sie dort erblickt, Heilung bringt. Jene Symbolik wiederholt sich in den christlichen Evangelien, wo es heißt: »Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm das ewige Leben hat.« (Johannes 3:14-15) Damit also bewegen sich die inneren Bedeutungen der Symbol-Konzepte von Ankh, Hermesstab, Mosesstab und gekreuzigtem Christus, in der selben spirituellen Matrix von Sein und Erlösung. Mehr zum Thema auch hier.

Aufstieg entlang des Mittleren Pfades

So wie diese Senkrechte blitzartig in die Welt der Polaritäten hinabfiel, so auch fand einst, nicht lange nach unserer Zeugung, ein göttlicher Funke seinen Weg aus dem Göttlichen ins Irdische, worum sich dann unser Körper formte. Das zumindest glauben Menschen der spirituellen Traditionen in West und Ost: Die Seele ist himmlischen, göttlichen Ursprungs.

Die Dinge der irdischen Welt aber, befinden sich immer in einem Spannungsfeld der Polarität, zwischen Werden und Vergehen, Aufstieg und Abstieg, Leben und Sterben, Sein und Nicht-Sein. Jeder Mensch weiß das, da er mit seinem Körper, seinen Gefühlen und Gedanken, immer Teil dieser polaren Gegensätze ist. Denn nichts bleibt, alles verändert sich vom Positiven zum Negativem und wieder vom Negativen zum Positiven, in einem lebenslangen Kreislauf.

In der manifestierten Welt begegnet die menschliche Seele immer wieder dem Zwist der Polaritäten, einem nicht endendem Wechselspiel der Gegensätze im irdischen Dasein. Davon ist unser gesamtes Leben bestimmt, jeden Augenblick. Wir atmen ein und wir atmen aus. Unser Herz strömt Blut durch die Arterien, dass durch die Venen zurückkehrt. Wir schlafen ein und wachen auf. Wir nehmen auf und scheiden aus.

Solange sich darum unser Bewusstsein, allein nur mit dieser manifestierten (oder inkarnierten) Existenz identifiziert, mit den darin erscheinenden Dingen der Wahrnehmung, über die es nachdenkt, die es bedauert oder bewundert, verharrt es auf der Ebene seines Egos. Und dabei erfährt es ständig Konflikte, empfindet das Leben nicht spielerisch sondern als anscheinend nicht endenden Kampf. Denn was man wahrnimmt, ist eben jene Reibung der Gegensätze, die in der Welt der Polaritäten konkurrieren. Wem jedoch gelingt, sich entlang des Mittleren Pfades an die Grenzen der Alleinigkeit emporzuführen, wird dort höchste Harmonie finden, wo alle gegensätzlichen Kräfte zu ultimativer Versöhnung gekommen sind.

Im indischen Tantra ist da die Rede vom sogenannten »Kundalini-Prozess«. Die Kundalini ist eine Schlange, die dort am untersten Punkt der Senkrechten im Ankh-Kreuz schläft, jedoch erweckt werden kann. Als ätherisches, feinstoffliches Wesen steigt sie dann entlang dieser Senkrechten auf, bis sie jene Waagrechte im Ankh-Kreuz mit ihren Lippen berührt. Das aber gelingt ihr nur, wenn sie alle Polarität überwindet, weder Freude noch Trauer empfindet, Angst und Mut ihre Bedeutung verloren haben und sie weder Gutes noch Böses beeinflussen.

Auf diesem Mittleren Pfad bewegen sich alle, die die Kraft zum Gleichmut entwickelt haben. Ihnen ist gewährt, sich entlang jener kosmischen Senkrechten, hinauf zur Grenze der großen Alleinigkeit zu bewegen (symbolisiert durch den Kreis).

Wenn wir ein Bewusstsein entwickeln, diesen Pfad aufzusteigen und jenen Grenzbereich zu berühren (im Ankh als die Waagrechte symbolisiert), verlassen wir die duale Welt der Gegensätze und erleben die große göttliche Einheit, die uns mit unendlicher Kraft und Weisheit erfüllt. Alles was sich widersprach kommt hier zur Ausgleichung und verliert seine Relevanz.

Bei alle dem sollten wir aber nicht vergessen, das diese beiden Modi des Bewusstseins – in der kosmischen Einheit und der kosmischen Zweiheit (Dualität) – voneinander getrennt bleiben. Nachdem aber eine menschliche Seele in der Welt der Gegensätze inkarnierte, kann sie irgendwann damit beginnen, diesen Mittleren Pfad aufzusuchen. Hat sie ihn gefunden, wird sie durch allmähliche Veränderung ihres Bewusstseins eine Reife entwickeln, die es ihr ermöglicht, sich entlang dieses Mittleren Pfades hinaufzubewegen, entlang jener Vertikalen, bis sie zum Gebiet der großen Einheit vordringt, um dort schließlich ihre Erlösung zu finden.

 


 

Schlangenkraft Kundalini: Urenergie des Universums

von Johan von Kirschner

Kundalini - ewigeweisheit.de

Im Hinduismus stehen die drei Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva, auf Sanskrit Trimurti, für die drei Formen des Ursprungs der göttlichen Wirkungen in der Einheit aller Welten. Somit sind die Trimurti also nicht getrennt voneinander existierende »Götter«, sondern drei Aspekte von sich gegenseitig, ergänzenden, göttlichen Prinzipien:

Brahma ist der schöpferische Aspekt.
Vishnu der erhaltende und verwandelnde Aspekt.
Shiva der zerstörende, jedoch erlösende Aspekt.

Brahma steht für den Neubeginn, nachdem Shiva den dunklen Geist der Unwissenheit zerstört hat. Vishnu repräsentiert die zwischen beiden bestehende Harmonie und Gutmütigkeit Gottes, die für eine gewisse Zeit besteht. Diesen drei Prinzipien begegnen wir erneut, in den Kapiteln über die Chakras.

Die Urenergie des Universums

Im Hinduismus ist Shakti die weibliche, aktive Urenergie im Universum. Sie repräsentiert Macht und Kraft, als weiblicher Gegenpart der männlichen Trimurti. Auch sie erscheint in drei Formen:

  1. Als Gattin des Brahma nennt man sie Sarasvati, die Mutter der Künste und der Wissenschaften.
  2. Als Gattin Vishnus ist die Lakshmi, Göttin des Glücks und der Reichtümer.
  3. Die Shakti des Shiva ist Parvati, die entweder als sanfte oder kriegerische Göttin auftritt.

Gemeinsam mit Prakriti, dem Urstoff (Urmaterie) und Maya, den Illusionen des Vergänglichen, bildet Shakti die drei Urkräfte des Universums. In jedem Chakra wirken diese Aspekte von Gottheit und Urenergie (Shakti).

Shakti-Energie ist jedoch keine materielle Kraft wie Elektrizität, Magnetismus, keine zentripetale oder zentrifugale Kraft. Sie ist vielmehr etwas Geistiges, das den gesamten Kosmos durchdringt, sich jedoch als physische Kraft manifestieren kann.

Energiekanäle des Ätherkörpers

Wir hatten oben gesagt, dass der physische und der ätherischer Körper, ineinander bestehen. So wie im physischen Leib, durch Nervenbahnen, Lymphgefäße und Blutgefäße, Energie, Körpersäfte und Blut fließen, so wird ätherische Energie durch die sogenannten Nadis transportiert.

Im ätherischen Körper gibt es zwei Hauptströme, die im Körper zirkulieren:

  • Rechts der Wirbelsäule der Sonnenstrom Ha.
  • Links der Wirbelsäule der Mondstrom Tha.

Daher stammt der Begriff »Hatha-Yoga«, einer Form des Yoga mit dem Ziel, Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist herzustellen. Dies geschieht durch das Einnehmen besonderer Körperhaltungen (Asanas) und dem bewussten Atmen (Pranayama). Die meisten Menschen setzen die Bezeichnung des Hatha-Yoga mit dem Begriff des Yoga gleich. Yoga an sich ist aber weit mehr als nur die Praxis bestimmter Körperübungen. Es ist ein Weg der Befreiung.

Yoga ist die Kontrolle über die Denkbewegungen des
Geistes. Damit verweilt der Mensch in seiner wahren Wesensnatur. Wenn sich der Mensch nicht im Yoga- Zustand befindet, identifiziert er sich mit den
Denkbewegungen seines Geistes.

– Yoga Sutras 1:2-4

In diesem Yoga-Zustand, wo Geist, Emotionen und Körper, vom Meditierenden kontrolliert werden, sind die Energieflüsse in den Nadis gleichmäßig und ausgewogen.

Im Yoga-System unterscheidet man drei Haupt-Energiekanäle, die mit drei feinstofflichen Pforten des Körpers verbunden sind.

Ida-Nadi

Ida, ist kühl und gleicht dem blassen Glanz des Mondlichts. Hier fließt Lebensenergie durch das linke Nasenloch in den Körper ein. Dieser Nadi ist weiblicher Natur, durch den lebensspendende, feinstofflich-wässrige Energie fließt.

Pingala-Nadi

Pingala, ist heiß, dem Strahlen der Sonne gleich und fließt durch das rechte Nasenloch in den Körper ein. Dieser Nadi ist männlicher Natur, durch den auflösende, feinstofflich-feurige Energie fließt.

Shushumna-Nadi

Shushumna ist der zentrale Nadi, der sich parallel zum Rückenmark-Kanal des physischen Körpers befindet. Das Energietor dieses Nadis öffnet sich an der Stelle, wo sich die noch offene Fontanelle befindet, im Schädeldach des Neugeborenen. Beim Erwachsenen ist diese Stelle im Normalfall geschlossen.

Shushumna hat seinen Ursprung im Wurzelchakra (Muldahara) und steigt entlang des Rückenmarkkanals durch den Körper auf, um sich ins Kronenchakra (Sahasrara) zu öffnen.

Lebensenergie

Prana bedeutet wörtlich »Lebensatem« und ist ein untrennbarer Teil der kosmischen Energie Shakti, durch die das Weltall geschaffen wurde. Atmen heißt Leben und so ist Prana an sich ein Synonym für die Lebenskraft oder Lebensenergie. Es entspricht dem Qi oder Chi (auch: Ki) der Traditionellen Chinesischen Medizin. Diese Lebensenergie ist Teil der Materie, auch wenn sie nicht für jeden Menschen direkt wahrnehmbar ist. Durch die richtige Yoga-Praxis, kann ein Mensch ein Gespür für diese Energie entwickeln.

Verschiedene Aspekte annehmend, zirkuliert Prana im Körper durch die oben beschriebenen Nadis Ida, Pingala und Shushumna, sowie durch ihre Nebenäste (im klassischen Hatha Yoga Pradipika ist die Rede von 72.000 Nadis). Prana ist die darin aufsteigende Lebensenergie. Absteigendes Prana nennt man Apana. Beide, Prana und Apana, strömen beim Ein- und Ausatmen durch die beiden Nasenlöcher. Sind Prana und Apana im Gleichgewicht, ist ein Mensch gesund.

Für den Menschen ist dieses Strömen jedoch nicht spürbar, da er vom ersten Augenblick seines Lebens daran gewöhnt ist.

Biologische Aspekte des Prana

Der Fluss von Prana und Apana bewirkt den Stoffwechsel und die Erzeugung von Wärme im menschlichen Körper. Auf physisch-biologischer Ebene, lässt sich der Prana-Fluss mit dem Atmungsvorgang vergleichen. So entspricht Prana der eingeatmeten Luft, während Apana der ausgeatmeten Luft entspricht.

Unsere eingeatmete Atemluft (Prana) besteht aus ungefähr 21% Sauerstoff, 78% Stickstoff und 1% anderen Gasen (überwiegend das Edelgas Argon). Die ausgeatmete Luft enthält dann nur noch etwa 17% Sauerstoff, jedoch ungefähr 4% Kohlendioxid (Kohlensäure). Dieses Gas entsteht bei der Oxidation des im Blut gelösten Traubenzuckers (Glukose). Diese Substanz wird bei der Verdauung aus den aufgenommenen Kohlenhydraten erzeugt und zirkuliert als Energieträger im Blutkreislauf. Beim Einatmen »verbrennt« dieser Zucker in den Lungen, was die lebensnotwendige Körperwärme erzeugt.

So also stehen Prana und Apana in Zusammenhang mit dem Stoffwechsel im menschlichen Körper.

Doch Prana ist mehr als nur Luft. Die Sonne strahlt ununterbrochen eine enorme Menge an pranischer Energie auf die Erde aus. Darum sind, im Bereich der feinstofflichen Wirkungen, Sonnenfinsternisse besondere Ereignisse. Dann nämlich ist die Erde, wenn auch nur kurz, vom solaren Prana-Strom abgeschnitten.

Die andere kosmische Prana-Quelle für die Erde ist der Mond. Auch Planeten und Sterne beleben die Erde mit pranischer Energie. Jede dieser kosmischen Kraftwirkungen, übt auf den menschlichen Energiehaushalt seine besondere Wirkung aus. Ohne Prana gibt es kein Leben auf der Erde.

Die Kundalini

Zentrales Wesen des esoterischen Yoga-Systems ist die Kundalini. Sie ist die verkörperte Urenergie des Weltalls und ist vom Prinzip her identisch mit der bereits erwähnten Shakti. So wie die Shakti die kosmische Energie des Kosmos darstellt, stellt die Kundalini, die ja ein Teil dieser Shakti ist, die geistig-kosmische Energie im menschlichen Körper dar.

Kundalini nennt man die Schlangenkraft; daher auch ihr Name: »Die Aufgerollte«. In den Yoga-Lehren heißt es, die Kundalini sei in dreieinhalb Windungen am unteren Ende der Wirbelsäule aufgerollt. Die drei Windungen entsprechen den drei Gunas – den Qualitäten der Materie: Sattva (Reinheit), Rajas (Bewegung) und Tamas (Trägheit). Jene halbe Schwanz-Windung bleibt in der Urmaterie Prakriti verwurzelt. Ist die Kundalini-Schlange aufgerollt, schläft sie im Wurzelchakra des Ätherkörpers.

Diese geheimnisvolle Kundalini-Schlange ruht am Beginn des Shushumna Nadi, am untersten Punkt der Wirbelsäule. Wird die Kundalini erweckt, soll sie einen zischenden Laut von sich geben, man sagt, so als hätte man sie mit einem Stock geschlagen. Dann steigt sie entlang des Shushumna-Nadi auf, dem zentralen Energie-Kanal, und durchläuft dabei alle Chakras. Wer die Kundalini langsam zu erwecken vermag, dem verleiht sie Glückseligkeit und Weisheit.

Prana, das in unserem Körper fließt, ist ein Aspekt der Kundalini. Der natürliche Egoismus, der Intellekt, die Sinneswahrnehmungen und das Bewusstsein, bilden, zusammen mit den fünf Tattvas (Elementen), Produkte der Kundalini. Wenn nun die göttliche Kraft der Kundalini, auf das Prana in den Nadis wirkt, bringt sie einen mystischen Klang hervor. In umgekehrter Weise kommt es zum Mitschwingen der Kundalini-Energie, wenn bestimmte Klänge im Körper erzeugt werden. Das sind die sogenannten Mantras (sanskritisch für »Lied« oder »Hymne«). Mit dem Singen oder Wiederholen besonderer, den Chakras eigenen Mantras, beginnt die Kundalini den Shushumna-Nadi aufzusteigen. Da kommt einem das Bild des indischen Schlangenbeschwörers, der durch die Melodien seiner Klarinette, die Kobra aus ihrem Korb lockt, bis sie sich vollständig aufgerichtet hat.

Ist die Kundalini erweckt, wird ihre Vibration in allen Teilen des Körpers wirksam. Daher rühren auch die mystischen Erfahrungen, die Gläubige in Ost und West in besonderen Gottesdiensten machen, wie etwa die Sufis bei ihrem Dhikr – dem Wiederholen der heiligen Namen Allahs.

Kundalini und Prana hängen direkt zusammen. Ihr Zusammenspiel wirkt auf die Nadis und damit auf die Chakras. So können die Wirkungen bestimmter Mantras sich bis in jede Körperzelle fortpflanzen. Von dort aus können sie, etwa bei einem kranken Menschen, Heilprozesse in Gang setzen, die sich auf alle umliegenden Körperzellen hin ausbreiten.

Die Kundalini eines Menschen existiert also in zwei Zuständen: schlafend und erwacht, ist statisch und dynamisch. Durch richtiges, bewusstes Atmen steuern wir ihre Funktion.

Erweckung der Kundalini

Für die meisten modernen Menschen ist der Geist etwas, das ausschließlich von der Aktivität der Gehirnzellen ausgeht. Wahrscheinlicher aber, sind die Bewegungen unseres Geistes von jenem feinstofflichen Lebenselement abhängig, dass wir oben als Prana definiert haben. Prana existiert überall im Kosmos: in unserer Galaxie ebenso, wie im Sonnensystem. Es fließt durch die Erde und durch jede Zelle eines lebenden Organismus. Es zirkuliert im menschlichen Körper als anregende, belebende Kraft. So ist Prana Nahrung für die Geistesbewegungen, wie auch für die feinstofflichen Ströme die in den Nadis, Adern und Nervenbahnen fließen.

Im Gegensatz zu unserem Körper, erfährt das Gehirn in unserem gesamten Leben keine nennenswerten Veränderungen. Anders aber, sobald die Kundalini erwacht. Damit beginnt eine Verwandlung des gesamten Nervensystems, von dem das Gehirn ja einen ganz wesentlichen Teil bildet.

Das Erwecken der Kundalini bewirkt einen bemerkenswerten Einfluss auf das Bewusstsein eines Menschen. Dann kommt es zu einem gesteigerten Fluss von Prana im zerebralen Bereich. Mit der Wirkung dieses neuen Lebensstroms, genannt Kundalini-Kraft, kommt es auch zu einem erhöhten Fluss von Blut im Schädelbereich. Natürlich hat das entsprechende Effekte.

Das Nervensystem eines Menschen, das noch keine hohe Reife der Entwicklung erreicht hat, kann durch Aktivierung des Kundalini-Stroms gereizt werden. Hierbei stellen sich unter anderem verwirrende Nebeneffekte ein, die zu Erregung führen können. Auch Fälle von Wahnvorstellungen sind schon aufgetreten, die in Extremfällen sogar in Ohnmacht oder Lähmungserscheinungen endeten. Je nach Entwicklungsgrad, körperlicher Beschaffenheit und Temperament eines Menschen, muss das Erwachen der Kundalini darum unbedingt langsam erfolgen.

Bevor wir damit beginnen unsere Kundalini zu aktivieren, sollten wir uns entsprechend vorbereiten. Entsagung von Wünschen und Begierden, wie in jeder anderen spirituellen Praxis auch, bildet die Grundlage, im Umgang mit dieser höchst kraftvollen Energie. Letztendlich aber erwacht die Kundalini-Kraft nur, wenn sich ein Mensch über seine Begierde, seine negativen Gefühle wie Zorn und Stolz erhebt und sich dadurch aus den Täuschungen des Geistes befreit.

Voraussetzung für den Erfolg der Kundalini-Erweckung ist also Reinheit im Denken, Wollen und Handeln. Doch es ist auch nicht damit getan, nur einmal, sozusagen »zum Test«, zu versuchen die Kundalini-Kraft zu erwecken. Regelmäßiges Üben ist wichtig, denn das Erwecken dieser Kraft schafft viele Begierden die man unter Kontrolle bringen muss. Wer nicht rein ist, wird diesen Begierden nicht widerstehen können – die Arbeit an Körper und Seele, wäre dann aber überflüssig.

Durch diszipliniertes Üben kann der Yogi die Kundalini allmählich erwecken, so dass sie beginnt sich zu entrollen und entlang des Rückenmark-Kanals aufzusteigen. Leider gibt es aber Törichte, die glauben bereits erleuchtet zu sein und sich aus Irrtum eine bestimmte Methode aussuchen, gleichzeitig aber auf andere wichtige Übungen verzichten. Sobald so einer bei seinen Übungen in Schwierigkeit gerät, gibt er schnell auf.

Meisterschaft erlangt, wer geduldig übt.

Wem gelingt, die Vereinigung der Kundalini-Shakti-Energie aus dem Wurzelchakra (Muladhara) mit der Shiva-Energie im Kronenchakra (Sahasrara) zu erzielen, der hat den Zustand des Samadhi erreicht – jenen Bewusstseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgeht: die achte und höchste Stufe des Yoga-Weges. Doch bereits auf dem Weg dorthin, öffnen sich die Chakra-Lotusse dem feinstofflichen Pranalicht. Es ist so, dass sich die drei oberen Stufen des Yogaweges – Dharana, Dhyana und Samadhi – ab einem gewissen Grad der Fortschritts, von alleine einstellen und die Kundalini dann ganz aufgerichtet werden kann.

Leider aber, und es muss nochmal darauf hingewiesen werden, missverstehen viele das Erwachen der Kundalini. Solange diese geheimnisvolle Schlange dort im Wurzelchakra (Muladhara) ruht, ist sich der Mensch seiner Umgebung noch vollkommen bewusst. Wenn die Kundalini jedoch erwacht ist, verschwindet das Selbstsein in dieser Welt und man löst sich, aus dem reinen Körperbewusstsein. Mit dem Steigen der Kundalini, von Stufe zu Stufe, erlangt der Yogi wahre Bewusstseinserweiterung. Dabei entwickelt er geistige Kräfte, die weit hinausgehen über physiologische Wahrnehmung und Denkmechanismen. Im Zustand des Samadhi, wird er Herr über die fünf Elemente (Tattvas) und betritt den Raum wahrer Weisheit.

Hat man innerliche und äußerliche Reinheit hergestellt, kann, durch eine Visualisierung im Dharana (siehe oben), die Kundalini-Kraft im Körper aktiviert werden.

Kundalini-Visualisation

Für den Anfang ist es wichtig, sich die Chakra-Yantras lange anzusehen, damit man sich ihre Bilder entsprechend visualisieren kann. Man kann zu Beginn der Meditation auch eines der Chakra-Yantras auswählen, was die Visualisierung vereinfacht.

1. Schließe die Augen und Atme ruhig.

2. Stelle Dir die Kundalini vor, wie sie im Muladhara mit geschlossenen Augen, als aufgerollte Schlange schläft.

3. Langsam öffnet Kundalini ihre Augen – wacht auf – der Pranastrom im Muladhara, im Wurzelchakra beginnt ganz langsam nach oben zu steigen.

4. Pranastrom und Kundalini sind eins. Sie steigen gemeinsam entlang des Shushumna-Nadi, im innern der Wirbelsäule, ganz allmäglich nach oben – Chakra für Chakra.

5. Während die leuchtende Kundalini langsam aufsteigt, passiert der Pranastrom die farbigen Chakra-Lotusse. Davon berührt, beginnen sich die Blätter der Lotusse zu öffnen, so wie die Blüte einer Blume, die ganz gemächlich ihre Blätter im Morgenlicht entfaltet.

6. Nun sieht man das innere der Chakra-Blüte: das Chakra-Yantra, das Chakra-Tier, die Chakra-Gottheit.

7. Nachdem das Aufsteigen der Kundalini erfolgt ist und ihr Kopf sich über das Sahasrara-Chakra wölbt, erleuchtet sie das Gehirn mit einem hellen Strahlen.

8. Jetzt ist die Kundalini ganz aufgerichtet: ihr Schwanz am unteren Ende der Wirbelsäule, ihre Nasenspitze berührt die Schädeldecke und man spürt, wie aus dem Inneren des Kopfes ein Strahlen ausgeht, entlang der Wirbelsäule und durch den ganzen Körper, der in den Regenbogenfarben erstrahlt. Dieses Strahlen pulsiert ganz leicht im Rhythmus des Atems.

9. Nun tritt Kundalini ihren Rückweg an. Während sie die Chakra-Lotusse nach unten passiert, schließen sich deren Blütenblütter wieder.

10. Kundalini findet zur Ruhe in ihrer Wohnung des Muladhara, im Wurzelchakra, rollt sich dort wieder auf. Nun ruht sie dort in der finsteren Tiefe des Körpers, in dreieinhalb Windungen, schließt ihre Augen und schäft.

Entfaltung der Chakra-Zentren

Durch die zu voller Tätigkeit entfalteten Chakras, wird die von ihnen ausgehende, ätherische Energie dem physischen Körperbewusstsein übermittelt. Damit lassen sich Entspannung und Heilung erzielen.

Wenn wir uns die Chakras visualisieren, schaffen wir uns innere Geistesbilder von Lotus, Yantra, Tier und Gottheit des Chakras. Das kann ergänzend zur Kundalini-Meditation durchgeführt werden. Wenn man das Auf- und Absteigen der Kundalini übt, visualisiert man sich im Dharana (siehe letztes Kapitel) die oben genannten Geistesbilder zu den sieben Chakras. Wer in der Lage ist, die Kundalini-Visualisierung ohne Bild-Vorlage, vollständig durchzuführen, ist zu hoher Meisterschaft gelangt.

Chakra-Meditation

Man kann sich für jedes Chakra eine individuelle Meditations- und Konzentrationsübung selbst zusammenstellen. Für die Meditation verwendet man dazu die Eigenschaften, die in den Kapiteln zu den Chakras erläutert wurden. Im Anhang dieses Buches finden sich außerdem Angaben über Kraftpflanzen. Auch Edelsteine und Mineralien, die über längere Zeit getragen werden, können die Chakra-Arbeit unterstützen und zu einer Harmonisierung der Chakras beitragen.

1. Bereite Dich auf die Meditation vor, indem Du eine kurze, zwei-minütige Sitz-Meditation durchführst.

2. Nun kannst Du einen besonderen Duft zur Aktivierung der Chakras auftragen oder aus einer Duftlampe verströmen lassen.

3. Mit geschlossenen Augen, stellst Du Dir dann zuerst die mit dem Chakra assoziierte(n) Farbe(n) vor.

4. Jetzt kannst Du Dir ein Chakra-Yantra nehmen und die darin abgebildeten Details ansehen und danach visualisieren. Du stellst Dir vor, wie sich die Blütenblätter des Chakras öffnen. Innerhalb der Chakra-Blume siehst Du vor Deinem inneren Auge die geometrische Form des Chakras.

5. Nun denke an die Gottheit(en) dieses Chakras und was sie in ihren Händen an Attributen trägt und was deren Eigenschaften sind.

6. Die Chakra-Meditation endet mit dem Wiederholen der Chakra-Mantras. Die Anzahl der Wiederholungen sind die Vielfachen der Nadis eines Chakras (entspricht der Zahl der Blütenblätter; so könnte bei der Meditation auf das Sakralchakra, das Mantra 6mal, 12mal, 18mal oder 24mal wiederholt werden, bei der Meditation auf das Herzchakra beispielsweise 12mal, 24mal, 36mal).

7. Nach der Chakra-Meditation kannst Du ein kurzes Gebet sprechen und damit enden, indem Du einige Zeilen aus der Bhagavad Gita liest (alternativ: Bibel, Koran, oder andere heilige Schrift).

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