Mandala

Was ist »Heilige Geometrie«?

von S. Levent Oezkan

Michael Meier: Atalanta Fugiens - ewigeweisheit.de

Seit alter Zeit suchen Menschen nach den elementaren Strukturen die unserer geschaffenen Welt ihre Gestalt gaben – sowohl im winzig Kleinen, als auch in der Welt des riesig Großen. Wo in dieser kosmischen Ordnung befindet sich der Mensch, um darin in Harmonie mit den natürlichen Kreisläufen auf der Erde und im Himmel zu leben?

Mit Antworten auf diese große Frage, sollte der Mensch die Fähigkeit erwerben, alle jenseitigen Einflüsse in seinem Leben bewusst zu integrieren, auch wenn sie sich seiner Macht praktisch entzogen. Seine Fähigkeit zu messen und abzubilden aber, lehrten ihn die periodischen Aspekte von Werden, Sein und Vergehen in der Natur der Erde zu bestimmen und dabei zu beobachten, wie das im Einklang steht mit dem Verlauf der Himmelslichter.

Er erkannte in den irdischen und himmlischen Kreisläufen besondere Muster, aus denen er ableiteten konnte, wie er sein Verhalten anzupassen hatte, als sesshaft gewordener Mensch. Hieraus entwarf er Pläne, nach denen er zuerst einmal sein Tun ausrichtete, um damit schließlich seine Lebensgrundlage auf Erden zu sichern. Was er dafür aber zu vermessen hatte, verstand er als Teil einer großen Mutter Erde: das Land mit seinen Ebenen und Bergen, mit den darin verlaufenden Flüssen, den Seen, den Wiesen und Wäldern.

Den alten Griechen war die Erde als Mutter »Gaia« darum heilig. Kein Zufall dass man durch die dabei zur Anwendung kommenden Methoden, zur Bezeichnung »Geometrie« fand, ein Ausdruck der wörtlich die »Vermessung Gaias« tituliert. Diese Maß-Nahmen erfolgten direkt – geometrisch – wie auch indirekt – astrometrisch. Was das bedeutet, dem wollen wir uns im Folgenden zuwenden.

Sakralbauten

Seit mindestens 5.000 Jahren vermessen Menschen Land und Himmel – was sowohl an den Ufern des Indus in Fernost geschah, an Euphrat und Tigris Mesopotamiens, am Nil in Afrika oder anderswo auf unserem Planeten.

Schon sehr früh begannen die Ägypter heiliges Maß anzulegen, um ihre monumentalen Bauwerke zu errichten, die ja ganz und gar auf bestimmte Himmelslichter ausgerichtet zu sein scheinen. Was man dort als Tempel oder Pyramide geometrisch abgestimmt gestaltete, waren zuerst Sakralbauten, die an manchen jahreszeitlichen Ereignissen, dem Stand heiliger Sterne entsprachen. Auch die Tolteken Mexikos konstruierten nach solcher Maßgabe ihre Tempel und Pyramiden.

Was an Lichtern vom Nachthimmel auf Erden fiel, dessen Spiegelungen folgte man, im Glauben an die Weisungen einer Gottheit. Das war mal die leuchtende Schwanzfederschlange – der toltekische Quetzalcoatl – der in seiner Brust als Herz den Planeten Venus trug – oder weitab von dort, die ägyptische Göttin Sopdet, die man im funkelnden Stern Sirius verehrte. Beim Bau der Großen Pyramiden Ägyptens berücksichtigte man solch astrometrische Richtmarken, da sie der Priesterschaft erlaubte über die Zeitpunkte sakraler Rituale zu entscheiden.

Gott als Geometer – ewigeweisheit.de

Gott als Erschaffer des Universums: Frontispiz der Bible moralisée in der Bilderhandschrift Codex Vindobonensis (um 1225).

Mit Zirkel und Lineal – sonst nichts?

Wenn wir den Geometrie-Begriff zuvor einführten, als ein Vermessen der Erde, ist damit natürlich nicht nur das Anlegen von Maßstäben gemeint. Das Messen nämlich, als eine Beschreibung von Größen und Verhältnissen mittels Zahlenwerten, ist noch verhältnismäßig jung. Erst um ca. 500 n. Chr. kamen die Zahlen über die Araber aus Indien nach Europa und erst sehr viel später in den deutschsprachigen Raum (im 15. Jahrhundert durch Adam Riese). Vorher maß man anders, sagen wir »intuitiver« – was jedoch nichts mit Ungenauigkeit zu tun hat. Bevor das aus Fernost stammende, sogenannte dezimale Stellenwertsystem der Zahlen Verwendung fand, bediente man sich natürlicher Maße als Einheit, deren Werte man durch gekonnte geometrische Konstruktionen entsprechend anordnete.

Wenn hier von Werten und Maßen die Rede ist, sind damit vor allem so Größen wie Teile, Winkel und Bogenlängen gemeint. Denn alles was die Geometer seit alter Zeit in ihrer Arbeit verwenden, sind Zirkel, Stift und Lineal.

Bereits im antiken Rom kamen Zirkel zum Einsatz, wie archäologische Funde beweisen. Stifte und andere Zeichengeräte, verwenden Menschen seit mindestens 36.000 Jahren, wobei man meist Kohlen oder weiche Mineralien als Farbsubstanz benutzte. Die ersten Lineale waren aus Knochen oder Horn verfertigt, da diese wegen ihrer Härte, auch ihre Form beibehalten. Auch Elfenbein erfüllte diesen Zweck.

Auf jeden Fall hat sich an der Einfachheit dieser drei grundsätzlichen Handwerkszeuge nichts geändert. Seit alter Zeit wissen Geometer, Architekten und Grafiker, wie sich damit jede nur erdenkliche Form zeichnen und geometrische Figuren konstruieren lassen. Was in alter Zeit zuerst auf Stein, auf Holz und dann auch auf Pergament dargestellt wurde, sollte schließlich durch besondere Arten von Papier zur Vollkommenheit gelangen.

Maße jenseits der Vernunft

Aus unserer Fähigkeit Raum zu erleben, erkennen wir normalerweise, durch die in der Architektur zur Anwendung kommenden geometrischen Wissenschaften, was uns an Gestaltungskräften umgibt. Und wenn wir oben von Intuition sprachen, die die Architekten auch beim Bau sakraler Bauwerke verwendeten, war damit insbesondere das gemeint, was die dabei tatsächlich angewendeten Maßverhältnisse anbelangt. Besonders zwei Größen sind hierbei von Belang:

  • die Zahl Pi (griechisch π), zur Bemessung der Bogenlänge und anderer Maße des Kreises, wie
  • die Zahl Phi (griechisch φ), aus der sich das Goldene Maß ableitet, ein überall in der Natur vorkommendes Verhältnis, dass wir normalerweise als harmonisch empfinden, sei es als das Verhältnis der Gesichts- und Körperglieder beim Menschen oder etwa in der Anordnung der Blätter einer Rose.

Schon im alten Ägypten bereite den Hohepriestern die Zahl Pi wohl mit auch Kopfzerbrechen. Ein näherndes Verhältnismaß sollte jedoch ausreichen (wie etwa im Ahmes Papyrus der mit der Formel 4×(8/9)2 als Annäherung an die Kreiszahl Pi arbeitet). Denn Pi ist eine Zahl, wie ebenso Phi, die die Mathematik heute als »irrational« bezeichnet: ein Wert also, der sich dem logischem Denken entzieht.

Beides sind Zahlen, die nicht durch mathematische Brüche darstellbar sind und deren Ziffern nach dem Komma, sich niemals wiederholen, sondern bis in die Unendlichkeit immer wieder in eine andere Ziffer umformen. Wer darüber etwas nachsinnt, dem dürfte einleuchten, wieso sie insbesondere für die Heilige Geometrie von besonderem Belang sind. Sie basieren quasi auf einer Geometrie die göttlich ist, und sich darum ganz und gar dem menschlichen Verstand entzieht. Denn selbst wenn Mathematiker zu den Zahlen Pi und Phi sehr präzise Annäherungen fanden, erhielte man, selbst wenn die klügsten Computer alle Ziffern dieser beiden Zahlen ermitteln wollten, dennoch kein Ergebnis, selbst wenn sie rechneten bis ans Ende der Zeit.

Pi und Phi bilden also keine Verhältnisse und lassen sich darum auch nicht berechnen. Beeindruckend aber ist, dass, wer mit dem Zirkel geometrisch konstruiert, das immer im Verhältnis zu diesen beiden Maßen tut.

Über die Vermessung der Heiligen Bezirke

Wie auch immer man diese Werkzeuge und gefundenen Maße verwendet, dienten sie zuerst einem sakralen Zweck, um damit etwa jene zu Anfangs angedeuteten Jahresfeste genau zu berechnen. Über die Beobachtung und Messung der Himmelsbewegungen, sowie der daraus gewonnenen Erkenntnisse, zeichnete man die ersten geometrischen Formen zur Hilfe dessen, was als Astronomie bekannt ist: die Kultusgesetzte der Sterne. Was sich also dort im Himmel und entsprechen auch auf der Erde an besonderen Formen und Maßen ablesen ließ, ging mehr und mehr über in eine Verwendung der dabei ermittelten Maße für kultische Handlungen.

So ermittelte Daten setzten die Zeitpunkte für sakrale Feierlichkeiten fest, die man an besonderen Orten beging: den Temenoi. Dorthin hatten einst nur jene Zugang, die für ein Volk oder eine Gemeinschaft, eine wichtige religiöser Rolle spielten – sei es etwa als Häuptling eines Stammes, als Priesterschaft oder auch als König eines Reiches. Ein Temenos (Einzahl von Temenoi) ist ein heiliger Bezirk, nach dem sich entsprechend spirituell Gesinnte oder Religionsangehörige in ihren Gebeten ausrichten.

Zu den weltweit bekanntesten Temenoi zählt etwa die Kaaba im arabischen Mekka. Den alten Griechen aber galt die Akropolis in Athen als Temenos, den Juden der Hof des Salomonischen Tempels zu Jerusalem, den Israeliten, auf ihrer Wanderung durch den Sinai, der Gipfel des Mosesberges. Abstrakteste Form dessen, was man Temenos nennt, ist wohl der Berg Kailash in Tibet, zu dem allerdings nur die Götter Zutritt haben, denn ihn zu besteigen ist Menschen bis heute untersagt.

Das Kalachakra-Mandala – ewigeweisheit.de

Kalachakra-Mandala, Tibet, 16. Jahrhundert.

Geometrie, Ritual und Intuition

Die Art und Weise, ja eigentlich die »Kunst«, sakraler Zeremonialhandlungen an solchen Orten, ist ganz und gar ausgerichtet auf eine besonders dafür entwickelte Heilige Geometrie. Denn durch die so, in sakraler Harmonie gezeichneten Formen, kann die Priesterschaft den Gläubigen helfen, auch intuitiv dem rituellen Geschehen zu folgen.

Die keltischen Druiden von Stonehenge oder Avebury zum Beispiel, führten Teilnehmer während ihrer heiligen Zeremonien, entlang der Menhire. Aber auch christliche Kleriker heute, weisen die Mitglieder ihrer Gemeinden im Gottesdienst dazu an, auf besonderen Wegen durch die Kirche zu gehen, an jene Orte darin, wo sich eine rituelle Handlung ereignet. Das kann etwa der Mittelgang einer Kathedrale sein, über den die Gläubigen sich zum Altar bewegen, um dort die Hostie zu empfangen. Heilige Geometrie dabei aber ist auch, was den darin Beteiligten peripher die höheren Wahrheiten des Geschehens suggeriert, scheint doch jedes architektonische Element eines Sakralbaues, seinen dafür vorgesehenen Zweck zu erfüllen.

Wegen der Kenntnis ihrer eigentlich wichtigen Bedeutung für die entsprechenden Kulthandlungen, verwendete man die dafür entwickelten Wegmarker, Symbole und großflächigen geometrischen Strukturen, dann später um jene sakralen Bauwerke zu markieren und darin auch physisch zu fixieren. Nicht zufällig etwa finden sich jene berühmten Formen, wie etwa das Hexagramm, die Vesica Piscis oder die Blume des Lebens, als sakrale Verzierungen in vielen verschiedenen antiken Bauwerken und zwar sowohl bei den Menschheitskulturen des Westens und des Ostens.

Wichtigster Zweck heiliger Geometrie ist, dem Betrachter durch darin verwendete, typische Bilder und Formen, zur Erkenntnis zu verhelfen, über das Wesen des Seins. In solch heiliger Kunst werden die Weisheiten und die sich daraus ergebenden Ritualhandlungen vermittelt.

Mandalas in Tibet

Die wohl berühmteste Ornamentfigur der tibetischen Buddhisten, ist das Kalachakra-Mandala – das Rad der Zeit. Ein Mandala ist ein Symbol für die esoterische Struktur des Universum, dass in Buddhismus und Hinduismus, insbesondere in der Meditation zum Ausdruck kommt. Vor allem für die Praktizierenden im sogenannten Vajrayana, dem Diamantenen-Fahrzeug des tibetischen Buddhismus, spielt das Kalachakra eine bedeutende Rolle. All die vielen Details in diesem charakteristischen Mandala, zeigen sich dem Meditierenden vielleicht zuerst im Außen, doch bilden eigentlich eine Landkarte für das Innere seines Bewusstseins.

Nicht zufällig nun, findet die eigentliche Zeremonie der Kalachakra-Einweihung getrennt statt von dem, was die Mönche da in einem anderen Raum (oder dafür vorgesehenen Ort) aus farbigem Sand als Mandala herstellen. Bereits da aber befinden sich die Mönche in achtsam-meditativer Konzentration. Denn nur so lassen sich die darin enthaltenen Elemente der Tradition entsprechend abbilden. Nach dem äußeren Zeremoniell mit den Teilnehmenden, haben diese dann Zutritt zu dem fertiggestellten Kalachakra-Sand-Mandala. Dieses Abbild eines heiligen Mandala basiert vollständig auf der Harmonie einer sakralen Raumlehre. Seine Bestandteile aber repräsentieren den Palast eines Buddha, durch den sich der Eingeweihte in seinem Innern bewegt.

Das alle Form aber, wie auch die Heilige Geometrie des Kalachakra-Mandala, an Zeit gebunden ist, endet dieses heilige Zeremoniell mit der Zerstörung des dafür hergestellten Bildes. Der farbige Sand wird also zusammengekehrt zu einem kleinen grauen Häufchen, das man daraufhin feierlich in die Fluten eines Flusses kippt.

Auch wir Menschen, deren Körper ja auch auf den Prinzipien der Heiligen Geometrie basieren, werden dereinst wohl zu Staub zerfallen sein, während sich die reinste Substanz unseres Inneren fortbewegt, im kosmischen Fluss der Zeit.

Verhältnis Pi zu Phi – ewigeweisheit.de

Die Breite und Höhe der Vesica Piscis (innen, schwarz), stehen im Verhältnis des Goldenen Maßes (Seiten des Rechtecks, grün).

Heilige Geometrie in der islamischen Kunst

Wegen des Bilderverbots im Glauben der Muslime, spielte insbesondere die Verwendung von geometrischen Mustern, die auf Grundlage sakraler Strukturen entwickelt werden können, schon immer eine ganz zentrale Rolle. Natürlich führte das in der islamischen Kunst zu einer ganz eigenen Kultur optischer Gestaltung.

Die typischen geometrischen Arabesken sind meist zusammengefügt aus sich wiederholenden, und teils in sich verstrebten Quadraten, Kreisen und anderen Formen Heiliger Geometrie. Hieraus ergeben sich komplexe Muster, die den Geist ihrer Betrachter durchaus zu zerstreuen vermögen – allerdings in positivem Sinne. Denn in meditativer Betrachtung lassen sich Gedanken auflösen, während die Blicke des Betenden, über solch geometrische Strukturen in der Moschee schweifen, seine Ohren aber geöffnet bleiben, um den Gesängen seines Imam zu lauschen.

Der englische Künstler Keith Critchlow (1933-2020) meinte gar, dass diese geometrischen Muster ihren Betrachter sogar zu einem tiefen Verständnis der darin befindlichen Realität zu führen vermögen.

Sakrale Kunst der Christen

Die christliche Sakralkunst versucht ihren Religionsmitgliedern eine Vision dessen greifbar zu machen, was durch das Erscheinen, den Leidensweg, den Tod und die Auferstehung Christi gelehrt werden soll. Im Mittelalter war so etwas für all jene von Bedeutung, die nicht lesen konnten, doch durch bildliche Darstellung jener geschilderten Christus-Geheimnisse, intuitiv die damit einhergehenden Wahrheiten erfahren sollten.

Wohl nicht zufällig erscheint der Christus Jesus in vielen sakralen Darstellungen, aus einer Vesica Piscis hervortretend, während ihn die vier Tierwesen umgeben: der Heiland als Repräsentation des Göttlichen Zentrums, aus dem die Frohe Botschaft als Christuslicht in die vier Weltecken strahlt, sichtbar geworden in den Schriften der vier Evangelisten, wo ein Mensch den Matthäus symbolisiert, ein Löwe den Markus, ein Stier Lukas und ein Adler Johannes. Das sind bildhafte Anspielungen auf das, was dem Gläubigen bekannt ist, doch ihm in seinem Betrachten helfen soll (zum Beispiel einer christlichen Ikone), die darin verborgene Mystik intuitiv und als Ganzes zu erfassen.

Was sich darin als Vierheit zeigt, erscheint natürlich wieder in der Form des Kreuzes. Das Kreuz in einen Kreis gefasst aber, wird zum astrologischen Zeichen für die Erde. Im Paganismus etwa nennt man dieses heilige Symbol das »Sonnenrad«. In allen Fällen aber finden wir darin den Hinweis auf ein Zusammenwirken solarer und irdischer Symbolik.

Im Christentum ist das eine Allegorie auf den Messias Jesus als Gottesebenbild des Solaren, der am Kreuz hingerichtet, ein Sinnbild formt, für unsere irdische Katharsis. Wenn da also ein christlicher Leidensweg am viergliedrigen Kreuze endet und ein auferstandener Christus etwa aus der Vesica Piscis hervortritt: suggeriert das nicht auch den Weg, den ein Mensch als eine im irdischen Körper geborene Seele durchlebt und erleidet und ihn endlich mit dem Tod zum Auferstehen aus der Polarität führt, wieder zurück in die Einheit?

Sicherlich sind diese Symbole und auch andere Strukturen der Heiligen Geometrie, immer schon Mittel gewesen, um den Menschen in seinem irdischen Dasein Anhaltspunkte zu geben, die ihm in seinem Leben als Wegmarken dienen können, bis ans Ende seiner Tage.

Ganz im Sinne Gaias

Seit der Antike spricht man von insgesamt fünf exoterischen und esoterischen Schlüsseln. Sie helfen einem Menschen dabei sogenannte »Tore des Bewusstseins« zu öffnen, durch die einer Zugang finden kann, zum seinem wahren Selbst. Diese Schlüssel sind Kenntnisse in Physiologie, Psychologie, Astrologie, aus der Metaphysik und schließlich aus der Heiligen Geometrie. Das Sakrale letzteren Schlüssels, der Geometrie, aber dient der intuitiven Erkenntnis über das Wesen der eigenen Innenwelt – zu der die Verwendungen der anderen Schlüssel natürlich unterstützend beitragen sollen.

Wie sich daraus ableiten lässt, wurzelt die esoterische Wissenschaft der Heiligen Geometrie in der Beobachtung der natürlichen Vorgänge auf der Erde und im Himmel. Die darin wirksamen mathematischen Prinzipien, zeigen sich in unzähligen Strukturen der Natur. Man denke etwa an den Aufbau der Kerne in der Blüte einer Sonnenblume, die in manchen Pflanzen vollkommen akkurate, geometrische Muster hervorbringen.

Die Sonnenblume – ewigeweisheit.de

Die Anordnung der Kerne in der Blüte der Sonnenblume, weist hin auf das Goldene Maß.

Doch auch Tiere finden sich, die solch geordnete, geometrische Strukturen bilden, wie etwa das Schiffsboot, einem Meeresweichtier dessen Muschel aus einer logarithmischen Spirale besteht, wobei ihre Grundform immer die selbe bleibt.

Besonders deutlich sieht man das aber bei den Bienen, mit ihren perfekt geformten Waben, in den sie ihren Honig speichern. Interessant dabei ist, dass die ringförmigen Moleküle der beiden Hauptbestandteile des Honigs, Traubenzucker und Fruchtzucker, sich auch molekularer Ebene jeweils wieder aus solchen Waben zusammensetzen.

Es scheint darum naheliegend, dass, bei der Erkenntnis solcher Zusammenhänge, es immer Denker gab, die daraus besondere, ganz eindeutige Muster abzuleiten wussten, die schließlich zu den charakteristischen Formen der Heiligen Geometrie wurden. Die Vesica Piscis, die Blume des Lebens, das Hexagramm, das Pentagramm oder die Spirale, wie auch die platonischen Körper, spielen eine signifikante Rolle, um natürliche Phänomene zu veranschaulichen, die uns beim Menschen, bei Tieren, Pflanzen und Mineralien begegnen.

In alter Zeit und auch heute noch, sehen darin manche eine Art geometrische Vorlage, aus der die Gottheit das erschuf, was sich dann als geistige Struktur in der Welt manifestieren sollte. Was sich aus solch einem Verständnis über die Ursprünge unseres energetisch-materiellen Universum später entwickelte, ging ein in die sakrale Baukunst der Kirchen, Synagogen und Moscheen, ebenso wie auch in die Architektur der Tempelbauten in Hinduismus und Buddhismus, wie auch in jene Heiligtümer anderer alter Kulturen unserer Welt.
 

Heilige Geometrie ist eine universale Kunst, die versucht in den Erscheinungen der Natur, Muster zu entdecken, und aus den so gewonnenen Erkenntnissen abzuleiten, dass solcher Art Strukturen auf unseren Geist ordnend wirken. Es sind geometrische Muster die ihre Form behalten, unabhängig von Zeit, Raum und Materie. Alle Heilige Geometrie aber liefert feinstoffliche Vorbilder, nach deren Maß sich die Welt gestalten ließe.

So ist es möglich, manche dieser geometrischen Grundstrukturen als »heilig« zu würdigen, da sie durch ihre Ordnung und ihre systematisch konstruierten Formen, an sich unveränderlich bleiben. Wer sich also zu verbinden vermag, mit dieser Art Formen, ist einer, der den Großen Mysterien der Welt einen Schritt näher gekommen ist und dem dabei der große Weltenbau als Ganzes erscheinen dürfte. Er selbst kann sich damit als Teil dessen in Kontakt bringen – ihren Mustern, ihren Formen und Verbindungen, den Gesetzen dieser Heiligen Geometrie – die unseren geschaffenen Kosmos »im Innersten zusammenhält«.

 

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Kalachakra: Das Rad der Zeit

von Johan von Kirschner

Die ewige Wiederkehr des Gleichen vollzieht sich in höchst komplexer Form. Im tibetischen Buddhismus schuf man darum ein System, das den Menschen in das Wesen dieser irdischen Zeitabläufe initiiert: das Kalachakra vereinigt Ritual, Erkenntnislehre und Magie. Die Einweihung in das Kalachakra-Tantra ist der »Diamantweg« des tibetischen Buddhismus.

Kalachakra ist die »theologische Summe« des buddhistischen Tantra. Alle Beziehungen zwischen Körper, Sprache und Geist werden hierin systematisiert. Das Kalachakra-Tantra ist ein Universalsystem zum Verständnis der äußeren, der inneren und der jenseitigen Welten.

Derjenige, der das Kalachakra-Tantra beherrscht, kann sich ohne Mühen auch alle anderen buddhistischen Geheimlehren aneignen.

– Tsongkapa (1357-1419), Reformator des tibetischen Buddhismus

Ziel des Kalachakra-Rituals ist die Förderung von Herzensfreude, Glückseligkeit und Toleranz. So kann der Weltfrieden erhalten und ein ökologisches Bewusstsein geschaffen werden. Und da wir alle diesen kleinen Planeten teilen, soll heute immer mehr Menschen die Möglichkeit gegeben werden and der Kalachakra-Initiation teilzunehmen. Der XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso führt als buddhistische Oberhaupt, darum jährlich das heilige Ritual öffentlich durch. Der Ort wechselte jedes Jahr und wurde 1981 zum ersten mal im Westen (Madison, Wisconsin, USA) vom Dalai Lama durchgeführt. Mehr als eine Million Menschen wurden seither in die Geheimlehre des Kalachakra eingeweiht.

Viele hundert Jahre wurde das Kalachakra-Ritual nur im Geheimen durchgeführt. Seit 1954 führt der XIV. Dalai Lama Initiationen durch, die sich aus einem exoterischen und einen esoterischen Teil zusammensetzen. Die esoterischen Einweihungen bleiben den Kennern des tibetischen Buddhismus vorbehalten. Nur eine handvoll der Teilnehmer der exoterischen Einweihungen, werden zu den esoterischen Initiationen zugelassen.

Jedem Menschen steht aber die Möglichkeit offen, auch durch die Teilnahme am exoterischen Kalachakra-Ritual, die höchste Erleuchtungsstufe zu erlangen. Natürlich sind das nur wenige von den vielen Menschen (im Januar 2012 nahmen etwa 200.000 Menschen in indischen Bodhgayaan der exoterischen Initiation teil), die jährlich dem Kalachakra-Ritual beiwohnen.

Tsongkapa - ewigeweisheit.de

Tsongkapa (1357-1419), Reformator der Gelug-Schulrichtung (Gelbmützen)

Das Rad der Zeit

Kalachakra ist der Name des tibetischen Zeitgottes (sanskr. Kala: Zeit, Chakra: Rad). System und Ritualtext wurden im 10. Jhd. festgelegt und sind auf Grundlage der Überlieferungen des Buddha Shakyamuni entstanden.

Der Text des Kalachakra-Tantra ist die Krone aller lamaistischen Lehren und spirituellen Systeme des Buddhismus. Es beinhaltet eine umfassende Lehre über die Entstehung der Welt, als auch über das Ende der selben.

Es gibt drei Formen des Kalachakra:

  • Das äußere Kalachakra beschreibt die kosmologischen Gesetze von Raum, Zeit und den Bewegungen der Gestirne.
  • Das innere Kalachakra dreht sich um die Energieströme und den Fluss der Sekrete im menschlichen Körper, und wie diese mental beherrscht werden.
  • Das alternative oder andere Kalachakra beschäftigt sich mit den gegenseitige Beeinflussungen des äußeren und inneren Kalachakra.

Dem Verfasser dieser heiligen Schrift kam es vor allem darauf an, zu zeigen, wie der Mensch durch den kontrollieren Umgang mit den inneren Energieströmen seines Körpers, auf das Geschehen des Kosmos Einfluss gewinnen kann. Damit ist das Kalachakra-Tantra auch ein magisches System.

Das im Kalachakra enthaltene Wissen, setzt sich zusammen aus Lehren, die teils aus dem indischen Kulturkreis stammen, teils dem Bön (alte Religion der Tibeter) entnommen sind.

Im Folgenden wollen wir uns die interessantesten Merkmale dieses geheimnisvollen Einweihungsrituals, etwas genauer ansehen.

Die Lehre von den vier Weltzeitaltern

Das Kalachakra-Tantra beschreibt vier Yugas (Zeitalter):

Das Satya-Yuga war das Zeitalter der Wahrheit, der Tugend und der spirituellen Vollendung.

Im Treta-Yuga nahm der Materialismus allmählich zu, da der Mensch neben seiner göttlichen Existenz, auch physische Hilfsmittel benötigte, um in einer Gemeinschaft zu leben. Man könnte sagen, dass das Treta-Yuga begann, als die Menschen sesshaft wurden, begannen Acker-, Vieh- und Bergbau zu betreiben.

Im Dvapara-Yuga entwickelte sich in Indien das Kastenwesen (entsprechend der Stände im Westen). In dieser Zeit nahm der göttliche Intellekt sehr stark ab. Menschen begannen zu lügen und die ersten schweren Krankheiten kamen über die Menschheit.

Das gegenwärtige Zeitalter bezeichnen die Kalachakra-Texte als das Kali-Yuga. Es ist das »Zeitalter des Untergangs«, wo die Menschen jegliche Spiritualität verdrängt haben und das materialistische Denken auf seinen Höhepunkt zusteuert. Es ist eine finstere Phase der Menschheit, wo Naturkatastrophen, Terror, Kriege und Hungersnöte die Sicherheit der Weltgemeinschaft bedrohen.

Nach dem Kali-Yuga beginnt ein neues Satya-Yuga. Dann werden die Menschen in einem neuen Paradies auf Erden leben. Hierzu ist jedoch die Zerstörung der gegenwärtigen Zivilisation notwendig; laut Überlieferung werden Feuer und Krieg einen Großteil der gegenwärtigen Zivilisation auslöschen.

Vasubandhu - ewigeweisheit.de

Vasubandhu (4. Jhd) war einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Mahayana-Buddhismus.

Kosmische Geografie der Kalachakra-Lehre

Vasubandhu, Philosoph und Mönch der buddhistischen Mahayana-Tradition, verfasste zwischen 320 und 400 n. Chr. die Kalachakra-Schrift Abdiharmakosha (»Schatz des Abhidharma«, Dharma: höhere Gesetze und Riten). Darin beschreibt er Meditationspraktiken, Kosmologie, Psychologie, Inkarnationstheorie, sowie die Eigenschaften des Buddha, wie auch die Entstehung der Welt:

Vor Urzeiten strömte ein unglaublich starker Wind, der aus allen vier Himmelsrichtungen den kosmischen Urraum füllte. Aus den dabei entstandenen Wolken, ergoss sich sintflutartig Wasser in die Welt. Dies geschah wegen des gesamten Karmas aller früheren Lebewesen (d. h. jener Wesen, die in einem vergangenen Kali-Yuga lebten). Die Winde bewegten den so entstandenen Urozean, worin sich ein gigantischer, zylindrischer Sockel formte. Um diesen Sockel begannen die Wellen des stürmischen Meeres zu schäumen. Der Schaum wurde immer dichter und hatte eine gelbe Farbe. Daraus entstand die goldene Erde, aus deren Mitte sich eine viereckige Säule emporhob: der Weltenberg Meru. Um das Urzentrum dieses gewaltigen Ozeans, gruppierten sich 12 Kontinente – je drei in einer der vier Himmelsrichtungen. Den Gipfel des Meru durchragt seither die Weltachse (axis mundi), im Zentrum des buddhistischen Kosmos. Die Spitze des Meru bildet der Polarstern.

Unter dem Meru befinden sich sieben freudlose Bereiche, über ihm dehnt sich der Kosmos in 25 himmlische Gefilde aus. Zwischen Himmel und Hölle (freudlose Welt) befindet sich die Erde. Dort wohnen auf dem südlichen Kontinent Jampudvipa die Menschen und die Tiere. Im Zentrum des Weltberges Meru leben aber die Götter.

Das buddhistische Weltall gleicht einem überdimensionalen Mandala, dass einen symbolischen und einen realen Wert besitzt. Der reale Wert besteht in der Vorstellung, dass die beschriebene Kosmografie die tatsächliche »Form« des Kosmos wiedergibt. Jetzt mag einer einwenden, dass die Welt auf keinen Fall so aufgebaut sein kann. Doch die Erscheinungen in der Welt sind relativ. Zu diesem Schluss kamen nicht nur fernöstliche Philosophen. Schon in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende, erkannten die großen Philosophen Griechenlands die Relativität aller Erscheinungen. Im 20. Jhd. wurde dies spätestens durch Albert Einsteins Relativitätstehorie bestätigt: alles ist relativ und es kommt darauf an welchem Ort und in welcher Bewegung sich Beobachter und Beobachtetes befinden. Daraus folgt, dass solange Menschen, in völlig verschiedenen Lebenssituationen leben, solange es auch verschiedene Vorstellungen gibt, von der Beschaffenheit der Erde und des wahrgenommenen Kosmos. Die Buddhisten sagen, dass der Kosmos nur eine Erscheinung des Bewusstseins ist und deshalb jeder, entsprechend seiner geistigen Verfassung, den Kosmos auch verschieden wahrnimmt.

Es gibt also eine gewisse Relativität, wie Menschen die Welt erfahren. Darum ist die buddhistische Kosmologie und der Aufbau der Kalachakra-Welt durchaus gültig und auch unwiderlegbar, da auf einer letzten Stufe der Untersuchung, eben gar keine Kosmologie geben kann, die absolut wahr ist!

Buddhisten gehen aus von einer eigentlichen Leerheit und Vergänglichkeit aller Dinge (Shunyata). Sie ist die Umschreibung für das Fehlen eines konstanten Seins. Alle Existenz und jedes Ich, unterliegt dem steten Wandel seiner Existenz. Damit kann keine endgültige Aussage über Wahrheit und Unwahrheit getroffen werden, da beide der Prinzip der Vergänglichkeit unterliegen. Das bestätigt auch die wissenschaftliche Kosmologie der modernen Welt, denn die physikalischen Gesetze waren während der Weltentstehung, dem »Urknall«, außer Kraft gesetzt – was im Übrigen ja auch gegenwärtig der Fall ist, wenn wir uns solche Phänomene wie Schwarze Löcher ansehen.

Weltbild im Kalachakra - ewigeweisheit.de

Das kosmologische Modell im Kalachakra-Tantra: in der Mitte des Mandalas befindet sich der Berg Meru, über dem sich die Himmel der Götter, Lichtkörper- und Geistkörperwesen erheben. Den Meru umgeben 12 Kontinente, je drei in jeder Himmelsrichtung. Auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa (Insel der Rosenäpfel) leben die Menschen.

Shambhala – das geheime Weltzentrum

Eingeflochten in das System der Kalachakra-Lehre ist der Shambhala-Mythos (siehe Buch: Shambhala und der Polare Mythos ). Inmitten des Weltenberges Meru verbirgt sich ein geheimnisvoller Palast aus Gold und Edelsteinen: die Shambhala-Burg. Von Kalapa aus, der Hauptstadt Shambhalas, lenkt eine geheime Weltregierung die Geschichte auf unserem Planeten. Auch der XIV. Dalai Lama ist der Meinung, dass unsere planetarische Gemeinschaft von dem mythischen Reich von Shambhala beeinflusst wird. Hier verbirgt sich der allwissende »König der Welt« und Stammvater der Menschheit: der Manu. Er harrt dem Ende des Kali-Yuga und wartet auf das Dämmern eines neuen, goldenen Zeitalters – dem kommenden Satya-Yuga. Als Meister des Universums regiert er das geheimnisvolle Königreich von Shambhala. Dieser König der Welt ist auch der Herr der Herzen der Menschen und dirigiert die spirituelle Entwicklung der gegenwärtigen Menschheit, die von den Erscheinungen der materiellen Welt geblendet ist und darum Führung benötigt – so zumindest die Kalachakra-Lehre. Diesen König der Welt, nennt man in Indien den Chakravartin – einen idealen, weltumfassenden Herrscher, der das Rad des Gesetzes bewegt. Eines Tages werden unter der Führung des Chakravartin die Boddhisattvas (heilige Priesterkönige) von Shambhala, mit unserer Welt Kontakt aufnehmen.

Chakravartin ähnelt dem Priesterkönig Melchisedek, der, laut dem apokryphen Buch der »Schatzhöhle«, sich über dem Weltberg Moriah (entspr. Meru) befindet und von dort die Geschicke aller gläubigen Christen und Juden lenkt. Gewissermaßen ähnelt er auch dem Mahdi der islamischen Schiiten und es lassen sich auch Ähnlichkeiten mit dem sagenhaften Priesterkönig Johannes von Indien feststellen, der seinerseits, als Sohn der Gralsjungfrau Repanse de Schoye und des Sarrazenenfürsten Feirefiz, im fernen Osten geboren wurde.

Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Kalachakra-Tantra und dem Mythos von der Suche nach dem heiligen Gral. In vieler Hinsicht ähnelt die Parzival-Legende der Reise nach Shambhala. Wie Parzival begibt sich der Sucher auf eine geheimnisvolle Pilgerreise. Doch er muss sich seinem Ziel als würdig erweisen. Was im Shambhala-Mythos der sagenhafte Wunschjuwel »Chintamani« ist, das ist der heilige Gral des nordisch-christlichen Mythos.

Im Kalachakra-Tantra werden die Lehren von Shambhala zusammengefasst. Es ist die Staatsreligion von Shambhala. Dort erhielt das Kalachakra seine erste Fassung durch den König Manjushri – einem der drei großen Bodhisattvas. Er war es der die heiligen Priesterkönige von Shambhala in die Praxis des Kalachakra-Tantra einweihte.

Das Kalachakra-Mandala

Akshobhya - ewigeweisheit.de

Buddha Akshobhya

So wie sich die Fürstentümer Shambhalas auf einer nicht sichtbaren Ebene der Welt befinden, so verbergen sich auch die Chakras im menschlichen Körper. Im Kalachakra-Tantra ist, anders als im Vedanta, die Rede von sechs Chakras:

Der vierblättrige Lotus des Scheitel-Chakras gehört in den Bereich des Geistes. 10 Götter reinigen darin den Raum, in dem sich 10 Elemente des Universums befinden: Luft, Feuer, Wasser, Erde, der Weltenberg Meru, der Lotus auf dem Meru, Mond, Sonne, Rahu (aufsteigender Mondknoten) und Kalagni (absteigender Mondknoten). Die korrespondierende Keimsilbe ist »Ham«, mit der man den Buddha Akshobhya (Symbol: Vajra, »Diamantszepter«), »Den Unerschütterlichen«, im oberen Zentrum des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Der 16-blättrige Lotus des Stirn-Chakras gehört in den Bereich der Sprache. 10 Weltgötter (Brahma, Vishnu, Nairrti, Vayu, Yama, Agni, Samudra, Rudra, Indra, Yaksha) reinigen das Luft-Element. Über die Keimsilbe »Om« wird der Buddha Amitabha (Symbol: Lotus), »Buddha des grenzenlosen Lichts«, im Norden des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Amitabha - ewigeweisheit.de

Buddha Amitabha

Der 32-blättrige Lotus des Kehl-Chakras gehört ebenfalls in den Bereich der Sprache. 10 Planetengötter (Rahu, Kalagni, Mond, Sonne, Merkur, Mars, Venus, Jupiter, Ketu, Saturn) reinigen das Feuer-Element. Die Keimsilbe »Ah« (lang gesprochen) entspricht diesem Chakra und mit ihr wird der Buddha Ratnasambhava (Symbol: Juwel), der »Herr der Buddhas der Juwel-Familie«, im Süden des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Der achtblättrige Lotus des Herz-Chakras gehört in den Bereich des mystischen Körpers. 10 Schlangenkönige (10 Nagas: Raja, Vijaya, Karkotaka, Padma, Vasuki, Sankhapala, Ananta, Kulika, Mahapadma, Takshaka) reinigen das Wasser-Element. Mit der Keimsilbe »Hum« wird der Buddha Amoghasiddhi (Symbol: Schwert oder Doppel-Vajra), dem »der die Weisheit vollendet«, im Osten des Kalachakra-Mandala visualisiert.

Der 64-blättrige Lotus des Nabel-Chakras gehört ebenfalls in den Bereich des mystischen Körpers. 10 Elementar-Göttinnen (repräsentiert von 10 Erdgeistern bzw. Dämonen) reinigen das Erd-Element. Die diesem Chakra entsprechende Keimsilbe ist das »Ho«, mit der der Buddha Vairochana (Symbol: Rad), »Die Weisheit der reinen Natur«, im Westen des Kalachakra-Mandala visualisiert wird.

Ratnasambhava - ewigeweisheit.de

Buddha Ratnasambhava

Der 32-blättrige Lotus des Sexual-Chakras gehört ebenfalls in den Bereich des Geistes. 10 zornvolle Gottheiten (Ushnisha, Shumbha, Sarvanivaranavishkambhi, Niladanda, Prajnantaka, Takki, Padmantaka, Achala, Yamantaka, Mahabala), die das tiefe Gewahrsein reinigen. Diesem Chakra entspricht die Keimsilbe »Kshah«, wodurch der Buddha Vajrasattva, »Der Diamantgeist«, im unteren Zentrum des Kalachakra-Mandala visualisiert wird.

Die acht Blätter des Herz-Lotus entsprechen dem zentralen Teil des Kalachakra-Mandala, das in acht Abschnitte unterteilt ist. Dieser Bereich wird im Sandmandala-Ritual, dass während der Kalachakra-Initiation durchgeführt wird, als achtblättrige Form gemalt und symbolisiert den heiligen Palast im Zentrum von Kalapa (Hauptstadt von Shambhala). So wie das Herz im menschlichen Körper verborgen liegt, so liegt Shambhala verborgen auf unserem Planeten, der selbst einem lebendigen Körper ähnelt. Die Korrespondenzen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos finden sich in den Formen des anderen Kalachakra-Mandalas (siehe oben) – dem idealen Archetyp des Kosmos.

Das Mandala ist ein »Kosmogramm«, eine »Blaupause des Kosmos«. So wie das berühmte Axiom der Smaragdenen Tafel des Hermes Trismegistos sagt:

Wie oben so unten, wie unten so oben

Amoghasiddhi - ewigeweisheit.de

Buddha Amoghasiddhi

so gibt es ein entsprechendes Axiom im Kalachakra-Tantra:

Wie im Außen, so im Körper. Wie im Körper, so im Anderen.

Das Wort »Körper« wird hier als Referenz auf das innere Kalachakra verwendet, weil es der innere, feinstoffliche Körper ist, aus dem sich die Korrespondenzen im Kalachakra-System ergeben. Dieser feinstoffliche Körper des inneren Kalachakra, setzt sich zusammen aus:

  • den sechs Chakras, den eben dargestellten feinstofflichen Energiezentren,
  • den Nadis, den feinstofflichen Kanälen, durch die die Energien zwischen den Chakras fließen,
  • dem Lebensatem Prana, der durch die Nadis fließt und
  • den Bindus oder »Tropfen«, die sich im Prana durch die Nadis bewegen.

Das Kalachakra ein sehr detailliertes und komplexes System, wo das Äußere, das Innere und das Andere zusammenspielen. Das Kalachakra-Mandala stellt dieses komplexe System als bildhafter Archetyp dar.

Vairochana - ewigeweisheit.de

Buddha Vairochana, umgeben von vier weiteren Buddhas und vier Boddhisattvas

Das Herz-Sutra-Gebet

Im Mahayana-Buddhismus gehört das Herz-Sutra in die Kategorie der vollendeten Sutras (Verse der Lehrreden des Buddha) der Weisheit. Es gibt eine lange Form und eine kurze Form des Sutras. Letztere nennt man die »Essenz des Weisheitssutras«. Sie ist der Kernpunkt des Herz-Sutra und wird dargestellt durch das folgende Mantra:

Sanskrit: तद्यथा गते गते पारगते पारसंगते बोधि स्वाहा
Transliteration: tadyatha gate gate paragate parasamgate bodhi svaha
Übersetzung: Gegangen, gegangen, hinübergegangen, ganz hinübergegangen, oh welch ein Erwachen, vollkommener Segen

Mit dem Hinübergehen ist gemeint das Gelangen ans jenseitige Ufer der Weisheit. Während des Kalachakra-Rituals erklärt der Dalai Lama dieses Mantra. Es gilt als praktische Unterweisung, um die erlangten, spirituellen Errungenschaften des Meditierenden zu messen.

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Buddha Vajrasattva. Er hält in seiner Rechten den männlichen Vajra (Diamantenszepter) und die weibliche Gantha (Glocke) in seiner Linken: Symbole sexueller Vereinigung.

In diesem Vers werden die vier Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung angedeutet. Viermal wird hierin das Wort »gate«, gehen (»gate gate paragate parasamgate«) gesprochen. Die ersten beiden »gate« sind die vorbereitenden Stufen auf dem Pfad zur Erleuchtung. Dem folgt der erste Schritt zur Erleuchtung, auf dem Pfad der Einsicht »paragate« - dann der zweite Schritt auf dem Pfad der Meditation »parasamgate«, bis mit dem »bodhi svaha« die Stufe der Erleuchtung und das »Ende allen Lernens« erreicht wird.

Die Sadhana-Meditation

Zum komplexen Mandala des Kalachakra, gibt es eine Meditation: das Sadhana. Es bezeichnet eine spirituelle Disziplin, mit der ein bestimmtes geistiges Ziel erreicht wird. Hier geht es um die Visualisierung des Kalachakra-Mandala, in all seinen Details. Diese Praxis stellt natürlich hohe Anforderungen an die Vorstellungskraft der ausübenden Person. Darum setzt man als Hilfsmittel gerne Abbildungen der entsprechenden Formen und Gottheiten ein. Um die Komplexität des Kalachakra-Mandala weiter aufzulösen, schuf man in der Vergangenheit das dreidimensionale Modell des Mandala-Palastes.

Wird die Sadhana-Praxis korrekt ausgeführt, erreicht der Meditierende eine »Reinigung« und Klärung der inneren und äußeren Welten. Daher nennt man das Kalachakra-Sadhana »das was reinigt«.

Die in diesem Mandala-Ritual durchgeführten Visualisierungen der sechs Gottheiten (siehe oben), fördern die Erkenntnisfähigkeit, da mit ihr ein hoher Grad an Reinheit erlangt wird und die Betrachtungen des Meditierenden von falschen Eindrücken gereinigt werden. Der Meditierende lädt einen der sechs Buddhas ein und bittet ihn vor sich, an einem reinen Ort, auf der ihm entsprechenden Lotusblüte Platz zu nehmen. Dort erschaut er ihn an, in all seinen Einzelheiten (vergl. oben die Buddhas und Lotosblüten bei der Darstellung der Chakras). Er sieht darin die »Prinzipien hinter den Prinzipien« und erkennt, dass nichts aus sich selbst existiert. Nachdem er diesem Buddha Opfer reichte (Wasser zur Reinigung, Gewänder, Schmuck, Blumen, Parfüm, Nahrung, etc.), bekennt er ihm gegenüber seine Fehler, die er im Leben begangen hat und die auch jetzt noch an ihm haften. Schließlich nimmt er Zuflucht bei diesem Buddha, spricht ein Gebet und begibt sich aus seiner Meditation, um in seinem Leben die vier Tugenden der Liebe, des Mitgefühls, der Freude und des Gleichmuts zu verwirklichen.

Gliederung des Mandalas

Voraussetzung zur Erschaffung des Kalachakra-Mandalas, ist ein reiner, angenehmer Ort. Das kann ein schöner Garten, ein Berg oder ein Palast sein. Es ist auch möglich die Kalachakra-Zeremonie an einem vorher geläuterten und gereinigten Ort durchzuführen, was voraussetzt, dass an diesem Ort weder Scherben noch Knochen gefunden wurden.

Im Kalachakra-Ritual wird, neben spirituellen Lesungen, Meditationen, Tänzen und Gebeten, von den tibetischen Yogis ein Mandala hergestellt.

Das mit farbigem Sandpulver erstellte Diagramm wird gemäß der Beschreibungen des Vasubandhu (siehe oben) angefertigt: Fünf Elementarscheiben umringen das viereckige Zentrum des Kalachakra-Palasts auf dem Berg Meru. Je einer der Ringe entspricht den Elementen des Raumes, der Luft, des Feuers, des Wassers und der Erde. Innerhalb dieser fünf äußeren Ringe, befindet sich der Berg Meru, auf dem der dreigliedrige Kalachakra-Palast steht.

Meru selbst wird im Kalachakra-Mandala nicht abgebildet, befindet sich aber zwischen dem Erdelement und dem Palast. Was der Yogi im Sadhana visualisiert, wird von den Mönchen mit farbigem Sand als Mandala gemalt. Im Zentrum des Mandalas, umgeben von fünf kreisförmigen Elementarebenen (Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde), befindet sich der Palast des Kalachakra. Dieser setzt sich aus drei Bereichen zusammen:

  • aus dem Körper-Mandala,
  • dem Sprach-Mandala und
  • dem Geist-Mandala.

Diese drei Mandalas gelten als Emanationen des erleuchteten Buddha. Sie formen die Gemäuer des Mandala-Palasts. Seine Wände sind schwarz im Osten, rot im Süden, weiß im Norden, gelb im Westen und blau im Zentrum. Im Inneren des Shambhala-Palastes halten sich die oben dargestellten Buddhas auf, die im Mandala-Ritual angerufen und visualisiert werden.

Kalachakra thangka painted in Sera Monastery, Tibet - ewigeweisheit.de

Das Kalachakra-Mandala

Konstruktion und Zerstörung des Mandalas

Bevor das Kalachakra-Mandala mit dem farbigen Sand gestreut werden kann, wird ein »Grundgerüst« von Linien gezeichnet. Diese Linien werden mittels einer in Kalkschlamm getränkten Schnur, der »genässten Karma-Schnur«, auf der quadratischen Oberfläche des Mandala-Tisches aufgetragen, dessen vier Kanten nach den Himmelsrichtungen weisen. Zuerst wird die Mitte des Mandalas festgelegt und von dort aus werden acht große Linien aufgetragen (Ost-West und Nord-Süd, diagonal Südost-Nordwest und Südwest-Nordost, die inneren Wandlinien des Geist-Mandala, entsprechend nach Osten, Norden, Westen und Süden hin weisend). Durch auflegen von Gerstenkörnern an bestimmten Schnittpunkten der so erzeugten Grundlinien, wird unter der Rezitation bestimmter Mantras, das Mandala belebt. Das zuvor visualisierte Mandala, wird aus dem Kosmos nun in Gedanken herabgeholt und mit dem auf dem Tisch vorbereiteten Mandala für kurze Zeit »verschmolzen«. Danach lassen die Mönche, in ihrer Imagination, das Mandala wieder in die Höhe des Weltalls verschwinden.

In Vorbereitung auf den Höhepunkt des Kalachakra-Rituals, erfolgt nun die eigentliche Konstruktion des Sandmandalas. Der Vajra-Meister (Dalai Lama) beginnt mit dem Färben der ersten Linien, die im Mandala-Palast die Ostwand des inneren Geist-Mandalas darstellen. Danach lassen in konzentrierter Feinarbeit, vier Mönche, aus ihren trichterförmigen Streuinstrumenten, von der Mitte her, langsam das gesamte Mandala entstehen, bis sie sich Schritt für Schritt bis zur Peripherie hin durchgearbeitet haben. Das hierfür verwendete Farbpulver ist eingefärbter Quarzsand (blau, grün, rot, orange, weiß und schwarz). Alle Farben und Formen sind genau vorgeschrieben. Damit ein fehlerfreies Arbeiten gewährleistet ist, bedienen sich die Künstler ihrer Notizbücher.

Zum Abschluss reinigt der Vajra-Meister die Ecken des Mandala-Tisches mit Safran-Wasser und stellt dort Blumen auf. Während der öffentlichen Kalachakra-Einweihung, wird das kunstvolle Ausstreuen des Sandmandalas, von sieben Initiationen begleitet, die wir weiter unten im Detail besprechen werden. Das Kalachakra-Mandala stellt den transzendenten, tantrischen Götterpalast dar, der sich in Mitten der elementaren Welten, im Zentrum des Berges Meru befindet.

Nach der eigentlichen Liturgie der Kalachakra-Initiation, wird das aufwendig hergestellte Sandmandala wieder zerstört. Was ist der Sinn dahinter? Im buddhistischen Mythos wendet sich Vajravega zornvoll gegen seinen eigenen Vater, den Zeitgott Kalachakra. Vajravega erscheint als der dunkle Dämon Rahu – der Finsternisplanet (vergl. Drachen- oder Finsternispunkt westlicher Astrologie), der Sonne und Mond verschlingt. An ihrer Stelle ergreift er die Macht über die Zeit. Mikrokosmisch erfolgt dabei, im mystischen Leib der Teilnehmer, die Vernichtung der beiden Hauptenergieflüsse des Körpers. Gleichzeitig wird der Hauptenergiekanal des Körpers aktiviert, durch den ein unbezwingbarer Energiefluss im zentralen Nadi des Initianden aufsteigt (durch die Wirbelsäule verlaufend, identisch mit der Kundalini-Schlangenkraft vedischer Tradition).

Am Ende der siebten Initiation beginnt also die Zerstörung des Mandalas durch den Vajra-Meister. Danach werden Pinsel verwendet, um das mit eingefärbten Sand gemalte Kalachakra-Mandala zusammenzuwischen, wobei ein graues Sandpulver entsteht, das man in eine Vase füllt. Dieses Gefäß wird nun in ein Gottesgewand gekleidet und mit einem besonderen Utensil gekrönt. Mit Gebeten und Gesängen trägt eine Prozession den sandigen Inhalt der Vase an einen nahegelegenen Fluss, wo ihn der Vajra-Meister ins Wasser schüttet – als Geschenk an die Schlangengötter (Nagas). Dabei entsteht im Wasser ein letztes Mandala (Wellenringe auf der Wasseroberfläche), was das Ende des Kalachakra-Rituals besiegelt.

Kalachakra und Vishvamata - ewigeweisheit.de

Kalachakra vereinigt sich mit Vishvamata

Die Kalachakra-Initiation

In der Einweihung (sanskr. »Abhisheka«) geht es um die Übertragung spiritueller Energie vom Priester (bzw. Meister) auf den Schüler (Teilnehmer der Kalachakra-Initiation). Diese Übertragung findet freiwillig statt. D. h. der Priester wird um die Einweihung gebeten. Wenn dies erfolgt ist, überträgt der Priester sein Wissen und seine spirituellen Kräfte auf den Schüler. All jene, die andere einweihen, saßen einst selbst zu Füßen eines Meisters. Die Kalachakra-Tradition beruft sich auf eine lange Kette von Eingeweihten, die sich bis auf den historischen Buddha zurückführen lässt. Das ähnelt in etwa dem, was im Sufismus »Silsila« genannt wird, wo die Sheiks sich als Nachfolger verstehen, der vom Propheten Mohammed eingeweihten Kalifen. Der Schüler dient nun also als leeres Gefäß, in das der Geist seines Meisters einströmt – der den Geist aller in der Linie vorangegangenen Meister enthält.

Der Meisters (oder Guru) repräsentiert Kalachakra (Zeitgott, Symbol: Diamantenszepter) und Vishvamata (Zeitgöttin, Symbol: Glocke).

Die Einweihung findet statt sowohl von Mund zu Ohr, wie auch durch Zeigen von Handgesten und Bildsymbolen. Hier wird der sogenannte Linienbaum enthüllt, auf der alle hohen Eingeweihten des Lamaismus verzeichnet sind. In der Krone dieses mystischen Stammbaumes, sitzt der Adi Buddha, den wir am Schluss noch genauer beschreiben werden.

Auf dem Weg zur Erleuchtung, bewegt sich der Initiand, auf komplizierte Weise, über mehrere Ebenen der Erkenntnis. Die unteren Ebenen der Einweihung simulieren die höheren Ebenen der Einweihung, sind ihre Vorwegnahme und haben den Zweck eines systematischen Einübens, das zum eigentlichen Stadium der Vollendung hinleitet.

Die sieben unteren Einweihungen ahmen die Phasen der Kindheit nach – von der Geburt (Wassereinweihung) bis zum Erwachsensein (Ermächtigungseinweihung). Man betritt das »Feld der Initiation« völlig unwissend und nähert sich Schritt für Schritt den Geheimnissen.

Nach Ablegen eines Gelübdes, wird der Vorhang vor dem Kalachakra-Mandala entfernt und der Initiand ist nun bereit in Gedanken das Mandala zu betreten. Dabei verpflichtet er sich, ohne Unterlass nach Buddhaschaft zu streben, alle Fehlgriffe zu bereuen, ihre Wiederholung zu meiden, andere Menschen auf den Erleuchtungsweg zu führen und den Anleitungen seines Meisters Folge zu leisten.

Seine Augen sind zu Anfangs mit einer roten Augenbinde verbunden. Der Schüler betritt das Mandala sozusagen »blind«. An der Hand führt in der Meister, wie ein kleines Kind, durch die fünf Elementarwelten. Nachdem er sie durchschritten hat, muss er erneut ein Gelübde ablegen. Danach darf er mit seinem Meister das Osttor des Mandala-Palastes betreten: hier betritt er das Körper-Mandala. Während er durch das Körper-Mandala wandelt, nimmt er die Formen der verschiedenen Buddhas an, die sich im Körper-Mandala aufhalten. Nachdem ihm jetzt die Augenbinde kurz abgenommen wird, erscheint ihm eine Farbe, die er seinem Meister mitteilt. Dieser Farbe entsprechend erkennt der Meister, welche Energie im Initianden wirkt (besänftigende, besiegende, vermehrende oder kontrollierende Energie). Jetzt wirft der Initiand eine Blüte in das Mandala. Die Stelle an die die Blüte fällt, zeigt den Buddha an, mit dem sich der Schüler auf seiner Reise durch das Kalachakra-Mandala identifizieren soll. Nach weiteren rituellen Prozessen wird dem Initianden die Augenbinde endgültig abgenommen und er darf jetzt das gesamte Mandala vollständig betrachten.

Es folgen weitere Rituale, durch die der Initiand geläutert wird. Am Ende der Einweihung der ersten sieben Phasen (Ermächtigungseinweihung), löst der Meister den Schüler imaginativ in der »Leerheit« auf. So kann er anschließend sein eigenes polares Ebenbild imaginieren, mit dem er sich vereint und dabei auflöst, was ja das eigentliche Ziel buddhistischen Strebens ist. So verlässt er das Samsara, den ewigen Kreislauf der Inkarnationen in der Welt der Illusionen.

Jetzt erreicht der Initiand eindeutig die Erkenntnis der Korrelation zwischen seinem Körper und dem Universum. Wer dieses Ziel erreicht, kann die zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos wirkenden Kräfte, bewusst kontrollieren.

Über die Meditation der eigentlichen Leerheit aller Dinge, kann der Initiand jetzt all seine ungünstigen Vorstellungen endgültig auflösen.

Die sieben exoterischen Initiationsgrade

  1. Die Wassereinweihung ist die erste Reinigung des mystischen Leibes. Sie entspricht dem »Baden des Kindes« kurz nach der Geburt. Hier findet die Reinigung der fünf Elemente des Energiekörpers statt: Raum (Äther), Luft, Feuer, Wasser und Erde. In seiner Imagination ist der Initiand jetzt zur Größe eines Tropfen zusammengeschmolzen. Der Meister verschlingt diesen Tropfen und ejakuliert ihn als Kalachakra-Gott, anschließend durch seinen Penis (Vajra, »Diamantszepter«) aus, in die Gebärmutter (Padma, »Lotus«) seiner göttlichen Gemahlin Vishvamata. Diese tantrische Vereinigung nennt man auf tibetisch »Yab-Yum« (»Vater-Mutter«). Auch wenn die Symbole eindeutig sexuellen Charakter besitzen, haben sie keine wirklich erotische Intention, sondern symbolisieren die mystische Aufhebung der Gegensätze, wie das etwa auch durch das taoistische Symbol des Yin-Yang ausgedrückt wird. Gleichzeitig wird Sexualität im tantrischen Buddhismus aber auch nicht verneint und deshalb offen dargestellt. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass Sex einen wichtigen Stellenwert im Leben hat. Schließlich ist die erotische Vereinigung der Geschlechter die Voraussetzung um Leben zu erschaffen. Sexualität wird darum nicht verneint. Was es mit dieser Zustimmung tatsächlich auf sich hat, davon wissen nur diejenigen Schüler, die die höheren Initiationsgrade absolviert haben.
    Jetzt bringt Vishvamata, die Gattin des Kalachakra, den Initianden selbst als Gottheit zu Welt. Abschließend berührt der Meister den Initianden mit einer Muschel – ein Symbol für das Wasserelement – an »fünf Stellen« seines Körpers: am Scheitel, an den Schultern, an den Oberarmen, an der Hüfte und an den Oberschenkeln.
  2. Die Kroneneinweihung ist die zweite Reinigung des mystischen Leibes. Hier werden die fünf »Aggregate« des Schülers gereinigt: Bewusstsein, Geistesregungen, Empfindungen (Gefühle), Wahrnehmungen und Körperlichkeit. Jetzt lösen sich alle individuellen Persönlichkeitsstrukturen auf, um eine anschließende Neuschaffung in Form einer Gottheit zu ermöglichen. Abschließend berührt der Meister die »fünf Stellen« mit einer Krone. Im Menschwerdungsprozess entspricht diese Stufe dem »ersten Haarschnitt« bzw. dem ersten »Aufbinden des Haares«.
  3. Die Kronenbandeinweihung ist die erste Reinigung der Sprache. Erneut verschlingt der Meister in seiner Imagination den Initianden, so dass er von Vishvamata, als Gott geboren wird. Es werden hier die Energiekanäle (Nadis) gereinigt. Sie bilden das mystische Gerüst des feinstofflichen Körpers. In der Kindheitsentwicklung entspricht diese Initiation dem Durchstechen des Ohrläppchens, so dass ein goldener Ohrring als Schmuck getragen werden kann. In dieser Initiation werden die 10 Winde im Schüler gereinigt (Feuerbegleitender Wind, Schildkröten-Wind, Aufwärtsbewegender Wind, Chamäleon-Wind, Alldurchdringender Wind, Devadatta-Wind, Schlangen-Wind, Dhamnajaya-Wind, Lebenserhaltender Wind, Abwärtsbewegender Wind).
  4. Die Vajra-Glockeneinweihung ist die zweite Reinigung der Sprache. Sie entspricht im Prozess der Menschwerdung, dem Sprechen der ersten Worte, bzw. dem ersten Lachen des Kindes. In dieser Phase werden die drei Haupt-Nadis im Körper des Initianden gereinigt. Diese drei Energiekanäle verlaufen entlang der Wirbelsäule und bilden das feinstoffliche Rückgrat des Eingeweihten. Im Energiekörper des Menschen, entsprechen sie dem linken Ida-Nadi (Mondenergie), dem rechten Pingala-Nadi (Sonnenenergie) und dem zentralen Sushumna-Nadi (Erfahrung der Einheit) aus der vedischen Chakralehre. Die Tibeter nennen den linken Nadi Gantha (»Glocke«), den rechten Vajra (»Diamantszepter). Der mittlere Nadi bewirkt eine Vereinigung der beiden anderen, polar entgegengesetzten Nadis, was in der höchsten Initiation das Hauptereignis darstellt. Nachdem der Initiand vom Meister die Gantha und den Vajra überreicht bekommt, überträgt sich auf ihn die spirituelle Androgynität und damit das absolute Erfahren des Jetzt.
  5. In der Verhaltenseinweihung erfolgt die erste Reinigung des Geistes. Hier geht es um die sinnbildliche Erfahrung eines Kindes, das sich an den Sinnesobjekten erfreut. Es werden in dieser Phase die sechs Sinne (Gehör, Geruch, Gefühl, Gesicht, Geschmack, Gedanken) und ihre Sinnesobjekte meditativ vernichtet und danach auf göttlicher Ebene, neu geschaffen. Diese Initiation wird vom Meister abgeschlossen, indem er die »fünf Stellen« am Körper des Schülers, mit je einem Ring berührt, die er an seinen fünf Fingern, entsprechend der fünf Elemente trägt. Der Daumenring korreliert mit der Erde und ist deshalb gelb.
  6. In der Namenseinweihung geht es um die zweite Reinigung des Geistes. Dabei bekommt der Initiand einen religiösen Geheimnamen mitgeteilt, der einer bestimmten Gottheit entspricht. Sie wurde während der Vorbereitungsriten aus dem Kalachakra-Mandala ermittelt (siehe oben). Hiernach spricht der Guru eine Prophezeiung aus. Darin soll der Schüler als ein Buddha in Erscheinung treten. Während dieses Vorgangs werden die sechs Handlungsorgane des Körpers gereinigt: der Mund, die Arme, die Beine, die Geschlechtsorgane, der Urinapparat und der Anus – sowie die sechs Handlungen, die mit diesen sechs Organen in Verbindung stehen: Sprechen, Greifen, Gehen, Kopulieren, Urinieren und Kot ausscheiden.
  7. Die Ermächtigungseinweihung entspricht auf menschlicher Ebene der ersten Lesestunde des Kindes. Hier wird das »Tiefe Gewahrsein« geläutert. In dieser Stufe verschlingt der Meister in seiner Imagination erneut den Schüler, wonach er mit der Vereinigung von Kalachakra und Vishvamata wieder zur Welt kommt. Jetzt reicht der Guru dem Initianden, eins nach dem anderen, die fünf Bewusstseinssymbole: Vajra (Feuer), Juwel (Erde), Schwert (Luft), Lotus (Wasser) und Rad (Raumzeit). Jetzt bekommt er auf seine Bitte hin, vom Meister das Diamantszepter und die Glocke. Dabei »strömen« aus dem Mund des Meisters heilige Mantras, die vom Initianden im Herzzentrum gesammelt werden. Jetzt wird dem Initianden mit einem goldenen Löffel eine »Augenmedizin« verabreicht und er legt dabei den »Schleier der Unwissenheit« ab. Jetzt kann er die illusionären Dinge der Welt und ihre eigentliche Leerheit erkennen. Ein Spiegel wird ihm dazu als Ermahnung überreicht. Um sich auf diese Wahrheit zu konzentrieren, überreicht ihm der Meister symbolisch einen Bogen und einen Pfeil.

Abschließend übergibt der Guru dem Initianden feierlich das Diamantenszepter (Vajra) und die Glocke (Gantha). Seine geheime Natur besteht in der erhabenen Weisheit der großen Glückseligkeit desjenigen, der die »Methode« Upaya empfangen hat. Jetzt kreuzt der Schüler den männlichen Vajra in seiner Rechten mit die weibliche Gantha in seiner Linken – diese Geste heißt Vajrahumkara, was die tantrische Fertigkeit symbolisiert, die weiblichen Weisheitsenergien durch das Upaya zu beherrschen.

Hiermit enden die sieben unteren Initiationsphasen des Sadhakas (Schüler, Sucher, der Initiand der unteren Kalachakra-Einweihung geworden ist). Er darf sich jetzt als »Herr der siebten Ebenen« bezeichnen und erhält damit das Recht, die Lehre des Buddha zu verbreiten.

Kalachakra-Mandala - ewigeweisheit.de

Das Kalachakra-Mantra besteht aus sieben ineinandergreifen Sanskrit-Buchstaben: Ham (Mond), Kshah (Lotus), Ma (Meru), La (Erde), Va (Wasser), Ra (Feuer) und Ya (Luft). Bild: (cc)

Die esoterischen Initiationsgrade

So wie die sieben unteren Einweihungen den Initianden gereinigt haben, so sollen die vier höheren Einweihungen ihm helfen sich in eine Gottheit zu verwandeln. Diese Einweihungen dürfen nur von einer kleinen Zahl von Auserwählten empfangen werden und unterliegen strengster Geheimhaltung:

  1. Die Vaseneinweihung
  2. Die Geheime Einweihung
  3. Die Weisheitseinweihung
  4. Die Worteinweihung

Die Meister des Kalachakra-Tantra geben die Geheimnisse dieser vier Einweihungsstufen nicht preis. Sie ähneln vielleicht dem, was ja auch in den Riten der Freimaurer unter strengster Geheimhaltung verschwiegen werden muss. Würde einer die Initiationsgeheimnisse der höheren Grade ausplaudern, brächte er sich damit in Gefahr.

Es scheint, als spielten sich während der esoterischen Einweihungen Vorgänge ab, die jeder Erklärung entbehren und den Nichteingeweihten, durch ihren Verrat, mit Sicherheit schockieren würden. Was gesagt werden kann, ist das es sich hier teilweise um sexualmagische Praktiken handelt, von denen man sich aber keine biederen Vorstellungen machen darf. Wahrscheinlich finden bei allen Geheim-Initiationen Handlungen statt, die, würden sie durch Worte beschrieben, einfach nur zu schlimmer Irreführung und schrecklichen Vermutungen führten.

Adi Buddha – der höchste Initiationsgrad

Letzte Stufe und Ebene absoluter Vollkommenheit, auf dem Weg der Kalachakra-Initiation, ist die Erreichung eines geistigen Zustandes, der »Adi Buddha« genannt wird. Derjenige, der diesen höchsten Buddha erkannt hat, der hat auch das Rad der Zeit (Kalachakra) erkannt. Den Adi Buddha nennt man auch den »Höchsten Einen«, aus dem alles andere hervorgeht – was ja dem Konzept der monotheistischen Religionen, verblüffend nahe kommt.

Der Adi Buddha ist als großer, kosmischer Androgyn aus sich selbst entstanden, hat also keine Vorgänger von denen er abstammt. Er ist die Vereinigung der Gegensätze, ist ungeteilt. Bar aller Leiden lebt er in höchster Glückseligkeit. Wie der heilige und oberste Herr-Gott der Hebräer JHVH, besteht der Adi Buddha schon immer und wird bis in alle Ewigkeit fortbestehen. Dieser transzendente Ewigkeitsaspekt, lässt ihn ohne Befleckung auch in einer Welt der Makel bestehen, da aller Makel ja bereits auf dem Weg des Zerfalls und seiner Auflösung ist. Alles schlechte, böse und unreine fällt vom Adi Buddha darum einfach ab. Er ist der Allgott und höchster Herr des Universums.

Der Adi Buddha verkörpert sich als das Rad der Zeit. Er lässt alles es entstehen, im Zyklus von Schöpfung und Zerstörung aller niederen Existenzen. Er ist der König des Kalachakra-Tantra, beherrscht Körper, Sprache und Geist und kann, im höchsten Initiationsgrad, als anthropomorphe Gestalt in einem Adepten erscheinen.

Wer in diesen höchsten Grad eingeweiht wurde, der ist durchdrungen vom Adi Buddha. Aus seinem Herz strahlt das Licht der universellen Wahrheit.

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