Manitu

Indianisches Traumfasten und die Vision des Schutzgeistes

von S. Levent Oezkan

Anrufung des Schutzgeistes - ewigeweisheit.de

Zahlreiche amerikanische Ureinwohner praktizierten den Ritus der Visionssuche. Jugendlichen in der Pubertät, wird damit die Möglichkeit gegeben eine deutliche Richtungsweisung für ihr Leben zu erfahren. Aber auch älteren Menschen kann eine solche Visionssuche dabei helfen einen Lebenssinn zu finden.

Diese Form der Initiation erfolgt bei den indigenen Völkern Amerikas von Stamm zu Stamm verschieden und kann einmal intensiver, ein andermal weniger heftig erlebt werden. In den meisten Fällen aber ereignet sich diese Visionssuche, die oft auch unter dem englischen Wort »Vision-Quest« bekannt ist, in Form einer übernatürlichen Erfahrung – einer Vision eben. Hierbei versucht der Initiand mit seinem individuellen Schutzgeist Verbindung aufzunehmen, was normalerweise ein besonderes Krafttier ist. Mit ihm in Kontakt getreten, kann er seinen Schutzgeist dann um Rat bitten und erfährt dabei einen Weg, wie er von ihm besondere, beschützende Kräfte empfangen kann.

Für die Visionssuche jedoch muss der Initiand entsprechend vorbereitet werden. Ja, einer der Stammesältesten schaut zuerst sogar, ob das betroffene Individuum überhaupt über eine dafür notwendige Aufrichtigkeit verfügt, um sich bei dieser schamanischen Einweihung entsprechend einzubringen.

Es kann durchaus vorkommen, dass sich der Suchende dafür mehrere Tage allein in die Wildnis begeben muss, um sich dabei auf jene geistige Welt der Totems und Tierwesen einzustellen. Andere Stämme verlangen dafür von der Person, sich in Abgeschiedenheit zu begeben, um dabei, in einem kleinen Raum eingesperrt, in einen anderen Bewusstseinszustand zu geraten, was natürlich nur unter Leitung eines Medizinmannes beziehungsweise Schamanen erfolgen darf.

Dieser Visionssuche geht aber immer auch eine Fastenzeit voraus, wo in der Regel für drei Tage und Nächte weder gegessen noch getrunken werden darf, und der Initiand auch nicht schläft. In der hierdurch eingeleiteten tranceartigen Verfassung, kann er in einer Art Wachtraum dann mit der Welt des Manitu, des Großen Geistes Wakan Tanka Verbindung aufnehmen. Während dieser Zeit vollkommenen Entbehrens, begibt sich das Individuum auf die Suche nach seinem Schutzgeist. Sobald ihm dieses Wesen erschien und er seine Zeichen vernommen hat, erkennt der Sucher dabei seine Lebensaufgabe und die Richtung, die er von nun an einschlagen muss.

Nach dieser sehr eindringlichen Erfahrung, kehrt der Initiierte damit zu seinem Stamm zurück, um seinen vorgegebenen Lebensweg nun anzutreten, doch auch als jemand der dazu in der Lage ist, die zuvor gegebenen Maßstäbe der Stammesgemeinschaft weiterhin einzuhalten.

 

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Der Große Geist

von S. Levent Oezkan

Manitu - ewigeweisheit.de

Was die Sioux oder die Algonquin den Großen Geist nennen, ist bei ihnen, wie auch bei vielen anderen indigenen Kulturen Amerikas, das Höchste Wesen – anders gesagt: Gott. In der Sprache der Lakota-Sioux wird die damit gemeinte universale, spirituelle Kraft, auch als das Große Geheimnis bezeichnet.

Mit diesem Geheimnis aber geht die Vorstellung einher, dass es sich da um eine menschenähnliche, anthropomorphe Gestalt handelt, die als Himmelsgottheit und Schöpfer, Welt und Mensch erschuf und darin, wie auch außerhalb dieses Geschaffenen, in alle Ewigkeit fortbesteht.

Wie auch in den abrahamitischen Traditionen denken sich die Stammesältesten der Sioux und auch anderer indigener Stämme, dass diese Gottheit als ein Wesen in der Welt wirkt, dass in die Geschicke des Diesseits eingreift und dabei auch das Schicksal der Menschen lenkt.

Und was etwa im Christentum, Judentum und im Islam die Rolle der Propheten ist, dass nennen die indigenen Völker in ihrer Religion den »Sprecher«, der wie eben jener Prophet in unserer Kultur, ein Auserwählter ist, der die heiligen Offenbarung auszulegen vermag und sie als solche, dem göttlichen Willen entsprechend, den Angehörigen seines Stammes überliefert. Als solch prophetischen Vermittler des Großen Geistes, verpflichtet sich ein Stammesangehöriger dann im Namen seiner spirituellen Traditionen beziehungsweise der jeweiligen, spirituellen Linie seiner Ahnen.

Aber auch eine Gemeinschaft kann sich der Führung des Großen Geistes anvertrauen, was in der Regel durch verschiedene rituelle und zeremonielle Praktiken erfolgt, wie etwa dem Heiligen Sonnentanz. Auf welche Weise jedoch der Große Geist der Gemeinschaft oder dem Einzelnen eines indigenen Stammes erscheint oder in kommunikativen Austausch tritt, ist je nach indigener Kultur unterschiedlich. Denn unter den heute 70 Millionen Angehörigen indigener Traditionen, herrschen unterschiedliche Glaubensüberzeugungen darüber, wie die Menschheit vom Großen Geist beeinflusst wird und mit ihm in Wechselbeziehung steht.

Meist aber ähneln sich die vielen Geschichten, Gleichnisse und Fabeln, die das Wesen des Großen Geistes beschreiben. Hierzu sollen im Folgenden drei Vorbilder gegeben werden, die für viele Menschen unter den indigenen Kulturen Amerikas von Bedeutung sind.

Wakan Tanka

Die heilige Kraft dessen, was durch den Großen Geist wirkt, beschreiben die Angehörigen der Lakota als Wakan Tanka. Diese Kraft ist allgegenwärtig und durchdringt das gesamte Universum. Dabei stehen die Wörter »Wakan« für das Heilige und »Tanka« für die große Kraft.

Seit Urzeiten gilt den Lakota diese heilige Große Kraft, als Überbegriff für eine ganze Gruppe heiliger Wesenheiten, deren Wege jedoch als geheimnisvoll angesehen werden, jenseits allen menschlichen Verstehens. Das könnte durchaus als Hinweis gedeutet werden, dass wie auch einst in Mesopotamien und dem alten Europa, aus einem Vielgötterglauben ein Monotheismus wurde, der dann eben als das Große Geheimnis bezeichnet, jedes Erklärungsversuchs entbehrt.

Manitu

So wie die Irokesen, nehmen auch die Algonquin den Großen Geist wahr, als geistige und grundlegende Lebenskraft, die sie »Manitu« nennen. Wie auch Wakan Tanka, sehen sie in Manitu eine allgegenwärtige Kraft, die sich in allen Dingen manifestiert, in allen Organismen der Natur, wie auch im Menschen mit den sich in seinem Leben ereignenden Vorgängen.

Die Manifestation des Manitu geht jedoch auch einher mit der Vorstellung eines großen Dualismus, wo alles Seiende der Wirkungen von Gut und Böse unterliegt. Da ist die Rede von Aasha Monetu, dem »Guten Geist« und Otshee Monetu, dem »Schlechten Geist«. Der Legende nach gab der Gute Geist, Aasha Monetu, den indigenen Völkern ihr Land, als die Welt erschaffen wurde. So erzählt es das Indianervolk der Shawnee.

Gitche Manitu

In der indigenen Kultur der Anischinaabe-Kultur, Stammes-Abkömmlingen der Cree und eines der heute größten Indianervölker Nordamerikas, ist die Rede von Gitche Manitu, der als Schöpfer aller Dinge und allen Lebens angesehen wird und als das Große Geheimnis im Universum wirkt.

Wie auch die Lakota, glaubten die Anishinaabe einst an eine Vielzahl von Geistern und Gottheiten. Ihre heiligen Bildnisse platzierten sie zum Schutz in der Nähe von Türen und Eingängen. Diese Gottwesenheiten aber stammen laut Legende, alle aus dem Land von Michilimackinac, das der Insel Mackinac im amerikanischen Bundesstaat Michigan entspricht. Auch heute noch pilgern Angehörige der Anischinaabe-Stämme zu Ritualen auf diese Insel, die sie dort dem Großen Geist Gitche Manitu widmen. Wer seine Seele da mit dem Großen Geist zu verbinden sucht, dem hilft Gitche Ojichaag, der sich in seiner Rolle als göttliches Mittlerwesen, gewiss mit dem Heiligen Geist christlicher Vorstellung vergleichen ließe.

 

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Ewige Weisheit aus Kabbala und Vedanta

Sieh in allen Dingen nur eines, denn das Zweite führt dich in die Irre.

- Kabir

Unsere Seele ist im Wesentlichen etwas, das mit der Wirklichkeit des Göttlichen identisch ist. Eine Bestimmung des menschlichen Lebens dabei mag sein, dies auch zu erkennen und zu würdigen. Alles was in dieser Welt und in der unsichtbaren, jenseitigen Welt existiert, besitzt ein Zentrum und ist doch zugleich grenzenlos. Gott transzendiert alles Menschsein und ist ihm doch immanent.

Je mehr Er in den Dingen ist, desto mehr ist Er außerhalb von ihnen; je mehr Er im Inneren ist, desto mehr ist Er draußen.

- Meister Eckhart

Immer wieder ließe sich über solch anscheinenden Widerspruch nachgrübeln. Wie nämlich kann etwas das Sein überflügeln und zugleich in ihm lebendig sein? Nach dem Verständnis der Sophia Perennis liegt der Grund für diese Paradoxie allein am Urteil und dem Wunsch des Menschen zu unterscheiden.

Das Studium der Sophia Perennis kann ganz gleich aus welcher Richtung begonnen werden. Manche finden zur Sophia Perennis über die praktischen Wege, über Moralvorstellungen wie sie uns etwa Bibel, Koran oder auch die Veden liefern. Das ist der Zugang der sich dem Suchenden von oben her öffnet - der vordergründige und oberflächliche Weg. Der Zugang "von unten" ist der Weg der Philosophen, jenen, die dazu berufen sind über Gott, den Menschen und die Welt nachzusinnen. Den mittleren Weg gehen nur die Mystiker. Es ist der Weg, der den Suchenden zur wahren Erkenntnis der Ewigen Weisheit führt.

Sufis, Kabbalisten, Rosenkreuzer, die Yogis des Vedanta, die Sant (indische Heilige), die Zen-Buddhisten und viele andere Geistesschulen, üben sich in kontemplativer Praxis, um ihre Aufmerksamkeit auf den Kernpunkt ihres wahren Selbst zu richten. Es geht ihnen nicht nur um das wissenschaftliche, psychologische Verstehen des Ich, sondern um die Erkenntnis des ewigen Selbst, das ein Teil des göttlichen Urgrunds, ja mit ihm sogar identisch ist.

Diese Suche nach Selbsterkenntis in der Sophia Perennis, kommt am treffendsten mit dem Satz "Das bist Du" zum Ausdruck - auf Sanskrit "tat twam asi".
Das ewige, immanente Selbst des Menschen, das im Sanskrit als Atman bezeichnet wird, ist eins mit dem Brahman, dem göttlichen Selbst. Diese geheime Tatsache zu entdecken, ist wohl eine Bestimmung aller Mystiker.

Die Erkenntis wer der Mensch und was das Selbst eigentlich ist, erübrigt alle Dogmen, moralische Regelwerke und Gebote. Denn derjenige der weiß, dass sein Wesenskern ebenso ein Teil der universalen Einheit des Göttlichen ist, für den wäre es absurd zu glauben, dass er getrennt von seinem Nächsten sei.
Er erkennt in allen Dingen jenes übernatürliche Wesen, das mit seiner großen, unbeschreiblichen transzendenten Mächtigkeit alles durchdringt.

Über das Empfangen der Geheimlehren

Moses empfing die Tora am Sinai und übergab sie Joshua, Joshua den Ältesten, die Ältesten den Propheten, und die Propheten übergaben sie den Männern der großen Versammlung

- Aus der Mischna, Sprüche der Väter

In den Geheimlehren des Westens, steht das Wort Kabbala (קבל) für dieses »Empfangen«. Es ist die älteste philosophische Schulrichtung der Buchreligionen des Westens.

Vedanta (वेदान्त) ist ein Wort im Sanskrit und bezeichnet die bekannteste Schulrichtung der indischen Philosophie. Wörtlich übersetzt bedeutet es »Erweiterung zum Wissen« und bildet ein Appendix zu den heiligen Veden (von sanskr. »Veda«, Wissen). Es handelt sich dabei um geheimwissenschaftliche Abhandlungen, deren Texte die Belehrungen eines religiösen Meisters, eines Gurus schildern.

In beiden philosophisch-religiösen Schulen, der Kabbala im Westen und dem Vedanta im Osten, wurzeln die Weisheiten des Judentums, Christentums, des Islams, des Hinduismus und auch des Buddhismus. Kabbala und Vedanta verweisen auf einen weiten Bedeutungshorizont, aus dem, für einen Eingeweihten, geheime und mystische Überlieferungen aufsteigen. In eigentlich allen geheimwissenschaftlichen Schulrichtungen finden wir viele Berührungspunkte zwischen diesen beiden Urtraditionen, aus denen sich durchaus ableiten ließe, dass eigentlich allen Religionen, Philosophien und spirituellen Traditionen, ganz wesentliche Gemeinsamkeiten zu Grunde liegen.

Menschen in der Tradition der Sophia Perennis wissen, dass es unzählige Analogien religiös-esoterischer Überlieferungen der Kulturen in West und Ost gibt. Sie versuchen die in allen Traditionen unseres Globus existierende ewige, innere Weisheit zu betonen, die sich als kulturelle Urtradition bis in unsere heutige Zeit hinein erhalten hat und auch in Zukunft fortbesteht. Die Sophia Perennis fasst in sich die unveränderlichen Wahrheiten, Formen und Prinzipien zusammen, die wir in Philosophie, Religion, Mystik und Metaphysik als universale Weisheitsdoktrin finden.

Von solch absoluter Wahrhaftigkeit erfüllt ist es Agia Sophias Glück, sich an allen spirituell-esoterischen Weisheiten zu erfreuen, seien sie aus dem Christentum, Islam oder Judentum, Hinduismus, Sikhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, Paganismus, Druidentum oder Schamanismus. Die Ewige Weisheit gleicht, sinnbildlich gesprochen, der Süße jener Äpfel, die auf den mythischen Bäumen aller spirituellen Weisheiten reiften, und uns bis heute in den Kulturen der Menschheit erhalten geblieben sind. Agia Sophia führt uns in diesen heiligen Apfelhain und will dort ihre Früchte mit uns teilen.

Wie Anfangs angedeutet geht wahre Spiritualität aus von einem gleichzeitig immanenten und transzendenten Geist. Indem sich der Mensch auf eine innere Suche begibt, gelangt er durch diesen Geist auf den Pfad zur Freiheit, der aus der Dualität der Gegensätze in die Einheit (zurück)führt. Auf diese Weise kann das Individuum diesen ewigen Geist (Gott, Brahman, Tao, Allah, Elohim, Manitu, usw.) in seinem Innern empfinden und sich allmählich aus den Verstrickungen des Leids befreien. So wird einer zu einem mitfühlenden Menschen, der zum Wohle aller Lebewesen auf unserem Planeten Erde denkt, spricht und handelt.