Meditation

Was ist Meditation wirklich?

Was ist Meditation wirklich?

Meditation ist ein Überbegriff für viele unterschiedliche und zum Teil auch augenscheinlich gegensätzliche Bewusstseinsübungen. Die Einen assoziieren Meditation mit einer im Lotussitz verweilenden Person, für Andere ist das hemmungslose Tanzen bis zum Umfallen der Inbegriff von Meditation.

Wortwörtlich bedeutet Meditation so etwas wie nachdenken, nachsinnen (lat. meditatio). Der angestrebte Bewusstseinszustand entspricht jedoch einer Erfahrung von Gedanken-losigkeit, einer friedlichen Stille, einer Erfahrung von Eins-sein.

Der Ursprung der in vielen Religionen und Kulturen ausgeübten spirituellen Praxis liegt viele Jahrtausende zurück, auch wenn die heutzutage unter "Meditation" ausgeübte Tätigkeit sich von den ursprünglich nur mündlich weitergereichten Lehren unterscheiden dürfte. Die ältesten Schriften, die sich umfassend mit Meditation befassen findet man in der hinduistischen Tradition um 1500 v. Chr.

Schriften über "Yoga", das in ursprünglicher Wortverwendung Weg und Ziel von Meditation ist, reichen bis 1000 v. Chr. zurück, die Meditation im Buddhismus bis 500 v. Chr. Die Meditationspraxis wurde auch im Zusammenhang mit dem Taoismus und dem Judentum erwähnt.

Es stellt sich jedoch die Frage, warum diese uralte spirituelle Praxis aktuell Millionen von Menschen inspiriert ihr Leben zu verändern. Was ist Meditation wirklich?

Meditation im Hinduismus und Yoga

In der Bhagavad Gita, einer der zentralen Schriften indischer Kultur, ist Meditation (Sanskrit Dhyana) die letzte Stufe der Yogapraxis vor dem Erreichen des Superbewusstseins (Samadhi). Die ersten fünf des achtgliedrigen Pfades (Ashtanga, Raja Yoga) beschreiben somit Voraussetzungen, die für eine erfolgreiche Meditation erfüllt sein müssen. Diese umfassen ethische und moralische Disziplinen, den ruhigen Sitz (Asana) und Konzentration des Energieflusses und des Geistes. Die Kontrolle der eigenen Lebensenergie und Zusammenführung von Körper und Geist erfolgt hierbei auch durch spezielle Atemübungen (Pranayama). Der Zustand des Superbewusstseins, der mit der Meditation beginnt, wird beschrieben als eine Erfahrung von absoluter Stille, Frieden und unfassbarer Freude.

Der achtgliedrige Pfad stellt laut der Bhagavad Gita aber nur eine von vier Möglichkeiten dar, das Meditationsziel zu erreichen. Ebenso sollen der Weg der Liebe (Bhakti), der Weg des selbstlosen Handelns (Karma) und der Weisheit (Jnana) zu der Erfahrung des erfüllten Eins-seins führen.

Meditation im Buddhismus

Die Meditation im Buddhismus wird ebenfalls durch die vollständige Konzentration auf ein einziges Objekt, meist den Atem eingeleitet. Auch andere Meditationsobjekte, insbesondere Mantras, die auch in hinduistischer Tradition Verwendung finden, dienen als Fokus zur vollständigen Beruhigung des Geistes und der Entdeckung des wahren Selbst.

Die buddhistische Tradition ist darüber hinaus als Ursprung der Achtsamkeitsmeditation (Sati) zu sehen. Der Geist darf hierbei auch auf Geistesobjekten, körperlichen Empfindungen oder Gefühlen, die im gegenwärtigen Moment präsent sind, ruhen. Diese gerichtete und nicht wertende Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick ist die Bewusstheit, die man als Achtsamkeit bezeichnet.

Auch die Entwicklung von Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit (Brahmavihara) ist ein besonderer Fokus der buddhistischen Meditationspraxis.

Meditation in den alternativen Bewegungen des Westens

Die Praxis der Meditation hat mit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend die alternativen Szenen des Westens erreicht, sowohl über indische Yogis als auch buddhistische asiatische Lehrer und einem breiten Angebot an Übersetzungen von Westlern.

Die Vielzahl von Meditationsformen, die daraus entstanden sind, haben von außen betrachtet kaum Gemeinsamkeiten und lassen sich bestenfalls auf einem Kontinuum von stiller bzw. passiver Meditation hin zu dynamischer bzw. aktiver Meditation einordnen. Passive Meditationsformen werden meist in einer ruhigen Haltung praktiziert und bringen den Geist durch Konzentration auf einen fixen Punkt zur Ruhe. Der Körper wird als vorrübergehender Sitz der Seele angesehen und mit dem Rückzug aus den Sinneswahrnehmungen (Prathyahara) kann die Identifikation mit dem wahren Selbst, die Erfahrung des erfüllten Eins-seins gelingen. Aktive Meditationsformen scheinen in ihrer Vielzahl vor allem als Produkt von östlichen und westlichen kulturellen Einflüssen entstanden zu sein. Das breite Spektrum reicht von dynamischer Tanzmeditation, über Hatha Yoga bis hin zu von Kampfkunst inspirierten Bewegungsabläufen. Dennoch ist die aktive Meditation keineswegs eine Erfindung des heutigen Zeitalters. Bereits die Praxis von Karma und Bhakti Yoga, bei der selbstloses Handeln oder auch gemeinsames Singen im Vordergrund steht, ebenso wie das Tanzen, das in unzähligen alten Kulturen zur Erweiterung von Bewusstseinszuständen praktiziert wurde, könnte als aktive Meditation verstanden werden.

Aber worin liegt jetzt der gemeinsame Nenner aller dieser Praktiken, was bedeutet "Meditation" angesichts dieser Vielzahl an Tätigkeiten? Und wieso ist die Meditationspraxis so relevant?

Es wird offensichtlich, dass nicht das "was“, sondern das "wie" des Tuns kennzeichnend für die Praxis der Meditation ist. So kann das stille Sitzen im Lotus zu einer Möglichkeit des Verstandes werden wild in Gedanken umherzuschweifen, über den Ärger mit den Nachbarn bis zur nächsten Urlaubsplanung. Andererseits kann selbst das Geschirr waschen zur Gelegenheit werden, den eigenen Körper in Bewegung zu beobachten, den Kontakt mit dem Wasser zu spüren und damit die Gedankenkreise loszulassen. Die Konzentration auf das Hier und Jetzt, mit vollständig klarer Bewusstheit, sei es über den Fokus auf eine Sinneswahrnehmung oder auf ein Objekt des Geistes, ist wohl zentral in jeder Form der Meditationspraxis.

Meditation als Trend und Fokus westlicher Wissenschaft

Gerade in den letzten Jahren wird die Achtsamkeitsmeditation immer beliebter und sowohl zur Produktivitätssteigerung von Arbeitskräften als auch für therapeutische Zwecke im klinischen und psychotherapeutischen Bereich angewendet. Verschiedenen Meditationsformen und Achtsamkeitstrainings werden in wissenschaftlichen Studien ein weitreichender positiver Einfluss auf die psychische und körperliche Gesundheit, sowie der allgemeinen Lebenszufriedenheit und dem Wohlbefinden zugeschrieben.

Es ist aber nicht zu vergessen, dass der Ursprung und die Kraft der Jahrtausend alten Meditationspraxis darin besteht, das Alltagsbewusstsein und damit die Gebundenheit an die physische Welt zu transzendieren. Die Erfahrung des Eins-seins mit der Quelle der Schöpfung und Allem was ist geht wohl über jegliche Freude über materiellen Erfolg hinaus. Das Erreichen des Superbewusstseins ist jedoch nichts, was üblicherweise in einem Wochenendseminar mal schnell passiert. Es ist auch keine selbsterarbeitete Leistung, sondern vielmehr ein seltenes Phänomen, was oft denen Menschen zuteilwird, die bereit sind ihr Leben hingebungsvoll der Mediationspraxis zu widmen.

Was ist die richtige Methode für mich?

Um von den unzähligen Vorzügen und Wirkungen von Meditation zu profitieren ist es jedoch keineswegs notwendig sein Leben dafür aufzugeben. Bereits 10 minütiges regelmäßiges Meditieren oder die gelegentliche Teilnahme an Meditationsretreats hat Studien zufolge einen positiven Einfluss in Form von Stressreduktion, Verbesserung des Immunsystems, Verlangsamung des Alterungsprozesses, Linderung von Schmerzen, besseren Konzentrationsleistungen, körperlicher Leistungsfähigkeit, einer Zunahme von Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Kreativität.

Ein guter Anfang kann die passive Meditation im Sitzen sein, bei der das Ein- und Ausströmen des Atems im Fokus ist. Beim Abschweifen der Aufmerksamkeit auf die Gedanken wird diese einfach wieder sanft zurück zum Atem geholt, immer und immer wieder.

Auch die Wahrnehmung des Körpers, durch das absichtslose Scannen, von den Zehenspitzen bis zur Kopfkrone, hat einen besonders erdenden und beruhigenden Effekt.

Die aktiven Meditationsformen werden oft mit Aspekten der Selbstentwicklung verbunden, was eine Möglichkeit sein kann, sich von alten Mustern und Gewohnheiten zu befreien und das Leben immer mehr lieben zu lernen.


Bei der Auswahl der richtigen Meditationspraxis ist es essentiell, sich von dem eigenen inneren Kompass, der eigenen Intuition leiten zu lassen. Denn nur du selbst, weißt am besten, was du im Moment brauchst, was dich weiterbringt. Gib aber nicht gleich auf, sobald du auf diesem Weg inneren Widerständen begegnest, die Meditationspraxis bedeutet auch Willenskraft und Selbstdisziplin aufzubauen und innere Barrieren zu überwinden.

So lange, bis man vielleicht zu der Realisation kommt, dass alles bereits perfekt ist, so wie es ist.

 

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra - ewigeweisheit.de

Die nachfolgend geschilderte Zusammenfassung dieser uralten tibetischen Meditationstechnik, soll dem Übenden helfen sich emotional zu reinigen.

Ihre Ursprünge hat diese Methode wahrscheinlich im tibetischen Bön oder hat noch ältere schamanistische Wurzeln. Seit alter Zeit aber meditieren die Yogis und Lamas mittels dieser einfachen aber wirksamen Technik, um sich dabei von den folgenden, sogenannten Geistesgiften (negative Emotionen und Gedanken) zu entledigen:

  1. Wut und Abneigung,
  2. Gier und Anhaften,
  3. Zweifel und Unwissenheit.

Diese drei "Gifte", wie sie im Bön und im Buddhismus genannt werden, bilden einen Antagonismus zu den drei Tugenden:

  1. Leerheit und Klarheit,
  2. Weisheit,
  3. Einheit.

Hierüber kann der Übende meditieren, wobei er sich vorstellt, wie er durch die nachfolgend beschriebene Atemtechnik, sich nach und nach der drei Geistesgifte entledigt, um den eigentlichen Urzustand seines Seins in Form der drei Tugenden wiederherzustellen.

Durch Sehen, Visualisieren und Fühlen lernt der Meditierende drei Größen seiner spirituellen Konstitution kennen, die die Tibeter symbolisch folgendermaßen darstellen. Da nämlich gibt es drei Bewusstseins-Kanäle:.

  1. Der rechte Kanal ist weiß. In seinem vollkommenen Zustand steht er für die Leerheit und Klarheit.
  2. Der linke Kanal ist schwarz. Er steht in seinem vollkommenen Zustand für die Weisheit.
  3. Der mittlere Kanal aber ist blau. Sein vollkommener Zustand ist die Einheit.

Mit diesen drei Kanälen können Sie sich von den drei Geistesvergiftungen reinigen, durch bewusstes Atmen:

  • Die Kanäle gleichen jeweils einem Weg, der vom einen Nasenloch in der Körpermitte unterhalb des Bauchnabels vorbei, hinauf in der Körpermitte zum anderen Nasenloch führt.
  • Der Atem gleicht einem Pferd oder Gefährt, worauf sich
  • das Bewusstsein, wie ein Reiter oder Fahrer, bewegt.

Schauen Sie sich im Folgenden diese Atem-Meditation noch etwas genauer an.

Mit dem Atem bewegt sich das Bewusstsein durch die drei Kanäle, also jeweils rechts, links und in der Mitte, wobei die ihnen zugeordnete Thematik bearbeitet wird:

  1. Über die dreimalige Ausatmung über den rechten Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Wut und Abneigung.
  2. Über den linken Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Gier und Anhaftung.
  3. Über den mittleren Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Zweifel und Unwissenheit.
Handhaltung in der Meditation - ewigeweisheit.de

Handhaltung in der Meditation

Sitzhaltung und Atemtechnik

Zuerst setzen Sie sich im Schneidersitz so hin, das Ihr linkes vor Ihrem rechten Bein angewinkelt liegt.

Dann sehen Sie Ihre Handflächen an und berühren mit den Daumen jeweils die Ringfinger (unterstes Glied) der jeweiligen Hand (rechter Daumen an rechtem Ringfinger und linker Daumen am linken Ringfinger, siehe Abb.).

In dieser Handhaltung legen Sie dann einander gegenüber die Finger der linken Hand auf die Finger der rechten Hand, so dass Ihre Hände mit den Armen und den beiden Schultern einen Halbkreis bilden. Die beiden Hände liegen dabei in Ihrem Schoß.

Sie sitzen aufrecht und atmen ruhig.

Nun konzentrieren Sie sich auf eine Stille in Ihrem Körper und fühlen wie sich diese Stille ausbreitet in Ihren Füßen, in Ihren Beinen, in Ihrem Bauch, in Ihrer Brust, in Ihrem Kopf, in Armen und Schultern.

Denken Sie nun an Ihren Bauchnabel. Mit dem Einatmen fließt Ihr Atem dorthin hinunter und um den Bauchnabel herum, steigt wieder auf und entweicht schließlich über die Nasenlöcher.

Rechter Kanal: Wut und Abneigung

Nun nehmen Sie Ihre rechte Hand und halten mit dem rechten Ringfinger Ihr linkes Nasenloch zu, während Sie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre linke Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem rechten Ringfinger nun das linke Nasenloch schließen und über das rechte Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer rechten Seite nach oben und tritt durch Ihr rechtes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der rechten Seite (Wut und Abneigung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie dreimal.

Linker Kanal: Gier und Anhaftung

Nun nehmen Sie Ihre linke Hand und halten mit dem linken Ringfinger Ihr rechtes Nasenloch zu, während wie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre rechte Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem linken Ringfinger nun das rechte Nasenloch schließen und über das linke Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer linken Seite nach oben und tritt durch Ihr linkes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der linken Seite (Gier und Anhaftung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie wieder dreimal.

Mittlerer Kanal: Zweifel und Unwissenheit

Nun liegen wieder beide Hände in Ihrem Schoß, die linke auf der rechten Hand, während die Daumen jeweils die Ringfinger berühren.

Durch beide Nasenlöcher atmen Sie dann tief ein.

Dabei strömt in Ihrer Mitte die Luft nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft nun wieder nach oben und tritt durch Ihre beiden Nasenlöcher aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der Mitte (Zweifel und Unwissenheit) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Auch dies wiederholen Sie wieder dreimal.

 

Danach ist die Meditation beendet.

 

Der Rhythmus des Lebens

Der Rhythmus des Lebens

Nun möchte ich zu Betrachtung verschiedener Analogien übergehen, welche mit der Atmung unmittelbar zusammenhängen. In dieses Kapitel sollen in diesem Zusammenhang auch das Assoziative Denken und das Analogiegesetz angesprochen werden.

Ich möchte den Atem jetzt also unter einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachten, obwohl natürlich alle hier angesprochenen Gedanken tatsächlich miteinander in Beziehung stehen. Die Praxis des Atmens lehrt uns - und auch hier wird erneut erkennbar, dass die Praxis für das Verständnis unverzichtbar ist - , dass es vier Phasen im Atemprozess gibt:

  1. Einatmen,
  2. Voll-Sein,
  3. Ausatmen,
  4. Leer-Sein.

Im Sanskrit, der heiligen Sprache Indiens, derer sich der Yoga bedient, heißen diese vier Phasen wie folgt:

  1. Puraka,
  2. Antara-Kumbhaka,
  3. Rechaka,
  4. Bahya-Kumbhaka.

Werden diese vier Phasen abstrahiert betrachtet, können sie folgendermaßen benannt werden:

  1. Bewegung,
  2. erreichen Zustand,
  3. Gegenbewegung,
  4. erreichter Gegenzustand.

Dies kann man sich auch nach dem Bilde eines Pendels vorstellen:

  1. Das Pendel schlägt nach rechts aus.
  2. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags rechts.
  3. Das Pendel schlägt nach links aus.
  4. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags links.

Diesen Rhythmus nun gilt es sich gut einzuprägen, was natürlich besonders effektiv durch bewusste Atemübungen erreicht werden kann. Nun folgt der nächst Schritt. Es geht um einen absoluten Grundbaustein aller Mysterien: Das Assoziative Denken. Das Assoziative Denken ist ein Denken in Entsprechungen und Analogien, also in der Form "Wie dieses, so auch jenes". Damit steht es im Kontrast zum allgemein bekannten Kausaldenken: "Weil dieses, deshalb jenes". Das Assoziative Denken gründet auf dem sogenannten Analogiegesetz, welches u.a. seine Niederschrift in der bekannten tabula smaragdina fand und häufig vereinfacht wie folgt zusammengefasst wird: Wie oben, so unten. Wie unten, so oben. ("Quod est inferius, est sicut quod est superius, et quod est superius, est sicut quod est inferius..." - tabula smaragdina)

Ich möchte im Folgenden dieses Gesetz zur Anwendung bringen und nach Analogie zur Atmung suchen: So wie sich der Atem "unten" im Menschen verhält, ebenso sollte es sich dem Analogiegesetz zufolge auch oben, beispielsweise im Himmel, verhalten. Ein erstes gutes Beispiel dafür ist der Sonnenlauf. Wichtig ist, zu beachten, dass bei der Anwendung des Analogiegesetztes die phänomenologische Erlebnisperspektive des Menschen beibehalten werden kann, in welcher sich z.B. die Sonne sichtbar um die Erde bewegt:

  1. Die Sonne geht auf.
  2. Die Sonne steht im Zenit (höchster Sonnenstand).
  3. Die Sonne geht unter.
  4. Die Sonne steht im Nadir (tiefster Sonnenstand), bzw. die Sonne ist weg.

Aber nicht nur die Sonne, sondern beispielsweise auch der Mond fügt sich ganz natürlich in diesen vierteiligen Rhythmus des Lebens ein:

  1. Der Mond nimmt zu.
  2. Der Mond ist voll - Vollmond.
  3. Der Mond nimmt ab.
  4. Der Mond ist leer - Neumond.
Vollmond - ewigeweisheit.de

Vollmond: Antara-Kumbhaka des Mondes (Bildquelle).

Natürlich können solche gefundenen Assoziationen auch für praktische Übungen verwendet werden. So kann z.B. die entsprechende Mondphase während der Atmung bei geschlossenen Augen imaginiert werden. Diese Übung findet sich beispielsweise unter der Bezeichnung Mondatmung bei Katja Wolff in ihrem durchaus lesenswerten Buch mit dem schlichten Titel 'Magie' (vgl.: Wolff, Katja: Magie. Kunst des Wollens - Macht des Willens. München: 1992, S. 184 ff). Der Phantasie und Kreativität, die verschiedensten sinnvollen Assoziationen mit der Atmung zu verbinden, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Hier eine kurze Übungsbeschreibung in tabellarischer Form:

  1. Einatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter zu.
  2. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Vollmond.
  3. Ausatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter ab.
  4. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Neumond.

Beim Anhalten des Atems ist es äußerst wichtig, dies durch das Zwerchfell zu bewerkstelligen und niemals durch ein krampfhaftes Verschließen von Nasen- und Rachenraum! Es darf dabei grundsätzlich kein Druck oder Unterdruck in der Lunge entstehen. Als nächstes möchte ich gerne den Jahreskreis betrachtet, in welchem sich ebenfalls der Rhythmus des universellen Lebens finden lässt:

  1. Frühling: Es wird wärmer.
  2. Sommer: Es ist warm.
  3. Herbst: Er wird kälter.
  4. Winter: Es ist kalt.

Diesem Kreislauf folgt natürlich auch der Kreislauf der Vegetation, wie sich an den Bäum gut beobachten lässt:

  1. Der Baum treibt Blätter und Blüten.
  2. Der Baum steht in voller Blüte.
  3. Die Blätter und Blüten fallen ab.
  4. Der Baum steht kahl.

Es lassen sich noch eine ganze Menge anderer Analogien finden und ich möchte es an dieser Stelle gerne den Leserinnen und Lesern selbst überlassen, nach weiteren Entsprechungen zu suchen. Eine solche Analogie selbst zu entdecken und zu erfahren ist nämlich noch wesentlich beeindruckender, als irgendwo davon zu lesen! Ich meine allerdings, dass die bislang angeführten Beispiele genügen sollten, um einen Gedanken erkennbar zum Ausdruck zu bringen: Die vermeintlich einfachsten Dinge des Lebens, wie beispielsweise der Atem, spiegeln sich überall in der Natur und im Kosmos wieder. Wer dies erkennt und im Herzen begreift, in dem entsteht ein Gefühl der Verbundenheit mit allem, was ist, und des tieferen Sinns in allen Phänomenen. Im Leben des Menschen pulsiert derselbe Rhythmus, der auch im Baum, im Jahr, in der Sonne und im Mond pulsiert. Dieser Rhythmus ist das universelle Leben, ist Gott oder besser gesagt einer seiner Aspekte.

Die alten Kulturen schauten diese Wahrheit auf eine selbstverständliche, zum Teil fast kindlich einfache Weise, als sie Leben, Atem, Seele und Geist in ein und dasselbe Wort brachten. Und auch einer der wichtigsten, heiligen Gottesnamen der hebräischen Tradition, der Kabbalah, das sogenannte Tetragrammaton (τετραγράμματον: wörtlich heißt dies 'Vierbuchstabe'), scheint diesen Rhythmus in seinen vier Buchstaben geradezu unmissverständlich auszudrücken: Jehovah (יהוה - zu lesen von rechts nach links):

  1. י - Die Bewegung,
  2. ה - Der Zustand,
  3. ו - Die Gegenbewegung,
  4. ה - Der Gegenzustand.

Der Mensch ist durch Analogien verbunden mit der ganzen Welt und der Atem ist ein wunderbares Beispiel dafür. Zuletzt möchte ich noch zwei besonders interessante Facetten dieser Analogie ansprechen. Die erste ist das Bild des atmenden Brahma in der indischen Philosophie. Brahma, so heißt es, atme ein und aus, und so entstehe und vergehe immer wieder die ganze Welt in einem gewaltigen Zyklus. In diesem Bilde findet sich ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Zeit und Ewigkeit. Eine Fragestellung, die auch den Neoplatoniker Plotinus im dritten Buch der Eneaden und den christlichen, lateinischen Kirchenlehrer Augustinus von Hippo im elften Buch seiner Confessiones stark beschäftigte. Das indische Bild vom atmenden Brahma bringt dieses Verhältnis auf den Punkt. Brahma atmet in Ewigkeit, in seinem Atem entsteht und vergeht die Welt und damit auch die Zeit:

  1. Brahma atmet aus: Die Welt und die Zeit entstehen.
  2. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren.
  3. Brahma atmet ein: Die Welt und die Zeit vergehen.
  4. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren nicht.

Das zweite besonderes Bild, was ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchte, betrifft die Reinkarnation des Menschen. Bereits in der Illias von Homer findet sich im sogenannten Blättergleichnis (Homer: Illias VI, 146 - 149) der Vergleich zwischen den Menschengeschlechtern und den Blättern der Bäume. Wer erkennt, dass die ganze Natur vom Kreislauf des Lebens geprägt ist - Atem, Sonnenlauf, Jahreslauf, Mond ... -, dem wird es immer schwerer fallen, zu glauben, dass das menschliche Leben sich wie eine mathematische Strecke verhalt soll, mit Anfang und Ende. Die folgenden Entsprechungen sollen diesen Umstand verdeutlichen:

  1. Frühling: Die knospenden Bäume treiben die Blätter. - Der menschliche Körper wird geboren. - Die Seele inkarniert.
  2. Sommer: Die Bäume stehen in voller Pracht. - Der menschliche Körper ist voll entwickelt. - Die Seele lebt im Körper.
  3. Herbst: Die Blätter fallen als Laub zu Boden. - Der menschliche Körper stirbt. - Die Seele trennt sich vom Körper.
  4. Winter: Die Bäume stehen kahl. - Der Körper löst sich auf, bzw. ist aufgelöst. - Die Seele lebt außerhalb der materiellen Welt.

Ebenso also, wie der Baum sich jedes Jahr neue Blätter schafft, so schafft sich auch die Seele jedes Erdenleben einen neuen Körper. Der Rhythmus des Lebens, welcher zugleich der Rhythmus des Atems ist, gewährt dem Menschen unter Anwendung des Analogiegesetzes tiefste Einblicke in die Mysterien des ewigen Lebens. Erforsche Deinen Atem, erforsche die Welt, erforsche das Leben, erforsche Dich selbst!

Mysterien des Atems

Mysterien des Atems

Atem, Atem und Leben, Atem und Geist. Weniges wohl im Leben ist so unscheinbar wie der Atem. Doch wer sich mit den Mysterien dieser Welt beschäftigt, der dürfte wohl bald ahnen, dass zumeist gerade die alltäglichsten Dinge und die unauffälligsten die tiefsten Geheimnisse bergen, nicht aber das Laute und Reißerische. Einige dieser Mysterien des Atems sollen im folgenden Artikel vorgestellt werden.

Die Bedeutung des Atems

Atemübungen stellen in vielen spirituellen Traditionen einen wesentlichen und unverzichtbaren Grundpfeiler der eigentlichen Praxis dar. Im indischen Yoga sind sie bekannt unter dem Namen Pranayama, in China spricht man von Qi Gong und auch die westlichen Mysterientraditionen kennen eine Vielzahl entsprechender Übungen. Der Grund für die Wichtigkeit des Atems in der spirituellen Praxis soll im nächsten Kapitel beleuchtet werden. Zunächst aber folgt noch ein kurzer Blick auf das sprachliche Umfeld des Atembegriffs.

Die alten Sprachen, welchen häufig ein besonderes, intuitives oder überliefertes Verständnis der Welt zugrunde liegt, deuten auf weitreichende Zusammenhänge zwischen Atem, Geist, Seele und Leben hin. Beispiele hierfür sind das altgriechische Pneuma (τὸ πνεῦμα), was sich beispielsweise als Atem, Odem, Leben, Geist und Seele übersetzen lässt. Des Weiteren die hebräische Ruach (רוח), übersetzbar u.a. als Hauch, Atem, Wind, Lebensprinzip, Seele, Geist, Sinn und Gemüt. Auch der lateinische Spiritus (spiritus) umfasst ein Bedeutungsfeld, welches von Luft und Hauch über Atem, Leben, Seele und Geist bis hin zu Mut und dichterischem Schaffen reicht.

Bereits hier zeigt sich deutlich, dass der Atem in engem Zusammenhang mit Geist, Leben und Seele steht: Er begleitet den Menschen wahrhaftig vom ersten bis zum letzten Atemzug, er verbindet das Reich von Menschen und Tieren mit dem Reich der Pflanzen in einem wunderbaren Kreislauf der Natur und er bildet einen wichtigen Schlüssel zu vielen Mysterien des Lebens. Die vier folgenden, besonderen Mysterien des Atems möchte ich in diesem Artikel vorstellen:

  1. Der Atem als Träger der Lebenskraft;
  2. Der Atem im Zusammenhang mit dem Rhythmus des universalen Lebens;
  3. Der Atem als Bindeglied zwischen "Oben und Unten";
  4. Der Atem als Symbol für die Freiheit des Menschen.

Der Dhikr der Sufis: Auf dem Weg zum Licht Allahs

von S. Levent Oezkan

Tesbih - ewigeweisheit.de

Dhikr ist die zentrale Praxis der Sufi-Derwische. Damit beabsichtigen sie ihr Herz von allen Versehrungen zu reinigen. Ihr Wunsch ist Raum zu schaffen, für die Liebe Allahs und ein Bewusstsein seiner universalen Größe. Der Dhikr, so die Sufis, bringt Frieden und Erfüllung - für einen selbst, wie auch für andere.

Im Dhikr praktizieren die Sufis, neben den fünf täglichen Pflichtgebeten, diese spezielle Form des Gebets. Nicht aber nur zu bestimmten Zeiten, sondern ununterbrochen. Der Gläubige führt im Schweigen ununterbrochen diese Form des stillen Gebets aus. Das ist in etwa mit dem Herz-Jesu-Gebet in der christlichen Tradition vergleichbar. 

Seiner arabischen Bedeutung nach, bedeutet das Wort Dhikr (arab. ذكر, auch "Zikr") "Gottgedenken" (Dhikr Allah). Damit ist die meditative Vergegenwärtigung Allahs gemeint. Wie jedoch dieses Gottgedenken ausgeübt wird, darin unterscheiden sich die verschiedenen sufischen Orden (Tariqas).

Unter den Sufis, die Dhikr praktizieren, gibt es manche die mehr Wert auf einen stillen Dhikr legen – eine Form stiller, meditativer Rezitation heiliger Worte und Verse. Anderen Sufi-Orden ist insbesondere der gemeinschaftliche, laute Dhikr wichtig, der je nach Schulrichtung, wahrhaft ekstatische Züge annehmen kann. Darum auch bedeutet Dhikr, vollkommene Hingabe an Allah.

Dhikr ist eine Empfehlung aus dem Koran, worauf folgende Verse hinweisen:

Siehe, das Gebet hält vom Schändlichen und Verwerflichen ab. Doch das Gedenken (Dhikr) Gottes ist wahrlich bedeutender.

- Sure 29:45

O die ihr glaubt, gedenkt Allahs in häufigem Gedenken (Dhikr) und preist Ihn morgens und abends.

– Sure 33:41f

Über den wachsamen Atem

Meist wird der Dhikr in Harmonie mit der Atembewegung praktiziert. Der Sufi-Schüler beginnt dabei zumeist mit der Formel "Allah Hu" ألله هو - "Allah, Er ist". Mit jedem Einatmen im Geiste wird der Name "Allah" gesprochen – mit jedem Ausatmen das Wort "Hu". Dabei wird, mit jedem Atemzug, das Herz mit göttlicher Energie erfüllt.

Der Ort des so ausgeführten Dhikr liegt aber nicht in den Atemorgan an sich, sondern im Herzen. Immer wird der Dhikr im Herzen ausgeführt. Es gibt dafür einen Grund: gemäß der Sufi-Lehren, geht vom Herzen die größte Wärme im Körper aus. Und nur im Herzen können göttliche Lichterscheinungen empfangen werden.

Darum sollte der Suchende schnell und energisch atmen, um ausreichende Wärme im Herzen und im Blutkreislauf zu erzeugen, um das Blut zu erwärmen, damit es "zu leuchten beginnt".

Im freien Atmen befördert man den Namen "Allah" ins Innere des Herzens und bringt die selbe Bedeutung, in transformierter Form, wieder nach Außen, im Aussprechen des Namens "Hu". Um das sogenannte Herzensdhikr auszuführen, vollziehen die Sufis diese heftige Stoßatmung, die sie verbinden mit Körperbewegungen und geistiger Konzentration. Grundvoraussetzung für einen wirksamen Dhikr, ist die rhythmische Ausführung oben beschriebener Praxis.

Die mentale Konzentration auf das Herz, eine Rezitiation der heiligen Worte, Atmung und Körperbewegung, muss im Dhikr synchron ausgeführt werden. Es nützt nichts, den Namen oder die Atmung gleichzeitig auszuführen, während der Geist umherwandert, sich in Erinnerungen und Sorgen verstrickt.

Der Dhikr als Ergänzung zum islamischen Pflichtgebet

In der spirituellen Praxis der Derwische, die den Dhikr entweder laut gesprochen oder still im Herzen ausführen, können alle möglichen Formen von Segnungen empfangen werden. Dabei rezitiert der Sufi Verse der Suren, Heilige Namen oder andere im Islam relevante Verse (wie etwa das islamische Glaubensbekenntnis).

Ein Detail ist hier besonders interessant, da ja Sprache und Herz im selben Zusammenhang genannt werden: Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), sind die Zungenspitze, als jener Körperteil der Wörter zu Sprache formt, und das menschliche Herz, über einen gemeinsamen Meridian verbunden.

Zweck des Dhikr

Die Sufis glauben, dass wir, als spirituelle Wesen, von Dschinnen umgeben sind: das sind feinstoffliche Lebensformen, die uns zwar sehen, wir sie aber nicht direkt wahrnehmen können. Sie aber verfügen über Kräfte, die am Menschen gewissermaßen zerren und ihn ständig von seinem Weg abbringen wollen. Das hat natürlich auch einen konstruktiven Aspekt, wenn sich jemand diesen Kräften widersetzt und damit quasi eine Art spirituelles Krafttraining ausübt. Für die Sufis besteht diese Übung zum einen durch ihre fromme Ausübung der fünf täglichen Pflichtgebete, die in der restlichen Zeit des Tages, durch einen andauernden Dhikr ergänzt werden. Sie erinnern sich damit also ständig an die göttliche Wahrheit, von der der Mensch, nach sufischer Auffassung, ja ein Teil ist.

Je mehr sich nun der Sufi an Allah erinnert, je mehr kommt er in den Genuss göttlichen Segens. Hierher verweisen folgende Suren des Heiligen Koran:

O ihr Gläubigen, lasset euch durch euer Vermögen und eure Kinder nicht vom Gedenken an Allah abhalten. Und wer das tut, der gehört zu den Verlierenden.

- Sure 63:9

Diejenigen, die überzeugt sind und deren Herzen befriedigt werden im Gedenken an Allah. Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.

- Sure 13:28

[…] Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen – ihnen allen wird Allah vergeben, für sie hat er großartigen Lohn bereitet.

- Sure 33:35

Allah hat die schönste Botschaft, ein Buch, herabgesandt, eine sich gleichartig wiederholende Schrift, vor der denen, die ihren Herrn fürchten, die Haut erschauert; dann erweicht sich ihre Haut und ihr Herz zum Gedenken Allahs. […]

- Sure 39:23

[…] Allahs zu gedenken, ist gewiß das Höchste. Und Allah weiß, was ihr begeht. […]

- Sure 29:45

Bei alle dem aber muss betont werden, dass das rituelle Gebet im Islam (Salaat), sowie das Lesen der Koransuren, aber dem Dhikr übergeordnet bleibt.

Trotzdem ist es für einen wahren Sufi von großer Bedeutung den Dhikr auszuüben – sprechend in der Gruppe oder allein, sowie schweigend im Herzen. Keineswegs aber versucht der Islam den Gläubigen zu spiritueller Praxis (Gebet, Dhikr) zu zwingen, noch Anderes, Weltliches wegen der Ausübung zu unterlassen oder zu meiden.

Eher soll die Nähe zu Gott erzielt werden, um damit das Licht Allahs zu empfangen – durch Rezitation und Herzensgebet – auch dann, wenn der Sufi mit alltäglichen Aufgaben beschäftigt ist.

Ein wahrer Sufi wird den Dhikr immer ausüben, unter allen gegebenen Umständen. Ganz gleich, was er gerade tut: während er sich um seine Familie, seine Verwandten kümmert, während er arbeitet oder während er mit anderen Menschen Handel treibt. Er führt in seinem Herzen, ein ständiges Kreisen der heiligen Namen und Verse aus und handelt aus diesem spirituellen Zentrum heraus, um in der Außenwelt Gutes zu vollbringen.

Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages, liegen wahre Zeichen für jene die verständig sind, die Allahs gedenken im Stehen und im Sitzen und auf ihren Seiten und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: 'Unser Herr, Du hast dieses nicht umsonst erschaffen. Gepriesen seist Du, darum hüte uns vor der Strafe des Feuers.'

- Sure 3:190f

In einer alt-islamischen Überlieferung heißt es hierzu:

Der Prophet Mohammed (as) sprach einst zu Ibn Umar, einem seiner Gefährten: 'Wenn ihr an den Paradiesgärten vorrüberschreitet, nutzt diese Gelegenheit.' Da fragte Ibn Umar: 'Was sind die Paradiesgärten, oh Gesandter Allahs?', worauf der Prophet Mohammed (as) antwortete: 'Die Versammlungen des Dhikr (eine Gruppe Frommer, die den Dhikr ausüben). Es gibt himmlische Engel, die nach diesen Versammlungen des Dhikr suchen. Sobald sie solch eine Gruppe finden, lassen sie sich dort nieder, um diese Versammlung zu umsäumen.'

- Aus dem Fiqh Us-Sunnah des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Sufi Dhikr – ewigeweisheit.de

Dhikr ägyptischer Sufis in einem Gemälde des englischen Künstlers Robert Talbot Kelly (1861-1934).

Der heilige Satz "La ilaha illa Allah"

Einer der zentralen Gebetsformeln des Dhikr, ist der erste Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses: "La ilaha illa Allah" - "Es gibt keine Gott außer Allah". In den gesammelten Aussprüchen des Propheten Mohammed (as), den sogenannten "Hadithen", heißt es dazu:

Die beste Form sich an Allah zu erinnern, besteht in der Rezitation des Satzes 'La ilaha illa Allah.'

- Aus einem Hadith des Isa At-Tirmidhi (825–892)

Daher das Wort Dhikr: die Erinnerung an Gott. In einem anderen Hadith heißt es, dass der Prophet Mohammed (as), einst zu seinen Gefährten sprach:

'Erneuert euern Glauben', worauf sie fragten: 'Wie können wir unseren Glauben erneuern?' Darauf antwortete er 'sagt immer wieder La ilaha illa Allah.'

- Aus dem Fiqh us-Sunnah, des As-Sayyid Sabiq, Band 4, Kapitel 6

Man könnte darum durchaus sagen, dass man den Dhikr garnicht oft genug ausüben kann. Mohammed (as) sprach dazu in einem anderen Hadith:

Die Stunde (das Jüngste Gericht) wird erst eintreten, wenn keiner mehr 'Allah, Allah' sagen wird.

- Aus der Hadith-Sammlung des Muslim Ibn Al-Hadschadsch (Sahih Muslim)

Politur des Herzens

Für die Sufis ist Gott im menschlichen Herzen gegenwärtig. Der Dhikr aber ist das Mittel, sich diese göttliche Anwesenheit bewusst zu machen. Jenes Herz, von dem hier die Rede ist, ist etwas, dass sich über das organische Herz hinaus erstreckt. Es ist ein spirituelles Organ, dass aber im Dhikr, tatsächlich auf das physische Herz des Praktizierenden zurückwirkt; er kann es spüren.

In diesem spirituellen Herzen nun, sehen die Sufis einen metaphorischen Spiegel, der ihm erlaubt über das göttliche Geheimnis zu reflektieren.

Jeder Mensch verfügt über dieses spirituelle Herz, diesen geheimnisvollen Spiegel. Doch mit der Zeit setzt sich darauf eine, bisweilen starke Schmutzschicht ab. Es sind jene verdunkelnden Gefühle, wie Zorn, Eifersucht, Neid und übermäßiges Verlangen, die die Oberfläche dieses spirituellen Spiegels verdunkeln. Der Dhikr aber dient als Politur, mit deren Hilfe seiner Oberfläche wieder Glanz verliehen wird, damit sich darin die göttliche Vollkommenheit widerspiegeln und den Sufi, von innen heraus, erleuchten kann.

 

هو

 

Der Heilige Name "Hu".

Vom Gottgedenken der Sufis

Der persische Sufi Nedschmettin Al-Kubra (gest. 1221) spricht von einem Feuer, dass entfacht wird, durch das im Dhikr erfolgende Gottgedenken. In seinen Flammen verbrennt alles Dunkle. Was Al-Kubra damit meinte, war aber keineswegs nur sinnbildlich gemeint: wenn dieses Feuer in ein Haus eindringe, so vernehme man "Ich, und kein anderer" (entsprechend dem islamischen Glaubensbekenntnis). Die Flammen aber verzehrten alles dort befindliche Brennholz.

Was aber ist mit dem Feuer, dass, laut muslimischen Glaubens, in der Hölle lodert? Die Sufis sehen darin ein schwelendes, dunkles und langsam loderndes Feuer. Das Feuer aber, dass der Dhikr entfacht, steigt auf und ist rein, hell und schnell lodernd.

Drei Stufen der Versenkung

Al-Kubra nun, unterscheidet drei Stufen der Meditation. Darin kann der Sufi allerdings nicht nur positive Erfahrungen machen, sondern gar an der Todesgrenze schlittern. Aber an genau jenem "letalen Grat", macht ein Mensch die Erfahrung, die man in den Traditionen in Ost und West als "Einweihung" bezeichnet (Buchtipp).

  1. Die Meditation über das Daseins: Al-Kubra beschreibt diese Erfahrung wie die eines Fürsten, der auf einem Feldzug in ein Land eindringt. Dabei hört der Sufi verschiedene Klänge: Posaunen und Pauken erklängen, worauf das Rauschen von Wasser und Wind wahrnommen würden. Was er dabei jedoch erfährt ist äußert heftig: sein Körper kann beginnen zu schmerzen und es bestehe sogar die Gefahr, dass seine Seele den Körper verlässt, die "silberne Schnur" durchreißt und er dabei stirbt.
  2. Die Meditation, die das Herz berührt: in dieser Stufe fällt der Sufi, in seinem Gottgedenken, quasi in sein Herz hinein. Dabei stößt er in eine Stufe der Wahrnehmung hervor, die in einzigartige Visionen erleben lässt.
  3. Die Meditation über das Geheimnis: hier spricht Al-Kubra vom Hineinfallen des Gottgedenkens ins Geheimnis. Damit entschwindet dem Sufi sein aktives Bewusstsein und er geht vollkommen auf, in eben diesem Gottgedenken. Ab dieser Stufe bleibt jenes Gottgedenken beim Sufi – schwirrt in ihm, sozusagen als stille, automatische, lebendige Rezitation.

Formen des Dhikr

Grundsätzlich kann der Dhikr auf drei unterschiedliche Formen ausgeführt werden: praktisch, verbal und still. Damit versucht der Sufi sich in seinem Handeln und Denken, kontinuierlich dem Gedenken an Gott hinzugeben.

Praktischer Dhikr

Den sogenannten "Dhikr-e-Faily", den praktischen Dhikr, führt der Sufi aus in seinem gehorsamen Handeln. Dies umfasst:

  • die göttlichen Gebote im Islam: Das tägliche Gebet, das Fasten zu Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch), die Pflicht Almosen zu geben (Zakat) und im Sinne seiner Mitmenschen, karitativ zu handeln - und
  • die Sitten, Bräuche, Werte und Normen seines Landes einzuhalten und entsprechend der Sunnah (Bräuche) des Propheten Mohammed (as) zu essen, zu trinken, sich zu bewegen, zu sprechen und sich zu kleiden.

Mündlicher Dhikr

Zentraler Gottesname im Dhikr ist das Wort "Allah", auch im lauten, mündlichen Dhikr. Doch auch die Anrufung eines seiner 99 anderen Namen ist üblich (siehe Asma Al-Husna).

Außerdem meditieren die Sufis im lauten Dhikr über folgende Formeln:

  • Subhan Allah سبحان الله – Allah ist erhaben,
  • Al-Hamdulillah الحمد لله – Lobet Allah,
  • Allahu Akbar الله أكبر – Allah ist der Größte,
  • Ya Allah يا ألله – Oh Allah,
  • Ya Hu يا هو – Oh Er,
  • Ya Hayy يا حي – Oh Lebendiger,
  • La ilaha illa llah لا اله الا الله – Es gibt keinen Gott außer Allah, dass dann auch durch den zweiten Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses ergänzt wird,
  • Muhammadun rasul ullah محمد رسول الله – Mohammed ist der Gesandte Gottes,
  • Estaghfirullah أستغفرالله‎ – Ich bitte Gott um Vergebung.

Die Anzahl der Wiederholungen der Namen beläuft sich normalerweise auf 11 oder 33. Um diese Anzahl genau abzuzählen, verwendet man die islamische Gebetskette (Tasbih) mit 11, 33 oder auch 99 Perlen, die je in Gruppen von 11 unterteilt sind. Diese Anzahlen gelten auch für den stillen Dhikr.

Der laute Dhikr ist mit einer stoßweisen Ausatmung verbunden. Häufig wechseln dabei die Neigungungen des Kopfes und Oberkörpers zur Seite. Im Stehen wird diese Bewegung durch ein rhythmisches Bewegen der Beine unterstützt, wobei sich der Oberkörper leicht auf und ab bewegt.

Stiller Dhikr

Ziel des stillen Dhikr, ist das, was Al-Kubra als die dritte Stufe des Gottgedenkens bezeichnet: der Sufi strebt an, seine(n) Namen immerwährend zu wiederholen. Auch inmitten aller anderen weltlichen Aktivitäten, fährt er damit in seinem Herzen fort und aus dem Herzen heraus, erfolgt sein Gottgedenken. Die heiligen Silben die er dabei im Herzen rezitiert, entsprechen jenen des lauten Dhikr (siehe oben) und können auch mit den 99 Namen Allahs ausgeführt werden.

Spirituelle Praxis in den verschiedenen Sufi-Orden

Generell lässt sich sagen, dass den Sufi-Weg vier Elemente bestimmen:

  1. Die Einhaltung der Schariah, dem islamischen Gesetz,
  2. die Beachtung der Sunnah, der islamischen Gebräuche,
  3. der Dhikr, das Gedenken an Allah und
  4. ein besonderer Ehrencodex der Liebe.

Da nun aber die verschiedenen Sufi-Schulen (Tariqas) ihre eigenen Formen des Dhikr ausüben, führen eben so viele Wege zu Gott, auf denen sich die Muriden (Sufi-Schüler) bewegen.

Bei den berühmtesten Sufi-Orden, wie der Qadiriyya, Chistiyya und Sohrawardiyya, beginnt der Murid mit dem lauten, mündlichen Dhikr, den er später in den Herzens-Dhikr (Qalbi Dhikr) transformiert und dabei veredelt. Der Orden der Naqshbandiyya allerdings, führt den Muriden direkt zum Herzens-Dhikr.

Vom Segen des Dhikr

Von jeder guten Tat geht ein Segen aus. Und der guten Taten sind viele! Die Sufis aber sagen, dass das Beste, dass ein Murid ausführen kann, der Dhikr ist. Riesig sind die Segnungen die durch die Praxis des Dhikr gewonnen werden können. Wer diese Form der sufischen Meditationspraxis täglich übt, den umgeben bald Gelassenheit und Frieden.

Wer mit der Dhikr-Praxis anfängt, sollte sein Denken auf ein bestimmtes Ziel ausrichten. Welches Ziel das ist, sei jedem selbst überlassen, solange es zum Guten hinstrebt.

Der Dhikr an sich aber, hat eigentlich nur ein wahres Ziel: das Schauen göttlichen Lichts, dass aus dem eigenen, innersten Seelenbrunnen, in schillernsten smaragdgrünen Lichtern hervorstrahlt. Wer dieses erhabene Ziel erreicht hat, der kann sich wahrlich als Erleuchteten bezeichnen. Es ist ein langer Weg dorthin, teils beschwerlich – doch allemal lohnend – für den Sufi selbst, wie für jene, die ihn umgeben. Inshallah (Wenn Allah will)!

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Wie meditiert man in der Kabbala über den Namen JHWH?

von S. Levent Oezkan

Abraham Abulafia - ewigeweisheit.de

Als Gründer der Schule der ekstatischen Kabbala, verfasste Rabbi Abraham Abulafia einige Anleitungen zur Meditation. Eine davon verwendet den heiligen Namen JHWH. In der Meditation über diese vier urtümlichen Buchstabensymbole, erreichte Abulafia tief-ekstatische Zustände.

Die Buchstaben des hebräischen Alphabets, sind vervollkommnete Fortentwicklungen des phönizischen Alphabets. Sie entstanden aus Bildsymbolen, mit denen man den Anfangslaut des jeweiligen Symbols verband. Sie stammen aus einer Zeit, wo man diese, noch archaischeren Buchstaben, als magische Symbole einsetzte.

Die magische Verwendung dieser Bildsymbole, ist in etwa zu vergleichen mit dem, was in der nordischen Kultur unter Runenmagie verstanden wird.

Wer war der geheimnisvolle Rabbi Abraham Abulafia?

Abraham Abulafia (1240–1291) war einer der wohl bedeutendsten Kabbalisten im mittelalterlichen Spanien. Er bereiste den Orient, Griechenland und Italien. Abulafia war auf der Suche nach alten Geheimnissen der Magie und der ekstatischen Praktiken der Eingeweihten des Altertums.

Im katalonischen Barcelona macht er seine ersten Erfahrungen damit, was später als "prophetische Ekstase" bekannt wurde. So gewann er tiefe Einsichten in die Mysterien des Menschen und des Selbst. Über die Meditation, wie etwa über den heiligen Namen JHWH, sollte jemand auf diesem Pfad der Erkenntnis vorstoßen können, zu seinem wahren Selbst. Drum war die Ekstase für Abulafia, ein Zugang zum innersten Wesen des Menschen.

Besonders eigenartig war seine Wirken auf Papst Nikolaus III. Er stand mit dem Kirchenoberhaupt anscheinend in Kontakt und wollte ihn 1281 treffen, um ihn zum Judentum zu bekehren. Schließlich sah sich Abulafia selbst, als den lang ersehnten Messias der Juden. Doch der Papst verstarb in der Nacht vor Abulafias Ankunft. Abulafia entging nur knapp dem Scheiterhaufen, was er dem Kollegium der Franziskaner zu verdanken hatte. Im Jahr 1291 verstarb er aber - vermutlich in Barcelona.

Einziges Werk Abraham Abulafias, das heute erhalten geblieben ist, ist das "Sefer Ha-Oth" - das Buch des Zeichens (Buchstabens).

Abulafias Methode

Das System Abraham Abulafias, beinhaltet eine recht ungewöhnliche Form der Meditationspraxis. Sie zeichnet sich vor allem aus, durch ihrer Klarheit. Das heißt, auch für einen Anfänger, ist Abulafias System einfach zu verstehen. Außerdem beschreibt Abulafia in seinem Sefer Ha-Oth, warum seine Form der Meditation funktionieren muss. Er beruft sich dabei auf das Werk des jüdischen Philosophen Moses Maimonides (1135-1204), dass er ganz einzigartig in die Praxis der Kabbala-Meditation integrierte.

Abulafias Meditationstechniken zielen direkt darauf ab, auch tatsächlich besondere mystische Erfahrungen zu machen. Sie sind also weniger spekulative Versuche, die englische Welt und den Kosmos zu begreifen, als echte Anleitungen zu mystischer Erfahrung.

Gut möglich, dass sich Abulafias Formen der Meditation, etwas von jenen anderer jüdischer Eingeweihter unterscheiden. Sie gleichen eher den mystischen Traditionen anderer Religionen. So gibt es etwa in der christlichen Mystik Beschreibungen von Meditationen, die in der Ich-Form dargestellt wurden. Das heißt, einer erklärt sowohl das Meditationsrezept, wie auch die dabei gemachte Erfahrung aus der Ich-Perspektive. Gleichermaßen scheint Abulafia auch darauf hinzudeuten.

Manipulation der hebräischen Sprache

Das Besondere an den Übungen Abraham Abulafias ist, dass sie nicht allein bestimmte Bibelzitate oder Wörter verwenden, sondern es vor allem Buchstaben sind, die in seinen Übungen von zentraler Bedeutung sind. Dabei werden die Buchstaben eines heiligen Namens teils umgestellt oder mit anderen Vokalzeichen versehen. Nun muss hier hinzugefügt werden, dass das hebräische Alphabet aus 22 Konsonanten besteht. Vokale als solche, gibt es im Hebräischen eigentlich nicht. Es ist eine reine Konsonantenschrift, wobei aber, der einfacheren Lesbarkeit halber, die Buchstaben mit besonderen Vokalzeichen versehen werden. Diese Methode der Vokalisation, wurde im 8. Jahrhundert eingeführt. Die Vokalzeichen sind in etwa zu vergleichen mit den zwei Punkten auf dem Ä, dem Ö oder dem Ü, des deutschen Alphabets. In Alltagstexten werden die Vokalzeichen aber weggelassen.

Insbesondere in Abulafias Meditationspraxis, spielen die Vokalzeichen eine wichtige Rolle. In der Tora sind alle Wörter mit Vokalzeichen ausgestattet. Abulafia aber nahm nur die Konsonanten bestimmter Wörter und vertauschte darin die Vokalzeichen. Damit konnte er beim Meditieren frei assoziieren und so besondere Bilder im Geist hervorrufen.

Solche Bilder aber bleiben bedeutungslos, solange man nichts von den rezitierten Konsonantenfolgen kennt.

Gematrie: Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben

Wegen ihrer Zahlenwerte, werden die Bedeutungen bestimmter hebräischer Wörter miteinander verglichen. Besonders dann aber, wenn die Gematrie, also quasi die Numerologie ihrer Buchstaben identisch ist, fällt auf diese Wörter ein besonderes Augenmerk.

Für Abulafia war die gematrische Äquivalenz der Begriffe "Israel" יִשְׂרָאֵל (der von Gott an den Propheten Jakob verliehene Name) und "Sechel Ha-Poal" שֵׂכֶל הופֹּ֫עַל eine Besonderheit. "Sechel Ha-Poal" ist die Bezeichnung für den aktiven Intellekt.

Jeder hebräische Buchstabe nun, hat einen bestimmten Zahlenwert. Im Falle der beiden oben genannten Begriffe, ergibt sich als Summe der Zahlenwerte, jeweils 541:

יִשְׂרָאֵל Israel: 10+300+200+1+30 = 541

שֵׂכֶל הופֹּ֫עַל Shekel Ha-Poal: 300+20+30+5+6+80+70+30 = 541

Die Gematrie ergibt sich also aus der Summe der Buchstaben eines Wortes. Dafür gibt es viele weitere Beispiele. So hat etwa das hebräische Wort für die Poesie, "Shirah" שירה, den Zahlenwert 515. Den selben Zahlenwert 515 besitzen auch das Wort "Tiflah" תפלה, das Gebet – "Wa Echatanan" ואתחנן, "ich flehte" – als auch "Yeshara" ישרה, die Aufrichtigkeit. Sicherlich bewegen sich alle diese Begriffe in einem ähnlichen Kontext.

In diesem Zusammenhang seien natürlich auch die 72 Heiligen Namen genannt, wie sie in der praktischen Kabbala von Bedeutung sind (Buchtipp).

Meditation über den heiligen Namen JHWH

Eine der einfachsten Übungen, die in Abulafias Werk genannt werden, ist die Meditation über den heiligen Namen JHWH יהוה (Jod, Heh, Waw, Heh) – auch bekannt als "Tetragrammaton". Dabei werden die einzelnen Buchstaben dieses Namens ausgerufen, während sich der Kopf im Rhythmus des Atems, auf besondere Weise bewegt.

Für diese Meditation sucht man sich einen ruhigen und sauberen Ort, an dem man auf jeden Fall ungestört ist. Die Übung wird für ungefähr 20 Minuten durchgeführt. Schließen Sie dabei ihre Augen.

Beginnen Sie mit dem ersten Buchtaben des Tetragrammaton JHWH – dem J also. Sie sprechen den Konsonanten J mit diesen vier Vokal-Lauten: Oh (kurzes O), A, Ay, E und O (langes O). Jeder dieser fünf Laute wird mit einer entsprechenden Kopfbewegung gesprochen. Der Kopf bewegt sich dabei in Übereinstimmung mit der Atembewegung: mit jedem Einatmen bewegen sie sich in eine der entsprechenden Richtungen (oben, links, rechts, unten, vorn). Mit dem Ausatmen bewegt sich der Kopf wieder zurück in Normalposition. Daraus ergibt sich also folgende Form:

  • Einatmen – Kopf bewegt sich aufwärts
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Joh (kurz) ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach Links
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Ja ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach Rechts
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Jay ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach unten
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Je ausspricht.
  • Einatmen – Kopf bewegt sich nach hinten
  • Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück, nach vorn in Ruheposition, während man Jo (lang) ausspricht.

Nachdem diese Meditation über den Buchstaben J durchgeführt wurde, setzt man sie für die übrigen drei Buchstaben des Namen JHWH fort. Das heißt also:

  • Hoh, Ha, Hay, He, Ho,
  • Woh, Wa, Way, We, Wo,
  • Hoh, Ha, Hay, He, Ho.

Diese Übung erzielt Wirkungen auf verschiedenen Ebenen. Da man jeden der vier Konsonanten des heiligen Namens JHWH mit den fünf hebräischen Vokalen ausspricht, hat man dabei irgendwie auch den "unaussprechlichen Namen Gottes" ausgesprochen.

Vor allem aber muss man sich während der Aussprache des Namens vollkommen konzentrieren, auf Atmung und Aussprache. Damit schafft man eben das, was auch die östlichen Traditionen durch Meditation erreichen wollen: die Gedanken an Alltägliches oder Sorgen zu unterbinden.

Wer diese Form der Meditationspraxis nach einiger Zeit vervollkommnet hat, kann sie weiter ausbauen. Man kann sich dann zusätzlich die hebräischen Buchstaben des Namen JHWH, während der Meditation visualisieren:

 

י    Jod


ה    Heh


ו    Waw


ה    Heh

 

Durch diese Kombination von Meditation und Visualisierung, lassen sich bemerkenswerte Ergebnisse erzielen.

Konzentration auf die Stille

Sie sollten unbedingt vermeiden, mit dieser Meditation, zu schnell etwas erreichen zu wollen. Gier kann nur Schaden anrichten. Es ist darum wichtig, dass Sie sich mit dieser kraftvollen Meditation Zeit lassen. Beginnen Sie zum Beispiel zuerst damit, den Kopf entsprechend der obigen Raumrichtungen mit dem Atem abzustimmen. Diese Übung lässt sich täglich für 20 Minuten, über eine Woche ausführen. In der Woche danach, können Sie damit beginnen die Buchstaben leise auszusprechen. Schließlich visualisieren Sie in der Woche darauf die vier heiligen Buchstaben als Bilder.

Meditieren heißt, zur Ruhe kommen und sich auf etwas Einfaches zu konzentrieren, um dabei den Kopf frei zu kriegen. Wer mit den heiligen Namen der Kabbala arbeitet, sollte allerdings wissen, dass er bei dieser Übung, durchaus mächtige Kräfte auslöst. Das eben sind jene mystischen Erfahrungen, die Abulafia jedem versicherte, der diese kabbalistische Übung durchführt.

Doch wie mit allen Dingen im Leben, kann etwas nur zur Vollkommenheit geführt werden, wenn man es richtig übt. Die oben beschriebene Methode also, ein, zwei oder dreimal durchzuführen und zu erwarten eine außerkörperliche Erfahrung zu machen, ist zwecklos.

Wer wirklich mit seiner Meditation weiterkommen möchte, muss täglich üben. So lange bis die Übung vollkommen beherrscht wird.

Sind Sie dazu bereit?

 

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Wie lernt man meditieren?

Wie lernt man meditieren?

Es gibt unzählige Gründe regelmäßig zu meditieren. Was aber die eigentlichen Vorteile des Meditierens sind, das ist nur schwer zu beschreiben. Ohne Frage aber, lebt jemand der täglich meditiert, nicht nur gesünder und ruhiger, er lernt sich selbst auch besser kennen. Meditieren hilft eine bessere Selbstbewusstheit zu entwickeln.

Meditation zu üben, wirkt sich sehr günstig aus auf unser Leben. Zum Einen bedeutet zu meditieren, den Strom der Gedanken zu beruhigen. Damit kann Stress abgemildert werden. Meditieren heißt darum zu entspannen. Wer meditiert, gewinnt andererseits zunehmend die Fähigkeit, eine ruhige Achtsamkeit zu entwickeln. Damit lassen sich bestimmte Verhaltensmuster erkennen und auch ändern. Es ist etwas ganz Großartiges, einen einfachen und langsamen Lebenswandel zu führen. Alle Komplexität, alle Kompliziertheit weicht dem bewussten Handeln in der Einfachheit.

Schon lange weiß man, dass Meditation sich sehr positiv auf die seelisch-geistige Verfassung auswirkt. Das heißt, wer regelmäßig meditiert, verbessert seine Konzentration, sein Erinnerungsvermögen und stärkt seine Selbstkontrolle. Meditation begünstigt den Stoffwechsel, unterstützt den Blutkreislauf und regelt Puls und Atmung.

Wenige Minuten am Tag zu meditieren, wirkt Wunder: selbst wer täglich nur kurze Zeit meditiert, schafft sich Oasen der Ruhe - die in unserer heutigen Zeit scheinbar immer knapper werden.

Meditation als grundlegende Gewohnheit

Wer meditiert beginnt seinen Tag in Ruhe, kann besser mit Stress umgehen und lebt im Jetzt. Nur wenige wissen, dass es sich besonders lohnt diese Gewohnheit zu entwickeln, wenn man andere Gewohnheiten ändern oder beenden will. Vielleicht grübelt man zu viel, malt sich ständig Angstszenarien aus oder sorgt sich um die Zukunft. Meist fällt einem aber garnicht auf, dass solche Vorstellungen sich in den Mittelpunkt des Bewusstseins stellen. Wer meditiert entwickelt aber ein Gewahrsein, wann solche Gedanken und Vorstellungen einsetzen und damit wird es leichter, die seelisch-geistigen Auswirkungen von Ängsten, Zweifeln und Sorgen abzumildern.

Alles was es bedarf um achtsamer zu werden: üben. Und wie übt man? Durch Meditation.

Schauen wir uns also an, wie Meditation hilft, bestimmte Gewohnheiten und Einstellungen zu ändern. Machen Sie Meditation zu einer neuen Gewohnheit.

Wie Sie täglich meditieren lernen

Meditieren gibt Kraft. Und man muss sich dafür gar nicht anstrengen. Im Gegenteil: es ist ganz leicht sich Meditation anzugewöhnen. Denn man kann immer meditieren und spürt sofort den positiven Effekt. Über wie viele andere Gewohnheiten lässt sich das schon sagen?

Viele glauben "richtig zu meditieren", könne man nur bei einem Meditationsmeister lernen. Doch Meditation können Sie hier beginnen, direkt nachdem sie diesen Satz zu Ende gelesen haben: indem Sie Ihren Atem beobachten. Sie können immer auf ihr Ein- und Ausatmen achten - ganz gleich ob sie im Auto sitzen, am Schreibtisch, während sie duschen oder essen. Probieren sie es mal - jetzt gleich. Es dauert nur ein oder zwei Minuten. Nehmen sie sich die Zeit: der Tag hat 1440 Minuten.

Meditieren lernen ist an sich sehr einfach.

Wie sie ihr Bewusstsein besser kennenlernen

Wer meditiert lebt bewusster. Und wer bewusster lebt kann neue Gewohnheiten entwickeln, die seinem Leben helfen, friedlicher, aufmerksamer und weniger ängstlich zu sein. Und es geht dabei nicht etwa ein Profi zu werden. "Professionell meditieren" - klingt seltsam, oder?

Meditation an sich hilft Denken und Fühlen besser zu verstehen. Bevor ich anfing Meditation zu üben, war mir überhaupt nicht klar, was in meinem Kopf eigentlich stattfand. Mein Denken führte mich mal hier, mal dort hin, folgte mal dem einen, mal dem anderen Gedanken, hielt den inneren Dialog für das Denken an sich. Meditation hilft diesen gewohnten Automatismus zu erkennen. 

Auch heute noch ertappe ich mich dabei, wie sich unentwegt Gedankenschleifen im meinem Kopf bilden. Doch es fällt mir eben auf und es wird mir immer mehr bewusst, was da vor sich geht, wie sich ein Gedankenbündel an das nächste heftet. Früher hätte ich daran einfach weiter teilgenommen - oder besser: es unwissend über mich ergehen lassen. Seit dem ich aber Meditation übe, sehe ich immer klarer und kann frei entscheiden, einen Gedankengang zu unterbrechen. Damit habe ich mir wirklich eine Menge Freiraum geschaffen. Ich bin einfach flexibler, denn ich kann unerwünschte Erinnerungen unterbrechen und etwas schönes, konstruktives denken.

Darum kann ich nur jedem ans Herz legen, Meditieren zu üben. Am Anfang ist es vielleicht nicht so einfach, da sich der Denkfluss nicht gleich als solcher erkennen lässt. Man kann es sich aber schwerer machen als nötig, wenn man zuviel von sich erwartet. Klein anzufangen und sich langsam steigern, ist vollkommen gut. Üben hilft und es geht erst am Anfang nicht darum, Meditationsexperte zu werden.

Wie man regelmäßig Meditieren übt

Eins vorweg: Es geht nicht darum alles auf einmal zu schaffen. Lesen Sie einfach mal alles durch und probieren Sie einige der Tipps aus. Dann schauen Sie immer mal wieder auf dieser Seite vorbei und probieren sie dann weitere Tipps.

Meditieren benötigt nicht viel Zeit. Zwei Minuten sind völlig ausreichend. Alles andere ist Gier - meinte mal der weise Jiddu Krishnamurti. Jeden Tag zwei Minuten sind perfekt für den Anfang. Wenn Sie damit gut klarkommen, können sie nach einer Woche, nochmal eine Minute dranhängen und so weiter. Wenn sie dann in ein paar Monaten auf zehn Minuten gekommen sind, ist das richtig klasse. Doch am Anfang wollen wir klein beginnen.

Zu Beginn

Beginnen Sie den Tag mit Meditation. Warum? Da es sehr einfach ist, die Übung einfach zu vergessen, wenn sie es nicht morgens gleich als erstes tun. Sich den Wecker stellen, um zum Beispiel um 15 Uhr zu meditieren, ist weniger vorteilhaft. Hängen Sie sich also eine Erinnerung auf, kleben Sie sich etwas an den Schrank, dass Sie daran erinnert: zwei Minuten meditieren.

Einfach meditieren

Wie genau man meditieren kann: damit wurden schon Buchbände gefüllt. Meditieren sie also einfach. Viele zerbrechen sich den Kopf darüber wie sie sitzen sollten, auf welchem Kissen oder wo im Raum. Das ist zu Anfangs nicht so wichtig. Es geht eher darum überhaupt erstmal anzufangen. Setzen sie sich vielleicht einfach auf den Bettrand oder auf einen Stuhl oder auf die Couch. Klar, Sie könne sich auch auf den Boden setzen in Schneidersitz. Alles was wichtig ist, ist aufrecht zu sitzen, damit sie nicht wieder einschlafen. Nur zwei Minuten: einfach sitzen - ruhig und bequem. Alles andere dann.

Nehmen Sie sich wahr

Zuerst sollten Sie in sich hineinspüren, um zu sehen wie Sie sich führen. Wie fühlt sich ihr Körper an? Wie sieht Ihr Denken aus? Denken sie aufwühlende Gedanken? Sind Sie traurig? Fühlen Sie sich erschöpft? Sind Sie ängstlich? Was auch immer ist: es ist für diesen Augenblick in Ordnung - so wie es ist.

Achten Sie auf Ihren Atem

Zählen Sie Ihre Atemzüge. Wenn sie sich damit wohl fühlen, richten Sie Ihre volle Aufmerksamkeit auf Ihren Atem. Fühlen Sie, wie Ihr Atem in Ihre Nase einströmt und sich dabei der innere Gesichtsbereich ganz leicht abkühlt. Nehmen Sie wahr, wie der Luftstrom Ihre Lunge mit reiner Energie anfüllt. Versuchen Sie beim Einatmen, in Gedanken zu sagen "Eins" - und "Zwei" beim Ausatmen. Zählen Sie bis "Zehn" und beginnen Sie danach von vorne. Wenn Sie sich verzählen, beginnen Sie erneut mit "Eins".

Lassen Sie sich Zeit

Wenn Sie sich in Ihren Gedanken verirren, was so gut wie sicher ist, lächeln Sie und kehren Sie dann einfach um, zurück in die Meditation. Beginnen Sie erneut Ihre Atemzüge zu zählen. Es ist absolut kein Problem. Kann schon sein, dass sich das am Anfang etwas frustrierend anfühlt. Es ist aber vollkommen in Ordnung nicht konzentriert zu sein. Das passiert einfach jedem. Meditation ist kein Zwang. Meditation soll entspannen. Sie üben noch und am Anfang werden Sie nur langsam Fortschritte machen. Und doch: Sie erkennen schon bald, wie sich Ihre Wahrnehmung ändert. Also: weiter üben.

Freundlich mit sich selbst umgehen

Entwickeln Sie sich selbst gegenüber eine liebenswürdige Haltung. Wenn in der Meditation Ihre Gefühle aufbrausen, und Sie werden diese Erfahrung ganz bestimmt auch machen, betrachten Sie sie liebevoll. Ihre Gefühle gehören zu Ihnen und sind keine Fremdlinge. Sie sind ein Teil von Ihnen. Seien Sie freundlich zu sich selbst.

Sie tun Ihr bestes so, wie es Ihnen möglich ist

Sicher werden Sie sich etwas ärgern, wenn es nicht gleich so klappt, wie Sie es sich erhofften. Es gibt einfach nicht die "Perfekte Methode", um Meditieren zu lernen. Jeder versucht sein Bestes, auf seine individuelle Weise. Zuerst üben sie einfach achtsam zu atmen und Ihr Inneres und das Äußere wahrnehmen.

Denken ist normal

Viele glauben, in der Meditation ginge es darum, den Kopf klar zu kriegen oder den Gedankenfluss zu unterdrücken. Das aber ist es nicht. Es kann zwar schon vorkommen, dass einem so etwas gelingt, doch es ist nicht erstes Ziel der Meditationsübung.

Wir alle denken. Es ist normal, da unser Gehirn unentwegt neue Gedanken produziert. Es ist normalerweise nicht möglich das Gehirn einfach "abzustellen". Alternativ lohnt es sich aber zu versuchen, ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Ihren Atem zu richten, sobald Ihre Gedanken "ihr eigenes Ding drehen".

Negatives neugierig beobachten

Wenn Gedanken oder Gefühle in Ihnen aufsteigen, lassen Sie es zu. Wir alle versuchen Gefühle und Gedanken an Ärgerliches und an Ängste zu vermeiden. Doch genau da sollten wir aufmerksam sein. Wenn Angst- oder Wutgefühle in uns aufsteigen, können wir darin für einige Augenblicke verweilen und sie neugierig beobachten.

Sich kennenlernen

Es ist Zeit: lernen Sie sich besser kennen. Es geht nicht allein darum Ihre Wahrnehmung zu fokussieren: Es geht darum Ihre Denkweise besser kennen zu lernen:
"Was geht da vor sich in meinem Denken?"

"Ich bin mein Freund"

Freunden Sie sich mit sich an. Sie möchten sich besser kennenlernen? In Ordnung. Aber bitte seien Sie freundlich zu sich und kritisieren Sie sich nicht. Werden Sie zu Ihrem eigenen Freund, den Sie anlächeln und lieben lernen.

Innenwahrnehmung und Körperbewusstsein

Nach einigem Üben, fällt es Ihnen bald leichter Ihren Atem zu beobachten. Als nächstes nehmen Sie Ihren Körper wahr. Fühlen in jeden Teil Ihres Körpers hinein, während jedem Atemzug. Das heißt, dass Sie dabei an jeden einzelnen Körperteil denken: die Kopfhaut, das Gesicht, die Stirn, die Augenbrauen, die Augen, die Augenlieder, die Nase, den Mund, die Wangen, das Kinn, die Ohren, den Hals, die Schultern, die Wirbelsäule, dann an die Oberarme, die Unterarme, die Handgelenke, die Hände, die Finger, die Fingerspitzen, dann an die Brust, den Bauchnabel, den Schamhügel, dann an ihre Oberschenkel, an ihre Knie, an ihre Waden, die Knöchel, die Füße, die Fußsohlen, die Zehen und an die Zehenspitzen und kehren Sie zuletzt ins Zentrum ihres Körpers zurück: denken Sie an Ihren Solarplexus und dann an Ihr Herz.

Außenwahrnehmung

Nachdem Sie nun eine Woche geübt haben, können Sie nun damit beginnen, Geräusche und das Licht in Ihrer Umgebung wahrzunehmen.

Nur 40 Tage

Widmen Sie sich dieser Übung. Es reicht nicht aus zu sagen "Nun gut, ich will es mal für ein paar Tage ausprobieren". Versuchen Sie sich Ihren Meditationsübungen tatsächlich hinzugeben und jeden Morgen zu üben - wenigstens für 40 Tage. 40 ist eine magische Zahl, die einem hilft, sich eine neue Gewohnheit anzuerziehen.

Eine echte Bereicherung für's ganze Leben

Auch wenn Ihnen morgens "etwas dazwischen kommt": Sie können Meditation auch auf der Arbeit, in der Mittagspause oder auf dem Weg zur oder von der Arbeit praktizieren. Denn es geht ja vor allem um eins: bewusst zu Atmen, bewusst wahrzunehmen. Meditation wird irgendwann zum Normalzustand und eine alltägliche Gewohnheit. Doch das wir Ihr gesamtes Leben bereichern. Versprochen.

Wie geht's weiter?

Zu sitzen und den Atem zu beobachten ist eine echt hilfreiche Achtsamkeitsübung. Sie werden damit Ihre Konzentration verbessern. Wenn Sie für einige Zeit an einem ruhigen Ort Meditieren geübt haben, können Sie damit anfangen Ihre Achtsamkeit auszuweiten.

  • Wenn Sie etwas stresst, nehmen Sie sich eine Minute Zeit. Versuchen Sie in dieser Zeitspanne Ihre Aufmerksamkeit auf's Jetzt zu konzentrieren.
  • Bevor Sie darüber grübeln, wie die Zukunft aussehen könnte, gönnen Sie sich immer mal wieder einen Spaziergang. Am besten morgens. Beobachten Sie beim Gehen Ihren Atem, Ihre Körperbefindlichkeit, denken Sie an Ihre Fersen wie sie den Boden berühren und nehmen Sie die Dinge in Ihrer Umgebung wahr, ohne zu werten.
  • Wenn Sie essen, tun Sie es achtsam: spüren Sie wie es sich anfühlt wenn Sie kauen, schlucken und wie es schmeckt.
  • Eine ganz besondere Übung ist die japanische Teezeremonie, die man auch als "Laie" durchführen kann: Sie nehmen jeden Handgriff bei der Teezubereitung vollbewusst wahr. Das heißt, bevor Sie eine Handlung bei der Teezubereitung vornehmen, beabsichtigen Sie es zu tun. Sie meditieren in der Zeit wo der Tee zieht und nehmen ihn voll bewusst zu sich. Schmecken Sie, spüren Sie die Wärme. Tee-Trinken kann ein wunderbares Ritual sein.
  • Auch die Wohnung aufzuräumen, abzuwaschen und den Boden zu wischen: all das kann man in Achtsamkeit tun.

Sie können immer Achtsamkeit üben - jeden Moment: im Umgang mit anderen, bei Ihrer Arbeit. Es gibt noch so unzählige andere Beispiele. Finden Sie sie!

Was ist Zen-Meditation?

von S. Levent Oezkan

Zen-Landschaft - ewigeweisheit.de

Zen ist Gedankenstille. Es ist ein Bewusstseinszustand, für den in Fernost gerne das Bild eines Sees verwendet wird, dessen stille Wasseroberfläche alles in der Umgebung reflektiert. Im Zustand des Zen kommen Denken und innerer Dialog zur Ruhe. Zen ist ein meditativer Zustand innerer Stille. 

Die Tradition des Zen ist sehr alt. In ihren Weisheitslehren fließen zwei alte Traditionen zusammen: der chinesische Daoismus und der Mahayana-Buddhismus. Die Weisheit vom Dao (Weg) wurde bereits in der chinesischen Tang-Dynastie (618–907) gelehrt, insbesondere vom großen Meister Laotze, dem das Werk Daodejing (auch: Tao-Te-King) zugeschrieben wird. Von China ausgehend, verbreitete sich der Zen-Buddhismus, dann über Vietnam, Korea bis nach Japan.

Ursprünge des Zen

Zen ist die japanische Aussprache des chinesischen Schriftsymbols für "Chan", dass seinerseits die chinesische Übersetzung des Sanskrit-Namens "Dhyana" ist, was soviel bedeutet wie "meditative Kontemplation".

Gemäß traditioneller Überieferung, gilt als Begründer des Zen, der buddhistische Mönch Bodhidharma. In ihm sehen die Lehrer des Zen, den 28. Patriarchen in der Ahnenreihe des Buddha. Man weiß allerdings nicht, ob es ihn als Person jemals gab, denn es existieren praktisch keine historischen Belege über seine Herkunft oder sein Leben. Der chinesische Mönch Daoxuan aber, verfasste um 630 n. Chr. eine Biografie über den sagenhaften Boddhidharma.

Manche Legenden sagen, Bodhidharma hätte durch seine Meditationspraxis ein Alter von 150 Jahren erlangt. Er soll aus Persien nach Indien gekommen sein und begann dort seine Lehrtätigkeit. Schließlich verbreiteten sich seine Lehren in ganz Fernost. Bodhidharma wird häufig auch im Zusammenhang mit den fabelhaften Shaolin-Mönchen erwähnt, die im alten China, neben besonderen Meditationspraktiken, die Kampfkünste (zum Beispiel Kung-Fu) zu höchster Form entwickelten.

Bodhidharma – ewigeweisheit.de

Der Patriarch Bodhidharma (wahrscheinlich 440-530): der Legende nach stammte er aus Zentralasien. Er gilt heute als Urvater der buddhistischen Zen-Tradition.

Was im Zen wichtig ist

Im Zen wird die Kontrolle des Selbst betont, die ein Mensch durch Meditation erreichen kann. Ziel ist es, durch Meditation Einblicke in die Natur des Buddhatums zu bekommen. Dabei wird auch die Bedeutung des alltäglichen Lebens besser verständlich. Auch anderen Menschen zuliebe, wird Zen praktiziert. Daher ist eines der zentralen Aspekte des Zen, die Ideale der erleuchteten Bodhisattvas zu erfüllen. Den sie gleichen aufgestiegenen Meistern, deren Bestreben es ist, nicht allein für sich Erleuchtung zu erlangen, sondern zuvor allen anderen Wesenheiten dabei zu helfen, sich aus dem Zyklus irdischen Leids zu befreien.

Das sogenannte Diamand-Sutra spricht von sechs Idealen:

  • Dana - Großzügigkeit,
  • Sila - Tugendhaftigkeit, Moral und rechte Führung,
  • Ksanti - Geduld, Toleranz und Langmut,
  • Virya - Kraft, Gewissenhaftigkeit und rechtes Bestreben,
  • Dhyana - Meditation und geistige Stille, und
  • Prajna - Weisheit und Einsicht.

Alleiniges Wissen von den Inhalten der heiligen Schriften, ist im Zen-Buddhismus eher zweitrangig. Dennoch sollen im Folgenden die wichtigsten Wissensaspekte des Zen dargestellt werden.

Im Zen gibt es vier Polaritäten: das Absolut-Relative, die Buddha-Natur, plötzliche und allmähliche Erleuchtung, sowie die esoterische und die exoterische Übertragung des Erleuchtungswissens.

Das Absolut-Relative

Form und Leere betrachten bestimmte Zen-Lehren (zum Beispiel "Madhyamaka") als nicht-dual, das heißt, sie sind eins:

Form ist Leere und Leere ist Form.

- Aus dem Sutra der höchsten Weisheit

Damit wird aber gleichzeitig verneint, dass Samsara und Nirvana nicht von einander verschieden sind. Samsara bezeichnet den fortwährenden Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Nirvana aber steht für das Verlassen des leidvollen Zyklus des Samsara. Wenn Samsara und Nirvana aber nicht das Selbe sind, wie stehen sie dann zueinander in Verbindung?

Dafür steht ein Mantra, mit dem das sogenannte "Sutra der höchsten Weisheit" (auch: "Herzsutra") schließt:

gate gate paragate parasamgate bodhi svaha
Übersetzung: Gegangen, gegangen, hinübergegangen, ganz hinübergegangen, oh welch ein Erwachen, vollkommener Segen!

 

Das bedeutet, dass das Streben des Erleuchteten im Samsara letztendlichübergeht ins Nirvana. Damit sind beide Konzepte nicht voneinander getrennt, sind Nicht-Dual und nur verschieden im Grad. Sobald sich eine neue Seele in die Welt des Samsara inkarniert, ist sie bereits im Begriff diese Welt wieder zu verlassen. Alles was körperliche Form annimmt, verliert irgendwann seine Form und entschwindet wieder in die Leere. Aus der Lebensspanne eines Menschen betrachtet, bewegt sich, wer geboren wird, bereits wieder aus seinem Körper heraus, denn dieser altert und stirbt irgendwann. Die ewige Seele aber lebt fort.

Buddha-Natur und Leerheit

Alle fühlenden Wesen, Pflanzen, Tiere und Menschen besitzen Buddha-Natur. Aus ihr entwickelt sich das Erwachen in die Realität des Seins. Jeder Mensch, nicht allein Mönche, tragen dieses spirituelle Potential in sich. Wem das bewusst wird und wer die Verunreinigungen in Fühlen und Denken beseitigt hat, wird sich dieser absoluten Realität bewusst. So einer transformiert seine Existenz in den Buddha-Körper - den Dharmakaya. Er ist die vollkommen reale Erscheinung, worin man einen Buddha erkennt - aufgeladen mit der spirituellen Kraft aller weltlichen Erscheinungen.

Sowohl im Buddhsimus, wie auch im Daoismus heißt es, dass die Welt der Erscheinungen, auf einer transzendentalen Realität beruht. Das bedeutet, dass das Transzendentale auf der Vorstellung basiert, dass man Erkenntnisse nicht allein durch empirische Beweise erlangen kann, sondern es Erkenntnisse gibt, deren Gültigkeit überhaupt nicht erst bewiesen werden muss! Vielmehr geht es um ein direktes Erfahren von Wahrheiten, was etwa in einer Initiation, als absolute "Gewissheit" wahr-genommen wird.

Diese transzendentale Realität bezeichnet man im Buddhismus als Shunyata: alles ist leer und nicht von Dauer, wobei sich dennoch alles gegenseitig bedingt. Im Daoismus nennt man diese Realität, der eigentlichen Leerheit aller Dinge, "Wu" - die Nichtheit. Unsere Wahrnehmung jedoch empfindet die Welt als Raum, der konkrete Objekte enthält, die einen Namen tragen. Doch je näher man sich diese Dinge in der Welt anschaut, desto mehr erkennt man ihre eigentliche Leerheit.

Das belegt auch die moderne Quantenphysik: der alte Philosoph Demokrit glaubte an ein unteilbares Teilchen, dem er den Namen "Atom" gab (griech.: atomos, "das Unteilbare"). Anfang des 20. Jhd. aber wusste man, dass sich ein Atom aus Elektronen und Atomkern zusammengesetzt. Atomkern und Atomhülle aber trennt ein verhältnismäßig riesiger leerer Raum. Atomkern und -hülle stehen zueinander Verhältnis, wie ein Stecknadelkopf zu einer Kugel von 100 Metern Durchmesser! Dazwischen ist nur Leere. Das heißt, die sogenannte, von den Elektronen gebildete Atomhülle (Orbital) trennt ein Vakuum vom Atomkern, ist ein Nichts. Auch die Elementarteilchen des Atomkerns, das sind Protonen und Neutronen, auch sie bestehen, wie man heute weiß, wiederum aus noch viel kleineren Einheiten (Quarks). Letztendlich sind sich immer mehr Wissenschaftler darüber einig, dass selbst auf dieser subatomaren Ebene, erneut unzählige Untereinheiten aufgerollt sind (String-Theorie). Doch was befindet sich zwischen diesen Einheiten? Auch wieder Leere?

Im buddhistischen Sutra der höchsten Weisheit lesen wir:

Oh, Sariputra: die Formen unterscheiden sich nicht von der Leere,
und die Leere unterscheidet sich nicht von der Form.
Form ist Leere und Leere ist Form;
Das Selbe gilt für die Gefühle, Wahrnehmungen, den Willen und das Bewusstsein.

Alles was wir wahrnehmen ist das Resultat der soegannten Skandhas: der Sinnesempfindungen des Körpers, der Gefühle, der Wahrnehmungen, der Geistformen unseres Denkens und des Bewusstseins. Die wahrgenommenen Dinge sind aber bloße Vorstellungen und niemals das Ding an sich. Darum kann man sagen: eigentlich ist alles leer. Nur lässt sich das intellektuell nicht vorstellen, sondern muss, so die Zen-Meister, in der tiefer Meditation be-griffen werden. 

Plötzliche und allmähliche Erleuchtung

Im Buddhismus bezeichnet man einen Erkenntnisvorgang als Bodhi, was häugig auch als "Erwachen" oder eben als "Erleuchtung" bezeichnet wird. Dieser Vorgang erfolgt auf dem vom Buddha gelehrten Erlösungs­weg. Einer der Bodhi aus eigener Kraft entwickelt hat, den nennt man einen Buddha - jemanden, der Reinheit und Vollkommenheit seines Geistes erreicht hat, der unendliches Mitgefühl und vollkommene Heiterkeit besitzt.

Dieser Bodhi-Zustand soll laut verschiedener Lehrmeinungen entweder spontan oder allmäglich eintreten. Doch hier bewegen sich die Gelehrten des Zen auf einem Scheideweg. Denn dem Erlebnis plötzlichen Erwachens steht, die allmähliche Erlangung der Erleuchtung gegenüber. Plötzliche Erleuchtung, sagen manche, ist ohne spirituellen Meister unmöglich. Zum Zustand der Erleuchtung, wie sie etwa der achtgliedrige Pfad des indischen Yoga beschreibt, kann einen Schüler nur ein Eingeweihter führen. 

Wer unbedingt darauf aus ist Erleuchtung zu erlangen, der erreicht laut mancher Zen-Meister genau das Gegenteil. Denn für sie ist der Wunsch ein Erleuchteter zu werden, ganz und gar absurd. Schließlich bedeutet Erleuchtung einen Akt selbstlosen Aufgehens in dem, was wir oben als die Buddha-Natur bezeichneten: jenem erhabenen Ziel der Bodhisattvas.

Ausschnitt eines Gemäldes aus dem 9. Jhd. in der Höhle von Bezeklik, nahe Turfan (China) – ewigeweisheit.de

Der Meister (links, möglicherweise eine andere Darstellung des Bodhidharma) unterrichtet seinen Schüler (rechts). Ausschnitt eines Gemäldes aus dem 9. Jhd. in der Höhle von Bezeklik, nahe Turfan (China).

Esoterische und exoterische Übertragung

Es gibt im Zen die Vorstellung einer Übertragung von Geist zu Geist. Dies nennt man die "esoterische Übertragung" der Tradition, wo ein Schüler von einem Meister, durch dessen Anwesenheit, sozusagen von Angesicht zu Angesicht erleuchtet wird. Es ist etwa zu vergleichen mit einer Kerze, die eine andere Kerze entzünden kann und damit quasi "erleuchtet". Die Lehren von einem Meister zu empfangen, sind wesentlicher Bestandteil der Zen-Tradition. Ein Meister hat die Barrieren des Unwissens durchbrochen und kann durch seine Ausstrahlung, seine Mimik und seine Redeart, in der Gegenwart des Schülers weit mehr erreichen, als würde dieser nur alleine lernen. Mit anderen Worten: Ein Zen-Meister vermag in seinem Schüler erstaunliche Visionen zu entfachen. Es geht im Zen weniger um intellektuelles Verstehen, als vielmehr um ein direktes Erfahren der esoterischen Lehren des Buddhismus. 

Für eine exoterische Übertragung bedarf es eines direkten Zugangs zu den Zen-Lehren. Gerne wird hierfür das Bild einer leuchtenden Lampe verwendet, die ein Zen-Schüler plötzlich "entdeckt". Ein Zen-Schüler kann sich durch persönliche Studien, auch selbst in einen Zustand inneren Gewahrseins bringen und dabei durchaus erleuchtende Erweckungsmomente erleben. Es geht also um beides: in der esoterischen Übertragung der Lehre spielt der richtige Meister eine Rolle, in der exoterischen Übertragung, wird durch die Kontemplation, einer von Außen kommenden Inspiration, der Zen-Schüler zur Erleuchtung gebracht.

Zazen: Meditative Praxis im Zen

Im Zentrum der Zen-Tradition steht die Praxis der Meditation - genannt Zazen (das "z" wird als stimmhaftes "s" ausgesprochen, wie etwa bei "sitzen"). Ziel des Zazen ist ruhig sitzen zu lernen und dabei alle beurteilenden und wertenden Gedanken auszublenden. Alle Vorstellungen, inneren Bilder und Gedanken gehen vor dem inneren Auge vorrüber, ohne daran zu haften, ohne den Wunsch an ihnen festzuhalten.

Sitzhaltung

Die Sitzhaltung im Zazen erfolgt aufrecht, mit entspannter Wirbelsäule und mit verschränkten Beinen und Händen. Eine Hand hält den Daumen der anderen, während die andere, die Daumen-haltende Hand unten umschließt und dabei im Schoß liegt. Alternativ können beide Hände auch das sogenannte Dhyana-Mudra einnehmen (siehe Handhaltung Abb. unten). In dieser Sitzhaltung atmet der Übende aus dem Unterbauch (japanisch: Hara). Seine Augen sind halb-geöffnet, damit er weder durch äußere Eindrücke gestört wird, noch sich zu sehr von den Vorgängen im Außen entfernt.

Für die Beinhaltung gibt es verschiedene Möglichkeiten: vom Lotus- über den Halb-Lotus-Sitz, bis zum Kniesitz oder dem im Westen so genannten "Schneidersitz". Letzte Sitzhaltung ist für Anfänger im Zazen besonders geeignet. Auch im Stuhl zu sitzen ist durchaus möglich, am besten auf einem geeigneten Kissen. Jedoch lehnt sich der Meditierende nicht an, sondern setzt sich halb auf die Stuhlkante.

Man kann sich entspannt setzen, egal ob auf den Boden oder auf einen Stuhl. Doch es sollte nicht zu bequem sein, da sonst die "Gefahr" besteht einzuschlafen.

Daisetz Teitaro Suzuki – ewigeweisheit.de

Das Dhyana-Mudra: eine Form der Handhaltung in der Zazen-Meditation.

Beobachten von Atem und Denken

Um den Gedankenfluss zu kontrollieren schaut man auf die Bewegung des Atems, während man die Atemzüge zählt. Dabei konzentriert man seine innere Aufmerksamkeit auf das Energiezentrum zwischen Nabel und Schamhügel - was die Japaner "Hara" nennen.

In diesem bewussten Atmen, betrachtet der Meditierende seinen Gedankenstrom, ohne an einzelnen Gedanken festzuhalten oder sie zu bewerten. Wie Wolken erheben sie sich vor ihm und schweben an ihm vorrüber. Doch diese Übung ist leichter beschrieben, als tatsächlich praktiziert. Es ist nicht immer einfach die Kette von Gedanken und inneren Bildern, einfach loszulassen. Am besten man lenkt den Gedankenstrom auf tatsächlich belanglose Gedanken, wie etwa über das Wetter oder darüber was man aß. Auch nach den Geräuschen des Atems zu lauschen hilft.

Wenn im Zazen grundsätzlich angeraten ist, in Stille zu meditieren, lässt es sich nicht immer vermeiden, dass externe Geräusche zu einem durchdringen. Solche Geräusche können vom Wind rauschender Blätter stammen oder ein entfernter Straßenlärm sein. Auf solche Hintergrundgeräusche, kann man sich während der Atemübung sehr gut konzentrieren.

So kehrt allmählich innere Stille und Gedankenleere ein. Doch diese Stille besitzt ihre eigene Konsistenz, die dann in einem weiteren Schritt, durch heilige Verse gefüllt werden kann. Solche Mantras kann man in die Meditationsstimmung denkend, sprechend oder sogar singend einfließen lassen.

Heiliges Reden und heiliges Schweigen gehören beide zum Tun des Erwachten.

- Ausspruch eines Zen-Meisters

Wer nach langem und geduldigem Üben, auf dieser Stufe der Meditation angelangt ist, bewegt sich in einen Bewusstseinsbereich, den man als Satori bezeichnet. Es ist ein Zustand der vom Übenden, gewiss als Lohn für eine ausreichende Meditationspraxis "empfangen" wird.

Das japanische Wort Satori steht für die Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins. Letztendlich kann man den Satori-Zustand nicht beschreiben, sondern nur persönlich erfahren. Wer diese Erfahrung jedoch macht, kennt für immer den Unterschied zwischen Denken (oder dem ununterbrochenen inneren Dialog) und vollkommener Gedankenstille.

Als man den japanischen Zen-Meister Daisetsu Teitaro Suzuki einst fragte, was Satori sei, antwortete er:

Ws ist wie die gewöhnliche Erfahrung des Alltags - nur zwei Fingerbreit über dem Boden schwebend.

Nutzen des Zazen

Wer Zazen praktiziert, kommt sich selbst allmählich näher und erwacht aus dem schlafähnlichen Zustand ununterbrochenen Denkens. Wie gesagt, bedarf es zum Üben nicht viel: eine bequeme Sitzmöglichkeit, vielleicht durch ein Kissen unterstützt und eine individuell, als bequem empfundene Sitzhaltung reichen aus. Als Meditierender nimmt man dann die Gegenwart des Atems war. Durch die Praxis des Zazen, kamen die Heiligen in Fernost zur Erleuchtung - auch der Gautama Buddha.

Zazen bedeutet aber nicht nur eine bestimmte Form der Meditation, sondern ist eine Lebenshaltung, die den Praktizierenden nach und nach, sich und die Welt, bewusster wahrnehmen lässt. Es ist eine Kraftquelle, aus der man für alle täglichen Aktivitäten schöpfen kann. Ganz gleich ob man sitzt, geht, arbeitet, denkt oder redet: Zazen hilft, all das, unvermindert, in vollkommener Ruhe zu tun.

Doch Zazen will geübt sein - im stillen Raum zuhause, zusammen mit anderen im Tempel oder bei einem gemütlichen Spaziergang. Es kommt darauf an, die Bewusstheit zunächst auf den Atem, dann auf den Körper und schließlich auf die Eindrücke im Außen zu richten - völlig klar und ohne Wertung. 

Wer die Rufe seines Ego und die sprudelnden Gedankenreize des Unterbewusstseins, durch Zazen zum Schweigen bringt, der wird immer mehr mit der universalen Kraft des Kosmos verschmelzen.

 

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Achtsamkeit - Auf dem Weg zu Wachstum und Veränderung

von S. Levent Oezkan

Bodhidarma - ewigeweisheit.de

Achtsamkeit ist einer der zentralen Begriffe der buddhistischen Tradition. So heißt es dort, dass wer Achtsamkeit praktiziert, aus sich selbst heraus Selbsterkenntnis und Weisheit erfährt. Stets achtsam, lebt man ein Leben im Hier und Jetzt - beobachtet nur den gegenwärtigen Augenblick.

Wer achtsam meditierend, seine Wahrnehmung veredelt, soll sich, so die Lehren der Buddhisten, irgendwann vollständig aus dem schmerzvollen Kreislauf des Leids erlösen können.

Achtsam sein bedeutet aber nicht etwa alles zu beurteilen, Dinge oder Vorgänge zu bewerten. Der Begriff Achtsamkeits-Meditation meint eher die Praxis, jeden Augenblick aufmerksam zu sein und in die Welt zu blicken, ohne an irgend etwas oder an irgend jemandes persönlicher Erscheinung zu haften. Wem gelingt, wirklich zu sehen, ohne dass sich Vorstellungen, Annahmen und Meinungen aus der Vergangenheit, in den gegenwärtigen Augenblick der Betrachtung einmischen, der kann seine mentalen Kräfte am effektivsten einsetzen.

Der westliche Durchschnittmensch aber schwelgt stets in Erinnerungen. Er hängt sich Fotos von sich, seinen Verwandten und Freunden auf, von Orten an denen man Urlaub gemacht hat. Eigentlich lässt sich daran nichts aussetzen. Erinnerungen sind aber nicht immer positiv und lösen dann vielleicht auch einen Nachgeschmack aus, der weniger zuträglich ist - mit anderen Worten: Denken kreist dann um Probleme, die man mit der Welt, mit seinen Mitmenschen und mit sich selbst hatte, die aber schon längst der Vergangenheit angehören. Auch wenn aus dieser Art Gedanken zum Glück auch Hoffnungen werden, haften an solchen Erinnerungen leider auch Ängste davor, wieder enttäuscht zu werden, alleine zu sein, krank zu werden und so weiter.

Menschliches Denken neigt manchmal auch zu zwanghaften Vorstellungen, insbesondere über Situationen, die man einst mit einem anderen Menschen erlebte. Man hätte vielleicht gerne etwas anderes erfahren und gibt sich darum der Illusion hin, man könne in der Erinnerung an ein gemeinsames Erlebnis, daran nochmal etwas ändern, zumindest aber sich daran noch einmal laben. So aber hält man sein Denken in einem ewigen Gestern. 

Wer Achtsamkeit übt, kann aus solchen Gedankenkreisläufen entrinnen. Zufällige, gewöhnliche Gedanken nerven dann nicht mehr. Denn wer in seinem Denken in der Gegenwart bleibt, kann sich tatsächlich aus alten Mustern befreien: schließlich handelt er aus der Gegenwart und nicht mehr aus den Erinnerungen daran, was vielleicht einst schief gelaufen war. Mit anderen Worten: wer im Jetzt handelt, wird für seine Taten gerecht belohnt.

Handle in deinem Leben so, als wäre es deines Lebens letzte Tat.

- Marcus Aurelius

Eine einfache Übung in Achtsamkeit

Benutzen Sie Pausen zwischen Ihren Handlungen. Das heißt, bevor Sie etwas tun, nehmen Sie sich ein, zwei Sekunden Zeit. Sie können zum Beispiel in Gedanken den Satz sprechen, der die anstehende Handlung beschreibt: "ich werde jetzt essen", "ich werde jetzt das Haus verlassen", "ich werde jetzt aufstehen", "ich werde mich jetzt setzen."

Lernen Sie vor jeder Tätigkeit kurz innezuhalten und sich zur folgenden Tat, voll zu "bekennen". Das mag etwas übertrieben klingen, doch wenn sie so, jede ihrer Handlungen und Taten ausüben (auch die niedrigsten), bleibt Ihnen garnichts anderes übrig, als achtsam zu sein. Denn die "Bekenntnis" zu dem was folgt, lässt sie voll bewusst handeln. Sie beobachten dann was sie tun, ohne Urteil, ohne Wertung.

Gut möglich, dass Ihnen das zu Anfangs etwas künstlich vorkommt - und das ist auch gut so, damit nämlich vermeiden sie Ihren gewohnten Automatismus, den Sie vielleicht neben Ihrem ununterbrochenen Nachdenken ausüben.

Dann, nach diesem kurzen Innehalten, geben sie den darauf folgenden Handlung nach. Doch lassen Sie sich Zeit und übertreiben Sie es nicht. Achtsamkeit lässt sich nicht erzwingen.

Achtsamkeit ist aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, völlig frei von Motiven oder Wünschen - ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.

- Jiddu Krishnamurti

Was der Buddha über Achtsamkeit lehrte

Alle Gelehrten sind sich einig: im Kern stammen die Lehren über Achtsamkeitsübungen vom Buddha selbst. Nicht aber ist Achtsamkeit etwas, dass nur von buddhistischen Mönchen oder Nonnen praktiziert wird. Es sei jedem empfohlen, sich in Achtsamkeit zu üben. Die erste Stufe zu einem bewussten Leben im Jetzt, ist die Beobachtung des Atems. Es gibt viele Einzelheiten, die man am Atemvorgang beobachten kann:

  • Beim Einatmen hebt sich die Bauchdecke,
  • beim Ausatmen senkt sie sich. Man kann diesen Vorgang bewusster wahrnehmen, indem man sich mit der Hand leicht den Bauch hält und nachspürt.
  • Bewusst wahrnehmen lässt sich auch der Wechsel vom Einatmen zum Ausatmen.
  • Ebenso umgekehrt: kurz nachdem wir ausgeatmet haben, können wir bewusst das Einatmen des nächsten Atemzugs beobachten - liebevoll, in klarem Gemüt.
  • Durch das Atmen findet in unserem Gesicht eine leichte Temperaturänderung statt, vorausgesetzt wir sitzen in einem windstillen Raum: beim Einatmen kühlt sich der Gesichtsbereich um die Nase etwas ab, beim Ausatmen erwärmt er sich leicht.

Doch es geht hier nicht darum den Atemvorgang, in irgend einer Form zu analysieren oder aus den Bewegungen etwas zu diagnostizieren. Eher soll man sich selbst durch bewusstes Atmen näher kommen, den Gedankenstrom dabei entspannen und stattdessen die Atembewegung anschauen, als ruhte unser Blick liebevoll auf einem Freund oder Menschen den wir mögen.

Bewusstes Atmen und Körperwahrnehmung

Alles beginnt mit der bewussten Betrachtung des Atems. Es hilft beim Atmen bewusst zu bleiben, wenn wir jeden Atemzug zählen, etwas an dem wir uns festhalten können, denn sicherlich drängen sich in der Atemmeditation, immer wieder irgendwelche Gedanken und Erinnerungen auf.

Das Zählen der Atemzüge dient als roter Faden:

  • einatmen - eins,
  • ausatmen - zwei,
  • einatmen - drei,
  • ausatmen - vier,
  • ... und so fort bis zehn.

Wenn wir ausversehen auf elf oder zwölf oder weiter zählen: beginnen wir einfach wieder mit dem nächsten Einatmen bei Eins.

Voll bewusst atmend, ohne über diese Übung nachzudenken, können wir dazu übergehen, als nächstes unsere Achtsamkeit auf die Umwelt und unseren Körper zu richten:

  • man hört auf Geräusche in der Umgebung, hört auf den Luftstrom des Atems,
  • nimmt wahr, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt,
  • fühlt Augen, Ohren, Lippen und Kinn,
  • bringt die Aufmerksamkeit am Hals hinab bis auf Brusthöhe,
  • spürt seine Arme, Hände, Finger und Fingerspitzen,
  • bringt die Wahrnehmung von dort in den Beckenbereich, in die Beine, Füße, Zehen und Zehenspitzen.

Dem folgt die meditative Beobachtung der Gefühle und schließlich der Gedanken.

Immer aber erinnern wir uns daran: "Ich habe Zeit".

Lösen der Anspannung

Schritt für Schritt kommen wir dem näher, dass uns befreit von Sorgen und Ängsten. Geduldig erlangen wir Klarheit und Festigkeit in unserem Handeln, Fühlen und Denken. Ziel ist, dabei entspannt zu bleiben, ganz gleich was sich in uns oder um uns ereignet. Es gilt, allmählich den Wunsch abzulegen auf etwas zu reagieren. Dieser Wunsch ist oft besonders ausgeprägt in unserem Denken, wo wir uns, wie oben bereits angedeutet, vergangene Ereignisse noch einmal vergegenwärtigen wollen. Das ist eigentlich in Ordnung, solange es nur die schönen Momente im Leben sind. Viel zu oft aber ärgern wir uns erneut, über uns selbst oder über einen anderen Menschen. Auf so etwas nicht mehr reagieren zu wollen, ist einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu wahrer Meditation und Geistesstille.

Sobald sich uns ein unerwünschter Gedanke in den Weg stellt, kämpfen wir nicht dagegen an, wie etwa "ich darf daran jetzt nicht denken" oder "ich will damit nichts mehr zu tun haben" oder "ich muss still werden". Vielmehr lassen wir Ihn gehen, so wie er kam, denn schließlich haben wir ihn selbst durch unser Denken angezogen. Ebenso einfach können wir ihn weiterziehen lassen. Unsere Gedanken schweben in unserem Bewusstsein, wie die Wolken am Himmel. Wir betrachten sie, doch bewerten nicht.

Wahrnehmung ohne Wertung

Anders als manch moderne Meditationstechnik, verfolgt die Achtsamkeitsmeditation kein besonderes Ziel - bis auf das Erreichen, vollkommener Achtsamkeit. Was bedeutet das?

Der Buddha lehrte, dass der Wunsch etwas in der Welt zu erreichen oder zu verändern, immer zu Leid führt. Doch Vorsicht! Das bedeutet keineswegs, dass man keine Ziele haben sollte! Nein, hier ist etwas anderes gemeint. Achtsamkeit an sich benötigt kein Ziel. Man ist entweder achtsam oder wird von seinem persönlichen Denker dazu angehalten, ununterbrochen Urteile zu fällen. Ein Urteil fällt man jedoch immer nur über ein Ereignis aus der Vergangenheit, denn es folgt immer dem was bereits eingetreten, was schon geschehen war. Aus einem Bewusstsein der Vergangenheit, um es einmal so zu nennen, ergeben sich jedoch Befürchtungen vor den Ungewissheiten der Zukunft. Man hat dann vielleicht auch Angst, dass sich ein negatives Ereignis wiederholen könnte.

Achtsamkeit bedeutet bewusst im Jetzt zu leben und zu erfahren, was sich in den Sekunden jedes Augen-Blicks, in uns und um uns ereignet. Es besteht also keine Absicht etwas zu verändern, bewirken oder beeinflussen zu wollen. Einziger Wunsch ist aufmerksam zu sein und zu beobachten: wie sich unser Atem bewegt, was wir sehen, hören und was wir fühlen - ohne Wertung, ohne Lob und ohne Tadel.

Es gibt keine genauen Regeln, wie man Achtsamkeit übt. Man kann immer achtsam sein. Der Buddha lehrte, in den Stunden des Wachseins, stets achtsam zu sein. Auch wenn das zu Anfangs schwer fällt, können wir lernen, jeden Atemzug bewusst zu nehmen und ebenso bewusst wieder los zu lassen. Auch auf die Körperposition zu achten, auf den Wechsel von einer Haltung in eine andere: all das lässt sich bewusst wahrnehmen - wenn man es will!

Im Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen - im Sprechen und im Schweigen - sei einer bei klarem Bewusstsein. Auf diese Weise erreicht einer Achtsamkeit und reines Verstehen.

- Der Buddha

Jain-Mönch in Meditation – ewigeweisheit.de

Meditierender Jain-Mönch in Palitana, Gujarat, Indien (1928).

Wie man Achtsamkeit übt

Die Grundzüge der Achtsamkeitsübungen sind vielleicht von Schulrichtung zu Schulrichtung verschieden. Was aber für andere Lehren und Meditationspraktiken gilt, trifft auch zu für die Verbesserung der Achtsamkeit: jeder sollte einen für sich passenden Weg finden, achtsamer zu werden.

Achtsamkeitsübungen und -meditationen, können alle Menschen in ihrem Leben unterstützen - in ihrer Arbeit mit anderen und an sich selbst. Wer unter Panikattaken oder Aufmerksamkeitsmangel, an Depressionen oder Ängsten leidet: allen kann es helfen, sich ernsthaft mit Meditation und Achtsamkeit zu beschäftigen. Das scheinen auch immer mehr Psychotherapeuten und Psychiater im Westen zu verstehen, weshalb sie Achtsamkeitsübungen als Hilfsmittel, in ihre Arbeit mit ihren Patienten integrieren.

Wer achtsam lebt, kann seine dabei gemachten Erfahrungen dazu verwenden, seine innere, emotionale Intelligenz zu verbessern. Das heißt, ihm gelingt ein Selbstbewusstsein zu entwickeln dafür, mit Stress, Sorgen, Ängsten und Ärger besser umzugehen. Was für das Innen zutriff, gilt auch für das Leben im Umgang mit anderen: wer achtsam lebt, verfügt über ausreichend Empathie, um die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen - was natürlich die besten Voraussetzungen für einen Menschen sein sollten, der zum Beispiel die Mitarbeiter eines Unternehmens führen möchte.

Achtsamkeitsübungen sind gute Ergänzungen zur Körpergymnastik und Hatha-Yoga. Sie tragen bei zu physischem und psychischem Gleichgewicht. Wer sich darum in Achtsamkeit üben möchte, sollte seine Aufgeschlossenheit bewahren und dran bleiben. Doch all das ist nur möglich, wenn man auch zulässt, dass man manchmal eben unentspannt ist, dass man eben manchmal ängstlich, manchmal zornig ist. Achtsam sein ist weder Gebot, noch verbietet es einem, sich so oder anders zu verhalten.

Einer ist viel weniger besorgt, wenn er sich nicht verbietet ängstlich zu sein - das Selbe gilt für Schuldgefühle.

- Alan Watts

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Über den Zen-Buddhismus

Gehen ist Zen, sitzen ist auch Zen.
Rede ich, schweige ich.
Ruhe ich, eile ich.
Dem Wesen nach ist alles das Unbewegte.

- Altes Zen-Gedicht

Es gibt drei Schulen die den Menschen auf dem Weg zum Buddhatum begleiten:
Hinayana (sanskr. हीनयान, "kleiner Weg"), Mahayana (sanskr. महायान,  "Großer Weg") und Vajrayana (sanskr. वज्रयान, "Diamantweg").

Hinayana ist die ältere buddhistische Schule. Sie ist einfacher und man findet in ihren Lehren solche Weisheiten, die sich eher auf das alltägliche Leben beziehen. Der Mahayana-Buddhismus ist eine höher entwickelte Lehre, die sich um die Erlösung vom Leiden aller Lebewesen, inklusive der des eigenen Lebens bemüht, wobei der Praktizierende dafür die persönliche Verantwortung übernimmt und das Wohl der eigenen Person dem Wohl aller anderen Lebewesen unterordnet. Der Vajrayana hat seinen Ursprung im Mahayana und ist der esoterische Zweig des Buddhismus.
Früher fanden sich die Buddhismus-Schulen des Hinayana in Sri Lanka, Burma, Thailand, sowie im südlichen Japan - die des Mahayana in Nordindien, Nepal, Tibet und im Norden Japans. Vajrayana wurde ursprünglich im tibeto-mongolischen Raum ausgeübt. Heute findet man Vajrayana-Schulen auch im Westen, viele davon in Deutschland, Österreich und in der Schweiz.

Was heute im Westen unter Buddhismus verstanden wird, ist all das womit sich der kleine Weg des Hinayana beschäftigt. Erst durch den 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso gelangten auch die Weisheiten und Meditationspraktiken des Mahayana-Buddhismus in den Westen.

Das gesamte System der buddhistischen Weisheitslehren wurde in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden von vielen verschiedenen Stämmen und Volksgruppen übernommen und verändert. Das Wesen des "Ur-Buddhismus" ist aber am Besten in Nepal, Tibet (wobei die gegenwärtige chinesische Staatsführung die Ausübung des tibetischen Buddhismus nur duldet) und Japan erhalten geblieben.

Eine eigene Stellung im Kontext fernöstlicher Weisheitsschulen hat der Zen-Buddhismus. Im Zen (chin. 禪, "Zustand meditativer Versenkung") finden wir einige sehr effiziente Praktiken, die dem Menschen dabei helfen viele Lebensprobleme durch richtige Meditation zu bewältigen. Viele praktische Anwendungsformen kamen durch Graf Dürckheim in den deutschsprachigen Raum.

Zen zielt auf nichts anderes, als auf die Befreiung des Menschen aus der Not der Entfremdung und auf seine Wiederverankerung im Sein.

- Karlfried Graf Dürckheim, Psychologe und Zen-Meister

Die Zen-Tradition ist wahrscheinlich sogar aber noch älter als der Buddhismus. Weisheit und Praxis des Zen wurde vom Lehrer an den Schüler weitergegeben, schon bevor die Lehre des "herabgestiegenen" Eingeweihten Siddhartha Gautama (Buddha) in die Welt kam. Zen harmoniert mit den Lehren des Buddhismus, als seien beide Schulrichtungen aus der selben Wurzel hervorgegangen.
Man könnte auch sagen, dass das die Verquickung beider spiritueller Wege in Japan zu einem "Neuen Buddhismus" geführt hat.
So wie auch die ursprüngliche Lehre des Buddha von Mund zu Ohr, vom Meister an den Schüler weitergegeben wurde, so auch diejenige des Zen.

Ein berühmter Meister des Zen-Buddhismus wurde einmal nach dem Wesen des Zen befragt. Zunächst verweigerte er zu antworten, doch weiter mit Fragen genötigt sagte er:

Was Zen ist, entzieht sich jedem Begriff und so kann man eigentlich über Zen nichts sagen. Eine Beschreibung dessen was Zen ist, unterscheidet sich vom wirklichen Zen genauso, wie eine Aussage darüber, wie es sich anfühlt wenn man seinen Finger in kochendes Wasser steckt, und der Erfahrung die man macht, wenn man es wirklich tut.


Zen-Meister Wei Chueh

Zen ist also keine Lehre die der Verstand begreifen kann, sondern eine lebendige Erfahrung. Sie kennen zu lernen haben sich alle Zen-Praktizierenden zum Ziel gesetzt.
Zen lehrt den Weg zu dieser Erfahrung, in der uns aufgeht, dass unser Dasein zwischen Geburt und Sterben in einem überweltlichen Sein wurzelt. Wir sind dieses Sein. Es liegt nur im rationalen Verstand eines jeden Menschen verborgen, damit wir es erst mit dem Erlangen eines höheren Bewusstseins wiederentdecken. Zen heißt wesentlich zu leben, um dabei die innerste, dynamische Wirklichkeit unseres menschlichen Seins zu erfahren. Dieses verborgene Sein in jedem von uns, drängt danach in der Welt sichtbar zu werden.

Wie auch im Mahayana distanziert sich der Zen von jedem Götzendienst. Zeitweise waren Zen-Buddhisten regelrechte Bilderstürmer. So soll der chinesische Weise Tan Hia (lebte um 824), als es ihm im Winter zu kalt wurde, seinen Ofen mit hölzernen Buddhastatuen beheizt haben.

Der Zen-Buddhismus hat viele Eigenheiten. Die Weisen der Vergangenheit verwendeten gerne außergewöhnliche, allegorische Handlungen, um ihren Schülern tiefere Einblicke in das Wesen des Seins zu vermitteln. Hierzu fingen sie manchmal plötzlich an ihren langen Bart mit einer Haarbürste zu kämmen, schlugen mit einem Stock auf einen Stuhl, oder schrien plötzlich laut auf.

Alles beginnt mit dem Putzen des Bodens.

Sagt Masataka Toga, Direktor für Zen-Studien an einer der Universitäten Kyotos (Japan).

Wenn Du begriffen hast, dass alle Erleuchtung mit dem Bodenputzen beginnt und mit ihm endet, hast Du Zen begriffen.

Für den Westler mag es lustig klingen, das ein Zen-Meister mit solchen Illustrationen seinem Schüler das tatsächliche Ausmaß der Wirkungen spirituellen Aufstiegs vermitteln will. Doch genau das macht die Praxis des Zen aus.

Im Westen ist Zen vor allem für sein körperliches und mentales Training bekannt. Und wie uns die Geschichte bestätigt, leben Zen-Meister ein langes und gesundes Leben - auch wenn sie in einfachsten Verhältnissen leben.
Das Mentaltraining der Zen-Praktizierenden ist äußerst wirksam und ist in vielen Lebenslagen ein gutes Gegengewicht zu Stress und Unausgeglichenheit. Ehrlich gesagt ist es eher eine Übung in Gleichmut, als wirklich etwas das einem gegen ein Unbehagen oder irgend etwas anderes negatives hilft. Es macht den Übenden weder leidenschaftlich noch leidenschaftslos, weder sentimental noch unintelligent, weder nervös noch gleichgültig. Vielmehr ist es für seine heilende Wirkung bekannt. Insbesondere in der Psychotherapie und Stressbewältigung, wird auf den großen Nutzen hingewiesen, den der Praktizierende aus dem Zen gewinnen kann.

Zen ist eine Lebens- und Geisteshaltung, die einem hilft im Jetzt zu leben und eins zu werden mit den eigenen Handlungen. Das zu tun was in diesem Augenblick nötig ist, ohne schon an das nächste Ziel zu denken - das ist das Wesen des Zen.