Merlin

König Artus und die Legende vom Heiligen Gral

von Johan von Kirschner

Der Gral umgeben von der Tafelrunde der Artus-Ritter

Der Legende nach gab man den Leib Christi in die Obhut zweier Männer, auf die in den Evangelien nur kurz hingewiesen wird: Nikodemus und Joseph von Arimathäa. Zwar zählten die beiden Frommen nicht zu den zwölf Aposteln, doch auserkoren waren sie zu Hütern der heiligen Überreste ihres Herrn.

Joseph von Arimathäa sollte zu einem der eingeweihten Brüder werden und erster »Bischof der Christenheit«. In seine Obhut gab man die Symbole des heiligen Bundes: Einen immer vollen Kelch des Lebens und einen »blutenden«, wundheilenden Speer. Damit wurde er zum Hüter dieser heiligen Reliquien Christi und man vertraute ihm dadurch die geheime Macht des Glaubens an. So sollte sich um Joseph von Arimathäa dereinst die »Geheime Kirche des Heiligen Grals« gründen.

Von der Fahrt des Grals

Die apokryphen Acta Pilati aus dem 5. Jahrhundert berichten über die Verhaftung Josephs von Arimathäa. Als nämlich der Leichnam Jesu nach seiner Auferstehung aus dem Grab verschwunden war, verurteilte man Joseph, wegen Grabraubs zu 40 Jahren Kerkerhaft. Dort im Gefängnis jedoch erschien ihm der Christus, übergab ihm den Kelch des Letzten Abendmahls Jesu und bestimmte ihn zu seinem Hüter. Allein durch die Kraft des Kelches überlebte der heilige Joseph seine Haft im Kerker. Jeden Tag flog eine Taube zu ihm und legte ein Stück Brot darauf.

Später soll ihn der Heilige Apostel Philipp dazu aufgefordert haben, mit ihm und zwölf Missionaren Palästina zu verlassen, um jene beiden heiligen Reliquien nach England zu bringen.

Nach vielen Entbehrungen erreichten schließlich der heilige Joseph, der Apostel und die Missionare die südenglische Stadt Glastonbury, von der manche glauben, dass sie auf dem Boden der einst sagenhaften Insel »Avalon« gegründet wurde (durchaus war diese Region in der südenglischen Somerset Grafschaft immer ein Marschland gewesen, wo der größte Hügel dort – der »Glastonbury Tor« – einst ein von Wasser umgebenes Eiland bildete).

In Glastonbury nun erhielt Joseph einen Platz zugewiesen, um dort den Bau einer Klosterkirche zu leiten: Die Abtei zu Glastonbury entstand. Am Tag seiner Ankunft dort, rammte er seinen hölzernen Stab in die Erde auf dem Wearyall Hill. Dieser schlug dort tatsächlich Wurzeln und wuchs zu einem schönen Weißdornbaum heran. Über zweitausend Jahre sollte er dort zweimal im Jahr blühen. Man nannte ihn den »Glastonbury Thorn« (deutsch: Dorn von Glastonbury). So also gründete Joseph dort die erste christliche Gemeinde Europas.

Wann Joseph von Arimathäa starb, weiß niemand. Einige glauben, dass er wie Henoch entrückt wurde, andere, dass man ihn in der Abtei zu Glastonbury beigesetzt hatte. Immer wieder begaben sich Menschen auf die Suche nach diesem Heiligen Gral, von dem manche glauben, er sei in einer Krypta unter der alten Abtei, gemeinsam mit dem Leichnahm Josephs von Arimathäa verborgen.

Die heilende Kraft des Grals

Wo und wann der Ursprung des Gralsmythos seinen Anfang nimmt, ist heute nur schwer fassbar. Man findet aber zu Ausgangspunkten in der Volkskunde der Inseln Großbritanniens und Irlands. Darin stößt man auf viele Legenden über magische Kessel, Becher, Trinkhörner und Kelche. Manche davon beschreiben das Gefäß, als einen Kessel der niemanden, der aus ihm trank, je sich von ihm entfernen will, da er ihm auf allen Ebenen des Seins größte Zufriedenheit und Erfüllung spendet. Sein Inhalt sei unerschöpflich und jene, die ihn bedienen, leiden niemals Hunger noch Durst.

Auf solch wundersames Trinkgefäß verweist auch eine aus dem 15. Jahrhundert stammende literarische Komposition verschiedener Erzählungen aus der altfranzösischen und mittelenglischen Artus-Epik: »Le Morte d’Arthur« (deutsch: Der Tod König des Artus) zusammengestellt von dem englischen Ritter Sir Thomas Malory (1405-1471). An etlichen Stellen ließt man darin vom »Sangreal«, einem Wunderkelch der Hunger stillt und Wunden heilt, womit sich Sir Malory an anderer Stelle des Werks auf den Heiligen Gral bezieht.

Und so kam eine weiße Taube herein, und sie trug ein kleines goldenes Gefäß in ihrem Mund, und es gab allerlei Speisen und Getränke; und eine Maid trug den Sangreal [...] Und dann knieten sie nieder und hielten ihre Andacht, und es war ein solcher Duft, als ob alle Gewürze der Welt dort gewesen wären. Und als die Taube ihren Flug antrat, verschwand die Jungfrau mit dem Sangreal, wie sie gekommen war.

[...]

So zog das heilige Gefäß des Sangreal mit allerlei Süße und Wohlgeruch vorüber; aber sie konnten nicht ohne weiteres sehen, wer das Gefäß trug, aber Sir Parzival warf einen flüchtigen Blick auf das Gefäß und auf das Mädchen, das es trug, denn er war ein vollkommen reines Mädchen; und sogleich waren sie beide so gesund und munter, wie sie es je in ihrem Leben waren

- Aus Le Morte d’Arthur, in Kapiteln 4 und 14

Der französische Name Sangreal steht für das »Blut des Königs«. Andere bringen mit dem Namen in Verbindung »Le Saing-Réal«, das »wahrhaftige Blut«, was sicherlich beides Anspielungen sind auf das Blut Christi (vergleiche Lukas 22:20).

Im Versroman »Parzival«, des deutschen Ritters Wolfram von Eschenbach (1160-1220), wird beschrieben, dass ein Mensch, ganz gleich wie schwer krank er auch sein mag, mit dem Anblick dieses Kelches geheilt sei, ja nicht einmal mehr sterben könne, sofern er ihn innerhalb acht Tagen wieder anblickt.

Als Gefäß fließender Lebenskraft, bildet der Gral also eine unerschöpfliche Quelle des Heils und eines natürlichen Lebens.

Zumal man aber Erwähnungen eines solchen heiligenden und heilenden Gefäßes auch in antiken Kulten Erwähnung findet, wäre es unangebracht die Gralssymbolik allein im christlichen Kontext zu betrachten. Solch heilige Kelche nämlich gibt es auch in den alt-griechischen Mythen um den Gott Dionysos oder Bakchos, der als Bacchus im alten Rom die Gottheit des Weines und der Ekstase personifizierte. Als Dionysos, durch die Bedeutung seines Namens, aber ebenso wie der Christus einen »Zweimalgeborenen« meint.

Halb Mensch, halb Dämon

In der Legende um den sagenhaften König Artus von England, begegnen wir einem rätselhaften Magier, über dessen Geburt man eine geheimnisvolle Legende erzählt: Als Gott den Christus Jesus gesandt hatte, um die Welt von der Knechtschaft des Bösen zu befreien, da beschloss der Widersacher, einen Antichristen zu schicken. Er sollte die Arbeit des Messias wieder zunichte machen. Da überschattete der Teufel in Gestalt eines schrecklichen Drachens, eine Jungfrau. Dieser Drachen hatte alle in ihrer Familie getötet, und spähte nun aus, auch nach ihr. Da flüchtete sie sich in ein Heiligtum, um dem Bösen zu entkommen.

Eines Tages aber brachte die junge Frau ein Kind zur Welt, dem sie den Namen »Merlin« gab. Er nahm von seiner Mutter menschliche Eigenschaften an, doch auch jene seines dämonischen Vaters. Merlin jedoch diente nicht den Mächten der Finsternis. Vielmehr hatte er sich dem Licht der Wahrheit zugekehrt, auch wenn er über zwei magische Stärken verfügte, die ihm sein Vater vererbt hatte: Die Macht der Prophezeiung und das Vermögen zur Wundertätigkeit.

Diese Geschichte über Merlins höllischen Vater, muss eigentlich allegorisch verstanden werden. Es ist nämlich eine Anspielung auf die Tatsache, dass er als »philosophischer Sohn« der Schlange (oder des Drachen) zur Welt kam – ein Titel, der auf alle Eingeweihten der Mysterien angewandt wird. Sie nämlich erkennen die Natur ihrer sterblichen Mutter an, so wie auch das, was man ihnen gab als die Weisheit ihres unsterblichen Vaters, symbolisiert in der Form eines sakralen Reptils. Was wir nämlich aus dem Buch Genesis erfahren, dass auch im Garten Eden eine Schlange die Kost vom Baum der Erkenntnis nahelegte, ist durchaus eine Tatsache, die bei anderer Auslegung überhaupt nicht allein mit den Mächten des Bösen verwechselt werden darf.

Ein himmlisches Schwert

Dieser Magier Merlin nun, war Ziehvater des kleinen Artus, den man ihm als Säugling in die Obhut übergab. In seiner Jugend bereits weihte ihn Merlin ein in die Geheimlehren der natürlichen Magie. Mit Hilfe Merlins sollte Artus zum führenden Ritter von Britannien aufsteigen: Einer dem Königtum ebenbürtigen Würde. Nachdem Artus ein Schwert aus einem Amboss gezogen hatte (andere sagen, er zog es aus einem Felsen), und auf dieser Tat seinen göttlichen Führungsanspruch gründete, half ihm Merlin dabei, von der sogenannten »Herrin vom See« das heilige Excalibur zu erlangen – ein Schwert, verfertigt aus dem Metall eines Meteors (»Himmelseisen«), dem magische und wundertätige Kräfte zugeschrieben wurden.

Eines Tages dann, sollte Artus einen auserkorenen Kreis zwölf edler Ritter um sich scharen, aus denen sich die sagenhafte Tafelrunde gründete. Nachdem Merlin dem Artus bei alle dem geholfen und seine Pflicht erfüllt hatte, verschwand er für immer. Einer Erzählung zufolge, entwich er in die Luft, wo er noch immer als Schatten existiert und nach Belieben mit den Sterblichen zu kommunizieren vermag. Einer anderen Legende nach, zog er sich aus eigenem Antrieb in ein großes steinernes Gewölbe zurück, das er jedoch von innen her verschlossen hatte – von dem wiederum einige behaupten, Nimue, die Herrin vom See (eine der avalonischen Priesterinnen) hätte ihn damit gefangen genommen.

Vier Ebenen der Zwölfheit - ewigeweisheit.de

Vier Ebenen der Zwölfheit: Ein Symbol für den Gral?
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Astrale Aspekte der arthurischen Tafelrunde

Es ist ziemlich sicher, dass man Legenden über Karl den Großen später mit Artus in Verbindung brachte. Gemeinsam mit ihm steht er in einer Linie idealen Rittertums, wie das Anfang des 14. Jahrhunderts der lothringische Dichter Jacques de Longuyon, in einem Versepos festlegte. Er nämlich verband die Ahnenlinien jener Ritter der Tafelrunde Artus’, mit Heldenfihuren der heidnischen (Hektor von Troja, Alexander dem Großen, Julius Caesar) und jüdischen Antike (Judas Makkabäus, König David, Prophet Joschua).

Welchen Zeremonien und Einweihungsritualen die Ritter der Tafelrunde unterzogen wurden jedoch, darüber gibt es keine verlässlichen Quellen. Legenden nach soll jener runde Tisch, mit sagenhaften Fähigkeiten ausgestattet gewesen sein: Er vermochte sich auszudehnen und zusammenzuziehen, und je nach Bedarf fünfzehn oder fünfzehnhundert Personen um sich herum Platz bieten. Gängige Überlieferungen sprechen über die Anzahl der Ritter der Tafelrunde, von zwölf, andere von vierundzwanzig. Als Zwölf aber halten Manche einen magischen Einfluss der zwölf Tierkreiszeichen für möglich, die manche christliche Esoteriker ja auch in Verbindung bringen mit den zwölf Aposteln Jesu. Auch waren es zwölf Missionare die mit Joseph von Arimathäa nach England kamen.

Die Namen der Ritter und ihre Wappen waren auf den Stühlen abgebildet. Saßen nun vierundzwanzig an der Tafel, so Stand jedes der zwölf Tierkreiszeichen über ihm in je einem seiner zwei Aspekte geteilt: einem lichten und einem dunklen, um damit die nächtlichen und täglichen Phasen eines jeden Zeichens zu kennzeichnen.

Da jedes Tierkreiszeichen jeden Tag zwei Stunden lang aufsteigt, lassen sich die vierundzwanzig Ritter mit den Stunden des Tages assoziieren, wie auch mit den vierundzwanzig Ältesten, die in der Offenbarung des Johannes vor dem Thron Gottes warten. Oder aber gibt es vierundzwanzig Gottheiten aus dem Alten Persien, die die Geister der Tagesabschnitte repräsentierten. Im Zentrum des Tisches befand sich ein Symbol der Rose: Sinnbild der Passion Christi und für seine Auferstehung von den Toten.

Auch soll da an diesem runden Tisch, sich ein geheimnisvoller leerer Platz befunden haben. Den nannte man den »Gefährlichen Sitzplatz«. Auf Anweisung Merlins, musste dieser Platz leer bleiben. Niemand durfte sich dort setzen, außer jenem, der eines Tages kommen und erfolgreich die Suche nach dem Heiligen Gral abschließen würde: Parzival.

Die Geheimbruderschaft der Artus-Runde

In der Erscheinung König Artus’ findet sich eine in der Geschichte der Mythen immer wiederkehrende kosmische Symbolik. Als Herrscher von Britannien repräsentiert er ein durch die Sonne symbolisiertes sakrales Königtum. In seinen Rittern aber verkörpert sich die Kraft des Tierkreises. Sein glänzendes Schwert Excalibur aber ist Sinnbild für den hellen Sonnenstrahl, mit dem Artus die Drachen der Finsternis besiegt. Artus' Tafelrunde versinnbildlicht auf diese Weise also das Universum, der gefährliche Sitzplatz aber ist der Thron des Menschen, der auf der Suche nach dem Gral seine Vollkommenheit fand.

König Artus stand im Zentrum der Ritter der Tafelrunde, als Großmeister einer geheimen christlich-mystischen Bruderschaft. Fragte man sie aber danach was sie sind, wohl hätten sie geantwortet »Ritter« zu sein. Die erhabene Position des Großmeisters dieser Ritter, erhielt Artus deshalb, weil er den Rückzug des Schwertes (seines Geistes) vom Amboss der unedlen Metalle (seiner niederen Natur) getreu vollzogen hatte.

Schon so oft aber, wurde auch der historische Artus mit den Mythen seines Ordens verwechselt, bis die beiden untrennbar miteinander verschmolzen. Mit dem anscheinenden Tod König Artus’, in der Schlacht von Camlann, endeten auch seine Mysterien.

In seinem Le Morte d’Arthur erzählt Malory von der geheimen Entrückung König Artus’ nach Avalon:

Und als sie am Wasser waren, fuhr ein kleiner Kahn mit vielen schönen Frauen am Ufer, und unter ihnen war eine Königin, und sie hatten alle schwarze Kapuzen, und sie weinten und schrien, als sie König Artus sahen. Nun setzt mich in den Kahn, sagte der König. Da empfingen ihn drei Königinnen in großer Trauer, und sie setzten sie nieder, und in einen ihrer Schöße legte König Artus sein Haupt. Und diese Königin (Morgan le Fay) sagte: Ach, lieber Bruder, warum seid ihr so lange von mir weggeblieben? leider hat die Wunde an eurem Kopf zu viel Kälte abbekommen. Und so ruderten sie vom Land weg, und Sir Bedivere sah, wie all diese Frauen von ihm gingen. Da rief Sir Bedivere: Ach, mein Herr Artus, was soll aus mir werden, jetzt wo ihr von mir geht und mich hier allein unter meinen Feinden zurücklasst? Tröste dich, sprach der König, und tue, was du kannst, denn auf mich ist kein Verlass; denn ich will in das Tal von Avilion (Avalon), um mich von meiner schmerzlichen Wunde zu heilen; und wenn du nie mehr von mir hörst, so bete für meine Seele.

Auch das große Schwert Excalibur, so Malory, wurde von dem edlen Ritter Sir Bedivere in die Wasser der Ewigkeit zurückgeworfen, was als Symbol gesehen werden kann für den Niedergang der kosmischen Nacht, am Ende des Tages universeller Manifestation.

Der Leichnam des historischen Artus wurde wahrscheinlich im Garten der Abtei zu Glastonbury beigesetzt, dem Gebäude, das eben ganz eng mit den mystischen Riten des Heiligen Grals, sowie des Artus-Zyklus verbunden ist.

Ziemlich sicher waren Rosenkreuzer-Bruderschaften der Vergangenheit im Besitz des wahren Geheimnisses des Artus-Zyklus und der Gralslegende (wo etwa zu nennen wären zwei französische Orden »L'Ordre de la Rose+Croix Esthétique du Temple et du Graal« oder »L'Ordre de la Rose Croix Catholique et Esthetique, du Temple et du Graal«).

Aber selbst wenn die Gralslegende von manchen Einweihungs-Orden, als offensichtlicher Schlüssel des westlichen Christus-Geheimnisses erkannt wurde, kennen sie heute die meisten Menschen – wenn überhaupt – leider nur aus Darstellungen moderner Popularliteratur.

 

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Reise nach Avalon

Reise nach Avalon

Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Ich saß gerade in der großen Buchhandlung in der Friedrichstraße, unweit von Unter den Linden. Zwei Frauen in bunten Gewändern unterhielten sich neben mir. Ein etwas ungewöhnliches Bild. Dann fiel da der Name Avalon. Ich dachte gleich an den Zauberer Merlin, den alten Druiden und Ratgeber des legendären König Artus.

Zuerst hatte ich, wie wohl auch viele andere, als Junge von dem sonderbaren Zauberer und seiner geheimnisvollen Insel gehört. In einem verborgenen Hain dort, wuchs Merlins magischer Apfelbaum, auf eben dieser Insel des Lichts, einem Hort der Unsterblichen.

Kein Wunder dass es schonmal vorkommt, dass jemand auf den Landkarten danach sucht, wenn es doch eine so wundervolle Stelle auf dem Globus gibt, wo man sich der Unvergänglichkeit erfreut. Diese Insel aber trägt den Namen Avalon. Immer schon auch ein Ort der Feen und Priesterinnen, ein überweltlicher Bereich der weiblichen Spiritualität.

Wo aber befindet sich diese mythische Insel heute und wo befand sie sich einst? Ist Avalon eine Gegend im Jenseits oder ist es wirklich eine Insel auf unserer Erde, in einer schwer zugänglichen Region?

Chalice Well Gardens Glastonbury - ewigeweisheit.de

In den Chalice Well Gardens im südenglischen Glastonbury.

Wenn man die Sagen um Morgan Le Fay, König Artus und Merlin liest, scheint sich Avalon sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu befinden.

In unserer Welt aber beansprucht der englische Ort Glastonbury für sich, jene Insel Avalon zu sein. Doch auch wenn es um den wundersamen Heiligen Gral geht, kommt man nicht umhin sich mit Glastonbury zu beschäftigen, dieser kleinen Stadt in der englischen Grafschaft Somerset.

Das Beltane-Fest

Schon einen Tag darauf saß ich in der Staatsbibliothek zu Berlin und schlug dort neue Bücher auf, worin ich fand dass Glastonbury in der Tat ein Ort ist, wo einst alter Paganismus auf die neue Religion der Christenheit traf - zwei spirituelle Strömungen, die sich dort auch auf ganz wundersame Weise vermischen sollten. Darum auch umwehen diese südenglische Kleinstadt unglaublich viele alte, doch auch neue Legenden.

Es war etwa Anfang April, als ich in der Staatsbibliothek über den arthurischen Gral, Druidentum und paganische Kulte im alten Europa recherchierte. Wie ich da herausfand, sollten sich in etwa vier Wochen in Glastonbury die alljährlichen Festlichkeiten zu Beltane ereignen, jener heiligen Nacht im Heidentum, der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai. Noch am selben Tag buchte ich meinen Flug nach Bristol. Ich konnte kaum erwarten nach Glastonbury zu kommen.

Druidenfeuer und Hexentanz

Beltane ist das Fest des hellen Feuers, das man überall im Kult der Druiden in dieser heiligen Nacht entzündet. In alter Zeit glaubte man, dass sich in dieser Nacht die Bewohner der Unterwelt zeigten und einem jeden der ihnen begegnet ein Weistum anvertrauen, was in Büchern kaum zu finden ist.

Für die alten Kelten begann an Beltane der Sommer und damit ein neues Jahr. Die keltische Priesterschaft der Druiden entzündete da des Nachts riesige Holzscheite, um deren Feuer man ekstatisch tanzte. Wohl kein Zufall das mancherorts auch heute noch Leute in der Nacht vom 30. April große Holzscheite in Flammen setzen und woanders »in den Mai tanzen«.

Wie ich allerdings erfuhr wurden diese Festlichkeiten in Glastonbury auf eine ganz intensive Weise begangen, was man nicht mit den Feierlichkeiten in anderen europäischen Städten vergleichen kann. Was dort nämlich in der Walpurgisnacht, an Beltane gefeiert wird, spielt sich irgendwo ab zwischen Euphorie und Wahn – und das in einer so kleinen Stadt von gerade einmal 9000 Einwohnern. In Deutschland gab es dazu mal den Heiligenberg am Neckar oder den Brocken im Harz.

Chalice Well Brunnen Glastonbury - ewigeweisheit.de

Der Brunnen Chalice Well in Glastonbury. Hier soll sich in verborgener Tiefe ein sakrales Gefäß befinden, dass man im Westen den Heiligen Gral nennt.

Am Brunnen Chalice Well

Als mein Flugzeug in Bristol gelandet war und ich damals zum ersten Mal meine Füße auf englischen Boden setzte, stieg eine eigenartige Vertrautheit in mir auf, die mich wissen ließ: Das ist ein guter Ort.

Mit meinem Mietwagen fuhr ich vom etwa 40 km entfernten Flughafen zum ersten Mal im Linksverkehr. Da dachte ich mir »hätte ich doch vielleicht besser ein Taxi genommen.« Doch schon nach etwa drei Kilometer begann sich alles immer vertrauter anzufühlen und ich sauste über die teils moosbewachsenen, engen Straßen Somersets.

Also kam ich schließlich an, dort im hübschen Städtchen Glastonbury. Ich hatte mich eingemietet in einem kleinen Landhaus. Von meinem Fenster aus konnte ich den magischen Turm auf dem Glastonbury Tor sehen. Unweit von dort befand sich auch ein schöner alter Brunnen.

Meine freundliche Gastgeberin lud mich ein zu einem Glas Tee und da lernte ich auch meine Zimmernachbarin kennen: Françoise aus Toulouse. Sie hatte schon viel über die Geschichte des Ortes gelesen und interessierte sich wie wohl fast alle Touristen hier, für alternative Themen der Heilkunde und Spiritualität.

Sie war schon einmal hier, ein Jahr zuvor, doch leider nur ein Wochenende. Diesmal hatte sie aber mehr Zeit mitgebracht, wie sie meinte, um auch die umliegenden Orte besuchen zu können. Françoise hatte große grüne Augen und blickte mich damit an, als sie mir versicherte dass in Glastonbury einfach alles miteinander vernetzt sei und, das wenn man an einem Ort begänne, bald schon zur nächsten interessanten Stätte eile, da sich dort mitunter das Rätsel einer begonnenen Geschichte auf wunderbare Weise löst. So ist das eben mit mythenbehafteten Orten in Glastonbury: Sie nehmen kein Ende.

Auch wollte sie sich einen Tag Zeit nehmen, um hier einen der drei esoterischen Buchhandlungen zu besuchen. Für einen kleinen Ort wie Glastonbury eine verblüffen hohe Dichte an »Spiritual Bookshops«.

Glastonbury ist voller solcher Läden und ähnlicher Seminarzentren, wo man ungewöhnliche Dinge lernt, wo man besonderen Schmuck, Kräuter, besondere Düfte und noch so einiges mehr kaufen kann, wo einem Wahrsagerinnen die Zukunft voraussagen wollen und man dort in den Genuss von allerlei alternativer Wellness kommt.

Besonders auch die Räumlichkeiten des Chalice Well Trust, einem esoterischen Zentrum direkt umgeben von den Chalice Well Gardens, bieten regelmäßige Veranstaltungen zu Meditation, alternativen Heilmethoden, zu den Jahreszeitlichen Festen wie Tagundnachtgleiche und Sonnenwende, doch auch mit vielen anderen interessanten Inhalten. Außerdem befindet sich hier der ehrwürdige Brunnen Chalice Well mit seinem wunderschön verzierten Deckel (siehe Bild).

Blick auf den Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Blick auf den Glastonbury Tor. Das ganze Jahr über umgeben ihn grüne Wiesen.

Muttergöttin Erde

Glastonbury ist durchtränkt von einer sehr alten, scheinbar durch und durch keltisch geprägten Kultur, die ihre Gottesvorstellungen nicht unerreichbar in den Himmel verfrachtete, sondern eine ganz greifbare, fast einen ganz eigenen Geschmack besaß, den jene Priesterinnen ihren Bewunderern und Anhängern sprichwörtlich zu kosten gaben. Man kann hier auch von einem Kult um die alte Erdgöttin sprechen, die als Lebensspenderin den Menschen Gesundheit gab und Weisheit vermittelte – nun ja, es eigentlich auch heute noch tut.

Es ist auf jeden Fall das, was im frühen Druidentum zu höchster Entfaltung kommen sollte, doch irgendwann das Christentum ablöste.

In Glastonbury aber scheint sich mancherorts seit alter Zeit nichts verändert zu haben. Eher versucht man dort Druidentum und esoterisches Christentum auch heute noch gekonnt miteinander zu verbinden. Was die Muttergöttin im alten Keltentum bedeutete, das Selbe glaubt man zu erkennen in der christlichen Gottesmutter Maria.

Das wohl ist eines der wichtigen Augenmerke, wieso sich dieser alte Kult des keltischen Druidentums, bis heute als das erhalten hat, wofür so viele Menschen wieder Feuer und Flamme geworden sind.

Arkane Kräfte im Grund

Von meiner Nachbarin Françoise hatte ich außerdem erfahren, wie wichtig Glastonbury für spirituell gesinnte Menschen ist. Hier nämlich sollen in der Erde zwei Hauptkraftlinien verlaufen, die sich auf dem nahegelegenen Erdhügel in Form eines Labyrinths in einander verquirlen. Und dieser Hügel, der dort von einem Turm gekrönt aufragt, den nennt man den Glastonbury Tor.

Das Wort »Tor«, hatte mir Françoise bestätigt, kommt vom keltischen »Twr Avallach«, dem Erdberg, womit auch der Name Avalon verwandt ist. Wir werden aber noch sehen, was es damit sonst noch auf sich hat.

Direkt auf dem Gipfel des Glastonbury Tor nun, verlaufen wie gesagt zwei unterirdische Energielinien: Die sogenannte St-Michael-Linie und die Marien-Linie – ein männlicher Erdkraftstrom und ein weiblicher. Man spricht hier auch von den sogenannten »Ley-Linien«. Die ziehen sich entlang einer hunderte Kilometer langen Linie vom südwestlichen Cornwall bis nach Norfolk. Manche glauben gar sie verliefen noch weiter westlich im Meeresgrund, unter den heiligen Stätten des versunkenen Atlantis. Unzählige heilige Monumente liegen darauf, die von den Marien- und St-Michaels-Linien umwunden werden. In Glastonbury verdichten sich diese Kräfte unter dem Wearyall Hill, dem Tor, sowie der Abbey, der einstigen Kathedrale von Glastonbury.

Der Glastonbury Tor ist ein großer Kraftort. Wer schon einmal auf ihn stieg und von dort ins weit umläufige Gebirge geschaut hat, der spürt unweigerlich eine Art Vitalität, die dort echt aus dem Boden aufströmt. Feinfühlige Menschen empfinden da eine große magnetische Kraft, die sich aus dem Erdinnern gen Himmel öffnet. Ein anderer, nicht weit davon entfernter, sogenannter Kraftort, ist wo die beiden tausendjährigen Eichen stehen, denen man einst, in nachkeltischer Zeit, die Namen »Gog und Magog« gab.

Die saftig grünen Wiesen auf jeden Fall, die auch den Hügel des Glastonbury Tor bedecken, tragen ihren Teil zu dem bemerkenswerten Eindruck bei. In der wärmeren Jahreszeit sieht man hier auch kleine Herden weißer Schafe und es kommt schon einmal vor, dass sich einem ein solches, dort ja freilaufendes Tier, einfach für einen Spaziergang anschließt. Mir auf jeden Fall war das passiert. Ein kleiner Widder folgte mir. Nicht das er etwa auf irgend etwas Schmackhaftes hoffte. Ich weiß wirklich nicht was er an mir fand. Er lief mir einfach hinterher und blieb stehen, wenn ich mich nach ihm umdrehte. Irgendwie ulkig, doch gleichzeitig auch unheimlich.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Eine der beiden uralten Eichen Gog und Magog, etwa nordwestlich des Glastonbury Tor. Wen man hinter dem Gipfel des Hügels, etwa 400 m einem kleinen Weg (Stone Down Lane) folgt und die erste Abzweigung nach links nimmt, findet man sie dort.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Außer Rand und Band

Glastonbury ist wirklich klein, denn als ich mich abends in den wohl einzigen Pub begab, um dort den Klängen eines Konzerts zu lauschen, traf ich dort zufällig auch Françoise. In unserer Unterhaltung sprachen wir natürlich über Glastonbury. Sie hielt diese Stadt für einen der wichtigsten Orte in Europa, von wo aus das einstige Matriarchat der Neuzeit und auch ein neues Heidentum, noch einmal in den schönsten Farben zu blühen beginnen sollten.

Man konnte tatsächlich diesen Eindruck gewinnen, wenn man durch die kleine schöne High Street in Glastonbury spazierte, wo einem da und dort Hexen und weiß gekleidete, goldbehangene Druidinnen begegnen. In dieser Straße passiert man auch eine anglikanische Kirche, in deren Vorhof sich ein Labyrinth befindet, jener Form deren Ursprünge aus der sehr alten minoischen Kultur Griechenlands stammen, wo der Stier in der Zeit vom Übergang zwischen Matriarchat und Patriarchat, eine zentrale Symbolfigur gewesen war.

Dieser Ort in Somerset zeigt sich darum in einem wahrhaft seltsamen Zusammenspiel aus vielen uralten Kulten. Auf ganz kuriose Weise finden hier einander Druidentum, moderne Gesellschaft und christliches Gralsmysterium. Eben auch die alte Legende von dem heiligen Trinkbecher des Letzten Abendmahls Christi, hat in Glastonbury einen wichtigen Stellenwert.

In Glastonbury scheinen die Kräfte des Himmlischen und des Irdischen auf faszinierende Weise zusammenzulaufen und sich dort an den heiligen Stätten zu verbinden. Und nicht nur theoretisch. Man braucht sich nur zu Walpurgisnacht auf den Glastonbury Tor begeben, an dessen Hängen sich ja zwei heilige Quellen befinden – eine rote und eine weiße, eine »blutige« und eine »silbrige« – so zumindest scheinen es die sichtbaren Öffnungen der beiden Brunnen zu suggerieren. Denn aus der einen Quelle fließt anscheinend eher eisenhaltiges Wasser (Red Spring), wodurch ihr Lauf rot-orange gefärbt ist, während die andere Quelle eher silbrige Farben zeigt (White Spring).

Während meines Besuchs in Glastonbury, waren in der Beltane-Nacht an den Quellen, und auch sonst wo in der Stadt, Schamanen, Druiden und Hexen zu Gange. Wer sich nach Sonnenuntergang zum Brunnen von White Spring begab, fand dort ein kleines Gebäude, wo sich über viele Bahnen Wasserströme ergossen und wo zu lauten Trommelklängen Tänzer und Tänzerinnen um Becken voll »geheiligtem Wasser« einen wilden Reigen tanzten.

Während mir der benachbarte Chalice Well tagsüber eher als Ort der Besinnlichkeit erschien, war White Spring zu Beltane ein Ort der Hemmungslosigkeit, wo sich manche ganz den Kräften der Unterwelt hinzugeben schienen. Denn hier sollen sich die Tore nach »Annwn« öffnen, dem was die alten Kelten so als das Schattenreich titulierten.

Andere machten sich in dieser Nacht auf, um die Stufen auf den Gipfel des Glastonbury Tor zu erklimmen. Auf der Höhe dort soll sich einst ein großer Fels befunden haben. Den aber zerschlugen angeblich Christen als sie genug hatten vom wilden Treiben der Druiden, wo es, wie ich mal wo laß, auch schonmal vorkam dass ein Mensch den Göttern geopfert wurde.

So machten die Christen riesige Feuer um den Fels und zerschlugen hernach das darin glühende steinerne Ungetüm der Heiden. Aus den Steinen aber erbauten sie zu Ehren des Erzengels St. Michael dort auf dem Gipfel des Glastonbury Tor eine kleine Kirche.

Was mit dem heiligen Fels auf dem Glastonbury Tor geschah, dass schien den Göttinnen und Faunen der Umgebung gar nicht lange zu gefallen. Ein Erdbeben soll den Hügel so sehr erschüttert haben, dass das Kreuzschiff der kleinen Kapelle dort in sich zusammenfiel, bis eben auf jenen Turm der dort noch heute steht. Wollte das der Geist des Felsen? Erinnerten sich die Steine an ihren eigentlichen Ursprung?

Es ist eben eine weitere der vielen Sagen, die diesen magischen Ort zu umschweben scheinen.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Äste dieses Baumes in den Chalice Well Gardens in Glastonbury, haben sich über die Jahrzehnte ineinander verwunden. Man sieht hier anscheinend die Effekte, die aus den Erdströmungen in den Pflanzen zum Vorschein kommen, denn so wie die Wurzel so auch Krone.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Insel der Äpfel

Was bedeutet der Name »Avalon« seinem Ursprung nach?

Es ist ein keltisch-kymrisches Wort und kommt von »Abal« oder auch »Afall«, dem Apfel. Denn wie 1135 der alte Geistliche Geoffrey von Monmouth in seiner Geschichte über die englischen Könige verriet, nannte man eben jenen Ort, von dem hier die Rede ist, die »Insel der Äpfel«. Und eben diese Insel dachte man sich oft als jenen Hügel, den Glastonbury Tor.

In der Tat war das einst ein von Wasser umgebener Berg. Erst vor etwa 2000 Jahren zog sich von hier das Meerwasser des Bristol-Kanals allmählich zurück, so dass dort ein kleiner See entstand aus dessen Mitte da der Glastonbury Tor und der gegenüberliegende Wearyall Hill aus dem Wasser ragten. Die alten Kelten aber sollen hier einst eine kleine Siedlung gegründet haben.

Der Name Glastonbury aber kommt von »Glestinga Burg«. Hier nämlich herrschte wohl einst ein keltisches Adelsgeschlecht, die Glestinga, deren Name vielleicht verwandt ist mit dem englischen Wort »glistening«, dem Funkeln. Denn wenn dort auf dem Tor in den ersten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, vielleicht jene Menschen lebten, so sah man des Nachts dann wohl dort aus der Ferne, wie sich der schimmernde Glanz ihrer Feuerlichter im Wasser spiegelte. Auch heute noch kann man solche Phänomene im Winter beobachten, da dann die Felder in Feuchtigkeit getränkt, den Glastonbury Tor als tatsächliche Insel erscheinen lassen.

Heiliger Weißdorn und der Gral

Wie dem auch sei, sollte Glastonbury dereinst eine Stadt werden, wo sich sowohl das alte Heidentum und das jüngere Christentum trafen. Und da fällt der Name Josef von Arimathäa. Er war ein Onkel des Jesus von Nazareth, in dessen Grab man den am Kreuze gestorbenen Christus legte. Auch gab man ihm anscheinend den Gral – jenes heilige Trinkgefäß des letzten Abendmahls. Doch als die Römer erfuhren dass Josef von Arimathäa mit dem verurteilten Nazarener zu Gange gewesen war, verurteilte man ihn zu einer jahrelangen Kerkerhaft, ohne ihm dann dort aber Wasser oder Nahrung zu geben, in Erwartung das er dort sterbe. Allein durch die Kraft des Grals soll er in seinem Verließ überlebt haben, um dereinst seinen Auftrag zu erfüllen. Er sollte hier in Glastonbury die erste christliche Gemeinde Europas gründen.

Es heißt dass Josef von Arimathäa nach Avalon zu Schiff kam und auf dem Wearyall Hill landete, gegenüber des Glastonbury Tor. Da rammte er seinen Wanderstab aus Weißdorn in den Boden, woraus dann Wurzeln trieben und die heilige Pflanze zu wachsen begann. So will es der Mythos vom »Holy Thorn«, dem heiligen Weißdorn, der dort bis einst gewachsen war, doch anscheinend immer wieder neue Triebe aus seinem Stamm hervorschießen.

Den Gral aber brachte Josef von Arimathäa aus Jerusalem hierher, um ihn am Fuße des Glastonbury Tor zu verbergen. Darin nämlich hatte er die gottgesegneten Tropfen eingesammelt, die Jesus bei seinem Kreuzestod aus der Seite rannen, als Blut und Wasser, nachdem ihm der Centurio Longinus diese Wunde zugefügt hatte, mit seiner weißdornhölzernen Lanze.

An jener Stelle aber wo Josef von Arimathäa dort in Glastonbury den Kelch verbarg, sollen, so die Legende, dereinst die beiden Quellen Red Spring und White Spring entspringen – als Allegorie auf die Heilige Wunde des Christus. Diese Stelle nennt man darum »Chalice Well«, den Brunnen des Kelchs, die Quelle des heiligen Grals.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Die Ruinen der alten Abtei zu Glastonbury. Dort soll der Leichnam von König Artus begraben sein.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Warten im Jenseits

Wie mir meine französische Nachbarin Françoise am kommenden Morgen beim Frühstück erzählte, sollte ich unbedingt noch die alte Abtei zu Glastonbury besuchen. Das natürlich hatte ich mir bereits auf meine Reiseliste geschrieben. Angeblich sei dort, so Françoise, der Leichnam König Artus' beigesetzt und im rechten Winkel zu ihm seine Gattin Guinevere. Sie ruhte dort also nicht neben ihm. Man hatte sie  zu seinen Füßen beigesetzt.

Guinevere, so will es die Sage, hatte Artus betrogen mit dem eigentlich ehrenhaftesten aller Ritter der Tafelrunde: Lancelot, den Artus einst mit dem magischen Schwert Excalibur zwang sich ihm zu ergeben und anzuschließen.

»Doch auch Artus war nicht ohne«, meinte Françoise, die gerade ihren Tee austrank, um mich darauf wissen zu lassen, dass sie gleich zu einem »Hexentreffen« verabredet war. Ich musste unweigerlich schmunzeln darüber, doch schon reichte sie mir die Hand.

Was Françoise angedeutet hatte mit Artus, war wohl ein Hinweis auf seinen Sohn: Mordred. Zwar wusste Artus davon selbst erst nichts, denn es war finster in der Höhle und es scheint als hätte Merlin seine Finger da im Spiel gehabt. Doch einst an Beltane, zeugte er mit seiner Halbschwester, der großen Zauberin Morgan Le Fay, im Dunkel dort ein Kind, dass aber im Verborgenen bei Morgan aufwuchs. Dieser Junge aber, nicht wissend wer sein Vater ist, sollte genau ihn dereinst schwer verwunden.

Wie uns der alte französische Schriftsteller Chrétien de Troyes wissen lässt, kam es wirklich zum Kampf zwischen Sohn und Vater. Dabei wurde Artus fast getötet. Im Schwebezustand zwischen Leben und Tod kam er auf die magische Insel Avalon, schien dorthin entrückt worden zu sein, in jenen himmlischen, paradiesischen Apfelgarten. Dahin aber hatte Morgan Le Fay Zugang und pflegte ihn dort. Seither liegt er dort in einer Art Totenhalbschlaf, auf seine irdische Rückkehr wartend, um dereinst wieder zu erscheinen – in Glastonbury.

Kommen Sie ihm vielleicht zuvor?