Muttergöttin

Reise nach Avalon

Reise nach Avalon

Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Ich saß gerade in der großen Buchhandlung in der Friedrichstraße, unweit von Unter den Linden. Zwei Frauen in bunten Gewändern unterhielten sich neben mir. Ein etwas ungewöhnliches Bild. Dann fiel da der Name Avalon. Ich dachte gleich an den Zauberer Merlin, den alten Druiden und Ratgeber des legendären König Artus.

Zuerst hatte ich, wie wohl auch viele andere, als Junge von dem sonderbaren Zauberer und seiner geheimnisvollen Insel gehört. In einem verborgenen Hain dort, wuchs Merlins magischer Apfelbaum, auf eben dieser Insel des Lichts, einem Hort der Unsterblichen.

Kein Wunder dass es schonmal vorkommt, dass jemand auf den Landkarten danach sucht, wenn es doch eine so wundervolle Stelle auf dem Globus gibt, wo man sich der Unvergänglichkeit erfreut. Diese Insel aber trägt den Namen Avalon. Immer schon auch ein Ort der Feen und Priesterinnen, ein überweltlicher Bereich der weiblichen Spiritualität.

Wo aber befindet sich diese mythische Insel heute und wo befand sie sich einst? Ist Avalon eine Gegend im Jenseits oder ist es wirklich eine Insel auf unserer Erde, in einer schwer zugänglichen Region?

Chalice Well Gardens Glastonbury - ewigeweisheit.de

In den Chalice Well Gardens im südenglischen Glastonbury.

Wenn man die Sagen um Morgan Le Fay, König Artus und Merlin liest, scheint sich Avalon sowohl im Diesseits als auch im Jenseits zu befinden.

In unserer Welt aber beansprucht der englische Ort Glastonbury für sich, jene Insel Avalon zu sein. Doch auch wenn es um den wundersamen Heiligen Gral geht, kommt man nicht umhin sich mit Glastonbury zu beschäftigen, dieser kleinen Stadt in der englischen Grafschaft Somerset.

Das Beltane-Fest

Schon einen Tag darauf saß ich in der Staatsbibliothek zu Berlin und schlug dort neue Bücher auf, worin ich fand dass Glastonbury in der Tat ein Ort ist, wo einst alter Paganismus auf die neue Religion der Christenheit traf - zwei spirituelle Strömungen, die sich dort auch auf ganz wundersame Weise vermischen sollten. Darum auch umwehen diese südenglische Kleinstadt unglaublich viele alte, doch auch neue Legenden.

Es war etwa Anfang April, als ich in der Staatsbibliothek über den arthurischen Gral, Druidentum und paganische Kulte im alten Europa recherchierte. Wie ich da herausfand, sollten sich in etwa vier Wochen in Glastonbury die alljährlichen Festlichkeiten zu Beltane ereignen, jener heiligen Nacht im Heidentum, der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai. Noch am selben Tag buchte ich meinen Flug nach Bristol. Ich konnte kaum erwarten nach Glastonbury zu kommen.

Druidenfeuer und Hexentanz

Beltane ist das Fest des hellen Feuers, das man überall im Kult der Druiden in dieser heiligen Nacht entzündet. In alter Zeit glaubte man, dass sich in dieser Nacht die Bewohner der Unterwelt zeigten und einem jeden der ihnen begegnet ein Weistum anvertrauen, was in Büchern kaum zu finden ist.

Für die alten Kelten begann an Beltane der Sommer und damit ein neues Jahr. Die keltische Priesterschaft der Druiden entzündete da des Nachts riesige Holzscheite, um deren Feuer man ekstatisch tanzte. Wohl kein Zufall das mancherorts auch heute noch Leute in der Nacht vom 30. April große Holzscheite in Flammen setzen und woanders »in den Mai tanzen«.

Wie ich allerdings erfuhr wurden diese Festlichkeiten in Glastonbury auf eine ganz intensive Weise begangen, was man nicht mit den Feierlichkeiten in anderen europäischen Städten vergleichen kann. Was dort nämlich in der Walpurgisnacht, an Beltane gefeiert wird, spielt sich irgendwo ab zwischen Euphorie und Wahn – und das in einer so kleinen Stadt von gerade einmal 9000 Einwohnern. In Deutschland gab es dazu mal den Heiligenberg am Neckar oder den Brocken im Harz.

Chalice Well Brunnen Glastonbury - ewigeweisheit.de

Der Brunnen Chalice Well in Glastonbury. Hier soll sich in verborgener Tiefe ein sakrales Gefäß befinden, dass man im Westen den Heiligen Gral nennt.

Am Brunnen Chalice Well

Als mein Flugzeug in Bristol gelandet war und ich damals zum ersten Mal meine Füße auf englischen Boden setzte, stieg eine eigenartige Vertrautheit in mir auf, die mich wissen ließ: Das ist ein guter Ort.

Mit meinem Mietwagen fuhr ich vom etwa 40 km entfernten Flughafen zum ersten Mal im Linksverkehr. Da dachte ich mir »hätte ich doch vielleicht besser ein Taxi genommen.« Doch schon nach etwa drei Kilometer begann sich alles immer vertrauter anzufühlen und ich sauste über die teils moosbewachsenen, engen Straßen Somersets.

Also kam ich schließlich an, dort im hübschen Städtchen Glastonbury. Ich hatte mich eingemietet in einem kleinen Landhaus. Von meinem Fenster aus konnte ich den magischen Turm auf dem Glastonbury Tor sehen. Unweit von dort befand sich auch ein schöner alter Brunnen.

Meine freundliche Gastgeberin lud mich ein zu einem Glas Tee und da lernte ich auch meine Zimmernachbarin kennen: Françoise aus Toulouse. Sie hatte schon viel über die Geschichte des Ortes gelesen und interessierte sich wie wohl fast alle Touristen hier, für alternative Themen der Heilkunde und Spiritualität.

Sie war schon einmal hier, ein Jahr zuvor, doch leider nur ein Wochenende. Diesmal hatte sie aber mehr Zeit mitgebracht, wie sie meinte, um auch die umliegenden Orte besuchen zu können. Françoise hatte große grüne Augen und blickte mich damit an, als sie mir versicherte dass in Glastonbury einfach alles miteinander vernetzt sei und, das wenn man an einem Ort begänne, bald schon zur nächsten interessanten Stätte eile, da sich dort mitunter das Rätsel einer begonnenen Geschichte auf wunderbare Weise löst. So ist das eben mit mythenbehafteten Orten in Glastonbury: Sie nehmen kein Ende.

Auch wollte sie sich einen Tag Zeit nehmen, um hier einen der drei esoterischen Buchhandlungen zu besuchen. Für einen kleinen Ort wie Glastonbury eine verblüffen hohe Dichte an »Spiritual Bookshops«.

Glastonbury ist voller solcher Läden und ähnlicher Seminarzentren, wo man ungewöhnliche Dinge lernt, wo man besonderen Schmuck, Kräuter, besondere Düfte und noch so einiges mehr kaufen kann, wo einem Wahrsagerinnen die Zukunft voraussagen wollen und man dort in den Genuss von allerlei alternativer Wellness kommt.

Besonders auch die Räumlichkeiten des Chalice Well Trust, einem esoterischen Zentrum direkt umgeben von den Chalice Well Gardens, bieten regelmäßige Veranstaltungen zu Meditation, alternativen Heilmethoden, zu den Jahreszeitlichen Festen wie Tagundnachtgleiche und Sonnenwende, doch auch mit vielen anderen interessanten Inhalten. Außerdem befindet sich hier der ehrwürdige Brunnen Chalice Well mit seinem wunderschön verzierten Deckel (siehe Bild).

Blick auf den Glastonbury Tor - ewigeweisheit.de

Blick auf den Glastonbury Tor. Das ganze Jahr über umgeben ihn grüne Wiesen.

Muttergöttin Erde

Glastonbury ist durchtränkt von einer sehr alten, scheinbar durch und durch keltisch geprägten Kultur, die ihre Gottesvorstellungen nicht unerreichbar in den Himmel verfrachtete, sondern eine ganz greifbare, fast einen ganz eigenen Geschmack besaß, den jene Priesterinnen ihren Bewunderern und Anhängern sprichwörtlich zu kosten gaben. Man kann hier auch von einem Kult um die alte Erdgöttin sprechen, die als Lebensspenderin den Menschen Gesundheit gab und Weisheit vermittelte – nun ja, es eigentlich auch heute noch tut.

Es ist auf jeden Fall das, was im frühen Druidentum zu höchster Entfaltung kommen sollte, doch irgendwann das Christentum ablöste.

In Glastonbury aber scheint sich mancherorts seit alter Zeit nichts verändert zu haben. Eher versucht man dort Druidentum und esoterisches Christentum auch heute noch gekonnt miteinander zu verbinden. Was die Muttergöttin im alten Keltentum bedeutete, das Selbe glaubt man zu erkennen in der christlichen Gottesmutter Maria.

Das wohl ist eines der wichtigen Augenmerke, wieso sich dieser alte Kult des keltischen Druidentums, bis heute als das erhalten hat, wofür so viele Menschen wieder Feuer und Flamme geworden sind.

Arkane Kräfte im Grund

Von meiner Nachbarin Françoise hatte ich außerdem erfahren, wie wichtig Glastonbury für spirituell gesinnte Menschen ist. Hier nämlich sollen in der Erde zwei Hauptkraftlinien verlaufen, die sich auf dem nahegelegenen Erdhügel in Form eines Labyrinths in einander verquirlen. Und dieser Hügel, der dort von einem Turm gekrönt aufragt, den nennt man den Glastonbury Tor.

Das Wort »Tor«, hatte mir Françoise bestätigt, kommt vom keltischen »Twr Avallach«, dem Erdberg, womit auch der Name Avalon verwandt ist. Wir werden aber noch sehen, was es damit sonst noch auf sich hat.

Direkt auf dem Gipfel des Glastonbury Tor nun, verlaufen wie gesagt zwei unterirdische Energielinien: Die sogenannte St-Michael-Linie und die Marien-Linie – ein männlicher Erdkraftstrom und ein weiblicher. Man spricht hier auch von den sogenannten »Ley-Linien«. Die ziehen sich entlang einer hunderte Kilometer langen Linie vom südwestlichen Cornwall bis nach Norfolk. Manche glauben gar sie verliefen noch weiter westlich im Meeresgrund, unter den heiligen Stätten des versunkenen Atlantis. Unzählige heilige Monumente liegen darauf, die von den Marien- und St-Michaels-Linien umwunden werden. In Glastonbury verdichten sich diese Kräfte unter dem Wearyall Hill, dem Tor, sowie der Abbey, der einstigen Kathedrale von Glastonbury.

 

Der Glastonbury Tor ist ein großer Kraftort. Wer schon einmal auf ihn stieg und von dort ins weit umläufige Gebirge geschaut hat, der spürt unweigerlich eine Art Vitalität, die dort echt aus dem Boden aufströmt. Feinfühlige Menschen empfinden da eine große magnetische Kraft, die sich aus dem Erdinnern gen Himmel öffnet. Ein anderer, nicht weit davon entfernter, sogenannter Kraftort, ist wo die beiden tausendjährigen Eichen stehen, denen man einst, in nachkeltischer Zeit, die Namen »Gog und Magog« gab.

Die saftig grünen Wiesen auf jeden Fall, die auch den Hügel des Glastonbury Tor bedecken, tragen ihren Teil zu dem bemerkenswerten Eindruck bei. In der wärmeren Jahreszeit sieht man hier auch kleine Herden weißer Schafe und es kommt schon einmal vor, dass sich einem ein solches, dort ja freilaufendes Tier, einfach für einen Spaziergang anschließt. Mir auf jeden Fall war das passiert. Ein kleiner Widder folgte mir. Nicht das er etwa auf irgend etwas Schmackhaftes hoffte. Ich weiß wirklich nicht was er an mir fand. Er lief mir einfach hinterher und blieb stehen, wenn ich mich nach ihm umdrehte. Irgendwie ulkig, doch gleichzeitig auch unheimlich.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Eine der beiden uralten Eichen Gog und Magog, etwa nordwestlich des Glastonbury Tor. Wen man hinter dem Gipfel des Hügels, etwa 400 m einem kleinen Weg (Stone Down Lane) folgt und die erste Abzweigung nach links nimmt, findet man sie dort.

Holy Oak Glastonbury - ewigeweisheit.de

Außer Rand und Band

Glastonbury ist wirklich klein, denn als ich mich abends in den wohl einzigen Pub begab, um dort den Klängen eines Konzerts zu lauschen, traf ich dort zufällig auch Françoise. In unserer Unterhaltung sprachen wir natürlich über Glastonbury. Sie hielt diese Stadt für einen der wichtigsten Orte in Europa, von wo aus das einstige Matriarchat der Neuzeit und auch ein neues Heidentum, noch einmal in den schönsten Farben zu blühen beginnen sollten.

Man konnte tatsächlich diesen Eindruck gewinnen, wenn man durch die kleine schöne High Street in Glastonbury spazierte, wo einem da und dort Hexen und weiß gekleidete, goldbehangene Druidinnen begegnen. In dieser Straße passiert man auch eine anglikanische Kirche, in deren Vorhof sich ein Labyrinth befindet, jener Form deren Ursprünge aus der sehr alten minoischen Kultur Griechenlands stammen, wo der Stier in der Zeit vom Übergang zwischen Matriarchat und Patriarchat, eine zentrale Symbolfigur gewesen war.

Dieser Ort in Somerset zeigt sich darum in einem wahrhaft seltsamen Zusammenspiel aus vielen uralten Kulten. Auf ganz kuriose Weise finden hier einander Druidentum, moderne Gesellschaft und christliches Gralsmysterium. Eben auch die alte Legende von dem heiligen Trinkbecher des Letzten Abendmahls Christi, hat in Glastonbury einen wichtigen Stellenwert.

In Glastonbury scheinen die Kräfte des Himmlischen und des Irdischen auf faszinierende Weise zusammenzulaufen und sich dort an den heiligen Stätten zu verbinden. Und nicht nur theoretisch. Man braucht sich nur zu Walpurgisnacht auf den Glastonbury Tor begeben, an dessen Hängen sich ja zwei heilige Quellen befinden – eine rote und eine weiße, eine »blutige« und eine »silbrige« – so zumindest scheinen es die sichtbaren Öffnungen der beiden Brunnen zu suggerieren. Denn aus der einen Quelle fließt anscheinend eher eisenhaltiges Wasser (Red Spring), wodurch ihr Lauf rot-orange gefärbt ist, während die andere Quelle eher silbrige Farben zeigt (White Spring).

Während meines Besuchs in Glastonbury, waren in der Beltane-Nacht an den Quellen, und auch sonst wo in der Stadt, Schamanen, Druiden und Hexen zu Gange. Wer sich nach Sonnenuntergang zum Brunnen von White Spring begab, fand dort ein kleines Gebäude, wo sich über viele Bahnen Wasserströme ergossen und wo zu lauten Trommelklängen Tänzer und Tänzerinnen um Becken voll »geheiligtem Wasser« einen wilden Reigen tanzten.

Während mir der benachbarte Chalice Well tagsüber eher als Ort der Besinnlichkeit erschien, war White Spring zu Beltane ein Ort der Hemmungslosigkeit, wo sich manche ganz den Kräften der Unterwelt hinzugeben schienen. Denn hier sollen sich die Tore nach »Annwn« öffnen, dem was die alten Kelten so als das Schattenreich titulierten.

Andere machten sich in dieser Nacht auf, um die Stufen auf den Gipfel des Glastonbury Tor zu erklimmen. Auf der Höhe dort soll sich einst ein großer Fels befunden haben. Den aber zerschlugen angeblich Christen als sie genug hatten vom wilden Treiben der Druiden, wo es, wie ich mal wo laß, auch schonmal vorkam dass ein Mensch den Göttern geopfert wurde.

So machten die Christen riesige Feuer um den Fels und zerschlugen hernach das darin glühende steinerne Ungetüm der Heiden. Aus den Steinen aber erbauten sie zu Ehren des Erzengels St. Michael dort auf dem Gipfel des Glastonbury Tor eine kleine Kirche.

Was mit dem heiligen Fels auf dem Glastonbury Tor geschah, dass schien den Göttinnen und Faunen der Umgebung gar nicht lange zu gefallen. Ein Erdbeben soll den Hügel so sehr erschüttert haben, dass das Kreuzschiff der kleinen Kapelle dort in sich zusammenfiel, bis eben auf jenen Turm der dort noch heute steht. Wollte das der Geist des Felsen? Erinnerten sich die Steine an ihren eigentlichen Ursprung?

Es ist eben eine weitere der vielen Sagen, die diesen magischen Ort zu umschweben scheinen.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Äste dieses Baumes in den Chalice Well Gardens in Glastonbury, haben sich über die Jahrzehnte ineinander verwunden. Man sieht hier anscheinend die Effekte, die aus den Erdströmungen in den Pflanzen zum Vorschein kommen, denn so wie die Wurzel so auch Krone.

Baum in Chalice Well Gardens, Glastonbury - ewigeweisheit.de

Die Insel der Äpfel

Was bedeutet der Name »Avalon« seinem Ursprung nach?

Es ist ein keltisch-kymrisches Wort und kommt von »Abal« oder auch »Afall«, dem Apfel. Denn wie 1135 der alte Geistliche Geoffrey von Monmouth in seiner Geschichte über die englischen Könige verriet, nannte man eben jenen Ort, von dem hier die Rede ist, die »Insel der Äpfel«. Und eben diese Insel dachte man sich oft als jenen Hügel, den Glastonbury Tor.

In der Tat war das einst ein von Wasser umgebener Berg. Erst vor etwa 2000 Jahren zog sich von hier das Meerwasser des Bristol-Kanals allmählich zurück, so dass dort ein kleiner See entstand aus dessen Mitte da der Glastonbury Tor und der gegenüberliegende Wearyall Hill aus dem Wasser ragten. Die alten Kelten aber sollen hier einst eine kleine Siedlung gegründet haben.

Der Name Glastonbury aber kommt von »Glestinga Burg«. Hier nämlich herrschte wohl einst ein keltisches Adelsgeschlecht, die Glestinga, deren Name vielleicht verwandt ist mit dem englischen Wort »glistening«, dem Funkeln. Denn wenn dort auf dem Tor in den ersten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung, vielleicht jene Menschen lebten, so sah man des Nachts dann wohl dort aus der Ferne, wie sich der schimmernde Glanz ihrer Feuerlichter im Wasser spiegelte. Auch heute noch kann man solche Phänomene im Winter beobachten, da dann die Felder in Feuchtigkeit getränkt, den Glastonbury Tor als tatsächliche Insel erscheinen lassen.

Heiliger Weißdorn und der Gral

Wie dem auch sei, sollte Glastonbury dereinst eine Stadt werden, wo sich sowohl das alte Heidentum und das jüngere Christentum trafen. Und da fällt der Name Josef von Arimathäa. Er war ein Onkel des Jesus von Nazareth, in dessen Grab man den am Kreuze gestorbenen Christus legte. Auch gab man ihm anscheinend den Gral – jenes heilige Trinkgefäß des letzten Abendmahls. Doch als die Römer erfuhren dass Josef von Arimathäa mit dem verurteilten Nazarener zu Gange gewesen war, verurteilte man ihn zu einer jahrelangen Kerkerhaft, ohne ihm dann dort aber Wasser oder Nahrung zu geben, in Erwartung das er dort sterbe. Allein durch die Kraft des Grals soll er in seinem Verließ überlebt haben, um dereinst seinen Auftrag zu erfüllen. Er sollte hier in Glastonbury die erste christliche Gemeinde Europas gründen.

Es heißt dass Josef von Arimathäa nach Avalon zu Schiff kam und auf dem Wearyall Hill landete, gegenüber des Glastonbury Tor. Da rammte er seinen Wanderstab aus Weißdorn in den Boden, woraus dann Wurzeln trieben und die heilige Pflanze zu wachsen begann. So will es der Mythos vom »Holy Thorn«, dem heiligen Weißdorn, der dort bis einst gewachsen war, doch anscheinend immer wieder neue Triebe aus seinem Stamm hervorschießen.

Den Gral aber brachte Josef von Arimathäa aus Jerusalem hierher, um ihn am Fuße des Glastonbury Tor zu verbergen. Darin nämlich hatte er die gottgesegneten Tropfen eingesammelt, die Jesus bei seinem Kreuzestod aus der Seite rannen, als Blut und Wasser, nachdem ihm der Centurio Longinus diese Wunde zugefügt hatte, mit seiner weißdornhölzernen Lanze.

An jener Stelle aber wo Josef von Arimathäa dort in Glastonbury den Kelch verbarg, sollen, so die Legende, dereinst die beiden Quellen Red Spring und White Spring entspringen – als Allegorie auf die Heilige Wunde des Christus. Diese Stelle nennt man darum »Chalice Well«, den Brunnen des Kelchs, die Quelle des heiligen Grals.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Die Ruinen der alten Abtei zu Glastonbury. Dort soll der Leichnam von König Artus begraben sein.

Glastonbury Abbey - die alte Abtei - ewigeweisheit.de

Warten im Jenseits

Wie mir meine französische Nachbarin Françoise am kommenden Morgen beim Frühstück erzählte, sollte ich unbedingt noch die alte Abtei zu Glastonbury besuchen. Das natürlich hatte ich mir bereits auf meine Reiseliste geschrieben. Angeblich sei dort, so Françoise, der Leichnam König Artus' beigesetzt und im rechten Winkel zu ihm seine Gattin Guinevere. Sie ruhte dort also nicht neben ihm. Man hatte sie  zu seinen Füßen beigesetzt.

Guinevere, so will es die Sage, hatte Artus betrogen mit dem eigentlich ehrenhaftesten aller Ritter der Tafelrunde: Lancelot, den Artus einst mit dem magischen Schwert Escalibur zwang sich ihm zu ergeben und anzuschließen.

»Doch auch Artus war nicht ohne«, meinte Françoise, die gerade ihren Tee austrank, um mich darauf wissen zu lassen, dass sie gleich zu einem »Hexentreffen« verabredet war. Ich musste unweigerlich schmunzeln darüber, doch schon reichte sie mir die Hand.

Was Françoise angedeutet hatte mit Artus, war wohl ein Hinweis auf seinen Sohn: Mordred. Zwar wusste Artus davon selbst erst nichts, denn es war finster in der Höhle und es scheint als hätte Merlin seine Finger da im Spiel gehabt. Doch einst an Beltane, zeugte er mit seiner Halbschwester, der großen Zauberin Morgan Le Fay, im Dunkel dort ein Kind, dass aber im Verborgenen bei Morgan aufwuchs. Dieser Junge aber, nicht wissend wer sein Vater ist, sollte genau ihn dereinst schwer verwunden.

Wie uns der alte französische Schriftsteller Chrétien de Troyes wissen lässt, kam es wirklich zum Kampf zwischen Sohn und Vater. Dabei wurde Artus fast getötet. Im Schwebezustand zwischen Leben und Tod kam er auf die magische Insel Avalon, schien dorthin entrückt worden zu sein, in jenen himmlischen, paradiesischen Apfelgarten. Dahin aber hatte Morgan Le Fay Zugang und pflegte ihn dort. Seither liegt er dort in einer Art Totenhalbschlaf, auf seine irdische Rückkehr wartend, um dereinst wieder zu erscheinen – in Glastonbury.

Kommen Sie ihm vielleicht zuvor?

 

Reisetipps

Anreise

Glastonbury im Südwesten Großbritanniens, in der Grafschaft (County) Somerset, befindet sich etwa 35 km südlich von Bristol. Mit dem Flugzeug fliegt man entweder nach Bristol oder nach London.

Mit dem Auto

Vom Flughafen Bristol kommt man gut über die North Side Road über die A38 ins etwa 40 km entfernte Glastonbury.

Je nachdem von welchem der vier Flughäfen in London man fährt, ist die Strecke zwischen 190-220 km nach Glastonbury.

Mit dem Bus

Vom Flughafen Bristol fährt der Bus A1 etwa alle 15 Minuten nach Bristol Temple Meads, von wo aus man dann mit dem Bus 376 nach Glastonbury kommt, der dort jede Stunde abfährt. Fahrzeit etwa 2 Stunden.

Von London aus fährt ab Paddington Rail Station der Bus 27 alle 10 Minuten nach Hammersmith Bus Station von wo aus man die Buslinie Superfast 3 (einmal täglich) nach Glastonbury nimmt.

Mit der Bahn (recht umständlich)

Vom Flughafen in Bristol fährt ein Bus regelmäßig zum Hauptbahnhof Bristol. Es gibt in Glastonbury allerdings keinen Bahnhof. Man kann jedoch mit dem Zug nach Castle Cary fahren. Hier halten Züge der West of England Railway und der Heart of Wessex Line. Der Ort Castle Cary befindet sich in etwa 1,5 km Entfernung vom Bahnhof. Ab Castle Cary kommt man mit dem Bus 667 nach Glastonbury.

Castle Cary wird auch von London Kings Cross / St. Pancrass angefahren.

Wichtigste Sehenswürdigkeiten in Glastonbury

  • Glastonbury Tor, freier Zugang
  • Chalice Well in der Chilkwell Street. Preis: ca. 4.,50 GBP (Stand 2019)
  • Glastonbury Abbey, Eintritt ca. 8 GBP (Stand 2019)
  • St. Margeret's Chapel die man über die Magdalene Street erreicht, von der ein schmaler Durchgang abgeht
  • Auf dem Stadtfriedhof findet man das Grab der berühmten Magierin, Rosenkreuzerin und Autorin Dion Fortune

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Der magische Jahreskreis im Wicca

von S. Levent Oezkan

Pan und Diana - ewigeweisheit.de

Der Wicca-Jahreszyklus ist in acht Abschnitte gegliedert, deren Übergänge als sakrale Feste des Lebens gefeiert werden. Es ist der Wechsel des Sonnenstandes der den Jahreszeiten folgt. Gemäß der geheimen Gesetze von Sonne, Mond und Erde, besäten, pflegten, jäteten und beernteten, schon in alter Zeit Kelten und Germanen ihre Äcker und Haine.

Die aktiven und ruhenden Vegetationsphasen im Jahreslauf, hängen zusammen, wie jeder weiß, mit der Gegenwart und Abwesenheit des Lichts und der Wärme der Sonnenstrahlen. Von der Aussaat zur Reife bis zur Ernte – also vom Winter, Frühling, Sommer bis in den Herbst – gebiert unsere Mutter Erde in sozusagen neun Monaten unsere Nahrung. In den folgenden drei Monaten welkt das Stroh auf den Feldern, Bäume werfen ihr Laub ab. So stehen sich gegenüber: neun Monate Leben und drei Monate Sterben.

Im Jahreskreis markieren Sonnenwenden (Solstitien) und Tagundnachtgleichen (Äquinoktien) vier Punkte, von denen sich je zwei gegenüber liegen. Sie markieren die Mitten der vier Jahreszeiten. Seit alters her feierten Menschen zu diesen Zeitpunkten gemeinschaftlich große Feste.
Jene Tradition ist also schon sehr alt und begann vielleicht vor etwas weniger als 12.000 Jahren (es könnte sein, dass vor dieser Zeit, die Achslage der Erde, eine andere Neigung hatte, etwas, dass sich natürlich auf die Jahreszeiten auswirkt).

Am Anfang jener oben angedeuteten dreimonatigen Ruhephase jedoch, feierte man in alter Zeit, nach den Erntefesten die großen Mysterien. Da wurden die Aspiranten eingeweiht in das Geheimnis des Todes. Jener uralte Ritus lebt heute in der freimaurerischen Tradition fort.
Es heißt, dass nach neun Monaten im Mutterleib (Leben) und drei Monaten im Tempel (Sterben), der wahre Mensch geboren wird.

Genau zwischen diesen vier jahreszeitlichen Festen, feiern jüngere, synkretistische Religionen, wie etwa die Wicca-Hexenreligion, außerdem noch weitere vier Feste. Sie bilden gemeinsam mit den vier Sonnenfesten, den oben bereits angedeuteten, achtfältigen Jahreskreis. Für jene, sich daraus ergebenden acht Jahresfeste, stehen die acht Speichen des sogenannten Sonnenrades – einem universalen Symbol, woraus der Eingeweihte Gesetz, Recht und seine ethisch-religiösen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft abzulesen vermag.

In der Religion des Wicca jedoch, beschreibt jeder Abschnitt, der durch eine dieser acht Speichen des Sonnenrad begrenzt wird, die Liebschaften eines heiligen Paares – repräsentiert durch die Mondgöttin Diana - und Pan, den gehörnten Gott der wilden Erde.

Die acht Hexensabbate

Wenn Angehörige des Wicca über diese acht großen Jahresfeste sprechen, ist die Rede von den Sabbaten – einem Begriff jüdischen Ursprungs (Schabbat: Ruhetag). Das Wesen der Wicca-Feste jedoch, worüber wir im Folgenden sprechen wollen, sind durchtränkt von antiken, solaren und lunaren Mythen und Symbolen. Mit den alten abrahamitischen Kulten haben sie nur wenig gemeinsam. Und doch: Titel, Zeitpunkte und Gebräuche dieser Feste, weisen zum Teil hin auf den eigentlich heidnischen Ursprung, heute gefeirter christlicher Hochfeste.

Jene Mythen, die im Wicca von Bedeutung sind, weisen hin auf das »Leben« von Sonne und Mond – das heißt, auf ihre astronomischen Bewegungen im Jahreslauf. Auch der Mond hat, ähnlich der Vierheit der solaren Jahreszeiten, ebenso vier Hauptphasen: Neumond, zunehmender Mond, Vollmond und abnehmender Mond. Die acht Hexensabbate des Wicca nun, sind in diesen, jeweils vier solaren und lunaren Lichtphasen, untereinander verbunden.

Insbesondere wichtig für Anhänger der Wicca-Tradition aber ist, ob sie sich auf der nördlichen oder auf der südlichen Hemisphäre der Erde befinden. Denn je nach entsprechendem Aufenthaltsort, spielen sich die Jahreszeiten dort jeweils entgegengesetzt ab. Darum feiert man auf der Südhalbkugel jene acht Jahresfeste in umgekehrter Reihenfolge.

Neben den acht Hauptfesten, gibt es aber noch weitere 13 Hexensabbate, die bei Vollmond oder manchmal auch bei Neumond gefeiert werden. Sie gelten als besonders wirksame, magische Arbeitstage. 
Wir wollen uns im Folgenden jedoch insbesondere mit den acht Hauptfesten beschäftigen.

Große Sabbate: Feuer- und Mondfeste

Die vier Lichtfeste zu Ehren der Mondgöttin – Samhain, Imbolc, Beltane und Lughnasadh – sind im Wicca von übergeordneter Bedeutung.
Sie finden genau in der Mitte, zwischen je zwei solaren Festen statt, weshalb man sie auch Kreuz-Viertel-Tage nennt. Für die genau Bestimmung dieser Tage, verwenden die Wicca-Priesterinnen und -Priester aber tatsächlich unterschiedliche Methoden. Normalerweise aber gelten kalendarische Daten, die sich aus solaren und lunaren Lichtphasen ergeben – im Zusammenwirken von Jahreszeit und Mondphase.

Außerdem werden diese vier großen Wicca-Feste, von bestimmten astrologischen Qualitäten bestimmt, die den vier Fixzeichen entsprechen: Skorpion, Wassermann, Stier und Löwe.

Kleine Sabbate: Sonnenfeste

Die vier solaren Feste zu Ehren des Sonnengottes – Jul, Ostara, Litha und Mabon – bestimmen die vier astronomischen Positionen der Sonne im Wechsel der Jahreszeiten: Wintersonnenwende, Frühjahrstagundnachtgleiche, Sommersonnenwende und Herbsttagundnachtgleiche.

Die Sonnenwenden ereignen sich, wenn die Sonne am höchsten steht: im Winter auf der Südhalbkugel und im Sommer auf der Nordhalbkugel.

Man spricht auch von den Solstitien, da sie den »Stillstand der Sonne« beschreiben (sol: Sonne; sistere: Stillstand). Doch welcher Stillstand ist damit gemeint?
Vom 21.12. beginnend, vollzieht die Sonne bis zum 24.12. dreimal genau die selbe Bahn. Daher Stillstand, da sich der Sonnenzenit im Tagesbogen um nicht einmal 1° verändert. Auf der Nordhalbkugel, sind das die drei kürzesten Tage im Jahr, entsprechend die längsten Tage auf der Südhalbkugel. Zwischen dem 21.6. und dem 24.6. dann, findet die Sommersonnenwende statt, mit den drei kürzesten Nächten im Jahr auf der Nordhalbkugel und den drei längsten Nächten auf der Südhalbkugel der Erde.

Die beiden Tagundnachtgleichen – die Äquinoktien (aequus: gleich; nox: Nacht) – finden statt, wenn sich die Schräge der Erdachse weder zur Sonne hinneigt, noch sich von ihr entfernt. Dann sind Erdäquator und Sonnenzentrum auf selber Ebene, Tag und Nacht dauern gleich lang. 
Datumsmäßig findet die Frühlingstagundnachtgleiche zwischen dem 19., 20. oder 21. März statt; die Herbsttagundnachtgleiche fällt auf einen der Tage des 22., 23. oder 24. September.

Die vier Kardinalzeichen Steinbock, Widder, Krebs und Waage, bestimmen die astrologischen Qualitäten der vier kleinen Sabbate.

Name des Festes Datum Astrologisches Zeichen
Samhain

 

Nacht auf den 1. November

 

Skorpion

 

Jul

 

21. - 23. Dezember (Wintersonnenwende)

 

Steinbock

 

Imbolc

 

1. Februar

 

Wassermann

 

Ostara

 

20 - 23. März (Frühlingstagundnachtgleiche)

 

Widder

 

Beltane

 

Nacht auf den 1. Mai

 

Stier

 

Litha

 

21. Juni (Sommersonnenwende)

 

Fische

 

Lughnasadh

 

1. August

 

Löwe

 

Mabon

 

21. - 24. September (Herbsttagundnachtgleiche)

 

Waage

 

Das Buch der Schatten

Zu jedem der acht Hexensabbate, gehören besondere Rituale. Sie werden im »Buch der Schatten« beschrieben. Das Buch geht zurück auf einen der Pioniere der neu-heidnischen Wicca-Religion: Gerald Brosseau Gardner (1884-1964).

Gardner schrieb die Texte seines Buches, einem antiken, geheimen Hexenkult zu, in den man ihn einweihte, wie er behauptete. Darin erhielt er altes keltisches Wissen, dass er vermengte mit dem System henochischer Magie des großen John Dee. Auch Elemente der Thelema-Religion und des Golden Dawn, sind in seinem Buch verankert.

Man kann sagen, dass es sich beim Buch der Schatten, um den wichtigsten Text der Wicca-Religion dreht, auch wenn es eigentlich kein offizielles Buch der Schatten gibt. Vielmehr existiert es in verschiedenen Varianten. Normalerweise besitzt darum jeder Hexenzirkel eine handgeschriebene Kopie vom Buch der Schatten, die dann aber mit geheimen, ordenseigenen Zeichen kodiert sind, allein verständlich für die Angehörigen eines bestimmten Wicca-Zirkels.

Heute verwenden Gardners Buch aber auch andere Wicca-Gruppen, wie die Alexandrianisten und die Mohsianisten.

Für alle Hexen und Hexer, gilt das Buch der Schatten allerdings als Bibel des Wicca. Das Buch entstand mit Hilfe der Hohepriesterin Doreen Valiente (1922-1999), wurde aber im Laufe der Jahre, um einige hilfreiche Aspekte erweitert oder entstand sogar ganz und gar unabhängig von Gardners Original.

Das Buch an sich erzählt jedoch nicht über die Geschichte des Wicca, sondern stellt genaue Anweisungen für die rituelle Zeremonienarbeit zur Verfügung.

Es werden in diesem Buch die Einweihungszeremonien in den Wicca-Kult beschrieben, die Rituale zu den acht Hexensabbaten, Zaubersprüche und das Wesen übersinnlicher Mächte. Damit ist das Buch für all jene ein Muss, die die Hexensabbate in heiliger Zeremonie feiern wollen.

Samhain

Nacht auf den 1. November

Im Wicca markiert das Samhain-Fest den Jahresanfang. Es ist eine Feier zu Ehren der Ahnen. Zu ihnen gehören die eigenen, verstorbenen Vorfahren und guten Freunde ebenso, wie jene Weisen durch die die alte Tradition überliefert wurde. Manchmal werden auch Ahnengeister eingeladen, der heiligen Samhain-Zeremonie beizuwohnen.

Samhain ist ein Fest der Dunkelheit und des Todes, das im Wicca-Jahreskreis gegenüber Beltane steht – dem Fest des Lichts und der Fruchtbarkeit. In seinem Buch »The Golden Bow«, bezeichnete Sir James Frazer (1854-1941) die Samhain-Nacht als »Halloween«.

Jene Hohepriesterinnen und Magi des Wicca wissen, dass in der Nacht zum 1. November, sich die Schleier in die Welt des Jenseits öffnen. Einem wahren Magus öffnen sich dann geheime Tore, über die er in Kontakt tritt mit den Seelen Verstorbener, aber auch jenen der großer Ahnen.
Sicher kein Zufall, wenn der 1. November bei den Katholiken als »Allerheiligen« gefeiert wird, jenen christlichen Ahnen, die man als Heilige verehrt.

Jul (Wintersonnenwende)

21. bis 23. Dezember

Der Zeitpunkt des Mittwinters, das Julfest, gilt bereits seit der Steinzeit, als wichtigster Punkt im Jahreslauf. Darauf weisen alte Megalithbauten hin, wie jene von Newgrange (Irland) und Stonehenge (England). Sie waren genau ausgerichtet auf Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zu den Sonnenwenden.

Nach der Wintersonnenwende, neigt sich der Höchststand der Sonne, allmählich wieder nach Norden. Das markierte für die Alten die Neugeburt des Sonnengottes und damit die garantierte Wiederkehr der fruchtbaren Jahreszeit. Für die alten Germanen, wie auch die Römer, markierten diese Tage das höchste Fest des Jahres. Es dürfte also kein Zufall sein, dass der 24.12. im Christentum von so hoher Bedeutung ist, nennt man ihn doch die »Geburt des Lichts«, was ja in der Tat der Fall ist: ab diesem Tag nämlich, nehmen die Sonnenstunden wieder zu.

Opfergaben, Fasten und das Überreichen von Geschenken sind wichtige Elemente des alten Julfestes. Tannenzweige und -kränze gehörten seit jeher zu den wichtigsten Schmuckelementen des Julfestes – steht das Grün der Tanne doch für das ewige Leben. Daher auch die Tradition sich zu Weihnachten einen Tannenbaum im Haus aufzustellen oder einen Adventskranz mit brennenden Kerzen zu beleuchten.

Feuerrad aus Stroh - ewigeweisheit.de

Ein brennendes Sonnenrad aus Stroh als Symbol für die Wintersonnenwende.

Imbolc

1. Februar

Die ersten Frühlingsregungen feiert das Imbolc-Fest. Ab dieser Zeit reinigt sich die Natur, während der Mensch sich auf das baldige Frühlingserwachen freut.

Im alten Rom markierte dieser Zeitpunkt einen wichtigen Feiertag für die Schäfer. Auch den Kelten war dieser Tag heilig, beginnen da doch die Mutterschafe Milch zu bilden, bevor sie dann etwas später ihre Jungen zur Welt bringen. Imbolc war den alten Kelten außerdem wichtig, war es doch der heilige Tag der Göttin Brigida – Tochter des guten Dagda, einem Gott des mythischen Volkes der Tuatha Dé Danann.

Allen Hexen und Hexern ist dieser Tag wichtig, um Schwüre zu halten und sich Neuem zu widmen.

Ostara (Frühlingstagundnachtgleiche)

20. bis 23. März

Im Jahreskreis markiert Ostara das Fest der Frühlingstagundnachtgleiche. Ostara war die alt-germanische Göttin der Fruchtbarkeit. Dafür stehen die Symbole Ei und Hase. Seinen Ursprung hat der Name der Göttin im Proto-Indoarischen, wo nämlich das Wort »austro«, das »Scheinen« bezeichnet.

In der Wicca-Religion bedeutet die Tagundnachtgleiche, dass das Licht nun die Dunkelheit überholt, die Göttin erwacht und Fruchtbarkeit über die Erde bringt. Damit ist Ostara also auch eine Lichtgöttin. Kein Wunder, dass in der Phase zwischen Ostara und dem später folgenden Litha-Fest, die Natur ihre ganze Kraft gibt, um soviel wie möglich neue Früchte und darin Samen hervorzubringen. In der Phase ab Ostara, finden die größten Bewegungen des Grundwassers statt.

So ist Ostara ein Fest des Neuanfangs. Drum reinigen viele in dieser Zeit ihre Wohnräume, halten Diät oder enthalten sich bestimmter schlechter Gewohnheiten. Auch hier erinnert das an den christlichen Brauch vor Ostern (natürlich dem Namen Ostara entlehnt) zu fasten.

Festprozession zu Imbolc - ewigeweisheit.de

Darstellung der germanischen Frühlingsgöttin Ostara.

Beltane

Nacht auf den 1.5.

Die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, gilt als die Nacht der Hexen, die sich dann auf dem Blocksberg versammeln – dem Brocken im Harz. Doch natürlich nicht allein nur hier. Auch an anderen erhöhten Orten (etwa auf dem Tor-Hügel im englischen Glastonbury), halten die Verehrerinnen der Muttergöttin ihre großen Feste ab. Meist werden dort riesige Holzscheite entzündet, um die manche der Teilnehmer in ausgelassenem Tanz kreisen. Mit den dafür entfachten Feuern, sollen die bösen Geister vertrieben werden, um Raum für das junge neue Leben freizugeben.

In Heidelberg ziehen jährlich zur Walpurgisnacht tausende Menschen auf die Thingstätte, auf dem Gipfel des Heiligenberges. Bis heute ist das Fest die größte, inoffizielle Feier Heidelbergs.

Zu den wilden Walpurgisnacht- und Beltanefesten, kam es immer auch zu rituellen Liebesakten auf den Feldern, die in vorchristlicher Zeit, die menschliche Fruchtbarkeit auf den Ackerboden übertragen sollten.

In Irland wird der 1. Mai als erster Sommertag gefeiert. Im alten Rom feierte man am 1. Mai ein Fest zu Ehren der Flora – der Göttin der Blumen.

Auch in verschiedenen bäuerlichen Maibräuchen, leben heute noch viele alte Beltane- und Walpurgisriten fort. So vertrieben die Bauern böse Mächte von ihren Gehöften, durch knallen ihrer Peitschen, legten Besen aus und besondere Maibüsche.

Besonders aber das Aufstellen des traditionellen Maibaums, meist der Stamm einer großen Birke, ist Sinnbild der Fruchtbarkeit (Phallus) und stellt gleichzeitig den Weltenbaum dar. Der Maibaum ist eben ein Symbol der neu geborenen Fruchtbarkeit der Natur. Mit dem Maibaum wird sie symbolisch aus dem Wald in den Ort gebracht.

Früher tanzte man um den in der Dorfmitte stehenden Maibaum, später feierte man darunter Feste. Diese alte Tradition wird in manchen Ländern bis heute fortgeführt. Auch werden Bänder am Maibaum befestigt, deren lange Enden junge Mädchen in der Hand halten, langsam um den Baum gehen, bis der Stamm bunt umkränzt ist.

Auch kommt es immer wieder vor, dass in verfeindeten Dörfern, Maibäume auf dem Dorfplatz von böswilligen Angehörigen des Nachbardorfes, einfach gefällt werden.

Maibäume fällte man zu Walpurgis auch, um sie der Liebsten ans Fenster zu stellen (mehr zum Thema Beltane, finden Sie in diesem Artikel).

Litha (Sommersonnenwende)

21. Juni

Das Mittsommerfest Litha ist eines der vier solaren Festivitäten im Wicca – ein Wendepunkt des Lichts. Denn nach diesem längsten Tag und dieser kürzesten Nacht des Jahres, beginnt sich der Zenit der Sonne, allmählich wieder zu senken. Die Helligkeit nimmt langsam ab, die Stunden der Dunkelheit werden wieder länger.

Der Name Litha ist angelsächsischen Ursprungs und bezeichnet einen von zwölf Monatsnamen, der in etwa auf den Zeitraum des Monats Juni fällt (gregorianischer Kalender). Litha an sich, bedeutet »einfühlsam«, denn dieser Eigenschaft entsprechend sind auch die leichten Brisen im Mittsommer.

Relevant ist dieses Fest aber insbesondere in nordischen Ländern, wie Island, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland oder Lithauen – wie sonst auch in anderen nördlichen Regionen unserer Erde. Denn um diese Zeit geht dort die Sonne überhaupt nicht unter. Vielmehr dreht sie sich einmal um den gesamten Horizont.

Lughnasadh

1. August

Neben Samhain und Mabon, ist Lughnasadh das erste der drei Erntefeste im Wicca. Als Fest der Mitte, zwischen Sommersonnenwende und Herbsttagundnachtgleiche, durchläuft die astrologische Sonne um diese Zeit das Sternzeichen Löwe.

In der Mythologie des alten Irland, war Lugh einer der vier großen Götter der sagenhaften Tuatha Dé Danann. Sein Name bedeutet »leuchtender Krieger«.

Lughnasadh erinnert an den Tod dieses eigentlichen Getreidegottes. Als Keimling wird es geboren und ernährt den Menschen durch seinen »Tod«, mit dem dabei geernteten Getreide. Der alt-irische Name Lughnasadh bedeutet eben: der Tod des Lugh. Manche Anhänger des Wicca, backen an diesem heiligen Tag darum ein Brot in Form dieses Erntegottes und essen es, um damit die Heiligkeit und Wichtigkeit des Festes zu betonen.

Zu Lughnasadh schloss man sogenannte Probe-Ehen. Wenn durch solche Vermählung auf Zeit aber keine Kinder gezeugt wurden, schied man das Paar im Frühjahr wieder.

Mabon (Herbsttagundnachtgleiche)

21. bis 24. September

Was das Erntefest Lughnasadh einleitete, wird mit Mabon beendet: der Abschluss der Ernte und der feierliche Abschied vom Sommer. Mabon ist also das heidnische Dankesfest für die eingetragene Ernte. Man dankt Mutter Erde für ihre Gaben. Es entspricht außerdem jener Jahreszeit, in der man auch das christliche Erntedankfest begeht – normalerweise am ersten Sonntag nach Michaeli (29. September).

Mit Sonnenuntergang nach der Herbsttagundnachtgleiche, an dem die Sonne in das Tierkreiszeichen Waage eintritt, beginnt das heilige Mabon. An diesem Tag bereiten sich die Wicca-Anhänger innerlich vor, auf den nun bald beginnenden Winter. Es ist auch ein Fest der Reflexion über das vergangene Jahr, bildet Mabon doch den Abschluss des Jahreskreises. In einem üppigen Gemeinschaftsmahl, dankt man für eine reiche Ernte.
Es ist auch üblich zu diesem Fest die letzte Getreidegarbe zusammengebunden auf dem Acker stehen zu lassen.

Nicht zufällig wurde dem Fest der Name Mabon gegeben, ist er doch der Gottessohn der walisisch-keltischen Muttergottheit Modron. Mabon gilt als die Inkarnation des Herbstlichts, das eben nach der Tagundnachtgleiche von Modron geboren wird.

Ursprünge des Wicca-Kalenders

All das zeigt, dass schon seit Alters her, die vergöttlichten Himmelslichter die jahreszeitlichen Ritualbräuche, sowie genauere Datumsberechnungen, eng mit dem Stand von Sonne und Mond zusammenhängen – wurden sie doch als die beiden Hauptgötter verehrt: Vater Sonne und Mutter Mond.

Wie aber zu Anfangs hingewiesen, spielt dabei die heilige Erde eine bedeutende Rolle. Das heißt, das jene beiden Himmelslichter immer im Zusammenhang mit der auf der Erde stattfindenden Vegetation gesehen werden müssen. Diesen Lebensaspekt verkörpern im Wicca zwei alte Götter: Diana als Mondgöttin bewirkt den Fluss der Fruchtbarkeitssäfte allen irdischen und unterirdischen Lebens, während der gehörnte Gott Pan, auf den Charakter allen Lebens hinweist, dass ja zur Sonne hinstrebt. Denn ihr Licht und ihre Wärme sind doch ebenso lebensnotwendig, wie das Wasser und die physische Nahrung aller Lebewesen.

Es liegt damit nahe, dass die Erfindung des Kalenders, untrennbar verbunden ist, mit den sakralen Riten unserer Vorfahren. Vielleicht auch daher, wurden viele dieser Tage in die christlichen Kalender des liturgischen Jahres übernommen. Ihre Bedeutungen aber ersetzt man, durch ihnen entsprechende Heilige, Propheten und Engel. Eine Fortschreibung heidnischer Religion in christlichem Gewand? Mehr zum Thema findet sich in diesem Artikel.

Fest steht, dass das System der Wicca-Jahresfeste, erst in jüngerer Zeit entstand. Das oben beschriebene Jahresrad, dessen acht Speichen stellvertretend für die vier Feuerfeste und die vier Sonnenfeste stehen, bilden eine Achtheit, die älteren heidnischen Traditionen des Westens jedoch unbekannt waren.

Erst durch Gerald Gardner und andere, wurden die Feste älterer Traditionen durch die Wicca-Religion in dieser achtfachen Form verwirklicht.

Die vier, oben beschriebenen Hochfeste, Samhain, Lughnasadh, Imbolc und Beltane, nehmen ihren Ursprung sehr wahrscheinlich im Keltentum Alt-Britanniens und Irlands. Dafür stehen wohl die alten Megalithbauten und Steinkreise im heutigen Großbritannien und Irland. Jene kleineren Hexen-Sabbate, Jul, Ostara, Litha und Mabon, sind aber germanischen Ursprungs. Sie zelebrierte man im hohen Norden, wohl schon in der Bronzezeit.

Diana und Pan

Das göttliche Paar Diana und Pan sind bereits sehr alt. Gott den Vater dachte man sich in alter Zeit verkörpert durch die Sonne. Die Muttergottheit wurde stets mit dem Mond, aber auch mit der Erde assoziiert - je nach Betrachtung ihrer lichtvollen oder dunklen Aspekte.
Als Nachkomme von Diana und Pan, gilt im neu-heidnischen Kontext, der Sohn des Sonnengottes, als lebender Repräsentant auf Erden.

Der Gehörnte Gott und seine Muttergöttin

Bei alle dem, ist von zentraler Bedeutung in der Religion des Wicca, die Heilige Hochzeit des Gottes Pan und der Göttin Diana. Die Wicca-Jahresfeste, stehen damit auch stellvertretend für den ewigen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt.

Jener Wicca-Gott Pan kommt durch die Wicca-Göttin Diana an Jul zur Welt. Wie die Macht der Göttin, in ihrem jungfräulichen Aspekt, wächst auch jene des Wicca-Gottes zu Ostara. Er schwängert seinerseits die Göttin zu Beltane und entfaltet sich zu glänzendster Erscheinung an Litha. Mit Lughnasadh nimmt die Kraft des Gottes langsam ab, bis sie an Samhain in die Unterwelt abgleitet. Dabei nimmt der Gott Pan die Fruchtbarkeitsaspekte der Erdgöttin Diana mit sich, die sich nun zum Alten Weib verwandelte, sich aber im Laufe der Jahreszeiten wieder verjüngt.
Mit Jul schließlich, beginnt der Zyklus wieder von Neuem. Immer aber begleitet der junge, gehörnte Gott die Muttergottheit, von der er selbst geboren wurde.

Vor diesem weiten Horizont der Wicca-Religion, ist das Studium des Jahreskreises sicher sinnvoll für all diejenigen, die im Einklang mit der irdischen Vegetation leben wollen.

Wäre so ein Bestreben nicht besonders wichtig, in unserer heutigen, durchrationalisierten, technisierten und digitalisierten Welt?

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Christliche Feste heidnischen Ursprungs

von S. Levent Oezkan

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Noch bis ins 5. Jhd. huldigten die Römer der Muttergöttin Kybele und deren Sohn Attis. Viele Aspekte dieses und anderer heidnischer Kulte, insbesondere des Mithraskults, scheint die Christenheit später in ihre religiösen Zeremonien integriert zu haben.

Den alten Kult von Kybele und Attis, gab es überall im Römischen Reich. Zuerst wurde die Magna Mater (Große Mutter) in Kleinasien, später auch in Griechenland und Rom verehrt. Es ging in diesem Kult um einen Dualismus, das Zusammenwirken der Geschlechter, mit dem Ziel Neues in die Welt zu gebären. Nach alter Vorstellung wurde die Welt aus dem finsteren, wüsten Chaos des Universums geboren, als sich der männliche Himmel und die weibliche Erde vereinten. Man glaubte diese Geburt jedes Jahr erneut im Frühlingserwachen zu erkennen, wo quasi aus der Dunkelheit des Winters, Pflanzen und Tierwelt, ins neue Licht treten, zu neuem Leben erwachen. Viele Symbole dieses Frühlingserwachens, finden sich im kleinasiatischen Mythos von Kybele und Attis, wie auch im Kult um den iranischen Sonnengott Mithras. Bis in die Spätantike waren diese Mysterienkulte im ganzen römischen Reich verbreitet.

Der Mythos von Attis und Kybele

Nach dem von Pausanias überlieferten Mythos schlief Zeus einmal auf dem Agdos (Berg in Kleinasien) ein. Wild träumend ergoß sich sein Samen auf die Erde. Sofort wuchs an dieser Stelle, aus einem Felsen, ein zwitterhaftes Wesen hervor: Agdistis. Es war eine wahre Schreckgestalt, vor der sich die anderen Götter fürchteten. Aus Angst verbündeten sie sich gegen Agdistis. In einem listigen Akt kastrierten sie ihn. So entmannt, verwandelte sich Agdistis zur Großen Muttergöttin Kybele. Die abgetrennten Genitalien aber verwandelten sich in den Jungen Attis – gleichzeitig Sohn und Gemahl der Kybele. Sich gegenseitig immer noch anziehend, zogen sie als glücklich verliebtes Geschwisterpaar durch Kleinasien. Doch da begegneten sie der schönen Prinzessin von Pessinus, in die sich Attis sofort verliebte. Doch die vor Eifersucht rasende Kybele schlug Attis, die Prinzessin und den gesamten Hofstaat von Pessinus mit Wahnsinn. Vollkommen irre, rannte Attis hinaus in den Wald und entmannte sich unter einer Pinie. An dieser Verletzung verblutete er. Nun sah Kybele das Ergebnis ihres Zornes. Sie bedauerte was sie mit ihrem Sohngemahl angerichtet hatte. Reumütig bat sie Zeus, ihren geliebten Attis wieder zum Leben zu erwecken. Zwar gewährte der Göttervater und gab dem Attis sogar ewiges Leben, doch er sollte von nun an für immer schlafen. Alles was sich an ihm bewegte war der kleine Finger seiner Hand.

Kybele trug den schlafenden Attis zu einer Höhle, nahe der Stadt Pessinus, wo sie später, ihm zu Ehren, ein Tempel errichteten. Von da an feierte man dort jedes Jahr ein großes Fest, wo der ewig Schlafende beweint wurde. An diesem Ort soll sich auch ein schwarzer Meteorit befunden haben.

Die Figur des schlafenden Attis in der Höhle, ist natürlich ein Symbol für die Seele, die unbewusst in der Höhle des menschlichen Körpers schlummert.

Blutorgie

Um Frühlingsanfang feierte man im römischen Kleinasien die Einweihungsmysterien der Göttin Kybele. In Aufsehen erregenden Umzügen, tanzten weiß bemalte Kybele-Priester, mit nach Rosen duftenden Haaren, durch die Stadt. Die Straßen waren gesäumt von der jubelnden Menge. In gewisser Hinsicht ähneln solche Ereignisse dem griechischen Mysterienkult von Eleusis. Vom Volk sammelte die Priesterschaft Almosen zur Vergebung für das Blutvergießen des Attis.

Die Kybele-Riten waren ein Blutkult: man sah, wie sich die tanzenden Priester Becher reichten und daraus einen dicken, roten Saft tranken: wohl das Blut eines geopferten Lammes. Erinnert das nicht an den viel jüngeren Kult der christlichen Eucharistie?

Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

- Matthäus 26:28

Auch die Thematik der Wiederauferstehung, klingt an im alten Kult um Kybele und Attis. Der alte Körper stirbt, befreit sich dabei von den Sünden, wieso Blut zu seiner Vergebung vergossen wird. Die wahre Bedeutung dieser symbolischen Handlungen, blieb der tosenden Menge jedoch unbekannt. Sie fühlten sich einfach nur hingerissen, von der Magie dieses orgiastischen Treibens.

Die Mysterien der Muttergöttin Kybele waren im Orient nur eins, einer Vielzahl ähnlicher religiöser Riten. Im alten römischen Reich verbreiteten und vermischten sich verschiedene Mysterien-Ideale.

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Die Göttin Kybele

Eine kulturelle Zeitenwende

In den alten Gesellschaften Griechenlands und Roms galt, sich als Individuum der Gemeinschaft unterzuordnen. Die Bürger, als Teil des Staats, bildeten das Fundament für Gemeinwohl und Sicherheit. Man erhoffte sich damit aber nicht alleine weltliche Sicherheit, sondern glaubte, dass sie auch in der kommenden Welt, sozusagen »nach der Auferstehung« fortbestehe.

So schenkten die Bürger einer Stadt ihre Hingabe dem öffentlichen Zusammenleben. Schon als Kinder lernten sie die Uneigennützigkeit als höchstes Ideal kennen. Selbst wenn sie benachteiligt aufwuchsen, oder es die göttliche Vorsehung nicht so gut mit ihnen meinte, widmeten sie sich trotzdem dem öffentlichen Dienst an ihrer Mitbürgern. Das Interesse des Gemeinwohls, zog man den eigenen Wünschen vor. Eine recht ungewöhnliche Sicht auf das Leben, verglichen mit unserer heutigen Welt.

Doch als sich die alt-orientalischen Religionen in Europa verbreiteten, veränderte sich diese Haltung. Wir verstehen heute unter »orientalisch« vornehmlich islamische Länder. Doch der Islam ist ja eine recht junge Religion, die sich erst im 7. Jhd. n. Chr. verbreitete, im Gebiet des alten römischen Reichs und weit darüber hinaus. Was damals aber geschah war vielmehr die Ausbreitung einer bisher nicht dagewesenen Vorstellung darüber, was die Seele des Menschen eigentlich ist. Man sah in der Seele des Einzelnen ein direktes Bindeglied zu Gott. Durch dieses, dem Westen wohl noch vollkommen neuen, religiösen Ideal, sah man, dass Erlösung für das Individuum möglich war – auch unabhängig vom Gemeinwohl. Der Überbau einer staatlichen Gemeinschaft war für die Erlangung ewigen Heils also garnicht notwendig. Dem Staat durch das eigene Dasein zum Wohlstand zu verhelfen, wurde damit natürlich immer uninteressanter. Es ließ sich somit nicht mehr vermeiden, dass sich »Gläubige«, immer mehr aus dem Dienst an der Gemeinschaft zurückzogen, denn sie waren nun auf ihre eigene emotionale und spirituelle Erfüllung aus.

In dieser Zeit begannen die Menschen verachtend auf das gegenwärtige Leben herab zu schauen. Die gegenwärtige Inkarnation war mehr eine Vorstufe in ein besseres, ewiges Leben. Höchstes Ideal des Menschseins war nun nicht mehr das Gemeinwohl, sondern das himmlische Fortbestehen der eigenen Seele. Irdische Helden vergaß man, einstige Patrioten, die für ihr Land starben, galten nicht mehr viel. Alles was mit dem irdischen Dasein und dem Leben in den Städten zu tun hatte, verachtete man zunehmend. Das Reich der Gottheit siedelte man nicht mehr auf Erden an, sondern sah das Paradies im Himmel. So verlagerte sich die Bedeutung eines gegenwärtigen, irdischen Lebens, hin zu einem zukünftigen himmlischen Leben in Gott.

Abwendung vom Weltlichen

Mit dieser Entwicklung setzte eine Auflösung des alten politischen System ein. Die Beziehungen zwischen Staat und Familie lockerten sich, die Bande zwischen Gemeinwesen und Individuum lösten sich immer mehr. Nur wohin sollte das führen? War mit dem Zerfall dieser uralten Gesellschaftsstruktur, nicht ein Rückfall in die Barbarei gegeben? Nur wenn die Menschen einer Gesellschaft bereit dazu sind zusammenzuarbeiten und sich den Interessen des Gemeinwohls unterzuordnen, kann ein sicheres Zusammenleben überhaupt funktionieren. Mehr und mehr aber identifizierte man das Irdische, die materielle Welt, mit dem Prinzip des Bösen. Man begann nun also nach dem eigenen seelischen Wohlergehen zu streben, wandte der irdischen Welt folglich den Rücken.

Tausend Jahre lang, bis ins Mittelalter, lebten immer mehr Menschen in dieser, fast schon wahnhaften Abkehr von allem Weltlichen. Erst mit der Renaissance (europäische, Kulturepoche des 15. und 16. Jhd.) wurden in Europa, neue gesellschaftliche Fundamente geschaffen, die auf aristotelischer Philosophie und römischem Recht basierten. So versuchte die westliche Weltgesellschaft zurückzukehren zu ihrem alten gesellschaftlichen Erbe. Nur waren die Grundlagen dieser alten Weltanschauung, nicht wie einst weiblich geprägt. Jetzt nahm den Platz der antiken Muttergöttin der Erde, ein väterlicher Himmelsgott ein.

Verehrung des Gottes Mithras

Der Himmelsgott der nach der Zeitenwende an Bedeutung gewann, war der himmlische Sonnengott Mithras. Auf dem Gebiet des alten römischen Reichs, finden sich unzählige Denkmäler, die auf diesen alten Mysterienkult hinweisen. Den ursprünglich iranischen Gott Mithras, verehrte man als personifizierte Sonne. Viele Elemente die sich in den alten Mutterkulten finden, wie auch solche aus der viel jüngeren Christenheit, ähneln dem Mithraskult in Ritus und Bildnis. Die Priester der noch jungen Christenheit sahen in den Mithras-Bildnissen und -Kultstätten vielleicht eine Gefahr, zumindest aber eine gefährliche Konkurrenz. Für sie waren sie schlicht ein Werk des Teufels, die die Seelen der Christen-Gläubigen gefährde und vom wahren Glauben abbringe. Was konnte man gegen Mithras, den Nebenbuhler Christi, unternehmen?

Zweifellos war der Mithras-Kult für die junge Christenheit ein schwieriger Rivale. Manche Historiker der Vergangenheit, so etwa der Franzose Ernest Renans (1823-1892) vertraten die Meinung, dass die westliche Welt bis heute vielleicht den Mithraismus als Staatsreligion angenommen hätte, wäre nicht das Christentum aufgrund zufälliger Ereignisse in seiner Ausbreitung gehemmt worden. Beide »Kulte«, Mithraismus und Christentum, ähnelten sich in vieler Hinsicht. Wie die Christen, strebten die Anhänger des Mithras nach moralischer Reinheit und hofften auf Unsterblichkeit. Wahrscheinlich übernahm die christliche Kirche, auch das Datum des Weihnachtsfest, aus dem alten römischen Mithras-Kult. Aus den Evangelien erfahren wir nichts über den Geburtstag Jesu und so feierten die ersten christlichen Sekten, bis ins 4. Jhd., die Geburt ihres Heilands an verschiedenen Tagen.

Der 25. Dezember, der erste Tag nach der Wintersonnenwende, wurde ab einem bestimmten Datum als Geburtstag Jesu festgelegt. Ab diesem Tag nahm die Kraft der Sonne wieder zu, die Tage wurden wieder länger, das Tageslicht wurde in dieser Phase des Jahreslaufs geboren.

Ursprung des Weihnachtsdatums

In Syrien und Ägypten war Weihnachten ein ekstatisches Fest. Nachdem sich die Priester für einige Zeit in die Stille eines Schreins zurückgezogen hatten, kamen sie an Mitternacht zum 25. Dezember laut rufend heraus auf die Straßen:

Die Jungfrau hat den Heiland geboren! Das Licht nimmt zu!

Dabei trugen sie den Gläubigen das Bildnis eines Kindes entgegen, als Sinnbild des neugeborenen Sonnengottes. Das Bild, der am 25. Dezember gebärenden himmlischen Jungfrau, stammt ohne Zweifel aus dem Orient. Seine römischen Verehrer nannten den Mithras »die unbesiegte Sonne« – unbesiegt, da er mit seiner jährlichen Geburt am 25. Dezember, die Finsternis des Winters überwand.

Zu etwa selber Zeit etablierte sich, bei den ägyptischen Christen (Koptische Kirche), der 6. Januar als Christi Geburtstag. Dieses Datum galt bald für alle Ostkirchen (z. B. Griechisch-Orthodox, Russisch-Orthodox). Bis heute markiert es den Weihnachtstag. Diese Datumsfestlegung haben die Westkirchen jedoch nie übernommen. Für sie blieb der wahre Geburtstag des Herrn der 25. Dezember. Dieses Datum akzeptierten später auch die orthodoxen Ostkirchen. Heute feiert auch die griechisch-orthodoxe Kirche am 25. Dezember das Weihnachtsfest. Diese Vereinbarung wurde im Jahr 375 n. Chr. in Antiochien (antike Stadt, heute türk. Antakya) festgelegt. Ausnahme bildet das griechisch-orthodoxe Kloster St. Kathrin im Sinai (Ägypten), dass Weihnachten auch heute noch am 6. Januar feiert.

Wieso aber kam es zu dieser Datumsänderung? Nun, die damaligen Christen nahmen noch teil an den Feierlichkeiten der »Heiden«, die am 25. Dezember die Wiedergeburt der »Sonne der Gerechtigkeit« feierten. Man entzündete zu diesem Anlass Lichter, was wir ja auch heute noch in unseren Breiten vollziehen: brennende Kerzen werden an den Zweigen des Weihnachtsbaumes entzündet.

So legten die Kleriker der Westkirche später fest, dass also die Geburt Christi am 25. Dezember, Heilige Drei Könige dann am 6. Januar stattfinden sollten. Daher kommt der Brauch, dass die Weihnachtslichter (Kerzen, Öllampen) bis zum 6. Januar brennen. Hat die junge Christenheit die heidnischen Festlichkeiten aber vielleicht einfach in ihren Glauben übernommen? Wenn dem so ist, besteht kaum Zweifel, dass auch das Osterfest, an dem die Erlösung und der Tod Christi gefeiert wird, sowie seine Auferstehung, ebenso aus einer anderen asiatischen Religion assimiliert wurde. Wenn wir uns verschiedene mediterrane Osterriten ansehen, ist die Ähnlichkeit zu den Riten des Adonis recht auffällig. Sie waren insbesondere wichtig für die damalige, griechisch sprechende Bevölkerung Süditaliens (Sizilien) und Griechenlands. Der Name Adonis ist außerdem ein Lehnwort aus der semitischen Sprache, dass dem hebräischen Adonai – dem Namen, der in der Bibel zur Bezeichnung des Herrn JHVH (Jahve) verwendet wird. Auch Adonis war, wie andere Götter (unter ihnen der ägyptische Osiris oder der kleinasiatische Attis), ein Gott der Wiederauferstehung und der Vegetation. So scheint es sehr wahrscheinlich, dass die junge Christenheit den alten Glauben tatsächlich in ihren eigenen assimilierte. Schließlich galt die Legende vom sterbenden und wieder auferstehenden Gott als heilig. Und das war etwas, dass eben in jener Region entstand, wo sich später das Christentum verbreitete. Was Adonai in Palästina, Osiris in Ägypten, Attis im alten Kleinasien oder Adonis im alten Griechenland war, sollte Anfang des ersten Jahrtausends der Christus ersetzen. Schließlich verbot man im Jahr 391 die alten Kulte (unter Kaiser Theodosius I.), deren Ausübung von da an mit dem Tode bestraft wurde. Nun war das Christentum römische Staatsreligion.

Ostern und andere christliche Feste

Bevor man den alten Kult verbot, wurden im alten römischen Reich, offiziell Attis und die Große Muttergöttin Kybele verehrt. Attis' Tod und Wiederauferstehung wurden zwischen dem 24. und 25. März gefeiert – also in etwa um die Frühlings-Tagundnachtgleiche. Kein anderes Datum wäre für die Auferstehung eines Fruchtbarkeitsgottes passender gewesen, denn es markiert den Frühlingsanfang, wo die Natur quasi wiederaufersteht.

Bevor man in der Westkirche das Osterdatum anhand des ersten Vollmonds nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche berechnete, wurde Christi Wiedergeburt einfach am 25. März gefeiert. Man übernahm dieses Datum aus den Festlichkeiten zu Ehren des Attis (bzw. Adonis). Die Passion Christi wurde also mit einem viel älteren Kult »harmonisiert«. Das Datum, an dem man heute das christliche Osterfest feiert, ist also bereits sehr alt.

Interessant in diesem Zusammenhang, ist die Ansicht eines alten französischen Kirchenhistorikers: für Louis Duchesne (1843-1922) war der Todestag des »Sohn Gottes«, selben Datums wie der Tag an dem »Gott der Vater« die Welt erschuf! Im alten Rom vereinigten sich dieser »Sohn« und »Vater« in der Gottesgestalt des Attis. Seine Auferstehung feierten die Römer eben an diesem Tag – dem 25. März.

Auch andere Daten heidnischer Feste, ersetzte die Kirche durch christliche Feste:

  • Der Geburtstag des Heiligen St. Georg, der 23. April, trat an die Stelle des heidnischen Hirtenfestes Parilia, an dem man opferte, sich und den Hausstand zur Erneuerung reinigte.
  • Das Fest der Sommersonnenwende am 24. Juni, wurde zum Geburtstag des Propheten Johannes dem Täufer.
  • Einst feierte man die Nemoralia zu Ehren der römischen Jagdgöttin Diana (griech. Artemis) am 15. August. Die Kirche ersetzte das Fest durch Mariä Himmelfahrt.
  • Am 1. November feierte man im alten Irland das keltische Totenfest Samhain, bis es durch das katholische Allerheiligen (Haloween) ersetzt wurde.

Selbst wenn das Wesen der Kirchenfeste einzigartig bleibt, und der christliche Klerus natürlich darauf besteht, ist es sicherlich mehr als ein bemerkenswerter Zufall, dass die Daten der heidnischen Fruchtbarkeits-, Geburts- und Totenfeste, mit denen der christlichen Feste übereinstimmen. Es ist sogar sehr unwahrscheinlich, dass sich diese Übereinstimmung zufällig ergab. Es gibt neben den Zeitpunkten auch sonstige verblüffende Parallelen zwischen Heidentum und Christentum. Besonders der Kontext in dem der solare Gott Mithra von den Römern verehrt wurde, scheint einfach ins Christentum übernommen worden zu sein:

  • Bevor Mithras starb, hielt er mit zwölf Jüngern ein letztes Abendmahl. Dabei wurden Brot oder Fleisch, Wasser oder Wein gereicht.
  • Mithras wurde begraben und erstand auf von den Toten.
  • Mithras war als Sonnengott, der Sonntag geweiht, eben jener Tag an dem bis heute die Christen ihren offiziellen Gottesdienst ausüben.
  • Wichtigstes Symbol des Mithraismus war das Kreuz.
  • Der höchste Mithras-Priester trug als Amtszeichen eine phrygische Mütze – die »Mitra«, der Vorläufer der Bischofsmütze. Seinen Körper kleidete ein rotes Gewand, er trug einen besonderen Ring und den Hirtenstab.

Es dürfte nicht verwundern, wenn es in den ersten Jahrhunderten der jungen Christenheit, wohl darum zu erheblichen Konflikten gekommen war, zwischen Christen und sogenannten Heiden. Für die Anhänger der Mysterien um Attis und Kybele war ganz klar, dass die Kirchenfeste reine Imitationen ihres eigenen Kults waren. Für sie war die Auferstehung Christi eine fadenscheinige Imitation der Auferstehung des Attis. Seitens des christlichen Klerus aber, war, wie könnte es anders sein, Attis nur eine diabolische Nachahmung Christi. Die Heiden wussten natürlich, dass Attis keine Kopie Christi sein konnte, da ihr Kult ja viel älter war als das damals noch blutjunge Christentum. Doch der Klerus wies diese Beschuldigung von sich. Satan versuchte durch Attis die natürliche Ordnung des Reiches Gottes, zu seinen Gunsten umzukehren. Man sah in Christus ein hohes Wesen, dass den Scharfsinn Satans überwand und den wahren Weg zum Heil führte. Es war für die Kirche aber in Wirklichkeit ein Kompromiss. Die jungen Christen waren gezwungen die Feste ihres Heilands, zu selber Zeit wie ihre heidnischen Rivalen zu feiern. Wie sonst hätten sie es geschafft, das Wesen des alten Attis zu überwinden? Hätte man die christlichen Feste an anderen Tagen des Jahres gefeiert, denen noch dazu der solar-kosmische Aspekt fehlte (vier jährliche Sonnenstationen), hätten Mithraismus oder Attiskult, das junge Christentum womöglich verdrängt. Darum sollte der alte Heiland durch den Christus ausgetauscht werden, was auch geschah, und, wie es scheint, sich nach dem Gesetz einer höheren Ordnung auch tatsächlich ereignete. Wenn christliche Urmissionare außerdem mit ihrem neuen Glauben die Welt erobern wollten, mussten sie die unbiegsamen Bedingungen ihres Gründers Jesus Christus etwas lockern. Eine Öffnung gegenüber dem sogenannten Heidentum, erfolgte also durch die Übernahme der Festdaten, der viel älteren Kulte von Attis oder Mithras.

Der schmale Weg, der zum Leben führt

- Matthäus 7:14

Es scheint also, als hätten die damaligen Anhänger des jungen Christentums, diesen Weg von dem Jesus im Matthäus-Evangelium spricht, für sich etwas breiter gemacht, indem sie die heidnischen Feste in ihren christlichen Glauben einfach übernahmen.

Neue Religionen ersetzen alte Kulte

Doch diese Entwicklung gab es nicht allein im Westen. Auch in Fernost ereignete sich, wenn auch einige Jahrhunderte früher und vor einem anderen Hintergrund, eine Anpassung alter Riten an die Gegebenheiten eines neuen Zeitalters. In mancher Hinsicht ähnelt die Geschichte des Buddhismus der des Christentums. Beide »Religionen« basieren scheinbar auf der ethischen Reform eines viel älteren Glaubens. Vorläufer des tibetischen Buddhismus war der Bön. Im Hinduismus Indiens galt Buddha als neunte Inkarnation Vishnus. Im Westen bezeichnete sich schließlich Jesus Christus als »König der Juden«.

Die Gründer dieser neuen spirituellen Traditionen, Buddha bzw. Christus, betonten in ihren Lehren gleichermaßen Mitgefühl, Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe. Sie sollten die Menschheit, jeder auf seine Weise, aus ihrer schwachen, irrenden Wesensnatur herausführen und den Einzelnen zu moralischer Tugend erziehen. Beiden ging es um das ewige Heil des Einzelnen, die Läuterung der individuellen Seele und die Befreiung aus körperlichen Begierden. Nur war, und ist, der Weg zu diesem hohen Ziel, für die meisten Menschen einfach zu eng und die Gefahr von diesem Weg abzukommen leider groß. Nur wenigen gelingt es ihn zu beschreiten – wie es scheint nur jenen, die in der Abgeschiedenheit der Klöster leben. Mönchtum, Askese und Eremitentum, sind ein typisch buddhistisches und christliches Phänomen.

Damit diese Glaubensrichtungen, einheitlich von einer ganzen Nation akzeptiert werden, müsste im Buddhismus und im Christentum, eine dahingehende Änderung vollzogen werden, als dass sie gewissermaßen mit den Vorurteilen, dem Zorn und dem Aberglauben des verantwortungslosen Pöbels, in Übereinstimmung gebracht würden. Bis heute übernehmen diese Aufgabe weniger »feinstofflich empfindenden« Individuen. In Buddhismus sind das die Lamas, im Christentum die Bischöfe. Sie sind Mittler zwischen den hohen Weisen, die als Eremiten in der Abgeschiedenheit leben, und der »Herde der Gläubigen«. Im Laufe der Zeit jedoch, absorbierten diese beiden Religionen immer mehr pagane Elemente. Sie wurden im Sinne der neuen Religion institutionalisiert, um den älteren, heidnischen Glauben auch wirklich auszumerzen.

Wir sollten nicht vergessen, dass in Buddhismus und Christentum, Armut und Zölibat immer angepriesen wurden. Doch damit sind sie keine Religionen für alle Menschen, sondern eigentlich nur für jene, die sich in ihrer individuellen Seelenexistenz, direkt angesprochen fühlen. Der größte Teil der Menschheit folgt dieser Weisheit (oder Torheit?) aber nicht. Selten maß man der Errettung der eigenen Seele all zu viel Bedeutung zu, da man sie nicht als eigenständiges Wesen sah, dass den Körper als Erfahrungsvehikel benötigt. Außerdem führte eine solche Errettung der Seele, wie sie in Christentum und Buddhismus angepriesen werden, ja eigentlich zur Auslöschung der menschlichen Spezies.

Christentum, wie auch Buddhismus, streben die »bescheidene Entsagung« an, die die Seele aus den Qualen irdischen Lebens für immer befreien soll. Doch diese Auffassung können nur jene teilen, die sich nicht mehr mit ihrem Körper identifizieren wollen, sondern die Befreiung aus der materiellen Welt anstreben.

 

 

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