Mystik

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Mysterien von Eleusis - ewigeweisheit.de

Heute gelten Nachrichten, Ereignisse und Aussagen nur dann als anerkannte Fakten, wenn sie einen Bezug haben zu einem Ort und einem Zeitpunkt, zumindest aber einer dieser beiden Größen. Selbst aber wenn das heute als Voraussetzung gilt, musste sich so etwas wie Raum- und Zeitbewusstsein erst entwickeln. Tausende von Jahren dauerte es, bis sich der Mensch den Mysterien von Raum und Zeit bewusst wurde.

Über das Empfinden der Bewegung seines selbst bewusst gewordenen Körpers durch die Welt, entwickelte der Mensch ein Gefühl für das, was wir heute »Raum« nennen. Dieses räumliche Wahrnehmen entfaltete sich allmählich zu einer geistigen Funktion, die irgendwann im Erleben des unendlichen Raumes gipfeln sollte. Das aber war die Voraussetzung dafür, das der Mensch schließlich ein weiteres, neues Geistesmaß entdeckte: die Zeit.

Wenn die geschichtliche Wissenschaft nun von einer Vorzeit spricht, bezeichnet dieser Ausdruck ganz deutlich das Element der magischen Bewusstseinsstruktur: Eine Vor-Zeit lag vor dem Zeit-Bewusstsein. Hiermit erübrigt sich jedoch eine Nachforschung wann es zu diesem menschlichen Empfinden der Raumzeit kam, zumal es in der Periode der magischen Bewusstseinsstruktur eben noch kein Zeitmaß gab. Womöglich aber ereignete sich diese nächste Bewusstseinsmutation in der nachatlantischen Epoche, also vermutlich vor ungefähr 12.000 Jahren.

In dieser Ära kam es zu verschiedenen, ganz maßgeblichen Veränderungen in der menschlichen Wahrnehmung. Ab einem gewissen Moment, vielleicht am Ende der letzten Eiszeit, begann man in Europa besondere jahreszeitliche Riten zu zelebrieren. Das ging einher damit, dass der Mensch begann die Bewegung der Himmelskörper voraussagen zu wollen. An den Himmelsbewegungen laß er ab, wann der Zeitpunkt für eben solche Feste gekommen war und vermerkte sie in seinen damals entwickelten Kalendern. Er wurde also einer sich verändernden Welt bewusst, worin er sich selbst wiederfand, in einem wohl als Spannungsfeld empfundenen Raum zwischen Irdischem und Himmlischem.

Was den Menschen der magischen Bewusstseinsstruktur noch in seiner Naturverflochtenheit gefangen hielt, daraus sollte er sich nun lösen, mit dem Erkennen der Rhythmen der Natur. In diesem Heraustreten aus den Verflechtungen seines eindimensionalen Empfindens aber, sollte er sich bewegen in ein Empfinden einer zunächst zyklischen Zeit.

In einer Welt sprechender Münder

Immer wieder hatte sich die Menschheit neu erfunden. In archaischer Zeit identifizierte sie sich noch als Einheit mit dem sie Umgebenden, empfand sich als Teil einer ursprünglichen Ganzheit allen Seins.

Die magischen Menschen sahen sich in der Natur verwoben, doch hatten sich darin erkannt, worin sie sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst wurden und begannen sich wahrzunehmen.

Jean Gebser führte nun noch eine weitere Stufe der Bewusstseinsentwicklung ein, die er als die »mythische Ebene« bezeichnete. Hierauf begab sich die Menschheit in einer Zeit, als ein jemand einen anderen von Mund zu Ohr, über das Wesen des Seins unterrichtete.

Soweit nun zuvor diese neu entstandene Bewusstseinsebene, als »mythisch« angesprochen wurde, hat das guten Grund: das griechische Wort »Mythos« nämlich bedeutet »Rede«, »Wort« oder »Bericht« und ist auch verwandt mit dem englischen Wort »mouth«, für den Mund. Das man im Deutschen synonym für Mythos das Wort »Sage« verwendet, kommt auch nicht von ungefähr, geht es da doch eben um ein »Sagen«, ein Erzählen.

Wenn wir uns aber der Bedeutung der Wurzel dieses griechischen Wortes zuwenden, dem »my« oder »mu« (Anm.: der griechische Buchstabe »y«, wird sowohl als »i«, »ü« wie auch als »u« ausgesprochen), was »laut werden« oder »ertönen« bedeutet, stoßen wir auf einen interessanten Zusammenhang: denn auch ein anderes griechisches Wort besitzt benannte Wortwurzel »my«: das Wort »myein«, was für ein »Sichschließen« steht, womit eben der geschlossene Mund gemeint ist. Im Sanskrit gibt es ebenfalls ein Wort mit dieser Wurzel, nämlich »mukas«, dass diesen Zusammenhang noch unterstreicht: da bedeutet es »stumm«. Und auch im Lateinischen begegnet man dieser Silbe »mu« mit »mutus«, das ebenfalls »stumm« bedeutet.

Im Griechischen ist die Wurzel »mu« oder »my« überdies enthalten am Anfang dieser Wörter: »Mystos«, dem Mysten, der in die geheimen Mysterien eingeweiht wurde, sowie in »Mysterion«, dem entsprechenden Mysterienkult. Beides sind Ableitungen von »myo«, dass ebenfalls die Wurzel »my« (beziehungsweise »mu«) enthält, und für den eigentlichen Grund eines geschlossenen Menschenmundes steht: Über Geheimnisse wird geschwiegen.

Aus dem griechischen Mystos entwickelte sich später dann das, was man in christlicher Zeit zur Bezeichnung für jemanden verwendete, der sich in wortloser, innerer Versenkung befand: ein Mystiker.

So sind also die Bedeutungen dieser Wortwurzel anscheinend widersprüchlich, wo es doch im Wort Mythos um das Sprechen geht und im Wort Mystos um das Schweigen. Es wäre dabei jedoch falsch sich voreilig für eine der beiden Bedeutungen entscheiden zu wollen, sind doch beide gültig. Hier nämlich kommt eine Polarität zum Vorschein, die den alten Menschen zuerst einmal bewusst werden musste.

Ihr Eingebundensein in der Welt erhielt damit eine neue, zweite Dimension. Der Mensch begann sich von da an als Subjekt zu empfinden, zu den ihn umgebenden Objekten. Und da sich in dieser Umwelt unendlich viele Objekte befanden, ließ sich damit auch die Zweidimensionalität eines Kreises aufspannen, in dem der er seine Welt räumlich wahrzunehmen begann.

Führte die archaische Struktur durch den Verlust der Ganzheit zur Einheit der magischen Struktur, und war damit ein erstes dämmerhaft zunehmendes Bewusstwerden des Menschen als einer Einzelung vorgegeben, so brachte die magische Struktur durch den in ihr sich abspielenden Befreiungskampf gegen die Natur eine Herauslösung aus der Natur und damit die Bewusstwerdung der Außenwelt. Die mythische Struktur nun führt zu einer Bewusstwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist der Kreis, der stets auch Symbol der Seele war.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

War das Resultat der magischen Struktur des Menschen die Bewusstwerdung von Erde und Natur, so brachte die mythische Struktur einen Gegenpol zur Erde: den Himmel. Darin wieder taucht die Symbolik des Kreises auf. Denn der Zyklus der Gestirne, vornehmlich der Lauf von Sonne und Mond durch Tag und Nacht, repräsentiert jene angedeutete Polarität von Subjekt und Objekt, in der sich der Menschen als Beobachter befindet und bewegt.

Damit schließt sich auch der Kreis zu dem, was wir zuvor über die besagte Wortwurzel »mu« oder »my« andeuteten: Aus ihr wachsen zwei anscheinende Widersprüche – Mystos und Mythos – Schweigen und Sagen, welche in direktem Zusammenhang stehen mit der dunklen Abwesenheit und der lichtvollen Anwesenheit der Sonne. Was bedeutet das?

Um sich in der Welt zu empfinden, musste der mythische Mensch das polare Verhältnis seines Seelenseins nicht nur zu einem über-erdhaften Himmel (Berg Olymp), sondern ebenso zu einem unter-erdhaften Schattenreich (Fluss Hades) erkennen.

In diesem inneren Gewahrwerden einer neuen Dimension, worin die Pole eines Sternenzelts und einer Unterwelt, eines Himmels und einer Hölle, einen Kreis der Zweidimensionalität aufspannen, dort im Mittelpunkt dieses Kreises lernte der Mensch das Wesen seiner Seele zu empfinden. In ihr nämlich spiegelte sich sein mythisch-mystisches Sein, darin reflektierte die Doppelnatur alles Weltlichen, symbolisch-diabolisch, göttlich-teuflisch, hell-dunkel, licht-finster, gut-schlecht, überweltlich-tiefgründig.

Diese Pole im Kreis, umspannen im Leben eines Menschen den Zyklus von Werden und Vergehen – im Erkennen der Zeit.

Über die Wirksamkeit des Schweigens

Was in der Seele des Menschen zum einen als stummes Bild erscheint, erklingt daraus ein andermal durch den Mund, als tönendes Wort. Das als inneres Bild Vernommene hat seine polare, bewusst gewordene Entsprechung im ausgesagten Wort. Dabei erkennt der Mensch seine Seele, worüber er den in nächtlicher Stummheit geschauten Traum, im Wachbewusstsein sprechend hörbar macht. Indem er darüber spricht, richtet er die sich ent-sprechenden Pole von Traum und Wachheit aufeinander aus.

So ist das Wort stets Spiegel des Schweigens; so ist der Mythos Spiegel der Seele. Erst die blinde Seite ermöglicht die sehende. Und da alles Seelische vor allem auch Spiegelcharakter hat, trägt es nicht nur naturhaften Zeitcharakter, sondern ist stets auf den Himmel bezogen; die Seele ist ein Spiegel des Himmels – und der Hölle. So schließt sich der Kreis von Zeit – Seele – Mythos – Hölle und Himmel – Mythos – Seele – Zeit.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Etwas zu sagen oder darüber zu schweigen obliegt die besondere Entscheidung einer Ver-Antwortung. Jemand kann das im Gesagten Geschiedene ent-scheiden und so das darin Scheidende aufheben. Darum ist es nicht notwendig beim Berichten über eine Sache, alles bis aus dem letzten Bedeutungswinkel heraus erklären zu wollen. Vielmehr macht das Nichtgesagte, das im Gesagten mitschwingt, einen Bericht oder eine Rede erst interessant. Damit nämlich erhält das Gesagte seine Tiefe und einen Gegenpol, die es in die Spannung eines wirkenden Lebens bringt.

Von daher bewirkt etwas beim Zuhörer nur anzudeuten, weit mehr als ein vollständiges und bis ins letzte Detail erfolgte Erklären. Klarheit soll sich der Zuhörer durch eben jene, in der Rede tiefer liegende, jedoch unausgesprochene Aussage, selbst verschaffen, durch seine eigene Imagination.

Bloßes Schweigen ist magische Gebanntheit; bloßes Reden ist rationaler Leerlauf.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Der Anthroposophische Schulungsweg

Der Anthroposophische Schulungsweg

Durch ihren Praxis-Aspekt unterscheidet sich die Anthroposophie Rudolf Steiners von der Theosophie Helena P. Blavatskys. Zwar erforschen auch die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft Phänomene der geistigen und materiellen Welt, doch man verzichtete lange Zeit auf eine tatsächlich praktische Anwendung daraus gewonnener Erkenntnisse. Aber auch wenn die moderne Theosophie viele Jahre nur Geisteswissenschaft blieb, erfüllte auch das seinen Zweck.

Schließlich baute Rudolf Steiners Anthroposophie auf das auf, was sich über eine gewisse Zeit hinweg erst einmal zu dieser modernen Theosophie entwickeln musste. Dazu später mehr.

In seinem Werk versuchte er auf jeden Fall von solch höherem Wissen direkte Verwendungen abzuleiten. Und wie sich seiner Biografie entnehmen lässt gelang ihm das anscheinend auch in einem weiten Spektrum. Schließlich finden sich Ansätze der Anthroposophie Steiners sowohl in der Kunst, in der Erziehung des Menschen, aber auch in der Landwirtschaft, der Medizin und der Architektur, um einige Anwendungsgebiete genannt zu haben.

Aus Rudolf Steiners Bestreben theosophisches Wissen einem Nutzen zuzuführen, entstand auch seine reformierte Pädagogik. Hieraus gründeten sich die freien Waldorfschulen. Die Zentrale Zielsetzung in Steiners Waldorfpädagogik bestand darin einem Kind in seiner Entwicklung bis ins Erwachsenenalter, eine ganzheitliche Weltsicht zu vermitteln. In diesem Zusammenhang soll auch die anthroposophische Heilpädagogik erwähnt werden, wo eben der ganze Mensch betrachtet wird, mit all seinen Fähigkeiten, Problemen, seinem sozialen Umfeld und den ihm zur Verfügung stehenden, ins Leben mitgebrachten Hilfsmitteln. All das wird mit einbezogen bei der Bearbeitung und Lösung von Problemstellungen in der anthroposophischen Heilkunde. Aus dieser neuen Form des Heilens gründete Rudolf Steiner mit seiner damaligen Geliebten Ita Wegman 1920 in Dornach die Futuram AG, aus der später die Weleda AG hervorgehen sollte, einem internationalen Unternehmen das heute Naturkosmetik und anthroposophische Arzneimittel produziert.

Anders als in älteren Systemen, wie etwa der Magie oder Theurgie, versucht die praktische Anthroposophie allein durch indirekte, geistig-basierte Handlungsweisen Resultate zu erwirken. Es geht wie gesagt darum die Erkenntnisse höherer Wirklichkeiten in eine zweckmäßige Arbeit einfließen zu lassen. Aus der Existenz astraler Einflüsse (aus Gestirnen und Planeten) schlussfolgerte Rudolf Steiner auch, wie sich besondere, darauf bezogene Handlungsabläufe, im landwirtschaftlichen Jahr praktisch einsetzen ließen. Darnach sollte das entstehen was heute bekannt ist als biologisch-dynamische Landwirtschaft. Rudolf Steiner stellte 1924 seine Ideen dazu vor in einer besonderen Vortragsreihe. Darauf basierend gründeten anthroposophisch arbeitende Landwirte im Jahr 1927 die Verwertungsgesellschaft Demeter, deren Namen sich von der griechischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ableitet und eng verbunden ist mit den alt-griechischen Mysterien.

Als eine weitere Form der Verwendung spirituellen Wissens, entwickelte Rudolf Steiner, in Verbindung mit seiner zweiten Ehefrau, der Theosophin und Anthroposophin Marie von Sivers (1867-1948), was heute bekannt ist als »Eurythmie«. Es ist eine Bewegungskunstform, die wirksame Gesetzmäßigkeiten in Sprache und Musik miteinander in Beziehung bringt und durch menschliche Bewegung sichtbar machen will. Die aus der Eurythmie gewonnenen Erkenntnisse sollten später auch einen Teil der alternativen Heilkunde Rudolf Steiners bilden, als bewegungstherapeutische Form anthroposophischer Medizin und Psychotherapie.

Anton Josef Trčka Eurythmische Tänzerinnen – ewigeweisheit.de

Eurythmische Tänzerinnen - Foto aus dem Jahr 1926 von Anton Josef Trčka.

Lebenssinn und Spiritualität

Wir sind nun dem Begriff der Anthroposophie bereits in verschiedenen Zusammenhängen begegnet. Gewiss wird das Wort heute verwendet, um die spirituelle und esoterische Weltanschauung Rudolf Steiners einordnen zu können. Er setzte im Prinzip das fort, was im Westen als Rosenkreuzertum und später als die moderne Theosophie (Blavatsky) entstanden war. In diesem geheimwissenschaftlichen Kontext versuchte Steiner die Urform einer neuen Geisteswissenschaft zu entwickeln, in deren Reifung seine Schüler beteiligt wurden, damit sie Mensch und Welt verstehen lernen, als ein voneinander abhängiges, ineinandergreifendes und einheitliches Wesen. Daraus entstanden die Grundzüge von Rudolf Steiners Anthroposophie, einem besonderen Erkenntnisweg, der sich eben mit der Weisheit (griech. »Sophia«) des Menschen (griech. »Anthropos«) befasst.

In dieser vollkommen neuen Schulrichtung flossen Elemente aus dem deutschen Idealismus, der Weltanschauung Goethes, Wissen aus Gnosis und Mystik, aber auch die Weisheiten fernöstlicher Lehren mit zeitgenössischen Beobachtungen aus den Naturwissenschaften zusammen, so dass daraus in verschiedenen Belangen ein tatsächlicher Nutzen zur Anwendung gebracht werden konnte.

Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer bloßen Natur-Erkenntnis ebenso wie diejenigen der gewöhnlichen Mystik durchschaut und die, bevor sie den Versuch macht, in die übersinnliche Welt einzudringen, in der erkennenden Seele erst die im gewöhnlichen Bewusstsein und in der gewöhnlichen Wissenschaft noch nicht tätigen Kräfte entwickelt, welche ein solches Eindringen ermöglichen.

- Aus Rudolf Steiners Aufsatzsammlung »Philosophie und Anthroposophie«

Die Entstehung anthroposophischen Gedankenguts

In seinen Vorträgen und Aufsätzen griff Rudolf Steiner teils auf das zurück was er aus den Lehren seiner Vorläufer zusammensetzte. Während seiner Berliner Jahre brachte er eine Zeitschrift heraus, mit dem Titel »Lucifer-Gnosis«. Der obskure Name dieser Zeitschrift meinte aber nicht den Teufel des Christentums, sondern einen durch das lateinische Wort »Luzifer« beschriebenen »Bringer des Lichts« oder »Bringer der Erleuchtung«. Nur sollte dieses wichtige Detail kaum wahrgenommen werden und schnell war Steiner als Satanist stigmatisiert.

Es ging ihm aber in dieser und seinen anderen Schriften vielmehr darum den Menschen in seiner Bewusstwerdung zu helfen, ihm im wahrsten Sinne des Wortes Erleuchtung zu bringen. Nicht allein auf religiöser Ebene, sondern auch sonst auf geistiger und auch körperlicher Ebene, wollte er seinen Zeitgenossen nicht nur besonderes Wissen sondern auch die Fähigkeit zur Erkenntnis vermitteln. Aus Abhandlungen über den indischen Yoga-Weg oder fernöstliche Meditationstechniken, versuchte er dieses wertvolle Wissen dem europäischen Gemüt zugänglich zu machen, was vor ihm ja auch Helena P. Blavatsky Anliegen gewesen war.

Wenn aber in der modernen Theosophie das Göttliche im Mittelpunkt stand, so hob Rudolf Steiner die Wichtigkeit des Menschseins hervor. Immer befand sich der Mensch im Zentrum der Betrachtungen Steiners. Das zeigen seine beiden Grundlagenwerke »Theosophie« (1904) und »Die Geheimwissenschaft im Umriss« (1910). In beiden Büchern geht er zuerst auf die Natur des Menschen ein, bevor man darin über die kosmische Welt en gros erfährt. Nicht aber so wie es ihm aus der Naturwissenschaft und Biologie, mit der rein quantitativen Einschätzung geläufig war, als vielmehr mit dem Versuch durch seine Werke den Menschen die Qualitäten und das Heilige in der Natur überhaupt bewusst zu machen.

Er versuchte jedoch immer die Erkenntnissysteme in seinem Werk nicht aus fernöstlichen Lehren zu übernehmen, sondern sie auf Grundlage deutschsprachiger Ansätze des Geisteslebens zu entwerfen. Aus diesem Grund tauchen in den Schriften Rudolf Steiners viele Denkweisen auf, die er im Werk Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) fand.

Steiners Jugend- und Studienjahre

Rudolf Steiner kam am 27. Februar 1861 zu Welt. Seine familiäre Vergangenheit lässt nicht direkt auf seine spätere Entwicklung schließen. Anders als etwa Helena Blavatsky, wurde Steiner in eher bescheidene Verhältnisse geboren. Sein Vater war Bahnbeamter und Rudolf Steiner lebte mit seinem gehörlosen Bruder, der immer auf Hilfe angewiesen war, und seiner Schwester, die zeitlebens bei seinen Eltern wohnte, zuerst in einem kleinen Haus in Donji Kraljevec im Norden des heutigen Kroatien, damals Teil des Königreichs Ungarn.

Schon in seiner Kindheit interessierte sich Rudolf Steiner für Spiritualität. Damals soll er bereits eine besondere Hellsichtigkeit besessen haben. Im Alter von sieben Jahren erschien ihm in einer Vision der Geist seiner Tante, von der damals niemand wusste dass sie Selbstmord begangen hatte. Von dieser und anderen eher beklemmenden Visionserfahrungen erschreckt, zog er sich als Junge zurück, wusste er doch nicht mit wem er über seine eigenartigen Erlebnisse sprechen sollte. In dieser Zeit begann auch sein Interesse für Esoterik und Philosophie.

Bis Anfang der 1880er Jahre studierte er an der Technischen Hochschule Wien Mathematik und Naturwissenschaften. Gleichzeitig aber war er häufig anwesend in Vorlesungen zu Literatur, Philosophie und Geschichte. Später siedelte er über in den Norden Ostdeutschlands und promovierte dort dann 1891 zum Dr. phil. an der Universität Rostock.

Wie oben bereits angemerkt sollten in Steiners Leben und Werk die Arbeiten Goethes eine zentrale Rolle einnehmen. Als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Werke Goethes machte er sich einen Namen. Manche Rezensionen dieser Arbeit wurden außerordentlich gelobt und man kann sagen, dass erst durch Rudolf Steiners Beitrag die Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurden. Bis dahin hatte man Goethe nur als Dichter wahrgenommen.

In Steiners Wiener Zeit, zwischen 1879 und 1890, pflegte er eine Freundschaft mit dem Theosophen Friedrich Eckstein. Über ihn sollte Rudolf Steiner schließlich auch in Kontakt kommen mit Helena P. Blavatsky.

Befreiung aus dem Körper reiner Sinnlichkeit

1893 publizierte Steiner eines seiner für ihn wichtigsten Werke: »Die Philosophie der Freiheit« – einem Buch dem er bis zu seinem Lebensende größte Bedeutung zumaß. Darin stellte er die Frage ob das Individuum letztendlich nur etwas Allgemeines sei, wo die vielen Persönlichkeitsaspekte der Menschen doch quasi ein gemeinsames Bewusstsein mit anderen Individuen teilten. Sie hatten also eher teil an einem Alltagsdenken, aus dem aber eine tatsächliche Befreiung sich durchaus schwieriger gestaltete, da das allgemeine Welterleben nicht im Einzelnen sondern im Kollektiv lediglich miterlebt wurde. Grundsätzlich ein Zustand der nach wie vor allgegenwärtig zu sein scheint.

Für Rudolf Steiner war es das sinnlichkeitsbezogene Denken der Menschen, dass seinen Geist soweit eintrübt, dass ihm ein Begreifen der Freiheit eigentlich verwehrt bleibt. Nur wer die positive Wirklichkeit eines sinnlichkeitsfreien Denkens erkennt, der sollte laut Steiner sofort zu einem Verstehen gelangen, mit dem er eine individuelle Freiheit verwirklichen kann. Als solch erkennendes Subjekt sollte es einem Menschen gelingen, sein Denken tatsächlich zu beobachten. Wobei das Steiner sogar als allerwichtigste Wahrnehmungsleistung überhaupt galt.

Gut möglich dass ihn zu solchen Auffassungen radikale Denker wie etwa Friedrich Nietzsche (1844-1900) inspirierten, die Steiner wegen seiner wahrheitskritischen Haltung bewunderte.

Der wirklich 'freie Geist' geht noch weiter. Er fragt: 'Was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?' Wozu Wahrheit? Alle Wahrheit entsteht doch dadurch, dass der Mensch über die Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken über die Dinge bildet. Der Mensch selbst ist der Schöpfer der Wahrheit. Der 'freie Geist' kommt zum Bewusstsein seines Schaffens der Wahrheit. Er betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Geschöpf.

- Aus Rudolf Steiners »Friedrich Nietzsche: Ein Kämpfer gegen seine Zeit«

Nietzsches berühmte Erklärung »Gott ist tot!« bedeutete für Steiner wohl auch, dass was heute noch viele Menschen empfinden: der Gott wie ihn das Christentum Jahrhunderte lang deutete, hat seine kulturprägende Kraft in unserem Zeitalter verloren. Der Mensch hatte Gott als Konzept stets außerhalb seiner irdischen Existenz, in den Himmel projiziert und anscheind einem allein von dort herab wirkenden Willen gehorcht.

Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.

- Aus Rudolf Steiners »Essentielle Schriften«, Band 2

Ermunternde Dichtkunst eines Schlesischen Mystikers

von S. Levent Oezkan

Angelus Silesius - ewigeweisheit.de

Im Jahr 1657 erschien in Wien ein Werk, dass man wohl zu den eindrucksvollsten Dichtungen des 17. Jahrhunderts rechnen kann: Der Cherubinische Wandersmann. Alle Liebhaber spiritueller Sinnsprüche und theologischer Geheimlehren, dürften in den darin enthaltenen Versen wirklich Erfreuliches finden. Eine Perle der neuzeitlichen Erbauungsliteratur.

Der Verfasser war in der Tat ein christlicher Weiser, dem es gelang seine Gedanken in eine so edle Form zu bringen, dass sie den Leser nicht nur belehrt, sondern ihn wahrscheinlich sogar erheiternd berührt.

Wie selig ist der Mensch, der alle seine Zeit
Mit anders nichts verbringt als mit der Ewigkeit.
Der jung und alt allein betrachtet und beschaut
Der Weisheit Schloss, das Gott, sein Vater, hat gebaut.
Der sich auf seinen Stab, das ewige Wort, aufstützt,
Und nicht wie mancher Thor in fremdem Sande setzt.
Der nicht nach Haus und Hof, nach Gold und Silber sieht,
Noch feines Lebens Zeit zu zählen sich bemüht.
Ihn wird das blinde Glück nicht hin und her traktieren,
Noch etwa eitler Durst zu fremdem Wasser führen.
Er weiß von keinem Zank, er liebt nicht Krämerei,
Er trachtet nicht danach, dass er gesehen sei.

Gegen das Dogma protestantischer Scholastik

Hinter »Angelus Silesius«, der latinisierten Fassung für den »Schlesischen Boten«, steht der Sohn eines polnischen Adligen protestantischen Glaubens: Johannes Scheffler (1624-1677). Während des Dreißigjährigen Krieges kam er im schlesischen Breslau zur Welt, wo er in einer Zeit großer Unsicherheit aufwuchs. Seine Eltern verstarben bereits, als Silesius noch ein Jugendlicher war. Damals zogen plündernde und mordende Heere durch Europa. Einen Großteil der Überlebenden in Schlesien, tötete schließlich die Pest. Es war auch eine Zeit, wo sich Aberglaube, Magie und Hexerei verbreiteten.

Im 17. Jahrhundert schienen recht wirklichkeitsfremde Tendenzen in der lutherischen Orthodoxie, den christlichen Glauben im Protestantismus immer mehr erstarren zu lassen. So wurde Vernunft zum echten Dogma im Protestantismus. Das aber veranlasste Silesius im Jahr 1653 zum Katholizismus zu konvertieren. Acht Jahre später ließ sich Silesius sogar zum katholischen Priester weihen. Von da an war er ein erbitterter Gegner der Anhänger Luthers. Für ihn waren sie Vasallen Luzifers und, so wörtlich, »Anbeter einer Sau«. Wegen ihrer angeblichen Vergehen gegen Gott, empfand er die Bedrohung des christlichen Abendlandes durch die Osmanen, als Gottes sträfliche Antwort auf ihre Abwendung vom rechten Glauben.

Der Cherubinische Wandersmann

Trotz dass, wie etwa bei Meister Eckhart, die Katholische Kirche große Vorbehalte gegenüber Mystikerinnen und Mystikern hatte, stand sie in dieser Zeit, der Mystik aufgeschlossener gegenüber als die reformierte Kirche der Lutheraner. Es scheint damit, als hätten die Sinnsprüche des Angelus Silesius nicht nur Duldung erfahren, sondern auch Gefallen.

Der Cherubinische Wandersmann aber war nicht etwa systematisch geordnet, wie andere christliche Schriften seiner Zeit. Es scheint als hätte ihr Verfasser das auch so beabsichtigt. Denn manche Aussagen darin finden sich teils hier und dort, wiederholen sich auch in geringer Variation. Silesius wusste, dass sie auf diese Weise besser wirkten. Manchmal auch gibt der Autor in einem Absatz die Lösung zu einem aufgegebenen Rätsel.

Das ewige Ja und Nein.

Gott spricht nur immer Ja, der Teufel saget Nein;
Drum kann er auch mit Gott nicht Ja und Eines sein.

- Cherubinischer Wandersmann 2:4

Natürlich muss man den theologischen Hintergrund kennen, um das in diesen Zeilen verborgene Rätsel zu lösen, was nicht ganz einfach sein dürfte. Doch das »Ja« das hier zweimal auftaucht, damit wohl spielte Silesius auf einen der hebräischen Namen für Gott an: Jah.

Ein Seufzer sagt Alles.

Wenn meine Seele seufzt und Ach und Oh schreit hin,
So rufet sie in sich ihr End und Anbeginn.

- Cherubinischer Wandersmann 2:64

Es ist gewiss nicht gewöhnlich, das Silesius seinen Texten eine, sagen wir, »heilige Scherzhaftigkeit« verlieh. Denn mit dem »Ach und Oh« das er hier schreibt, meint er natürlich jenes biblische Alpha und Omega. In diesem Sinne aber sind diese wenigen Zeilen so aussagekräftig, dass es sich sicherlich lohnt noch etwas darüber nachzusinnen.

A B ist schon genug.

Die Heiden plappern viel; wer geistlich weiß zu beten,
Der kann mit A und B getrost für Gott hintreten.

- Cherubinischer Wandersmann 2:77

Mit A und B ist hier der hebräische »Abba« gemeint – der Vater.

Ist die Lösung schon in Klammern eingefügt:

Iss Butter, iss mein Kind, und Honig (Gott) dabei,
Damit du lernst, wie Bös' und Gut zu scheiden sei.

- Cherubinischer Wandersmann 2:205

Wie auch bei anderen bekannten Mystikern, waren auch die Verse des Angelus Silesius keine Erzeugnisse aus reinen Vermutungen oder angesammeltem Wissen. Wie vor ihm bei Jakob Böhme, flackerte auch in Silesius immer wieder ein flammender Funke göttlicher Inspiration.

Das ich etliche Schriften Jakob Böhme gelesen, […] ist wahr und ich danke Gott dafür, denn sie sind große Ursache gewesen, dass ich zur Erkenntnis der Wahrheit kam.

In seinem Cherubinischen Wandersmann orientierte er sich gewiss an seinem Vorbild Jacob Böhme. Ihn verehrte er er als wirklichen Meister. Er scheint als tauche Silesius immer wieder in die Gedankenwelt Böhmes ein.

Erst später wandte er sich von Böhme immer mehr ab und kam zurück zu den christlichen Mystikern des Mittelalters, darunter etwa der dominikanische Mystiker Johannes Tauler.

Titelkupfer einer Ausgabe des Cherubinischen Wandersmanns (1675) - ewigeweisheit.de

Titelkupfer einer Ausgabe des Cherubinischen Wandersmanns, Buchdruckerei Ignatij Schubarthi (1675).

Geflügelte Diener Gottes

Was den eigenartigen Titel »Cherubinischer Wandersmann« anbelangt, so weist Silesius gewissermaßen hin auf seine Vorgänger der Mystik, speziell auf Meister Eckhart, doch auch auf den Mystiker Dionysius Areopagita († 1. Jhd. n. Chr.), den der Apostel Paulus einst in Athen zum Christentum bekehrt hatte.

In der ihm zugeschriebenen »Himmlischen Hierarchie« (De caelesti hierarchia) beschreibt Dionysius die Seraphim (von Gott erschaffene, ihm untergeordnete Engel) als Sinnbilder für das, was einem widerfährt, dessen Herz sich in göttlicher Liebe entzündet. Die Cherubim aber stehen für das Aufschwingen der Seele in die Sphären göttlicher Beschaulichkeit. Letzteres war das »spirituelle Feld«, woraus auch Silesius die Verse seines Cherubinischen Wandermanns empfing. In seinem Vorwort dazu schreibt er:

Glückselig magst du dich schätzen, wenn du dich beide lässest einnehmen, und noch bei Leibes Leben bald wie ein Seraphim von himmlischer Liebe brennest, bald wie ein Cherubim mit unverwandten Augen Gott anschauest; denn damit wirst du dein ewiges Leben in dieser Sterblichkeit, so viel es sein kann, anfangen und deinen Beruf oder Auserwählung zu derselben gewiss machen.

- Cherubinischer Wandersmann, aus dem Vorwort

Wer hier auf Niemand sieht, als nur auf Gott allein,
Wird dort ein Cherubim bei seinem Throne sein.

- Cherubinischer Wandersmann 2:184

Wo aber ist hier die thematische Verbindung zur Mystik?

Anscheinend vermochte Silesius ein »höheres Licht« zu schauen, worin er aus der Geisteswelt vermittelte Erkenntnisse gewann. Doch war das nicht etwa nur eine dem Ego zuträgliche Schmeichelei oder seine »Freiheit der Wahl«, sondern eine höhere Freiheit, die ihm ein geistiges Wirken vermittelte. Das heißt, jene Erkenntnis, die in die Tiefen der Weisheit führen soll, wird auf dem Wege geistiger Anschauung gewonnen, und nicht etwa in diskursivem, bewusst kontrolliertem Denken.

Von jenem Schauen erfahren wir etwa auch bei der Hildegard von Bingen, die vom »Lebendigen Licht« schrieb, durch das Gott in ihren Visionen zu ihr sprach. Der Mystiker schaut in jene Gefilde also nicht mit seinem physischen Auge, sondern einer Art spirituellem, innerem Auge, das Dionysius Areopagita auch in seinem Werk über die Himmlischen Gefilde beschreibt. Ebenso Silesius. Der schrieb:

Zwei Augen hat die Seele: eins schauet in die Zeit,
Das andere richtet sich hin in die Ewigkeit.

- Cherubinischer Wandersmann 3:228

Das überlichte Licht schaut man in diesem Leben
Nicht besser, als wenn man in's Dunkle sich begeben.

- Cherubinischer Wandersmann 4:23

Wer an den Füßen lahm und am Gesicht ist blind,
Der tue sich dann um, ob er Gott nirgends find't.

- Cherubinischer Wandersmann 1:57

Der nächste Weg zu Gott ist durch der Liebe Tür,
Der Weg der Wissenschaft bringt dich gar langsam für.

- Cherubinischer Wandersmann 5:320

Sicher aber geht dann durch dieses Tor der Liebe nur, der sich von den irdischen Dingen und Begierden zurückzieht, der auch sein eigenes egoistisches, verblendetes und durch die Schwerkraft angezogenes, körperliches Selbst, bereits aufgegeben hat.

Wo Gott ein Feuer ist, so ist mein Herz der Herd,
Auf welchem er das Holz der Eitelkeit verzehrt.

- Cherubinischer Wandersmann 1:66

Mensch, in das Paradies kommt man nicht unbewehrt;
Willst du hinein, du musst durch Feuer und durch Schwert.

- Cherubinischer Wandersmann 1:132

Du bist Babel (Babylon) selbst: gehst du nicht aus dir aus,
So bleibst du ewiglich des Teufels Polterhaus.

- Cherubinischer Wandersmann 1:226

Zwei Wörtlein lieb ich sehr: sie heißen Aus und Ein;
Aus Babel und aus mir, in Gott und Jesum ein.

- Cherubinischer Wandersmann 2:213

Die Welt, die hält dich nicht, du selber bist die Welt,
die dich in dir mit dir so stark gefangen hält.

- Cherubinischer Wandersmann 2:85

Mein bester Freund, mein Leib, der ist mein ärgster Feind:
Er bindet und hält mich auf, wie gut er's immer meint,
Ich hass und lieb ihn auch, und wenn es kommt zum Scheiden,
So reiß ich mich von ihm mit Freuden und mit Leiden.

- Cherubinischer Wandersmann 4:79

Der Mensch, der seinen Geist nicht über sich erhebt,
Der ist nicht wert, dass er im Menschenstande lebt.

- Cherubinischer Wandersmann 2:22

Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein:
Er kann, dich dem er's macht, Gott oder Teufel sein.

- Cherubinischer Wandersmann 4:70

Die Überwindung des Leibes

Wer sich aus dem ewigen Triebverlangen entwinden möchte, um sein Sehnen nur zum Geistigen hin aufzurichten, erreicht das durch allmähliche Befreiung aus aller Leiblichkeit. Der Körper ist Instrument der Seele, die Seele aber Instrument einer noch höherer Instanz, die in ihr als heiliger Gottesfunken flackert. Wie eben alle Gelehrten und Weisen der höheren Geistigkeit und religiös-mystischen Spiritualität, so weißt auch Silesius darauf hin, dass das Leibliche ab einem gewissen Entwicklungsgrad überwunden werden sollte.

Wie soll sich die Seele aber dabei aus dem Leib erheben und aufschwingen, um zu Erkennen?
Und was ist damit gemeint, wenn es heißt, dass jemand, der nach obigem Bestreben trachtet, sich in Gott versenken und verlieren soll?

Diese Fragen beantwortet Silesius auf ganz ausgesprochene Weise:

Gott ist ein Wunderding: Er ist das, was er will,
Und will das, was er ist, ohne jedes Maß und Ziel.

- Cherubinischer Wandersmann 1:40

Je mehr du Gott erkennst, je mehr wirst du bekennen,
Dass du je weniger ihn, was er ist, kannst nennen.

- Cherubinischer Wandersmann 5:41

Denkst Du den Namen Gottes zu sprechen in der Zeit?
Du sprichst ihn noch nicht aus in einer Ewigkeit.

- Cherubinischer Wandersmann 2:51

Gott ist ein lauterer Blitz und auch ein dunkles Nicht,
Das keine Kreatur erschaut mit ihrem Licht.

- Cherubinischer Wandersmann 2:146

Gott ist unendlich hoch – Mensch, glaube dies behende!
Er selbst findet ewiglich nicht seiner Gottheit Ende.

- Cherubinischer Wandersmann 1:41

Durch Weisheit ist Gott tief, breit durch Barmherzigkeit,
Durch Allmacht ist er hoch, lang durch die Ewigkeit.

- Cherubinischer Wandersmann 4:35

Gott ist da nichts als gut. Verdammnis, Tod und Pein,
Und was man böse nennt, muss, Mensch, in dir nur sein.

- Cherubinischer Wandersmann 1:129

Du fragst, wie lange Gott gewesen sei, um Bericht:
Ach schweig, es ist so lang, er weiß es selber nicht.

- Cherubinischer Wandersmann 3:180

Gott wohnt in einem Licht, zu dem die Bahn gebricht;
Wer es nicht selber wird, der sieht es ewig nicht.

- Cherubinischer Wandersmann 1:72

Nichts dauert ohne Genuss: Gott muss sich selbst genießen,
Sein Wesen würde sonst wie Gras verdorren müssen.

- Cherubinischer Wandersmann 5:75

Gott kann sich nicht entziehen, er wirket für und für:
Fühlst du nicht seine Kraft, so gib die Schuld nur dir.

- Cherubinischer Wandersmann 5:73

Der christliche Gott aber ist mehr als »der Eine«. Man definiert ihn ja in seiner dreifältigen Relation zu Welt und Mensch.

Gott Vater ist der Punkt; aus ihm fließt Gott der Sohn,
Die Linie, Gott der Geist, ist beider Fläch' und Kron'.

- Cherubinischer Wandersmann 4:62

Gott Vater ist der Brunnen, der Quell der ist der Sohn,
Der heilige Geist der ist der Strom, so fließt davon.

- Cherubinischer Wandersmann 5:123

Es ist kein Vor und Nach; was morgen soll geschehen,
Hat Gott von Ewigkeit schon wesentlich gesehen.

- Cherubinischer Wandersmann 2:182

Weil in Gott kein Vor oder Nach ist, und in diesem Sinne entsprechend Vergangenheit und Zukunft bedeutungslos sind, drum lässt sich auch keine Zeit bestimmen wo Gott die Welt erschaffen hat. Sie war von Ewigkeit her (als Idee) in ihm. Und so lässt sich sagen, dass Gott die Welt noch immer erschaffe, denn seine Schöpfung ist erst vollbracht am Ende der Zeit. Stellt sich aber die Frage:
Wann endet Zeit, wenn Gott ewig ist?

Dort in der Ewigkeit geschieht alles zugleich,
Es ist kein Vor und Nach, wie hier im Zeitenreich.

- Cherubinischer Wandersmann 5:146

Gott schafft die Welt immer noch; kommt dir das fremde für?
So wisse: Es ist bei ihm kein Vor noch Nach wie hier.

- Cherubinischer Wandersmann 4:165

Abwendung vom Guten – Hinwendung zum Tod

Silesius, wie auch viele vor oder nach ihm, nennen die Abwendung von Gott Sünde. Nur der Mensch kann sie begehen. Zwar wird Gott immer wieder auch den falsch handelnden oder sogar sündigen Menschen aufsuchen, doch er kann ihn nur erretten, wenn der Mensch bereit ist sich helfen zu lassen. Er muss sein »falsches Handeln« erkennen. Errettung ist nur durch »Mitwirken des Sünders« möglich. Wenn er wirklich will, in Erkenntnis der Welt, Gott, doch vor Allem seines Selbst. Unser gutes Handeln nämlich hilft sowohl dem Ich wie auch dem Du. Denn unser Tun und Handeln kann sich ganz und gar auf Gott ausrichten, so dass ein edler Geist durch uns hindurch wirkt – zum Wohle aller.

Das Gute kommt aus Gott; drum ist's auch sein allein;
Das Böse entsteht aus dir – das lass du deine sein.

- Cherubinischer Wandersmann 5:230

Die Sünde ist anders nichts, als dass ein Mensch von Gott
Sein Angesicht abwendet und kehret sich zum Tod.

- Cherubinischer Wandersmann 4:69

Der Sonne tut's nicht weh, wenn du von ihr dich kehrst:
Also auch Gotte nicht, wenn du in Abgrund fährst.

- Cherubinischer Wandersmann 5:56

Ein Fünklein aus dem Feuer, ein Tropfen aus dem Meer:
Was bist du doch, o Mensch, ohne deine Wiederkehr?

- Cherubinischer Wandersmann 5:369

Zwei müssen es vollziehen: Ich kann's nicht ohne Gott,
Und Gott nicht ohne mich, dass ich entgeh' dem Tod.

- Cherubinischer Wandersmann 5:48

Des Menschen größter Schatz ist guter Will auf Erden;
Ist alles gleich verloren, durch ihn kann's wieder werden.

- Cherubinischer Wandersmann 5:62

Du sprichst: das höllische Feuer wird nie verlöscht gesehen –
Und sieh, der Büßer löscht's mit einer Augenträn'!

- Cherubinischer Wandersmann 4:100

Wer sich nun also zum Guten kehrt, der wird notwendigerweise eine Neugeburt erfahren, eine Auferstehung. Als Christ darf man da ruhig glauben, dass der Heiland in der Menschenseele selbst neu geboren wird. Nur aber durch eine erneute Geburt, kann die Menschenwerdung Christi den Gläubigen erlösen.

Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren,
Und nicht in dir: du bleibst doch ewiglich verloren.

Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgerichtet, erlösen.

Ich sag, es hilft dir nicht, dass Christus auferstanden,
Wo du noch liegen bleibst in Sünde und in Todesbanden.

- Cherubinischer Wandersmann 1:61ff

Du musst Maria sein und Gott aus dir gebären,
Soll er dir ewiglich die Seligkeit gewähren.

- Cherubinischer Wandersmann 1:23

Ach Freude! Gott wird Mensch und ist auch schon geboren.
Wo da? In mir: Er hat zur Mutter mich erkoren.

Wie geht das vor sich? Maria ist die Seel',
Das Kripplein mein Herz, der Leib der ist die Höhl',

Die neue Gerechtigkeit sind Windeln und sind Binden,
Der Josef Gottesfurcht die Kräfte des Gemüts

Sind Engel, die sich freuen, die Klarheit ist ihr Blitz,
Die keuschen Sinne sind die Hirten, die ihn finden.

- Cherubinischer Wandersmann 3:238ff

Vernunft versus Glauben

Die Verse des Johannes Scheffler alias Angelus Silesius sollten all jene erreichen, die sich dem Christentum entfremdet haben. Er schrieb sie eben in einer Zeit des Wandels, dämmerte doch bereits damals jenes Zeitalter der Vernunft, das was man heute die »Aufklärung« nennt.

Man musste, um dies zu erreichen, seinen Leser zumindest verwundern, ja manchmal gar zu Missverständnissen Anlass geben. Denn nur so konnte seinerzeit jenes geistige Empfinden wieder geschärft werden, von dem sich die Menschen in den Jahrhunderten nach der Zeit der Kreuzzüge, anscheinend von Christus und vom Gottesglauben entfernt hatten.

Angelus Silesius schrieb dazu im Vorwort zur zweiten Auflage seines Cherubinischen Wandersmanns:

Weil folgende Reime seltsame Paradoxa oder widersinnige Reden, wie auch sehr hohe und nicht jedermann bekannte Schlüsse von der geheimen Gottheit in sich halten, ferner von der Vereinigung mit Gott und dem göttlichem Wesen, welchem man wegen der kurzen Verfassung leicht einen verdammlichen Sinn oder böse Meinung könnte andichten, ist also vonnöten dich deshalb zuvor zu erinnern. Und hierbei ist einmal und für allemal zu wissen, dass des Urhebers Meinung nirgends sei, dass die menschliche Seele ihre Beschaffenheit solle oder könne verlieren, und durch die Vergötterung in Gott oder sein ungeschaffenes Wesen könne verwandelt werden, welches in alle Einigkeit nicht sein kann. Denn obwohl Gott allmächtig ist, kann er doch dieses nicht machen (und wenn er es könnte, wäre er nicht Gott), dass eine Kreatur wesentlich und natürlich Gott sei.

Silesius weißt also darauf hin, dass seine Reime durchaus »seltsame Paradoxa« enthalten, die eventuell der eine oder andere als widersinnig empfindet. Es ist eben nur schwer möglich die geheimen Zusammenhänge im Reich des Göttlichen in kurzen Versen so wiederzugeben, dass sie jeder ihrem inneren Sinn nach versteht.

Beim »Besprechen von Geheimnissen« lauern eben immer Missverständnisse, die, selbst wenn sie dann mal beigelegt sind, dennoch einen negativen Nachgeschmack hinterlassen. Fragt sich also, wieso man überhaupt über Geheimnisse sprechen soll. Vielleicht eben sind manche Bücher nicht für jeden geeignet. Heute aber, da jedem eigentlich alle Literatur zugänglich ist, lässt sich das nicht mehr vermeiden. Ratsam jedoch ist, dem eigenen Urteil immer Geduld voranzustellen.

Angelus Silesius ging es darum zu zeigen, dass Mensch und Gott nicht getrennt, sondern letzterer in ihm selbst enthalten ist, was auch bewusst gemacht werden kann. Da spricht man dann von der »Unio Mystica«, der Vereinigung von Gott und Mensch. Die engen Grenzen des Ich, werden dabei überschritten, das Ich verschmilzt mit dem Absoluten, dem Ganzen.

Ich bin nicht außer Gott, und Gott nicht außer mir,
Ich bin sein Glanz und Licht und er ist meine Zier.

- Cherubinischer Wandersmann 1:106

Ich bin so groß wie Gott, er ist als ich so klein;
Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.

Gott ist in mir das Feuer und ich in ihm der Schein;
Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein?

- Cherubinischer Wandersmann 1:10f

Gott ist noch mehr in mir, als wenn das ganze Meer
In einem kleinen Schwamm ganz und beisammen wär.

- Cherubinischer Wandersmann 4:156

Wenn eine würdige Seele zu einer solch nahen Vereinigung mit Gott gelangt, ist sie von ihm ganz und gar durchdrungen, mit ihm eins. Könnte man dann die Seele sehen, so Silesius, würde man an ihr nichts anderes erkennen als Gott selbst, vom Glanz seiner Herrlichkeit absorbiert (eine Vorstellung die etwa auch dem buddhistischen Nirvana ähnelt, dem Erlöschen und Austreten der Seele aus dem Samsara, dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten).

Hiermit aber sahen sich die Skeptiker unter den Lesern des Cherubinischen Wandersmannes mit einer wichtigen Frage konfrontiert: Wenn sich die Seele ab einem gewissen Grade in Gott selbst auflöst, gibt es für sie auf dieser Stufe kein Gebet mehr, kein Verlangen mehr nach ewigen Heil. Auch der Glaube an Gott ist dann nicht mehr vonnöten, da die Seele von da ab in Gott ruht, in vollkommener, himmlischer Seligkeit.

Die Schwärmer unter den christlichen Frommen dürften sich mit solch angenommenen Voraussetzungen recht unwohl fühlen. Doch das solche oder andere ihn vielleicht missverstehen, liegt wohl auch daran, dass Silesius Werk in Reimen verfasst ist. Hätte er Prosa geschrieben, wäre seine Ausdrucksweise sicher vorsichtiger, klarer und unzweideutiger ausgefallen. Nur dann hätte er wohl eher Rechenschaft ablegen müssen vor jenen, »die verstanden haben«, als vor denen unter den ungebildeten Träumern.


 

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Visionen eines deutschen Propheten

von S. Levent Oezkan

Jakob Böhme - ewigeweisheit.de

Zu den größten Mystikern der Neuzeit zählt sicherlich Jakob Böhme. In seinem Werk verbanden sich Prophetie, Vision und eine bis dahin nicht dagewesene Theosophie und Metaphysik. Die Einflüsse der mystischen Betrachtungen aus seinen Visionen, sind auch heute noch über die Grenzen Deutschlands hinaus, in den Kreisen spirituell Gesinnter gegenwärtig.

Im Ausland nannte man ihn den »Philosophus Teutonicus«. Doch er war ein einfacher Mann, der bekanntlich in Görlitz eine Schusterei unterhielt. Karl Marx sagte einmal über ihn:

Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.

Doch auch wenn Böhme ein recht unscheinbarer Mensch gewesen sein mag, war er doch von großer Geistesmacht erfüllt. Seine Philosophie bestand vor allem in einer »Göttlichen Weisheit«, war eine Theosophie, also etwas, dass weniger aus dem Weltgeist, als eher aus einem Geist des Göttlichen, durch Erkenntnis erlangt werden will. Böhme erlebte die göttliche Offenbarung der Bibel intuitiv, als Vision. Doch ebenso feinfühlig war seine Empfindung für Ereignisse in der Natur.

Das Böhme heute Theosophen, Rosenkreuzer und Philosophen verehren, bedeutet gar nicht, dass das immer so war. Zu seinen Lebzeiten durfte er mit sowas kaum rechnen. Er hatte einen großen Schülerkreis, doch es gab auch Menschen, die seine Lehren als Irrglauben verwerfen wollten und sich ganz und gar gegen sein weiteres Wirken stellten.

Kein Mystiker kommt eben schon fertig auf die Welt. Und was heißt das? Jeder muss seine vornehmen Fähigkeiten eben auch auf weltlicher Ebene begründen lernen. Jakob Böhmes Schriften aber sollten tatsächlich in die Geschichte eingehen. Er war einer der außergewöhnlichsten Weisen der europäischen Geistesgeschichte. Niemals hatte er ein Studium an einer Universität genossen oder gar eine theologische oder wissenschaftliche Ausbildung erhalten. Auf spirituell suchende Menschen, üben seine religiös-esoterischen Schriften eine inspirierende Wirkung aus, ganz unabhängig welche Bildung sie genossen haben oder welcher religiösen Weltanschauung sie folgen. Seit mehr als vier Jahrhunderten hat sich daran nichts geändert. Wer darum meint, dass seine Schriften nur auf Laien Einfluss ausübten irrt! Unter seinen Lesern befanden sich auch einflussreiche Philosophen, darunter etwa so Größen wie Leibniz, Hegel, Schelling, Novalis oder Ernst Bloch. Georg Wilhelm Friedrich Hegel galt Jakob Böhme gar als erster deutscher Philosoph.

Böhmes philosophische Einschätzungen basierten allein auf Glauben und Gottesfurcht. Es muss eine ungewöhnliche Hellsicht gewesen sein, oder nennen wir es, sein »Visionsvermögen«, dass ihn zu dem befähigte, was er in seiner relativ kurzen Lebenszeit zu Papier gebracht hatte.

Wer Jakob Böhmes Schriften liest merkt aber bald, dass ihnen etwas an Form abgeht. Manchmal bewegt man sich beim Lesen der Werke Böhmes, wie durch ein Labyrinth. Nach und nach aber fällt einem auf, dass sich durch den Text doch ein roter Faden zieht, dessen Ende geknüpft zu sein scheint an die Wirkungen höchster Erkenntnis.

Dennoch nimmt Jakob Böhme als Religionsphilosoph eine Sonderrolle ein, da er nicht etwa aus einer Weisheitstradition heraus schrieb und lehrte, sondern alles aus seinem visionären Eingedenken kam. Was er dabei fand, sollte ihn zu einem der einflussreichsten Gestalten der frühen europäischen Neuzeit machen.

Ein praktisches Christentum

Auch wenn Jakob Böhme schon als junger Mann die Heilige Schrift studierte und ein disziplinierter Kirchengänger war, gewann er seine weisen Einsichten doch in außergewöhnlichen Gottesvisionen.

Das reguläre evangelische Christentum, in seiner rein wörtlichen und intellektuellen Form, muss ihm dabei wie erstarrt erschienen sein. Drum versuchte er ein praktischeres Christentum zu entwickeln, das sich über die reine Textkunde des Bibellesens erhob. Doch niemals strebte er an, eine neue christliche Sekte zu gründen. Zeit seines Lebens blieb er Lutheranischer Christ. Eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen war etwas, das ihm ganz und gar nicht entsprach. Und trotzdem: aus Böhme schien aber etwas hervorzudrängen, dass seine Zeitgenossen an ihm wahrnahmen. Er schien tatsächlich tief erfüllt von einem göttlichen Geist, von dem geleitet er seine Schriften zu Papier brachte.

Denn in ihm leben, weben und sind wir

- Apostelgeschichte 17:28

was die Zeilen des großen Angelus Silesius bestätigen:

Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn im Firmament.
Der Salamander muss im Feuer erhalten werden:
Und Gottes Herz ist Jakob Böhme's Element.

Herz-Symbol Böhmes - ewigeweisheit.de

Das Böhme'sche Herz: Dieses Symbol enthält in seiner Mitte ein weißes Dreieck, worin sich 1 + 2 + 3 + 4 = 10 Positionen zur sogenannten »Tetraktys« formen. Darin lassen sich verschiedene Zeichen unterbringen. In diesem Fall sind es die Buchstaben des Heiligen Namen JHVH, hebräisch יהוה (das sogenannte »Tetragrammaton«; was dieses heilige Symbol im Einzelnen bedeutet, wird beschrieben im Buch: Lehrbuch der Mystischen Kabbala). Da nun in der Mystik Jakob Böhmes, das alchemistische Feuer eine zentrale Rolle spielt (siehe unten), fügte er das Schin, hebräisch ש, in diesen hebräischen Namen ein: das geheime Symbol für das Feuer in der Kabbala. Dieser Buchstabe eingefügt, in der Mitte zwischen den vier Buchstaben des Tetragrammaton יהוה, ergibt den hebräischen Namen יהשוה Jehoschua (hebräisch für »JHVH ist Hilfe«), die hebräische Fassung des latinisierten Namen »Jesus«. Den Kreis umringen die Buchstaben des Namen »Christus« und in den Flammen lassen sich außerdem die Namen »Iesus« (lateinische Schreibweise von »Jesus«) und »Immanuel« (hebräisch für »Gott ist mit uns«) entziffern, wobei die Endsilbe dieses Namens, »El«, ein anderes hebräisches Wort ist für »Gott« und im unteren Bereich dieses Symbol bewusst alleinstehend platziert ist. So entsteht also aus der Vierheit des wichtigsten Namen יהוה im jüdischen Glauben, mit dem geheimen Zeichen für das Feuer, ש (Schin), ein fünfbuchstabiger, hebräischer Name, der in diesem Symbol Böhmes, mit den anderen Namen  ein mystisches Emblem bildet: »Immanuel Jesus Christus«.

Der Teutonische Prophet aus Görlitz

Jakob Böhme kam 1575 in Alt-Seidenberg zur Welt, einem kleinen Ort nahe der Stadt Görlitz in der Oberlausitz. Seine Eltern waren Bauern aus ganz einfachen Verhältnissen. Der junge Böhme erhielt darum nur eine einfache religiöse Schulbildung, wo er auch Lesen und Schreiben lernte.

Als kleiner Junge musste er als Hirte arbeiten und war ein stilles, ein introvertiertes Kind mit einem leicht verträumten Blick. Doch schon als junger Mensch besaß er die Fähigkeit zur Vision, die er selbst jedoch als natürlich-real empfand.

Eine Geschichte erzählt über ihn, wie er einst Vieh hütete, zusammen mit anderen Hirtenknaben. Doch er entfernte sich von der Gesellschaft der anderen Jungen und bestieg die Landskrone, einen kleinen Berg in der Nähe seines Heimatortes. Es war Mittag als er dort ein Eingangstor aus vier roten Steinen in den Felsen entdeckte. Er ging hinein und fand dort ein Gefäß, worin sich wirklich reines Gold befand. Nicht aber griff er danach, sondern rannte vor lauter Panik davon, als wäre das, was er dort vorfand, nichts als Teufelswerk. Was er aber damals gesehen hatte blieb ihm als tiefer Eindruck in Erinnerung. In Begleitung seiner Freunde suchte er den Ort erneut auf, doch er war verschwunden. Hatte er das alles nur am helllichten Tag geträumt, in einem Wachtraum oder war er als er das erlebte nicht ganz bei sich?

Es schien, als wäre ganz tief in seiner Seele damals etwas wachgerüttelt worden, was er sonst nicht erfahren hätte. Etwas wurde sozusagen »psychisch aus ihm herausgelöst«. Der junge Böhme war eben jemand, der dazu befähigt war tiefer in die Versenkungen seiner Seelenwelt hinabzusteigen.

In seinen späteren Lehrjahren zum Schuster, hatte er eine weitere überirdische Erscheinung: da kam ein Mann, der ihm Schuhe abkaufen wollte. Doch da er als Lehrling zum Verkauf noch keine Befugnis besaß, ging er auf die Frage erst nach langem Zögern ein. Der Interessent wandte sich erst ab, doch rief dann plötzlich mit lauter Stimme:

Jakob, du bist klein, aber du wirst groß und gar ein anderer Mensch und Mann werden, dass sich die Welt über dir verwundern wird. Darum sei fromm, fürchte Gott und ehre sein Wort. Insbesondere ließ gerne in der Heiligen Schrift, darin du Trost und Unterweisung hast, denn du wirst viel Armut, Not und Verfolgung erleiden müssen, denn du bist Gott lieb und er ist dir gnädig.

Nach diesem Erlebnis wurde Böhme nur noch unsicherer und ernster. Sein ganzes Leben richtete er danach auf Moral, Gebet und Meditation. Er neigte dazu auch andere zu christlicher Frömmigkeit zu ermahnen, wozu natürlich auch Besucher der Schusterei seiner Lehrjahre gehörten. Als ihn aber sein Meister dabei erlebte, ermahnte er ihn »keinen Hauspropheten« zu brauchen. Das nächste Mal das er ihn dabei ertappte warf er ihn raus.

Darauf begab sich der junge Böhme als Geselle auf Wanderschaft. In jener Zeit bemerkte er an den Menschen die er da traf, dass sie mit ihrem Glauben in Konflikt standen, wo sich doch die verschiedenen Parteien der Evangelischen Kirche in den Haaren lagen. Es kam ihm vor, als befände sich die noch junge christliche Konfession in einer Art Babylon, wo jeder seiner Überzeugung nach in fremder Sprache die anderen beeindrucken und bekehren wollte.

Es war das aber auch die Zeit wo er viel in der Bibel las, aber auch astrologische Schriften studierte. Böhme war aber immer ein sehr frommer Mensch, der viel betete und über die erfahrenen Gottesworte meditierte. Einmal geriet er dabei sieben Tage lang in eine tiefe Ekstase, als er gerade Handarbeit ausführte, wo ihm sein spiritueller Meister wie aus dem Nichts begegnete. Da schien er aufzusteigen, seinen »Seelen-Sabbath« erfahrend, in einer Phase spiritueller Entrückung. Wie von göttlichem Licht umfangen, sah er sich selbst in einer Welt größter Stille und Freude. Doch es war ein rein innerliches Erleben, denn um ihn blieb alles so wie es war. Danach aber fühlte er sich wie von den Toten erwacht.

Solche Erlebnisse, die er seit seiner Kindheit hatte, gewährten ihm Einblicke in eine Welt, wie sie vor ihm wohl nur die Propheten der Bibel erlebt hatten.

Morgenröte im Aufgang

1594 kehrte Jakob Böhme zurück nach Görlitz. Ab 1599 eröffnete er dort eine Schusterei und heiratete im selben Jahr die Tochter eines Fleischers, die ihm zwischen 1600 und 1606 vier Söhne gebar. In dieser Zeit erlebte Böhme weitere mystische Visionen. Doch er schwieg darüber. Er wollte sie für sich behalten, um erst zu verstehen, was er dabei eigentlich erfuhr.

Als er eines Tages in seiner Schusterei saß, fiel sein Blick auf einen polierten Zinnbecher der vor ihm auf seinem Arbeitstisch stand. Die Sonnenstrahlen, die sich darin reflektierten, erzeugten eine wundersame Lichterscheinung, die seine Wahrnehmung derart absorbierte, dass er wieder in eine Art ekstatischen Zustand verfiel. Was er da erlebte war einzigartig, denn er fühlte sich wie aus dieser, in eine andere Realität entrückt, worin sich ihm die tiefsten Geheimnisse der Dinge offenbarten und er die ihnen innewohnenden Prinzipien erkannte.

Diese Erfahrung war so eindrucksvoll, dass er nicht länger darüber nachdenken wollte. Vielmehr suchte er Ablenkung und begab sich ins Grüne. Er wollte nicht so recht wahrhaben, was er da erlebt hatte und redete sich ein, dass diese Vision auf einer Einbildung basiert haben müsse. Nur gelang ihm das nicht, denn als er dort im Grünen stand, vermochte er auf einmal ins Innerste der Dinge zu schauen, die um ihn herum zu sehen waren. Alle Pflanzen und Gräser dort, waren in Harmonie damit, was er wie von innen heraus in seiner Vision vernommen hatte. Doch er wusste genau, dass er darüber mit niemandem sprechen konnte. So dankte er Gott für diese Erfahrung und behielt sie im Geheimen für sich.

Ein spirituelles Tagebuch

In den folgenden Jahren arbeitete Böhme als Schuster in seiner Schuhbank, wie man damals die Schustereien nannte. Er ging gewissenhaft seiner Arbeit nach und hatte mit allen Menschen einen guten Umgang.

Im Jahr 1610 erlebte er erneut etwas, dass er nicht durch seine alltägliche Erfahrung erklären konnte. An die prophetisch-visionären Eindrücke, die er als Junge vernahm, erschienen ihm da als recht chaotische und nur bruchstückhafte Vision. Er empfand sie nur als Momentaufnahmen von etwas viel Größerem. Jetzt aber sah er vor seinem inneren Auge ein ganz deutliches Bild. Er vernahm darin die Wirkungen eines Teils von etwas viel Höherem, empfand das in vollkommener Klarheit, als Element einer allumfassenden Ganzheit.

Was er da erlebt hatte schrieb er auf. Doch es war nicht seine Absicht diese Schriften zu veröffentlichen, da er sich als Schuster einem Dasein als Literat nicht gewachsen fühlte. So blieb das was er schrieb ähnlich einem Tagebuch, ein Notizheft, um sich an die gemachten Erfahrungen besser erinnern zu können. Denn es kam vor, dass ihm seine Visionen entglitten.

Jeden Morgen bevor er sich zur Arbeit begab, schrieb er darum auf, was er gesehen und erlebt hatte. Die Zeilen, die aus dieser Schreibtätigkeit entstanden, wurden zu seinem Erstlingswerk: Die »Morgenröte im Aufgang«, der man später den lateinischen Titel Aurora hinzugefügte. Den ursprünglichen Titel gab er dieser Schriftensammlung wohl auch wegen der Tageszeit, in der er sie verfasst hatte.

Für einen einfachen Schuhmacher, der keinerlei akademische Vorkenntnisse besaß, war dieses Werk eine erstaunliche Leistung. Doch wie er meinte, schrieb er die Texte nicht allein. Wie ein heftiger Schauer kamen ihm Erkenntnisse und was er dabei zu Papier brachte, schien wie in einem Fluss aus seiner Hand, recht ungeordnet auf dem Papier (jeder der sich schon mit Böhmes Aurora befasste, vermag das wohl auch nachzuvollziehen).

In der Aurora kommen die Lehren der Alchemisten und Theosophen zur Sprache. Was genau er darin aber veröffentlichte, gab er nur seinen engsten Freunden zu lesen. Viele Ärzte und Adlige waren unter Böhmes Freunden. Wegen der Tragweite, der darin getroffenen Aussagen über seine Erlebnisse, schienen sich die darin enthaltenen Texte, fast schon danach zu sehnen, von einer größeren Leserschaft gelesen zu werden. So kam es tatsächlich dazu, das ohne Böhmes Wissen, ein adeliger Bekannter unter seinen Freunden, tatsächlich Abschriften von seiner Aurora verbreitete.

Böhmes Werk las auch ein Schüler des berühmten Paracelsus. Es war der Arzt und Alchemist Balthasar Walther (1558-1631), der Leiter eines »Geheimen chymischen Laboratoriums« in Dresden. Walther war ein viel bereister Mann, der nach Syrien, Arabien und Ägypten gereist war, um dort nach den wahren Quellen der alten Kabbala und Magie zu forschen. Was er aber in Jakob Böhmes Aurora fand, erkannte er als tiefste Weisheit und jenseits dessen, wovon er bisher erfahren hatte.

Wegen seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit aber, verkaufte er seine Schuhmacherei schon 14 Jahre nach ihrer Eröffnung – ein Zeitraum der uns heute echt lange vorkommt, doch in damaliger Zeit empfanden die Menschen das anders. Von da an auf jeden Fall lebte er von der Unterstützung seiner Freunde. Damit aber kam er immer wieder in große finanzielle Schwierigkeiten. Schließlich hatte er seine Kinder zu ernähren und ein Wohnhaus abzubezahlen, dass er 1599 in Görlitz gekauft hatte.

Jakob-Böhme-Denkmal Görlitz - ewigeweisheit.de

Jakob-Böhme-Denkmal im Görlitzer Park des Friedens (Foto: Ausschnitt aus dem Original von Südstädter; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 3.0).

Aufbegehren eines Görlitzer Pfarrers

Die Kopien der Aurora, die sein Freund Carl von Endern anfertigen ließ, verbreiteten sich schnell. Eine davon fiel in die Hände des Görlitzer Oberpfarrers Gregorius Richter (1560-1624). Manchen erschien der Charakter dieses Kirchenmannes wie der eines aufgeblasenen Besserwissers.

Was da nun aber Jakob Böhme geschaffen hatte, war diesem Pfarrer Richter einfach nicht geläufig und vermutlich fehlte ihm das nötige Erkenntnisvermögen, um die Aurora überhaupt zu verstehen. Sicher aber wusste er von Böhmes Bewunderern. Doch er, als Pastor primarius, wollte keinen neben sich haben und empfand Böhme nur als gefährlichen Widersacher, der ihm als Pfarrer nur Konkurrenz machen könnte.

In einer seiner Sonntagspredigten beschuldigte er Jakob Böhme, sich zu brüsten als neuer Prophet – was dieser aber niemals tat. Doch in Wirklichkeit hielten ihn einige seiner Bewunderer tatsächlich für so einen. An jenem Tag jedoch war Böhme selbst unter den Kirchenbesuchern. Nach der Predigt wartete er auf Gregorius Richter am Eingang der Kirche, um von ihm freundlich in Erfahrung zu bringen, worin sein Vergehen eigentlich lag. Doch Richter drohte ihn verhaften zu lassen, wenn er sich nicht sofort aus seiner Gegenwart entferne. Am nächsten Morgen erhielt er vom Amtsgericht der Stadt Görlitz eine Ausweisung aus der Stadt, die aber kurz darauf wieder zurückgezogen wurde. Man verbot Jakob Böhme von da an aber, die weitere Veröffentlichung des Buches Aurora. Auch seine schriftstellerischen Tätigkeiten durfte er nicht weiter ausüben.

Anders als von Richter erhofft, kam aber durch dieses Ereignis die Aurora Böhmes erst noch größere Aufmerksamkeit und verbreitete sich schneller, als sich der Oberpfarrer in seinen schlimmsten Alpträumen auszumalen vermochte. Es sprach sich herum, dass dort in Görlitz ein wahres Genie zu Hause sei, dass man aufsuchen solle. Und so wollten bald möglichst viele unter der damaligen, deutschen Bildungsbürgerschicht wie auch aus Kreisen des Adels, den Meister Jakob Böhme persönlich treffen.

 

Über fünf Jahre befolgte Jakob Böhme das Diktat der Amtsrichter. In dieser Zeit schrieb er nur für sich. Es blieb ihm aber unbegreiflich, dass er nun nicht dem Gebot seiner göttlichen Vision folgend schrieb, sondern dem Zwang der Kirche gehorchen musste.

Drei Göttliche Prinzipien

Nach langer Zeit des Schweigens überredeten ihn im Jahr 1618 Freunde dazu, erneut seiner Berufung nachzugehen und was ihm in seinen Visionen erschien auch aufzuschreiben. Doch in seinem Wirken als Schriftsteller, blieb Böhme stets eine eigene, individuelle Erscheinung in der Geschichte der Mystik. Zwar schienen viele philosophische Strömungen in seinem Werk zusammenzulaufen, doch sie verschmolzen gleichsam im alchemistischen Ofen seines inneren, esoterischen Empfindens. Insbesondere die Zahl Drei nahm in seiner mystischen Philosophie eine zentrale Rolle ein. 1619 erschien in diesem Kontext sein zweites Werk: De tribus principii – »Die Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens«.

Für Jakob Böhme bildete das Universum seinem Wesen nach drei Welten. Aus ihnen entstand alles Sein. Die transzendente Einheit Gottes aber wies ihm den Weg zu seinem Selbstausdruck in der Welt.

Gott ist von Ewigkeit Alles alleine; sein Wesen teilet sich in drei ewige Unterschiede. Einer ist die Feuer-Welt; der Andere die Finstere Welt; und der dritte die Licht-Welt. Und ist doch nur Ein Wesen in einander, aber keines ist das Andere.

[…]

Das rechte Leben stehet im Feuer; dort ist der Angel (die Befestigung) zu Licht und Finsternis. Der Angel ist die Begierde: womit sich die füllet, dessen Feuer ist die Begierde, und dessen Licht scheinet aus dem Feuer; dasselbige Licht ist der Gestalt oder desselben Lebens Sehen, und das eingeführte Wesen in die Begierde ist des Feuers Holz, daraus das Feuer brennet, es sei herbe oder sanft, und das ist auch sein Himmel-oder-Höllen-Reich.

Das menschliche Leben ist der Angel zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennet es. Gibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Gewiss ist das jene Trinität, von der auch in den Lehren der Alchemie die Rede ist. Diese Geheimwissenschaft aber verwendet andere Namen für diese Dreiheit, nämlich dem feurig-geistigen Sulphur, dem flüchtigen Mercurius und dem manifestierten Sal. Was aber der daraus bereitete »Weiße Stein« den Alchemisten galt, war für Jakob Böhme jene universale Dreifaltigkeit der göttlichen und sinnlich-wahrnehmbaren Schöpfung, worin wir als Menschen leben und handeln.

Mit der Welt des Feuers bezeichnete Böhme den unbegrenzten Willen Gottes, den er während seiner Schöpfung konzentrierte auf die natürliche Welt, als Inspiration zu werden. Was auch immer werden soll, braucht Feuer. Und aus diesem Urfeuer der göttlichen Schöpfung entstand ein Paar von Gegensätzen:

  • Eine finstere Welt der Konflikte, der Übel, was man als die ewige Natur des Materiellen bezeichnen könnte, und
  • eine lichtvolle Welt, erfüllt von Weisheit und Liebe. Das ist der ewige Geist, der Nous, wie ihn Platon nannte.

Die dunkle Welt ist das Widerspenstige im Leben, alles was den Gegensatz zum Göttlichen bildet – die Welt des Unverbesserlichen, kurz: die Probleme – das was uns in unserem Leben Kopfzerbrechen bereitet. Die Reiche des Lichts aber bildet die Welt des Guten. Es leuchtet aus dem Herzen Gottes, durch sein Wort, dem Logos, der sich jedoch vom feurigen Prinzip seines Willens unterscheidet.

Fest steht: die Finsternis bleibt die Voraussetzung für das Licht, denn alles was in der Welt entsteht, benötigt einen Gegensatz, durch den es sich ja überhaupt erst als kontrastierendes Abbild manifestieren kann. Gewissermaßen ließe sich dieses Axiom auch in der Geschichte von Böhmes Wirken sehen, als prophetischer Schriftsteller. Auch andere Autoren die mit ihren Veröffentlichungen in Konflikt mit der etablierten Geisteselite gerieten, hatten mit den selben Herausforderungen zu kämpfen. Erst nämlich durch die Problematik, die sich aus diesen widerstrebenden, verneinenden Kräften ergab, fand eine neue Lehre das notwendige Licht, um sich aus dem Dunkel überkommener Sichtweisen zu erheben.

Das erkannte Böhme sehr wohl. Für ihn war die äußere, alltägliche Welt sowohl gut und böse zugleich, sowohl grauenhaft wie entzückend, worin Liebe und Zorn gemeinsam bestehen. Doch das nur als die Bestandteile eines selben Ursprungs, die Böhme eben durch seine Definition des Feuers beschreibt. Und in diesem Feuer streben das natürliche und das geistige Leben zum Licht. Ziel aber sollte dem Menschen sein, das Licht aus seinem feurigen Ursprung hervorzubringen, denn was sonst bleibt zurück vom Feuer, als nur Asche und schwarzer Ruß?

Hier sprach Jakob Böhme allegorisch vom »Blühen der Lilie«, die für ihn die Neugeburt des Christus symbolisierte. Wieso? Für Böhme befand sich das Universum scheinbar in einem riesigen alchemistischen Prozess, wo in einem allegorischen Kochtopf (Feuer), unablässig das Unedle (Finsternis) in lauteres Gold (Licht) destilliert wird. Und so wie sich dieser Veredelungsvorgang im Makrokosmos der Welt vollzieht, so auch im Mikrokosmos des Menschen. Auch der Mensch als Erscheinung seiner Spezies, befindet sich in einem Zustand des Werdens. Es ist darum gar nicht zu vermeiden, dass aus diesem Werden, sich aus dieser Veränderung zu etwas Neuem, durchaus Konflikte ergeben, wo sich eben Licht- und Finsterniskräfte empfindlich berühren. Übertragen auf das Leben eines Menschen, sind das die Probleme, die sich in unserem Dasein ergeben und bewältigt werden wollen.

Was die Hermetiker als das »Große Werk« anstreben, darauf soll auch der Mensch hinarbeiten. Der nämlich muss sein weltliches Leid ertragen lernen, um die in ihm wirkenden Gegensätze von Feuer und Licht zu überwinden.

Um dereinst zu den Himmlischen zu zählen, muss sich ein Mensch gegen die finsteren Anteile des Feuers wehren, um dabei das Licht daraus zu erlösen, was natürlich nicht immer einfach ist. Das weiß jeder, der schon ein paar Jahre auf unserer Erde wandelt. Da der Mensch aber alle drei Aspekte der dreifaltigen Welt in sich trägt – Feuer, Licht und Finsternis –, ist, wenn er bereit ist diesen unausweichlichen Kampf mit seinen Problemen auszutragen, ein Sieg über seine Leiden durchaus gewiss.

[...] wenn einer einen rechten Menschen stehen sieht, mag er sagen: Hier sehe ich drei Welten stehen […]

- Aus Jakob Böhmes »Von sechs theosophischen Punkten«, Erster Punkt, 2. Kapitel

Das menschliche Leben ist der Angel (die Befestigung) zwischen Licht und Finsternis: welchem es sich aneignet, in demselben brennt es. Begibt es sich in die Begierde der Essenz, so brennt's in der Angst, im Finsternis-Feuer.

- Aus Jakob Böhmes »Sechs Mystischen Punkten«, Punkt 2: »Von der Gnadenwahl, vom Guten und Bösen«

Unzählige Abenteuer vermag ein Mensch in jenem Urfeuer zu erleben. Seine Flammen schlagen eben aus den Tiefen der Hölle bis in die höchsten Höhen aller Himmel. Feuer ist wie das Leben: Kummer, Mühen und Konflikte ereignen sich unausweichlich. Da sich die Flamme dieses Feuers jedoch zur dunklen wie zur lichten Seite hin ausbreitet, kann man wählen zwischen:

  • dem finsteren Egozentrismus der Sünde oder
  • einem selbstlosen Dasein auf dem lichtvollen Weg zu göttlicher Vervollkommnung.

Alle spirituellen Traditionen lehren uns den Strudel der Egoismen versiegen zu lassen. Man muss die Energie eben so einsetzten, damit was vollbracht wurde, auch zu zu Liebe führt. Dunkle Teile in der Welt und in den Menschen lassen sich so zu Licht transmutieren (symbolisch also zu Gold). Und dabei wird die Furche zwischen den Dingen in der Natur und des Geistes geschlossen.

Böhmes gesamtes Schriftwerk dreht sich allein darum, danach zu streben das Licht Gottes in einem selbst zu entzünden, als eine allumfassende, alles durchdringenden Realität. Wir sind eben das, was wir aus unserem Leben machen.

Himmel und Hölle sind überall

Alles was zählt, ist sich zu entscheiden, zwischen dem Weg zu göttlicher Liebe oder einem Weg hin zum Untergang (wobei letztere Entscheidung eigentlich keine ist, da jemand aus reiner Unwissenheit und Ignoranz, ganz unbewusst auf solche Abwege gerät). Wer ununterbrochen, lebenshungrig und voller Ungeduld, an der Grenze zwischen kosmischem und menschlichem Leben schlittert, der wird niemals das »Rad des Schicksals« verlassen können. Er verfehlt das alchemistische Werk, zielen seine Begierden doch nur auf den dunklen Teil des Urfeuers.

Böhme schreibt, dass so jemand einen Zustand der turba erzeugt, eines »lärmenden Getümmels«, das nirgendwo sonst zu hören ist, als aus den Tiefen der Hölle. Drum dürfte die Aufforderung plausibel erscheinen, wenn es heißt, man solle sich dem hellen Teil des Urfeuers zuwenden, um darin die Impulse göttlichen Lichts zu empfangen – einem Licht, dass all-ein-sam in der Stille der Ewigkeit brennt.

Geduld, Mut, Liebe und Hingabe lassen den Suchenden allmählich erkennen, dass auch seine Seele Teil einer göttlichen Wirklichkeit ist. All die Heiligen und Mystiker bewiesen durch ihre Biografien, dass dies auch tatsächlich als entsprechende Wahrheit vernommen werden kann.

Christ zu sein bedeutete für Jakob Böhme aber nicht, allein »nur an Gott zu glauben«. Es war für ihn ein lebendiger Vorgang echter Arbeit, den nicht etwa Christus am Kreuz der Menschheit abnahm, sondern in seiner Symbolik einen Hinweis auf eben jenes alchemistische Werk einer persönlichen Veredelung gab, in der sich das eigene Dasein in dieser Welt, auf einen Weg führen lässt, hin zur Erlösung und der Ankunft unter den Himmlischen.

Das wahre Christentum war für Böhme also nicht nur Lippenbekenntnis. Es war für ihn ein inneres Erfahren der Manifestationen dessen, was die Evangelien in ihren Lehren für die Menschen vorbereitet hatten.

Eine Frage der Auslegung

Was Jakob Böhme wohl sicherlich beabsichtigt hatte, war gewiss nicht bloß seine Schriften zu lesen oder nur daraus zu zitieren, als vielmehr sein Werk, mit einem gewissen Grad selbst erwogener Freiheit, auf individuelle Weise wiederzugeben. Doch genau da liegt auch der Widerspruch: denn wie soll man die Kernaussagen Jakob Böhmes vermitteln, wenn sie individuelle Auslegungen einfärben? Das lässt sich nicht vermeiden, doch ist wohl ebenso gut. Denn je mehr Eindrücke durch verschiedene Interpretationen beim Dritten entstehen, desto wahrscheinlicher zeichnet sich ein tatsächliches Bild dessen ab, was in diesem Falle Jakob Böhme durch sein Schriftwerk der Nachwelt überbringen wollte.

Es wäre also falsch, von einer Auslegung ausgehend zu sagen, dass ihr an Objektivität mangelt. Nur jeder kann für sich selbst eine Sichtweise entwickeln. Denn wenn er verstehen will was er liest, bei Böhme, aber auch anderswo, ist er gezwungen es nach seinem eigenen Ermessen und Verstehen wiederzugeben, ganz im Sinne des Apostels Paulus, wenn er sagte:

Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.

- 1. Thessalonicher 5:20f

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Isaak Luria: Der Heilige Löwe von Safed

von S. Levent Oezkan

Der Löwe von Safed - ewigeweisheit.de

Ende des 16. Jahrhunderts wurde im palästinischen Galiläa, die kleine Stadt Safed zu einem Zentrum spiritueller Gelehrsamkeit. Hier formulierte man die wesentlichen Glaubenslehren der Kabbala und von hier aus breiteten sie sich schließlich aus, in der gesamten jüdischen Welt.

Die Kabbala-Mystiker Safeds übten großen Einfluss aus, auf das religiöse Denken der Juden ihrer Zeit. Dabei war Safed nicht einmal von historischer Bedeutung, da es weder in biblischem noch talmudischem Kontext auftaucht. Das sich die politische Rolle dieser kleinen Stadt jedoch änderte, lag an den eher ungünstigen Verhältnissen, die damals in Jerusalem herrschten. Denn während der osmanischen Herrschaft über die heilige Stadt, war man sich uneinig in der Haltung gegenüber den Rabbinern.

Zu den Söhnen der Stadt Safed aber zählten die Koryphäen der Kabbala: unter ihnen Moses Cordovero, Chaim Vital und vor allem Isaak Luria. Er nämlich sollte die Vorstellungen über das Judentum nachhaltig verändern.

Isaak Luria kam 1534 in Jerusalem zur Welt und der Legende nach, erschien seinem Vater noch vor seiner Geburt der Prophet Elija, der zu ihm sprach:

Du sollst wissen, dass der Alleinige Herr, Segen sei auf ihm, mich zu dir sandte, um dir die Nachricht zu überbringen, dass deine Frau einen Sohn zur Welt bringen wird. Du sollst ihn Isaak nennen. Er wird Israel aus der Gewalt der Schalen befreien (das Wort »Schale« wird in der Kabbala auch an anderer Stelle als Synonym für die Kräfte des Bösen verwendet, wie sie etwa in Zeiten des Krieges die Kräfte des Guten verhüllen). Er wird viele Seelen erlösen, aus ihren leidvollen Wanderungen. Durch ihn werden die Lehren der Kabbala der Welt enthüllt.

Sein Vater sollte schließlich erkennen, dass sich seine Vision im Wesen seines Sohnes bewahrheiten sollte, zeigte der sich ihm doch als außergewöhnlich kluges Kind. Doch Isaak Luria war gerade acht Jahre alt, als sein Vater plötzlich verstarb. Seine Mutter ging darauf mit ihm nach Kairo, wo er im Hause seines Onkels David ben Zimra aufwuchs. Der war oberster Rabbiner Ägyptens. Im Alter von fünfzehn Jahren verheiratete ihn sein Onkel mit seiner Tochter. Er erkannte Lurias wirkliche Größe und unterstützte ihn in den kommenden Jahren in seinen Studien.

In dieser Ausbildung lernte Luria alles was er als Rabbiner wissen musste. Auch eignete er sich in dieser Zeit die alten Symbole der Kabbalisten an, um daraus neue Denkweisen herzuleiten.

Isaak Luria befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeiten. Drum wollte er sein Wirken nicht nur auf den Talmud beschränken. Vor allem die Lehre der Kabbala interessierte ihn – die man »Wissenschaft der Wahrheit« nannte. Das Anliegen dieser Geheimlehre war die Tora ins genaueste zu untersuchen und die größten Geheimnisse der fünf Bücher Mose in ihr zu enthüllen. Unwiderstehlich schien Luria die Anziehungskraft dieser Geheimlehre. Doch auch jeder, der sich mit den Inhalten der Kabbala-Lehre zum ersten Mal befasst, dürfte Ähnliches verspüren. Dabei ist das Studium der Kabbala durchaus ein Lebenswerk und könnte, wenn möglich, über viele Menschenleben hinweg studiert werden.

Das Buch Sohar

So also kam Luria dazu, sein Leben ganz dieser Geheimlehre zu widmen. Seinem Eifer geschuldet, konnte er damit aber nicht mehr am alltäglichen Leben teilnehmen. Er zog sich vollkommen zurück und begab sich in eine kleine Einsiedelei am Ufer des Nils. Nur an Schabbat war er bei seiner Familie. Den Rest der Woche verbrachte er fastend in Gebet, Meditation und Studium der heiligen Schriften. Dieser völlige Rückzug in Askese begann, als er sich mit dem wohl wichtigsten Werk der Kabbala befasste: dem Sohar – Buch des Glanzes, das der sagenhafte Rabbi Schimon ben Jochai im 2. Jahrundert n. Chr. verfasste.

Luria begegnete einmal einem Händler. Der führte mit sich den Sohar, dieses eigenartige Buch jüdischer Esoterik. Er fragte den Mann, ob er ihm das Buch verkaufe. Doch der Mann meinte nur, dass er kein Gelehrter sei und in die Hände dieser Schrift eher zufällig kam und er es ihm einfach so überlassen könne. Erst damit, meinen Manche, begann Luria sich für die Mystik des Göttlichen zu interessieren. Sicherlich aber würden manche unterstellen, dass das tatsächlich untertrieben ist, denn Luria hatte fast schon einen fanatischen Enthusiasmus entwickelt, der ihn befähigte, in den kommenden acht Jahren sich voll und ganz dem Studium dieses Buches zu widmen, auch wenn er in den ersten Jahren nicht wirklich alles darin vollkommen verstand. Doch es heißt, Isaak Luria schaute direkt in die Ränge der Engel, wodurch sich ihm die Geheimnisse des Sohar immer mehr erhellten.

In der biografischen Literatur findet man keine Erwähnung über einen spirituellen Lehrer oder Meister, den Luria hatte, während seines zurückgezogenen Lebens am Nil. Anscheinend war so ein menschlicher Lehrer für ihn nicht vonnöten. Denn in jenen Tagen, so die Legende, trat er in Kommunikation mit dem Heiligen Propheten Elija – der ja Isaak Lurias Vater noch vor seiner Geburt erschienen war. Durch den Propheten löste sich seine Seele von allen körperlichen Banden und stieg auf, bis an die Wohnstatt des Himmlischen. Dort wurde ihm die göttliche Gegenwart gewahr, im Beisein all der vielen Seelen der Verstorbenen, der Heiligen und Schutzengel. Nach sechs Jahren schließlich träumte Luria von einer geheimnisvollen, himmlischen Stimme die zu ihm sprach und ihn aufforderte Ägypten zu verlassen. So also war Luria seinem asketischen Leben, auf Geheiß des Himmels gefolgt, was dazu führte, dass er dereinst Ägypten verlassen und sich ins palästinische Safed begeben sollte.

Eine spirituelle Bewegung in Galiläa

Bei alle diesen fast schon fantastisch anmutenden Beschreibungen, von Isaak Lurias göttlichen Eingebungen, dürfte es recht wahrscheinlich sein, dass er in seiner Zelle, neben dem Buch Sohar, auch eine kleine Bibliothek besaß, worin sich neben der Heiligen Schrift auch die Werke verschiedener anderer jüdischer Mystiker reihten. Schließlich verwies er immer wieder auf jene Rabbis, die sich in der geschichtlich langen Kette der mystischen Tradition im Judentum bilden.

Auf Geheiß jener mystischen Stimme, kehrte 1569 Isaak Luria zurück nach Palästina und ließ sich dort im galiläischen Safed nieder. Dort traf er auf seinen zukünftigen Lehrer Rabbi Moses Cordovero (1522-1570) – einem Nachkommen sephardischer Juden, die einst auf der iberischen Halbinsel lebten, von dort aber 1492 nach Galiläa fliehen mussten. Über einen Zeitraum von drei Monaten nun, begab sich Luria in die Lehre seines neuen Meisters. Doch Cordovero verstarb bereits nach relativ kurzer Zeit. In der Prozession zu seinem Grab erhielt Luria dann Kunde über seine zukünftige Rolle in Safed, als Lehrer der Kabbala.

Ein ergebener Schüler Isaak Lurias

Als Isaak Luria dann als Nachfolger Cordoveros seine Berufung als Kabbala-Lehrer in Safed begann, war sein Ansehen noch sehr gering. Seine Schüler waren eben den rationalen Stil Cordoveros gewohnt. Luria aber sah im spirituellen System des Sohar ein eher dynamisches Zusammenspiel in der Beschreibung der kosmischen Urarchetypen. Nur wenige aber wollten damals seiner Lehre folgen.

Auf einmal gewann ein anderer Rabbi in Safed Einfluss, der in den Reihen der Schülerschaft Isaak Lurias stand. Auf seinen Namen hatten wir bereits oben hingedeutet: Rabbi Chaim Vital (das »Ch« im Vornamen »Chaim« wird ausgesprochen wie das »ch« im deutschen »Nacht«). Der führte eine komplett neue Form ein, wie das Buch Sohar zu studieren sei.

Eines Tages nun bat Chaim Vital seinen Lehrer Isaak Luria, eine bestimmte Passage aus dem Sohar zu erklären. Lurias Interpretation des Textes war aber so außergewöhnlich, das Vital und alle anderen Anwesenden, damit auf einen völlig neuen Weg geführt wurden, um die Geheimnisse des Sohar nun tatsächlich auch zu begreifen. Auch nachdem Vital ihn nach einem weiteren Vers im Sohar fragte, gab ihm Luria eine Erklärung, die dem Frager wiederum völlig neue Perspektiven eröffnete. Vital begriff auf einmal die tiefer liegenden Geheimnisse dieses heiligen Buches, etwas das er bisher nicht erkannt hatte.

Dies musste auf Chaim Vital einen ganz enormen Einfluss ausgeübt haben und er erkannte, dass in Wirklichkeit doch Isaak Luria sein Meister war. Als er ihm ein andermal wieder eine Frage stellte, wies Luria diese zurück. Anscheinend wollte er Chaim Vital sogar aus den Lehrveranstaltungen ausschließen. Doch dieser fiel vor Luria auf die Knie und erflehte bei ihm weiter studieren zu dürfen. Schließlich gewährte im Luria die weitere Teilnahme.

Geistiges Erbe des Weisen Moses Cordovero

Was an Lehren über das biblische Schriftwerk und den Sohar in Safed geschaffen wurde, ist bis heute in der Welt der Kabbala von höchster Relevanz. Denn es scheint, als ergeben sich beim Studium der Lehren von Moses Cordovero und Isaak Luria, sich gegenseitig ergänzende Glaubenssätze. Cordovero neigte eher zur Rationalität und versuchte seine Lehre auf bestimmte Weise zu systematisieren, wozu ihm insbesondere der Sohar als wichtiges Hilfmittel diente. Das gab ihm die Chance zu neuen Erkenntnissen. Fest steht, dass Moses Cordovero zu den größten Theoretikern der jüdischen Mystik zählt. Gleichzeitig aber wäre falsch anzunehmen, dass er selbst ein reiner Vernunftmensch gewesen sei. Nie fehlte es Cordovero an mystischen Gewahrsein. Er war es nämlich der die verschiedenen Stufen der göttlichen Emanationen, wie wir sie im Lebensbaum sehen, auf ganz einzigartige Weise erklärte, als einen Vorgang visionären, göttlichen Denkens.

Moses Cordovero erklärte das Verhältnis des unendlichen Ayn Soph (auch: En Sof) zum instrumentalen Organismus der Kelim – den Gefäßen der Sefiroth. Immer wieder, so Cordovero, stoßen auf diese Kelim, aus der Unendlichkeit die Kräfte des göttliche Werkes. Danach ziehen sich diese Wirkungen wieder zurück, um aber dereinst erneut auf die Schöpfung einzuwirken. Und in dieser Wechselwirkung steht Gott zu seiner Schöpfung, in einem ihr innewohnenden Konflikt, denn er ist sowohl ihr Lenker als auch das Gelenkte selbst, womit also Gott und seine Schöpfung eins sind. Cordovero aber gelang es diesen eigentlichen Widerspruch aufzulösen und auf gekonnte Weise so zu systematisieren, das sich aus der problematischen Frage nach dem Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung, ein verständliches System entwickeln ließ. Cordovero meinte eben, dass alle Realität mit Gott identisch sei, nicht aber alle Realität Gott selbst ist. Für ihn war der Begriff Ayn Soph damit gleichbedeutend mit einem »Weltdenken«, einer geistig-göttlichen Substanz, worin alles Seiende existiert. Damit sind der Schöpfer und seine Schöpfung im Erschaffenen eins – Gott ist Alles und nichts existiert außerhalb seines Seins.

Das außergewöhnliche Werk, das Cordovero seiner Nachwelt hinterließ, schuf er in verhältnismäßig kurzer Zeit, denn er starb bereits im Alter von 48 Jahren. Moses Cordovero aber hatte die Gabe, die spirituell-mystischen Inhalte der Kabbala in eine einfache, verständliche Form zu bringen, die den Leser befähigten, die hinter dem Inhalt seiner Schriften wirkende Weisheit, auch tatsächlich in ihrer Kernaussage zu erfassen und zu verinnerlichen.

Isaak Lurias Grab - ewigeweisheit.de

Verehrer an Isaak Lurias Grab im galiläischen Safed.

Was Luria hinterließ

Im Wirken Isaak Lurias sollte sich alles spätere reflektieren, was in der Kabbala Bedeutung hatte. Gewiss ließe er sich als größter Gelehrter der gesamten spirituellen Kabbala-Bewegung Safeds bezeichnen. Sein Wirken, in diesem kleinen Ort Galiläas, entfachte nach seinem Tod eine regelrechte Heiligenverehrung. Auf seinen Spuren bewegen sich noch heute Kabbala-Schüler, entlang unzähliger Wegweiser, die an die mit diesem Meister zusammenhängenden Legenden erinnern.

Nicht etwa aber hinterließ Isaak Luria, in seiner recht kurzen Lebenszeit von gerade einmal 38 Jahren, ein Schriftwerk. Es heißt, er war ganz und gar kein Literat. Alles was man über Luria weiß, erhielt sich über seine Schüler, die ihn jedoch wie ein übernatürliches Wesen verehrten. Einer von ihnen fragte ihn einst, wieso er keine seiner außergewöhnlichen Lehrreden in Buchform brachte, worauf ihm Luria antwortete:

Es ist gänzlich unmöglich, stehen doch alle Dinge miteinander in Wechselbeziehung. Ich kann kaum meinen Mund zum Sprechen öffnen, ohne dabei das Gefühl eines brechenden Dammes zu verspüren, von dessen Wassern alles überspült wird. Wie soll ich das denn in einem Buch niederschreiben, um damit auszudrücken was meine Seele tatsächlich empfängt?

Und doch versuchte Luria, während seiner drei Jahre in Safed, seine Gedanken in einem Buch niederzulegen, was seine Verehrer unter dem Titel Kithve Ha-Ari führen: »Die Schriften des Heiligen Löwen«. Darin schrieb er Kommentare zum Buch Sohar, was sicherlich nur einen kleinen Ausschnitt seines eigentlichen Wissens und seiner Weisheiten zusammenfasst.

Seine mystischen Hymnen zum Schabbat aber, sollten selbst in die jüdische Religionstradition übergehen. Bis heute findet man sie in fast jedem jüdischen Gebetbuch.

In Gegenwart der Schekinah

An jedem Vorabend zum Schabbat wird die Heilige Schekinah – die Göttliche Gegenwart in ihrer weiblichen Dimension – von den Gläubigen eingeladen, diese Welt auf Erden weitere sechs Tage zu bewohnen. Mit dem Singen der Hymnen Lurias, zelebrieren die Gläubigen die Heilige Hochzeit des Himmlischen und des Irdischen, von Gott und seinem Volk Israel, das »der paradiesische Fall« ja vor sehr langer Zeit trennte.

Hierzu wird ein Tisch mit dem Schabbat-Mahl gedeckt, den einstigen Tempel symbolisierend, worin Gott als Gast gebeten wird, sich eben dort, im Kreis der Familie niederzulassen. Der Schabbat-Tisch wird damit zum »Landefeld«, wo sich Gott vergegenwärtigt in dem darauf befindlichen siebenarmigen Leuchter (Menora), im Salz, im Brot, im Fleisch, im Wein und im Fisch. Der Fisch aber ist das Symbol des Schabbat.

Hymnen singend
Trete ich ein durch die Tore,
Zu den Feldern
Der Heiligen Äpfel.

Einen neuen Tisch
Decken wir für sie
Ein hübscher Kandelaber
Ergießt sein Licht über uns.

Zwischen rechts und links
Nähert sich die Braut,
Geschmückt mit heiligen Juwelen
Und festlichen Gewändern.

Ihr Ehemann umarmt
Ihr ganzes Dasein,
Ihr Freude spendend,
Seine Kraft zu ihr hinausdrängend.

Marter und Mühen
Sind beendet.
Jetzt sind die Gesichter,
Sinne und Seelen fröhlich.

Große Freude ist da
In zweifältigem Maße.
Licht scheint auf die Braut
Und Ströme des Segens.

Brautführer, geht hin
Und bereitet vor die Zierde der Braut,
Essen verschiedener Arten
Alle Arten von Fisch.

Um Seelen
Und neue Geisteswesen zu zeugen
Auf den zweiunddreißig Zweigen
Und drei Ästen.

Sie trägt siebzig Kronen
Und den überirdischen König
Damit alle gekrönt werden
Im Allerheiligsten.

Alle Welten sind in ihr eingraviert
Und in ihr verborgen,
Doch sie strahlen fort
Vom »Alten der Tage«.

Möge es Sein Wille sein
Unter Seinem Volke zu verweilen
Das sich Seinetwillen erfreut
Mit Süßigkeit und Honig.

Im Süden stelle ich auf
Den verborgenen Kandelaber,
Im Norden mache ich Platz
Für den Tisch der Brote.

Mit Weinbechern
Und Myrtenzweigen
Die Verlobten beschütze,
Die Schwachen stärke.

Wir flechten ihnen Zöpfe
Aus kostbaren Worten
Die Siebzig zu krönen
In fünfzig Toren.

Die Schekinah sei geschmückt
Mit sechs Sabbat-Laibern
An jeder Seite verbunden
Mit dem himmlischen Heiligtum.

Geschwächt und ausgestoßen
Die unreinen Mächte,
Die bedrohlichen Dämonen
Sind nun gefesselt.

Grundkonzepte der Lurianischen Kabbala

Den größten Teil dessen, was Isaak Luria seinen Schülern lehrte ist uns durch Chaim Vitals Arbeit erhalten geblieben. Er nämlich war es, der alles genau dokumentierte und niederschrieb, was Luria mit seinen Schülern besprach. Vital schrieb außerdem über Isaak Lurias besondere Charakterzüge, womit er der Lehre seines Meister auch eine authentische Note verlieh. Das Wichtigste dieser Notizen ist zusammengefasst in dem kabbalistischen Buch Etz Chaim – zu deutsch: »Baum des Lebens«. Doch auch zu Lebzeiten Vitals, blieben die Lehren Lurias Geheimwissen. Wer Kopien seiner Texte herstellte, dem drohte der Ausschluss aus der Gemeinde, was zu damaliger Zeit einen erheblichen, sozialen Einschnitt im Leben eines Juden bedeutete. So also blieb die Lurianische Kabbala lange Zeit eine verborgene Lehre, in Safed aufbewahrt und nur besprochen im engen Kreise seiner Schüler.

Die Entstehung der Seele im Angesicht des Göttlichen

Charakteristisch für Lurias System der Kabbala, sind die sogenannten »Partzufim«, die Gesichter der Schöpfung, die als Vermittler zwischen Gott und seiner Schöpfung fungieren.Sefer Yetzirah (hebr. ספר יצירה).Kabbala Lebensbaum nach Rodurago

Vor der Erschaffung der Welt, erfüllte das Ayn Soph einen unendlichen Raum des Nichts und war damit identisch, doch es barg in sich das Potential des Entstehens. Denn die Leere nimmt alles auf, was sich in sie begibt. So auch kam es laut Lurianischer Kabbala zu Gottes Entschluss zur Schöpfung. Auf einmal zog sich dieser unendliche Raum des Ayn Soph, in sich selbst zurück. Das heißt also, das in der ewigen Unendlichkeit dieser Leere, sich alles auf einen Punkt zusammenzog und darin konzentrierte, was eben dem Zustand entspricht, den die moderne Kosmologie »Urknall« nennt, wo sich in einem unendlich kleinen Punkt, die Masse des gesamten heute existierenden Universums konzentrierte und worin Raum und Zeit noch eins waren – doch im nächsten Augenblick das Nichtsein in ein Sein überführt wurde. Aus der Konzentration des universalen Seins, vor dem Schöpfungsakt, brach das hervor, was die Kabbala Ayn Soph Aur nennt: »Das unendliche Licht«. Um dieses Licht aber bildeten sich zehn kreisförmige Schalen oder Behältnisse, hebräisch Kelim, die die Kabbala Sefiroth nennt – die »Sphären der Schöpfung«. Durch sie entstand das Universum in seiner Einheit, aus der sich dieses unendliche Licht ausbreitete, doch sein Zentrum nie ganz verließ.

Vom Rande dieser kreisförmigen Schöpfung nun durchbrach ein Licht die einzelnen Schalen, und drang vor bis ins innerste Zentrum. Von den zehn Sphären jedoch, hielten dem Andruck dieses Lichtstroms nur die äußersten, die obersten Sefiroth (Sphären) stand, da sie sich am nächsten zum Ayn Soph befanden. Die inneren sechs Sefiroth konnten dem Lichtstrom nicht standhalten und zerplatzen. Darum war es wichtig sie aus dem Lichtstrom zu entfernen. Und das war der Moment, als die Partzufim entstanden – die »Gesichter der Schöpfung«.

So transformierten sich die zehn Sefiroth in die göttlichen Gesichter der Partzufim. Aus der Sefirah Kether (Sefirah ist der Singular von Sefiroth) formte sich Arik Anpin, das »Große Gesicht« aus dem wiederum die zweite Sefirah Chokmah hervorging, die Luria Abba nennt, den »Vater«, was das aktive Prinzip der Schöpfung repräsentiert. Hierzu formte sich das Gesicht der Imma, der »Mutter«, als entsprechend passives Prinzip der Schöpfung.

Das verbliebene Licht der »zerplatzten Hüllen« der unteren sechs Sefiroth, formte Zeir Anpin, den »göttlichen Sohn«. Zu ihm, und abschließend, steht Nukvah, die »Tochter« oder Schekinah, jenes »weibliche Prinzip«, das sich in der Natur unserer Welt, aus der zehnten Sefirah Malkuth manifestierte.

Es muss nun aber unterschieden werden zwischen dem Licht der Sefiroth und den Scherben, die aus den zerplatzen Kelim (Schalen) in die Finsternis stürzten und dort das bilden, was in der Kabbala als die Klipoth bezeichnet wird. Sie sind die Ursache für die Entstehung des Bösen. Als Konsequenz daraus entstand eine Welt deren Gesetze auf Lohn und Strafe beruhen. Hätte Gott jedoch die Partzufim zuvor geschaffen, wäre es nicht zum Bruch der Kelim (Gefäße) der Sefiroth gekommen, wo doch aus ihren Scherben das Böse hervorgeht, dass die in diesem Schöpfungskontext entstandenen Seelen, seit Anbeginn ihrer Existenz, überwinden sollten.

Aus diesen fünf Göttlichen Gesichtern nun (also Arik Anpin, Abba, Imma, Zeir Anpin und Nukvah) gestaltete sich eine Metaphysik der Seele zu dem, was sich etwa als Lurianisches System der Psyche bezeichnen lässt. Gemäß dieser fünf metaphysischen Strukturen, gingen dabei die fünf Teile der Seele hervor: Jechida, Chaja, Neschama, Ruach und Nefesch (das »ch« in diesen hebräischen Begriffen wird ausgesprochen wie das »ch« im Wort »Nacht«, während das »j« wie beim deutschen Wort »Jahr« ausgesprochen wird). Die erste Seele gilt als die spirituell höchste, die letzte in dieser Reihe als die spirituell niedrigste, wobei die Verantwortung der menschlichen Seele als solche, ein Bindeglied bildet zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, worin sich Göttliches und Weltliches konzentrieren.

Aus diesem spirituellen Seelenleib, ging als geistiger Mensch hervor Adam Kadmon – Urbild des Menschen, aus dem der irdische Adam hervorging. Mit seiner Versündigung am Baum der Erkenntnis aber, fiel der irdische Adam in die materielle Welt, worauf er sich mit dem menschlichen Körper unserer Spezies bekleidete. Doch sich aus den geistigen Gefilden des Zeir Anpin lösend, riss er mit sich jene Splitter der sechs unteren Sefiroth (siehe oben), die seit jeher auch in jedem Menschen veranlagt sind, doch gleichzeitig von jedem Individuum überwunden werden können und sollen, und zwar durch seine Hinwendung zum höchsten und reinsten Teil seiner Seele, die dem reinen Urlicht der Schöpfung am nähsten ist – jenem Licht das aus Arik Anpin hervorstrahlt.

Adam Kadmon Baum - ewigeweisheit.de

Die zehn göttlichen Attribute der Sefiroth bilden den Urtypus Mensch: Adam Kadmon. Illustration von Isaak Meyer in einem Buch von Christian Ginsburg: »The Kabbalah - its Doctrines, Development and Literature«, aus dem Jahre 1888.

Rückkehr der Seele

Zu dieser Lehre der Seelenwanderung, fügte Isaak Luria den Begriff des Ibbur hinzu – der »Schwängerung der Seele«. Was ist damit gemeint?

Verstarb ein guter Mensch, kann es manchmal vorkommen, das seine Seele zeitweilig die Seele eines auf Erden verkörperten, lebenden Menschen durchdringt und dabei sozusagen mit positiven, geistigen Impulsen »schwängert«. Im Gegensatz dazu steht der Dibbuk, der Seele eines Toten, die sich aufgrund ihrer Verfehlungen nicht von der irdischen Existenz trennen konnte und darum seither verzweifelt nach einem lebenden Körper sucht, um diesen zu besetzen und für seine widergeistigen Zwecke zu missbrauchen.

Ziel des Ibbur allerdings ist, seine religiösen Verpflichtungen auf Erden nachzuholen, wobei sich die Seele des Verstobenen mit der eines Lebenden verbindet, um Gutes zu vollbringen. Jene wiederkehrende Seele erscheint auf Erden erneut, um einer schwachen Seele bei ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Bei alle dem aber geschieht dies nur für Seelen homogenen Charakters. Laut Isaak Luria trägt ein Mensch auf seiner Stirn ein Zeichen, was dem Kenner erlaubt daran die Seelennatur ihres Trägers abzulesen (ausführlicher beschrieben im Buch Sohar, Stichwort »Stirnfalten«).

Die rituelle Praxis

Für Luria besaß jedes der Zehn Gebote auch eine mystische Dimension. Und vor diesem Hintergrund galt ihm der Schabbat als der Tag, an dem sich die Gottheit im alltäglichen Leben, in Gegenwart der Menschen manifestiert. Jede rituelle Handlung, die am Schabbat vollzogen wird, soll im Umkehrschluss darum auch auf die obere Welt zurückwirken. Voraussetzung dafür aber ist, dass man die Silben der heiligen Namen im Gebet, in Meditation und vollkommener Ergebenheit rezitiere.

Isaak Luria versuchte damit das mystische Judentum stellvertretend für das rabbinische Judentum einzutauschen. Gut möglich, dass nach seinem Tod darum die oben zitierten Hymnen zum Schabbat so weite Verbreitung fanden, eben auch unter Gläubigen, die sich weniger der Kabbala zugewandt haben. Sein spirituelles Erbe sollte dereinst aber den Weg ebnen für die Lehren des asketischen Sabbatianismus.

Wenn man sich auf die Spuren der Geschichte der Lurianischen Kabbala begibt, findet man an ihr aber doch auch recht dramatische Züge. Allerdings waren es weniger seine Schüler, die zu so etwas beigetragen hatten. Was Chaim Vital an Lurias Lehren systematisierte, behandelte er, wie gesagt als strenge Geheimlehre. Allein seinen Mitschülern gab er die theosophische Lehre ihres Meister Isaak Luria weiter, und verlieh ihr dabei sogar einen recht akademischen Beiklang. Lurias Kabbala wurde also nur im Kreise seiner Schüler in Safed weiter gelehrt und kommentiert. Bis zu Vitals Tode im Jahr 1620 in Damaskus, wurde nicht ein einziges seiner Bücher über Lurias Kabbala vervielfältigt. Gut möglich jedoch, dass manche seiner Texte im Geheimen kopiert wurden und sich so auch über die Grenzen seiner Schülerschaft aus Safed hinausbewegten – sicher aber auch, weil er Schüler unterrichtete, die eben nicht zum direkten Kreise Lurias gehört hatten.

Die Lurianische Kabbala fand also, wenn man so will, erst durch andere Kabbalisten zu ihrer Verbreitung. Doch über sie gelangten die darin besprochenen Lehren Ende des 18. Jahrhunderts auch nach Europa – im sogenannten »Zeitalter der Aufklärung«, während der großen Reformbewegungen in der Geschichte des Westens. Alles was damals jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangt war, das ist auch heute noch im Verborgenen.

 

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Ein Lebemeister und Lehrmeister der Spiritualität: Meister Eckhart

von Johan von Kirschner

Meister Eckhart - ewigeweisheit.de

Man nannte ihn das Genie der deutschen Mystik: Meister Eckhart von Hochheim. Er erfüllte tatsächlich seine Rolle im Leben, der er in seinen berühmten Reden der Unterweisung auch entspricht. Wer zum ersten Mal mit ihm in Berührung kommt, wird schnell Feuer fangen. Kein Wunder, stillte er doch die Bedürfnisse seiner Zeitgenossen, die sich nach Lebensweisheit und Erkenntnis sehnten.

Zu Meister Eckharts Lebzeiten, befand sich Deutschland in einer Zeit des Umbruchs. Die Kirche bedrohten sektiererische Bestrebungen. Vielerorts riefen die Menschen nach Reformen. Eckharts Zeitgenossen waren den reinen Dogmen- und Moralpredigten der Kirche, längst überdrüssig. Das alte Glaubenssystem der Kirche galt im Spätmittelalter als überholt. Eher wünschte man sich eine vielmehr unmittelbare religiöse Erfahrung des Gotteswortes – etwas, dass sich auch im alltäglichen Umgang mit sich selbst, den Anderen und der Welt, direkt und trefflich anwenden ließe.

In dieser Zeit erfuhr auch die deutsche Mystik eine neue Blüte. Breite Schichten des Volkes sehnten sich nach göttlichem Heil, nach einem »Innewerden Gottes in der eigenen Brust«, im Erlebnis der Unio Mystica – der spirituellen Einswerdung, wo sich, in einer »Mystischen Hochzeit«, die menschliche Seele gleichsam mit Gott vermähle.

Besonders Frauen der höheren Gesellschaftsschicht, besaßen eine regelrechte Sucht nach religiös-mystischer Unterweisung und spiritueller Vision. Ihr fast unstillbarer Bildungshunger, ließ dominikanische Frauenklöster darum wie Pilze aus dem Boden schießen.

Die bezaubernde Mystik eines beinahe Unbekannten

Wenn Meister Eckhart dieses Begehren der Menschen, aber so gekonnt zu stillen vermochte, wer dann war dieser sagenhafte Mann?

Dazu existieren heute nur wenig äußere Daten, noch sind Bilder von ihm bekannt (das im Internet am weitesten verbreitete Bild, das angeblich Meister Eckhart in schwarzer Robe, Mütze und weißer Lilie haltend darstellt, ist in Wirklichkeit ein Gemälde von Giovanni Bellini, auf dem man Teodoro von Urbino sieht). Sein Leben lässt sich darum nur mit dürftigen Strichen zeichnen. Wenn man über sein äußeres Leben erfahren will, ist man darum auf nur spärliche Notizen angewiesen.

Eckhart kam um 1260 in der Nähe von Gotha in Thüringen, als Sohn des Rittergeschlechts von Hochheim zur Welt. Schon früh trat er dem Erfurter dominikanischen Predigerorden bei. Bald schon erkannten die Mitglieder seine außergewöhnliche Begabung zur Rede. Und so entsandte man ihn um 1300 schließlich an die Universität Paris – in jene Stadt, die einst die geistige Metropole des damaligen Abendlandes war.

Schon 1303 kehrte Eckhart mit einem Magister-Titel nach Erfurt zurück, wo man ihn nun zum »Meister« wählte – einem Titel, mit dem man ihn seither ansprach. In den Folgejahren wurde Meister Eckhart mit hohen Ämtern betraut, die in den kommenden beiden Jahrzehnten seine Verantwortlichkeiten über die Geografie Böhmens, bis in den Elsaß hin ausdehnten.

Mit den Schriften, die Meister Eckhart hinterlassen hat, gelingt es ihm, ganz deutlich das Verhältnis von Denken, Sein und Leben zu bestimmen. Fragen nach dem, was nun Wirklichkeit sei, beantwortete Eckhart damit, dass das Sein keine besondere Weise benötige, um zu existieren. Das galt für ihn auch für das Leben im Allgemeinen. Es mag manchen sicherlich wie eine Unterstellung oder gar als Widerspruch erscheinen, doch ich fragte mich, ob wohl auch die französischen Existenzialisten Eckharts Schriften lasen? Selbst wenn sich ihre Vertreter als Atheisten bezeichneten, klingt in bei ihnen eine ähnliche Selbstverständlichkeit an, die schon Jahrhunderte zuvor, Meister Eckhart für das Leben eines Menschen voraussetzte.

Auch wenn er heute zu den wohl am meisten zitierten »christlichen Mystikern« zählt, lässt sich nicht vermeiden, den Begriff »Mystik« an sich, sogar von Meister Eckhart her abzuleiten - war er doch nicht etwa irgendein Mystiker gewesen, sondern selbst das (deutsche) Original.

Zentraler Sinn seines Werkes, war die Wahrheit des Evangeliums hervorzutreiben und in diesem Sinne, seinen Mitmenschen praktisch fruchtbar zu machen. Das bedeutet, dass Eckhart die christliche Mystik aus den Formen der Aristokratie herausführte, die ja noch etwa bei Bernhard von Clairvaux (1090–1153) so hoch gepriesen wurde. Eckhart hingegen richtete seine Predigten und Traktate an jedermann, bot jedem an der dazu bereit war, geglaubte Wahrheit in sich Wirklichkeit werden zu lassen.

Ein Freigeist

Es schien das, fast schon eine Grunderwartung der Menschen in Deutschland gewesen zu sein, denn nicht zufällig rumorte es im dortigen Christentum gewaltig. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts, wimmelte es in Deutschland von »ketzerischen« Bewegungen und Sekten. Was als Religion empfunden wurde, war nicht mehr allein das, was die Prediger von den Kirchenkanzeln riefen. Religion wurde als etwas erkannt, das vielmehr in jedem Menschen als Christentum lebendig ist. In dieser Zeit entstanden etwa die Lehren von einem inneren Himmel, der im ewigen Leben in der Zeit, aus einem reinen, wesenseigenen Gott heraus existiert.

In diesem Zusammenhang stand auch das Werk Meister Eckharts. Man könnte sogar sagen, dass er in dieser Zeit zum geistigen Brennpunkt wurde, wo alle Strahlen diesen neuen, mystischen, doch von der Kirche als häretisch eingestuften, christlichen Strömungen, in seinem Wirken zusammenliefen.

Es war auch die Zeit, wo in mehreren europäischen Ländern die Glaubensgruppe der »Brüder und Schwestern vom freien Geiste« eine pantheistische Theologie verbreitete. Grundlage ihrer theologischen Ideale war, dass der Mensch eben nicht von Gott isoliert im Exil auf Erden lebte, sondern man wusste, dass Gott in allen Dingen der Welt entdeckt werden kann, und damit Gott und Kosmos auch identisch sind.

Diese Glaubensgruppe bezog ihren Namen aus dem Bibelwort:

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit

- 2. Korinther 3:17

Allerdings kann man bei den Brüdern und Schwestern vom freien Geiste, nicht von einer einheitlich organisierten Sekte ausgehen. Eher war es ein lockerer Verband rechtgläubiger Menschen, die vielmehr versuchte, die Individualisierung der Beziehung von Mensch zu Gott in ihren Lehren zu intensivieren.

Welche Rolle aber spielte dann noch die katholische Kirche? Diese Fragen dürften sich im 14. Jahrhundert wohl etliche deutsche Geistliche gestellt haben. Darum scheint es wohl kein Zufall gewesen zu sein, dass sich solche Gruppierungen wie die Brüder und Schwestern vom freien Geiste, der Verfolgung ausgesetzt sahen. Schon ab dem 15. Jahrhundert war duese spirituelle Bewegung bom Erdboden verschwunden.

Im Fadenkreuz der Inquisition

Die Katholische Kirche verdächtigte natürlich auch Meister Eckhart wegen »häretischer Überzeugungen«. Doch er selbst bestritt immer jede Nähe zu unkirchlichen Häresien. Das man ihn verdächtigte war wohl insbesondere dem Umstand geschuldet, dass seine Lehren immer tiefer ins gläubige Volk drangen. Erst beobachtete man ihn aus dem Verborgenen, bis sich die Kirchenoberhäupter in ihrer Feindseligkeit öffentlich gegen ihn wandten.

Er wusste allerdings ganz genau, dass er keinem Forum als nur der Pariser Universität und dem Papst zur Rechenschaft verpflichtet war. Trotzdem erklärte sich Meister Eckhart dazu bereit, Rede und Antwort zu stehen. Er wusste ganz genau, und sprach das auch an, dass man ihn wohl kaum zu seiner Verteidigung einberufen hätte, wenn sein Ruf beim Volk nicht so gut gewesen wäre. Es war ihm natürlich klar, dass er damit ganz kühn ansprach, was der katholische Klerus stets berechnend vermied. Fast schon wahnwitzig, doch eben darum, wenn offiziell auch aus fadenscheinig anderen Gründen, verdüsterte ihm die Heilige Inquisition seinen Lebensabend.

Der Erzbischof von Köln, Heinrich von Virneburg, der auch der Verfolgung der Brüder und Schwestern vom freien Geiste mit energischer Hingabe nachging, eröffnete gegen Meister Eckhart im Jahre 1326 ein Inquisitionsverfahren. Der Grund der Anklage lautete: »Verbreitung glaubensgefährlicher Lehren in deutschsprachigen Predigten vor dem Volke«.

Ehe also Eckharts Saaten aufgehen konnten und im Volk Früchte tragen, wurden sie von der Kirche auf diese Weise niedergetreten. Solch übles Bestreben, scheint bis heute in unserem Geistesleben nachzuwirken. Denn was den Menschen eine direkte, innere Gotterfahrung näherbringt und sie mit wahrer Lebensweisheit sättigen würde, scheint in der verweltlichten Form des Christentums immer tiefer zu versickern. Dumm nur, wenn verweltlichter Glaube oder sogar Atheismus, das Christentum gleichsetzen, mit diesen alten Verfehlungen der Inquisition.

Doch vielleicht gerade deshalb, geht ein Suchen durch unsere Zeit, wo immer mehr Menschen das reine Vernunftdenken einfach nicht mehr reicht. Man versucht sich wieder an tiefere Quellen anzuschließen - etwas, dass die katholische Kirche anscheinend schon lange nicht mehr bedienen kann, da sie nach wie vor ihre Rolle, nur als moralische Anstalt erfüllt. Von der Vermittlertätigkeit eines wahren, mystischen Gotterfahrens, scheint sie sich damit aber immer weiter zu entfernen.

Von der Betrachtung der Wirklichkeit

Fast siebenhundert Jahre nach Eckharts Tod, bleibt sein Werk noch immer eine Quelle wahrer Weisheit. Was sich verändert hat natürlich, ist das äußere Weltbild. Denn die Menschen seinerzeit sahen sich noch im Mittelpunkt der Welt, wo himmlische Körper in ätherischen Schalen, eine Erde im Zentrum umkreisten, umgeben von einem herrlichen, ewig reinen Feuerhimmel.

Letztendlich aber spielen die Unterschiede der Vorstellungsweisen vom kosmischen Weltbild, für den Einzelnen eine wohl eher nebensächliche Rolle, insbesondere dann, wenn es um Lebensfragen geht. Engel und Teufel und all die himmlischen Heerscharen sind eben »nur« symbolische Größen und Mittel der Veranschaulichung. Was nicht bedeutet, dass sie nicht auch tatsächlich existieren.

Wie sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen neuerer Zeit entnehmen lässt, dehnen sich die Größenordnungen des Kosmos weit über die menschliche Auffassungsgabe aus. Vielleicht war das den Alten bereits bewusst, wenn sie etwa sagten:

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

- Exodus 20:4

Da Eckharts Gedanken im Grunde aber ganz auf die Ewigkeit ausgerichtet waren, galt ihm alles Gleichnishafte als vergänglich. Alle Wirklichkeit der Natur und Geschichte befand sich für Meister Eckhart in der höheren Wirklichkeit der Seele aufgelöst. Es war ein ausgesprochen mächtiges Lebensgefühl, dass sich jenseits aller Dinglichkeit bewegt. Nur in Demut darum, bewährte sich für ihn die Göttlichkeit, da erst durch sie sich zeigt, dass sich im Endlichen das Ewige und im Sterblichen das Unbegrenzte regt.

Philosoph der Christus-Religion

Sein religiöses Erleben versuchte Eckhart auszugleichen mit weltlichen Erfahrungen. Er brachte sie in seinen Schriften so zusammen, dass sie dem Leser eine einheitliche Schau widerspiegelten: im Himmlischen und Weltlichen, nicht getrennt voneinander existierend, sollte sie der Einzelne in sich selbst finden und darin auch erkennen können. Er war eben nicht allein nur ein Mann der Religion sondern auch ein Philosoph des Christentums. Weniger sollte man ihn aber als Seher wahrnehmen, als vielmehr einen Meister der Begriffsformung. Sein intellektuelles Werkzeug war das der klassischen Scholastiker, wo platonisch-aristotelische Begriffe zu einer Einheit verschmolzen und woraus die christliche Dogmatik entstand.

Es wäre jedoch zu einfach, Meister Eckharts Werk auf dieser Stufe zu belassen. Im Unterschied zu seinen spirituellen Vorgängern nämlich, verwendete er auch die monistische Seinslehre des Arabers Avicenna (Ibn Sina) und die Emanationslehre des Plotinus. Darin geht die Welt hervor, aus einem stufenweisen Fall des höchsten seienden Einen. Dabei ist es gar nicht notwendig, besonders viele neue Begriffe und philosophische Vorstellungen zu erfinden oder einzuführen. Eher kommt es auf die Fähigkeit an, diese so zu vereinfachen, dass sie einem tatsächlich im Leben helfen – was Meister Eckhart in seinem Werk allemal gelang.

Je älter die Grundkonzepte sind, derer sich ein Philosoph in seinen Ableitungen bedient, um so besser. Denn selbst jene Wirklichkeitsempfindungen, die sich auf die Gegenwart beziehen, können durchaus durch Hilfe älterer Begriffe so beschrieben werden, dass sie die Sichtweise auf das Beschriebene sogar noch konzentrieren und auf diese Weise verfeinern. Alles was Meister Eckhart in seinem Werk vollbrachte, war, einer transzendenten Geisteswelt einen neuen Mittelpunkt zu verleihen – und damit einen neuen Sinn.

Wege in den einigen Urgrund

Willst Du den Kern haben, so musst du die Schale zerbrechen.

In diesem simplen, doch aussagekräftigen Zitat, bezieht sich Meister Eckhart auf das Denken. Für ihn war es wie eine Schale, die sich zwischen uns und unsere eigentliche Wirklichkeit drängt. Die Begriffe in unserem Denken verwenden wir als »zugerichtete« Wörter, den eigentlichen Sinn der dahinter liegenden Wahrheit aber, umschließen sie wie ein Gefäß. Das begriffliche Denken ist etwas, wie der Name des Wortes schon sagt: wir begreifen, erfassen etwas, wie ein Gefäß das wir berühren, anfassen, etwas nach dem wir greifen.

Auf das Gefäß aber kommt es nicht an. Einzig der Inhalt zählt und auf ihn muss jeder in seinem Leben eigene Antworten finden. Erst damit kann er die Grundlagen schaffen, um seine Persönlichkeit zu dem zu formen, was seiner Lebensaufgabe entspricht.

Das genau war auch Meister Eckharts Ziel. Er versuchte in seinen Predigten »Religion« zu lehren und zwar ihrem wortwörtlichen Sinne entsprechend: als Rückverbindung unseres so weitläufigen Weltbewusstseins, an den ewigen Urgrund der Einigkeit allen Seins. Dieser »Ewigkeitsgrund« aber darf nirgends sonst gesucht werden, als im Kern unseres eigenen Wesens. Für Meister Eckhart bildet er die schöpferische Einheit, aus der die ganze Individualität des sinnlichen und geistigen Daseins stammt.

Wenn Religion also meint, zu jenem Urgrund zurückzuführen, begibt man sich als religiöser Mensch (andere nennen das heute vielleicht »spirituell«), auf die Suche nach einem Weg dorthin. Es ist ein Weg aus der Zerstreutheit all der vielen Willens(ab)gründe, zurück in die eigentliche Wesenseinheit des Lebens. Nur in ihr kann man zu wahrem Menschsein erwachen.

Für Eckhart sieht sich der Mensch im Ich getrennt von anderen Seelendingen oder von anderen »Ichen«. Wer sich diesem Drang aber dereinst zu entziehen vermag, der wird auch zur Stille seines ungeteilten Wesens zurückfinden – etwas, worin echter Segen liegt. Erst aber wenn alles Wünschen und Sehnen, alles Wissen- und Sehenwollen verschwunden sind, wird dieser einige Urgrund als wahrer Kern unseres Wesens erlebt.

Was dieser einige Urgrund ist, lässt sich letztendlich nicht beschreiben, ist die Beschreibung einer Sache doch immer weniger, als das Beschriebene selbst. Was dieser Urgrund aber sein könnte, das ließe sich höchstens herleiten aus dem, was er nicht ist. Denn als Einheit, kann er nicht das sein, was unsere Seelen als die Welt des Daseins empfinden. Sie nämlich ist die Vielfalt und Mannigfaltigkeit, aller gezeitigten Dinge, die voneinander unterschieden und daher immer getrennt existieren. Wenn jener einige Urgrund aber all das nicht ist, so ist er wohl ein grenzenloses, unbeschränktes, zeitloses und darum ewiges Sein. Was aber räumlich und zeitlich begrenzt ist, ist letztendlich auch dem Leid unterworfen. Das unbegrenzt Ewige aber kann darum nur als vollkommene Seligkeit erfahren werden.

Sobald wir uns durch solche Beschreibungen ein Bild von dem machen, was wir hier als den einigen Urgrund allen Seins bezeichnen: haben wir uns da nicht bereits aus ihm herausbewegt? Doch auch das würde seinen Zweck erfüllen. Schließlich ereignet sich mit diesem Ausgang, ja die Befreiung einer Daseinsform. Und so etwas ließe sich durchaus auch als Wiedergeburt deuten.

Der einige Urgrund, von dem oben die Rede war, kann hierdurch als Quell unseres Daseins erfahren werden, im Wunsch ihn zu erkennen können wir uns ihm nähern, indem wir auf unser Lebensziel zuschreiten. Sobald wir dann diesen Urgrund in uns, als unsere letztendliche Wirklichkeit finden, haben wir das Sein seiner Wirklichkeit, als Grund der Welt gefunden und erfahren. Sein ist Eins.

Zwischen Wagemut und Genialität

So wie der Leser das vielleicht als recht wagemutige Behauptungen empfinden könnte, so muss es auch schon den Zuhörern Meister Eckharts Predigten ergangen sein. Der deutsche Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues (1401-1464) hielt Eckhart darum »nicht für jedes Gemüt zuträglich«. Der Meister aber war sich immer der Kühnheit seiner Worte bewusst. Niemand brauchte ihm sagen, dass er in den Köpfen des gemeinen Volkes allenfalls Verwirrung stiftete. Und jene Wahrheiten über die Meister Eckhart schrieb und predigte, schienen höchstens einige kongenialen Geister erfassen zu können.

Könntet ihr mit meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit spricht es selbst. […]

Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, so lange wird er diese Rede nicht verstehen. Denn es ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar.

- Aus Predigt 2, Predigt 32

Diese Wahrheit brach schon fast aus seinem Inneren hervor. Nicht aber war sie vielfältig, wie man meinen könnte. Wer das riesige Schriftwerk Meister Eckharts kennt, weiß, das er immer wieder aus einem zentralen Kerngedanken, alle übrigen Sinnzusammenhänge entwickelte, die als Worte, wie aus seiner Seele geboren wurden. Wer diesen Grundgedanken in Meister Eckharts Lehre nicht erkannte, fand sich wohl leicht verstrickt, in einem schier unentwirrbaren Durcheinander von Unklarheiten. In Wirklichkeit aber sah Eckhart, durch seinen tiefen Blick in die Geheimnisse des Göttlichen, alle Vielfalt im all-einigen, unendlichen Sein aufgehoben und zur Einheit zusammengefasst.

Im Wesenskern der menschlichen Seele und dem göttlichen Seinsgrund, erkannte er eine Gleichartigkeit, worin Gott und Mensch einander verbunden sind – wenn auch auf unbeschreibliche, unerfassbare Weise. In jenem Kern fließen Menschsein und Gottsein zusammen. Und so wie sich vom wesentlichen Urgrund, dem Wesenskern allen Seins, eine Ausbreitung der Existenzen ergibt, so wiederum ergibt sich aus ihnen eine einzigartige Mannigfaltigkeit unzähliger Daseinskerne. Sie gleichen Saatkorn und Frucht zugleich, sind Urbilder der werdenden und der entstandenen Dinge. Diese Dinge aber existieren nicht etwa voneinander abgetrennt, sondern bilden gemeinsam ein System. Auch darin bestätigt sich das einige Sein, seine Einheitsnatur.

Die Vielheit aller Wesen sammelt sich somit als Einheit im Universum der geschaffenen Welt, in der sich all die unzähligen Urbilder in der Einheit einer ewigen Welt wiederfinden.

Sein als reines Erkennen

Nicht davon bin ich selig, dass Gott gut ist. Ich will auch niemals danach begehren, dass Gott mich selig mache mit seiner Gutheit, denn das vermöchte er gar nicht zu tun. Davon allein bin ich selig, dass Gott vernünftig ist und ich dies erkenne. Ein Meister sagt: Gottes Vernunft ist es, woran des Engels Sein gänzlich hängt. […] Des Engels Sein hängt daran, dass ihm die göttliche Vernunft gegenwärtig ist, worin er sich erkennt. […] Wenn wir Gott im Sein nehmen, so nehmen wir ihn in seinem Vorhof (des Tempels), denn das Sein ist sein Vorhof, in dem er wohnt. Wo ist er denn aber in seinem Tempel, in dem er als heilig erglänzt?

- Aus Predigt 10

Meister Eckhart bestimmte hieraus zugleich die Zuordnung des Wesen Gottes und des Menschen. Das Sein in Gott, ist reines Erkennen. Und so ruft dieser eine Gott durch sein Erkennen die Dinge ins Sein. Logischer Schluss wäre damit ja, dass je nach Erkenntnisvermögen, etwas oder jemand, entsprechend viel von Gott, vom Einen und vom Einssein mit Gott besitzen würde.

Im absoluten Erkennen ist damit die Einheit Gottes erfasst, aus dem das Sein ausströmt. Was dieses Erkennen erkennt, ist sein eigenes Sein, was es in seinem Spiegelbild erschaut. Darin erkennt das absolute göttliche »Vernunft-Sein« die Urbilder der Schöpfung – das, was der griechische Philosoph Platon die »Ideen« nannte.

Doch bei alle dem, war für Meister Eckhart Gott nicht ein jenseitiges Ideal einer alles bewegenden, tragenden und schöpfenden Weltsubstanz. Vielmehr waren alle Dinge für ihn Gott, aus denen er sich aber auch wieder, bis zum ausdehnungslosen Punkte, jederzeit zurück- und zusammenziehen kann, so dass Gott eben nicht mehr das ist, als was er darin gegenwärtig war. Damit verwendete Eckhart den Gottesbegriff stellvertretend für das eine und reine Sein, worin sich ein ewiger Vorgang von Werden und Entwerden vollzieht. »Gott« ist damit nicht mehr, als ein Name, der allein der religiös-philosophischen Anschauung seines Seins dient.

Dieser eine, ewige Weltprozess aber, bleibt immer nur die eine Seite des »Einen Seins«. Es gibt damit notwendiger Weise auch eine andere Seite. Das ist die ewige Stille, die Eckhart die »Gottheit« nannte – ein in sich ruhendes, kosmisches Potential, aus dem Gott wirkend hervortritt und in dessen Stille »Er« sich auch wieder zurückzieht. Aus der »gottgebärenden Gottheit« geht »Gott« also hervor und fließt auch wieder in sie ein.

So wie aus Gott die Dinge entstehen und aus ihrem Sein wieder in ihn zurückkehren, so wird auch Gott selbst und vergeht wieder, durchläuft eine Entwicklung und hat damit seine Geschichte. Die »Gottheit« hingegen, verharrt in ungetrübter Stille. Darin ist alles eins und daraus werden alle Entwicklungsbewegungen stetig neu hervorgebracht. Der Name »Gottheit« steht damit also für die schöpferische Einheit die den (be)wirkenden, schöpferischen Gott gebiert und in die er sich wieder zurückzieht.

Das Leben, das darum lebt, dass es lebt

Solche feinen Unterschiede, im sprachlichen Kontext zu schaffen, gelang Meister Eckhart anscheinend zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen. Nicht ohne Grund nennt man ihn daher den Begründer der deutschen Prosa. Es war wohl die Klarheit und Einfachheit seiner Sprache, die ihm ermöglichte, solche doch ganz einleuchtenden Schemata zu finden, woraus sich das Göttliche erklären ließ.

Eckharts Theologie war immer experimentell und auch spekulativ. Seine Weisheitslehren aber sind aktuell geblieben und auch heute noch für seine Leser erlebbar. Wer sich daher um eine weltoffene christliche Spiritualität bemüht, ist bei Meister Eckhart an der richtigen Adresse. Er wird ihn begeistern und wird ihn verwirren – doch weder langweilt, noch enttäuscht er den Leser. Der deutsche Mystiker Johannes Tauler (1300-1361) schrieb über ihn:

Er sprach nach der Ewigkeit und ihr nehmt es nach der Zeit

Diese »Zeitigung des Ewigen« erlebt jeder Mensch, immer wieder in seinem Leben. Zuerst zeigt er, sich selbst gegenüber, Bereitschaft, sich von Gewesenem zu lösen. Das setzt aber eine temporäre Abgeschiedenheit voraus, die aber keinen Zwang darstellen darf, sondern einen freiwilligen Rückzug, voll Gelassenheit und Annehmen des Seins, wie es eben gerade ist.

Nicht zu vermeiden ist der Schmerz, denn jeden Wachstumsprozess begleiten bekanntlich individuelle Leiden. Und zwar so lange, bis von allem Unbrauchbaren abgelassen wurde, alte Verkrustungen abgeworfen und aus den Schalen alter Ängste entledigt, ein Mensch das Wesentliche im eigenen Leben erhält. Erst dann kann er in ein neues Leben »geboren werden«, durch eine Transformation, wo er vom Dunkel zurück ins Licht schreitet. Dann erlangt er eine Fruchtbarkeit, aus der Neues hervorgeht und sich die Wirkungen des Handelns auf erwünschte Art und auch zum Wohle anderer manifestieren: Voraussetzung für jeden Erfolg im Leben.

Niemals aber behauptete Meister Eckhart, seine Schriften und predigten könnten jedem Sucher tatsächlich den Weg zu Gott weisen – weniger noch wolle er das!

Es gibt keine Anleitung zur Erkenntnis, zur Erleuchtung und weniger noch zum Gottfinden. Vielmehr lag ihm daran, den Zuhörern und Lesern seiner Predigten und Traktate, zum Durchbruch zu verhelfen, das heißt, jemandem, der einen langen Weg der Selbstfindung hinter sich hat, zur Entscheidung zu verhelfen. Es lag ihm aber daran, die Menschen aus dem Starrsinn ihres Alltagsbewusstseins hinauszustoßen.

Meister Eckhart wollte das Wesentliche im Menschen in eine Welt des freien Geistes entbinden, auf das jemand zu einem tätig-nützlichen Diener der Gemeinschaft werde.

Das alles war, in unbeirrbarer, leidenschaftlicher Entschlossenheit, Meister Eckharts beständiges Bemühen.

 


 

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Eine Chimäre in der Geschichte der Mystik: Bernhard von Clairvaux

von Johan von Kirschner

Bernhard von Clairvaux - ewigeweisheit.de

Um sich ein Bild zu machen, von dem französischen Mystiker und Heiligen Bernhard von Clairvaux, muss man ihn im geschichtlichen Kontext des 12. Jahrhunderts sehen. Europa befand sich damals in einer Phase gewaltiger Umbrüche. Wer in jenen Tagen an der Spitze der theologischen Geistesschulen stand, dessen Denken reflektierte unweigerlich die Verstimmtheit seiner Zeit.

Bernhard von Clairvaux setzte als Mönch und Prediger wichtige Zeichen, die auf die Geschicke der abendländischen Kultur direkten Einfluss ausübten. Viele schicksalhafte Fügungen, über die wir aus den Chroniken dieser Zeit erfahren, schienen auf sonderbare Weise mit Bernhard und den ihm nahestehenden Personen verquickt gewesen zu sein.

Es war die Zeit, als Nachrichten nach Europa kamen, über die Blüte einer fremden Hochkultur im Morgenland. Mathematik, Philosophie, Physik, Metaphysik, Medizin, Architektur und die schönen Künste, erlebten dort gerade ihr Goldenes Zeitalter und waren dem abendländischen Geistesleben in vielen Dingen überlegen. In Europa aber schien man davon nur zu ahnen – vielleicht aber auch nichts wissen zu wollen, denn die christlichen Heiligtümer von einst, bewachten jetzt die Fürsten jener unbekannten Religion, wo man angeblich einen Götzen Namens Mahomet anbetete. Das gemeine Volk wusste nicht, dass das kein falscher Gott, sondern der Prophet einer noch jungen Religion war, des Islam – in dem Juden und Christen das »Volk des Buches« genannt werden und die, wie auch Muslime, die spirituellen Nachkommen des Propheten Abraham sind. Sehr wahrscheinlich jedoch wusste Bernhard von Clairvaux sehr wohl wie es um diese Religion stand.

Zwischen Geistlichem und Weltlichem

Bernhard war ein frommer Mönch mit außergewöhnlichen spirituellen Fähigkeiten. Immer aber beschäftigten ihn auch weltliche Belange. Unzählige Widersprüche zankten offenbar im Verborgenen seiner Persönlichkeit. Als eigentlicher Verkünder des Friedens, führte er nicht nur die Christen seiner Zeit näher an ihren Glauben, sondern außerdem tausende Ritter, die wenn nötig, auch im Namen ihres Herrn sterben würden.

Bernhard wurde 1090 als Sohn burgundischer Adeliger geboren. Als er mit 22 Jahren seiner Familie erklärte Mönch zu werden, erstarrte sie in Fassungslosigkeit. Doch es kam noch besser, denn mit ihm zogen vier seiner Brüder ins nahegelegene Zisterzienserkloster Cîteaux ein. Auch viele seiner Freunde folgten ihm 1112 dorthin nach und wurden ebenfalls Mönche. Bernhard verstand es seine Mitmenschen ihrem wahren Wesen nach zu erkennen, sie so zu sehen wie sie wirklich sind, mit all ihren Anfälligkeiten und Versuchungen. Das schienen seine Zeitgenossen an ihm zu lieben und sich darum auch für seine spirituellen Ideen zu begeistern.

1115 entsandte der Abt des Klosters Cîteaux, Stephen Harding (1060-1134), Bernhard im Gefolge 12 anderer Mönche, nach Vallée d'Absinthe. Dort sollte er ein neues Kloster gründen, dem Bernhard den Namen Claire Vallée gab, woraus schließlich »Clairvaux« wurde.

Als Abt dieses neu gegründeten Klosters, verfasste Bernhard dort seine inspirierenden Schriften. Man könnte sagen, dass die Geschichte der Christlichen Mystik mit diesem Abt von Clairvaux begann. Seine persönliche Anziehungskraft, wegen der ihm schon seine Geschwister und Freunde gefolgt waren, sollte noch über größere Kreise hinweg wirken. Denn um den begnadeten Prediger von Clairvaux zu hören, besuchten Menschen aus ganz Europa sein Kloster. Wegen seiner bemerkenswerten Kenntnis der Heiligen Schrift, die er so wundervoll zu predigen vermochte, nennt man ihn auch den Doctor Mellifluus – den »honigfließenden Lehrer«.

Bernhard war im Stande auch die innere Bedeutung der Heiligen Schrift zu enthüllen, ihr Flügel zu verleihen und zum Leben zu erwecken. Er konnte auch in Anderen, die seine Predigten hörten oder lasen, ein wirkliches Empfinden der Bibeltexte entfachen. Doch dies gelang ihm nur, da das der echte Ausdruck seiner persönlichen Empfindung war – etwas, dass er an mystischer Erfahrung selbst erlebt hatte.

Im Mittelpunkt abendländischer Geisteskultur

Die Klöster Clairvaux und Cîteaux gediehen im 12. Jahrhundert zu einem spirituellen Zentrum, in dem die geistigen Kräfte des abendländischen Zeitalters zusammenliefen. Von hier aus prägte Bernhard von Clairvaux in seinem Wirken, ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte.

Sein gewaltiger Einfluss reichte in die Ränge des Vatikan und die Politik seiner Zeit. Er war Mentor von Päpsten und diente den Fürsten seines Landes als Berater. Aus dem Kreise seiner Familie stammte auch der Adlige Hugo von Payens (1070-1136) – der dann der erste Großmeister des Ordens der Templer sein sollte – für den Bernhard noch eine sehr wichtige Rolle spielte.

Die große Wirkung seiner spirituellen Betätigung, hinterlies ihre Spuren in den Gemütern ganz Europas. Dereinst sollte sogar der Papst ihn bitten, die Bildung eines der einflussreichsten Ritterorden der Geschichte voran zu treiben: Der Orden der Tempelritter. Seine Lobreden auf diesen christlichen Ritterorden und das Regelwerk das er für seine Mitglieder erschuf, sollte bald zum Ideal der abendländischen Aristokratie werden. Unter Bernhards Einfluss, gewannen die Templer immer mehr Mitglieder. Durch seine Predigt-Reisen rekrutierte er überall in Europa junge Adlige, die sich diesem neuartigen ritterlichen Mönchsorden anschlossen. Doch dazu später mehr.

Mystik des Heiligen Bernhard

Wenn man sich heute an Bernhard von Clairvaux erinnert, denkt man nicht zuerst an seine Kreuzzugspredigten, als eher an seine Spiritualität.

Bernhards Begabung als Mystiker war bemerkenswert. In 120 Predigten, die auch schriftlich niedergelegt wurden, schuf er einen Schriftkorpus, mit dem er die Angehörigen seines Ordens in das christliche Mysterium einweihte. Den wichtigster Teil seines Werkes bildet wohl das De Diligendo Deo – Über die Gottesliebe – und die Sermones super Cantica Canticorum – die Predigten über das Hohelied Salomos.

Seine Spiritualität stellte allerdings auch einen Gegenpol zur wissenschaftlichen Rationalität dar, die in der scholastischen Theologie, zu seiner Zeit viel Zustimmung fand.

Der Glaube der Frommen vertraut, er diskutiert nicht.

- Bernhard von Clairvaux

Statt das Wesen Gottes in einer Dialektik zu entzweien, versuchte Bernhard seinen Schülern das zu vermitteln, was man die Unio Mystica nennt, die mystische Liebesvereinigung der menschlichen Seele mit Gott. Dies gelang ihm in der sogenannten Brautmystik, die er aus den Versen des Hohelied Salomos entwickelte.

Für Bernhard bildete die menschliche Seele ein Ebenbild zu Gott. Dadurch war sie – und somit auch jeder Mensch – zur Unio Mystica mit Gott befähigt. Dank dieses angeborenen Seelenadels, bestand für jeden Menschen Zuversicht, durch seine Gottesliebe, den Wunsch nach Erlösung aus weltlichem Schmerz, letztendlich sich auch selbst erfüllen zu können.

Doch nicht jedem war diese hohe Form der Spiritualität zugänglich. Die in seinen Predigten verwendeten Gleichnisse, konnten darum den meisten seiner Zuhörer, nur eine erste Ahnung vom esoterischen Gehalt seiner Lehre vermitteln.

Hochzeit von Christus und der Kirche – ewigeweisheit.de

Die Mystische Hochzeit zwischen dem Christus und den Menschen der Gemeinde. Aus einem Buch des Herzogs von Berry (15. Jahrhundert).

Menschliche Seele - Göttliche Braut

In der wundervollen, liebeslyrischen Sprache des Hohelieds Salomos, erlebt der Leser einen erotischen Wechselgesang, wo es um die leidenschaftliche Hingabe eines Liebespaares geht: der jungen Königin von Saba und dem König Salomo. Der heilige Bernhard fand im Hohelied eine höhere Erzählebene, auf der er die ultimative Liebe zwischen Gott und seinem auserwählten Volk erfährt, was er letztendlich übertrug auf die Liebe zwischen Christus und seiner bräutlichen Kirchengemeinde.

Diese sogenannte Brautmystik, ist jedoch keineswegs nur allegorisch zu verstehen, sondern meint das betont körperbezogene Erleben des Lesers, während seiner Meditation über die Zeilen des Hohelieds. Es befähigt den Betenden, die darin verdichtete Weisheit in seinem Verstand so aufzunehmen, dass sie sich mit seinem emotionalen Empfinden auch tatsächlich begreifen lässt. Denn Bernhard galt Theologie nicht etwa nur als abstrakter Versuch die Wahrheit zu finden. Eher versuchte er durch seine Predigten tatsächlich seine Zuhörer auf einen spirituellen Pfad zu führen, wobei er durch seine mystische Sprache, in den Seelen aller Anwesenden, eine Liebe zu entfachen vermochte die ihnen gar das Empfinden einer heiligen Kommunion mit Gott vermittelte.

Inmitten seines Gebets träumt er (der Betende) von Gott. Was er da sieht ist (zwar nur) eine schummrige Spiegelung, kein Traumbild Auge in Auge. Doch selbst wenn es nur eine vage Ahnung ist, und kein echtes Sehen, vernimmt er den flüchtigen Anblick einer funkelnden Pracht vollkommenster Vorzüglichkeit, wobei er in Liebe entflammt und spricht: 'Von Herzen begehre ich dein des Nachts; dazu mit meinem Geist in mir wache ich früh zu dir (Jesaja 26:9).'

Eine Liebe wie diese ist voller Leidenschaft. Es ist eine Liebe, die die Freundin des Bräutigams wird, Liebe, die die treu ergebene und kluge Dienerin inspiriert, die der Herr für seine Familie (die Gemeinde der Kirche) bestimmt. […]

Letztendlich ist Gott selbst Liebe, und nichts Erschaffene kann befriedigen, den in Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen, außer dem, nur ein Gott der Liebe ist, der alleinig über allem Geschaffenen steht.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 18:6

Wie die erotische Kraft eines sehnsüchtig Liebenden, schirrte er in Anderen eine Fähigkeit an, die sie zur spirituellen Reflexion führte. Immer schon war die erotische Allegorie ein Mittel der Initiation durch das Wort, was etwa auch im Buch Genesis erfolgte, wo spirituelles Erkennen und der Akt körperlicher Liebe, als synonyme Ausdrücke verwendet werden (Genesis 4:1).

Lectio Divina: Gebet in Meditation

Einer der rituellen Bestandteile des täglichen Klosterlebens ist die meditative Gebetspraxis. Mönche lesen dabei aufmerksam bestimmte Abschnitte aus der Bibel, worüber sie dann meditieren. Hierzu wählt ein Mönch einen bestimmten Vers aus der Heiligen Schrift, zum Beispiel einen Psalm, den er beständig wiederholt und leise vor sich hinmurmelt. Während dieses Lesens vernimmt der Betende das Wort Gottes, über das er dabei meditierend nachsinnt und aus dem gelesenen Bibelvers eine Antwort auf diese Anrede Gottes erhält.

Die Aufgabe der Mönche besteht nun darin, während ihrer geflüsterten Bibellektüre, dem Klang ihrer Stimme nachzuspüren. Damit machen sie aus der Heiligen Schrift etwas Lebendiges. In der Kontemplation über das biblische Wort, bewegt sich die Seele des Meditierenden dabei in geistigen Dialog mit Gott.

In dieser intensiven Beschäftigung mit den Versen der Heiligen Schrift, werden sich die Mönche der tieferen Bedeutung des Wortes gewahr. Allmählich beginnt der Betende, der im Bibelwort enthaltenen Weisheit voll bewusst zu werden, fängt an, eine Art Süße aus dem Text herauszulesen. Er beginnt sozusagen zu schmecken, was er in der Heiligen Schrift liest, löst er in seiner Lektüre der Zeilen doch ein Mysterium.

Zu lesen, bedeutet auch einer Spur zu folgen. Einer Spur folgt auch der Winzer beim Lesen der Trauben vom Rebstock. Auch die Bienen in den Weinbergen folgen ihren Spuren, wenn sie die Blüten beehren. Ihre Lust ist es deren Nektar auszulösen, während sie sie bestäubt, damit in Zukunft auch die Nachkommen ihres Volkes wieder blüten aufsuchen werden.

Ein »Honigsammler« war auch der Heilige Bernhard, der den Spuren der Wörter der Heiligen Schrift folgte. Immer wieder sucht er ihre Buchstaben auf, um die darin enthaltene Süße auszulesen.

So wie Speise dem Gaumen süß ist, so schmeckt der Gesang der Psalmen dem Herzen. Doch die Seele, die inniglich weise ist, darf nicht unterlassen, ihn (den Psalm) sozusagen mit den Zähnen der Einsicht zu zerkleinern, denn wenn sie ihn in einem Brocken herunterschlingt, würde der Gaumen um den köstlichen Wohlgeschmack betrogen werden, der süßer ist als Honig der aus der Wabe fließt. Drum lasst uns beim himmlischen Gastmahle mit den Aposteln Honigwaben darbringen, auf die Festtafel des Herrn. Denn so wie Honig aus der Wabe fließt, soll aus der Schrift Ehrerbietung fließen (Hohelied 4:10f). Sonst nämlich, wenn du die Schrift ohne die Würze des Geistes hinunterschlingst, bleiben da nur Buchstaben toter Schrift zurück.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 7:5

Vom Schweigen über die Geheimnisse

Dem Heiligen Bernhard war bewusst, dass er in seinen Interpretationen gewiss Zurückhaltung wahren musste. Denn nicht jeder war mit dem angemessenen Bewusstsein ausgestattet, so großen spirituellen Themen wie der Heiligen Hochzeit, überhaupt gewachsen zu sein. Er wusste, dass das im Hohelied Salomos beschriebene Mysterium, durchaus vor Missverständnissen und Missdeutungen geschützt bleiben musste.

Bernhards in lateinischer Sprache verfassten Predigten über das Hohelied, waren nur jenen vorbehalten, die das nötige Bewusstsein besaßen, um seine Worte auch wirklich zu begreifen. Dazu gehörten wohl zuerst die Mönche des Klosters Clairvaux. Wen dann die Praxis der Lectio Divina, zu einem wahren spirituellen Leben befähigte, der brachte wohl auch die notwendige Verantwortung mit, die Bernhards Schriften ihren Lesern abverlangen.

Die Anweisungen, mit denen ich mich an euch wende, meine lieben Brüder, sollten sich von denen unterscheiden, die ich den Menschen in der Welt überliefere, zumindest die Art und Weise ist eine andere. Wer als Priester der Methode des Heiligen Paulus folgen will, gibt ihnen eher Milch zu trinken, als dass er ihnen feste Nahrung serviert (die sie nämlich nicht verdauen können) und serviert nahrhaftere Kost jenen, die spirituelle Erleuchtung erlangten: 'Und davon reden wir', so sprach er (der Heilige Paulus), 'auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen (1. Korinther 2:13).' Und wieder: 'Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen (1. Korinther 2:6)', in deren Gemeinschaft, davon bin ich überzeugt, man euch findet, es sei den, dass euere Studien der göttlichen Lehren nicht anhielten, euere Sinne verendet sind, und ihr Tag und Nacht im Sinnen über das Gesetz Gottes verbrachtet. Daher seid bereit dazu euch eher vom Brot zu nähren, als von der Milch. Salomon hat vortreffliches Brot für euch, dass gar köstlich ist. Es ist das Brot eines Buches, dass man das 'Hohelied' nennt. Lasst es uns brechen, wenn ich bitten darf, und so verkünden.

- Sermones super Cantica Canticorum (Predigten über das Hohelied) 1:1

Rosen vor die Säue – ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Gemälde Pieter Brueghel des Älteren: Die niederländischen Sprichwörter (1559). Hier wirft einer Rosen vor die Säue - verschwendet etwas Kostbares an Unwürdige.

Worauf sich Bernhard hier bezieht ist die Arkandisziplin: der Grundsatz, nur im Kreise Eingeweihter über Geheimnisse zu sprechen. Denn Esoterik darf nichts Profanes werden, nicht zu Allerweltlichem verkommen und

die Perlen nicht vor die Säue geworfen werden.

- Matthäus 7:6

Und doch kann der, der Geheimnisse durch Allegorien und Metaphern verkündet, sich einer möglichen Auskunft nicht ganz versagen. Doch was er weiß, sind die ihm gesetzten Grenzen, die ein Uneingeweihter nicht kennt. Der spricht was ihm sein Wunsch nach Wichtigkeit gebietet.

Auf der anderen Seite, ist die Wissbegierde der meisten Menschen doch eher oberflächlich. Ein Wissender sollte also zuerst versuchen, neugierige Fragen in ihrer Bedeutungslosigkeit zu entlarven. Denn je wissensdurstiger jemand auf esoterisches Wissen ist, desto mehr zeigt das seine spirituelle Unreife.

Jesus ließ die meisten Menschen über die Bedeutung seiner Gleichnisse im Unklaren. Nur im Kreise der Zwölf, machte er den Grund dafür bekannt:

Euch ist's gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Himmelreichs, diesen aber ist's nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): 'Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet, und mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie geschlossen, auf dass sie nicht mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, dass ich sie heile.' Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören.

- Matthäus 13:11-1

Es bedarf einer gewissen Seelenhygiene, die ein Mensch erst im Laufe seines Lebens entwickeln muss – vorausgesetzt, er befasste sich über lange Zeit damit, was seinem Seelenleben gut tut. Erst dann ist einer dazu befähigt, aus seinem esoterischen Wissen anderen mitzuteilen. Es kann einer eben nur so weit andere führen, wie er schon selbst fortgeschritten ist. Was darüber hinausgeht, ist gefährlich – besonders dann, wenn einer zur Masse spricht. Wer ohne die entsprechende Erfahrung über die Bedeutung der Geheimnisse spricht, setzt damit nicht unbedingt seine eigene, gewiss aber die Sicherheit anderer aufs Spiel.

Du könntest alle Geheimnisse kennen, du könntest die Größe der Erde kennen, die Höhen des Himmels und die Tiefen des Meeres: Doch wenn du dich selbst nicht kennst, würdest du jemandem gleichen, der ohne Fundamente eine Ruine, statt eines Gebäudes errichtete. Alles was du außerhalb deiner selbst aufrichtest, wird wie ein Staubhaufen sein, der dem Wind preisgegeben ist. Keiner ist also weise, der nicht über sich selbst Bescheid weiß. Ein Weiser wird in Weisheit über sich selbst informiert sein, und er trinkt auch als Erster aus der Quelle seiner eigenen Wasserfülle.

- De Consideratione (Über das Nachdenken) II:3:6

Das schrieb Bernhard circa 50 Jahre nach dem ersten Kreuzzug. Papst Urban II. jedoch schien solchen Nachdenkens zu entbehren, als er 1095 zum Ersten Kreuzzug aufrief. Denn was sich damit von Frankreich in Richtung Palästina aufmachte, war ein unorganisierter Mob, gemeinen, ungebildeten Volkes.
Bereits in Ostfrankreich kam es zu Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung. Solcher Art Pogrome zogen sich entlang der Kreuzfahrerroute bis in Heilige Land. Im syrischen Maarat an-Numan, sollte der Erste Kreuzzug seinen Höhepunkt an Grausamkeit annehmen, wo die barbarischen Kreuzfahrer in ihrer Hungersnot, sogenannte Ungläubige aufspießten und geröstet fraßen. Das berichtete der normannische Radulf von Caen (1080-1120) in seiner Kreuzfahrer-Chronik.

Ob der Heilige Bernhard von diesen Schreckenstaten wusste? Ignorierte er die Grausamkeiten und die unzähligen Menschen die auf dem Kreuzzug umkamen, auch die vielen Christen die aus Unwissenheit der Kreuzfahrer einen so erbärmlichen Tod fanden?

Abaelard und Heloise – ewigeweisheit.de

Abaelard und Heloise in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert.

Wozu Bernhard außerdem fähig war

Die Äbtissin Heloise (1095-1164) vom französischen Frauenkloster Le Paraclet, könnte sehr wohl in Bernhards Werken und Wirken eine nicht unbedeutende Rolle eingenommen haben. Zu der nur fünf Jahre jüngeren Nonne, hatte Bernhard über lange Zeit Kontakt gepflegt und die beiden standen wohl auch in spirituellem Austausch.

Zwischen 1116-1118 traf Heloise den Mönch Pierre Abaelard (1079-1142). Er war zuerst ihr Lehrer, doch die beiden verliebten sich. Heloise wurde schwanger. Als Nonne aber war sie nun gezwungen ihr Kind im Geheimen zur Welt zu bringen. Abaelard wurde heftig bestraft. Viele Texte der Literatur des Hochmittelalters schrieben über diese verbotene, tragische Romanze.

In Briefen an Abaelard sprach Heloise interessanterweise auch das Hohelied Salomos an. Und da sie immer auch in Verbindung stand zu Bernhard von Clairvaux, liegt die Vermutung nahe, dass die Inspiration zu seinem Kommentar zum Hohelied, vielleicht auch mit ihr zu tun hatte. Dafür gibt es bisher keine genauen historischen Belege. Es bleibt also eine Vermutung. Bestätigt aber ist, dass Bernhard von der Liebesaffäre zwischen Heloise und Abaelard wusste. Doch nie sprach er darüber öffentlich.

Es scheint Bernhard aber gequält zu haben, von dieser Liebschaft zu wissen. Denn es war fast absurd, wie vehement er sich gegen die Lehren Peter Abaelards wandte. Der nämlich vertrat eine Philosophie der Vernunft, wo nicht-religiöse philosophische Techniken, zur Erklärung des Glaubensbegriffes zur Anwendung kamen. Das galt Bernhard als vollkommenes Absurdum. Denn jene mystische Liebe, die ein Gläubiger gegenüber Gott in der Unio Mystica erfährt, sei auch durch wissenschaftliches Hinterfragen nicht zu erklären. Abaelards Rationalismus und seine Mittel zur methodischen Wahrheitsfindung erschienen Bernhard darum einfach zwecklos. Für ihn war christlicher Glaube nur im Herzen zu erfahren. Bernhard glaubte, dass wer durch Verstandesdenken einen Beweis für die Existenz Gottes logisch herzuleiten gesuchte, nichts als nur den Teufel fand.

Bernhard erschien Abaelars Philosophie aber sogar als Angriff auf seinen christlichen Glauben. Und durch sein Drängen, verwarf die Katholische Kirche Abaelards Lehren sogar als Häresie, für die dieser vor dem Konzil von Sens (1141) der Ketzerei angeklagt wurde. Ein Gerücht behauptet, Bernhard hätte die Anwesenden trunken gemacht, um sie leichter zu ihrem Urteil gegen Abaelard zu bewegen. Schließlich verurteilte man Abaelard später zu einer Klosterhaft und ewigem Schweigen. Seine philosophischen Schriften wurden sogar öffentlich in Rom verbrannt!

Nach Abaelards Tod in 1142, führte Heloise als Äbtissin, noch für 20 Jahre das Kloster Paraclet. Trotz der Tragödie um Abaelard, hielt sie in dieser Zeit weiter Kontakt zu Bernhard von Clairvaux. Auf Heloisas Bitten hin wurde Abaelards Leichnam in ihr Kloster überführt, wo sie dann auf eigenen Wunsch, nach ihrem Tod neben Abaelard bestattet wurde.

Aufruf zum Zweiten Kreuzzug

Während all dieser Jahre schien das Heilige Land in sicherer Hand des dort residierenden christlichen Adels. Doch im Jahr 1144 wurde die Kreuzfahrerstadt Edessa erobert und fiel an die Türken. Der Emir Imad ad-Din Zengi (1087-1146) stürmte die Festungsstadt im Gefolge von 30.000 Soldaten. Er war der Legende nach ein Sohn der Markgräfin Ida von Österreich. Zengis Truppen mordeten alle Bewohner der Stadt in einem grausamen Gemetzel.

Die Nachricht von der Einnahme Edessas durch die Ungläubigen, zwang die Könige und Fürsten der anderen vier Kreuzfahrerstaaten (Königreich Jerusalem, Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Tripolis) zum Handeln. Darum entsandte Prinz Raimund von Antiochien seinen Bischof Hugo von Jabala nach Rom, wo er 1145 Papst Eugen III. vom Fall Edessas berichtete. Einer der Anwesenden dabei war auch der deutsche Chronist Otto von Freising. Ihm erzählte Bischof Hugo in Gegenwart des Papstes, von einem nestorianischen Christen, der im fernen Osten als mächtiger Herrscher regiere: Priesterkönig Johannes von Indien. Er sollte ein Nachfahre eines der Heiligen drei Könige sein, der sich anscheinend mit einem riesigen Heer nach Jerusalem aufmachte, »vor nicht all zu langer Zeit« wie es hieß, um das Heilige Land vor der Hand der Ungläubigen zu erretten.

In diesem Jahr noch, rief Papst Eugen III. zum Zweiten Kreuzzug auf. Doch diesem Aufruf schienen nur wenige der europäischen Fürsten überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken. Darum wandte er sich an Bernhard von Clairvaux, seinen einstigen Lehrer: Er sollte den Kreuzzug predigen. Das weltliche Gepränge am päpstlichen Hof und all die politischen Machenschaften des Vatikan waren Bernhard allerdings zutiefst zu wider. Es muss ihn dennoch gedrängt haben, seine geistlichen Nachkommen, vor einem aus der Ferne bedrohenden Unbekannten zu schützen – vor einem fremden Gottesglauben, von dem keiner ahnte, wofür er eigentlich stand. Und so wurde Bernhard von Clairvaux auf einmal zum Organ des Vatikan und zum Prediger eines weiteren Kreuzzugs berufen. Er sollte den Eifer einer neuen Ritterschaft anschirren, durch seine Predigten und die von ihm verordneten Ordensregeln.

Bernhard wandte sich mit seinen Predigten aber gezielt an den Adel, um eine Wiederholung eines neuen Volkskreuzzuges zu vermeiden. Auf den Ritter-Haudegen von einst, sollten nun Tugenden und christliche Pflichten angewendet werden, um aus diesen alten Kämpen des Ersten Kreuzzugs, nun wahre Edelleute zu machen. Vor allem aber, und das hatte es bisher nicht gegeben, sollte dieser neue Orden in sich Rittertum und Mönchtum vereinigen.

Aus den Kreisen der Aristokratie, rekrutierte Bernhard die Mitglieder dieses neuen geistlichen Ordens, der vermutlich von Mitgliedern seiner Familie 1118 in Jerusalem ins Leben gerufen wurde. Denn einer der neun Gründungsmitglieder war Andreas von Montbard (1103-1156), ein Onkel Bernhards.

Tempelritter – ewigeweisheit.de

Der Orden der Templer: Mönchsritterschaft der Katholischen Kirche.

Bernhard von Clairvaux: Mentor des Templerordens

Unter den Heimkehrern vom Ersten Kreuzzug befand sich der französische Adlige Hugo von Payens, den man in Frankreich als Helden feierte. Er sollte erster Großmeister einer Gruppe von Edelleuten sein, die sich als Wächter des Jerusalemer Tempelbergs, zu einem außergewöhnlichen Orden organisierten. Sie nannten sich die »Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem«.

Für diesen neu gegründeten Orden sollte Bernhard von Clairvaux schon bald eine ganz bedeutende Rolle spielen. Denn auf Bitten von Hugo von Payens, verfasste Bernhard seine berühmte Mahnrede an die Templer.

Es ist gut möglich, dass sich Bernhard und Hugo von Payens schon begegnet waren, als Bernhard noch ein Kind war. Denn sowohl die Gründungsmitglieder der Templer als auch Bernhard von Clairvaux, stammten aus den selben Kreisen des mittelalterlichen Adels in Frankreich.


Alles was Bernhard in seinem Leben tat, geschah immer aus vollem Herzen. Wenn er nun also den Zweiten Kreuzzug predigte, schwelgte er dabei in der selben christlichen Überzeugung, wie in seinen Predigten vor seinen Klostergenossen. Er meinte sogar, dass im Namen Christi zu töten, keine Sünde sei.

Vielleicht wäre ihm zuerst lieber gewesen, dass sich durch seine Predigten mehr Menschen einem christlichen Klosterleben verschrieben hätten, doch naheliegender schien ihm in dieser Zeit, jene Vereinigung von Mönch- und Rittertum, was er in seiner Mahnrede an den Orden der Templer addressierte:

Aber wenn beide Menschen (Mönch und Ritter) in einer Person, ein jeder sich kraftvoll mit dem Schwert umgürten […], wer würde einen solchen nicht aller Bewunderung für höchst würdig erachten, zumal es sich ja um Außergewöhnliches handelt? Ein solcher ist jedenfalls ein unerschrockener Ritter, allenthalben gefeit; er umgibt seinen Leib mit der Rüstung aus Eisen, seine Seele aber mit der des Glaubens. Da er nun durch beiderlei Waffen geschützt ist, fürchtet er weder Teufel noch Menschen. Nicht einmal vor dem Tode fürchtet sich der, der sich zu sterben sehnt. Denn was könnte der im Leben oder im Tode fürchten, dem Christus Leben und Sterben Gewinn ist? […] Schreitet also sicher voran, ihr Ritter, und vertreibt unerschrocken die Feinde des Kreuzes Christi in der Gewissheit, dass weder Tod noch Leben euch von der Liebe Gottes trennen kann, die sich in Christus Jesus offenbart. In jeder Gefahr wiederholt für euch das Wort: 'Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn (Römer 14:8)'

- Aus dem Buch an die Tempelritter von Bernhard an Clairvaux

Unter der Führung Bernhards von Clairvaux fand am 13. Januar 1129 die Synode von Troyes statt, bei der auch Hugo von Payens und Andreas von Montbard anwesend waren. Hierbei erhielt der Templerorden seine offizielle Anerkennung durch die Katholische Kirche und bekam feste Ordensregeln. Zu diesen Regeln lieferte Bernhard einen ganz wesentlichen Beitrag. In der damit verfassten Urkunde wurde auch explizit auf die Anwesenheit von Payens und Montbard hingewiesen.

Nach dem Aufruf zum Zweiten Kreuzzug durch Papst Eugen III. begann dann nach 1145 Bernhards kirchenpolitische Vermittlertätigkeit. Dank seiner Unterstützung bei der Rekrutierung neuer Mitglieder, wurde aus dem erst winzigen Templerorden von gerade mal neun Mitgliedern, in nur kurzer Zeit eine ganze Armee! Es dürfte darum kaum verwundern, dass das großes Gefallen fand – sowohl im Vatikan als auch im europäischen Adel.

Ein versiegeltes Geheimnis

Mit dem bisher Gesagten, scheint Bernhard weit mehr als nur Mönch gewesen zu sein. Fast könnte man ihn als Vorboten eines neuen Zeitalters bezeichnen. Dann aber war er sicher eine Doppelgestalt – ein Prophet sowohl des Lichts wie auch der Finsternis.

Diese chimärenhafte Erscheinung Bernhards und sein Einfluss auf den Templerorden, führte in zeitgenössischer Literatur auf eine Unmenge an Verschwörungstheorien. Doch zu solchen Vermutungen kommt ohnehin sehr schnell, wer von den vielen Querverbindungen zu Kirche, Adel und Mysteriengeschichte erfährt, die einem gemeinsam mit dem Namen »Templer« begegnen.

Das liegt wohl daran, dass der Einfluss der Templer über zwei Jahrhunderte eine ganz wesentliche Rolle spielte, in der spirituellen und politischen Entwicklung der damals bekannten Welt. Auch die vielen Widersprüche, für die der Templerorden steht, gab manchem Anlass viel über die Geheimnisse dieser Bruderschaft zu spekulieren.

Eines der wichtigsten Themen die einem bei der Recherche immer wieder begegnet, ist die Frage, ob die Kreuzzüge, neben ihrem offiziellen Grund, auch eine okkulte Bedeutung hatten. Weit verbreitet ist eine Annahme, dass diese »Arme Ritterschaft Christi« Ausgrabungen im Tempelberg durchführte, um nach etwas zu suchen, dass sich einst unter dem Salomonische Tempel befunden haben soll. Worum es sich dabei handelte ist nicht endgültig klar.

Wie uns aus den Büchern der hebräischen Bibel überliefert wurde, stand im Heiligtum des Salomonischen Tempels eine heilige Lade, worin sich besondere Gegenstände befanden. Sie soll die Israeliten einst mit großer Macht ausgestattet haben. Damit nämlich teilten sie das im Buch Exodus beschriebene Schilfmeer und ließen mit der Kraft die aus dieser Lade strömte, die Mauern von Jerichon einstürzen.

Von Jerusalem aus, so wollen es manche Schriftsteller, sollte die Lade dann von Hugo von Payens nach Chartres in Frankreich gebracht worden sein, wo sie im Fundament der dortigen, neu gebauten gotischen Kathedrale integriert wurde. Dazu sandte sie angeblich Bernhard von Clairvaux aus, um das heilige Reliquium aus dem Heiligen Land nach Frankreich zu bringen. Sicher aber sollten die Templer im Heiligen Land von den Muslimen überhaupt die Bildung erhalten, solch umfangreichen Unternehmens überhaupt fähig zu sein.

Das die Templer tatsächlich sehr mächtig waren, bleibt unbezweifelt. Schließlich gründet sich auf ihrem bargeldlosen Zahlungsverkehr das moderne Bankenwesen. Das machte sie zur reichsten Organisation der gesamten damals bekannten Welt. Ihr Einfluss und ihr Vermögen war so groß, dass manch Monarch ihren Besitz neidisch beäugte. Da sie außerdem im Geheimen Rituale praktizierten, die nicht dem Regelwerk der katholischen Kirche entsprach, sollte das jenen Neidern dienen, sie dereinst wegen ketzerischer Machenschaften zu überführen. In Wirklichkeit aber waren diese nur auf den Besitz der Templer aus.

Seltsam nun, dass dieser Order ja überhaupt nur entstand, da die Katholische Kirche ihren Gläubigen einen Pilgerweg ins heilige Land schaffen wollte, worauf sie von den Mitgliedern der Templer beschützt wurden.

Einer der Hauptgründe für spätere Ahndungen gegen den Orden, war ihre Verehrung für einen Kopf mir zwei Gesichtern: das Janushaupt. In diesem Symbol blicken zwei Gesichter sinnbildlich in die Vergangenheit und in die Zukunft. Daher auch der Name des Monats Januar, der ja mit dem neuen Jahr beginnt, wo um den Jahreswechsel, Menschen quasi gleichzeitig auf das vergangene und auf das neue Jahr schauen.

Das Janushaupt nannten die Templer anscheinend auch Baphomet – ein Name, mit dem heute eine ganz und gar zwielichtige, teuflische Gestalt assoziiert wird. Baphomet entspricht »dem Tier« aus der Offenbarung Johanni, einer Chimäre aus gehörntem Engel, Mensch, Ziege oder Steinbock. Anscheinend galt den Templern dieses Wesen, wie auch das Janushaupt, als esoterisches Symbol für den Dualismus aller Dinge in der Welt, die immer als gemeinsames Ganzes betrachtet werden sollten. Wohl nicht zufällig, ist der Ziegenfisch, den die moderne Astrologie den »Steinbock« nennt, jenes Tierkreiszeichen, durch das sich die Sonne eben genau durch den Jahreswechsel zwischen Ende Dezember und Anfang Januar bewegt.

Nun ist auch bekannt, dass sich mit weißer und schwarzer Magie auch König Salomon befasste – jener König und Prophet, dessen Hohelied ja auch den Bernhard von Clairvaux in seinen Predigten verzückte. Wie die »Arme Ritterschaft vom salomonischen Tempel«, war auch Salomon laut Bibelurkunde, der reichste Mann seiner Zeit. Darüber lesen wir in der Bibel, im Ersten Buch der Könige. Darin ist die Rede von Salomos Goldbesitz der durch eine eigenartige Zahl beziffert wird (1. Könige 10:14), auf die auch das Buch der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 13:18) hinweist, wo sie sowohl die »Zahl eines Menschen«, wie auch die »Zahl eines Tieres« ist. Und dieses Tier eben scheint eigenartiger Weise, jenem, oben erwähnten Ziegenfisch verblüffend zu ähneln (Offenbarung 13:1).

Das solche Geheimnisse zu damaliger Zeit aber gegen die Templer verwendet wurden, wissen alle, die sich mit dem Ende dieser einstigen Mönchsritter befassen. Denn wie konnte es sein, dass ein Katholischer Ritterorden Christi, sich mit solchen Dingen beschäftigt? Nach außen hin waren sie die frommen Ritter Christi, doch im inneren Kreise vollzogen sie anscheinend genau das Gegenteil. Liegt hinter solchem Handeln ein höherer, okkulter Sinn?

Es scheint als wussten die Mitglieder des Templerordens ein Geheimnis in der Welt, dass den Gläubigen der weltlichen Christenheit nicht bekannt war. Sicher war es kein Zufall, wieso sich, schon in ihrer Erscheinung in der Geschichte, etwas abzeichnete, dass offensichtlich widersprüchlich war. Mindestens so widersprüchlich wie die Erscheinung Bernhards von Clairvaux – der als Abt die Liebe zu Gott predigte, dem Ritterorden der Templer aber überhaupt erst ermöglichte, so viele neue Mitglieder zu gewinnen, die auf einem neuen Kreuzzug im Namen Jesu Christi, vermeintlich Ungläubige im Heiligen Land töten sollten.

Anscheinend zeichnete sich der Templerorden aber eben genau durch solche Widersprüchlichkeiten aus. Denn um in den Orden aufgenommen zu werden, musste ein Ritter zuerst ein Armutsgelübde ablegen, doch schloss sich damit einem Orden an, der wegen seines immensen Reichtums berühmt war. Die Templer waren nach außen hin mit weltlichen Belangen beschäftigt, pflegten im Geheimen aber okkulte, diabolische Rituale. Sie waren zum einen asketische Mönche, zum anderen gehörten sie zu den gefürchtetsten Rittern ihrer Zeit.

Bernhard und auch die Tempelritter wussten anscheinend um Dinge, die dem Normalsterblichen nur schwer verdaulich sind. Nichteingeweihten bleiben sie bis heute ein Rätsel. Es wäre darum sehr unvorsichtig, vorschnell die Person des Bernhard von Clairvaux oder die Templer zu verurteilen – solange noch der eigene Wissenseifer, das Siegel Salomos verschlossen hält.

 

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Mystik oder Magie: Bedarf es einer Entscheidung?

von S. Levent Oezkan

Foto by Jens Lelie - ewigeweisheit.de

Auch wenn es keinen direkten Zusammenhang gibt, spricht einiges für die Annahme, das sich mit dem Einsetzen des Christusereignisses die alten Mysterien erübrigten. Was man dazumal im Geheimen erfuhr, schien sich in jenem allbekannten Kreuzweg Jesu für immer zu enthüllen: die Bedeutung von Leiden und Sterben, und dem daraus erstehenden neuen Leben.

Von so etwas ausgehend dürfte es kaum verwundern, wenn in den Jahrhunderten nach Christus ein riesiger Schriftkorpus mystischer Theologie entstand. Dazu zählt sicherlich auch das Johannes-Evangelium, worauf vielleicht auch die darin enthaltenen sieben charakteristischen »Ich-Bin-Verse« hindeuten. Einer davon etwa lautet:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

- Johannes 14:6

Jener Weg, von dem der Vers spricht, steht für den verborgenen Pfad, der durch eine Innere Welt der Rückbesinnung führt. Einem Weg beschaulicher Meditation. Wer sich auf ihm bewegt, entsagt allem Niederen, nähert sich einem Leben in Wahrheit. Dem Sucher eröffnet sich dieser Weg zur Wahrheit, die im christlichen Sinne in Gott liegt. Er vergilt dem Gläubigen diese Suche, lässt in ihm, in seiner Seele, das Wesen wahren Seins anklingen.

Die Texte Christlicher Mystik geben dem Leser einen Leitfaden, um sich einem Leben in Gott zu nähern. Hiermit, was dabei manchmal als Christuskraft bezeichnet wird, strömen dem Sucher jene geistigen Einflüsse zu, die sein Herz mit Glück zu erfüllen vermögen. In diesem Heiligen Geist nämlich, läutert sich auch der menschliche Geist, wird zu etwas Höherem, Edlerem.

Jene geistigen Kräfte himmlischer Heiligkeit aber, stammen aus einem Bereich, der uns Menschen zunächst verborgen ist. All jene Symbole, die durch den Christus der Menschheit offenbart wurden, bleiben dem uneingeweihten Herzen ein Rätsel. Doch es ist in Wirklichkeit das, was sich in alter Zeit den Teilnehmern der großen Mysterienfeiern, als zentrales Geheimnis offenbarte: der symbolische Tod.

Welche Bedeutung liegt dem zu Grunde?

Wenn die Symbolik des Todes das innigste Geheimnis der alten Mysterien bildete, wurde es im Zeichen des sterbenden Christus am Kreuz eigentlich allen Menschen eröffnet. Im Kreuzestod und der Auferstehung des Gottgesandten, fand letztendlich auch die Enthüllung einer der verborgensten Mysterien-Geheimnisse statt.

Die in den alten Mysterien gemachten Erfahrungen, waren jedoch nicht durch Worte beschreibbar. Darum verpflichteten sich die Initianden, gar unter Todesandrohung, ihre Erlebnisse der Einweihung geheim zu halten. Was die Initianden in den Mysterienspielen am eigenen Leibe erfuhren, war eben nicht durch Worte beschreibbar. Wer darüber gesprochen hätte, hätte ihren eigentlich Sinn vollkommen verfehlt und nichts als Verwirrung gestiftet.

Es ging aber wohl auch um die Wahrheit dessen, dass ohne zu Sterben kein Leben möglich ist. Und ja: Wir sterben jeden Augenblick und werden im Folgenden wieder geboren. Den ersten Atemzug nahmen wir nach unserer Geburt, atmeten ihn wieder aus und von da ab, immer wieder ein und aus, bis unser letzter Atemzug genommen und im Sterben ausgehaucht wurde.

Diese offenbare Tatsache, berührten vielleicht auf die Initiationsereignisse der Mysterien, jedoch auf eine noch einhelligere, stimmigere Weise. Was das insbesondere heißen könnte, darauf verweist vielleicht ein weiterer der sieben Ich-Bin-Verse des Johannes-Evangeliums:

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.

- Johannes 11:25f

Bild-Tafel am Knappenaltar in der Hallstatt-Kirche Oberösterreich

Christus am Kreuz. Bild-Tafel am Knappenaltar in der Hallstatt-Kirche Oberösterreich.

Vom Erkennen der eigenen Göttlichkeit

Wer über die Abgründe des christlichen Kreuzigungsweges, sowie jene hohe Heiligkeit der Auferstehung kontempliert, der kann nach und nach zu einem Wissenden werden – zu einem, in dem jener »Weg der Wahrheit und des Lebens« seine Wirkung zeigt.

Was sich einst im alten Griechenland in den Mysterienfeiern um Demeter, Persephone und Dionysos ereignete, sollte dereinst das Christusmysterien ablösen. Denn mit der Erscheinung des großen Weltlehrers Jesus, schien sich die göttliche Wesensart zum ersten Mal in einem Menschen zu verkörpern.

In jedem von uns aber existiert ein göttlicher Funke der unvergänglich und in einem ewigen Kreislauf von Sein und Nichtsein lebendig ist.

Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.

- Offenbarung 22:13

Dennoch aber hatte auch dieser Zustand ewig göttlicher Einwohnung, seinen Beginn. Am Anfang war das Nichts, wie es heißt (Genesis 1:2), war Wüste und Leere und daraus erst entstand das Dingliche der Welt, worin auch die Seelen ihre Körper erhielten (Genesis 2:7).

In den Fleischwerdungen der ersten Menschen, war bereits die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis veranlagt (Genesis 3:7). Doch mit der Erkenntnis der eigenen Körperlichkeit, entdeckte der Mensch auch seine eigentliche Trennung vom göttlichen Ursprung – ohne aber seinen Fall als solchen auch zu verstehen. Adam und Eva erkannten im Essen vom verbotenen Baum ihre Nacktheit, hüllten diese in Kleider und identifizierten sich seit jener Zeit mit ihrem Körper – der in Wirklichkeit aber zum Schutz ihrer in die Weltlichkeit gefallene Seele diente. Seit dieser Zeit aber scheint das Empfinden jener ursprünglichen Seligkeit verloren. Der Mensch zog sich zurück aus seiner eigentlichen Einheit in Gott. Als sich die Seele so individualisierte, wurde ihre Göttlichkeit in den Pferch des Körpers eingefangen, worin sie bis zum Tode des Selben weilt.

All das aber sind nur Beschreibungen eines viel höheren Mysteriums, dass sich durch Worte nicht zufriedenstellend erfassen lässt. Was bleibt ist ein Umriss dessen, was der Mensch in seinem Individuationsprozess in der Trennung vom Göttlichen erlebt und sich damit in den Zustand einer allgemeinen Unwissenheit begibt.

Die Seele ist göttlichen Ursprungs, doch bewegt sich während ihrer Existenz, im Übergang durch die Welt in einem für sie geborenen menschlichen Körper. In diesem Gefährt strebt sie dem Göttlichen zu, bis sie mit dem physischen Tod wieder zurückkehrt zum Einen, dem universalen Zentrum in Gott. Während eines Menschenlebens aber, verdunkelt der Körper diese lichtvolle Verbindung zwischen der Menschenseele und der Weltseele im Göttlichen.

Wer sich hiermit eingehender befasst, dem könnte das Gesagte womöglich zweifelhaft erscheinen. Es sieht nämlich danach aus, dass jener universale Weltengeist die Seele in all ihren Inkarnationen, in scheinbar unzähligen Menschenkörpern versklavt, auf einem teils leidvollen Weg über die Erde. Das bliebe aber nur die eine Hälfte der Wahrheit, wenn da nicht auch die menschliche Fähigkeit zur Selbsterkenntnis wäre. In jenem lebendigen Gedanken der Erkenntnis nämlich liegt das, was Jesus Christus als das »Lebendige Wort« bezeichnete:

die da wiedergeboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewig bleibt.

- 1. Petrus 1:23

Die Erkenntnis des Selbst aber erspart einem nicht die Bemühung, sich eher mit der Seele und weniger mit seinem Körper zu identifizieren. Denn je länger wir uns in unserer leiblichen Inkarnation befinden, kranken wir noch. Im Streben eines Seelenlebens nach unserem eigentlich göttlichen Ursprung aber, darin lässt sich wahre Heilung finden.

In diesem Streben der Seele nach einer Rückkehr in die Einheit in Gott, liegt die eigentlich höchste Weisheit. Es ist das, was die Hermetik als »Solve et Coagula« bezeichnet: »Lösen und Binden«. Um auf eine höhere Ebene des Seins zu gelangen, gilt es alte Bindungen zu lösen, damit sich neue Verbindungen schließen lassen – bis es irgendwann auch diese wieder zu lösen gilt, um weiter fortzuschreiten.

Erfolgt dieses kontinuierliche Auftrennen und Aneinanderfügen in angemessenen Zeiträumen, kann eine Person ihren irdischen Ausgangszustand immer weiter veredeln, bis sie sich in jene geheime Gefilde begeben hat, wo sich allmählich jener verborgene Stein der Weisen zu enthüllen beginnt – mit dem einer alles Unedle umzuwandeln vermag, in eine goldene Vollkommenheit des Seins.

Die Notwendigkeit des Todes

Was zuvor mit dem Streben der Seele nach Höherem angedeutet wurde, setzt folglich auch ein Sterben voraus. Die Konsequenzen des Fortschreitens auf diesem Weg, auf den auch Jesus seine Jünger verwies, ist wovor sich die meisten Menschen fürchten: die unaufhaltsame Tatsache vom Tod des eigenen Leibes. Denn alle Materie ist an die Zeit gebunden. Sie nagt an ihr, bis sich der aus ihr geformte Körper irgendwann wieder in Nichts auflöst.

bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

- Genesis 3:19

Was viele am Sterben so erschreckt, ist der Übergang ins Unbekannte. Denn eigentlich erfolgt unser Tod schmerzlos oder erlöst einen Menschen endlich nach langem Leiden. Immer aber entledigt sich die Seele dabei ihrer körperlichen Barrieren und bekleidet sich stattdessen mit einem Gewand göttlichen Lichts.

All das aber hat wenig zu tun mit tagtäglichem Nachdenken und Grübeln über unser Leben. Weder Meditation noch die Anrufung der Heiligen und der Engel können herbeiführen, was hier angedeutet wurde: Da nämlich war unser Körper tot und unsere Seele bereits in ihrer ganzen Bloßheit vor dem Angesicht Gottes. Trotzdem liegt darin das »Große Werk« wodurch der geheimste und allerheiligste Tempel errichtet wird, die Wohnstätte Gottes. Hierher kehren dereinst alle von Gott ausgesendeten Seelen zurück.

Vor diesem Hintergrund erscheint es darum auch falsch, den Leidensweg Christi nur für ein grausames Ereignis zu halten. Denn er starb nicht nur in seinem Körper, sondern erstand in ihm auf zu neuem Leben.

Und doch fand all das statt zwischen der Christusseele und Gott. Es war als hätte die Seele den einen Gott und sich selbst, als die eine Anbeterin erkannt. Sie war allein mit dem Alleinigen. Schließlich aber löste sich diese Anbeterin in Gott auf, war fortan mit ihm eins und errang allein sein einiges Bewusstsein.

Hierin liegt das wahre Geheimnis höheren Selbstbewusstseins: Weniger geht es um Selbstreflexion, als vielmehr um das Einfließen des Selbst in die Einheit ewigen Bewusstseins. In diesem Zustand nämlich wird der Erkennende selbst zur Erkenntnis, löst sich in ihr auf. Damit fallen alle Schranken der Getrenntheit und das Selbst erkennt seinen eigentlich göttlichen Ursprung.

In dieser Erkenntnis erblüht jene kosmische Kraft, die man Liebe nennt. Und in dieser Liebe lösen sich alle trennenden Übergänge zwischen Subjekt und Objekt auf. Was bleibt ist die göttliche Liebe an sich. Das ist die Lichtseite, der sich ein Mystiker zuwenden kann, wenn er bereit ist, selbst einen Kreuzweg auf sich zu nehmen und dabei über sein bisheriges Sein hinauszuwachsen.

Geheimwissenschaften der Ausflucht

All das aber ist schneller geschrieben und gelesen, als letztendlich auch herbeigeführt. Denn viel zu oft glauben wir, durch allerhand Ausflüchte Probleme zu umgehen, die wir in Wirklichkeit aber aus dem Weg räumen sollten. Etwas das nur geht, indem wir uns unseren Problemen stellen und nach Wegen ihrer Lösung suchen.

Immer aber gab es Menschen, die sich mit Techniken und Riten geheimer Wissenschaften auseinandersetzten, um die eigentlich schwierige Arbeit am Selbst zu meiden. Entweder drängt jemanden ein eigennütziges Anliegen oder es ist vielleicht die Neugier darüber, wie sich über verborgene, magische Fähigkeiten Macht erringen ließe.

Jene bereits angedeuteten Wege, die an die Pforten des verschlossenen, himmlischen Königspalastes führen, gibt es auch jenseits christlicher Mystik. Es sind Abkürzungen, die zu den Hintereingängen jenes Licht-Palastes führen, an die einen dann jene Wesenheit bringt, von der wir auch im zweiten Kapitel der biblischen Genesis erfahren. Da nämlich gewann der Mensch Erkenntnis als er ein Verbot missachtete und eine Grenze überschritt. Diese Grenze aber sollte sich für immer zwischen ihm und dem himmlischen Gottesreich auftun. Laut der Geheimtradition wusste König Salomon von jenen Gesetzmäßigkeiten, mit deren Schlüsseln er die verborgene Hintertür zu öffnen vermochte. Er aber war ein Prophet und kein gewöhnlicher Mensch.

Eine gegenläufige Tradition

Selbst im himmlischen Königreich wird ein Stück weit die Heftigkeit von Liebes- und Erleuchtungsereignissen toleriert. So zumindest will es die heilige Schrift. Es ist etwas, das zwischen der Erkenntnis über das Wesen von Gutem und Bösem hinausdrängt. Wer die darin liegende Wahrheit erfährt, befähigt sich anscheinend den innersten Gefilden der Welt Gottes zu nähern. Und diese Annäherung will durch jenen verborgenen Hintereingang erfolgen, der sich auf der tiefsten Seite einer Tradition befindet, die ganz und gar das Gegenteil von dem zu sein scheint, was oben über den »Weg und die Wahrheit und das Leben« gesagt wurde.

Sie ist, was man als »Gegenläufige Tradition« bezeichnen könnte: eine Suche nach Wunderkräften und Mitteln diese auch zu erlangen und über sie nach Belieben zu verfügen. Zusammengefasst geht es also um das Streben des Magus. Er verfolgt aber Ziele, die genau nach dem Gegenteil dessen suchen, wonach sich das Herz eines Mystikers sehnt. Ersterer hegt den Wunsch mit höheren Geistesfähigkeiten Materielles oder gar Personen zu bezwingen. Ein Mystiker aber richtet sich allein auf sein Herz aus, auf seine Wesensmitte, wo er sich nach der Einheit in Gott sehnt.

Mit den Ambitionen eines Magiers aber entfernt sich ein Mensch von sich und damit von Gott, auch wenn er sich der geheimen Schlüssel Salomons bedient.

Schließlich aber wird sich ab einem gewissen Grad auch so jemand bewusst, dass darin auch die negativen Konsequenzen seiner kommenden Niederlagen schwelen könnten. Ist diese Zeit aber bereits eingetreten, scheinen sich die Auswege leider immer weiter zu verminder, da die gerufenen Geister nun einen Weg gefunden haben, an der eigenen Körperlichkeit teilzuhaben und sich, wenn überhaupt, nur äußert ungern verscheuchen lassen.

Wenn Erkenntnisse an den Abgrund führen

In der Kabbala ist die Rede von der Höhe der Krone der Schöpfung – genannt Sefirah Kether, dem höchsten Punkt des Lebensbaumes. Das spirituelle Gewächs des Lebensbaumes aber wurzelt in der Sefirah Malkuth – Sinnbild unserer materiellen Welt.

Unterhalb Malkuths, befindet sich ein tiefer Abgrund. Darin warten die dunklen Hüllen der Klipoth: der unreinen Schalen spiritueller Finsternis. Nur in einer strahlt ein Licht hervor, die man die Klipa Nogah nennt: die Venusschale – Schale des Glanzes (der hier verwendete hebräische Begriff Klipa, ist der Singular von Klipoth). Darin schimmert jenes Licht der Erkenntnis, dass Luzifer den ersten Menschen einbläute. So erkannten sie ihr Geschlecht und wurden selbst zu Schöpfern. Sie erfuhren aber auch vom Nutzen, der von jener glänzenden Schale ausging, in die ihr innerstes Sein gehüllt ist. Aus ihr wirkt das Stille Wissen über die Magie. Und doch steht sie jenseits allen göttlichen Segens. Es ist also eine Frage der Entscheidung, wo der Mensch, allein in seiner Verantwortung steht. Damit aber nähert er sich der Unterwelt, worin sich also auch die schädlichen Klipoth befinden.

Da die Wirkungen der göttlichen Gnadenströme gänzlich universell sind, scheinen sie weniger effizient und sich in dieser Angelegenheit der Manipulation von Geist und Materie, recht schnell zu ermüden. Das ist der Grund dass sich Menschen mit den dunklen Geheimwissenschaften beschäftigen, da sich daraus eben jene Wahrscheinlichkeiten konzentrieren lassen, die zu jeder nur erdenklichen Wirkung führen – negativ wie positiv – dem was bezeichnet wird als Schwarze und Weiße Magie. Letztendlich steht dahinter aber immer ein Streben nach Macht über andere. Wie aber will man sie gewinnen, wenn man nicht einmal Macht über das eigene Triebverhalten gewonnen hat und sich ermächtigte jene venusische Klipa Nogah vollkommen zu kontrollieren?

Wer sich trotzdem auf diesem schmalen Grat fortbewegt, ist angewiesen ganz und gar präzise Handlungen auszuführen. Wer nur ausprobiert bringt sich in Gefahr, denn in seinem Hochmut vergisst er leicht jenen tiefen Schlund des finsteren Abgrunds, der sich unter ihm immer weiter öffnet. Wer in Unwissenheit zur eigenen Bereicherung handelt, ist bereits verloren.

In den Irrgärten ewiger Nacht

Zu den oben angedeuteten Geheimwissenschaften, gehört ohne Zweifel auch die Alchemie: die wundersame Kunst die dem Menschen helfen soll (oder auch kann) chemische Elemente in einander umzuwandeln (Blei in Gold), Krankheiten zu heilen oder gar Menschenleben zu verlängern.

Doch dieser berüchtigten Wissenschaft haftet auch ein esoterischer Zug an, der sich weniger der Materie, als eher dem Seeleleben zuwendet. Alchemie ist die Erforschung jenes »Hintereingangs« von dem oben die Rede war. Daran ist eigentlich auch nichts Verwerfliches. So aber wie sich da eine Pforte aus der Seele heraus, hin zum Göttlichen eröffnen lässt, gibt es auch eine, die in die finsteren Schlacken der Unterwelt führt. Nichts aber von dem was sich dort befindet, könnte man »erhaben« nennen. Es gleicht eher einer Jauchegrube, wo aus den Faulgasen negativer Gedanken und Handlungen, etwas aufsteigt, das manche tatsächlich für Spiritualität halten.

Die Waage der Maat in der Szene aus dem alt-ägyptischen Totengericht, Illustration aus dem Totenbuch des Hunefer – ewigeweisheit.de

Die Waage der Maat in der Szene aus dem alt-ägyptischen Totengericht, Illustration aus dem Totenbuch des Hunefer (um 1275 v. Chr.). Anubis, Führer in der Totenwelt wiegt das Herz (links) des Verstorbenen gegen die Feder der Maat (rechts). Die Jenseitsgöttin Ammit (rechts) wacht über den Vorgang.

Die in diese Richtung geöffnete Pforte, gleicht einer getarnten Falltür. Wer dort hineinfällt, stirbt an diesem Abgrund für immer und ohne Wiederkehr. Sein Herz nämlich wiegt dort schwerer als die Feder der Maat, jenem alt-ägyptischen Symbol wahrer Gerechtigkeit. Dort verschlingt ihn Ammit, die Jenseitsgöttin des Totengerichts. Und von da an fristet er in diesem Abgrund ohne Wiederkehr, einer riesigen Grube in der sich die Überreste aller verlorenen Seelen befinden. Es ähnelt wohl jener tiefsten Hölle von der in Dantes Inferno die Rede ist. Ein Gefängnis der von Gott ausgeschlossenen Seelen, die dort bis zum jüngsten Tage fristen.

Ebenso aber wie sich Engel und Heilige den Seelen der Himmlischen zuneigen, entsprechend herrschen in diesem Abgrund dämonische Gebieter des Grauens. Alles was einem Schwarzmagier dann noch an Erhabenheit bleibt, ist einzig das Teuflische. Das könnten die Folgen des Strebens sein, solche Dämonen zu egoistischen Zwecke angerufen zu haben. Wer sich den Tiefen jenes Abgrunds zuneigt, macht sich zum Sklaven des Satan und seinen verkümmerten aber grausamen Sendboten.

Eine Seele die an Schwarzer Magie (auch weißer Magie?) Gefallen findet, begibt sich in die Gemäuer dieser Schattenwelten, die erfüllt sind von Gier, Neid, Hass, Boshaftigkeit und Rachsucht und was sonst noch jemals an Zwietracht zwischen Menschen gesät wurde. Eine solche Seele sucht das Böse um seiner selbst willen – weiß in Wirklichkeit aber nichts davon.

Umkehr auf den Pfaden inneren Lichts

Wer Verstand besitzt neigt sich daher jenen Pforten zu, die seiner Seele erlauben sich auch Gott zuzuwenden. Auch wenn der Weg dorthin steinig ist, einem große Mühen bereitet und scheinbar kein Ende nimmt, wird sich einem schließlich doch jener Eingang zum Höchsten eröffnen.

Bei alle dem muss aber auch gesagt sein, dass jene höllischen Tiefen, von denen zuvor die Rede war, ebenso unantastbar sind wie die himmlischen Höhen, auf die oben hingedeutet wurde. Es sind eben keine Orte in Raum und Zeit. Doch liegt darin nicht ein Widerspruch? Vielleicht liefert das dritte hermetische Axiom darauf eine Antwort:

Alles ist zweifach, alles hat Pole, alles hat seine Paare von Gegensätzen, gleich und ungleich sind dasselbe. Gegensätze sind von Natur aus identisch, jedoch verschieden im Grad. Extreme berühren sich. Alle Wahrheiten sind nur Halbwahrheiten. Alle Widersprüche können miteinander in Einklang gebracht werden.

Wer erkennt, dass jene symbolische Tür, die sich nach oben hin öffnet, auf den Pfad zur Befreiung und Zufriedenheit der Seele führt, wird sich gewiss von allem Dunkel magischer Geheimwissenschaft lossagen.

Im Beschreiten jenes Lichtpfades bewegt sich der Sucher jenseits von Magie, Weissagung, Hellsicht oder dem Austausch mit Geistern und Dämonen. Er sehnt sich nicht mehr nach den sagenhaften Mächten eines Magiers, die man sich im Ausführen besonderer Rituale zu gewinnen erhofft. Vielmehr geht es um ein Begehren jener Heiligkeit, wo sich die Seele am übersprudelnden Brunnen göttlicher Wonnen labt. Hier ist alle Komplexität überwunden, sind aller Prunk und Unmäßigkeit passé. Ein Rückzug aus alltäglichem Wunschdenken und eigennützigem Handeln in dieser Welt findet hier ein Ende.

Es sind keine äußeren, profanen Sehnsüchte die der Seele Genugtuung versprechen. Sicher fühlt sich eher, wessen Suche sich bewusst auf die inneren Pfade des Seelenlebens konzentriert. Darum dürfte es nur logisch erscheinen, dass wir nach Gott eigentlich in uns suchen sollten. Wer sich seinem Selbst auf nämlich diese Weise nähert, hat gar kein Bedürfnis mehr sich den Dingen im Außen ermächtigen zu wollen. Eher erwächst damit ein Streben nach dem, was sich ihm im Innersten seiner Seele offenbart und ihn leitet, den Zweck seines eigenen Daseins auf Erden zu finden.

 

Titelfoto: Jens Lelie

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Vom Streben der Sufis nach innerer Gotterfahrung

von S. Levent Oezkan

Die Sufis - ewigeweisheit.de

Das unterscheidet die Anhänger der profanen Religionen von den Mystikern: Judentum, Christentum, Islam gehen grundsätzlich nicht davon aus, dass ein Eins-Werden mit Gott möglich ist. Die Mystiker des Sufismus aber glauben sehr wohl, dass der Mensch nicht für immer Gott "nur" gegenübersteht, sondern tatsächlich eine Einheit in Gott erfahren kann.

Für profane Gläubige ist eine solche Vorstellung ganz unmöglich, wenn nicht sogar Gotteslästerung. Ähnlich den sufistischen Vorstellungen, erstrebten im Mittelalter auch christliche Mystiker ein solches Einswerden mit Gott. Viele von ihnen aber wurden von der Inquisition verdächtigt und verfolgt. Diese Rolle scheint heute der radikalisierte Islam übernommen zu haben.

Zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert entwickelte die Sufi-Bewegung einflussreiche Glaubensstrukturen, die neben den islamischen Gesetzesschulen existierten und diese teils stark beeinflusste.

Sufis besitzen ihre eigene Theologie und eigenen Frömmigkeitsformen, die sie in ihren Begegnungszentren pflegen, den Dargas (auch "Tekke" genannt).

Vielen Menschen im Westen fehlt heute der Zugang zum Islam. Sicher trugen dazu solche Ereignisse bei, wie der 11. September 2001 und der gegenwärtige, sogenannte "Islamistische Terror". Unter Sufismus verstehen viele aber einen moderaten Islam, der wegen seiner mystischen Elemente, insbesondere für spirituell Suchende recht interessant erscheint.

Der Begriff Dschihad, ruft bei den meisten Menschen Assoziationen von Angst und Gewalt in Erinnerung, wobei in Wirklichkeit dieses arabische Wort nicht auf Waffengewalt deutet, sondern auf die Anstrengung des Einzelnen, auf dem Weg zur ultimativen Gotterfahrung. So aber ist es mit Wörtern: sie werden oft nur als Hülsen verwendet, um sie mit irreführenden Inhalten zu stopfen. Insofern aber, verfügen auch die Sufis über eine sehr starke "Waffe" - wie es einmal der pakistanische Friedensforscher Syed Qamar Afzal Rizwi formulierte - und diese Waffe ist die Liebe.

Mystik der Sufis

Wenn jemand das Wort "Sufi" oder "Sufismus" gebraucht, verweist er damit auf die Mystiker im Islam. Was aber ist ein Mystiker? Etwas "Mystisches" ist ja etwas Rätselhaftes, Seltsames - vielleicht sogar Irrationales? Das Wort "Mystik" ist griechischen Ursprungs und verweist auf die zentrale Haltung der Mystiker: sie nämlich, verschließen ihren Mund, griechisch myein, da sie mit Uneingeweihten nicht über die Geheimnisse ihrer Tradition sprechen. 

Somit ist der Sufi, als islamischer Mystiker, eigentlich jemand, der sich ausschweigt über die Geheimnisse seines Glaubens, seiner Spiritualität und der Lehren seiner Schule. "Profane Ohren" gehen die Geheimnisse der Sufis nichts an. Es geht hier aber nicht etwa um Geheimniskrämerei, was manche Verschwörungstheoretiker oft ja auch den Bruderschaften der Freimaurer unterstellen. Eher hat das Schweigen einen viel triftigeren Grund: manche Geheimnisse zu erfahren, würden einem Nicht-Eingeweihten einfach nur schaden. Das Verschwiegenheitsgebot dient also dem inneren Heil des Uneingeweihten. Schließlich lassen sich die in den inneren Zirkeln der Sufi-Bruderschaften gemachten Erfahrungen, auch gar nicht intellektuell erfassen. Darum können sie auch nicht erzählt werden. 

Wenn der Sufi-Scheich einen Neophyten in die Geheimnisse seines Ordens einweiht, vermittelt er ihm eine unmittelbar intuitive Erfahrung. Für die Sufis ist das die Einheitserfahrung mit Gott. Erkenntnis und Weisheit, Licht und Liebe: das sind Erfahrungswerte die man nur gewinnen, jedoch nicht intellektuell erklären kann. Eine Erfahrung jemandem zu erklären, der sie noch nicht gemacht hat, wäre ebenso umständlich, wie als wollte man jemanden den Unterschied zwischen Zuckerwasser und Honig erklären. Wer vom Honig aber kostet: was bedarf es da noch einer Erklärung?

Entsagung im Sufitum

Mystik und Asketentum liegen nahe beieinander. Die frühen Sufis zeichneten sich dadurch aus, dass sie grobe Wollgewänder trugen. Daher auch ihr Name: Suf ist der arabische Name für die Wolle. Das arabische Wort für Mystik ist Tasawwuf, was wörtlich meint "sich in Wolle kleiden". Jene Wollgewand tragenden Asketen waren oft auch Sufis, die wegen ihrer eigenartigen Philosophie und teils besonderen islamischen Frömmigkeit auffielen. Seit den Anfängen des Islam (7. Jahrhunder), gab es Sufis. Die ersten unter ihnen waren vielleicht ersten Anhänger Mohammeds (as), die eine enge Liebe zu Gott verspürten und eine mystische Vereinigung mit ihm anstrebten. Ihnen war der islamische Prophet ein Vorbild, gar die Verkörperung, für diese Liebe in Gott.

Die ursprünglichen Einflüsse des Sufismus, sind aber viel älter als der Islam. Man kann sagen, dass verschiedene Hauptströmungen die spätere Geschichte des Sufismus beeinflussten. Das war neuplatonisches Gedankengut von der göttlichen Einheit und dem Wesen der Seele. Das Eremitentum christlicher Mönche, sollte die Sufis ebenso beeinflussen, wie jene buddhistische Asketen, deren Meditations- und Atemtechniken, die Sufis in ihre Tradition integrierten. Auch Einflüsse der Schamanen, mit denen besondere naturmystische Bräuche und Sitten überliefert wurden, findet man im Sufismus.

Generell kann man sagen, dass die Ursprünge des Sufismus gewiss auch im islamischen Asketentum wurzeln. Nicht zufällig eben tragen Sufis das grobe Wolltuch, die Kleidung der armen Leute. Daher auch der persische Name "Derwisch", was einen armen Menschen ohne Besitz bezeichnet.

Sufis waren immer auch Leute, die mit ihrer Art provozierten. Vielleicht würde man heute von "Aussteigern" sprechen, die die bestehende Gesellschaft verachtete, die aber aktive Kämpfer für den wahren Glauben wurden (Dschihad). Doch nicht etwa im Sinne militanten Handelns (wenngleich in der Geschichte auch davon berichtet wird), als vielmehr Schwärmern, die vor Gottes Drohung und Zorn in Gottes Schutz und Arme flohen.

Anders als durchschnittliche Muslime praktizierten die ersten Sufis fromme Entsagung. Sie ordneten sich den Gesetzen Gottes unter und legten höchsten Wert auf Frömmigkeit und sakrale Reinheit. Dieses Streben ergab sich in der Zeit des Kalifats der Umayyaden, Anfang des 8. Jhd. Man stellte sich aktiv gegen die damals in der arabischen Welt zunehmende Verweltlichung und sah im Wunsch nach Luxus nur einen allgemeinen Sittenverfall. Vielen war Vorbild Al-Hasan Al-Basri (gestorben 728) - ein arabischer Asket, der ein schlichtes, doch rechtschaffenes Leben im Dienste Allahs anstrebte. Was er und seine Anhänger suchten, war allein der Wunsch in Gott aufgehoben zu sein - etwas, dass natürlich nur durch Selbstverleugnung zu erzielen ist.

Vom Wunsch die Freundschaft Gottes zu erlangen

Mystik ist jedoch mehr als Asketentum und Selbstverleugnung. Ein Mystiker ist einer, der bewusst nach der inneren Erfahrung göttlicher Wirklichkeit strebt. Doch eigentlich müssen wir gar nicht unterscheiden zwischen Asket und Mystiker, bejahen schließlich beide eine Abkehr vom Weltlichen. Das heißt, dass die Sufis immer versuchen, sich im Innern, teilweise aus der menschlichen Gesellschaft loszulösen und zu befreien. Askese ist dabei nur eine Übung, nur eine Station auf dem Weg. Es geht den Derwischen vor allem um die Inneneinkehr, mit dem Ziel eine unmittelbare Einheit in Gott zu erlangen, ein Freund Gottes zu werden. Daher der Name für die Sufis: Auliya Allah - die Gottesfreunde.

Dichtung und Musik sind ganz essentielle Bestandteile der mystischen Praxis der Derwische. In den Kreistänzen der Mevlevi-Derwische (aus dem türkischen Konya), dem Semâ, bringen sich die Tänzer in Extase, vergessen sich selbst und versuchen so, ihr Ich im unermesslichen Absoluten Allahs aufzulösen und damit Eins zu werden.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist das Gedenken Gottes - Dhikr Allah: Mittel zur Erlangung ekstatischer Zustände. Darin werden rhythmisch, litaneienhaft Gott und seine 99 Namen angerufen. Auch bestimmte Formeln aus dem Koran sind dabei relevant. Insbesondere aber die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis:

La ilaha illa llahu - لا إله إلا الله - Es gibt keinen Gott außer Gott!

Bei all ihrer Praxis ist Vorbild der Prophet Mohammed (as), als ein Mensch der erfüllt ist von Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Mitleid und Erbarmen. Kein anderer wie er, so die Derwische, hatte die Vertrautheit mit Gott erreicht. Wer darum versucht den Lebensweg Mohammeds (as) nachzuahmen, der wird als Sufi fähig sein, auch selbst eine ähnliche Vertrautheit mit Allah zu erlangen. Kurz: der Pfad des Sufi führt vom islamischen Gesetz Scharia auf dem mystischen Weg Tariqa zur göttlichen Wahrheit Haqiqa. Diese göttliche Wahrheit als wirklichste Wirklichkeit kann erfahren, wer den praktischen Pfad des Sufismus beschreitet. Das ist die beständige Arbeit an sich selbst unter Führung eines Meisters (Sheikh), wie auch die direkte persönliche Erfahrung Gottes. Statt rationalen Lehren und Aneignung von Wissen, streben die Sufis eine praktische Seelenführung an.

Vielleicht ist das der Grund, wieso viele Sufis mit dem Konzept der Philosophie, wie etwa der der Hellenen, nichts wirklich anfangen können. Vielmehr versuchen sie die Wege ihres Herzens zu ergründen und statt Nachdenken, durch Innenschau Erkenntnis zu erlangen. Insofern wäre es falsch zu sagen, Sufismus sei islamische Philosophie, wie manche behaupten. Vielmehr ist Ziel des Sufismus, seine Anhänger gleichzeitig zu Gelehrten wie auch Seelenführern zu machen. Sufis wollen ihren Mitmenschen durch ihre religiösen Kenntnisse, spirituellen Einsichten und mystische Erfahrung, eine philanthropische, menschenfreundliche Ethik vermitteln.

Sufistische Mystik entwickelte sich nicht etwa parallel oder ohne den geistigen Überbau des Korans. Die Sufis sehen sich als geistige Erben des Propheten Mohammed (as), der die Strophen des Koran ja direkt von Allah empfing.

Wort des Koran

Wer im heiligen Buch der Muslime schon einmal gelesen hat, dem fällt auf, wie unerbitterlich die Verse dieses Buches, den Mensch zu einem rechtschaffenen, gottergebenen Leben ermahnen. Goethe schrieb dazu in seinem West-östlichen Divan:

Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben; so treibt ein Keil den andern, und darf sich niemand über die große Wirksamkeit des Buches verwundern. Weshalb es denn auch von den echten Verehrern für unerschaffen und mit Gott gleich ewig erklärt wurde.

Und ja: der Koran zeichnet sich definitiv durch seine Strenge und Schärfe aus. Doch die Sufis sagen, dass man den Koran nicht allein mit den Augen des Kopfes, sondern mit dem "Auge des Herzens" lesen soll. So kann einer die innere Natur dieses heiligen Buches erfassen. Damit wird der Koran anders gelesen, und lässt sich tolerant und friedlich auslegen - was für Muslime heute wichtiger ist als denn je.

Liebe der Sufis

Was echte Mystik vom Asketentum unterscheidet, ist, was die Sufis unter wahrer Liebe verstehen. So gilt die Vereinigung mit Gott, den Mystikern als höchstes Ziel, während das Asketentum die Traurigkeit des Verzichts prägt und oft wohl plagt. Dschallaladin Rumi sagt:

Sufismus ist Freude finden im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt.

In diesem mystischen Herzen Qalb, stehen die niederen Aspekte der Triebseele Nafs, mit dem Intellekt Ruh, im Widerspruch. So ist das mystische Herz für die Sufis in einem ständigen Konflikt, was sich verschlimmert, wenn jenes Auge des Herzens, von dem oben die Rede war, blind bleibt. Wie auf einem Schlachtfeld kämpfen die Triebe gegen den Intellekt, in diesem mystischen Herzen.

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Der Sufi Dschallaladin Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote (5000 Lira). Rechts im Bild die Blaue Moschee in Konya - Ort der tanzenden Mevlevi-Derwische.

Die Mystiker des Sufismus sehen im Herzen den Ursprung gewollten Handelns, wie auch alle aus Intuition geborenen Handlungen.

Aus Qalb, das wie im Vedanta das Anahata-Chakra, auch im Sufismus, als feinstoffliches Herz erkannt wird, strömt, was die Sufis Ishq nennen - göttliche Liebe. Das Wort taucht als solches im Koran nicht auf, doch geht das Buch auf andere Weise ein auf den Aspekt der Liebe. Eher spricht der Koran von Hubb, der Zuneigung oder Ashaq, was bedeutet an etwas festzuhalten, so wie sich der Efeu am Gemäuer hält, den die Araber Ashaqa nennen. Da die Wörter der arabischen Sprache nun auf den sogenannten Wortwurzeln basieren, sind Ashaq, das Festhalten, und Ishq, die Liebe, natürlich miteinander verwandt. 

Ishq bezieht sich auf den unwiderstehlichen Wunsch von der Liebe Gottes Besitz zu ergreifen, ausgedrückt in der Schwäche des Liebenden Ashiq, der nur durch die Erwiderung seiner Liebe geheilt werden kann, um damit Vollkommenheit Kamal zu erlangen.

Gewiss erinnert dieses Liebesbestreben der Sufis, an jene Liebesmystik und Poesie der mittelalterlichen Troubardoure Frankreichs und Spaniens (11. Jhd). Für sie war Liebe ein Begriff wahrhaft kultivierten Umgangs von Menschen edler Gesinnung, wie man sie etwa in den Legenden der Artusritter oder der Gralslegende findet. Wohl nicht ganz zufällig tauchte Ende des 11. Jhd. im maurischen Spanien, eine ganz wichtige Sufi-Abhandlung über Liebe auf, die aus der Feder des Sufi Said Ibn Hazm (994-1064) stammte: Das Halsband der Taube - ein Gedicht von der Liebe und den Liebenden, geschrieben 1022, fast tausend Jahre vor unserer Zeit.

Als Liebe galt Said Ibn Hazm allein die Verbindung der Seelen: sowohl zwischen zwei verliebten Menschen, wie auch der Liebe eines Sufi zu Gott. Damit verwies er auf folgenden Koranvers:

Er ist es, der euch aus einer Seele erschaffen hat

- Sure 4:1

Die Liebe die Ibn Hazm in seiner Poesie beschreibt, scheint uns heute vielleicht befremdlich. Doch wie ja auch der Minnesang der mittelalterlichen Troubardoure, meinte Ibn Hazm eine andere Art Liebe, als was man darunter heute vielleicht versteht:

Ich möchte, dass ein Schwert zerteilt
Mir meines Herzens Schrein,
Dass man ihn erfüllt mit dir und ihn dann
Verschließt im Busen mein.

Dann weiltest du in ihm und schlügest
Sonst nirgendwo dein Zelt auf,
Bis aus dem Grab erstanden und
Die Welt gerichtet ist.

Du lebst in ihm, solang ich bin.
Und wenn der Tod mich ruft,
Wohnst du in des Herzens Tiefe
Im Dunkel meiner Gruft.

 

- Aus dem "Halsband der Taube" des Ibn Hazm

Rumi auf der Rückseite einer alten türkischen Banknote – ewigeweisheit.de

Abbildung einer Handschrift Ibn Hazms Werk "Halsband der Taube" (Universitätsbibliothek Leiden, Niederlande).

Drei Formen wahrer Liebe

Es gibt drei Formen der Liebe bei den Sufis. Zuerst wäre da die Ishq-e-Majazi, was sich als metaphorische Lieben übersetzen ließe. Der Sufi bezieht sich hier auf die Liebe zur göttlichen Schöpfung, wie auch die Liebe zwischen zwei Menschen - etwas dass mit der äußeren Schönheit eines Menschen zu tun hat und darum auch mit körperlichen Verlangen zum anderen. Das aber widerspricht ja, wenn wir zu Anfangs gesagt haben, dass eine "metaphorische Liebe" gemeint ist. Es ist eben die verallgemeinerte Weise des Verständnisses, die auf diesen Aspekt der Liebe verweist. Eigentlich aber soll die Isha-e-Majazi als Liebe, zu Mohammed (as) führen und über seine Segenskraft Baraka, schließlich zu Gott. Somit ist sie eine transformierte Form der Liebe, zu etwas Höherem, Vollkommenerem.

Damit wird die wahre Liebe zu Mohammed (as) erzielt, die man Ishq-e-Rasul nennt. Alles was in der Schöpfung existiert, so die Sufis, dient seinem Schöpfer, das heißt Allah. Daher der Glaube der Sufis, dass alle Seelen der Schöpfung, der Seele Mohammeds (as) ähneln. Drum will die geläuterte Seele des Liebenden zu ihm zurückkehren, was er erfährt, indem für ihn alle Attribute Allahs in Mohammed (as) widerscheinen.

Die Ishq-e Haqiqi ist das, was die Sufis die "Wahre Liebe" nennen, Bezug nehmend darauf, dass nur Gott wahrer Liebe wert ist. Nur Allah kann diese Liebe zu ihm erwidern. Es ist eine reine Liebe des Herzens. Nur dort kann sie vom wahren Gottsucher empfunden werden. Dort sieht sie der Sufi mit dem Auge des Herzens - etwas das dem Tier fehlt.

 

In allen diesen drei Formen der Liebe zum Absoluten, unterscheidet sich Mystik vom Asketentum. Es ist nicht der Verzicht, der den Mystiker ausmacht, sondern sein Wunsch die Liebe in der Vereinigung mit Gott zu erfahren.

Doch diese Gotterfahrung lässt sich nur schwer in Worte kleiden. Liebe muss erlebt, muss erfahren werden. Sie führt den Liebenden zum Geliebten, dass er mit ihm eins werde. Es ist wie mit dem Nachtfalter: bis zum Sonnenaufgang fliegt er um das offene Licht des Feuers und hält es für die Sonne. Jede Nacht wiederholt er dieses Trauerspiel, will der Lichtquelle näher kommen, doch versengt sich nur die Flügel. Doch jede Nacht verliebt er sich mehr in die Schönheit dessen, was er für die Sonne hält. Er kehrt zurück zu den Seinen, um ihnen von dieser Schönheit zu berichten. Und sie folgen ihm. 

Dann, am folgenden Abend wartet der Falter bis Sonnenuntergang und wünscht sich nichts mehr, als völlig in das Licht des Feuers einzugehen - fliegt in die Flamme und wird mit ihr eins.

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Intuition und Kosmisches Bewusstsein

von S. Levent Oezkan

Wo immer der Blick des Mystikers hinfällt: er kommuniziert mit allen Dingen und allen Wesen. Er lebt vollbewusst in der Gegenwart und schaut mit geistigem Auge in die Seelen der Menschen. Diesem Schauen eröffnen sich die Geheimnisse des Lebens. Vor seinem Blick fallen die Schleier - nichts versucht sich ihm zu verschließen.

Der Mystiker kennt die geistigen Quellen unserer materiellen Welt. Er schaut, was sich jenseits dieser irdischen Ebene befindet. Diese geistige Schau erfolgt mit dem "Auge des Herzens". Was er wahrnimmt, lässt sich nicht in Worte hüllen. Vielmehr fließt ihm das Licht höherer Welten zu. Durch ihn kommt dieses Licht in die irdische Welt zum Wohle aller. Der Mystiker ist ein Künstler, der, was ihm aus der geistigen Welt zuströmt, den Bedürftigen in dieser Welt gibt was sie brauchen. Er gibt Himmlisches dem Irdischen bei.

Ein wahrer Mystiker tratscht nicht rum, was er in der Welt oder an anderen sieht, was jemanden bewegt, besorgt oder erfreut. Daran erkennt man einen weisen Menschen: er muss sich nicht die Angelegenheiten anderer Menschen zu eigen machen, um damit seine Person aufzuwerten. Dem Mystiker ist einfach nicht möglich über das zu reden was er wahrnimmt, denn was auch immer gesagt werden könnte, ist eben keine Mystik; was immer man in Worten ausdrücken könnte, verkleinert das, was Mystik tatsächlich ist. Geschriebene oder gesprochene Worte halten die Wirklichkeit fest. Mystik heißt: werden - und streng genommen nicht etwas, wovon man hören oder lesen kann. Alles was aufgeschrieben wurde, alles was mit Worten beschrieben wird, kommt aus der Vergangenheit. Es sind also Beschreibungen dessen, was menschlicher Sinn vernommen hat. Der Mystiker versucht darum Mund und Augen zu verschließen. Er blickt mit seinen nicht-physischen Organ in die geistige Welt, sieht in die Dinge hinein, schaut sie unmittelbar an (lat. intuitio).

Das ganze Werk unseres Lebens zielt darauf hin, die Augen unseres Herzens zu heilen, so dass sie fähig werden, Gott zu schauen.

- Augustinus

Der Mystiker hat sein inneres Auge geheilt, sein Herzen von weltlicher Begierde entkleidet. Nicht dass er dabei besonders ambitioniert war. Statt dessen gibt er sich in intuitiver Versenkung dem Sein einer Sache hin - einem Lebewesen oder einer kosmischen Struktur.

Der schwedische Wissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg - ewigeweisheit.de

Der schwedische Wissenschaftler und Mystiker Emanuel Swedenborg (1688-1772). Portrait von Per Krafft dem Älteren.

Wort und Offenbarung

Ist die Sprache der heiligen Schriften nur eine Hülle der Wahrheit? Oder sind die biblischen Worte als Ganzes, und in ihren Einzelheiten göttlich?

Worte die gegenwärtige Ereignisse schildern, sind nicht das Selbe wie heilige Worte die aus der geistigen Welt stammen. Solche Worte bezeichnen das Wahre. Sie werden aus der universalen Einheit geführt und nicht durch den Willen eines Menschen. Die Worte etwa, die wir im Buch der Weisheit König Salomos oder in den Psalmen Davids lesen, enthalten eine heilige Kraft, geben Führung. Das gilt auch für die christlichen Evangelien, die indischen Upanischaden, die Verse des Koran oder die Worte des Tao-Te-Ging. Sie waren nicht die Worte ihrer Verfasser, sondern wurden inspiriert aus der geistigen Welt. Sie sprach durch sie; nur durch einen "erleuchteten Empfänger" konnten sie schriftlich niedergelegt werden.

Das Wort (Gottes) wird nur von Erleuchteten verstanden. Die menschliche Vernunft kann nichts Göttliches, nicht einmal Geistiges erfassen, wenn sie nicht vom Herrn erleuchtet wird. Daher verstehen nur Erleuchtete das Wort. Der Herr ermöglicht denen, die erleuchtet sind, das Wahre zu verstehen und zu erkennen, was sich zu widersprechen scheint. Das Wort stimmt im Buchstabensinn nicht immer mit sich selbst überein und scheint mitunter sich zu widersprechen. Es kann darum von Menschen, die nicht erleuchtet sind, so erklärt und gedreht werden, so dass sich beliebige Meinungen und Irrlehren begründen und beliebige weltliche und körperliche Neigungen begünstigen lassen. Aus dem Worte erleuchtet werden diejenigen, die es aus Liebe zum Wahren und Guten lesen, nicht aber die, die dies aus Liebe zu Ruhm, Gewinn oder Ehre tun, also aus Liebe zu sich selbst.

- Aus Emanuel Swedenborg: Das Weiße Pferd

Im Anfang war Gott allein

Wer Intuition entwickeln möchte, sollte sich eine Zeit lang aus dem alltäglichen Leben zurückziehen und in die Abgeschiedenheit begeben. Nur in Stille kann man den nötigen Sanftmut entwickeln, den jede Form von Intuition voraussetzt. Diese Stille ist notwendig, um uns den geistigen Einflüssen anderer Menschen zu entziehen. Orte der Stille gibt es vielerorts - man muss sie nur suchen. Jetzt mag einer sagen: "ich habe keine Zeit mich aus dem Leben zu entfernen oder mich in die Stille zu begeben." Ja, das ist in unserer heutigen, schnellebigen Zeit ein Problem. Was aber tun die Menschen, neben ihrem Broterwerb? Sie lesen in ihrem Smartphone, schauen fern oder verschwenden ihre Zeit daran, über die Angelegenheiten anderer oder die Nachrichten im Fernsehen zu reden. Authentische Menschen meiden solches Geschwätz. Ihnen erscheint es sinnlos die neusten Skandale im Freundeskreis oder in der Welt zu diskutieren. Ihnen liegen Themen mit Substanz!

Genies sprechen über ihre Vorstellungen; durchschnittlich Intellektuelle diskutieren Ereignisse; Kleingeister sprechen über andere Menschen.

- Eleanor Roosevelt, amerikanische Menschenrechtsaktivistin

Klar, man muss sich mal über andere austauschen. Wer aber eine gute Intuition entwickelt (hat), kann über Dinge Urteilen, auch ohne sich über die Meinungen anderer zu erkundigen. Meinungen sind nur Vermutungen über das Außen, denn etwas zu meinen, heißt nicht zu wissen. Intuition ist aber innere Gewissheit! Unser Unterbewusstsein ist oft über die Dinge wohl informiert - wenn da nicht unsere Vernunft dazwischen funkte!

Intuition hat keine Zeit

Intuition ist die Fähigkeit unvorhersehbare Situationen zu erspüren. Auf der anderen Seite versucht unsere Vernunft die Welt zu bewerten, abzuwägen und aus ihr eine Sache zu machen. Naturphänomene erscheinen dem Vernunftmenschen einfach nur als Sinnesobjekte, die ihr Verstand logisch einzuordnen sucht. Quantenphysiker wissen, dass im feinstofflichen Bereich die Gesetze der Logik verwischen, sie werden "unscharf" und wahre Aussagen über die Wirklichkeit sind dann nicht mehr möglich. Nur mit dem Feingefühl unserer Intuition können wir in der Unordnung komplexer Gegebenheiten, klar sehen. Entscheidungen werden spontan gefällt. Je weniger Zeit da ist, desto intuitiver müssen Entscheidungen getroffen werden.

Wir sollten uns angewöhnen, den ersten intuitiven Eindruck den wir bekommen, abzufangen, bevor er durch unsere Vernunft in Frage gestellt wird. Wir können auch hinterher noch vernünftig sein. Bevor unsere Vernunft das Bewusstsein erreicht, sollten wir ihr die Intuition vorwegnehmen. Es macht darum unbedingt Sinn die Argumente unserer Vernunft immer wieder in Frage zu stellen. Leider ist unsere Vernunft oft wie ein sturer Kontrolleur, der unseren natürlichen Wahrnehmungsfluss unterbricht. Auch Wissenschaftler wissen das. Intuition ist ein stilles Wissen, unbegrenzt und frei von logischen Schranken. Intuition überbietet ständig das Wissen unserer Vernunft - denn Wissen ist an die Sprache gebunden. Intuition aber ist "sprach-los". Sie versucht nicht zu be-schreiben. Wo Sprache einsetzt, da können Zweifel beginnen und wo Zweifel ist, da entsteht Auswahl. Wo es aber keine Wahl gibt, dort zählt nur die Tat!

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer - ewigeweisheit.de

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Radierung von Francisco Goya (1746–1828).

Wie man Ein-Bildungen durch Vor-Stellungen ersetzt

Je komplexer eine Entscheidung, desto mehr sollte man seiner Intuition vertrauen. Mit der Zeit entwickelt der Mystiker die Fähigkeit kreativ zu denken. Er wird nach und nach zum Schöpfer seiner Vorstellungen. Die hierzu nötige Energie bezieht er über das Vehikel seiner Individualität, die er nur durch Innenschau festigen kann. Er sieht die Dinge wie sie sind – ohne das sie verfälscht werden oder von der Wahrheit abweichen. Intuition ist die Voraussetzung für unsere Vorstellungskraft - die Imagination. Einbildung ist genau das Gegenteil davon. Wie schon der Begriff sagt, man bildet sich etwas ein: es ist eine Verstandessache, denn man sucht Bilder im Außen, um ihnen im Innern weitere Bilder beizustellen (die im Übrigen ebenso äußerlich sind). Sich etwas vorstellen bedeutet, darauf zu achten, was vor unserem inneren Auge abläuft. Wer sich Dinge einbildet und für wahr hält, der hat sich von der Quelle seiner Intuition entfernt. Zufällig imaginierte, eingebildete Dinge täuschen uns darüber hinweg was real ist. Um Intuition zu entwickeln braucht man einen Sinn für Authentizität. Das heißt: wer authentisch ist, setzt niemals die Wahrheit aufs Spiel oder versucht einen Mittelweg zwischen Falschem und Richtigem zu finden.

Unser Gehirn: Empfänger und Sender

Äußere Reize bestimmen heute unseren Alltag. Viele Kinder sehen bestimmte Dinge zuerst als Fernseh- oder Computerbild, bevor es ihnen in der Wirklichkeit begegnet und sie den Umgang damit lernen können. Damit werden nicht nur die rationalen Gehirnfunktionen unterbeansprucht; besonders intuitives und kreatives Denken geraten ins Hintertreffen. Kreative, schöpferische Fähigkeiten gehören zum Menschsein aber dazu. Kreativität ist immer eine Tat, während äußere Sinnesreize bestenfalls der Befriedigung unserer Wünsche genügen, sie aber keineswegs endgültig stillen. Zudem verwirrt uns der zunehmende Fluss an wertlosen Informationen. Je mehr sich davon in unserem Geist befindet, desto unsicherer werden wir hinsichtlich unserer Intuition.

Durch Grübeln schränken wir unsere Aufnahmefähigkeit ein. Wer ständig analysiert, kann kaum neue Eindrücke gewinnen – weder äußere noch innere Impulse wahrnehmen. Wer seinen Kopf der Gedanken jedoch entledigt, wird empfänglich, kann Einfühlungsvermögen und Intuition entwickeln. Intuition stammt nicht aus dem persönlichen Wissenszentrum. Vielmehr eröffnet sich dem Intuitiven, Zugriff auf universales Wissen und die Kenntnis basaler Zusammenhänge. So weit wir in die Ferne vordringen können, ebenso tief können wir in unser eigenes, inneres Bewusstsein vordringen – grenzenlos! Intuitive Menschen bewegen sich jenseits ihres Bewusstseins. Sie können universales Bewusstsein in ihre Wahrnehmung aufnehmen – sich in einen Schwebezustand zwischen innerer und äußerer Wahrnehmung begeben. Ein Teil unseres Gehirns arbeitet produktiv, ein anderer Teil rezeptiv, ein Teil ist Sender, ein anderer Teil Empfänger. Diese wichtigen Arbeitsweisen der beiden Gehirn-Hemisphären (Gehirnhälften) unterscheiden folgende Aufgabenbereichen:

  • Die linke Hemisphäre denkt rational, digital. Hier werden logische Zusammenhänge linear aufgeschlüsselt. Es ist die Gehirnhälfte unseres mathematischen Verstands, der uns hilft Sachverhalte zu analysieren und detaillierte Strukturen in der Welt zu erkennen. Hier befindet sich unser Sprachzentrum.
  • Die rechte Hemisphäre ist intuitiv, analog. Sie ist der assoziative Teil unseres Großhirns, womit wir Musik, Farben, Bilder, Muster und Formen wahrnehmen und abspeichern. Auf dieser Seite nehmen wir die Welt ganzheitlich war. Von hier aus arbeitet unsere Kreativität, da die rechte Gehirnhälfte synthetisch denkt, zusammenfügt und neu erschafft.

Die rechte Hemisphäre steht hierarchisch aber gewissermaßen über der linken Hemisphäre. Sie stehen zueinander wie der Herrscher und sein Diener. Diese Metapher ist folgender Fabel entlehnt:

Es war einmal ein spiritueller Meister, der sich um eine Gemeinschaft Gläubiger kümmerte. Durch sein Wirken kam es zur Hochblüte dieser Gemeinschaft, so dass er sich irgendwann nicht mehr um alle Angelegenheiten der Menschen kümmern konnte. Er konnte sich nicht nur weniger um all die Einzelfälle in seinem Reich kümmern, sondern brauchte unbedingt Hilfe. Bestimmte Arten des Denkens und Handelns waren einfach unvereinbar mit dem Versuch, den Überblick zu behalten. Er wusste, dass er nur durch die nötige Distanz spiritueller Meister dieser Gemeinschaft bleiben konnte. Also beauftragte er einen klugen und gebildeten Abgesandten, der in seinem Namen sich als Stellvertreter um die weltlichen Geschäfte kümmern sollte. Der Abgesandte dachte sich: "Ich weiß alles über die Menschen dieser Gemeinschaft". Diese Einstellung sollte sich aber als Fehler erweisen, denn er kannte nicht die wahre Bedeutung seiner Aufgabe als Abgesandter des Herrschers. Er ärgerte sich und dachte "Was weiß schon dieser Herrscher, wie er dort im Palast auf seinem Hintern sitzt? Ich bin der, der alles weiß! Ich bin der, der mit allem und jedem in Kontakt steht. Ich bin der, der all die harte Arbeit erledigt." Also zog er sich den Mantel des Meisters über, so dass alle in der Öffentlichkeit sahen, dass eigentlich er der Herrscher ist. Und so hielt er seinen Meister auch nicht mehr auf dem Laufenden, über das, was in der Gemeinschaft vor sich ging. Der Herrscher konnte also nicht mehr die wichtigen Dinge, mit in sein Wirken einbeziehen. Nach und nach ließ das einstige Gedeihen der Gesellschaft nach und alle verarmten.

Unsere Intuition (Herrscher) ist eine heilige Begabung. Unser rationaler Geist (Abgesandter) ist nur ein nützlicher Diener. Ihm wird in der modernen Gesellschaft aber übermäßige Bedeutung zugeschrieben. Die Funktion unserer linken Hemisphäre wird also überbewertet - alles Intuitive, der rechten Hemisphäre Zugehörige, wird gerne belächelt. Diese zunehmende Unausgewogenheit unserer Gehirnnutzung, spielt sicher auch eine Rolle bei der Zunahme psychischer Krankheiten und dem zunehmendem Verfall spiritueller Werte in unserer industrialisierten, modernen Gesellschaft.

Sich in andere hineinversetzen

Unsere Gehirnfunktionen werden ständig durch die Gehirnaktivität anderer Menschen angeregt und beeinflusst. Insbesondere wenn zwei Personen miteinander arbeiten, beginnen sich ihre Gehirnwellen zu synchronisieren. Auch das EEG (Elektroenzephalogramm) einer schwangeren Frau, wird durch die Gehirnwellen ihres Kindes "gefärbt" – schließlich teilen sie den selben Organismus. Eine Mutter-Kind-Beziehung besteht aus dem ständigen Sichhineinversetzen der Mutter in die, sich immer wandelnden Entwicklungsbedürfnisse, ihres heranwachsenden Kindes. Eine gute Mutter weiß darum, wenn das jugendliche Kind beginnt sich von ihr zu lösen und lässt es auch gehen.Die Mutter-Kind-Beziehung ist ein Idealbild, dass als seelisch-geistiges Modell, allen Menschen als Maßstab nützt, die lernen möchten, sich besser in andere Menschen hineinzuversetzen. Eine Mutter konzentriert sich nicht bloß auf die äußeren Erscheinungen ihres Kindes und erwägt diesbezüglich zu handeln, sondern muss sich in ihr Kleines hineinversetzen können. Die Phase vor der Geburt ist ein gutes Vorbild für das was Intuition meint: Intuition heißt, sich auf eine Innerlichkeit einer Person oder Situation zu richten. Einer intuitiven Person gelingt, das was sie im Außen wahrnimmt, in ihrem Inneren aufzunehmen und darüber zu kontemplieren. Kontemplation heißt, etwas anzusehen wie es ist und durch solche Ansicht darin sehend zu verweilen. Man nimmt auf was dabei empfunden und erkannt wird. Die Art der Empfindung des Schauenden, wird durch die Erscheinung des Beschauten geformt. Der Betrachter der z. B. über eine Rose kontempliert, sieht dann nicht nur eine Rose vor sich, sondern ist selbst die Rose, stellt sich selbst vor, ihren Duft zu verströmen und die Blüten dem strahlenden Sonnenlicht zuzuwenden. Es geht um die Betrachtung etwas Äußeren und das dadurch erkannte, im Bewusstsein des Betrachters selbst lebendig werden zu lassen. Für den Zeitraum der Betrachtung wird man Teil des Betrachteten, begreift sein Wesen von innen heraus. Man beurteilt dabei nicht was man sieht, sondern empfindet nach, was dort vor einem ist oder stattfindet. Ein intuitiver Mensch fühlt wie es ist, sein Gegenüber zu sein. So kann er Eindrücke über die Handlungen und inneren Vorgänge seiner Mitmenschen erfassen.

Wenn also dem intuitiven Betrachter gelingt, nach Innen zu schauen, kann er entsprechend seiner Vorstellungskraft die Vorgänge im Außen verstehen. Bei wem die Vernunft dazwischenfunkt und die egoistisch zentrierte Berechnung versucht zu manipulieren, dessen Wahrnehmung ist eingetrübt von allen möglichen Fantasiegebilden. Nur wer sich vom ambitioniertem Wunsch nach Beeinflussung anderer frei macht, kann stark intuitive Gefühle entwickeln. Wer nicht mehr versucht andere zu manipulieren, dem enthüllt sich der wahre Kern seiner eigenen Gefühlslandschaft. Wer noch die Unsicherheit einer anderen Person fühlt oder durch seine Vernunft bestätigt weiß, der trägt in sich selbst noch ganz viel Unsicherheit, der er sich dann unbewusst gewahr wird. Worüber man im Außen oder bei einem anderen Menschen ein Urteil fällen möchte, das hat man in Wirklichkeit in sich selbst noch nicht gelöst oder in Griff bekommen. Wenn wir tatsächlich hinter die Kulissen des menschlichen Dramas schauen wollen, darf die Wahrnehmung von Schwächen anderer, einfach keine Rolle mehr spielen. Oft steigt in vielen von uns das Gefühl des Triumphes auf, wenn wir glauben Schwächen anderer zu entlarven. Es ist das uralte Problem der Konkurrenz, das unsere Zivilisation als Ballast mit sich herumträgt. Entweder man fühlt sich überlegen oder unterlegen oder, wenn das nicht zutrifft, fürchtet man einen Rivalen. Es ist immer leichter eine Schwäche bei anderen Menschen zu entdecken, als eine Stärke - insbesondere wenn wir die Person nicht kennen.

Die Prinzessinnen Mariya Nikolayevna and Olga Nikolayevna – ewigeweisheit.de

Empathie: die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen. Gemälde von Carl Timoleon von Neff (1804–1877).

Wir sind was wir denken und denken was wir sind

Unser Denken erschafft unsere Welt. Umgekehrt wirkt die Körperbefindlichkeit zurück auf unsere Gefühle und unser Denken. Gedanken sind verschiedenartig: mal aufsteigend, mal absteigend. Sie manifestieren sich als geistige Schwingung – die sich in einer Art Gedankenfeld um uns ausbreitet. Die geistige Einstellung eines Menschen beeinflusst seine nervöse Struktur, wie auch den arteriellen Blutstrom seines Körpers. Je nachdem wie unser Denken ist, entsprechend ist der Aufbau unseres Muskel- und Nervensystem und die daraus resultierende Körperhaltung. Wie sich eine Person gibt oder aussieht, hängt darum ganz wesentlich mit ihrem Denken zusammen. Kenntnisse über Körpersprache und Mimik sind hilfreiche Werkzeuge, um die Gedanken einer Person zu verstehen. Es gibt hierzu eine Menge Material, z. B. in unserem kostenlosen Online-Kurs in Körpersprache (Dauer: 5 Wochen). Darin wird detailliert auf die Themen Körpersprache, Mimik und Physiognomie eingegangen.

Über die optische Erscheinung einer Person hinaus, kann ein Intuitiver, die Atmosphäre einer andere Person wahrnehmen. "Atmosphäre" heißt, das Gedankenfeld, die Wärme und Ausstrahlung die einen Menschen umgeben. Was wir denken, strahlen wir aus. Und diese Gedanken können manchmal sehr "laut" sein. Manche können Gedanken anderer lesen, indem sie intuitiv die visuellen Eindrücke ihrer Körpersprache wahrnehmen. Manche Menschen die über sogenannte "Psi-Kräfte" verfügen, können die Gedanken anderer auch über weite Strecken wahrnehmen. Dann spricht man von Telepathie (altgr. tele, fern, und pathos, die Erfahrung).

Da wir bei Fremden nie wissen, mit wem wir es wirklich zu tun haben, sollten wir, bei dem Versuch andere einzuschätzen, sehr vorsichtig sein. Es geht um eine sensible Ebene der Wahrnehmung, auf der immer auch unsere eigenen Gedanken zirkulieren. Man sollte seine Eindrücke die man von außen erhält, nicht mit dem verwechseln, was unterschwellig im eigenen Denken vor sich geht. Oft ist nur schwer auseinander zu halten was sich tatsächlich im Außen abspielt und welche Färbungen unsere inneren Eindrücke über das Wahrgenommene hervorrufen. Viel zu oft vermischen wir unsere Absichten und Ambitionen, mit dem was wir am anderen zu erkennen glauben. Dann projizieren wir Hoffnungen oder Ängste auf eine Person, die wir vielleicht noch nie zuvor gesehen haben.

Wer Eindrücke von verschiedenen äußerlichen Quellen aufnimmt, muss also unterscheiden lernen: was ist wichtig und was davon unwichtig. Das setzt innere Gelassenheit und Sensibilität voraus.

Reisen jenseits der Raumzeit

In die Vergangenheit zu schauen, ist, wie als blicke man aus großer Höhe in die Tiefe hinab. Ein hoch fliegender Adler erkennt jedes Detail, das sich auf dem Erdboden abspielt. In die Gegenwart zu schauen ist, als ob man den weiten Horizont überblickt. Sitzt jemand in einem Raum und schaut nach draußen, so nimmt er die äußere Realität wahr, gemäß der Größe des Fensterrahmens. Wenn er jedoch auf dem Dach des Gebäudes steht, in dem sich dieser Raum befindet, so ist seine Wahrnehmung entsprechend riesig. In die Zukunft zu blicken, ist wie in den Zenit zu schauen. Natürlich sieht man immer nur die Gegenwart – die Archetypen der Zukunft werden aber im Jetzt geformt. Auf sie können wir uns vorbereiten, bevor sie sich in der Gegenwart manifestieren. Solche Archetypen sind die Gestirne. Ihre Bewegung über den Himmel lässt sich voraussagen. Die Astrologie liefert dazu brauchbare Werkzeuge.

Um unsere Zukunft zu deuten reicht es nicht, unsere Wahrnehmung nur auf die materielle Zukunft zu richten. Vielmehr sollten wir mit wachem Auge verfolgen, was geschieht, um im richtigen Augenblick die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Was möglich ist, zeigt uns nur die Gegenwart. Sie ist das Zeitfenster, durch das wir mit dem Auge der Intuition blicken. Intuition ist nicht wie das Denken begrenzt, sondern unabhängig vom Gefüge der Raumzeit. Zur Veranschaulichung denke man sich einen dreidimensionalen Raum, in dem ein bestimmtes Ereignis stattfindet. Danach ein anderes Ereignis, und wieder ein anderes. Zwischen allen Ereignissen vergeht Zeit, die sich messen lässt, so wie auch die Abstände des Raumes. Dem dreidimensionalen Raumsystem, lässt sich mit der Zeit also eine vierte Dimension hinzufügen. Da unsere Intuition aber Raum und Zeit in ihrer Gesamtheit überwindet, steht sie jenseits dieses vierdimensonalen Raum-Zeit-Kontinuums. Für die Intuition spielen Ort, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine gleichbedeutende Rolle. Erfahrung und Erwartungshaltung verschmelzen in der Raumzeit, zu einem, intuitiven Moment.

Geschichtliche Ereignisse prägen die Haltung gegenüber unserer Zukunft. In das Kommende setzen wir unsere Hoffnungen, die sich an die Erfahrungen der Vergangenheit knüpfen. Man wünscht erneut positive Erfahrungen, fürchtet aber, Negatives könne sich wiederholen, denn die Ereignisse der Vergangenheit wirken auf das Jetzt. Sie zeichnen ihre Spuren in unsere Geschichte.

Alles was die Menschheit heute weiß, ist das Resultat ihrer uralten Vergangenheit. An dieser Realität nehmen alle Menschen teil. Es geht nicht darum, die eigene Vergangenheit immer wieder aufzurollen, sondern zu lernen die Geschichte der Menschheit zu überblicken. Wer sich von seiner eigenen Vergangenheit rücksichtslos frei macht, also nicht mehr zurück blickt, der wird auch weniger befürchten, was in Zukunft geschieht. Der wird voll und ganz in der Gegenwart leben – Frei sein im Hier und Jetzt. Wie das Wort "Er-Innerung" schon sagt: was einmal wird gegenwärtig noch einmal verinnerlicht. So kreisen unsere Gedanken in der Vergangenheit - lassen uns leben in einem ewigen Gestern!

Kosmisches Bewusstsein

In der Neurophysiologie bilden sich Erinnerungs-Muster, durch die Vernetzung sehr vieler Gehirnzellen. Niemand weiß, wieviele Erinnerungen man ins Gehirn maximal eintrichtern kann. Fest steht jedoch, dass sich große Masse an Neuronen (Gehirnzellen) unendlich komplex verschalten können. Es sind potentiell sogar mehr solcher neuronalen Verschaltungen im Gehirn möglich, als subatomare Teilchen im heute bekannten Universum existieren! Die Kapazität unserer geistigen Vorstellungskraft ist also gigantisch.

Grundsätzlich gliedert sich unser Geist in vier Stufen:

  1. Der empfindende Geist oder Sinneseindruck, der keines höheren Bewusstseins benötigt.
  2. Der aufnehmende Geist setzt sich zusammen aus Empfindungen und Rezeptionen. Rezeptionen sind Wahrnehmungen, die sich aus mehreren Empfindungen bestehen. Sie werden geistig aufgenommen, nicht aber aktiv verarbeitet, wie etwa Farb-, Form oder Klang-Wahrnehmungen, die bestimmte Empfindung hervorrufen.
  3. Der selbstbewusste Geist setzt sich zusammen aus Sinneseindrücken, rezeptiven Wahrnehmungen und Begriffen. Wir können hier auch vom "begrifflichen Geist" sprechen.
  4. Der intuitive Geist setzt sich zusammen aus Empfindungen, Wahrnehmungen, aus daraus gewonnenen Ideen und Begriffen und aus moralischen Einstellungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben.

Höchste Essenz die über diesen Bewusstseinsfeldern steht, ist das kosmische Bewusstsein. Die Entwicklung dieser höchsten Form menschlichen Bewusstseins nannte Gautama Buddha das Nirvana - den Austritt aus dem Leidenszyklus der Inkarnationen. Das Wort Nirvana definiert sich als höchstes Ziel der geistigen Entwicklung eines Menschen. Der Apostel Paulus von Tarsus sprach vom selben Zustand, wenn er sich als "Mensch in Christus" bezeichnete. Nachdem er in das kosmische Bewusstsein eingetreten war, wusste er, dass er selbst das Leben Jesu lebte: nicht die menschliche Person des Jesus von Nazareth, als vielmehr eine andere Individualität, die als Christus in ihm fortlebte. Dieser zweifachen Personalität des Menschen begegnen wir immer wieder in der Geschichte der Menschheit. Für den islamischen Prophet Mohammed verkörperte das kosmische Bewusstsein der Erzengel Gabriel. Er sprach durch Mohammed die Worte, die im Heiligen Koran niedergeschrieben wurden (Mohammed war Analphabet!). Diese göttlich-menschliche Personalität erfolgt durch die Auslöschung bestimmter, niedriger Gefühle wie etwa Todesangst oder der Wunsch nach Reichtümern. Es ist ein bewusstes Erfassen von Leben und Ordnung im Universum. Das bedeutet Erleuchtetsein. Ein Erleuchteter ist eine höhere Form Mensch, der "erwacht" ist und seinen "Angstkörper" verlassen hat - den Tod nicht mehr fürchtet. In allen Mysterien-Einweihungen war das Heranführen an die Todesgrenze von zentraler Bedeutung. Denn in diesem Zustand bewegt sich der göttliche Funke im Initianden, wobei er die kosmische Einheit allen Seins erkennt (wer die Bücher von Carlos Castaneda kennt, erinnert sich an das "Bewegen des Montagepunkts", was identisch ist mit der Initiation in die Mysterien). Wer kosmisches Bewusstsein entwickelt, den nennt man einen Eingeweihten - einer, der der universalen Einheit geweiht ist. So jemand lebt ohne Angst, denn er hat die Unsterblichkeit des göttlichen Funken in ihm erkannt.

Zusammenfassend können wir sagen: es geht um das Erwachen aus dem alltäglichen Zustand. Es ist die Erfahrung einer Überbewusstheit, was mit der Zerstörung des alten Selbst einhergeht, damit das neue Selbst geboren werden kann. Eine schöne Metapher für diesen Vorgang ist die Metamorphose des Schmetterlings aus der Raupe. Sobald er sich verpuppt hat, löst er sich zu einer schwarzen Masse auf, aus der er sich zu einer anderen, höheren (fliegenden) Form entwickelt: niemals mehr, wird er eine Raupe sein!

 

Wanderer am Weltenrand - ewigeweisheit.de

Holzschnitt eines unbekannten Künstlers: "Wanderer am Weltenrand", erschienen im Buch L’atmosphère, Paris (1888).

Die Stufe kosmischer Bewusstheit, werden in vielen Jahrtausenden alle Menschen auf der Erde erreicht haben. Sobald diese Phase der menschlichen Bewusstseinsentwicklung einsetzt, werden sich auch die Grenzen zwischen den spirituellen Traditionen auflösen. Es ist das, was in den abrahamitischen Traditionen der "Jüngste Tag" genannt wird. Dann wird es keinen Zweifel mehr an der Existenz einer göttlichen Existenz geben. Es muss dieser Ebene selbst, kein Name, wie etwa Gott, Brahma, Jahwe, Allah, usw., gegeben werden, kein Glaube oder Unglaube wird mehr nach Beweisen und Gegenbeweisen verlangen, da jedem Menschen die Einheit allen Seins bewusst ist. So wie sich der Mensch seiner Selbst bewusst ist, so wird er sich irgendwann seiner kosmischen Seele bewusst sein. Dann sieht er keinen Unterschied mehr zwischen Ich und Du – sieht sich und alle Seelen, als Teil der einen großen Weltseele.

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