Naqshbandiyya

Latihan: Die spirituelle Praxis der Subud-Bruderschaft

Latihan: Die spirituelle Praxis der Subud-Bruderschaft

Es gibt eine spirituelle Praxis, die in einem Menschen eine besondere Haltung formt und mit der er sich der Welt des Heiligen Geistes zu öffnen vermag. Dabei gibt sich der Übende dem göttlichen Sein in einer Weise hin, was einer Erwartungshaltung gleicht, mit der Absicht, damit in seinem Innern etwas zur Entfaltung zu verhelfen.

In einer Meditation der Subud-Bruderschaft, die sie als "Latihan" bezeichnet, harren die Mitglieder dabei in leichter Bewegung, einer inneren Erfahrung, die sie ein Wirken Gottes, in ihnen spürbar erfahren lässt.

Der spirituelle Lehrer John G. Bennett (1897-1974), ein Schüler von George I. Gurdjieff (†1949), beschrieb das Wesen dieser spirituellen Praxis der Subud-Bruderschaft folgendermaßen:

Es gleicht einer Handlung, so als drehte man den Zündschlüssel in einem Auto, damit ein lebendiger Funke gezündet wird. Hat man keinen Schlüssel zu dem Auto, lässt es sich auch nicht starten. Man braucht dazu allerdings keine Theorie, über das Wesen von Autos und wie sie funktionieren, um den Motor zu starten.

Das ist der Weg des Subud. Er, so Bennet, führt den Sucher zu einem Schlüssel der ihn ermächtigt, sich mit der göttlichen Kraft zu verbinden: Dem Heiligen Geist, aus dem alles Leben auf Erden hervorging. Immer schon gab es Menschen, die diese Kraft in ihrem Inneren zu empfinden vermochten.

Was bedeutet Subud?

Das etwas ungewöhnlich klingende Wort "Subud" setzt sich aus drei Sanskrit-Begriffen zusammen:

  • Suschila,
  • Buddhi und
  • Dharma.

Suschila steht für einen Menschen mit gutem Charakter.

Buddhi meint die transpersonale geistige Fähigkeit des menschlichen Verstandes – die Kraft des höheren Selbst, womit ein Mensch zu einem Wissenden wird und damit zu jemandem der recht zu entscheiden und entsprechend recht zu handeln weiß.

Der Begriff des Dharma ist vielschichtig: Er steht für das ethische und religiöse Gesetz, Recht und Sitte einer bestimmten Tradition. Auch bezeichnet er darin ausgeübte rituelle Handlungen und Methoden. Dharma ließe sich ebenfalls als "Wille Gottes" bezeichnen und alles was in diesem Willen an praktischen Handlungen ausgeübt wird. So stehen die Begriffe Dharma und Religion gewissermaßen ebenbürtig nebeneinander.

Zusammengefügt nun, steht der Name Subud für etwas, das der Aussage Christi im Evangelium entspricht:

[...] ihn (Gott) lieben aus ganzem Herzen und aus ganzem Denken und aus ganzer Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst

- Markus 12:33

Könnte man jetzt nicht einfach dem entsprechend sein Leben führen oder den Weisheiten anderer heiliger Schriften folgen? Wozu bräuchte man nun noch eine weitere Lehre?

Nun, es bedarf weit mehr, als nur heilige Schriften zu lesen und damit zu wissen, was ein Mensch tun sollte, um ein rechtschaffenes Leben zu führen. Er sollte sich auch dazu befähigen. Eine erlernte Lehre vom Sein – ganz gleich welcher Religion entstammend – muss auch wirklich gelebt werden. Angehörige der Subud-Bruderschaft glauben das ihren Mitgliedern vermitteln zu können.

Ursprünge

Subud ist eine spirituelle Gemeinschaft die aus der Sufi-Bruderschaft der Naqshbandiyya hervorging, gegründet in den 1920er Jahren von dem Indonesier Muhammad Subuh Sumohadiwidjojo (1901–1987). Er, von seinen Schülern kurz "Bapak" genannt, hatte erkannt, dass in der Moderne zunehmend äußere Einflüsse das Bewusstsein der Menschen beanspruchen, in einem Ausmaß, dass kaum Raum mehr bleibt für ein Innenleben. Dabei weisen alle Religionen auf dieses Innere des Menschen hin und mahnen, dass Gläubige es erkennen müssten, um darin eigentliches Wohlergehen zu erfahren.

Moderne und Materialismus

Besonders in unserer heutigen, schnelllebigen Gesellschaft, deren Umstände uns regelrecht dazu zwingen, immer auf dem Laufenden sein zu müssen, halten die Menschen davon ab, sich mit dem zu befassen, was die heilgen Schriften über das gute Menschsein zu sagen haben.

Was den meisten Menschen heute wichtig erscheint, ist gänzlich anders von dem, was vor etwa 250 Jahren noch überall auf der Erde existierte: Ein Bewusstsein für das eigene Innenleben und eine daraus erwachsende Erkenntnis, was ein jeder auf seiner Ebene des Seins, zum Wohl der Menschen seiner Gemeinschaft zu tun hätte. Welche Ursachen unsere Vorfahren davon abgebracht hatten, so dass es im 18. Jahrhundert dann zu all den Revolutionen kam (Französische, Industrielle und Amerikanische Revolution), darauf kann hier nicht weiter eingegangen werden.

Fest steht jedoch, dass wir uns heute zusehends von unserem Menschsein entfremden. Sexuelle Freizügigkeit soll unübertroffenes Glück versprechen, womit jeder von uns aber reisige Mengen an Energie verausgabt, die ihm für sein feines Empfinden – geschweige denn sein inneres Empfinden – dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Technik – digital oder mechanisch – soll darüber hinwegtäuschend dieses Empfinden sogar noch simulieren zu können. Allerhand Technologie existiert hierfür bereits. All das aber unterwirft uns zunehmend den Anforderungen der materiellen Welt und ihrer scheinbar unbezwingbaren Mächte. Wir glauben zwar, wir verfügten über diese Mächte mit all unseren unzähligen Applikationen und Endgeräten, hätten sie unter Kontrolle. In Wirklichkeit aber sind wir längst Diener der Maschinen geworden, ohne dass uns das überhaupt bewusst wäre.

Gibt es einen Weg zurück? Wohl kaum. Jede Generation erfährt ein zunehmendes Tempo bei der Entwicklung neuer Technologien. Wer will da noch überleben, ohne ein durch und durch strukturiertes Leben zu führen?

Diese Strukturen zu organisieren, werden von digitalen System übernommen und mehr und mehr von dem, was als Künstliche Intelligen bereits zur Realität geworden ist. Damit stehen wir vor der großen Herausforderung, uns nicht selbst in alle dem zu verlieren. Wer weiß schon noch von seinem Innenleben, wenn ihn nicht gerade schwere persönliche Probleme plagen oder er zum Beispiel einen Psychologen aufsuchen muss? Zudem steigt die Tendenz emotionaler Verstimmtheit und neurologischer Krankheiten gegenwärtig rasant an.

Die Suche

Doch bei all solchem Pessimismus, dürfen wir nicht vergessen, dass in uns tatsächlich ein Selbst verborgen liegt, dass wahrhaftiger ist, als alles, dem wir uns gewahr sind. In unserer allgemeinen Vergessenheit, scheint es sich unserem Bewusstsein entzogen zu haben, durch Unwissenheit verschlossen in unserem seelischen Innern. Den meisten von uns fehlt die Kenntnis, dass es einen Schlüssel gibt, diesen unzugänglichen Bereich zu eröffnen. Wem aber gelingt, diesen Schlüssel zu finden, der vermag in sich etwas zur Entfaltung zu bringen, dass allen Zwängen und Bedrängnissen der modernen Welt gewachsen, ihr sogar erhaben ist.

Die Bruderschaft des Subud beteuert Menschen bei dieser Suche helfen zu können. Es soll da das wahre menschliche Selbst erweckt werden, damit es Kontrolle über das niedere Selbst erlange. In diesem Bewusstsein, so die Subud-Bruderschaft, gelingt es einem Menschen, nach einer gewissen Zeit, sich der Wahrheiten seiner Religion (wie auch jeglichem anderen spirituellen Weg) innerlich zu vergewissern und damit ein Leben zu führen, dass den Lehren seiner Religion entspricht.

Suche nach der Quelle der geistigen Welt

Um nun tatsächlich in Kontakt zu treten mit solch göttlichem Lebensborn, wie er von den Mitgliedern des Subud beschrieben wird, sollte sich ein Mensch darüber ganz und gar im Klaren sein. Das heißt, dass nur er sich auf diese Verbindung ausrichten und nicht etwa jemand anderen nachahmen kann, um diese Verbindung herzustellen. Wir neigen nämlich sehr oft dazu, irgendwelchen fremden Sichtweisen gemäß, entsprechend auch über unser Selbst irgendwelche Theorien zu spinnen. Es geht auch nicht darum zu versuchen, sich "mal eben" mit diesem heiligen Born des Geistes zu verbinden, nur weil es einem gerade schlecht geht.

Was aber soll dieses Fragen dann sein? Vielleicht ließe sich darüber sagen, dass wir aus einem echten inneren Bedürfnis heraus fragen sollten, dessen wir uns jedoch voll bewusst sein müssen. Es ist Bewusstsein, dass nicht etwa aus materieller Not entstand, sondern etwas wozu man sich tatsächlich entschieden hat und wonach er wirklich sucht.

Wir Menschen, jeder Einzelne von uns, kamen in die Welt durch unsere Willenskraft, mit der wir uns durch den Geburtskanal pressten. Und als wir da geboren waren und heranwuchsen, blieb uns immer die Freiheit – und das gilt auch heute noch – uns einem göttlichen Willen hinzugeben oder eben nicht hinzugeben. Solange wir auf Erden wandeln, verfügen wir über diese Freiheit.

Wenn es um solch eine spirituelle Suche eines heiligen, göttlichen Lebensquells geht, mag einem vielleicht der berühmte Satz aus dem Matthäus-Evangelium in den Sinn kommen:

[...] suchet, so werdet ihr finden [...]

- Matthäus 7:7

Leider aber ist das nicht so einfach in die Tat umzusetzen, wie man diesen Satz mal eben gelesen hat. Denn wohin, beziehungsweise wonach ist diese Suche ausgerichtet?

Das wahre Selbst

Die meisten unter uns sind weit entfernt von einem Bewusstsein für ihr wahres, einiges Selbst. Was sie als ihr inneres Bewusstsein erfahren, ist gespalten in mehrere Teilselbste, die im Laufe der Jahre ihrer Reife entstanden waren, durch all die Regeln und vielen Lebenshaltungen und Meinungen anderer, die ihnem, wenn auch in ganz alltäglicher Form, regelrecht eingeredet worden sind.

Ein Teil ins uns zumindest fragt nach unserem wahren inneren Lebenszweck. Ein anderer Teil aber will festhalten an dem, was ein Mensch in seinem äußeren Leben an Werten – materiell, emotional oder verstandesmäßig – gesammelt hat und entsprechend als wertvoll erachtend hütet. Diese innere Teilung macht den modernen Menschen aus.

Die Initiation

Kommen wir aber wieder zurück, zu der vorhin gestellten Frage nach unserem wahren Selbst und wie wir mit ihm in Kontakt treten.

Unsere Unfähigkeit mit ganzem Herzen uns nach etwas im Leben zu erkundigen, und sei es eben dieses Wesen unseres individuellen und wahren Selbst, rührt eben von der hier oben angedeuteten Teilung. Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) schrieb bereits davon, in seinen berühmten Faust:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Diese Schwäche, die in uns heute – bei dem einen mehr, beim anderen weniger – veranlagt ist, hindert uns daran mit ganzem Herzen um etwas zu bitten oder eine Frage so zu stellen, dass wir eine ganz eindeutige Antwort erhalten, eine Antwort auch aus der geistigen Welt.

Im Subud ist die Rede von einem "Wahrhaftigen Fragen", das vom wahren Selbst kommen muss, dem Innersten unserer Seele. Nur leider scheint im Wandel der Moderne der Zugang dazu verschüttet. Es kann aber ein Kanal dazu geöffnet werden, durch den man dieses Innere unseres Selbst erreichen kann.

Hiermit verbunden sind besondere Bemühungen, die, so die Subud-Bruderschaft, jedoch durch die Hilfe eines anderen Menschen überwunden werden kann. So jemand muss den Zugang zu seinem Selbst allerdings bereits gefunden haben. Sie oder er kann dann selbst als Kanal wirken, was dem Sucher hilft, sich mit seinem inneren seelischen Wesenskern zu verbinden. Im Subud ist da die Rede von der Initiation, durch die sich dieser Kanal in jemandem öffnet und er dadurch Zugang zu seinem wahren Selbst findet.

Um nun das zu Anfangs, von John G. Bennett zitierte Beispiel hier noch einmal zu nennen, geht es in diesem Vorgang darum, dem Sucher den Schlüssel zu seinem Wagen zu überreichen, so dass er ihn entsprechend starten und selbst fahren kann. Ohne diesen Schlüssel aber kommt er nicht weiter.

Ab dem Zeitpunkt, wo diese Initiation stattfand, kommt jener Sucher zum Finden seines Zuangs zu seinem wahren Lebenskern. Die andere Person die ihm dabei half, ihn also einweihte in das Geheimnis in ihm, ist ab diesem Zeitpunkt eigentlich überflüssig geworden.

Allerdings darf so jemand den Intianden auch noch dabei begleiten, wenn dieser sein Seelenfahrzeug entsprechend zu fahren übt, das heißt, ihn dabei unterstützen, sich in diesem Erwachen durch die Welt zu bewegen. In unserer modernen Menschheitszivilisation nämlich ist es gar nicht einfach, solch Erwachen ins Wirkliche auch tatsächlich in das alltägliche Leben zu integrieren. Immer noch werden da wohl in einem Hindernisse sein, die man nach und nach aus dem Weg räumen kann. Und bei dieser, nicht ganz leichten Aufgabe, kann uns eben diese Person, die uns auch den Schlüssel überreicht, behilflich sein.

Es geht hier also um einen wichtigen Läuterungsvorgang, den der Initiand vollziehen muss. Was da an Hindernissen entsprechend ausgeräumt und an dem durch sie entstandenen Schaden repariert werden muss, kann damit erreicht werden. Auf körperlicher und geistiger Ebene, wurde dieses innere, wahre Selbst empfangen und geboren. Es muss daher entsprechend geformt werden.

Was jemand dabei erfährt ist eine ganz einzigartige Transformation seines Daseins auf Erden. Doch man braucht Geduld und ist angewiesen auf die Unterstützung einer entsprechend geschulten Person, so die Subud-Mitglieder, die uns mit der inneren Quelle zu verbinden weiß, jener geistigen Ursache, durch die unsere Seele auf diese Erde kam.

Latihan Kejiwaan

Bapak, der Gründer des Subud, bezeichnete die spirituelle Praxis seines Weges als "Latihan Kejiwaan" (Latihan, "die Übung", Kejiwaan, "spirituell"). Diese spirituelle Übung scheint einer tatsächlichen Einweihung zu ähneln, wo ein gewisser Teil aus dem Übenden herausgelöst wird, und dieser dabei eine Vorwegnahme der Todeserfahrung erlebt. Was die Mitglieder des Subud erfahren, ist für sie darum teils überwältigend, zumal sich dabei ein seelischer Reinigungsprozess ereignet, dessen Erfahren für das Mitglied jedoch wirklich befreiend wirken soll.

Aus Sicht der Neurotheologie (eine moderne Wissenschaft, die religiöse Empfindungen auf Ebene der Neurobiologie des Gehirns erforscht), spricht man hier gar von einem Auseinanderfallen psychischer Funktionen, die eigentlich miteinander zusammenhängen – das, was die moderne Psychologie als "Dissoziation" bezeichnet.

Im Latihan-Erlebnis tritt der Übende bewusst in einen veränderten Wahrnehmungszustand ein, in dem er ein bestimmtes Lebensthema (vielleicht auch Trauma) verstehen lernt, was teilweise mit starken Emotionsäußerungen einhergeht. Dabei trennen sich Denken und Fühlen, und bilden eigene, für sich abgeschottete Bereiche. Das heißt, dass im Latihan ausgelöste Emotionsschübe, sich für das Bewusstsein getrennt ereignen, wo damit verbundene mentale Erinnerungen in den Hintergrund treten.

Wenn wir zuvor nun von einem Reinigungsprozess im Latihan sprachen, wird dieser jedoch entsprechend vorbereitet, mit einem eingeweihten Mitglied des Subud. Da hilft also jemand dem Sucher, eine schwierige Erfahrung, die er vielleicht als Kind durchgemacht hat, durch solch Reinigungsprozess aus den tiefen Schichten seines Unterbewusstseins zu lösen. Es gleicht dem Abwerfen eines schweren Ballasts, was sich beim Sucher oft als heftiger Gefühlsausbruch äußern kann. Dieser aber befreit sich dabei von niederen Kräften seiner Nafs (im Sufismus steht der Begriff der "Nafs" für die seelischen Triebkräfte eines Menschen).

Jeder von uns bringt in seinem Leben ein Instrumentarium mit (das Bennett im Eingangszitat als "Schlüssel" bezeichnet), das ihn dazu befähigt, solch numinose Erfahrungen zu machen. Die Praxis des Latihan öffnet dem Sucher dabei die Türen zu den inneren, unbewussten Bereichen seiner Seele. Wer diese Praxis des Latihan als psychisch stabiler Mensch übt, auf den wirkt diese Meditation entspannend und wohltuend. Wie aber bei allen spirituellen Praktiken ist es wichtig, jemanden als Lehrer zu haben, der echte Fähigkeiten besitzt, um einen Menschen in das esoterische Repertoire seiner geistigen Tradition einzuführen.

 

Die Entschleierung des Herzens

Aus dem Feuer der Leidenschaft entsteht das Licht der Seele, das es zu transformieren gilt, denn der Ausgangspunkt ist das Ego, was als die Triebseele verstanden werden kann, die Nafs. Es bildet den Ausgangsstoff für die Alchemie des Herzens. Um dies zu verdeutlichen verwenden die Sufis folgendes Bild: Aus dem Feuermeer, dem Bachrun Nar bildet sich das Lichtmeer Bachrun Nur. Dieses aus dem Feuer geborene Licht ist die Ausgangssubstanz, aus der sich dann die Lataif bilden.

Durch die Verwirbelung des Lichts werden die fünf Elemente geschaffen. Gereinigt und ausgeglichen bilden sie nun die Substanz aus denen feinstoffliche Organe farbigen Lichts geschaffen werden. Vom Energiewirbel der Herzensliebe ausgelöst, werden die Elemente gemischt und allmählich so verfeinert, bis sie schließlich in Erscheinung treten. Aus etwas einst undefinierten bilden sich hernach die fünf Lataif. Alle zusammen formen im transformierten Zustand das Bachrun Qadr – das Meer der Macht.

Die feinstofflichen Körper – Lataif

Die LataifZunächst wollen wir uns einen Überblick über die Lataif verschaffen.

Der Mensch besitzt einen göttlichen Geist. Dieser Geist bildet einen feinstofflichen Körper, der mit dem physischen Körper verbunden ist. Es ist nun so, dass dieser feinstoffliche Körper eine psychische Struktur bzw. Anatomie besitzt, gleich dem physischen Körper. Wenn der Sufi vom Herzen spricht, dann spricht er vom Herzen das sowohl den feinstofflichen als auch der grobstofflichen Körper regiert. Das feinstoffliche Herz ist das Zentrum des spirituellen Körpers. Die Lataif sind Organe des Lichts, die den Organismus sowohl des physischen als auch des psychischen Körpers bewegen und mit spiritueller Energie versorgen. Dieser Vorgang ließe sich zum Beispiel mit verschiedenen Farben imaginieren.

Prophet Mohammed (A.s.) erwähnt in einem Hadith hierzu wie folgt: »Im Menschen gibt es ein Organ, das Herz. Ist das Herz des Menschen gesund, so ist der ganze Mensch gesund. Ist das Herz krank, ist der ganze Mensch krank.«. Weiter sagt er im Hadith Al Qudsi: »Denn Du musst wissen, dass es ein (physisches) Herz in jedem menschlichen Körper gibt. Doch gibt es darin auch noch ein spirituelles Herz, das Fouad. Darin befindet sich wiederum ein verborgenes Geheimnis. Und in diesem Geheimnis gibt es abermals etwas das sich darin verbirgt. Und dieses Verborgene umgibt zuletzt, das meist verborgene Geheimnis: Und das bin ich (Mohammed)«.
Es gibt also fünf Kammern im Herzen, von der jede eines der fünf Herzen enthält.

Nun wollen wir uns den Lataif im Detail widmen.

1. Qalb – Das Herz

Das erste Lataif heißt Qalb und ist die Station des Wissens im Menschen.

Hierin verwirklichen sich sechs Kräfte: Hakikatu l'Jasbah, die Anziehungskraft, Hakikatu l'Fadjd, der Heilige Geistfluss, Hakikatu t'Tawajiuh, die Konzentration, Hakikatu t'Tawassul, die Fürsprache und das Bittgebet, Hakikatu l'Irshad, die Göttliche Führung und Hakikatu t'Tayy, die spiralförmige Verwirbelung der Materie, die zum göttlichen Licht hinaufstrebt (wie z.B. auch beim Sema).

Qalb steht für die erste Säule des Islam, das Glaubensbekenntnis und die Einheit in Gott – die Schahada.

Da Allah dem Menschen durch den Propheten Adam seine größte Ehre erwiesen hat, steht er für dieses Lataif. Adam steht für den Naturmenschen. Er ist das Siegel Gottes (Kalifa, Stellvertreter Gottes) mit dem Allah alle Dinge im Universum bezeichnet, um damit den Anspruch auf den »universellen Schatz« geltend zu machen. Im Hadith Al Qudsi heißt es: »Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden, also erschuf ich Himmel und Erde«. Adam ist also nicht nur Mensch, sondern Stellvertreter Gottes. So wie die Sonne das Zentrum des Makrokosmos, ist Qalb das Zentrum im physischen und feinstofflichen Körper – hierfür steht die Station Ilmiya, das Wissen. Durch das Hören wird das Tor zur Seele geöffnet. Durch äußeres Wissen kommt man zur inneren Gewissheit, dem Ilm Ulyakin.

Übung: »Ya Sayed«: 200 mal täglich nach dem Abendgebet rezitieren

2. Sir – Das Geheimnis

In diesem Geheimnis, ist das Zeugnis beschlossen, in dem die Wirklichkeit durch Hören und Sehen wahrgenommen wird. Die zweite Säule des Islam ist das Gebet – Salat. Beten heißt im Islam, so zu beten als würde man vor Allahs Angesicht stehen. In Zusammenhang mit dem Lataif Sir steht der Prophet Noah. Er ist der Zeuge des menschlichen Lichtkörpers. Er baute die Arche, um die Menschheit vor der Sündflut und den Einzelnen vor seinen eigenen Fehltritten zu bewahren. Hierfür steht Ayn Ulyakin, womit durch innere Visionen Gewissheit erlangt wird.

Noah steht also für das innere Wissen, während Adam für das äußere Wissen steht. Ihm ist der Planet Mars zugeordnet und damit verkörpert seine Person alles das in Zusammenhang steht mit Eisen, Werkzeugen, Technologie und der äußeren Herrschaft über die Kräfte der Natur, denn Noah hatte die Gabe zu abstrahieren. Also ist mit ihm der Geist des Menschen erwacht: die Ruhaniya – die Station der Spiritualität.

Übung: »Ya Sahib«: 200 mal täglich nach dem Nachtgebet rezitieren

3. Sir as-Sir – Das Geheimnis des Geheimnisses

Abraham, als Freund Gottes, war bereit ins Feuer zu springen. Moses hingegen sah in einer Vision Gott im brennenden Dornbusch, und konnte mit ihm sprechen. Für dieses Lataif steht die dritte Säule des Islam – Sakkat, die Armenspende. Man gibt das Weltliche hin, um am Jenseitigen teilhaftig zu werden. Durch die Vervollkommnung der Seele zu einem ausgeglichenen Wesen, erlangt man die Fähigkeit in der materiellen Welt Perfektion zu erreichen. Hierfür steht Haq Ulyakin, durch das man durch die Körperempfindungen von der Wirklichkeit zur Gewissheit gelangt. Auf der Ebene des Mondes erreichen wir die Herrschaft über alle Vitalkräfte der Erde, so wie Moses mit seinem Stab über die natürlichen Kräfte verfügte. Wir können Moses sowie Abraham als wahre Herrscher der Erde bezeichnen, denn sie stehen stellvertretend für alle Kalifen, Gottesfreunde und Heilige, da sie Zugang zur Welt der Symbole und Gleichnisse haben, der Mithaliya.

Übung: »Ya Sadiq«: 200 mal täglich nach dem Mittagsgebet rezitieren

4. Khafa – Das Verborgene

Khafa ist das Lataif des Geruchsinns, die Fähigkeit durch die der Atem des heilige Geistes wahrgenommen wird. Es ist das feinstoffliche Zentrum zur Bewahrung von verborgenem Wissen. Hier ist die Rede von feinstofflichen Körperhüllen, die der Mensch durch die Erfahrung des Geheimwissens zur Perfektion bringen soll. Dies wird repräsentiert durch Jesus, der auf allen grob- und feinstofflichen Körperebenen höchstes spirituelles Bewusstsein erreicht hat. Wegen seines asketischen Lebens, steht der Prophet Jesus im Zusammenhang mit der vierten Säule des Islam: Dem Fasten – Zaum Ramadan.

In einem Hadith heißt es: »Nähere Dich Deinem Herrn, bis Du das Ohr wirst mit dem er hört, das Auge wirst mit dem er sieht, der Mund wirst mit dem er spricht, die mächtige Hand mit der er greift und der Fuß der Dich tragend (Himma) zu ihm führt«. Sobald dies errungen wurde, wird man wie Jesus, der durch die Kraft des heiligen Geistes, Tote zu neuem Leben erweckte, Kranke heilte und dessen Schöpferkraft in der Welt unbegrenzt zum Ausdruck gebracht werden konnte. So braucht er nur zu einem Ding zu sagen »Sei« und es ist – Kun faya kun. Diese Eigenschaft wird durch die verborgene Station Jismiya bezeichnet, unter der man den vollkommenen Menschen versteht, den Insan Kamil, als Abbild des letzten Gesandten Allahs: Mohammed (A.s.).

Übung: »Ya Rasul«: 200 mal täglich nach dem Nachmittagsgebet rezitieren

5. Akhafa – Das am meisten Verborgene

Dieses Lataif steht für das Wesen oder die Essenz Gottes: Dhaat. Darum ist der Prophet der diesem Lataif zugeordnet ist Mohammed (A.s.). Mit der fünften Säule des Islam, der Hadsh, wird die Pilgerfahrt zum Herrn der Macht unternommen, wodurch die Fähigkeit erreicht wird die göttliche Gegenwart zu erfahren – eine Reise zum letztendlich Unsichtbaren, dem Verborgensten aller Geheimnisse. Aus dem göttlichen Funken im Herzen formt sich das Reittier (Burak, der Lichtkörper) mit dem der vervollkommnete Mensch über die sieben Himmel zum Thron Gottes und darüber hinaus direkt in die göttliche Gegenwart gelangen kann. Nur durch die gelebte, lebendige Erfahrung, was die Sufis das »Schmecken« nennen, wird er zu jemandem der die Vorgänge im Himmel wahrhaftig bezeugen kann. Schließlich gelangt der Reisende mit der Lataif Akhafa zur Essenz Gottes, der Dhaatiyya.

Übung: »Ya Allah«: 200 mal täglich nach dem Morgengebet rezitieren.

Die Vereinigung mit dem göttlichen Urlicht

Das von allen Eintrübungen gereinigte und von Schleiern befreite Herz, ist wie ein Hohlspiegel, der die farbigen Lichter der Lataif zu einem dunkelblauen Strahl bündelt, und diesen in den Bereich des dritten Auges reflektiert. So wie die göttliche Offenbarung des Koran, durch die Sure Fatiha eröffnet wird, erwacht das sprechende, reflektierte Ich, Nafsi Natika, als das große Bewusstsein des kosmischen Menschen, Insan Kabir.

Mit diesem Bewusstsein schafft unsere Seele die Rückbindung, was wörtlich mit dem Begriff Religion gemeint ist, zum göttlichen Urlicht, um auf dieser Ebene ein Gefäß für das Ganze (Qalib), das göttliche Licht zu bilden. So kehren wir von der Vielheit zurück in die Einheit, um uns auf unsere göttliche Herkunft zurückzubesinnen – denn dort können wir uns mit Allah, unserem Nächsten und unserem wahres Selbst wieder vereinen.

Interview mit Hamdi Alkonavi vom Naqshbandi-Sufi-Orden

Tel.: +49 (0)176 - 542 19736

Jeden Freitag ab 20:00 Uhr Sufi-Meditation (Sikr), danach Lesung aus dem Masnavi von Jalal al-Din Rumi.

Adresse: Hamdi Alkonavi, Eylauer Str. 14, 10965 Berlin

Der Sufi-Weg des Naqshibandi-Ordens soll den Suchenden zu Selbsterkenntnis und höherem Bewusstsein führen. Im 14. Jahrhundert wurde dieser Orden (Tariqa) von dem ehrenwerten Bahauddin Naqshband von Buchara (Usbekistan) gegründet.

Es scheint jedoch auch ein innerer Kreis von Weisheitslehrern mit der Naqshbandiyya in Verbindung zu stehen, der sich in verborgenen, sehr schwer zugänglichen Regionen Zentralasiens befindet. Im 20. Jahrhundert suchte nach diesen Orten der griechisch-armenischer Esoteriker Georges Gurdjieff.

Mit dem Sufi Hamdi Alkonavi spreche ich über diese verborgenen Orte und wie jene dort lebenden Weisheitslehrer auf die Geschicke der Menschheit Einfluss nahmen und welche Bedeutung das für unsere heutige Zeit hat.

Interview hier im Player anhören

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