Neuplatoniker

Die Hermetik: Eine Religion der Antike

von Johan von Kirschner

Hermes Trismegistos - ewigeweisheit.de

Nur die wenigsten unter uns haben jemals von der alten Stadt Harran gehört. Es scheint als sei dieser Name in Vergessenheit geraten, trotz dass es an diesem Ort einst eine Glaubensgemeinschaft gab, die insbesondere für die Hermetik von zentraler Bedeutung ist.

Und was ist die Hermetik? Wer darüber spricht, was manche auch als den »Hermetismus« bezeichnen, meint damit eine seit der Antike existierende Offenbarungslehre. Ihre religiös-philosophischen Weltanschauungen beeinflussten das Denken der Gelehrtenwelt, insbesondere in der europäischen Renaissance. Der Name »Hermetik« aber stammt von dem mythischen Wissensspender Hermes Trismegistos (dem »Dreifach Größten Hermes«). Ihm werden die Verse der berühmten Smaragdtafel (Tabula Smaragdina) zugeschrieben, die durch ihn, so die Legende, einst von Atlantis nach Ägypten kam. Von dort aus breitete sich die hermetische Offenbarungslehre dann in der ganzen antiken Welt aus, zwischen Zweistromland und dem Land der alten Hellenen Griechenlands.

Wieso die Hermetik nun aber insbesondere für das oben genannte Harran so wichtig war und wieso das auch für unsere weiteren Betrachtungen von Belang ist, das wollen wir uns im Folgenden ansehen.

Eine uralte Siedlung in Mesopotamien

Die Stadt Harran befindet sich heute in der Türkei, etwa 20 km nördlich der syrischen Grenze, gelegen zwischen Euphrat und Tigris. Die Gefilde der Ebene von Harran beherbergen die ältesten archäologischen Fundstätten der Erde. Dazu zählt die 11.500 Jahre alte Tempelanlage von Göbekli Tepe oder die 1993 in Şanlıurfa gefundene Statue des sogenannten Urfa-Mannes, dessen Alter manche bis ins 14. Jahrtausend zurück datieren.

Die Großstadt Şanlıurfa, das antike Edessa, beherbergte einst den Urmonotheisten Abraham. Hiermit kommt das alte Harran ins Spiel, das etwa 40 km südlich von Şanlıurfa gelegen ist und der Universität dieser Großstadt sogar ihren Namen verlieh. Nun, Harran wird im Buch Genesis erwähnt, als Heimatstadt des Terach (Genesis 11:32f) – dem Vater des Patriarchen Abraham. Manche glauben dass die antike Stadt Harran ihren Namen sogar von dem gleichnamigen Bruder Abrahams erhalten hatte (Genesis 11:26). Interessant ist auch, dass der Patriarch Jakob (Urvater der Zwölf Stämme Israels), ein Enkel Abrahams, einst von der heute israelischen Stadt Beer Scheva  (deutsch: »Brunnen der Sieben«) nach Harran reiste (Genesis 28:10-19). Auf dieser Reise hatte Jakob den aus der Bibel berühmten Traum von der sogenannten »Jakobsleiter« – einem Ereignis das ja insbesondere in der Kabbala-Tradition von zentraler Bedeutung ist.

Heute bedeckt den Hügel, auf dem einst das alte Harran lag, ein riesiges Trümmerfeld, auf dem man nur noch einzelne Mauersteine verstreut sieht. Lediglich erhalten sind Abschnitte der alten Stadtmauer, sowie Gebäudereste der alten Universität von Harran. Der dort einst befindliche Tempel der Sabier, wurde 1262 mit dem Einfall mongolischer Horden zerstört.

Großer Smaragd - ewigeweisheit.de

Der 14.000 Jahre alte Urfa-Mann (Museum der Stadt Şanlıurfa).

Wer die Sabier waren und welche Bedeutung sie für unsere Betrachtungen haben, dazu mehr in den nachfolgenden Ausführungen.

Die Sternenreligion der Sabier

Sowohl jüdische als auch islamische Quellen behaupten, dass Abraham ein Sternenverehrer gewesen war. Harran, der Ort in dem Abraham zeitweise gelebt haben soll, war eine von sieben Städten, von denen jede einem der sieben Planeten gewidmet war. Ihre antiken Strukturen sollen gebaut worden sein, auf der Grundlage sehr feiner astronomischer Berechnungen der Gestirnbewegungen, insbesondere jener der zwölf Sternbilder und der sieben klassischen Planeten. Drei dieser sieben hatten sie übernommen von ihren griechischen Vorvätern, darunter Helios (Sonne), Ares (Mars) und Kronos (Saturn). Zwei akkadische Götter kamen hinzu, nämlich der Mondgott Sin und Merkur, sowie zwei aramäische Sternengottheiten: Bal (Jupiter) und Balti (Venus). Die Sabier verwendeten damit die auch bei uns bis heute verwendete Zuordnung der sieben Planeten zu den Wochentagen.

Insbesondere in ihren Riten verehrten die Sabier diese planetarischen Gottheiten, um sich mit dem Lauf der Dinge ihrer Gemeinschaft, auf die kosmischen Zyklen abzustimmen. Man opferte da im Namen dieser Wandelsterne dem alleinigen Schöpfer der Welt. Hieraus entwickelte sich der Glaube an die Planeten als Vermittler zwischen den Menschen und Gott. Man sah die Planeten da als körperliche Erscheinungen an, denen göttliche Geistwesenheiten innewohnten und diese regierten (entsprechend eben genannten, den Wochentagen zugeordneten sieben Götter: Kronos, Helios, Sin, Ares, Merkur, Bal und Balti).

Alles in der Natur gestaltete sich und bildete sich fort durch die Einwirkung der Planeten. Die Gesamtheit des Seins war ihrem Einfluss unterworfen. Nichts in der Natur konnte sich bewegen oder entwickeln, so glaubten die Sabier, ohne den Einfluss jener geistigen Potenzen der sieben planetarischen Kräfte.

Der Schöpfer der Welt, so die Sabier, vermochte wegen seiner essenziellen, ursprünglichen Einfachheit, sich in den sieben leitenden Planeten zu vervielfältigen und zu personifizieren. Sie wirkten und wirken auch heute noch, laut der sabischen Lehre, in die irdischen Körper der Wissenden (Eingeweihten) hinein. Bei alle dem aber bliebe die Einheit des Wesens Gottes davon unberührt. Nur sein Handeln kommt in den sieben Sphären zur Wirkung, wobei er darüber auf das Menschsein wirkt und darin zur Erscheinung kommt.

Vermittelst unserer Zungen spricht Gott, vermittelst unserer Augen sieht er, vermittelst unserer Ohren hört, vermittelst unserer Hände greift er, vermittelst unserer Füße kommt und geht er und vermittelst unserer Glieder handelt er.

Es ist nun schwer zu sagen ob entweder der Polytheismus die ursprüngliche Form der Gottesverehrung war oder der Monotheismus. Diese Frage aber dürfte sich vielleicht erübrigen, wenn man eben jene, aus der abrahamitischen Tradition wahrgenommene eine Gottheit, eben als einen Gott der Götter, einen Herrn der Herren, einen Schöpfer alles Erschaffenen ansieht. Gut möglich dass sich aus dieser Vorstellung von einst, dann eine Art von Monotheismus entwickelte. Dabei dürfte es selbsterklärend sein, dass so ein höchstes, göttliches Wesen, in der Vielfältigkeit seiner Erscheinung, später von den abrahamitischen Religionen verschiedenartig aufgefasst wurde.

Aber nicht allein im Abrahametismus existierte die monotheistische Vorstellung des Göttlichen. Auch der griechische Philosoph Platon (428-347 v. Chr.) erwähnte in seinem Werk an verschiedenen Stellen ein höchstes Wesen, als den Vater aller Dinge, den Schöpfer der Götter. Hierauf ging auch der Neuplatoniker Porphyrius (395-420 n. Chr.) ein, in seiner Geschichte der Philosophie. Darin nämlich beschreibt er diesen »einzigen Gott Platons«, als einen »dem kein Name und nichts Menschliches zukommt«. Porphyrius hielt darum auch für unangebracht, diesem höchsten Wesen etwas Materielles zu opfern. Vielmehr durfte man ihn nur durch reines Schweigen und reine Gedanken verehren.

Wie wir später noch sehen werden, stand im Mittelpunkt des sabischen Glaubens ja der sagenhafte Hermes Trismegistos. Wie sich den ihm zugeschriebenen Schriften entnehmen lässt, sprach auch er über diese Einheit des Göttlichen, wo ihm alle Dinge der Welt als Glieder Gottes galten. In dem hermetischen Text Poimandres ließt man dazu:

So wie Himmel, Erde, Wasser und Luft die Glieder der Welt sind, so sind auch Leben, Unsterblichkeit, Kraft, Geist, Notwendigkeit, Natur, Seele, Verstand, dieser Aller Fortdauer und das sogenannte Gute Gottes Glieder. Weil Gott aber Alles vorstellbar macht, so ist er auch durch Alles in Allem [...] der Himmel regiert die intellektuelle Substanz, das heißt die Gottheit. Der Himmel, die Götter, die denselben untergeordneten Daimonen und die Menschen sind alle Teile Gottes.

- Aus dem hermetischen Poimandres Kapitel 12

Astral-Heiligtümer Harrans

In Harran befanden sich einst sieben Tempel, entsprechend den sieben klassischen Himmelskörpern Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter und Venus. Ein hexagonaler Tempel des Saturn stand dort zusammen mit jeweils einem trigonalen Tempel des Jupiters und Merkurs. Die Architektur Mars-Tempels war rechteckig, jener der Sonne aber quadratisch. Der Sin-Tempel, dem Mond geweiht, besaß eine achteckige Struktur. Dieser dem Mondgott Sin geweihte Tempel wurde sehr wahrscheinlich im Neusumerischen Reich erbaut, wohl um 2.000 v. Chr. Der Tempel zu Ehren der Göttin Venus war, wie der der Sonne, als Quadrat geformt, das in sich jedoch einen trigolanen Bau einfasste. Die Idole in den Tempeln der Sabier waren meist aus den ihnen vorstehenden Planetengottheiten verfertigt. Im Sonnentempel fand man goldene Statuen und Idole, im Mondtempel entsprechend aus silber gehauene Standbilder.

Im Mittelpunkt des Sternenkultes der Sabier aber stand der Mondgott Sin.

Lehmbauten in Harran - ewigeweisheit.de

Lehmbauten in der heutigen Altstadt Harrans.

Sabische Geistesgrößen

Wichtige Geistesgrößen des frühen Mittelalters lebten und wirkten in Harran, wie etwa der im iranischen Tus geborene Jabir ibn Hayyan (721-812), der unter dem Namen »Geber« in die Geschichte der Alchemie eingehen sollte. Doch vor allem die Schriften des in Harran geborenen Magiers und Astrologen Thabit ibn Qurra (826-901), sollten später einmal großen Einfluss haben auf die Gelehrsamkeit jener europäischer Weiser, die zwischen der Zeit des Mittelalters bis in die Renaissance lebten.

Ibn Qurras, im 16. Jahrhundert aus dem Arabischen ins Lateinische übersetztes Werk zur Hermetik, »De Imaginibus« (zu deutsch »Über Bilder«), sollte in der Renaissance zum wichtigsten Text über astrologische Magie werden (neben dem Buch Picatrix aus dem 13. Jahrhundert). So fanden Ibn Hayyans und Ibn Qurras Schriftwerke auch ihren Weg in die christlichen Klöster Europas.

Hermes Trismegistos

Die Sabier von Harran schöpften ihr Wissen aus vielen Quellen. Was sie über die Astralwelt wussten, scheinen sie von den Neuplatonikern (Schulrichtung die im 3. Jahrhundert n. Chr. entstand) übernommen zu haben. Aber auch Wissen aus dem alten Sternenkult der Chaldäer spielte eine wichtige Rolle für sie.

Die Sabier von Harran waren, zwischen 856 bis 1050, für das Geistesleben und die Vermittlung wissenschaftlicher Bildung, wichtig für Rest der arabischen Welt. Durch sie nämlich erhielten sich über die Jahrhunderte hinweg die Weisheiten aus der griechischen Antike, deren Philosophie und Wissenschaft durch ihr Wirken scheinbar problemlos in islamisches Geistesdenken einfließen konnte.

Besonders hervorgehoben werden aber muss die Tatsache, dass sie Hermes Trismegistos als ihren Propheten verehrten und sein Corpus Hermeticum ihr heiliges Buch war. Darauf verweist die Handschrift des Kitab Ihwan as-Safa (Buch der Brüder der Weisheit), einer arabischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts, dessen Inhalte nicht unbedeutend sind für Geschichte und Entstehung des Geheimordens der Rosenkreuzer.

Andernorts galt Hermes Trismegistos damals als alter ägyptischer Weiser, den man als Erfinder des Schrifttums ansah und als legendären Autor vieler wissenschaftlicher Bücher über Mathematik, Astrologie, Magie, Alchemie, Ethik und Medizin. In seinem Corpus Hermeticum finden sich Lehren in Form mystischer Visionen.

Man setzte Hermes Trismegistos damals auch gleich mit dem griechischen Gott Hermes und dem ägyptischen Gott Thoth (auch: Tehuti). Dass er den Sabiern als Prophet galt, lag an der Tatsache, dass sie das Corpus Hermeticum als Portrait eben dieses göttlich inspirierten Lehrers betrachteten.

Damals begannen manche muslimische Gelehrte Hermes Trismegistos auch gleichzusetzen mit dem im Koran erwähnten Idris, der im jüdisch-christlichen Kontext der biblischen Gestalt Henochs entspricht.

Die Harraner (Sabier) waren im Nahen Osten die wichtigsten Erben des sogenannten ‘orientalischen Pythagoreismus‘, sowie die Wächter und Verbreiter der Hermetik in der islamischen Welt. Sie praktizierten ‘die Religion der Erben des Propheten Idris’

- Seyyed Hossein Nasr

Seit wann die Sabier ihre Kulte jedoch ausübten, ist bisher nicht geklärt. Sie dürften schon im 6. Jahrhundert v. Chr. bestanden haben, doch sollten bereits zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert n. Chr. untergegangen sein.

Übersetzung des Corpus Hermeticum ins Lateinische

Im Jahr 1460 gelangte eine seltene, arabische Handschrift nach Florenz. Möglicherweise war sie in den fünf Jahrhunderten zuvor von Harran in byzantinische Hände übergegangen. Man beauftragte drei Jahre später den berühmten italienischen Philosophen Marsilio Ficino (1433-1499) damit, den Text ins Lateinische zu übersetzen. Die Fertigstellung seiner Übersetzung im Jahr 1471 könnte durchaus angesehen werden, als eine Geburt der europäischen Hermetik. Man verwendete damals den Namen, aus dem oben bereits zitierten »Poimandres«, um damit den Druck dieser Schrift zu betiteln.

Ficino fasste in seiner Vorrede an den Auftraggeber Cosimo de Medici (1389-1464) die antiken Quellen zu Hermes zusammen und konstruierte eine Tradition ursprünglicher Weisheit. Diese Tradition nämlich hatte laut Ficino sogar wesentliche Elemente des Christentums eingeschlossen. Man geht darum auch davon aus, dass es zu ersten Schriftlegungen des Corpus Hermeticum, zunächst zwischen 100 und 300 n. Chr. gekommen sein könnte. Erst später hatte sich das Wissen um das Schriftwerk des Hermes Trismegistos verdunkelt und zersplittert in verschiedene Disziplinen.

(Hermes) stand [...] in Geistesschärfe und Gelehrsamkeit allen Philosophen voran. Als Priester legte er zudem die Grundlagen für ein Leben in der Art eines Heiligen und er übertraf in der Verehrung des Göttlichen sämtliche Priester. Er übernahm schließlich die Königswürde und verdunkelte durch seine Gesetzgebung und Taten den Ruhm der größten Könige. Daher nannte man ihn zurecht den dreimal Größten (Trismegistos). Als Erster unter den Philosophen wandte er sich von der Naturkunde und der Mathematik der Erkenntnis des Göttlichen zu. Als Erster konferierte er über die Herrlichkeit Gottes voller Weisheit, wie auch über die Ordnung der Dämonen und die Wandlungen der Seele. Daher nennt man ihn den ersten Theologen.

- Marsilio Ficino, in seiner Vorrede an den Auftraggeber Cosimo de Medici

Manche behaupten, dass diese Arbeit so großen Einfluss auf das damalige Geistesdenken hatte, dass der eine oder andere sogar vorschlug das Corpus Hermeticums gar in den Textkorpus der Bibel aufzunehmen.

Schließlich aber ließ das Interesse an dem Text nach. Man stieß auf ein jüngeres, in griechischer Sprache verfasstes Werk, das vom Christentum und Neuplatonismus beeinflusst war. Im Untergrund jedoch sollte sich hermetisches Gedankengut weiter verbreiten. Das aber der gesamte hermetische Textcorpus nicht alleinig sabischen Ursprungs ist, sollten die 1945 im ägyptischen Nag Hammadi entdeckten Handschriften bestätigen, womit sich eher von einer ägyptischen Wurzel des Corpus Hermeticum ausgehen lässt.

Erben eines verlorenen Wissens

Interessant ist, dass die Hermetik als Wissenskult von den Sabiern in Harran, in der besonderen Art ihres religiösen Kultes, aufrechterhalten werden konnte, so dass sich daraus unterschiedliche wissenschaftliche und spirituelle Disziplinen, bis ins Mittelalter hinein entfalten konnten. Das sollte die esoterische Tradition des Hermetismus bis in die heutige Zeit merklich bereichern. Könnten die Sabier darum als Erben eines verlorenen Wissens angesehen werden, das einst auf der ganzen Welt verbreitet wurde?

Sicherlich trug ihr Einfluss dazu bei, dass man in der islamischen Welt des 7. und 8. Jahrhunderts, bereits über die mathematischen Mittel verfügte, um damit die Himmelsbewegungen von Sonne und Mond zu berechnen. Denn die Zeitpunkte für das Fasten im Monat Ramadan, wie auch für die fünf täglichen Gebete der Muslime, waren (und sind) auf diese Gestirnsbewegungen genau abgestimmt.

Gemäß dem arabischen Philosophen Abu Yaqub ibn Ischaq Al-Kindi (800-873), basierte die Lehre der Sabier auf der grundlegenden Ansicht, dass die Welt schon immer existierte, basierend auf der Grundlage des Einen, was jedoch unbeschreiblich bleiben muss, da sich diese Wahrheit jenseits allem daraus Entstandenen befindet. Jene astral-planetarischen Zyklen basierten für die Sabier ebenfalls, auf diesem höchsten einen Sein. Wohl das war auch der Grund, dass sie damals als Religionsgemeinschaft von ihren muslimischen Zeitgenossen als Monotheisten toleriert wurden.

 

 

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Weisheit der Sufis

Weisheit der Sufis

Wie die meisten gebildeten Muslime seiner Zeit, war auch Al-Ghazali jemand der mit der Philosophie Aristoteles' vertraut war. Zwar hielt man all die griechischen Philosophen für Ungläubige, machte sich aber deren Logik und Prinzipien der Philosophie zu Nutze. Es war ein Kompromiss, denn in ihrer Arbeit versuchten sie so weit wie möglich die Dogmen des Koran beizubehalten.

Al-Ghazali war in seinem Denken jedoch eher einer platonischen Philosophie zugeneigt. Außerdem schloss er sich später den Sufis an, die durch das »Wadschad« – die Ekstase – ihre Art von Offenbarung empfingen. Und doch wäre es falsch Al-Ghazali seinem Wesen nach nur als Sufi zu kennzeichnen. Er wuchs in einer Gemeinde auf, zu der viele Arier gehörten. Und so war sein Werk wohl auch stark beeinflusst vom Zoroastrismus, doch ebenso von dem, was er von buddhistischen Missionaren aus dem Osten gelernt hatte.

In Al-Ghazalis Werk laufen die philosophischen und spirituellen Lehren aus West und Ost zusammen. Er führte bei den Sufis die Konzepte der Philosophie Plotinus' ein, wie auch die der Neuplatoniker, die dereinst sogar einen festen Bestandteil in den Lehren der muslimischen Gemeinden seiner Zeit werden sollten.

Viele sehen in Al-Ghazali eine der größten Persönlichkeiten in der Geschichte des Islam, ja gar auf selber Stufe wie die vier großen Imame. Diese Ansicht scheint sich jedoch eher in heutiger Zeit zu erfüllen, wo sich der Islam in einer Art Wandlungsprozess befindet. Darum, so glauben manche, würden durch ein erneutes Studium seines Werks, Al-Ghazalis Lehren zu neuem Leben erweckt.

Was der Mensch in Wahrheit alles vermag

Womöglich ließ sich Al-Ghazali durch die Schriften von Platon und Aristoteles inspirieren. Denn seiner Ansicht nach, musste jemand am Anfang eines geistigen, eines spirituellen Weges, zuerst einmal sein Herzen von allen Dingen reinigen, die nicht zum Göttlichen gehören, in einer Art »Katharsis des Herzens«. Durch symbolische Handlungen sollte einer jene Belastungen des Herzens eliminieren. Aggressive Gefühle mussten da in fiktiver, scheinbarer Form, negative Emotionen reduzieren, wo sich der Betroffene ihrer, durch symbolische Handlungen entledigt. Dies etwa kann erfolgen durch den Ausschrei des Satzes »Gott ist großartig«, auf arabisch: »Allahu Akbar«. In einem weiteren Schritt erreicht der Übende einen Zustand in dem sich sein Geist vollkommen auflöst in Gott, in einem willentlichen Akt. Nicht aber ist das bereits der Zustand höchster Vervollkommnung, sondern sogar noch die erste Stufe auf dem Weg zu einem Leben innerer Einkehr. Es ist quasi der Vorhof durch den die Eingeweihten eintreten.

Das Herz ist das Zentrum aller subtilen Gemütsformen im Menschen. Doch nicht etwa das physische Herz. Es ist ein geistiges Herz, dass dem Propheten Mohammed (as) offenbart wurde. Er empfand in diesem geistigen Herzen die Welt. Was er darin erblickte schaute er mit dem mystischen Auge des Herzens an. Im Koran heißt es hierzu:

Wer immer Gabriels Feind ist – denn er ist es, der es auf Geheiß Allahs hat herabkommen lassen auf dein Herz, Erfüllung dessen, was vordem war, und Führung und frohe Botschaft den Gläubigen […]

Und siehe, dies ist eine Herabsendung (Offenbarung) vom Herrn der Welten. Hinab kam mit ihm (dem Koran) der getreue Geist auf dein Herz, dass du einer der Warner seiest, in deutlicher arabischer Sprache.

- Suren 2:97, 26:192ff

Was andere dann durch Mohammeds (as) mündliche Überlieferung aufschrieben, sollte den logisch zu schlussfolgernden Teil dieser Offenbarung bilden, während in ihm selbst, auf die eben angedeutete Weise, religiöse Erkenntnis inspiriert wurde. Aus dieser Trennung von logischem Erfassen und religiöser Erleuchtung, kam es im Islam zu zwei einer Trennung in zwei geistige Strömungen: den Rationalisten, die quasi den wortwörtlich überlieferten Islam predigen, und den Mystikern, was auch heute noch die Sufis sind. Die meiste Zeit in der Geschichte der islamischen Religion, bestanden diese beiden Geisteswege in Frieden nebeneinander.

Die sogenannten »Mutakallimun« gründeten eine systematisierte Theologie, die man in den exoterischen Medressen lehrte und wo man über das Wesen des Andersseins Gottes mutmaßte. Die Sufis jedoch trafen sich in davon gesonderten Logen, den sogenannten »Tekken« (auch: »Dhargas«). Dort praktizierte man in Meditation und religiösem Ritual, den »Dhikr«. In dieser besonderen ekstatischen Praxis wird sich der Übende, Gottes absoluter Erhabenheit und Vollkommenheit bewusst, was da insbesondere durch den sogenannten »Tasbih« erfolgt, den Lobpreis der Formel »Subhan Allah«: »Gott ist über allem erhaben«.

Heilig ist Er und hoch erhaben über all das, was sie behaupten.

- Sure 17:44

Den Sufis geht es jedoch nicht darum, in ihrer Rezitation dieses »Subhan Allah«, damit ein intellektuelles Verstehen seiner Bedeutung zu suggerieren, sondern vielmehr darum, sich eine gleichnishafte Darstellung dessen zu vergegenwärtigen, was man als vollkommenste Struktur allen Seins bezeichnen könnte. Solcher Art Bewusstwerdung im Dhikr, erfolgt also nicht im Intellekt, sondern in dem, was wir oben als das »Geistige Herz« einführten. Was damit gemeint ist, damit wollen wir uns im Folgenden eingehender beschäftigen.

Das Herzen als Sitz spiritueller Geheimnisse

Wir hatten zuvor gesagt, dass die göttliche Offenbarung an den Propheten Mohammed (as) nicht seinem denkenden Geist, sondern seinem Herzen enthüllt wurde (siehe oben Suren 2:97, 26:192ff). Für die Sufis war dieses Herz der Sitz geistiger Geheimnisse. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht überraschend, dass der Begriff des Herzens auch eine wichtige Rolle spielt im Vokabular religiöser Gelehrter des Islam. Oft wird dieser Begriff synonym für das verwendet, was man die Seele nennt, jedoch als Sitz dessen, was man als intellektuelle und emotionale Instanz darin sehen könnte. Das heißt, dass all jene unter diesen Gelehrten, einerseits von den esoterischen Lehren Aristoteles' beeinflusst waren und damit auch von dem, was wir zuvor, als die Schule des Neuplatonismus andeuteten. Da galt jenes, »geistige Herz«, als Sitz der edelsten Gefühle eines Menschen.

Für Al-Ghazali jedoch war das Herz jedoch nicht allein das, was wir uns vielleicht unter dieser Beschreibung vorstellen. Er versuchte die Wesensbeschaffenheit dieses Herzens als etwas viel universaleres darzustellen. Vier esoterische Konzepte sollten ihm bei der Beschreibung dessen helfen, was durch die arabische Begriffe »Qalb«, »Ruh«, »Nafs« und »Aql« definiert ist. In folgendem Zitat aus seinem Buch »Wunder des Herzens« schreibt er:

[…] dem Begriff »Herz« (arabisch »Qalb«), dem zwei Bedeutungen zu Grunde liegen. Eine davon ist das kegelförmige Körperorgan aus Fleisch, dass sich in der linken Seite der Brust befindet. Es ist ein besonderer Muskel, indem sich eine Höhlung befindet, und in dieser Höhlung befindet sich schwarzes Blut, das die Quelle und der Sitz des Geistes ist (arabisch »Ruh«). […] Die zweite Bedeutung des Wortes »Herz« beschreibt eine subtile, feinstoffliche Substanz ätherisch-geistiger Art, die mit dem physischen Herzen verbunden ist. Die subtile, feinstoffliche Substanz aber ist die wahre Essenz des Menschen. Das Herz ist der Teil des Menschen, der empfindet und weiß und erfährt […] Der zweite Begriff ist »Geist« (arabisch »Ruh«), der für unsere Zwecke ebenfalls auf zwei Arten erklärt, verwendet wird. Eine davon ist ein feinstofflicher Körper, der einer Höhlung des physischen Herzens entspringt und der durch die pulsierenden Arterien in allen Körperteilen verbreitet wird. […] Die zweite Bedeutung (des »Ruh«) ist, wie bereits erwähnt, die einer subtilen, feinstofflichen Substanz, die den wirklichen Menschen ausmacht: Es ist des Menschen Seele und seine Essenz.

Es geht hier um das, was bei den alten Griechen als »Pneuma« bezeichnet wurde und da als universales Mittel der Sinneswahrnehmung verstanden wird. Der Begriff der »Seele«, arabisch »Nafs«, steht für den lebensspendenden Teil der im Menschen zu Lebzeiten wirkt, seine Lebenskräfte bildet. Man spricht hier auch von der Triebseele oder Tierseele, was wohl möglicherweise ebenso aus dem griechischen Konzept der Epithymia abgeleitet ist, was man schlicht mit dem deutschen Wort »Lust« übersetzen könnte. Hier wirken also Kräfte im Menschen, die ihn dem Tier näher sein lassen, als dem was er eigentlich erzielen sollte: nämlich dem Göttlichen zuzustreben. Andere Bedeutung dessen, was Al-Ghazali als die »Nafs« anführt, bildet wiederum die feinstoffliche Substanz, eben wie auch der Sinngehalt der Namen »Qalb« und »Ruh«:

Die Seele verdient entsprechend dieser zweiten Definition Anerkennung, entspricht sie doch dem Selbst des Menschen beziehungsweise seinem wahren Wesen, seiner wahren Natur, die, sich Gott bewusst seiend, mit allen anderen erkennbaren Dingen vertraut ist.

- Aus Al-Ghazailis »Wunder des Herzens«

Nun bleibt schließlich der Begriff des »Aql«, dem was man als die »menschliche Intelligenz« oder besser noch, als seine »Vernunft« bezeichnen könnte. Lange zuvor schon lässt sich den Schriften Aristoteles' entnehmen, was auch die Neuplatoniker »Nous« nannten. Das ist im Altgriechischen sowohl mit der Bezeichnung der Wahrnehmung, mit der Gefühlswelt, dem Herzen, der Seele und dem Willen verwandt, wie auch gleichzeitig mit dem Denken und dem was einer beabsichtigt. Durch »Aql« aber versucht der Mensch über das wahre Wesen der Dinge Verständnis, wie auch über seine besonderen Kräfte Wissen zu erlangen, was doch ganz und gar zu den herausragendsten Fähigkeiten allen Menschseins gehört.

Wie es aber auch bei den anderen drei Begriffen (Qalb, Ruh, Nafs), die mit dem spirituellen Herzen Al-Ghazalis zusammenhängen, eine feinstoffliche Variante gibt, trifft das auch zu auf den eben beschriebenen Aql: Es ist die Substanz, oder das Mittel, worüber Gott vom Menschen erkannt werden kann.