Philosophie

Sinntherapie mit S. Levent Oezkan

Die Lehre vom Sein der Seele, heut kurz "Psychologie" genannt, war immer auch Sache der Philosophen - oder vielleicht besser - jener, die die Weisheitslehren lieben.

Es waren seit alter Zeit vor allem sie, denen die seelische Gesundheit ihrer Nächsten am Herzen lag. Den Sinn im Leben verloren zu haben und wieder zu finden, dabei halfen und helfen auch heute noch, so wie ich, jene.

In meiner Philosophischen Beratung will ich mit Ihnen Antworten finden auf Ihre Fragen. Aus meiner langjährigen Erfahrung mit immer wieder völlig neuen, teils einschneidenden, neuen Lebenssituationen (z. B. schwerer Krankheit oder längerer Einsamkeit) umgehen zu müssen, lernte ich etwas, dass ich mit allen Suchenden teilen will: Im Finden entsprechender Antworten auf sensible Lebensfragen.

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Curriculum Vitae S. Levent Oezkan

Weisheit der Sufis

Weisheit der Sufis

Wie die meisten gebildeten Muslime seiner Zeit, war auch Al-Ghazali jemand der mit der Philosophie Aristoteles' vertraut war. Zwar hielt man all die griechischen Philosophen für Ungläubige, machte sich aber deren Logik und Prinzipien der Philosophie zu Nutze. Es war ein Kompromiss, denn in ihrer Arbeit versuchten sie so weit wie möglich die Dogmen des Koran beizubehalten.

Al-Ghazali war in seinem Denken jedoch eher einer platonischen Philosophie zugeneigt. Außerdem schloss er sich später den Sufis an, die durch das »Wadschad« – die Ekstase – ihre Art von Offenbarung empfingen. Und doch wäre es falsch Al-Ghazali seinem Wesen nach nur als Sufi zu kennzeichnen. Er wuchs in einer Gemeinde auf, zu der viele Arier gehörten. Und so war sein Werk wohl auch stark beeinflusst vom Zoroastrismus, doch ebenso von dem, was er von buddhistischen Missionaren aus dem Osten gelernt hatte.

In Al-Ghazalis Werk laufen die philosophischen und spirituellen Lehren aus West und Ost zusammen. Er führte bei den Sufis die Konzepte der Philosophie Plotinus' ein, wie auch die der Neuplatoniker, die dereinst sogar einen festen Bestandteil in den Lehren der muslimischen Gemeinden seiner Zeit werden sollten.

Viele sehen in Al-Ghazali eine der größten Persönlichkeiten in der Geschichte des Islam, ja gar auf selber Stufe wie die vier großen Imame. Diese Ansicht scheint sich jedoch eher in heutiger Zeit zu erfüllen, wo sich der Islam in einer Art Wandlungsprozess befindet. Darum, so glauben manche, würden durch ein erneutes Studium seines Werks, Al-Ghazalis Lehren zu neuem Leben erweckt.

Was der Mensch in Wahrheit alles vermag

Womöglich ließ sich Al-Ghazali durch die Schriften von Platon und Aristoteles inspirieren. Denn seiner Ansicht nach, musste jemand am Anfang eines geistigen, eines spirituellen Weges, zuerst einmal sein Herzen von allen Dingen reinigen, die nicht zum Göttlichen gehören, in einer Art »Katharsis des Herzens«. Durch symbolische Handlungen sollte einer jene Belastungen des Herzens eliminieren. Aggressive Gefühle mussten da in fiktiver, scheinbarer Form, negative Emotionen reduzieren, wo sich der Betroffene ihrer, durch symbolische Handlungen entledigt. Dies etwa kann erfolgen durch den Ausschrei des Satzes »Gott ist großartig«, auf arabisch: »Allahu Akbar«. In einem weiteren Schritt erreicht der Übende einen Zustand in dem sich sein Geist vollkommen auflöst in Gott, in einem willentlichen Akt. Nicht aber ist das bereits der Zustand höchster Vervollkommnung, sondern sogar noch die erste Stufe auf dem Weg zu einem Leben innerer Einkehr. Es ist quasi der Vorhof durch den die Eingeweihten eintreten.

Das Herz ist das Zentrum aller subtilen Gemütsformen im Menschen. Doch nicht etwa das physische Herz. Es ist ein geistiges Herz, dass dem Propheten Mohammed (as) offenbart wurde. Er empfand in diesem geistigen Herzen die Welt. Was er darin erblickte schaute er mit dem mystischen Auge des Herzens an. Im Koran heißt es hierzu:

Wer immer Gabriels Feind ist – denn er ist es, der es auf Geheiß Allahs hat herabkommen lassen auf dein Herz, Erfüllung dessen, was vordem war, und Führung und frohe Botschaft den Gläubigen […]

Und siehe, dies ist eine Herabsendung (Offenbarung) vom Herrn der Welten. Hinab kam mit ihm (dem Koran) der getreue Geist auf dein Herz, dass du einer der Warner seiest, in deutlicher arabischer Sprache.

- Suren 2:97, 26:192ff

Was andere dann durch Mohammeds (as) mündliche Überlieferung aufschrieben, sollte den logisch zu schlussfolgernden Teil dieser Offenbarung bilden, während in ihm selbst, auf die eben angedeutete Weise, religiöse Erkenntnis inspiriert wurde. Aus dieser Trennung von logischem Erfassen und religiöser Erleuchtung, kam es im Islam zu zwei einer Trennung in zwei geistige Strömungen: den Rationalisten, die quasi den wortwörtlich überlieferten Islam predigen, und den Mystikern, was auch heute noch die Sufis sind. Die meiste Zeit in der Geschichte der islamischen Religion, bestanden diese beiden Geisteswege in Frieden nebeneinander.

Die sogenannten »Mutakallimun« gründeten eine systematisierte Theologie, die man in den exoterischen Medressen lehrte und wo man über das Wesen des Andersseins Gottes mutmaßte. Die Sufis jedoch trafen sich in davon gesonderten Logen, den sogenannten »Tekken« (auch: »Dhargas«). Dort praktizierte man in Meditation und religiösem Ritual, den »Dhikr«. In dieser besonderen ekstatischen Praxis wird sich der Übende, Gottes absoluter Erhabenheit und Vollkommenheit bewusst, was da insbesondere durch den sogenannten »Tasbih« erfolgt, den Lobpreis der Formel »Subhan Allah«: »Gott ist über allem erhaben«.

Heilig ist Er und hoch erhaben über all das, was sie behaupten.

- Sure 17:44

Den Sufis geht es jedoch nicht darum, in ihrer Rezitation dieses »Subhan Allah«, damit ein intellektuelles Verstehen seiner Bedeutung zu suggerieren, sondern vielmehr darum, sich eine gleichnishafte Darstellung dessen zu vergegenwärtigen, was man als vollkommenste Struktur allen Seins bezeichnen könnte. Solcher Art Bewusstwerdung im Dhikr, erfolgt also nicht im Intellekt, sondern in dem, was wir oben als das »Geistige Herz« einführten. Was damit gemeint ist, damit wollen wir uns im Folgenden eingehender beschäftigen.

Das Herzen als Sitz spiritueller Geheimnisse

Wir hatten zuvor gesagt, dass die göttliche Offenbarung an den Propheten Mohammed (as) nicht seinem denkenden Geist, sondern seinem Herzen enthüllt wurde (siehe oben Suren 2:97, 26:192ff). Für die Sufis war dieses Herz der Sitz geistiger Geheimnisse. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht überraschend, dass der Begriff des Herzens auch eine wichtige Rolle spielt im Vokabular religiöser Gelehrter des Islam. Oft wird dieser Begriff synonym für das verwendet, was man die Seele nennt, jedoch als Sitz dessen, was man als intellektuelle und emotionale Instanz darin sehen könnte. Das heißt, dass all jene unter diesen Gelehrten, einerseits von den esoterischen Lehren Aristoteles' beeinflusst waren und damit auch von dem, was wir zuvor, als die Schule des Neuplatonismus andeuteten. Da galt jenes, »geistige Herz«, als Sitz der edelsten Gefühle eines Menschen.

Für Al-Ghazali jedoch war das Herz jedoch nicht allein das, was wir uns vielleicht unter dieser Beschreibung vorstellen. Er versuchte die Wesensbeschaffenheit dieses Herzens als etwas viel universaleres darzustellen. Vier esoterische Konzepte sollten ihm bei der Beschreibung dessen helfen, was durch die arabische Begriffe »Qalb«, »Ruh«, »Nafs« und »Aql« definiert ist. In folgendem Zitat aus seinem Buch »Wunder des Herzens« schreibt er:

[…] dem Begriff »Herz« (arabisch »Qalb«), dem zwei Bedeutungen zu Grunde liegen. Eine davon ist das kegelförmige Körperorgan aus Fleisch, dass sich in der linken Seite der Brust befindet. Es ist ein besonderer Muskel, indem sich eine Höhlung befindet, und in dieser Höhlung befindet sich schwarzes Blut, das die Quelle und der Sitz des Geistes ist (arabisch »Ruh«). […] Die zweite Bedeutung des Wortes »Herz« beschreibt eine subtile, feinstoffliche Substanz ätherisch-geistiger Art, die mit dem physischen Herzen verbunden ist. Die subtile, feinstoffliche Substanz aber ist die wahre Essenz des Menschen. Das Herz ist der Teil des Menschen, der empfindet und weiß und erfährt […] Der zweite Begriff ist »Geist« (arabisch »Ruh«), der für unsere Zwecke ebenfalls auf zwei Arten erklärt, verwendet wird. Eine davon ist ein feinstofflicher Körper, der einer Höhlung des physischen Herzens entspringt und der durch die pulsierenden Arterien in allen Körperteilen verbreitet wird. […] Die zweite Bedeutung (des »Ruh«) ist, wie bereits erwähnt, die einer subtilen, feinstofflichen Substanz, die den wirklichen Menschen ausmacht: Es ist des Menschen Seele und seine Essenz.

Es geht hier um das, was bei den alten Griechen als »Pneuma« bezeichnet wurde und da als universales Mittel der Sinneswahrnehmung verstanden wird. Der Begriff der »Seele«, arabisch »Nafs«, steht für den lebensspendenden Teil der im Menschen zu Lebzeiten wirkt, seine Lebenskräfte bildet. Man spricht hier auch von der Triebseele oder Tierseele, was wohl möglicherweise ebenso aus dem griechischen Konzept der Epithymia abgeleitet ist, was man schlicht mit dem deutschen Wort »Lust« übersetzen könnte. Hier wirken also Kräfte im Menschen, die ihn dem Tier näher sein lassen, als dem was er eigentlich erzielen sollte: nämlich dem Göttlichen zuzustreben. Andere Bedeutung dessen, was Al-Ghazali als die »Nafs« anführt, bildet wiederum die feinstoffliche Substanz, eben wie auch der Sinngehalt der Namen »Qalb« und »Ruh«:

Die Seele verdient entsprechend dieser zweiten Definition Anerkennung, entspricht sie doch dem Selbst des Menschen beziehungsweise seinem wahren Wesen, seiner wahren Natur, die, sich Gott bewusst seiend, mit allen anderen erkennbaren Dingen vertraut ist.

- Aus Al-Ghazailis »Wunder des Herzens«

Nun bleibt schließlich der Begriff des »Aql«, dem was man als die »menschliche Intelligenz« oder besser noch, als seine »Vernunft« bezeichnen könnte. Lange zuvor schon lässt sich den Schriften Aristoteles' entnehmen, was auch die Neuplatoniker »Nous« nannten. Das ist im Altgriechischen sowohl mit der Bezeichnung der Wahrnehmung, mit der Gefühlswelt, dem Herzen, der Seele und dem Willen verwandt, wie auch gleichzeitig mit dem Denken und dem was einer beabsichtigt. Durch »Aql« aber versucht der Mensch über das wahre Wesen der Dinge Verständnis, wie auch über seine besonderen Kräfte Wissen zu erlangen, was doch ganz und gar zu den herausragendsten Fähigkeiten allen Menschseins gehört.

Wie es aber auch bei den anderen drei Begriffen (Qalb, Ruh, Nafs), die mit dem spirituellen Herzen Al-Ghazalis zusammenhängen, eine feinstoffliche Variante gibt, trifft das auch zu auf den eben beschriebenen Aql: Es ist die Substanz, oder das Mittel, worüber Gott vom Menschen erkannt werden kann.

 

Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates: Durch Fragen zur Weisheit

Sokrates - ewigeweisheit.de

Ein Philosoph ist jemand der die Weisheit liebt, was aber gar nicht bedeuten muss, dass er schon weise ist. Vielmehr strebt er nach Weisheit, möchte sie entdecken, sie erringen. Für den Denker Sokrates ähnelte der Philosoph dem Eros, dem Gott der Liebe, für den nicht der Besitz des Geliebten wichtig ist, sondern das Streben danach.

Ein Philosoph ahnt von dieser Liebe, die er irgendwo, vielleicht in der Ferne, in einer Weisheit finden könnte, verliebt sich darin und bricht schließlich auf, um ihr zu begegnen, sie zu finden und sie allenfalls zu erlangen.

Und zu so etwas fand einer etwa auf der Agorá – dem Marktplatz des alten Athen. Hier wandelten, in Dialoge vertieft, der große Philosoph Sokrates, Platon oder Aristoteles – alles Namen, die bis heute noch vielen Menschen bekannt sein dürften. Und es waren diese drei Weisen, jeweils Lehrer und Schüler, über die sich fast schon eine Familiengeschichte der klassischen Philosophie schreiben ließe, die sich in einer Zeit begab zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Neben Sokrates' wichtigstem Schüler Platon, schrieb auch der Schriftsteller und spätere Feldherr Xenophon über die Weisheit seines Lehrers. Eine Geschichte erzählt, dass sich Sokrates dem damals noch jungen Xenophon in einer engen Gasse in den Weg stellte und fragte, wo man diverse Lebensmittel kaufen könne. Nachdem ihm Xenophon antwortete, fragte Sokrates weiter:

Und wo werden die Menschen edel und tüchtig?

- Aus Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen

Diese Frage wusste der junge Mann nicht zu beantworten, blieb ganz verständnislos, wollte jedoch verstehen lernen und folgte seitdem Sokrates. Einst sollte er die Dialoge mit Sokrates als eine Sammlung von Weisheitsschriften verfassen, worin er seinen Lehrer beschrieb im Gespräch mit anderen – denn das ist was Sokrates tat: Sprechen. Alles was er der Nachwelt hinterließ, wissen wir nur durch jene, die sein Gesagtes notierten.

Philosophische Geburtshilfe

Als vor zweieinhalb Jahrtausenden Sokrates' die Weltbühne der Weisen betrat und sie auf so ungewöhnliche Weise wieder verließ, sollte eine neue Ära in der westlichen Philosophie eingeleitet werden. Wer war dieser Mann, dessen Erscheinen und Wirken die Schulen des Denkens im Westen, so von Grund auf verändern sollte?

Alles was in der alten Welt Griechenlands an Denkern und Weisheitsliebenden zu Gegen war, deren Wege sollten nach Sokrates im Sande der Vergangenheit versiegen. Denn mit seinem Auftreten und Fortwirken, durch seinen wohl wichtigsten Schüler Platon, endete das, was der deutsch-schweizerische Kulturphilosoph Jean Gebser (1905-1973) in seinem Werk »Ursprung und Gegenwart«, als die »Mythische Bewusstseinsstruktur« bezeichnete. Der alte Glaube an ein im Himmel weilendes Göttergeschlecht, dass die Verantwortung für das Leben in der Welt trug, sollte durch Sokrates nun auf die Ebene menschlichen Seins gebracht und in den Schulen des Denkens eingeführt werden. Was das bedeutet brachte der römische Schriftsteller Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) auf den Punkt:

Sokrates rief die Philosophie vom Himmel herab, hat sie in den Städten angesiedelt und sogar in die Häuser hinein geführt und er zwang die Menschen über das Leben, über die Sitten und über Gut und Böse nachzudenken.

Seine vielfach gewandte Art des Unterrichts und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände und die Größe seines Geistes, durch Platon zum ewigen Gedächtnis in Schriften niedergelegt, veranlasste mehrere Schulen abweichender Philosophen.

- Aus Ciceros Hymnus auf die
Philosophie

Durch Sokrates Wirken kam der Wunsch nach Antworten auf die praktischen Lebensfragen unter die Menschen. In den Weisheitslehren von Pythagoras, Parmenides, Thales oder Heraklit war das, was man später Philosophie nannte, noch eine recht abstrakte Geisteswissenschaft. Was die Führung des eigenen Lebens aber anbetrifft, so sollte dies erst durch Sokrates' menschliches Ansinnen bedeutsam werden. Aus diesem Grund war er für den schweizerischen Philosophen Karl Jaspers (1883-1969) sogar eine ebenso wichtige Gestalt, wie der Buddha, wie Konfuzius oder Jesus – waren sie doch andere wichtige Weisheitslehrer der Antike, die den Menschen authentische Lebensweisheiten brachten.

Sicher spielte Sokrates in der Geschichte des antiken Geisteslebens auch sonst eine Sonderrolle, als eben der eigenartige Mensch der er war und der sich, wie Jesus nach ihm, eigentlich unschuldig hingerichtet werden sollte, doch sich seinem offensichtlich ungerechten Todesurteil stellte.

Sokrates wahrlich lebte Philosophie. Auch wenn er von Haus aus eigentlich das Handwerk des Steinmetzes erlernt hatte, übte er diesen Beruf nie wirklich aus. Eher lag ihm daran sich mit seinen Zeitgenossen zu unterhalten – vor Allem aber Fragen zu stellen, und dabei herauszufinden, was Menschen etwa damit meinen, wenn sie von ihren Tugenden sprechen.

Er selbst hätte sich gern immerfort über die menschlichen Dinge unterhalten, indem er untersuchte, was fromm, was gottlos; was schön, was schimpflich; was gerecht, was ungerecht sei; worin die Besonnenheit und Tollheit, die Tapferkeit und die Feigheit bestehe; wie ein Staat und ein Staatsmann, eine Regierung und ein Regent sein müsse, und Anderes der Art, was nach seiner Überzeugung Jeden, der es weis, zu einem guten und edlen Menschen macht, demjenigen aber, welcher damit unbekannt ist, mit Recht den Ruf einer knechtischen Seele zuzieht.

- Aus Xenophons Erinnerungen an Sokrates 1:16

Nur wer diese Dinge gut weiß, der konnte laut Sokrates auch gut handeln. Drum stellte er immer und immer wieder die sogenannten »Was ist«-Fragen:

Was ist Besonnenheit?

Was ist Frömmigkeit?

Was ist Tapferkeit?

Sein Anliegen bei der Suche nach Antworten sollte zur zentralen Frage und dem Hauptgeschäft der gesamten Philosophie werden. Dabei lag Sokrates niemals daran seinem Gegenüber irgendwelches Wissen aufzudrängen. Vielmehr wollte er auf jemanden zugehen, um dabei von ihm etwas zu erfahren. Sokrates also wollte statt lehren, lernen.

 

Wie es Sokrates' Mutter als Hebamme verstand Kinder zur Welt zu bringen, so schien ihr Sohn diese Kunst durch sein Fragen auszuüben, um dabei besonderen Antworten zur Geburt zu verhelfen, als Weisheiten, die in seinen Gesprächspartnern bereits schlummerten, doch danach drängten zur Welt gebracht und bewusst zu werden. So wie also eine Hebamme nicht eigene, sondern fremde Kinder zur Welt bringt, so ging es auch Sokrates in erster Linie nicht darum selbst Wissen oder Weisheit zu gebären, sondern anderen bei der Geburt ihrer Weisheit zu helfen, die in ihrem Inneren nur darauf wartet sich im Licht der Welt zu erklären.

Diese ganz eigene Form des Dialogs existierte vor ihm noch nicht. Sokrates sah in manchen seiner Gesprächspartner, wie ihre eigentlichen Fähigkeiten und Veranlagungen, scheinbar in die äußere Wirklichkeit der Gegenwart drängten. Er verhalf ihren dadurch so geplagten Seelen dabei, ihr wirklich wesentliches Naturell zu gebären. So wie eine Hebamme zu erkennen vermag ob überhaupt eine Schwangerschaft vorliegt, wusste auch Sokrates um das vielleicht verborgene Potential seiner Gesprächspartner – sei es positiv oder negativ. Durch seine drängenden Fragen brachte er es aus ihnen zum Vorschein. Gewiss ähnelt das dem heute so oft angeratenen »Coaching«, dass sich wohl insbesondere darin versucht die richtigen Fragen zu stellen, deren Antworten dem Fragenden Richtungen im Leben weisen.

Manche sahen in Sokrates aber eher einen Plagegeist und weniger einen Geburtshelfer, der in Anderen Erkenntnisse hervorbringt. Das ihm sein Fragen dereinst teuer zu stehen kommen würde, schien er, wenn auch schon erwartet, kaum Beachtung zu schenken.

Zwar suchte sich Sokrates für seine Themen stets Kenner der Materie, zumindest aber Menschen, die sich für solche hielten. So fragte er einen Priester aus über Frömmigkeit, wollte über Gerechtigkeit von einem Mann des Staats wissen oder suchte Antworten bei einem Feldherrn über die Tapferkeit. Was aber die dabei befragten Tugenden beförderten, war gar kein Wissen, sondern eher etwas, dass man als »Nicht-Wissen« bezeichnen könnte.

Die drängenden Fragen, die Sokrates wohl anscheinend auf alle Antworten seines Gegenübers folgen ließ, vereitelten jeden Einwand und veranlassten seine Gesprächspartner einräumen zu müssen, dass sie eigentlich keine Antworten hatten. Und zu solchem Schluss sollten leider auch jene kommen, die unter seinen Zeitgenossen die großen Herren waren: Staatsmänner, Admiräle oder Richter. Doch auch die großen Seher, Wahrsager und Priester dieser Zeit wussten meist keine Antworten auf Sokrates' Fragen. Sie alle mussten mit ihrer Sprachlosigkeit bitter hinnehmen, dass sie vom Göttlichen eigentlich gar nichts wussten. Das aber führte immer zu einem recht unbefriedigenden Ergebnis, denn fast alle seine Dialoge führten zu einem Ende ohne Lösung – Sokrates' Hebammenkunst scheiterte also, was Sokrates auf ganz beeindruckende Weise einfach so hinnahm.

Keineswegs empfand sich Sokrates darum als einer, der es besser wusste. Er war sich durchaus bewusst, dass er auch selbst keine Antwort oder Lösung hatte. Doch unglücklich war er deshalb nicht. Allein in seinem Gegenüber eine Antwort hervorzubringen, war für ihn schon ein Gewinn. Bleiben doch die unbeantworteten Fragen das, was uns streben lässt. Das Unerfüllbare, das aus uns ein neues Ansinnen hervorbringt ist von Wert, wo sich einer stets bewusst ist, dass er eben nichts weiß – und wenn doch, dann nur sehr wenig. Schließlich stammte von Sokrates der berühmte Satz:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Wobei diese Übersetzung seiner Aussage einen kleinen, jedoch nicht unerheblichen Fehler beinhaltet, denn das griechische oîda ouk eidōs müsste eigentlich korrekt übersetzt heißen:

Ich weiß, dass ich nicht weiß.

Und das ja ist die Aussage eines Weisen, der nicht von sich glaubt ein Wissender zu sein und noch viel weniger das Selbe behaupten würde. Genauer hieße es vielleicht: Ich bin Mitwisser meiner Selbst, als jemandem der eigentlich nicht über begründetes Wissen verfügt. Das klingt nun vielleicht bescheidener als es letztendlich ist. Sokrates nämlich sah sich damit seinen Mitmenschen einen Schritt voraus.

Mit dieser weisen Einsicht aber empfand sich Sokrates eben auch nicht als Vorbote, der den Menschen von einem Besseren kündete, sondern forderte sein Gegenüber damit heraus, dass er äußerst treffliche Fragen zu stellen wusste – auch jenen die nicht einmal gefragt werden wollten.

Menon: O Sokrates, ich habe schon gehört, ehe ich noch mit dir zusammengekommen bin, dass du allemal nichts als selbst in Verwirrung bist und auch andere in Verwirrung bringst. Auch jetzt kommt mir vor, dass du mich bezauberst und mir etwas antust und mich offenbar besprichst, dass ich voll Verwirrung geworden bin, und du dünkst mich vollkommen, wenn ich auch etwas scherzen darf, in der Gestalt und auch sonst, jenem breiten Seefisch, dem Zitterrochen, zu gleichen. Denn auch dieser macht jeden, der ihm nahekommt und ihn berührt, erstarren. Und so, dünkt mich, hast auch du mir jetzt etwas Ähnliches angetan, dass ich erstarre.

- Aus Platons Dialog Menon

Das Sokratische Problem

Sokrates war keineswegs jemand, den man als gewöhnlichen Mann bezeichnen könnte. Nicht aber war er nur ein kluger Spinner, der anderen auf die Nerven ging. Was durch ihn zum Begriff der Philosophie kam, konnte recht lästig sein, musste man doch sein ewiges Fragen durch Antworten erwidern.

Sokrates aber war ein echter Weiser, jemand der allein durch seinen Geist und durch seine wunderbare Sprache, auf diese Weise im Anderen vermochte eine Wandlung zu vollziehen. Etwas, das wohl keinem anderen Philosophen nach ihm gelang. Doch keineswegs waren alle denen Sokrates seine Fragen stellte, dafür auch dankbar. Im Gegenteil: Aus Ermangelung an Antworten mussten sie plötzlich feststellen, dass sie, wenn von ihnen auch anders angenommen, eigentlich nichts wirklich wussten. Sokrates war sozusagen der lästige Typ, der jedem, der von überschwänglichem Selbstbewusstsein aufgeblasen durch die Straßen ging, verfängliche Fragen stellte, auf die er keine Antwort wusste. Da fühlte sich immer mal wieder jemand einfach nur bloß gestellt, da sich herausstellte, dass sein Wissen eigentlich nur Scheinwissen war. Manche waren so erbost über sein Fragen, dass sie ihn sogar körperlich attackierten.

Wer war Sokrates wirklich?

Nun, zugegebenermaßen müssen wir uns hier auf all das stützen, was uns durch seine Schüler Platon und Xenophon überliefert wurde. Und es gibt wohl etliche philosophie-historische Abhandlungen und Arbeiten darüber, wer der historische Sokrates in Wirklichkeit war und wie sehr ihn insbesondere Platon zu seiner Kunstfigur stilisiert hatte, in der er seine eigene Philosophie zum Ausdruck bringt: man nennt das das »Sokratische Problem«, das bis heute ungeklärt bleibt.

Wahrscheinlich war es Platons Lebensaufgabe, das Werk seines Meisters auf eben seine Weise niederzuschreiben, dass es der Nachwelt auf ewig erhalten bleibe. Dabei erscheint Sokrates, in dem was Platon über ihn schrieb, fast schon als einer, den man, aus christlicher Sicht, durchaus einen Heiligen, ja vielleicht sogar einen Propheten nennen könnte. Denn schon die Art wie er starb, worauf wir später noch eingehen wollen, deuten durchaus Parallelen an zu demjenigen, den die Christen als ihren Heiland und Sohn Gottes Jesus Christus verehren. Es scheint daher auch kein Zufall, dass Sokrates eine Vorbildfunktion einnehmen sollte, wie er zu seiner Aufgabe als Unbeirrbarer in voller Verantwortung stand. Seine Rolle als eine Art Heldenfigur, sollte ganz wesentlich das Denken des späteren Altertums im Westen beeinflussen. Man deutete dies auf ganz eigentümliche Weise auch in die christliche Botschaft hinein. Sogar noch bis ins 18. Jahrhundert nämlich, wurden Sokrates und Jesus immer wieder miteinander verglichen.

 

Es spricht einiges dafür, dass es sich bei Sokrates' Verteidigungsrede (Apologie) und den vor seiner Hinrichtung geführten Dialogen (Phaidon), um die wahre Person Sokrates handelt. Wäre dem nicht so, hätte Platon wohl viele gegen sich aufgebracht. Die Gerichtsverhandlung nämlich fand statt, was im Übrigen auch für die Gespräche nach seiner Verurteilung im Kreise seiner Freunde zutrifft. Vor allem aber empört wären wohl die Gegner des Sokrates darüber gewesen, hätte Platon, aus ihrer Sicht, in der Wiedergabe der Geschehnisse und Aussagen seines Meisters, den tatsächlichen Inhalt einfach nur schöngeredet.

 

Metaphysik des Eros

Metaphysik des Eros

Gehen wir in der Zeit noch einmal einige Jahre zurück. Da ist die Rede von einem Trinkgelage im Hause des Tragödiendichters Agathon, von einem Gastmahl, worüber Platon in seinem »Symposion« schrieb. Sein Gastgeber, der in der Erzählung als junger Schriftsteller auftritt, hatte tags zuvor einen Dichter-Wettbewerb gewonnen. Dies wollte er mit seinen Freunden feiern, die er zu diesem Gastmahl einlud. Auch Sokrates zählte zu den Gästen, der in Platons Symposion die Hauptfigur ist.

In diesem Text lässt Platon den Bildhauer Apollodoros erzählen, über die da gehaltenen Reden, Dialoge und das allgemeine Geschehen dieser Zusammenkunft. Als Gäste sind, neben anderen, außerdem anwesend Aristodemos, einer der eifrigsten Anhänger des Sokrates, der Arzt Phaidros, der in Platons gleichnamigen Werk ein fiktives philosophisches Gespräch mit Sokrates führte, wie auch der Komödiendichter Aristophanes. Als einzige Frau anwesend ist die von Zeus geehrte, weise Frau aus Mantineia in Arkadien: Diotima – eine Kunstfigur, die Platon im Gastmahl nicht direkt auftreten lässt. Denn Sokrates erzählt im Symposion davon, wie er durch sie belehrt wurde über die Bedeutung des Eros.

Wie auch sonst sollte Sokrates, auch in diesem Treffen, mit seinen Schülern und Freunden, das Thema des Abends bestimmen – weniger aber durch besondere Argumentationen, als vielmehr durch eine, sagen wir, seelische Schönheit, die die Bewunderung seiner Zuhörer auf sich zog – ja sogar ihre Liebe zu ihm befeuerte. Sokrates' Vorbildfunktion dabei, als idealer Philosoph, hat eine so starke Wirkung auf seine Schüler, dass sie ihn gar erotisch attraktiv erscheinen lässt, ganz gleich ob Sokrates nun körperlich dem Schönheitsideal seiner Zeit entsprach oder nicht.

Sokrates schlug im Symposion vor, dass jeder eine Rede in der Tradition der Aphrodite halten könne. Und diese Aphrodite, welche die Römer Venus nannten, war die schaumgeborene Göttin der Liebe. Doch Aphrodite ist mehr als das. Es scheint nämlich eigentlich zwei Figuren zu geben, die ihren Namen tragen:

Die eine ist ja die ältere und mutterlose, die Tochter des Uranos, welche wir deshalb bekanntlich auch die »himmlische« nennen; die jüngere aber ist die Tochter des Zeus und der Dione, welche wir ja als die »irdische« bezeichnen. Notwendigerweise muss nun danach der Eros, welcher der Gehilfe der letzteren ist, auch der »irdische« heißen, der andere aber der »himmlische«.

- Aus Platons Symposion

Und dieser Uranos des griechischen Sagenkreises, der vergöttlichte Himmel, wurde zum Vater der Aphrodite. Sein Sohn Kronos schnitt ihm mit der Sichel das Glied vom Leibe, das sodann vom Himmel ins Meer fiel. Aus dem da so aufbrausenden Schaum erstand nun die Aphrodite, die man seither »die Schaumgeborene« nennt.

Dieser Schaum meint jedoch mehr, als was man sich im Mythos angedeutet, darunter vielleicht vorstellt: Seine Erscheinung ist eine Metapher für zwei, die gemeinsam den Liebesakt erleben, wo, wie man sagt, das Blut beginnt aufzuschäumen. Doch auch der Redefluss der Teilnehmer dieses Gastmahls war aufschäumend, wenn sie eifrig tranken, begeistert im Rausch über die Lüste diskutieren und übereinander scherzten. All das findet in der Horizontalen, auf Bastmatrazen statt, wo man isst und säuft. Und nicht etwa nur wird da über die Leidenschaften gesprochen, die einer mit Frauen hat. Auch sich mit Männern leidenschaftlich zu vergnügen, war den griechischen Philosophen nicht fremd. Eros ist eben eine Kraft die viel bewirkt: Gutes – doch viel zu oft auch Schlechtes. So wie ja auch der Gott Eros aus Himmel und Erde geboren, als Schlange aus dem göttlichen Ur-Ei entweicht, als jene Kraft, die seither verzweifelt versucht, den Urzustand der Ganzheit wiederherzustellen, der vor der Trennung in Himmel und Erde gewesen ist. Doch es scheint da, in allem was seither sich zu vereinigen sehnt, eine Urahnung lebendig zu sein, die diesen Grundzustand der Weltentstehung wieder herstellen will – doch gleichzeitig ahnend, dass dies sich nur augenblicklich erfüllen lässt: im Impuls höchster Erregtheit.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme umeinander und hielten sich eng umschlungen und waren voller Begierde wieder zusammenzuwachsen […]. Und wenn etwa die eine von beiden Hälften starb und die andere noch übrig blieb, dann suchte diese sich eine andere und umschlang diese, mochte sie dabei nun auf die Hälfte eines ganzen Weibes, also das, was wir jetzt Weib nennen, oder eines ganzen Mannes treffen, und so gingen sie zugrunde.

Da erbarmte sich Zeus und erfand einen andern Ausweg, indem er ihnen die Geschlechtsglieder nach vorne versetzte; […] So verlegte er sie also nach vorne und bewirkte dadurch die Erzeugung ineinander, nämlich in dem Weiblichen durch das Männliche, zu dem Zwecke, dass, wenn dabei ein Mann auf ein Weib träfe, sie in der Umarmung zugleich erzeugten und so die Gattung fortgepflanzt würde; […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Jeder von uns ist demnach nur eine Halbmarke von einem Menschen, weil wir zerschnitten, wie die Schollen, zwei aus einem geworden sind. Daher sucht denn jeder beständig seine andere Hälfte.

- Aus Platons Symposion

Seitdem also sind wir Menschen auf der Suche nach dem Anderen, sehnen uns geliebt zu werden und wünschen uns zärtliche Zuneigung. Unser Ziel nämlich ist, diesen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Was mit dem Titel auf eine Metaphysik des Eros hindeutet, behandelte Platon in seinem Symposion, aus dem wir soeben das Zitat lasen. In diesem Werk behandelt er die Themen der Liebe, der Erotik und zuletzt auch was man Wahrheit, woraus sich im Grunde das Ideal der Liebe kristallisiert.

Wenn hier aber die Rede ist von »Eros«, so meint dieser Name den griechischen Gott der Liebe, einen wohltätigen und großen Gott, der so vielen Dichtern zu all den Lobliedern auf die Liebe verhalf.

Die Kraft des Eros gebiert jedoch sowohl das Eine wie das Andere, bringt sowohl himmlische wie auch irdische Ekstase zur Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Eros als nur schön und würdig empfunden wird. Insbesondere im Übermaß resultiert aus sinnlicher Liebe nur Verzweiflung, denn da kann sie nicht mehr befriedigt werden und wird zur Sucht, führt zu Abhängigkeit. Es ist damit wie mit allen Lüsten die, wurde von ihnen zu viel gekostet, nur zum Gegenteil beitragen – sei es der Genuss guten Essens, die Freude am Rausch oder die erotischen Leidenschaften. Alle die nicht genug kriegen können, werden an den Rand des physischen und psychischen Kollapses gedrängt.

Einer der berühmten Sprüche im Orakel-Tempel zu Delphi ermahnt: Gnothi seauton – Nichts im Übermaß. In der Mäßigkeit liegt der Schlüssel zu wahrem Glück.

Auch wenn die Teilnehmer des Gastmahls keine Kinder von Traurigkeit waren und um die ungeheuere Kraft des Begehrens wussten, war ihnen dennoch klar, wie wichtig es ist gesund zu bleiben. Wer darum in seinem Leben länger von den Genüssen der Welt kosten will, muss sie eben in vernünftigem, mäßigem Rahmen genießen. Das Bild das uns Platon über die Eltern des Eros gibt, Poros – der Gott des Reichtums – und Penia – die Göttin der Armut –, deutet an was man als einen Weg der Mitte bezeichnen könnte:

Als nämlich Aphrodite geboren war, hielten die Götter einen Schmaus, und mit den anderen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie aber gespeist hatten, da kam Penia, um sich etwas zu erbetteln, da es ja festlich herging, und stand an der Türe. Poros nun begab sich, trunken vom Nektar, denn Wein gab es damals noch nicht, in den Garten des Zeus und schlief in schwerem Rausche ein. Da macht Penia ihrer Bedürftigkeit wegen den Anschlag, ein Kind vom Poros zu bekommen: sie legt sich also zu ihm hin und empfing den Eros.

Deshalb ist Eros der Begleiter und Diener der Aphrodite, weil er an ihrem Geburtsfeste erzeugt ward und zugleich von Natur ein Liebhaber des Schönen ist, da ja auch Aphrodite schön ist. Als Sohn des Poros und der Penia nun ist dem Eros folgendes Los zuteil geworden: Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuß und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genosse.

Von seinem Vater her aber stellt er wiederum dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.

- Aus Platons Symposion

Eros also vereint in sich zwei Extreme. Was in diesem Zusammenhang aber Armut meint, ist, dass jemand bedürftig nach Liebe, zu wenig davon hat. Sein oder ihr Reichtum ist der Liebe teilhaftig zu werden, die sie oder er für jemanden empfindet, der sie wiederum erwidert. Eros' Reichtum ist unermesslich reich, denn er bereichert alle Menschen. Aber ist er auch, wie der Gott Hermes, ein Mittler zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Mensch. Und als solchen nannte man ihn im alten Griechenland einen Daimon1. Was das ist sehen wir uns später noch genauer an.

Was Eros als solch Daimon in den Menschen durch seine Kraft zu entfachen vermag, galt den alten Griechen als Gefühl einer Zeitlosigkeit und Unendlichkeit, wo sich unser seelisches Empfinden aus allen empfundenen Beschränkungen befreit und unsere körperliche Endlichkeit transzendiert.

Eros gibt dem Menschen die Möglichkeit die göttliche Ebene zu schauen, wenn zu Lebzeiten auch nur für die Dauer von Augenblicken. Aus aller Ignoranz und Unwissenheit entstiegen, erkennt er damit aber was Unendlichkeit bedeutet: das was die Seele im Tod vernehmen wird. Das Erlebnis des sexuellen Orgasmus jedoch, als »Kleiner Tod«, nimmt diese Erfahrung quasi vorweg – zumindest als ein Schmecken der Todeserfahrung. Ist das aber nicht ein Grund aufzumerken, wo der Orgasmus doch die Voraussetzung für neues Leben ist?

Diotima: Die weise Prophetin

Die innig-seelische Verschmelzung zweier Menschen, doch auch eines Menschen in seiner Liebe zu Gott, dass nennt man im Griechischen »Agape«. »Philia« ist die Freundschaft, die Zuneigung die man für andere Menschen oder auch für Dinge empfindet. Eros ist alles was jemand empfindet der sich in jemanden ver-liebt, ihm körperlich nahe sein will, ihn begehrt aus Lust und im Wunsch zur Verführung. Und genau die Liebe des Eros, war in diesem Gastmahl Sokrates Kern der Argumentation. Diotima nun, die Sokrates von der rechten Steuerung des erotischen Drangs erfahren lässt, spricht durch ihn auf dem Gastmahl als Daimon, über die Weisheit des Eros. Nicht aber, dass sie sich etwa seines Körpers bedient hätte, als vielmehr Sokrates mit seinen Freunden teilte, was Diotima ihn lehrte. Sie lässt ihn für sich sprechen lässt.

Doch, fuhr Sokrates fort, ich höre jetzt auf zu fragen, und teile euch ein Gespräch mit, das ich einst mit der Prophetin Diotima über Liebe gehalten habe. Ihr kennet dieses Weib, die nicht in der Philosophie der Liebe bloß, sondern überhaupt in allen Stücken große Einsichten hatte. […] Sie ist es, der auch ich meinen Unterricht in der Philosophie der Liebe danke. […] auch ich äußerte mich ihr gegenüber ungefähr auf ähnliche Weise, wie eben Agathon mir gegenüber, dass Eros nämlich ein großer Gott wäre und zu den Schönen gehöre […] sie (aber) widerlegte mich wiederum mit eben denselben Gründen, wie ich ihn, dahin, dass Eros […] weder schön noch gut sei. Ich aber hielt ihr entgegen: »Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?«

Diotima: »Ein wenig ehrerbietiger, wenn ich bitten darf! Meinst du, was nicht schön sei, das müsse notwendig hässlich sein?«

- Aus Platons Symposion

Sokrates geht also zu Anfangs davon aus, dass Eros ein Gott überirdischer Schönheit und nur so der Inbegriff der Liebe sein könne. Doch wie obiges Zitat zeigt, widerlegte Diotima seine Meinung und fügt hinzu:

[…] jeder Daimon macht ein Mittelwesen zwischen der Gottheit und dem Menschen aus.

- Aus Platons Symposion

Denn allein dafür ja existiert ein Daimon: Himmlisches an Irdisches weiterzugeben, Göttliche Offenbarung an den Menschen zu übermitteln.

Sie sind Dolmetscher und Unterhändler zwischen den Göttern und Menschen. Jenen überbringen sie die Bitten und Opfer der Letzteren; diesen aber die Befehle von den Ersteren und ihre Antworten auf die Opfer. Als Mittelwesen zwischen beiden, machen sie gleichsam das Band, durch welches das Universum zusammenhängt.

- Aus Platons Symposion

Kann Eros aber überhaupt ein Gott sein, als solch Mittelwesen? Zumindest zählt er nicht zu den Sterblichen, wie sich der alt-griechischen Theologie entnehmen lässt. Wenn er nun aber aus der Hierarchie des Göttlichen in die Menschenwelt vermittelt, kann es sich bei seiner Liebe keineswegs nur um Lust, Leidenschaft und körperliche Befriedigung handeln.

Doch um was dann?

Begehrt man einen Menschen nicht allein wegen der Schönheit seines Körpers, sondern hauptsächlich wegen seiner seelischen, tugendhaften Anmut, trifft man da auf das Edelste der erotischen Anziehungskraft. Da geht es dann um die rechte Lenkung des erotischen Dranges, eine »philosophische Steuerung« der Leidenschaft und demnach das, was man die Platonische Liebe nennt. Der Liebende sieht dann das Schöne in den Handlungen seines begehrten Gegenübers, dass sich in unzähligen besonderen Begebenheiten zeigt.

Der göttliche Eros ähnelt seinem Vaters Poros, einem der für alles Schöne und Gute leidenschaftlich kämpft, doch eben nicht ergeben oder untertänig, sondern:

[…] tapfer, kühn, beharrlich, (als) ein gewaltiger Jäger, ein unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet, erfinderisch im Besiegen einer Schwierigkeit; Philosoph sein ganzes Leben hindurch; ein gefährlicher Zauberer, Giftmischer […] und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben […]

- Aus Platons Symposion

Wenn Sokrates nun aber, durch Diotima beeinflusst, im Gastmahl behauptet, dass Eros also in Wirklichkeit gar kein Gott ist, sondern einem Engel gleicht, erschien das den Bürgern Athens wohl sicherlich als ungeheuerliche Behauptung. Eros war da doch ein Gott, den man nur zu gerne zur Rechtfertigung für die eigene Unfehlbarkeit zur Verantwortung zog. Jeglicher Ehebruch wurde wegen seines Wirkens legitimiert, schließlich hatte einen Eros überkommen, hatte einen listig heimgesucht. Für jeden Ehebruch musste er herhalten. Bei diesem Glauben dürfte man sich kaum wundern, dass sich einige für seine Heimsuchung sogar im Tempel bedankten. Und da nun kam dieser Sokrates daher und behauptete, dass dieser vollkommenste Gott des Schönen, in Wirklichkeit nur Medium dessen ist, worüber ein Mensch zur Mäßigung findet – etwas, dass man ihm, neben anderem, wie wir noch sehen werden, zu Lasten legte und ihn dafür aufs Unbarmherzigste verurteilte.

Sokrates führte seine Zeitgenossen damit also zu der Einsicht, dass menschliches Begehren in Wirklichkeit in der Verantwortung dessen liegt, der durch seine Leidenschaften getriebenen handelt. Eros erwuchs damit nicht von Außen oder vom Himmel auf den von Lüsternheit Überwältigten, sondern entstehe in ihm selbst, so dass er dieses Begehren auch zurückhalten kann. Denn wäre Eros vollkommen, also ein Gott, wäre ihm alles Streben fremd, da er ja bereits als solcher alles besäße und vollkommen reich wäre. Erotisches Begehren ist aber eher das genaue Gegenteil von Reichtum. Zu glauben man könne wie Reichtum auch erotische Befriedigung anhäufen: gleicht das nicht einer Illusion?

Niemand liebt was er bereits hat

Diotima lässt Sokrates wissen, dass Eros ein Freund der Weisheit ist, wenn sie sagt:

Unter den schönen Gegenständen ist Weisheit einer der vorzüglichsten. Eros ist ein Freund des Schönen; er muss folglich auch ein Philosoph sein. Als solch ein Freund der Weisheit aber muss er zwischen dem Weisen und dem Toren in der Mitte stehen. Ursache auch hiervon ist ihm seine Geburt: weil er nämlich einen weisen und reichen Vater, aber eine dürftige und unweise Mutter hatte. Dies ist also die Natur dieses Daimons.

- Aus Platons Symposion

Wer liebt, der besitzt nicht, sondern hat zum Geliebten ein Verhältnis, berührt es allemal. Verfügte man aber über das Geliebte, was in aller Welt bliebe da noch zu begehren?

Es geht um die Mäßigkeit, um den Mittelweg, um das was Eros uns eben als Mittler lehrt: uns zwischen Schönem und Unschönem, zwischen Begehrtem und Unerwünschtem, zwischen Erreichbarem und Unerreichbarem zu bewegen. So ist es doch auch mit denen die wir mögen, die wir lieben oder sogar begehren: Nach ihnen verlangt uns nur so lange, als dass wir sie nicht andauernd um uns haben. Und was hierfür gilt, dass trifft auch für die Weisheit zu: Sie lässt sich lieben, doch lässt sich nicht besitzen. Sobald wir sie in unserer Welt integrieren wollen, entflieht sie uns, denn die Weisheit lässt sich nicht festhalten und berührt nie den Boden unseres irdischen Daseins. Wir wollen sie erlangen, wollen nach ihr streben und uns ihr annähern. Doch wie töricht erschiene einer, der sie sein Eigen nennt?

Sokrates, ja eigentlich Diotima, ging es darum, bei der geistigen Liebe auf den Gedanken einer einzigen reinen Vorstellung zu achten, nämlich der Idee des Schönen.

Wenn also jemand [...] nun das Urschöne selbst zu erblicken beginnt, dann dürfte er seinem Ziele ziemlich nahe gekommen sein. Denn dies ist die richtige Weise sich den Liebesdingen zuzuwenden oder von einem anderen dort hingeführt zu werden, wenn man um dieses Urschönen willen von jenem vielen Schönen ausgeht und so stufenweise innerhalb desselben immer weiter aufsteigt, als ob man eine Stufenleiter verwendete: von einem schönen Körper zu zweien und von zweien zu allen, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man innerhalb der Erkenntnisse zu schließlich jener Erkenntnis kommt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhafte Schöne erkennt.

- Aus Platons Symposion

Die höchste Stufe dieses Aufstiegs erreicht jener, der das ultimativ Schöne schaut. Nicht aber etwa wie es ihm in Gestalt einer schönen Frau oder eines schönen Mannes entgegentritt, oder anders geartetem Schönen, sondern als Urprinzip, das in allem Schönen wirksam ist. Wem so widerfährt, der wird das Schöne in seiner reinsten Form anbeten wollen.

Für Sokrates drückte sich in der Liebe das Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit aus. Verbrächte einer sein Leben vollkommen allein, ohne je mit anderen Menschen in Kontakt zu sein, wäre er einer, den man durchaus als »Weltverlorenen« bezeichnen könnte. Vom ungeheueren Reichtum des Lebens aber, dass er im Zusammensein mit den anderen erlebt, würde er niemals erfahren.

Eros dabei steht für die unerschöpfliche, ununterbrochen zischende Energiequelle, aus der der Strom von Leben und Liebe hervorsprudelt. Wer aus ihr zu schöpfen vermag, der wird zum wahren Schöpfer, der im Stande ist das Schöne zu erschaffen, zu erzeugen.

Alle Menschen nämlich tragen Zeugungsstoff in sich, körperlichen sowie geistigen, und wenn wir zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen.

- Aus Platons Symposion

 

Über gute Dämonen

Über gute Dämonen

Erst unter christlichem Einfluss wandelte sich die Bedeutung des Wortes »Dämon«, den die alten Griechen als »Daimonion« bezeichneten, zu etwas Bösem. Wer heute von einem Dämon spricht meint nicht etwa die neutrale, ja vielleicht eher sogar positive Ursprungsbedeutung dieses Begriffs – denn im Griechenland der Antike war das Daimonion nichts Böses.

Zu Zeiten Sokrates' war es eine geistige Schicksalsmacht, die einem Menschen als warnende oder ermahnende Stimme zusprach.

Mir aber ist dieses von meiner Kindheit an geschehen: eine Stimme nämlich, welche jedesmal, wenn sie sich hören lässt, mir von etwas abredet, was ich tun will, zugeredet aber hat sie mir nie.

- Sokrates über seinen Daimonion in Platons Apologie

Dieser Daimonion ist, man würde heute sagen, das »höhere Wesen« des Selbst. Sokrates empfand es als guten Geist, welcher ihn, wie obiges Zitat ja sagt, stets von Unrechtem abgehalten hatte. Er tauchte also immer dann auf, um ihm zu sagen was er nicht tun solle. In Form traumartiger Visionen teilte sich ihm sein Daimonion mit, nur für ihn hörbar, als innere Stimme. Sie war etwas Göttliches, einem Schutzengel gleichend, eine geistig-göttliche Personifizierung des eigenen Schicksals. Nie aber riet sie ihm zu etwas Gutem, sondern immer von etwas ab.

Es handelt sich beim Daimonion um eine innere, geistige Instanz, die uns ganz klar sagt, dass wir etwas tun sollen, oder aber nicht tun dürfen. In unserer Erfahrung wirkt dabei das Wissen um ein letztes Gutes: Das was man im Christentum als das »Gewissen« bezeichnet. Und als solches Gewissen meldete sich Sokrates' Daimonion, um ihn vor dem Wunsch seiner Freunde zu warnen. Sie nämlich redeten auf ihn ein, sich seinem Todesurteil durch Flucht zu entziehen. Das Daimonion aber warnte ihn dem zu widersprechen, damit er sich seinem nahenden Tode stellen.

Vom Erkennen und dem Entstehen des Selbst

Das Orakel von Delphi hatte verkündet, dass Sokrates der weiseste Mann von allen sei. Was er zudem, wie gesagt, als seinen Daimonion zu sich sprechen hörte, galt für manche als Beweis, dass Sokrates ein Heiliger ist. Sokrates aber wollte diese Orakelverkündigung nicht recht glauben und beschloss jemanden zu finden, der weiser war als er selbst:

Was meint doch wohl der Gott? Und was will er etwa andeuten? Denn das bin ich mir doch bewusst, dass ich weder viel noch wenig weise bin. Was meint er also mit der Behauptung, ich sei der Weiseste? Denn lügen wird er doch wohl nicht; das ist ihm ja nicht gestattet.

Und lange Zeit konnte ich nicht begreifen, was er meinte; endlich wendete ich mich gar ungern zur Untersuchung der Sache auf folgende Art: Ich ging zu einem von den für weise Gehaltenen, um dort, wenn irgendwo, das Orakel zu überführen und dem Spruch zu zeigen: »Dieser ist doch wohl weiser als ich, du aber hast auf mich ausgesagt.« Indem ich nun diesen beschaute – denn ihn mit Namen zu nennen ist nicht nötig; es war aber einer von den Staatsmännern, auf welchen schauend es mir folgendergestalt erging, ihr Athener: Im Gespräch mit ihm schien mir dieser Mann, zwar vielen andern Menschen auch, am meisten aber sich selbst sehr weise vorzukommen, es zu sein aber gar nicht. Darauf nun versuchte ich ihm zu zeigen, er glaubte zwar weise zu sein, wäre es aber nicht; wodurch ich dann ihm selbst verhasst ward und vielen der Anwesenden.

Indem ich also fortging, gedachte ich bei mir selbst: weiser als dieser Mann bin ich nun freilich. Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

Hierauf ging ich dann zu einem andern von den für noch weiser als jener Geltenden, und es dünkte mich eben dasselbe, und ich wurde dadurch ihm selbst sowohl als vielen andern verhasst.

- Aus Platons Apologie

Sokrates kam nun zwar zu der Einsicht, dass er wusste weiser zu sein, als die mit denen er sprach. Doch das wusste er eben nur deshalb, da er es nicht wie jene, von sich selbst behauptete. Ebenso wenig verleitete andere zu solcher Vermutung. Er wusste dass er damit dem Orakelspruch zu Delphi gerecht geworden war, der ja lautet:

Erkenne dich selbst.

Dieses Selbst hatte Sokrates allerdings sehr viel ernster genommen, als jene, mit denen er sprach zur Beantwortung seiner Frage nach dem Weisesten. Für ihn entstand dieses Selbst erst durch die Selbsterkenntnis an sich, durch etwas, auf das man sich überhaupt einlassen muss.

Nur wer in sich reflektiert ist, bildet das, was man als Bewusstheit bezeichnen könnte. So meinte Sokrates mit seinem berühmten Ausspruch »zu wissen, dass er nicht wisse«, keineswegs dass er etwa unwissend gewesen wäre. Was er damit zu wissen glaubte, erklärte sich ihm aus einer Reflexion auf sein Wissen. Er stellte dabei fest, dass Wissen an sich, dass er und seine Gesprächspartner hatten, eher einem Vermuten glich, denn man glaubte dies und das zu wissen. Fragt einer jedoch einmal genauer nach und erkundigte sich über mögliche Beweise für dieses Wissen, sahen die Dinge doch gar nicht mehr so klar aus, wie man sie eben als Wahrheiten zu wissen glaubte. Hiervon ausgehend, gerät doch alles herkömmliche Wissen ins Schwanken.

Wie aber soll in solcher Ungewissheit noch das eigene Wissen sicher sein?

Wer weiß denn dann noch ob die eigenen Werte überhaupt richtig sind?

Sind wir uns denn alle nicht, auch heute noch, oft all zu sicher mit dem was wir wissen – über andere oder gar über uns selbst?

Aufgabe der Philosophie war darum immer, spätestens aber seit Sokrates, all das was man als selbstverständliches Wissen bezeichnet, immer wieder zu hinterfragen.

 

Hinrichtung eines Philosophen

Hinrichtung eines Philosophen

Alle Überzeugungen und alle Meinungen sind Dinge an die wir Menschen glauben. Wohl aber meinen die meisten Meinungen immer nur auch tatsächliche Wahrheiten zu sein. Auch die Überzeugung weist in diese Richtung. Denn ein Überzeugen ist doch immer etwas, wo jemand versucht, durch entsprechende Beweismittel, andere zur Anerkennung einer Tatsache oder Meinung zu bringen, meist sogar zu zwingen.

Wäre es aber nicht eigentlich angebrachter, dass wir das was wir wissen, mit all den darin anklingenden negativen und behindernden Überzeugungen, als solche in unserem Leben zu entlarven? Viel zu oft nämlich neigen wir dazu uns in unseren vielen Meinungen ganz bequem einzurichten. Doch das wäre etwas, dass immer wieder neue Beweise für Meinungen benötigt, an die wir uns wegen unseres eigentlichen Wunsches nach Komfort freiwillig binden.

Es scheint, als sei diese Haltung der Menschen aus dem Bewusstsein unserer Jahrtausende alten sesshaften Zivilisation gezeugt. Kommt da nun aber einer daher und stellt die eigenen Überzeugungen in Frage, fühlt sich das gar nich mehr an wie eine Liebe zur Weisheit, wie eine Philosophie, sondern wird als durchaus lästig empfunden.

Vielen der Zeitgenossen des Sokrates dürfte es so ergangen sein, als er sie mit seinen unangenehmen Fragen irritierte. Klar: Wer will sich schon in seinem eigentlichen Nicht-Wissen selbst erkennen? Was Sokrates bei seinen Zeitgenossen als eigentliches Scheinwissen entlarvte, brachte darum viele gegen ihn auf. Als Sokrates in einer seiner Begegnungen solche Fragen stellte, erhielt er anstelle der erbetenen Auskünfte, von seinem wütenden Gegenüber sogar Fußtritte. Einer seiner Schüler, der ihn bei diesem Vorfall begleitete, fragte empört wieso er sich das gefallen lasse. Sokrates antwortete aber darauf:

Wieso nicht? Hätte mich ein Esel getreten hätte, so hätte ich ihn doch auch nicht gerichtlich belangt.

- Aus Diogenes Laertius' Leben und Meinungen berühmter Philosophen, II:21

Der Prozess

Im Jahr 399 v. Chr. stellte man Sokrates vor Gericht. Es ist wohl nicht ganz einfach zu beantworten, wie es letztendlich dazu kommen konnte, das er sich einem öffentlichen und dabei so entwürdigenden Prozess stellen musste. Ob dabei vielleicht auch politische Interessen eine Rolle spielten, sei zumindest einmal zu vermuten.

Wie aber konnte es dazu kommen, dass einer der in Gesprächen mit seinen Mitmenschen nach der Wahrheit suchte, solche Feindseligkeit auf sich zog? Stein des Anstoßes war eben, dass Sokrates wortwörtlich »in Frage stellte«, was über so lange Zeit als gesichertes Wissen galt, basierte es doch auf den Überlieferungen ferner Vergangenheit. Der alte Glaube an die Mythen sollte einer neuen Bewusstseinsstruktur weichen. Ein Mythos stellt keine Fragen, sondern liefert mehrere Möglichkeiten zu antworten. Im sokratischen Fragen bleiben jegliche Antworten aus, womit sich jedwedes Beziehen auf die Vergangenheit erübrigt und vielleicht sogar das, was man als Tradition bezeichnet, ins Reich der Fabeln verweist. Lässt der Wunsch nach Wissen, über die eigentliche Wahrheit der Dinge, den Befragten aber nicht nur mit Zweifeln im Stich?

Vielleicht darum empfanden Sokrates' Zeitgenossen sein eindringliches Fragen als schlichte Frechheit, denn oft zerstörte er damit einfach nur die Gewissheiten der Befragten und machte sie vor sich selbst lächerlich. Denn er ließ sie, wenn auch unbeabsichtigt, ohne Antwort stehen. Nun wäre das an sich nicht weiter gefährlich gewesen, wären seine treuesten Schüler und innigsten Freunde keine Adeligen gewesen. Doch in Anbetracht dieser Tatsache, erschütterte er durch sein Fragen, und die damit empfundene Kritik an allem Geglaubten, womöglich die Grundfesten des Staates und brachte vielleicht sogar die Religion ins Wanken.

Sokrates hatte sich also immer mehr Feinde unter den einflussreichen Bürgern Athens gemacht, was schließlich in diesem Prozess gegen ihn enden sollte. Man beschuldigte ihn wohl aus Angst vor seinem weiteren Treiben. Er befand sich wahrscheinlich in seinem siebzigsten Lebensjahr, als man ihn mit folgenden beiden Punkten der Anklage beschuldigte:

  1. Leugnung der Staatsgötter Athens und Einführung neuer Gottheiten.
  2. Verführung der Jugend.

Es war aber nicht von vorn herein klar, ob dieser Prozess Erfolg haben würde, denn weder hatte Sokrates die Götter der Griechen verleugnet, noch hatte er die Jugend verführt. Stattdessen hatte er seine Schüler sogar zu guter Lebensführung ermahnt!

Es war wohl eher das Festhalten an seinem Tun und seine damit signalisierte Unbeirrbarkeit, die seine Ankläger gegen ihn aufgebracht hatten. Mit 281 gegen 220 Stimmen fällten sie das Urteil gegen ihn, womit für den Hauptankläger Meletos feststand: die Sokrates gebührende Strafe ist der Tod durch den Schierlingsbecher – ein Trank aus Gift – was damals in Athen die gängige Hinrichtungsart war.

Sokrates nahm das Urteil an, so wie es war.

Seine Freunde aber wollten das so nicht hinnehmen. Auch für seine Frau Xanthippe stand das Unrecht des Urteils im Vordergrund. Doch selbst im Angesicht des Todes verließ Sokrates keineswegs sein schelmischer Sinn für Ironie, denn nie ging es ihm darum Wortgefechte mit Argumenten und Gegenargumenten auszutragen oder sein Gegenüber von etwas zu überzeugen. Eher wollte er vermeintliche Widersprüche entlarven, als alleiniges Mittel zum Zweck.

Und als einer zu ihm die Äußerung tat: 'Die Athener haben dich zum Tode verurteilt,' sagte er 'Und die Natur hat sie zum Tode verurteilt' […] Als seine Frau sagte 'Du stirbst ungerechterweise,' erwiderte er 'Wäre es dir lieber ich stürbe gerechterweise?'

- Aus Diogenes Laertius' Leben und Meinungen berühmter Philosophen, II:35

Angesichts der knappen Verurteilung hätten für Sokrates jedoch gute Chancen bestanden sein Todesurteil noch abzuwenden. Er aber war zu keinem Kompromiss bereit.

Zuerkennen also will mir der Mann den Tod. Wohl! Was soll ich mir nun dagegen zuerkennen, ihr Athener? Doch gewiss, was ich verdiene! Wie also? Was verdiene ich zu erleiden oder zu erlegen dafür, dass ich in meinem Leben nie Ruhe gehalten, sondern unbekümmert um das, was den meisten wichtig ist, um das Reichwerden und den Hausstand, um Kriegswesen und Volksrednerei und sonst um Ämter, um Verschwörungen und Parteien, die sich in der Stadt hervorgetan, weil ich mich in der Tat für zu gut hielt

[…]

Was ist also einem unvermögenden Wohltäter angemessen, welcher der freien Muße bedarf, um euch zu ermahnen? Es gibt nichts, was so angemessen ist, ihr Athener, als dass ein solcher Mann im Prytaneion (Rathaus) gespeist werde, weit mehr, als wenn einer von euch mit dem Rosse oder dem Zwiegespann oder dem Viergespann in den Olympischen Spielen gesiegt hat. Denn ein solcher bewirkt nur, daß ihr glückselig scheint, ich aber, daß ihr es seid; und jener bedarf der Speisung nicht, ich aber bedarf ihrer. Soll ich mir also, was ich mit Recht verdiene, zuerkennen, so erkenne ich mir dieses zu: Speisung im Prytaneion.

- Aus Platons Apologie

Sokrates wollte ihre Strafe nicht, sondern die höchste Auszeichnung die die Stadt Athen an verdiente Mitbürger wie ihn zu vergeben hat: Eine kostenlose und lebenslange Speisung im Prytaneion, dem Rathaus Athens. Die Richter empörten sich über seine Provokation, die so groß war, dass jene die ihn zuvor nur für schuldig befunden hatten, sich nun ebenfalls für seinen Tod aussprachen.

Wer damals einflussreiche oder wohlhabende Freunde hatte, floh normalerweise. Bei Sokrates war das ja der Fall, denn die meisten seiner Schüler und Freunde waren ja Adlige. Sein Tod hätte ihnen den Verlust eines unersetzlichen Freundes bedeutet. Außerdem hätten sie doch als feige und geizig gegolten, wäre nichts geschehen. Mit seinem Freund Kriton prüfte er diese und andere Argumente seiner Schüler sorgfältig, ob es nicht doch angebracht sei, seinem Todesurteil mit ihrer Hilfe zu entfliehen, denn offensichtlich war ihm darin doch Unrecht widerfahren. Unrecht zu erleiden schien Sokrates aber nicht so schlimm, wie Unrecht zu tun. Er ließ also seine Chance zu entfliehen verstreichen. Weil er sein ganzes Leben die Gesetze Athens geachtet hatte, wollte er sie nun auch nicht im Angesicht des Todes übertreten.

Wo der Gott mich hinstellte, wie ich es doch glaubte und annahm, damit ich in Aufsuchung der Weisheit mein Leben hinbrächte und in Prüfung meiner selbst und anderer, wenn ich da, den Tod oder irgend etwas fürchtend, aus der Ordnung gewichen wäre!

Schlimm wäre das, und dann in Wahrheit könnte mich einer mit Recht hierher führen vor Gericht, weil ich nicht an die Götter glaubte, wenn ich dem Orakel unfolgsam wäre und den Tod fürchtete und mich weise dünkte, ohne es zu sein.

Denn den Tod fürchten, ihr Männer, das ist nichts anderes, als sich dünken, man wäre weise, und es doch nicht sein. Denn es ist eine Anmaßung, etwas zu wissen, was man nicht weiß. Denn niemand weiß, was der Tod ist, nicht einmal, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüßten sie gewiss, dass er das größte Übel ist.

- Aus Platons Apologie

Sich auf das Unbekannte des Todes vorzubereiten

Den Tod zu fürchten empfand Sokrates als ganz und gar unweise. Selbst wenn man nicht wissen kann, was nach dem Tod folgt, wusste Sokrates aber dass sich Körper und Seele trennen, sobald ein Mensch stirbt. Für ihn ging da etwas vor sich, dass der Philosoph, in seiner Tätigkeit als solcher, schon während seiner Lebenszeit unentwegt übt, zumindest aber üben sollte. Was damit gemeint sein könnte, darauf geht Platon in seinem Phaidon ein, wo er Simmias von Theben seinem Lehrer Sokrates als Schüler gegenüberstellt, um die Fragen zu diesem Thema auszuleuchten:

Scheint es dir Sache eines philosophischen Menschen zu sein, sich Mühe zu geben um die sogenannten Lüste, wie um die am Essen und Trinken?

Durchaus nicht Sokrates, antwortete Simmias.

Oder um die aus der körperlichen Liebe?

Keineswegs.

Und die übrige Besorgung des Körpers, glaubst du, dass ein solcher sie groß achte? Wie zum Beispiel schöne Kleider und Schuhe und andere Arten von Schmuck des Körpers zu haben, glaubst du, dass er es hoch oder gering achtet, soweit es nicht unbedingt notwendig ist, etwas davon zu haben?

Gering achten, dünkt mich wenigstens, wird es der wahre Philosoph.

Scheint dir also nicht überhaupt die Bemühung eines solchen Menschen nicht auf den Körper gerichtet zu sein, sondern sich, soweit es ihm möglich ist, sich von diesem abzukehren und sich der Seele zuzuwenden?

Das denke ich.

Also hierin zuerst zeigt sich der Philosoph als einer, der die Seele von der Gemeinschaft mit dem Körper loslässt, anders als die übrigen Menschen?

Offenbar.

- Aus Platons Phaidon

So scheint es also Ziel des wahren Philosophen zu sein, schon während seines Lebens in seinem Bewusstsein Körper und Seele zu trennen. Ein wahrer Philosoph nämlich will doch ungestört von leiblichen Bedürfnissen nachdenken können. Auf diese Weise nimmt er die Todeserfahrung schon zu Lebzeiten vorweg – eigentlich etwas, dass er mit jenen teilt, die man als die Eingeweihten in die Mysterien bezeichnet.

Wer sich also auf diese Weise vorbereitet, das eigene Bewusstsein nicht auf seine körperliche Existenz beschränkt, sondern sich von ihr zu lösen übt, wird gefasst und getrost auch dem Tod entgegen gehen können. Und was stirbt sonst, als »nur« der Körper?

Für Sokrates lebte die Seele fort, warum wir uns eben um sie kümmern sollten und weniger um die materiell gebundenen Umstände, durch die sich unser Leib auf unserer Lebensreise bewegt. Den Wandel unserer Seele aber bestimmt darin die Art unserer Lebensführung. Sokrates:

[…] nichts anderes tue ich, als dass ich umhergehe, um Jung und Alt unter euch zuzureden, bloß nicht für den Körper und für das Geld zuerst und so sehr zu sorgen, als um die Seele, dass sie möglichst vollkommen werde, in dem ich außerdem sage: nicht mit dem Geld kommt die Tugend, sondern aus der Tugend entsteht Geld und alles andere dem Menschen Nützliche – für den Einzelnen und für die Gemeinschaft.

- Aus Platons Apologie

Nachdem man Sokrates das Todesurteil verkündet hatte, erhielt er noch einmal das Wort.

Lasst uns aber auch überlegen, wieviel Grund es gäbe zu hoffen, das an dem Urteil etwas Gutes sei. Denn eins von beiden ist der Tod: entweder bedeutet er dass man nichts mehr ist, noch irgendeine Empfindung von irgendetwas hat, wenn man tot ist; oder, wie überliefert ist, es erfolge mit ihm ein Auswandern der Seele von einem Ort hier nach einem anderen Ort.

Gibt es nun im Tod keinerlei Empfindung, sondern ist er wie ein Schlaf, in welchem der Schlafende noch nicht einmal einen Traum hat, so wäre der Tod doch ein wunderbarer Gewinn. Denn ich glaube, wenn jemand eine solche Nacht, wo er so fest schlief, dass er keinen Traum hatte, mit allen übrigen Tagen und Nächten seines Lebens vergleichen würde, und nach reiflicher Überlegung sagen sollte, wieviel er wohl angenehmere und bessere Tage und Nächte als jene eine Nacht in seinem Leben gelebt habe, so glaube ich, würde nicht nur ein Privatmann, sondern sogar der Großkönig selbst entdecken, das diese, verglichen mit den übrigen Tagen und Nächten, sehr leicht zu zählen wären.

Wenn also der Tod etwas solches ist, dann nenne ich ihn einen Gewinn. Denn dann scheint mir ja die ganze Zeit nach dem Tod nicht länger zu währen, als eine einzige Nacht.

Ist aber der Tod wiederum wie eine Auswanderung von hier nach einem anderen Ort, und wenn es wahr ist, wie gesagt wird, dass sich dort alle Verstorbenen aufhalten, was für ein größeres Glück könnte es wohl geben als dieses, ihr Richter?

Denn wenn einer in den Hades (Unterwelt) kommt und sich derer entledigt die sich für Richter halten, dort aber die wahren Richter antrifft, von denen die gleiche Überlieferung sagt, dass sie dort Gericht halten, nämlich den Minos, den Rhadamanthys, den Aiakos, den Triptolemos und all die anderen Halbgötter die sich in ihrem Leben als gerecht bewährten: wäre eine solche Reise so schlimm?

[…]

Für wieviel, ihr Richter, möchte das einer wohl annehmen den auszufragen, welcher das große Heer gegen Troia geführt hat oder den Odysseus oder den Sisyphos, und viele andere könnte einer nennen, Männer und Frauen, mit denen dort zu sprechen und umzugehen und sie auszuforschen auf alle Weise; das wäre wohl eine unbeschreibliche Glückseligkeit! Jedenfalls verurteilen sie einen dort, wie man annehmen darf, deswegen nicht zum Tod.

Jedoch ist es nun Zeit, dass wir gehen: ich um zu sterben, und ihr um zu leben. Wer aber von uns beiden dem besseren Los entgegengeht, das weiß keiner – außer nur Gott.

- Aus Platons Apologie

Das Vermächtnis des Sokrates

Sokrates hatte ein materiell sehr bescheidenes Leben geführt. Was man Armut nennt, empfand er nicht als Ärgernis. Seine Freunde sorgten durch ihre Gastfreundschaft und ihre Geschenke für seinen Lebensunterhalt. Aber auch diese Gaben nahm Sokrates nur begrenzt an. Nichts sollte sein irdisches Dasein zu sehr bestimmen, lebte er doch gern die von ihm selbst gewählte Lebensweise, in der, spricht man doch heute noch über ihn, so viel Philosophie steckte. Man sah das eben an seiner Distanz zu den materiellen Dingen der Welt, seine Hingabe an das philosophierende Fragen und seine unglaubliche Gelassenheit, äußeren, ihm widerfahrenen Ereignissen gegenüber – insbesondere dem über ihn gesprochenen Todesurteil.

Nie ging es Sokrates darum, um jeden Preis eine Lösung zu finden, sondern die Menschen dazu zu bringen, selbst über sich und ihr Leben nachzudenken. Denn nach Sokrates' Auffassung, verdiente ein Leben ohne Selbstbetrachtung nicht, überhaupt gelebt zu werden. Wenn darum sein Fragen im Gegenüber zu keiner Antwort führte, nahm er das so hin und war darüber nicht etwa enttäuscht, denn auch wenn eine Frage zu keiner Antwort führend ungelöst bleibt, bedeutet allein das ja schon einen Erkenntnisgewinn.

Sokrates wollte erreichen, dass die Befragten nicht einfach nur dahinleben. Vielmehr sollten sie ihr Leben bewusst führen und gestalten.

Was er hinterließ waren jedoch nicht nur Philosophen, sondern vor allem Menschen.

 

Neuplatonismus: Eine Wiederbelebung antiker Philosophie

Neuplatonismus: Eine Wiederbelebung antiker Philosophie

Plotin - ewigeweisheit.de

Im 3. Jahrhundert n. Chr. entstand im damaligen Römischen Reich eine neue Schule der Philosophie. Sie besann sich nicht nur zurück auf die Lehren Platons, sondern diese entwickelte daraus eine neue Form der Philosophie, weshalb man darum vom Neuplatonismus spricht. Der Usprung dieser philosophisch-religiösen Bewegung liegt zwar in Ägypten, sie sollte sich später aber von Rom aus im gesamten Römischen Reich verbreiten.

Als Gründer dieser philosophischen Schule gilt der im ägyptischen Alexandria geborene Philosoph Plotin (205-270), ein Schüler des Ammonios Sakkas (†242), der seinerzeit die Weiterentwicklung des Platonismus maßgeblich beeinflussen sollte. Heute geht man davon aus dass Plotins Philosophie ihren Grundzügen nach, mit der Lehre Sakkas' weitgehend identisch ist. Sakkas hinterließ allerdings kein Schriftwerk und man kann davon ausgehen, dass er, ähnlich wie vor ihm Pythagoras oder Sokrates, in einer rein mündlichen Tradition standen. Es ist darum aber angebracht eigentlich Ammonios Sakkas, als ursprünglichen Gründer des Neuplatonismus zu betrachten.

Plotin auf jeden Fall genoss im Römischen Reich großes Ansehen. Darum siedelte er im Jahr 244 um nach Rom, zwei Jahre nach dem Tod seines Meisters. Zu seiner Entwicklung dieser neuen Art des Platonismus sollten aber ganz wesentlich auch andere zeitgenössische Philosophen beitragen. Darunter wären der syrische Philosoph Iamblichos (245-325) zu nennen, sowie Porphyrios (233-305), ebenfalls Syrer, der außerdem zu Plotins berühmtesten Schülern zählte. Wir haben es vor allem Porphyrios zu verdanken, dass uns die Werke Plotins heute zur Verfügung stehen. Er nämlich ordnete sie zu dem was heute bekannt ist als die "Enneaden", worin sich Plotin mit verschiedensten Fragen seiner Zeit auseinandergesetzt hatte. Zentral in seinem Werk aber ist die Frage nach dem Wesen des Einen, dem höchst Seienden, also Gott.

Als weiterer wichtiger Neuplatoniker muss aber auch der Universalgelehrte Proklos (412-485) genannt werden. Er sollte einst wichtigster Wortführer der Schulrichtung des Neuplatonismus werden. Über fast fünf Jahrzehnte leitete Proklos die neuplatonische Schule Athens. Proklos' wichtigstes philosophisches Modell war die Emanationslehre, worin er von einer Vielfalt des Existierenden ausgeht, die nach ihm aus einer ursprünglichen, ungeteilten und alles umfassenden Einheit entstand.

Eine gewisse Rolle für den Neuplatonismus spielten aber auch ältere Systeme der Philosophie, wozu sicherlich die Weisheiten der Stoiker und der Pythagoreer zählen, die in der Renaissance der italienische Philosoph Marsilio Ficino wieder ins Bewusstsein seiner Zeitgenossen brachte.

Plotin - ewigeweisheit.de

Plotin (205-270 n. Chr.) antiker Philosoph und bekanntester Vertreter des Neuplatonismus.

Abgrenzung zum Platonismus

Plotin führte in der Spätantike die Tradition Platons fort. Damit aber sah er sich nicht als Erfinder eines neuen Systems der Philosophie, sondern versuchte, als Anhänger der Lehren Platons, daraus seine Darlegungen abzuleiten. Hierzu wäre insbesondere das platonische Werk Parmenides zu nennen, worin in Dialogform die Konzepte von Einheit und Vielheit, von Sein und Nichtsein beschrieben werden. Sie zählen zu den Kernkonzepten des Neuplatonismus.

In den fast sechs Jahrhunderten seit der Zeit Platons wurde dessen philosophische Tradition durch Plotin fortgeführt. Beginnend mit Aristoteles bildete sich aus Platons Philosophie der sogenannte Mittelplatonismus. Plotin sprach in seiner Fortsetzung dieser alten Tradition aber weiterhin von Platonismus. Erst im 18. Jahrhundert erhielt diese Schulrichtung den Namen Neuplatonismus, um damit eine tatsächiche Unterscheidung zur eigentlichen Philosophie Platons deutlich zu machen, auch wenn sich dennoch keine wirkliche Unterscheidung von Platons Werk bestimmen ließ. Es kam wohl erst durch den Theologen Friedrich Schleiermacher (1768-1834) zu dieser eigentlichen Abgrenzung. Anfang des 19. Jahrhunderts. Der nämlich hatte die Werke Platons ins Deutsche übersetzt, und zog damit eine Trennlinie zwischen Platons Werken und jenen der Neuplatoniker.

Was Plotins Philosophie besonders macht ist seine Einbeziehung alt-griechisch religiöser Gedankenmodelle, die sich sinngemäß auch als Mystik bezeichnen ließen. Diese wurden zwar in der eher akademischen Schulrichtung Platons bereits angedeutet (wie etwa im Phaidon oder der Apologie des Sokrates), doch damals noch nicht mit der selben Betonung besprochen wie bei Plotin. Sehr wahrscheinlich war Plotin dabei durch den jüdischen Philosophen Philon von Alexandria (10 v. Chr. - 40 n. Chr.) inspiriert, der nämlich bereits den Versuch unternommen hatte die religiöse Mystik des Alten Testamens mit der Philosophie Platons zu verbinden. Er wagte damals als Erster die Lehren des Platonismus einzuflechten in die jüdische Philosophie, woraus entstand was für Plotin so wichtig werden sollte: nämlich auf die religiösen Aspekte der Philosophie in der griechischen Antike einzugehen. 

Vor diesem Hintergrund also kam es zu einer Neuinterpretation der Lehren im Platonismus, in deren Tradition seit der Spätantike viele wichtige Werke entstanden, die auch die spätere Esoterische Tradition nachhaltig beeinflussen sollten.

Grundzüge neuplatonischer Weltanschauung

Lange Zeit sahen christliche Gelehrte im Neuplatonismus einfach die Philosophie eines neuen Heidentums, trotz ihrer engen Affinität zur griechischen Religion. Ihrerseits aber lehnten die Neuplatoniker das zu damaliger Zeit im römischen Reich erstarkende Christentum ab. Neuplatonische Vorstellungen über Gott, das Sein und den Menschen, sollten indes sowohl das noch junge Christentum, wie insbesondere auch die Schule der Gnosis ganz wesentlich inspirieren. Neuplatoniker nämlich glaubten an das was man erst viel später als rein christliche Vorstellung begreifen wollte: Den Begriff des "Einen", der göttliche Quelle alles Guten, aus dem die Welt entstand, was gewiss an das erinnert worüber man später auch in der Bibel lesen kann.

Der Kosmos

Aus der einen, übergeordneten, rein geistigen Welt (griech. Kosmos Noetos) emanierte die sinnlich wahrnehmbare Welt (griech. Kosmos Aisthetos), die sich damit ersterer Welt unterordnet. Hieraus ergibt sich eine hierarisch gegliederte Beschreibung einer kosmischen Wirklichkeit. In dieser Wirklichkeit nun existiert ein Teil, der den Sinnen unzugänglich ist und sich nach Plotin in drei Bereiche gliedert:

  • das Eine,
  • den überindividuellen Geist (griech. Nous) und
  • das Seelische, worin die Weltseele und die aus ihr geborenen anderen Seelen entstanden.

Durch die Einwirkung dieser geistigen Welt auf die Urmaterie entstanden schließlich die verschiedenen Sinnesobjekte der wahrnehmbaren Welt.

Auch die neutestamentliche Trinitätslehre von den drei göttlichen Personen, die in einer Einheit zusammenwirken, ist dem Neuplatonismus entlehnt:

  • Der jenseitige Gott äußert sich
  • im Logos (Sitz und Träger der Ideen), der sich in seinem Sohn repräsentiert (später also der Christus),
  • wobei Gott die Liebe als Band zwischen sich und dem Sohn hat, was der Mittlerschaft des Heiligen Geistes entspricht.

Gut und Böse

Mit jeder weiteren Verfielfältigung dieser ureigentlichen Quelle der Einheit aber verliert das Entstandene immer weiter an Vollkommenheit, verliert seine Makellosigkeit und vermindert dabei sein Wesen, bis es schließlich als das endet, was man das Böse nennt. Es ist im Neuplatonismus also etwas, das zwar ursprünglich aus der Einheit des Urwesens Gottes entstand, dann aber, in den entferntesten Sphären seiner Verfielfältigung, zum Gegenteil des Göttlich-Einen verdarb.

Zwar werden nun die menschlichen Seelen aus dem Logos geboren, sinken dann aber in diese von Gott entfernte Sphäre in ihr zeitliches Dasein. Wegen ihrer irdischen Lust gehören sie damit nicht mehr nur dem göttlichen Leben an, sondern zugleich auch der Sinnenwelt. Gelingt es aber der Seele sich von dieser Sinnlichkeit zu lösen, vermag sie sich das Göttliche, selbst hier, weit entfernt von ihrem eigentlichen Ursprung, in geistiger Anschauung und Ekstase anzueignen.

Wirklichkeitsebenen im Neuplatonismus

In der Trennung zwischen geistiger und sinnlich erfahrbarer Welt, zwischen Gut und Böse klingt etwas an, worauf Platon in seinem Buch "Der Staat" (griech. Politeia) eingeht. Die Welt des Sinnlich-Erfahrbaren ist Spiegelbild der geistigen Welt, eine schattenhafte Erscheinung, die sich aus der Überschneidung der Ideen ergibt, die notwendig sind um Erkenntnis vom Einen und seinen Emanationen zu gewinnen (vergl. Platons Höhlengleichnis). Der besagte Logos als Ursprung aller Ideen, bildet dabei die Quelle der in der materiellen Welt erscheinenden Urbilder. Das Niedere ist also ein Erzeugnis des Höheren, was sich auch wieder auf die christliche Trinitätslehre übertragen ließe, als Emanation, Vorstellung und Erfahrung – entsprechend Gott-Vater, Heiligem Geist und Sohn.

Da sich die Welt als Emanation aus dem Einen entfaltete, dafür steht im Zentrum des Neuplatonismus die Einheit, das Eine, also Gott, aus dem die Vielheit aller Einzeldinge hervorgeht. Doch wie vor ihm Philon, betonte später auch Plotin die eigentliche Unerkennbarkeit dieses Einen. Was der Mensch nämlich geistig erfassen könne sei lediglich das, was von diesem Einen als Wirkung ausgeht: die Emanation. Und da dabei das Eine unerkennbar bleibt, kann es auch weder das Seiende noch das Vernünftige sein, sind beides doch Bezeichnungen für etwas, das der Menschen als solches erkennen kann. Als Unerkennbares bleibt das Eine, als höchste Wirklichkeitsebene, darum jenseits alles Seienden und alles Vernünftigen.

Für die zweithöchste Wirklichkeitsebene entwickelte man die Vorstellung eines überindividuellen Geistes, griechisch "Nous", der anfänglich dem Einen entströmt, während die Quelle, das Eine, unberührt bestehen bleibt.

Die dritte Ebene der Wirklichkeit bildet im Neuplatonismus dann die Weltseele, die den vom Einen erschaffenen Kosmos belebt. Mit dem Bereich des Seelischen grenzt sich die rein geistige Welt von der sinnlich erfahrbaren Welt ab. Allerdings differieren hier die Lehren der Neuplatoniker. Iamblichos und Proklos lokalisierten innerhalb der geistigen Welt auch die Zeit. Für Plotin aber war die Zeit außerhalb des Geistigen, war Ursache aller Formbildung und gleichzeitig aber auch der Grund für den Zerfall aller entstandenen Formen. Im Zeitlichen existierte für Plotin die Wirklichkeit des Sinnlich-Erfahrbaren, der materiellen Welt. Sie stand für ihn am Ende des Emanationsvorgangs, der, wie bereits angedeutet, als schlecht angesehen wird, in dem Sinne, als dass sie am weitesten vom Guten der drei höchsten, hier definierten Wirklichkeitsebenen entfernt ist.

Marsilio Ficino - ewigeweisheit.de

Der Italienische Philosoph Marsilio Ficino (1433-1499): Platon der Neuzeit.

Neuplatonismus in der Renaissance

Zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, erinnerte man sich an die kulturellen Leistungen alter Weltsichten und Denkweisen der Philosophen Griechenlands und Roms. Ausgehend von Italien kam es zu einer Wiedererweckung antiker Philosophien, die ganz wesentlich die damaligen Künste und Geisteswissenschaften inspirieren sollten. Es war auch die Zeit in der der Neuplatonismus eine Wiederbelebung erfahren sollte. Man könnte sogar sagen, dass der Neoplatonismus eines der wichtigsten Antriebsmittel für die Renaissance-Bewegung an sich gewesen ist.

Drei italienische Philosophen der Renaissance trugen zu dieser Entwicklung ganz maßgeblich bei: Marsilio Ficino (1433-1492), über den wir bereits erfuhren. Des Weiteren sind da der junge Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) und später dann auch der berühmte Giordano Bruno (1548-1600) zu nennen.

Marsilio Ficino

Insbesondere die Philosophie Ficinos hauchte dem Neuplatonismus neues Leben ein. Er übersetzte und kommentierte die Enneaden Plotins, schrieb über die Mysterien der Ägypter, als ein Traktat zu Iamblichos, und übersetzte auch Auszüge aus den Schriften des Porphyrios und Proklos, jene Mitbegründer des Neuplatonismus, auf die wir oben bereits zu sprechen kamen. Nicht aber war Ficino nur ein Gelehrter, sondern interpretierte die neuplatonischen Schriften auf eine bis dahin nicht dagewesene Art, womit man ihn zu einem der namhaften Philsophen der Renaissance zählte.

In seinen Traktaten zur Philosophie Platons liefert er uns, mit dem Essay zu den "Fünf Fragen über den Geist", eine einfach zu verstehende Zusammenfassung der Lehren des Neuplatonismus. Darin beschreibt er auch das Ideal für die Beschaffenheit der menschlichen Seele, wo sie sich auf ihre innerste, eigene Natur konzentrieren solle, was aber immer mit Kummer und Leid verbunden sei. Denn dabei wird sich die Seele über den physischen Körper erheben, sich aber zu einem Sein läutern, dass den gesegneten Engelrängen entspricht.

Pico della Mirandola

Ficinos junger Freund Pico della Mirandola öffnete neue Sichtachsen auf den Neuplatonismus. Della Mirandolas berühmtestes Werk "Über die Würde des Menschen" (Originaltitel: "De hominis dignitate") betonte, im Kontext des Neuplatonismus, die Wichtigkeit der menschlichen Suche nach Erkenntnis. Für ihn entstand diese Schrift durch das direkte Wirken eines unbestimmbaren Wesens, dass durch einen ganz und gar freien Willen begabt war. Picos freigeistliche Interpretationen schienen sich in gewisser Form zwar über das alte platonische Gedankengut erheben zu wollen, durch seine Affinität zur Kabbala aber schien er sich doch erkennen zu geben, als geistiger Nachfahre der Tradition Plotins und Philons.

Giordano Bruno

In den folgenden Jahrzehnten nach Pico della Mirandola aber hatte sich die kirchliche Dogmatik zu etwas entwickelt, dass für manche zeitgenössische Philosophen einfach inakzeptabel wurde. Für Giordano Bruno reichte nicht mehr aus, was die Kirche in ihrer Trinitätslehre propagierte, um ein wirkliches Verständnis für die grundlegende Bedeutung des Seins im Kosmos entwickeln zu können. Für Bruno ließen sich alle Vorgänge in der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen. Zu diesem Schluss hatte ihn Plotins Emanationslehre gebracht, von der er wahrscheinlich zuerst durch das Werk Marsilio Ficinos erfuhr. Aus der "göttlichen Einheit" kam alles zum Ausdruck und durchwaltete als allumfassender, schöpferischer Gott das unendliche Universum. Dieses vom Menschen bewohnte Universum war gemäß Giordano Brunos Philosophie eine Reflexion Gottes, der für ihn also das erste Prinzip aller Existenz bildete, und wiederum unendlich viele Welten enthielt. Diese Vorstellung einer Unendlichkeit des Kosmos, hatte vor Bruno jedoch kein anderer neuplatonischer Philosoph formuliert.

Aus dem ersten Sein entfaltete sich für Bruno die Welt als prinzipielle, kosmische Existenz der Seelen. Daraus dann entstanden die Formen, die sich schließlich zur unvollkommensten und dichtesten Form des Seins verhärteten: der Materie. In dieser materiellen Welt aber befinden sich laut Bruno die Seelen, sobald sie sich in einen irdischen Körper hüllen, getrennt von Gott, bis sie ihre Leibeshülle ablegen und wieder in die Weltseele zurückkehren. Die menschlichen Seelen, als Funken der Weltseele, befinden sich aber in einem ewigen Auf- und Abstieg, worin sie sich Gott nähern und sich wieder von ihm entfernen.

Für uns heute, und wohl auch damals bereits, völlig unverständlich dass man Giordano Bruno wegen seiner esoterischen Betrachtungen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte. Sein Vergehen bestand darin die Gottessohnschaft Christi zu leugnen und auch Vorstellungen vom Jüngsten Gericht in Frage zu stellen. Außerdem nahm die Kirche Anstoß an seiner Behauptung, das wir nicht in einem Universum, sondern in nur einem von unzähligen Universen leben. Damit hätte er aber öffentlich alles Geschehen in der Stadt (Rom) und dem Erdkreis (Urbi et Orbi) relativiert, und hierbei ganz und gar die Relevanz der Kirche in Frage gestellt.

Eine schwer, doch gleichzeitig jedem zugängliche Philosophie

Das der Neuplatonismus lange Zeit nur einem kleinen Kreise zugänglich blieb, scheint an eben solchen Anschaungen der Welt gelegen zu haben. Sie sind eben mit den allgemeinen, in den vergangenen Jahrhunderten von der Kirche geprägten Sichtweisen auf unser Sein, nur schwer verträglich. Aus diesem Grund besprach man sie bereits damals nur im engeren Kreis Eingeweihter, die aber über das benötigte Hintergrundwissen verfügten, um die Weisheiten des Neuplatonismus auch in ihrer tatsächlichen Bedeutung erfassen zu können.

Zwar dürften auch heute nur wenige einen direkten Zugang zum Neuplatonismus finden, doch die benötigen Kenntnisse über seine Bedetung, stehen theoretisch jedem zur Verfügung und zählen sicherlich zu den wichtigsten Grundlagen jeder Form von Theosophie.

Eigenartig an dieser philosophischen Schulrichtung ist, dass sie in vieler Hinsicht Themen anspricht, die einem bisher vielleicht eher aus dem Kontext fernöstlicher Philosophie geläufig waren. Zwar scheint diese Hypothese heute widerlegt zu sein, doch man nahm einmal an, dass jener ursprüngliche Gründer des Neuplatonismus, Ammonios Sakkas, einen indischen Nachnahmen trug. Es scheint als hätten bereits andere die Vermutung angestellt, dass es einen noch älteren Einfluss gab, der in der Spätantike zur Gründung der Schule des Neuplatonismus geführt hatte.

 

Die magischen Werke eines Rastlosen: Agrippa von Nettesheim und die okkulte Philosophie

von S. Levent Oezkan

Agrippa von Nettesheim - ewigeweisheit.de

Einer der sonderbarsten Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, ist der Verfasser eines eigenartigen Werks: De Occulta Philosophia - drei Bücher über die Magie. Was hat sich der Autor dabei gedacht, als er geheime Traditionen und okkulte Schriften der Renaissance, in einem eigenen magischen System zusammenfasste?

Wen man damals nämlich verdächtige, sich mit Magie, mit Weissagekunst oder Nekromantie zu befassen, der konnte sich, doch auch seine Nächsten, in ernste Schwierigkeiten bringen. Sich mit solcher Geheimwissenschaft im 16. Jahrhundert zu beschäftigen, war ein äußerst abenteuerliches Unterfangen.

Im Aberglauben von einst, kannte man die wahre Bedeutung des Wortes »Magie« eigentlich nicht. Es ist ein Ausdruck indo-arischen Ursprungs, der einst die Künste einer alten Priesterkaste von Sterndeutern bezeichnete: den Magoi.

Heute verwendet man das Wort, um auf die Fähigkeit eines Menschen hinzuweisen, der etwas Außergewöhnliches, Unerklärliches zu tun vermag und durch geheime Macht auf die Dinge Einfluss nimmt. In der europäischen Renaissance aber glaubte man, Magie sei nichts als Teufelswerk. Was die Alten, als magische Handlungen fürchteten, dahinter vermuten die Menschen der Gegenwart vielleicht etwas Sonderbares, für das es aber sicher eine vernünftige Erklärung gibt. Kaum einer glaubt heute noch an das personifizierte Böse und schon gar nicht an die Hölle. Und wer sich jemandem als »Magier« vorstellt, dürfte ausgelacht werden.

Ahnungslosigkeit und Spekulation also – damals wie heute: Das Wort Magie bleibt ein Rätsel.
Wieso aber sollte man es lösen wollen?

Agrippa von Nettesheim, der Verfasser des Schriftwerks »De Occulta Philosophia«, hatte sich zur Aufgabe gemacht ein vollständiges Werk über die Geheimwissenschaften zu verfassen, was bis zum heutigen Tage die Hauptquelle vieler geblieben ist, die sich mit Hermetik, Kabbala, Alchemie, Numerologie oder Astrologie befassen. Seine Texte aber verwahrte der Autor zunächst im Verborgenen. Doch es blieb ihm nicht erspart, sich mit großen Unannehmlichkeiten und widrigen Umständen konfrontiert zu sehen. Schließlich schlug sein Wirken so große Wellen, dass man über ihn einfach sprechen musste – und das nicht nur unter Freunden.

Wir wollen im Folgenden versuchen, ein Bild des vielbewegten Lebens eines Mannes wiederzugeben, der sich, wie kaum ein anderer seiner Zeit, in so vielen Wissensgebieten auskannte und, wie es scheint, über schier übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen schien – doch niemals zur Ruhe kam.

Goldmacher und Kabbalist

Am 14. September 1486 kam in Köln Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim zur Welt, als Erbe eines alten und reichen Rittergeschlechts. Früh schon beschäftigte sich Agrippa, wie man ihn heute kurz nennt, mit den Geheimwissenschaften. Er arbeitete am »Stein der Weisen«. Damit bewegte er sich in fürstliche Kreise, deren Mitglieder bald zu seinen Gönnern wurden und ihn rühmten, wegen seines »Großen Werks«, der Goldmacherkunst.

Zu Agrippas Lebzeiten, zählten die Geheimwissenschaften zu den wichtigen Interessengebieten zeitgenössischer Gelehrter; man denke etwa an John Dee, Edward Kelley oder Isaak Luria, mit denen wir uns noch an anderer Stelle beschäftigen werden. Alles was Agrippa damals an Literatur zum Thema zur Verfügung stand, scheint er auch gelesen zu haben. Seine klassische Bildung war durchaus bemerkenswert: Er verstand acht Sprachen, kannte die Evangelien und biblischen Texte wie zu seiner Zeit kaum ein anderer.

Schon mit 21 Jahren begab er sich nach Paris und stiftete dort eine Geheimgesellschaft. Ihr Zweck: das Studium und die Praxis der geheimen Künste. Dieser Orden breitete sich später sogar aus über Frankreich, fand Mitglieder in Deutschland, England und Italien. Doch bald schon musste er aus finanziellen Gründen nach Köln zurückkehren. Trotzdem setzte er sich das Ziel, bald wieder in Paris zu sein.

Agrippa wechselte immer wieder seinen Platz in der Gesellschaft. Er fand sich als Krieger auf dem Schlachtfeld, ein andermal erfüllte er seine Pflichten als Lehrer. Später begab er sich wieder in Gesellschaft seiner Ordensfreunde, die sich mittlerweile sogar in Spanien fanden. Sein Geld aber verdiente er durch astrologische Deutungen und andere Geheimkünste.

1509 hielt er im alten burgundischen Dola (heute Frankreich) öffentliche Vorlesungen über das Werk Johannes Reuchlins (1455-1522). Dieser hatte zu Lebzeiten, als Christ, wahrscheinlich mehr zur hebräischen Literatur und der Geheimlehre der Kabbala beigetragen, als so mancher ordentliche Rabbiner. In einem seiner wichtigsten Werke »De arte cabalistica«, leitete er die Bedeutung der zehn göttlichen Urkräfte her (siehe: Sefiroth), die bis heute eine zentrale Rolle spielen in der Kabbala. Agrippa auf jeden Fall, erregte mit seinen Vorträgen über Reuchlins Werk großes Aufsehen bei seinen Zuhörern. Man ernannte ihn zum Lehrer der Theologie an der Akademie von Burgund. Selbst die Räte des Parlaments, wohnten seinen Vorlesungen bei.

Doch je erfolgreicher er damit wurde und je mehr Menschen er mit seiner Lehre erreichte, desto mehr geriet er bald auch in Konflikt mit der hohen christlichen Geistlichkeit. Alles was man da nicht mehr verstand, galt als Irrtum und war darum Ketzerei. Nach Meinung der Kirchenoberhäupter konnte es nicht angehen, dass einer ungestraft so geheimnisvolle Bücher öffentlich erklärte, wie jene von Johannes Reuchlin. Vor Allem der burgundische Franziskaner Jean Catilinet (1450-1530) wandte sich gegen Agrippas öffentliches Wirken. Er verleumdete ihn wegen seiner öffentlichen Lehrtätigkeit zur Kabbala und klagte ihn an als Ketzer.
Waren diese Kirchenmänner wie Catilinet, einfach nur Unwissende oder ahnten sie hinter Agrippas Dasein und Wirken noch etwas Anderes?

Einer der zu viele Geheimnisse kannte

Agrippa versuchte nach all den Anschuldigungen, die man gegen ihn vorbrachte, die Gunst der Statthalterin der habsburgischen Niederlande zu gewinnen: Margarete von Österreich (1480-1530). Er schrieb damals, wohl als Widmung, seine Abhandlungen von der Vortrefflichkeit der Frauen und die Vorzüge des weiblichen Geschlechts, und seine Schilderungen der weiblichen Schönheit. Sie brachte er auch in Verbindung mit den kabbalistischen Gesetzen. Doch es schien nicht, als erreiche Agrippa damit seinen Zweck. Denn die Verfolgung von Seiten der Kirche hielten an. Als Vertriebener setzte er sich 1510 nach England ab. Dort verfasste er seine Verteidigungsschrift. Auch mit den Briefen des Heiligen Paulus befasste er sich in dieser Zeit und im selben Jahr noch kehrte er in seine Heimatstadt Köln zurück. Dort hielt er eine Zeit lang Vorlesungen über verschiedene theologische Themen. Wieder fanden diese großen Zulauf.

Portrait von Johannes Trithemius - ewigeweisheit.de

Portrait von Johannes Trithemius von einem Meister H. B., entstanden zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert.

Auf einer Reise nach Würzburg, lernte er den Abt Johannes Trithemius (1462-1516) kennen: einem der größten Adepten der Magie und der Kabbala. Er blieb eine Weile bei seinem neuen Meister, von dem er Vieles gelernt haben will. Auf Trithemius' Anregung, verfasste Agrippa schließlich De Occulta Philosophia. Er wollte darin die alte Magie in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder herstellen und vom Vorwurf gefährlicher Irrlehren befreien.

Agrippas Wissen war zu diesem Zeitpunkt so umfassend, dass er auch über genaue Kenntnisse der Stoffe und der Alchemie verfügte. Man ernannte ihn nicht zufällig zum kaiserlichen Rat, denn sein alchemistisches Wissen »war Gold wert«, insbesondere auch, als es um die Verbesserung des Bergwesens zur Gewinnung von Erzen ging. Doch damit nicht genug. Im Jahre 1512 ernannte man ihn zum Hauptmann des kaiserlichen Heeres Maximilans I. Im Krieg gegen die Venezianer zeichnete er sich durch große Tapferkeit aus. Noch auf dem Schlachtfeld schlug man Agrippa zum Ritter. Seine militärischen Ehren, versuchte er auch seine akademische Anerkennung beizugesellen. Das Studium der Geheimwissenschaften aber setzte er über all die Zeit kontinuierlich fort.

Ich wurde Doctor beider Rechte und der Medizin, vorher noch Ritter. Diesen Stand (den eines Ritters) habe ich mir nicht erbettelt, nicht nach einer Seereise angenommen, nicht bei einer Königskrönung durch schamlose Aufdringlichkeit weggeschnappt, sondern auf dem offenen Schlachtfelde, mitten im Kampfe habe ich ihn durch Tapferkeit erworben.

Dereinst sollte Kardinal de Sainte Croix, Agrippa nach Pisa berufen, damit dort seine Talente als Theologe, ihm zu noch mehr Ruhm verhalfen. 1515 dann lehrte Agrippa im lombardischen Pavia. Er hielt dort Vorlesungen über den großen Hermes Trismegistos. Aber auch hier blieb er nur einige Zeit und es scheint. Musste er fliehen?

Agrippa: Anwalt, Arzt und Witwer

Agrippa war verheiratet und hatte einen Sohn. Von seiner Frau sprach er in höchsten Tönen. Sie war ihm, so wörtlich, »ein Weib nach seinem Herzen«, war schön, jung, klug und von edler Abstammung. Seine Freunde in Europa versuchten ihm eine ehrenvolle Stellung zu verschaffen, in Grenoble, Genf, Avignon oder in Metz.

1518 zog Agrippa nach Metz, wo er als Anwalt und Redner wirkte. Allmählich entspannten sich in dieser Zeit auch die Spannungen zwischen ihm und dem Klerus. Doch es war auch die Zeit, in der er sich unschuldig verfolgter Menschen annahm, die der Hexerei angeklagt auf seinen Rechtsbeistand angewiesen waren. Ein Jahr später aber schon, verließ er Metz wieder und begab sich erneut nach Köln. Dort hatte sich der Hauptsitz des deutschen Mönchtums entwickelt.

1521 verlor Agrippa seine liebe Gattin. Daraufhin reiste er nach Genf, wo er sich allerdings nicht in sehr günstigen Verhältnissen wiederfand. Bald schon reiste er wieder ab und kam 1523 ins schweizerische Freiburg, um dort als Arzt zu wirken, wie er es auch schon in Genf tat. Hier heiratete er ein zweites Mal eine Frau, die ihm ebenso lieb war, wie die erste.

Im Jahre 1524 setzte Agrippa seine Reisen fort. Damals kam er nach Lyon, wo er schon bald zu einem angesehenen Mediziner wurde. Die Mutter Königs Franz I. ernannte ihn zu ihrem Leibarzt. Später auch sollte Agrippa ihr als Astrologe dienen, um zu ermitteln, welchen Lauf der Heereszug ihres Sohnes nach Italien nehmen könnte. Agrippa jedoch verweigerte eine Erklärung dazu abzugeben. Es erschien ihm einfach lächerlich, sich mit solchen »Lapalien« zu beschäftigen. Diese Verweigerung nahm ihm die Königsmutter jedoch sehr übel. Schließlich hatte er in der Vergangenheit auch dem Herzog von Bourbon-Montpensier, einem erfolgreichen Heerführer, seine Erfolge prophezeit.

Im Laufe der folgenden vier Jahre, bedrückten Agrippa schwere Geldsorgen. Er verließ Frankreich und kam im Juli 1528 nach Antwerpen. Dort gewann er einen neuen Freund, dem er vielversprechende Aussichten stellte: ihn nämlich wollte er in die Geheimnisse der Alchemie einweihen. Bald erwarb er hier wieder einen sehr guten Ruf als Wunderarzt und erlangte auch in der Öffentlichkeit großes Ansehen. Das aber war auch die Zeit als seine zweite Gattin verstarb, die ihm mehrere Kinder geboren hatte.

Etwas Trost darüber fand er wohl, als er ein Jahr später von König Heinrich von England, dem Kanzler des Kaisers, zum kaiserlichen Archivar und Historiographen bestellt wurde. Doch all seine Erfolge, die ja nun in verschiedenen europäischen Städten bekannt waren, wurden ihm von jenen Mitgliedern des Klerus nicht gut vergönnt. Sie hatten ihn sogar beim Fürsten angeschwärzt. Auch bei anderen verleumdete man Agrippa. Besonders seine »Geheime Philosophie«, die er 1530 in Antwerpen drucken ließ, lieferte seinen Feinden neuen Stoff für Gründe, Agrippa zu verfolgen und auf die inquisitorische Anklagebank zu bringen. Schließlich warf man ihn 1531 tatsächlich in Brüssel ins Gefängnis. Glücklicherweise aber verblieb er dort nicht lange und schon im folgenden Jahr besuchte er den Erzbischof von Köln. Ihm nämlich hatte er seine Occulata Philosophia gewidmet. Der Druck seines Werkes konnte vielleicht darum und trotz der vehementen Angriffe der Inquisitoren, schließlich doch noch erfolgreich abgeschlossen werden. 1533 erschien die erste Ausgabe seines Buches.

Agrippa lebte später, bis 1535 in Bonn, hatte wieder geheiratet, doch sich von seiner dritten Ehefrau bald wieder scheiden lassen. Darauf kehrte er zurück nach Lyon. Hier aber warf man ihn in den Kerker, da er sich noch den Anschuldigungen der Mutter Franz I. ausgesetzt fand. Auf Bitte gewisser Unbekannter aber, ließ man ihn wieder frei.

Von Lyon machte er sich auf nach Grenoble, wo er aber dann noch im selben Jahr im Alter von 49 Jahren verstarb.

Der Mensch im Pentagramm - ewigeweisheit.de

Der Mensch im Pentagramm: Abbildung in Agrippas Werk über die Okkulte Philosophie.

Agrippa. Ein Schwarzmagier?

In der gesamten Zeit seines Wirkens, machten ihm seine Gegner den Vorwurf im Bund mit dem Teufel zu stehen und ein finsterer Zauber zu sein. Man unterstellte ihm, er solle immer einen schwarzen Hund bei sich geführt haben. Darüber berichtete sein Famulus Johann Wier:

Dieser schwarze Hund war von mittlerer Statur und hieß »Montfleur«, welches so viel als »Herr« bedeutet. Ich habe ihn besser gekannt, als irgend ein Anderer, und ihn nicht selten, wenn ich Agrippa begleitete, an einem Haarseile geführt; aber es war ein ganz natürlicher Hund männlichen Geschlechtes, dem Agrippa einen weiblichen fast von gleicher Farbe und Gestalt, den er »Mademoiselle« nannte, beigesellt.

Wie Johann Wier weiter meinte, liebte Agrippa seine Hunde über alles, dass er sie sogar öfters küsste und mit ihnen beim Essen zu Tische saß. Sogar im Bett sollen sie mit ihrem Herrchen geschlafen haben. Da Agrippa seine Wohnung teils wochenlang nicht verließ, doch über den Lauf der Dinge stets unterrichtet war, unterstellte man ihm, einer seiner Hunde sei der Teufel, der ihn über alles Geschehen unterrichte.

Als sich Agrippa dem Tode näherte, soll er diesen Hund zu sich genommen und sein mit Nägeln und nekromantischen Zaubersprüchen besetztes Halsband abgenommen haben und sprach darauf zu ihm:

Geh', unglückliche Bestie, die du Ursache meines ganzen Verderbens warst.

Dieser Hund sei dann zum Fluss Saône, westlich von Genf gerannt und habe sich in die rauschenden Wasser des Stromes gestürzt, ohne je daraus wieder zum Vorschein zu kommen.

Man unterstellte Agrippa, die Menschen so gut getäuscht zu haben, dass er in den Wirtshäusern seine Mahlzeiten mit Stücken aus Horn bezahlte, die die Wirte aber für bare Münzen hielten. Einer seiner Studenten kam ums Leben, als er in Abwesenheit seines Meisters den Teufel anrief. Als Agrippa nachhause kam, fand er dort dessen Leiche, während auf dem Dachfirst seines Hauses Dämonen tanzten. Einen von ihnen soll er dann in den Körper des Verstorbenen kommandiert haben, um ihn darauf hin auf den Marktplatz der Stadt zu zitieren.

Ist etwas an diesen Geschichten wahr? Oder waren es eher die üblen Verleumdungen seiner Gegner, die Agrippa als großen Zauberer in Verruf bringen wollten?

Es ist wohl nicht ganz zufällig, dass zu Lebzeiten Agrippas, die Geheimwissenschaften als solche, immer tiefer in die Verborgenheit verschwanden. Denn es war ihm wohl ganz und gar bewusst, dass er mit seinen okkulten Forschungen ein Wissensfeld betrat, das sehr wohl bei Anderen Missverständnis, Zweifel und sogar Furcht hervorrufen konnte. Wer öffentlich mit solchem Wissen auftritt, setzt sich Angriffen aus - das ist auch heute so. Stellt sich die Frage, wieso die Geheimlehren auch heute noch Menschen studieren?
Nun, es ist wohl bei allen Interessierten das Selbe: Sie suchen nach Wahrheit und haben das Verlangen die Wunder dieser Welt zu verstehen und mit dem so gewonnenen Wissen, ihr Leben zu etwas Besserem zu führen. Was spräche dagegen?

Viele Neugierige sind unter jenen, die sich selbst als Magier sehen, doch nicht die entsprechende Reife und Verantwortung entwickeln konnten. Sie gehen nur vom großen Nutzen ihres Geheimwissens aus. Die unzähligen Übel aber, die einem dabei auflauern können, werden von ihnen – aus Unwissenheit – leider ignoriert. Sie nämlich treten auf, wenn man diese Geheimnisse unrechtmäßig verwendet. Der Mensch ist leider unvorsichtig von Natur aus. Das rührt von seiner irdischen Körperlichkeit her, der er sich ja, dem Mythos nach, erst bewusst wurde, als er einst in den verlockenden roten Apfel biss.

Das Buch der Geheimen Philosophie

Agrippa versuchte durch sein Werk, solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, mit denen sich der magische Praktiker konfrontiert sieht. Einem seiner Lehrer, dem oben erwähnten Johannes Trithemius, schrieb Agrippa:

Als ich neulich bei Euch, Ehrwürdiger Vater, in Eurem Kloster bei Würzburg eine Zeit lang mich aufhielt, und wir viel über chemische, magische, kabbalistische und sonstige Wissenschaften und Künste gesprochen hatten, da wurde unter Anderem auch die wichtige Frage aufgeworfen, warum wohl die Magie, die einst nach dem einstimmigen Urteil der alten Philosophen den höchsten Rang einnahm und bei den Weisen und Priestern des Altertums stets im größten Ansehen stand, in der Folge den heiligen Vätern seit der Entstehung der katholischen Kirche immer verhasst und verdächtig gewesen und endlich von den Theologen verworfen, von den heiligen Konzilen verdammt und überall durch gesetzliche Bestimmungen geächtet worden sei.

Es gab eben Zeiten, wo sich böswillige Menschen, Pseudo-Philosophen und angebliche Magier in die Gesellschaft einschlichen, aus reinem Eigennutz. Sie trieben üblen Missbrauch der Geheimlehren und gingen damit vor, gegen die Ordnung der natürlichen Gesetze. Sie gaben auch Schriften heraus, die nur dem Zwecke dienten, tatsächlich Schaden anzurichten.

Nun ist sicher die Frage berechtigt: Werden nicht durch die Verbreitung geheimen Wissens, solche Pseudo-Magier überhaupt erst auf den Plan gerufen?

Es ist sehr leicht okkulte Weisheiten allein zur Befriedigung eigennütziger Zwecke zu missbrauchen, so nach dem Motto »mal eben etwas Magie und schauen was dabei herauskommt«. Was aber einmal ausgesprochen und vernommen wurde, was einmal gedruckt und gelesen wurde, lässt sich nicht mehr zurückziehen. Wer es »in den falschen Hals« bekommt, droht daran entweder zu ersticken, da er nicht über die nötigen Mittel verfügt die Geheimnisse entsprechend zu ordnen und bekömmlich zu machen, oder aber er verdaut solches Wissen zu etwas, wovon ihm nur die übelste Losung bleibt – miefender Abfall, über den sich all die parasitischen Dämonen und bösen Geister hermachen. Darum wohl zieht jeder, der von sich als Magier reden macht, recht schattenhafte, dunkle Spuren hinter sich her – oder aber wird als Scharlatan verlacht.

Es ist sinnlos, seine Zeit mit niedrigen Tätigkeiten zu verschwenden. Damit aber ist keineswegs einfache Arbeit gemeint. Eher geht es um die kleinen »Vergehen«, von denen man glaubt, sie schaden doch eigentlich Niemandem. Was genau damit gemeint ist, darüber weiß nur der Leser selbst bescheid. Wer sich aber mit Magie und solch höherem Wissen der Geheimlehren befasst, sollte tunlichst vermeiden, seinem körperlichen Dasein, irgendwelche schändlichen Ausnahmen zu gestatten.

Und wieder: Das Niedere den Niederen, das Höhere sei nur den hervorragendsten Geistern unter den Menschen zu erlernen gestattet. In Vertrauen sollten solche Geheimnisse weitergegeben werden – von Mund zu Ohr. Wer anders tut, bringt sich entweder in Gefahr oder macht sich, wenn es gut läuft, allenfalls lächerlich.

Gib dem Ochsen Heu und nur dem Papagei den Zucker!

So unter Anderem, antwortete Johannes Trithemius auf Agrippas oben zitierten Brief. Man sollte sich in Acht nehmen, mit wem man über die Geheimnisse der okkulten Philosophie spricht, um nicht jenem Ochsen unter die Füße zu kommen. Doch alles was einer hier zu lesen findet, ist gut genug zu wissen auf was man sich einlässt. Mag sein, dass sich Menschen, die sich für Magie interessieren, sehr schnell voran kommen. Leider aber ahnen sie nicht, dass sie diesen Kreis dereinst, wenn sie es nicht mehr wünschen, kaum noch verlassen können! Man sollte sich also stets vor Augen führen, dass man mit dem Lesen jener Schriften, auch schon mal die Büchse der Pandora öffnet.

Zentrale Themen in Agrippas Werk

Wer sich mit Agrippas Büchern befasst, sieht, dass er die Welt darin als elementaren Kosmos beschreibt. Das heißt nicht das Selbe, worüber die heutige Physik spricht. Eher werden die Elemente der Natur darin beschrieben und wie diese sich so kombinieren lassen, dass man damit allerhand Wunderwerk vollbringt. Das zumindest war ja immer das Ziel jener, die sich dem Studium der Magie widmeten. Alles Untere, so schreibt er, wird beherrscht vom Oberen, empfängt und überträgt durch sich die Wirkungen der »Ersten Ursache«. Die erste Ursache ist das, was man als den »Unbewegten Beweger« bezeichnen könnte - also Gott. Der Urvater aller Alchemisten, Hermes Trismegistos, formulierte dieses hermetische Gesetz in seiner Tabula Smaragdina – der atlantischen Smaragdtafel.

Geheime Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Illustration aus den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer. Das Bild zeigt wie vom Obersten, hier als der heilige Name der Kabbala יהוה (JHVH), aus dem ewigen Anfang allen Seins, sich über die Engelwelten über die Gestirne, auf mehreren Stufen, die Wirkungen des Urlichts sich letztendlich in den verschiedenen Formen der Materie enden. Vergrößern +

Durch eine dreifaltig gegliederte Weltordnung – himmlisch-göttlich, elementar-irdisch und intellektuell-geistig – waltet dieses Wirken der ersten Ursache im Kosmos. Und es sind diese drei Teile im Kosmos, über die Agrippa schrieb, in seinen drei Büchern über die Magie.

Wer sie liest, so Agrippa, könne sich stufenweise durch diese drei Welten bewegen, bis vor Gottes Angesicht, den man darin etwa als einen »Autor des Kosmos« bezeichnen könnte. Wer so weit fortschreitet, wird außerdem selbst dazu befähigt, diese Kräfte vom Oberen ins Untere zu leiten. Doch Vorsicht! Wie damals, gilt auch heute der Energieerhaltungssatz. Wer sich in einem bestimmten Umfang bereichert, wird in seinem Leben, in eben gleichem Umfang geben müssen. Bester Beweis dafür scheint mir die Tatsache, dass alle sogenannten Magier, damals wie heute, meist sehr früh verstarben. Ob sie wohl über ihre Verhältnisse lebten?

Die edlen Wirkungen des Sternenlichts

Es gibt eine himmlische Sphärenharmonie, von der die moderne Astronomie nichts mehr zu wissen scheint. Doch die Planeten und Gestirne, sind über bestimmte numerologische Geheimnisse miteinander verbunden. Auch die Lehre von den raumzeitlichen Verhältnissen der Sterne und Planeten im Tierkreis, das heißt also dem, womit sich die Astrologie befasst, spielte bei Agrippa eine wichtige Rolle. Er liefert in seinen Büchern ganz wesentliche Gleichungen und Zuordnungstabellen, die dem Leser Tür und Tor öffnen, zu den verborgensten Geheimnissen des Okkulten und des Jenseits. Man achte auf die erste Stufe, die man hinter jenem Tor dorthin betritt.

Was Agrippa unter dem Wort Magie verstand, war das Wissen über die Natur und die Vollendung ihrer Erscheinungen. Die philosophische Disziplin, galt ihm ebenso dreifältig wie die Welt: natürlich, mathematische und theologisch.

Einer studiert die charakteristischen Erscheinungen in der Welt, ein anderer die Mengen dieser Erscheinungen und wie sie sich im raumzeitlichen Gefüge bewegen und verhalten. Was Letzterem aber abgeht, ist die wahre Verbindung zu kennen, zwischen jenen Erscheinungen in Natur und Kosmos und dem, was Gott ist, was der Geist, was die Engel, was der Teufel, was die Seele, was die Mysterien und was Glaube und Religion sind.

Wer aber beides, das Gemessene und das Ganze zu verbinden weiß, wer die Dimensionen der Dinge ebenso zu erkennen weiß, wie ihre Bedeutungen und Wirkungen im Universum, der, so Agrippa, habe die wahre Philosophie begriffen. Denn so einer kenne die Ursachen hinter den Erscheinungen der sichtbaren Welt. Er weiß von der Metaphysik, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende erforscht.

Es ist wohl bekannt, dass Pythagoras und Plato sich nach Memphis begaben, um dort von den Sehern zu lernen und ganz Syrien, Ägypten und Judäa bereisten, die Schulen der Chaldäer aufsuchten, damit ihnen nur nicht entgingen, die allerheiligsten Merkmale und Aufzeichnungen der Magie, doch auch damit sie von Göttlichem erfüllt zur Erkenntnis gelangten.

- Agrippa von Nettesheim

Die Elemente

Was die alten Philosophen Griechenlands von den noch älteren Völkern erlernten, waren die Bedeutungen der Elemente, und zu was sich diese zusammensetzten in der Natur der Steine, Metalle, Pflanzen und im Tierreich.

Vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft: aus ihnen setzen sich alle Stoffe und alle Erscheinungen im Kosmos zusammen. Wenn hier aber zum Beispiel von Wasser die Rede ist, sprach Agrippa nicht allein von jener Flüssigkeit aus der sich die Meere bilden. Eher ist damit ein Prinzip des Fließens und seine gebärende Wirksamkeit gemeint. Sobald sich das Element Wasser mit Erde verbindet, kann der Heilige Geist daraus eine Seele hervorbringen (oder ein Mensch, wie etwa der Rabbi Löw seinen Golem zum Leben erwecken).

Auch Luft ist mehr als das, was man atmet. Es ist der Lebensgeist an sich, der alles Seiende durchdringt und bewegt. Atem als solcher ist Bewegung, bildet den kreislauf. Alles in der Welt atmet wenn man so will. Auch die vier Jahreszeiten sind ein kosmischer Atemvorgang: ein Ausatmen beginnt zu Frühlingsanfang und erreicht seinen Tiefpunkt im Herbst, wenn das kosmische Selbst im Innern der Erde, wieder »einatmet« und damit alles in der Natur entstandene, sich zurückzieht in die Dunkelheit des Winters.

Das Feuer entspricht dem Himmlischen und der Wärme des Wassers und der Erde. Letztere ist aber nicht nur das, was wir im Wald und auf den Äckern finden, sondern das Medium, worin sich ein Same zu Leben entfaltet, solange die Erde rein ist. Und dieser Same kann sowohl geistig, wie auch körperlich sein. Die Erde ist die Substanz, das Wasser gibt ihm die Form, das Feuer die Wärme und die Luft den Atem, so dass sich aus dem Samen, Leben entwickeln kann.

Auch im körperlichen Menschen, haben diese vier Elemente ihre Entsprechungen: Die Knochen bilden die Erde, die Muskeln die Luft (da sich der Körper ja durch sie bewegt), den Lebensgeist das Feuer und das Temperament das Wasser. Doch auch die Seele, setzt sich aus diesen vier Elementen zusammen: die Erkenntnis ist feurig, aus der Luft bildet sich die Vernunft, die Phantasie ist wässrig und die Sinne irdisch. Auch die Sinne lassen sich mittels der vier Elemente aufgliedern, wo das Sehen dem Feuer entspricht, das Hören der Luft (Schall), Geschmack und Geruch durch Wasser repräsentiert werden und schließlich das Empfinden, der Tastsinn irdisch ist.

Die vier Elemente finden sich überall im Kosmos und alles kann im Verständnis ihrer wahren Bedeutung, erkannt und verwendet werden. Denn aus ihnen lassen sich die darin existierenden Eigenschaften ableiten und zu etwas fortentwickeln, was ihnen wiederum entspricht. Das Feurige der Sonne, wird zu Trockenheit der Erde. Das wässrige im Mond, zu den Gezeiten der Meere.

Es sind eben nicht jene Elemente, wie sie die moderne Chemie erklären würde, sondern eher Qualitäten des Seins. Weniger geht es in der Magie um Messbares, als letztendlich um das, was erfahren und erlebt werden kann. Doch insbesondere was man für andere erfahr- und erlebbar macht.

Die Quintessenz und das Elixier

Alles Untere, so sagten wir bereits, empfängt seine Wirkungen vom Oberen. Für Agrippa entsprach auch allem Irdischen etwas Himmlisches: das Untere dem Oberen. Diese beiden Postulate bilden das erste hermetische Prinzip. Die Weltseele aber führt die Wirksamkeiten dieser Entsprechungen von oben nach unten, und wieder von der Wirkung zurück zur Ursache. Diese Ursachen zu kennen will Agrippa in seinen drei Büchern über die okkulte Philosophie, helfen genau zu verstehen.

Die sichtbaren Dinge entstehen durch bestimmte Impulse der geistigen Welt. Auch die in den Dingen liegenden Eigenschaften, und wie sie damit auf andere Dinge wirken. Es sind diese Wirkungen aber unterschiedlich im Grad. Je nach Reinheit oder Verunreinigung, erfüllt sie die selbe Kraft, die sie von der Anfangs erwähnten, impulsgebenden Ursache er-halten haben und nun für sich ent-halten.

Was aber ist diese Ursache beziehungsweise, welche wirksame Kraft liegt in ihr, so dass überhaupt etwas entstehen kann, an das ihre Wirkung übertragen wird?

Ein Mensch etwa, kann ja durchaus auf einen anderen Menschen seine Wirkung übertragen. Das macht er mittels seiner Seelenkräfte. Es ist wie mit einem Magneten: Wenn Sie ihn auf ein Stück Eisen legen, geht sein Magnetismus darauf über. Auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben, macht man ähnliche Erfahrung. Unser Umgang prägt unser Leben.

Die Seele des Einen, wirkt auf die Seele eines Anderen, wobei sie selbst oder ihre Wirkungen verändert oder diese beeinflusst werden. Die Kräfte die dabei wirken, werden vermittelst der geistigen Weltsubstanz, der »quinta essentia«, wie sie die Alchemie nennt, vom Einen auf das Andere übertragen.

Wir hatten nun gesagt, dass sich die Dinge aus Feuer, Wasser, Erde und Luft zusammensetzen. Die eben definierte Quintessenz, gleicht einem fünften Element in der Hermetik – etwas, dass sich sowohl über den Vieren, außerhalb von ihnen befindet und sie durchdringt. Und so wie die Quintessenz nun aus dem Inneren der Welt wirkt, so wirkt sie auch aus dem Inneren des Menschen. So wie die Kräfte der menschlichen Seele an seine Körperglieder durch seinen Geist übertragen werden, so breiten sich die Kräfte der Weltseele, durch die Quintessenz aus und durchdringen, formen und verändern die dingliche Welt.

Nichts in der Welt existiert, dass nicht auch etwas von den Wirkungen der Quintessenz in sich trägt. Doch es gibt Dinge, in denen diese Quintessenz ganz reichlich vorhanden zur Wirkung kommt. Und das sind die Himmelskörper. Ihre Strahlen enthalten konzentrierte Wirkungen der Quintessenz. Was sich auf Erden befindet, seiner Natur nach aber diesen himmlischen Kräften entspricht, darauf haben die astralischen Kräfte besonderen Einfluss. Einfachstes Beispiel sind die Sternzeichen des Tierkreises, die einem Menschen bestimmte Veranlagungen mit auf seinen Lebensweg geben. Und diese Übertragung erfolgt durch eben dieses fünfte Element,  die Quintessenz.

Das bedeutet also, das alles real Existierende, von dem was über ihm steht beeinflusst wird, seien es Pflanzen, Steine, Metalle oder die Planeten, über denen die Wirkungen des Fixsternhimmels regieren.

Hieraus schloss Agrippa, dass derjenige, der den Geist der Quintessenz von Materie zu trennen vermag, oder von jenen Dingen Gebrauch macht, in denen die Quintessenz überwiegt (zum Beispiel in der Bewegung der Sternenlichter), wahrlich auf dem besten Wege ist, den Stein der Weisen zu bereiten. Denn auch die alten Alchemisten versuchten, die Quintessenz des Goldes oder des Silbers aus den entsprechenden Metallen zu extrahieren. Wem es unter ihnen gelang, der vermochte mit diesem heiligen Extrakt, jede Substanz in Gold oder Silber zu verwandeln – vorausgesetzt, sie wissen, wie die Quintessenz auf den vermeintlichen Stoff angewendet werden muss, damit sie ihn durchdringt und mit ihren geistigen Prinzipien vollkommen erfüllt.

Man sollte jedoch niemals vergessen, dass immer nur soviel von dem gewünschten Ding hergestellt werden kann, sei es Gold, Silber oder irgendeine andere Sache, wie man entsprechend anderswo, die vermeintliche Quintessenz zu extrahieren vermochte. Nur soviel das Pendel nach links ausschlägt, wird es auch nach rechts sich wenden, doch immer ein wenig schwächer als der erste Ausschlag.

Ähnliches dem Ähnlichen

Das Gesagte dürfte damit etwas erhellen, welche Absicht Agrippa mit seiner Schrift von den Okkulten Philosophie zur Verfügung stellte. Es ging ihm darum zu untersuchen und aufzuschreiben, welche der irdische Substanzen und Dinge, wozu natürlich auch der Mensch als Ganzes zählt, die himmlischen Wirkungen anzunehmen vermögen, um sie hier auf Erden zur etwas Höherem, etwas Geeigneterem zu formen. Das vollbringt aber nur derjenige, der die hermetischen Gesetze verinnerlicht hat.

Ähnliches bringt Ähnliches hervor, Wirkungen zeigen sich als Allegorien ihrer Ursache. Was immer lange stand und Salz enthielt, wird wohl auch irgendwann zu Salz. Das gilt ebenso für unser Leben. Wer sich lange genug mit einer bestimmten Sache beschäftigt, nützlich oder unnütz, und sich damit ihrer Wirkung aussetzt, wird ihr immer ähnlicher. Dieses Ähnlichkeits-Prinzip, fand seinen Weg auch in die Heilkunde. Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) sprach vom »similia similibus curentur«, wo es darum geht, das Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden kann – besser bekannt als Simile-Prinzip der Homöopathie, wonach jede Krankheit durch die Substanz geheilt werden kann, die beim Gesunden, der Krankheit entsprechende, ähnliche Symptome hervorruft.

Wer demnach also Wirkungen erzielen will, sollte entsprechende Resultate in der Natur ausfindig machen und versuchen, daraus die besagte Quintessenz zu extrahieren. Je reiner diese Essenz, das »Elixier«, desto einfacher lassen sich damit Zwecke erfüllen und Dinge oder Umstände ineinander verwandeln, zum Wohle des Wissenden oder zu seinem Nachteil. Wer aber zurückschreckt vor der letztendlichen Konsequenz dessen, was auch an Grobheit notwendig ist, um die gewünschte Essenz herzustellen, sollte erst gar nicht damit anfangen. Denn wenn die Sterne auf die Planeten, und diese auf die Mineralien wirken, in die Pflanzen in der Erde gebettet gedeihen, die wiederum von Tieren gefressen werden, dürfte daraus abzuleiten sein, dass bei der Bereitung des Steins der Weisen, insbesondere auch der Tod eine Rolle spielt. Wahre Veränderung kann tatsächlich aufreiben, letztendlich gar zunichtemachen.

Als Kinder lasen wir Fabeln, wo bestimmte Tiere für bestimmte Haltungen und Charaktereigenschaften eines Menschen stehen. Wer diese Eigenschaften in seinem Leben zur Wirkung bringen will, der muss sich eben an jene Tiere wenden und die lebendige Essenz aus ihnen zu geeignetem Zeitpunkt gewinnen, um sie für sich nutzbar zu machen.

Wer sich nun also, mit einem Wissen bereichern will, dass ihm erklärt, wie in solchem Vorgehen zu handeln ist, der kann sich mit Agrippas okkulten Philosophie befassen. Bis ins Detail geht er darin auf die notwendigen Vorkehrungen ein. Wer unter den Lesern aber macht sich die aufwendige Mühe, diese Vorkehrungen auch tatsächlich zu treffen?

Viele Fragen bleiben offen.

 

 

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Was ist die Ewige Weisheit?

Denn die Weisheit ist schön und unvergänglich, und lässt sich gern sehen von denen, die sie lieb haben, und lässt sich finden von denen, die sie suchen. Ja, sie begegnet und gibt sich selbst zu erkennen denen, die sie gerne haben. Wer sie gern bald hätte, bedarf nicht viel Mühe; er findet sie vor seiner Tür auf ihn warten.

- Weisheit Salomos 6:13-15

In ihren exoterischen Formen unterscheiden sich die Religionen, traditionellen Riten und Weisheitslehren unserer Welt. Doch im Kern besitzen alle geistigen Wege und Schulrichtungen einen gemeinsamen, geheimen Ursprung, der so alt ist wie die Menschheit selbst.

Dafür steht der Begriff der Ewigen Weisheit. Es ist eine zeitlose, universale Philosophie über das Wesen all der vielen Weisheitstraditionen der Menschen unseres Planeten. Sophia Perennis ist der griechische Name für diese Schulrichtung der Philosophie und Religionswissenschaften, und allen damit verbundenen Traditionen in ihren geistigen und praktischen Ausrichtungen.

Nicht aber beharrt die Sophia Perennis etwa darauf über Wissen absoluter Wahrheit zu verfügen. Eher will sie dazu anregen nach echten Parallelen in den verschiedenen Traditionen in West und Ost zu forschen und dabei zu zeigen, dass im Wesentlichen alle Traditionen einen gemeinsamen Kern haben.

In der Tradition der Sophia Perennis existiert auch eine esoterische Doktrin, verkörpert im Bild der Agia Sophia - der personifizierten, heiligen Weisheit. Sie kündet vom Wesen der göttlichen Vernunft und ihrer Schöpfung, in ihren universalen Manifestationen, als Urgeist, Welt und Seele.

Himmel (Mikrokosmos), Mensch (Mesokosmos) und Erde (Makrokosmos) sind drei, jeweils in sich vollkommene Welten. Darin vermittelt die Agia Sophia als Weisheitsprinzip, das Wesen eines höheren Geistes, der jedoch erhaben ist über alle Traditionslinien in Philosophie und Religion.

Die Goldenen Verse des Pythagoras

Bete zuerst zu den unsterblichen Göttern, denn sie wurden erschaffen und bestimmt nach göttlicher Ordnung.

2. Ehre den Schwur und dann den Helden, erfüllt von Güte und Licht.

3. Ehre ebenso die unterirdischen Geistwesen, indem Du ihnen opferst, wie es die Ordnung verlangt.

4. Ehre ebenso Deine Eltern und jene, die Deiner Familie angehören.

5. Unter allen anderen der Menschheit, befreunde Dich mit denen, die sich selbst als Tugendhafte zu erkennen geben.

6. Folge immer den sanften Mahnrufen des Einen und nimm Dir ein Beispiel an seinem rechtschaffenen und beispielhaften Tun.

7. Vermeide um jeden Preis, Deine Freunde wegen kleiner Vergehen zu hassen.

8. Willenskraft und Notwendigkeit liegen nahe beieinander.

9. Bedenke, dass alle Dinge so sind, wie ich Dir mitgeteilt; und übe Dich darin die Leidenschaften zu überwinden und Deine fehlerhaften Veranlagungen zu besiegen.

10. Davon in erster Linie Fresssucht, Faulheit, Wut und Sinnenlust.

11. Tue kein Übles, weder in Gegenwart anderer, noch insgeheim mit Dir.

12. Vor allem aber, respektiere Dich selbst.

13. Als nächstes sollst Du Dich selbst beobachten, im Deinem Tun und Reden Gerechtigkeit walten lassen.

14. All Deine Tun soll vernünftig diesen Vorschriften folgen.

15. Refektiere über dies immer wieder, denn es ist vom Schicksal einem jeden beschieden einmal zu sterben.

16. Und so wie die Güter des Glücks erworben werden, gehen sie auch wieder verloren.

17. So erleiden die Menschen das gottgesandte Schicksal.

18. Doch nimm Dein Los gelassen hin, sei niemals mürrisch, was immer auch kommen möge.

19. Aber bemühe Dich, soweit Du vermagst, der Nöte abzuhelfen,

20. Und bedenke Folgendes: Das Schicksal lädt nicht dem guten Menschen die größte Bürde und Unglück auf.

21. Viele verschiedene Arten der Urteilskraft findet man unter den Menschen, gut wie schlecht.

22. Doch sollst Du nicht davor erschrecken oder Dich ihnen verweigern.

23. Wenn Dir aber Falschheiten begegnen, so nimm sie auf mit Sanftmut, und rüste Dich allein mit Gelassenheit.

24. Erfülle aber alles getreu, was ich Dir jetzt sagen werde:

25. Lass niemals zu, dass Dich die Worte oder Taten eines anderen verführen.

26. Noch lasse Dich dazu verleiten, etwas zu tun oder zu sagen, was von Nachteil für Dich sein könnte.

27. Hole Rat ein und überlege genau, bevor Du handelst, damit nicht Törichtes daraus entstehe.

28. Denn man erkennt den Toren an seinem nutzlosen und unreflektierten Handeln und Reden.

29. Tue aber das, was Dich nachträglich nicht belastet, oder Dich zur Reue verpflichtet.

30. Tue niemals etwas, das Du nicht verstehst.

31. Lerne aber alle Dinge die Du nicht verstehst und Du wirst ein sehr erfreuliches Leben haben.

32. Sei nicht nachlässig wenn es um die Gesundheit Deines Körpers geht;

33. Sondern trinke und esse nach Maß, und übe Körper und Geist.

34. Ich sage Dir: halte Maß, auf das es Dich nicht erschöpfe.

35. Gewöhne Dich an eine reine und ordentliche Lebensweise ohne Luxus.

36. Vermeide alles, was anderen Anlass gibt, neidisch zu sein.

37. Sei auch nicht verschwenderisch, auch wenn Du glaubst, noch nicht zu wissen, was Ordnung und Ehrenhaftigkeit bedeuten.

38. Noch sei habgierig oder geizig; denn in allen Dingen das Ma. zu halten, ist das Allerbeste.

39. Tue nur Dinge, die Dir nicht schaden, doch erwäge was am angemessensten ist, bevor Du zur Tat schreitest.

40. Auch sollst Du nicht mit müden Augen zu Bett gehen,

41. Bevor Du nicht sorgfältig und mit Vernunft noch einmal alles in Gedanken nachgeprüft hast, was Du am Tag getan und was Du unterlassen hast.

42. Habe ich unrecht gehandelt? Was habe ich mit Liebe vollbracht? Was habe ich unterlassen, was ich eigentlich hätte tun sollen?

43. Wenn Du, mit dem Wichtigsten beginnend, hierbei fändest, dass Du Ungutes getan, so ziehe Dich selbst dafür zur Rechenschaft;

44. Und wenn Du Gutes vollbracht hast, so sei glücklich darüber und erfreue Dich.

45. Übe Dich sorgfältig darin – meditiere über all diese Dinge; Du solltest sie in Deinem Herzen beheimaten und lieben.

46. So wirst Du auf den Weg zur Göttlichen Tugend kommen.

47. Das schwöre ich bei dem, der unseren Seelen die Heilige Vierheit der Tetraktys eingepflanzt hat, der Quelle der Natur, deren Ursache ewig ist.

48. Niemals aber beginne mit der Arbeit, bevor Du nicht ein Gebet an die Götter gerichtet hast, mit der Bitte Dir zu helfen Dein Werk vollbringen zu können.

49. Wenn Dir dies zu einem Brauch geworden ist,

50. Wirst Du die Gestalt der unsterblichen Götter sowie die der Menschen erkennen.

51. Ganz gleich wie weit sich die verschiedenen Wesenheiten erstrecken, und durch was sie erhalten oder verbunden werden.

52. Du sollst ebenfalls wissen, das, entsprechend göttlicher Ordnung, die Beschaffenheit des Universums in allem gleichen Wesens ist und sich entspricht.

53. Sodass Du weder erhoffst, was Du nicht erhoffen solltest, noch Dir irgendetwas in dieser Welt verborgen bleiben soll.

54. Du wirst erkennen, dass die Menschen für ihr Unglück selbst zu Schulden kamen, durch ihren eigenen freien Willen.

55. Wie unglücklich sind jene, die weder sehen noch verstehen, dass sich das Gute in ihrer Nähe befindet.

56. Nur wenige wissen wie sie sich aus ihrem eigenen Unglück befreien können.

57. Das ist das Verhängnis dessen Schleier die Sinne der Menschen verwirrt.

58. Sie gleichen riesigen Felsen die hin und her rollen, unter der Last ihrer vielen Gebrechen.

59. Denn ein tödlicher, scheinbar unbemerkte Begleiter, der Streit, schleudert sie hoch und runter, ins Verderben.

60. Doch anstatt die Zwietracht anzuschirren, muss man sie vermeiden, ihr entfliehen.

61. Wahrhaftig! Zeus, unser Vater! Du würdest all jene von diesen Übeln erlösen,

62. Würdest du sie nur alle sehen lassen, von welchem Geist (Daimon) sie ihr Leben leiten lassen.

63. Doch sei guten Mutes; Die Menschen sind göttlicher Abstammung.

64. Die heilige Natur enthüllt ihnen die verborgensten Geheimnisse.

65. Wenn sie Dir gewährt ihre Geheimnisse zu schauen, so wirst Du alle Dinge mit Leichtigkeit vollbringen können, in die ich Dich zuvor eingeweiht habe.

66. Und durch die Heilung Deiner Seele, wirst Du sie von allen Übeln und von allem Leid befreien.

67. Aber enthalte Dich von alle dem, das wir Dir in den Reinigungen zur Erlösung der Seele verboten haben.

68. Unterscheide recht zwischen allen zuvor genannten Dingen, und prüfe sie auf das Genaueste.

69. Bedenke dies alles, wenn du wählst, und lasse Dich durch die beste Erkenntnis von oben durchs Leben führen.

70. Und wenn Du schließlich eines Tages Deinen sterblichen Körper verlässt, so möge Deine Seele frei den reinen Äther durchmessen.

71. Du wirst ein unsterblicher Gott sein – keiner kann Dir etwas anhaben – nicht einmal der Tod.

Pythagoreer zelebrieren Sonnenaufgang - ewigeweisheit.de

Pythagoreer zelebrieren den Aufgang der Sonne - Gemälde von Fyodor Bronnikov