Ruh

Die Erfüllung eines Wunsches im Jetzt

von S. Levent Oezkan

Das Wort »Ritual« ruft in einem Assoziationen wach, die mit besonderen, vielleicht überweltlichen Kräften in Zusammenhang stehen. Oft sind damit bestimmte Handlungen verbunden, wo man etwa an eine Priesterschaft denkt, die in lange Roben gekleidet, ihre Räucherlampen schwingend, geheimnisvolle Gebete murmelt.

Manch Anderem mag so etwas aber auch einfach nur albern vorkommen, zumal da Dinge ausgeführt werden, von denen der Vollziehende oft nicht einmal ahnt, welche wahre Bedeutung hinter seiner rituellen Handlung steht, geschweige denn, was ihr Ursprung ist.

Aber es gibt Wege, die in einem wahren Ritual gegangen werden können. Und das von jenen, die ihre inneren Geheimnisse auch kennen. In den verschiedenen Kulturen unserer Welt, nannte man sie die »Bewahrer der Mysterien«. Doch was ist daraus heute geworden?

 

Jeder eigentlich, vorausgesetzt er kennt die Grundprinzipien dessen, kann selbst eine zeremonielle Handlung beziehungsweise einen besonderen Ritus gestalten.

Ausgangspunkt dabei ist natürlich der Praktizierende selbst. Sein Maßstab an das was damit geschehen soll, macht das Ritual zu dem was es ist. Stellt sich also die Frage, was da aus dem Innern eines Menschen spricht, der solch ein Vorhaben beabsichtigt.

Nun findet ein Ritus immer statt – und das wissen wir aus den großen Weltreligionen – insbesondere auf körperlicher Ebene. Schaut man sich die Religion des Islam an, so folgen die täglich verrichteten fünf Gebete, einem ganz klar strukturierten Ritus. Seine zeitliche Einhaltung bezieht sich auf den täglichen Sonnenlauf, während man dazu, auf ganz bestimmte Weise, eine spirituelle Waschung vornimmt, bevor man die, von Gebeten begleiteten rituellen Niederwerfungen vollzieht.

Vor allem im orthodoxen, aber auch im katholischen Christentum, werden die körperlichen Sinne stark mit einbezogen. Gerochen wird das Räucherwerk, gesehen die rituellen Handlungen oder die gezeigten Ikonen, gehört die dabei gehaltenen heiligen Gesänge, geschmeckt die Hostie und der Wein der heiligen Eucharistie. Der Körper bewegt sich ebenso, mal stehend, sitzend oder kniend, womit der fünfte der menschlichen Körpersinne in den christlichen Ritus mit einbezogen wird.

1. Die Läuterung

Wer sich der geistigen Welt nähern will, der sollte das reinen Gewissens tun. Sonst nämlich vielleicht, könnte sich etwas im Ritus einstellen, dass einem ein beschämendes Gefühl vermittelt, nicht wert zu sein, was an Segnung aus der geistigen Welt empfangen werden könnte.

Es wäre also zuerst einmal notwendig, existierende Meinungsverschiedenheiten oder gar Streits mit anderen Menschen, zu klären. Dabei ist Vergebung eine ganz wesentliche Voraussetzung. Sollte man jemandem Schaden zugefügt haben, ist es notwendig sich um Wiedergutmachung zu bemühen. Sofern aber so eine Wiedergutmachung nicht direkt möglich ist – aus welchen Gründen auch immer – sollte man sich wohltätigen oder ehrenamtlichen Zwecken zuwenden, die in unserer Welt für so viele Menschen die einzige Hilfe bedeuten.

2. Die Bitte

Bevor irgendein Ritus vollzogen wird, stellt sich natürlich die Frage: Wofür? Bevor man darauf keine ganz exakte Antwort weiß: Welchen Zweck dann sollte ein Ritual erfüllen?

Je genauer man weiß, wie die Antwort auf obige Frage lautet, kann man sich mit Körper, Seele und Geist darauf einstellen. Sind die Einzelheiten unklar, kann eine spirituelle Zeremonie auch ins Auge gehen.

Als nächstes stünde da dann der Versuch, die mit dem Ritus verbundene Bitte, sich bereits als erfüllt vorzustellen, sich ihre sinnlich wahrnehmbare Form also zu visualisieren und als bereits präsent zu empfinden, indem man sich etwa vorstellt wie man sie überreicht bekommt.

Ein Hoffen auf Eintreten des Erbetenen in der Zukunft macht da keinen Sinn, sondern würde als ein ewiges Weiterhoffen schnell versiegen.

3. Die Sammlung

Ganz gleich welche heilige Zeremonie einer durchführt oder an einer teilnimmt: er muss sich darauf einlassen. Und das beginnt mit einer vollkommenen Besinnung auf den eigentlichen Ritus. Vorbereitend kann hierzu eine meditative Kontemplation über das eigentliche, oben angesprochene Ziel sein.

Wer jedoch über etwas aufgebracht ist, wer körperliche Schmerzen hat oder dessen Denken nicht zur Ruhe kommt, sollte davon absehen ein selbst entworfenes Ritual durchzuführen.

Gelingt es einem zur Ruhe zu kommen und sein ganzes Dasein auf das Wesentliche im Ritual auszurichten, dem wird auch gelingen Verbindung aufzunehmen, zu seinem »Höheren Selbst«, selbst wenn man das zuerst einmal versucht zu visualisieren, vielleicht als ein geheimnisvolles Bewusstseinsfeld, dass etwa 1-2 Meter über der Schädeldecke schwebt, als eine Art goldener Hauch.

Danach wendet man sich seinem Körper zu, und spricht ihn im Denken an, sich bei ihm bedankend, für die wunderbaren Dienste die er einem tagtäglich erbringt – vorausgesetzt, man sorgt sich um ihn, dass es ihm im eigenen Lebenswandel so gut wie möglich geht.

Es ist wichtig, dass wir unseren Körper lieben und wertschätzen (lernen), bevor wir in ihm, irgendeinem Zeremoniell beiwohnen.

4. Der göttliche Lebensatem

Es gibt verschiedene Namen für das, womit dieser Abschnitt überschrieben ist. Besonders in Fernost, gibt es dafür einen ganz genauen Begriff, der beschreibt, was dieser »Lebensatem« meint: Das Qi oder Chi – die fließende Lebenskraft. Man stellt sich darunter eine Energieform vor, die jenseits aller Grobstofflichkeit, einen atmenden Körper mit Kraft versorgt. Es ist vergleichbar mit dem Konzept des yogischen Prana: einem der fünf unsichtbaren Bestandteile eines Menschen (neben Denken, Sprechen, Sehen und Hören).

Im Westen ist da die Rede vom Pneuma (griechisch), dem Atem Gottes, der sich aus den elementaren Urstoffen Feuer und Luft zusammensetzt. Dies entspricht dem, was die Kabbala »Ruach« (hebräisch) nennt beziehungsweise der Sufismus »Ruh« (arabisch): Der geistige Atem des handelnden Gottes, durch den Leben entsteht (wie in Genesis 2:7) oder durch den Zorn Gottes dieses Leben den Menschen entzogen wird (Jesaja 30:28, zum Beispiel als schweres Unwetter).

Aber auch jeder Mensch verfügt über solch eine unsichtbare Kraft. Doch um ein Ritual zu vollziehen, sollten wir uns befähigen mehr von diesem Pneuma oder Prana in uns zu konzentrieren. Das kann durch sportliche Betätigung (Wandern, Dauerlauf, Hatha-Yoga) ebenso erfolgen, wie etwa auch durch yogische Atemübung im Pranayama. Jeder weiß, welch sonderliche Kraft da in einem freigesetzt wird, der sich entsprechend körperlich betätigt.

5. Der Konnex

Was wir zuvor angedeutet hatten, mit dem Höheren Selbst, dass ist, womit wir uns in einem Ritual verbinden wollen. Ganz gleich ob wir das nur für uns tun oder auch anderen damit als spiritueller Begleiter dienen: Es ist nichts, das sich jenseits des eigenen Seins befindet. Vielmehr geht es da um die Erkenntnis eines besonderen Teils in uns, dessen Geistigkeit uns dazu befähigt Außergewöhnliches zu vollbringen.

Mit diesem höheren Sein Kontakt aufzunehmen, erfolgt über eine besondere Anrufung – die entweder laut oder in Gedanken ausgesprochen wird. Nichts anderes finden wir in den Riten des Judentums, des Christentums, des Islam oder in anderer Religionen. In einem Gebet werden eben die Namen jenes höheren Wesens ausgesprochen, nach dessen Nähe man sich wegen eines Belanges sehnt. Es ist jedoch mehr ein Erkennen der göttlichen Gegenwart in einem selbst, eine tief empfundene Nähe, und weniger ein Herannahen des Selbigen. Gott ist bereits und bei jedem Atemzug in uns anwesend. Darauf weist auch der Koran hin, in der 50. Sure, Vers 61, worin es heißt:

Wir (Allah) sind ihm (dem Menschen) doch näher als seine Halsschlagader.

6. Das mentale Bild

Wie bereits hingewiesen, ist das wichtigste bei alle dem, eine Visualisierung dessen, was da durch eine rituelle Handlung gefunden werden soll. Weder ist das Gott, noch auch ein Engel! Es ist die gegenwärtige Erschaffung eines inneren Bildes, dass einem die tatsächliche Gewissheit suggerieren soll:

Was ich da will, das habe ich bereits.

7. Die Aussendung

Solch mentales Bild, ist wie die Spiegelung der Realität – oder vielmehr –, eine »Vorwegnahme der Wirklichkeit«. Wenn die indischen Yogis vom »Akasha« sprechen, dann geht es um eine ganz feine Substanz, aus der die anderen vier Ursubstanzen hervorgehen (Feuer, Luft, Wasser, Erde), sowie jede erdenkliche Gestalt des Raumes, worin sich durch den Klang der Sprache jede Wirklichkeit formen lässt.

In diesem Akasha vermag ein solch mentales Bild eine Form zu gestalten, die sich schließlich greifbar im Leben manifestieren wird – aber eben nur dann, wenn man über sie bereits zu verfügen weiß, im Jetzt, mit unerschütterlicher Gewissheit, als ganz und gar unzweideutige Vision!

8. Der Dank

Wer hiermit schließlich die Segnungen aus den höheren Gefilden des Bewusstseins empfangen und in seinem Leben manifestiert hat, der sollte sich dem auch in Dankbarkeit hingeben, so als würde sich ein geistiger, goldener Regen über ihn ergießen, den er mit zum Himmel geöffneten Händen empfängt.
 

Was hier als Anleitung zur Gestaltung eines persönlichen Ritus umschrieben wurde, besitzt eine Kraft, die einem erstaunliche Ergebnisse liefert, vorausgesetzt, dass man das was man sich zu manifestieren wünscht, auch von Wert für die Menschen ist, die einen umgeben. Doch diese Anleitung Erwünschtes zu erreichen, sollte stets so einfach wie möglich gehalten werden. Zu viele Vorbereitungen und Ausgestaltungen lenken einen vom Wesentlichen ab. Die Visualisierung dessen was sich manifestieren soll, muss so einfach und klar wie nur möglich erfolgen. Wir können immer nur nach einer Sache greifen. Erst dann nach einer anderen.

 

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Weisheit der Sufis

Weisheit der Sufis

Wie die meisten gebildeten Muslime seiner Zeit, war auch Al-Ghazali jemand der mit der Philosophie Aristoteles' vertraut war. Zwar hielt man all die griechischen Philosophen für Ungläubige, machte sich aber deren Logik und Prinzipien der Philosophie zu Nutze. Es war ein Kompromiss, denn in ihrer Arbeit versuchten sie so weit wie möglich die Dogmen des Koran beizubehalten.

Al-Ghazali war in seinem Denken jedoch eher einer platonischen Philosophie zugeneigt. Außerdem schloss er sich später den Sufis an, die durch das »Wadschad« – die Ekstase – ihre Art von Offenbarung empfingen. Und doch wäre es falsch Al-Ghazali seinem Wesen nach nur als Sufi zu kennzeichnen. Er wuchs in einer Gemeinde auf, zu der viele Arier gehörten. Und so war sein Werk wohl auch stark beeinflusst vom Zoroastrismus, doch ebenso von dem, was er von buddhistischen Missionaren aus dem Osten gelernt hatte.

In Al-Ghazalis Werk laufen die philosophischen und spirituellen Lehren aus West und Ost zusammen. Er führte bei den Sufis die Konzepte der Philosophie Plotinus' ein, wie auch die der Neuplatoniker, die dereinst sogar einen festen Bestandteil in den Lehren der muslimischen Gemeinden seiner Zeit werden sollten.

Viele sehen in Al-Ghazali eine der größten Persönlichkeiten in der Geschichte des Islam, ja gar auf selber Stufe wie die vier großen Imame. Diese Ansicht scheint sich jedoch eher in heutiger Zeit zu erfüllen, wo sich der Islam in einer Art Wandlungsprozess befindet. Darum, so glauben manche, würden durch ein erneutes Studium seines Werks, Al-Ghazalis Lehren zu neuem Leben erweckt.

Was der Mensch in Wahrheit alles vermag

Womöglich ließ sich Al-Ghazali durch die Schriften von Platon und Aristoteles inspirieren. Denn seiner Ansicht nach, musste jemand am Anfang eines geistigen, eines spirituellen Weges, zuerst einmal sein Herzen von allen Dingen reinigen, die nicht zum Göttlichen gehören, in einer Art »Katharsis des Herzens«. Durch symbolische Handlungen sollte einer jene Belastungen des Herzens eliminieren. Aggressive Gefühle mussten da in fiktiver, scheinbarer Form, negative Emotionen reduzieren, wo sich der Betroffene ihrer, durch symbolische Handlungen entledigt. Dies etwa kann erfolgen durch den Ausschrei des Satzes »Gott ist großartig«, auf arabisch: »Allahu Akbar«. In einem weiteren Schritt erreicht der Übende einen Zustand in dem sich sein Geist vollkommen auflöst in Gott, in einem willentlichen Akt. Nicht aber ist das bereits der Zustand höchster Vervollkommnung, sondern sogar noch die erste Stufe auf dem Weg zu einem Leben innerer Einkehr. Es ist quasi der Vorhof durch den die Eingeweihten eintreten.

Das Herz ist das Zentrum aller subtilen Gemütsformen im Menschen. Doch nicht etwa das physische Herz. Es ist ein geistiges Herz, dass dem Propheten Mohammed (as) offenbart wurde. Er empfand in diesem geistigen Herzen die Welt. Was er darin erblickte schaute er mit dem mystischen Auge des Herzens an. Im Koran heißt es hierzu:

Wer immer Gabriels Feind ist – denn er ist es, der es auf Geheiß Allahs hat herabkommen lassen auf dein Herz, Erfüllung dessen, was vordem war, und Führung und frohe Botschaft den Gläubigen […]

Und siehe, dies ist eine Herabsendung (Offenbarung) vom Herrn der Welten. Hinab kam mit ihm (dem Koran) der getreue Geist auf dein Herz, dass du einer der Warner seiest, in deutlicher arabischer Sprache.

- Suren 2:97, 26:192ff

Was andere dann durch Mohammeds (as) mündliche Überlieferung aufschrieben, sollte den logisch zu schlussfolgernden Teil dieser Offenbarung bilden, während in ihm selbst, auf die eben angedeutete Weise, religiöse Erkenntnis inspiriert wurde. Aus dieser Trennung von logischem Erfassen und religiöser Erleuchtung, kam es im Islam zu zwei einer Trennung in zwei geistige Strömungen: den Rationalisten, die quasi den wortwörtlich überlieferten Islam predigen, und den Mystikern, was auch heute noch die Sufis sind. Die meiste Zeit in der Geschichte der islamischen Religion, bestanden diese beiden Geisteswege in Frieden nebeneinander.

Die sogenannten »Mutakallimun« gründeten eine systematisierte Theologie, die man in den exoterischen Medressen lehrte und wo man über das Wesen des Andersseins Gottes mutmaßte. Die Sufis jedoch trafen sich in davon gesonderten Logen, den sogenannten »Tekken« (auch: »Dhargas«). Dort praktizierte man in Meditation und religiösem Ritual, den »Dhikr«. In dieser besonderen ekstatischen Praxis wird sich der Übende, Gottes absoluter Erhabenheit und Vollkommenheit bewusst, was da insbesondere durch den sogenannten »Tasbih« erfolgt, den Lobpreis der Formel »Subhan Allah«: »Gott ist über allem erhaben«.

Heilig ist Er und hoch erhaben über all das, was sie behaupten.

- Sure 17:44

Den Sufis geht es jedoch nicht darum, in ihrer Rezitation dieses »Subhan Allah«, damit ein intellektuelles Verstehen seiner Bedeutung zu suggerieren, sondern vielmehr darum, sich eine gleichnishafte Darstellung dessen zu vergegenwärtigen, was man als vollkommenste Struktur allen Seins bezeichnen könnte. Solcher Art Bewusstwerdung im Dhikr, erfolgt also nicht im Intellekt, sondern in dem, was wir oben als das »Geistige Herz« einführten. Was damit gemeint ist, damit wollen wir uns im Folgenden eingehender beschäftigen.

Das Herzen als Sitz spiritueller Geheimnisse

Wir hatten zuvor gesagt, dass die göttliche Offenbarung an den Propheten Mohammed (as) nicht seinem denkenden Geist, sondern seinem Herzen enthüllt wurde (siehe oben Suren 2:97, 26:192ff). Für die Sufis war dieses Herz der Sitz geistiger Geheimnisse. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht überraschend, dass der Begriff des Herzens auch eine wichtige Rolle spielt im Vokabular religiöser Gelehrter des Islam. Oft wird dieser Begriff synonym für das verwendet, was man die Seele nennt, jedoch als Sitz dessen, was man als intellektuelle und emotionale Instanz darin sehen könnte. Das heißt, dass all jene unter diesen Gelehrten, einerseits von den esoterischen Lehren Aristoteles' beeinflusst waren und damit auch von dem, was wir zuvor, als die Schule des Neuplatonismus andeuteten. Da galt jenes, »geistige Herz«, als Sitz der edelsten Gefühle eines Menschen.

Für Al-Ghazali jedoch war das Herz jedoch nicht allein das, was wir uns vielleicht unter dieser Beschreibung vorstellen. Er versuchte die Wesensbeschaffenheit dieses Herzens als etwas viel universaleres darzustellen. Vier esoterische Konzepte sollten ihm bei der Beschreibung dessen helfen, was durch die arabische Begriffe »Qalb«, »Ruh«, »Nafs« und »Aql« definiert ist. In folgendem Zitat aus seinem Buch »Wunder des Herzens« schreibt er:

[…] dem Begriff »Herz« (arabisch »Qalb«), dem zwei Bedeutungen zu Grunde liegen. Eine davon ist das kegelförmige Körperorgan aus Fleisch, dass sich in der linken Seite der Brust befindet. Es ist ein besonderer Muskel, indem sich eine Höhlung befindet, und in dieser Höhlung befindet sich schwarzes Blut, das die Quelle und der Sitz des Geistes ist (arabisch »Ruh«). […] Die zweite Bedeutung des Wortes »Herz« beschreibt eine subtile, feinstoffliche Substanz ätherisch-geistiger Art, die mit dem physischen Herzen verbunden ist. Die subtile, feinstoffliche Substanz aber ist die wahre Essenz des Menschen. Das Herz ist der Teil des Menschen, der empfindet und weiß und erfährt […] Der zweite Begriff ist »Geist« (arabisch »Ruh«), der für unsere Zwecke ebenfalls auf zwei Arten erklärt, verwendet wird. Eine davon ist ein feinstofflicher Körper, der einer Höhlung des physischen Herzens entspringt und der durch die pulsierenden Arterien in allen Körperteilen verbreitet wird. […] Die zweite Bedeutung (des »Ruh«) ist, wie bereits erwähnt, die einer subtilen, feinstofflichen Substanz, die den wirklichen Menschen ausmacht: Es ist des Menschen Seele und seine Essenz.

Es geht hier um das, was bei den alten Griechen als »Pneuma« bezeichnet wurde und da als universales Mittel der Sinneswahrnehmung verstanden wird. Der Begriff der »Seele«, arabisch »Nafs«, steht für den lebensspendenden Teil der im Menschen zu Lebzeiten wirkt, seine Lebenskräfte bildet. Man spricht hier auch von der Triebseele oder Tierseele, was wohl möglicherweise ebenso aus dem griechischen Konzept der Epithymia abgeleitet ist, was man schlicht mit dem deutschen Wort »Lust« übersetzen könnte. Hier wirken also Kräfte im Menschen, die ihn dem Tier näher sein lassen, als dem was er eigentlich erzielen sollte: nämlich dem Göttlichen zuzustreben. Andere Bedeutung dessen, was Al-Ghazali als die »Nafs« anführt, bildet wiederum die feinstoffliche Substanz, eben wie auch der Sinngehalt der Namen »Qalb« und »Ruh«:

Die Seele verdient entsprechend dieser zweiten Definition Anerkennung, entspricht sie doch dem Selbst des Menschen beziehungsweise seinem wahren Wesen, seiner wahren Natur, die, sich Gott bewusst seiend, mit allen anderen erkennbaren Dingen vertraut ist.

- Aus Al-Ghazailis »Wunder des Herzens«

Nun bleibt schließlich der Begriff des »Aql«, dem was man als die »menschliche Intelligenz« oder besser noch, als seine »Vernunft« bezeichnen könnte. Lange zuvor schon lässt sich den Schriften Aristoteles' entnehmen, was auch die Neuplatoniker »Nous« nannten. Das ist im Altgriechischen sowohl mit der Bezeichnung der Wahrnehmung, mit der Gefühlswelt, dem Herzen, der Seele und dem Willen verwandt, wie auch gleichzeitig mit dem Denken und dem was einer beabsichtigt. Durch »Aql« aber versucht der Mensch über das wahre Wesen der Dinge Verständnis, wie auch über seine besonderen Kräfte Wissen zu erlangen, was doch ganz und gar zu den herausragendsten Fähigkeiten allen Menschseins gehört.

Wie es aber auch bei den anderen drei Begriffen (Qalb, Ruh, Nafs), die mit dem spirituellen Herzen Al-Ghazalis zusammenhängen, eine feinstoffliche Variante gibt, trifft das auch zu auf den eben beschriebenen Aql: Es ist die Substanz, oder das Mittel, worüber Gott vom Menschen erkannt werden kann.