Schamanen

Peyote: ein spirituelles Heilmittel

von S. Levent Oezkan

Peyote - ewigeweisheit.de

Wissenschaftler bestätigen: den Peyote-Kaktus verwenden die Schamanen Amerikas seit mindestens 10000 Jahren, als höher-spirituell wirkende Medizin. Im Süden des amerikanischen Bundesstaates Texas etwa, fand man Überreste von Peyote-Zeremonien, die auf etwa 3700 v. Chr. zurückreichen. Darauf verweisen eigenartige Skulpturen, wie man sie etwa in den Höhlen von Shumla fand, in der Nähe des Rio Grande.

Eigenartig an dieser Kaktee ist, dass sie nur im Süden von Texas und Norden Mexikos verbreitet ist, so dass sie ursprünglich nur von den dort lebenden indigenen Kulturen als Kraftpflanze verwendet wurde. Erst Anfang des 16. Jhd. verboten katholische Geistliche der einheimischen Bevölkerung den Konsum des Peyote. Man drang die Einheimischen zum Alkoholkonsum (Tequila), der weiter legal blieb, während man den Peyote-Kult als reinen Aberglauben oder sogar schwarze Magie abstempelte.

Gegen Ende des 18. Jhd. begann sich der Kult erneut zu verbreiten und drang auch weiter in die Vereinigten Staaten vor. Indianische Weise, wie etwa der Comanchenhäuptling Quanah Parker, involvierten im 19. Jhd. christliche Aspekte in den historischen Peyote-Kult. Parker soll bei einer schweren Verletzung und der Einnahme des Peyote, eine Vision von Jesus Christus gehabt haben.

Quanah Parker gilt als Begründer der Native American Church, der Religion des Peyote-Kults (auch: Peyotismus), der bis heute in den USA unter indigenen Völkern, die am weitesten verbreitete Religion ist.

Anfang des 20. Jhd. gab es in den USA und Mexiko wahrscheinlich zehntausende Angehörige dieser neuen Peyote-Religion. Wegen der besonderen Entwicklung des Kults, entstand 1927 eine erste ausführliche Studie zu dem im Peyote enthaltenden Alkaloid Meskalin, durch den deutschen Neurologen, Psychiater und Psychonauten Kurt Beringer (1893-1949) - einem Pionier der Drogenforschung.

In den folgenden Jahren gab es eine ganze Reihe neuer Studien und Selbstversuche, von Medizinern und Psychiatern, insbesondere in den USA. Selbst die amerikanische Marine (US-Navy) beteiligte sich nach dem Zweiten Weltkrieg an dieser Forschung, unter dem Decknamen "Project Chatter" (1947).

Vom Wesen der Peyote-Zeremonie

In alter Zeit sprach ein Medizinmann ein Gebet und führte danach die Teilnehmer in das Wesen des Peyote-Kults ein. Man sang gemeinsam das Peyote-Lied. Diese Zeremonie wurde von Trommeln begleitet. Nach einer weiteren kurzen Ansprache, gab der Zeremonienmeister seine Trommel und Insignien an einen Assistenten zu seiner Rechten.

Nun sang jener ein anderes Peyote-Lied und sprach danach zu den anderen Teilnehmern. Dieser gab Trommel und Ornate dann an einen Dritten zu seiner Rechten, jener an einen Vierten und so setzte sich die Zeremonie fort. War der letzte schließlich mit seiner Ansprache fertig, gab er alles an den Medizinmann zurück.

Diese zeremonielle Handlung des wiederholten Übergebens der heiligen Insignien, heiligen Gesänge und Ansprachen, wird die bis um Mitternacht vollzogen. Ab Mitternacht dann, beginnt der Geist des Peyote in den Teilnehmern zu wirken. Jeder von ihnen spricht dann über seine Unterlassungen und Fehler, klagt sich vor den anderen selbst an. Doch danach geht man aufeinander zu, bittet um Vergebung und gibt sich die Hände.

Quanah Parker - ewigeweisheit.de

Quanah Parker (nach 1840-1911): Comanchen-Häuptling und legendärer Begründer der Native American Church.

Bericht eines Peyote-Essers

Um Mitternacht aßen wir vom Peyote. Doch ich bekam riesige Angst als ich plötzlich fühlte, wie etwas Lebendiges in mich eindrang.

Ich fragte mich, was in der Welt mich dazu veranlasst hatte tatsächlich vom Peyote zu essen. Denn mit einem Mal wusste ich, dass ich von einer vielleicht tödlichen Droge gegessen hatte. Sicher würde es mir schaden, dachte ich. Konnte ich es nicht erbrechen, so dass das Gift des Peyote aus mir trat? Ich versuchte also mich zu übergeben. Doch nach ein paar Versuchen gab ich auf. Erst war ich ganz versessen darauf und setzte alles daran, an dieser Peyote-Zeremonie teilzunehmen. Doch jetzt hatte ich mich vergiftet und wusste, dass es mir einfach nur schaden würde.

Was ging hier bloß vor sich? Es war doch nur dieses eine Stück Kaktus das ich aß. Jetzt aber, wo es sich in meinem Magen befindet, scheint es lebendig geworden zu sein und bewegt sich innerhalb meines Bauches.

Ich hatte Angst - schreckliche Angst. Wären doch nur meine Lieben bei mir! Dann wüssten sie, was mit mir los ist und ich wäre nicht so verloren wie jetzt: ich habe mich selbst getötet!

Was aber nun passierte war noch unheimlicher, denn das, was sich zuvor in meinem Magen bewegte, schien nun herauskommen zu wollen. Nein, bitte nicht! Es war schon fast draußen und ich fühlte entsetzt mit meiner Hand nach dem Etwas. Dann aber schien es wieder umzukehren.

Wieso nur, fragte ich mich erneut, hatte ich bloß davon gegessen? Besser ich hätte es nie eingenommen. Jetzt war ich mir sicher, ich würde sterben. Und so ging es weiter bis zum Morgengrauen. Als die Sonne schon hoch über dem Horizont stand, sahen ich und die anderen Teilnehmer uns an und begannen zu lachen. Doch während der nächtlichen Peyote-Erfahrung, war wirklich überhaupt nicht danach zu Mute.

Die zweite Nacht

Trotz dass ich in der vergangenen Nacht vollkommen sicher war, dass ich einen Fehler begangen hatte, aßen wir am folgenden Abend wieder von dem magischen Kaktus. Jeder von uns kaute sieben Stücke Peyote.

Und da: Plötzlich war ich eine riesige Schlange. Ungaublich war meine Bestürzung darüber. Was alles noch schlimmer machte, war eine andere Schlange, die plötzlich mit ihrer schuppigen Haut über meinen Rücken glitt. Keine Ahung was sich da abspielte. Es schien mir etwas im Nacken zu sitzen. Als ich mich erkundigend umwand, um zu sehen was sich auf meinem Rücken befindet, sah ich plötzlich ein gigantisches Reptil, das drauf und dran war mich zu verschlingen. Doch es war kein mir bekanntes Reptil, sondern glich eher einem Drachen, denn es hatte Arme und Beine. Sein Schwanz aber glich einem langen Speer. 

Wieder überkam mich schreckliche Todesangst. Dann schaute ich in eine andere Richtung. Da war ein gehörnter Mann mit langen Klauen, der in seiner Hand einen Speer hielt. Er sprang vor mich hin, doch vor Schreck warf ich mich zu Boden, so dass mich sein Speer knapp verfehlte. Als ich mich umsah, warf er erneut seinen Speer auf mich, doch wieder sprang ich zur Seite. Bei all dem Graus, schien es für mich aber keinen Ausweg zu geben.

Plötzlich wurde mir klar, dass all das was ich gerade erfuhr, durch den Peyote verursacht wurde. Drum schrie ich um Hilfe, bat dabei sogar den Peyote selbst. Ich wusste er war heilig und würde meine Rufe erhören. Dann plötzlich endeten die schrecklichen Visionen und meine grausamen Leiden fanden ein Ende.

Nun aber wusste ich, dass ich im Peyote einen Verbündeten gefunden hatte: Ein helfendes Wesen voller Kraft und Heilung.

Diese Erfahrung war durch und durch positiv, ja eigentlich heilig. Sie hielt an für einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, in der ich nicht schlief.

Die dritte Nacht

Der Tag war bereits angebrochen. Wir frühstückten. Am Abend aber aß ich erneut acht Stücke Peyote.

Um Mitternacht erlebte ich etwas Außergewöhliches: mir war, als ahnte ich was Gott wirklich sei. Mir schien als spürte ich seine Gegenwart und betete darum um Hilfe und um Wissen. Ich fleht ihn an, er möge mir helfen keine bösen Taten mehr zu begehen. Bat ich aber eigentlich den eingenommenen Peyote um Hilfe?

Die Pflanze in mir fühlte sich an wie ein Ahne. Der Peyote war wie ein lieber Großvater für mich, dem ich voll und ganz vertraute. Ihn bat ich um Hilfe, denn ich wollte verstehen was die Welt und was Gott ist.

Danach saß ich ruhig da und verfolgte das morgendliche Spektakel der rötlichen Dämmerung. Da sah ich den Morgenstern leuchten und genoss seine himmlische Erscheinung. Sein Licht tat mir gut.

Während ich mich Nachts fürchtete, fühlte ich mich nun vollkommen selig. Als der Tag anbrach befand ich mich in einem Zustand vollkommener Klarheit. Nichts schien sich vor meinem alles durchdingenden Blick verbergen zu können. Ich konnte gar in weite Ferne blicken. Da sah ich das Haus in dem ich lebte. Obwohl es so weit weg war, konnte ich es direkt vor mir stehen sehen. Am Fenster spielten meine Kinder. Plötzlich aber erschien da ein Fremder. Es war ein Trunkenbold. Er machte auch meine Familie trunken und belästigte sie. Dann aber rannte er fort und ich dachte nur, dass es eben das sei, was sie mit uns Menschen taten: sie machten uns zu verschlafenen Trunkenbolden, die Ausflüchte im Leben suchen mussten, um sich selbst in dieser Welt zu ertragen.
Jetzt erblickte ich meine Frau. Sie stand vor mir, gehüllt in ein rotes Tuch. Es schien als müsse sie eine Entscheidung treffen.

Doch eigentlich ging es Allen gut - meinem Bruder, meiner Schwester und auch meinen Eltern. Das gab mir ein Gefühl tiefer Zufriedenheit.

So also wusste ich, dass mein Peyote-Großvater es gut mit mir meinte. Er war eben eine heilige Pflanze, der ich mich ganz und gar hinzugeben traute.

Während all der Jahre die ich auf der Erde wandle, wusste ich eigentlich nie, was das Wort "heilig" eigentlich bedeutet. Drei Tage und Nächte aß ich vom Peyote und ebenso lange schlief ich nicht. Jetzt aber verstand ich zum ersten Mal das Unaussprechliche und worauf das Wort "heilig" eigentlich hindeutet.

Peyote-Trommler - ewigeweisheit.de

Foto eines Peyote-Trommlers von Edward Sheriff Curtis (1868-1952) (cc).

Was ein Peyote-Ritual bewirken kann

Peyote-Zeremonien haben einen ganz klaren Zweck: Jemand der die Pflanze einnimmt, öffnet sich seiner inneren, höheren Geistigkeit. Ihm wird klar, dass er über viel größere Kräfte verfügt, als er eigentlich glaubte. Damit wächst er quasi über sein bisheriges Selbst hinaus. Denn durch die Peyote-Erfahrung leuchtet das Licht einer höheren Wahrnehmungm jene Begrenzungen des Peyote-Initianden aus, die ihm in seinem Leben im Weg stehen. Es kommt auch vor, so zumindest berichten Peyote-Esser, dass das, was jemanden im Leben in seinem Denken behindert, dabei sogar sofort aus dem Weg geschafft wird.

Jemand der Peyote einnimmt lernt, wie seine negativen Einstellungen auf sein gesamtes Leben einen Schatten werfen. Dabei geht es aber gar nicht einmal darum, sich von sich selbst zu entfernen. Vielmehr versucht der Peyote-Esser das sich der Geist des Kaktus, mit den eigenen, angeborenen geistigen Fähigkeiten vermengt. Dies geschieht in einem fließenden Vorgang, der in etwa zwei Schlangen gleicht, die sich um einander winden. Die Weisheit die dabei erfahren wird ist aber keine Kopfsache, sondern wird als tiefer Frieden im Herzen empfunden.

Nie aber scheint sich die Welt weiter entfernt zu haben von diesem inneren Frieden, als heute. Unter Geistigkeit nämlich versteht man alleine die Fähigkeiten des Gehirns, während diese Herzensverbindung die meisten Menschen anscheinend verloren haben. Doch genau dort im Herzen wartet jene große geistige Seeligkeit erweckt zu werden.

Kopfdenken ist von unserem Ego gesteuert. Das Herzdenken aber von unserem höheren Selbst. Unserer Ängste und unser häufiges Unbehagen in bestimmten Lebenssituationen, basiert in Wirklichkeit auf mangelhaftem Wissen über die eigenen, höheren Fähigkeiten. Nur darum neigen wir dazu, nach Ersatzbefriedigungen zu suchen. Doch wie jeder weiß, sind das nur Ausflüchte, die schon bald durch neue oder häufigere Ausflüchte kompensiert werden wollen. Das Loch dass wir so aber in uns immer mehr ausweiten, lässt sich irgendwann einfach nicht mehr füllen.

Die Frustration aller unbewusst lebenden Menschen, die nach irgendwelchen, nicht (mehr) erfüllbaren Sehnsüchten lechzen, hat sich aufaddiert zu einer weltweit verbreiteten Krankheit zerstörender Schlagkraft. Je mehr Menschen aber aus ihrem Alltagsschlaf erwachen, desto wahrscheinlicher ist, dass dieser globale Alptraum ein Ende findet.

 

Weiterlesen ...

Was ist Schamanismus?

Was ist Schamanismus?

Schamanismus ist ein religiöses System, dessen Ursprünge zurückreichen bis in die Altsteinzeit. Manche sagen der Schamanismus sei so alt wie die Menschheit selbst und kam mit den ersten Menschen auf die Erde. In der Kosmologie der Schamanen gibt es neben der Menschenwelt eine Welt der Geister und Ahnen. In unserer Welt ist der Mensch stets von diesen Geistern umgeben. Manche von ihnen waren einst Menschen und können auch in Zukunft wieder zu Menschen werden.

In ihnen leben dann die Geister der Ahnen. Doch der Schamanismus kennt auch Geister, die niemals menschliche Gestalt hatten. So sind in manchen Kulturen diese Ahnengeister Wesen, die lange vor uns auf der Erde lebten. Es muss sich bei den "Ahnen" im Schamanismus aber nicht um tatsächlich genetische Ahnen handeln. Manche Menschen sagen dass der Tod nicht das Ende ist, sondern eher der Übergang vom körperlichen Leben in einen Zustand, in dem das Individuum fortexistiert, jedoch ohne Körperlichkeit ist. Das trifft auch zu auf die Ahnengeister.

Was bedeutet das Wort Schamane?

Das Wort "Schamane" hat seinen Ursprung wahrscheinlich in der Sprache der Tungusen - den Völkern im Nordosten Sibiriens. Dort ist ein "saman" ein erhabener, begeisterter Mensch voller Dynamik. Als so jemand werden auch die dort lebenden Magier oder Heiler bezeichnet. Ein Schamane kann aber auch als Ratgeber fungieren, wenn ein Mensch die Verbindung zu seinen Wurzeln verloren hat. So glauben die Schamanen dass wenn es ein ungelöstes Problem in der Reihe der Ahnen gibt, es damit zu Blockaden im Leben eines Menschen kommen kann, was tatsächlich sein Schicksal zu beeinflussen vermag. Dann wendet man sich an einen Schamanen der einem hilft, indem er mit den Ahnengeistern Kontakt aufnimmt, mit ihnen spricht und so ein altes Problem aus dem Weg schafft. Nicht aber geht es dabei nur um die Lösung des Problems einer einzelnen Person, sondern auch darum, im gesamten Ahnenstammbaum Blockaden zu durchbrechen.

Ein Schamane besitzt meist hellseherische, übersinnliche Fähigkeiten, kennt sich aus mit sogenannten Kraft- oder Medizinalpflanzen, wie auch anderen Heilkräften. Bei den Menschen der Mongolei oder Sibiriens etwa, die dem Schamanismus noch sehr nahe stehen, übernimmt der Schamane oft die Rolle des Arztes oder Psychotherapeuten.

Merkmale des Schamanismus lassen sich überall auf der Welt finden. Nicht alle Schamanen sind als wandernde Nomaden unterwegs, wie etwa die Schamanen Zentralasiens. Daher ist es nicht immer einfach, den Begriff Schamanismus genau zu definieren. Jeder der heutzutage mit Naturgeistern arbeitet (zum Beispiel Keltentum), bezeichnet sich selbst manchmal als einen Schamanen.

Manche behaupten auch sie hätten mit einem Schamanen zu tun, wenn diese Person lediglich als Medium für spirituelle Wesenheiten agiert und diese quasi in die physische Welt zu einem Menschen führt. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit Schamanismus zu tun, sondern da ist einer am Werk, der "übernatürliches Bewusstsein" besitzt und Kontakt aufzunehmen vermag, mit der Welt des Jenseits. So etwas nennt man auch "Channeling".

Trance im Schamanismus

Ein Schamane ist ein heiliger Mann oder eine heilige Frau, die in zwei Welten steht: im Diesseits und im Jenseits - dem, was zum Beispiel Carlos Castaneda in seinen Büchern als Tonal und Nagual bezeichnet.

Ein Schamane besitzt die Fähigkeit, sein Bewusstsein vollständig zu ändern. Er arbeitet mit besonderen Geistformen, die seinen Körper im Zustand der Trance sozusagen bewohnen, was aber bei falscher Handhabung, leider zum Verlust von Teilen der Seele führen kann. Dann erfährt derjenige einen psychischen Schock oder sogar eine Psychose.

Zu den Methoden schamanistischer Erfahrungen, zählt insbesondere die Steigerung eines Zauberers in Trance. Durch Tanz, Gesang, besondere Körperbewegungen und das Schlagen der Schamanentrommel, erhebt sich sein Bewusstsein auf eine Ebene, wo er sich den Ahnengeistern nähert. Er erhebt sein Bewusstsein in einen Bereich, wo es sich auszudehnen vermag, in einem nicht-physischen Gebiet. Dort halten sich die Ahnengeister auf. Er ist in diesen Gefilden losgelöst von den Banden der Materie, ist selbst als Geist unterwegs. So kann er dort mit geistigen Wesen in Verbindung treten. Dabei muss er aber nicht immer als Mittler zwischen Mensch und Ahnengeist agieren. Er kann auch ganz einfach nach der Erfahrung suchen, die man macht, wenn man den Ahnengeistern begegnet.

In dieser Trance kann man von einer Art Selbsthypnose sprechen, bei der der Schamane jedoch voll bewusst ist. Sobald der Trance-Zustand erreicht wurde, bewegt sich der Geist des Schamanen frei durch die Welten: die Menschenwelt, die Unterwelt und die Welt der Himmlischen. Dabei hat er Kontakt zu guten wie bösen Geistern, von denen er Geheimnisse erfährt oder die er auch durch sein Erscheinen beeinflussen kann - zu seinem oder dem Nutzen eines anderen Menschen. So können Schamanen durch jahrelanges Üben, anderen Menschen helfen, mit ihren Ahnen in Kontakt zu treten, um sie entlang ihres geistigen Stammbaums zu führen. Damit erzielen Schamanen Heilung und Harmonie im Leben eines Hilfesuchenden.

Ahayuasca, Peyote

Was den Schamanen von anderen unterscheidet, ist die Fähigkeit sich in andere Welten zu transzendieren. Viele glauben, dass sie diese Erfahrungen selbst erzwingen können, durch die Einnahme besonderer Substanzen, wie etwa dem Peyote-Kaktus oder dem Ahayuasca-Trank. Doch dies ist eher die unsaubere Methode, da man dem Körper Gifte zufügt, die erst wieder ausgeschieden werden müssen.

Sicher aber erfüllen diese und andere Kraftpflanzen ihren Zweck. Sie dienen aber nur dem Anfänger, der den Zugang zu seinem höheren Selbst verloren hat - als quasi eine erzwungene Methode der Rückführung, zum waren Kern des Selbst. Ein Schamane der diese Phase seines Weges bereits hinter sich gelassen hat, will seine Erfahrungen jedoch aus sich selbst heraus machen, ohne dass er dazu durch Stoffe beeinflusst wird, die er nicht kontrollieren kann. Er will nicht abhängig sein von Substanzen, sondern seien Erfahrungen beim "vollem Bewusstsein" erleben.

Wer eine schamanische Heilreise unternehmen möchte, sollte sich daher besser an einen wirklichen Schamanen richten, der mit Trance arbeitet. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass diese Trance-Zustände und das, was die moderne Psychologie als "Psychose" bezeichnet, sehr nahe bei einander liegen. Drum ist es unabdingbar, dass einer, der sich auf den Weg des Schamanen begeben möchte, damit vorsichtig beginnt - ja besser noch, einen Schamanen-Führer hat, der ihn in die höheren und niederen Welten einführt.

Tanzender Schamane und die Ahnengeister – ewigeweisheit.de

Tanzender Schamane nimmt Kontakt zu den Ahnengeistern auf.

Blutsbruderschaft

Schamenen glauben, dass das sogenannte "Kut", die  "Essenz des Heiligen", durch Körpersäfte übertragen wird. Das kann erfolgen durch Tränen ebenso, wie durch Speichel, Sperma oder Urin. Im Blut aber, dem kraftvollsten aller Körpersäfte, ist das Wesen eines Menschen gegenwärtig. Wer vom Blut eines anderen kostet, auf den geht die Kraft dieses Menschen über. Daher stammt die alt-türkische Tradition der Blutsbruderschaft: Einer schließt mit einem anderen Blutsbruderschaft, indem er sein Blut und das Blut seines zukünftigen "Bruders" in Kumys (vergorener Stutenmilch) löst. Dieses rituelle Getränk wird in eine Schale gegeben, woraus beide Blutsbrüder trinken. Somit schließen sie einen Bund, der ebenso stark ist, wie der zweier leiblicher Brüder. Danach wird das Blut des Blutsbruders zum absoluten Tabu, darf niemals vergossen werden.

Das finstere Schicksal des Jamukha Gurkhan

Eine mongolische Geschichte erzählt von zwei Fürstenkindern, die einst Blutsbruderschaft schlossen. Das war Jamukha Gurkhan und der junge Temüdschin. Temüdschin wählte man einst zum Khan aller Mongolenstämme und gab ihm den Namen Dschingis Khan. Dies aber neidete ihm sein Blutsbruder. Außerdem verlor Jamukha sehr früh seine Kinder, während Temüdschin mit seiner Frau eine große Familie hatte. So wurde Jamukha Gurkhan zum größten Widersacher Dschingis Khans und begang Hochverrat. Beide zogen mit ihren Heeren gegeneinander in die Schlacht. Doch schließlich wurde Jamukha von Dschingis Khan gestellt und hingerichtet - doch nicht etwa durch Pfeil oder Schwert, denn das hätte sein Blut vergossen. Da die beiden Blutsbrüder waren, durften sie das Blut des anderen nicht vergießen. So brach man dem Jamukha das Genick.

Wie man ein Schamane wird

Nicht jeder Mensch ist zum Schamanentum berufen. Man wird eben auch nicht mal eben ein Schamane. In Sibirien etwa, durchlebt ein Schamane teilweise ganz entsetzliche Erfahrungen, wo er in seinem Körper bis an die Grenzen des Todes kommt. Nur im Westen scheinen sich Menschen dazu zu "entscheiden" Schamane oder Schamanin "zu werden". Doch die Schamanen Zentralasiens entscheiden nicht selbst welche zu werden. Sie lesen keine Bücher, die ihnen erklären wie man ein richtiger Schamane wird oder besuchen "Wochenendkurse in Schamanismus".

Um Schamane zu sein, muss man laut Tradition, in der Ahnenreihe eines älteren Schamanen stehen. Das heißt aber nicht, wie oben bereits angedeutet, das man von ihm tatsächlich genetisch abstammen muss. Es ist also keine Blutlinie. Vielmehr muss der Ahnengeist seines Vorgängers, den Schamanen sozusagen beauftragen, in seiner Linie die Tradition fortzuführen. Dann gehen Teile der Seele der Ahnen, in die Seele des Schamanen über, womit das Wesen und die Kraft seines Vorgängers, auf ihn übertragen wird.

Daher rührt die große Bedeutung des Ahnenkults im Schamanismus. Die Seelen der Ahnen sind für die Schamanen immer noch in der Welt unterwegs. Als unsichtbare Wesen können sie einen Schamanen auch verfolgen, wenn er aus seiner Rolle fällt.

Im Westen erscheinen uns solche Dinge vielleicht eher befremdlich. Man glaubt nicht, dass das Leben eines Mensch von irgendwelchen Ahnengeistern beeinträchtigt ist. Eher denkt sich der westliche Durchschnittsmensch, dass ihn nur die Dinge betreffen oder sein Leben eingrenzen, die materieller, physischer Natur sind. Daher gelten den Menschen im Westen materielle Güter so viel, da sie glauben, durch mehr Besitz, über mehr "Sicherheiten" zu verfügen. Ein Schamane agiert jenseits dessen - oder, anders ausgedrückt: er arbeitet nicht nur in der Menschenwelt, sondern wie gesagt, auch in der Unterwelt und im Himmel. Dabei verrichtet er seinen Dienst am Menschen, an der Natur und an der Erde. Er hat die Fähigkeit einem Menschen zu helfen, mit seinen Ahnen in Verbindung zu treten und ihm so aus alten, hinderlichen Konstellationen zu entwinden.

 

Über die sagenhafte Kosmologie der Tengri-Schamanen

von S. Levent Oezkan

Windpferd Himori - ewigeweisheit.de

Seine Reden begann der große Dschingis Khan stets mit dem Satz: "Auf Wunsch des ewigen blauen Himmels." Er sah sein Handeln im Auftrag Tengris - des göttlichen Himmels. Ihn verehren die Tengri-Schamanen wie auch andere, als höchstes Wesen der Welt und stehen damit in einer der ältesten Traditionen der Menschheit.

Es scheint als hätten die Völker Zentralasiens und der Mongolei im Himmlischen etwas ganz ursprüngliches gesehen, ja sogar an die himmlische Herkunft ihrer Ahnen geglaubt. Die Vorfahren der heutigen Türkvölker, standen mit dem Himmel in geheimnisvoller Verbindung. Nicht zufällig nannte sich das Volk des einstigen Großreiches (Khanat), dass sich von Turkemenien bis ins östliche China erstreckte, "Reich der Himmelstürken" (Gök-Türken: Himmel = türk. Gök, mongol. Khökh).

Allegorie auf den Himmel: Jurte und Nomadenzelt

Die alten Türkvölker waren Nomaden, denen es wegen ihrer Lebensweise leicht gewesen ist, sich in den Steppen Zentralasiens mit dem Sternenlauf des nächtlichen Himmels vertraut zu machen. Seit uralter Zeit stellte man sich den Himmel als kosmisches Zeltdach. Vermutlich war der Ursprung dieses Phantasiebildes, die frühzeitigen einfachen Wohnungen der Menschen. Was der Himmel überdachte, war die Erde, die sich ausbreitete über die finstere Unterwelt. 

Die Vorstellung des Himmels als Zelt, scheint überall auf der Welt verbreitet zu sein. Drum fanden die Nomaden für die Bestandteile ihrer Zelte und Jurten, himmlische Entsprechungen. Die Milchstraße ist Naht des Zeltdaches, von einem mythischen Sternenwesen zusammengenäht. Die Sterne sind die Lichtlöcher im Zelttuch und Fenster der Welt, über die die verschiedene Himmelsregionen belüftet werden. Saß dieses Zeltdach nicht richtig, entschlüpften durch die so entstandenen Öffnungen die Helden (Schamanen, Krieger) in den Himmel.

Reisen zwischen den Welten

Mongolische Schamanen unterteilen den Kosmos in drei Zonen: Himmel, Mensch und Erde. Im Mittelpunkt steht Tengri der als nicht-personifizierter Gott den ewigen blauen Himmel repräsentiert. Auf der Erde ist der Mensch, der versucht mit der Natur und dem Himmel in Frieden und Harmonie zu leben. Der Schamane ist Mittler zwischen Himmel und Erde, und als solcher hilft ihm eine besondere Kraft: Himori - das Windpferd. Die Kraft dieses himmlischen Pferdes trägt ein jeder Mensch in sich. Für die Schamanen ist Himoris Kraft im Brustraum eines jeden Menschen, von wo seine persönliche, geistige Kraft ausgeht.

Chintamani Friedenssymbol – ewigeweisheit.de

Die drei Kreise im Zentrum des sogenannten Friedensbanners (gestaltet von Nicholas Roerich) stehen symbolisch für Himmel, Mensch und Erde. Es ist ein in Zentralasien weit verbreitetes Symbol und wird manchmal auch Chintamani-Symbol genannt.

Anders als normale Menschen, wissen Schamanen wie man die drei Weltebenen durchbricht, denn sie sind durch eine magische Mittelachse miteinander verbunden. Auf dieser Achse durchmessen die Schamanen auf ihren Reisen diese drei Welten. Diese Achse aber, um die der Himmel auf geheimnisvolle Weise kreist, befestigt ein mythischer Nagel. Darum nennt man im Altai den Polarstern, um den sich ja das Himmelsgewölbe unentwegt dreht, den "Himmelsnagel". Gleichzeitig öffnet diese Achse aber auch ein Loch in den Ebenen zwischen den drei Zonen (Himmel, Menschenwelt, Erde), durch das die Götter auf die Erde herabsteigen und die Toten in der Unterwelt versinken. Das Loch ist ein Zentrum. Und da es die erwähnten drei Zonen der Welt verbindet, öffnet sich durch das Loch ein heiliger Raum. In diesen Raum strömen Realitäten, die nicht von dieser Welt, sondern von woanders im Himmel herkommen. Immer dann, wenn sich für die Menschen etwas besonders heiliges auf Erden ereignete, so die Schamanen, durchbrach etwas die Ebene zwischen Himmel und Erde.

Wenn sich der Schamane in Trance begibt, vermag er durch dieses Loch in die himmlische Welt aufzusteigen oder hinab in die Unterwelt zu gleiten. Von dort kehrt er wieder zu den Menschen zurück, um ihnen Heilung zu bringen.

Geheimes Erdenwesen

Laut schamanischer Kosmogonie, gab es am Anfang aller Zeiten nur Wasser und eine große Schildkröte, die ins Wasser starrte. Gott wendete das Tier auf den Rücken und auf seinem Bauch entstand die Welt. Der Bauch aber wurde mit "Erdstoff" bestreut, woraus sich die große menschenbewohnte Erde bildete. Diese "goldene" Schildkröte wurde Trägerin des Weltenberges, dessen Gipfel vom Licht des Polarsterns erstrahlte. Als solchen Weltenberg verehren die Schamanen Kirgisiens den Khan Tengri als "Herrn des Himmels". Vier Gebirgskämme laufen in seinem Gipfel zusammen, die in die vier Himmelsrichtungen weisen. Jeder dieser Himmelsrichtungen, entspricht in den Gebeten der Schamanen eine zeremonielle Richtung:

  • Süden weist nach oben oder vorne.
  • Norden neigt sich abwärts oder nach hinten.
  • Osten aber weist nach vorn, denn es ist eine der beiden Haupthimmelsrichtung. Wer dem Himmel oder anderen überirdischen Wesen ein Opfer darbringen möchte, wendet sich gen Osten.
  • Andere Haupthimmelsrichtung ist schließlich der Westen, wohin man sich zurückwendet, um dort die unterirdischen Geister anzurufen.
Aufnahme des Khan Tengri von 1906 – ewigeweisheit.de

Aufnahme vom Gipfel des Khan Tengri (links oben) aus dem Jahr 1906. Erschienen in der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Foto: Gottfried Merzbacher (1843–1926).

Sternenlauf am Himmelszelt

Sterne waren und sind für die Nomaden Zentralasiens wichtige Zeitzeiger. Besonders mittels der nächtlichen Himmelsneigung des Großen Bär (Großer Wagen), lässt sich Aufschluss gewinnen über die herrschende Jahreszeit:

Wenn der Schweif des Großen Bären nach Osten zeigt, so herrscht in der ganzen Welt Frühling, wenn er nach Süden zeigt, ist Sommer, und wenn er nach Westen zeigt, Herbst. Wendet er aber seinen Schweif nach Norden, so herrscht in der ganzen Welt Winter.

Meteore

Von Zeit zu Zeit, so glauben die Schamanen, schauen die Götter auf die Erde herab. Dazu öffnen sie bisweilen die Himmelsdecke ein wenig, um durch die so entstandene Himmelstür zu sehen was auf Erden vor sich geht. Ihre Blicke aber sind die Meteore, die als wunderbares Licht die ganze Erde sonderbar erglänzen lassen.

Polarstern und Weltachse

Der Nord-Polarstern ist von hoher Bedeutung im Glauben der Schamanen. In ihm sah man die Zeltstange oder den Pfahl, als Stütze des Himmelszelts. Es war der Himmelspfeiler den man "Goldene Säule" nennt und der den Mongolen heilig ist. Alle Sterne, glaubt man dort, seien unsichtbar mit dem Polarstern verbunden. Sie gleichen einer Pferdeherde, wo jedes Tier am Himmelspflock des Polarsterns festgebunden ist.

Dem Weg zum Himmel folgt der Schamane über den Polarstern. Nur er weiß die Auffahrt durch die sogenannte "Mittelöffnung" zu vollziehen. Er kann einen göttlichen Gedanken in ein konkretes mystisches Erlebnis umwandeln. Während für den normalen Menschen der Pfahl ein Zeichen ist, das nur ein Symbol für Polarstern und Weltenachse ist, ist er für den Schamanen tatsächlich ein geheimer Weg, über den er Gebete und Opfer an die Himmelsgötter abschickt.

Die Plejaden

Das berühmten Siebengestirn assoziiert man als Loch im Himmelszelt, durch das alles Kalte auf die Erde strömt. In der Tat folgt dem Auftreten der Plejaden am Himmel eine kältere Periode. Erst nach dem Sommer erscheinen die Plejaden auf der nördlichen Hemisphäre, da sie zuvor das Tageslicht überstrahlt. So sagt ihr jährliches Erscheinen am östlichen Horizont, größere Witterungsveränderungen voraus.

Mutter Sonne - Vater Mond

Wie im Deutschen, ist bei den Turkvölkern Zentralasiens die Sonne weiblich und der Mond männlichen Geschlechts. So nennen Kinder den Mond im kleinasiatischen Türkisch "Ay Dede" - Großvater (Dede) Mond (Ay). Die alten Herrscher der Mongolen beteten morgens die Sonne, abends den Mond an.

Der Sonne opfert man auch bei Krankheit. Ein Kranker begibt sich am frühen Morgen, vor Sonnenaufgang vor die Jurte und wartet bis die Sonne aufgeht. Wenn sie hinter dem Horizont aufsteigt, betet er mit den Worten:

Verschone mich, denn ich bin ein braver Mensch, ich gebe dir Nahrung.

Sobald der Kranke genesen ist, wird der Sonne ein Hahn geopfert. Der aufgehenden Sonne, wird dann das Blut des Tieres entgegengespritzt. Den Neumond pflegte man zu begrüßen und wünschte sich von ihm dabei, er möge einem Glück und Wohlergehen bringen.

In der Mythologie der Schamanen waren in ferner Zeit Sonne und Mond noch nicht gewesen. Damals besaßen die Menschen noch nicht die Körper, die ihre Seelen heute tragen, sondern, so glauben sie, flogen als Lichtwesen durch die Luft. Sie selbst erwärmten und erleuchteten ihre Umgebung, so dass sie die Wärme der Sonne zum Leben noch nicht brauchten. Als einer dieser ersten Menschen aber erkrankte, sandte der große Himmelsgott ein Wesen aus, dass den Menschen half. Es stellte zwei große Metallspiegel an den Himmel und seit damals ist es auf der Erde hell. Nicht zufällig tragen die Schamanen einen magischen Spiegel auf der Brustseite ihres Gewandes. Sie richten ihre Zauberspiegel gegen Sonne und Mond, um aus dem Spiegelbild zu ersehen, in welchen Verhältnissen ein Mensch steht. Selbst wenn dieser in großer Entfernung lebt, vermag der Schamane dessen Schicksal durch seinen Spiegel zu erschauen.

Die Mongolen sagen, dass es auf der Welt einst vier Sonnen gab und es damals drückend heiß war auf der Erde, bis der Held Erkhe-Mergen alle Sonnen vom Himmel herabschoss, bis auf eine. Sie blieb um die Erde zu wärmen und zu erleuchten.

Das burjatische Märchen vom Zauber-Igel

Als Himmel und Erde durch die Heirat ihrer Kinder Verwandte wurden, stattete der Herr der Erde, dem Himmelsgott einen Besuch ab. Als er ihn dann wieder verließ erbat er sich Sonne und Mond als Geschenk. Das konnte ihm der Himmelsgott nicht abschlagen und der Herr der Erde nahm sie mit und schloss sie in einen Schrein, was aber die ganze Welt verfinsterte. Da wandte sich der Himmelsgott an seinen Zauber-Igel. Er sollte die beiden Himmelskörper zurückbringen. Damit einverstanden kam der zum Herrn der Erde. Bei seinem Abschied, fragte der Herr der Erde den Igel, was er sich als Abschiedsgeschenk von ihm wünsche, der antwortete: "Gib mir das Pferd der Luftspiegelung und den Echospeer". Doch diesen Wunsch vermochte der Herr der Erde dem Igel nicht zu erfüllen und gab ihm stattdessen Sonne und Mond als Geschenk der Gastfreundschaft. Als der Igel dann Sonne und Mond auf ihrer alten Bahnen setzte, wurde die Erde wieder hell.

Der Igel erscheint auch in anderen Sagen als weises Tier und Ratgeber, ist mal Erfinder des Feuers, ein andermal Erfinder des Ackerbaus. Bei den Burjaten war der Igel ein Alleswisser, doch ursprünglich ein Mensch.

Mongolischer Burjat-Schamane – ewigeweisheit.de

Mongolischer Burjat-Schamane (1904).

Venus

Die Burjaten nennen die Venus "Solbon". Es heißt Solbon, der morgens und abends am Himmel zu sehen ist, sei ein großer Pferdefreund, der mit einem Lasso in der Hand über die himmlischen Gefilde reitet. Seine große Pferdeschar hütet der Hirte Toklok. Mit dem Scheren von Mähne und Schweif im Frühjahr, erbringen sie Solbon (Venus) ein Opfer. Von den Menschen wollte Toklok gelernt haben, wie man die Pferde pflegt. Für die Burjaten ist es darum ein gutes Zeichen, wenn ein Fohlen im Spätsommer, nach dem Auftreten Solbons vom Himmel zur Welt kommt.

Exkurs: Himor das Windpferd

Laut einem Schamanenmythos, stammen die Menschen nicht von den Affen ab, sondern kamen von der Venus auf dem fliegenden Pferd Himor zur Erde (den Namen Himor haben wir oben bereits erwähnt). Der russische Maler Nicholas Roerich verwendete das weiße Windpferd Himor (auch: Erdeni Mori) in mehreren seiner Gemälde als Motiv. Und dieses Pferd trägt auf den Bildern das heilige Wunschjuwel Chintamani - einen besonders kraftvollen Glücksstein, der Teil ist des sogenannten "Schatzes der Welt". Wer sich in Gegenwart dieses Steines aufhält, dem werden besondere Kräfte zu teil, die mit ihm vom anderen Planeten auf die Erde kamen. 

Laut der Legende landeten die außerirdischen Reisenden auf einer alten Kamelroute, die zwischen Ulan-Bator (Mongolei) und Lhasa (Tibet) verläuft, und die Hügel Tibets schneidet. Als Roerich zusammen mit seiner Frau Helena sich in dieser Gegend aufhielt, will er dort angeblich seltsame Dinge am Himmel ausdindig gemacht haben. Im Dezember 1923 verschwand er und seine kleine Expedition wochenlang von der Erdoberfläche, wie es scheint in einem der Berge dieser Region. Dort soll er auf die Hauptader des magischen Chintamani-Gesteins gestoßen sein. Als sie schließlich wieder auftauchten hatten sie eine faszinierende Geschichte zu erzählen, doch auch noch mehr Geheimnisse zu verbergen.

Schon zuvor, als der 13. Dalai Lama Thubten Gyatso sich 1905 von Tibet auf dem Weg in die Mongolei befand, ließ er seine Gefährten wissen, dass sie unweit des Berges sind, wo sich die Schlucht von Shambhala (Buchtipp) befindet und die Legende vom fliegenden Windpferd Himor, seinen Anfang nahm.

 

Weiterlesen ...

Irminsul: Sinnbild der Weltsäule

von Johan von Kirschner

Irminsul - ewigeweisheit.de

Die alten Sachsen verehrten als Heiligtum eine große Säule: Irminsul. Vermutlich ragte sie einst bei den Externsteinen im Teutoburger Wald zum Himmel. In ihr verehrten die sächsischen Germanen den Weltenbaum Yggdrasil. Über der Irminsul beobachtete man den leuchtenden Polarstern. Ihn dachte man sich als kosmischen Nagel, wo die Erde am Himmel befestigt ist.

So ist Irminsul auch ein Symbol der Himmelsstütze, woraus sich später die Vorstellung der Weltachse entwickelte, die Pol und irdisches Weltzentrum miteinander verbindet.

Gemäß theosophischer Weltanschauung, lebte die erste Menschheit, die sogenannten Polarier, einst an diesem, heute ganz und gar unwirtlichen Ort. Wenn man an diesem Mythos ein Fünkchen finden will, kann sich diese Aussage nur bewahrheiten, wenn sich die Erdachse damals in einer anderen Lage befand. Vielleicht stand sie senkrecht, so dass in den Ländern des nördlichen Polarkreises, ein eher frühlingshaftes Klima herrschte (wofür es mittlerweile auch wissenschaftliche Belege gibt; zumindest fand man in der südlichen Polarregion pflanzliche Fossilien, die auf eine einst üppige Vegetation hinweisen, wovon sich ja ableiten ließe, dass ähnliche Verhältnisse auf der anderen Seite der Erdachse herrschten).

Vielleicht verehrte man schon damals jenen Weltenbaum, der später im Wahrzeichen der Irminsul fortleben sollte. Über das alte Hyperboräa (vermutlich das heutige Grönland), verbreitete sich dieses alte Wahrzeichen, später in der gesamten nördlichen Hemissphäre. Noch später verwandelte es sich in jene Wahrzeichen, wie sie uns aus der Symbolik der Sakralbauten anderer Orte bekannt sind. Sei es die Himmelssäule der Externsteine, die Holzsäulen sibirischer Schamanen oder auch die Obelisken, wie sie in Ägypten, Europa und im modernen Amerika zu finden sind.

Die Menschen dichteten der Irminsul den unerreichbaren Himmel bei, in all seiner Rätselhaftigkeit und Schönheit. Der Name setzt sich aus zwei germanischen Begriffen zusammen: Irmin, "groß" und sul, "Säule". Allerdings war Irmin ein germanischer Kriegsgott hohen Wuchses, daher "Groß". In ihm sah man ein himmlisches Lichtwesen, eine Sonderform des germanischen Kriegsgottes Ziu (auch: Tiu) - dem Männlichkeitssymbol schlechthin (die Römer nannten ihn später Mars). Es liegt natürlich nahe, hier sofort eine phallische Symbolik zu assoziieren. Das Lichtwesen Ziu auf jeden Fall, verehrte man in jener ihm geweihten Irmin-Säule.

Die Irminsul bestand wahrscheinlich aus einem riesigen hohen Baumstumpf, vielleicht einer kunstvoll mit Schnitzarbeiten verzierten Eiche, auf der wohl ein weiterer Stamm auflag, der ihr charakteristisches Aussehen hervorhob. Man hatte Irminsul unter freiem Himmel errichtet, sah man doch in dem von Norden nach Süden verlaufenden Querbalken, das Wahrzeichen der Himmelsstütze.

Sinnbild des Göttlichen

Nicht etwa verehrte man Gott selbst in der Irminsul. Sie war nur Abbild des Göttlichen und diente den Menschen als Erinnerungszeichen ebenso, wie später das Kreuz den Christen. Auch glaubte man nicht, dass Irminsul die Weltsäule an sich sei. Demnach war auf der Irminsul nicht das Abbild eines Gottes festgehalten, sondern der Versuch für die Gläubigen das himmlische Gleichnis in eine sichtbare Form zu verwandeln.

Auch andernorts auf der Erde galt der Baum nicht als Gott, sondern diente als Abbild des Allerhöchsten. Wenn man solche Figuren bemalte und an ihren Standorten Feste feierte, waren das weder angebetete Fetische, noch hielt man sie für Götter. Jüngere Religionen hatten das aber immer wieder missverstanden.

Wir können, aus dem Wissen ihrer einstigen Existenz, davon ausgehen, dass man zu damaliger Zeit schon lange die Sterne beobachtete und damit eine ausgeprägte Himmelskunde besaß. So sah man in Irminsul ein Gleichnis des Weltalls.

Auf das einst wohl riesige Heiligtum, richteten die alten Sachsen und Germanen ihre Blicke, wenn sie ihre kultischen Feste begingen. Wie auch die Kelten, feierten die Germanen ihre Rituale unter freiem Himmel. Gewiss erinnert die Irminsul damit an die Menhire der Druiden, die ihnen zur Ortung der Gestirne und für Sonnenbeobachtungen dienten. An diesen Riesensteinen opferten sie den Göttern (Stichwort Stonehenge).

Externsteine – ewigeweisheit.de

Die Externsteine im Teutoburger Wald.

Die Externsteine

Ursprünglich waren die Externsteine (auch: Eggsternsteine) eine alt-germanische Stätte im Teutoburger Wald, welche u. a. der Sonnenbeobachtung diente. Sie waren oberste Kultstätte und größtes Heiligtum der sächsischen Germanen.

Von einer besonderen Sonnenwarte aus, konnte man den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende, direkt durch ein kreisrundes Keilloch beobachten.

Im Jahr 772 wurde Irminsul vom Frankenkaiser Karl dem Großen zerstört. Sie stand wohl in einem heiligen Hain, in der Nähe der Externsteine. Unter ihr - oder zumindest in ihrer Nähe - befand sich ein riesiger Schatz von Gold und Silber. Der wurde von den Kriegern des Frankenkaisers geraubt. Manche behaupten allerdings, die Irminsul hätte sich auf dem Gipfel des Marsberges befunden, nahe der Eresburg im Sauerland.

Wie dem auch sei, ist die Zerstörung der Irminsul, in der sogenannten Kreuzabnahme-Szene, am Fuße des vorderen breiten Felsens der Externsteine dargestellt. Steinmetze Kaisers Karl dem Großen, meißelten in den Fels der Externsteine dieses Relief, auf dem man die Abnahme Jesu Christi vom Kreuz sieht. Im unteren, rechten Viertel ist nun eine umgeknickte Irminsul abgebildet, was wohl andeuten soll, dass der alt-sächsisch-germanische Glaube dem Christentum weichen musste.

Johann Wolfgang von Goethe hatte 1824 in einer besonderen Abhandlung über die Externsteine, auf diesen "umgebrochenen Baum" hingewiesen. Darauf standen einst die Beine des Helfers, dem nach unten der Leichnahm Jesu übergeben wurde. Erst später wurden im Relief, der Figur die Füße abgeschlagen.

Die Symbolik erscheint logisch, denn schließlich hatten die Krieger Karls ja über die Sachsen gesiegt, denen dieser Weltenbaum so heilig war.

Wie gesagt soll sich an diesem Ort auch die Irminsul befunden haben. Wahrscheinlich stand sie hoch auf dem Felsen, war als Zeichen in die Himmelshöhe aufgerichtet. Darauf verweist ein viereckiges Loch, das sich an der Oberseite des Felsen befindet. Die Irminsul stand auf einem hohen Felsen, den man von Weitem aus sah. Ihre zwei Äste ragten nach Süden und Norden. Gläubige des alten Kults müssen wohl ehrfürchtig zu ihr aufgeschaut haben.

Wie bereits angedeutet, glaubten die alten Sachsen nicht, dass Irminsul selbst die Weltensäule sei. Sie wussten vielmehr, dass sie ihrer Bedeutung nach auf die Weltachse hindeutet, die aus dem Nordpol zum Polarstern aufragt. Als solches Wahrzeichen stand sie für das von Gott aufgespannte Himmelszelt. In Emblemen und künstlerischen Darstellungen der Irminsul, sieht man manchmal auch die Sternkonstellation des Kleinen Wagen (auch: Kleiner Bär, siehe auch Titelbild dieses Artikels), bildet sein äußerster Deichselstern doch den Polarstern.

Himmelssäulen bei anderen Völkern

Auch im alten Lappland (Nordskandinavien) spielte eine, in den Himmel aufragende große Säule, eine religiöse Rolle. Meist ragten aus diesen Himmelssäulen auf beiden Seiten große Gabeln oder Äste, als gedachte Himmelsstützen. Sie setzte man ausdrücklich gleich mit der Weltachse (axis mundi) und dem Polarstern. Die alt-sächsische Irminsul war gleich der alt-nordischen Weltesche Yggdrasil eine solche Himmelsstütze, die man zu ehren des Himmelsgottes und Weltenherrschers errichtete.

Die Germanen nannten den Polarstern am nördlichen Sternenhimmel "Wotans Auge". An ihm orientierte man sich auf nächtlichen Reisen. Nachts glaubte man ihren Wipfel im Stern des Himmelsnordpols zu erkennen. Daher die Annahme, der Kult der Irminsul sei ursprünglich, wenn auch in primitiverer Form, in nördlichsten Europa entstanden. Dort nämlich musste man den Kopf in den Nacken legen, um den Polarstern über sich beobachten zu können.

Wie die Äste der Irminsul den Himmel stützen, so tun es auch die gabelförmigen Äste des alt-ägyptischen Weltenbaums. Auch der Obelisk, gilt als ähnliches Erinnerungszeichen. Wie Irminsul, deutet der Obelisk hin auf jene Weltachse die auf den Himmelspol verweist. Solch ein Obelisk steht heute im Zentrum des Petersplatzes in Rom, wie auch in Washington D. C. (größter Obelisk der Welt). Auch in der heiligen Stadt Axum in Äthiopien befindet sich eine riesige Säule oder Stele - glauben doch manche, dass sich dort die Wiege des neuen Gottesreiches befinde.

Den alten Kult der Weltsäulenverehrung finden wir auch bei den Jugra-Völkern Westsibiriens. Dortige Schamanen stellen vierkantige Pfähle aus Holz auf, an deren Spitze manchmal auch ein hölzerner Vogel befestigt ist. Auch bei den nordöstlich des Uralgebirges lebenden Wogulen, findet man neben den Opferaltaren solcher Art Heiligtümer. Jener Kult, um Pfahl-Heiligtümer der Schamanen, ist insbesondere an den Ufer-Dörfern entlang des Flusses Irtysch verbreitet (ein Nebenfluss des Ob). Am bemerkenswertesten war die sogenannte "Stadtsäule" im Dorf Tsingala. Sie nannten Einheimische Adam-Ike, den "Eisen-Säulen-Mann". Am Standort der Säule opferte man Tiere, um sich Glück in Erwerb und Familienzuwachs zu verschaffen oder um sich vor Unglück oder Krankheit zu schützen. Aber auch hier gilt, dass nicht die Säule als Fetisch angebetet wird, sondern der Geist, den sie repräsentiert. Die Schamanen rufen dort in ihrem Opfergebet zwei Gottheiten an: einen polaren Himmelsgott und den Gott der Familiensippe.

Mein Vater, erhabener Mann mit den sieben Absätzen Sänjké, mein Vater, nach drei Seiten wachender Mann, nach drei Seiten schützender Mann! Auf die heilige Erde, auf die unbefleckte Erde meines Vaters, des Eisen-Säulen-Mannes, an den Fuß des heiligen Baumes, auf dem er thront, stelle ich das bluttierige Blutopfer, das rottierige Blutopfer.

- Schamanengebet der Wogulen

Für die Schamanen Westsibiriens repräsentiert dieser Holzpfahl, den vom Himmelsgott eingesetzten Baum, der das Antlitz jenes Gottes trägt. Auch bei den benachbarten Tartaren finden sich ähnliche Opferpfähle. Dort stellt man vor jedem Gehöft einen Birkenpfahl auf, an dem man Opfergaben befestigt. Solche zeremonialen Handlungen finden statt im Herbst und Frühling. Sie werden verrichtet zu Ehren des Himmels- und des Erdgottes.

Eisen-Säulen-Mann, Westsibirien – ewigeweisheit.de

Alte Fotografie der "Stadtsäule" von Tsingala.

Elemente des Irminsul-Bildes

Was über die Irminsul bekannt ist, bleibt rar. Es gibt einfach zu wenige Quellen, die tatsächlich Aufklärung verschaffen könnten. Es kann darum nicht eindeutig gesagt werden, welche besonderen religiösen Funktionen die Irminsul hatte. Gewiss stellt sie eine Urpflanze dar, wie eben jener Weltenbaum bzw. Lebensbaum, der uns in allen spirituellen Traditionen begegnet. Unter den beiden Seitenarmen der Irminsul, entfalten sich am Stamm zwei knospende Blätter. Es könnten Sinnbilder sein, die auf das sich entfaltende Leben anspielen. Die Gabelung oben deutet ein kosmisches Lager an, worauf die Himmelsachse ruht. Sicherlich war dieses Bild nicht schon immer so ausgeprägt, hat wohl aber eine Jahrtausende alte Entwicklung durchgemacht, bis es die heutige Form der Irminsul annahm.

Wenn wir die polare Deutung der Irminsul, als Repräsentantin des Weltenbaumes heranziehen, so war ihre spirituelle Aufgabe vielleicht das Symbol der Himmelsträgerin des Alls. Sie war die zentrale "Stange" des Himmelszeltes.

Die nordischen Völker hatten in den langen, von Polarlichtern erleuchteten Winternächten, einen ganz anderen Bezug zum Polarstern, als wir ihn aus niedrigeren Breiten sehen. Besonders heute, wo die Nächte in den Städten hell erleuchtet sind, sind solche Vorstellungen über die sakrale Bedeutung des Polarsterns, nur noch schwer nachvollziehbar.

Die polare Tradition, auf die sich anscheinend alle Völker nördlich des Äquator beziehen, darauf deutet die Symbolik ihrer säulenförmigen Sakralbauten hin (Obelisk, Stele). Sie beruht auf der Vorstellung eines großen Weltenbaumes, dessen Wipfel in das Zentrum des Kosmos ragt. An diesem unbeweglichen Zentrum sind alle Himmelsbewegungen ausgerichtet. Dort kreisen die Fixsterne, die Planeten, Mond und Sonne.

Alle Zeit und aller Raum, so glaubte man wohl, wickeln sich hier auf und wieder ab. Damit war die Irminsul wohl auch ein Symbol für das Leben der Menschen, das sich entfaltet, um dereinst, im ewigen Zyklus von Werden und Vergehen, wieder zu verschwinden.

 

Weiterlesen ...

Liegt der Ursprung der indoeuropäischen Kultur in der Arktis?

von Johan von Kirschner

Seit Anfang des 20. Jhd. wird eine Theorie verfochten, die die ursprüngliche Heimat der Kulturvölker der nördlichen Erdhalbkugel in der Arktis sucht. Von dort sollen einst die Indoeuropäer zuerst nach Nordeuropa und Sibirien gekommen sein. Dieser Eindruck erhärtet sich beim Studium der indischen Veden und des persischen Avesta.

Denn in diesen Schriften der alten Inder und Iraner, verdichten sich viele Hinweise zu einem Gesamtbild, dass auf einen arktischen Ursprung der Indoeuropäer und Arier hindeutet.

Wenn eine polare Zivilisation wirklich existierte, konnte sie dort nicht bis heute bleiben. Denn infolge der großen Flut am Ende der letzten Eiszeit, wurden die arktischen Schelfgebiete überschwemmt. Die Ur-Indoeuropäer müssen deshalb ihre arktische Heimat verlassen haben. Was von dieser Zivilisation der Urzeit blieb, davon sind uns in den polaren Randgebiete Spuren erhalten, die man in Island, Grönland, Grinell-Land (Nordkanada), der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen und in den nordsibirischen Regionen Russlands findet.

Einst gab es in dieser Region eine reiche Vegetation, die von Nadel- und Laubhölzern dominiert wurde. Das sich diese Pflanzen einst auch weiter nördlich, in der Polarregion befunden haben, ist darum nicht auszuschließen. Sehr wahrscheinlich waren vor der letzten Eiszeit, dort große Landflächen nicht von Meerwasser bedeckt und stattdessen dicht bewaldet. Da sich die Polachse der Erde aber in den vergangenen Millionen Jahren mehrmals verschoben hat, waren die Schelfgebiete der Polarregion während der Eiszeiten immer wieder trocken und bewaldet. Vor diesem Hintergrund verdichten sich die Hinweise, dass nicht allein Flora und Fauna in der Nähe des Nordpols gediehen, sondern dort auch eine altsteinzeitliche Menschheitskultur gelebt haben könnte. Denn wo Wald und Tierreich existierten, dort können Menschen leben.

Ewiges Eis

Wer die ältesten schriftlichen Quellen vorchristlicher Nordkulturen studiert – wie sie dann später im Mittelalter in den älteren und jüngeren Edda-Handschriften niedergelegt wurden – stößt immer wieder auf Andeutungen eines ewigen Winters:

Es steigt das Meer im Sturme zum Himmel,
die Länder verschlingt es, die Luft wird eisig;
Schneemassen bringt der schneidende Wind,
doch den Regen hemmt der Rad des Schicksals

- Aus dem Hyndlalied

Wer lebt von den Menschen,
wenn der mächtige Winter
auf Erden enden wird?

- Aus dem Vafprudnir

Ein Winter ohne einen Sommer dazwischen: Davon scheint auch das persisch-iranische Avesta zu künden. Ahura Mazda, der »lichtvolle Herr der Weisheit«, erklärt seinem Propheten Zarathustra die Erschaffung des Mutterlandes der Arier: Airyana Vaejah (= Samen der Arier). Das war das Paradies im heiligen Buch Avesta: das »Weite Land der Arier«.

Ahura Mazda - ewigeweisheit.de

Ahura Mazda verkörpert die schöpferische Macht des Lichts

Widersacher Ahura Mazdas ist Ahriman, der das Unheil über die Arier sendet. Diese polaren Widersacher entsprechen im indischen Rigveda dem alten Gott Indra, der im ewigen Streit mit Vritra kämpft. Vritra, auch als »Ahi« (etymologisch verwandt mit Ahriman) bekannt, ist ein vedischer Schlangendämon, ein Asura, und Feind der Götter und der Menschen. Doch der starke Himmelsgott Indra bekämpft und besiegt ihn immer wieder. Im nordischen Mythos der alten Germanen bildet dieses Paar der blitzwerfende Gott Thor der die finstere Midgardschlange Jörmungandr erledigt.

Es sprach Ahura Mazda zu dem Spitama Zarathustra: Als den erstbesten der Orte und Stätten schuf Ich, der Ahura Mazda, das arische Vaejah der guten Daitya (= Gesetz); aber ihm Vaejah schuf als Landplage der vielverderbliche Ahriman die rötliche Schlange und den daeva-geschaffenen Winter. Dort gibt es zehn Wintermonate, nur zwei Sommermonate, und auch die sind zu kalt für das Wasser, zu kalt für die Erde, zu kalt für die Pflanze; und die ist des Winters Mitte und es ist des Winters Herz; dann wenn der Winter zu Ende geht, dann gibt es sehr viele Überschwemmungen.

- Avesta-Vendidad 1:1-3

In diesen Avesta-Versen ist also die Rede von zehn Wintermonaten, was ja keinesfalls für die spätere Geographie der zoroastrischen Religion Irans zutreffen kann.

Da sprach Ahura Mazda: Es sind ewige und vergängliche Leuchten. Ein Mal nur im Jahr sieht man untergehen und aufgehen Sterne und Mond und Sonne. Und die Bewohner halten für einen Tag, was ein Jahr ist. […]

- Avesta-Vendidad 2:40-41

Aus so einer Beobachtung ergibt sich nur eine einzige Möglichkeit zur Bestimmung des Ortes: das arktische Gebiet. Denn in diesen beiden Avesta-Zitaten wird zum einen hingewiesen auf die Beziehung zwischen Schlange und Winter – andererseits meint der jährlich einmalige Aufgang der Gestirne ganz klar die Polarregion, wo die Sonne im Sommer monatelang zu sehen ist – ohne unterzugehen. Die Winterschlange verschluckt also die Sonne und ist damit das Gegenbild zum Sommerlicht. Beide Symbole stehen für die sechsmonatige polare Nacht und den ebenso langen polaren Tag.

Ein Jahr der Sterblichen ist ein Tag und eine Nacht der Götter, oder der Regierer des Ganzen die um den Nordpol sitzen und ihre Zeit-Einteilung ist folgende: ihr Tag ist der nördliche und ihre Nacht der südliche Sonnenlauf.

- Gesetzbuch des Manu 1:67

Der Polarstern: Symbol des höchsten Gottes

Der Norden ist die heilige Richtung, nach der sich die nordischen und polaren Völker orientieren. Für sie dort der Sitz der Götter. Dort ist der Drehpunkt der Weltordnung, die Himmelsrichtung der unergründlichen Ewigkeit. Dieser Drehpunkt ist der Polarstern, der in der altnordischen Sprache Leidarstjarna genannt wird – der Leitstern (vergl. englisch »loadstar«). Das altnordische Wort leid heißt »Weg«, womit der Polarstern also auch ein »Wegstern« ist. Er ist ja tatsächlich Wegweiser auf hoher See, der dem Steuermann die Fahrtrichtung zeigt. Im Dänischen heißt er darum auch Schiffstern. Durch die Orientierung an diesem Stern konnten die alten Navigatoren ihre Schiffe über den Ozean steuern.

Auch bei anderen Völkern der nördlichen Hemisphäre, hat der Polarstern eine besondere Bedeutung. Die Pawnee Nebraskas (USA) nennen ihn den Stern der sich nicht bewegt. Er ist für sie der Hauptstern des Himmels. Die Azteken Mexikos hielten den Polarstern für ein höheres Wesen, das für sie mächtiger war als die Sonne. Doch auch die Babylonier sahen im Polarstern ein Symbol für den höchsten Himmelsgott Anu, dessen Thron im astralen Licht des Himmelspols erstrahlt.

Im schamanischen Glauben der Tschuktschen (nordöstliches Sibirien) verkörpert der Polarstern den höchsten Gott: Iluk-enger, »der unbewegliche Stern«. Sie nennen ihn auch »Nagelstern«, manchmal »Stern des getriebenen Pfostens«. Ihm weisen sie eine zentrale Rolle unter allen Sternen zu, da sich um ihn alle anderen Sterne und Planeten drehen, wie Pferde oder Renntiere die an einen Mast gebunden sind.

Durch die Rauchöffnung einer Jurte kann man über der Feuerstelle in der Mitte den Polarstern nachts immer sehen. Die tschuktschenischen Schamenen können durch diese Öffnung in die höheren Gefilde des Himmels reisen. Der Nordpolarstern ist für sie aus einer eisartigen Substanz geformt, durch die das Licht eines kosmischen Leuchtturms strahlt.

Die Samojeden von Turuchansk (knapp unterhalb des Polarkreises), ein weiteres schamanistisch geprägtes Volk des russischen Nordens, nennen, wie auch die Tschuktschen, den Polarstern »Himmelsnagel um den sich die ganze Welt dreht«. Ähnlich den Tschuktschen, nennen die Isländer in ihrer Volkspoesie den Polarstern »Weltnagel« veraldarnagli. Im Finnischen ist er »Die Angel des Himmels« taivaan sarana, »Nagel des Himmelsgrundes« pohja nael oder auch »Nagel des Nordens« pohi nael. In Lappland ist es ebenfalls ein »Nordnagel« bohinavlle: wenn dieser loslässt, stürzt der Himmel herab. Das soll sich am jüngsten Tag ereignen. Das glaubten auch die alten Kelten.

Dort wo sich dieser Weltnagel befindet, dort ist die Spitze des »Weltenbaumes«, das obere Ende, der nach Norden geneigten »Weltensäule«. Dieser Himmelsnagel befestigt die Spitze des Weltenbaumes, der das heilige Symbol des »Weltenmannes« ist. Von einem Weltenmann oder Weltmenschen, ist auch bei den russischen Lappen die Rede, die den Polarstern auch als »Himmelssäule« alme-tsuolda bezeichnen; das Wort alme ist identisch mit olma, dem Namen des obersten Gottes, veralden olma.

Das der Polarstern das Ende eines Pfahls, die Spitze eines Baumpfahls, eines Turmes oder einer Säule ist, darauf verweisen auch älteste Darstellungen der Windrose, die die Nordrichtung auf dem Kompass anzeigt. Auf alten Kompassen zeigt die Nordrichtung eine stilisierte Schwertlilie an. Sie galt bereits im jungsteinzeitlichen Norden als Symbol des Lebensbaumes. Wie das Dreiblatt wurde mit ihr die süd-nördliche Himmelsachse angedeutet – das was für die indigenen Nordvölker eben der Himmelspfahl ist.

Auf diesem Pfahl des Weltenbaumes, der Himmelsachse, darauf finden wir auch einen Hinweis im indischen Rigveda:

Zu Indra treibe ich die Loblieder, die wie Gewässer in rastlosem Strome aus der Tiefe des Ozeans fließen, der mit Kunst Himmel und Erde wie die Räder durch die Achse auseinandergestemmt hat.

- Rigveda 10:89:4

Dieses Gleichnis gibt einen unmittelbaren Hinweis auf das im arktischen Nachthimmel erlebte Bild. Als die Vorfahren der Indoeuropäer innerhalb des arktischen Kreises lebten – dessen Zenit der Himmelspol ist – sahen sie, wie sich sämtliche Sterne in waagrechten Kreisbahnen um sie herum drehen. Mit der Wintersonnenwende begann die 60-tägige arktische Dämmerung, bis sich die Sonne zur Frühlingstagundnachtgleiche über den Horizont erhob. Auch heute noch ist im arktischen Gebiet, zwischen den Tagundnachtgleichen im Frühling und im Herbst, die Sonne täglich 24 Stunden lang sichtbar. Dabei durchwandert sie den gesamten Horizont rings um den Beobachter. Am arktischen Mittag befindet sich die Sonne dann auf ihrem Hochpunkt im Süden. Nach der Herbsttagundnachtgleiche beginnt die halbjährige Nacht. Jetzt verschwindet die Sonne unter dem Horizont, bis sie nach drei Monaten, in der arktischen Mitternacht, ihren Tiefstand am nördlichen Horizont erreicht hat, um dann wieder zu steigen.
So dauert im nördlichen Polargebiet der Tag also sechs Monate und ebenso lange auch die Nacht, so dass das arktische Jahr ein Tag und eine Nacht ist. Dieses Bild kann eben nur im arktischen Polarkreis beobachtet werden.

Land der Fremden aus dem Norden

Von Mund zu Mund, von Generation zu Generation, zog die Erinnerung an das gewaltige Erlebnis des arktischen Jahrestages, mit den Ariern in den fernen Süden und nach Osten – bis sie im Iran und in Indien ihre neue Heimat fanden.

In Namen »Arier« steckt das indoeuropäische Wort heljos, »anderer«, das im Griechischen allos, im Lateinischen alius und bei den alten Goten aljis hieß. Auch das englische Wort »Alien« ist damit verwandt. Nicht zufällig bezeichnet der Landesname Iran, die Abkürzung des mittelpersischen Namens »Eran Sahr« – auf deutsch: Land der Arier.

Wohl nicht zufällig war für die arischen Inder der Norden die heilige Richtung. Es war der Weg der Sonne: der Brahmanweg. Durch die Sonnenpforte ging man über diesen Weg in die Götterwelt ein (vergl. oben erwähntes altnordisches Wort »leid« für »Weg«, das in »leidarsternja«, Leitstern, Polarstern, verwendet wird). Dazu heißt es in den indischen Upanischaden:

[…] der Weg der zu Brahman (führt), die Öffnung der Pforte, und durch sie wird man ans jenseitige Ufer dieser Finsternis gelangen, denn in ihm sind alle 'Wünsche beschlossen […] seines Zweckes teilhaftig geworden, zog er den Nordweg der Sonne […] dorthin führt nur der Brahmanweg, und nachdem er durch die Sonnenpforte eingedrungen, stieg er weiter empor. […]

- Maitraiyana-Upanishad 6:30

Diese Zeilen erinnern an die oben beschriebene Pforte der tschuktschenischen Schamanen: durch die Zeltöffnung in der Mitte des Jurtendachs gelangen sie in die Gefilde der universalen Weltseele (Brahman).

Arktische Totenriten

Wie gesagt, besteht das arktische Jahr aus einem Tag, in dem die Sonne ihren Lauf nordwärts nimmt – und einer Nacht, während sie sich südwärts bewegt.

Jedes Jahr beginnt das Sonnenlicht nach der Sommersonnenwende zu »altern«, nach der Herbsttagundnachtgleiche zu sterben und nach der Wintersonnenwende sich wieder auf ein neues Leben zuzubewegen, um schließlich nach dem Frühlingsanfang wiedergeboren zu werden. Und mit diesem Licht kehrt auch alles irdische Leben wieder. Daher glaubten die Alten, auch ihre Toten diesem neuen Licht aussetzen zu müssen, damit sie sich in diesem Licht auflösen, um wiedergeboren zu werden. Der Tote wurde im Freien der Sonne übergeben. Er sollte das Sonnenlicht »erblicken« können, weshalb man in der nacheiszeitlichen Megalithperiode, alle Gräber auf die Aufgangs- und Untergangspunkte der Wintersonnenwende ausrichtete. Das Licht der Auferstehung sollte den Toten treffen.

Die Toten, die in der Zeit vor der Wintersonnenwende gestorben waren, wurden nur vorläufig beerdigt, da die Sonne in der Arktisregion zu dieser Zeit, ja noch nicht da war. Dieser alte, arische Totenkult wurde später in die Religion der Zoroastrier und Parsen übernommen. Darum beschreit es das Avesta als schwere Sünde, den Leichnam ein halbes Jahr lang in die Erde einzugraben und ihn dort zu belassen, ohne ihn dem Sonnenlicht auszusetzen.

Wenn man hier in die Erde eingräbt […] tote Menschen, ein halbes Jahr lang, ohne sie wieder auszugraben, was ist die Strafe dafür? Da sagte Ahura Mazda: Man bestimme 500 Hiebe mit der Pferdepeitsche, 500 mit dem Zuchtriemen.

- Avesta-Vendidad 3:36

In diesem Vers taucht wieder die Frist des halben Jahres auf: Hinweis auf die arktische Winternacht. Was wir aus Vendidad 2:40-41 oben zitiert haben, beschreibt nicht den persischen Winter, denn im Iran blieb die Sonne im Winter ja sichtbar.

Wenn ein Mensch stirbt an einem Regen- oder Schnee- oder Sturmtag oder bei Einbruch der Dunkelheit, oder wenn sonst ein Tag kommt, da Tiere nicht heraus und Menschen nicht heraus können, wie sollen sie da, die Mazda-Anbeter verfahren? Dort nun sollen sie den leblosen Leib niederlegen auf die Dauer von zwei Tagen oder drei Tagen oder von einem Monat oder bis zur Zeit, wo die Vögel auffliegen, die Pflanzen emporsprießen, die Lachen sich verlaufen, der Wind die Erde ausgetrocknet hat.

- Avesta-Vendidad 8:4,9

Der »Einbruch der Dunkelheit«, kann also bis zu einem Monat oder länger dauern. Erst dann kann der Leichnam rituell bestattet und der Sonne ausgesetzt werden.

bis dass es auf die Leichname geregnet hat, und auf die Leichenstätten geregnet hat und auf die Leichenausscheidungen geregnet hat, und bis die Vögel alles aufgefressen haben

- Avesta-Vendidad 5:14

Daher die Dachma, die alten Türme des Schweigens, die den Zoroastriern als Stätten für oberirdische Himmelsbestattungen dienen. Traditionell wurden die Toten in runde Türme gelegt, wo ihre sterblichen Überreste von Geiern oder Raben, bis auf die Knochen abgefressen wurden (was bis heute noch verbreitet ist). Der Tote wurde also nicht beerdigt, sondern aufgebahrt, dem Licht ausgesetzt und so der natürlichen Auflösung anheimgegeben. Das ist aber auch die Bestattungsform, die seit der Urzeit in der arktischen Region ausgeübt wurde. Hieraus erklärt sich der Umstand, das der Archäologie so gut wie keine Menschenskelettfunde aus der nordischen Altsteinzeit (Paläolithikum) vorliegen; eine unterirdische Bestattung hätte die Knochen nämlich konserviert.

Man legte die Toten ursprünglich auf eine Holzplattform, die vier Pfosten stützten. Später verwendete man, besonders bei angesehenen Persönlichkeiten, Steine, auf die ein großer Deckstein gelegt war. Das war der Urtypus des Dolmengrabes. Auf dem schräg der Sonne zugeneigten Deckstein wurde der Leichnam aufgebahrt. Diese Sitte, sowie die damit kultsymbolisch verwandte Bestattungsform im Baum, lässt sich nachweisen in Nordeuropa, Nordasien bis nach Nordamerika. Überall auf der nördlichen Hemisphäre finden sich diese Spuren der indoeuropäischen Völkerwanderung. Die atlantisch-nordischen Menschen brachten ihren arktischen Totenritus mit in den Süden.

Mit den Inuit (Eskimos) bilden die indigenen Völker Nordamerikas eine Kultgemeinschaft, die ebenfalls auf diesen arktischen Ursprung zurückgeht. Bei den Dakota (USA) findet man die Sitte, den Toten auf ein Gestell oder einen Baum zu legen. Auch die kanadischen Sekani bestatten ihre Toten in hohen Bäumen. Das selbe gilt für die Irokesen. Bis heute bestatten die Tungusen, Jakuten und andere Turkvölker Nordsibiriens und Asiens, ihre Schamanen in Baumsärgen, die sie auf Gerüste legen oder an Bäume hängen.

Wir haben also gesehen, dass viele verschiedene Völker der nördlichen Halbkugel eine ähnliche Form der Bestattung beibehalten haben, die vielleicht von ihren arktischen Vorfahren stammen.

Das Ende der Eiszeit und die große Flut

Während der letzten Eiszeit sank der Meeresspiegel weltweit. Große Mengen Wassers formten sich allmählich zu Festlandeis riesiger Gletscher. Wahrscheinlich gelangte dieses Eis auf die nordischen Gebirge (insbesondere Norwegen) durch den sogenannten »arktischen Rauch«, einen Nebel, der sich über mehr als 100.000 Jahre lang als Schnee ablagerte. Die dabei geformte skandinavische Eisschicht war damals vermutlich über 3.000 m dick. So wurden den Weltmeeren ganz enorme Wassermengen entzogen. Diese Periode der Weltgeschichte ist bekannt als Würm-Eiszeit. Das war die letzte große Eiszeit auf der Nordhalbkugel. Der Meeresspiegel war damals mehr als 100 m tiefer als heute. Viele Schelfe der kontinentalen Platten trockneten allmählich aus und was heute durch Wasser getrennt ist, war damals miteinander durch Land verbunden.

Am deutlichsten sehen wir das z. B. im Gebiet des heutigen Ärmelkanals, dessen Grund ein Teil des europäischen Festlandssockels bildet. Während der letzten Eiszeit bildete diese Region ein trockengefallenes Schelf zwischen den Seerändern der Britischen Inseln und Westeuropas. England war damals also mit Europa durch Festland verbunden; darum ähneln sich auch die Namen »Britannien« (englisches Großbritannien) und »Bretagne« (französisches Kleinbritannien).
Auch der Name der Meerenge »Bosporus«, zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Türkei, weist darauf hin. Dort war der Meeresspiegel einst sehr viel niedriger gewesen. So kam die Meerenge zu ihrem Namen: »Bosporus« – das griechische Wort für den »Rinderfurt«. Einst führte man an dieser Stelle Vieh von Asien nach Europa.
Auch die Behring-Straße, wo heute die Datumsgrenze verläuft, war während der letzten Eiszeit trockenes Land, worüber Menschen zwischen Ostsibirien (Asien) nach West-Alaska (Nordamerika) wechseln konnten.

Durch das starke Absinken des Meeresspiegels entstanden riesige Trockenflächen in der Arktis. Und mehr Land hat natürlich auch mehr Vegetation. Unter dem wärmenden Einfluss des Golfstroms wurde die Ausbreitung von Pflanzen- und Tierwelt begünstigt. Während die Vereisung Europas zunahm, entstand in den Nordpolarregion, der die Wärme des Golfstroms zufloss, vermutlich ein immer größer werdender Wildreichtum. Gleichzeitig bildete sich um die Polarküsten ein riesiger Eispanzer (Skandinavien), so dass die Menschen die dort waren, dort auch bleiben mussten.

Vor etwa 12.000 Jahren begann dieses Eis dann zu schmelzen – und zwar in verhältnismäßig kurzer Zeit. Das führte verständlicherweise zu Überschwemmungen (Sintflut). Für den Grund dieser Schmelze gibt es verschiedene Theorien. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass ein Polsprung stattfand. Grund für eine solche Veränderung der irdischen Rotationsachse, könnte eine plötzliche Verschiebung der Erdtektonik sein, die entweder durch eine immense Sonnen-Protuberanz oder einen Kometeneinschlag verursacht wurde. In Folge eines Polsprungs verändert sich das Erdklima schlagartig. Für die eiszeitlichen Gletscher bedeutete sowas eine rapide Schmelze, da die Wärme des Sonnenlichts plötzlich in einem anderen Winkel in die Eisregionen des Nordens fiel.

Durch das Schmelzen der Gletscher stieg der Meeresspiegel stark an und riesige, einst trocken liegende Landgebiete in der Arktis (wie auch sonst wo), wurden geflutet. Vermutlich begannen also kleinere Gruppen abzuwandern, um nach neuen Siedlungsgebieten zu suchen. Diese Abwanderung erfolgte wahrscheinlich auf zwei verschiedenen Routen. Eine auf dem Wasserweg an der westeuropäischen Küste nach Süden, so das manche Menschen der arktischen Urkultur vermutlich in Irland und England landeten. Andere Auswanderer kamen wahrscheinlich durch die Meerenge von Gibraltar und begannen im Mittelmeergebiet zu siedeln. Möglich ist, dass eine zweite Route, an den sibirischen Flüssen stromaufwärts führte und dann über Land nach Süden. Diese Migrationsbewegung der arktischen Indogermanen, führte sie bis ins Gebiet der Ganges-Ebene in Nordindien, am südlichen Rand des Himalaya. Diese Wanderbewegung hat mit Sicherheit aber mehrere Jahrtausende gedauert.

Ohne Zweifel brachten die Vorfahren der Indoeuropäer ihre Riten, Gebräuche und ihren Gottesglauben mit in ihre neue Heimat. Es ist darum sehr wahrscheinlich, dass ihre Lehren sich darum vor etwa 4.000 Jahren auch in Indien verbreiteten.

Zwei Widersacher: Sonne und Schlange

Wie oben bereits angedeutet, ist der ewige Kampf zwischen Indra und Vritra das zentrale Thema des Rigveda. Es geht um den Konflikt der Licht- und Finsternismächte. Arktische Vorfahren der Indoeuropäer müssen geglaubt haben, dass dieser Kampf der Licht- und Finsterniskräfte, zwischen den beiden Hälften, oberirdisch und unterirdisch, an der Schnittstelle einer waagrecht halbierten Kugel ausgetragen wurde. Die untere Hemisphäre war das Reich Vritras - der bösen Schlange. Hatte Vritra gesiegt, so verdunkelte sich die obere Welt, was in der Arktis für die Zeit zwischen Herbstanfang und Frühlingsanfang zutrifft. Es ist sechs Monate lang dunkel und Indra ist, der selbst die Sonne repräsentiert, in die Bedeutungslosigkeit abgesunken. So muss das Hinabsinken der Sonne in der arktischen Region, das Zeichen für das Sterben des Sonnengottes gewesen sein. Dieses Sterben des Lichts war auch im Kult der alten Skandinavier, eine Zeit der Trauer. Erst mit der beginnenden Dämmerung nach der Wintersonnenwende, kündigte sich die Rückkehr des Sonnengottes an: die neue Geburt des »Lichts der Welt«.

Das der Rigveda also vielleicht eine uralte Überlieferung aus der arktischen Gegend ist, das lassen uns darin gemachte astronomische Angaben vermuten:

Jene Sternkonstellation, die hoch gestellt des Nachts erschien, sie ist am Tag irgendwohin gegangen. […]

- Rigveda 1:24:10

»irgendwohin gegangen«, das bedeutet: aus dem Sichtfeld verschwunden. »hoch gestellt«, hoch am Nachthimmel also, konnte diese Konstellation, die dem Sternbild Großer Bär (Großer Wagen) entspricht, vor 12.000 Jahren nur in der Polarregion gesehen werden.

Weltenberg Meru

Hier am irdischen Nordpol dachte man sich den heiligen Berg Meru. In den religiösen Abhandlungen über indische Astronomie, dem Surya Siddhanta, heißt es:

Am Berg Meru halten die Götter die Sonne nach einem einzigen Aufgang während der Hälfte ihres Umlaufs, die mit dem Widder (Frühlingsanfang) beginnt; auf die selbe Weise tun es die Dämonen während des Aufgangs der Waage (Herbstanfang).

- Surya Siddhanta 12:67

Indra und Vritra - ewigeweisheit.de

Indra und Vritra - oder: der Kampf der Sonne gegen die Schlange.
Vergrößern +

Das ist ja ganz unzweifelhaft ein Hinweis auf die Sonnenbewegung nördlich des Polarkreises. In dieser Zeit, wenn sich über sechs Monate die Sonne vom Widder (Frühlingstagundnachtgleiche) durch den Tierkreis bis zur Waage (Herbsttagundnachtgleiche) bewegt, ist die Sonne in der Nordpolarregion durchgehend sichtbar und umringt dabei den heiligen Berg Meru. Auch das indische Mahabharata macht Andeutungen:

Am Meru gehen die Sonne und der Mond jeden Tag herum von links nach rechts (= umkreisend) und ebenso alle Sterne […] Der Berg (Meru) überstrahlt durch seinen Glanz so die Finsternis der Nacht, dass die Nacht kaum vom Tage unterschieden werden kann

- Mahabharata 163:37-38, 164:11-13

»kaum vom Tage unterschieden werden kann« meint, dass das Licht der Sonne, des Mondes und der Sterne, den ganzen Tag über strahlt. Lediglich der Abstand vom Horizont variiert - während die Himmelsobjekte weiter sichtbar bleiben.

Das ewige Feuer

Wie wir gezeigt haben gibt es in den indischen Veden und im zoroastrischen Avesta sehr viele Zitate, die hinweisen auf sehr lange Tage, sehr lange Dämmerungen und sehr lange Nächte (die hier verwendete Zitatauswahl ist nur ein Teil eines noch größeren Umfangs wichtiger Zitate, die sich auf diese geografisch-astronomischen Eigenschaften beziehen). Es kann also ziemlich sicher ausgeschlossen werden, dass es sich in diesen Beschreibungen, um einen Ort südlich des Polarkreises handelt.

Als damals die Sonne mit der Herbsttagundnachtgleiche unter dem Horizont, für ein halbes Jahr verschwand, begannen die Hohepriester mit Litaneien und Hymnen, in denen sie an die göttliche Macht die Bitte richteten, der Menschheit das himmlische Licht der Sonne zurückzugeben. Nun ist ja für die subtropischen Regionen Indiens der schnelle Wechsel von Tag und Nacht charakteristisch. Die Dämmerung dauert keine 30 Minuten und schon garnicht Monate lang! Die Nacht bricht jäh herein und ebenso schnell steigt das Tageslicht empor. Wenn nun moderne Altertumsforscher versuchen, diese Litaneien im Rigveda, und die damit verbundenen kultischen Handlungen, in einer einzigen indischen Nacht unterzubringen, erscheint die Realisierung eines solchen Ablaufs schlicht unmöglich! Selbst wenn der Hohepriester der beste Schnellredner der Welt gewesen wäre, hätte er unmöglich alle Hymnen, die als Bitte an Gott für die Wiederkehr der Sonne gerichtet waren, in nur wenigen Stunden rezitieren können. Man muss außerdem wissen, dass diese Hymnenverse auch nur Sinn ergeben, wenn sie als ein Ganzes rezitiert werden.

Jene sich so lange dahinziehende Dämmerung, von der im Rigveda die Rede ist, war später in Indien wahrscheinlich eben nur noch eine Erinnerung an die dunkle Geschichte der alten arktischen Heimat. Der wirkliche Zusammenhang ist wohl über die Jahrtausende ganz verloren gegangen. Die indischen Gelehrten des Altertums, müssen sich also schon sehr, sehr lange bei dem Versuch abgemüht haben, ihr subtropisches Erleben von Tag und Nacht, mit den rätselhaften Überlieferungen des Rigveda in Einklang zu bringen.

Varuna - ewigeweisheit.de

Varuna, der »Erschaffer der Sonne«, war einer der am meisten verehrten indischen Gottheiten frühvedischer Zeit. Er reitet den Drachen: ein Symbol für die Überwindung der Finsterniskräfte (cc).

Ohne Zweifel muss das Empfinden der jährlichen Rückkehr des Lichts, von den arktischen Nordlandmenschen, über viele Jahrtausende zum kosmisch-religiösen Erleben geworden sein. Schließlich dauert die arktische Dämmerung fast zwei Monate, wo der um den gesamten Horizont kreisende Lichtschein der Sonne, ein großes Warten auf ihren lang ersehnten Aufgang bei den Nordmenschen erzeugt haben muss. Sie glaubten, dass in dieser Zeit der Dämmerung, die Sonne aus der Schlinge der Dämonen der Finsternis (Asuras, verkörpert durch die Schlange) befreit wurde. Es könnte gut sein, dass man in den Nordlichtern, wegen ihrer schlingernden Formen, die dämonischen Schlangen Vritras zu sehen glaubte.

Das also war der kultische Zusammenhang jener Bitten der Hohepriester an Varuna: er sollte die Menschen zurück ins Licht führen.

In deinem Gebote wollen wir glücklich sein, da wir dich, Varuna, in guter Absicht gepriesen haben, beim Nahen der rinderreichen Morgenröte wie die Opferfeuer Tag für Tag knistern. […] Das entzündete Feuer ist bei uns entflammt; selbst das Ende der Finsternis ist erschienen. Im Osten hat sich das Banner der Morgenröte, der Himmelstochter, bemerkbar gemacht, das zur Schönheit geboren wird.

- Rigveda 2:28:2, 7:67:2

Die Bezeichnung »rinderreiche Morgenröte« im Rigveda-Vers 2:28:2, weist hin auf die Bogenform des Rinderhorns (oder Stierhorns), das seit Jahrtausenden ein Ideogramm für den Bogen des jährlichen Sonnenlaufs ist. Man denke etwa an die Form des kretischen Labyrinths (Trojaburg), wo dem mythischen Helden Theseus einst der Stiermensch Minotaurus mit seinen Hörnern auflauerte.

Varuna - ewigeweisheit.de

Das kretische Labyrinth.

Das »Nahen der rinderreichen Morgenröte«, dem durch die Opferfeuer gehuldigt wurde, daran mögen auch die nordischen Julfeuer erinnern, die auch heute noch zu Weihnachten auf den Hügeln und Bergen Skandinaviens brennen - zur Wintersonnenwende eben, wenn in der Nordregion das Sonnenlicht beginnt aufzudämmern. Wenn es im Rigveda-Vers 2:28:2 außerdem heißt, dass diese Feuer »Tag für Tag knistern«, erinnert das auch an die Ewige Flamme der Zoroastrier, um die die Anhänger Zarathustras ihre rituellen Gebete verrichten. Interessanterweise ist der Zoroastrismus zudem eine Sternenreligion, worauf die griechische Etymologie des Namen Zoroaster deutet; ein astrothytes ist jemand der den Sternen opfert. Das es einen esoterischen Zusammenhang zwischen Licht, Feuer und Sternen gibt, dass sagt auch die Lichtsure im Koran (Sure 24), wo von einem brennenden Licht in einer Lampe die Rede ist, deren »Glas so rein ist wie ein strahlender Stern«.

Das entflammte Feuer ist Symbol des wiedergeborenen Sonnenlichts. Im Rigveda wird darum der Feuergott Agni auch mit der Sonne gleichgestellt:

Wie der Lenker des Himmels (= Sonne) am Tage durch Menschenalter hindurch, so scheinst du (Agni = Feuer) alle Nächte nacheinander, du Vielbegehrter.[…] zu lange hast du (Agni) im währenden Dunkel gelegen.

- Rigveda 2:2:2, 10:124:1

Das Feuer war den alten Menschen eine heilige Sache. Die Ewige Flamme die noch heute in den zoroastrischen Tempeln im Iran und in Indien, zu Ehren des lichterfüllten Weltschöpfers Ahura Mazda brennt, weist womöglich auf das Feuer hin, das in der dunklen, sechsmonatigen Jahreshälfte, im arktischen Winter des hohen Nordens, in allen Wohnhäusern und Tempeln, ohne zu erlöschen flackerte. So kam im Zoroastrismus der Name Atash Behram zu seiner Bedeutung: das Feuer (Atash) des Sieges (Behram) über die Dunkelheit. Es drängt sich also die Vermutung auf, dass es sich bei dem Feuerkult der Zoroastrier und Parsen, um etwas viel älteres handelt, als von der Religionswissenschaft bisher angenommen.

Vielleicht finden in Zukunft ähnliche Vorstellungen über die Vorgeschichte der Indoeuropäer, auch den Weg in die wissenschaftliche Forschung.

Im Moment bleiben diese Einschätzungen zunächst noch Hypothese. Doch alles was zu diesem Thema in den vergangenen 100 Jahren zusammengetragen wurde, basiert auf geistes- und naturwissenschaftlichen Fakten. Sie könnten in Zukunft sehr wahrscheinlich das Bild über den Ursprung der indoeuropäischen Kultur noch weiter aufhellen.

Weiterlesen ...