Seele

Mit dem Herzen zu erkennen

Mit dem Herzen zu erkennen

Wie auch immer diese Körperlichkeit eines Menschen geartet sein mag, ist unser Leib doch letztendlich eine ganz und gar individuelle Erscheinung, in der aber dennoch ein Gemüt wohnt, eine Seele, der der Körper als Fahrzeug dient. Dieses Fahrzeug aber hilft ihm sich zu bewegen in der Welt, auf unserem Planeten Erde, seinem zeitweiligen Aufenthaltsort.

Je nachdem aber wie dieses Fahrzeug geartet ist, werden damit entsprechend die Saaten des Glücks gesät, die den Weg zieren, auf dem sich die Seele begeben wird, nach dem Tod des Körpers, bei ihrer Rückkehr in ihre eigentliche Heimat. Drum sollte Ziel der Seele sein, sich von aller Materie abzuwenden, den Körper als reines Mittel zu betrachten, damit sie sich der wahren Gotterkenntnis und Gottesliebe zuwenden kann.

Wenn Du, oh Suchender auf dem Weg, deine eigene Seele kennenlernen willst, so wisse, dass dich der heilige und wunderbare Gott aus zwei Dingen geschaffen hat: ein sichtbarer Körper ist das eine. Und das andere ist etwas Inneres, das man Gemüt oder Herz nennt, dass nur die Seele wahrzunehmen vermag. Doch wenn wir hier vom Herzen sprechen, meinen wir nicht das Stück Fleisch, dass sich in der linken menschlichen Brust befindet […] Dieses Herz, dass ausdrücklich als Gemüt bezeichnet wird, ist nicht von dieser Welt. Und auch wenn es in diese Welt kam, kam es nur um sie wieder zu verlassen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dieses geistige Herz gilt Al-Ghazali als Herrscher über den menschlichen Leib. So gleicht unser physischer Leib durchaus einem Königreich, wo die äußeren und inneren Organe diesem Herrscher dienen. Wenn das Herz einem Organ befehligt seine Funktion zu erfüllen – dem Ohr zu Hören, dem Auge zu sehen, der Hand zu greifen oder Ähnliches zu tun erfolgt das ad hoc. Das sind die Aufgaben des geistigen Herzens, die es mit dem Körper auf Erden erfüllt, doch nur um sich dabei immer wieder seiner wichtigsten Aufgabe zuzuwenden: der Erkenntnis Gottes.

Wisse sodann, dass die Existenz des Gemüts offenkundig und nicht in Zweifel getaucht ist. […] Wenn ein Mensch mit weit geöffneten Augen die Welt und seinen eigenen Körper anschaut, doch dann auf einmal seine Augen schließt, wird sich seinem Blick alles entziehen, so dass er auch nicht mehr seinen eigenen Körper sieht. Gleichzeitig aber wird sich sein Gemüt seinem (inneren) Blick nicht entziehen.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Das geistige Herz, das Al-Ghazali hier wieder als Gemüt bezeichnet, repräsentiert eine eigenständige Einheit im Körper. Dabei gilt zu unterscheiden zwischen dem Teilbaren und dem Unteilbaren. Der Körper setzt sich aus Bestandteilen zusammen, die mit dem Tod zerfallen. Wegen ihrer Geisthaftigkeit lässt sich die Seele jedoch nicht teilen. Sie ist eine Einheit und bleibt als solche auch nach dem Tod bestehen. Und diese Seele ist gleichzusetzen mit dem, was wir zuvor als das Herz einführten. Ihr sind die Eigenschaften der Engel inhärent.

Wisse, du Sucher der göttlichen Geheimnisse, dass die großartigen Tätigkeiten des Herzens unbegrenzt sind. Denn, um mit dem Gesagten fortzufahren, ist die Würde des Herzens zweifältig: einerseits ist es tätig mittels Wissen, andererseits wirkt es in seiner Beherrschung göttlicher Energie. Seine durch Wissen erreichte Erhabenheit ist ebenfalls zweifältig: Erstere besteht in äußerem Wissen, was jeder zu verstehen vermag, während die zweite Art (von Wissen) verborgen ist und nicht von allen verstanden werden kann, doch von höchstem Wert ist. […] und auch wenn das Herz etwas ist, dass sich nicht aufgliedern lässt, ist dennoch alles Wissen der Welt in ihm gegenwärtig. Wahrlich: im Vergleich mit ihm (dem Herzen) ist die ganze Welt wie ein Korn verglichen mit der Sonne oder mit einem Tropfen im Meer.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Al-Ghazali führt diese Vergleiche ein, um zu zeigen, dass das was allgemein als Wirklichkeit vorausgesetzt wird, sich außerhalb dessen abspielt, was er unter seinem Konzept des geistigen Herzens versteht. Der Mensch neigt eben dazu allein die gegenwärtig sichtbare, fühlbare, materielle Welt als wahre Realität anzuerkennen. Seine Bewusstheit ist häufig rein sinnesbezogenen, weshalb er die materielle Welt für die einzig wahre hält. Das aber zeugt doch von einer recht oberflächlichen und begrenzten Auffassungsgabe.

Aus seinem geistigen Herzen aber, so Al-Ghazali, lässt sich ein verborgenes Fenster öffnen, von wo aus der Mensch eine Welt zu überschauen vermag, die dem physischen Auge verschlossen bleibt. Ihr Licht zeigt sich dem Auge des Herzens, im Sinne einer spirituellen Einsicht, womit dieses mystische Auge für die Erkenntnis steht. Das Herz von dem wir hier sprechen aber steht für das Gemüt, für ein gefühltes Bewusstsein dessen, was man als Liebe bezeichnet. Erst durch kann letztendlich vollkommene Erkenntnis erlangt werden, denn was man nicht kennt, das kann man auch nicht lieben: seien es Dinge, Tiere, Menschen, Freunde oder sei eben es Allah.

Es gibt da aber noch ein weiteres Fenster (oder Auge) im Herzen, von wo aus es die Gegenstände des Geistes zu betrachten vermag. Während wir schlafen bleibt dieses geheime Fenster geöffnet und wir können da die Vorgänge und Erscheinungen wahrnehmen, die sich einem aus der unsichtbaren Welt zeigen. Auch offenbarte Visionen gehören dazu, die sich dann, aus dem vorherbestimmenden Urwissen von Al-Lahul Al-Mahfudh, der »Wohlverwahrten Tafel«, dem Auge des Herzens als Offenbarung zeigen. Auch was sich dem Schlafenden in seinen Träumen an Archetypen zeigt, kann in die geöffneten Fenster des Herzens einströmen, sofern es rein ist und bar jeder tadelswerten Neigungen. Und da sich nun dieses innere Sehen des Herzens, nicht vergleichen lässt mit dem alltäglichen Sehen der Dinge im Außen, sondern sich als Vorstellung der inneren Wirklichkeit äußert, kann einer, der in seinem alltäglichen Leben zu sehr von den Genüssen der sinnlichen Welt vereinnahmt ist, auch Nachts nur Phantome dessen sehen, was sich ihm da eigentlich zu zeigen versucht.

Mit dem Tod schließlich, wenn sich die körperliche Hülle mit all ihrer Sinnlichkeit von diesem geistigen Herzen getrennt hat, kann es in Beschaulichkeit all die verborgenen Geheimnisse jener unsichtbaren, spirituellen Welt von Al-Malakut betrachten. Wäre es aber nicht bedauernswert, ja sogar armselig, man käme erst dann in den Genuss, dieser durch und durch wohltuenden, innersten Geheimnisse?

Denke nicht, oh Sucher nach den göttlichen Geheimnissen, dass sich das Fenster des Herzens niemals öffnet, außer im Schlaf und nach dem Tod. Das Gegenteil ist der Fall! Wenn ein Mensch seine Übungen durch heilige, asketische Hingabe perfektioniert und damit sein Herz reinigt, von den Befleckungen ausgelebter Neigungen, die ja eigentlich tadelswert sind, und sodann einen zurückgezogenen Ort aufsucht, um sich von äußeren Sinneseindrücken zurückgezogen in Meditation zu begeben, und dabei pausenlos ausruft »Ya Allah, Ya Allah« (deutsch: »O Gott, O Gott«), wird sein Herz zu Übereinstimmung gelangen mit dem, was man die unsichtbare Welt nennt. Da wird er sich nicht länger Gedanken hingeben an die materielle Welt, als sich in seinem Herzen an nichts anderes zu erinnern, als nur an Allah.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Durch diese Form der Meditation (Dhikr) offenbaren sich einem Übenden Eindrücke aus der unsichtbaren Welt, die wir bereits mehrfach als Al-Malakut bezeichneten. Da öffnen sich die Fenster dieses mystischen Herzens, damit, über die geheimnisvolle Überführung von Al-Dschabarut, sich dem Meditierenden das zeigt, was andere nur im Traumschlaf erfahren. Er aber sieht da die Welt in ihrer vollkommenen Wahrheit, wo er in Austausch zu treten vermag mit den aufgestiegenen Seelen der Engel und Propheten.

Die verborgenen Dinge der Erde und des Himmels enthüllen sich ihm dabei. Und wem immer sich diese Dinge zeigen, der schaut großmächtige, unbeschreibliche Wunder.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Ist das Herz also bar jeden weltlichen Verlangens, frei von weltlichen Eindrücken, als auch von Feindseligkeiten gegenüber anderer Menschen, ist das möglich, was man die »Göttliche Schau« nennt: zu sehen mit dem mystischen Auge des Herzens. Man sollte dabei jedoch nicht vergessen, so Al-Ghazali, dass diese Gabe erst wachgerufen werden muss, nämlich durch tatsächliches Üben und eine gewisse Entsagung, wenn nicht gar Askese. Wer dazu nicht bereit ist, kann die zuvor geschilderten Offenbarungen nicht erleben. Es sei denn, so fügt Al-Ghazali überraschender Weise hinzu, dass einer der Gnade Gottes empfänglich wurde. Das aber soll nur sehr selten vorkommen.

Fest steht, dass diesen Weg des Herzens nur beschreiten kann, wer auch bereit ist Schwierigkeiten zu bewältigen. Das zeigen uns all die unzähligen Beispiele von Biografien solcher, die man als erleuchtete Meister bezeichnet – allen voran dieser, den der Islam »Isa ibn Maryam« nennt: Jesus Christus. Sein Leidensweg sollte ja zum wichtigsten Symbol einer der großen Weltreligionen werden.

Engelhafte und dämonische Aspekte des Herzens

Wie man geistlichen Schriften vieler Religionen entnehmen kann, fehlt den Tieren das worüber der Mensch verfügt: eine spirituelle Kraft, die er in seinem Herzen zu konzentrieren vermag. So wie nach islamischer, wie auch christlicher oder jüdischer Auffassung, die Aufgabe der Engel darin besteht, Wind und Regen zu lenken, Junge auf die Welt zu bringen, sie entsprechend ihrem Schicksal zu formen, die Saaten in der Erde aufgehen zu lassen, wie auch die Pflanzen zum Wachsen zu bringen und Früchte tragen zu lassen, so soll auch das mystische Herz im Menschen auf die materielle Welt Einfluss ausüben können – zuerst in seinem eigenen Innern, dann aber auch über sein Außen durch sein Handeln, vorausgesetzt, es ist rein und frei von negativen Einflüssen.

[…] wenn das Herz nicht trübe werden soll durch den Rost der Aufruhr, und es nicht animalische und bösartige Eigenschaften bestimmen sollen, wäre es in der Lage dazu, im Namen der in ihm gegenwärtigen engelhaften Eigenschaften, die selbe Wirkung auch auf andere Körper auszuüben.

Wenn es (das Herz) ernsthaft einen Löwen oder Tiger betrachtete, würden sie in ihrer Art erweichen und sich ihm fügen. Betrachtete es jemanden der krank ist mit Güte, so würden sich dessen Gebrechen in Gesundheit verwandeln. Betrachtete es einen Kraftprotz, ganz erhaben, so finge dieser zu schwächeln an.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Dass das, was Al-Ghazali hier beschreibt, nicht allein Hirngespinste sind, meint er vernünftig belegen zu können, allein aus seiner eigenen Erfahrung heraus. Er erwähnt etwa das, was über diese Augen des Herzens auch an »Zauberei« möglich ist: Wenn ein hämischer Charakter einen schwachen Menschen mit Neid betrachte und diesem übel wolle, und während er ihn so anstarrt, ihm sogar dessen Zerstörung in den Sinn käme, ließe sich dieser Einfluss bei dem Betroffenen sofort erkennen und man sähe nicht all zu lange danach den angerichteten Schaden. Solch Einfluss kann nur durch den Missbrauch der eigentlich heiligen Eigenschaften des Herzens erfolgen, was aber letztendlich nur auf den zurückfällt, der versuchte über sein Gemüt Macht auszuüben, um seinen Mitmenschen Schaden zuzufügen.

Gesicht – Gewalt – Gewissen

Der Einfluss des Herzens erfolgt über drei Wege:

Ein Sehen im Außen, wozu jeder Mensch fähig ist. Auch den Propheten und Heiligen offenbaren sich die Mysterien im Außen.

Dann auch mit der Beherrschung des eigenen Körpers, etwas wozu ebenfalls jeder Mensch fähig ist. Propheten und Heilige aber haben, zum Wohle der Gemeinschaft, die Fähigkeit diese Herrschaft auch über die Körper anderer auszuüben.

Der Dritte Weg wird durch das Vernehmen besonderen Wissens gegangen, über den das Herz Macht auszuüben vermag. Jeder kann solches Wissen erlangen, indem er lernt und damit ausgebildet wird. Propheten und Heiligen aber wird dieses Wissen direkt durch Gott vermittelt.

Letztere Art der Erlangung von Wissen ist allgemein bekannt als das, was man »Erleuchtung« nennt: ein Wissen das einstrahlt aus der spirituellen Welt in den Geist des Menschen. Wenn folgender Koranvers von »uns« und »wir« spricht, ist das eine Aussageweise um die dabei wirkende, spirituelle Kraft Allahs nachdrücklich zu betonen:

Da fanden sie einen unserer Diener, dem wir unsere Barmherzigkeit zukommen ließen, und den wir Wissen von uns gelehrt hatten.

- Sure 18:65

Jene zuvor beschriebenen drei Formen, über die durch das Herz Einfluss genommen werden kann, davon stehen manchen Menschen alle drei, anderen zwei oder auch nur eine zu. Wer aber über alle drei Fähigkeiten verfügt, schreibt Al-Ghazali, der bewegt sich in den Rängen der Heiligen.

Das Herz ist dazu befähigt, äußeres Einwirken in seinem Innern aufzunehmen und darin in Form besonderer Kräfte zu speichern. Die drei eben beschriebenen Arten erfolgen jedoch in bewusster Form. Doch durch das alltägliche Leben können auch andere Kräfte auf dieses Herz-Bewusstsein Einfluss nehmen. Auf fünf Arten wirken diese auf das Herz ein, in Form der Erscheinungen der Außenwelt. Als solche Sinnes-Ströme strahlen sie in das Herz ein und können von ihm auch gespeichert werden.

Sind diese Einflüsse klar und von Licht erfüllt, so erfolgt das natürlich zum Wohle des Herzens. Die Wirkungen unserer Sinneseindrücke bringen aber auch Eintrübungen mit sich, die sich, allegorisch gesprochen, im Herzen allmählich ansammeln und darin ablagern, wie Schlamm der sich mit der Zeit in einem Wasserbehälter am Boden sammelt. Es scheint darum nur logisch, dass einer, der diese innerlichen Störfaktoren in seinem Herzen beseitigen und sich des darin angesammelten, geistigen Unrats entledigen will, solche äußeren Einflüsse aufstauen muss, damit ihm durch rechtes Denken und Fühlen gelingt diesen Schlamm negativer Gedanken und Emotionen regelrecht aufzurühren und dabei aus seinem Herzen, mit den geläuterten Wassern des Geistes auszuspülen. Ist das aber erfolgt, so können diese Wasser nachströmen, bis sich jene mystischen Herzkammern damit angefüllt haben, worauf man allen weiteren Zustrom stoppt.

Wenn wir zu Anfangs sagten, dass es fünf Kraftströme sind, die auf das Herz Einfluss ausüben, hängen diese natürlich mit den fünf äußeren Sinnen zusammen. Mit ihrer »Strömung« aber werden auch alle möglichen Arten von wertlosem Wissen, unnützen Gedankengängen und Vorurteilen »angespült«, die sich, wie gesagt, über längere Zeit in uns ansammeln, in den Tiefen der Seele (das heißt also, des Herzens) ablagern und jene zuvor erwähnten Fenster (oder »Lichttore«) im Herzen verschmutzen und sie dabei allmählich ganz verkrusten. Wenn Al-Ghazali also von einem »Aufstauen« spricht, meint er damit, sich zuerst aller negativen Sinneseindrücke zu entledigen, sie dann durch positive, wertvolle Eindrücke zu ersetzen, um letztendlich damit die beiden Fenster des Herzens gereinigt zu haben. Dann aber kann sich der Seele ein wahrlich erhellendes Wissen offenbaren, wo sich einem Menschen die Wirklichkeit des Göttlichen enthüllt.

Das Auge erfreut sich an rechten Bildern und seinem Sehen angemessener Figuren. Das Ohr erfreut sich an harmonisch stimmenden Klängen. In gleicher Weise erfreut sich das Herz, da es angewiesen ist auf eine Beschäftigung mit Dingen, die der Aufgabe seines Daseins entsprechen: nämlich alles zu erfahren in seiner Wirklichkeit und Wahrheit. Ein jeder Mensch findet darum großes Gefallen an dem was er weiß, selbst wenn die Sache (in Wirklichkeit) auch nur von geringer Relevanz ist.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Die Quintessenz aller Hochgefühle

Viele von uns suchen nach Antworten auf Lebensfragen im Außen. Mit dem hier Beschriebenen aber scheint es eine mindestens ebenso große, ja wahrscheinlich noch viel größere Welt in unserem Innern zu geben. Und wie es auch in der alltäglichen Welt bestimmte Helfer gibt, so gibt es diese auch in uns. Wie sich aus den hier beschriebenen Wirkungen aus der Welt des Göttlichen ableiten lässt, ereignet sich das Werk dieser Helfer außerhalb unseres Verständnisses von Raum und Zeit. Da sie eben keine physischen, sondern geistige Wesen sind, führen sie dem Herzen eines Gläubigen geistige Kräfte zu, die ihm zur Verwirklichung seiner Selbst auf Erden, ununterbrochen zur Verfügung stehen. Das zumindest versuchte Al-Ghazali dem Leser nahezulegen, in seinem hier vorgestellten Werk: Das Elixier der Glückseligkeit.

Am Ende des ersten Kapitels dieses Buches, fordert er den Lesen dazu auf, sich vor seinem inneren Auge auszumalen, was sinngemäß im Folgenden wiedergegeben werden soll:

Stellen Sie sich vor, dass es da mal einen Diener gab, der ihnen sein ganzes Leben treu ergeben war und auf dessen Hilfe sie keinesfalls verzichten konnten, während er aber jederzeit hätte einen anderen Meister finden können. Wäre er nur einen Tag lang nicht auf ihre Wünsche eingegangen: Wären sie darüber erbost gewesen?

Wenn da aber nun eine höchste, unbegrenzte, geistige Macht (das heißt also Gott) veranlasste, dass ein Teil von ihr, als Seele in einen menschlichen Körper einzog: War es ihr dann wirklich wichtig, genau jenen oder einen anderen Körper, als Bewohner eben jenes mystischen Herzens seiner selbst auszuerkiesen?

Und wenn nein: Wie kann es da sein, dass ein Mensch allein zum Diener seiner körperlichen Leidenschaften wurde und dabei völlig vergaß, wo das ewige, innere und tiefste Wesen seines Selbst seinen Ursprung nahm, das mit dem Ziel in diese Welt kam, sich zu verwirklichen, zum eigenen Behagen, zum Wohl der Anderen und zur Freude seines Schöpfers?


Der menschliche Körper unterscheidet sich, rein biologisch und physiologisch gesehen, grundsätzlich nicht von dem des Tieres. Ja in gewisser Hinsicht steht er manchen Tieren darin sogar nach. Was jedoch seinen Verstand anbelangt, unterscheidet sich der Mensch vom Tier, ist ihm darin überlegen – doch ebenso zur Verantwortung verpflichtet. Wer sich dann aber seines geistigen Herzens bewusst geworden ist, kann jene mit dem Gesagten beschriebene reinste Substanz als vollendeten Verstand aus seiner Geistigkeit herauslösen und die Quintessenz dessen erschaffen, woraus sich jenes geistige Herz im Wesentlichen zusammensetzt. In diesem Vermögen kann jedem Menschen gelingen, dieses Elixier der Glückseligkeit, von dem hier immer wieder die Rede war, auf geistiger Ebene auszudrücken. Wem das gelingt, dem wird der Körper zum lieben Gefährt, worin er sein Herz zu wahrer Gotterkenntnis führen wird.

Die Würde eines Dinges ist abhängig davon, was es an und für sich ist. Wenn ein Mensch sich darum nicht auf seine eigene Körperlichkeit, sein Herz und seine Seele einzufühlen vermag, doch Anspruch auf Gotterkenntnis erhebt, ähnelt er einem Mittellosen, der, obwohl er nichts für sich zu essen hat, dennoch ein Festessen für die Armen der Stadt veranstalten wollte. Kurzum: ein Mensch sollte alles daran geben Gotterkenntnis zu erlangen, da Gotterkenntnis Gottesliebe bedingt.

[…]

Da du, oh Forscher nach den göttlichen Geheimnissen, die Würde und die edle Gesinnung des (mystischen) Herzens kennengelernt hast, wisse auch, dass dir dieses kostbare Juwel in ein Tuch gehüllt anvertraut wurde, damit es nicht in Kontakt mit der Welt (des Alltags) gerate, und damit du es zur Vollendung seinem Ruhepol zuführst, ihn in den Genuss reinen Glücks kommen lässt, in den Palästen der Ewigkeit.

- Aus Al-Ghazalis »Das Elixier der Glückseligkeit«, Kapitel 1

Des Menschen spirituelle Entwicklung

von S. Levent Oezkan

Spirituelle Entwicklung - ewigeweisheit.de

Auch wenn uns die modernen Medien mit immer neuen Schreckensmeldungen bedrängen, sei darüber trotzdem eine wichtige Kernaussage gestellt: In unserer Welt bilden Liebe und Weisheit die höchsten Gesetze des Lebens. Sie formen ein spirituelles Fundament, auf dem alles Werden seinen Lauf nimmt: sowohl in den Lebenskreisläufen von uns Menschen, als auch in den großen Zyklen unseres Kosmos.

Ihre Prinzipien lenken die Sterne und unser Zentralgestirn Sonne, das als Leben und Helligkeit spendendes Wesen jeden Morgen zu uns wiederkehrt. Und so wie ihr Licht und ihre Wärme gemeinsam ein Exempel von Zuneigung, Wertschätzung und Weisheit zeichnen, so steht die Abwesenheit der Sonne für das Dunkel von Unwissenheit, Egoismus und Ignoranz.

Ein Leuchtendes Vorbild

Unseren Möglichkeiten zur spirituellen Weiterentwicklung aber, sind damit keine Grenzen gesetzt. Die Sonne in ihrer Rolle als kosmisches Vorbild für die symbolischen Wahrheiten des Lichts, der Liebe und der Weisheit, könnte der Erkennende versuchen nachzuahmen. Denn wenn auch nur wenige normalsterblicher Menschen in ihrer gegenwärtigen Lebensspanne ein solch erhabenes Ziel zu vollkommener Entfaltung brächten, zählte es dennoch zu den wohl erhabensten Vorsätzen die sich jemand setzen kann.

Unter unseren Vorfahren bewegten sich Menschen auf diesem Weg des Strebens nach einem guten Leben, schon seit sehr, sehr langer Zeit – und das wird auch niemals enden. Selbst dann, wenn sich ein Großteil der Menschheit in Aufruhr befindet und es überall Kriege, Hass, Unterdrückung und Ausbeutung gibt – was uns die Nachrichten zeigen –, bleiben die Maxime von Liebe und Weisheit dennoch auf ewig bestehen, bleiben etwas, an das man sich halten kann. Und wenn uns diese beiden höchst-erhabenen Gesetze des Lebens bewusst und wichtig geworden sind: ist es da nicht gut sich immer wieder daran zu erinnern, dass die Sonne, als kosmisch-manifestierter Inbegriff dieser Gesetze, auch morgen wieder aufgeht?

Menschliche Evolution

Gewiss mag das dem rational geprägten Gemüt zu romantisch erscheinen. Doch der Mensch ist eben mehr als nur sein Körper, sein Fühlen und sein Denken. Selbst wenn sich der Mensch in seiner evolutionären Entwicklung tatsächlich auf einen Affen als Vorfahren berufen müsste, was ja nur eine unter anderen Theorien bleibt, befindet er sich auch heute noch in einem Entwicklungsprozess.

Wenn die moderne Wissenschaft nur eine Ebene der menschlichen Existenz kennt, die körperlich-organische eben, worin auch das Seelenleben, die psychische Befindlichkeit, Geist und Denken, auf rein hormonal-nervliche Zusammenhänge zurückgeführt werden, bedeutet Evolution nicht, wie man heute meinen mag, nur auf technischem Fortschritt. Der moderne Mensch aber tendiert dazu die Weiterentwicklung unserer Spezies allein auf die angeblichen Errungenschaften immer neuer Technologien beschränken zu wollen.

Wir sind mehr als unser Körper, unsere Gefühle und Gedanken

Die Ewige Weisheit, oder nennen wir es das »Weistum der Alten«, lehrt uns weit mehr als nur von einem rein materiellen Dasein des Menschen. Da geht es, je nach geistiger Tradition, um sechs oder sieben, verschieden-stoffliche Körper, die ein erwachter Mensch, bewusst durch sein Leben zu führen vermag. Manchen sind diese feinstofflichen Körper mehr, anderen weniger oder gar nicht bewusst. Der Wissenschaft aber geht es buchstäblich nur um einen Bruchteil dessen, was wirklich ist und nur diesen erklärt sie einzig als gültig (natürlich will ich nicht allen Wissenschaftlern absprechen, dass ihnen durchaus bewusst ist, dass der Menschen neben seiner physischen Existenz auch noch in höheren, spirituellen Formen des Seins existiert).

Es ist dabei sehr interessant zu beobachten, dass die moderne Wissenschaft eigentlich nur einen Bruchteil dessen kennt, was sie in ihren Schulbüchern zu generalisieren versucht. Warum? Nun, man weiß heute, dass das Universum, das unser Planetensystem umgibt, zu 96% aus sogenannter Dunkler Materie und Dunkler Energie besteht. Hiervon natürlich gehen ganz wesentliche Kraftwirkungen aus, die das Sein in unserem Kosmos mit formen. Doch darüber weiß die moderne Wissenschaft bislang nur sehr, sehr wenig. Kein Physiker aber würde abstreiten, dass die gewaltige Masse an Dunkler Materie, eben auch eine besondere Gravitationswirkung auf ihre Umgebung ausübt. Was aber unsichtbar ist, lässt sich nicht messen. Doch die Welt in ihrer Ganzheit, lässt sich eben nicht nur durch den Augen-Blick erfassen.

Es ist wohl unsere Gewohnheit zu glauben, dass Wahrheit sich über das Beobachtbare erkennen ließe. Doch auf eine rein sinnlich erfahrbare Welt »bestehen zu wollen«, um es einmal so zu formulieren, bleibt die Schwäche unseres Egos, das immer auf seine Befriedigung aus ist. Symbol dafür ist der Spiegel – worin man sein Aussehen sieht und dabei vielleicht bedauert oder bewundert. Jeder aber weiß, das nur er selbst sich so im Spiegelbild sehen kann, während alle anderen Menschen ihn so sehen, wie er »wirklich« aussieht.

Eine Sage aus dem griechischen Altertum, die sich auf diese Art des Menschseins anwenden lässt, ist der Narziss-Mythos. Narziss war der schöne Sohn des gewalttätigen Flussgottes Kephissos. Wegen seiner ungeheuren Schönheit umwarben ihn gleichermaßen Mädchen und Jünglinge. Herzlos aber wies er die Liebe anderer zurück. Eines Tages jedoch begab er sich an einen See und setzte sich dort ans Ufer. Da sah er sein Spiegelbild auf der stillen Wasseroberfläche und fand sich so schön, dass er sich in das Bild seiner eigenen Reflexion verliebte. So empfand dieser Jüngling ein etwas ungewöhnlich ausgeprägtes Selbstwertgefühl, das ihm aber zum Verhängnis werden sollte. Denn er wollte sein eigenes Abbild umarmen, doch fiel dabei und ertrank, gefangen in den tiefen Wassern des Sees.

Dieser alte Mythos ist eine Allegorie auf die geistige Natur des Menschen, denn wie Narziss schauten auch wir Menschen einst, aus den erhabenen Höhen unserer ursprünglichen, spirituellen Wohnstatt, in den Kosmos hinab, in die materielle Schöpfung, in der wir uns sehr wahrscheinlich auch morgen noch befinden. Dort nämlich sah unser geistiges Selbst sein eigenes Ebenbild, worin sich auch unsere Begierden spiegeln, die uns unsere geglaubte Schönheit vorgeben. Es ist das Abbild in dem wir die Schönheit unseres Geistes erkennen, wie er sich uns im Kosmos, in der äußeren Welt der Manifestationen zeigt.

Es gibt aber nichts im Außen, was nicht auch schon in uns latent vorhanden ist. Wenn wir also in die Welt des Außen blicken und dort etwas entdecken, wonach wir uns sehnen, ganz gleich wie das auch geartet sein möge, wollen wir uns da etwas zu eigen machen, das eben eine Projektion irgendeines Teiles in uns ist. Und damit fällt, wie einst Narziss ins tiefe Wasser, auch unser spirituelles Bewusstsein in eine nach außen gewandte Haltung, gefangen im Kosmos, gefesselt von der manifestierten Welt der sinnlichen Erscheinungen.

Sowohl in der westlichen wie auch in der östlichen Tradition, ist da dann die Rede der Fleischwerdung des Geistes (Inkarnation), wo die Bande der Körperlichkeit unseren Geist umschlingen. Wer aber als spiritueller Mensch nach und nach erkennt, dass sich dieses Inkarnationsereignis einst begeben haben muss, wird sich vielleicht danach sehen, zu seinem ursprünglichen Sein zurückzukehren: einem Zustand jenseits aller Körperlichkeit, außerhalb jeglicher Begrenzungen und Sorgen.

Alles ist im Fluss

Erst durch die Fähigkeit sich über die Begrenzungen der sichtbaren Welt zu erheben, wird man sich der unbegrenzten Möglichkeiten des eigenen menschlichen Vermögens bewusst. Auch unsere Sorgen und Ängste, die alle ihre Berechtigung zu haben scheinen, hängen zusammen mit dieser Anhaftung an die sichtbare, hörbare und fühlbare Welt der Erscheinungen.

Auch wenn in der Welt die Prinzipien der Entsprechung gelten (auch: Hermetische Gesetze) – im Innen und Außen, im Oberen und Unteren, im Großen und Kleinen –, bleibt in der Welt des Göttlichen nichts davon bestehen. Dies zu erkennen kann uns ruhig Anlass dazu geben, unser vielleicht verloren gegangenes Glück neu entdecken zu wollen, da wir wissen, das nichts bleibt, aber alles in ständigem Fluss ist und seine Gezeiten hat. Nur der Tod bleibt ewig. Doch wenn ein Mensch stirbt, entschläft, verendet da »nur« der physische Körper. Wie uns aber alle spirituellen und religiösen Traditionen der Erde lehren, lebt schließlich ein anderer Teil davon fort (beziehungsweise Teile davon), zu einem Lichtreich hinstrebend, worin vollkommene Glückseligkeit herrscht (Paradies) – dann wenn sich die Seele aus dem irdischen Seinszyklus tatsächlich gelöst hat.

Wie anders soll diese ultimative Trennung aber gelingen, als dass man bereits jetzt damit beginnt, in diesem Augenblick, ein Bewusstsein zu entwickeln, das die eigene Wahrnehmung von der sichtbaren, materiellen Welt im Außen allmählich abwendet und stattdessen nach innen schaut, auf den eigentlich geistigen Kern eines spirituellen Seins?

Denken und Sein

Gewiss zählt zu alle dem der Wunsch ein richtiges Denken zu entwickeln. Denn nur mit einem klaren, reinen Geist, lässt sich höheres Sein erringen. Das »Denken« als Aktivität jedoch, unterscheidet sich von dem, was man allgemein unter »Gedanken« versteht, sind sie doch eher zufällig aneinander folgende Einbildungen, die vom astralen, triebbezogenen Dasein her, unseren Geist durchströmen und dabei Erinnerungen aufwirbeln. Bewusstes Denken aber hat einen Anfang und ein Ziel, wobei sich an das Ziel ein nächster Anfang anschließen kann. Wer also ein Wirbeln unangenehmer Gedanken unterbrechen möchte, kann sich die Welt im Geiste erklären, das was er sieht, sich selbst im Geiste sprechend beschreiben, als eben das, was gerade vor seinem inneren oder äußeren Auge erscheint.

Die menschliche Fähigkeit zu Denken wird sich vielleicht schon in den folgenden Jahrzehnten, sicher aber in den kommenden Jahrhunderten erheben, über die gegenwärtige Form einer rein äußeren Kommunikation, durch die Medien von Schall und Licht. In ferner Zukunft werden die Menschen vielleicht wieder die Fähigkeit entwickeln, zu kommunizieren auf einer höheren, geistigen Ebene, etwas das man auch Telepathie nennt. Manche unter uns, haben sich aber gewiss bereits auf diesen Weg begeben.

 

 

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Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Die mythische Ebene: Spiegelungen im Bewusstseinsfeld der Seele

Mysterien von Eleusis - ewigeweisheit.de

Heute gelten Nachrichten, Ereignisse und Aussagen nur dann als anerkannte Fakten, wenn sie einen Bezug haben zu einem Ort und einem Zeitpunkt, zumindest aber einer dieser beiden Größen. Selbst aber wenn das heute als Voraussetzung gilt, musste sich so etwas wie Raum- und Zeitbewusstsein erst entwickeln. Tausende von Jahren dauerte es, bis sich der Mensch den Mysterien von Raum und Zeit bewusst wurde.

Über das Empfinden der Bewegung seines selbst bewusst gewordenen Körpers durch die Welt, entwickelte der Mensch ein Gefühl für das, was wir heute »Raum« nennen. Dieses räumliche Wahrnehmen entfaltete sich allmählich zu einer geistigen Funktion, die irgendwann im Erleben des unendlichen Raumes gipfeln sollte. Das aber war die Voraussetzung dafür, das der Mensch schließlich ein weiteres, neues Geistesmaß entdeckte: die Zeit.

Wenn die geschichtliche Wissenschaft nun von einer Vorzeit spricht, bezeichnet dieser Ausdruck ganz deutlich das Element der magischen Bewusstseinsstruktur: Eine Vor-Zeit lag vor dem Zeit-Bewusstsein. Hiermit erübrigt sich jedoch eine Nachforschung wann es zu diesem menschlichen Empfinden der Raumzeit kam, zumal es in der Periode der magischen Bewusstseinsstruktur eben noch kein Zeitmaß gab. Womöglich aber ereignete sich diese nächste Bewusstseinsmutation in der nachatlantischen Epoche, also vermutlich vor ungefähr 12.000 Jahren.

In dieser Ära kam es zu verschiedenen, ganz maßgeblichen Veränderungen in der menschlichen Wahrnehmung. Ab einem gewissen Moment, vielleicht am Ende der letzten Eiszeit, begann man in Europa besondere jahreszeitliche Riten zu zelebrieren. Das ging einher damit, dass der Mensch begann die Bewegung der Himmelskörper voraussagen zu wollen. An den Himmelsbewegungen laß er ab, wann der Zeitpunkt für eben solche Feste gekommen war und vermerkte sie in seinen damals entwickelten Kalendern. Er wurde also einer sich verändernden Welt bewusst, worin er sich selbst wiederfand, in einem wohl als Spannungsfeld empfundenen Raum zwischen Irdischem und Himmlischem.

Was den Menschen der magischen Bewusstseinsstruktur noch in seiner Naturverflochtenheit gefangen hielt, daraus sollte er sich nun lösen, mit dem Erkennen der Rhythmen der Natur. In diesem Heraustreten aus den Verflechtungen seines eindimensionalen Empfindens aber, sollte er sich bewegen in ein Empfinden einer zunächst zyklischen Zeit.

In einer Welt sprechender Münder

Immer wieder hatte sich die Menschheit neu erfunden. In archaischer Zeit identifizierte sie sich noch als Einheit mit dem sie Umgebenden, empfand sich als Teil einer ursprünglichen Ganzheit allen Seins.

Die magischen Menschen sahen sich in der Natur verwoben, doch hatten sich darin erkannt, worin sie sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst wurden und begannen sich wahrzunehmen.

Jean Gebser führte nun noch eine weitere Stufe der Bewusstseinsentwicklung ein, die er als die »mythische Ebene« bezeichnete. Hierauf begab sich die Menschheit in einer Zeit, als jemand einen Anderen von Mund zu Ohr, über das Wesen des Seins unterrichtete.

Das diese neu entstandene Bewusstseinsebene, als »mythisch« angesprochen wurde, hatte einen guten Grund: das griechische Wort »Mythos« nämlich bedeutet »Rede«, »Wort« oder »Bericht« und ist auch verwandt mit dem englischen Wort »mouth«, für den Mund. Das man im Deutschen synonym für Mythos das Wort »Sage« verwendet, kommt auch nicht von ungefähr, geht es da doch eben um ein »Sagen«, ein Erzählen.

Wenn wir uns aber der Bedeutung des griechischen Wortes »Mythos« zuwenden, insbesondere der darin enthaltenen Wurzel »my« oder »mu« (Anm.: der griechische Buchstabe »y«, wird sowohl als »i«, »ü« wie auch als »u« ausgesprochen), was »laut werden« oder »ertönen« bedeutet, stoßen wir auf einen interessanten Zusammenhang: denn auch ein anderes griechisches Wort besitzt benannte Wortwurzel »my«: das Wort »myein«, was für ein »Sichschließen« steht, womit eben der geschlossene Mund gemeint ist. Im Sanskrit gibt es ebenfalls ein Wort mit dieser Wurzel, nämlich »mukas«, dass diesen Zusammenhang noch unterstreicht: da bedeutet es »stumm«. Und auch im Lateinischen begegnet man dieser Silbe »mu« mit »mutus«, das ebenfalls »stumm« bedeutet.

Im Griechischen ist die Wurzel »mu« oder »my« überdies enthalten am Anfang dieser Wörter: »Mystos«, dem Mysten, der in die geheimen Mysterien eingeweiht wurde, sowie in »Mysterion«, dem entsprechenden Mysterienkult. Beides sind Ableitungen von »myo«, dass ebenfalls die Wurzel »my« (beziehungsweise »mu«) enthält, und für den eigentlichen Grund eines geschlossenen Menschenmundes steht: Über Geheimnisse wird geschwiegen.

Aus dem griechischen Mystos entwickelte sich später dann das, was man in christlicher Zeit zur Bezeichnung für jemanden verwendete, der sich in wortloser, innerer Versenkung befand: ein Mystiker.

So sind also die Bedeutungen dieser Wortwurzel anscheinend widersprüchlich, wo es doch im Wort Mythos um das Sprechen geht und im Wort Mystos um das Schweigen. Es wäre dabei jedoch falsch sich voreilig für eine der beiden Bedeutungen entscheiden zu wollen, sind doch beide gültig. Hier nämlich kommt eine Polarität zum Vorschein, die den alten Menschen zuerst einmal bewusst werden musste.

Ihr Eingebundensein in der Welt erhielt damit eine neue, zweite Dimension. Der Mensch begann sich von da an als Subjekt zu empfinden, zu den ihn umgebenden Objekten. Und da sich in dieser Umwelt unendlich viele Objekte befanden, ließ sich damit auch die Zweidimensionalität eines Kreises aufspannen, in dem der er seine Welt räumlich wahrzunehmen begann.

Führte die archaische Struktur durch den Verlust der Ganzheit zur Einheit der magischen Struktur, und war damit ein erstes dämmerhaft zunehmendes Bewusstwerden des Menschen als einer Einzelung vorgegeben, so brachte die magische Struktur durch den in ihr sich abspielenden Befreiungskampf gegen die Natur eine Herauslösung aus der Natur und damit die Bewusstwerdung der Außenwelt. Die mythische Struktur nun führt zu einer Bewusstwerdung der Seele, also der Innenwelt. Ihr Symbol ist der Kreis, der stets auch Symbol der Seele war.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

War das Resultat der magischen Struktur des Menschen die Bewusstwerdung von Erde und Natur, so brachte die mythische Struktur einen Gegenpol zur Erde: den Himmel. Darin wieder taucht die Symbolik des Kreises auf. Denn der Zyklus der Gestirne, vornehmlich der Lauf von Sonne und Mond durch Tag und Nacht, repräsentiert jene angedeutete Polarität von Subjekt und Objekt, in der sich der Menschen als Beobachter befindet und bewegt.

Damit schließt sich auch der Kreis zu dem, was wir zuvor über die besagte Wortwurzel »mu« oder »my« andeuteten: Aus ihr wachsen zwei anscheinende Widersprüche – Mystos und Mythos – Schweigen und Sagen, welche in direktem Zusammenhang stehen mit der dunklen Abwesenheit und der lichtvollen Anwesenheit der Sonne. Was bedeutet das?

Um sich in der Welt zu empfinden, musste der mythische Mensch das polare Verhältnis seines Seelenseins nicht nur zu einem über-erdhaften Himmel (Berg Olymp), sondern ebenso zu einem unter-erdhaften Schattenreich (Fluss Hades) erkennen.

In diesem inneren Gewahrwerden einer neuen Dimension, worin die Pole eines Sternenzelts und einer Unterwelt, eines Himmels und einer Hölle, einen Kreis der Zweidimensionalität aufspannen, dort im Mittelpunkt dieses Kreises lernte der Mensch das Wesen seiner Seele zu empfinden. In ihr nämlich spiegelte sich sein mythisch-mystisches Sein, darin reflektierte die Doppelnatur alles Weltlichen, symbolisch-diabolisch, göttlich-teuflisch, hell-dunkel, licht-finster, gut-schlecht, überweltlich-tiefgründig.

Diese Pole im Kreis, umspannen im Leben eines Menschen den Zyklus von Werden und Vergehen – im Erkennen der Zeit.

Über die Wirksamkeit des Schweigens

Was in der Seele des Menschen zum einen als stummes Bild erscheint, erklingt daraus ein andermal durch den Mund, als tönendes Wort. Das als inneres Bild Vernommene hat seine polare, bewusst gewordene Entsprechung im ausgesagten Wort. Dabei erkennt der Mensch seine Seele, worüber er den in nächtlicher Stummheit geschauten Traum, im Wachbewusstsein sprechend hörbar macht. Indem er darüber spricht, richtet er die sich ent-sprechenden Pole von Traum und Wachheit aufeinander aus.

So ist das Wort stets Spiegel des Schweigens; so ist der Mythos Spiegel der Seele. Erst die blinde Seite ermöglicht die sehende. Und da alles Seelische vor allem auch Spiegelcharakter hat, trägt es nicht nur naturhaften Zeitcharakter, sondern ist stets auf den Himmel bezogen; die Seele ist ein Spiegel des Himmels – und der Hölle. So schließt sich der Kreis von Zeit – Seele – Mythos – Hölle und Himmel – Mythos – Seele – Zeit.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Etwas zu sagen oder darüber zu schweigen obliegt die besondere Entscheidung einer Ver-Antwortung. Jemand kann das im Gesagten Geschiedene ent-scheiden und so das darin Scheidende aufheben. Darum ist es nicht notwendig beim Berichten über eine Sache, alles bis aus dem letzten Bedeutungswinkel heraus erklären zu wollen. Vielmehr macht das Nichtgesagte, das im Gesagten mitschwingt, einen Bericht oder eine Rede erst interessant. Damit nämlich erhält das Gesagte seine Tiefe und einen Gegenpol, die es in die Spannung eines wirkenden Lebens bringt.

Von daher bewirkt etwas beim Zuhörer nur anzudeuten, weit mehr als ein vollständiges und bis ins letzte Detail erfolgte Erklären. Klarheit soll sich der Zuhörer durch eben jene, in der Rede tiefer liegende, jedoch unausgesprochene Aussage, selbst verschaffen, durch seine eigene Imagination.

Bloßes Schweigen ist magische Gebanntheit; bloßes Reden ist rationaler Leerlauf.

- Aus Jean Gebsers Buch »Ursprung und Gegenwart«, Kapitel »Die mythische Struktur«

Meditation über das Leben an sich

Meditation über das Leben an sich

ewigeweisheit.de

Seit etwa 1000 Jahren verwendet man in der deutschen Sprache das Wort Leben, um damit zu beschreiben was einem Menschen während seiner irdischen Existenz mitgeteilt wird, von Geburt an bis zu seinem Tod, durch sein Aufnehmen und Abgeben, sein Wachstum und seine Vermehrung, die erfreulichen und weniger erfreulichen Umstände, auf seinem Weg durch Raum und Zeit als Erlebnis, Erfahrung und Erkenntnis seiner Seele.

Vier Angelegenheiten sollten einen hier beim Lesen beschäftigen: der Zeitaspekt dessen was kommt und geht, die Kreisläufe von Werden und Vergehen in Zeit und Unbeständigkeit, das Erfahren von Licht und Finsternis und schließlich die Einflüsse des Ewigen.

Selbst und Gleichheit

Alles ist lebendig. Doch was lebt das stirbt auch. Was lebt durchläuft Werden und Vergehen, wobei sich jedoch ein Teil auflöst. Aber da ist eine Essenz die weder das Eine noch das Andere berühren und worin alles in Einem existiert: Gutes wie Böses, Helles wie Dunkles, Günstiges wie Ungünstiges, Wertvolles wie Schlechtes, Schönes wie Hässliches, Glückliches wie Trauriges, Nützliches wie Unbrauchbares – untrennbar über ein unsichtbares Band ineinander verwoben und miteinander verbunden.

Was in der Welt ist kommt aus der Einheit. Und was daraus sich löste, sich und seinen Ursprung durch sein Geborenwerden entzweite, verfielfältigt sich, bis es in immer kleinere Teile zerfällt und sich dabei auflöst. Was diesen Vorgang jedoch bewirkte bleibt und kehrt wieder zurück zu seinem Ursprung.

Was in der Welt ist wird aus dieser Einheit geboren, nimmt etwas Äußeres an, verwickelt sich und entwickelt sich wieder, spannt sich auf in die Pole des Zeitlichen. Sie aber sind nicht gentrennt, sondern bilden Anfang und Ende in einem Lebenslauf, der entlang der Bahnen eines riesigen Kreises verläuft, wo Ursprung und Ende das Selbe sind, wo gemachte Erfahrungen einen Bogen spannen zu den gesetzten Zielen im Leben eines Menschen.

Dabei sind diese Pole nicht das Selbe.

Die zwei Pole sind wie Original und Spiegelbild, die nicht gleich sind, doch von selber Abkunft. Man denke hier etwa an den Atem. Einatmen und Ausatmen sind verschiedene Vorgänge. Man atmet entweder ein oder aus. Beides gleichzeitig ist unmöglich. Als solche aber sind sie Teil eines einigen Atems, wo jedes Einatmen ein Geborenwerden ist, denn man schließt aus dem Ganzen, der umgebenden Atmosphäre einenen Teil aus und in der Lunge ein.

Sobald das Kind auf die Welt kommt, erlernt es die Fähigkeit zu atmen, um außerhalb des Leibes seiner Mutter leben zu können.

Stirbt ein Mensch ist Ausatmen sein letzter Akt, womit die Luft ausgehaucht und wieder Teil der Atmosphäre wird.

Atem und Seele aber ähneln sich. Denn so wie sich die Lunge einen belebenden Atem für ihren Körper aus der umgebenden Luft "borgt", so "borgt" sich auch die Seele ihre körperliche Hülle, um dereinst wieder an ihren Ursprung zurückzukehren. Doch was in beiden Fällen dahinter steht, ist die göttliche Absicht zu Erfahren. Die Seele kleidet sich in den irdischen Körper um darin zu leben, sich darin zu läutern. Sie gleicht dem Atem Gottes, der in den Körper einzieht.

Der Körper wird geatmet. Denn auch Nachts atmen wir, unaufgefordert. Was bleibt ist die geatmete Luft. Sie ist Lebenssubstanz, ist Essenz unseres irdischen Seins. Nur wenige Minuten können wir leben ohne Luft.

Seele und Atem

Und wenn wir nun sagten, dass der Atem der Seele ähnelt, so bedient auch sie sich einer Essenz, hat einen Wirt: die Weltseele. Sie ist wie der Atem Gottes, der sich in den Gezeiten von Sein und Vergehen der Welt ausdehnt und wieder zurückzieht in das Eine. Der Kreis und der Punkt unterscheiden sich lediglich in ihrer Ausdehnung. Doch der Punkt des Übergangs, vom einen in das andere Sein, vom Maximum des Umfangs in das Minimum des Mittelpunkts, birgt in sich beides: Leben und Sterben, Sein und Entwerden.

Im Wachstum liegt Schmerz, der sich mit dem Gewordensein aber eben an dem eben besagten Übergang, für sein Erleiden in uns, als Schönheit, Freude und Gutes erkenntlich zeigt, dann wieder abnimmt, den Menschen erleichtert und sich sein Sein dabei lichtet, öffnet und erlöst.

In unserem täglichen Leben steht dafür der Gleichmut, der nicht vergleicht und das Sein nimmt wie es kommt, mit seinen erhebenden und seinen mindernden Kräften.

Man achte aber auf diesen erfreulichen Punkt des Übergangs. Jeder Atemzug durchläuft ihn in der Mitte zwischen Ausatmen und Einatmen. Unser ganzes Leben ist davon bestimmt, während des Einschlafens und Aufwachens, jeden Herbst und jeden Frühling im Laufe unseres Lebensjahres.

Werden und Vergehen liegen am selben Punkt wie Ursprung und Ziel, die unser Lebensweg miteinander verbindet. Die Zeit zwischen dem was war und dem was sein wird, bringt dem Leben seine Spannung. Im Jetzt zu leben aber ent-spannt.

 

Licht aus dem Jenseits im Dunkel der Welt

von S. Levent Oezkan

Polarstern - ewigeweisheit.de

Im Sufismus gibt es die Metapher vom polierten Spiegel, der ein Bild ist für das mystische Herz im Menschen – ein spirituelles Organ, auf dem sich allmählich Staub schichtet, ausgefällt von all den Ungereimtheiten des Lebens. Nur wer sein Herz rein hält, der wird der Reflexionen eines Schimmerns gewahr, in dem Göttlichkeit funkelt.

So wie im Makrokosmos das Licht Gottes aus dem Feuerball der Sonne strahlt, so hell auch kann dieses mystische Herz im Menschen zum Strahlen gebracht werden – so die Sufis. Damit wird das Herz selbst zur großen Leuchte und erfüllt den Mikrokosmos menschlichen Seins mit dem Licht Gottes.

Allah ist das Licht der Himmel und der Erde.

- Sure 24:35

So wie die Sonne Licht und Wärme spendet, so strahlt auch das erleuchtete Herz eines Menschen, erfüllt von Weisheit. Wie könnte es auch unerleuchtet bleiben, reflektiert seine Reinheit doch die Ausstrahlungen des Allmächtigen.

Ein wahrer Sufi begehrt darum sein Herz von aller weltlichen Ignoranz zu säubern und dessen mystischen Spiegel zu reinigen. Alles was die Nacht seiner Unwissenheit verdunkelte, werden dann Tausende Sterne erhellen. Es sind Wegmarken auf dem Pfad zur Erleuchtung:

Und mit der Hilfe der Sterne folgen sie ihrem rechten Weg.

- Sure 16:16

Bis auf die Planeten des Sonnensystems, sind alle Lichter am nächtlichen Firmament, selbst Sonnen. Das wissen Astronomen seit langer Zeit. Doch es sind nicht die Sterne als solche, sondern das von ihnen ausgehende Licht, wonach sich die Menschen zu Lande und zu Wasser orientieren.

Ein Mensch der seinen Blick jedoch nach innen richtet, braucht auf seiner Lebensreise eine eigene Orientierung. Und so wie die Sonne die Erde und die Planeten durch ihr lichthaftes Sein »rechtleitet«, so sollte auch das Herz jenes Menschen eine Leuchte werden, in dessen Schein sein Träger den ihm gebührenden Weg findet. Auf diesem Weg strebt einer dann aus dem Dunkel der Nacht der Unwissenheit, hin zu einem Licht seines innersten Geheimnisses. Es gleicht dem Licht der im Osten aufsteigenden Sonne, dass ihm den Weg seines Erwachens bescheint. Er, dem dieses Lichtes gewahr wurde, wird bedauern, sobald er erkennt, wie lange er sich schon wie ein Schlafwandler durchs Leben bewegte.

Sie schliefen nur einen kleinen Teil der Nacht, und in der Morgendämmerung baten sie Gott um Vergebung.

- Sure 51:17f

Gibt es ein himmlisches Selbst?

In der orientalischen Hermetik, existiert das spirituelle Konzept der »vollkommenen Natur« eines Individuums. Es ist jener Teil der menschlichen Seele, der als himmlisches Gegenbild bezeugt, dass auf Erden, einst die Seele in einen Körper eintrat. Davon unberührt aber bleibt ihr himmlisches Gegenbild, ihre kosmische Doppelgängerin, die auf gewisse Weise ein Idealbild zu ihrer irdischen Reflexion darstellt. Die vollkommene Natur einer auf Erden geborenen Seele, dient ihr als großes Selbst, als individueller, übersinnlicher Führer.

Das wahre Licht dieser seelischen Instanz, reflektiert jenes mystische Herz in der Mitte eines Menschen. Wer es dort in sich leuchten sieht, dem wird es ein Licht sein, dass ihn zu seiner wahren Bestimmung führt. So jemand wird sich mit Klugheit durch sein weltliches Leben bewegen und so handeln, dass es zu seinem eigenen und zum Wohle seiner Zeitgenossen beiträgt. Was sich nämlich in seinem Herzen, als die vollkommene Natur widerspiegelt, ist der Grund seiner Inkarnation. Und damit wäre sich einer des Zwecks seiner Menschwerdung bewusst geworden, den er auf Erden auch erfüllen kann und damit seine eigentliche Aufgabe im Leben gefunden hätte.

Wer demnach seine vollkommene Natur, als seinen übersinnlichen, himmlischen Lichtträger erkennt und als sein großes Selbst annimmt, sowie sein gesamtes irdisches Handeln danach ausrichtet, der wird sich erheben können, aus dem Trauerspiel all der vielen Widersprüche, die ihn von seinem wahren Lebensweg abbrachten.

Körper und Geist: Diener des Herzens

Sein höheres Selbst erlebend bemerkt einer, wie sich all die Zweideutigkeiten in seinem Leben auflösen. Das aber setzt voraus, dass ein Mensch die vielen Licht- und Schattenaspekte zu unterscheiden gelernt hat und sieht, wie er sich durch seinen Tag und wie er sich durch seine Nacht bewegt. Das heißt, er erkennt den Tag als Welt rationaler Normen, voller Zwänge und Unzulänglichkeiten, wo er bisher viele vorgefertigte Lösungen einfach hinnahm, im Glauben sie würden das Leben erleichtern. Solange seine Seele weiter schlummert, umdämmert vom Mantel eines Un-Bewusstseins, ohne ihre Verbindung zu jenem himmlischen Licht erkennend, wird ein Zustand der Um-Nachtung aufrecht erhalten.

Das Dunkel weiß nichts vom Licht und das Licht weiß nichts vom Dunkel. Sonne und Mond gehen im Osten auf und im Westen unter. Nur selten erblickt man sie am Himmel zusammen. Dann aber scheint man zu erkennen, dass es eine Verbindung gibt, zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Dunkelheit. Doch die Seele der meisten Menschen schlummert erfüllt von nächtlicher Unwissenheit, während sie am Tage absinkt, zwischen Kummer und Sorgen, hinunter in die Tiefen des Un-Bewussten.

Das irdische Seelendasein ist ununterbrochen verbunden mit seinem himmlischen Führer, mit seinem großen, göttlichen Selbst – auch Nachts, im Schlaf und im Traum. Tagsüber verdrängen Vernunft und Alltagsbewusstsein das Erleben dieser Verbindung. Nachts aber tritt es ab, in sinnenbezogener Un-Bewusstheit. Mit dem zu Bett und Schlafen gehen, ereignet sich also eine Trennung, so als würde einer seiner Lebenszeit einen Teil entnehmen, der ihm dann verloren scheint, als hätte er etwas in seinem Leben verschwendet.

Es ist der Glaube an die Getrenntheit von Tag und Nacht, von Anwesenheit und Abwesenheit des Lichts, dass dieses Bewusstsein zu rechtfertigen scheint. Weniger aber sind Tag und Nacht tatsächlich getrennt, als eher die beiden Enden einer Polarität, wozwischen sich unzählige Schattierungen auffächern. Gelänge einem nur endlich aus dem Alltagsschlaf zu erwachen, Nachts aber den schlummernden Körper im Traum bewusst zu verlassen, um bei der Rückkehr dann, seinem Tagesbewusstsein entgegen zu streben.

Schihab Ad-Din Suhrawardi - ewigeweisheit.de

Schihab Ad-Din Yahya Suhrawardi (1154-1191).

Die Philosophie der Erleuchtung

Dem persischen Sufi und Mystiker Schihab Ad-Din Yahya Suhrawardi, den seine Schüler auch »Meister der Erleuchtung« nannten, galten das Licht und seine Symbolik, als Dreh- und Angelpunkt seiner Weisheitslehre: Hikmat Al-Ishraq – Philosophie der Erleuchtung.

Die gesamte von einem Menschen wahrgenommene Realität, war für Suhrawardi die Zusammensetzung aus einem Spektrum aller Schattierungen zwischen Lichtem und Finsterem, zwischen Lebendem und Totem, zwischen Mittäglichem und Mitternächtlichem.

In seiner Licht-Philosophie schildert er, wie sich all die unzähligen Facetten von Lichtern und Finsternissen, sowie all die damit erscheinenden Wechselwirkungen, aus etwas hervorgehen, dass er das »Reine Licht« nennt. Das ist etwas, dass jenem »guten Licht« der Genesis ähnelt, woraus Gott Helles und Finsteres bildete.

Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis.

- Genesis 1:4

All die Schattierungen, die aus diesem Wechselspiel lichthafter Erscheinungen hervorgingen, setzte Suhrawardi für die Entstehung des Universums voraus. Dabei aber unterscheidet er zwischen dem eigentlichen, physikalischen Licht, den Arten der Dunkelheit und all den vermittelnden Übergängen und Begrenzungen dazwischen. In der Lichtwelt wohnen die Seelen, während die Welt der Finsternis, alle von der Lichtwelt ausgeschlossenen Wesen beherbergt.

Was der Lichtwelt zugesprochen werden kann, existiert aber in verschiedenen Graden und Abstufungen von einander – zwischen dunkleren bis hin zu helleren Lichtern, vom Roten bis ins Blaue, vom verfestigen, »gefrorenen Licht« des Materiellen, bis hin zu den feinsten Nuancen der geistigen Welt, die jenem »reinen Licht« zustreben – dort wo sich alle Zweideutigkeiten auflösen und zu einer ursprünglichen, reinen Geistigkeit verschmelzen.

Für Suhrawardi war aber nicht etwa das Licht selbst die Realität allen Seins, sondern dieses, sich aus Lichtern zusammensetze Gefüge, von einander abgestufter Helligkeiten. Ununterbrochen gebiert sich daraus neues Sein. Als wahrer Ursprung dieser unendlichen Schöpfungen des Seins, galt Suhrawardi aber immer jenes Reine Licht.

Alles Sein in der physischen, elementaren Welt, besteht aus einer Mischung von Licht und Finsternis. Darin aber durchfließen diese beiden Extreme, wiederum Lichter verschiedener Grade und schichten sich vertikal über die Welt der Materie. Die Anzahl dieser Lichter entspricht, laut Suhrawardi, der Anzahl der Fixsterne des nächtlichen Himmels. Diese Lichter galten ihm darum als unbegrenzt, jedoch nicht unendlich und waren darum erschaffen.

Diese vertikalen Erleuchtungsschichten beeinflussen einander, woraus sich eine horizontale Ordnung von Lichtern ergibt, die das Sein alles Wesentlichen lenkt. Alle darin existierenden Seinsformen, gleichen göttlichen Abbildern jener höheren Lichter. Aus dem Wechselspiel dieser vertikalen und horizontalen Lichter, entstehen schließlich die Körper der Wesen der niederen Welt. Auch sie befinden sich in einer bestimmten Ordnung, gemäß ihrer Fähigkeit selbst Licht auszusenden oder zu empfangen.

Kosmischer Orient, Ursprung der Seelen

In ihrer inkarnierten Form auf Erden, orientieren sich diese Wesen der niederen Welt, anhand der sieben Himmelsrichtungen: Osten, Westen, Norden, Süden, Oben, Unten und der Mitte. Hierin spiegelt sich die Vertrautheit mit ihrer Existenz auf Erden, denn durch diese Orientierung in ihrer physischen Natur, verleihen sie ihrem Dasein seinen Sinn. Zu diesem Dasein als »Wesen«, zählen natürlich auch die körperlichen Individualitäten des Menschseins.

Jene oben angedeutete, kosmische Horizontale aber, empfinden die irdischen Wesen als ideale Linie, deren Enden Ost und West berühren, und die zwischen Orient und Okzident, zwischen Mitternacht und Mittag empfunden, als räumliche Augenscheinlichkeit wahrgenommen wird. Auch wir Menschen orientieren uns daran.

Horizontal heißt, den Horizont betreffend – ganz gleich ob sich der Beobachter auf einer geraden Fläche oder einer riesigen Sphäre befindet, was für die Erde aus dem Sichtkreis eines Menschen ja zutrifft. Diese räumliche, horizontale Orientierung nach den Himmelsrichtungen hin, deren wichtigste Position der Orient ist (von lat. orior, »aufgehen«) und darum der Osten wo die Sonne aufgeht, dient dem Menschen in seiner tagtäglichen Wiederholung, zuerst einmal als zeitliche Orientierung.

Doch so wie der Mensch die Himmelslichter seiner Umwelt als horizontale Erscheinungen seines raumzeitlichen Seins wahrnimmt, existiert zu den traditionellen, außerdem eine achte, zusätzliche Himmelsrichtung. Sie bildet den Orientierungspunkt einer Senkrechten, die über das nördliche Ende der Erdachse hinausstrebt. Sie weist in Richtung einer Vertikalen, deren Pol ein übersinnlicher, mystischer Orient ist – ein Ort des Ursprungs und der Rückkehr.

Auf weltlicher Ebene repräsentiert diesen kosmischen Orient der Polarstern. Er bildet die Spitze der irdischen Rotationsachse. Wenn die Erde nun als absolutes Diesseits vorausgesetzt wird, dort eben, wo die Menschenseelen inkarnieren, ließe sich der Polarstern mit dem Gesagten, symbolisch als Schwelle zum Jenseits verstehen.

Dies ist der Pol nach dem sich der Mystiker zu orientieren trachtet: ein auf unseren Weltkarten nicht lokalisierbarer Orient, jenseits des irdischen Nordpols. Von dort, aus dieser vollkommenen Lichtwelt, steigen die Seelen hinab in die Welt der finsteren Materie – und von dort kehren sie dereinst in diese Lichtwelt wieder zurück. Solange aber die Seele auf Erden in einem Körper lebt, fließen ihr Lichter aus den höheren, vertikalen Ebenen dieser Lichtwelt zu.

Polaris - ewigeweisheit.de

Der Nordpolarstern Stella Polaris: Hellster Stern in der Konstellation Kleiner Bär (Kleiner Wagen).

Der vergessene Pol

Es scheint aber, als sei all das dem menschlichen Bewusstsein verloren gegangen. Unwissend, stehen wir Menschen damit im Brennpunkt der Gegensätze eines Überirdischen und eines Unterirdischen, zwischen etwas ultimativ Gutem, das uns aus himmlischen Fernen skeptisch beäugt oder einem heißblütigen Bösen, dass ganz tief in der Erde glühend, unseren Eifer anfeuert. In einem auf solche Weise gefestigten Glauben, bleiben wir aber nur in dieser wahrnehmbaren Horizontalwelt gefangen. Überbewusstsein und Unterbewusstsein scheinen nur über Umwege erreichbar, da uns der Tag mit all seinen vielen Normen und die Nacht mit ihren tiefen, unersättlichen Leidenschaften nur davon abhalten, jenes vertikalen Orients wieder gewahr zu werden. Doch ohne das Bewusstsein über diese vertikale Dimension unseres Seins, bedingt unser Leben die große Illusion vom Hier und Dort – in vielleicht niemals vergehenden Erinnerungen an schlechte Zeiten unserer Vergangenheit und eventuell furchtgeschwängerte Vermutungen, mit denen wir die eingetretene Zukunft dann in Kauf nehmen.

Im Horizontalbewusstsein zu verweilen, ist, als spanne man einen langen Bogen über das Sein im Jetzt, an diesem Ort, an dem man sich gerade befindet. Diesem Bogen folgt, ganz nebenbei, unsere tägliche Aufmerksamkeit – zwischen Morgen und Abend. Doch es ist allein der Dämmerzustand – der nicht mehr Tag und noch nicht Nacht ist und der nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist – an dem sich ahnen ließe, das sich in der sterblichen Hülle unseres Körpers eine Seele befindet. Während all ihrer Lebensjahre auf Erden, ist sie stets verbunden mit jenem kosmischen Selbst unserer vollkommenen Natur, am erleuchteten Gipfel jenes himmlischen Pols.

Im Gewahrwerden dieses Geheimnisses erhält jemand, der aus dem Schlaf seiner Alltäglichkeit erwacht, ein Bewusstsein für das Leuchten eines Überbewussten Anteils seines Seins. Ebenso aber wird er dann in der Finsternis der Welt, dem Wesen seines Unterbewusstseins gewahr. Doch die im Verborgenen, dahinter wirkende Kraft, ist jenes Reine Licht, von dem wir oben sprachen, das Teil jener vertikalen Dimension ist, die losgelöst von Raum und Zeit, in Ewigkeit existiert.

Beim Lotusbaum am äußersten Ende

Diese vertikale Dimension durchragt die Himmel, die sich zwischen dem Diesseits und dem Jenseits übereinander aufschichten. Sie bereiste der islamische Prophet Mohammed (as) in seiner Nachtreise, der Miradsch (arab. für »Stufenleiter«). Dabei begegnete er auch den anderen, ihm vorausgegangenen (biblischen) Propheten in den sieben Himmeln, bis er schließlich vor dem Angesicht Gottes erschauderte.

Der islamische Historiker Abu Dschafar At-Tabari (839-923) schrieb in einem Kommentar zur 53. Koran-Sure »der Stern« (Sirius):

Als der Prophet die Verkündigung erhalten hatte und bei der Kaaba schlief, wie das die Quraisch zu tun pflegten, kamen die Engel Gabriel und Michael zu ihm und sprachen: 'Mit Bezug auf wen haben wir den Befehl erhalten?' Worauf sie selbst erwiderten: 'Mit Bezug auf ihren Herrn'. Darauf gingen sie fort, kamen aber in der nächsten Nacht zu Dreien wieder. Als sie ihn schlafend fanden, legten sie ihn auf den Rücken, öffneten seinen Leib, brachten Wasser vom Zamzam-Brunnen und wuschen das, was sie in seinem Leibe an Zweifel, Götzendienst, Heidentum und Irrtum fanden. Dann brachten sie ein goldenes Gefäss, das mit Glaube und Weisheit gefüllt war, und so wurde sein Leib mit Glaube und Weisheit gefüllt. Darauf wurde er zum untersten Himmel emporgehoben.

- At-Tabari

Gabriel und Michael stellten eine Leiter auf, zwischen dem Heiligtum der Kaaba und dem heiligen Zamzam-Brunnen zu Mekka. Diese Leiter ragte bis in die sieben Himmel hinauf. Von Gabriel begleitet, betrat darauf Mohammed (as) die himmlischen Sphären, wo er von den Propheten Belehrungen erhielt, bis ihn Gabriel anwies, selbst aber außerhalb zurückbleibend, sich vor das Angesicht Gottes zu begeben.

Und er gab seinem Diener jene Offenbarung ein. […] Und er sah ihn bei einer anderen Begegnung, beim fernsten Lotusbaum (Sidrat Al-Muntaha) am äußersten Ende, an dem das Paradies der Geborgenheit liegt, als den Lotusbaum überflutete, was (ihn) überflutete. Der Blick (des Propheten) schweifte nicht ab, und er übertrat nicht die gesetzte Grenze. Wahrlich, er hatte eines der größten Zeichen seines Herrn gesehen.

- Sure 53:10,13-18

Als der Prophet Mohammed (as) am darauffolgenden Tag seiner Gemeinschaft vom Erlebten berichtete, erntete er nur Hohn und Spott. Schließlich äußerte er etwas, dass dem konformen Gottesglauben seiner Zeit nicht entsprach. All jene, die die spirituelle Reise seines lichthaften Daseins bezweifelten, waren Vertriebene aus dem Lichtreich, fernab ihrer vollkommenen Natur, gefangen im weltlichen Gefüge althergebrachter Gewohnheiten und Normen.

Doch das äußerste Ende, von dem in diesen Koranversen, vom lichtüberfluteten Lotusbaum die Rede war und wo »kein Blick abschweift« (Sure 53:14-17), dort eben beleuchtet das Glanzlicht des Erhabenen, das höhere Selbst eines Individuums, am Himmelspol jenes zuvor beschriebenen kosmischen Orients.

Suhrawardi nannte diesen kosmischen Orient, die Himmelsrichtung der Erleuchtung, ein Ort von dem aus das Licht einer überirdischen Sonne aufsteigt. Dieses Licht empfand Suhrawardi als Quelle allen Seins. Der gegenüberliegende, kosmische Okzident aber, galt ihm als finsterer Abgrund allen Nicht-Seins. Im Arabischen heißt der Okzident »Maghreb«, was etymologisch einhergeht mit der Vorstellung vom Fernen, und damit etwas benennt, das getrennt von der Welt in Dunkelheit besteht, eben so wie auch die Orte jenseits des irdischen Sonnenuntergangs. Darum steht der Okzident im übertragenen Sinne auch für das Schattenhafte im Menschen, seine Ignoranz, insbesondere aber seine Unwissenheit über das wahre Wesen seiner Seele.

Suhrawardi schrieb in einer seiner visionären Erzählungen, über die Seele, die sich im Exil von ihrem wahren Ursprung befindet. Doch auf Erden im Menschenleibe inkarniert, vergaß sie den wahren Ursprung ihrer eigentlichen Lichtnatur.

In dieser kleinen mystischen Schrift Suhrawardis, erwähnt der Autor eine »Zwei-Einheit«, die sich aber leider den Kategorien menschlicher Sprache entzieht, da sie sich nur in der Polarität ausdrücken lässt. Doch beides zugleich, Sein und Nichtsein in Einem, kann lediglich als Begrifflichkeit vorausgesetzt werden, die aus dem Reinen Licht entstammen. Aus ihm wurde auch die Vollkommene Natur geboren, das große, kosmische Selbst, das dem Licht-Menschen verhilft, ihn aus seinem körperlichen Exil, zu seiner wahren Herkunft zurückzuführen.

Sonnenuntergang - ewigeweisheit.de

Ein Sonnenuntergang über dem Wasser. Die geografische Region, wo die Abendsonne im Westen versinkt, nannten die Römer den Okzident: das Abendland.

Die Erzählung vom westlichen Exil

Gewiss erinnert Suhrawardis gleichnishafte Erzählung, an das aus den gnostischen Thomas-Akten bekannte »Lied von der Perle«. Denn auch in seiner Geschichte erzählt er von einem Jungen, der sich aus dem Orient ins Exil begibt. Er geht nach Al-Qairawan, die Stadt der Unterdrücker.

Einst unternahmen ich und mein Bruder eine Reise, ins Land des Okzident, das zum Land jenseits des Flusses gehört

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:1

In diesem Land lebten Despoten, die in der Erzählung Suhrawardis, die Hauptfigur als Freien erkannten und ihn darum festnahmen, fesselten und in einen tiefen Brunnen warfen, den die Mauerzinnen einer riesigen Burg umgaben. Die Einwohner der Stadt Al-Qairawan erlaubten dem Jungen seinen Kerker zu verlassen, wenn er dabei nur nackt bliebe und zu Tagesanbruch wieder dort hin zurück kehrt – an jenen Ort tiefster Finsternis, über die es in der koranischen Licht-Sure heißt:

Wie Finsternisse in einem abgrundtiefen Meer, eine Woge bedeckt es, über ihr ist eine Woge, darüber ist eine Wolke: Finsternis über Finsternis.

- Sure 24:40

Nur Nachts also, für kurze Augenblicke, konnte er aus der Tiefe emporsteigen. Natürlich scheint das eine Anspielung zu sein, auf die Seele, die sich des Nachts in der Traumwelt frei bewegt, doch im Erwachen am Tage, in den Körper zurückkehren muss, ihre eigentliche Ungebundenheit und die gesehenen Wahrheiten der Traumgesichte, wieder vergessend.

Der Wendepunkt in der Erzählung vom westlichen Exil, ist das Erscheinen eines Wiedehopf, der die Hauptfigur eines Nachts, zu Vollmond besuchte.

Ich bin gekommen um Euch frohe Botschaft zu überbringen aus dem Königreich von Saba.

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:10

Wer die Tempellegende der Freimaurer kennt, dürfte hier aufhorchen.

Wie dem auch sei, erhielt er von dem Wundervogel einen Brief, den ihm sein Vater aus Sehnsucht geschrieben hatte. Er glaubte nämlich, sein Sohn hätte ihn vergessen.

'Wir rufen nach dir, doch du trittst die Reise nicht an. Wir senden dir Zeichen, doch du verstehst sie nicht.' Dann fuhr der Verfasser des Briefes damit fort, mir Anweisung in seiner Nachricht zu geben, die da hieß: 'Wenn du dich retten willst, warte nicht, schiebe deine Abreise nicht weiter auf, und nutze den Rat unserer Leitung vom himmlischen Drachen des Mondes, der über die spirituelle Welt regierend, die Enden der Ekliptik umkreist.'

- Erzählung vom Westlichen Exil 1:11f

Der Wiedehopf flog ihm voraus, und als er den Rand der Finsterwelt erreichte, sah er die Sonne über sich aufsteigen. Darin erkannte er den Ruf seines Aufbruchs. Er machte sich auf die Suche nach jenem Orient, der sich aber nicht im Osten unserer Weltkarten finden lässt. Es war jener Orient, der im kosmischen Norden verortet, den Reisenden auf seiner Rückkehr dorthin, jenseits des kosmischen Mond-Drachen, durch das Reich der Sternbilder führt, hinauf zu dem kosmischen Berge Qaf, dem mystischen Sinai, dessen Felsen aus reinstem Smaragd, das gesamte Universum umringen.

Den smaragdenen Felsen des Berges Qaf, erreicht schließlich derjenige, der alle Himmel hinter sich gelassen hat. Dort angekommen, betritt er das mystische Lichtland von Hurqalya. Jenes Licht das ihm dort aufdämmert, führt ihn zu seinem eigenen Selbst, worin er seiner vollkommenen Natur gewahr geworden, die äußeren Sinne seiner Körperlichkeit hinter sich lässt.

Es ist in Hurqalya, wo der Pilger seinem persönlichen Engel begegnet, der ihm die mystische Hierarchie all derer enthüllt, die vor ihm, hierher gelangt waren.

'Wisse, dass dies der Berg Sinai (Qaf) ist. Über diesem Berge aber ist ein anderer: Der Sinai dessen, der mein Vater ist, dein Großvater, zu dem ich in Beziehung stehe, wie du zu mir. Und doch gibt es noch weitere Ahnen und unsere Abstammung endet schließlich beim König, dem höchsten Urahn, dem, der keine Ahnen und keinen Vater hat (dem unbewegten Beweger). Wir sind seine Diener, dem wir unser Licht schuldig sind, da wir unser Feuer von seinem Feuer nur geborgt haben. Seine Schönheit ist beeindruckender als jede andere Schönheit, von nobelster Erhabenheit und überwältigendem Lichtschein. Er ist jenseits allen Jenseits. Er ist das Licht über dem Licht (Sure 24:35), jenseits allen Lichts in Ewigkeit für alle Ewigkeit.

- Erzählung vom Westlichen Exil 3:42f

Jener Pilger, ein Ausgestoßener, als er noch unbewusst in jenem tiefen Kerker der Materialität gefangen war (in der Stadt Al-Qairawan), ging gegen seine Unterdrücker an. Schließlich hatten sie ihn gezwungen, seine wahre Herkunft zu vergessen, damit er sich nicht mehr an seine eigentliche Lichthaftigkeit erinnere. Doch er wurde erst zum Pilger, zum »Aufbrechenden« auf der Rückkehr zu seinem wahren, zu seinem kosmischen Selbst. Als »Bleibender« war er wie ein Heimatloser gefangen, in jener Welt der Finsternis, wo man ihn konform machen wollte im Un-Bewusstsein eines dunklen Vergessens.

Als er aber den Ruf seines Vaters (aus dem Lichtland Hurqalya) vernommen hatte, und aufbrechen wollte, galt er jenen Unterdrückern wohl als Ketzer, der sich wieder die Gesellschaftlichen Normen wandte. Ihnen war er nur noch ein Unangepasster, ja sogar ein Verrückter. Als so ein Kranker diagnostiziert, sollte er zum »Heilbaren« werden, dem seine Hirngespinste ausgeredet werden mussten, um ihn wieder leben zu lassen – im Einvernehmen mit dem Konformen.

Doch seine Erweckung ließ sich nicht auf solche Angepasstheit reduzieren, auch wenn man ihn hat Speisen des Vergessens verzehren lassen. Trotz alledem vernahm er den Ruf. Er kam als Botschaft aus jener Lichtwelt, die nicht dem Tageslicht der Stadt Al-Qairawan entsprach. Es war der Ort seiner wahren Herkunft, der Ursprung des großen Selbst seiner vollkommenen Natur – dort auf dem Berge Qaf, am smaragdenen Felsen – am Pol des himmlischen Orient.

Auf der Suche nach der vollkommenen Natur unseres Seins

Kehren wir noch einmal zurück zur Schilderung der Himmelsfahrt des Propheten Mohammed (as). Sieben Himmel durchreiste er, bis er vor Gottes Angesicht, am Lotusbaum des äußersten Endes vom Licht des Erhabensten gebannt »eines der größten Zeichen seines Herrn gesehen« hatte (Sure 53:18). Der griechische Philosoph Aristoteles, der in der islamischen Philosophie wie auch für Suhrawardi, eine nicht unbedeutende Rolle spielte, hatte ebenfalls den Himmel in sieben Sphären unterteilt, als Königreiche der sieben Gestirne, wo Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn regieren.

Von diesen sieben Himmeln ist auch im Koran die Rede, wo Allah jeden davon harmonisch formte (Sure 71:15) und den Wesen und Planeten (als Himmelsleuchten) darin, ihre jeweiligen Aufgaben zuwies (Sure 41:12). Diesen Geschöpfen, durch die biblischen Propheten repräsentiert, begegnete Mohammed (as) auf seiner Reise (Miradsch) durch die sieben himmlischen Sphären.

Die Vision vom kosmischen Selbst

In der folgenden meditativ-imaginative Exkursion, möchte ich dem Leser eine Möglichkeit übergeben, sich auf ähnliche Weise, diesem kosmischen Orient, in einer Visualisierung zu nähern, um sich dort der vollkommenen Natur seines Großen Selbst gewahr zu werden.

Denke dir eine Stufenleiter, die vor dir aufsteigend, hin in Richtung Norden, zum Sternbild des Großer Bären weisend (Großer Wagen) und über den Horizont hinausstrebt (jenem Sternbild nämlich, das in Europa etwa 20° über dem Horizont der nördlichen Hemisphäre, Tag und Nacht um den Polarstern kreist).

Du näherst dich ihr und betrittst ihre Stufen, bis du den ersten Himmel erreichst. In deinem spirituellen Gewahrsein, findest du dort einen geheimnisvollen See. Dieser erste Himmel ist das Zuhause Adams und Evas, die dort mit den Engeln der Sterne weilen.

Und wie du dich weiterbewegst, durchschreitest du die Sphäre des zweiten Himmels, dessen Pfade gesäumt sind von Perlen. Hier ist die himmlische Heimat von Johannes dem Täufers und von Jesus dem Christus.

Im dritten Himmel, der in festem Eisen gefasst erscheint, dort wohnt der Prophet Joseph.

Nun bewegst du dich fort in den vierten Himmel. Alles dort ist in weißes Gold gehüllt. Es ist die Wohnstatt des Propheten Idries (Henoch).

Im fünften Himmel erreichst du eine kosmische Sphäre, wo fein poliertes Silber das Angesicht des Propheten Aaron spiegelt.

Den sechsten Himmel schmücken wundervoll rote Rubine, bei denen sich der Prophet Moses aufhält.

Endlich erreichst du den siebten Himmel. Hier wirst du eines Lichtes gewahr, so wundervoll, dass du es nur mit deinem inneren Auge vernehmen kannst und es dir sicherlich auf eine Weise erscheint, wie nur du es zu vernehmen vermagst. In ihm erblickst du einen riesigen Felsen aus reinstem Smaragd, dessen Leuchten alles in grünes Licht eintaucht. Hier begibst du dich in Gegenwart des Propheten Abraham, in dessen Nähe sich auch der geheimnisvolle Lotusbaum der koranischen Licht-Sure befindet. Er markiert den Gipfel des siebten Himmels. Hier erfährt die Seele ihre höchste Erfüllung und erkennt die Lichtnatur ihres eigentlichen, höheren Selbst.

An diesem Punkt der Reise angelangt, ordnet sich alles. Die Gedanken werden rein und Klarheit erfüllt dein Wahrnehmen. Hier nimmst du Kontakt auf mit den tiefsten Schichten deines Selbst, wo sich der Schimmer deiner vollkommenen Natur, deines kosmischen Selbst, im polierten Spiegel deines Herzen reflektiert.

Sei wachsam – empfinde und fühle, was von dort, aus der Mitte deines Seins, du mit dem Auge deines Herzens erblickst. Es ist der Glanz deines großes Selbst.

Lass dich von ihm führen.

 

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Die Seele ist die Königin, der Körper ihr Untertan

Die Seele ist die Königin, der Körper ihr Untertan

Die Natur ist ein Werk der Seele. Die Religionslehrer aber erklären, dies alles seien Taten des herrlichen Schöpfers und Bildners. Man muss aber bedenken, dass die Seele eine Schöpfung des Schöpfers ist.

Und wenn es heißt, dass die Wirkungen der Kräfte und ihre Beziehung zur Seele nur deshalb existieren, damit der Mensch beim Nachdenken über die Seele und deren bewundernswerten Taten, vom Schlaf der Sorglosigkeit und Torheit erwache. Denn er soll seine Seele und ihre wunderbare Wirkung erkennen. Er muss dann wissen, dass der gute Meister am guten Werk erkannt wird, dies aber auf den allweisen Meister schließen lässt.

Auf der Erde gibt es Zeichen für die Kundigen und ebenso in euren Seelen, seht ihr dies etwa nicht ein?

- Sure 51:20

Der Körper gleicht einer Stadt

Es gleicht dieser Körper mit der Seele darin, dass die Kräfte derselben ihre Wirkung kundtun, in allen verborgenen und sichtbaren Gliedern. Sie bewirken durch die verschiedenen Bewegungen der Kanäle dieser Glieder, sowie durch die Sitze der Sinne in den Öffnungen des Kopfes, Vorgänge, die dem Treiben in einer Stadt ähneln. Es ist wie in einer von ihren Einwohnern bebauten und gepflegten Stadt. Ihre Märkte sind offen, ihre Strassen belebt und ihr Handel geht so gut, dass die Ware darin gefertigt wird, die Handwerker beschäftigt sind und die, welche sich ihren Lebensunterhalt erwerben, hin- und herlaufen, ihre Zugtiere nicht rasten und es von Reitern und Fussgängern gerade so wimmelt. Dies gilt für den menschlichen Körper im Wachzustand.

Zur Zeit des Schlafs, wo die Sinne unsicher sind und die Bewegungen rasten, gleicht dagegen der Körper jener Stadt bei Nacht. Dann sind die Märkte geschlossen, die Arbeiter müßig, die Straßen sind leer, die Leute schlafen und es sind kaum noch Geräusche zu hören.

Schlafes Bruder

Trennt sich die Seele von diesem Körper, so gleicht sie einer verlassenen Stadt. Als solche, die keine Bewohner mehr hat und die alle ihre Haustiere mitgenommen haben, verkommt eine Stadt allmählich zur Wüste und zum Aufenthaltsort wilder Tiere. Da hört man des Nachts dann die Rufe des Uhus und am Tage ziehen dort die Geier ihre Kreise. Ihre Mauern zerfallen, die Dächer ihrer Häuser stürzen ein und nach und nach verwandeln sich die Gebäude in Schutthaufen.

Ebenso ist es auch mit dem menschlichen Körper, wenn ihn die Seele verlässt. Er schwillt auf, beginnt zu stinken und wird zur Heimstatt von Würmern, Fliegen und Ameisen. Schließlich aber wird er zu einem Haufen Staub, wo man nur noch die Knochen unterscheidet, die wie die Steine und Ziegel aus den Trümmern der einstigen Stadt hervor ragen.

Die Seele ein Reiter, der Leib ein Esel

Man vergleiche ferner die Seele mit dem Embryo, den Leib mit dem Mutterschoß. Oder die Seele mit dem kleinen Kind, den Leib mit der Schule; die Seele mit dem Insassen, den Leib mit der Wohnung; die Seele mit dem König, den Leib mit dem Untertan; die Seele mit dem Handwerker, den Leib mit der Werkstatt; die Seele mit dem Fertiger, den Leib mit dem Gefertigten; die Seele mit dem Leiter, den Leib mit dem Geleiteten.

Die Seele gleicht dem König, ihre Kräfte den Soldaten und Untertanen.

Die Seele gleicht auch einem Reiter, die sich auf ihrem Reittier, dem Leib, durch die Welt bewegt. Die Welt aber ist die Rennbahn, wo die Weisen der Welt den Siegern ähneln.

Wenn die Seele dann von der Kraft zur Tat schreitet, so erscheint uns der Körper wie das Schiff, die Seele wie ein Handel treibender Kapitän. Seine Handlungen sind wie die dort transportierten Waren, die Welt wie das Meer auf dem dieses Schiff fährt. Der Tod schließlich gleicht dem Ufer, wo der Leib zurückbleibt, während der Händler dort in seine Heimat zurückkehrt - jenen Ort, wo Gott ihm seine Ernte vergilt.

Die Seele ähnelt auch dem Bauern, der Körper dem Saatfeld, die Handlungen den Körnern und Früchten. Der Tod ähnelt dem Sensemann, die Welt nach dem Tod gleicht der Scheune, wo die Ernte von Gott gedroschen wird und sich dabei die Spreu vom Getreide löst.

Was Tod und Leben sei

Tod und Leben zerfallen in zwei Arten: leiblich und geistig.

Das leibliche Leben ist nichts anderes, als dass sich die Seele eines Körpers bedient.

Der leibliche Tod aber ist nichts, als dass die Seele es unterlässt einen Körper zu gebrauchen.

Auch das Wachsein ist nichts anderes, als dass die Seele die Sine anwendet. Der Schlaf dagegen ist nichts anderes, als die Unterlassung dieser Anwendung.

Bei der Seele ist das Leben ein wesenhaftes, ihre Substanz ist lebendig. Sie ist in der Tat wissend, durch die Kraft in den Körpern, Gestalten und Formen von Natur schaffend.

Der Tod der Seele ist ihre Unkenntnis von ihrer Substanz und ihre Sorglosigkeit ihr Wissen nicht zu erkennen. Dies stößt ihr zu, wenn sie sich zu sehr in das Meer der Materie hinabsinken lässt, und sie zu weit in den Tiefgrund des Körpers einging, da sie sich zu sehr den leiblichen Begierden hingab.

Da die meisten Mensch die Substanz ihrer Seele nicht kennen und sich nicht um das ewige Leben kümmern, kennen sie nur dies niedrige irdische Leben, das aber ein Ende hat. Sie scheinen aber ewig in dieser Welt bleiben zu wollen, wissen aber nicht:

Dieses diesseitige, irdische Leben ist nichts als Zeitvertreib und Spiel. Die Wohnstatt des Jenseits aber, ist das eigentliche Leben. Wenn sie's doch wüssten!

- Sure 29:74

Auf dem Weg ins Paradies

Wenn der Leib an Alter und Schwäche zunimmt, nimmt dagegen die Seele an Frische und Tugendkraft zu.

Im Leibe liegt eine Seele, die altert mit ihm nicht.
O ließe doch das Alter keine Spur auf dem Antlitz.
Sie hat Nägel, wenn alle anderen Nägel stumpfen,
Und Zähne, wenn mein Mund deren nicht mehr hat.
Die Zeit ändert an mir, was sie will, nur nicht die Seele,
Und ich gelange zum Lebensende, während sie noch jung ist.

- Al-Mutanabbi

Man überlege wohl den Bau dieser Wohnstätte, und betrachte den Wandel der Seelenkräfte in ihr, sowie ihre wunderbaren Wirkungen und verschiedenen Bewegungen, dann erwacht man vom Torheitsschlummer und kann die Seele klar in ihrem Wesen und ihrer Substanz erkennen. Man sieht die Welt der Seele, ihren Anfang und Ausgang, ebenso wie man mit dem leiblichen Auge diese Wohnstätten und diese Stadt sehen kann. Man erkenne die Erhabenheit jener Stätte der Seele, strebe ihr zu und entkomme dadurch dem Meer der Materie, sowie dem Tiefgrund, der mit den Distanzen begabten Körper. Bevor diese leibliche Stadt zerfällt, nehme man sich eine ewige Wohnstätte in der geistigen Welt. Denn diese Stätte ist keine Stätte des Weilens, sondern eine Stätte der Vergänglichkeit, des Entstehens, der Verwandlung und des Vergehens. Es ist eine Stätte für Hunger und Durst, für Krankheit und Elend, Kummer und Unglück.

So sagt der Prophet Mohammed (as):

Einsichtig ist der, welcher sich selbst kennt und für das wirkt, was nach dem Tode ist. Verständig ist der, welcher sein Herz der Welt entreißt, ehe der Leib von der Welt scheidet. Drum sehne doch ach der Stätte, wo weder Kummer noch Gram, weder Hinschwinden, noch Krankheit, noch Dürftigkeit ist. Dort sind die Nachbarn nicht gegen einander neidisch, die Brüder setzen sich auf ihren Sesseln einander gegenüber und haben, was sie begehren. Das ist die Stätte des Lebens. Dies ist das Himmelreich und die Weite der Sphärenwelt, die ganz erfüllt ist mit Hauch, Duft; dort ist das Paradies und Wohlgefallen.

Vielleicht gelingt auch dir der Anstieg und du erhältst den Lohn für deine guten Taten.

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, umarmte ihn und sagte: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Sie aber gerieten über alle Maßen außer sich vor Schrecken und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich. Da sagte Petrus zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen. Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser und Brüder, Schwestern und Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben. Viele Erste werden Letzte sein und die Letzten Erste.

- Markus 10:17-31

Dieser schwere, aus Fleisch, Blut und Knochen, Sehnen und Nerven gebildete Leib, kann nimmer zum Himmelreich aufsteigen. Alle Leiber sind ja veränderlich und dem Wechsel und der Verwandlung unterworfen. Jene erhabene Stätte, das ist das Paradies, passt für sie nicht. Dagegen passt dieselbe für die Seele. Denn von dort stieg die Seele an jenem Tage herab, da unserem Vater Abraham gesagt wurde:

Geht fort! Einige von euch seien der anderen Feind. Und auf der Erde sollt ihr Aufenthalt und Nießbrauch auf Zeit haben.

- Sure 2:36

Ferner heißt es: ihr lebt und sterbt auf der Erde, dann geht ihr aus ihr am Tage der Heimsuchung hervor, wenn ihr aus dem Schlummer der Torheit und der Sorglosigkeit erwacht. Durch die Formen wird der Geist des Lebens euch eingehaucht, ihr lebt das Leben der Weisen und wandelt den Wandel der Glücklichen.

Der Weise sagt: Fürwahr, der Himmel ist unser Vater und die Erde unsere Mutter. Zu ihr kehren wir zurück, aber von beiden lassen wir uns großziehen.

Gott ließ euch als Spross von der Erde ersprießen, doch lässt die Erde nicht sprossen, es sei denn, sie ist vom Himmel mit Regen befeuchtet. So gehen aus beiden die Kreaturen hervor, welche doch zwischen Himmel und Erde entstehen. Somit ist die Erde unsere Stätte, sie wird uns zur Mutter, in ihr liegen unsere Gräber und wir gehen aus ihr hervor.

Schließe dich der Bruderschaft an und erkenne ihre Lehre durch ihre Traktate. Vielleicht entgehst du durch ihre Vermittlung und steigst zum Himmelreich auf, dem ewigen Glück, bis du in ihre geistige Stadt eingehst, ins Paradies.

Hierfür stehe Gott dir bei.

Das Wesen der Liebe

Das Wesen der Liebe

Der Mensch, so heisst es, hält in allen Dingen die Mitte. Er ist weder der Stärkste, noch der Schwächste; er kann weder in dichter Finsternis, noch in zu hellem Lichte sehen; er kann weder die übergroße, hochverdoppelte Zahl, noch das ganz kleine, nicht mehr teilbare Atom erfassen.

Der Mensch kann von der Zeit nur eine Spanne erkennen und selbst die Astrologen wagen zwar aus Konjunktionen, die in je 20, je 240 oder in je 960 Jahren stattfinden, die Geschichte vorherzusagen – was ja auch schon genug wäre, könnten sie bereits dies – aus den Konjunktionen, die in je 3840 oder gar in je 7000 Jahren einmal stattfinden die Schicksale zu bestimmen – da ließen sie ihre Nase davon.

Auch die menschliche Vernunft erfasst nur die Objekte zwischen voller Klarheit und voller Verborgenheit. Den Schöpfer in seinem eigentlichen Wesen kann der Mensch wegen der all zu hellen Weisheit nicht erfassen und die Gestalt des Alls erfasst er ebenfalls nicht, wegen der Allgrösse. Auch sind die reinen, stofflosen Formen nicht fassbar, wegen der all zu großen Reinheit und Klarheit.

Zu verborgen ist dagegen das Wesen des Embryo im Mutterschoß, des Hühnchens im Ei, des Korns in der Fruchthülse, der Frucht im Blütenkelch. Denn die sinnliche Wahrnehmung erfasst selbiger (d. h. der Mensch), als fertige, jedoch nicht in der Zeit ihres Entstehens.

Will man aber die Frage, wie die Welt entstand, beantworten, dann komme man erst mit diesen Dingen ins Klare.

Trotz dieser Schranke, will man das All ordnen, und da gibt es eine Handhabe in Teilding und Allding. Alldinge sind jene neun Stufen: Gott, Vernunft, Seele, Urmaterie, Stoff, Welt, Natur, Elemente, Produkte; Teildinge aber sind alle Einzelerscheinungen, wie und wo sie immer uns begegnen. Bei den Alldingen ist die Ordnung von der Einheit bis zur Vielheit, bei den Teildingen hingegen von der Vielheit zur Einheit. Einen Ausgang gibt es und einen Heimgang – Ausgang von der Eins aus – und Heimgang zur Eins zurück, daher die Doppelordnung.

Mit diesem neoplatonischen Grundzug, wird der theologisch-mohammedanische identifiziert. Diese niedere Welt ist die Dauer der Seele mit dem Körper. Zunächst die Verbindung der Weltseele mit dem Weltkörper, sodann die Vereinigung der Menschenseele mit dem Menschenkörper. Untergang und Tod ist das Abstehen der Seele vom Gebrauch des Körpers. Die andre Welt ist das zweite Hervorgehen nach dem Tode oder die Dauer der Seele nach der Trennung.

Paradies ist die Welt der Geister, die frei vom Körper in reiner Form besteht. Hölle ist diese Welt der Leiber in dem sich wandelnden Stoff. Heimsuchung ist die Erweckung der Seele vom Schlaf der Torheit. Auferstehung aber das Aufstehen der Seele aus ihrem Grab im Leibe. Abrechnung ist die Übereinkunft der Allseele mit der Teilseele über das was sie tat, als sie sich im Körper befand.

Der gerade Pfad ist der Weg des Menschen zu Gott, dem Ursprung. Beim Einfall des Samentropfens vereinte sich eine Teilseele mit dem Neugebilde – sie ward als ein Strahl von der Allseele durch ihre Verbindung mit dem Embryo selbstständig, um als eine vollendetere zur Allseele zurückzukehren und für das Gute Lohn, für das Böse Strafe zu erhalten. Also ist der Verkehr der Teilseele mit der Allseele auf ihrer höchsten Stufe, das ist die Stufe des Menschseins.

Was auf dieser Stufe an Philosophischem und Theologischem klar ist, findet nun aber auch in den anderen Bereichen der Natur statt.

Dies Mineral bildet die erste Wesenszone, welche die Teilseele durchschreitet. Dem folgen dann die Pflanzen, dann die Menschen. Darauf findet der Eintritt in die Scharen der Engel und Himmelsbewohner statt.

Das Leben der Pflanzen-, der Tier-, der Menschenseele, alles ist nur ein Spiel im Kreise der Natur, die als eine von den Kräften der Allseele, in den niederen Sphären, der wandelbaren Welt, ihr Wesen treibt und den ersten Zauberring des Lebens bildet. Aber nur bis zur Grenze des Himmels reicht ihre Macht, bis zur Mittelstufe d. h. bis zur Menschenstufe, die das Mittelglied zwischen der Niederreihe und der Hochreihe der Wesen bildet und deshalb vermöge des freien Willens gottähnlicher zu werden streben kann, oft aber auch von Gott entfremdeter unter das Tier herabsinkt.

Dass dem so sei, beweist das Band der Liebe.

Was ist Liebe?

Die Einen sagen: Liebe sei Zuneigung zu einer Person derselben Art.

Andere: Liebe sei ein übermächtiges Begehren nach einer ähnlichen Naturanlage im Körper oder einer Form, die uns in der Gattung ähnlich ist.

Die Dritten: Liebe sei die gewaltige Sehnsucht nach der Einswerdung.

Die Einswerdung ist das wahre Wesen der Liebe, sie ist etwas Seelenartiges und eine geistige Einwirkung. Nun zerfallen die Seelen in drei Arten:

1. Die pflanzenartige begehrliche Seele; ihre Liebe geht auf Speise, Trank und Begattung. Wenn im Augenblick der Entstehung, der Mond, die Venus und Saturn vorherrschte, hat die Pflanzenseele Gewalt.

2. Die zornfähige tierische Seele. Ihre Liebe geht auf Überwindung, Rache, Herrschaft. Mars, Venus und Merkur walten bei der Entstehung vor und treiben die Seele des entstehenden Menschen dieser Richtung zu.

3. Die vernünftige Seele geht auf die Erwerbung von Erkenntnis und Vortrefflichkeit. Die Sonne, Merkur und Jupiter treiben der Seele dieser Richtung zu. Nur bei der dritten Richtung ist die Liebe Einswerdung. Denn die Einswerdung ist die spezielle Eigenschaft der Geistesdinge und der Seelenzustände, wogegen bei den körperlichen Dingen keine Einswerdung, sondern nur eine Nachbarschaft, eine Vermischung und Berührung, aber nichts anderes möglich ist.

Es gehört zum Wesen der Seele, dass sie bei der Darstellung ihrer Werke und Charaktere, der Mischung des Leibes und Körperglieder Rechnung trägt, denn die Glieder sind für die Seele, wie Werkzeug und Ausrüstung für den Werkmeister, da er durch sie seine Werke schafft.

Aus diesem Grund verstärkt sich im Lauf der Tage die Liebe und Zuneigung zwischen den Liebenden, sie wächst und nimmt zu.

Bei einer jeden anderen Sehnsucht, tritt nach der Erreichung des Ziels Überdruss und Trennung ein, nur bei der Liebe zu Gott und dem Nahen zu ihm, tritt die Mehrung derselben ein.

Denn die Anschauung Gottes ist über alle körperliche Eigenschaft erhaben, sie ist eine Anschauung von Licht durch Licht.

Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist wie eine Blende, darin ist eine Leuchte und diese in einem Glas. Das Glas scheint dann wie ein leuchtender Stern. Sie wird entzündet vom Öl eines gesegneten Baums.

- Sure 24:35

Warum wurde die Liebe zum Körper in die Seele gelegt?

Sie sehnt sich den verschiedenen Geliebten zu, um von den leiblichen Dingen zu den geistigen, vom Schmuck des Leibes zum Schmuck des Geistes zu gelangen. Die Seele soll durch die Liebe zur Erkenntnis ihrer Substanz, zur Erhabenheit ihrer Grundelemente, zur Schönheit ihrer Welt und Heimat hingelangen. Alles Schöne, jeder Schmuck ist eben nur Färbung und Zeichnung ähnlich dem, was die Allseele dem Urstoff einzeichnete und womit sie die Körperfläche schmückte, damit, wenn die Teilseelen darauf blickten sie sich danach sehnen.

Wenn dann auch die Bezeugung der Schönheit durch die Sinne aufhört, so bleiben die dem Wesen der Seele eingeprägten Grundzüge und Formen in den Teilseelen als reine, geistige und begehrte, mit ihnen zu Eins gewordene Formen. Nimmer ist Trennung und Änderung dann zu fürchten, wie ja auch stets das Bild des Geliebten rein und klar der Seele des Liebenden verbleibt, wenn auch die Schönheit desselben längst geschwunden ist. Der Schöpfer ist der Urgeliebte. Der Allhimmel kreist in Sehnsucht nach dem Schöpfer, ferner aber aus Liebe (Neigung) ewig zu bestehen und schließlich aus Freude an dem vollkommensten Endziel. Die Allseele treibt die Sphären und lässt die Sterne laufen in ihrer Sehnsucht, die Schönheiten und die Vorzüge in der Welt der Geister zu schauen.

Alle diese Schönheiten und Vorzüge kommen nur vom Erguss des Schöpfers, von der Ausstrahlung seines Lichts auf die Allvernunft, von dieser auf die Allseele und von dieser auf die Urmaterie.

Das sind nun die Formen, welche die Teilseelen in der Körperwelt an den Substanzen der Individuen und Körper, von der umgebenden Mondsphäre bis zum Erdmittelpunkt hin sehen.

Diese Lichter und Schönheiten dringen vom Anfang bis zum Ende, so wie die Lichtstrahlen in der Vollmondnacht, vom Körper des Mondes ausgehen. Sie kommen dem

Mond von der Sonne her zu. Das Licht der Sonne und der Sterne aber rührt von den Strahlen der Allseele her, die Strahlen, welche auf die Allseele fallen, kommen von der Allvernunft, die Strahlen aber, welche auf die Allvernunft fallen, rühren vom Erguss des Schöpfers und seinen Strahlen her. Hierdurch ist jener Ausspruch erklärt, dass sich alles Vorhandene sehne nach Gott als dem Urgeliebten, dass alles ihm zustrebe, da in ihm die Existenz, der Bestand und die Vollendung allen Seins beruht.