Sigmund Freud

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Das Selbst und die geheimen Zeichen des Glücks

Schlüssel jeder spirituellen Fortentwicklung ist persönliches Gewahrsein. Das heißt, wer seine Achtsamkeit steigert, erweitert dabei den Raum seiner bewussten Wahrnehmung. Und so wie sich das Bewusstsein damit vergrößern und entfalten lässt, wird es auch befähigt, sich allmählich zu erheben, hinweg über die vielen Ebenen der Wahrnehmung.

Solch erweiterte Bewusstheit eröffnet einem Menschen Möglichkeiten in der Welt, die über die im Alltag angeeigneten Fähigkeiten hinausgehen. So jemand erkennt dann seine Lebenswelt als großes Ganzes, was ihn ermächtigt die Begrenzungen seiner Persönlichkeit allmählich abzulegen und sich, seiner Berufung gemäß, frei in seinem Leben zu bewegen.

Unsere Persönlichkeit: Eine Maske unseres wahren Selbst

Als Kinder entwickelten wir das, was man das Ego, das Ich oder das beobachtende Selbst nennt. Es ist die physische Bewusstseinsebene des Menschen, mit der sich seine Wahrnehmung zunächst vertraut macht – mit dem Körper und seinen Sinnesorganen als solche – wie auch mit dem, was er über eine Sinne im Außen wahrnimmt.

Die meisten Menschen identifzieren sich mit diesen sinnlichen Fähigkeiten, ahnen aber nur selten, dass es eine höhere Wahrnehmung gibt, die man als Mensch entwickeln kann. Ihr beobachtendes Selbst bleibt damit aber gebunden, an die Körperfunktion des physischen Leibs.

Wer nun erkennt, dass das beobachtende Selbst zu viel mehr befähigt ist, könnte damit beginnen, allmählich jene Beschränkungen zu beseitigen, die sich ihm auf dem Weg zu einer höheren Bewusstheit in den Weg stellen. All die Äußerlichkeiten im Leben an denen wir hängen, sie bilden die Barrieren auf diesem Weg. Wer aber gelernt hat zu verzichten, wird sich auch leichter über höhere Hürden hinwegsetzen können, die ihn sonst an seinem Fortkommen gehindert hätten.

Das Spiegelbild

In Wirklichkeit ist das, was wir als unsere Persönlichkeit im Spiegelbild sehen, und das was wir unser Selbst nennen, nicht das Selbe. Eher gleicht die Persönlichkeit einer Maske hinter der sich unser wahres Selbst verbirgt, eine seelische Entität, die Namen, Geburtsort und Geburtsdatum bezeichnen, damit sie ihre Rolle in der Welt spielen kann. Nur wenige aber ahnen, welche Rolle auf der Bühne ihres Lebens sie eigentlich spielen sollten. Metaphorisch gesprochen: Häufig gibt man sich in dieser Rolle nicht wirklich zum Besten, sondern hüllt sich in etwas, das einem gar nicht entspricht oder übernimmt sogar die Rolle eines anderen Menschen. Manchen aber wird das irgendwann zur Last, selbst wenn sie den Grund dieser Bürde keineswegs kennen.

Die Darsteller im antiken griechischen Theater benutzten in ihren Rollen Masken, um ihrem Schauspiel einen besonderen Ausdruck zu verleihen: Sie nannten sie die »Persona« – der Ursprung der deutschen Wörter Person, Persönlichkeit, Personifikation, Personal, usw.

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) übertrug diesen Begriff auf die menschliche Psychologie und schrieb über die Persona:

(Sie) ist aber, wie ihr Name sagt, nur eine Maske der Kollektivpsyche, eine Maske, die Individualität vortäuscht, die andere und einen selber glauben macht, man sei individuell, während es doch nur eine gespielte Rolle ist, in der die Kollektivpsyche spricht. [...] Sie ist ein Kompromiss zwischen Individuum und Gesellschaft über das, als was einer erscheint.

Es wäre also einen Versuch wert, sich zu erheben, über die Identifikation mit dieser Maske unserer Persönlichkeit. Nur so nämlich, ließe sich eine Verbindung zu dem herstellen, was man in der Esoterik das »Höhere Selbst« nennt.

Sich über Beschränkungen erheben

Der erste Schritt dazu, wäre sich zuerst einmal bewusst zu machen, dass sich die Persona zusammenfügt, aus unserer äußeren Erscheinung, unserem Namen, unserem Geburtsort, unserem Geburtsdatum und unserer persönlichen Geschichte – kurz: als das, als was wir auch allen anderen erscheinen können. Dessen bewusst, kann man dann ein höheres Selbst voraussetzen, dass, in dieses existenzielle Konglomerat eingefügt, existiert.

Als Nächstes gilt es zu versuchen, wie von einer höheren Warte aus betrachtet, die eigentliche Persönlichkeit in ihrem Handeln zu beobachten. Doch nur beobachten und nicht beurteilen! Dann nämlich kann sich das beobachtende Selbst auf ein höheres Niveau als die Persönlichkeit begeben, da es sich zu lösen beginnt aus allem Gut und Schlecht, aus den Verstrickungen in vergangene Erinnerungen, aus Befürchtungen vor Zukünftigem, aus den Verhaftungen mit einem Ich oder einer Abgren- zung zum Du. Zusammengefasst könnte man sagen, dass ein so bewusst gewordenes Selbst, sich letztendlich ja über seine Todesangst erhoben hat, um sich dem Wesen seines Seelenkerns zu nähern.

Ein Beispiel: Sie machen einen kleinen Spaziergang und stellen sich dabei vor, wie ihr Höheres Selbst ihren Körper »ausführt«, statt sich mit dem laufenden Leib zu identifizieren. Ihr physischer Körper ist (nur) das Fahrzeug, das ihr Höheres Selbst steuert. Es gehört nicht zu ihrem Körper, sondern der Körper ist Besitz des höheren, beobachtenden Selbst, ist sein Diener. Das bedeutet, dass man nach und nach lernt, das beobachtende Selbst, nicht mehr mit dem sich abgefundenen Ich des Körperlichen zu identifizieren. Eher geht es in der Entfaltung eines höheren Bewusstseins darum, allmählich von Stufe zu Stufe immer weiter zu wachsen – vorausgesetzt, man löst sich von äußeren Dingen und von der Angst vor dem Tod.

Wir haben Gedanken, doch wir sind nicht unsere Gedanken

Der englische Religionsphilosoph Alan Watts (1915-1973) schrieb über diesen Aufstieg des beobachtenden Selbst Folgendes:

Es ist sowohl die Fähigkeit unser normales Alltagsbewusstsein zu bewahren, als es dabei auch gleichzeitig loszulassen. Sprich, man beginnt, ganz unbefangen, den Gedankenfluss im Auge zu behalten, all die Eindrücke, Gefühle und Erfahrungen geistig zu erfassen, die unentwegt unser Bewusstsein zu durchströmen versuchen. Statt aber die Gedanken zu kontrollieren und in den Gedankenstrom einzugreifen, lässt man sie so fließen, wie es einem gefällt. Normalerweise wird das Bewusstsein von diesem Gedankenstrom mitgerissen. Darum wäre es wichtig zu lernen, über diesen Gedankenstrom zu wachen, ohne dass er das Bewusstsein erfasst.

Vier Ebenen des Bewusstseins

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begründete der griechisch-armenische Esoteriker und Abenteurer Georges I. Gurdjieff (1866-1949) ein spirituelles System, das Menschen helfen sollte eine »innere Evolution« anzustoßen. Gurdjieff sprach hier von einem »Vierten Weg« der einem Menschen helfen sollte diese innere Entwicklung des Bewusstseins anzustoßen. Dabei ging es ihm um vier Bewusstseinszustände:

  1. Der niedrigste Zustand dieser vier Entwicklungsstufen war für Gurdjieff der Schlaf.
  2. Den normalen Wachzustand, von dem die meisten Menschen glauben, er sei freies Bewusstsein, war für Gurdjie nichts weiter, als nur ein anderer Zustand des Schlafs. Denn was einen da wach hält, sind die in der Tiefe der menschlichen Psyche brausende Leidenschaften, vielleicht etwa mit dem vergleichbar, was der österreichische Psychologe Sigmund Freud (1856-1939) als das »Es« bezeichnete.
  3. Manche Menschen aber sind fähig, wahre Bewusstheit zu erfahren. Doch meist nur in kurzen Augenblicken. Das passiert wenn die verkrusteten Schichten der Persona (Maske der Persönlichkeit), an manchen Stellen abzuplatzen beginnen. In diesem Zustand erfährt man eine Art Erinnerung an das, was man das »Wahre Selbst« nennen könnte. Doch damit gehen auch Gefahren einher, da nicht jeder diesem »erwachten Gewahrsein« gewachsen ist.
  4. Der höchste Zustand ist vollkommene Erleuchtung, wo der »Erwachte« sich und die Dinge so sieht, wie sie tatsächlich sind. Es ist, was die Buddhisten den Samadhi-Zustand nennen, wo das beobachtende Selbst mit dem Atman, dem jedem Menschen innewohnenden göttlichen Funken, vereint wahrnimmt. Jeder Wunsch über Dinge oder andere Personen zu Urteilen verschwindet damit und wird überflüssig.

Um diese letzte Stufe zu erreichen, müsste ein Übender, so Gurdjieff, zuerst ein Bewusstsein in der 3. Stufe entwickeln. Das ist sicherlich ein längerer Weg. Denn man muss sich mit den Bewusstseinskräften, die in diesem Zustand wirken, erst vertraut machen, da sie zum »normalen Wachzustand« der 2. Stufe, eigentlich keine direkte Verbindung haben. Menschen die entweder sehr sensibel sind oder zu eifrig versuchen sich auf diese Stufe zu erheben, laufen durchaus Gefahr den Verstand zu verlieren.

Befreiung des Emotionskörpers

Fest steht, dass die meisten Menschen auf unserem Planeten, da sie vielleicht auch nie von diesen höheren Zuständen des Bewusstseins hörten, nur ganz gelegentlich, vielleicht in besonders schwierigen Lebenssituationen, eine solche höhere Bewusstheit plötzlich in sich aufsteigen fühlen.

Wer sein beobachtendes Bewusstsein diszipliniert, wird allmählich dazu befähigt, seine Gefühle zu kontrollieren und sich dabei eines feinstofflichen Leibes bewusst zu werden, der sich aus seinen Emotionen und Empfindungen zusammensetzt. Das ist der Emotionskörper.

Selbstbetrachtung ist ein sehr geeignetes Werkzeug, sich seine höheren Daseinsformen bewusst zu machen und die inneren und äußeren Muster zu erkennen, die einen Menschen seinem wirklichen Daseinsgrund näher bringen.

Darum geht es: Die Erfüllung unseres wahren Seins auf diesem Planeten zu verwirklichen. Wenn nicht in dieser, dann vielleicht in unserer kommenden Inkarnation – wo und was immer das sein wird.

Wichtigste Voraussetzung aber, um solch höheres Gewahrsein überhaupt zu erlangen, sind eine positive Lebenseinstellung und die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln, für alles Leben in dieser Welt. Dabei ist es wichtig immer wenn man wütend über etwas ist, sich nicht mit den dabei aufsteigenden, negativen Emotionen zu identifizieren, noch sich von ihnen mitreißen zu lassen. Die Kunst ist es, solche Gefühlsbewegungen von einer anderen Warte aus zu beobachten. So kann es sogar gelingen sich von solchen Emotionen zu lösen und sie nicht weiter anzufeuern, noch bevor sie überhandnehmen.

Ärger, Sorgen, Hass und Wut entstehen aus den Problemen der Persönlichkeit eines Menschen. Sie als solche zu entlarven heißt, sich seinen Emotionskörper bewusst zu machen, ihn mit Hilfe des beobachtenden Selbst zu erkennen, doch sich nicht mit ihm zu identifizieren. Wem das gelingt, der kann Negativität durch selbst erzeugte Hochgefühle ausgleichen, innere Blockaden überwinden und sich dabei über bisher unbewusste Schranken erheben. Er befähigt sich damit, seinen Emotionskörper in Balance zu bringen und so auch zu heilen. Wie von selbst wird er damit die inneren und äußeren Widersacher seiner Persönlichkeit bezwingen und für mehr Glücksempfinden in seinem Leben sorgen.

Immer also wenn einen belastende Empfindungen und negative Gefühle plagen, kann man sich sagen:

Ich empfinde diese Emotionen, doch ich bin mehr als meine Emotionen: Ich bin grenzenloses Bewusstsein, ewig und frei.

 

Eine Nacht mit Aphrodite - im Reich wilder Ekstase?

von S. Levent Oezkan

Aphrodite - ewigeweisheit.de

Wer sich mit der Liebesgöttin Aphrodite befasst, der griechischen Venus, betritt ein Territorium voller Widersprüche. Ihre sumerische Vorfahrin Inanna etwa war Göttin der Liebe und des Krieges. Im Herrschaftsgebiet jener aus dem Meerschaum Geborenen, finden sich Seite an Seite Licht und Dunkelheit, Gutes und Böses.

Aphrodite vereinigte in ihrem Wesen Urbilder des Weiblichen: sie war Jungfrau und heilige Hure, grauenvolle Männerfresserin und fürsorgliche Mutter zugleich. Besonders zu jenem Mutterarchetyp, meinen manche Psychologen, dränge den Mann eine verborgene Sehnsucht, die aus den Tiefen seines Unbewussten aufsteigt. Es ist eine latente Hoffnung die sein Handeln in der Welt bestimmt und dem unbewussten Wunsch folgt, in den finsteren, doch warmen und pflegenden Schoß seiner Gebärerin zurückzukehren, in seine ursprüngliche Heimat.

Aphrodite steht also ebenso für die archetypische Liebe mütterlicher Obhut, wie auch für die jungfräuliche Lüsternheit. Ein Mann aber will mit dem ihm wohl heiligsten seiner Körperteile, wenn auch nur spickend, potentiell den Ort der Geborgenheit erkunden, der dem ähneln könnte, was ihm durch seine Geburt in die Welt leider verloren ging.

Mit solchen Annahmen natürlich, bewegen wir uns mitten in die Gefilde Freudscher Tiefenpsychologie. Gewiss aber will das Gesagte etwas unterstellen. Wie es auch Sigmund Freud (1856-1939) zu wissen glaubte, versucht der von seinen Trieben gesteuerte Mensch, nur alles Erdenkliche auszukosten, um sein Leben wieder mit seinem Ursprung in Verkehr zu bringen. Denn dieses urtümlichste Empfinden, täuscht ihn über die Nötigung hinweg, sich nur als Teil einer zerbrochenen Einheit empfinden zu müssen.

Freud aber erntete für seine Triebtheorie heftige Kritik, sprach er doch öffentlich aus, was ganz und gar tabu war: Störungen menschlichen Geschlechtslebens sollten die Ursache für Geisteskrankheiten sein. Womöglich aber ist daran etwas Wahres, wenn wir den Eros des Menschen, im Kontext gegenwärtigen Sexualverhaltens anschauen - gilt das 20. Jahrhundert doch als das Jahrhundert der sexuellen Revolutionen.

In der griechischen Antike war dagegen Erotik ein zentrales Element der Volksfrömmigkeit. Nur zu Ehren der Liebesgöttinnen und ihrer heiligen Gefährten, hielt man imposante Gedenkfeiern ab, die teils aber wahnhafte, dramatische Züge annehmen konnten. In der indischen Tempelanlage von Khajuraho, verewigten Steinmetze diese sakrale Erotik sogar als Felsskulpturen.

Kosten von der verbotenen Frucht 

Es wäre also unangebracht, sich nur auf die psychologischen Konzepte der Freudianer versteifen zu wollen. Zwar sind die Themen Sinnlichkeit und Spiritualität auch auf viel höherer Ebene angesiedelt, es ist jedoch nicht zu leugnen, dass sie doch zusammengehören könnten. Wenn wir darum im Folgenden von einem spirituellen Konzept sprechen, dass das Wesen einer alten Göttin der Liebe skizzieren will, scheinen zwei Dinge sehr nah beieinander zu liegen: der Wunsch nach und das Ausüben von körperlicher Liebe, sowie alles nach dem höher Geistigen Ausgerichtete. Nicht zufällig spielten sexualmagische Praktiken eine bedeutende Rolle auch in antiken Geheimkulten. Man denke etwa an das alte Beltane-Fest, die Walpurgisnacht, die in Goethe's Faust aus der menschlichen Sexualität ein schwergewichtiges Thema macht.

Faust:
Doch droben möcht ich lieber sein! (auf dem Gipfel des Blocksbergs)
Schon seh ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muss sich manches Rätsel lösen.

Mephistopheles:
Doch manches Rätsel knüpft sich auch.
Lass du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Dass in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muß sich dran gewöhnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
[...]

Aus Goethe Faust I, "Walpurgisnacht"

Böses, Versuchung, Sünde und Erkenntnis scheinen konsequent auf etwas hinzudeuten, das sich eigentlich überhaupt nicht von einander trennen lässt. Denn durch was als eben das Böse, wird ein Mensch gezwungen sein Leben zum Guten zu ändern? Genau darum schrieb Goethe als Antwort auf Faust's Frage, wer der Teufel denn nun sei:

Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Aus Goethe Faust I, "Studierzimmer"

Sicher knüpft sich ein Mysterium an diese Aussage, doch die Gleichung scheint einfach zu sein: Wer nur das Eine will, wird das Andere nicht vermeiden können. Ein erzwungenes Gebot verführt gewiss dazu es auch zu brechen, sofern sich kein Ausweg bietet. Darauf verweisen auch jene vielzitierten Verse aus der Genesis:

[...] Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben.[...] Sobald ihr (aber) davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten [...]

- Genesis 2:16f, 3:5ff

Erkennen der Einheit im Erleben höchst-sinnlicher Erfahrungen

Im Anfang war die Finsternis und daraus war das Licht geboren. Finster wird auch am Ende wieder alles sein. Wenn die Morgensonne am Horizont hervorbricht, überquert sie den Himmel und erhellt dabei den Tag. Doch dann versinkt sie erneut in der Nacht - der ewig fortdauernden Finsternis - dem Urzustand des Alls. Dem Ungeborenen ist allein das bekannt. Nur wer zur Welt kam, erlebt den Wechsel von täglichem Licht und nächtlicher Finsternis. Doch eben nur für begrenzte Zeit.

Um sich als Mensch seiner selbst gewahr zu werden, kann man zwei Dinge tun: alles in sich aufnehmen oder aber versuchen, sich selbst in der umgebenden Existenz aufzulösen. Das heißt, man versucht mit der Welt eins zu werden, sich mit ihr zu einigen und zu versöhnen: namentlich durch Ver-Einigung mit einem anderen Menschen. Sind's Mann und Frau und wird ein neuer Mensch gezeugt, erfährt er dieses Mysterium in seiner vorgeburtlichen Einheit mit der Mutter. Das Reich der Gegensätze, die polare Welt mit ihren guten und bösen Eigenschaften, empfindet das Kind in seiner mütterlichen Brutstätte zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Erst durch die Geburt und die Trennung aus dem Mutterleib, wird das Neugeborene schockartig mit den Kontrasten von Licht und Finsternis konfrontiert. Doch erst im Erleben dieser Polarität ist man wirklich Mensch geworden.

Geburt und Sündenfall

Die menschliche Sexualität scheint in der biblischen Genesis direkt zusammenzuhängen mit dem ursprünglichen Sündenfall: man setzte sich hinweg über das himmlische Verbot, kostete und erkannte sich in einer polaren Welt von Gutem und Bösem. Doch in diesem Erkennen erfolgte natürlich auch die Identifikation mit der eigenen und der Geschlechtlichkeit des Anderen. Umso wichtiger war dann die erkannte Fähigkeit, sich genau damit vereinigen zu können und hierbei neues Leben zu erschaffen:

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger [...]

- Genesis 4:1

Die Fülle die ihm aber im paradiesischen Eden gegeben war, verlor der Mensch in diesem Erkennen. Er erkannte damit zwar seine eigentliche Befreiung aus jener paradiesischen, hermetischen Beschränktheit. Alles Ungeborene verharrt jedoch in der Finsternis, bis es die Umstände zwingen ans Licht geboren zu werden.

So wie nun die scheinbar ersten Menschen durch ihre Erkenntnis, Eden über die Tore ihrer Sexualität verließen, so verlässt, wenn auch ebenso unfreiwillig, jedes Neugeborene das Paradies des mütterlichen Schoßes. Adam und Eva blieb damit also ihre in Eden gefundene Erkenntnisfähigkeit, die sie zur Unterscheidung dessen anzuwenden vermochten, was ihre Nachfahren im Geburtsereignis zum ersten mal erleben.

Aphrodite: das ewig Weibliche

Die Bedeutung dieser Licht- und Schattenaspekte in der Welt, meinen manche, habe der viel ältere phönizische Astarte-Kult, jener aphrodisischen Religion vererbt - zumindest strukturell. Eigentlich aber ist auch dieser Kult noch älteren, mesopotamischen Ursprungs. Astartes Vorgängerin war die Ischtar: Göttin des Krieges und der sexuellen Lust.

Im alten Sumer verehrte man die Inanna, deren Wesenzüge in jenen der Ischtar verschmolzen, zur Astarte und von ihr zur griechischen Aphrodite wurden. Die Hellenen verehrten in ihr die natürlichen Vorgänge der Fortpflanzung. Sie galten damals als Atrribute vollkommener Heiligkeit. Wohl nicht ganz zufällig spricht die Anatomie vom "Sacrum", dem "heiligen Bein", der lateinischen Bezeichnung jener Körperregion, in der sich die menschlichen Geschlechtsorgane befinden.

Astarte - ewigeweisheit.de

Astarte: die Gemahlin des Gottes Baal. 

Astarte auf jeden Fall verkörperte die lunaren Mächte der Dunkelheit. Darauf verweisen ihre wichtigsten Attribute: Schwarze Augen und das von einer Mondsichel gekrönte Haupt. Interessant ist auch eine andere Deutung der Sichelthematik: der Planet Venus nämlich ist von der Erde aus betrachtet, immer nur als Sichel zu sehen. Auch heute noch nennen die Griechen diesen Planeten "Aphrodite". Wussten die Alten vielleicht bereits von dieser astronomischen Eigenheit des Morgensterns?

Ihr himmlischer Gemahl auf jeden Fall, wie könnte es anders sein, war die kosmische Verkörperung eines universalen Lichtgottes, den die Semiten als Baal verehrten. Im alten Ägypten stand dafür der Lichtbringer Horus, dessen rechtes, solares Auge, wohl eines der bekanntesten Symbole der ägyptischen Mythologie und Hieroglyphenkunst ist.

Das Licht des Gottes Horus befruchtete die dunkle Erde. Einmal im Jahr aber starb er, doch wurde darauf wieder neu geboren. Auch hier ließen sich Assoziationsketten knüpfen zu dem viel jüngeren Christentum, sitzt doch Jesus, als das neue "Licht der Welt", auf dem Schoß seiner Mutter Maria, die in christlicher Kunst ja auf einer Mondsichel stehend dargestellt wird. Natürlich deutet diese explizite Position der Symbole, hin auf die Überwindung älterer Kutle. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Göttin des Anfangs - Göttin der Finsternis

Finsternis war sicherlich das Ursprüngliche unserer Welt. Diese Vorstellung bestätigen die Heiligen Schriften im Westen und Osten, die biblische Genesis, die älteren Mythen Griechenlands und Mesopotamiens. Doch auch zu Beginn des Manusmriti, dem alt-indischen Gesetzbuch des Manu, ist die Rede von einer stillen Finsternis, aus der eine selbst erschaffende Urkraft hervortrat, was ja ganz ähnlich der biblischen Beschreibung jenes Urgeists ist, der über der finsteren Tiefe schwebte. Gut möglich, dass sich aus diesen alten Vorstellungen später die Urknalltheorie der modernen Kosmologie entwickelte.

Wir hatten nun gesagt, dass Aphrodite eine jüngere Form der semitischen Astarte war. Darum ist es kaum verwunderlich, wenn auch Aphrodite, wie ihre Vorgängerin, eine eigentliche Finsternisgottheit war. Und in diesem Kontext natürlich bleibt sie selbst ewig. Sie besitzt jedoch die Fähigkeit aufzunehmen und aus sich selbst hervorzubringen. Als jene gebiert sie den Eros, als Isis den Horus; manche wollen diese göttliche Geburt sogar im christlichen Heiland identifiziert sehen.

Aphrodite aber taucht hinab in die Regionen tiefster Finsternis, um den Lichtbringer wieder in die Welt des Lebens zu führen. Sie ist selbst das Leben, jener aber der lebendige Gott, der wie ein grüner Trieb aus der dunklen, schwarzen Erde Aphrodites hervorsprießt. Sie ist das Geheimnis des Lebens an sich, aus dem alles geboren wird und in das alles nach dem Tod zurückkehrt. Da mag an dieser Stelle manchem sofort in den Sinn kommen, die von Freud zuerst formulierte Dialektik vom Todestrieb und Lebenstrieb des Menschen. Das Schmerz und Lust nahe beieinander liegen, zeigt ja bereits der dabei eingenommene Gesichtsausdruck eines Menschen. Eros natürlich ist auch die Kraft, durch die der Mensch den "kleinen Tod" erfährt, durch den überhaupt neues Leben gezeugt wird.

Eros ist Gegenspieler des Todes und die vergöttlichte Form des Lebenstriebes. Er setzt alles daran, das Lebensdrama in Gang zu setzen und zu verlängern. Eros also ist jene Kraft, die diese Tragödie von Geburt, Leben und Sterben in die ewige Wiederkehr zwingt, mit all ihren erfreulichen, doch ebenso qualvollen Aspekten.

Aus der Spannung der so entstandenen Polarität, tritt das notwendige Temperament hervor, mit dem überhaupt erst etwas Neues entstehen kann. Es geht also um die gegenseitige Ergänzung zweier Pole. Bei genauerem Hinsehen aber, scheint Aphrodite bereits in sich selbst so vollkommen und bar jeden Bedürfnisses zu sein, als dass sie sich mit irgend etwas ergänzen müsste. Doch kann so eigentlich überhaupt etwas Neues entstehen? Oder vereint Aphrodite in sich sogar jene beiden Pole, die zur Zeugung des Neuen nötig sind?

Die bärtige Frau

Männer näherten sich den heiligen Stätten der Aphrodite nur in Frauenkleidern, Frauen nur in Männerkleidern. Nicht zufällig geben antike Darstellungen Anlass zur Vermutung, Aphrodite sei faktisch ein Hermaphrodit. In ihrer späteren, römischen Form kannte man sie auch als Venus Barbata - die bärtige Venus. Für unser heutiges Schönheitsideal wohl weniger zutreffend, galt diese Zwittrigkeit in der Antike jedoch als Ausdruck der Vollkommenheit. Zwar besaß Venus Barbata kein eigentliches Geschlecht, doch war gleichzeitig vollkommenes Sinnbild von Geschlechtligkeit und Sexualität.

Ihre Verehrerinnen und Verehrer verhüllten im Tempelbezirk der Aphrodite ihre Erscheinung, um weder als Frau noch als Mann erkannt zu werden. Aus Ehrfurcht und vollkommener Hingabe erwies man damit der Göttin seine Ehrerbietungen. Wer in Gegenwart der universalen Gottheit sein wahres Geschlecht verhüllte, so heißt es, empfing von ihr große Kräfte. Doch welcher Art äußerte sich das?

Im Anfang war das Ei

Wenn ein Mensch das Stadium erreicht, wo er weder männlich, noch weiblich ist, nähert er sich der eigentlichen Wesensnatur dessen, wofür die Liebesgöttin Aphrodite steht: die höchste Einheit der Natur und der schöpferischen Kräfte des Lebens. Denn ursprünglich gab es nur ein Geschlecht, dass dann jedoch in die beiden, uns allen bekannten Pole von Männlichem und Weiblichem zerbrach. Seither sehnen sich diese beiden Teile wieder zu einen. Es ähnelt in etwa dem aus dem Chaos geborenen "Ei des Orpheus": es zebrach in eine goldene, himmlisch-solare und eine silberne, irdisch-lunare Hälfte. Was beide Hälften zur Einheit verbunden hatte, war nun entschwunden, als lichtvoller Liebesgott Eros. Den treibt seither ein Begehren an, diese beiden Teile wieder zur Einheit zu führen. Damit steht er auch für eben jene Kraft, die man als Mensch aufwenden muss, um auch zerbrochene Freundschaften oder Familienbande wieder zu einen. 

Auf kosmischer Ebene aber, lässt sich in der hier vorgestellten Trinität von Uranos, Gaia und Eros ein Hinweis erkennen, auf die Anschauung einer anderen griechischen Mythologie. Da nämlich sind es Gaia, Eros und die finstere Tiefe des Erebos. Als der Mensch in die Welt kam, zwang ihn diese Trinität in ein Spannungsfeld: Seine Begierde (Eros) drängt ihn selbst neue Wesen zu erschaffen, in der ihn umgebenden materiellen Welt (Gaia). Bewusst oder unbewusst, leitet er dabei jene astralen Sternenkräfte aus der eigentlichen himmlischen Finsternis (Erebos) in eine neu erschaffene Existenz auf Erden. Das ist ein Vorgang den man in östlichen Weisheitslehren ja bekanntlich als Inkarnation bezeichnet.

Es geht hier jedoch um eine höhere Wahrheit, heute wie damals, nur ganz wenigen Seelen zugänglich. Der Großteil der aphroditischen Verehrer im alten Griechenland, erkannte diese höheren Wahrheiten nicht. Man wusste sich in seinem Glauben an die Liebesgöttin nur aufgehoben, wenn man ihr in den aphrodisischen Tempeln Opfer darbringen durfte. Bereits also die Anhänger dieses alten Kults waren recht naiv, was ihr Verständnis von wahren Bedeutung der finsteren Liebesgöttin anbelangte. Man wusste eigentlich überhaupt nicht, wofür Aphrodite in Wirklichkeit stand. Erinnert das nicht auch ein wenig an Gottesgläubige der Gegenwart und auf der anderen Seite sogar an jene, die besonderen Wert auf sexuelle Freizügigkeit legen?

Aphrodite-Anhänger alter Zeit, traten im Tempel vor das Bildnis der Göttin, wie hilflose Kinder vor ihre Mutter. Alles was sie in den Tempeln empfanden, war dort die eigene Sexualität vollständig auszukosten. Ihre Herzen sehnten sich zu verlieben, ihre Leiber nach wilder Ekstase. Ja, dieses Verlangen war sogar so stark, dass ihre Begierden, in hemmungslose Orgien umschlugen.

Die Schwarze Göttin

Wir befassten uns bereits mit dem Bild der Finsternis-Gottheit Astarte, jener phönizischen Vorgängerin Aphrodites. Es verwundert darum wohl kaum, wenn man sie im alten Griechenland, später auch als schwarze Melainis verehrte. Im Kontext der zuvor beschriebenen Mutter-Aspekte dieser Göttin, ließe sich durchaus eine Verbindung zur Schwarzen Madonna des Christentums ziehen.

Der griechische Autor Pausanias (115-180 n. Chr.) verwendete den Namen Melainis in Bezug auf die Schwärze der Nacht. Und es ist ja dieser dunkle Teil des Tages, in dem sich Menschen in Leidenschaft vereinen - nicht etwa wie die Tiere, die dafür den Tag haben. In Verbindung mit dem Aspekt einer chtonischen Muttergöttin, deutete man Aphrodite daher vielleicht auch als Herrscherin über die schwarze Erde. Gewiss bestünde damit wiederum ein Bezug zur ägyptischen Isis. Ihr Stern war der geheimnisvolle Sirius, der einmal im Jahr, kurz vor Sonnenaufgang am Ost-Horizont aufleuchtet. Auch damals setzte mit seinem Erscheinen die Nilflut ein, dem Augenblick wenn der fruchtbare, schwarze Flussschlamm die Äcker überschwemmte.

Gewiss ließe sich die schwarze Aphrodite auch als eine Göttin der Gräber interpretieren, wo sie dann als ganz und gar unheilige Göttin auftritt. Als solche nämlich ist sie die mordende Männerfresserin.

Zu den schwarzen Göttinnen zählte man in der Antike, neben der Isis, eben auch die anatolische Kybele, wie auch die Astarte und Ischtar. Sie ähneln gewiss auch den Schwarzen Madonnen, die im Mittelalter Einzug nahmen in die christliche Sakralkunst.

Astarte - ewigeweisheit.de

Peter Paul Rubens: Der Tod des Adonis (1614). Zwischen seinen Beinen ein blutiges Tuch und ihn umgebend: Venus (Aphrodite), die drei Grazien und Cupido (Amor). Hatte er sich aus Liebe zur Göttin (links) etwa selbst entmannt?

Heilige Kastration

Aphrodite kam nicht als Sprössling eines Götterpaares auf die Welt, wie das für die anderen Himmlischen des griechischen Pantheon gilt. Blutiges Götter-Sperma des Allerhöchsten fiel ins Meer, und schäumte es auf. Ein recht schauriges Ereignis führte zu diesem Vorfall. Und was wir oben bereits als krönende Sichel der Astarte andeuteten, sollte ein Werkzeug des Grauens werden.

Die Entmannung des Himmels

Der Titan Kronos wurde von seiner Mutter Gaia dazu angestiftet, Uranos seiner zeugenden Macht zu berauben. Sie gebar aus sich dazu eine stählerne Sichel, mit der der junge Titan seinen Erschaffer, den vergöttlichten Himmel entmannen sollte. So geschah es also, dass jener Gott des Goldenen Zeitalters als Sensemann auftrat und seinen Vater, den personifizierten Himmel Uranos entmannte. Aus dem abgetrennten Glied seines Vaters, drang jedoch die zeugende, göttliche Kraft der Fruchtbarkeit. Als sie das Meer zum Schäumen brachte, erschien darin jene Göttin der Schönheit Aphrodite in kupfernem Strahlen, die dann in Zypern vom Meer an Land stieg.

So also kam Aphrodite zu ihrem Namen: aphros - der Meerschaum. Der zweite Teil ihres Namens lässt sich auf verschiedene Arten interpretieren. So wäre "odite" die Wanderin, doch "dite" die "Helle" beziehungsweise die "aphor" stark "dhei" Scheinende. Doch auch das Wort "Blindwut" - "Aphrathia" - ließe sich erwägen, wird die Göttin in der alt-griechischen Literatur als jene beschrieben, die Götter als auch Menschen ihres Verstandes "Phrenes" beraubt und die sich dann, in ekstatischen Wahn Verletzungen zufügten.

Ein blutiges Fest

Im alten Griechenland gab es besondere Lustgärten außerhalb der Städte. Dort fand man die Tempel der Aphrodite. Doch es waren nicht etwa Orte ehrwürdiger Heiligkeit, wie man sie sich vielleicht vorstellt im Kontext hoher Sakralität und Reinheit. Vielmehr waren es Orte der Ekstase, von bisweilen wahnartiger Ausprägung. Man opferte sein Geschlecht der Göttin, schnitt es ab und warf es gegen ihre bereits blutbeschmierte Statue im Tempel.

Manch Mann fand hierher aus Neugierde. Doch als des Nachts die heiligen Zeremonien begannen, geriet die dort anwesende Gesellschaft in rasenden Wahn. Mit pochenden Adern und brennendem Auge, riss man sich die Kleider vom Leib und beschnitt sich in wildem Geschrei selbst, kastrierte sich als Mann.

So jemand spürte dabei aber einfach garnichts mehr und rann nackt, Blut tropfend umher. Seine abgeschnittenen Glieder hielt er in den Händen seiner kreisenden Arme. Schließlich kam er an ein Gebäude, worein er seine blutigen Genitalien warf. Die darin Anwesenden waren dazu verpflichtet, jene "einstigen" Männer, daraufhin in Frauengewänder zu kleiden. Darin kehrten sie zurück an jenen Tempel, wo sie unabänderlich als Eunuchen den Rest ihres Lebens der Göttin Aphrodite dienten.

Am folgenden Morgen begrüßte man die aufgehende Sonne mit ehrerbietendem Frohsinn. Nun verließen die Aphrodite-Jünger diesen Ort, der in jener nächtlichen Orgie einen wohl eher schaurig-lüsternen Charakter besaß. Die Priesterinnen und Priester des Tempels wuschen die blutverschmierte Statue der Göttin und zierten sie mit Rosen. Nun war es wieder ein Ort des Friedens und der Liebe, das ekstatische Blutbad war vergessen und alles kehrte zurück in einen Zustand vollkommener Harmonie. Der Mensch war wieder er selbst.

Gibt es sakrale Liebe in unserer heutigen Zeit?

In der Antike bestimmte die Aphrodite-Verehrung das soziale Zusammenleben, war fester Bestandteil kultischen Brauchtums. Heute empfände man die oben geschilderte blutige Orgie wohl als grausame Widerwärtigkeit. Was da vor sich ging überschreitet ja ganz klar die Grenzen unseres gegenwärtigen Gesellschaftssystems. Das bedeutet jedoch nicht, dass Ähnliches nicht dennoch an finsteren Orten in unserer Welt stattfindet. Doch dann wohl nicht zu Ehren einer überweltlichen Liebesgöttin, sondern allein um vollkommen morbide Sehnsüchte zu befriedigen, die bereits ins Feld forensischer Psychiatrie klaffen.

Das Wesen jener antiken Liebesgöttin aber, wird heute immer mehr zu etwas Odinärem degradiert. Was Menschen im alten Griechenland als Sexualität lebten, hatte weniger mit reiner Sehnsucht nach Lustbefriedigung zu tun. Vielmehr war den alten Menschen ihr Geschlechtsleben heilig und etwas ganz anderes, als das, was man es sich heute unter sexuellen Gebräuchen vorstellt. Ob es etwas dieser Art überhaupt noch gibt?

Den Sinn, den Menschen mit dem Wort Erotik verbinden auf jeden Fall, scheint im Westen leider zu einem Konsumprodukt entartet zu sein, als das, worauf sein ursprünglicher Name hindeutete: etwas, dass das Liebesleben betont.

Jene antiken Sex- und Fruchtbarkeitskulte verstehen zu lernen, könnte dem heutigen Menschen vielleicht dabei helfen zu erkennen, wem die eigentlich sozialen Zwecke unserer sexuellen Freizügigkeit in Wirklichkeit dienen. Gleicht es nicht einem großen Schwindel zu glauben, man könne lebendige Freiheit erfahren, indem man ein liberales Sexualleben führt? 

Sexualität scheint heute nicht mehr ausschließlich einem inneren Drang zu folgen, sondern äußeren Stimulanzen, die ganz und gar banal und alltäglich, sich einem überall durch die Massenmedien aufdrängen.

Mitte des 20. Jhd. war es noch verpönt, über Sex in der Öffentlichkeit zu sprechen. Sexualität war den meisten Menschen damals einfach zu wichtig, als dass man im Alltag mit jedem über Sex sprach, geschweige denn diese Sache bestimmten Fernsehsendungen als Moderationsgrundlage diente.

Das eigentliche Wesen dieses real heiligen Akts, scheint heute immer mehr zu zerbrechen. Unsere Gesellschaft entfernt sich gerade von jenem Kern der alten aphrodisischen Geheimnisse - was gleichzeitig aber nicht bedeuten muss, das die ungelösten Rätsel menschlichen Liebeslebens nicht trotzdem wieder an Bedeutung gewinnen könnten.

Dann wohl erhöben sich jene romantischen Aspekte des Liebens, bewahrten dabei ihre erhabene Würde und könnten den Sucher ins Licht echter sexueller Erfüllung führen.

 

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