Tibet

Dzogchen oder: Wie man die innerste Natur des Geistes erfährt

von S. Levent Oezkan

Dzogchen Rinpoche - ewigeweisheit.de

In der buddhistischen Tradition Tibets spricht man von einer großen Vollkommenheit, in der alle spirituellen Wege gipfeln. In dieser höchsten Form meditativer Besinnung, wird die innerste Beschaffenheit des Geistes erkannt, als das was den Menschen ausmacht, in seinem wesentlichsten, reinsten Sein.

Was damit aber gemeint ist, lässt sich nicht eben mal in wenigen Sätzen niederschreiben. Es geht hier um die vollendete Praxis aller Meditationstechniken, die im Vajrayana-Buddhismus praktiziert werden.

Auch kann hierüber nur das geschrieben werden, was zu diesem Thema an Wissen anderweitig verfasst wurde, zumal es einer tatsächlichen Praxis bedarf, um von einer echten Beschreibung dessen reden zu können, worum es hier geht: Dzogchen – die Große Vollkommenheit. Es ist eine Form des Yoga, zur Vervollkommnung von Körper, Sprache und Geist, die über allen anderen spirituellen Disziplinen steht, weshalb man diesen Weg auch den »Ati-Yoga« nennt. »Ati« steht für etwas, das über das gewöhnliche Maß hinausgeht, worüber hinaus nichts erreicht werden kann: Ein ultimativer Zustand vollkommenen Gewahrseins.

Ursprünge des Ati-Yoga finden sich bereits im Sarva-Buddha-Sama-Yoga-Tantra, dem ältesten der yogischen Tantras (8. Jahrhundert). Tantra ist der Überbegriff für die esoterischen Lehren buddhistischer Philosophie und Religion. Ziel dieser yogischen Tantras ist eine Bewusstwerdung von der Beschaffenheit der Realität.

Die eigentliche Praxis des Ati-Yoga beziehungsweise Dzogchen, lässt sich vielleicht als ein unvermitteltes Erscheinen vollkommener Gegenwärtigkeit zusammenfassen. Das heißt, das hieraus alle Erscheinungen des Samsara (Kreislauf des Leidens in Leben und Sterben) und des Nirvana (Austritt aus dem Samsara) herrühren und wohin sie wiederum entschwinden. Diese Vergegenwärtigung der Realität findet jedoch nicht auf einmal statt, sondern wird erreicht über mehrere Phasen der Meditation und Veränderung der Geisteshaltung des Meditierenden.

Diese Phasen beziehungsweise Entwicklungsstadien, bezeichnet der Buddhismus mit dem Sanskrit-Wort »Yana«: einem geistigen »Fahrzeug«, worin eine bestimmte spirituelle Erfahrung gemacht wird, die sich, gemäß der Linie ihrer Ausübung, teilweise unterschiedlich äußern kann. So ein Yana soll dem Praktizierenden aber helfen, die mit seinem besonderen spirituellen Weg in Zusammenhang stehenden, geistigen Lasten zu tragen beziehungsweise ihn dabei auf seinem Weg zu unterstützen.

Im tibetischen Buddhismus ist die Rede von mehreren solcher Fahrzeuge, wobei im Fahrzeug des Ati-Yoga die vollendetste Geisteshaltung erfahren wird, da der Übende auf dieser Stufe das höchste Heilsziel erreicht hat.

Als der Buddha seine letzte irdische Inkarnation vollendet hatte und durch seinen Tod geschritten war, wirkte er von da an, in ätherischer oder astralischer Gestalt, in das Geschehen auf Erden hinein. In gewisser Weise ein Beispiel für die Lebensgeschichte des Buddha Shakyamuni (des indischen Religionsstifters Siddhartha Gautama, durch den der Buddhismus begründet wurde).

Welcher Weg dorthin gegangen werden muss und in welchen weiteren Fahrzeugen sich der Übende dabei bewegt, dem wollen wir uns im Folgenden zuwenden.

Lehren der tibetischen Nyingma-Schule

Erst im 10. Jahrhundert taucht in Tibet die Lehre vom Ati-Yoga auf. Wahrscheinlich aber sollte diese Sanskrit-Bezeichnung überflüssig werden, da man dafür nur noch den tibetischen Begriff Dzogchen verwendete. Vorstellungen über das spirituelle Fahrzeug des Ati-Yoga, waren deshalb in Tibet bis ins 13. Jahrhundert hinein umstritten, zumal man ein System mehrerer Fahrzeuge (Yanas) noch nicht in Erwägung gezogen hatte. Der ehrwürdige Meister Sakya Pandita (1182-1251) etwa sprach davon:

Versteht man diese Tradition in ihrer wahren Bedeutung, dann ist auch Ati-Yoga ein Weisheitsweg und nicht etwa ein Fahrzeug (Yana).

- Aus Sakya Panditas »Unterscheidung der Drei Schwüre«

Erst später sollten die Begriffe »Dzogchen« und »Ati-Yoga« synonym verwendet werden, wie etwa im Kulayaraja-Tantra, dem ersten Text der tibetischen Schriftensammlung des Nyingma Gyübumaus aus dem 14. Jahrhundert. Fest steht außerdem, dass Ati-Yoga zwar ein Begriff ist aus dem Sanskrit, doch sich in Tibet entwickeln sollte. Ihren Ursprung aber soll die Lehre über das Dzogchen von Samantabhadra stammen – einem der acht großen Bodhisattvas des Mahayana-Buddhismus. In den Dzogchen-Lehren heißt es dazu, dass unsere wahre Wesensbeschaffenheit, im Kern dieser Buddha-Natur entspricht und daher auch aus uns heraus entwickelt werden kann. Der tibetische Lama Sogyal Rinpoche (1947-2019) schrieb dazu:

Kuntu Zangpo (tibetischer Name des Boddhisattva Samantabhadra) repräsentiert die absolute, unverhüllte, himmelsartige, Ur-Reinheit der Wesensbeschaffenheit des Geistes.

- Aus Sangyal Rinpoches »Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben«

Nun erzählen die Lehren der tibetischen Nyingma-Schule von dem alten Weise Garab Dorje, der als derjenige Lehrer gilt, der diese Schule gründete (zu der auch der eben erwähnte Sogyal Rinpoche gehörte). Garab Dorje aber kam nicht auf natürliche Weise zur Welt und über seine exakte Herkunft liegen keinerlei Daten vor. Gemäß der Überlieferung aber stammt er aus jenem Land von Oddiya, aus dem auch der große Padmasambhava stammte, der zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert lebte und Begründer des tibetischen Buddhismus war. Oddiya wird als ein Land beschrieben, dessen Bewohner spirituelle Vollkommenheit erlangt haben, in etwa zu vergleichen mit dem, was die westliche Tradition das »Paradies« nennt. Es ist wohl ähnlich jenem Land zwischen dem heutigen Pakistan und Afghanistan, wo manche das sagenhafte Königreich von Shambhala vermuten.

Der Überlieferung nach, erhielt dieser Garab Dorje seine Lehren des Dzogchen, vom höchsten, transzendenten Buddha Vajrasattva, nachdem dieser wiederum dazu inspiriert wurde, durch den zuvor erwähnten Bodhisattva Samantabhadra. Hierdurch erlangte Garab Dorje das Nirvana, starb und ging dabei in den Zustand des sogenannten Regenbogenkörpers über, als sich sein physischer Leib in Licht auflöste. Seinem wichtigsten Jünger Manjushrimitra erschien er da vom Himmel in Form einer lichtumringten, in den Farben des Regenbogens schimmernden Wolke und rief:

Ach, ach! O großer Raum! Wenn das Licht, unser Lehrer, erloschen ist, wer wird dann da sein um die Dunkel der Welt zu bannen?

- Aus dem Buch »Dzogchen: Die Herz-Essenz der Grossen Vollkommenheit« des 14. Dalai Lama

Während dieses doch ungewöhnlichen Ereignisses aber, erschien dem Manjushrimitra auf einmal die Hand seines Meisters Garab Dorje, worin sich eine winzige golden Urne, in der Größe eines Fingernagels befand. Die stieg plötzlich auf und umkreiste Manjushrimitra dreimal. Hernach landete sie in seiner Hand, woraus sich das Testaments Garab Dorjes entfaltete, geschrieben auf Papier wertvollster Beschaffenheit: das sogenannte »Treffen der Essenz in den drei Welten«. Darauf war geschrieben, mit Tinte aus reinem Lapis Lazuli:

Die Erscheinung der innersten Natur des Geistes (Rigpa) sei hiermit eingeführt,
Entscheide dich für eine Sache und nur für eine Sache,
Habe vollkommene Zuversicht in die Freisetzung aufsteigender Gedanken.

- Aus Garab Dorjes »Treffen der Essenz in den drei Welten«

Im Erkennen dessen, erreichte Manjushrimitra den selben Grad an erfüllender Erkenntnis, wie auch sein Meister. Es heißt außerdem, dass die ersten vier Nachkommen des Buddha Vajrasattva – Garab Dorje, Manjushrimitra, der chinesische Gelehrte Shri Singha und der indische Meister Jnanasutra – ihrem jeweiligen Nachkommen auf die selbe, oben beschriebene Weise ihr spirituelles Erbe vermachten. Dabei verschmolzen die erleuchteten Geister von Meister und Schüler untrennbar miteinander, woraus die eine Weisheit des Dzogchen aufstieg. Auch Padmasambhava, der im 8. Jahrhundert den Buddhismus in Tibet etablierte, war ein Schüler in der Abstammungslinie der Dzogchen-Tradition und ein Schüler des Shri Singha.

Sein anderer Schüler Jnanasutra lebte als Einsiedler, der sich sein Leben lang der Meditation widmete. Auch dessen Leib sollte sich bei seinem Todeszeitpunkt in der Regenbogenkörper aufgelöst haben.

Manjushrimitra – ewigeweisheit.de

Manjushrimitra: Schüler des großen Weisen Garab Dorje. Er war es, der im 8. Jahrhundert die Dzogchen-Tradition in Tibet etablierte.

Achtsamkeit und die Wahrnehmung des Hier und Jetzt

Garab Dorje war es, der die Überlegenheit des Dzogchen gegenüber den Lehren der klassischen Mahayana-Schule des Buddhismus darlegte. Niemandem gelang dies zu widerlegen.

Im 9. Jahrhundert als der große indische Meister Padmasambhava nach Tibet kam, kam es dort zur Formung dieser neuen Schulrichtung des Vajrayana-Buddhismus, dessen Angehörige eine Vielzahl verschiedener Meditationsmethoden ausüben.

Einer der größten Dzogchen-Meister des 20. Jahrhunderts, der in Tibet geborene Kyapje Dunjom Rimpoche (1904-1987), schrieb über die Erscheinung des Dzogchen:

Alles beginnt mit der Vision. Die Vision im Dzogchen vermag zu sehen, was wirklich ist – die Natur des Seins an sich. Das ist die eigentliche Form des Seins, in der der Geist keine Unterscheidungen macht und auch keine Urteile fällt. Der Zustand der Wahrnehmung heißt »Rigpa«. Rigpa ist reine Wahrnehmung des Hier und Jetzt. Wir können diese Wahrnehmung eigentlich durch nichts zum Ausdruck bringen oder sie mit irgendetwas anderem vergleichen, dass sie beschreiben könnte. Sicher aber ist sie alles andere als der gewöhnliche Zustand emotionaler Verwirrtheit und widersprüchlichen Gedanken, noch aber ist es auch nicht das, was man das Auslöschen des Nirvana nennt. Es ist ein Zustand der nicht hergestellt oder entwickelt werden kann, ebenso wenig wie man diesen Zustand unterbrechen oder auslöschen könnte. Weder können wir uns davon befreien noch davon irregeleitet werden. Es ist unmöglich zu sagen, dass wir in diesem Moment tatsächlich existieren, noch können wir sagen dass wir nicht existieren. Es ist weder eine Erfahrung des Unendlichen, noch von etwas Bestimmtem.

Kurz: da die Natur des Geistes, die Große Vollkommenheit, Rigpa, nicht gebildet werden kann als ein bestimmtes Ding, ein Zustand, eine Wirkung, erscheint es als ultimative Leerheit, die es seinem Ursprung nach vollkommen rein sein lässt, alles beherrschend und alles durchdringend.

Mit dem was also Kyapje Dunjom Rinpoche über Dzogchen sagt, ist es jenseits aller verwirrenden Gedankenströme, die sich uns aufdrängen, in unserem tagtäglicher Drang, über alles Mögliche zu urteilen und zu grübeln. In dieser Zerstreutheit nämlich wurzeln alle triebhaft gesteuerten Wünsche. Sie aber sollte man durch eine alles durchdringende Achtsamkeit ersetzen, indem man bei jeder Tätigkeit eben nur die dafür zu vollziehenden Handlungen aufmerksam ausführt, ohne währenddessen über dies und jenes nachzudenken, das nichts mit dem gegenwärtigen Geschehen zu tun hat.

Es ist eben die Ablenkung von dem was gerade hier und jetzt ist, so die tibetischen Eingeweihten, die in uns Leid aufkommen lassen. Doch auch wenn man eben gerade leidet, welcher Ursache dieses Leid auch immer geschuldet sei, sollte man sich zuerst einmal dem Wesen dieses Leids zuwenden, seiner Essenz. In diesem Schauen aber kann es der Meditierende zur Auflösung bringen, da er dabei zur Klarheit dessen kommt, was ihn leiden lässt. Und was für das Leid gilt, gilt ebenso für Gefühle des Stolzes, der Wut, der Faulheit, der Verwirrung und der eigenen Überheblichkeit.

Die spirituellen Fahrzeuge der buddhistischen Tradition

Wir hatten oben bereits von den »Yanas« gesprochen, den Fahrzeugen. Da beschrieben wir sie als Mittel, um eine besondere Geisteshaltung zu entwickeln, die einem Menschen auf seinem spirituellen Weg dabei hilft, in der Realität zu Wohlergehen zu finden. Im Buddhismus gibt es dazu drei solcher Geisteshaltungen, in denen sich jemand zur Erreichung seines Lebenszieles bewegt:

Hinayana – das kleine Fahrzeug,

Mahayana – das große Fahrzeug und

Vajrayana – das Diamant-Fahrzeug.

Dabei lassen sich die beiden Fahrzeuge des Hinayana und Mahayana zusammenfassen als Sutrayana, gewissermaßen ungezwungene Methoden, die vielleicht auch nur für eine gewisse Zeit angewendet werden. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie sich nicht wirksam einsetzen lassen, da sie die Erlangung von Weisheit und besonderen Verdiensten erstreben, um damit Buddhaschaft zu erlangen: die Erleuchtung zur wahren Wesensnatur und zum grenzenlosen Potential des Lebens.

Die drei Yanas des Sutrayana

Es gibt insgesamt neun Fahrzeugen. Zwei davon betreffen das Hinayana, eins das Mahayana, jedoch sechs das Vajrayana. Die ersten beiden, dem Hinayana zugehörigen Fahrzeuge sind das

1. Shravaka-Yana und das

2. Pratyekabuddha-Yana.

Ersteres der beiden betrifft jene Übenden, die den Anweisungen eines Meisters folgen und auf diesen tatsächlich angewiesen sind. Mit dem Pratyakabuddha-Yana bewegt sich einer jedoch ohne Meister, da er aus eigener Kraft Weisheit zu erzeugen vermag. Im Hinayana, das diesen beiden Fahrzeugen übergeordnet ist, basiert die hauptsächliche Handlungsweise auf dem Asketentum, dass sich von Sinnesgenüssen abwendet und nur von den allernotwendigsten Dingen ernährt (das sind Almosen) und kleidet (weggeworfene Kleider), sowie an abgelegenen Orten lebt (zum Beispiel an oder auf Friedhöfen oder unter einem Baum im Wald).

Mit dem

3. Bodhisattva-Yana, bewegt sich jemand auf seinem spirituellen Pfad in ein Feld ultimativen Erfahrens. Dieses Fahrzeug führt den Praktizierenden, durch seine gekonnten Methoden, zu umfangreichen, tiefgehenden Einsichten der höheren Welten und dessen, was man als das endgültig Gut bezeichnet.

Das Bodhisattva-Yana ist Teil des Mahayana, das die Erreichung des Bodhichitta erstrebt: der mitfühlende Wunsch Erleuchtung zu erlangen zum Wohle aller Wesen. Das ist der Wunsch der Bodhisattvas, der erleuchteten Weisen, die über das Bodhipakkhiyadhamma meditieren, die 37 erforderlichen Dinge zur Erleuchtung: Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit (Satipatthana), die Vier Rechten Anstrengungen (Samma Padhana), die Vier Wege zum Erfolg (Iddhipāda), die Fünf Fähigkeiten (Indriya), die Fünf Kräfte (Bala), die Sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhanga), den Edlen Achtfache Pfad (Ariya Atthangika Magga).

Symbol des Dzogchen – ewigeweisheit.de

Symbol des Dzogchen: Im Innern ist die tibetische Variante der heiligen Silbe "Om" zu sehen.

Die drei Tantras des Vajrayana

Im Vajrayana, dem diamantenen Fahrzeug, ist die Rede vom »Tantrayana«, den Fahrzeugen der Verwirklichung. Es geht da eben nicht mehr darum die Ursachen eines vollkommenen Pfades zu schaffen, sondern sich direkt zur Identifikation mit den Wirkungen zu führen. Was bedeutet das?

Im Tantra geht man davon aus, dass Bedeutung, Art und Ausdruck des endgültigen Ziels auf dem Weg zur Buddhaschaft, sich bereits in den tiefsten Ebenen des Gemüts befinden und nicht erst im Außen gesucht und gefunden werden müssen. Doch Unwissenheit und Fehlannahmen verdunkeln diesen Bereich des Bewusstseins. Im Tantra aber geht es darum, diese, sozusagen »verunreinigte« Sicht auf die Dinge, durch die Entwicklung von reinen, klaren Visionen zu transformieren, in der Arbeit mit dem Körper, der Sprache und dem vernünftigen Geist.

Da dieses Fahrzeug nun aber einen durch und durch geklärten Geist voraussetzt, spricht man eben vom Vajrayana, dem Diamant-Fahrzeug. Die ersten drei der sechs Fahrzeuge des Vajrayana, nennt man auch die Fahrzeuge des vedischen Asketentums:

4. Kriya-Tantra, was das äußerliche Verhalten und Handeln des Praktizierenden rituell reinigt,

5. Charya-Tantra, das sich der äußeren Fortentwicklung den Belangen des Körper und der Sprache widmet, doch sich gleichzeitig übt mit einem vollkommenen Aufgehen im Innern des Geistes (Samadhi), sowie dem

6. Yoga-Tantra, das die innere Meditation über die Wirklichkeit beinhaltet.

Im Kriya-Tantra und Charya-Tantra, begibt sich der Übende auf den Pfad äußerer und innerer Klärung und Läuterung. Hierbei visualisiert sich der Meditierende verschiedene Gottheiten beziehungsweise Buddhas. Dafür rezitiert er bestimmte Mantras. Im Charya-Tantra aber werden diese Mantras (heilige Gebete) gemäß der esoterischen Bedeutung der dabei ausgesprochenen Silben bewusst gemacht, die jeweils mit Formung einer besonderen Handgeste (Mudra) einhergehen. Diese beiden Tantras führen den Übenden zum Erwachen im Bewusstsein der drei Buddhas des sogenannten Erleuchtungskörpers (Vairochana), der erleuchteten Sprache (Amitabha) und des erleuchteten Geistes (Akshobya).

Mit dem Fahrzeug des Yoga-Tantra aber begibt sich der Übende auf den Pfad der Transformation, indem er sich selbst als in die entsprechende Gottheit umgewandelt visualisiert. So wird er sich dessen bewusst, was als erleuchtetes Handeln (Buddha Amoghasiddhi) bezeichnet wird und erreicht damit das wirklich Bedeutsame: ein Erfahren der Leerheit des Geistes (bar jeglicher Gedanken) und einem damit verbundenen realisieren des »Reinen Lichts«, was die grundlegende Wurzel allen Bewusstseins ist.

Die drei Yogas des Vajrayana

So wie die drei Fahrzeuge des Kriya-Tantra, des Charya-Tantra und des Yoga-Tantra, drei äußere Tantras bilden, folgen ihnen drei innere Tantras, die auch die »geheimen Fahrzeuge« genannt werden:

7. Mahayoga gehört, wie auch das Yoga-Tanra, zum Weg der Transformation. Es ist der »große Yoga« (sanskr. »maha«, groß), der sich zuerst der bereits im Yoga-Tantra angedeuteten Erfahrung der Leerheit widmet.

8. Anuyoga ist das Fahrzeug, in dem sich der Übende seinem feinstofflichen Körper bewusst wird (tib. »tsa«, Kanäle; »lung«, Wind-Energien; »tikle«, Essenzen). Jene, die diese Stufe erreicht haben, sind in der Lage augenblicklich eine der oben genannten Buddhas zu visualisieren.

9. Atiyoga, oder tibetisch »Dzogchen«, ist schließlich das vollkommenste aller neun Fahrzeuge, wo der Praktizierende nun vollkommene Bewusstheit erlangt hat und er alle Erscheinungen, als aufsteigende und absteigende Phänomene erkennt, die aus der eigentlichen Einheit allen Seins hervortreten und darin letztendlich auch wieder aufgesaugt werden und verschwinden.

Alle Erscheinungen werden so wahrgenommen wie sie wirklich sind: ihrer echten Natur nach nämlich leer. Diesem Bewusstsein nähert sich der Übende zunächst im Mahayoga über die Stufe des Utpattikrama, das die Tibeter »Kyerim« nennen. Es ist die Stufe, in der dem Übenden die eigentliche Identitätslosigkeit des Seins bewusst wird, zuerst im Erkennen des »So-Seienden«, darauf der »universalen Manifestierung« dessen und schließlich der Ursachen dieser beiden Faktoren. Hierfür meditiert er auf die eigentliche Leerheit allen Seins, wobei in ihm ein unfassbares Mitgefühl aufströmt, dass er als grundlegendstes Gefühl allen Menschseins erkennt. In der Zusammenführung dieser beiden Bewusstseinserfahrungen (Leerheit und Mitgefühl) vernimmt er das »reine Licht«, wodurch die Ursachen allen Leids in ihm und um ihn gereinigt werden.

Auf der Stufe des Anuyoga dann, tritt er ein in die Phase des Utpannakrama, tibetisch »Dzogrim«. Hier begibt sich der Übende in das, was er im Fahrzeug des Mahayoga noch visualisierte, erfährt sich mit den drei Buddhas von Körper, Sprache und Geist verschmolzen, wird mit ihnen eins.

Er begibt sich von hier aus auf den Pfad der Befreiung, auf dem er verweilt, um sich in Übereinstimmung mit der Essenz aller Realität zu erfahren. Durch die Rezitation des Mantras der Erzeugung, entsteht vor dem Praktizierenden der Palast und Wohnort der Boddhisattva, der Gottheiten und des Buddha. Nun hat er die wahre Natur seines Seins erkannt und erreicht schließlich im Dzogchen den Zustand des uranfänglichen Buddha Samanthabadra. Auf dieser höchsten Stufe angelangt, ist er frei von aller Angst, bar jeder Hoffnungen, Vorlieben oder Abneigungen. Er ist nun fähig die Realität aus sich selbst heraus zu erschaffen, einzig zum Zwecke einer alles durchdringenden Kraft vollendeten Mitgefühls, dem, was die Tibeter »Tulku« nennen: die Dimension der unaufhörlichen Manifestationen nennen – Nirmanakaya.

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Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra - ewigeweisheit.de

Die nachfolgend geschilderte Zusammenfassung dieser uralten tibetischen Meditationstechnik, soll dem Übenden helfen sich emotional zu reinigen.

Ihre Ursprünge hat diese Methode wahrscheinlich im tibetischen Bön oder hat noch ältere schamanistische Wurzeln. Seit alter Zeit aber meditieren die Yogis und Lamas mittels dieser einfachen aber wirksamen Technik, um sich dabei von den folgenden, sogenannten Geistesgiften (negative Emotionen und Gedanken) zu entledigen:

  1. Wut und Abneigung,
  2. Gier und Anhaften,
  3. Zweifel und Unwissenheit.

Diese drei "Gifte", wie sie im Bön und im Buddhismus genannt werden, bilden einen Antagonismus zu den drei Tugenden:

  1. Leerheit und Klarheit,
  2. Weisheit,
  3. Einheit.

Hierüber kann der Übende meditieren, wobei er sich vorstellt, wie er durch die nachfolgend beschriebene Atemtechnik, sich nach und nach der drei Geistesgifte entledigt, um den eigentlichen Urzustand seines Seins in Form der drei Tugenden wiederherzustellen.

Durch Sehen, Visualisieren und Fühlen lernt der Meditierende drei Größen seiner spirituellen Konstitution kennen, die die Tibeter symbolisch folgendermaßen darstellen. Da nämlich gibt es drei Bewusstseins-Kanäle:.

  1. Der rechte Kanal ist weiß. In seinem vollkommenen Zustand steht er für die Leerheit und Klarheit.
  2. Der linke Kanal ist schwarz. Er steht in seinem vollkommenen Zustand für die Weisheit.
  3. Der mittlere Kanal aber ist blau. Sein vollkommener Zustand ist die Einheit.

Mit diesen drei Kanälen können Sie sich von den drei Geistesvergiftungen reinigen, durch bewusstes Atmen:

  • Die Kanäle gleichen jeweils einem Weg, der vom einen Nasenloch in der Körpermitte unterhalb des Bauchnabels vorbei, hinauf in der Körpermitte zum anderen Nasenloch führt.
  • Der Atem gleicht einem Pferd oder Gefährt, worauf sich
  • das Bewusstsein, wie ein Reiter oder Fahrer, bewegt.

Schauen Sie sich im Folgenden diese Atem-Meditation noch etwas genauer an.

Mit dem Atem bewegt sich das Bewusstsein durch die drei Kanäle, also jeweils rechts, links und in der Mitte, wobei die ihnen zugeordnete Thematik bearbeitet wird:

  1. Über die dreimalige Ausatmung über den rechten Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Wut und Abneigung.
  2. Über den linken Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Gier und Anhaftung.
  3. Über den mittleren Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Zweifel und Unwissenheit.
Handhaltung in der Meditation - ewigeweisheit.de

Handhaltung in der Meditation

Sitzhaltung und Atemtechnik

Zuerst setzen Sie sich im Schneidersitz so hin, das Ihr linkes vor Ihrem rechten Bein angewinkelt liegt.

Dann sehen Sie Ihre Handflächen an und berühren mit den Daumen jeweils die Ringfinger (unterstes Glied) der jeweiligen Hand (rechter Daumen an rechtem Ringfinger und linker Daumen am linken Ringfinger, siehe Abb.).

In dieser Handhaltung legen Sie dann einander gegenüber die Finger der linken Hand auf die Finger der rechten Hand, so dass Ihre Hände mit den Armen und den beiden Schultern einen Halbkreis bilden. Die beiden Hände liegen dabei in Ihrem Schoß.

Sie sitzen aufrecht und atmen ruhig.

Nun konzentrieren Sie sich auf eine Stille in Ihrem Körper und fühlen wie sich diese Stille ausbreitet in Ihren Füßen, in Ihren Beinen, in Ihrem Bauch, in Ihrer Brust, in Ihrem Kopf, in Armen und Schultern.

Denken Sie nun an Ihren Bauchnabel. Mit dem Einatmen fließt Ihr Atem dorthin hinunter und um den Bauchnabel herum, steigt wieder auf und entweicht schließlich über die Nasenlöcher.

Rechter Kanal: Wut und Abneigung

Nun nehmen Sie Ihre rechte Hand und halten mit dem rechten Ringfinger Ihr linkes Nasenloch zu, während Sie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre linke Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem rechten Ringfinger nun das linke Nasenloch schließen und über das rechte Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer rechten Seite nach oben und tritt durch Ihr rechtes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der rechten Seite (Wut und Abneigung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie dreimal.

Linker Kanal: Gier und Anhaftung

Nun nehmen Sie Ihre linke Hand und halten mit dem linken Ringfinger Ihr rechtes Nasenloch zu, während wie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre rechte Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem linken Ringfinger nun das rechte Nasenloch schließen und über das linke Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer linken Seite nach oben und tritt durch Ihr linkes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der linken Seite (Gier und Anhaftung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie wieder dreimal.

Mittlerer Kanal: Zweifel und Unwissenheit

Nun liegen wieder beide Hände in Ihrem Schoß, die linke auf der rechten Hand, während die Daumen jeweils die Ringfinger berühren.

Durch beide Nasenlöcher atmen Sie dann tief ein.

Dabei strömt in Ihrer Mitte die Luft nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft nun wieder nach oben und tritt durch Ihre beiden Nasenlöcher aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der Mitte (Zweifel und Unwissenheit) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Auch dies wiederholen Sie wieder dreimal.

 

Danach ist die Meditation beendet.

 

Die Legende vom Priesterkönig Johannes

von Johan von Kirschner

Priesterkönig Johannes - ewigeweisheit.de

Mitte des 12. Jahrhunderts verbreitete sich in Europa eine eigenartige Legende: Im fernen Asien sollte ein großartiger christlicher Fürst regieren, den man dort Priesterkönig Johannes von Indien nennt. Aus seinem Reich vertrieb er mit seiner riesigen Streitmacht die Ungläubigen und war auf dem Weg nach Europa. Es hieß, er wolle die Kreuzfahrer unterstützen, bei der Befreiung Jerusalems.

Mit dieser außergewöhnlichen Botschaft verband der europäische Klerus und Adel hoffnungsvolle Erwartungen, denn die Macht der vermeintlich ungläubigen Muslime, machte vielen Menschen in Europa Angst. Angeblich boten sie riesige Armeen auf, um die christlichen Truppen aus Jerusalem zu vertreiben. Das goldene Kreuz sollte dem silbernen Halbmond weichen. Um jeden Preis musste das verhindert werden.

Eigentlich wusste aber keiner so recht, wer eigentlich der Urheber dieser geheimnisvollen Nachricht war. Trotzdem entstandte Papst Alexander III. (1100-1181) seinen Leibarzt Phillip 1177 nach Asien. Er sollte dem Priesterkönig Johannes, eine persönliche Nachricht Alexanders überbringen. Von diesem Botendienst aber, kehrte Phillip niemals zurück.

Anfang des 13. Jahrhunderts tauche im fernen Osten eine neue Bedrohung auf: die kriegerischen Reiterhorden Dschingis Khans (1162-1227) stürmten gen Westen. Bis weit nach Europa drangen sie vor. Die Nachfahren des Groß-Khans Dschingis, so sein Enkel Batu Khan drang vor bis in die östlichen Regionen des deutschen Kaiserreichs. Der Einfall seines Heeres in Schlesien, verbreitete Angst und Schrecken in ganz Europa. Tausende abgeschlagene Schädel türmten mongolische Krieger zu riesigen Pyramiden, übergossen sie mit Öl und ließen sie entzündet auf den Schlachtfeldern lodern.

Viele christliche Kleriker sahen in den Reiterhorden Dschingis Khans, die apokalyptischen Reiter der Endzeit. Der Antichrist schien sich mit Gog und Magog einen Weg ins Heilige Römische Reich gebahnt zu haben. Mit der Schlacht bei Liegnitz 1241, nahm das Grauen ein Ende. Zwar waren die Mongolen nun zurückdrängt, doch waren schlossen sich nach dem Abzug aus Schlesien, in Ungarn dem Hauptheer des Batu Khan an.

Dschingis Khan – ewigeweisheit.de

Dschingis Khan (1162-1227) einte 1190 die mongolisch-tartarischen Stämme und sollte einer der größten Feldherren in der Geschichte der Menschheit werden.

Für Papst Innozenz IV. (1195-1254) blieben die Mongolen daher eine ernst zu nehmende Bedrohung. In geheimer Mission entsandte er den Franziskaner Johannes de Plano Carpini (1185-1252) im Jahr 1245 in die Mongolei. Er hatte einen recht größenwahnsinnigen Plan: Carpini sollte den Groß-Khan aufsuchen und mit ihm einen Pakt gegen den aufstrebenden Islam schmieden. Schließlich hatte 1187 das muslimische Heer des ägyptischen Sultan Saladin Jerusalem erobert. Außerdem aber, sollte der Franziskanermönch den tatsächlichen Aufenthaltsort des Priesterkönigs Johannes ausfindig machen. In seinen Reiseberichten schrieb er:

Einen anderen Sohn schickte Dschingis Khan mit einem Heer gegen die Inder. [...] Er führte auch ein Heer in die Schlacht gegen die Christen, die im Größeren Indien leben. Als das der König jenes Landes hörte, der im Volk Priesterkönig Johannes genannt wird, zog er ihnen mit einem Heer entgegen.

- Aus der Kunde von den Mongolen (1245), des Johannes de Plano Carpini

Es scheint also, dass Priesterkönig Johannes selbst gegen die mongolischen Horden kämpfte. Eigentlich aber wiederholte Johannes de Plano Carpini damit, was schon seit 100 Jahren in Europa über den Priesterkönig bekannt war. Bereits Bischof Otto von Freising (1114-1158) – ein Berater des Friedrich Barbarossa (1122-1190) – berichtete 1145 von der Legende des sagenhaften Priesterkönigs (Chronica sive Historia de duabus civitatibus, lat. für »Geschichte der beiden Reiche«). Darin nannte Otto von Freising den Priesterkönig »Johannes Presbyter« (griech. »presbyteros«, »Hohepriester«).

Das Reich des Priesterkönigs, so von Freising, befindet sich an den äußeren Rändern Persiens und Armeniens. Als Fürst sollte Priester Johannes dort über ein großes christliches Volk herrschen. Manche glaubten damals, der Priesterkönig Johannes sei Nachfolger des einstigen Patriarchen Nestorius von Konstantinopel. Nestorius' Anhänger begaben sich im 5. Jhd. nach Zentralasien, wo sie in kleinen Gemeinden lebten: die Nestorianer. Priesterkönig Johannes soll sie angeblich im 12. Jahrhundert, in seinem mächtigen Reich geeint haben.

Nestorianer - ewigeweisheit.de

Abbildung eines jungen Nestorianers aus dem 7. Jhd. Wandgemälde in einem nestorianischen Tempel in der alten Oasenstadt Khocho, am Rande der Taklamakan-Wüste (China).

Auf jeden Fall erfahren wir aus Ottos Weltchronik, der Presbyter hätte mit seinem Heer in einer schrecklichen Schlacht die Könige Mediens und Persiens geschlagen. Sie eroberten die persische Stadt Ekbatana (heutiger Iran), die dann zu ihrer Hauptresidenz wurde. Nach diesem Sieg über die Könige des Ostens, eilte der Presbyter Johannes nach Jerusalem, um dort der christlichen Kirche beizustehen. Doch er sollte niemals ankommen. Seine Truppen wurden angeblich aufgehalten am Tigris. Wegen ihrer unzulänglichen Schiffe war der Fluss nicht zu überqueren. So begaben sie sich nach Norden, in der Hoffnung ihn im Winter an einer eisigen Stelle überqueren zu können. Doch an dieser vermuteten Stelle sollte das Heer des Priesterkönigs vergeblich lang gewartet haben. Er sah sich also gezwungen in sein Land zurückzukehren. Schaut man sich aber den Flussverlauf des Tigris an, scheint das alles recht unwahrscheinlich, zumal die Flussquelle sich ja in der Türkei befindet. Man hätte diesen Ort einfach umreisen können, um nach Jerusalem zu gelangen.

Nun war Otto von Freising keineswegs der Erfinder dieses Mythos. Der Legende begegnen wir auch in anderen Berichten. Einer davon stammt vom jüdischen Philosophen Maimonides (1135-1204). Auf dessen Bericht bezog sich später der christliche Konvertit Josua ben Josef Lorki († um 1419); er schrieb:

Es geht eindeutig aus den Briefen des Maimonides hervor, wie auch aus den Berichten von Händlern, die sich bis an den äußersten Rand der Welt begaben, dass sich gegenwärtig die Wurzeln unseres Glaubens, sich im Lande Babylon und Teman (Yemen) befinden, wo sich die Israeliten lange Zeit im Exil befanden; nicht dazugerechnet jene, die im Land der Perser und der Meder lebten. […] beherrscht von einem christlichen Oberhaupt namens Presbyter Johannes, haben sie einen Pakt und er mit ihnen. Und deshalb kann es daran keinen Zweifel geben.

Auch der berühmte jüdische Entdecker Benjamin von Tudela († um 1173), schreibt in seinen Reiseberichten von einem geheimnisvollen König, der in einem herrlichen Tempel, inmitten einer großen Wüste über sein Volk herrscht. Doch welche Wüste ist damit gemeint? Da das mythische Reich des Priesterkönigs, auch öfters im Zusammenhang mit dem legendären Shambhala (Buch zum Thema ►) gesehen wird, könnte durchaus die Wüste Gobi in der Mongolei gemeint sein.

Der sagenhafte Brief des Priesterkönigs

In der Zeit wo die Reiseberichte Benjamins von Tudela entstanden, tauchte in Europa ein Dokument auf, dass großes Aufsehen erregte. Es war ein neuer Brief, den der mysteriösen Priesterkönig Johannes, ursprünglich gesandt hatte an den Kaiser von Konstantinopel, Manuel Komnenos I. (1143-1180). Dieser Brief aber wurde dann Papst Alexander zugespielt.

In seiner Weltchronik schrieb der Zisterziensermönch Alberich von Trois-Fontaines († nach 1252) dazu folgendes:

Priesterkönig Johannes von Indien, sandte seinen wunderbaren Brief an verschiedene christliche Prinzen, doch insbesondere richtete er ihn an Manuel Komnenos I. von Konstantinopel, wie auch an den römischen Kaiser Friedrich.

In seiner »Novelle antiche« gibt der italienische Literat Guido Biagi (1855-1925) einen ergänzenden Hinweis. Priesterkönig Johannes habe Kaiser Friedrich diesen Brief gesendet, um den Beweis zu erlangen, ob er »in Worten und Taten weise« sei. Er sandte ihm außerdem drei besondere Steine und fragte ihn was er für das Beste auf der Erde hält. Friedrich soll darauf geantwortet haben, dass »das Maß« sei das Beste auf der Welt sei. Doch er fragte nicht, was es mit den Steinen auf sich habe. Daraus schloss der Priesterkönig, dass der »Kaiser weise sei in Worten, aber nicht in Taten«, denn er hatte sich nicht nach den Kräften der Steine erkundigt, die aber von ganz besonders edler Art waren. Einer dieser Steine, besaß nämlich die Fähigkeit unsichtbar zu machen. Auch Oswald der Schreiber erwähnte ähnliches: Friedrich erhielt vom Priester Johannes einen magischen Ring der drei Steine enthielt. Eigentlich erwartete Johannes von ihm, dass er Verbindung aufnähme, zu einem höheren Weltzentrum. Davon aber wusste Kaiser Friedrich nichts.

 

Nicht nur Kaiser Friedrich erhielt diesen Brief, sondern außer ihm auch König Ludwig VII. von Frankreich, sowie König Manuel I. von Portugal. Durch die Troubardoure und Meistersinger verbreitete sich der Inhalt dieses Briefes schließlich in ganz Europa:

Johannes, Priester ernannt von Gnaden des allmächtigen Gottes und die Kraft unseres Herrn Jesus Christus, König der Könige, Herrscher der Herrscher, sendet an seinen Freund Manuel, Prinz von Konstantinopel, Grüße und Wünsche guter Gesundheit, Wohlstand, und den Fortbestand göttlichen Wohlwollens. Unsere Majestät wurde informiert, dass ihr unsere Exzellenz in Liebe bewahrt und euch das Zeugnis unsere Großartigkeit erreichte. Überdies hörten wir von unserem Schatzmeister, dass sie uns höchst zufrieden einige Kunstwerke sandten, um unsere Vornehmheit zu rühmen.
Als Mensch empfing ich es als etwas überaus Gutes und beauftragte unseren Schatzmeister, einige unserer Gegenstände an sie zurück zu senden. Wir wünschen uns nun zu versichern, dass sie am rechten Glauben festhalten, und beharren in allen Dingen auf Jesus Christus, unseren Herrn. Denn wir haben gehört, das ihr Hof sie als Gott ansehe, trotz dass wir wissen, dass sie sterblich sind, eben aus menschlicher Schwäche.
Sollte ihnen begehren über die Großartigkeit, Exzellenz und Vornehmheit zu erfahren, wie auch von dem Land, dass unserem Zepter unterliegt, so hört und glaubt:
Ich – Priesterkönig Johannes, Herrscher der Herrscher, übersteige alle die unter dem Himmel leben, durch meine Tugend, meinen Reichtum und meine Macht. 72 Könige zahlen mir ihren Tribut. In den drei Indien regiert unsere Pracht. Unser Land erstreckt sich jenseits Indiens, wo der Leichnam des heiligen Apostels Thomas ruht. Es reicht vom Sonnenaufgang über die Steppen und erstreckt sich bis nach Babylon, dem Land vom Turm zu Babel. 72 Provinzen dienen uns – doch nur wenige davon sind Christen. Jede hat ihren eigenen König, doch alle schulden sie uns ihren Tribut.
In unserem Land leben Elefanten, Dromedare, Kamele, Krokodile, wilde Affen, weiße und rote Löwen, weiße Bären, weiße Amseln, Grillen, Greifen, Tiger, Lamien, Hyänen, wilde Pferde, wilde Stiere und wilde Menschen, gehörnte Menschen, Einäugige, Zentauren, Faune, Satyrn, Pygmäen, Zyklopen und ähnlich geartete Frauen. Auch der Phönix wohnt in unseren Landen, wie auch fast alle lebenden Tiere. Wir haben auch Menschen, die sich das Fleisch ihrer Gestorbenen verfüttern, denn sie empfinden es als Pflicht, schmatzend das Fleisch ihrer Verstorbenen zu fressen. Ihre Namen sind Gog und Magog, Anie, Agit, Azenach, Fommeperi, Befari, Conei, Samante, Agrimandri, Vintefolei, Casbei, Alanei.
Solche und andere, erschoss aus den geschützen Bergen Alexander der Große. Wir führen sie gegen unsere Feinde, ganz wie es uns beliebt. Keiner, weder Mensch noch Tier bleiben verschont, solange unsere Majestät die nötige Erlaubnis erteilt. Und sobald all unsere Feinde aufgefressen wurden, dann kehren wir heim mit unserem Heer. Diese verhassten Nationen brechen hervor aus den vier Ecken der Erde, am Ende der Welt, in den Zeiten des Antichrist. Sie werden alle Wohnstätten der Heiligen überrennen, wie auch das große Rom. Diese Stadt werden wir darauf vorbereiten, dass dort unser Sohn geboren wird, gemeinsam mit Italien, Deutschland, den beiden Gallien, Britannien und Schottland. Wir werden ihm auch Spanien geben und all die Länder die sich im Eismeer befinden. Die Nationen die ich meine, über sie wird keiner zu Gericht sitzen, wegen ihrer offensiven Handlungen, doch sie werden stattdessen in Schutt und Asche gelegt werden, durch ein Feuer das vom Himmel fällt.

Der Text fährt noch weiter fort, erstreckt sich über seitenlange Aufzählung von Wundern, Reichtümern und legendären Ereignissen, die sich im Land des Priesterkönigs Johannes ereignen; sein Palast wird ausführlich beschrieben, ebenso seine Dienerschaft. Der Fluss Idonus fließe durch die Täler seines Landes, worin man Unmengen seltener Juwelen findet, darunter Smaragde, Amethysten, Rubine und andere wertvolle Steine.

10.000 Ritter und 100.000 voll bewaffnete Soldaten gehören zum Heer des Priesterkönigs. Ein riesiges Kreuz würde vor dem Heer getragen, wenn es in die Schlacht zieht.

Niemand aber kannte den tatsächlichen Absender dieses eigenartigen Briefes. Unklar bleibt auch, ob der Brief auftauchte, bevor Papst Alexander seinen Brief übersandte. Darauf bezieht sich Alexander nicht. Er berichtete aber über den Reichtum, die Frömmigkeit und Großartigkeit des Priesterkönigs Johannes. Gleichzeitig schien den Papst aber schrecklicher Neid zu plagen. Das lässt sich zwischen den Zeilen seines Briefes lesen. Schließlich war er doch als römischer Papst, einzig rechtmäßiger Nachfolger des Thrones Petri.

Barbarossa vor Alexander III. – ewigeweisheit.de

Kaiser Friedrich Barbarossa unterwirft sich im 1177 Papst Alexander III. in Venedig. Fresco des Künstlers Spinello Aretino (1345–1410) im Palazzo Pubblico in Siena.

Die Nestorianer

Nestorius (381-451) war ein berühmter Prediger im alten Antiochien (antike Stadt, heute türk. Antakya). Der oströmische Kaiser Theodosius II. ernannte ihn 428 zum Bischof von Konstantinopel. Er war Vertreter der Schule Antiochias, die den Glauben der Doppelnatur des Jesus Christus vertrat. Jesus war für ihn eine Person göttlicher Natur, gleichzeitig aber eine Person menschlicher Natur, doch in keinster Weise irgendeine Mischung aus beiden. Die Handlungen und Merkmale des inkarnierten Christus, konnten einer dieser beiden Personen zugeordnet werden. Was den göttlichen Christus und den menschlichen Jesus verband, war allein das heilige Band der Liebe.

Diese Lehre widersprach aber der Dreifaltigkeitslehre Gottes, wie man sie in Rom vertrat. So kam es 431 zum Konzil von Ephesos. Nestorius' Christus-Lehre wurde darauf scharf angegriffen und verurteilt als Häresie. So wurde 435 Nestorius ins Exil nach Oberägypten verbannt. Seine Anhänger wanderten aus in den Osten des alten Persiens. Dort gründete sich die Glaubensgemeinschaft der Nestorianer, die sich in den kommenden Jahrhunderten immer weiter ausdehnte. Im 13. Jhd. erfuhr die nestorianische Kirche ihre Hochblüte. Prediger verbreiteten ihren Glauben bis nach Tibet, das sie zur echten Konkurrenz für die damaligen Buddhisten machte. In Bukhara, in Indien, Ceylon, Siam und Sumatra, gründeten Nestorianer christliche Gemeinden. Es könnte gut sein, dass es in Fernost damals mehr Christen gab, als im west- und oströmischen Reich zusammen.

Sicher erinnerten sich auch die Nachfahren der ersten Nestorianer immer wieder daran, einst als Häretiker verdammt worden zu sein. Aus dieser empfundenen Ungerechtigkeit heraus, verfasste man vielleicht jenen geheimnisvollen Brief des Presbyter, den ja auch Papst Alexander III. in Händen hielt. War dieser Priesterkönig Johannes vielleicht einst Oberhaupt der Nestorianer?

Fest steht, dass der Brief keiner europäischen Quelle entsprungen war. Seine farbenprächtige Bildsprache erinnert ganz und gar an alte fernöstliche Beschreibungen. Auch der abwertende Unterton, mit dem der Brief des Presbyters über Rom spricht, war wohl kaum Ausdruck westlichen Gemüts. Wenn außerdem Spanien und das Polarmeer in einem Satz genannt werden, verfügte der Verfasser des Briefes offensichtlich nicht über die geografischen Kenntnisse eines Europäers. Außerdem ist die Hervorhebung der Würde und des Patriarchats des heiligen St. Thomas, ein recht deutlicher Hinweis darauf, dass der Ursprung des Briefes nestorianisch war. Schließlich identifizierte man die sogenannten »Thomaschristen« mit den Nestorianern. Es ist außerdem gut möglich, dass die Ursprungsfigur für den Priesterkönig Johannes, der alte Erzdiakon der Thomaschristen war. Neben seiner Rolle als Kirchenoberhaupt, sah ihn sein Volk auch als Oberhaupt der christlichen Gemeinschaft in Indien. Zudem könnte das markante Kreuzwappen des Priesterkönigs Johannes, vielleicht eine verstümmelte Form des indischen Thomaskreuzes sein (siehe Abb.).

Kreuz Priesterkönig und Kruez Thomaschristen – ewigeweisheit.de

Das Kreuz des Priesterkönigs Johannes (links) und das Kreuz der Thomaschristen (rechts).

Priester Johannes: ein mächtiger Groß-Khan?

Mitte des 13. Jhd. kam endlich etwas Licht ins Dunkel des Mysteriums. Acht Jahre nach dem gescheiterten Versuch Carpinis, den wahren Aufenthaltsort des geheimnisvollen Priesterkönigs Johannes zu bestimmen, entsandte nun der französische König Ludwig IX. den Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk (um 1215-1270) in die Mongolei. Nach monatelanger, abenteuerlicher Reise erreichten er und eine Delegation von Dolmetschern, im Dezember 1253 Karakorum – damals Hauptstadt der Mongolei, nordwestlich der Grenze zu China. Aus seinen Reisenotizen entnehmen wir:

Als die Franken einst Antiochien eroberten, herrschte über die nördlichen Gebiete ein Mann namens Cor Khan (alt-türk. Herrschaftstitel, auch 'Gürkhan', was soviel bedeutet wie 'Groß-Khan'). Dabei ist Cor ein Eigenname, Khan bezeichnet seine Würde und bedeutet eigentlich Wahrsager. Ihre Seher nannten sie 'Khan'. Doch auch ihre Fürsten nennen sie so, da sie mit Sehergabe ihr Volk regieren. […]
Dieser Cor war ein Kara-Kathei (alt-türk. für 'Schwarze Kathai', wobei die Kathei ein altes Nomadenvolk der heutigen Manschurei waren). […]
Die Kathei wohnen jenseits besonderer Berge, über die ich wanderte. Inmitten dieser Berge befand sich eine Hochebene, wo einst ein mächtiger Hirte lebte, der über die Nestorianer herrschte und den diese 'Naiman' nannten. Als Cor Khan starb, erhoben sie diesen Mann zu ihrem König und gaben ihm den Namen König Johannes. Auf ihn beriefen sie sich, auch wenn er keine wirklich große Bedeutung für sie hatte. Das haben die Nestorianer so an sich: aus Nichts machen sie ein großes Geschrei. So verbreiteten sie überallhin die Nachricht, dass ein gewisser Sartach ein Christ sei; auch Mangu Khan und Kuyuk – nur da sie die Christen gut behandelten und ihnen mehr Ehren als anderen erwiesen. Doch eigentlich waren sie überhaupt keine Christen. In gleicher Weise verbreitete sich die Fabel vom großen König Johannes. Als ich seine angeblichen Weidegebiete durchstriff, wusste keiner von seiner angeblichen Herrschaft – bis auf nur wenige Nestorianer. Auf meinem Rückweg traf ich, am Hofe des Keu Khan, auf Bruder Andreas. Er versicherte mir, dass dieser Johannes einen Bruder hatte, ein berühmter Hirte namens Unc. Drei Wochen reiste man zu ihm, denn er lebte in den Bergen die sich im fernen Reich der Kara-Kathei-Nomaden befinden. Er herrschte über eine kleines Dorf namens Karakorum (alt-türk. 'Schwarze Berge') wo er das Volk der Crit beherrschte, welche nestorianische Christen waren. Ihr Herrscher aber hatte den christlichen Glauben aufgegeben, verehrte Götzenpriester, die alle den Teufel anrufen und Zauberer sind. […]
König Johannes starb ohne einen Erben zu hinterlassen. Damit aber gelangte sein Bruder Unc zu großem Reichtum und ließ sich von da an Khan nennen.

 

Mit diesen Bergen ist womöglich der Pamir gemeint, ein Hochgebirge in Zentralasien. Auch in dieser Region versuchen manche Legenden, das mythische Reich von Shambhala (Buch zum Thema ►) zu lokalisieren. Wer war nun aber der geheimnisvolle Hirte Unc Khan? Davon spricht Rubruk nur wenig. Anders Marco Polo. Er liefert uns mit seinem Reisebericht »Von Venedig nach China«, einige ergänzende Hinweise:

Die Tartaren wohnten in den Ländern Jorza und Bargu (im Nordosten der Mongolei zu verorten), im Flachland riesiger Steppen, jedoch ohne feste Wohnungen, ohne Städte und feste Plätze. Doch überall gab es riesige Weiden und Gewässer. Sie hatten kein eigenes Oberhaupt, doch waren einem großen Fürsten tributpflichtig, den sie Un Khan nannten, was, wie einige glauben, die selbe Bedeutung hat wie Priesterkönig Johannes (meinten die Tartaren wegen ihrer Aussprache mit »Un« vielleicht »Johann«?). Ihm gaben die Tartaren den zehnten Teil ihres Viehs. Doch als Un Khan bemerkte wie sich die Mitglieder dieses Stammes vermehrten, begann er um seine Stärke zu fürchten und fasste den Plan, sie in verschiedenen Gruppen, auf unterschiedlichen Ländereien zu verteilen. Dann unterstützten seine Gesandten Aufstände in den Gebieten dieser Gruppen. Un Khan wollte sie damit schwächen. Nach und nach verringerte er so ihre Macht. Als aber die Tartaren erkannten, dass sie der Un Khan unterdrücken wollte, beschlossen sie Einigkeit untereinander herzustellen. Sie entschieden sich wegzuziehen in die Wüsten des Nordens, fernab seines Einflusses.

- Aus »Von Venedig nach China«, Buch I:45

Einige Zeit nachdem sich die Tartaren im Norden des Landes niedergelassen hatten, wählten sie Dschingis Khan als ihren Anführer. Zufälligerweise war das im selben Jahr 1187, als Jerusalem von Saladin erobert wurde. Wegen seines besonderen Regierungsstils verehrten die Tartaren Dschingis Khan wie einen Gott. Entsprechend schnell breitete sich sein Ruhm aus, so dass alle Tartaren, ganz gleich über welche Steppen sie wanderten, sich freiwillig seinem Befehl unterstellten. Irgendwann drang Dschingis Khan in das Reich des Un Khan (Priester Johannes) vor. Von einem Sterndeuter – erzählt Marco Polo – hätte sich der Kriegerkönig beraten lassen. Sie sollten ihm weissagen, ob er gegen die Großarmee des Un Khan mit seinem Heer bestehen könne:

Die Sterndeuter nahmen ein grünes Rohr, spalteten es der Länge nach in zwei Teile und schrieben auf den einen den Namen Dschingis Khan und auf aber den Namen Un Khan. Hernach setzten sie sich auf den Boden und erklärten dem König, dass während ihrer Beschwörung, die beiden Rohrhälften unter der Macht der Götter, mit einander kämpfen würden. Dessen Stück aber auf das andere Rohrstück steige, der werde als Sieger hervorgehen. Während sich die Sterndeuter mit ihren Zauberbüchern beschäftigten, sah der König, um ihn das versammelte Heer, wie sich jener Stock über den anderen erhob, auf dem der Name Dschingis Khan stand.«

- Aus »Von Venedig nach China« von Marco Polo, Buch I:46


Die Prophezeiung sollte sich erfüllen: Dschingis Khan schlug die Heere des Un Khan und tötete ihn. Nach dieser Schlacht brach er auf, zu seinem Feldzug in den Westen, wo er die ganze damalige Welt das Fürchten lehrte.

Wie wir sehen, weist die Erzählung Marco Polos, viele Parallelen auf zu dem, was auch Wilhelm von Rubruk über den Priesterkönig Johannes bzw. Un Khan schrieb. Nur nennt Rubruk jenen Herrscher Unc, der bei Rubruk außerdem von Dschingis Khan nicht getötet wurde, sondern vor ihm flüchtete und nach China entkam.

Über den Priesterkönig Johannes schrieb auch ein weiterer Universalgelehrter in seinen Chroniken: Gregorius Bar-Hebraeus (1226-1286). Ebenso wie Marco Polo identifizierte er den Priester Johannes mit dem Groß-Khan, verwendete aber Rubruks Schreibweise Unc Khan.

Im Jahr 1202, als Unc Khan als christlicher König Johannes über die barbarischen Hunnen herrschte, die man auch Kirgisen nennt, diente ihm Dschingis mit großem Eifer. Als Johannes jedoch erkannte, dass Dschingis von seinen Volk mehr geliebt wurde als er selbst, neidete er es ihm. Er hegte einen Plan ihn gefangen zu nehmen und ermorden zu lassen. Doch zwei Söhne des Johannes hörten davon und ließen es Dschingis wissen. Der floh des Nachts darauf mit seinem Gefolge. Als am folgenden Morgen Johannes, die Zelte Dschingis' stürmen ließ, fanden sie seine Soldaten leer. Doch die Krieger des Dschingis überraschten das Heer Unc Khans an der Balschunah-Quelle, und zwangen seine Krieger sich zu ergeben. Immer wieder versuchten sie gegen Dschingis vorzugehen, bis dieser Unc Khan vollständig besiegte und tötete. Seine Frauen, Söhne und Töchter waren von nun an Gefangene. Allerdings müssen wir sehen, dass man Johannes, König der Kirgisen, nicht umsonst erniedrigte. Schließlich hatte er sein Herz vom Herrn Christus abgekehrt, trotz dass er durch ihn einst zum Priesterkönig erhoben war. Weil er die Religion seiner Ahnen aufgab und fremden Göttern nachfolgte, entriss ihm Gott die Führung und gab sie einem Besseren, dessen Herz Gott nahe war.«

- Aus »Des Gregorius Abulfaradsch kurze Geschichte der Dynastien oder Auszug der allgemeinen Weltgeschichte, besonders der Geschichte der Chalifen und Mongolen« von Gregorius Bar-Hebraeus

Das Unc Khan und Priester Johannes keine europäischen Erfindungen sind, belegt auch der mongolische Epos »Die Geheime Geschichte der Mongolen« von 1227 – dem Todesjahr des Dschingis Khan.

Ein Reich des Priesterkönigs in Äthiopien

Rubruk, Marco Polo, Bar-Hebraeus und andere versuchten im 12. und 13. Jhd. die Menschen eines Besseren zu belehren, was Presbyter Johannes betrifft. Völlig unerwartet schwenkte der Mythos dann aber Anfang des 15. Jhd. in eine vollkommen neue Richtung. Plötzlich tauchte der christliche Monarch Johannes wieder auf. Er sollte Herrscher sein eines großen Reiches in Äthiopien. Dieser neue Lokalisierungsversuch des Reiches vom mythischen Presbyter, kam zum ersten mal in Umlauf durch den Dominikaner Jordanus de Séveérac (1290-1336) – damit begann eine neue Periode in der Geschichte des Priesters Johannes.

Insbesondere in dem an Papst Alexander III. und Kaiser Barbarossa gerichteten Brief nannte der Presbyter Johannes sein Reich die »drei Indien«. Könnte es vielleicht sein, dass eines der drei Indien Äthiopien meinte, während die anderen auf die Mongolei und den indischen Subkontinent deuten? Hierzu muss man wissen, dass im europäischen Mittelalter das Wort Indien, ein recht ungenauer Begriff war. Damals nannte man alle Menschen dunkler Hautfarbe einfach »Inder«. Die Europäer sahen darum in den Menschen Äthiopiens einfach »kraushaarige Inder«. So vielleicht kam es, dass man im Mittelalter Äthiopien als Teil Indiens betrachtete.

Heinrich IV. von England addressierte im Jahre 1400 einen Brief an den Priesterkönig Johannes von Abessinien (Äthiopien). Heinrich wollte nach seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem, die heilige Stadt von muslimischer Herrschaft befreien. Ob der Brief diesen jemals erreichte bleibt ungeklärt. Auch der portugiesische Prinz Heinrich (1394-1460) erhoffte sich im Kampf gegen die Muslime, Hilfe vom Priesterkönig. Nach Heinrichs Tod, unternahmen die Portugiesen mehrere Expeditionen nach Afrika. Sie suchten jetzt nach dem Priesterkönig in Äthiopien. Insbesondere mit der Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung, erhielt der Austausch zwischen dem fernen Reich und Europa weiteren Aufschwung.

Im Jahr 1351 besuchte eine Aufsehen erregende Gesandtschaft aus Äthiopien Papst Clemens VI. im französischen Avignon. Die afrikanischen Gesandten kamen im Auftrag des Priesters Johannes vom Morgenland – so notierte es der Geschichtsschreiber Johannes von Hildesheim (nach 1310-1375) in seiner Chronik.

Eigentlich aber ist die Vorstellung, dass das Reich des Priesterkönigs Johannes Äthiopien sei, viel älter. Bereits im 9. Jhd. wurde die Ansicht vertreten, dass sich irgendwo in einer großen Wüste Äthiopiens, ein mythischer jüdischer König aufhalte. Er sei Nachkomme eines der verlorenen Stämme Israels. Damit war insbesondere für die Juden dieser Priesterkönig von Bedeutung. Schließlich verband man mit der Legende der Verlorenen Stämmen Israels, zu dieser Zeit die Wiederkehr des Messias. Gut möglich, dass der Mythos des Priesterkönigs Johannes die christliche Antwort auf dies Legende ist. Bestimmt spielte diese uralte Hoffnung auch mit ein, in die Kreuzfahrermentalität der folgenden Jahrhunderte.

Karte des äthiopischen Reiches Priesterkönigs Johannes – ewigeweisheit.de

Auf dieser historischen Landkarte Afrikas, von Abraham Ortelius (1573), findet man unten rechts einen lateinischen Text im Kasten: Presbiteri Johannis, sive, Abissinorum Imperii descriptio - zu deutsch: "Eine Darstellung des Reiches vom Priesterkönig Johannes, nämlich Äthiopien". Karte von

Die drei Indien und der Stern zu Bethlehem

Ein Rätsel bleibt offen: was meinte der Priesterkönig Johannes in seinem Brief mit den »drei Indien«? Vor dem Hintergrund unserer bisherigen Betrachtungen, können damit eigentlich nur gemeint sein, die Orte seines Auftretens: also Indien, Ostasien (Ost-Persien, Mongolei) und Äthiopien.

Als im 14. Jhd. die äthiopische Gesandtschaft nach Europa kam, ereignete sich fast zeitgleich etwas Interessantes in der abendländischen Kunst: König Balthasar des neuen Testaments, wurde von nun an als Afrikaner abgebildet. Der Bericht des Johannes von Hildesheim über die Zusammenkunft der äthiopischen Botschafter und Papst Clemens VI. sollte bezeugen, dass in Ostafrika ein christlicher Herrscher lebte. Das führte wahrscheinlich zu der besagten Motivänderung in der religiösen Malerei. Es liegt also nahe zu vermuten, dass die Heiligen drei Könige aus dem Morgenland gewissermaßen spirituelle Vorfahren des Priesterkönigs Johannes sind. Diese Vermutung unterstütz auch die Enzyclopedia Britannica. Darin wird von drei Königreichen gesprochen, über die die Weisen aus dem Morgenland regierten:

  • Der dunkelhäutige Balthasar sei König Arabiens (womit wahrscheinlich eher Äthiopien gemeint ist),
  • Melchior (hebr. für »König des Lichts«) wäre der König des Großreiches Persien gewesen, dass sich einst ja bis zum Karakorum erstreckte und
  • Caspar sei ein indischer König gewesen.

Das es sich um drei Priesterkönige handelte, dass geht aus den heiligen Schriften hervor: Der Evangelist Matthäus nennt sie die »Magoi« (Plural von griech. »Magos«, »Magier«). Es ist die Bezeichnung für die priesterlichen Sterndeuter der alten Zoroastrier, was uns das neue Testament bestätigt, da sie ja dem »Stern zu Bethlehem« folgten. Natürlich erinnert dass an die Aussage Wilhelms von Rubruk, dass auch die Khane in Fernost, selbst alles Wahrsager und Sterndeuter waren.

Hüter des Grals

Nach Wolfram von Eschenbach war der Priesterkönig Johannes ein Neffe des Gralshelden Parzival. Dessen Halbbruder Feirefiz vermählte sich mit der Gralsjungfrau Repanse de Schoye, ging mit ihr nach Indien, wo der junge Johannes zur Welt kam.

Repanse de Schoye wurde so
Erst ihrer Reise wahrhaft froh.
In Indien gebar sie dann
Einen Sohn, den man Johann,
Priester Johannes später hieß.

- Aus Wolframs von Eschenbach »Parzival«

Als Priesterkönig, sollte Johannes die herausragende Aufgabe des Gralshüters übernehmen. In seinem sagenhaften Palast, der in mancher Hinsicht der Gralsburg Montsalvatsch ähnelt, bewahrte der Presbyter dann den Gral.

So also soll der Gral in den fernen Osten gekommen sein. Anscheinend wurde dieser sagenhafte Stein Anfang des 20. Jhd. wiedergefunden im tibetischen Hochgebirge. Dort nannte man ihn den Chintamani – das »kostbare Wunschjuwel«. In der buddhistische Tradition wird es durch drei aneinanderliegenden Kreise symbolisiert, die ein feueriges Leuchten umgeben. Das erinnert natürlich an jenen geheimnisvollen Ring, von dem wir oben auch durch Guido Biagi erfuhren.

So wie einst der Gral aus dem Land der Franken, durch Repanse de Schoye nach Indien kam, so sollte sich auch der Chintamani später über die Welt bewegen:

Nun, die Geschichte dreht sich um den berühmten schwarzen Stein. In wunderschöner Symbolik beschrieben, erzählt der Reisende den erfürchtigen Zuhörern, dass vor sehr anger Zeit ein Stein aus einer anderen Welt auf die Erde fiel – der Chintamani der Hindus und der Norbu Rinpoche (tib. für "kostbarer Juwel") der Tibeter und Mongolen. Seit damals nun, reist ein Stück dieses Steines um die Erde, durch den sich das neue Zeitalter manifestiert und durch ihn die größten Ereignisse in der Welt geschehen. Auch erzählt die Geschichte, wie diesen Stein einst ein Herrscher besaß und wie die Mächte der Finsternis darauf aus waren, ihm diesen Stein zu stehlen.

- Aus dem Reisebericht (1924-1929) von Nicholas Roerich

König der Welt – ewigeweisheit.de

»Der Weltkönig« – Illustration auf dem Buchdeckel der englischen Ausgabe des Buches »Le Roi du monde« von René Guénon (1927).

Diener des höchsten Weltzentrums

Manche behaupten, dass einige hohe Fürsten tatsächlich das Reich des Priesters Johannes fanden. Unter ihnen sollen gewesen sein der mächtige Xerxes, Alexander, verschiedene römische Kaiser und der dänische Sagenheld Ogier (auch genannt Holger). Besonders von letzterem heißt es, er sei einer der späten Nachkommen des Priesters Johannes – jenes Groß-Khans von dem wir oben sprachen. Wir hatten ja gesagt, dass dieser Groß-Khan der Kaiser eines mächtigen Reiches war, bei dem die Christen (Nestorianer) leben durften.

Aus der Volkssage vom Helden Ogier erfahren wir, das der einen Freund hatte: König Godebuch von Friessland. Der hatte einen Sohn namens Johannes, der ein sehr frommer Junge war und ständig in der Kirche betete. Manche machten sich daraus einen Scherz und so kam er zum Namen Priester Johannes. Als sich dieser Priester Johannes doch irgendwann als großer Held bewies, so will es die dänische Sage, hatte ihm das sein Vetter Ogier gut vergolten: er vermachte ihm sein ganzes Reich. Die dänische Sage erwähnt außerdem einen König in Indien der sich entschloss Christ zu werden und den Namen Priester Johannes annahm. Nachdem Oger dem Johannes also sein Reich vermacht hatte, wurde er in die tiefen Höhlen eines Berges entrückt, von wo er dereinst als Retter wiederkehren soll (natürlich erinnert das an den nach Avalon entrückten Artus, Buch zum Thema ►). Ogiers Macht ist die eines Welteroberers, die sich einst bis ins Reich des Priesterkönigs Johannes erstreckte – dem Reich des oben besprochenen Groß-Khans. Beide, Priesterkönig Johannes und der Groß-Khan, sollten Gefährten des Ogiers werden und zwei mächtige Dynastien gründen. Ob es außerdem sogar einen näheren Zusammenhang zwischen dem Helden Ogier und dem halb-mythischen Helden der Türken, namens Oger gibt, wollen wir offen lassen.Letztendlich ist das mythische Reich des Priesterkönigs eine mittelalterliche Vorstellung eines »höchsten Zentrums«, in dem der Priesterkönig Johannes die Geschicke der Welt lenkt. Der Name »Priesterkönig Johannes« muss darum gar keine bestimmte Person bezeichnen. Eher ist dieser Name der Titel des heiligen Amtes eines Menschen, der die Botschaften der höheren Welt auf die Erde bringt. Als eingeweihter Mittler, schafft er die Verbindung unserer Welt und den höheren Welten. Er ist Botschafter einer kosmischen Intelligenz und bringt das Licht des reinen Geistes, eines noch höheren Weltenherrschers auf die Erde. Aufgabe des Priesterkönigs war es diese Botschaft an den weltlichen Adel und Klerus zu überbringen. Die Meistersinger und Troubardoure an den Höfen erhielten dann vielleicht den Auftrag, diese Botschaft dem Volk zu überbringen – wobei eine der bedeutendsten dieser Botschaften wohl das Mysterium vom Heiligen Gral war. Immer aber ging es um das große Weltgesetz von Gleichgewicht und Harmonie. Darauf basieren die Daseinszyklen unserer Welt.

Auch wenn Priesterkönig Johannes als weltlicher Herrscher und Heeresführer dargestellt wurde, scheint seine Figur dennoch in Perioden der Geschichte aufgetaucht zu sein, wo sich die Kulturen entfernter Völker zum ersten mal begegneten. Gewiss könnte man ihn damit bezeichnen als obersten Brückenbauer und Pontifex.

 

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