Wiedergeburt

Das Schicksal der Seelen im Jenseits

von S. Levent Oezkan

Seele - ewigeweisheit.de

Platons Hauptwerk »Der Staat« schließt mit einem recht ungewöhnlichen Diskurs. Es geht da um das Leben der Seelen im Kosmos nach dem Tod. Über viele Jahrhunderte hinweg, sollte die darin beschriebene, außergewöhnliche Fabel das religiöse und philosophische Denken im Westen beeinflussen.

Es ist ein Dialog des Philosophen Sokrates mit seinem Schüler Glaukon, einem älteren Bruder des Platon. In dieser beeindruckenden Erzählung erfahren wir von einem Mann namens »Er« (griechischer Genitiv von »Heros«, der Held), der anscheinend in einer Schlacht zu Tode kommt. Als man die Leichen der Gefallenen jedoch einsammelt, war die des Er noch nicht verwest und nach zwei Tagen erstand er, wie durch ein Wunder, zu neuem Leben auf. Hierauf erzählte er jenen die ihn trafen, von seiner zwölftägig erlebten Reise durch das Jenseits.

Zwischen Himmel und Erde

Worüber Er da sprach, war seine zwölftägige Vision im Jenseits – ja also die seiner Seele –, wo er in seinem Astralleib durch die himmlischen Sphären reiste, auf dem Weg zu eben dieser, seiner Wiedergeburt. Und das hatte einen Grund. Er nämlich erfuhr so, wofür die Menschen, die ein rechtschaffenes Leben führten, belohnt und jene schlecht oder unmoralisch handelnden, nach dem Tode bestraft wurden:

Nachdem seine Seele aus ihm gefahren, sei er mit vielen anderen gewandelt, und sie seien an einen wunderbaren Ort gekommen, wo in der Erde zwei nahe an einander stoßende Öffnungen gewesen seien, und am Himmel gleichfalls oberhalb zwei andere ihnen gegenüber.

- Aus dem 10. Buch der Politeia, »Der Staat«

Zwischen diesen Öffnungen saßen himmlische Richter, die den Seelen befahlen diesem Weg zu folgen: Die guten Seelen führte man von dort gen Himmel, jene aber an denen Sünde und Frevel haftete, sie kamen unter die Erde, wo über sie erneut gerichtet wurde.

Als sich nun aber Er den Richtern näherte, sagte man ihm, er solle innehalten, um diesem und weiteren sagenhaften Ereignissen beizuwohnen, damit er dereinst seinen Mitmenschen über diese Erfahrungen berichte.

So kam es also, dass sich vor seinem Angesicht ganz sonderbare Dinge abspielten. Die geläuterten Seelen reiner Gemüter kamen da aus der einen Himmelsöffnung herab und erzählten ihm von der paradiesischen Pracht derer sie ansichtig werden durften. Sie alle ließen ihn Anteil haben an wahrhaft ehrfurchtgebietenden Vorahnungen.

Als er aber jene sah, die da ganz besudelt aus irdischem Untergrund hervorkrochen, erschrak er: Sie waren vollkommen erschöpft, verstört und weinten jämmerlich, während sie zitternd verlauten ließen von dem Schrecken, der ihnen dort widerfahren war. Jede von ihnen, so erfuhr Er, hatte einen zehnfachen Preis dafür zu bezahlen, was sie an bösen Taten in ihrem Menschenkörper der Vergessenheit zu Lebzeiten begangen hatten. Andere davon sogar waren dazu verdammt, in jenen höllischen Tiefe des Untergrunds zurückzubleiben. Zu ihnen zählten alle Mörder, doch auch die schrecklichen Tyrannen und auch andere Kriminelle die zu Lebzeiten Menschen schlimmes Leid angetan hatten.

Er und jene anderen dort angekommenen Seelen aber waren an diesem sagenhaften Ort über sieben Tage und mussten, wie man im 10. Buch der platonischen Politeia, »Der Staat«, weiterliest

sich an dem achten (Tag) aufmachen und von hier an weiterwandern, und da wären sie dann am vierten Tage in eine Region gekommen, wo man von oben herab einen durch den ganzen Himmelsraum über die Erde hin ausgebreiteten geraden Lichtstrom gesehen habe, wie eine Säule, ganz dem Regenbogen vergleichbar, aber heller und reiner.

Diese Säule hieß »Spindel der Notwendigkeit«, in deren Nähe sich mehrere Frauen aufhielten: Annanke – die Personifizierung des blinden Zufalls im Leben, jene oberste Macht, der selbst die Götter gehorchen –, sowie ihre drei Töchter Lachesis, Klotho und Atropos und die sagenhaften Sirenen (deren Name anscheinend sinnverwandt ist mit dem Namen des Fixsterns Sirius, der im Alten Ägypten zwar heilig, den Griechen aber anscheinend als unheilbringend galt).

Die Seelen – mit Ausnahme der des Er – ordnete sie reihenweise und aus dem Schoß der Schicksalsgöttin Lachesis, nahm einer Lose, auf denen viele verschiedene Grundrisse für Lebensweisen verzeichnet standen. Von diesen Losen gab es mehr, als Seelen anwesend waren. Jede von ihnen erhielt davon, ihrer Reihenfolge nach, also ein ganz einmaliges Los. Daraufhin bat man sie den Grad ihrer Tugend für ihre nächste Inkarnation auszuwählen.
Ihre Wahl brachte dabei einen vollkommenen Wechsel der Lebensverhältnisse der folgenden Inkarnation mit sich, im Vergleich zu ihrem früheren Leben.

Als Er da sprach, erinnerte er sich dabei an die ersten Seelen, die sich für ein neues Leben entschieden hatte. Darunter war ein Mann, der weder die Schrecken des Untergrunds kannte, noch irgendwelche Mühsal, doch für seine Tugenden im Himmel reichlich belohnt worden war. Der entschied sich mal eben schnell dafür ein mächtiger Diktator zu werden, ohne zu realisieren, welche Bedeutung das für seine Existenz, im für ihn darauf folgenden Jenseits für Konsequenzen hatte. Leichtsinnig wählte er somit die falsche Lebensform. Denn bei weiterer Betrachtung stellte er plötzlich fest, dass er unter anderem zu Grausamkeiten bestimmt war, wie dass er seine eigenen Kinder fressen werde. So vernommen erkannte diese Seele dann ratlos, dass es schon zu spät war noch umzukehren.

Die Seelen, die dagegen in der Unterwelt bestraft wurden, waren mit der Mühsal vertraut und wählten daher nicht übereilt, eine bessere Inkarnation. Viele bevorzugten da ein Leben, das sich von ihren früheren Erfahrungen vollkommen unterschied. Tiere wählten Menschenleben, während Menschen oft das scheinbar einfachere Leben von Tieren wählten.

Nachdem diese Wahl nun erfolgt war, beobachtete Er, wie jeder Seele ein Schutzgeist zugewiesen wurde, der ihr durchs Leben helfen sollte. Sie passierten unterhalb des Thrones der Annanke und reisten hernach weiter in eine Ebene, wo die Lethe rauschte – der Fluss des Vergessens.

Notwendig müssten nun freilich alle ein gewisses Maß von diesem Wasser (der Lethe) trinken; die aber durch Vernunft sich nicht wahren ließen, tränken über jenes Maß, und wer immerfort davon tränke, der vergesse alles.

- Aus dem 10. Buch der Politeia, »Der Staat«

Während sie tranken, konnte sich ihre Seele also an nichts mehr erinnern, was ihr da im jenseitigen Zwischenreich widerfahren war, noch an das, was sie in früherem Leben war. All das erlebte Er jedoch nicht selbst, sondern schaute wieder nur dabei zu, wie sich all das vor seiner Seele abspielte. Des Nachts im Schlaf wurde dann jede Seele zu ihrer Wiedergeburt in verschiedene Richtungen gehoben, um ihre Reise abzuschließen.

Als aber Er, das heißt also seine Seele, in seinen Körper zurückkehrte, da öffnete er die Augen und fand sich des Morgens, zusammen mit den anderen verstorbenen Leibern, auf einem Scheiterhaufen. Er aber lebte, denn er sollte sich an seine Reise, die ihn durch das Leben nach dem Tod führte, erinnern, um das dort Erfahrene mit den lebenden Menschen zu teilen.

Die Bedeutung des Beschriebenen

In seinem Dialog mit Glaukon lehrte ihm Sokrates, dass die Seele unsterblich sein muss und nicht zerstört werden kann. Was Glaukon daraus vor allen Dingen erkannte, war, dass die Entscheidungen, die er im Leben traf, und der Charakter, den er um seine inkarnierte Seele entwickelte, für diese, nach seinem Tod, Konsequenzen haben müsse. Was Sokrates nämlich mit seinem »Mythos des Er« beschreiben wollte, war, wie die wahren Charaktere der Seelenträger, nach dem Tod des Körpers, an die Oberfläche kommen, so als wären sie plötzlich aus einer verborgenen Lebensmitschrift aufgetaucht und verwandelt worden, in tiefgreifende Gerichtsurteile, die man in einem Tribunal der Seele vor göttlichen Richtern fällte (man vergleiche etwa die Rolle des Schreibergottes Thoth des ägyptischen Mythos vom Seelen-Gericht, der Notiz führte, über jede Handlung, jedes Gefühl und jeden Gedanken der Seele während ihrer Inkarnation).

Jene Seelen heuchlerischer Frömmler aber, sowie derjenigen, die ein habgieriges oder materialistisch geprägtes Leben führten, wurden dort zwar gebeten das Los eines anderen Lebens zu wählen, entschieden sich aber dennoch für die Inkarnation in das Leben eines Tyrannen.

Andere, die in ihrem früheren Leben ein glückliches, aber mittelmäßiges Leben geführt hatten, wählten meist dasselbe für ihr zukünftiges Leben. Nicht aber aus Weisheit, sondern schlicht ihrer Gewohnheit nach.

Alle Seelen aber, die man während ihrer letzten Inkarnation mit unendlicher Ungerechtigkeit behandelt hatte, zweifelten an der Möglichkeit eines guten menschlichen Lebens. In ihrer Resignation wählten sie dann als Tiere wiedergeboren zu werden.

Das Leben des Philosophen aber ermöglicht es gute Entscheidungen zu treffen, wenn es, so Sokrates, zu dieser Wahl einer neuen Inkarnation kommt. Solch »philosophisches Leben« nämlich identifiziert ein Lebensgefühl, das geprägt ist durch erfahrene Welterkenntnis. Während hingegen Erfolg, Ruhm und Macht zwar vorübergehende himmlische Belohnungen oder hingegen höllische Strafen bringen, wirken sich philosophische Tugenden immer zum eigenen Vorteil aus.

Die Spindel der Notwendigkeit

Schema von der ptolemäischen Unterteilung des Himmels - ewigeweisheit.de

Das Schema der Himmelssphären nach Petrus Apianus (1539):

11. Feuerhimmel, Wohnstatt Gottes und aller Auserwählten
10. Himmel der ersten Ursache
9. Kristallhimmel
8. Das Himmelsfirmament
7. Himmel Saturns
6. Himmel Jupiters
5. Himmel des Mars
4. Himmel der Sonne
3. Himmel der Venus
2. Himmel Merkurs
1. Himmel des Mondes

Im Zentrum die Erde.

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Richten wir unseren Blick nun aber noch einmal auf den weiteren Verlauf des Dialoges zwischen Sokrates und Glaukon. Da war ja die Rede von einem Lichtstrom, der sich über die Erde hin ausbreitet. Wahrscheinlich wurde damit angespielt auf ein aus dem Feuerkern des Erdinnern aufsteigendes Strahlen. Mitten in diesem Licht hatte Er beobachtet

wie die äußersten Enden der Himmelsbänder am Himmel angebracht seien; denn nichts anderes als jener Lichtstreif sei das Land des Himmelsgewölbes, wie etwa die verbindenden Querbänke an den Dreiruderern, und halte so den ganzen Himmelskreis zusammen; an jenen Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit angebracht, durch welche alle möglichen Sphären bewegt würden; daran seien nun Stange und Haken aus Stahl, der Wirtel aber (d. h. der Quirl, der alles in seiner Drehbewegung hält) habe aus einer Mischung aus Stahl und anderen Metallarten bestanden.

- Aus dem 10. Buch der Politeia, »Der Staat«

Jene »Spindel der Notwendigkeit«, von der oben bereits die Rede war, und die sich auch als kosmische Lichtsäule betrachten ließe, wird im Schoße der Göttin Annake, von ihren drei Töchtern und den Sirenen, in kreisförmiger Bewegung gehalten.

eine jede auf einem Throne, nämlich die Töchter der Notwendigkeit, die Parzen (griechisch »Moiren«), in weißen Gewändern und mit Kränzen auf dem Haupte: Lachesis, Klotho und Atropos, und sängen zu der Harmonie der Sirenen; Lachesis besänge die Vergangenheit, Klotho die Gegenwart, Atropos die Zukunft. Und Klotho berühre von Zeit zu Zeit mit ihrer rechten Hand den äußeren Umkreis der Spindel und drehe sie mit, Atropos ebenso die inneren Umkreise mit der linken, Lachesis aber berühre abwechselnd die inneren und äußeren mit beiden Händen.

- Aus dem 10. Buch der Politeia, »Der Staat«

Hiermit, und im weiteren Verlauf »Des Staats«, lesen wir wie Sokrates dem Glaukon den Umlauf der Himmelskörper um die Erde erklärt, wo also im Zentrum sich unentwegt die Spindel der Notwendigkeit dreht.

Auf dem Wirbel dieser »Himmelsspindel« aber befinden sich acht »Umlaufbahnen«, von denen jede einen perfekten Kreis bildet. Platon beschreibt Sokates' Schilderungen dazu, als eine bestimmte Farbe tragend, was sich jedoch als die Himmelsbahnen der Fixsterne und der sieben klassischen Planeten identifizieren lässt:

  1. In der Farbe des Regenbogens erscheinen da die Sterne des Tierkreises,
  2. die Umlaufbahn des Saturn ist gelblich,
  3. ganz weiß die des Jupiter,
  4. rötlich die Umlaufbahn des Mars,
  5. gelblicher die des Merkur,
  6. ein leichteres Weiß trägt jene der Venus,
  7. am glänzendsten aber ist die der Sonne, und
  8. die silbrige Umlaufbahn des Mondes beleuchtet die Sonne.

In dieser Topographie des Weltalls, beschreibt Platon damit also quasi das System, über das die Seelen in eine weitere irdische Inkarnation zurückkehren, da diese ja eben an der Spindel der Notwendigkeit, in ein weiteres Menschenleben eintreten. Die Spindel aber gleicht einem ganzen Strom von Seelen, die die Annake aus ihrem Schoß in ein neues Leben, in den Tierkreis entlässt. Über die »Stufenleiter« der sieben klassischen Himmelskörper, kommen diese Seelen von dort zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Erde, einen neuen Körper annehmend.

Was jenen Seelen aber widerfährt, die, wie Sokrates meinte, aus einem philosophischen Leben dorthin zurückkehrten, könnte einer Errettung gleichen:

wir werden dann glücklich über den Fluss Lethe setzen und uns an unserer Seele nicht besudeln. Wenn wir daher meiner Meinung folgen, so wollen wir daran festhalten, dass die Seele unsterblich ist und alle möglichen Übel überlebt und alles Gute bekommen könne, wollen immer den Weg nach oben im Auge haben, wollen mit vernünftiger Einsicht auf allen unseren Wegen Gerechtigkeit üben. Und so werden wir mit uns selbst und den Göttern lieb sein, sowohl in diesem jetzigen Leben als auch dann, wenn wir den Kampfpreis dafür davontragen, und ihn wie die Sieger ringsum einsammeln, und werden sowohl hienieden als auch in der von uns beschriebenen tausendjährigen Wanderung glücklich sein.

- Schluss des 10. Buch der Politeia, »Der Staat«

Werden sie danach überhaupt je wiederkehren müssen?

 

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Das Mysterium des Todes

von S. Levent Oezkan

Mysterium des Todes - ewigeweisheit.de

Manche meinen der Tod sei ein sehr, sehr langer Schlaf. Was schläft ist aber nichts als der verwesende Leib. An die Unsterblichkeit der Seele zu glauben hingegen bedeutet den Tod zu erkennen als Befreier der Seele. Dies wissend könnte man sich fragen: Wieso überhaupt sollte man den Tod dann noch fürchten?

Es ist wohl eher die Angst vor dem Sterben, das vielleicht mit Leid und Schmerzen einhergeht. Darum spricht auch niemand in hohen Tönen von seinem Tod. Eher zuckt einer vor dem Bild seines eigenen Todes zusammen. Doch jeden Augenblick kann uns der Tod holen, auch wenn das sehr unwahscheinlich ist oder fast unmöglich erscheint.

Wer dieser, seiner letztendlichen Konsequenz schon mal ins Auge sah, der weiß worum es hier geht: Ein Grauen das über einen kommt, wenn man sich bewusst macht, dass man schon nachher nicht mehr leben könnte. Kaum zufällig unterstellen viele Märchen und Legenden diesem Inbegriff des Schreckens stets eine hässliche, furchterregende Wesenart, auch wenn der Tod an sich ja keine Person oder Sache ist.

Grausamer aber noch als der eigene Tod, den man ja gerne in die ferne Zukunft verschiebt, ist wenn ein nahestehender Freund oder Familienangehöriger stirbt. So viele Menschen tauchen danach ab, in vielleicht tiefe Trauer oder Verzweiflung, wo ein Riss ihr ganzes Sein zu spalten droht, wo die Gefühle liebevoller Erinnerung und schmerzlicher Wahrheit die Seele zerreißen.

Ist der Tod wesenhaft?

Das Ende der irdischen Körperlichkeit ist meiner Ansicht nach eigentlich nur der Beginn eines Übergangs, wo sich sich die Seele aus dem Körper löst, um als nicht-physisches Wesen fortzuexistieren. Der physische und ätherische Teil des Menschen aber wird wieder eins mit der Erde und lässt sich niemals mehr in die Form vor seinem Tod zurückverwandeln.

Den Seelengeist umkleidet zunächst ein geistiger Leib, der ebenso wahrnimmt, wie der physische Körper. Dass das nicht allein auf Spekulationen beruht, dafür stehen all die Berichte von Menschen die eine Nahtod-Erfahrung machten, sich aus ihrem Körper lösten, ihn vor sich sahen und auch die Worte der Menschen in ihrer Nähe vernahmen, auch dann, wenn man sie bereits als klinisch tot erklärte.

Human Pardon. Félicien Joseph Victor Rops (1833-1898) - ewigeweisheit.de

Begnadigung des Menschen - Gemälde von Félicien Rops (1833-1898).

Der Tod kommt unaufgefordert

Tod bedeutet Stille. Doch es ist keine Stille vor der man sich zu fürchten braucht, da es ja bereits der Tod selbst ist. Eher gleicht der Tod auch einem Freund, der den Wesenskern des Menschen – seine Seele – aus enger Körperlichkeit dann endlich befreit. Niemand als der eigene Tod besitzt die Schlüssel, um jenes Seelentor zu öffnen, dass das wahre Wesen des eigenen Seins enthüllt.

Der Tod begleitet uns stets an unserer Seite. Wer ihm begegnet, dessen Seele wird abberufen, auf einen Pfad der in die Fremde führt. Er ist gewiss ein strenger Besucher, der sich von seiner Pflicht durch nichts in der Welt abbringen lässt. Der Tod ist auch ungeduldig. Drum, wenn er zuschlägt, bleibt dem Sterbenden keine Zeit. Selbst jene, die im Begriff sind auch nur die kleinste Tätigkeit anzugehen, die in nur Augenblicken erfolgen würde, selbst sie unterliegen seiner Ungeduld.

Aufgabe des Todes ist die Seele aus den Banden des Fleisches zu entfesseln, quasi als letzter Akt menschlichen Seins. Der Tod trägt die Seelen davon, den verstorbenen Körper aber lässt er zurück, dessen sich die Seele zu Lebzeiten als Fahrzeug bediente und darin vielleicht recht verliebt war.

Manch einer wird vom Tod im Schlaf heimgesucht, so dass er nicht ins Bewusstsein seines Leibes zurückkehrt, als vielmehr in einem anderen Bewusstseinszustand zu erwachen. Schlaf und Tod sind Geschwister.

Der eigentliche Tod ist ein Wechsel ohne Wiederkehr. Er aber ist nicht das Leid, das jemand vielleicht während langer, tödlicher Krankheit im Sterben erfährt. Es ist keine Reise, die ein Mensch mit seiner Seele beginnt, nichts, wo lange Zeit vergeht, vom einen Hier zum anderen Dort. Es ist ein zeitlich gänzlich simpler Vorgang, den der Tod ad hoc bewerkstellig.

Wer weiß dass er sterben wird, der braucht kein neues Gewand anzulegen, braucht keine Ersparnisse mehr zu zählen, keine Besitztümer mehr auszuwählen. Alles was der Tod vom Menschen fordert ist seine geistig-spirituelle Vorbereitung auf den Tag seines Ablebens.

Wer ist darauf vorbereit?

Wer schon beschäftigt sich mit seinem jüngsten Tag?

Wäre es dafür nicht immer an der Zeit?

Im Land der Toten

Sobald sich die Seele eines Menschen vom verstorbenen Leib löste, so die Geheimlehren, begegnen ihr zuerst die Seelen jener Menschen die sie einst während ihres irdischen Aufenthalts kannte, doch die selbst schon verstorben waren. Sie freuen sich über die Ankunft der Seele des Verstorbenen. Unter ihnen sind nur aber jene, die dazu Erlaubnis erhielten. Kaum verwunderlich dass diese Seelen am Eingang in die Zwischenwelt genau wissen, was der Verstorbene durchgemacht hat, zählten sie doch selbst einst zu jenen, die ihrerseits dort feierlich empfangen wurden. Auch sie mussten traurig Abschied nehmen von ihren lieben Freunden und Familienangehörigen.

Doch es ist nicht immer so, dass die Seele nach dem Tod des Körpers, tatsächlich in den Kreis der Bekannten eintritt. Ebenso wenig wahrscheinlich ist, dass sie alle ab da an zusammen sind. Man war ja auch auf Erden nicht ununterbrochen zusammen.

Der Glaube dass mit dem Tod alles zu Ende sei, stimmt also anscheinend für jene, die sich immer nur mit ihrem Körper identifizieren. In den Geheimwissenschaften in Ost und West aber ist die Rede von einem Teil der Existenz, der fortwährend an seiner eigenen Weiterentwicklung interessiert ist. Die Station Erde ist dabei nur ein Teil auf diesem langen Weg des Aufstiegs.

Ganz gleich ob nun manche an die Wiedergeburt glauben oder andere ihre Seele nach dem Tod einem Paradies oder einer Hölle gegenüberstehend finden wollen, geht es doch immer um die Läuterung der Seele. Es ist ein Pfad auf dem Weg zur Vervollkommnung – auch dann, wenn dieser Begriff nicht mit dem identisch ist, wie wir ihn zu Lebzeiten auf Erden definiert hatten.

Niemand kann sagen wie lange dieser Seelenweg der Läuterung tatsächlich ist. Gemäß einfachster hermetischer Prinzipien dürfte er aber sehr wahrscheinlich in die Einheit allen Seins führen, wo sich das Getrennte dann verbinden wird damit, was wohl einst sein Ursprung war.

Dante's Paradiso - ewigeweisheit.de

Dante's Paradiso: die himmlischen Gefilde der Seeligen und Engel. Illustration von Gustave Doré (1832-1883).

Bleibt alles beim Alten nach dem Tod?

Auch wenn man nicht mehr in seinem Körper über irdischen Grund wandelt, bleibt man als Seelenwesen am Leben. So wollen es die Geheimlehren in West und Ost. Manche meinen gar zu behaupten, dass man sich gar nicht verändere, sondern die Lebensreise im Jenseits, gewissermaßen die diesseitige Reise einfach nur fortsetze.

Wenn im Osten nun die Rede ist von Karma, dem Prinzip von Ursache und Wirkung, denkt man sich dabei die Konsequenzen, die die Taten eines Menschen mit sich bringen. Wer frei ist von allem Übel, der soll nicht mehr auf diesem Planeten reinkarnieren müssen – einem Ort, der ja manchmal ein Ort der Finsternis ist, wo Leid, Angst und Schmerz jeden Lebenden plagen. Doch sind es nicht eben diese Attribute, die die westliche Tradition auch mit der Hölle assoziiert?

Für jemanden der auf dieser Erde leidet, dürften Vorstellungen von einer Hölle oder der Fortsetzung irdischer Leiden im Jenseits, zuerst wohl unangenehm erscheinen. Fest steht jedoch, dass sich alles im Leben ändert, ganz gleich wie hart es im Augenblick auch erscheinen mag.

Jedes Leid kommt zu seinem Ende. Was Trauer war, wird irgendwann vergessen sein.
Statt Schmerz wird dann Freude empfunden und Verzweiflung weicht der Zuversicht.

Natürlich ist all das viel komplexer, als dass man es hier in wenigen Zeilen schreiben könnte. Viele Seiten mehrerer Bücher ließen sich füllen mit der Beantwortung der Frage: Was geschieht im Übergang vom irdischen Leben ins Jenseits?

Manche mögen darauf antworten, dass sie gemäß ihres Karmas wiedergeboren würden. Doch ob sich das in der Tat, eins zu eins so ereignen wird, wie man darüber hier und dort mal las, das kann doch niemand wirklich beantworten, der auf dieser Erde lebt. Selbst er wüsste es, bedeutete das trotzdem nicht, dass es auch ebenso für jeden anderen Menschen gelten würde.

Ohnehin basiert solches »Geheimwissen« meist nur auf intellektuell angereicherten Details, die manchmal vielleicht nur ein Autor oder Seminarleiter zu wissen vorgab. Leider sind unter diesen oft aber auch welche die nicht wirklich wissen wovon sie eigentlich sprechen. Sie geben einfach nur das wieder, was sie anderswo hörten oder lasen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wenn hier geschrieben steht, dass Andere lediglich fremdes Wissen kopieren und alles daran falsch ist. Vielleicht macht es aber Sinn es so zu formulieren: Wer an die Existenz seiner Seele glaubt, dem dürfte schwer fallen sich nicht die Frage zu stellen, was mit diesem Teil seines Seins nach dem Tod wirklich geschieht – insbesondere dann, wenn die Seele eben nicht allein eine psychologische Entität ist, sondern tatsächlich ein eigenständiges Wesen – etwas, das einen Körper angenommen hatte, durch dessen Augen es in die Welt sieht und sich durch den Tod dann wieder von alle dem scheidet.

Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, die den Tod übersteht, und das erfahren wir ja aus den philosophischen Schulrichtungen und Religionen in Ost und West, ist ihr Fortleben gewiss eine Weiterführung des irdischen Lebens. Auch dann, wenn es sich »nur« um Erinnerungen handelt.

Das bedeutet aber auch, dass sich alle Sorgen und Ängste in gewisser Weise erhalten, bis man sie schließlich überwunden hat. Dabei müssen es gar nicht die Alltagssorgen sein, die einem im irdischen Leben zu schaffen machten, als eher das als Sorge empfundene Gefühl – oder besser – die intuitive Emotion, die uns mitteilt: etwas war nicht in Ordnung.

Freitod

Der Übergang vom Leben in den Tod ähnelt einem Umzug von einer Stadt in eine andere. Seine moralischen Verpflichtungen nimmt ein Mensch jedoch immer mit. Deshalb ist es gänzlich sinnlos zu glauben, dass ein Selbstmord, auch noch so gravierenden Probleme und Sorgen auf dieser Erde erübrigen könnte. Wer sich selbst tötet bekennt sich zu seiner totalen Unfähigkeit zu leben.

Schaut man hier etwa auf die westlichen religiösen Traditionen, so meinen diese nun, dass ein Selbstmörder unbedingt in der Hölle landet. Dort versucht die Seele eines Selbstmörders erneut ihr Leben durch Gewalt zu beenden, was ihr als unsterbliche Einheit jedoch niemals gelingen kann, sie aber nur immer tiefer in immer weitere Komplikationen hinabzieht, bis sie schließlich erkennt, dass Selbstmord niemals einen Zweck erfüllen kann. Nur dann vielleicht sitzt sie fest.

Eine solche Tat ist eben nichts, worüber jemand zuvor reflektierte oder über die Auswirkungen nachdachte. Es ist eine Tat vollkommener Aggression. Denn hätte jemand über seine Auswirkungen nachgedacht, wäre seinem absurden Wunsch, durch eigenes Tun zu sterben, wohl doch die Vernunft in die Quere gekommen und hätte ihn von dieser Tat abgehalten.

Die Vorstellung mag manchen sehr beängstigend erscheinen oder gar wahnwitzig. Doch es gibt kein Entkommen! Probleme wollen gelöst, Schwierigkeiten aus dem Weg geschafft, Hürden wollen überwunden werden. Auch wenn das im Diesseits manchen einfacher zu gelingen scheint als anderen, bedeutet das nicht wirklich, dass sie, selbst in üblem Handeln, auf ewig frei von Schwierigkeiten bleiben.

Was auf Erden erreicht wurde, welches Endziel der Mensch beim Tod seines Körpers fand, dass wird seine Seele in transformierter Form auf einer anderen Ebene fortsetzen. Dann hoffentlich aber auf einer höheren Stufe der Vervollkommnung.

Das Leben im Jetzt, in diesem Körper, an diesem Ort, an dem Sie sich in diesem Augenblick befinden, ist ein Ausschnitt einer sehr, sehr langen Weiterreise, die aber wahrscheinlich nur hier auf Erden, durch Freude und Schmerz ebenso führt, wie durch Verlust und Gewinn. Denn ist die Seele körperlos, wie sollte man von etwas ahnen, dass man durch das Herz und das Gehirn eines physischen Körpers in erwägt?

Es ist unsere Gewohnheit, die uns in raum-zeitlich materiellen Termini denken lässt. Man identifiziert sich mit seinem Körper, mit dem Ort an dem man lebt und dem Augenblick, in dem man Lust oder Leid, Freude oder Trauer verspürt. Und all diese Empfindungen besitzen ganz und gar ihre eigene Wirklichkeit und Wichtigkeit. Nur wenige aber empfinden sie bewusst, als tatsächliche Verpflichtung in dieser Lebensspanne, in der wir unseren Körper über die schöne Erde bewegen.

Der Weg, den wir dereinst durch den Tod in der physisch-zeitlichen Welt beenden werden, wird in anderer Form dennoch weiter beschritten werden müssen. Dort wo er im diesseitigen Leben endete, setzt er sich im jenseitigen Leben fort.

Alles was wir in dieser Welt erreicht haben, dass nimmt unsere Seele in sich auf und führt sie mit, im sogenannten »kommenden Leben«. Dabei ist es ganz gleich, ob wir an Reinkarnation glauben oder an ein Leben nach dem Tod, wo unsere Seele in Himmel oder Hölle überführt wird. Was wir an Schulden aufnahmen oder andererseits an Begierden ablegen konnten: Das ist der Ausgangspunkt, von dem wir uns in die kommende Welt nach dem Tod bewegen werden.

Der Tod spielt eine Melodie: Frans Francken der Jüngere (1581–1642) - ewigeweisheit.de

Der Tod spielt eine Melodie: Gemälde von Frans Francken dem Jüngeren (1581–1642)

Ist Macht im Diesseits vielleicht im Jenseits Ohnmacht?

Nicht ausgeschlossen, dass sich nun dem einen oder anderen diese Frage stellt: Was geschieht mit den Menschen im Jenseits, die hier und jetzt auf Erden ihr wortwörtliches Unwesen treiben? All die Verbrecher, Bösewichte oder Kriegstreiber, die jemals lebten oder etwa Positionen großer Macht bekleideten: Was passiert mit ihren Seelen?

Alle Macht und Gewalt die ein Mensch durch seine bösen Umtriebe auf Erden bewirkt, finden meistens auf physischer Ebene statt. Stirbt einer von ihnen, so wird seiner Seele aller Spielraum entrissen, doch der Wunsch festzuhalten und die vielleicht damit verbundene materielle Sicherheit, verschwinden mit einem Mal. Für jemanden der nichts besitzt, mag das ganz gleich sein. Einer der mit großem Besitz aufwartet und dem seine Macht über andere alles bedeutet, dem dürfte die Vorstellung von einem Augenblick auf den nächsten all das zu verlieren, wohl unvorstellbare Angst einjagen. Sein Leben besteht vielleicht allein aus materiellem Besitz, aus Luxus und sinnlichen Lebensfreuden – Dinge, an die man sich als Erdenmensch nur all zu leicht gewöhnen kann.

Das gewissenlose Handeln mächtiger Unholde, die ihre Gewaltherrschaft mit allen Mitteln behalten wollen, rührt her von einer gefährlichen Hilflosigkeit, denn nichts ist ihnen geblieben als das Grauen vor ihrem Verlust. So einer wird alles daran setzen, so viel wie möglich Menschen seinem Joch zu unterwerfen. Wie arm aber ist eine Seele dran, die das dann nach dem Tod alles nicht mehr haben kann?

Führt man sich vor Augen, dass das Seelenleben ein Sein in der Ewigkeit ist, wie unbedeutend kurz ist doch dann das Leben in dieser Welt. Was jedoch nicht heißt, dass wir uns der Verantwortung auf diesem Planeten entziehen können.

Der Tod ist ein Ratgeber

Wenn heute der letzte Tag in ihrem Leben wäre, was würden sie tun?
Würde dieser Tag dann so enden, wie schon die Tage zuvor?

Die Antworten auf diese Fragen dürften recht ähnlich ausfallen. Und doch sind nur wenige Menschen dazu bereit sich morgens diese Frage zu stellen:
Wenn heute mein letzter Tag auf Erden wäre, würde ich dann das tun, was ich mir heute vorgenommen habe?

Selbst wenn sich einer diese Frage tatsächlich stellt, ist es damit allein wohl kaum getan. Denn worauf ich hier hinaus will, wenn es oben heißt, dass der Tod ein Ratgeber ist, ist ganz und gar etwas anderes gemeint, als nur eine philosophische Pflicht zu erfüllen. Eher geht es bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage darum, wie oft sie mit einem Nein beantwortet wurde. Je öfter das nämlich der Fall ist, desto unzufriedener werden wir, da sich etwas wiederholt, auf das wir eigentlich keine Lust (mehr) haben. Es lohnt sich, diese Frage also gleich noch einmal zu stellen:

Wenn heute mein letzter Tag auf Erden wäre,
würde ich dann das tun, was ich mir heute vorgenommen habe?

Sich daran zu erinnern, dass man bald sterben könnte, heißt nicht, dass man eine besessene Todesangst entwickeln soll! Ganz im Gegenteil. Es geht darum, jeden Atemzug bewusst zu nehmen und dankbar zu erkennen, dass man am Leben ist.

Doch wenn der Tod zur Sprache kommt, fürchten sich die meisten unter uns. Es ist eben das düsterste Thema in unserem Leben. Was aber ganz und gar nicht bedeutet, dass man eigentlich den Unterschied zwischen dem Tod eines geliebten Freundes oder Verwandten, als etwas ganz anderes erfährt, als den eigenen Tod. Der Tod markiert in unserer westlichen Kultur eben ein Tor ins Ungewisse, in einen Bereich der gänzlich fremd und undurchschaubar bleibt.

Grau und Schwarz ist nur der Kummer

Jeder der schon einmal auf einer Beerdigung war, hörte dort vielleicht einen Priester sagen »Nun ruht er in Frieden«. Nicht ganz einfach diese Aussage, insbesondere dann nicht, wenn hier behauptet werden soll: Der Tod ist keine Bereicherung, wie man sie etwa zu Lebzeiten durch etwas erfahren könnte. Und dazu gehört allemal ein Leben in Frieden. Ein Tod in Frieden macht gewiss nicht wirklich Sinn. Nichts was wir nicht sowieso schon haben, könnte uns der Tod mit dem Verlassen unseres irdischen Daseins geben, das wir nicht bereits besitzen. Wie auch, ist der Tod doch eigentlich Inbegriff allen Verlusts!

Wessen Seele also nicht bereits zu Lebzeiten in Frieden mit sich und der Welt ist, wird wohl auch nach dem Tod weitersuchen. Denn Glück und Gelassenheit sind nicht allein stellvertretend für das, wofür sie stehen. Es sind Gemütszustände, die es zu erlangen gilt. Wer sie aber erwarb, der sollte sie sorgsam pflegen.

Was war, setzt sich also fort. Wer im Saus und Braus lebte, dessen Seelenleben wird sich auch nach dem Tod nach Ähnlichem, wenn auch nicht Gleichem sehnen. In den tibetischen Totenbüchern etwa, ist die Rede von den Bardos, den Zuständen der Seele nach dem Tod, in die sie eintritt und durch die sie sich begeben muss, bis sie erneut auf Erden inkarniert. Ab einem gewissen Grad dieser Reise durch das Jenseits aber, sieht sie kopulierende Paare, in denen sie die rechten Verkörperungen dessen erblickt, für die es sich lohnt erneut zu inkarnieren.

Auch wenn die Vorstellung des Zustands der Seele nach dem Tod bei Juden, Christen und Muslimen sich davon unterscheidet, geht es auch hier darum, in welcher Gemütsverfassung sich der Verstorbene vor dem Tod befand. War es ein ruhiger, gelassener, friedvoller und hilfsbereiter Mensch, wird er im Zustand nach seinem Tod, ganz gleich ob man nun an eine Reinkarnation glaubt oder nicht, entsprechend dem zustreben, wonach sich seine Seele auch zu Lebzeiten sehnte. Ein ruhiges Seelenleben wird als solches fortgeführt, wie auch ein durchtriebenes – so lange, bis der Zweck diesen Empfindens seine Aufgabe erfüllt hat.

Wie glücklich kann sich einer schätzen, der an das Fortleben seines Seelenlebens glaubt. Denn je stärker dieser Glaube, desto geringer ist die Angst vor dem Tod.

 

 

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Was passiert wenn wir sterben?

von S. Levent Oezkan

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Sterben - Schlafen - nicht mehr und nicht weniger. Schlafen heißt, dass der Schmerz all der unzähligen Schwierigkeiten verschwindet. Sterben - Schlafen - Träumen. Doch was für Träume werden es sein, wenn wir unseren sterblichen Körper verlassen haben?

Die meisten Menschen im Westen glauben, dass der Tod das Ende von allem ist. Man betrachtet den Tod als Feind, als das Gegenteil des Lebens - nicht als einen Teil davon. Tod wird darum als etwas Finsteres und Unglückliches empfunden. Was wir im eigenen Tod erfahren, ist aber etwas ganz anderes, als das, was wir empfinden wenn ein uns nahe stehender Mensch verstirbt. 

Wie es auch immer ausgehen mag: Irgendwann stellt sich jedem einmal die Frage, ob es vielleicht nach dem Tod noch etwas gibt?

In allen Kulturen der Menschheit wurde der Tod schon immer als Übergang von einer Existenz in eine andere beschrieben.
Egal ob in Fabeln, Märchen oder den Überlieferungen alter Kulturen oder Religionen: überall ist die Rede davon, dass sich nach dem Tod das Leben in einer anderen Weise fortsetzt. Was letztendlich passiert weiß keiner genau. Alles was es gibt sind hoffnungsvolle oder beängstigende Beschreibungen.

Das Reich des Osiris

Im altägyptischen Glauben gibt es viele interessante Anhaltspunkte, die Antworten auf diese Fragen liefern. Im alten Ägypten war das Leben nach dem Tod fast wichtiger, als das gegenwärtige, irdische Leben. Das sieht man an den monumentalen Grabstätten im alten Ägypten. 
Dort glaubte man an eine Unsterblichkeit nach dem Tod. Sie wurde von Osiris, dem Gott der Unterwelt, den Verstorbenen verliehen. Doch der Zustand nach dem Tod hing davon ab, wie sich der Verstorbene in seinem Leben verhielt. Damit ähnelt es dem fernöstlichen Konzept des Karma.

Die Ägypter glaubten auch, dass das Übergangsstadium vom Leben in den Tod zuerst in einem astralen Doppel, einem Ebenbild des Körpers stattfand. Dieses Doppel nannten die Ägypter das "Ka" - das Fahrzeug der Seele. Im Ka waren alle guten und schlechten Eigenschaften des Verstorbenen enthalten.

Egal ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart: Menschen versuchten sich schon immer vorzustellen wie sich der Verstorbene in die Totenwelt begibt. Doch weder Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus oder Buddhismus, geben genauen Aufschluss darüber, welche Phasen der Verstorbene durchläuft.
Die Vorstellung über das, was der Tod ist und was nach dem Tod kommt, wurde vor allem in der modernen Theosophie erforscht. Helena P. Blavatsky erhielt ihr Wissen über die Phasen des Sterbens, von jenen geheimnisvollen Meistern der Weisheit: Kuthumi und Morya.

Der Garten des Todes - Gemälde von Hugo Simberg - ewigeweisheit.de

Der Garten des Todes - Gemälde von Hugo Simberg

Nichts bleibt wie es ist - Alles verändert sich!

Eines der wichtigsten Gesetze der Lehren in der Theosophie besagt, dass nichts im Kosmos unverändert bleibt. Alles in der Natur kommt und geht. Der Tod der physischen, körperlichen Formen ist nur ein Teil von diesem Kommen und Gehen. Wiedergeburt ist die Rückkehr ins Leben.

Wenn jemand stirbt, dann haben wir das Gefühl, dass das was aufgestiegen ist, und den sterblichen, sich auflösenden Körper zurückgelassen hat, die Person war, die uns nahe stand. Doch wenn dieses Seelenwesen, das den Leichnahm verlassen hat, sich jetzt woanders aufhält, stellt sich die Frage: wohin ist die Seele nun gegangen?

Seit jeher wird der Tod als ein irreversibler Vorgang angesehen, der sich dadurch zeigt, dass das Atmen endet. Der ausgeatmete Hauch kann nicht mehr eingeatmet werden. Der atmende Körper aber gleichte einem Fahrzeug, mit dem die Seele ihre Erfahrungen sowohl auf der physischen wie auf der nicht-physischen Ebene dieses Planeten machte.
Wenn wir sterben, dann hört dieses Seelenvehikel auf zu arbeiten. Doch es gibt auch nichtphysische Seelengefährte, die unseren Tod überleben.

Sobald der Atem endet, stirbt der Körper und beginnt zu verwesen. Leben ist Atmen. Darum war es für die alten Ägypter wichtig den Leichnahm des Verstorbenen in der jenseitigen Welt wieder zum Atmen zu befähigen. Das erfolgte durch das Mundöffnungsritual, dass in alten Pyramidentexten genau beschrieben wird.
Bei den Hindus wird das Prinzip des lebendigen Atems "Prana" genannt.

Aus dem Totenbuch des Hunefer - ewigeweisheit.de

Aus dem Totenbuch des Hunefer: Die Mumie des Pharao wird vom Totengott Anubis gehalten und es wird an ihr das Mundöffnungsritual vollzogen (cc).

Ebenen der Wahrnehmung

Alles was unseren Körper umgibt, ist, wie er selbst, aus Materie zusammengesetzt, die entweder als festes, flüssiges oder gasförmiges Aggregat existiert. Unsere fünf Sinne können diese drei Aggregatzustände in der Außenwelt wahrnehmen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht auch andere Formen der Existenz gibt. Unsere Augen können alles sehen, was als Licht mit einer Wellenlänge zwischen 380 nm und 750 nm ausgesendet oder reflektiert wird (ein nm, "Nanometer": ist der millionste Teil eines mm, "Millimeter"). Doch es gibt auch Licht jenseits des sichtbaren Lichtspektrums, wie etwa Ultraviolett und Infrarot. Ebenso verhält es sich mit den Klangfrequenzen. Alles was sich zwichen ca. 20 Hz und 20.000 Hzabspielt, kann das Ohr hören (Hz: "Hertz" ist die Frequenz, d. h. eine Schwingung pro Sekunde). 

Entsprechend könnten wir auch sagen, dass sich jenseits von Licht und Klang, d. h. jenseits elektromagnetischer Energie, noch ganz andere Energien ausbreiten, die weder mit den fünf Sinnen wahrnehmbar, noch messbar sind. 
Es gibt aber neben dem Äußeren auch ein inneres Wahrnehmen, das, jenseits der Vorstellungen von Raum und Zeit, sich mit anderen Ebenen verbinden kann. Und in diese Ebenen begibt sich die Seele des Menschen nach dem Tod. So etwa will es das Totenbuch der Ägypter im Westen, wie ebenso das Totenbuch der Tibeter im Osten.

Das Überschreiten der Todesschwelle

Im Sterben erkennt der Mensch ab einem bestimmten Zeitpunkt seinen eigenen Tod. Wie Menschen aus Nahtoderfahrungen berichten, erleben sie den Durchgang durch einen Tunnel, an dessen Ende ein helles Licht zu sehen ist, wo sich anscheinend ein Mensch aufhält.

Wenn ein Mensch nun eines natürlichen Todes stirbt, erlebt er in den letzten Augenblicken, in dem sein Herz noch schlägt, noch einmal sein gesamtes Leben vor seinem inneren Auge ablaufen. In der Gegenwart des Todes bekommt er dann in kleinsten Details gezeigt, was in seinem Leben geschehen ist. Jetzt wird er eins mit seiner Individualität. Es ist der Zeitpunkt, wo der Verstorbene erkennt, dass alle Lebensereignisse miteinander verkettet waren und einen Sinn ergeben. Im Augenblick des Sterbens schaut der Mensch als eine Art Zuschauer in die Arena seines Lebens hinab, die er gerade verlassen hat. Jetzt versteht er wieso all das Leid sein musste und er sieht, wer er in diesem Leben gewesen ist. Der Verstorbene erkennt, dass all die leidvollen und freudvollen Erfahrungen in seinem Leben nur so sein konnten, wie sie eben waren. Alles macht dann Sinn. Der Zustand dieses Erfahrens, ist durch und durch friedlich.

Der Todeskampf

Nach diesem Stadium der großen Einsicht, folgt der Todeskampf. Jetzt beginnen die Wesenheiten der "Anderen Seite" mit dem Verstorbenen zu kommunizieren und versuchen seine Seele anzusprechen. Nach dem Tod kämpfen seine höheren Eigenschaften damit, sich von den niedrigeren Eigenschaften zu trennen. In dieser Phase des Sterbens werden seine Lebenserfahrungen gewissermaßen destilliert - in feinere und gröbere Anteile. Über diesen Vorgang findet man in den Mahatma-Briefen an A. P. Sinnett, das Bild von der Milch und dem Rahm, die sich im Todeskampf voneinander trennen: So wie der Rahm der auf der Milch schwimmt, versucht das niedere Ego einen "Rahm der Seele", ihren feineren Teil, anzuziehen. Nur die niedrigeren Anteile dieser feinen Seelensubstanz aber können Teil des Egos werden. Bald danach beginnt sich nämlich der ätherische Körper aufzulösen. Der reinere Teil des Egos, wird jetzt Teil des großen Seelenozeans. 

Der niedere Anteil der Seele, gleicht einer Schale, die während des irdischen Lebens das höhere, spirituelle Ego verhüllte. Im sogenannten "zweiten Tod" trennen sich diese beiden Seelenteile von einander. Der niedere Teil, die Schale, enthält die Erinnerungen des Menschen und bleibt in einem subjektiven Zustand, den die Inder "Kama-Loka" nennen. Da ist das Gefilde der Begierden. Diese Ebene entspricht in etwa dem, was im Christentum als Fegefeuer bezeichnet wird. Bei den alten Ägyptern nannte man diesen Aufenthaltsort der Seele "die Gerichtskammer".

Rosa Celeste: Dante und Beatrice betrachten den höchsten Himmel - ewigeweisheit.de

Dante beschreibt in seiner Göttlichen Komödie seine Reise durch Unterwelt und Fegefeuer, bis in die Gefilde der höchsten Himmel, die er mit seiner geliebten Beatrice sehen wird.  Im obigen Bild von Gustave Doré, sieht man wie Dante und Beatrice den höchsten Himmel betrachten.

Im Reich der Devas

Die Begierden versuchen noch für kurze Zeit die reineren Teile der Seele festzuhalten. Da sich der niedrigere Seelenanteil aber allmählich zersetzt, bleibt die Essenz des Selbst erhalten. Dazu passt das Symbol der Perle, dass in der christichen Gnosis in diesem Zusammenhang eine ganz wichtige Rolle spielt, in jenem "Lied von der Perle".

Bevor diese reinste Essenz der Seele nun wieder inkarniert, begibt sie sich zunächst in die geistige Welt des Devachan. Dies ist ein zusammengesetztes Kunstwort, dass in der Theosophie zur Beschreibung des Mentalplans verwendet wird. Dabei steht Deva für "Gott" und Chan für das "Gebiet" bzw. die "Wohnung" der Devas (Devas: "Gott dienende" Götter, also Engel). Devachan ist ein Gebiet des Göttlichen, an dem die Selle des Verstorbenen nun weilt und daran Anteil hat.

Devachan gleicht dem, was in der Kabbala als Atziluth bezeichnet wird. Es ist die obere Triade der Sefiroth im Baum des Lebens, die sich aus der Lichtkrone des göttlichen Angesichts (Kether), der Weisheit (Chokmah) und dem Verstand (Binah) zusammensetzt.

Nach dem Todeskampf erfreut sich das höhere Ego an diesem Zustand. Devachan entspricht dem, was im alten Ägypten als das "Gebiet des Osiris" bezeichnet wurde. Im Islam ist es Jannah - das Paradies, das dem christlichen "Himmel" entspricht.

Im Allgemeinen ist der Begriff des Himmels definiert als der Wohnort der göttlichen Wesenheiten - also der Engel. Es ist der Aufenthaltsort der Auserwählten und Heiligen.

Devachan ist ein subjektiver Zustand, der sich aus dem zuletzt befundenen Zustand der Seele zusammensetzt. Jeder Mensch erschafft sein eigenes Devachan, was vor allem durch die letzten Momente seines Lebens bestimmt wird.
So wie ein Baby auf die Welt kommt und sich bewusst wird, so bewegt sich das höhere Ego bewusst in die Welt des Devachan. Das Karma was jemand in seinem Leben angesammelt hat, wirkt nun auf dieses höhere Ego im Devachan und setzt den Ausgang seiner neuen Inkarnation in Gang.

Jeder Mensch hat im Feld von Devachan für seine guten und schlechten Taten Rechnung zu tragen - freiwillig bei manchen. Bei anderen unfreiwillig.


 

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