Yogi

Kraft der heiligen Mantras

von S. Levent Oezkan

Om Tat Sat Mantra - ewigeweisheit.de

Ein spiritueller Trank für die durstige Seele: Das ist Japa-Yoga, wo man besondere Mantras wiederholt – entweder in Gedanken oder sprechend, als heilige Silbe, heiligen Namen oder heiligen Vers. Auf dem Weg zur Verwirklichung gleicht Japa einem geistigen Elixier, das den Übenden dem Göttlichen näher bringt.

Besonders in unserer heutigen Zeit, die sich, laut hinduistischer Kosmologie, im gegenwärtigen Kali-Yuga ereignet, dem »Zeitalter des Streites« (entsprechend »Eisernem Zeitalter« alt-griechischer Kosmologie), dient Japa-Yoga dem Übenden dabei aus sich selbst heraus Frieden zu finden.

An sich besteht Japa darin bestimmte Mantras zu wiederholen, die als »Nama«, dem Namen, und »Rupa«, dem heiligen Objekt unserer Vorstellung, untrennbar miteinander verbunden sind. Entsprechend sind Gedanke und Worte fest miteinander verbunden, wie ebenso Bilder im Geiste mit den konkreten Dingen unserer Welt.

Wann immer wir an den Namen denken, einer uns nahe stehenden Person, erscheint ihre Gestalt vor unserem geistigen Auge. Erscheint indessen dieser Mensch in unseren Gedanken, denken wir entsprechend an seinen Namen. Genauso ist es mit den heiligen Namen, die ein Yogi in seiner Japa-Praxis rezitiert (in Gedanken oder laut), wie etwa »Rama« (den göttlichen Namen der siebten Inkarnation Vishnus, des hinduistischer Gottes der Erhaltung der Welt) oder »Krishna« (der achten Inkarnation Vishnus, Wahrzeichen vervollkommneter göttlicher Hingabe).

Seit uralter Zeit des Alten Veda (Heilige Lehre der Hindus) standen die in den Mantras geheißenen göttlichen Namen für geistige Symbole höchster Göttlichkeit. Sie wurden den Weisen einst offenbart, in den innersten Lehren der göttlichen Gemeinschaft. Solche heiligen Symbole ermöglichen dem Japa-Yogi Zugang zu finden, zu den transzendentalen Bereichen absoluten Erfahrens. Dabei bildet Japa die exakte Wissenschaft spiritueller Praxis, in der sich jedes rezitierte Mantra aus den folgenden sechs Teilen zusammensetzt:

  1. Dem Rishi, das ist ein mystischer Weiser, der Selbstverwirklichung erlangte, da er derjenige war, dem ein besonderes Mantra zum ersten Mal offenbart wurde und durch den dieses Mantra entsprechend in die Welt kam.
  2. Chhandas bildet das Metrum eines Mantra, das den Tonfall der Stimme seines Sprechers vorgibt.
  3. Devata bildet die offenbarte Kraft, die in einem Mantra wirkt: Die dem Mantra vorsitzende Gottheit.
  4. Bija ist die Essenz eines Mantras und bildet dessen geistigen Keim. Das Bija stellt eine bedeutungsvolles Wort oder eine Reihe solcher Wörter dar, die einem Mantra seine besondere Kraft verleihen.
  5. Shakti ist die Energie die durch die Form (Schwingungsform, Klang) eines Mantras erzeugt wird und den Yogi zum Devata führt – zu seiner Schutzgottheit.
  6. Schließlich hat das Mantra einen Kilaka, dem Sanskrit-Wort für einen Stift oder Holzpfropfen. Symbolisch verschließt ein solcher, die in den Namen eines Mantra verborgene reine Essenz (Bija), die für das reine Bewusstsein eines spirituell Erwachten steht. Durch ständiges Wiederholen eines heiligen Namens, wird dieses darin liegende, verborgene reine Bewusstsein allmählich enthüllt.
  7. Der Chaitanya schließlich, bildet den zunächst verborgenen lebendigen Geist des Mantra. Sobald sich der »Stöpsel des Kilaka« durch ständige und anhaltende Wiederholung des Mantras allmählich löst, wird dieses verborgene Chaitanya enthüllt, so dass aus dem Übenden irgendwann ein Gottgeweihter wird, der da mit der Göttlichkeit (sanskr. »Ishtadevata«) zusammentrifft und die sich ihm hierbei zeigt (sanskr. »Darshana«).

Mantras: Klänge und Bilder

Klänge sind Schwingungen, die in der Luft eines Raumes bestimmte Formen bilden. Geht soch Klangform von einem rezitierten heiligen Namen aus, so glauben die Yogis, gestaltet sich dabei ein geheimnisvolles Schallgebilde, das die Kraft hat die Manifestation der Göttlichkeit herbeizuführen, sie darin quasi einzuladen.

Zitiert man demnach ein Mantra auf die richtige Weise (ein Mantra das einer bestimmten Gottheit zugeordnet ist), bilden die dabei erzeugten Schwingungen in höheren Ebenen des Bewusstseins für diesen Moment eine besondere Form, die eine Gottheit verkörpert. Durch Wiederholen des Panchakshara-Mantra – »Om Namah Shivaya« (deutsch: »Om Ehre dem Shiva«) – erzeugt ein Yogi damit also die Form des Gottes Shiva und mit »Om Namo Narayanaya« die Form des Gottes Vishnu.

Götter beten dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge - ewigeweisheit.de

Die Götter beten, dass Vishnu sich auf Erden inkarnieren möge (Titelcover einer Mahabharata-Ausgabe von Ramanarayanadatta Astri).

Die Herrlichkeit der Göttlichen Namen

Von dem Gesagten ließe sich also schließen, dass ein gesungener oder bewusst rezitierter Name Gottes, eine tatsächlich fühlbare Wirkung zeigen kann. So wie es des Feuers natürliche Grundlage ist zu brennen, so birgt jeder göttliche Name die Kraft, einen Menschen, der sein Mantra singt, zu glückseliger Vereinigung mit der ihm entsprechenden göttlichen Herrlichkeit zu führen. Was dabei jedoch vor sich geht, ereignet sich jenseits allen intellektuellen Verstehens, jenseits aller Vernunft. Nur durch hingebungsvolles Üben als gläubiger Mensch, kann das heilige Wirken der göttlichen Namen letztendlich verwirklicht werden.

In jedem Wort steckt eine Shakti, eine spirituelle Kraft. Spricht einer über Negatives in Gegenwart eines Freundes, der gerade seine Mahlzeit einnimmt, so wird dieser das Ungute darin mitessen. Andererseits ist es ja so, dass wir, wenn wir an eine unserer Leibspeisen nur denken, uns bereits das Wasser im Munde zusammenläuft. Wenn darum die Namen der gewöhnlichen Dinge dieser Welt, eine solche Kraft in uns freizusetzen vermögen, welch ungeheure Energie haben dann erst die Namen Gottes!

Was wir als Gott bezeichnen, meint die Vollendung und Vollkommenheit aller Existenz, und entsprechend ist auch sein Name unübertrefflich und makellos. Somit liegt in den göttlichen Namen – ob es uns nun bewusst ist oder nicht – eine unermessliche Kraft. Drängt sich da nicht die Frage auf, ob einem echten Japa-Yogi dann überhaupt noch etwas bleibt, das unmöglich ist?

Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Mantras der heiligen Namen nicht etwa Menschen erfanden. Sie kommen aus der Geisteswelt des Himmlischen und wurden uns als Mittel gegeben, damit sich Gott selbst in unserem Leben verwirklichen will – wenn auch nur, wie bei allem im Leben, für eine gewisse Dauer.

Wenn der Name einer Sache in dieser Welt das Bewusstsein dieser Sache im Geist erzeugt, so erzeugt der Name Gottes das Gottesbewusstsein im gereinigten Geist, das heißt, dass dabei das gesungene, heilige Mantra zur direkten Ursache der Verwirklichung wird, von eben solch höchster göttlichen Vollkommenheit.

Die verschiedenen Formen des Japa

Unser Verstand braucht Abwechslung. Wenn wir darum Mantra-Rezitation üben, sollten wir solch Mantras mal nur verbal, einige Zeit auch mal nur flüsternd und ein andermal ebenso allein im Geiste wiederholen. Die Yogis sprechen da vom »Manasika-Japa«, der mentalen Mantra-Rezitation. Laute Japa sind »Vaikharis«, die hörbar rezitiert, alle weltlichen Geräusche auszublenden vermögen.

Flüsternde oder summende Wiederholung werden »Upamshu« genannt. Selbst wenn die Wiederholung eines Mantras mal rein »mechanisch« erfolgt, ohne besondere Bewusstheit dafür, reinigt es Herz und Geist mit seiner spirituellen Kraft. Die Wirkung dessen stellt sich zwar erst später ein, doch der Vorgang dieser spirituellen Reinigung erfährt jeder, der regelmäßig Japa übt.

Es gibt aber noch eine weitere Form des Japa: »Likhita«. Hierbei schreibt der Yogi ein besonderes Mantra in ein, allein dafür vorgesehenes Heft, mit einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen. Wichtig dabei ist außerdem, dass der Übende dabei einen Vorsatz der Schweigsamkeit einhält – eine Art »spirituelles Schweigen«. Das sanksritische Wort dafür ist »Mauna«. Eigentlich ist Mauna für sich gesehen bereits eine yogische Übung. Japa-Yogis nehmen sich dafür jede Woche Zeit, in der eine Stunde, doch auch einen ganzen Tag lang geübt werden kann. Nicht zufällig begeben sich manche Menschen auf sogenannte Schweige-Retreats, wo sie sogar eine ganze Woche lang schweigen.

Wie dem auch sei, hilft uns der Yoga des Likhita-Japa dabei unsere Konzentrationsfähigkeit weiterzuentwickeln. Es ist jedoch nicht ganz einfach die Vorteile dieses Mantra-Schreibens zu erklären. Eher geht es um die Erfahrung die der übende Yogi dabei macht. Denn das Schreiben von Mantras hilft nicht nur dabei unser Herz und unseren Geist zu reinigen, sondern ist auch eine ganz einfache Geduldsübung. Doch was schon ist Geduld in unserer heutigen, schnelllebigen Lebensart, die nur wenige Menschen noch als echte Stärke erkennen.

Wer jedoch beständig diese Form des Japa übt, wird bald einen friedlichen Geist entwickeln, da er die einem Mantra innewohnende Kraft, die Mantra-Shakti erweckt. So jemand wird allmählich erfahren, wie Göttlichkeit sein ganzes Dasein erfüllt. Weniger relevant dabei ist, ob man nun in Sanskrit einen heiligen Namen oder das Mantra einer anderen Sprache schreibt, als eher die Praxis an sich. Jeder der schreiben kann, ist dazu im Stande.

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen - ewigeweisheit.de

Vishvamitra, ein alter Hindu-Weiser, in tiefer Meditation. Man sieht ihn vor einem kleinen Feuer Gebetsperlen zählen (Gemälde von Raja Ravi Varma aus dem Jahre 1897).

Japa-Praxis mit dem Rosenkranz der Mala

Wenn wir einem spirituellen Lehrer der östlichen Traditionen folgen – das kein ein Buddhistischer Guru sein, ein Yogi des indischen Vedanta, vielleicht ein christlicher Mönch oder auch ein Sufi-Sheikh der mystischen Tradition im Islam –, dann haben wir von diesem vielleicht ein besonderes Mantra (oder einen Gottesnamen) erhalten. Mittels einer Mala (Gebetskette, Rosenkranz) wiederholen wir dann im Japa dieses Mantra zwischen 108 bis 1.080 Mal täglich (im Sufismus mittels einer Misbaha- Gebetskette entsprechend 99 oder 990 Mal täglich). Besser ist da immer nur ein Mantra zu halten und irgendwann dann ein anderes.

Das von unserem Meister erhaltene Mantra aber behalten wir immer für uns und geben es niemals an andere weiter.

Meister des Vedanta raten in der Morgendämmerung zu beginnen, in der »Stunde Brahmas« (sanskr. Brahma Muhurta: zwischen 03:30 Uhr und 06:30 Uhr morgens) bis zu zwei Stunden lang Japa zu machen. Auch die Zeit der Abenddämmerung eignet sich für Japa und Meditation. Diese Zeit nämlich regiert das sogenannte »Guna Sattva« (deutsch: Kraft der Reinheit). Es ist aber auch möglich Japa etwa mittags oder vor dem Schlafengehen zu machen.

Man dusche oder wasche sich zuvor aber Hände, Mund Gesicht und die Füße, um sich damit für das Japa vorzubereiten. Bevor man mit dem Japa beginnt, rezitiert man ein Gebet (der Tradition entsprechend). Es ist wichtig, bevor man mit Japa beginnt, kurz über die Bedeutung des rezitierten Mantras nachgesonnen zu haben.

Die Japa-Yogis schauen während ihrer Rezitation nach Osten (oder auch Norden), was die Wirksamkeit des Japa erhöhen soll. Sie setzten sich dabei auf einen kleinen Teppich oder eine Wolldecke, damit der Körper frei beweglich bleibt. Grundsätzlich gilt in der Japa-Praxis jedoch eine ruhige Haltung zu behalten. Am besten sitzt man dafür in einem separaten Meditationsraum oder an einen anderen geeigneten Ort, wie etwa in einem Tempel oder aber in der freien Natur, an einem schattigen Plätzchen. Wichtig ist, dass man nicht abgelenkt wird, wie etwa durch ein klingelndes Telefon, Töne eintreffender Nachrichten oder dergleichen.

Man lasse die Mala während des Japa nicht unterhalb des Nabels hängen, sondern halte die zählende Hand mit der Mala, in der Nähe des Herzens. Mittelfinger und Daumen der rechten Hand werden verwendet, um die Perlen der Mala zu rollen (der Zeigefinger unterstützt).

Yogis stellen sich beim Japa vor, als sei der Rosenkranz der Mala das physische Mittel, mit dem sie durch Bewegen einer Perle den Geist immer näher zum Göttlichen hindrängen. Wenn man sein Mantra wiederholt, stelle man sich vor, dass der Name Gottes im eigenen Herzen sitzt und das damit durch den Geist eine reinigende Kraft fließt, die das Herz reinigt, sowie alle Begierden und böse Gedanken zerstreut und damit schließlich auflöst.

Eine Zeit lang macht man Japa nur in Gedanken. Schweift der Geist jedoch ab, mache man für einige Zeit lautes oder geflüstertes Japa – doch kehre alsbald wieder zum mentalen Japa zurück. Während dieser Praxis ist es wichtig, zunächst den Rhythmus der Mantra-Rezitation mit der des Atems zu verbinden. Nach einiger Zeit des Übens dann, beginnt ein erfahrener Yogi den Rezitations-Rhythmus seinem Herzschlag anzugleichen (etwa vergleichbar mit der griechisch-orthodoxen Tradition der Hesychasten, die dem Herzrhythmus folgend das Kyrie Eleyson rezitieren).

Es ist wichtig, dass man nach dem Japa nicht sofort den Ort verlässt und sich unter Leute mischst oder sich gleich danach in weltliche Aktivitäten stürzt. Mindestens zehn Minuten lang sollte man ganz still sitzen bleiben, ein kleines Gebet summen, sich an Gott erinnern und dabei über seine Liebe zum Göttlichen nachsinnen.

Man verbeuge sich nach dem Japa, verlasse den Ort und nehme seine täglichen Pflichten wieder auf. So bleibt die spirituelle Verbindung mit dem Göttlichen erhalten. So kann man allmählich zu einer dauerhaften, spirituellen Freude finden.

Appendix

Viel zieierte Mantras der vedischen und buddhistischen Tradition:

  • Om
  • Om Namah Sivaya
  • Om Mani Padme Hum
  • Om Namo Bhagavate Vasudevaya
  • Om Namo Narayanaya
  • Om Tare Tuttare Ture Svaha
  • Mahamrityunjaya
  • Gayatri
  • Hare Krishna
  • Nam-myoho-renge-kyo
  • Sri Ram Jay Ram Jay Jay Ram
  • Swaminarayan

Titelbild: Das hier in Sanskrit geschriebene Mantra Om Tat Sat steht für das nicht-manifeste, absolute Sein.

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Gemeinschaft und Klausur

Gemeinschaft und Klausur

Klausur und Gemeinschaft - ewigeweisheit.de

Wie wir im Gesagten zeigen wollten, scheint der Monomythos und der sich darin bewegende Held, ein universales Instrument zu bilden. Trotzdem kann es nicht als abschließendes, letztgültiges System bezeichnet werden, weshalb diese »Anleitung« in zwölf Schritten, auch kein Nonplusultra zur Findung des eigenen Glücks darstellt. Und das ist auch ganz recht.

Denn Campbells Werk, »Der Heros in Tausend Gestalten«, beziehungsweise das hier vorgestellte Modell Voglers, hatte wohl nie das Ziel Lösungsansätze zu liefern. Vielmehr sind die darin beschriebenen Schlüssel zum Monomythos, Angebote von Mitteln. Eigentlich aber wollen sie die Stationen im ewigen Lebenskreislauf derer veranschaulichen, die in der Menschheitsgeschichte als Gesandte, Propheten oder anders geartete Heldengestalten auftraten, im Dienste an der Menschheit, in ihrer Rolle als perfekte Vorbilder.

In dieser Funktion als Mittler, zwischen Himmlisch-Göttlichem und der Menschheit, erfüllten diese Schlüsselpersonen ihr Werk auf Erden im Übergeben besonderer Weisheiten. Was sie aber weitergaben, dürfte den Einzelnen, je nach kulturellem Standpunkt, immer wieder in anderer Gestalt erschienen sein, woraus sich viele Deutungsmöglichkeiten ergaben.

Als Folge dessen führen sie nicht unbedingt zu direkter Welterkenntnis, als sie eher dem Erleben eines Gruppentraumes gleichen, der jedoch keineswegs nur Illusion ist.

Da fragt sich womöglich, wie sich die in diesen Mythen anklingenden Weisheiten, in ihrer Funktion dem einzelnen Menschen heute erkenntlich zeigen?

Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage, wäre zuerst einmal wichtig anzuerkennen, dass der Monomythos dem Einzelnen schon deshalb nicht als Universalsystem dienen kann, da er immer nur als Teil einer Gemeinschaft seine gesellschaftliche Rolle einnehmen und dabei auch den Weg zu seiner Lebensaufgabe finden muss. Darum gelingt auch der zuvor geschilderte Wegweiser, der auf dem Heldenmythos basiert, immer dann, wenn diese Funktion des Einzelnen in der Gruppe herausgearbeitet wird. Die Rollen, die das Individuum in den Stationen der Heldenreise annimmt, lassen sich in ihm nicht alle vereinigen. Vielmehr geht es darum einen Weg zu finden, der einen Menschen in die Gemeinschaft integriert, als wesentlichen Teil der Mitmenschen seines Umfeldes.

Darum existiert die Totalität, des Menschen Fülle, nicht im einzelnen Mitglied, sondern im Gesamtkörper der Gesellschaft. Das Individuum kann nur eines ihrer Organe sein. Aus der Gruppe der er (der Mensch) zugehört leitet er die Techniken ab, mit denen er sein Leben meistert, die Sprache in der er denkt, die Ideen die ihn Erfolg haben lassen […]

Wenn er glaubt sich davon trennen zu können, gleich ob in Taten oder in Denken und Fühlen, untergräbt er nur seine eigene Existenz.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Die Gruppe bildet wie es scheint also die unsterbliche Einheit eines universal lebendigen Leibes, worin Individuen immer wieder eben ihre Rolle in der Gemeinschaft erfüllen, doch daraus irgendwann auch wieder verschwinden – ein Vorgang der sich immer und immer wiederholt, und das seit Menschen auf Erden leben.

Erkennt man sich selbst in dieser Rolle, mag es recht hart erscheinen und die Frage aufkommen, wieso man dann überhaupt zu etwas beiträgt, woraus man dereinst ja selbst in die Nebel der Geschichte schlichter Bedeutungslosigkeit entschwindet.

Menschliches Sein war eben schon immer etwas, das mit der Erfüllung dieser Rolle in der Gemeinschaft zu tun hatte. Dabei war ganz gleich welchen Zweck man darin nun erfüllte. Es ist unbedeutend ob das Individuum als Handwerker, Kaufmann, Putzfrau, Dieb, Pfarrer, Politiker, Künstler, Mutter, Arzt, Gattin oder Nonne in der Gesellschaft lebte.

Die Unterschiede des Geschlechts, Alters und Berufs sind unserem Wesen äußerlich, bloße Kostüme, die wir auf der Weltbühne für eine Zeit anlegen, die aber nicht mit der Idee des Menschseins verwechselt werden dürfen.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Jeder Mensch nämlich erfüllt seine Lebensaufgabe – einer geschickt, ein anderer weniger glücklich. In allen Riten der Völker aber, wo man die Mitglieder in die Bräuche und Mysterien der Gemeinschaft einweiht, gemeinsam die Feste des Jahreslaufs begeht, wo man sie in den Übergangsriten ins Erwachsensein begleitet, sie zeremoniell verheiratet oder dann eben irgendwann bestattet: immer und in jeder Hinsicht, weisen diese Riten hin auf eine ureigene Einheit von Individuum und Gemeinschaft.

Darin aber befindet sich die Menschenseele als Ebenbild des Kosmos, die im Gebäude eines Miteinanders, auf eine eigentlich metaphysische Harmonie des Individuums im Kosmos verweist. Alle die sich darin auf dem Weg der Heldenreise bewegen, wenn auch zeitweise im Verborgenen, können schließlich zur Vollendung ihrer eigenen Glückseligkeit finden.

Jene aber, die als Asketen, Yogis oder als Einsiedler leben, vermögen durch besondere Praktiken und kontinuierliche Meditation, aus ihrer gesellschaftlichen Rolle den eigentlichen Kern des individuellen Bewusstseins quasi herauszulösen. Da geht es eben nicht mehr um eine Identifikation, sondern wie es einmal der italienische Psychologe Roberto Assagioli nannte, um eine Desidentifikation, die einer in seinem Meditieren allmählich erlangt, wo er Schicht um Schicht seines gesellschaftlich angenommenen Kostüms ablegt, um dabei die wahre Tiefe seines Selbst zu erkennen.

Es wäre jedoch vermessen zu glauben, dass das das Ziel des Leben sei. Beides will da ja vollendet sein: das Leben im Außen der Gemeinschaft und die Erkenntnis, die einer in zurückgezogenem Innewerden gewinnt.

In der heutigen, durch und durch digitalisierten Welt unserer Zivilisation im Westen, sollte man sich jedoch in Acht nehmen, sich mal eben zu vergleichen mit jenen, hier angedeuteten, in Klausur zurückgezogen lebenden Asketen. Denn keineswegs sind das Menschen, die vor dem Einschlafen noch nach neuen Emails oder Kommentaren in den sozialen Medien sehen.

Teil der Gemeinschaft ist man ebenso wenig, wenn man den größten Teil seines Umgangs mit anderen, meist über die eben genannten Kommunikationsmedien hat. Und genau da liegt der entscheidende Punkt: Unsere regelrechte Überindividualisierung, durch jene so häufig und zu stark aufgewertete Freiheit der Wahl, führt weg davon, worauf wir uns zuvor bezogen und was sich mit dieser Frage zusammenfassen lässt:

Welche Rolle die mich mit Glück erfüllt, spiele ich in der Gemeinschaft, und mit welchem Nutzen trage ich hiermit zum Leben aller bei?

Sicher bietet das, was man heute umgangssprachlich einfach »Das Netz« nennt, eine Vielzahl an Möglichkeiten, um sich mit anderen Menschen zu verbinden und Anschluss zu finden. Doch das geht nur, indem man auch in Wirklichkeit, physischen Umgang pflegt. Nur in lebendiger, direkter Gemeinschaft lässt sich Individualität so leben, das sich daraus auch das eigene, wahre Glück verwirklicht.