Zarathustra

Prisca Theologia oder: Die gemeinsame Wurzel aller Religionen

Prisca Theologia oder: Die gemeinsame Wurzel aller Religionen

Unter den vielen Religionen auf unserem Planeten findet sich ein gemeinsames Muster, dass den Menschen in ein spirituelles System stellt, wo er auf der Erde wohnend mit der Fähigkeit ausgestattet ist, sein Leben auszurichten auf besondere himmlische Einflüsse. So kann man sagen, dass überall die Seele als Teil einer Dreiheit steht, die sich gliedert in Himmel, Mensch und Erde.

Das zumindest ist ein Teil verschiedener Hierarchien, denen man zum Beispiel in den Religionen der westlichen Weltkultur begegnet. Ihre Ursprünge aber reichen bis in die östlichen Regionen des einstigen, alten Reichs der Perser.

Um über so ein Grundsystem hinter allen Religionen sprechen zu können, bildete sich in der Renaissance die Bezeichnung der Prisca Theologia, einem lateinischen Begriff für eine »Uralte Religion«. Es war wohl der italienische Philosoph und Humanist Marsilio Ficino (1433-1499) der so eine Urreligion voraussetzte, aus deren System sich die verschiedenen philosophischen Weltbilder der westlichen Kultur ableiten lassen.

Ficino ging in seiner Lehre von der Prisca Theologia also davon aus, dass es schon immer eine einheitliche, wahre Theologie gab, die wie ein Goldener Faden durch alle Religionen verläuft. Er gleicht einem heiliger Strang göttlicher Weisheit, dessen eines Ende aus der Hand Gottes von den Völkern der Erde angenommen, über die Jahrtausende hinweg immer wieder weitergegeben wurde (man könnte diese Vorstellung auch vergleichen mit der Silsila der Sufis, der spirituellen, goldenen Kette von Lehrern, die einen Schüler über frühere Generationen von Mystikern, mit dem Propheten Mohammed und dadurch mit Allah verbindet).

Mit einem seiner Zeitgenossen, dem jungen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463-1394), bemühte sich Marsilio Ficino die Lehren der Katholischen Kirche zu reformieren. In seinen Schriften, die eben so eine Prisca Theologia voraussetzten, ging Pico della Mirandola davon aus, dass die Weisheiten

  • des Neuplatonismus (eine aus dem 3. Jhd. n. Chr. entstandene Philosophenschule, die sich auf Platon berief),
  • des Hermetismus (die religiös-philosophische Offenbarungslehre des mythischen Wissensspenders Hermes Trismegistos) und
  • der noch älteren Mosaischen Tradition (entstanden aus den fünf Büchern des Propheten Moses),

sich als solch universale Urreligion sehen ließen. Der Mosaischen Tradition der Juden jedoch, stellte Marsilio Ficino noch die Chaldäischen Orakel des Zarathustra voran (des iranischen Priesterphilosophen, Propheten und Religionsstifters des Zoroastrismus).

Ficiono wiederum verstand sich als Gelehrten in einer langen Kette von Vorgängern, die durch Gottes Erlaubnis dazu befugt waren zu diesem Wissensspeicher einer universalen Philosophie beizutragen. Nur durch die immer neu erblühenden Religionen, so Ficino, könne sich die göttliche Weisheit auf Erden allmählich entfalten. Und diese Fortentwicklung hielten Ficiono und all seine Vorgänger in Buchform fest.

Jeder dieser alten Theologen spielte dabei seine besondere Rolle. Es oblag ihnen allen eine Urwahrheit herauszuarbeiten und zu dokumentieren aus dem, was uns eben durch Platon, Hermes Trismegistos oder den persischen Propheten Zarathustra (auch »Zoroaster« genannt) überliefert wurde. Um diese Prisca Philosophia immer wieder zu verkünden, dienten jene alten Heiligen als Gefäße Göttlicher Wahrheit, als Überlieferer eines Wissens, in das sie nicht einmal selbst voll eingeweiht waren.

Ficiono und Pico della Mirandola sahen in allen Religionen nur die kulturellen Variationen einer uralten, einfachen göttlichen Wahrheit. Doch ihre Sicht schien im Zeitalter der Aufklärung (ab dem 17. Jahrhundert) vollkommen verdrängt zu werden. Denn seit dieser Zeit leugnete man jede Form einer göttlich offenbarten Weisheit, die den Menschen direkt von Gott als Religion gegeben worden sei. Was bedeutete da schon eine Prisca Theologia?

Auch wenn sich über die Vorstellungen von einer Urreligion streiten ließe, ist sie also solche, als Prisca Theologia, dennoch verwandt mit dem Konzept der Sophia Perennis, der Ewigen Weisheit. Unter der Prisca Theologia hat man sich allerdings die Urform aller Religion vorzustellen, die ihren Urpsrung nahm in ferner Vergangenheit, im Dunkel vergessener Zeiten, während die Sophia Perennis einen essentiellen Ewigkeitsaspekt aller Philosophien hervorgeheben will. Damit ließe sich gewissermaßen feststellen, dass nur die ältesten religiösen Prinzipien und Riten, jene Urreligion in ihrer reinsten Form abbilden. Je älter die Schriftquelle also ist, desto näher befindet man sich an dieser Urform religiösen Denkens.

So ließe sich die Prisca Theologia als die Wurzel aller religiösen Zweige auf Erden auffassen. Die »Wahre Religion«. Und was bedeutet das Wort Religion? Es steht für den Wunsch sich auf etwas zurück zu besinnen und sich damit wohl dem Bund eines uralten Glaubens anzuschließen.

 

Also sprach Zarathustra: Denke, rede und handle gut

Also sprach Zarathustra: Denke, rede und handle gut

Lehre mich vor allem eines: dankbar zu sein für deine Güte, aber auch danken zu können für die geringsten Taten der Menschen gegen mich.

- Zarathustra

Zarathustra - ewigeweisheit.de

Eine der außergewöhnlichsten Religionen auf unserem Planeten ist der Zoroastrismus. Nicht nur ihre makellose Ethik macht sie so besonders: Auch ihre vielen Parallelen zum Christentum, lassen staunen.

Drei zoroastrische Priesterkönige kamen nach Bethlehem, um ihre geweihten Gaben, Josef, der Heiligen Mutter und dem neugeborenen Christuskind zu überreichen. Im zweiten Kapitel seines Evangeliums, spricht der Evangelist Matthäus von ihnen als den Magoi apo Anatolon – den Magiern aus dem Morgenland. Sie sollen ausgesprochen kluge Männer gewesen sein, Könige großer Weisheit.

Diese drei Weisen besaßen genaue Kenntnisse über die Himmelsbewegungen und erkannten das von Zarathustra prophezeite Zeichen am Nachthimmel: den Stern von Bethlehem – einen astralen Vorboten, der auf das Kommen des großen Weltlehrers hinweist.

Im Anfang war das Wort

Ihren Gott sahen diese orientalischen Priesterkönige im Allweisen Herrn Ahura Mazda – den einen und guten Gott. Sein Prophet war Zarathustra, der im ersten Jahrtausend vor Christus im alten Iran lebte und als Philosoph und Priester lehrte.

Zarathustras Gott Ahura Mazda, wurde jedoch nicht gezeugt, sondern existierte immer. Denn er ist ohne Anfang und ohne Ende. Er gab sich zu erkennen, als das vortreffliche, reine und zündende Wort, das im Anfang stand. Im Sprechen des Heiligen Wortes Ahuna Vairya, entstand die Welt. Und so existierte das Wort vor allem Anderen, das dereinst sein sollte.

Das war das Wort Ahuna Vairya, O Zarathustra, das ich dir verkündete, vor der Erschaffung des Himmels, vor dem Wasser, vor der Erde, vor dem Rind, vor der Pflanze, vor dem Feuer, dem Sohn Ahura Mazdas, vor dem wahrheitsgläubigen Menschen, vor den Devas wie den üblen Menschen, vor der gesamten stofflichen Welt, vor allem Guten von Mazda Geschaffem, die die Saat der Rechtschaffenheit sind.

- Yasna 19:3

Davon scheint ja ebenso das Evangelium Johanni zu künden: mit den griechischen Worten en arkhei en ho logos, »Im Anfang war das Wort«.

Auch im noch viel älteren, indischen Rigveda, lesen wir vom vach, dem alles durchdringenden Wort des Uranfangs.

Ewig heilige Flamme

Und so wie dieses Urwort Ahura Mazdas das Licht des Universums entzündete, so existiert bis heute das Licht jenes heiligen, leuchtenden Feuers fort: Atasch. Es gehört ebenso zu Ahura Mazda, wie das Licht zur Sonne gehört. Im Atasch sehen die Gläubigen, dass sie lebendig und untereinander verbunden sind.

Für dieses Licht des Atasch, brennen auf den zoroastrischen Feueraltaren, wie etwa im Tempel von Yazd, die Heiligen Flammen der Zarathustra-Priester, dem allweisen Ahura Mazda geopfert werden. Es sind die Flammen des Heiligen Feuers, dass nie erlöschen und durch nichts verunreinigt werden darf.

Der Gott Zarathustras

Es gibt einen Gott - den allmächtigen Ahura Mazda.
Er schuf diese Erde.
Er schuf diesen Himmel.
Er schuf den sterblichen Menschen.
Er schuf dem Menschen die Glückseligkeit.

- Aus dem Gandschname des König Darius, Keilschrift-Gravierung im Alvand-Gebirge

Ahura Mazda erschuf die wahre Reinheit Ascha, durch die er die kosmische Ordnung aufrecht erhält. Sowohl die moralische, wie auch die materielle Beschaffenheit der Welt, entstand durch das Ascha Ahura Mazdas. So ist er der Erschaffende, der Herrschende (Ahura), der Allwissende (Mazdao) und der, der durch Ascha, alles im Universum ordnete. Durch sein Handeln entstand die Welt und sein darin wirkendes, ewig-universales Weltgesetz.

Mit diesen Eigenschaften entspricht er auch dem vedischen Gott Varuna – dem Allumfassenden, den man in früh-vedischer Zeit als höchsten Gott verehrte.

Im Avesta, der Heiligen Schrift der Zoroastrier, werden die spirituellen Vorstellungen des Ahura Mazda, ganz klar dargestellt: sein Auge ist die Sonne, der Himmel sein göttliches Kleid, die Fluten seine Gemahlinnen.

Ahriman – der arge Geist

Dem lichtvollen, die reine Wahrheit verkörpernden Ahura Mazda, widersetzt sich der lügende Verderber Ahriman. Er ist jener, den die judeo-christliche Tradition als Satan bezeichnet. So ist er Verkörperung der bösen Mächte der Finsternis.

Nachdem Ahura Mazda, die Welt als Reich des Lichts vollendet hatte, griff Ahriman in die Schöpfung ein und verdarb sie.

Auch gegenwärtig wirkt er dem erschaffenen, eigentlichen Lichtreich Ahura Mazdas, durch seine finsteren Machenschafren entgegen. Um jeden Preis will er diese Welt zerstören. Im Kampf dieser beiden Licht- und Finsterniskräfte, ist die gesamte Geschichte der Welt begründet.

Doch dieser Kampf zwischen Gutem und Bösem, ist ja etwas, dem wir ja in eigentlich allen Religionen und Mythen begegnen.

So ist Ahriman auch identisch mit jenem »Alten Drachen« der Indo-Arier, der sich wiederum in alt-vedischen Schriften, als Schlangendämon Vritra personifiziert. Als dieser nämlich kämpft er gegen den Götterkönig Indra.

Jener Kampf zwischen dem lichtvollen Feuergott und dem Schlangendämon Afrasiab, begegnet uns als solcher auch in der Religion der Indo-Iraner.

Ebenso im griechischen Mythos finden sich diese entgegengesetzten Wirkprinzipien in hohen, göttlichen Wesen verkörpert. Da nämlich tötet der Lichtgott Apollon, die aus dem dunklen Schlamm geborene Schlange Python.

Nicht zuletzt finden wir eine ähnliche Symbolik auch im Kampf des christlichen Heiligen St. Georg gegen den Drachen.

Die Frucht des ewigen Lebens

Im Garten Eden, wie ihn das 1. Buch Mose (biblische Genesis) beschreibt, wuchs einst eine Wunderpflanze: der Lebensbaum, dessen Früchte ewiges Leben verleihen. Die Vorstellung von einem solch geheimnisvollen Gewächs, stammt aus dem alten Reich von Akkad und entwickelte sich dort lange bevor die Fünf Bücher Mose entstanden, vermutlich vor 5000 Jahren.

Damit ist das Bild vom Baum des Lebens bereits uralt und zeitlich kaum noch zu bestimmen. Vermutlich entstand die Idee von einem Leben spendenden Gewächs nämlich bereits in einer Zeit, als sich die Menschen ausschließlich von den Früchten der Bäume ernährten. Damit war der paradiesische Lebensbaum also eine Pflanze gewesen, auf dem für die Menschen lebenswichtige Nahrung wuchs.

Diese alte Vorstellung wurde von den Assyrern dann in ihr Glaubenssystem aufgenommen, die es dann an die Babylonier weitergaben, bis es schließlich von dort zu den alten Persern kam – den Urahnen Zarathustras.

Das Heilige Opfer

Wie die biblische Genesis aber weiter erzählt, wuchs in Eden ein Baum mit verbotenen Früchten: der Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem. Die Schlange verführte Eva und versprach, dass ihr die »Augen aufgingen«, sobald sie von diesen Früchten esse. Was für ein Baum war das? Wuchsen auf ihm vielleicht Früchte, deren Samen psychedelische, bewusstsein-erweiternde Substanzen enthielten?

Im zoroastrischen Feuerritual, nehmen die Priester den heiligen Haoma-Trank ein. Diesen magischen Trank bereiten sie wohl aus den Samen der Ephedra (Meerträubel), sowie Zweigen und Blättern des Granatapfelbaumes. Naheliegend ist, dass wer die Essenz dieser Samen einnimmt, in einen rauschartigen Zustand eingeht, enthalten Ephedra-Samen doch das psychoaktive Alkaloid Ephidrin.

Mit dem Saft dieser Ephedra-Samen, könnte darum auch das gemeint sein, was im Zoroastrismus mit dem Namen »Gaokerena« bezeichnet wird: dem Saft einer magischen Pflanze, der das Elixier des ewigen Lebens enthält.

Einer alt-persischen Legende nach, brachte der heilige Vogel Simurgh die Samen der Haoma-Pflanze auf die Erde. Er flog von seinem Nest auf dem Gipfel des Berges Alburz, hinauf ins himmlische Paradies, wo er in Mitten des Meeres Vourukascha, von den Zweigen eines riesigen strahlend-weißen Baumes brach.

Gewiss besteht im Haoma-Ritual eine Ähnlichkeit zum vedischen Ritus und dem dabei eingenommenen Soma.

Was später in der heiligen Eucharistie mit der Einnahme des gesegneten Weines und Brotes erfolgte, weist gewisse Parallelen zum Haoma-Ritual auf. Denn in ähnlicher Form werden beim zoroastrischen Feueropfer den Priestern Haoma und kleine, gesegnete Kuchen den Gläubigen zur Einnahme gereicht.

Vom Kommen der Endzeit

Eine der charakteristischen Züge persischer Religion ist die Vorstellung vom Nahen der Endzeit. Seit dem Ableben des Propheten Zarathustra, fürchtet man sich vor einer kommenden, großen Weltkrise, in die sich die gesamte Menschheit begibt – etwas das besonders heute bedrohlich aufzudämmern scheint. Nicht aber dachte man, dass mit dem »Ende der Welt« alles schlimmer würde, sondern wusste vielmehr um die Erneuerung der selben.

Mit diesen großen Ereignissen, werden die Erretter der Menschheit erscheinen, Nachfahren des großen Zarathustra. Mit ihnen werden die Toten auferstehen. Ein von einer Jungfer geborener Erlöser werde erscheinen: der Saoschyant – Sohn der Eredat-fedhri, der »Siegreichen Helferin«:

Wir verehren den wachenden Geist (Faravahar) des rechtschaffenen Erlösers (Astvatereta). Er wird ein siegreicher Erretter (Saoschyant) sein und sein Name wird Fleisch gewordene Rechtschaffenheit (Astvatereta) sein. Ihn soll man nennen den Gütigen, den Heiland, denn er wird das Gute bringen, wird alle Fleisch gewordene Welt erretten. Ihn soll man nennen die Fleisch gewordene Rechtschaffenheit (Astvatereta), denn als solcher, begnadet mit mit Lebenskraft, wird er als Unverweslicher dem Teufel (Druj) widerstehen, mit seiner zweibeinigen Nachkommenschaft, um zu widerstehen den Bösen Taten der Gläubigen.

- Aus dem Hymnus an den Schutzengel, Yascht 13:128-129

Faravahar - ewigeweisheit.de

Faravahar: das wohl am meisten verwendete Symbol zur Kennzeichnung der zoroastrischen Kultur

Mit dem Auftreten des Saoschyant werden die Lebenden unsterblich, ihre Leiber verklärt, so dass sie als schattenlose Körper wandeln.

Solch Vorstellungen sind gewiss Vorausahnungen von etwas, das dereinst ja auch im Neuen Testament auftauchte. Denn auf ähnliche Weise prophezeiten Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth, vom Kommen eines himmlischen Königreichs. Der Heilige Paulus von Tarsus glaubte gar, dass er noch zu seinen Lebzeiten diesen Neubeginn des Guten erlebe. Die Toten, in Gott ruhenden, würden zu neuem Leben erweckt, ihre fleischlichen Körper verklärt und unsterblich.

Doch nicht allein im Christentum existiert solch eine Vorstellung. Eigentlich in allen Traditionen auf der Erde, hegte man den Glauben an eine kommende Welt, eine Zeit der Seligen, eine lichtvolle Zukunft für die Menschheit.

Ob nun die alten Griechen, Ägypter, Hindus, die alten Kelten oder Germanen: der Glaube der Menschen der Antike bezeugt dieses große Ereignis. Dann werden die Guten für ihre Wohltaten belohnt, die Bösen aber für ihr übles Handeln bestraft. Wahrheit wird über Unwahrheit siegen und alles Übel in der Welt zerstört.

Daher sollte jeder Mensch nach dem Guten streben, damit die Menschheit sich selbst perfektioniere und sich am Ende die Welt erneure – in vollkommener Wahrheit und im Licht reiner Güte. So werde ein Reich vollkommener Souveränität nahen, ein gelobte Land der Reinheit und des Friedens.

Daher wies der Prophet Zarathustra die Gläubigen an, stets gut zu denken, gut zu sprechen und gut zu handeln.

Der wachende Allgeist Faravahar

Für diese drei Grundprinzipien der Güte, steht im Zoroastrismus der Faravahar, ein Schutzgeist oder Schutzengel, der den Menschen während seines Lebens begleitet.

Das Symbol für den Faravahar, der auch manchmal »Frawaschi« genannt wird, ist einer, der ein geflügeltes Fahrzeug lenkt. Zahlreiche Reliefs in der altpersischen Stadt Persepolis, zeigen diese Figur.

Es wird bewusst als Mensch dargestellt, was gewiss als Verweis auf das menschliche Denken, den humanen Geist hinweisen soll. Der Bart dieser Person verweist auf die Reife und Weisheit, die ein jeder Mensch in seinem Leben erstreben sollte. Das er die rechte Hand erhebt, verweist er auf rechtes Streben in allen Handlungen, in allem Sprechen und Denken.

Wer sein Denken, sein Sprechen und Handeln geläutert hat, den beflügelt die Kraft seines Faravahar. Wohl daher die Schwingen des Bildes.

Im Erfüllen der genannten drei Prinzipien des Guten, kann sich ein Mensch seinem Schutzgeist nähern, wird sich seines persönlichen Schutzengels bewusst.

Und was bedeutet gut zu denken, gut zu sprechen und gut zu handeln? Nur wessen Geist von Unwissenheit getrübt und mit Unwahrheit belastet ist, dessen Sprache ist durchdrungen von Lüge und entsprechend schlecht sind seine Handlungen.

Der Faravahar aber ist wissend und sein Geist gleicht dem Licht Ahura Mazdas. Wer daher sein Denken läutert, wird auch in Wahrheit sprechen und sein Handeln in Harmonie bringen mit dem Guten.

War das legendäre Hyperborea die Urheimat der Menschen?

War das legendäre Hyperborea die Urheimat der Menschen?

Wir sind Hyperboreer – wir wissen gut genug, wie abseits wir leben. 'Weder zu Lande noch zu Wasser wirst du den Weg zu den Hyperboreern finden': das hat schon Pindar von uns gewusst. Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes – unser Leben, unser Glück.

- Friedrich Nietzsche

Hyperborea - ewigeweisheit.de

Gab es einst ein Reich im hohen Norden unseres Planeten? Der Legende nach, lebten in alter Vorzeit gottähnliche Menschenwesen an einem gesegneten Ort in der Arktis. Sie kannten weder Krieg noch harte Arbeit, blieben unberührt von Krankheit und alterten nicht. Jene Gestalten ähneln gewiss den seligen Túatha Dé Danann der irischen Mythologie - manchmal gar den heiligen Elohim des biblischen Paradieses.

Der Name Hyperboräa bedeutet vermutlich "jenseits des Nordwindes", denn man hielt es für die Heimat des himmlischen Windes Boreas. Sein eisiger Atem brachte den Winter in die Länder des Südens. Es könnte aber auch sein, dass dieser Name ein geheimer Hinweis auf einen Götterberg ist, jenseits der sagenhaften Riphäen. Dort nämlich sollen sie gelebt haben: die Hyperboreer, ausgezeichnet durch sittliche Reinheit und eine ungewöhnliche Frömmigkeit. Darum wohl belohnte sie ihr höchster Gott Apollon mit langem Leben.

Von Frühlingsanfang bis in den Sommer, pflegte der Lichtgott Apollon bei ihnen zu weilen. Drum wurden sie weder von Krankheit noch durch Alter gestört. Es heißt, die Hyperboreer alterten gar tausend Jahre - einer Lebensspanne, wie sie ja auch das Alte Testament beschreibt. Denn vor der Sintflut sollen die Propheten so alt geworden sein.

Und alle Tage Noahs waren neunhundertfünfzig Jahre, und er starb.

- Genesis 9:29

Auch im Koran wird auf Noahs hohes Alter von 950 Jahren hingewiesen:

Und bereits haben wir Noah zu seinem Volk entsandt, und er ist verblieben unter ihnen tausend Jahre weniger fünfzig (= 950 Jahre). Dann hat sie die Überschwemmung erfasst, während sie Unterdrücker waren. Aber wir erretteten ihn und die Gefährten der Arche; und wir haben es errichtet als Zeichen der Universen.

- Sure 29:14f

Erst nach der Sintflut, verkürzte sich die Lebenszeit auf die heutige Spanne.

Statue eines Greifs - ewigeweisheit.de

Statue eines goldenen Greifs (Schloss Glienicke Berlin), ein Fabelwesen aus dem Land der Hyperboreer.

Kontinent Hyperboräa

Im Altertum bezeichnete Hyperboräa ein kontinentgebundenes Land, das der große Okeanos im Norden umströmte. Im Süden umragten die bitterkalten Gipfel des legendären Gebirges der Rhipäen (Rhipaion) das Land der Hyperboreer. Jener sagenhafte Ort, hinter dieser eisigen Bergkette aber war gesegnet und es herrschte dort ewiger Frühling. Es war ein wildes Land, auf dem große Wälder wuchsen. Goldene Greife bewachten die Gipfel der hyperboreischen Berge. In den Tälern dazwischen, lebte ein wildes, einäugiges Volk: die Arimaspen. Sie sollen den Bewohnern von Delphi die kostbaren Gaben der Hyperboräer überbracht haben.

Das sagenhafte Land durchfloss der himmlische Strom Eridanos. An seinen Ufern ließen sich große Schwärme weißer Schwäne nieder - in den Gärten des Lichtgottes Apollon. Im alten Ägypten glaubte man, der Eridanos entspringe als Himmelsfluss im Sternbild Orion und münde ins Nordmeer des inneren Hyperboräas.

Das Land der Hyperboräer regierte der apollonische Klerus der Boreaden. Sie waren drei riesenhafte Brüder, die ihre Häupter 10 Ellen (ca. 270 cm) hoch über dem Boden hielten. Sie waren die sagenhaften Söhne des Nordwindes Boreas und seiner eigener Tochter Chione. Von ihrem kreisförmigen Tempel, auf dessen silberne Kuppel das Licht des Polsterns fiel, von dort aus regierten sie das wundersame Land von Hyperboräa. Jährlich zelebrierten sie ein heiliges Fest zu Ehren des Apollon, das die hyperboreischen Schwäne mit ihren süßen Gesängen begleiteten, während sie den runden Kristallpallast umkreisten - im Zentrum des verwunschenen Landes.

Tundra Schwäne - ewigeweisheit.de

Schwäne: heilige Tiere des Lichtkönigs Apollon.

Die Hyperboräer: Vorfahren der Menschheit?

Manche sagen nun, die Menschen als höher entwickelte, sprachbegabte Wesen, hätten ihren Ursprung nicht in Afrika, sondern in der hyperboreischen Polarregion, im Norden unseres Planeten. Hier verdichteten sich einst, aus einem zuerst ätherischen Körper, die physischen Menschenkörper. Hyperboräa gilt auch als Urzentrum des Goldenen Zeitalters der Zivilisation und der Spiritualität. Der Nordpol also die Wiege der Menschheit?

Die Hypothese, dass Menschen in der Nordpolarregion lebten, scheint höchst fragwürdig, ist der arktische Ozean zum einen doch eine sehr unwirtliche Region, andererseits aber gibt es dort kein Land, auf dem irgendwelches Leben existiert haben könnte. Damit scheint es eigentlich absurd, den Ursprung der Indo-Europäer dort verorten zu wollen. Geschweige denn, dass sich dort eine fortschrittliche Kultur entwickelt haben soll, die günstige Bedingungen für ein gutes, ja sogar ewiges Leben genaß. War es ein Eisland, konnte es sich wohl nur schwer um einen Ort milden, sonnigen und fruchtbaren Klimas handeln.

Könnte es aber vielleicht sein, dass die zirkumpolaren Regionen während der letzten großen Eiszeit bewohnbar waren? In jüngster Zeit hat sich gezeigt, dass die zirkumpolaren Regionen in der Tat Perioden durchlaufen haben, in denen das Klima sogar lebensfreundlich gewesen sein muss. Da ein Großteil des Meerwassers als Packeis gefroren war, stand der Meeresspiegel vielleicht sogar 100 m unterhalb seiner gegenwärtigen Höhe. Dies hätte natürlich zur Folge gehabt, dass heute überschwemmtes Land, damals wohl bewohnbar war. Und in der Tat: werfen wir etwa einen Blick auf den Bosporus, zwischen Europa und Anatolien. Diese Meerenge konnte einst zu Fuß überquert werden, ja man führte sogar Rinder über diesen Weg (daher auch sein Name: bous, das Rind, und poros, der Furt). Das einst auch Frankreich und England miteinander verbunden waren, daran erinnern die Namen der nordfranzösischen Bretagne und des südenglischen Britanniens.

Mit anderen Worten: der Meeresspiegel war einst sehr viel niederiger als heute. Eine riesige Fläche der heutigen von Wasser bedeckten Polarregion, könnte damals aus bestimmten Richtungen bis etwa zum 79. Breitengrad begehbar gewesen sein.

Eine Arktische Urheimat in den indischen Veden

Einer der bedeutendsten Politiker Indiens, Bal Gangadhar Tilak (1856-1920), verfasste ein Buch mit dem Titel "Die Arktische Heimat in den Veden". Darin verweist er auf uralte arische Bardengesänge. Ihr Inhalt sei laut Tilak der Ursprung der indischen Veden. Nach dem Einsetzen der letzten Eiszeit, kamen sie in den Süden. Den Ursprung der Arya verlegte er damit also in die Arktis und sprach ihnen dort ihr ursprüngliches Weltreich zu.

Tilak lag viel daran, herauszufinden, wieviel Zeit vergangen war seit die Indogermanen aus dem Nordpol abgewandert waren. Er kam dabei zu einigen sehr interessanten Berechnungen, in denen er sich auf Daten moderner Geologie und Archäologie stützte.

Vom himmlischen Paradies

Es gibt aber auch Theorien darüber, dass sich dieser mythische Kontinent gar nicht auf Erden befand, sondern quasi in urzeitlicher Vorgeschichte, als fremdes Landgebilde über dem Nordpol schwebte. Von hier sollen dann die Vorfahren des Menschen gekommen sein, deren Nachfahren der heutige Homo Sapiens wäre.

Auch gibt es Theorien über ein himmlisches Paradies, wo es manche Überschneidungen mit anderen Mythen und Legenden der jüngeren Menschheitsgeschichte gibt. Was in den religiösen Schriften überliefert wurde ist ein Hinweis darauf. So ist etwa in Genesis 1:26 die Rede von den Elohim (Plural des hebräischen Wortes "El", Gott), die beschlossen "Lasst uns Menschen machen". Jene hätten ursprünglich im Paradiesgarten Edens ein ewiges Leben genossen. Einer aber war damit nicht einverstanden: Luzifer - ein Lichtwesen, ganz ähnlich dem Phaeton des griechischen Mythos. Wegen seiner Eifersucht auf den geschaffenen Menschen (Adam), stürzte ihn Gott vom Himmel. Auch heißt es über die Túatha Dé Danann, sie seien als feinstoffliche Wesen auf die Erde gekommen. Hier hätten sie eine göttliche Zivilisation gegründet, auf der sogenannten "Insel im Westen": Avalon (Buchtipp: Das mythische Avalon). Von dort aus seien sie nach Irland aufgebrochen und hätten das Land nach ihren Vorstellungen kultiviert.

Auch die Hypothese, dass sich die Heimat der Indo-Europäer im hohen Norden befand, muss hier mit in Betracht gezogen werden. In alt-vedischen Texten finden wir Anspielungen auf diese arktische Urheimat der Indo-Europäer. Hier ist die Rede von einer "Insel des Glanzes", der "Sveta-Dvipa" - verortet im höchsten Norden, wo einst die Urbevölkerung der Uttarakara lebten (sanskr. uttara = Norden). Sie stammt angeblich aus dem sogenannten "Milchmeer" einem polaren Inselkontinent. Doch ist damit das arktische Meer oder vielleicht sogar eher die Milchstraße gemeint?

Besonders spannend ist auch eine Parallele zum griechischen Mythos Apollons: In den Veden ist die Rede vom Gott Hamsa, den man da als einen grossen hyperboreischen Schwan darstellt. Interessant aber, da es in Indien gar keine Schwäne gibt, was nahelegt, dass die Symbolik vielleicht aus Nordeuropa übernommen wurde.

Jene uralten Erinnerungen an eine nordische Heimat finden sich auch bei den Ariern des Iran. Im iranischen Buch Avesta liest man über das Ursprungsland "Ayrianem Vaeja", das nach ihrer Überlieferung von einem Lichtgott geschaffen wurde. Die Parallele zum griechischen Lichtgott Apollon ist natürlich auffallend. Weiter heißt es im Avesta, dass dort in diesem Land im hohen Norden, der große König Yima dem höchsten Gott Ahura Mazda begegnete. Manchmal wird auch der iranische Prophet Zarathustra, als ursprünglicher Prophet der einstigen hyperboreischen Zivilisation genannt.

Hyperboräa - ewigeweisheit.de

Gerardus Mercator (1512-1594): eine Landkarte des Nordpols. Interessant ist der viergeteilte Bereich im Zentrum, was ja gewiss eine Andeutung ist auf das legendäre Eden (durchflossen von vier paradischen Flüssen).
Vergrößern +

Vier Menschheiten: Schwarz, Rot, Gelb, Weiß

Antoine Fabre d’Olivet (1768-1825), ein französischer Martinist glaubte, die Hyperboräer seien das "Urvolk", von dem alle Menschen unseres Planeten abstammen. Sie setzen sich zusammen aus den schwarzen Nachfahren der Afrikaner, einer rothäutigen Menschheit der amerikanischen Indianer, einer gelben Menschheit die sich in Asien vermehrte und einer weißen Menschheit, den Vorfahren der Europäer und Inder. Sie sollen ursprünglich um den Nordpol herum gesiedelt haben, was die Arktis damit zur Wiege der Menschheit machen würde.

Vertreibung aus dem Paradies und Beginn der Ackerbaukultur

Im sagenhaften Ayrianem Vaeja, hatte sich einst der im Avesta erwähnte Vorgänger Zarathustras, als Urkönig der Arier niedergelassen: Yima (der auch Dschamschid genannt wird). Zarathustra kam ursprünglich aus der Region des heutigen Afghanistan. Er gilt als Begründer der Landwirtschaft. Darauf verweist folgender Avesta-Vers:

O Schöpfer der materiellen Welt, du Heiliger! Was ist der Kern der mazdayanischen Religion? Ahura Mazda antwortete: "Wenn man immer wieder Getreide anbaut, O Spitama Zarathushtra! Wer Getreide sät, der sät Gerechtigkeit; er lässt die Religion von Mazda gedeihen, er säugt die Religion von Mazdas"

- Vendidad 3:30f

Dort, im legendären Ayrianem Vaeja, fand der Übergang vom Nomadentum zur sesshaften Agrarwirtschaft statt. Darauf verweisen auch archäologische Funde im nordafghanischen Dorf Ak-Kupruk: sie deuten das Einsetzen der Landwirtschaft und Tierzucht an, die sich wohl bereits 9000 bis 7000 v. Chr. ereignete - einer Zeitspanne, die auch oft mit der nachsintflutlichen Epoche in Zusammenhang gebracht wurde.

Vom Übergang zur Agrarkultur erhalten wir auch Nachricht aus der Bibelgeschichte. Mit dem biblischen Sündenfall, der zur Vertreibung aus dem (hyperboreischen?) Paradies führte, sollte Adam vertrieben werden und nun durch Anstrenungen seinen Acker bestellen:

Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes wirst du essen. Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

- Genesis 3:17ff

Gemäß alter iranischer Überlieferungen, befand sich in Hyperboräa auch ein heiliger Baum der Unsterblichkeit, dessen Früchte einem dazu verhelfen sollen, das Alter zu besiegen. Wenn wir zu Anfangs sagten, dass Hyperboräa jenes Paradies war, in dem die Menschen "geschaffen wurden", erinnert dieser Baum natürlich an jene Gewächse im biblischen Eden:

Gott, der Herr, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

- Genesis 2:9

Natürlich kommt einem da auch die nordische Yggdrasil in den Sinn, die Welt-Esche, deren Äste bis in den Himmel führten und deren Wurzeln bis in die Hölle drangen. Ihr Stamm war die Weltachse - was sich auch wieder im heiligen Baum der Sachsen zeigt: Irminsul - ein Baum als Himmelsstütze.

Das polarische und das hyperboreische Weltzeitalter

Die moderne Theosophie spricht von den sieben Menschheiten, denen der Planet Erde zur Verwirklichung ihrer Lebensenwicklung, im Zyklus der Inkarnationen zur Verfügung steht. In gewaltigen Zeiträumen, geht eine Menschheit aus einer anderen hervor.

Auf die erste Menschheit der polarischen Zeit, folgte die hyperboreische. Dem Wesen und der Bedeutung dieser uralten "Zivilisation", haben wir uns nun also aus verschiedenen Richtungen angenähert. Wir sagten, dass die Legenden, wie sie sowohl in den heiligen Schriften des alten Griechenland, des Irans und Indiens erwähnt werden, einige markante Gemeinsamkeiten aufweisen, die den Verdacht erhärten: es gibt einen gemeinsamen Ursprung.

Was als die Arier im iranischen Avesta bezeichnet und von Tilak als unsere arktischen Vorfahren beschrieben wurde, deutet hin auf eine sich hoch entwickelte Menschheit, deren Urheimat sich in Hyperboräa befand. In der Theosophie bilden die Arier die fünfte Menschheit. Sie lebten vielleicht als unsere gottähnlichen Vorfahren, bis sich eine kosmische Katastrophe ereignete, so dass sie die Arktis verließen und über Grönland und Sibirien den eurasischen Kontinent besiedelten. Ihr alter Kult der Sonnen-Initiation, hatte sich dann über den gesamten Erdball verbreitet und sich später mit den matriarchalen Mondkulturen zu dem vermischt, was wir heute in den spirituellen Traditionen, überall in der Welt finden.

Ob und wann genau sich die oben beschriebene Abwanderung aus dem hohen Norden ereignete, bleibt ungewiss. Doch es könnte durchaus sein, dass vor der großen Flut, wie sie in den heiligen Überlieferungen in Ost und West beschrieben wird, die Lage der Erdachse aufrecht war. Das hätte natürlich den Effekt gehabt, dass es keine vier Jahrezeiten gab, sondern durch die Gleichmäßigkeit der Erdrotation, selbst im Norden ein angenehmes, gar "paradiesisches Klima" herrschte. Nur auf dem Pol saß dickes Packeis in dunklem Dämmerlicht. Befand sich einst auf dieser gigantischen Scholle vielleicht der Tempel der Boreaden? Wir wissen es nicht.

 

Gurdjieff und das spirituelle System des Vierten Weges

von S. Levent Oezkan

George Gurdjieff - ewigeweisheit.de

Für den armenisch-griechischen Esoteriker George I. Gurdjieff lebten die meisten Menschen ohne voll entwickeltes Bewusstsein. Einheit in Denken, Fühlen und Körperlichkeit entsteht im Menschen nur, so Gurdjieff, wenn er aus seiner alltäglichen Hypnose erwacht. Was man unter normalem Wachzustand versteht, war für Gurdjieff nur eine andere Form des Schlafs, den die Illusion des Denkens aber für ein Wachsein hält.

Jedem Menschen steht aber zu sein wesentliches Potential voll zu entfalten und dadurch aus seinem allgemeinen Schlafzustand zu erwachen. Hierfür entwickelte Gurdjieff eine Methode, mit dem einfachen Namen "Die Arbeit", wo das Bewusstsein des Übenden zu voller Entfaltung kommt. Hierzu begibt er sich auf vier Wege: den Weg des Fakir, des Mönchs, des Yogis - die alle samt in den sogenannten "Vierten Weg" münden.

George I. Gurdjieff kam wahrscheinlich im Jahre 1866 zur Welt, in Alexandropol, im Russischen Kaiserreich. Sein Vater Ioannis Georgiadis war ein wohlhabender Viehhirte griechischer Abstammung, seine Mutter Evdokia, war Armenierin. Schon früh begann der junge Gurdjieff sich zu beschäftigen mit alten spirituellen Traditionen und Fragen über das Wesen menschlichen Bewusstseins. Bestimmt war das auch der Tatsache geschuldet, dass er in einer Region aufwuchs, wo viele verschiedene Ethnien und Konfessionen zusammenlebten. Seine Kindheit verbrachte Gurdjieff in Kars, damals eine von Russen verwaltete Stadt im Transkaukasus - heute eine Provinz der nördlichen Ost-Türkei. Damals lebten dort Armenier, Russen, kaukasische Griechen, Georgier, Türken, Kurden, kaukasische Deutsche und Estonier. Schon früh sprach George Gurdjieff darum Armenisch, Türkisch, Griechisch und Russisch. 

Sicher war Gurdjieffs Interesse für Mystik und spirituelle Traditionen auch von seinem Vater beeinflusst, der selbst ein Aschok (türkisch: Aşık) war - ein Barde, Geschichtenerzähler und Volksliedsänger. Ein naher Freund seines Vaters, Pater Borsh, war Dekan der russisch-orthodoxen Kirche. Er sollte Gurdjieffs erster spiritueller Lehrer werden.

Gurdjieff beschäftigte sich intensiv mit wissenschaftlicher Literatur, wurde aber auch Zeuge verschiedener, nicht-erklärbarer Phänomene, als er in Kontakt kam mit anderen Religionen, wie etwa der der Jesiden. Aus seinen Erfahrungen schloss er, dass hinter dem Vorhang moderner Wissenschaft und regulärer Kirchentradition, eine Geheimtradition verborgener Wahrheiten existiert. Danach wollte er forschen - als Sucher der Wahrheit.

Die geheimnisvolle Bruderschaft der Sarmoung

Als junger Mann unternahm Gurdjieff verschiedene Reisen. Da kam er nach Ägypten, in den Iran, nach Zentralasien, Tibet und Indien. Von wem er die dabei erlernten Weisheiten tatsächlich erfuhr, darüber schwieg Gurdjieff. Einzige Quelle in der auch Namen genannt werden, ist Gurdjieffs Buch "Meetings with Remarkable Men" ("Zusammenkünfte mit bemerkenswerten Menschen"), das zuerst 1963 in englischer Übersetzung erschien.

Auch wenn in diesem Buch, Namen genannt werden, kann dennoch nicht sicher gesagt werden, ob die damit erwähnten Personen auch tatsächlich existierten. Wichtigste Legende in diesem Buch ist wohl das Kloster der Sarmoung, nach dem Gurdjieff in Zentralasien suchte und dort auch die Grundlagen für sein zukünftiges Lehrsystem fand.

Laut Gurdjieffs Bericht lebten die Sarmoung als eine Bruderschaft von Eingeweihten, irgendwo an den westlichen Ausläufern des Pamir-Gebirges in einem schwer zugänglichen Tal. Manche sagen die Sarmoung seien christliche, buddhistische und muslimische Mitglieder einer Sekte, die eben unter diesem Namen, einen sehr alten Glauben praktizieren, dessen Ursprünge zurückreichen bis in die Zeit des alten Babylon.

Der Ursprung dieses recht ungewöhnlich klingenden Namens ließe sich möglicherweise so deuten: Sarmoung steht wahrscheinlich für den alt-perischen Namen für die Biene - dem Insekt, dass den sinnbildlichen Honig, als Essenz der "Blüten der Weisheit" sammelt. Gewiss ist das auch die Symbolik der Bienen auf dem Wappen des Vatikan. Wegen seiner langen Haltbarkeit war Honig aber auch immer ein Symbol für das Bewahren alter Lehren und Traditionen. Diese Essenz der Süße, dafür steht der persische Satz "amal misazad yak za'ati shirin", was soviel heißt wie "Arbeit erzeugt eine süße Essenz". Mit dieser Essenz ist natürlich die Baraka gemeint, jene im Islam beschriebene göttliche Segenskraft, die an einen bestimmten Menschen, doch auch an besondere Dinge (Bäume, Steine) oder Orte (etwa Kraftplätze) gebunden ist und von da aus auf einen Menschen übertragen werden kann.

Und dein Herr hat der Biene eingegeben: 'Baue dir Häuser in den Bergen und in den Bäumen und in den Spalieren, die sie errichten. Dann iss von allen Früchten und folge den Wegen deines Herrn, leicht gemacht.'
Aus dem Leib der Bienen kommt ein Saft, verschiedenartig in Farben. In ihm liegt Heilkraft für die Menschen.

- Aus der Koran-Sure "Die Biene" (16:68-69)

So wie eine Biene Honig sammelt, so sammelten und bewahrten die Mitglieder der Sarmoung-Burderschaft Wahrheiten aus ferner Vergangenheit, dem Heil der Menschheit zum Dienste.

Im Umfeld Gurdjieffs ist die Rede von einem alten Text aus dem 13. Jhd. mit dem Titel "Die Bienen", der lange Zeit in einem nestorianischen Kloster in Zentralasien aufbewahrt wurde. Im Mittelpunkt des Textes steht eine Jahrtausende alte Lehre, die von einer geheimnisvollen Macht kündet, die gar zurück gehen soll, bis in die Zeit des Propheten Zarathustra. Schließlich sollte sich mit dem Auftreten Christi, diese Macht in der Welt manifestieren.

Uralte Weisheit der Sarmoung

1912 traf Gurdjieff auf einer seiner Reisen auf einen Mönch mit dem Namen Telvant. Dazu schrieb er folgendes:

Unser werter Vater Telvant wusste sehr wohl von den Wahrheiten der Sarmoung-Bruderschaft zu berichten. Tatsächlich soll sich Orden der Sarmoung nahe der Stadt Siranousch befunden haben und vor fünfzig Jahren, nicht lange nach der Völkerwanderung, bewegten auch sie (die Bruderschaft) sich und ließen sich später nieder im Tal von Izrumin, einer dreitägigen Reise von Nivssi.

- Aus dem Buch "Meetings with Remarkable Man"

Er und seine Gefährten, so Gurdjieff, waren mehrmals auf ihren Abenteuern auf den Namen dieser mysteriösen Bruderschaft gestoßen. Das Wort "Sarmoung" bezeichnete laut Gurdjieff eine alte, bereits 2.500 v. Chr. in Mesopotamien gegründete Geheimschule. Manche meinen gar ihre Lehren hätten die Sintflut überlebt, was bedeuten würde, das sie wohl sogar aus der Zeit der Atlantis überliefert wurde.

Wenn die Lehren der Sarmoung tatsächlich so alt sind, handelt es sich in Gurdjieffs Wegbeschreibung, beim Namen Nivssi, möglicherweise um die Ruinen der antiken Stadt Niniveh. Es sollen die Sarmoung in Mesopotamien bis etwa ins 5. oder 6. Jhd. nach Chr. gelebt haben. Was danach mit der Bruderschaft geschah bleibt ungeklärt. Alles was man über Gurdjieff von den Sarmoung erfährt, ist, dass sie über großes Wissen verfügten, worin sie die Schlüssel zu vielen geheimen Mysterien bewahrten.

Bei Vater Telvant fand Gurdjieff ein altes Pergament, worin er wohl zum ersten Mal den Namen Sarmoung las. Das alte Schriftstück enthielt anscheinend auch eine Art Wegbeschreibung zu dem Kloster dieses uralten Geheimbundes. Gurdjieff reiste zuerst nach Ägypten, später aber nach Buchara, der usbekischen Geburtsstadt des Gründers des Sufi-Ordens der Naqshbandi - Baha-ud-Din Naqshband Buchari (1318-1389).

In Buchara traf er auf den Derwisch Bogga Eddin, über den - oder zumindest über dessen Gefolgschaft - er erfuhr, wie man das Sufi-Kloster der Sarmoung in einer zwölftägigen Reise zu Pferd erreichen könne. Nach gefährlicher Reise brachte ihn ein Führer tatsächlich an den Ort des Klosters. Doch Gurdjieff verband man unterwegs die Augen.

Während seines Aufenthalts im Sufi-Kloster der Sarmoung kam Gurdjieff in Kontakt mit antiken Lehren, die weit älter waren, als der islamische Sufismus. Gurdjieff sah Verbindungen in den Lehren und heiligen Praktiken der Sarmoung-Bruderschaft, zu den Weisheiten des antiken Sumer und Ägypten. Laut seinem Reisebericht, soll er in diesem Sufi-Kloster eingeführt worden sein, in besondere Körperhaltungen und Tänze. Was er dort erlernte integrierte er später in die für Gurdjieff typischen, heiligen Tänze - die sogenannten "Movements".

Es ist, wie gesagt, nicht abschließend geklärt, wer die Sarmoung-Bruderschaft nun wirklich war und ob sie überhaupt existierte - zumindest dann, wenn man sich nur auf die Berichte Gurdjieffs verlässt. Doch auch andere Autoren berichten von dieser mysteriösen, zentralasiatischen Sufi-Gemeinschaft. So lesen wir etwa bei Desmond R. Martin von den Sarmouni (einem anderen Namen für die Sarmoung), die in kleinen Gemeinschaften, an verborgenen Felshängen im Hindukusch (größtenteils afghanisches Gebirge) in ihren Klöstern leben. Dort in der Verborgenheit des Hochgebirges, werden die Anwärter in alten Riten sakralen Dienstes und Selbstdisziplin unterwiesen. Auch Eingeweihte und ältere Mönche pilgern zu diesen Klöstern zu dem sagenhaften Schrein von "Moses dem Geduldigen", um sich dort zur Ruhe zu setzen.

Manche sagen dass der Name Sarmouni eigentlich ein anderes Wort für eine Grußße von Derwischen sei, die an den Quellen des Amudarja-Flusses lebten, an der heutigen Grenze zwischen Tadjikistan und Afghanistan. Wieder andere meinen, die Sarmouni-Derwische lebten nicht an einem besonderen Ort oder in Klöstern, sondern in kleineren Gemeinschaften, in den Gebirgen Zentralasiens, träfen sich an bestimmten Tagen zu Hause bei privaten Gastgebern, um dort ihre Lehren zu unterrichten und ihre Riten zu praktizieren. Auch der britisch-afghanische Autor Idries Shah, schrieb in seinem Buch "Geschichten der Derwische" über die Sarmoung. Darin ist die Rede von einem Pir-i-do-Sara, der Ende des 18. Jhd. angeblich der Sarmoung-Bruderschaft angehörte.

Selbst wenn nicht klar ist ob das folgende Gedicht, tatsächlich aus der Feder eines Sarmoung-Derwisches stammt, lassen sich darin trotzdem deutliche Hinweise auf die Lehren Gurdjieffs sehen:

Einer der weiß und nicht weiß, dass er weiß: der schläft.
So werde er eins und ganz.
So werde er erwachen.
Einer der wusste, doch nicht (mehr) weiß: lass ihn erneut den Anfang aller Dinge sehen.
Wer nicht wissen mag, doch aber sagt dass er wissen sollte: ihn führe man in Sicherheit zum Licht.

Einer der nicht weiß und weiß, dass er nicht weiß: Er soll durch sein Wissen wissen.
Einer der nicht weiß, doch glaubt zu wissen: ihn befreie man von seinen Irrungen und seiner Unkenntnis.
Einer der weiß und auch weiß, dass er ist: so einer ist weise. Ihm sollen sie folgen.
Allein seine Anwesenheit, verwandelt sein Gegenüber (d. h. durch seine Baraka).

Gurdjieffs Vorstellung vom Bewusstsein

Wie Anfangs angedeutet, behauptete Gurdjieff, dass fast alle Menschen die Realität nicht wirklich warnähmen, da sie sich in einer Art Hypnose befänden, einem Zustand "wachenden Schlafs".

Der Mensch lebt sein Leben schlafend und schlafend stirbt er.

Da liegt auf der Hand dass jeder in seinem individuellen Schlafmodus, die Dinge so wahrnimmt, wie es ihm in seinem wachenden Schlafzustand möglich ist. Er sieht die Erscheinungen und Ereignisse in seinem Leben nicht wie sie sind, sondern erfährt sie nur subjektiv. Für Gurdjieff waren diese "Unerwachten" nur unbewusste Maschinen. Doch er war sich absolut sicher, dass jede Person in ein völlig neues Leben erwachen kann und zu einem vollkommen anderen Menschen werden.

Heute haben viele religiöse und spirituelle Traditionen leider ihre ursprüngliche Verbindung zu dem verloren, was sie einst wirklich waren. Nur das alleinige Zitieren und Rezitieren ihrer sakralen Texte ist nicht zweckmäßig, solange keine Praxis dazu ausgeübt wird. Erst in der wirklichen Praxis, werden Religionen und Spiritualität lebendig, was ja der eigentliche Sinn ihres Ursprungs ist: Religionen wurden gegründet, damit Gläubige ein praktisches Hilfmittel im Leben haben. Die profane Religionslehre aber scheint das, zumindest in den sogenannten "Gottesdiensten", bei den Gläubigen nicht mehr so recht in Erinnerung rufen zu können.

An diesem Umstand scheint sich seit Jahrhunderten nicht viel geändert zu haben. Und so kam es, meinte Gurdjieff, das die Menschen dabei versagten, den eigentlichen Sinn dieser uralten Wahrheiten zu begreifen.

Jeder dieser Unglücklichen, sollte sich während er existiert, ununterbrochen der Unvermeidbarkeit seines eigenen Todes gewahr sein, als auch über den Tod eines jeden, auf dem seine Augen und seine Aufmerksamkeit ruhen.

Illustration von Alexander de Salzmann – ewigeweisheit.de

Deckblatt eines Prospekts zu Gurdjieffs "Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen" (Illustration von Alexander de Salzmann).

Arbeit am Selbst

Gurdjieff meinte einmal, dass die meisten Menschen, je älter sie würden, sich mehr und mehr zu Automaten entwickeln - steuerbar durch äußere Einflüsse. Diese Haltung führte vor etwas mehr als 100 Jahren zum Ersten Weltkrieg, der für Gurdjieff alle Anzeichen einer Massenpsychose hatte. 
Solch beunruhigenden Bewegungen scheinen auch heute wieder allgegenwärtig zu sein - besonders wenn man sich die Entwicklungen des Transhumanismus anschaut, wo tatsächlich geforscht wird, wie man das Leben eines Menschen unendlich verlängern kann. Doch solch Bestreben ist weit entfernt von dem, was Gurdjieff in seiner Lehre unter einem vollkommen "integrierten" Menschen verstand. "Integral" meint hier die Einheit des Bewusstseins, von Körper, Emotionen und Denken, was zu einer Vervollkommnung menschlichen Seins wird - dem, was die Inder den "Arhat" nennen.

Jemand der sein gesamtes Sein auf diesem Planeten in seinem gegenwärtigen Leben "integrieren" will, sollte sich zuerst vom alltäglichen, oberflächlichen Leben zurückziehen. Hierzu muss der Schüler, so Gurdjieff, sich auf drei Pfaden bewegen:

  • Fakir - die Läuterung der Wahrnehmung durch, unter anderem, wirkliche Existenzkämpfe. Dabei übt der Schüler seinen Körper vollkommen in den Griff zu bekommen. Das erfolgt unter anderem durch Körperübungen, wie etwa die Movements.
  • Mönch - auch hier wieder geht es um die Läuterung der Wahrnehmung, durch "bewusstes Leiden" (was auf keinen Fall gleichbedeutend ist mit Jammern, sondern sogar das Gegenteil davon!) und die Beseitigung lästiger Neigungen. Es ist das was im Westen, insbesondere im Christentum, der Weg des Herzens genannt wird.
  • Yogi - dieser dient wie die beiden anderen Wege der Läuterung und Schulung der Wahrnehmung. Dabei versucht der Übende sein Denken und seine geistigen Vorgänge vollständig zu kontrollieren.

Was Gurdjieff nun den "Vierten Weg" nannte, war nicht etwa eine weitere Ebene der Schulung und Selbstbeherrschung, sondern vielmehr ein Weg, der den Übenden befähigt, an allen drei Ebenen, Körper, Emotionen und Denken, gemeinsam zu arbeiten - und sich nicht nur auf eine Bewusstseinsebene zu beschränken. So kann ein Mensch seine innere Konstitution ausbalancieren.

Im Gegensatz zu anderen spirituellen Traditionen, legte Gurdjieff allerdings größten Wert auf die tatsächliche Arbeit, die für eine Transformation des Selbst notwendig ist. Darum nannte er sein System "The Work" - "Die Arbeit am Selbst". 

Auch wenn Gurdjieff den Begriff des "Vierten Weges" in seinen Schriften niemals selbst verwendete, wurde er später durch seinen Schüler Pjotr Demjanowitsch Uspenski (1848-1947) zum wichtigsten Begriff für die "Arbeit". Ouspenskys Schüler veröffentlichten später Texte, in denen der Begriff des "Vierte Weges" dann aber von zentraler Bedeutung war.

Glaube, Liebe und Hoffnung

Bewusster Glaube ist Freiheit.
Gefühlsbedingter Glaube ist Schwäche.
Mechanischer Glaube ist Dummheit.

Bewusste Liebe, bringt das Selbe an die Oberfläche.
Gefühlsbedingte Liebe, bringt das Gegenteil hervor.
Körperliche Liebe, ist allein abhängig von Typus und Polarität.

Bewusste Hoffnung gibt Unerschütterlichkeit.
Hoffnung voller Zweifel ist Feigheit.
Von Furcht durchsetzte Hoffnung ist Schwäche.

Aus Gurdjiefffs "Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel"

Die Wichtigkeit des Gewissens

Die Lehren Gurdjieffs beschäftigen sich mit der großen Frage, was der Platz der Menschheit im Universum ist. Jeder Mensch trägt in sich, latent, große Möglichkeiten der eigenen Fortentwicklung. Nur aber wenige unter uns wissen ihre Begabungen voll zum Einsatz zu bringen. Höhere Bewusstseinsebenen, die sogenannten "Höheren Körper" mit eingeschlossen, kann ein jeder erreichen, durch inneres Wachstum. Doch wie bereits erwähnt: eine solche Entwicklung erfordert wirkliche Arbeit am Selbst.

In unserer heutigen, schnelllebigen Zeit, wer kann sich da noch mit "dem Selbst" intensiv beschäftigen? Ist es mit einem Wochenendworkshop nicht getan oder mit einer einjährigen Psychotherapie? Wohl eher ist es die tägliche Arbeit am Selbst.

Gurdjieff ging es vor allem auch um die universale Anwendbarkeit seiner Lehre. Dem Begriff "Moral" traute er nicht recht, ist das doch immer etwas, was sehr stark von einer Kultur abhängt. So finden sich in vielen moralischen Dogmen auch Unmengen an Widersprüchen. Darum betonte er in seinen Lehren vor allem die Wichtigkeit der Entwicklung eines "wahren Gewissens".

 

Viele Menschen, darunter auch Prominente Persönlichkeiten, sollten im System des Vierten Weges ein sehr hilfreiches Mittel zur Entwicklung eines höheren Bewusstseins finden. Hierzu verwandte Gurdjieff verschiedene Methoden und Materialien - darunter: informelle Treffen, Musik, Heilige Tänze (seine "Movements"), Malerei, Schreiben, Vorlesungen und auf den Einzelnen beschränkte Praxis - die zum Beispiel auch durch harte körperliche Arbeit ausgeführt wurde. 
Zweck dieser Arbeit war die tief-sitzenden und festgefahrenen Verhaltensmuster einer Person zu untergraben und so bestimmte Denkweisen zu lösen, wobei der "Betroffene" besondere Einsichten gewann - gewissermaßen also eine Einweihung in die Mysterien des Lebens erhielt.

Gurdjieff war sich aber sehr wohl bewusst, dass sein System persönlichen Wachstums, sich nicht zwingend für jedermann eignete. Doch er war stets darauf bedacht, es eben zu verbessern.

 

Weiterlesen ...

Die Sufis: Bewahrer der Essenz aller Religionen

von S. Levent Oezkan

Ein Sufi kann sich überall und jeder Form des Umgangs anpassen. Auch wenn die Sufis vor allem in islamischen Ländern leben, sind nicht alle Sufis Muslime. Sufismus braucht sich keiner Religion anzupassen. Doch durch seine tolerante Art kann der Sufismus dazu beitragen, dass sich Menschen verschiedener Religionen näher kommen.

Wie unzählige andere Texte über Sufismus, ist auch dieser Text ein Augenzwinkern, um den Suchenden anzulocken und zu führen an den Ort, wo ein jeder Sufi-Weg beginnt. Eigentlich lässt sich nicht wirklich über Sufismus schreiben. Man kann nur ein Sufi sein, denn Sufismus ist lebendig und steht für sich. Er braucht nicht Koran, Bibel oder andere heilige Büchern wortgetreu erfüllen. Im Gegenteil macht das Sufitum aus der toten Schrift etwas Lebendiges.

Einst fragte einer den Sufi Al-Hasan Al-Basri: "Was ist Islam und was sind die Muslime?" Er antwortete: "Islam steht in den Büchern und die Muslime sind in den Gräbern."

Es waren vor allem Sufis die die Religionen in Ost und West in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder belebten. Zum regen Austausch zwischen Orient und Okzident trugen die wandernden Sufi-Derwische bei. Sie sprachen mit Menschen verschiedenen Glaubens und erkannten dabei, dass es eine Ewige Weisheit (Sophia Perennis) gibt, die hinter allen Glaubensrichtungen und Religionen steht. Wahrscheinlich waren die Ordnesgründer neuerer Religionen, wie z. B. des indischen Sikhismus oder des Jesidentums, selbst Sufis.

Der Kern des Sufismus

Ein Sufi sieht sich mit dem allumfassenden Gott in einer Liebesaffäre, in einer Liebe zur Ganzheit allen Seins. So ist ein Sufi dazu bereit sich der Ganzheit Gottes zu ergeben und sie in sein Herz aufzunehmen. An sich besitzt der Sufismus kein Dogma, keine Formalitäten oder Glaubensbekenntnisse. Sufi sein bedeutet nicht in erster Linie einer Institution, einer organisierte Glaubensgemeinschaft oder einer Kirche anzugehören. Einzige Vorbilder eines wahren Sufis sind die Gottgesandten und Erleuchteten der großen Religionen: Mohammed, Jesus Christus, Moses, Zarathustra, der Mani, der Krishna oder der Buddha.

Es sind nur verschiedene Namen die die Religionen besitzen, doch gemeinsam ist ihnen die innigliche Beziehung zu Gott. Doch diese Beziehung birgt eine Gefahr: je näher man dem Göttlichen kommt, desto mehr beginnt sich das Ich zu erübrigen. Mit Gott eins zu werden, dass bedeutet für den Sufi zu sterben. Nur so glaubt er wirklich leben zu können. Für den Sufi beginnt das wahre Leben nach dem irdischen Leben, wenn der Körper aus Fleisch und Blut gestorben ist. Unser irdisches Leben ist für den Sufi nur ein Zwischenstadium. Verglichen mit dem kommenden Leben in Gott, ist das irdische Leben für ihn nur recht mittelmäßig. Es ist das Leben in einem sterblichen Körper der leidet. Der Körper bildet das Gemäuer eines finsteren Kerkers worin sich unsere Seele eingeschlossen befindet. So ist die Seele alles andere als von göttlicher Extase erfüllt. Der Körper der Leidenschaften, den das Ich repräsentiert, steht der Verbindung zwischen Seele und Gott im Weg. Die Sufis sehen die Sehnsüchte und Leidenschaften ihres Körpers als Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Für sie trennt die "Schale des Körper" das Ich vom Du. Auch das universale Ganze ist durch den Körper getrennt: in ein Jenseits und ein Diesseits.

Der Weg des Sufi

Wer bereit ist den Weg des Sufi zu gehen, tritt diese Reise an in seinem Herzen. So wie sich eine Rose entfaltet und ihren Duft verströmt, so muss sich das Herz des Suchenden öffnen, muss sich danach sehnen zu suchen - so wie die Blüte sich nach der Biene sehnt, um von ihr bestäubt zu werden.

Wer sich auf den Sufi-Pfad begibt hat sich dazu entschlossen aus dem Schlaf des Alltags zu erwachen. Er will sein Herz erwecken, dass so lange in seiner Brust unbewusst schlummerte. Das ist die Beschreibung dessen, was mit dem Suchenden geschehen muss.

Sufismus ist etwas zauberhaftes, das nur vom Meister an den Schüler weitergegeben werden kann. Bei dieser Übertragung der Sufi-Tradition berufen sich die Murshids (Meister) auf die Silsila (arab. سلسلة), die spirituelle Kette eines Sufi-Ordens. Sie verbindet alle Generationen von Murshids und Sheikhs miteinander und geht zurück bis auf den Propheten Mohammed. Die so übertragene Tradition zeigt dem Murid (Schüler) den spirituellen Weg: das ist die Tariqa (arab. طريقة), der Pfad den ein Sufi beschreitet. Vom Herzen des Murshids (Sufi-Meister) einer Tariqa (Sufi-Orden) wird das Wesen und die Essenz des Sufismus, auf das Herz des Murid (Sufi-Schüler) übertragen. Es ist eine sehr geheimnisvolle Sache, die nicht ohne einen Murshid (bzw. Sheikh) erfahren werden kann. Selbst wenn man alle Bücher über Sufismus auswendig lernte, würde man sich nur in einem Dschungel aus Wörtern verirren. Aus diesem Wald der Unwissenheit soll der Meister einen Novizen führen, heraus aus den Verirrungen des Intellekts, hin zur Weisheit Gottes.

Im Sufismus gilt: wer keinen Sufi-Meister hat, ihn nicht liebt und verehrt, der wird nicht auf den wahren Geschmack des Sufismus kommen. Das bedeutet aber ganz und gar nicht, dass man als Sufi alle anderen Wege als unwichtig oder gar falsch abtun soll – auch wenn das immer wieder ein Problem in manchen Ordensgemeinschaften ist. Ein wahrer Sheikh zeigt seinen Schülern wie sie den Weg selbst finden und worauf sie bei dieser Suche achten müssen. Wie falsch wäre es also, ein Meister machte seinen Schüler von sich abhängig. Dann wäre er nicht mehr als eine Glucke, die ihre Jungen erdrückt.

Einst ging ein Sufi-Meister zusammen mit einem seiner Schüler auf der Straße, als sie ein wilder Hund anbellte. Wutentbrannt schrie ihn der Schüler an: „Wie kannst Du es wagen dich meinem Meister gegenüber so zu verhalten?“ Verwundert bliebt sein Meister stehen und sagte: „Er ist konsequenter als Du es bist.  Er bellt wenigstens alle an, ganz nach seiner Gewohnheit und Neigung; während Du mich als Deinen Meister betrachtrest und gänzlich unempfänglich für die Verdienste all der Erleuchteten bist, denen wir auf unserer kleinen Reise bereits begegnet sind. Du hast sie einfach ignoriert!“

Den Weg des Sufis beschreiten muss jeder selbst. Niemand kann das für ihn übernehmen. Die Welt der Wahrheit ist ein Land ohne Wege. Man kann sich der Wahrheit auf keinem bestimmten Pfad nähern. Jeder muss sie selbst finden. Ein Sufi-Meister stellt seinen Schülern dazu lediglich die Mittel zur Verfügung und führt sie an die Schwellen dieses Landes der Wahrheit, von wo aus sie alleine ihren Weg finden müssen.

Der Schildkröten-Dompteur - ewigeweisheit.de

Der Schildkrötenerzieher - Gemälde von Osman Hamdi Bey (1842-1910). Drei der fünf Schildkröten haben sich vor einem Derwisch aufgestellt, zwei krabbeln hinzu. Hinter seinem Rücken hält er eine Nay-Flöte - das typische Musikinstrument der türkischen Derwische. Über seiner Schulter hängt eine Trommel mit Schlägel.

Absurde Ehrfurcht

Seit vielen Jahrhunderten wird religiösen Menschen eingeblöst sie sollen Gott fürchten. Bis heute scheint sich daran nichts geändert zu haben. Doch ist es nicht diese Grundhaltung, die aus einem Menschen einen Angsthasen macht – einen "Hoffenden", der zittert aus Angst vor Bestrafung für seine Sünden? Eine Liebe zu Gott zu entwickeln ist für so jemand gänzlich unmöglich. Wo Angst herrscht, da verschwindet alle Liebe, da überkommt die Menschen Wut und Hass. Vor wem man sich fürchtet, den kann man ganz einfach hassen. Wenn man Gott aber nur fürchtet und nicht lieben kann, wen sonst soll man da noch lieben können? Wer Angst hat vor Gott, ihn fürchtet - wohin führt ihn sein Weg?

Was Menschen lange fürchten, das wollen sie am liebsten vergessen. Wie lange auch soll man etwas tolerieren, von dem einem beigebracht wurde, dass man es fürchten soll? Um sich von dieser Angst also zu befreien haben viele Menschen gegenüber Gott eine Ignoranz entwickelt. Friedrich Nietzsches berühmtes Zitat "Gott ist tot" scheint sich heute mehr denn je zu bewahrheiten.

Freiheit ist nur möglich wenn man gänzlich frei ist von Angst. Angst ist Enge. Sie verschließt das Herz des Liebenden. Eben genau darum wollen die Sufis Gott lieben. Denn die Liebe lässt überhaupt keine Angst zu. Liebe zerstreut alle Ängste. Nur mit Liebe ist es möglich die Reise zu Gott anzutreten.

Die Sufis sind Suchende auf dem Weg das innerste Wesen Gottes zu erfahren. Sie wollen Gott begegnen, sich ihm ergeben. Wer aber sich Gott ergeben will, der muss sich zuerst einem Sufi-Meister ergeben können. Hier stellt sich unser Ego in den Weg. Die Bewältigung des Egos, als Hindernis auf dem Weg zu Gott, stand darum in allen Schulen des Sufismus schon immer an erster Stelle. Novizen lässt man die einfachsten Arbeiten verrichten, um so ihr Ego zu brechen. Sie müssen Toiletten reinigen, den Boden schrubben. Erst dort, ganz unten, ganz nah an den niedrigsten Bedürfnissen die ein Mensch hat, nämlich sich von Last und Schmutz zu befreien, dort finden die ersten Schritte der langen Reise statt!

Die Bedeutung des Wortes „Sufi“

Der Ursprung des Wortes "Sufi" ist umstritten. Für manche Sprachwissenschaftler besitzt es überhaupt keine Etymologie. Dennoch versuchte man immer wieder das Wort Sufi auf verschiedene Arten zu erklären. Das es keine stichhaltige Erklärung des Wortes gibt mag auch daran liegen, dass der Begriff Sufismus nicht von seinen Anhängern eingeführt wurde. Auch wenn es Sufis schon lange vor dem Aufkommen des Islams gab, ist das Wort "Sufismus" eine relativ junge Wortschöpfung, die zuerst 1821 in Deutschland auftaucht. Das Wort Sufismus wurde von Personen außerhalb der Sufi-Bewegung verwendet, um seine Anhänger zu bezeichnen, denn ein Sufi bezeichnet sich selbst in der Regel nicht als Sufi. Eher würde er über sich selbst sagen, ein Mensch zu sein der die Wahrheit sucht.

Das Sufi-Phänomen ist grundsätzlich nicht definierbar. Und doch ist es voller Bedeutung für den Einzelnen, ja für die gesamte Menschheit. Es gibt eigentlich kein anderes Wort, um das Wesen des Sufismus zu erklären als das Wort Sufi an sich; es gibt kein Synonym. Man kann als Sufi leben und man kann die Sufis kennen. Doch der Begriff Sufi ist intelektuell nicht greifbar. Zu wissen was es heißt ein Sufi zu sein, bedeutet das man ein Sufi werden, ein Sufi sein muss! Darum ist es zwecklos die Bedeutung des Begriffs in Lexika ausfindig machen zu wollen. Man muss das Wesen des Sufismus schmecken, bevor man erkennt was Sufismus ist.

Ein Sufi zu sein bedeutet alles was sich im Kopf befindet beiseite zu stellen – eingebildete Wahrheiten, Vorstellungen und Konditionierungen – und sich dem zu stellen was einem widerfährt.

- Abu Said

Die Frage ist also nicht, was Sufismus bedeutet, sondern was darüber gesagt und gelehrt werden kann. Und zwar so, dass es auch jeder nach seinem Grad der Bildung versteht. Einfach nur Fakten zu verabreichen ist nutzlos; ja es kann manchmal sogar schädlich sein.

Wenn man erst einmal vom Wesen des Sufismus gekostet hat, wird man durstiger nach mehr und wird ein großes Verlangen nach Gott bekommen.

Das Wort "Sufi" weist in viele Richtungen. Manche Menschen gehen in die eine, andere Menschen gehen in die andere Richtung. Jeder dieser Wege ist für sich einzigartig und schön. Das Wesen des Sufismus bleibt aber eine Realität ohne Namen und ein Name ohne Realität! Der Sufismus existierte als Realität schon lange bevor er einen Namen erhielt. In dieser Realität fanden alle Gott-Gesandten (Propheten, Messiasse), Heiligen und Sucher der Weisheit den Sinn dessen, was auch ein Sufi ersinnt.

Sheikh der Rifāʿī-Derwische, unbekannter griechischer Maler, 1809 - ewigeweisheit.de

Sufi-Sheikh der Rifai-Derwische - Gemälde eines unbekannten griechischen Malers aus dem Jahre 1809.

Wolle als Symbol der Unschuld

Früher pflegten die Sufis Wollgewänder zu tragen. In manchen Sufi-Orden hat sich dieser Brauch bis heute erhalten. Daher versuchen manche das Wort Sufi herzuleiten aus der arabischen Wortwurzel "suf" (arab. صُوف), "Wolle". Wieso aber soll ausgrechnet Wolle ein Symbol für Sufismus sein?

Als der Prophet Moses Gott auf dem Sinai begegnete, trug er ein Gewand aus Schafwolle. Er war ja ein Hirte. Sufis der Shia (das sind die Nachkommen des Kalifen Ali) schrieben über Jesus, dass er während seiner Himmelfahrt ein Hemd aus Wolle trug. Wieso aber ist Wolle von so hohem Symbolchakarakter? Der Grund ist einfach: die Wollgewänder der Sufis sind ein Sinnbild der Unschuld, denn Wolle ist das Kleid der Lämmer. Der Sufi muss unschuldig werden wie ein Lamm. Im Islam wird Jesus von Nazareth als Prophet der Liebe gesehen, weshalb man ihn auch den Propheten der Sufis nennt. Das Neue Testament nennt Jesus nun das Lamm Gottes, das nach seinem unschuldigen Leiden und Tod, erhöht und verherrlicht wird. So soll sich auch der wahre Sufi über alle Erniedrigungen und Leiden erheben, über sich ergehen lassen. Alle Normen sollen von ihm abfallen, alle Konditionierungen, alles Kulturelle auf ein bestimmtes Volk bezogene Verhalten soll er ablegen. Vor diesem Hintergrund erhellt sich das Mysterium vom Symbol des Wollgewands. Zum Lamm, also zum Tier zu werden, ist in diesem Fall kein Rückschritt. Es ist hingegen ein Aufstieg. Ein Mensch der in diesem Sinne wieder ein Tier wird, wird nicht nur ein gewöhnliches Tier. Vielmehr verwandelt er sich in einen Heiligen, denn durch seine Läuterung wirft er alle menschlichen Eitelkeiten und Konditionierungen ab. Dann ist er weder ein Muslim, noch ein Christ, noch ein Hindu, noch ein Buddhist. Er ist im Einklang mit seiner Existenz, so wie auch jedes Tier mit sich im Einklang ist. Alle philosophischen Konzepte fallen von ihm ab und er verliert seine Meinungen über die Welt. Er lebt nicht mehr in seinen Gedanken: Er ist.

Das ist die Bedeutung des Wollgewandes der Sufis: ein unschuldiges Lamm zu sein, das nicht weiß was Gut und was Böse ist. So kann das höchste Gut in ihm aufsteigen. Wie die Sufis aber sagen, benötigt er hierzu ein Vorbild durch das er ein wahrer Mensch wird. Ohne Leitbild, ohne Führer bleibt er ein Tier.

Das Lamm Gottes - ewigeweisheit.de

Das Lamm auf dem Berge Zion, aus einer Illustration der Bamberger Apokalypse, um 1000.

Das Gute, das Normale oder das Böse

Solange man zwischen Gut und Böse unterscheidet, ist man mit sich noch nicht eins. Wo es kein Auswählen mehr gibt da wird gehandelt: nur die Tat zählt! Wer weiß was er zu tun hat, der ist ein wahrer Künstler. Wo man wählt zwischen dem Einen und dem Anderen, da wird man immer dazu geneigt sein etwas zu unterdrücken. Wer entscheiden muss zwischen Gut und Böse, der behält immer auch den bösen Teil in sich, da er ihn kennt und unterdrückt. Doch wie alles was lange unterdrückt wird, wird sich auch das unterdrückte Böse irgendwann durchsetzen und rächen. Sobald das geschieht, verliert ein Mensch seinen Verstand.

Unsere heutige Zivilisation scheint sich schon ziemlich nah an einem Abgrund des Wahnsinns zu befinden. Das sieht man vorallem in den großen Städten. Dort "lauern" überall Reklametafeln auf denen Menschen mit verzerrten Gesichtern zu sehen sind, die erschrecken oder die verführen wollen. Wer daran keinen Anstoß nimmt, so jemanden nennt die Masse einen "normalen Menschen". Doch manche dieser "normalen Menschen" scheinen nicht weit davon entfernt, bald den Verstand zu verlieren. Der Unterschied zwischen dem Leser (und auch Verfasser) dieses Textes und einem Wahnsinnigen ist nicht qualitativ, sondern quantitativ. Das heißt: der Normale unterscheidet sich vom Verrückten nur dem Grade nach. Der Irre hat die Grenze bereits überschritten, während sich der "Normale" ganz nahe an der Grenze zur Verrücktheit befindet. Jeden Moment aber kann sich etwas ereignen, dass einen normalen Menschen zu einem Psychopathen, zu einem Ver-rückten macht. Irgendetwas Unerwartetes – ein Unfall, ein Todesfall, eine Entlassung oder eine Trennung von einem geliebten Menschen, kann dazu beitragen das sich plötzlich alles drastisch verändert. Normalität ist trügerisch!

Wenn Sie sich einmal umschauen: sehen Sie, was um sie passiert? Sehen Sie vor allem aber was dabei in Ihrem Inneren vor sich geht? Da sind unzählige Dinge im Leben in die sie sich verstrickt haben. Dinge die sie gerne bearbeitet hätten, um sie endlich zu vergessen. Es ist eben sehr angsteinflößend und unheimlich, doch es ist da - egal ob Sie es wollen oder nicht. Was Sie unterdrücken wird stärker und wächst in Ihnen heran, zu etwas noch viel unangenehmerem. Seine Schlagkraft wächst ständig, so dass der Wahn jeden Augenblick in Ihnen zum Ausbruch kommen kann. Der Glaube man sei ganz und gar ein normaler Bürger, ist doch ein Hinweis darauf, dass man sich wirklich am Abgrund des eigenen Selbstbewusstseins befindet. Jedes noch so kleine Ereignis kann eine Verwirrung auslösen. Sobald die vermeintliche Normalität im Lebens einen Schock erfährt kippt der Schalter.

Wer sich also für die "Freiheit der Wahl" als Lebensmotto entscheidet, der muss bestimmte Dinge im Leben wollen und andere Dinge im Leben verdrängen – eben all das, was er nicht in seinem Leben haben möchte. Und davon gibt es doch unendlich viel – nicht wahr? Ein unschuldiges Lämmlein aber entscheidet nicht. Vielleicht weigert es sich, doch was auch immer sein mag: für das Tier ist es so wie es ist. Es nimmt das Leben so wie es kommt, ohne sich zu fragen was es eher und was es weniger will. Auszuwählen zwischen Gut und Böse ist dem Tier gänzlich fremd. So sollte auch ein Sufi sein: er muss sich nicht entscheiden. Er kennt keinen "Plan-B", sondern ist sich vollbewusst ohne entscheiden zu müssen was besser für ihn ist. Was auch immer kommen mag, er wird es als eine Gabe Gottes akzeptieren. Er vertraut nicht seinem Verstand, sondern dem universalen Geist der in seinem Herzen gegenwärtig ist. Das bringt ihm inneren Frieden und Freiheit. Wie ein Tier zu werden ist darum keine Enteignung gegen die menschliche Würde. Im Gegensatz zum Menschen, ordnet sich das Tier der Natur unter.

Wegen seiner Freiheit der Wahl ist der Mensch in seinem Denken künstlich und formbar. Ständig muss er sich entscheiden, wie er auf äußere Eindrücke reagieren soll. Wahnhaft versucht er diese Eigenschaft auch auf Tiere zu übertragen. Die Zuschauer im Zirkus klatschen Beifall wenn ein Löwe durch einen Feuerreifen springt. Dieser Beifall gilt aber nicht etwa dem Löwen, sondern dem Dresseur. Gleicht das nicht einem großen Schwindel? Wie sehr gleichen doch die meisten Menschen den armen Tieren im Zirkus. Schlimmer noch: Sie wissen ja das Zirkus das lateinische Wort für den Kreis ist – die geometrische Form, entlang sich auch die Insassen eines Gefängnisses bewegen. So drehen wir, mehr oder weniger, alle unsere Kreise, in den von uns selbst geschaffenen Eingrenzungen, die aus all den verhärteten Meinungen und Ansichten gemauert sind.

Die Runde der Gefangenen - ewigeweisheit.de

Die Runde der Gefangenen - Gemälde von Vincent van Gogh (1853–1890).

Wir alle tragen unsere individuellen Masken: das ist unsere Persönlichkeit (lat. persona: die Maske). Selbst Liebende verstecken sich in ihren Rolle hinter einer Maske. Vor Gott aber fallen alle Masken. Aller Schwindel hat vor Gott ein Ende. In dieser urtümlichen Unschuld, die hier bereits ausführlich beschrieben wurde, kommen wir Gott näher.

Auch die Religionen bieten den sogenannten Gläubigen allerhand Maskerade, worin sie sich hüllen und womit sie sich von anderen Religionsangehörigen unterscheiden sollen. Ist der Glaube an Gott dann aber nicht viel mehr als nur eine Vermutung? Muss jemand der wirklich gläubig ist einem anderen Menschen vorgeben dass er an Gott glaubt, nur indem er besondere Verhaltensweisen simuliert? Selbst wenn er sich in das Kostüm eines Muslims, eines Juden oder eines Buddhisten wirft, steht er in seinem Glauben und Unglauben vor Gott als nackter Mensch. Doch er meint dies und das zu wissen, sagt zu seinen "Glaubensbrüdern" das eine, zu vermeintlichen "Ungläubigen" was anderes. Er ist im ewigen Widerstreit zwischen dem was er glaubt und dem was man ihm aufgibt glauben zu müssen. Daher die Misere – man ist geteilt und die maskierten Teile der Persönlichkeit gehen in verschiedene Richtungen. Der eine sucht das Gute, der andere wendet sich ab vom Bösen. Leider ist aber manchmal das Gute das Böse der einen und ein andermal das Böse das Gute der anderen. So sind wir dies und das und doch niemand. Ist da nicht ein Tier gesegnet, da es eben nicht unterscheidet!? Ein Tier das in der Natur lebt, sehnt sich nicht nach einem großes Haus in dem es leben kann, braucht keinen Fernseher, kein Smartphone, keine teuren Kleider. Es besitzt einfach garnichts - doch ist dabei voller Frieden und Freude.

Wie das Tier also ist der wahre Sufi jemand der nicht auszuwählen braucht. Wer auswählen muss, wer abwägen muss zwischen diesem und jenem, der täuscht sich über sein wahres Selbst hinweg. Alles wogegen man sich entscheidet, alles was man ablehnt gewinnt an Bedeutung. Der Teufel hat sich dem Höchsten verweigert und wurde vom Himmel gestürzt – so die Bibellegende. Er "fiel zu tiefster Grube" (Jesaja 14:15), war ein Deprimierter und Herabgesetzter. So ist es auch mit den Dingen die wir aus unserem Leben verdrängen: sie gewinnen an Bedeutung je stärker wir sie unterdrücken. Zwar kann der Heuchler eine Zeitlang seine Maske aufbehalten, doch wie uns das Leben zeigt, müssen irgendwann auch die schönsten Masken abgelegt werden.

Es geht darum, so wie das unschuldige Lamm, ein ganz einfaches Leben zu führen, ohne unbedingt wissen zu müssen, was gut und was böse ist. Der Sufi versucht nur zu erfahren was Gott ist. Er handelt nicht um seiner selbst willen. Was immer passieren mag: das Schicksal wird als Gabe Gottes akzeptiert.

Safā: Die Reinheit

Andere wollen das Wort Sufi vom arabischen Al-Safā الصفا ableiten: die Reinheit. Das meint nicht unbedingt eine äußere Reinheit. Vielmehr ist die Reinheit des Herzens gemeint. Wenn man ein Leben lebt, ohne auswählen zu müssen zwischen Passendem und Unpassendem, zwischen Gutem und Bösem, kann die Seele sich auf natürliche Weise selbst reinigen und befreien von allen Ängsten, Hass und Furcht. Wenn hier aber von Reinheit die Rede ist, meint das nicht das moralisch Gute. Es ist ein Hinweis auf göttliche Reinheit. Reinheit bedeutet in diesem Zusammenhang ein Übersteigen aller Vorurteile oder Vorstellungen. Es geht um Transzendenz. Es geht um eine Reinheit, die nur von jemandem erfahren wird der ein tiefes Vertrauen in sein Leben hat. So erübrigen sich bestimmte Überzeugungen und Standpunkte.
Solange für Meinungen und Ansichten Platz in unserem Denken ist, erzeugen sie Unreinheit - so die Lehre der Sufis. Zuweilen schaden uns unsere Meinungen. Wenn wir sie äußern verletzen sie manchmal sogar andere. Zuviele Ansichten und Vorstellungen beschmutzen unsere Gedanken. Wie soll sich damit ein Sufi ein Bild von Gott machen können? Er versucht eher zu vermeiden, viele Ansichten zu sammeln über sich, die Welt und seine Mitmenschen. Er versucht sich nicht in seinen Gedanken Gott und die Engel auszumalen. Nur so bleibt er ein Mensch der tatsächlich in der Realität lebt. Der Sufi weiß dass da nicht einer irgendwo auf dem Thron im Himmel auf uns niederschaut. Nein – er weiß vom hier und jetzt und dass Gott überall zur gleichen Zeit ist, in allen Facetten, Formen, Farben und Erscheinungen, als liebender, zorniger, heilender, strafender, zeugender, tötender Gott – doch gleichzeitig ist Gott nichts von alledem! Wie um Himmels Willen soll man sich Gott dann vorstellen? Welche Ansichten soll man darüber sammeln? Und wenn in jedem von uns die Flamme Gottes flackert: gilt das Selbe dann nicht auch für jeden Menschen? Mit den Augen sehen wir ja nur die Körper unserer Mitmenschen. Sie tragen ihre persönliche Geschichte. Davon bleibt der "göttliche Funke" in ihnen jedoch unberührt, da er unsterblich ist. Doch diesen göttlichen Funken in unseren Mitmenschen zu suchen und zu erkennen: das ist das Ziel. In diesem reinen Seelenlicht erkennen wir nämlich, was der Name "Allah" bezeichnet: die Gesamtheit aller Existenz.

Ich sah meinen Herrn mit dem Auge des Herzens und sagte: Wer bist du? Er antwortete: Du.

- Mansur Al-Halladsch

Mit dem Begriff "Reinheit" sollte man vorsichtig sein. Wenn man das Wort "Sufi" nun tatsächlich von "Safā", Reinheit, ableiten will, dann meint das nicht einen Sufi, der ein Menschen mit einem "gutem Charakter" ist oder ein Frommer, der die zehn Gebote erfüllt. Ebensowenig steht das Wort "Safā" für jemanden, der eine hohe Stellung in der Gesellschaft hat. In Wirklichkeit ist ein Sufi das blanke Gegenteil von alle dem. Sufis waren immer Menschen die man der Respektlosigkeit bezichtigte. Bis heute werden sie darum verfolgt, denn mit ihren universellen Sichtweisen stießen sie Menschen immer wieder vor den Kopf. Sufis machen durch ihre Art andere auf ihre Fehler aufmerksam. Sie entblössen all die Künsteleien der Heuchler. Sie demaskieren und drängen die Leute ihre Masken abzulegen und ein wahrer Mensch zu werden. Damit bleiben die Sufis den Obersten der Gesellschaften immer ein Dorn im Auge.

Einer fragte einmal den Sufi Mansur Al-Halladsch: 'Was ist die letztendliche Erfahrung zu der ein Sufi gelangt?' Darauf antwortete er: 'Komm morgen wieder! Morgen wirst Du der letztendlichen Sufi-Erfahrung gewahr.' Da aber weder der Frager noch einer seiner Begleiter wussten, was morgen geschehen wird, fragte der Mann erneut: 'Wieso nicht heute?' worauf Al-Halladsch antwortete: 'Du musst einfach nur warten. Es wird sich morgen ereignen – das was man das Endziel des Sufismus nennt.' Am nächsten Tag wurde Al-Halladsch gekreuzigt – und dort am Kreuz hängend schrie er laut für seinen Freund der ihm gestern die Frage stellte: 'Wo bist Du, der Du Dich in der Menge versteckst? Los komm her und schau was das Endziel der Sufis ist: das hier! Das hier!'

Al-Halladsch (auch: Al-Hallaj, persischer Sufi, 857-922) wurde die Behauptung "Ana al-haqq", "Ich bin die Wahrheit", zum Verhängnis, da Al-haqq einer der 99 Namen Allahs ist. Im Sinne der Sufi-Tradition könnte diese Behauptung aber als die Eins-Werdung mit Gott interpretiert werden. Doch in der Gesellschaft scheint die Wahrheit unakzeptabel zu sein. Sie ist eben von Scheinheiligkeit und Heuchelei durchdrungen, ist eine Scheinwahrheit. Muss die Wahrheit also erst gekreuzigt werden, bevor man sie als solche erkennt?

Mit all dem Gesagten scheint ein wahrhaft Gottliebender für die Gesellschaft inakzeptabel zu sein. Die Kirche als Institution und ihre Oberhäupter zu lieben geht anscheinend immer in Ordnung. Wer in seiner Gemeinde aber laut äußert dass er Jesus Christus oder Gott liebt, der wird um sich die Augen rollen sehen. Wer sogar wagt zu behaupten er stünde mit Gott in Verbindung oder höre die Stimme Gottes zu sich sprechen, den wird man schnell in die "Obhut" eines Psychiaters geben.

Einst betete der Sufi Abu Yazid. Man sagt damals hätte Gott zu ihm gesprochen: 'nun bist Du Yazid einer meiner Auserwählten. Soll ich es in der Welt verkünden?' Abu Yazid musste lachen und sagte, 'Ja das kannst Du – wenn Du mich am Kreuz hängen sehen willst, verkünde!'

Safā, das „rein sein“ – ist eine Reinheit die besagt, dass der Geist bar jeden Inhalts ist, frei von Konzepten, frei von Gedanken, bar jeder Vernunft. Das ist ein Zustand absoluten Verstehens – was man im Zen das "Satori" nennt.

Die Hinrichtung von Mansur Al-Halladsch - ewigeweisheit.de

Die Hinrichtung des Sufis Mansur Al-Halladsch. Miniatur eines unbekannten Künstlers, um 1600.

Ziel des Sufismus

Zwar haben die Sufis immer ihre Schwierigkeiten mit den Oberhäuptern der verschiedenen Religionen gehabt. Doch durch ihr Streben, Gott in allem zu erkennen, war es für sie auch sehr leicht auch die Wahrheiten in anderen Traditonen zu sehen. Nur so konnten sie sich zwischen den spirituellen Traditionen bewegen und den Kern aller Religionen finden.

Bis heute versuchen die Sufis religiöses Gedankengut aus Ost und West zu verbinden. Man kann nicht von einer direkten Absicht sprechen, da Sufis niemanden durch bestimmte Glaubensvorstellungen oder Dogmas überzeugen wollen. Eher ist es ihr Wunsch den wahren Kern aller spirituellen Traditionen als gemeinsame Einheit in allen Religionen zu finden und mit ihren Lehren zu verschmelzen. Sicher tragen viele Sufis zu diesem Vorgang ganz unbewusst bei. Doch es waren die Sufis, die die Berührungspunkte zwischen den Weisheitslehren fanden und dieses Wissen, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, in Rede und Schrift mit ihren Mitmenschen teilten.

Nur das gegenseitige Verstehen ermöglicht eine Rückkehr zum wahren Ursprung aller Religionen. Diese ursprüngliche Einheit zu finden und zu beweisen, war und ist Ziel des Sufitums. Bis dieses Ziel erreicht ist werden sich aber noch viele Sufis als Nomaden Gottes auf diesem Planeten auf den Weg machen - im Austausch mit anderen, auf der Suche nach Wahrheit.

Weiterlesen ...

Liegt der Ursprung der indoeuropäischen Kultur in der Arktis?

von Johan von Kirschner

Seit Anfang des 20. Jhd. wird eine Theorie verfochten, die die ursprüngliche Heimat der Kulturvölker der nördlichen Erdhalbkugel in der Arktis sucht. Von dort sollen einst die Indoeuropäer zuerst nach Nordeuropa und Sibirien gekommen sein. Dieser Eindruck erhärtet sich beim Studium der indischen Veden und des persischen Avesta.

Denn in diesen Schriften der alten Inder und Iraner, verdichten sich viele Hinweise zu einem Gesamtbild, dass auf einen arktischen Ursprung der Indoeuropäer und Arier hindeutet.

Wenn eine polare Zivilisation wirklich existierte, konnte sie dort nicht bis heute bleiben. Denn infolge der großen Flut am Ende der letzten Eiszeit, wurden die arktischen Schelfgebiete überschwemmt. Die Ur-Indoeuropäer müssen deshalb ihre arktische Heimat verlassen haben. Was von dieser Zivilisation der Urzeit blieb, davon sind uns in den polaren Randgebiete Spuren erhalten, die man in Island, Grönland, Grinell-Land (Nordkanada), der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen und in den nordsibirischen Regionen Russlands findet.

Einst gab es in dieser Region eine reiche Vegetation, die von Nadel- und Laubhölzern dominiert wurde. Das sich diese Pflanzen einst auch weiter nördlich, in der Polarregion befunden haben, ist darum nicht auszuschließen. Sehr wahrscheinlich waren vor der letzten Eiszeit, dort große Landflächen nicht von Meerwasser bedeckt und stattdessen dicht bewaldet. Da sich die Polachse der Erde aber in den vergangenen Millionen Jahren mehrmals verschoben hat, waren die Schelfgebiete der Polarregion während der Eiszeiten immer wieder trocken und bewaldet. Vor diesem Hintergrund verdichten sich die Hinweise, dass nicht allein Flora und Fauna in der Nähe des Nordpols gediehen, sondern dort auch eine altsteinzeitliche Menschheitskultur gelebt haben könnte. Denn wo Wald und Tierreich existierten, dort können Menschen leben.

Ewiges Eis

Wer die ältesten schriftlichen Quellen vorchristlicher Nordkulturen studiert – wie sie dann später im Mittelalter in den älteren und jüngeren Edda-Handschriften niedergelegt wurden – stößt immer wieder auf Andeutungen eines ewigen Winters:

Es steigt das Meer im Sturme zum Himmel,
die Länder verschlingt es, die Luft wird eisig;
Schneemassen bringt der schneidende Wind,
doch den Regen hemmt der Rad des Schicksals

- Aus dem Hyndlalied

Wer lebt von den Menschen,
wenn der mächtige Winter
auf Erden enden wird?

- Aus dem Vafprudnir

Ein Winter ohne einen Sommer dazwischen: Davon scheint auch das persisch-iranische Avesta zu künden. Ahura Mazda, der »lichtvolle Herr der Weisheit«, erklärt seinem Propheten Zarathustra die Erschaffung des Mutterlandes der Arier: Airyana Vaejah (= Samen der Arier). Das war das Paradies im heiligen Buch Avesta: das »Weite Land der Arier«.

Ahura Mazda - ewigeweisheit.de

Ahura Mazda verkörpert die schöpferische Macht des Lichts

Widersacher Ahura Mazdas ist Ahriman, der das Unheil über die Arier sendet. Diese polaren Widersacher entsprechen im indischen Rigveda dem alten Gott Indra, der im ewigen Streit mit Vritra kämpft. Vritra, auch als »Ahi« (etymologisch verwandt mit Ahriman) bekannt, ist ein vedischer Schlangendämon, ein Asura, und Feind der Götter und der Menschen. Doch der starke Himmelsgott Indra bekämpft und besiegt ihn immer wieder. Im nordischen Mythos der alten Germanen bildet dieses Paar der blitzwerfende Gott Thor der die finstere Midgardschlange Jörmungandr erledigt.

Es sprach Ahura Mazda zu dem Spitama Zarathustra: Als den erstbesten der Orte und Stätten schuf Ich, der Ahura Mazda, das arische Vaejah der guten Daitya (= Gesetz); aber ihm Vaejah schuf als Landplage der vielverderbliche Ahriman die rötliche Schlange und den daeva-geschaffenen Winter. Dort gibt es zehn Wintermonate, nur zwei Sommermonate, und auch die sind zu kalt für das Wasser, zu kalt für die Erde, zu kalt für die Pflanze; und die ist des Winters Mitte und es ist des Winters Herz; dann wenn der Winter zu Ende geht, dann gibt es sehr viele Überschwemmungen.

- Avesta-Vendidad 1:1-3

In diesen Avesta-Versen ist also die Rede von zehn Wintermonaten, was ja keinesfalls für die spätere Geographie der zoroastrischen Religion Irans zutreffen kann.

Da sprach Ahura Mazda: Es sind ewige und vergängliche Leuchten. Ein Mal nur im Jahr sieht man untergehen und aufgehen Sterne und Mond und Sonne. Und die Bewohner halten für einen Tag, was ein Jahr ist. […]

- Avesta-Vendidad 2:40-41

Aus so einer Beobachtung ergibt sich nur eine einzige Möglichkeit zur Bestimmung des Ortes: das arktische Gebiet. Denn in diesen beiden Avesta-Zitaten wird zum einen hingewiesen auf die Beziehung zwischen Schlange und Winter – andererseits meint der jährlich einmalige Aufgang der Gestirne ganz klar die Polarregion, wo die Sonne im Sommer monatelang zu sehen ist – ohne unterzugehen. Die Winterschlange verschluckt also die Sonne und ist damit das Gegenbild zum Sommerlicht. Beide Symbole stehen für die sechsmonatige polare Nacht und den ebenso langen polaren Tag.

Ein Jahr der Sterblichen ist ein Tag und eine Nacht der Götter, oder der Regierer des Ganzen die um den Nordpol sitzen und ihre Zeit-Einteilung ist folgende: ihr Tag ist der nördliche und ihre Nacht der südliche Sonnenlauf.

- Gesetzbuch des Manu 1:67

Der Polarstern: Symbol des höchsten Gottes

Der Norden ist die heilige Richtung, nach der sich die nordischen und polaren Völker orientieren. Für sie dort der Sitz der Götter. Dort ist der Drehpunkt der Weltordnung, die Himmelsrichtung der unergründlichen Ewigkeit. Dieser Drehpunkt ist der Polarstern, der in der altnordischen Sprache Leidarstjarna genannt wird – der Leitstern (vergl. englisch »loadstar«). Das altnordische Wort leid heißt »Weg«, womit der Polarstern also auch ein »Wegstern« ist. Er ist ja tatsächlich Wegweiser auf hoher See, der dem Steuermann die Fahrtrichtung zeigt. Im Dänischen heißt er darum auch Schiffstern. Durch die Orientierung an diesem Stern konnten die alten Navigatoren ihre Schiffe über den Ozean steuern.

Auch bei anderen Völkern der nördlichen Hemisphäre, hat der Polarstern eine besondere Bedeutung. Die Pawnee Nebraskas (USA) nennen ihn den Stern der sich nicht bewegt. Er ist für sie der Hauptstern des Himmels. Die Azteken Mexikos hielten den Polarstern für ein höheres Wesen, das für sie mächtiger war als die Sonne. Doch auch die Babylonier sahen im Polarstern ein Symbol für den höchsten Himmelsgott Anu, dessen Thron im astralen Licht des Himmelspols erstrahlt.

Im schamanischen Glauben der Tschuktschen (nordöstliches Sibirien) verkörpert der Polarstern den höchsten Gott: Iluk-enger, »der unbewegliche Stern«. Sie nennen ihn auch »Nagelstern«, manchmal »Stern des getriebenen Pfostens«. Ihm weisen sie eine zentrale Rolle unter allen Sternen zu, da sich um ihn alle anderen Sterne und Planeten drehen, wie Pferde oder Renntiere die an einen Mast gebunden sind.

Durch die Rauchöffnung einer Jurte kann man über der Feuerstelle in der Mitte den Polarstern nachts immer sehen. Die tschuktschenischen Schamenen können durch diese Öffnung in die höheren Gefilde des Himmels reisen. Der Nordpolarstern ist für sie aus einer eisartigen Substanz geformt, durch die das Licht eines kosmischen Leuchtturms strahlt.

Die Samojeden von Turuchansk (knapp unterhalb des Polarkreises), ein weiteres schamanistisch geprägtes Volk des russischen Nordens, nennen, wie auch die Tschuktschen, den Polarstern »Himmelsnagel um den sich die ganze Welt dreht«. Ähnlich den Tschuktschen, nennen die Isländer in ihrer Volkspoesie den Polarstern »Weltnagel« veraldarnagli. Im Finnischen ist er »Die Angel des Himmels« taivaan sarana, »Nagel des Himmelsgrundes« pohja nael oder auch »Nagel des Nordens« pohi nael. In Lappland ist es ebenfalls ein »Nordnagel« bohinavlle: wenn dieser loslässt, stürzt der Himmel herab. Das soll sich am jüngsten Tag ereignen. Das glaubten auch die alten Kelten.

Dort wo sich dieser Weltnagel befindet, dort ist die Spitze des »Weltenbaumes«, das obere Ende, der nach Norden geneigten »Weltensäule«. Dieser Himmelsnagel befestigt die Spitze des Weltenbaumes, der das heilige Symbol des »Weltenmannes« ist. Von einem Weltenmann oder Weltmenschen, ist auch bei den russischen Lappen die Rede, die den Polarstern auch als »Himmelssäule« alme-tsuolda bezeichnen; das Wort alme ist identisch mit olma, dem Namen des obersten Gottes, veralden olma.

Das der Polarstern das Ende eines Pfahls, die Spitze eines Baumpfahls, eines Turmes oder einer Säule ist, darauf verweisen auch älteste Darstellungen der Windrose, die die Nordrichtung auf dem Kompass anzeigt. Auf alten Kompassen zeigt die Nordrichtung eine stilisierte Schwertlilie an. Sie galt bereits im jungsteinzeitlichen Norden als Symbol des Lebensbaumes. Wie das Dreiblatt wurde mit ihr die süd-nördliche Himmelsachse angedeutet – das was für die indigenen Nordvölker eben der Himmelspfahl ist.

Auf diesem Pfahl des Weltenbaumes, der Himmelsachse, darauf finden wir auch einen Hinweis im indischen Rigveda:

Zu Indra treibe ich die Loblieder, die wie Gewässer in rastlosem Strome aus der Tiefe des Ozeans fließen, der mit Kunst Himmel und Erde wie die Räder durch die Achse auseinandergestemmt hat.

- Rigveda 10:89:4

Dieses Gleichnis gibt einen unmittelbaren Hinweis auf das im arktischen Nachthimmel erlebte Bild. Als die Vorfahren der Indoeuropäer innerhalb des arktischen Kreises lebten – dessen Zenit der Himmelspol ist – sahen sie, wie sich sämtliche Sterne in waagrechten Kreisbahnen um sie herum drehen. Mit der Wintersonnenwende begann die 60-tägige arktische Dämmerung, bis sich die Sonne zur Frühlingstagundnachtgleiche über den Horizont erhob. Auch heute noch ist im arktischen Gebiet, zwischen den Tagundnachtgleichen im Frühling und im Herbst, die Sonne täglich 24 Stunden lang sichtbar. Dabei durchwandert sie den gesamten Horizont rings um den Beobachter. Am arktischen Mittag befindet sich die Sonne dann auf ihrem Hochpunkt im Süden. Nach der Herbsttagundnachtgleiche beginnt die halbjährige Nacht. Jetzt verschwindet die Sonne unter dem Horizont, bis sie nach drei Monaten, in der arktischen Mitternacht, ihren Tiefstand am nördlichen Horizont erreicht hat, um dann wieder zu steigen.
So dauert im nördlichen Polargebiet der Tag also sechs Monate und ebenso lange auch die Nacht, so dass das arktische Jahr ein Tag und eine Nacht ist. Dieses Bild kann eben nur im arktischen Polarkreis beobachtet werden.

Land der Fremden aus dem Norden

Von Mund zu Mund, von Generation zu Generation, zog die Erinnerung an das gewaltige Erlebnis des arktischen Jahrestages, mit den Ariern in den fernen Süden und nach Osten – bis sie im Iran und in Indien ihre neue Heimat fanden.

In Namen »Arier« steckt das indoeuropäische Wort heljos, »anderer«, das im Griechischen allos, im Lateinischen alius und bei den alten Goten aljis hieß. Auch das englische Wort »Alien« ist damit verwandt. Nicht zufällig bezeichnet der Landesname Iran, die Abkürzung des mittelpersischen Namens »Eran Sahr« – auf deutsch: Land der Arier.

Wohl nicht zufällig war für die arischen Inder der Norden die heilige Richtung. Es war der Weg der Sonne: der Brahmanweg. Durch die Sonnenpforte ging man über diesen Weg in die Götterwelt ein (vergl. oben erwähntes altnordisches Wort »leid« für »Weg«, das in »leidarsternja«, Leitstern, Polarstern, verwendet wird). Dazu heißt es in den indischen Upanischaden:

[…] der Weg der zu Brahman (führt), die Öffnung der Pforte, und durch sie wird man ans jenseitige Ufer dieser Finsternis gelangen, denn in ihm sind alle 'Wünsche beschlossen […] seines Zweckes teilhaftig geworden, zog er den Nordweg der Sonne […] dorthin führt nur der Brahmanweg, und nachdem er durch die Sonnenpforte eingedrungen, stieg er weiter empor. […]

- Maitraiyana-Upanishad 6:30

Diese Zeilen erinnern an die oben beschriebene Pforte der tschuktschenischen Schamanen: durch die Zeltöffnung in der Mitte des Jurtendachs gelangen sie in die Gefilde der universalen Weltseele (Brahman).

Arktische Totenriten

Wie gesagt, besteht das arktische Jahr aus einem Tag, in dem die Sonne ihren Lauf nordwärts nimmt – und einer Nacht, während sie sich südwärts bewegt.

Jedes Jahr beginnt das Sonnenlicht nach der Sommersonnenwende zu »altern«, nach der Herbsttagundnachtgleiche zu sterben und nach der Wintersonnenwende sich wieder auf ein neues Leben zuzubewegen, um schließlich nach dem Frühlingsanfang wiedergeboren zu werden. Und mit diesem Licht kehrt auch alles irdische Leben wieder. Daher glaubten die Alten, auch ihre Toten diesem neuen Licht aussetzen zu müssen, damit sie sich in diesem Licht auflösen, um wiedergeboren zu werden. Der Tote wurde im Freien der Sonne übergeben. Er sollte das Sonnenlicht »erblicken« können, weshalb man in der nacheiszeitlichen Megalithperiode, alle Gräber auf die Aufgangs- und Untergangspunkte der Wintersonnenwende ausrichtete. Das Licht der Auferstehung sollte den Toten treffen.

Die Toten, die in der Zeit vor der Wintersonnenwende gestorben waren, wurden nur vorläufig beerdigt, da die Sonne in der Arktisregion zu dieser Zeit, ja noch nicht da war. Dieser alte, arische Totenkult wurde später in die Religion der Zoroastrier und Parsen übernommen. Darum beschreit es das Avesta als schwere Sünde, den Leichnam ein halbes Jahr lang in die Erde einzugraben und ihn dort zu belassen, ohne ihn dem Sonnenlicht auszusetzen.

Wenn man hier in die Erde eingräbt […] tote Menschen, ein halbes Jahr lang, ohne sie wieder auszugraben, was ist die Strafe dafür? Da sagte Ahura Mazda: Man bestimme 500 Hiebe mit der Pferdepeitsche, 500 mit dem Zuchtriemen.

- Avesta-Vendidad 3:36

In diesem Vers taucht wieder die Frist des halben Jahres auf: Hinweis auf die arktische Winternacht. Was wir aus Vendidad 2:40-41 oben zitiert haben, beschreibt nicht den persischen Winter, denn im Iran blieb die Sonne im Winter ja sichtbar.

Wenn ein Mensch stirbt an einem Regen- oder Schnee- oder Sturmtag oder bei Einbruch der Dunkelheit, oder wenn sonst ein Tag kommt, da Tiere nicht heraus und Menschen nicht heraus können, wie sollen sie da, die Mazda-Anbeter verfahren? Dort nun sollen sie den leblosen Leib niederlegen auf die Dauer von zwei Tagen oder drei Tagen oder von einem Monat oder bis zur Zeit, wo die Vögel auffliegen, die Pflanzen emporsprießen, die Lachen sich verlaufen, der Wind die Erde ausgetrocknet hat.

- Avesta-Vendidad 8:4,9

Der »Einbruch der Dunkelheit«, kann also bis zu einem Monat oder länger dauern. Erst dann kann der Leichnam rituell bestattet und der Sonne ausgesetzt werden.

bis dass es auf die Leichname geregnet hat, und auf die Leichenstätten geregnet hat und auf die Leichenausscheidungen geregnet hat, und bis die Vögel alles aufgefressen haben

- Avesta-Vendidad 5:14

Daher die Dachma, die alten Türme des Schweigens, die den Zoroastriern als Stätten für oberirdische Himmelsbestattungen dienen. Traditionell wurden die Toten in runde Türme gelegt, wo ihre sterblichen Überreste von Geiern oder Raben, bis auf die Knochen abgefressen wurden (was bis heute noch verbreitet ist). Der Tote wurde also nicht beerdigt, sondern aufgebahrt, dem Licht ausgesetzt und so der natürlichen Auflösung anheimgegeben. Das ist aber auch die Bestattungsform, die seit der Urzeit in der arktischen Region ausgeübt wurde. Hieraus erklärt sich der Umstand, das der Archäologie so gut wie keine Menschenskelettfunde aus der nordischen Altsteinzeit (Paläolithikum) vorliegen; eine unterirdische Bestattung hätte die Knochen nämlich konserviert.

Man legte die Toten ursprünglich auf eine Holzplattform, die vier Pfosten stützten. Später verwendete man, besonders bei angesehenen Persönlichkeiten, Steine, auf die ein großer Deckstein gelegt war. Das war der Urtypus des Dolmengrabes. Auf dem schräg der Sonne zugeneigten Deckstein wurde der Leichnam aufgebahrt. Diese Sitte, sowie die damit kultsymbolisch verwandte Bestattungsform im Baum, lässt sich nachweisen in Nordeuropa, Nordasien bis nach Nordamerika. Überall auf der nördlichen Hemisphäre finden sich diese Spuren der indoeuropäischen Völkerwanderung. Die atlantisch-nordischen Menschen brachten ihren arktischen Totenritus mit in den Süden.

Mit den Inuit (Eskimos) bilden die indigenen Völker Nordamerikas eine Kultgemeinschaft, die ebenfalls auf diesen arktischen Ursprung zurückgeht. Bei den Dakota (USA) findet man die Sitte, den Toten auf ein Gestell oder einen Baum zu legen. Auch die kanadischen Sekani bestatten ihre Toten in hohen Bäumen. Das selbe gilt für die Irokesen. Bis heute bestatten die Tungusen, Jakuten und andere Turkvölker Nordsibiriens und Asiens, ihre Schamanen in Baumsärgen, die sie auf Gerüste legen oder an Bäume hängen.

Wir haben also gesehen, dass viele verschiedene Völker der nördlichen Halbkugel eine ähnliche Form der Bestattung beibehalten haben, die vielleicht von ihren arktischen Vorfahren stammen.

Das Ende der Eiszeit und die große Flut

Während der letzten Eiszeit sank der Meeresspiegel weltweit. Große Mengen Wassers formten sich allmählich zu Festlandeis riesiger Gletscher. Wahrscheinlich gelangte dieses Eis auf die nordischen Gebirge (insbesondere Norwegen) durch den sogenannten »arktischen Rauch«, einen Nebel, der sich über mehr als 100.000 Jahre lang als Schnee ablagerte. Die dabei geformte skandinavische Eisschicht war damals vermutlich über 3.000 m dick. So wurden den Weltmeeren ganz enorme Wassermengen entzogen. Diese Periode der Weltgeschichte ist bekannt als Würm-Eiszeit. Das war die letzte große Eiszeit auf der Nordhalbkugel. Der Meeresspiegel war damals mehr als 100 m tiefer als heute. Viele Schelfe der kontinentalen Platten trockneten allmählich aus und was heute durch Wasser getrennt ist, war damals miteinander durch Land verbunden.

Am deutlichsten sehen wir das z. B. im Gebiet des heutigen Ärmelkanals, dessen Grund ein Teil des europäischen Festlandssockels bildet. Während der letzten Eiszeit bildete diese Region ein trockengefallenes Schelf zwischen den Seerändern der Britischen Inseln und Westeuropas. England war damals also mit Europa durch Festland verbunden; darum ähneln sich auch die Namen »Britannien« (englisches Großbritannien) und »Bretagne« (französisches Kleinbritannien).
Auch der Name der Meerenge »Bosporus«, zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Türkei, weist darauf hin. Dort war der Meeresspiegel einst sehr viel niedriger gewesen. So kam die Meerenge zu ihrem Namen: »Bosporus« – das griechische Wort für den »Rinderfurt«. Einst führte man an dieser Stelle Vieh von Asien nach Europa.
Auch die Behring-Straße, wo heute die Datumsgrenze verläuft, war während der letzten Eiszeit trockenes Land, worüber Menschen zwischen Ostsibirien (Asien) nach West-Alaska (Nordamerika) wechseln konnten.

Durch das starke Absinken des Meeresspiegels entstanden riesige Trockenflächen in der Arktis. Und mehr Land hat natürlich auch mehr Vegetation. Unter dem wärmenden Einfluss des Golfstroms wurde die Ausbreitung von Pflanzen- und Tierwelt begünstigt. Während die Vereisung Europas zunahm, entstand in den Nordpolarregion, der die Wärme des Golfstroms zufloss, vermutlich ein immer größer werdender Wildreichtum. Gleichzeitig bildete sich um die Polarküsten ein riesiger Eispanzer (Skandinavien), so dass die Menschen die dort waren, dort auch bleiben mussten.

Vor etwa 12.000 Jahren begann dieses Eis dann zu schmelzen – und zwar in verhältnismäßig kurzer Zeit. Das führte verständlicherweise zu Überschwemmungen (Sintflut). Für den Grund dieser Schmelze gibt es verschiedene Theorien. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass ein Polsprung stattfand. Grund für eine solche Veränderung der irdischen Rotationsachse, könnte eine plötzliche Verschiebung der Erdtektonik sein, die entweder durch eine immense Sonnen-Protuberanz oder einen Kometeneinschlag verursacht wurde. In Folge eines Polsprungs verändert sich das Erdklima schlagartig. Für die eiszeitlichen Gletscher bedeutete sowas eine rapide Schmelze, da die Wärme des Sonnenlichts plötzlich in einem anderen Winkel in die Eisregionen des Nordens fiel.

Durch das Schmelzen der Gletscher stieg der Meeresspiegel stark an und riesige, einst trocken liegende Landgebiete in der Arktis (wie auch sonst wo), wurden geflutet. Vermutlich begannen also kleinere Gruppen abzuwandern, um nach neuen Siedlungsgebieten zu suchen. Diese Abwanderung erfolgte wahrscheinlich auf zwei verschiedenen Routen. Eine auf dem Wasserweg an der westeuropäischen Küste nach Süden, so das manche Menschen der arktischen Urkultur vermutlich in Irland und England landeten. Andere Auswanderer kamen wahrscheinlich durch die Meerenge von Gibraltar und begannen im Mittelmeergebiet zu siedeln. Möglich ist, dass eine zweite Route, an den sibirischen Flüssen stromaufwärts führte und dann über Land nach Süden. Diese Migrationsbewegung der arktischen Indogermanen, führte sie bis ins Gebiet der Ganges-Ebene in Nordindien, am südlichen Rand des Himalaya. Diese Wanderbewegung hat mit Sicherheit aber mehrere Jahrtausende gedauert.

Ohne Zweifel brachten die Vorfahren der Indoeuropäer ihre Riten, Gebräuche und ihren Gottesglauben mit in ihre neue Heimat. Es ist darum sehr wahrscheinlich, dass ihre Lehren sich darum vor etwa 4.000 Jahren auch in Indien verbreiteten.

Zwei Widersacher: Sonne und Schlange

Wie oben bereits angedeutet, ist der ewige Kampf zwischen Indra und Vritra das zentrale Thema des Rigveda. Es geht um den Konflikt der Licht- und Finsternismächte. Arktische Vorfahren der Indoeuropäer müssen geglaubt haben, dass dieser Kampf der Licht- und Finsterniskräfte, zwischen den beiden Hälften, oberirdisch und unterirdisch, an der Schnittstelle einer waagrecht halbierten Kugel ausgetragen wurde. Die untere Hemisphäre war das Reich Vritras - der bösen Schlange. Hatte Vritra gesiegt, so verdunkelte sich die obere Welt, was in der Arktis für die Zeit zwischen Herbstanfang und Frühlingsanfang zutrifft. Es ist sechs Monate lang dunkel und Indra ist, der selbst die Sonne repräsentiert, in die Bedeutungslosigkeit abgesunken. So muss das Hinabsinken der Sonne in der arktischen Region, das Zeichen für das Sterben des Sonnengottes gewesen sein. Dieses Sterben des Lichts war auch im Kult der alten Skandinavier, eine Zeit der Trauer. Erst mit der beginnenden Dämmerung nach der Wintersonnenwende, kündigte sich die Rückkehr des Sonnengottes an: die neue Geburt des »Lichts der Welt«.

Das der Rigveda also vielleicht eine uralte Überlieferung aus der arktischen Gegend ist, das lassen uns darin gemachte astronomische Angaben vermuten:

Jene Sternkonstellation, die hoch gestellt des Nachts erschien, sie ist am Tag irgendwohin gegangen. […]

- Rigveda 1:24:10

»irgendwohin gegangen«, das bedeutet: aus dem Sichtfeld verschwunden. »hoch gestellt«, hoch am Nachthimmel also, konnte diese Konstellation, die dem Sternbild Großer Bär (Großer Wagen) entspricht, vor 12.000 Jahren nur in der Polarregion gesehen werden.

Weltenberg Meru

Hier am irdischen Nordpol dachte man sich den heiligen Berg Meru. In den religiösen Abhandlungen über indische Astronomie, dem Surya Siddhanta, heißt es:

Am Berg Meru halten die Götter die Sonne nach einem einzigen Aufgang während der Hälfte ihres Umlaufs, die mit dem Widder (Frühlingsanfang) beginnt; auf die selbe Weise tun es die Dämonen während des Aufgangs der Waage (Herbstanfang).

- Surya Siddhanta 12:67

Indra und Vritra - ewigeweisheit.de

Indra und Vritra - oder: der Kampf der Sonne gegen die Schlange.
Vergrößern +

Das ist ja ganz unzweifelhaft ein Hinweis auf die Sonnenbewegung nördlich des Polarkreises. In dieser Zeit, wenn sich über sechs Monate die Sonne vom Widder (Frühlingstagundnachtgleiche) durch den Tierkreis bis zur Waage (Herbsttagundnachtgleiche) bewegt, ist die Sonne in der Nordpolarregion durchgehend sichtbar und umringt dabei den heiligen Berg Meru. Auch das indische Mahabharata macht Andeutungen:

Am Meru gehen die Sonne und der Mond jeden Tag herum von links nach rechts (= umkreisend) und ebenso alle Sterne […] Der Berg (Meru) überstrahlt durch seinen Glanz so die Finsternis der Nacht, dass die Nacht kaum vom Tage unterschieden werden kann

- Mahabharata 163:37-38, 164:11-13

»kaum vom Tage unterschieden werden kann« meint, dass das Licht der Sonne, des Mondes und der Sterne, den ganzen Tag über strahlt. Lediglich der Abstand vom Horizont variiert - während die Himmelsobjekte weiter sichtbar bleiben.

Das ewige Feuer

Wie wir gezeigt haben gibt es in den indischen Veden und im zoroastrischen Avesta sehr viele Zitate, die hinweisen auf sehr lange Tage, sehr lange Dämmerungen und sehr lange Nächte (die hier verwendete Zitatauswahl ist nur ein Teil eines noch größeren Umfangs wichtiger Zitate, die sich auf diese geografisch-astronomischen Eigenschaften beziehen). Es kann also ziemlich sicher ausgeschlossen werden, dass es sich in diesen Beschreibungen, um einen Ort südlich des Polarkreises handelt.

Als damals die Sonne mit der Herbsttagundnachtgleiche unter dem Horizont, für ein halbes Jahr verschwand, begannen die Hohepriester mit Litaneien und Hymnen, in denen sie an die göttliche Macht die Bitte richteten, der Menschheit das himmlische Licht der Sonne zurückzugeben. Nun ist ja für die subtropischen Regionen Indiens der schnelle Wechsel von Tag und Nacht charakteristisch. Die Dämmerung dauert keine 30 Minuten und schon garnicht Monate lang! Die Nacht bricht jäh herein und ebenso schnell steigt das Tageslicht empor. Wenn nun moderne Altertumsforscher versuchen, diese Litaneien im Rigveda, und die damit verbundenen kultischen Handlungen, in einer einzigen indischen Nacht unterzubringen, erscheint die Realisierung eines solchen Ablaufs schlicht unmöglich! Selbst wenn der Hohepriester der beste Schnellredner der Welt gewesen wäre, hätte er unmöglich alle Hymnen, die als Bitte an Gott für die Wiederkehr der Sonne gerichtet waren, in nur wenigen Stunden rezitieren können. Man muss außerdem wissen, dass diese Hymnenverse auch nur Sinn ergeben, wenn sie als ein Ganzes rezitiert werden.

Jene sich so lange dahinziehende Dämmerung, von der im Rigveda die Rede ist, war später in Indien wahrscheinlich eben nur noch eine Erinnerung an die dunkle Geschichte der alten arktischen Heimat. Der wirkliche Zusammenhang ist wohl über die Jahrtausende ganz verloren gegangen. Die indischen Gelehrten des Altertums, müssen sich also schon sehr, sehr lange bei dem Versuch abgemüht haben, ihr subtropisches Erleben von Tag und Nacht, mit den rätselhaften Überlieferungen des Rigveda in Einklang zu bringen.

Varuna - ewigeweisheit.de

Varuna, der »Erschaffer der Sonne«, war einer der am meisten verehrten indischen Gottheiten frühvedischer Zeit. Er reitet den Drachen: ein Symbol für die Überwindung der Finsterniskräfte (cc).

Ohne Zweifel muss das Empfinden der jährlichen Rückkehr des Lichts, von den arktischen Nordlandmenschen, über viele Jahrtausende zum kosmisch-religiösen Erleben geworden sein. Schließlich dauert die arktische Dämmerung fast zwei Monate, wo der um den gesamten Horizont kreisende Lichtschein der Sonne, ein großes Warten auf ihren lang ersehnten Aufgang bei den Nordmenschen erzeugt haben muss. Sie glaubten, dass in dieser Zeit der Dämmerung, die Sonne aus der Schlinge der Dämonen der Finsternis (Asuras, verkörpert durch die Schlange) befreit wurde. Es könnte gut sein, dass man in den Nordlichtern, wegen ihrer schlingernden Formen, die dämonischen Schlangen Vritras zu sehen glaubte.

Das also war der kultische Zusammenhang jener Bitten der Hohepriester an Varuna: er sollte die Menschen zurück ins Licht führen.

In deinem Gebote wollen wir glücklich sein, da wir dich, Varuna, in guter Absicht gepriesen haben, beim Nahen der rinderreichen Morgenröte wie die Opferfeuer Tag für Tag knistern. […] Das entzündete Feuer ist bei uns entflammt; selbst das Ende der Finsternis ist erschienen. Im Osten hat sich das Banner der Morgenröte, der Himmelstochter, bemerkbar gemacht, das zur Schönheit geboren wird.

- Rigveda 2:28:2, 7:67:2

Die Bezeichnung »rinderreiche Morgenröte« im Rigveda-Vers 2:28:2, weist hin auf die Bogenform des Rinderhorns (oder Stierhorns), das seit Jahrtausenden ein Ideogramm für den Bogen des jährlichen Sonnenlaufs ist. Man denke etwa an die Form des kretischen Labyrinths (Trojaburg), wo dem mythischen Helden Theseus einst der Stiermensch Minotaurus mit seinen Hörnern auflauerte.

Varuna - ewigeweisheit.de

Das kretische Labyrinth.

Das »Nahen der rinderreichen Morgenröte«, dem durch die Opferfeuer gehuldigt wurde, daran mögen auch die nordischen Julfeuer erinnern, die auch heute noch zu Weihnachten auf den Hügeln und Bergen Skandinaviens brennen - zur Wintersonnenwende eben, wenn in der Nordregion das Sonnenlicht beginnt aufzudämmern. Wenn es im Rigveda-Vers 2:28:2 außerdem heißt, dass diese Feuer »Tag für Tag knistern«, erinnert das auch an die Ewige Flamme der Zoroastrier, um die die Anhänger Zarathustras ihre rituellen Gebete verrichten. Interessanterweise ist der Zoroastrismus zudem eine Sternenreligion, worauf die griechische Etymologie des Namen Zoroaster deutet; ein astrothytes ist jemand der den Sternen opfert. Das es einen esoterischen Zusammenhang zwischen Licht, Feuer und Sternen gibt, dass sagt auch die Lichtsure im Koran (Sure 24), wo von einem brennenden Licht in einer Lampe die Rede ist, deren »Glas so rein ist wie ein strahlender Stern«.

Das entflammte Feuer ist Symbol des wiedergeborenen Sonnenlichts. Im Rigveda wird darum der Feuergott Agni auch mit der Sonne gleichgestellt:

Wie der Lenker des Himmels (= Sonne) am Tage durch Menschenalter hindurch, so scheinst du (Agni = Feuer) alle Nächte nacheinander, du Vielbegehrter.[…] zu lange hast du (Agni) im währenden Dunkel gelegen.

- Rigveda 2:2:2, 10:124:1

Das Feuer war den alten Menschen eine heilige Sache. Die Ewige Flamme die noch heute in den zoroastrischen Tempeln im Iran und in Indien, zu Ehren des lichterfüllten Weltschöpfers Ahura Mazda brennt, weist womöglich auf das Feuer hin, das in der dunklen, sechsmonatigen Jahreshälfte, im arktischen Winter des hohen Nordens, in allen Wohnhäusern und Tempeln, ohne zu erlöschen flackerte. So kam im Zoroastrismus der Name Atash Behram zu seiner Bedeutung: das Feuer (Atash) des Sieges (Behram) über die Dunkelheit. Es drängt sich also die Vermutung auf, dass es sich bei dem Feuerkult der Zoroastrier und Parsen, um etwas viel älteres handelt, als von der Religionswissenschaft bisher angenommen.

Vielleicht finden in Zukunft ähnliche Vorstellungen über die Vorgeschichte der Indoeuropäer, auch den Weg in die wissenschaftliche Forschung.

Im Moment bleiben diese Einschätzungen zunächst noch Hypothese. Doch alles was zu diesem Thema in den vergangenen 100 Jahren zusammengetragen wurde, basiert auf geistes- und naturwissenschaftlichen Fakten. Sie könnten in Zukunft sehr wahrscheinlich das Bild über den Ursprung der indoeuropäischen Kultur noch weiter aufhellen.

Weiterlesen ...

Wer war der Prophet Mani?

von Johan von Kirschner

Der Prophet Mani - ewigeweisheit.de

Die Religion der Manichäer beanspruchte für sich, eine abschließende Offenbarung zu sein. Ihr Prophet Mani verkündete in seiner dualistischen Gnosis die Lehre einer kosmischen Koexistenz von Gutem und Bösem. In mythenreicher Sprache verbreitete Mani eine Weisheitslehre, die gleichermaßen von Bedeutung war für Christen, Juden, Zoroastrier und Buddhisten.

Der junge Mani

Wie Buddha oder Christus, so ist Mani der Ehrentitel für einen Menschen, der durch den "Hohen Geist" erleuchtet wurde. Die Person auf die sich dieser Erleuchtungsgeist senkte, hieß nach abendländischen Quellen "Curbicius". Er kam zur Welt am 14. April 216 in der Nähe von Ktesiphon am Tigris (im Reich Babylon, heute Irak), der damaligen Residenz der Perserkönige. Er stammte aus vornehmem Hause. Seine Mutter war von fürstlicher Abkunft (Arsakidin) und bevor sie den Mani zur Welt brachte, offenbarte sich ihr im Traum, die große Bedeutung ihres zukünftigen Sohnes für die Menschheit. Sein Vater Patig (Pattikios) war ein vornehmer Perser aus dem Stamm der Chaskanier, der sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigte. Er war Angehöriger einer gnostischen Täufersekte - den "Elchesaitan". In diesem Umfeld wurde Mani erzogen. Schon im zarten Alter wurde er dort von seinem Vater in die Lehren und Bräuche jener religiösen Gemeinschaft eingeführt. Er sollte sich von einem erst schwächlichen jungen Mann, in den unermüdlichen Apostel einer neuen Erlösungsreligion verwandeln.

Dann trat ich, Mani, in die Glaubensgemeinschaft der Täufer ein, wo man mich großzog. Als mein Leib jung war, wurde ich durch die Kraft der Lichtengel und die so überaus starken Mächte beschützt, die von Jesus beauftragt waren, zu meinem Schutz.

- Aus dem Kölner Mani-Kodex

Es war eine ungemein spirituelle Zeit in die der Mani hineingeboren wurde. Sein Denken wurde in diesem Umfeld schon früh in religiöse Bahnen gelenkt. Schon als Junge soll Mani wie ein Weiser gesprochen haben. Seine religiöse Berufung äußerte sich jedoch in Opposition zur christlichen Theologie, wich vom christlichen Ritus ab. Dennoch bezeichnete sich Mani, als Apostel Christi, denn er räumte Jesus eine hervorragende Rolle ein. Später wandte er sich von den judenchristlichen Gnostikern, bei denen er aufwuchs, ab. Seine eigentliche Sendung erkannte er in zwei Offenbarungen: im Alter von zwölf und 24 Jahren.

Manichäischer Jesus - ewigeweisheit.de

Jesus Christus als manichäischer Prophet. Bildnis aus der Yüen-Dynastie (14. Jhd.). Auf dem Bild kann man den Christus identifizieren, da er ein kleines Goldkreuz in Händen hält.

Die Sendung

Als der Mani zwölf Jahre alt war, teilte ihm ein Engel - der "Taum" (= Gott-Genosse) - eine Botschaft aus dem Lichtreich mit. Er gebot ihm die Gemeinschaft seines Vaters zu verlassen (vergl. Jesus als zwölfjähriger im Tempel, Lukas 2:41f):

Verlasse diesen Kult, denn du bist keiner seiner Anhänger. Dir sind auferlegt Reinheit zu halten und von körperlichen Lüsten Abstand zu nehmen. Noch ist die Zeit aber nicht reif, dass du an die Öffentlichkeit trittst.

In den folgenden 12 Jahren beschäftigte sich Mani mit Philosophie, dem altorientalischen Religionssystem "nach der Tradition der Gelehrten Babylons" und mit den Lehren, der in Südbabylon lebenden Christen. Auch mit den Morallehren des Buddhismus machte er sich in dieser Zeit vertraut. Ferner eignete er sich Sprachkenntnisse an in Persisch, Aramäisch und Griechisch. Als er sein 24. Lebensjahr vollendet hatte, erschien ihm erneut der Taum.

Zu dem Zeitpunkt also, als mein Leib die Vollendung ganz erreicht hatte, flog so gleich jenes höchst wohlgestaltete und machtvolle Spiegelbild meiner Gestalt herab und erschien vor mir [...] 'Friede sei mit dir, o Mani, von mir und vom Herrn (König des Lichtparadieses) der mich zu dir sandte. Er erwählte dich für seine Mission, und gebot dir in deiner Berufung, das Evangelium der Wahrheit zu verkünden, eines aus seiner Gegenwart, und fortzufahren auf dieser Mission mit all deiner Ausdauer.'

An anderer Stelle heißt es:

Nun ist die Zeit für dich gekommen, dich öffentlich kundzutun und laut deine Lehre zu verkünden.

Ausbreitung des Manichäismus

Mani begann sein öffentliches Wirken im damaligen Reich von Belutschistan (Hochland, dass sich heute über den Osten Irans, den Süden Afghanistans und den Südwesten Pakistans ersteckt). Dort gewann er seine ersten Anhänger. Die Mission die er einleitete, stützte sich auf hohe Beziehungen zum Adel und verfügte darum über bedeutende Mittel und besondere Befugnisse.

Manis Hoffnung richtete sich sowohl auf den Westen, wie auf den Osten. Es sollte sich auch tatsächlich erfüllen - wenn auch erst nach seinem Tod - das sich von Fernoast, entlang der Seidenstraße, bis nach Westeuropa, die Religion Manis verbreitete. Mani sollte seine neue Kirche bis an die äußersten Grenzen des einstigen Reiches der alten Perser verbreiten. Solch missionarisches Streben war ein charakteristisches Symptom der ersten Jahrhunderte nach Christus. Auf Grund des inhaltlichen Gewichts seiner Botschaft, versammelte sich rasch eine sehr große Ökumene um Mani. Trotz dass heute kaum ein Mensch davon weiß, erlangte die Religion Manis, wegen der Vielzahl ihrer Anhänger in Europa, Nord-Afrika und Asien, tatsächlich die Bedeutung einer Weltreligion. Viele seiner Jünger lebten in Mesopotamien, Baktrien, Syrien, Ägypten, Karthago, ebenso in Spanien und Südgallien. Die Länder die er selbst bereiste wurden von Mani in seinen "Kephalaia", den "Kapiteln", niedergeschrieben. Die schnelle Ausbreitung dieser Religion stellte aber für die junge christliche Kirche des 4. Jhd. eine ernste Bedrohung dar. So wurde eine Verfolgung der Manichäer durch staatliche Organe geführt und eine Abwehrbewegung eingeleitet. Seit 382 n. Chr. stand im Westen die Todesstrafe für all jene, die sich zum Manichäismus bekannten! Während der islamischen Dynastie der Ummayaden (611-750) hingegen, wurde der Manichäismus in Mesopotamien gedultet und erfreute sich dort sogar einer großen Blüte.

Im 8. Jhd. war die Religion in ganz Zentralasien verbreitet, wie später auch im Reich der Uiguren und in China. 762 wurde unter Bögü Khan der Manichäismus sogar Staatsreligion der Uiguren (heute die größte turksprachige Ethnie in China, im Autonomen Gebiet Xinjiang) und genoss damit Schutz am chinesischen Kaiserhof. Doch ab Mitte des 9. Jhd. wurden die Manichäer auch in China verfolgt, konnten sich dort aber dennoch bis zum 14. Jhd. halten. Erst das Mongolenreich brachte seine endgültige Verdrängung.

Ausbreitung des Manichäismus - ewigeweisheit.de

Schaubild: Ausbreitung des Manichäismus.
Vergrößern +

Eine universale Religion

Bis heute sind die großen missionarischen Erfolge des Manichäismus nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich trug die große Anpassungsfähigkeit der Manichäer, an die lokalen Bräuche und Gegebenheiten in Ost und West, dazu bei, dass sich diese Religion mehr als tausend Jahre erhalten hat. Mani hatte eine religiöse Sprache entwickelt, die ebenso den westlichen wie den östlichen Regionen der damaligen Welt vertraut war. Den Wortschatz seiner Lehre war im Osten dem Buddhismus, im Westen dem Christentum angepasst. Immer aber blieb der charakteristische Gehalt und die religiöse Identität seiner Weisheitslehre erhalten. Trotz dieser eher heterogenen religiösen Elemente, bot der Manichäismus eine innere Einheitlichkeit. Es war eine echte Religion, in deren Zentrum eine kraftvolle Weisheitslehre stand.

Wiederum sprach er zu seinen Jünger, als er in der Mitte der Versammlung saß: Wie die Sonne, der große Erleuchter, wenn sie kommt in ihrem Aufgang, zur Zeit, da sie in die Welt strahlt, ihre Strahlen ausbreitet auf der ganzen Erde [...] die Gerechten, die mir in jedem Lande sind, sind gleich den Strahlen der Sonne.

- Aus den Kephalaia

Von 240 bis 243 n. Chr. unternahm Mani seine erste Missionsreise nach Indien. Doch sein Kontakt mit einigen Repräsentanten der indischen Spiritualität sollte Konsequenzen haben: sowohl für für Indien, wie auch für Mani selbst.

Die letzten Tage Manis

Ardashir (Artaxerxes), der Begründer der Sassaniden-Dynastie, war gestorben. Sein Nachfolger war sein Sohn Shapur I. (Regierungszeit 240–270 n. Chr.). Am Tage seiner Krönung, dem 20. März 242, entschied sich Mani für sein öffentliches Auftreten. Begleitet von seinem Vater Patig, predigte er in seiner Geburtsstadt Ktesiphon, dem zu den Feierlichkeiten, zahlreich erschienenen Volk.

Von Äon zu Äon brachten die Apostel Gottes, unaufhörlich die Weisheit und die Werke in die Welt. So kamen sie in einem Zeitalter in die indischen Lande durch den Apostel namens Buddha; in einem anderen Zeitalter kamen sie ins Land der Perser durch Zarathustra; in einem anderen ins Land des Westens durch Jesus. Danach, in diesem letzten Zeitalter, kam die Offenbarung hernieder und die Prophetie kam durch mich selbst - Mani, den Apostel des wahren Gottes, ins Land von Babylon.

- Aus dem Buch Shapur

Shapur erkannte in Mani den Führer einer neuen Religion. Mani und seinen Predigern räumte Shapur in seinem Reich, offizielle Missionsfreiheit ein. Sie sollten im gesamten Sassanidenreich ihre Lehren verbreiten. Nach dem Tod Shapurs übernahm sein Sohn Hormizd die Nachfolge. Doch kaum ein Jahr später verstarb auch er. Damit fiel der Thron an seinen Bruder Bahram. Der war dem Mani weniger gut gesinnt und veranlasste seine Vorladung in den Königspalast. Im Gegensatz zu der günstigen Begegnung mit Shapur, wurde er sofort nach seiner Ankunft, vom Magier Mobed Karter, unter Anklage gestellt. Er wurde beschuldigt die Anhänger des Zarathustra, durch seine Lehren, ihrer wahren Religion abspenstig zu machen. Auch Bahram war ihm weniger zugeneigt, als einst dessen Vater. Er fuhr ihn an:

Wieso wurde die Offenbarung dir gegeben und nicht uns, die wir die Herren dieses Landes sind?

Mani antwortete:

So ist es Gottes Wille.

Mani verteidigte seine Lehre leidenschaftlich und führte sie auf göttliche Offenbarung zurück. Dem König gegenüber betonte er die Übereinstimmung seiner Lehre mit einer viel älteren, jedoch zeitweilig in Vergessenheit geratenen Wahrheit. Davon war Bahram jedoch wenig beeindruckt. Man verurteilte den Mani, legte ihn in Ketten und warf ihn in einen Kerker, wo er aufrecht an den Wänden in Form des Kreuzes gespannt wurde. Darum sprach sein Jüngerkreis, der ihn in seiner Kerkerhaft besuchte, von einer Ähnlichkeit mit der Passion Jesu. Nach langen schrecklichen Leiden, starb Mani am 26. Februar 277 im Alter von 60 Jahren. Man zerstückelte seinen Körper. Sein Kopf wurde am Haupttor der Stadt Gundeshapur ausgestellt, während man die Reste den Hunden zum Fraß vorwarf.

Es kann nicht abschließend gesagt werden, wieso sich Manis Religion nicht bis zum heutigen Tage erhalten konnte. Vielleicht war sie zu kontemplativ, zu ruhebedürftig, um den Kampf aufzunehmen mit dem Profanen. Sie zielte eben nicht in erster Linie auf die Lösung der weltlichen Schicksale der Menschen.

Wir, die wir zur Rasse der Lichtsöhne gezählt werden, lasst und Mani unsere Blüten schenken. Der geliebte Sohn Jesus Christus, legt dir, Mani, voll Freude die Krone aufs Haupt. Denn sein Bau der geschändet wurde, ihn hast du wieder aufgebaut. Seinen Weg der im Verborgenen war, hast Du wieder beleuchtet. Seine Lehre die verdunkelt war, hast du wieder in die Klarheit gebracht. Seine verborgene Weisheit hast du erklärt.

- Aus einem manichäischen Textfragment

Die Lehre des Manichäismus

An der Spitze der göttlichen Himmels-Hierarchie, steht in der Religion Manis der "König des Lichtparadieses". Von dort kam der Taum, Manis himmlischer Zwilling, von dem er seinen prophetischen Auftrag empfing. Der Zwilling ist in etwa das, was im Christentum der Heilige Geist vermittelt. Im Buddhismus steht dafür der Buddha Maitreya - der in Zukunft kommende, messianische Weltlehrer.

Ab dem Zeitpunkt, da dem Mani der himmlische Zwilling als sein "Licht-Selbst" begegnete, fielen alle Beschränkungen von ihm ab, die einen Normalsterblichen im Leben behindern. Von da an war er als engelhaftes Wesen auf Erden gegenwärtig. Von da an war Mani ein Apostel des Lichts.

Ich, Mani, wurde durch die Kraft der Engel und der heiligen Mächte beschützt, die mit meinem Schutz betraut waren. Sie bereicherten mich durch Visionen und Zeichen, die sie mir zeigten, die nur klein und sehr kurz waren, so wie ich sie ertragen konnte. [...]

- Ausspruch des Mani

Mit der zweiten Offenbarung wurde er zum "Mani hajja", dem "lebendigen Mani", der nun im Stande war sein erlösendes Wissen an seine Mitmenschen weiterzugeben.

In Manis Erlösungslehre verschmolzen verschiedene religiöse Philosophien zu einem neuen Weltbild. Mani bekannte sich offen, zu dem von ihm verbreiteten Synkretismus. Er wurde aus dem Lichtreich von seinem himmlischen Zwilling entsandt, um das Erbe von Buddha, Zarathustra, Jesus Christus und all ihren Vorgängern zu verwirklichen. Mani sah sich als das "Siegel aller gekommenen Propheten" (ein Begriff der im Übrigen auch von den Muslimen für den Propheten Mohammed a. s. beansprucht wird). Er sah die Lehre seiner prophetischen Sendung nicht nur endgültig: Sie war für ihn universal.

von Zeit zu Zeit (sind) Boten Gottes gekommen mit der Weisheit und den frommen Werken.

- Ausspruch des Mani

Früher verkündete Religionen waren, nach Manis Dafürhalten, spätestens nach dem Tode ihrer Meister verderbt. Er sah den Grund dafür im Fehlen direkter, schriftlicher Aufzeichungen, seitens der Religionsstifter. Im Gegensatz zu Zarathustra, Buddha oder Jesus, schrieb Mani seine Lehren nieder. So sicherte er sie vor Umdeutungen seiner Lehre und verfälschenden Zufügungen oder Auslassungen. Damit wurde der Manichäismus als ausgesprochene Buchreligion begründet. Mani verfasste sieben Traktate, die den Kanon des Manichäismus darstellen:

  1. Das lebendige Evangelium,
  2. der Schatz des Lebens,
  3. die Pragmateia (= der Traktat),
  4. die Geheimnisse,
  5. das Buch der Gigangten,
  6. die Briefe (Episteln) und
  7. die Psalmen und Gebete.

Die Lehre des Mani und seiner Missionare war für alle Zuhörer, gleich ob Christen, Zoroastrier oder Buddhisten, unmittelbar zu verstehen. Auch wenn er versuchte seine Lehre den Begriffen anderer Religionen anzupassen, nahm sie davon keinen Schaden.

Auch wenn man den Manichäismus als Teil der gnostischen Bewegung bezeichnen kann, ging es seinem Religionsstifter jedoch darum, die Lehren allen zugänglich zu machen. Damit unterschied sich der Manichäismus von anderen gnostische Sekten, deren Lehren ausschließlich Initiierten vorbehalten waren. So war es für die Manichäer selbstverständlich auch zu missionieren.

Der Prediger muss unablässig in der Welt umherirren, indem er die Lehre predigt und die Menschen in die Wahrheit führt.

- Ausspruch des Mani

Der Manichäismus war ein Seelendienst, der sich, wie andere Religionen auch, auf die Erlösung der Seele verschrieb. Jedoch glaubten die Manichäer, dass durch die Erlösung der Seele, der Gott des Lichtreichs selbst, aus den Widerwärtigkeiten der Finsterniswelt erlöst würde. Jesus Christus war für sie das einzig großartige Bild, für die Verdichtung des göttlichen Lichts, wie es in einem menschlichen Körper in der stofflichen Welt, den Menschen als Erlöser erschien (vergl. Johannes 12:46, "Licht der Welt"). Was der erste Korintherbrief in 15:45 als "lebendige Seele" erwähnt, das galt den Manichäern als das "in der Welt leidende Licht Gottes". Dieses Licht findet sich nicht nur im Menschen. Auch Tiere, Pflanzen und Minerale enthalten es. Der "Essende", so die Manichäer, nimmt deshalb eine große Verantwortung auf sich, da das Licht, das durch die Nahrung aufgenommen wird, ein Teil des göttlichen Lebens ist. Es liegt also nahe, dass die Manichäer besondere Speisegebote befolgen mussten. Natürlich bereiteten solche Auffassungen über Licht und Leben der Wesen, den Grund für Spott und Verachtung, von seitens christlicher Kleriker (Augustin). Sie sagten über die Manichäer, sie glaubten Gott "mit dem Gaumen" finden zu können. Man suchte einfach nach Gründen gegen den Manichäismus vorzugehen.

Mani erklärte alle Erscheinungen des Geistes und alle Ideen, als stoffliche Dinge großer Feinheit. Sie alle waren Teil der "Lichtsubstanz". Die existierende Materie war eine Einmischung der Finsterniskräfte ins Lichtreich. Im Makrokosmos waren die Elemente der Lichtwelt in die geschaffene Welt eingegangen und an ihrem Aufbau beteiligt. Von der himmlischen Welt herab, bis hinunter zum Menschen, leben die Seelenglieder aber in Gefangenschaft, was bestätigt, dass Gott selbst in den Kampf gezogen ist und sich immer wieder selbst, durch die von ihm geschaffenen Wesen, zu erlösen versucht. So eine Vorstellung erfordert das dualistisches Weltbild, wo Gut und Böse nebeneinander existieren.

Die Materie in ihrer Gesamtheit, also auch das, was am Menschen der Stofflichkeit angehört, ist nach Manis Lehre leidenschaftlich, leidvoll und darum ungöttlich. Wie aber bereits angedeutet, trägt nach Manis Lehre der Mensch den göttlichen Funken in sich, als Teilchen des göttlichen Lichts. Diesen Funken kann er zur Flamme entfachen, indem er ein "richtiges Denken" entzündet. Dieses richtige Denken besteht darin, das er Klarheit über sein wahres Wesen gewinnt. Der Mensch muss seine Gespaltenheit zwischen Licht und Finsternis, zwischen göttlichem Geist und "teuflischem" Stoff erkennen. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer das Offenbarungswort hört und auch annimmt, das Gott bereits an Adam hat gelangen lassen. Immer wieder wurde es durch die Gesandten und Avataras, wie Buddha, Zarathustra oder Jesus in die Welt gesandt. So sah auch Mani seine göttliche Sendung.

Manichäische Priester - ewigeweisheit.de

Manichäischer Priester beim Schreiben. Gemälde in einem Buch aus Gaochang (Nordchina, Xinjiang) aus dem 8. oder 9. Jhd. n. Chr.

Der dualistische Urzustand

Wie die Lehre Zarathustras, lehrt der Manichäismus eine uranfängliche Existenz, zweier, einander entgegengesetzter Welten: das lichterfüllte Gottesreich und das materielle Reich der Finsternis. Sie äußern sich in der Natur als die Mächte von Gutem und Bösem. Beide existieren parallel, grenzen sich aber haarscharf von einander ab. Diese beiden Welten - die eine entstanden aus dem Urlicht, die andere aus der Urfinsternis - sind unbegrenzt, verhalten sich aber zueinander wie zwei unendlich große Halbkugeln, deren obere die Lichtwelt und deren untere die Welt der Finsternis ist. Den Rahmen der unendlichen Lichthalbkugel bildet der "Vater der Herrlichkeit". Er ist das übersinnliche Urbild, was man sich als das Himmelsgewölbe der Erde denken kann. Ebenso ewig wie der Vater der Herrlichkeit, ist der Lichtäther das Urbild des irdischen Luftraums, und die Lichterde, das übersinnliche Urbild der Erdscheibe. Sie bilden gemeinsam mit dem Vater der Herrlichkeit eine Dreiheit, die rein geistiger Natur, übersinnlich und ewig ist. Diese drei Teile besitzen besondere Attribute:

  • Das Geistige Leben des Vaters der Herrlichkeit ist gekennzeichnet durch Sanftmut, Wissen, Verstand, Geheimnis und Einsicht. Die Attribute seines reinen Geistes sind Liebe, Glaube, Treue, Altruismus und Weisheit.
  • Die Attribute des Lichtäthers sind identisch mit dem geistigen Leben des Vaters der Herrlichkeit.
  • Die Attribute der Lichterde sind der Lufthauch, Windeswehen, Licht, Licht-Wasser und das Himmelsfeuer.

Die Lichterde entspricht dem übersinnlichen Lichtpararadies, dem ein ewiger Lichtgott vorsteht. Er ist von 12 Wesen umgeben - Urbildern der 12 Tierkreiszeichen.

Entsprechend der Dreiheit des Lichtreichs, existiert eine Dreiheit der Finsternis. Darin steht dem Vater der Herrlichkeit gegenüber der "König der Finsternis": Cheschucha.

Der König des Rauches der herausgekommen ist aus der Tiefe der Finsternis, der welcher er ist, der Anführer der gesamten Schlechtigkeit und der Bosheit. Der Anfang der Anzettelung des Krieges geschah durch ihn; alle Kämpfe, die Schlachten, die Gefahren, die Niederlagen, die Ringkämpfe. Jener erregt Gefahren und Kriege zusammen mit seinen Welten und seinen Kräften. Alsdann kämpfte er mit dem Licht.

- Aus dem Kephalaia

Gegenstück zum Lichtreich bildet die Geistesmacht der Finsternis - Humama. Diese Macht ist in etwa vergleichbar mit der babylonischen Tiamat - dem Ungeheuer das aus dem finsteren Urmeer des Chaos entstand.
Schließlich entspricht der Lichterde in der Dunkelwelt, die "Erde der Finsternis" - die "kosmische Hölle". Auch diese Dreiheit hat ihre Attribute:

  • Der König der Finsternis besteht aus Gifthauch, Glutwind, Dunkel, Nebel und Höllenfeuer.
  • Die Attribute der Geistesmacht der Finsternis entsprechen den Attributen ihres Königs.
  • In der Erde der Finsternis brodeln giftige Quellen, dort wehen Rauchwolken und an finsteren Abgründen sind Sümpfe und dort lodern Flammensäulen.

Aus diesen Elementen der Finsternis ging nun als "Urteufel" der Satan hervor.

Was den Archonten, den Führer aller Mächte der Finsternis anbetrifft, so befinden sich fünf Gestalten an seinem Körper entsprechend der Gestalt der Merkmale der fünf Geschöpfe, die sich in den fünf Welten der Finsternis befinden. Sein Kopf hat das Gesicht eines Löwen, der aus der Welt des Feuers entstanden ist, Seine Flügel und seine Schultern haben ein Adlergesicht entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Seine Hände und seine Füße sind Dämonen entsprechend der Gestalt der Söhne des Windes. Sein Bauch und sein Gesicht eines Drachen entsprechend, der Gestalt der Söhne der Welt der Finsternis. Sein Schwanz hat die Gestalt des Fisches, der gehört zu der Welt der Söhne des Wassers. Diese fünf Gestalten befinden sich an ihm, die, welche entstanden sind aus den fünf Geschöpfen, der fünf Welten der Finsternis.

- Aus dem Kephalaia

Der Satan wagte es bis zu den finstern Lichtbezirken vorzudringen, was zur Erschütterung der Lichterde führte. So sah sich der König des Lichtparadieses veranlasst einen neuen Äon hervorzubringen: die Mutter des Lebens. Unter dem Einfluss der fünf geistigen Attribute (siehe oben) und den 12 Herrlichkeiten, kam durch sie der "Urmensch" in die Welt (der entspricht dem Adam Kadmon der Kabbala). Er wurde zum Kampf gegen den König der Finsternis ausgestattet, mit den fünf Elementen der Lichterde. Nun traf er an der Grenze zwischen Lichtreich und dem Reich der Finsternis, auf den Satan, begleitet von den 12 Archonten (Dämonen). Doch der Satan und die Archonten besiegten ihn, und raubten ihm einen Teil seines Lichts. Doch auf ein siebenmaliges Stoßgebet, sendete ihm der Vater des Lichtreichs die "Lichtfreunde", mit denen gemeinsam er letztlich den Satan besiegte und die Archonten gefangennahm.

Die Söhne des Lichts führten fünf Kriege mit den Söhnen der Finsternis. Die Söhne des Lichts bezwangen die Söhne der Finsternis in ihnen allen. Der erste Krieg ist der des Urmenschen, des Lebendigen, den er geführt hat mit dem König des Reiches der Finsternis und allen Archonten, die aus den fünf Welten hervorgekommen waren. Er stellte ihnen nach mit seinem (Fischer)Netz, welches die Lebendige Seele ist. Er schloss sie ein wie Fische (mit einem Netz).

- Aus dem Kephalaia

Der Demiurg Satan

Die Entstehung der Welt im Manichäismus

Die "Drei Söhne des Lebensgeistes" (Freunde der Lichter) töteten die 12 Archonten. Aus ihren astralen Häuten formte die Mutter des Lebens das Himmelsgewölbe über der Erde, was die 12 Sternbilder wurden. Je mehr Licht einer der Archonten dem Urmenschen entzogen hatte, desto heller leuchten die Sterne, die dem Himmelbereich seiner Haut entsprechen.

Im Kampf vermischten sich nun die fünf Licht-Attribute mit den fünf Attributen des finsteren Satans. Hieraus entstanden fünf materielle Elemente:

  • Lufthauch und Gifthauch ergaben die irdische Luft,
  • Windeswehen und Glutwind den irdischen Wind,
  • Licht und Dunkel zusammen die Metalle,
  • Licht-Wasser und Nebel bildeten das irdische Wasser und
  • Himmelsfeuer und Höllenfeuer vermischten sich zum irdischen Feuer.

Aus ihnen entstanden die nützlichen, wie auch die schädlichen Wirkungen von Himmlischem und Höllischem, von Gutem und Bösem, von Lichtem und Dunklem.

Nun befahl der König des Lichtreichs einem Engel - dem Demiurgen - die Erde zu bilden. Das Licht, das in dieser Welt an die Materie gebunden ist, nannte Mani die "Lichtseele". Sie entspricht dem Leiden unterworfenen Jesus.

Der Ort an den sich die Lichtseele und das Gebet begeben

Zweck des gesamten Weltprozesses ist es nun, das in die Materie eingeschlossene Licht zu befreien. Diesem erhabenen Zweck dienen Gott, die Sonne, der Mond und die 12 Sternbilder. Alle anderen Himmelskörper waren für die Manichäer Dämonen.

Die Lichtseelen, die sich aus der Körperlichkeit entrungen haben, wie auch die Gebete die über die Lippen gesprochen wurden, kehren zu ihrem Ursprung zurück. Den Sternbilderkreis nannte man das "Schöpfrad mit den 12 Eimern", woraus die im Lichtmeer befindlichen Seelen und Gebete, gemäß dem Schicksal ihrer Besitzer, "geschöpft" werden. Diese noch nicht völlig von ihrer Materialität befreiten Licht-Elemente, werden durch die 12 Sternbilder dann zunächst zum Mond gebracht - dem Ort der Lichtjungfrau - der Mutter des Lebens (siehe oben). Vom Mond gelangen diese Elemente zur Sonne - dem Wohnsitz des Lebensgeistes, des Urmenschen und seiner Lichtfreunde. Schließlich werden die Lichtseelen und die gesprochenen Gebete, zum höchsten Licht gebracht (vergl. Zentralsonne). Dort werden die Lichtelemente abgesondert und absorbiert, und die "materiellen Schlacken", werden in den tiefen, um die Welt gezogenen Graben, hinabgeworfen.

Mani sagte, dass es der oben erwähnte Urmensch sei, dem die Haupttätigkeit in diesen Vorgängen zufällt. Er ist der "Vollender der Entsündigung", weshalb ihn die abendländischen Manichäer den "Jesus impatibilis" nannten: den "leidensbaren Jesus". Jesus wird im Übrigen ja auch der "wahre Adam" genannt, womit ein Hinweis auf diesen Ur-Menschen gegeben ist.

Was aber geschieht mit den übrigen Archonten, die sich außerhalb der 12 Tierkreiszeichen befinden? Schließlich raubten auch sie dem Urmenschen das Licht. Hierzu, so Mani, erschien ihnen eine Lichtgöttin, die die Lichtfunken befreite. Das freigelassene Licht konnte nunmehr geläutert werden. Zum gleichen Zweck erschien den weiblichen Archonten ein männlicher Lichtgott.

Die Rolle des Menschen

Die Archonten strebten danach, ihr geraubtes Sternenlicht, das ihnen Einfluss auf die Erdenwelt gab, aber mit allen Mitteln für sich selbst zu behalten. Einer der Archonten - Sindid, der "Gewaltige" - kam zu der Erkenntnis, dass, wenn möglichst viel von diesem Sternenlicht in einem Individuum aufgespeichert sei, man ihm dieses Licht entziehen könnte. Das versuchte er dadurch zu erreichen, dass er sich mit fünf anderen Archonten - der Brunst, der Hast, der Habgier, der Lust und der Sünde - vereinigte, woraus Kinder geboren wurden, die er alsdann verschlang (wie der griechische Kronos). Denn diese Kinder hatten den Archonten eine große Menge Lichts entzogen. Danach paarte er sich mit seiner Frau und es kam ein Wesen zur Welt, das alle Eigenschaften dieser sieben Hauptarchonten in gesteigertem Maße besaß: Adam - der erste Erdenmensch. Sein materieller Körper, von den Elementen der Finsternis stammend, gehört zum Reich der Finsternis. Seine Seele aber gehört dem oberen Lichtreich an - denn sie wurde dem Urmenschen (vergl. Adam Kadmon) einst geraubt. Darum stehen auch im Menschen Licht und Finsternis in absolutem Gegensatz. Der erste Mensch Adam erhielt den größten Teil dieses spirituellen Lichts. Bei ihm überwog der lichte Anteil gegenüber seiner finsteren Körperlichkeit. Das Selbe gilt für das zweite Wesen, das Sindid zeugte: Chawa (Eva). Zwei Archonten wurden von Sindid dafür vorgesehen, dieses erste Menschenpaar zu bewachen.

Die fünf lichten Schutzengel der Erdenwelt sahen nun, dass in den beiden neuen Lebewesen das geistige Licht durch die "Finsternis des Körpers" begrenzt wurde. Sie baten daher die Mächte des Lichtreichs (darunter der Lebensgeist, die Mutter des Lebens), dem in den Banden der Sinnlichkeit schmachtenden Menschenpaar einen Erlöser zu senden. So wurde der Äon Isa gesendet, der die beiden Wächter fesselte und dann den Menschen zeigte, aus was ihr Leib zusammengesetzt ist: Licht und Finsternis. Isa zeigte ihnen wie sie das an ihren Körper gebundene Licht erlösen konnten. Chawa näherte sich ihr Erzeuger Sindid und sie gebar ihm den Kain (diese Überlieferung ähnelt der Tempellegende der Freimaurer), mit dem sie wiederum den lichten Abel und zwei Mädchen zeugte: die "Weltweise" und die "Tochter der Habgier". Letztere wurde selbst zur Frau ihres Vaters Kain, die erstere bekam den Bruder Abel. Sie aber wurde nicht von Abel geschwängert sondern von einem Engel, und gebar die beiden Töchter "Kommzuhilfe" und "Bringehilfe". Als nun Abel den Kain für den Vater der Kinder hielt und dafür kritisierte, tötete ihn Kain und heiratete dann auch noch seine Tochter "Weltweise".

Dieses Inzestmotiv ist alt-orientalischen und vorchristlichen Ursprungs, denn es taucht ebenso auf im jüdischen Midrasch Bereshit Rabba, wo Kain seinen Bruder erschlägt, wegen ihrer beiden Schwester Naëmah.

Die manichäische Erzählung fährt nun damit fort, dass die Chawa mittels eines von Sindid gelernten Zaubers, die Zuneigung Adams gewinnt und ihm den Schathil (= Seth, vergl. Genesis 4:25, dritter Sohn von Adam und Eva) gebiert. Er besitzt mehr Lichtelemente als es von Sindid und Chawa eigentlich geplant war. Sie versuchten darum das Kind zu töten. Adam rettete es aber mit Hilfe eines, aus einem Gebet niedergesanden Licht-Äon. Später trennte sich Adam von Chawa und begab sich mit seinem Sohn Seth in den Osten - "der Welt wo Licht und Weisheit sind". Dort starb er und gelangte alsdann zum Paradies der Lichterde (zwischen diesem Ort und der Erde, soll sich angeblich der Priesterkönig Melchisedek von Salem befinden, als Hüter des vom Guten und Bösen des MakrokosmosAdamgrabes).

Der Mensch steht im Weltprozess auf dem Kampfplatz der Dämonen der Finsternis und den Engeln des Lichtreiches. Manis Lehre zielte hin auf eine Wiederherstellung des ursprünglichen, paradiesischen Zustandes, wo dann das "Böse Prinzip" dem Guten machtlos gegenüberstehen wird. Bei diesem kosmischen Erlösungprozess, kommt dem Menschen eine große Rolle zu: durch seine Vernunft hat er, in einem Erkenntnisakt, die Verstrickungen der Lichtkräfte im finsteren Reich der Materie (Hyle) zu durchschauen. So ist der Mensch beteiligt als Mikrokosmos, im Kampf von Gutem und Bösem im Makrokosmos. Es ist des Menschen Aufgabe dabei die in der Materie eingeschlossenen "Lichtteile" zu befreien. Was dabei erlöst wird ist nach Ansicht der Manichäer Gott selbst, denn für sie war die menschliche Seele substantiell mit Gott gleich und damit ein Teil seines göttlichen Lebenslichtes. Es ist hiermit der himmlische Lichtfunke gemeint, der den menschlichen Körper bewohnt.

Ihr Geheiligten, sorgt euch nicht, so ihr in Einklang seid mit Mani, unserem Vater, dem Paraklet (der "Tröster"). Alle göttlichen Wesen ruhen konzentrisch ineinander, ihr Himmelsmenschen. So achtet darauf, dass ihr keinen Zweifel pflanzt in euer Denken, sondern einzig Friede in eure Tat. Ihr Geheiligten, die ihr dem Gesetz Gottes nahe seid, achtet darauf - in drei Dingen ruht Vollkommenheit: im heiligen Gesetz, in der Weisheit und in der Liebe. In diesen dreien sind alle Menschen, die aus Gott sind, vollkommen.

- Ausspruch des Mani

Gebote und Verbote der Gläubigen

Um diese göttlichen Lichtfunken aus der stofflichen Welt zu erlösen, dafür musste sich ein Angehöriger der Religion Manis verantworten. Sein Handeln in dieser Welt zog besondere Konsequenzen nach sich. So war ihm geboten bestimmte Dinge zu unterlassen, was letztendlich den asketischen Charakter der manichäischen Religion unterstreicht.

Den Manichäern war zwar die Mission der Verbreitung ihres Glaubes eine Pflicht, doch es kam ihnen nicht so sehr darauf an wie viele Anhänger die gewinnen konnten, sondern wie viele gute Gemeindemitglieder sie zählten. Unter ihnen gab es die "Vollkommenen" und die "Hörer". Die Vollkommenen hatten Gebote zu befolgen, die als die "drei Siegel" zusammengefasst sind:

  • Das Siegel des Mundes gebot zur Enthaltung von Fleisch, Blut und Alkohol und untersagte das Fluchen.
  • Das Siegel der Hände verbot jedes gegen die göttliche Lichtwelt gerichtete Handeln.
  • Das Siegel des Busens forderte geschlechtliche Enthaltsamkeit.

Die strikte Befolgung solcher Gebote war natürlich nur als ein Mönch unter den Vollkommenen möglich. Darum gab es neben diesen strengen Geboten auch etwas abgeschwächtere zehn Pflichten, die für die Hörer galten:

  • Verbot des Götzendienstes,
  • Verbot des Lüge,
  • Verbot des Habsucht,
  • Verbot jeglichen Tötens,
  • Verbot der Unzucht,
  • Verbot des Stehlens,
  • Verbot des Betrügens und der Verleitung dazu,
  • Verbot der Zauberei,
  • Verbot der Heuchelei,
  • Verbot religiöser Gleichgültigkeit.

Anders als den Vollkommenen, war den Hörern der Genuß von Fleisch und Wein gestattet. Sie durften Kinder zeugen, Handel und Gewerbe treiben und öffentliche Ämter bekleiden. Man riet ihnen jedoch keine Häuser zu bauen und auch keine Bäume zu pflanzen, weil solches Handeln sie zu sehr an diese Welt und ihr Treiben fesseln würde.


Der Manichäismus lieferte seinen Gläubigen nicht nur Gebot und Moral, sondern auch, und vor allem, ein absolutes Wissen, dass ihnen half totale Erkenntnis (Gnosis) zu erlangen. Dieses Wissen führt, so die Manichäer, unvermeidlich zum Heil eines Gläubigen. Es gleicht einer Bestandsaufnahme und einer Erfragung aller wichtigen Einzelheiten, zur Rolle des Menschen und des in seinem Körper eingeschlossenen göttlichen Lichtfunken. Der Eingeweihte erkennt sein wahres Selbst als diesen göttlichen Lichtfunken - als Lichtteilchen des Allgottes im Lichtreich. So sind Gott und Seele also vom selben Licht. Nur die Unwissenden kennen diese Wahrheit nicht. Darum bleibt bei ihnen dieses Licht im Körper gefangen.

Im religiösen System Manis wurde das Drama der Seele und ihr Aufstieg zum universalen Leben, eingehend und plausibel erklärt. Auch die damals lebenden Menschen konnten es verstehen. Niemand musste ihnen geheimnisvolle Gleichnisse erklären, sondern verstanden die Vorgänge im Kosmos direkt. Sie sahen ihre Absichten, wie auch die der rein geistigen Wesen, als Teil eines großen göttlichen Plans - eines höheren Gesetzes, zu dessen Erfüllung sie beitragen konnten.

Die Freude ist gekommen, der Sommer gibt seinen Duft von sich. Öffnet die Tore, entzündet die Lampen. Das Schiff hat angelegt. Das Schiff ist das Gebot. Lade ein dein Gut. Segle mit frischem Wind. Wir haschen nach jedem Augenblick, doch wir vergeuden jeden Tag, denn wir wissen nicht den Augenblick wo alles still wird. Wo sind nur alle Menschen? Sie haben Abschied genommen. Sie sind fort gegangen. O dieses große Wunder, dieses Staunen, das den Menschen erfasst hat. Sie rennen, sie stürmen voran, doch sie eilen umsonst. Viele von ihnen starren in die Ferne, doch vor uns, in uns, liegt ein allgegnwärtiger Tag. Die Wunder sind gekommen und ziehen vorüber. Die Zeichen erfüllen sich. Lasst die weiße Taube in ihr Leben und setz ihr nicht die Schlange vor. Das Königreich ist Liebe - die weiße Taube.

- Ausspruch des Mani

Weiterlesen ...

Wer sind die Jesiden?

von S. Levent Oezkan

Eingang zum Tempel des Sheikh Adi in Lalish  - ewigeweisheit.de

Immer wieder versuchte man den Jesiden zu unterstellen, sie seien Teufelsanbeter. In Wirklichkeit aber verehren die Mitglieder dieser geheimnisvollen Religion die Sonne. Im Sonnenlicht erkennen sie das Gute als Gottes Heiligkeit. Und dieser Gott schuf sieben Engel, unter denen er seinen Stellvertreter ernannte: Melek Taus - die zentrale Wesenheit im Jesidentum.

Alles Gute das von Gott kommt wird repräsentiert von Melek Taus (auch: Malik Tausi) – dem Engel-Pfau. Er ist das positive, reine und helle Licht Gottes (kurdisch: Ronahi). Weder widersetzt sich Melek Taus dem einen Gott, noch gesellt er sich ihm bei. Er ist sein Stellvertreter und eine von ihm gewollte, instituierte Macht, die Gott als Allmächtigen anerkennt. Im Feuer zeigt sich das Licht Gottes, dessen Ursprung die Sonne ist. Sie ist auch Symbol des Lebens. Wo Sonnenlicht ist, dort lässt sich die Realität auf natürliche Weise erkennen – die Dinge in der Welt können unterschieden werden: zwischen schwarz und weiß, tot oder lebendig, zwischen Bösem und Gutem. Nach Sonnenuntergang aber ist es dunkel. Dann entzündet der Mensch ein Licht, was in alter Zeit die Flamme einer Lampe war. Wie im Sonnenlicht, so sehen die Jesiden im Licht der Flamme Gottes Gegenwart.
Hiermit besteht eine ganz klare Parallele zur Religion der Zoroastrier (Religion Zarathustras), denn das zentrales Symbol der Verehrung im Zoroastrismus ist das Feuer. Aus dem Feuer leuchtet Ahura Mazda hervor - der göttliche Inbegriff des Guten. Im Übrigen scheint das Feuer auch Muslimen und Juden heilig zu sein, denn im Koran lesen wir (wie auch in der Bibel) dass der Herr sich am Sinai, gegenüber Moses, in einem Feuer offenbarte. Jedoch nicht als physisches Feuer, sondern als Glorienlicht eines Engels (Sure 27:8, 28:29-30). Besonders die Bibelverse Levitikus 6:12-13 heben etwas hervor was im zoroastrischen Priesterdienst ganz wesentlich ist: das Altarfeuer muss immerzu brennen und darf niemals verlöschen.

Feuer und Engelsymbolik sind feste Bestandteile der zoroastrischen Religion. Besonders der viel ältere Engelkult des Yazdanismus, scheint auch seine Spuren in den Schriften Zarathustras hinterlassen zu haben (Avesta, heiliges Buch Zarathustras). Yazdanismus ist eine vorislamische Religion der alten Kurden, die in den drei Konfessionen von Jesidentum, Yarsanismus (auch Ahl-e Haqq genannt: "Volk der Wahrheit") und Alevitentum (insbesondere Ischikismus, von Işık Taifesi: "Volk des Lichts") fortlebt. Die Namen "Yazdanismus" und "Jesidentum" enthalten beide die persische Wortwurzel yazd. Zum einen bezeichnet dieses Wort die Stadt Yazd im Zentrum Irans, wo sich der große Tempel der Zoroastrier befindet. Yazd ist aber auch ein Wort für "Gott" oder "Gottheit". Es bildet die Wortwurzel von yazdan, dem mittelpersichen Wort für "Engel".
Als sich vor ungefähr 2.500 Jahren die Religion Zarathustras vom östlichen Iran her ausbreitete, kam der Glaube der Jesiden mit dem altiranischen Glauben in Kontakt. Mythos, Kult und Tradition des alt-persischen Glaubens vermischte sich mit dem Jesidentum zu einer neuen Religion. Die Mythologie um den alt-persischen Licht- und Sonnengott Mithra (um 14. Jhd. v. Chr., ursprünglich vedischer Gott "Mitra"), verschmolzen anscheinend im Jesidentum mit Elementen aus dem Zoroastrismus. Es ist naheliegend, dass der Engel-Pfau Melek Taus mit dem Sonnengott Mithra verwandt ist. Die Blicke der 1.000 Augen des Sonnengottes Mithra, so die Legende, sollen überall in der Welt hinreichen. Daher wohl die Verbindung der Pfauenaugen im jesidischen Glauben.

Der Pfau - heiliges Symbol der Jesiden - ewigeweisheit.de

Das heilige Symbol der Jesiden: Der Pfau als Verkörperung von Melek Taus.

Eine wichtige Gemeinsamkeit in Jesidentum und Zoroastrismus ist die Heiligkeit des Erdbodens. Ein Jeside ist geschockt, sieht er jemanden auf den Boden spucken. Die Erde ist heilig und darf nicht entweiht werden. Wer sie entweiht, kränkt die irdischen Wesen. Ebenso heilig ist den Zoroastriern der Boden, der unter keinen Umständen verunreinigt werden darf. Man stelle sich vor: wer ein Spucken als eine Verunreinigung der Erde empfindet, wie sehr muss er es bedauern, wenn die Erde mit Umweltgiften und Müll verschmutzt wird?!

Auch finden sich in beiden Religionen Vorstellungen eines Urmenschen. Im Glauben der Jesiden ist die Rede vom Urvater "Jesid", dem ersten Menschen, der niemals der Sünde verfallen war. Noch vor Adam und Eva war er auf der Erde. Auch im zoroastrischen Avesta ist die Rede von einem ersten Menschen und König der Welt: Gayomarth (wörtlich: "sterbliches Leben").
Doch auch wenn Zoroastrismus und Jesidentum religiös verschwistert zu sein scheinen, es gibt natürlich auch grundlegende Unterschiede. Im jesidischen Schöpfungsmythos ist ja die Rede von einer weißen Perle, die den Urzustand der Welt als Einheit repräsentierte. Aus ihr erschuf Gott alles in der Welt: Gutes wie Böses. Die Zoroastrier glauben jedoch an einen Dualismus, wo Gutes und Böses nebeneinander bestehen. Doch Zarathustra gebot den Menschen sich nur dem Guten zuzuwenden. Die Jesiden betonen aber, dass der Mensch mit Verstand begabt ist und deshalb auch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Darum glauben sie ein Teil des Bösen auf der Welt, käme auch vom Menschen, der sich verweigere Verantwortung zu übernehmen.
Diese und andere Vorstellungen vom Wesen des Bösen, wurden den Jesiden immer wieder angekreidet. Man unterstellte ihnen einen Hang zur Teufelsanbetung. Eine zoroastrische Überlieferung aus dem 2. Jhd. n. Chr. sollte das später angeblich belegen. Darin heißt es, dass der Teufel zwar zur Schöpfung fähig war, doch wegen seiner üblen Faulheit es niemals dazu kam. Doch um dem höchsten Gott zu beweisen, dass auch er fähig war Schöpfungen in der Welt hervorzubringen, erschuf er den Pfau. Und da nun der Engel-Pfau Melek Taus ein Wesen des Höchsten ist, unterstellte man den Jesiden ihre Verbindung mit dem Teufel. Doch das ist falsch.

Der Glaube der Jesiden ist ein mythischer Weg zum Verständnis und der Annäherung zu Gott, durch die Elemente der Natur: Sonne, Mond, Feuer, Wasser und Luft. Die Sonne aber ist das Allerheiligste dieser "göttlichen Elemente". Sie steht für das Feuer und das Licht Gottes und durch sie werden die Dinge in der Welt erkennbar.

Glaube an die Reinkarnation

Ein Jeside kann nur als Jeside geboren werden. Wenn ein Jeside jedoch sehr schlecht handelt und üble Sünden begeht, fällt seine Seele aus dem jesidischen Reinkarnationszyklus und muss im Körper der Person eines anderen Glaubens wiedergeboren werden. Es geht also, wie auch im Glauben anderer Religionen, stets darum gut zu handeln, gut zu reden und gut zu denken. Solange die Seele nicht von aller Sünde und weltlicher Verunreinigung befreit ist, so der jesidische Glaube, muss sie erneut inkarnieren. Natürlich erinnert uns das an die Vorstellung des Karma im Glauben der Hindus, Buddhisten und Jains. Karma ist was im Reinkarnationszyklus einer Seele abgebaut werden muss. Ist die Seele dereinst von allem "Schmutz" befreit, kann sie in die himmlischen Regionen empor steigen, um dort für alle Ewigkeit zu leben.

Sheikh Adi - der Avatar des Melek Taus

Sheikh Adi ibn Musafir wurde um 1075, als Nachkomme des umayyadischen Kalifen Marwan I., in Bait Faar, in der Nähe von Baalbek (Libanon) geboren. Er studierte später bei verschiedenen Sufi-Derwischen islamische Mystik in Bagdad (Irak).

Mit Jesiden hatte Sheikh Adi anfänglich nichts zu tun. Es heißt aber, er sei von Geburt an Jeside gewesen. Er fühlte sich aber eher als "entfernter Verwandter", als er nach Kurdistan kam. Sheikh Adi war auf der Suche nach einem Ort, wo er sich aus der Welt zurückziehen konnte, um sich dort nur mit Gott (Allah) zu verbinden. Im 12. Jhd. erreichte er Lalish, im Nordwesten Kurdistans (heutiger Irak, nördlich von Mosul). Trotz das Sheikh Adi ein frommer Muslim war, der die Gebote des Propheten befolgte, und islamische Lehrer von Jesiden eigentlich nicht anerkannt wurden, erkannten sie in ihm einen großen Weisen. Adi war vor allem ein Sufi und kein orthodoxer Muslim und darum wohl kümmerte er sich nicht sehr darum, was andere glaubten oder wie sie diesen Glauben ausübten. Viel mehr lag ihm daran zu verstehen, wie Menschen ihr Leben führen:

Was auch immer Du tust, solange es Dich näher zu Gott bringt, so ist es Gutes.

Wegen seines großen Charismas erkannten die Jesiden Sheikh Adi an und er wurde schließlich zum Reformator ihres Glaubens. Er konnte den Jesiden das nötige Wissen vermittelte, um ihre mündliche Tradition zu bewahren. Sheikh Adi gab den Jesiden eine neue Identität und zeigte ihnen wie sie sich der Welt im Außen erklären sollten.

Auch wird Sheikh Adi die Errichtung des jesidischen Tempels von Lalish zugeschrieben. Dieser Tempel ist wichtigster Pilgerort der Jesiden, muss gegenwärtig aber von den kurdischen Peschmerga vor dem Terror des sogenannten "Islamischen Staats" geschützt werden.

Für die Jesiden war Sheikh Adi ein Avatar (wörtlich: "Herabgestiegener") von Melek Taus. Er war die Inkarnation eines Unsterblichen Wesens, das wie Jesus Christus, nicht nur als Abkömmling des Höchsten, sondern als seine Personifikation auf Erden angesehen wird. Der Name Sheikh Adi steht für das, was die Christen den Heiligen Geist nennen: jene Kraft die in den Propheten (Kochaks) gegenwärtig ist und seinem Volk die himmlischen Geheimnisse enthüllt.Sheikh Adi verstarb im Jahre 1163. Er wurde in einem Schrein im Tempel zu Lalish beigesetzt. Jedes Jahr findet dort zu seinen Ehren, zwischen dem 6. und 13. Oktober das Jashne Jimaye statt, das Fest der Versammlung.

Das Schwarze Buch und der Schöpfungsmythos der Jesiden

Eines der zwei wichtigen Bücher der Jesiden ist das Mischefa Resch, das "Schwarze Buch". Als Autor des Buches wird Al-Hassan Al-Basri genannt, offizieller Nachfolger von Sheikh Adi. Al-Basri wurde im Jahr 642 n. Chr. als Sohn eines Sklaven in Medina (Saudi-Arabien) geboren. Seine Erziehung erfuhr er in Basra (Irak), wo er im Laufe der Jahre, viele der Gefährten des islamischen Propheten Mohammed (a.s.) traf. Er sollte einer der wichtigsten Figuren seiner Zeit werden. Viele Sufi-Orden berufen sich auf seine Person und nennen ihn den "größten Heiligen" des frühen Islam (natürlich kennt der orthodoxe Islam keine Heiligenverehrung, im Sufitum ist das anders). Al-Hassan Al-Basri starb 728 in Basra.

Möglicherweise haben die Jesiden schon sehr früh den Versuch unternommen, sich als "Buchreligion" zu etablieren, denn der Islam gebietet ja, dass die Angehörigen einer Buchreligion nicht verfolgt werden dürfen. Vor diesem Hintergrund schrieb Al-Basri möglicherweise die jesidische Genesis im Schwarzen Buch auf. Die folgende Übersetzung des Buches erzählt die Genesis von der Weltentstehung bis zum Stammvater Enosch:

Im Anfang schuf Gott aus seiner kostbarsten Geist-Essenz eine weiße Perle. Er schuf auch einen Vogel den er Angar nannte. Auf dem Rücken des Vogels Angar setzte er die weiße Perle, auf der er (Gott) für 40.000 Jahre ruhte.
Am ersten Tag, dem Sonntag, schuf Gott den Engel Anzazil, der auch Melek Taus genannt wird. Er ist der Höchste und Anführer aller Engel.
Am Montag erschuf Gott den Engel Dardail, den man auch Sheikh Hasan nennt.
Am Dienstag erschuf Gott den Engel Israfil (Raphael), den man auch Sheikh Shams ad-Din nennt.
Am Mittwoch erschuf Gott den Engel Mikail (Michael) , den man auch Sheikh Abu Bakr nennt.
Am Donnerstag erschuf Gott den Engel Azrail (Asrael), den man auch Sadschad ad-Din nennt.
Am Freitag erschuf Gott den Engel Shemnail, den man auch Nasir ad-Din nennt.
Am Samstag erschuf Gott den Engel Nurail, den man auch Jadin Fahr ad-Din nennt.
Er ernannte Melek Taus zum Anführer Aller.
Danach schuf Gott die sieben Himmel, die Erde, die Sonne und den Mond. Fahr ad-Din jedoch erschuf den Menschen und die Landtiere, die Vögel und die Raubtiere. Er legte sie alle in Stofftaschen und kam von den Engeln begleitet aus der Perle. Dann schrie er die Perle mit lautem Schrei an. Daraufhin zerbrach die Perle in vier Stücke und aus ihrer Mitte brach eine Quelle hervor, deren Wasser sich zu einem Ozean sammelte. Die Welt war rund und nicht geteilt.
Dann schuf Gott Gibrail (Gabriel) und das Bild des Vogels. Er sandte Gibrail aus, um die vier Weltecken zu setzen. Er erschuf auch eine Schale und stieg darin herab, für 30.000 Jahre. Danach kam er und bewohnte den Berg Lalish. Dann Schrie er in die Welt hinaus und das Meer verfestigte sich und es erschien das Land. Es begann jedoch zu beben. Zu diesem Zeitpunkt brachte Gibrail zwei Stücke der weißen Perle: einen Teil platzierte er unter der Erde, den anderen beließ er am Himmelstor. Darin (in die beiden Stücke) setzte er Sonne und Mond. Aus den Splittern der weißen Perle erschuf er die Sterne und schmückte damit den Himmel. Er erschuf auch Obstbäume, Pflanzen und Berge, um damit die Erde zu schmücken. Er erschuf den Thron über dem Teppich.
Dann sprach der große Gott: 'Oh ihr Engel – ich will Adam und Eva erschaffen. Und aus dem Wesen Adams soll Shehar ibn Dschebr hervorgehen und aus ihm soll eine andere Gemeinschaft auf der Erden erscheinen, die des Azazil (Asasel), das heißt jener des Melek Taus, was die Sekte der Jesiden ist.'
Dann stieg Gott hinab zum Schwarzen Berg. Schreiend gebar er 30.000 Engel und unterteilte sie in drei Abteilungen. Als er sie dem Melek Taus übergab, nahm sie dieser mit in den Himmel, wo sie Gott 40.000 Jahre lang anbeteten. In dieser Zeit kam Gott hernieder ins heilige Land (Al-Kuds) und befahl dem Gibrail aus den vier Weltecken Erde, Luft, Feuer und Wasser zu bringen. Er schuf darin mit seinem Geiste den Adam. Dann befahl er Gibrail den Adam ins Paradies zu begleiten. Dort gebot er ihm von allen Bäumen zu essen, doch nicht vom Weizen zu kosten. Hier verweilte Adam 100 Jahre lang. Daraufhin fragte Melek Taus den Gott, wie Adam sich vermehren solle und Nachommen haben, wenn es ihm verboten war vom Weizen zu essen. Gott antwortete 'die ganze Angelegenheit sei Dir übergeben.' Daraufhin besuchte Melek Taus den Adam und sprach 'Hast Du vom Getreide gegessen?' Er antwortete, 'Nein, Gott verbot mir davon zu essen.' Melek Taus antwortete und sprach, 'Iss vom Getreide und es soll Dir besser ergehen.' So also aß Adam vom Getreide, doch dann blähte sich sein Bauch plötzlich auf. Doch Melek Taus vertrieb ihn aus dem Garten (Eden, Paradies), verließ ihn (Adam) und stieg in den Himmel auf. Adam jedoch war sehr beunruhigt über seinen aufgeblähten Bauch, denn er konnte sich keinen Ausgang verschaffen. Darum sandte ihm Gott einen Vogel, der an seinem Anua pickte und sich dadurch ein Austritt öffnete, was Adam erleichterte.
100 Jahre ließ Gibrail den Adam allein. Adam war traurig und weinte.
Dann befahl Gott dem Gibrail die Eva zu erschaffen. Unter Adams linker Schulter wuchs Eva. Nun geschah es, nachdem Eva und all die Tiere erschaffen wurden, Adam und Eva über die Frage stritten, ob nun die Menschheit von ihm oder ihr abstamme, denn beide wollten Erzeuger der Rasse sein. Der Streit entstand, als sie die Tiere beobachteten. Unter den Tieren waren sowohl Männchen und Weibchen, die Faktoren aus denen die Nachkommen ihrer Spezies hervorgingen. Nach langen Diskussionen verständigten sich Adam und Eva auf da Folgende: jeder von ihnen solle seinen Samen in ein Gefäß werfen, es schließen und mit seinem eigenen Siegel versehen. Dann sollten sie für neun Monate warten. Als sie die Gefäße nach dieser Zeit öffneten, fanden sie in Adams Gefäß zwei Kinder, männlich und weiblich. Ihre Nachkommen sind die Jesiden. In Evas Gefäß aber fanden sie nichts als übel riechende Würmer. Und Gott gab dem Adam Brustwarzen, so dass er die Kinder säuge, die aus seinem Gefäß hervorkamen. Darum haben auch Männer Brustwarzen.
Hernach erkannte Adam seine Frau Eva und sie gebar ihm zwei Kinder, männlich und weiblich. Und die Nachkommen dieser Kinder waren die Juden, die Christen, die Muslime und andere Nationen und Sekten stammen von ihnen ab. Doch die ersten Väter der Jesiden sind Sheth (Seth), Noah und Enosch – sie sind die Rechtschaffenen.

- Aus dem Schwarzen Buch (Mischefa Resch)

Jesidische Frau - ewigeweisheit.de

Foto einer jesidischen Frau vom Ararat (Türkei, 1922).

Jesidische Lehren über das Wesen der Gottheit

Das man Jesidentum und Teufelsanbetung immer wieder gleichsetzte, liegt wohl auch daran, dass Elemente des alten Geisterglaubens aus Mazandaran übernommen wurden. Mazandaran ist eine historische Region im Norden des heutigen Iran, deren Ufer die Südküste des kaspischen Meeres säumen. Im Schahname, dem altpersichen "Buch der Könige" (Autor: Firdausi), wird Mazandaran als eine von Dämonen bewohnte Landschaft erwähnt. Einst soll der Prophet Zarathustra die Glaubenspraxis der Mazandaraner verflucht haben. Doch der Glaube, der sich in Spuren in der jesidischen Religion erhalten haben könnte, ist alt-persischen Ursprungs und wurde dort praktiziert, lange vor dem Auftreten Zarathustras.

Das Buch der Offenbarung

Neben dem Mischefa Resch ist den Jesiden ein anderes Buch heilig: Kitab Al Dschilwah – Das Buch der Offenbarung. In fünf Kapiteln des Buches spricht Gott zu den Jesiden in der ersten Person.

In Kapitel Eins erklärt Gott sein Wesen und gibt den Jesiden Übungen zur Verwirklichung der göttlichen Gebote.

Mir (Gott) sind Wahrheit und Falschheit bekannt. Wenn die Versuchung über einen kommt, schließe ich meinen Bund mit jenen, die auf mich vertrauen. […] Ich lehre und führe jene, die meinen Belehrungen folgen. Jeder der mir und meinen Geboten folgt und gehorcht, der soll Glück, Freude und Güte erfahren.

Das zweite Kapitel des Buches beschreibt die Allmacht Gottes.

Zudem sind in meiner (Gottes) Hand Herrschaft und Macht über alles auf der Erde – sowohl über das Obere, wie auch über das Untere. […] Und niemand hat das Recht sich in meine Angelegenheiten einzumischen.

Im dritten Kapitel wird darauf hingewiesen, dass Gott durch seine Allmacht keines Buches bedarf, sondern die Geschicke der Gläubigen allein durch sein Wirken lenkt.

Ich führe auf den geraden Weg ohne ein offenbartes Buch. Meine Geliebten (Jesiden) und Auserwählten, werden mit unsichtbaren Mittel recht geleitet.

In Kapitel Vier des Buches wird eine deutliche Warnung gegen Außenstehende ausgesprochen, die versuchen die Lehren der Jesiden zu korrumpieren.

Meine Rechte werde ich keinem der anderen Götter überlassen. […] Jene die meine Geheimnisse kennen und bewahren, sollen die Erfüllung meiner Versprechen empfangen. […] Nennt weder meinen Namen, noch meine Eigenschaften.

Im fünften und letzten Kapitel wird eine Ermahnung an die Gläubigen ausgerufen.

Oh ihr die an mich glaubet, ehret meine Symbole und mein Bildnis, denn sie erinnern euch an mich. Befolgt meine Gesetze und Statuten. Gehorcht meinen Dienern (Gesandten, Propheten) und lauscht dem was immer sie euch über die verborgenen Dinge lehren.

Das Buch der Offenbarung der Jesiden - ewigeweisheit.de

Manuskript aus dem Kitab Al-Dschilwah - dem "Buch der Offenbarung". Oben im Bild sieht man Melek Taus.

Ämter der Glaubensgemeinschaft

Es gibt sieben Ämter in der jesidischen Gemeinde. Wie auch in anderen Religionen und Glaubenskulten, haben die Inhaber ihrem Rang nach besondere Aufgaben zu erfüllen. Die Aufgaben der einen, können nicht durch die Angehörigen eines anderen Ranges ausgeübt werden.

  • Höchster in der Hierarchie der Gläubigen ist der Sheikh. Er ist der Diener des Heiligen Schreins von Sheikh Adi und wird repräsentiert von einem Nachkommen aus der Familie von Al-Hassan Al-Basri. Alle Rechtsangelegenheiten obliegen dem Sheikh.
    Durch besondere Insignien unterscheidet er sich von den anderen Jesiden: sein Gewand ziert ein heiliger Gürtel und er trägt netzartige Handschuhe. Alle die ihm begegnen verbeugen sich respektvoll. Er ist für den gläubigen Jesiden ein Jenseitsführer, der ihm seinen Platz im Paradies vermittelt und für ihn einen Bruder oder eine Schwerster erwählt, der ihn oder sie im Leben nach dem Tod begleitet. Man nennt diese Personen die "Jenseitsgeschwister".
  • Der zweite Rang ist das Amt des Emirs. Er ist der direkte Abkömmling einer langen Ahnenreihe, die bis auf die ersten Jesiden zurückgehen. Die Emire sind verantwortlich für staatliche Angelegenheiten und dürfen anderen sogar Befehle erteilen.
  • Die dritte Rangstufe besetzt der Kawwal, oberster Musikalienmeister und Hüter der heiligen Hymnen.
  • Der vierte in der Reihe ist der Pir (persisch: "alter, weiser Mann", ein Wort das häufig im Sufi-Kontext verwendet wird). Er leitet die Gläubigen durch die Fastenzeit, kümmert sich um körperliche Belange und ist Hüter der Glaubenssitten.
  • Dem Kochak (wörtlich: "Prophet"), dem fünften in der jesidischen Glaubenshierarchie, obliegen religiöse Pflichten die insbesondere das Jenseits anbelangen. Er sorgt für die rechtmäßige Bestattung Gläubiger, deutet Träume und prophezeit die Zukunft.
  • Der Fakir (arabisch: "arm") besetzt die sechste Rangstufe. Es heißt der Fakir ist direkt von Sheikh Adi eingesetzt, um als Erzieher der Kinder der Gemeinschaft zu dienen.
  • Siebte und letzte der Rangstufen belegt der Mullah. Er unterrichtet die jesidischen Kinder im heiligen Wissen, hütet die religiösen Geheimnisse und wohnt den heiligen Zeremonien der Jesiden bei.

Die Religiöse Praxis

Gläubige Jesiden praktizieren täglich religiöse Rituale. Mindestens dreimal im Jahr beten sie an einem heiligen Bildnis des Melek Taus. Einmal im Jahr soll sich der gläubige Jeside zum Grabheiligtum des Sheikh Adi in Lalish begeben und dort beten. Ist ihm das nicht möglich, so betet er in einem anderen Jesidenschrein. Wenn er sich nach Lalish begibt, dann soll der Gläubige seine Kleider mit Weihwasser des Tempels von Sheikh Adi "taufen".

Eigentlich besteht im Jesidentum keine Gebetspflicht. Jedem Gläubige ist selbst überlassen, wie oft und ob er überhaupt betet. Das Vertrauen auf Melek Taus soll vollkommen ausreichen. Doch um dieses Vertrauen zu stärken begeben sich die Jesiden dreimal im Jahr zu einem heiligen Bildnis des Melek Taus um dort zu beten. Im Gebet richtet er sein Gesicht in Richtung Sonne, erhebt die Hände (Handflächen nach Innen) verbeugt sich und küsst den Boden (oder berührt ihn alternativ mit seinen Fingern und küsst diese hernach).

Jeder Jeside ist verpflichtet einmal täglich die Hand seines Jenseitsbruders bzw. seiner Jenseitsschwester zu küssen, sowie die Hand des Sheikh oder des Pir.

Zentrale Riten im Jesidentum

Beschneidung der Jungen, christliche Eucharistie und Taufe sind die drei religiösen Riten die von jesidischen Gläubigen vollzogen werden.

Die Beschneidung erfolgt auf freiwilliger Basis.

Der Brauch der Eucharistie ist ein direkter Verweis auf Jesus. Die Gläubigen sitzen um einen Tisch, an dem ein Priester (Sheikh, Pir oder Mullag) sitzt mit einem Kelch fragt "Was ist das?" (Ave Tschia), was er selbst beantwortet mit dem Satz: "Dies ist der Kelch Jesu" (Ave Kasie Isayya) und fährt fort mit "Jesus ist darin gegenwärtig (Ave Isa naf runischtiyya). Er trinkt daraus und gibt den Kelch dann weiter. Die letzte Person trinkt den Kelch leer.

Die Taufe erfolgt in der Regel kurz nach der Geburt und sollte im Tempel zu Lalish erfolgen. Ein Sheikh tauft das Kind dreimal im Weihwasser des Tempels. Nach dem zweiten mal legt er seine Hand auf das Haupt des Kindes und murmelt dabei "Hol hola! Jesid ist ein Sultan. Du wurdest zum Lamm des Jesid; Du vermagst ein Märtyrer des Jesidentums sein" (Hol hola soultanie Azid, tou bouia berhe Azid, saraka rea Azid). Während der Taufe ist der Sheikh mit dem Kind allein im Taufgewölbe – die Eltern bleiben draußen.

Einmal im Jahr soll sich der gläubige Jeside zum Grabheiligtum des Sheikh Adi in Lalish begeben und dort beten. Ist ihm das nicht möglich, so betet er in einem anderen Jesidenschrein. Wenn er sich nach Lalish begibt, dann soll der Gläubige seine Kleider mit dem Weihwasser im Tempel von Sheikh Adi "taufen".

Jeder Jeside ist verpflichtet einmal täglich die Hand seines Jenseitsbruders bzw. seiner Jenseitsschwester zu küssen, sowie die Hand des Sheikh oder des Pir.

Herkunft der Jesiden

Die Geschichte der Jesiden hüllt sich in viele Geheimnisse. Viele Fragen über ihre Herkunft und Gebräuche, blieben bis heute unbeantwortet. Der Name "Jesid" ist vermutlich abgeleitet von "es kswede dam", was soviel bedeutet wie "die von Gott Erschaffenen". Das stimmt in etwa überein, mit der von manchen Gelehrten behauptetem Ursprung ihres Namens, vom alt-iranischen yazata – "göttliches Wesen".

Wegen ihrer Sprache (kurmanji-kurdisch) zählen dei Jesiden zum kurdischen Kulturkreis. Manche Historiker betrachten die Jesiden sogar als die ersten Kurden überhaupt. Auch viele Jesiden sagen, dass die Kurden ursprünglich Jesiden waren, doch sich vom alten Glauben abwandten, als sie zum Islam konvertierten.

Auf jeden Fall haben die Jesiden in jeder Geschichtsepoche des nahen und mittleren Ostens, eine wichtige Rolle gespielt. Gleich ob Sumerer, Babylonier, Assyrer, Israeliten, Zoroastrier, Christen, Nestorianer oder Muslime – sie waren alle Zeitgenossen der Jesiden. Die Jesiden, ähnlich der Juden, amalgamierten verschiedene religiöse Elemente aus den anderen Religionen in ihr eigenes Glaubenssystem.

Der Jesidische Mythos

Einer der zentralen Mythen des Jesidentums ist, dass sie angeblich die ersten Menschen waren, die aus dem Garten Eden in die Welt kamen. Eden soll sich dort befunden haben, wo sich heute Lalish befindet. Darum glauben die Jesiden, dass ihre Religion die erste überhaupt war. Von ihnen soll sogar eine ganze Weltzivilisation hervorgegangen sein. Jesiden besitzen außerdem einen 6.765 Jahre alten Kalender (im Jahr 2016). Dieser Kalender ist 990 Jahre älter als der jüdische, 4.750 Jahre älter als der christliche (gregorianische) und 5.329 Jahre älter als der islamische Kalender.

Jesidische Diaspora

Doch trotz dieser reichen Kultur und uralten Traditionen, wurden sie, wie auch andere kleinere Glaubensgemeinschaften, ihrem Recht beraubt, in Frieden auf dem Land ihrer Vorfahren zu leben. Die Invasion der Araber in Mesopotamien (7. Jhd.) war der Beginn einer großen Kampagne gegen die Jesiden. Sie wurden auf Androhung des Todes dazu gezwungen ihren alten Glauben aufzugeben. Die Araber zerstörten ihre Häuser und entweihten ihre heiligen Stätten. Viele Jesiden flohen in die Berge und mussten dort abgeschnitten von der Zivilisation leben. Auch die Invasion der Mongolen im 13. Jhd. brachte Angst und Verzweiflung über die Jesiden. Alle die sich den Reitern aus Fernost widersetzten wurden einfach umgebracht.

Während der Zeit des Osmanischen Reiches, hielt die Verfolgung der Jesiden unvermindert an. Im 17. Jhd. versuchten die Osmanen die Jesiden auszurotten. Viele Jesiden wurden nach Mosul (Irak) deportiert.

Nach dem Irakkrieg von 1991 bekamen die Jesiden besondere Rechte in einem autonomen Kurdistan, konnten Schulen errichten und ihren Kindern die wahre Geschichte ihrer Herkunft vermitteln. So entstanden die sogenannten "Lalish-Zentren", wo man versucht die religiöse Identität der Jesiden zu bewahren. Die letzten geblieben Zentren jesidischen Glaubens, sind mit dem heiligen Tempel in Lalish weiterhin verbunden. Dort bleiben alle Aspekte des alten Glaubens erhalten.

Jesiden - ewigeweisheit.de

Abbildung jesidischer Gläubiger auf einer alten französischen Postkarte (ca. Ende des 19. Jhd.).

Verfolgung der Jesiden heute

Immer versuchten die Jesiden in Frieden mit Muslimen und Angehörigen anderer Religionen zusammenzuleben. Sie wollten nur ihren Glauben ausüben dürfen. Doch bis heute werden Jesiden wegen ihres Glaubens verfolgt und ermordet. Was heute mit den Jesiden geschieht gleicht einem Völkermord und einer grauenhaften Entwürdigung ihrer Glaubensmitglieder. Wahrscheinlich befinden sich tausende Frauen, Mädchen und Kinder in der Gewalt der islamistischen Extremisten (sogenannter "Islamischer Staat in Irak und Syrien - ISIS"). Das hat die jesidische Gemeinschaft zerrissen. Heute ist diese Religion im Begriff zerstört zu werden. Radikale Fanatiker verüben schlimme Gräueltaten an den Anhängern dieses uralten Glaubens.

Weiterlesen ...

Wir Kinder des Feuers

von S. Levent Oezkan

Ehrfürchtig verehrten die Urmenschen die übermächtige, Licht und Wärme spendende Sonnenscheibe. Ein durch Blitzschlag und Vulkanausbrüche entfachtes Feuer auf der Erde war für sie ein wunderbares Abbild des Sonnenfeuers. Um so heiliger muss es dem Urmenschen erschienen sein, als er zum ersten Mal selbst ein Feuer entfachte.

Auch wenn wir uns heute das Feuer längst dienstbar gemacht haben, übt der Anblick lodernder Flammen immer noch einen geheimnisvollen Zauber auf uns aus. Wie viel mehr musste das der Fall sein, wo Feuer noch etwas Seltenes war, wo man es an Gewitterbränden oder in Vulkankratern entzündet in die Siedlungen trug.

Der Urmensch ahnte im Feuer instinktiv ein mächtiges Lebensprinzip, das aus einer ihm unzugänglichen Sphäre heraus wirkte. In der Kultur der Ur-Indoeuropäer verkörperte Feuer das erste göttliche Wesen. Als der Mensch irgendwann das Feuer selbst entfachen konnte, war das der erste Kultusakt der Menschheit: eine Zeitenwende der urzeitlichen Zivilisation.

Mit jeder Landnahme errichteten die Ur-Indoeuropäer einen Feueraltar. Feuer war für sie, wie später für die iranischen Zarathustrier (auch: Zoroastrier), ein Medium durch das ihnen Offenbarungen der geistigen Welt zuströmten. Aus dem heiligen Licht seiner Flammen strahlte ihnen der höchste Gott Dyaus Pita entgegen - Allvater des strahlenden Himmels. In seinem Namen liegt der Ursprung der Blitze schlagenden Donnerers Zeus Pater, Ju-Piter und Deus Pater. Letzterer formte sich Jahrtausende später zum christlichen »Gott Vater«, dessen »Sohn Jesus Christus« sich bekanntlich ja auch als »Licht der Welt« bezeichnete.

In der indogermanischen Religion war Dyaus Pita ein hohes Lichtwesen, der mit Prittvi, der vedischen Mutter Erde, die Götter Surya, Ushas und Indra zeugte. Sie repräsentieren die himmlischen Lichtaspekte des Sonnenfeuers, der Morgenröte und des blitzenden Donners. Als charakteristische Verkörperung der irdischen Erscheinung von Dyaus Pitas trat ein weiterer Sohn Gottes zu Tage: Agni - vedischer Repräsentant des sakralen Feuers. In seinem Namen liegt der Ursprung des lateinischen ignis (Feuer).

Im Himmel geboren fuhr Agni in Gestalt eines Blitzes auf die Erde hernieder. Gemäß dem Rigveda wurde er durch den Feuerpriester Atharvan empfangen – einem der sieben Rishis, die nach der Sintflut vom Manu begleitet die Kulturtechniken auf der Erde hervorbrachten. Seinem Namen nach ist Atharvan mit Atar verwandt, dem Konzept des heiligen Feuers der Zarathustrier (Parsen). Im heiligen Licht Atars offenbarte sich Zarathustra's prophetische Berufung. Sowohl Atharvan wie auch Atar gehen aus der indoeuropäischen Wortwurzel athr hervor: das Feuer. Das ist auch der Ursprung des alt-griechischen Wortes Aither (deutsch: Äther): geistiger Sitz des Lichts, der Götter und der Gedanken.

Auch in Religionen außerhalb des indoeuropäischen Kulturkreises galt Feuer als Vermittler zwischen dem Menschen und den Göttern. Im Opferfeuer wurde die fromme Spende von den Flammen verzehrt und trug sich im Rauch verflüchtigend empor zu den himmlischen Göttern. So pries man das Feuer als vermittelnden Boten zwischen Mensch und dem Höchsten.

Die vedischen Hymnen betonen besonders die geistigen Fähigkeiten Agnis. Er wird dort als ein weiser, mit vorausschauender Klarsicht begabter Heiliger bezeichnet, der mit seiner schöpferischen Vorstellungskraft im Spiel der Flammen, zahllose kosmische und biologische Synthesen hervorbrachte.
So scheint Agni auch Vorbild für den Titanen Prometheus geworden zu sein – dem griechischen Genius und Töpferdämon der »nach seinem Bilde« den Menschen aus Ton formte, belebte und mit Denkkraft und Vorausschau begabte.
Dieser Titan war so stolz auf sein Schöpfungswerk, dass er sich am Liebsten selbst auf der Stufe des Höchsten (Zeus) gesehen hätte. Aus Furcht vor dem Rebell verbarg deshalb Zeus vor ihm und seinen Geschöpfen das Feuer. Doch mit größter List und Verschlagenheit gelang es Prometheus das Feuer zu stehlen und den Menschen zu bringen. Am solarischen Feuer der Himmelsschmiede entzündete er eine Doldenstaude (Narthex) die er brennend zu den Menschen am Fuße des Kaukasus trug. Im Zorn gebot Zeus seinem Sohn Hephaistos (römisch: Vulcanos) den Prometheus an den Kasbek anzuketten - einem hohen Vulkan im Kaukasus-Gebirge. Hephaistos erschuf auch Pandora, um dem bisher männlichen Menschenvolk eine Frau zu senden. Doch was aus ihrer Büchse über die Welt kam, waren Fluch und Tod, den die Menschen seit damals »im Schweiße ihres Angesichts« versuchten zu überwinden. Seit dieser Zeit wohl, hielt man in Griechenland die Mysterien der Demeter-Anesidora ab, wo Menschen in die Künste der Landwirtschaft, des Bergbaus und der Schmiedekunst eingeweiht wurden.

Es scheint als träfen sich hier Mythos und Geschichte, denn die Besiedelung vulkanischer Regionen (z. B. im Kaukasus) war in der Urzeit durchaus üblich. Unsere frühen Vorfahren konnten Feuer noch nicht selbst entfachen, sondern entzündeten in der Nähe von Vulkankratern trockene Pflanzen oder hielten einen durch Blitzschlag oder Vulkanausbrüche natürlich entstandenen Brand als Lagerfeuer am Leben. Außerdem wuchsen in der fruchtbaren, mineralstoffreichen Vulkanerde wahrscheinlich viele Pflanzen die den Steinzeitmenschen als Nahrung dienten. Erstarrte Lava gab auch wichtige Werkstoffe: das schwarze, vulkanische Quarzglas Obsidian war aufgrund seiner scharfen Bruchkanten bis in die Bronzezeit eines der wichtigsten Mineralien zur Herstellung von Keilen, Klingen, Pfeilspitzen und Schabern. Stellen wir die bereits damalige Nutzung von Quarzen ihrer gegenwärtigen Bedeutung gegenüber, so ist das darin enthaltene Silicium (chemisch setzen sich Quarze aus Siliciumdioxid-Molekülen zusammen) bis heute für den Menschen äußert wichtig geblieben, denn schließlich werden Informationen auf Siliciumbasis (Halbleitertechnik mit Siliciumkristallen) gespeichert und transportiert (mit Glasfaserkabeln und Glas bekanntlich ja amorphes Siliciumdioxid). An anderer Stelle werden wir auf den geheimnisvollen Einfluss des Siliciums auf die menschliche Zivilisation noch genauer eingehen.

Fest steht, dass die Umgebung von Vulkanen immer wichtige Siedlungsgebiete der Menschheit gewesen sein müssen, denn bis heute lebt ca. ein Zehntel der Weltbevölkerung im direkten Einflussbereich aktiver Vulkane.

Feuer und Zivilisation

Wenn der mythische Prometheus auf dem Olymp tatsächlich die Ursache der Blitze fand, so hat er diese Technik ganz sicher seinen Geschöpfen verraten. So konnte der Mensch irgendwann ohne den himmlischen Blitz selbst elektrische Kräfte entfachen, um damit ein Feuer zu entzünden. Dazu verwendeten unsere Vorfahren ein steinzeitliches »Feuerzeug«: ein Pyrit aus dem sie mit einem spitzen Feuerstein (Quarzkiesel) Funken schlugen, um einen Zunder zum Brennen zu bringen. Dieses leicht entzündliche Brennmaterial war meist ein in Urin getränkter, nachträglich aber getrockneter Baumpilz (z. B. Fomes fomentarius, »Zunderschwamm«). Damit konnte überall schnell ein Feuer entzündet werden.
Mit dem Feuers konnte der Mensch dann auch Nachts arbeiten, es in dunklen Höhlen entzünden, um von dort etwa wertvolle Mineralien und Erze ans Tageslicht zu befördern. So erhob er sich mit der Handhabung des Feuers über das Tier. Er wurde sesshaft und konnte seine Behausungen von den Bäumen auf die Erde verlagern, denn gefährliche Raubtiere und Insekten hielten sich vom Feuer fern. Es ist für uns heute kaum noch vorstellbar, was der Sonnenuntergang für die Urmenschen bedeutete. Bevor man Feuer handhaben konnte gab es besonders in Neumondnächten überhaupt kein Licht, man schlief in völliger Finsternis und war auflauernden Raubtieren somit hilflos ausgeliefert.

Mit der Meisterung des Feuers verfügte der Mensch jetzt auch über ein Mittel der Transmutation. Was zuvor nur die Sonne in einem langwierigen Prozess bewirkte, konnte durch Feuer viel rascher erreicht werden. Speisen und Fleisch wurden durch die Zubereitung mit Feuer einfacher verzehrbar und leichter verdaubar. Als unsere Vorfahren ihre Nahrung noch roh verzehrten, verbrachten sie täglich mehr als neun Stunden mit Essen. Zum einen weil sie die Nahrung sehr lange kauen mussten, um sie ebenso lange zu verdauen.

In der Evolution vom Homo Erectus zum heutigen Menschen verkleinerten sich mit der Verwendung des Feuers, über einen Zeitraum von etwa 2 Mio. Jahren, sowohl die Zähne als auch der Verdauungstrakt des Menschen. Die zuvor aufgewendete Energie für die Verdauung, verwendeten Evolutionsmechanismen nun zur Vergrößerung des Gehirns. Dies war der Aufgang einer neuen, denkenden Menschheit. Das war der Übergang vom Jäger- und Sammlertum zur Sesshaftigkeit und Domestizierung von Pflanze und Tier. Mit dem Feuer wurde der Mensch zum Schöpfer – wurde wie ein Gott!

Auch die Art der Herstellung von Gebrauchsgegenständen änderte sich mit der »Feuergabe«. Primitive Töpferkunst verwandelte sich in hochwertige Keramiktechniken. Mit der Entwicklung der Metallurgie, der späteren Kupfergewinnung durch Verhüttung, und der daraus entstehenden Schmiedekunst, sollte der Mensch schließlich die höchste Stufe seines Kulturschaffens erklommen haben.

Diego Velázquez (1599–1660): La Fragua de Vulcano

Die Schmiede des Vulcanos (Hephaistos) - Gemälde von Diego Velázquez (1599–1660)

 

Das blitzende Metall der Himmelsschmiede

Kehren wir noch einmal zurück zu den alten Mythen die sich um das Element Feuer drehen. Im Glauben der alten Griechen brachte die Göttermutter Hera als Jungfrau ihren Sohn Hephaistos zur Welt. Er sollte Gott und Schutzherr aller Schmiede, Metallurgen und Kunsthandwerker werden. Wegen seiner Hässlichkeit aber verstieß sie ihn vom leuchtenden Berg Olymp. Wie ein leuchtender Meteor stürzte er auf die Erde.

Auf der Erde wurde Hephaistos in einer Höhle von Nymphen aufgezogen. Sie brachten ihm den Umgang mit Feuer und den Metallen bei. Als Schmied der Götter und Helden erfand Hephaistos später den Hammer, den Amboss und die Zange. Damit schmiedete er aus Bronze den mythischen automaton und gab ihm den Namen Talon. Es war der »erste Roboter« der ihm und seinen Gehilfen, den Zyklopen, bei seinen Schmiedearbeiten behilflich war.

Raymond Monvoisin - Ninfas en el baño

Die Nymphen beim Bad - Gemälde von Raymond Monvoisin (1790-1870)

Für Zeus verfertigte Hephaistos eine magische Axt. Damit spaltete er das Haupt des Göttervaters und aus dem gespaltenen Kopf wurde die Weisheitsgöttin Athene in voller Rüstung geboren. Sofort verliebte sich Hephaistos in die schöne Zeustochter. Von Verlangen überwältigt kam sein Same auf die Erde und daraus erstieg der Zwitter Erichthonios. Er besaß den Oberkörper eines Menschen und den Unterkörper einer Schlange. Er war es der Rad, Deichsel und Wagen erfand.

Auch im Schamanismus war der erste Schmied himmlischen Ursprungs: ein Vorbild aller irdischen Helden und Herrscher, die in den Legenden der Mongolen und Tartaren, als legendäre Sänger und Poeten auftraten. Auch die alten Germanen verehrten einen Metallarbeiter: Odin - »der singende Schmied«.

Der große Gengis Khan wurde von seinen Zeitgenossen »Der Eisenarbeiter« (oder Schmied) genannt. Das liegt an seinem Kindernamen Temüjin – in dem zwei mongolisch-türkische Wörter enthalten sind: Eisen - temür, und Arbeit - jin.
Ein alter schamanischer Mythos der sibirischen Burjäten berichtet vom Gott Boshintoj. Er kam mit seinen neun Söhnen vom Himmel, um den Menschen die Kunst der Metallurgie zu lehren. Boshintoj kehrte bald darauf zurück, während seine Söhne auf der Erde blieben, da sie sich in die irdischen Töchter verliebten und Nachkommen mit ihnen zeugten. Das waren die Urahnen aller Schmiede.

Ähnliches findet sich auch in der biblischen Genesis:

Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie schön sie waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. […] Es waren zu dieser Zeit auch die Nephilim auf Erden; denn da die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus Riesen in der Welt und berühmte Männer.

Genesis 6:1-2,4

Kain (wörtlich: Schmied), der erste Sohn Adams, hatte einen Sohn: Henoch. Laut den Büchern Henochs waren die oben erwähnten »Söhne Gottes« Rebellen wie auch der Titanensohn Prometheus einer war. Als Nachkommen des Seth, des dritten Sohnes von Adam (Genesis 4:25, 5:3), lebten sie auf dem Himmelsberg (vergl. Olymp) jenseits der Erde, jenseits der Nachkommen des Brudermörders Kain. Als sie nun die schönen Kainstöchter erblickten (»Töchter der Menschen«) stiegen sie vom Himmelsberg auf die Erde hinab und widersetzten sich damit dem Verbot Gottes. Darum wurden sie vom Himmel auf die Erde verstoßen (vergl. Hephaistos). Dort zeugten sie Nachkommen mit den Töchtern des Kain. Gemäß den Henochbüchern war ihr Anführer der Engel Azazel, der seinen Nachkommen verbotene Dinge und Himmelsgeheimnisse verriet, so wie ja der Prometheus beim Feuerraub seine Menschen.

Und Azazel lehrte den Menschen wie man Schwerter und Messer und Schilde und Brustplatten herstellt und zeigte ihnen die Metalle der Erde und die Kunst mit ihnen zu arbeiten und Kettchen und Ornamente und die Verwendung des Antimon, womit sich das Schminkzeug der Frauen herstellen ließ

1. Henoch 8:1

Lamech, ein Nachkomme Kains und Sohn des alten Methusalem hatte vier Kinder: Jabal war der Stammvater aller Nomaden und Viehhirten, Jubal Stammvater aller Harfen- und Flötenspieler, Tubal-Kain schmiedete die Geräte aller Erz- und Eisenhandwerker, Naama lehrte die Frauen sich schön zu kleiden, zu frisieren, zu schminken und wie sie mit ihren weiblichen Reizen in den Weinschenken für die Unterhaltung der männlichen Gäste sorgten.
Auf verschiedenen kulturellen Ebenen und der Völker der Erde existiert eine enge Verbindung zwischen Schmiedehandwerk, der Musik, dem Gesang, dem Tanz und den Initiations- und Geheimwissenschaften (Schamanismus, Magie, Heilkunst, etc.). Darum spielt Tubal-Kain eine zentrale Rolle in der Tempellegende der Freimaurer.

Ebenso gehören zu dieser Gruppe die Zigeuner. Seit alters her waren unter ihnen viele Schmiede, Handwerker, Musiker, Heiler und Wahrsager. Sie werden in alten Sanskrit-Texten mit den Dalits identifiziert, die man in Indien die »Unberührbaren« nennt. Sie sind außerhalb des indischen Kastensystems, gleichen »Ausgestoßenen«. Viele Schmiede und Musiker zählen in Indien zu den Dalits.

Vielleicht erklärt sich all das auch in der alten Furcht der Menschen vor den Schmieden. Mit Hilfe von Feuer und Metall wurden dort alle möglichen ungeheuren Dinge hervorgebracht. Schmieden befanden sich darum oft am Rande der Dörfer.Das heilige Schmiedehandwerk war und ist etwas Magisches. Alle Schmiede bewahren die Geheimnisse ihrer Zunft. Das ließ sie in vielen Kulturen, besonders in Afrika, zum Kulturheros aufstiegen. Ihr initiatorisches Wissen über den Umgang mit Feuer, Metall, Hammer, Zange und Amboss, wurde über unzählige Generationen verfeinert. Außerdem erhielten Schmiede, Metallurgen und Gießer über mehreren Jahrtausende die Tradition einer ganzen Gesellschaft, denn sie waren es die die Waffen, Werkzeug und Schmuck, die Kirchenglocken und Burgtore fertigten.

Mutter Erde und ihre Nachkommen

Cultura, das lateinische Wort für den Ackerbau, steht für die Techniken der Landwirtschaft. Die Kultivierung von Getreide erfordert aufmerksame Pflege und Schutz. Man kann Getreide nicht aussähen ohne es zu hüten, da es sonst von allen möglichen Tieren weggefressen wird. In alter Zeit mussten die Felder darum aufmerksam bewacht werden. Daher erklärt sich, dass Ackerbau und Sesshaftigkeit untrennbar miteinander verbunden sind.

Seit 8.000 v. Chr. wurde wild wachsendes Getreide wie Weizen, Gerste, Hirse und Reis allmählich domestiziert. Das heißt, über viele Generationen hinweg wurde die Nutzbarkeit der Samen durch Auslese verbessert. Zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit wurde direkt Einfluss genommen auf die biologische Entwicklung von Pflanzen. In gewisser Hinsicht war das die Geburt der Biotechnologie und Gentechnik.

Durch die Optimierung des Getreidewuchses entstand mit der Lagerung landwirtschaftlicher Güter auch der Besitz. Die Wörter »Sesshaftigkeit« und »Besitz« enthalten beide ja auch das selbe Verb: »sitzen«.

Besitz erzeugt Gründe ihn zu schützen, wenn nötig auch zu verteidigen. Nicht zufällig war der alt-griechische Kriegsgott Ares (römisch: Mars) auch der Gott der Ackergrenzen!

Mit dem allmählichen Rückgang des Nomadentums und der zunehmenden Bedeutung des Getreide-Ackerbaus, kam es zu einer immer schnelleren Vermehrung der Bevölkerung. So entstanden die ersten großen Siedlungen. In der anatolischen Siedlung Çatalhöyük lebten zwischen 7.500 und 5.700 v. Chr. bereits um die 10.000 Menschen. Das war noch vor dem Beginn der Metallzeit. Werkzeuge und Waffen wurden in Çatalhöyük aus Obsidian hergestellt. Man beschaffte den Stein vom 190 km entfernten Vulkan Göllü Dağ (Zentralanatolien). Mit der Zunahme der Bevölkerung und dem damit einhergehenden Bedarf an Nahrungsmitteln, verbesserte sich auch das dazu verwendete Werkzeug.

Einen ganz wesentlichen Sprung in der Menschheitsentwicklung machte um das 4. Jahrtausend v. Chr. die georgische Kura-Araxes-Kultur (benannt nach den Flüssen Kura und Araxes). Sie waren die ersten die Werkzeuge und Waffen aus Kupfer und Bronze verfertigten. Besonders die Nutzung bronzegefertigter Sicheln, Hacken und Pflügen, vermehrten die landwirtschaftliche Produktion um ein Vielfaches. Der dadruch immer weiter zunehmende Besitz bildete ein festes Fundament für die Formierung einer einheitlichen Gemeinschaft und politischen Gesellschaft. Das erforderte die Existenz von Anführern, woraus sich das Königtum entwickelte. Was einst Ackergrenzen als Einflussbereich von Herrschern markierten, sollten später einmal die Grenzen zwischen Staaten werden.

Erze: Kinder der Erde

Die Orte aus denen Menschen Erze geborgen haben, waren häufig vulkanischen Ursprungs. In geologisch aktiven Gebieten dringt in die Erdkruste Magma ein, das einen hohen Anteil an wertvollen Metallen besitzt. Bei der Abkühlung des Magmas kommt es zur Auskristallisierung dieser Minerale - so entstanden unterirdische Erzlagerstätten. Metallerze und Reinmetalle wie etwa Gold, doch auch Edelsteine, darunter Smaragde und Rubine, wachsen aus dem steinigen Boden hervor - werden über viele Millionen Jahre daraus geboren. Drum nannte man im Altertum solche Gesteinsareale Petri Genitrix: »fruchtbare Felsen«. Diese subterranen »Kinder der Erde«, so glaubten die alten Feuermeister, würden dort von Erdgeistern, Genien und Devas gehütet werden. Ein Schmelzer warb deshalb um die Gunst dieser Wesenheiten. Aus Respekt vor den Erdgeistern war die Senkung einer neuen Mine immer mit einem religiösen Ritus verbunden. Bei den Germanen glaubte man, »Meister Hömmerling« (ein Poltergeist) könnte durch das Grubenwerk der Bergleute gestört werden und aus Zorn einen Erdrutsch auslösen. Man wollte die Wesen des Erdreichs darum stets günstig stimmen. Darum holte der Bergmeister das Erz aus der Mine ganz sorgsam hervor, und beförderte es ebenso ehrfürchtig in den Schmelzofen.
Für die Bergleute war das Erz wie ein Embryo im Uterus der Erdmutter. Der Schmelzofen war wie eine Gebärmutter, worin die »Reifung des Metalls« erfolgte und darin seine Schwangerschaft vollendete. Metallurgie ist darum eine Art Geburtshilfe.
Die Hitze des Ofens war der Ersatz für die Hitze im Erdinnern. Darin reifen die Erze um auf der Erde zu kristallisieren. Erz und Embryo sind magisch miteinander verbunden. Im Schmelzvorgang sag man eine Frühgeburt, weshalb man abergläubisch tatsächliche Embryos, meist von Tieren, in die Schmelze warf um so den Vorgang magisch zu beschleunigen.

Die Verhüttung von Metallen ist bereits sehr alt; das belegen über 10.000 Jahre alte archäologische Funde aus Anatolien und dem Iran. Ab 7.500 v. Chr. wurde im mesopotamischen Uruk bereits Kupfer verarbeitet. Ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. verbreitete sich höheres Wissen über die Metallverarbeitung wahrscheinlich zuerst im Kaukasus-Gebirge Georgiens. In der Antike besaß Georgien die wichtigsten Metall- und Erzlagerstätten der Welt. 
Im Land vom »Goldenen Vlies«, dem alten Kolchis (»Reich des Aietes«), gab es eine Fülle an Goldvorkommen. Hier lebte eine hoch entwickelte Gesellschaft, die wegen ihres Goldes über großen Reichtum verfügte und einem gotterwählten König unterstand. Solch ein König war auch der Sohn des Sonnengottes Helios: Aietes von Kolchis. Das west-georgische Kolchis war für die alten Griechen die ferne Goldquelle am Schwarzen Meer. Laut dem römischen Geschichtsschreiber Appian (90-160 n. Chr.) gewannen die alten Kolcher mit Hilfe von Schaf- oder Widderfellen den goldhaltigen Sand aus Flussläufen des kaukasischen Phasis (heute: Rioni). Dazu legten sie zottige Felle ins Wasser und fingen die kleinen Goldteilchen auf.
Möglicherweise ist das eine Erklärung für den Ursprung des Mythos vom Goldenen Vlies, wofür sich die Argonauten vor mehr als 3.000 Jahren in das sagenhafte Goldland von Kolchis begaben. Das Goldene Vlies befand sich laut Mythos an einer Eiche befestigt im Hain des Ares. Ein Drache bewachte den Ort. Der Held Jason tötete das Reptil und nahm das heilige Widderfell an sich. Wie der griechische Mythos weiter berichtet, erhielt der finstere König Aietes vom Himmelsschmied Hephaistos zwei feuerschnaubende Stiere aus Bronze. Das Goldene Vlies lag zwar bereits in Jasons Händen, doch Aietes ließ ihn nicht eher gehen, bevor er nicht mit diesen Stieren einen dem Ares geweihten Acker pflügte. Darein sollte er die Zähne des getöteten Drachen sähen. Laut Mythos ersprossen aus den Zähnen Krieger, die in schwere Rüstungen aus Bronze gekleidet waren.

Diese Geschichte zwingt zur Vermutung, dass die feuerschnaubenden Stiere des Hephaistos und die ausgesäten Drachenzähne Symbole antiker Technologie sind, um aus der Erde Erze zu gewinnen bzw. diese Erze in hochwertige Metalle (Kupfer) zu verwandeln. In der Alchemie symbolisiert der Drachen den Ausgangsstoff zur Herstellung des Steins der Weisen, d. h. ein Agens zur Verwandlung eines unedlen Stoffes, in diesem Fall Erz, zu etwas hochwertigem: das Edelmetall Kupfer.

Da nun im Osten Georgiens, am Großen Kaukasus, bereits zwischen dem 5. und 4. Jahrtausend v. Chr. große Mengen an Kupfererz abgebaut und verhüttet wurden, scheint die Behauptung, das es sich bei der Argonautensage auch um die Schilderung einer Initiation in die Metallurgie handelte, nicht ganz unwahrscheinlich. Denn von Georgien aus kam metallurgisches Wissen über Anatolien nach Ägypten und Griechenland, später nach Mitteleuropa und England, wo die hohe Kunst der Metallverarbeitung weiter verfeinert wurde.

Und Wir haben das Eisen herab gesandt

Eisen, das stärker als jedes Metall ist,
In des Gebirgs Talgründen,
Vom flammenden Feuer bezwungen,
Unter der Hand des Hephaistos zerschmilzt auf der heiligen Erde;
So denn schmolz von der Lohe des flammenden Feuers die Erde.

Aus der Theogonie des Hesiod

Hesiods Gedicht beschreibt einen heftigen Waldbrand in dem ein Eisenklumpen schmilzt. Es kann sich dabei nur um Meteoreisen handeln. Das er eine zufällige Reduktion von Eisenerz beschreibt ist sehr unwahrscheinlich, denn so hätte es schon nach kurzer Zeit zu rosten begonnen. Wegen des hohen Nickelanteils (ca. 5-20 %) in Meteoreisen bleibt eine Korrosion aber aus. Schon vor der eigentlichen Eisenzeit, wurde überall auf der Erde meteoritisches Eisen zur Herstellung von Kultgegenständen, Werkzeugen und Waffen verwendet und wegen seiner großen Seltenheit, war es sogar wertvoller als Gold!

Dem Menschen bot das himmlische Eisen schon vor Jahrtausenden einzigartige Vortrefflichkeit, denn es war das härteste aller Metalle. Im alten Sumer (Mesopotamien im 3. Jahrtausend v. Chr.) nannte man es an-bar, das »Feuer aus dem Himmel« oder urudu-an-bar das »Kupfer des Himmels«. Auch die Hethiter (2. Jahrtausend v. Chr. in Kleinasien und alten Syrien) kannten es als ku-an.
Im mesopotamischen Ur, dem Geburtsort Abrahams (Genesis 11), entdeckte man um 3.100 v. Chr. einen Königsdolch aus Meteoreisen mit goldenem Griff – 2.000 Jahre vor der Eisenerzeugung aus Erz! Wenn Tubal-Kain (»Tubal der Schmied«), ein Nachkomme Kains, der etwa um diese Zeit gelebt haben könnte, in Genesis 4:22 als Eisenhandwerker erwähnt wird, so verfertigte er Kultgegenstände und Waffen aus Meteoreisen, da man zu dieser Zeit die Eisenerzverhüttung noch nicht kannte.

Die Hebräer nannten Eisen parzil, die Assyrer barzillu - »Metall Gottes« oder »Himmelsmetall«. Das es sich um etwas Himmlisches handelt, das bestätigt auch der bis heute in Georgien verwendete Name für Meteoreisen: tsis-natckhi – »himmlisches Bruchstück«. Auch im alt-ägyptischen Namen bj-n-pt für das »Eisen des Himmels« sind die Wörter bj, der Blitz und pt, Himmel, enthalten. Es ist gut möglich dass in Ägypten, wo es sehr selten regnet, in ferner Vergangenheit nicht wirklich unterschieden werden konnte zwischen Blitz, Donner und Meteoriten. Auffällige, blitzartige Lichterscheinungen am Himmel, die von lautem Prasseln und Donnern begleitet waren, wurden mit wetterbedingtem Blitz und Donner wahrscheinlich gleichgesetzt. Vielleicht fand man nach solchen Blitzeinschlägen manchmal an den Stellen schwarze Steine oder schwere Meteorklumpen, was die Alten wohl als eine Botschaft der Götter auffassten. Solche himmlischen Objekte lieferten das Material aus dem heilige Werkzeuge hergestellt wurden: so etwa das Werkzeug für das alt-ägytische Mundöffnungsritual der Mumie (siehe Abb.).

Abbildung aus dem Ägyptischen Totenbuch des Hunefer (ca. 1.300 v. Chr.). Das in der Mitte abgebildete Werkzeug aus Meteoreisen, wird an den Mund des verstorbenen Pharao geführt (cc).

Donnerschlag und Blitzerscheinung waren immer schon die stärksten Kräfte in der Natur. So glaubten die schamanischen Medizinmänner oder keltischen Hohepriester, dass durch die ungeheuerliche Kraft eines Blitzes das aufzusprengen wäre, was der Tod verhüllte. Man glaubte Totes durch die magische Kraft der Elektrizität lebendig machen zu können. Blitz, Donner, Meteore und himmlisches Eisen galten darum lange Zeit als Ausdruck göttlicher Aktivität. Das zeigt sich auch im blitzenden Hammer des germanischen Gottes Thor. Er besaß ebenso blitzende Donnerwaffen wie der griechische Zeus oder der indogermanische Diyaus Pita.

Magische Waffen des Sagenhelden Siegfried oder des König Artus, wurden sehr wahrscheinlich aus Meteoreisen verfertigt. Auch geschichtliche Helden und Eroberer wie der Hunnenkönig Attila († 453) oder Timur Lenk (1336-1405 – Timur ist vom türkischen Temür abgeleitet, das Wort für »Eisen«), besaßen aus Meteoreisen geschmiedete »Himmlische Schwerter«. Auch die arabischen Kalifen führten Schwerter aus Meteoreisen in der Hand.

Und Wir haben das Eisen herab gesandt. In ihm ist starke Gewalt und Nutzen für die Menschen –, damit Allah kennt, wer Ihm und Seinen Gesandten im Verborgenen hilft.

Aus der Sure »Der Stern« (Al Najm)

Manche Legenden behaupten dass der heilige Stein der Kaaba in Mekka, von Abraham aus einem 1.100 km östlich von Mecca befindlichen Meteoritenkrater in die heilige Stadt gebracht worden sei. Dieser Schwarze Stein der Kaaba soll aus extraterrestrischem Silikat-Glas bestehen, worin Meteoreisen eingeschlossen ist. Vermutlich handelt es sich dabei um ein Bruchstück des Meteoriten der vor ungefähr 6.000 Jahren im saudi-arabischen Wabar niederging. Über dieses Ereignis scheinen viele arabische Poeten geschrieben zu haben. Sogar der Koran erwähnt diesen Ort als das »Iram der Säulen«: eine Stadt die in verschiedenen Fabeln (Märchen aus 1000 und einer Nacht) manchmal als das Atlantis des Sandes erwähnt wird, das wegen der Bösartigkeit seines Königs einem »Himmelsbrand« zum Opfer fiel.

Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den 'Âd verfuhr, jenen Bewohnern der Stadt Iram, mit den emporragenden Säulen, dergleichen in keiner Stadt sonst errichtet worden waren? Und mit den Thamûd, die Felsen zum Bauen ins Tal brachten? und mit Pharao, dessen Heerscharen seine Herrschaft wie Pfähle stützten? Sie trieben maßlos in den Städten ihr Unwesen und richteten viel Unheil an. So überhäufte dein Herr sie mit peinvoller Strafe. Dein Herr beobachtete alles genau.

Aus der Sure »Die Morgendämmerung« (Al Fajr)

Wir können davon ausgehen, dass schon die Urzeitmenschen, lange vor der Neusteinzeit und Bronzezeit, kleinere Stücke aus Meteoreisen als Werkzeug bei sich trugen. Meteoreisen war das beste Metall das zu damaliger Zeit ohne Verhüttung zur Verfügung stand. So besaßen die Urmenschen eine Eisenlegierung die alles überragte was bis 1890 an Metallgegenständen industriell hergestellt werden konnte!

Erst seit den 1920er Jahren wurde viel Geld ausgegeben, um einen der größten Metall-Meteoriten in der Geschichte der Erde zu untersuchen: der Canyon Diablo (»Teufelsschlucht«). Der ca. 300.000 Tonnen schwere Eisenmeteorit hat einen der größten und berühmtesten Krater in der Wüste von Arizona hinterlassen. In den Bruchstücken die man bis heute fand, kam auch eine besondere Substanz vor, die man bis zum damaligen Zeitpunkt auf der Erde noch nicht als chemische Substanz kannte: Siliciumcarbid – heute synthetisch hergestellt, wird diese Silicium-Verbindung als Halbleiter in Leuchtdioden verwendet.

Fortsetzung folgt

 

Weiterlesen ...

Das ist Magie

von S. Levent Oezkan

Wer nach der wahren Bedeutung des Wortes Magie sucht, muss zuerst einen großen Irrtum beseitigen: Es geht nicht um den Handel mit Illusionen! Magie ermöglicht dem individuellen Geist sich mit der endgültigen, göttlichen Realität zu verbinden - einer Realität in der alles möglich ist!

Magie ist die Erweiterung des menschlichen Seelenlebens und die Ausdehnung der geistigen Fähigkeiten des Menschen. Der magische Mensch will nicht nur in der Welt sein, sondern er will in der Welt handeln. Die Wörter Machen und Magie stammen aus der gleichen indoarischen Wortwurzel magh - dem Vermögen etwas zu tun. Das entsprechende Substantiv maghá steht für Gabe, Geschenk, Reichtum und Wohlstand. Die Silbe magh hat immer mit etwas Großartigem zu tun. Sie ist in dem Wort Magazin ebenso enthalten, wie auch in Mechanik, Macht, Maschine, Magnat, Magma, Magnifikat oder Magnet (im alten Griechenland fand man massenweise magnetisches Erz auf der Insel Magnes).
Magie steht für Ausdehnung, Erweiterung, Vergrößerung und Anziehungskraft.

Wiege der Magie

Vor etwa 6.000 Jahren kamen die Arier in die Region Baktriens, einer historischen Landschaft die sich über das östliche Hochland Irans bis nach Afghanistan hin ausdehnt und vom Hochgebirge des Pamir und des Hindukusch umgeben ist ("Iran" bedeutet "Land der Arier"). Im 2. Jahrtausend v. Chr. kam es zu einer Trennung der arischen Bevölkerung. Ein Gruppe der Arier begab sich auf den indischen Subkontinent, wo sie die Flussebenen des Indus besiedelte. Der Name Indus ist das altpersische Wort für "Fluss". Vom Namen Indus erhielt das Land Indien, wie auch die dort entstandene Religion, der Hinduismus, seinen Namen.
Mit dem Auftreten des Propheten Zoroaster um etwa 1.000 v. Chr. breitete sich das baktrische Ariertum später weiter nach Westen hin aus. Weitere 1.000 Jahre später kamen die berühmten Magoi Apo Anatolon (altgriech. μάγοι ἀπὸ ἀνατολῶν) - die heiligen Magier aus dem Morgenland nach Bethlehem. Und Magoi war das altgriechische Wort zur Bezeichnung der Angehörigen der zoroastrischen Priesterklasse.

Als aber Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes, siehe da erschienen Magier vom Morgenland in Jerusalem und sagten: wo ist der neugeborene König der Juden? wir haben nämlich seinen Stern gesehen im Osten, und sind gekommen, ihm zu huldigen.

- Matthäus 2:1-2

Man könnte sagen, dass die spirituelle Tradition der indischen Arier die Grundlage der Mystik bildet, während aus der baktrischen Tradition der Arier das erhalten blieb, was man heute als Magie bezeichnet. Doch beide Wege - Mystik und Magie - führen den Menschen zu einem Bewusstsein, dass sich außerhalb des Bereichs körperlicher Erfahrung befindet. Damit sind jene Ebenen der Wahrnehmung gemeint, die nicht abhängig von normalen Sinneswahrnehmungen sind.

Der mystische Weg ist ein introvertierter, meditativer Weg, der im buddhistischen Orient, wie im christlichen Okzident seine Spuren hinterlassen hat. Mystik ist eine reflektive Methode, in der sich der Praktizierende durch Innenschau auf den Weg der Erleuchtung begibt.
Der magische Weg ist das extravertierte Erheben der äußeren Wahrnehmung. Magie ist eine projektive Methode, wobei innere Bilder auf etwas im Außen gelenkt werden, was diese Bilder empfängt und materialisiert. Die Spuren des magischen Weges kreuzen die Hermetik, die Gnosis und die Kabbala.

Die "projektive Art" des Magiers darf nur von jemandem ausgeführt werden, der psychisch stabil ist. Gott lässt keine Psychopathen magisch arbeiten!
Wer trotz seiner psychischen Probleme versucht magisch zu arbeiten, läuft Gefahr, in seinem Leben Veränderungen herbeizuführen, die mitunter alles andere als gut sind. Wer seine Sinne nicht so recht beisammen hat, der sollte sich auch nicht mit Magie beschäftigen!
Bevor man mit der magischen Arbeit beginnt, ist es vielleicht ratsam sich einer Therapie zu unterziehen. Insbesondere heutzutage, wo Stress und Täuschung allgegenwärtig sind. Oft wissen wir nicht einmal, dass in uns bestimmte Geister am Werk sind, die vielleicht Negatives verlangen, Angst oder Visionen einer negativen Zukunft hervorrufen. Pessimismus und Magie passen einfach nicht zusammen. Wer Trost sucht, wird ihn in der Magie nicht finden.
Magie ist nichts Emotionales, sondern etwas Geistiges.

Magie im alten Alexandria

Einen wichtigen Beitrag zur Magie lieferten die Schulen im alten Alexandria, deren magische Tradition sich bis heute erhalten hat.
In Alexandria lebten und wirkten Neuplatoniker, Gnostiker und Hermetiker, die alle auch Magier gewesen sind. Gängige Sprache im alexandrinischen Mittelmeerraum war das Altgriechische, in dem auch viele alte Lehrschriften der Magie abgefasst sind. Altgriechisch als Sprache der Gelehrten, wurde aber Anfang des ersten Jahrtausend immer weiter durch die lateinische Sprache verdrängt. Damit versank hermetisches und magisches Wissen immer weiter im Untergrund.

Erst im 18. Jhd. - insbesondere im Zeitalter der Aufklärung - kam hermetisches und magisches Wissen wieder in Umlauf. Zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jhd. gründeten sich neue, magisch arbeitende Geheimorden. Ihre Mitglieder bezeichneten sich jedoch als Philosophen - nicht als Magier. Wenn die Philosophie die Liebe zur Weisheit ist, dann enthält diese Wissenschaft auch die Liebe zur Magie.
Es geht hier vor allem um praktische Philosophie.
Für den Neuplatoniker Iamblichos von Chalkis (245-325) war das Studium der Schriften Platos nur sinnvoll, wenn damit auch praktisch gearbeitet wurde.
Nur über Dinge nachzudenken ist einfach nicht ausreichend, denn Denken führt nur zu noch mehr denken und bleibt immer nur Denken. Ohne die praktische Anwendung der gewonnenen Weisheiten, kann sich die menschliche Seele nicht ausdehnen. Doch das ist letztendlich das Ziel der Magie: das Bemühen das individuelle Bewusstsein in Richtung der endgültigen Realität Gottes auszudehnen. Nur so gewinnt der Magus Erkenntnisse, die ihm den Aufenthaltsort von Wesenheiten offenbaren, mit deren Hilfe er seine magische Arbeit vollbringen kann.

Pharos von Alexandria - ewigeweisheit.de

Der Neuplatoniker Iamblichos.

Das Zwischenreich - eine magische Region

In eigentlich allen Kulturen der Welt gibt es ein existentielles Grundbedürfnis instinktiv handeln zu können. Diesem Grundbedürfnis gleichen sich alle anderen Bedürfnisse an.
Wenn wir mehr Geld verdienen möchten, wünschen wir uns in der materiellen Welt auszudehnen. Die Notwendigkeit unsere Seele zu erweitern ist aber bei weitem wichtiger als mehr Geld auf dem Konto zu haben. Trotzdem aber dehnen wir unser inneres Verlangen immer weiter aus, um Objekte im Außen zu erlangen - ohne wirklich zu wissen, wie viel wir davon tatsächlich gebrauchen können. Und gleichzeitig glauben viele, dass die Dinge im Außen begrenzt sind. Doch in Wirklichkeit gibt es für den magisch arbeitenden Menschen gar keine Begrenzung. Nicht einmal der Himmel beschränkt die Ausdehnung seiner Seele.
Aus dieser Haltung entwickelte sich die Magie, als Weg unsere innere Natur über die Grenzen unserer Existenz auszudehnen und zu erkennen: wir sind hier und dort ist Gott. Zwischen diesen beiden Ebenen des Bewusstseins begibt sich der Magier in ein Feld direkten Austauschs. Es ist ein Bereich der sich zwischen der individuellen Realität unserer Seele und der unaussprechlichen, äußeren Realität Gottes befindet: Das ist das Zwischenreich.
Die alten Weisen wussten von dieser magischen Region, die sich zwischen der individuellen und der endgültigen, göttlichen Realität befindet. Es ist ein magisches Gebiet, in dem sich geordnete Geistformen hierarchisch strukturieren - ein Reich von Daimonen, Geistführern, Engeln und Gottheiten.

Als wir auf dieser Erde geboren wurden, kam unsere Seele durch diese Region, bevor sie in den Leib unserer Mutter einzog. Durch dieses magische Gebiet kehrt sie nach dem Tod unseres Körpers wieder zurück in den unbegrenzten Ozean aller Seelen.
Dieses Zwischenreich, das durch Magie angesprochen wird, ist unzugänglich auf körperlicher Ebene. Es ist immateriell und kann nur mittels unseres Bewusstseins und unseres Geistes angesprochen werden.

Emblem - Oculus Non Vidit - ewigeweisheit.de

Das Emblem - Oculus Non Vidit
"Kein Auge hat gesehen und kein Ohr gehört was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" - 1 Korinther 2:9

Die uralte Tradition der Magier

Das magische Zwischenreich von dem hier die Rede ist, fügt sich aus einem System magischer Gesetzmäßigkeiten zusammen. Diese Gesetze haben sich über viele tausend Jahre hinweg theoretisch wie auch praktisch bewahrheitet. Wahre Magie stütz sich auf diese sehr alte Tradition, ohne die, keine magische Arbeit möglich ist.
Viele befolgen heute aber nur halbherzig diese magischen Gesetzmäßigkeiten. Und so gibt es jede Menge Dilettanten - die sich aber dennoch als Magier ausgeben. Doch niemand unter solchen bringt auch nur annähernd Resultate hervor. Zwar wissen viele, dass die menschliche Psyche magische Fähigkeiten hat und stehen vielleicht auch in Kontakt mit den Wesenheiten dieses magischen Zwischenreichs, doch sie haben keine Macht über sie. Es kommt darum öfter vor, dass Wesenheiten des Zwischenreichs solchen "Möchtegern-Magiern" schmeicheln, denn sie sehen in ihnen die Möglichkeit, am Geschehen auf der Erde teilzunehmen, was ihnen ohne den Menschen verwehrt bliebe. In einem solchen Fall spricht man auch von "Besetzungen". Dann wird das Individuum im Glauben gehalten es verfüge über magische Fähigkeiten, wird aber stattdessen von diesen Wesenheiten für andere Zwecke eingesetzt, was mitunter mit schwerwiegenden psychischen Störungen einhergeht.

Viele versuchen sich mal schnell irgendwas auszudenken, um damit anderen zu imponieren. Es mag sein, dass solche magischen Kleinarbeiten ihre Wirkung haben - doch alles nur Kurzweil. Es führt einfach zu nichts, wenn man kein Ziel verfolgt. Generell gilt das für alle Vorhaben eines Menschen.

Wer kein Ziel hat, bleibt der Sklave der Ziele anderer!

Ähnlich ist es mit der Heilkunde: Man kann zwar schnell jemanden anscheinend gesund machen - das bedeutet aber nicht, dass er auch wirklich geheilt ist und gesund bleibt. Heilen heißt nicht, ein Symptom verschwinden zu lassen - Heilen heißt jemanden von innen an die Wahrheit seiner Existenz, und damit zur Gesundheit zu führen - doch leider sind der Dilettanten viele!

Wenn wir uns bei unserer magischen Arbeit nicht auf eine Tradition besinnen, sondern Formeln und Vorgehensweisen verwenden, deren Ursprünge uns nicht bekannt sind, dann führen sie ebenso ins Nirgendwo, so wie wir auch nicht wissen woher sie stammen!

Alle Dinge und Zustände die wir uns sehnlichst im Leben wünschen, wünschten sich auch schon andere Menschen in der Vergangenheit. Wir sollten uns darum auf das Gedankengut, lang erhaltener Weisheiten stützen. Das liefert uns die Tradition.

Éliphas Lévi Zahed - ewigeweisheit.de

Der französische Magier Eliphas Levi (1810-1875)

Der Hermetische Orden der Goldenen Morgenröte

1888 wurde in London der "Hermetic Order of the Golden Dawn" gegründet. Die Gründer dieses Ordens waren so illustre Gestalten wie z. B. der Arzt Dr. Wynn Wescott oder S. L. MacGrecor Mathers. Mitglieder des Ordens waren Wissenschaftler, Künstler und Dichter, darunter William Butler Yates (Nobelpreisträger für Literatur 1923). Weitere Mitglieder waren die Schriftstellerin Dion Fortune, der Theosoph A. P. Sinnett, Arthur Edward Waite, der Entwickler des Rider-Waite-Tarot, und der Autor Bram Stoker (Autor des "Dracula").

Als Organisation existierte der Golden Dawn nur etwas mehr als 30 Jahre. Doch in den Jahrzehnten seines Wirkens war dieser Orden sehr kreativ und schuf einen riesigen Corpus an Schriften und praktischen Anleitungen.
Der Orden beschäftigte sich mit Kabbala, Tarot und Weissagung. Ein großer Teil des vom Golden Dawn verwendeten magischen Systems, wurde von dem französischen Diakon und Okkultisten Eliphas Levi übernommen. Levi glaubte dass Veränderungen in der materiellen Natur allein durch den Willen hervorgerufen werden können. Für ihn war Magie auch ein Mittel, Veränderungen im Denken eines anderen Menschen hervorzurufen.

Liebe ist das Gesetz. Liebe unter Willen!

- Aleister Crowley

Solche und andere Auffassungen sollten zentrale "Glaubensvorstellungen" der Mitglieder des Golden Dawn werden. Dieser Glaube wurde später auch von anderen Organisationen wie dem O.T.O. (Ordo Templi Orientis) übernommen - zu deren Mitgliedern auch Aleister Crowley (Begründer der neureligiösen Bewegung Thelema), Rudolf Steiner (Begründer der Anthroposophie), Henry Spencer Lewis (Gründer des A.M.O.R.C., dem Alten mystischen Orden vom Rosenkreuz) oder Franz Hartmann (Theosoph und Übersetzer der Bhagavad Gita und des Dao-De-Ging) zählten.

Magie ist die Kunst und Wissenschaft, die Welt in Übereinstimmung mit dem Willen zu formen.

- Aleister Crowley

Neophyten werden in das System des Golden Dawn durch drei praktische Übungen eingeführt, die wir uns im Folgenden ansehen wollen.

Divination mit Tarot - ewigeweisheit.de

Divination mit Hilfe des Tarot

1. Divination

Divination ist im Golden Dawn eine Methode der Weissagung und Prophezeiung mit Hilfe des Tarot, des chinesischen I-Ging, der Geomantie und der Astrologie. All diese Hilfsmittel dienen der Sensibilisierung des Fragers, womit er seine Vorstellungskraft allmählich verfeinert. Es geht um eine innere, imaginative Welt von Bildern, die aus der oben erwähnten Zwischenregion stammen, mit dem Ziel die Gottheiten um Rat zu fragen.

Es gibt besondere Kräfte im Kosmos, inklusive den tieferen Ebenen unseres Bewusstseins. Sie sehnen sich regelrecht danach sehnen uns zu helfen, all die Wirrnisse die uns im Leben fordern, zu überwinden. Wer ihre Hilfe in seinem Leben verfügbar zu machen weiß, wird sein Bewusstsein wirklich bereichern. Das ist die eigentliche Essenz der Divination.
Zuerst hält man Ausschau danach, welche Zeichen sich in bestimmten Situationen ergeben. Jedes Zeichen besitzt einen individuellen Modus. Alles was man im Sonnenlicht erblicken kann, kann ein Hinweis sein. Das heißt nicht, dass man vor jeder schwarzen Katze zusammenzucken soll, denn nicht alles ist gleich wichtig - relevant ist der Stellenwert der Erscheinungen. Diesen Wert zu ermitteln ist Kunst der Divination.

Vier magische Waffen - ewigeweisheit.de

2. Vision

Um die Fähigkeit der Vision zu schulen, verwendet das Golden-Dawn-System die indischen Tattva-Symbole. Sie repräsentieren die Elementarkräfte: Akasha (Äther), Luft, Feuer, Wasser und Erde. Jedes dieser fünf Tattvas hat ein besonderes Symbol, das der Magier visualisiert. Die Erde ist ein goldgelbes Quadrat, das Wasser ein graublauer Halbmond, die Luft ist ein hellblauer Kreis, das Feuer ein rotes Dreieck und das Akasha wird meist in Form einer schwarzblauben Vesica, manchmal als Ei abgebildet.
Für die Visions-Übungen fertigt der Neophyt ein großes Bild eines Tattva-Symbols an. In meditativer Haltung davor sitzend blickt er solange darauf, bis das Symbol nach einer Weile Farbe und Form verändert. Das ist der Zeitpunkt, wo sich das Tattva zu einem Tor in das oben genannte, imaginative Zwischenreich öffnet. Nach einer bestimmten Abfolge betritt der Magus nun das Feld dieses Zwischenreichs und verlässt es danach wieder - sofern er den Weg zurück findet!

3. Evokation

Mit der Evokation erhält der Magus ein wichtiges Werkzeug, um mit den Wesenheiten im magischen Zwischenreich in Kontakt zu treten. Dazu begibt er sich in einen auf den Boden gezeichneten Schutzkreis. In diesem Ritual verwendet er "magische Waffen", um die Kräfte des Zwischenreichs zu bannen: ein Stab, ein Schwert, ein Kelch oder ein Pentakel, die je einem der vier Elemente entsprechen. Während dieser Zeremonie steht er vor einem Dreieck, auf dem verschiedene Symbole angebracht sind.
Er kann diese Übung aber nicht allein ausführen. Darum kommt immer eine zweite Person ins Spiel, die als Medium und Empfänger fungiert. Durch das Medium erhält der Magus Antworten der Wesenheiten aus dem Zwischenreich.

Der kluge Pan - ewigeweisheit.de

Der kluge Pan mit seiner "Zauberflöte" - ein Mischwesen - halb Mensch, halb Bock.

Der Magus rezitiert bei seinen Beschwörungen, poetische, teils schwülstige Zauberformeln, um damit ein bestimmtes Wesen anzurufen. Für jede dieser Anrufungen wird der Wesenheit entsprechend ein Räucherwerk entzündet und von den Praktizierenden bestimmte Substanzen eingenommen, Farben getragen, Töne gesungen und Objekte in den Händen geführt. Damit werden alle Sinne auf eine höhere Ebene der Transzendenz erhoben. Die Zusammenstellung von Gerüchen, Geschmäckern, Farben, Tönen und greifbaren Dingen, entnehmen die Magier des Golden Dawn besonderen Zuordnungstabellen. Solche finden sich auch in Aleister Crowley's Buch "Liber 777".
Magus und Medium stehen sich in einem dunklen Raum gegenüber. Licht spenden zwei Kerzen, die das Medium in seinen Händen hält. Während der Magus die Evokation durchführt, erscheinen dem Medium in einem Spiegel die angerufenen Wesenheiten und geben Auskunft über die gestellte Frage bzw. das erwünschte Ereignis. Durch die Anrufung dieser Mächte erhält der Magus einen bestimmten Umfang an Informationen und Weisheiten.
Dies sind aber keine Engel oder lichthaften Wesen, sondern sehr alte Bewusstseinsformen, die mit der Erde und mit den Kräften der Natur zu tun haben - manchmal in Form eines Reptils (z. B. Schlangen, Kröten oder Drachen), eines Vogels oder eines anderen Tieres, oder Mischwesen wie Satyrn, Greifen, Sphinxen und anderen. Es sind in etwa die archetypischen Charaktere von denen man auch aus Märchen erfährt. Auch in der Bibel, insbesondere in der Offenbarung des Johannes, begegnen uns diese magischen Charaktere.

Wer diese Wesen befragt, bekommt Antworten. Doch welchen Wert haben diese Antworten?
Da es sich hier um sehr eindrucksvolle Vorgänge handelt, inspirieren sie die Vorstellungskraft des Durchführenden. Vor allem die Veränderung des menschlichen Bewusstseins, die in einer solchen Zeremonie bewirkt werden, ist beträchtlich. Doch damit auch sehr, sehr gefährlich. Insbesondere bei einem ängstlichen Menschen, werden Tür und Tor geöffnet, durch die allerhand "ungebetene Gäste" das Bewusstsein besetzen können!

Die Invokation

Die hier beschriebenen Übungen gehen einher mit dem Lernen des großen Corpus an theoretischem Wissen aus Religion, Kabbala, Astrologie, Geomantie, Mythologie und Heilkunde. All das sind Informationen mit denen sich der Magus zuvor vertraut machen muss.

Nachdem der Schüler der Magie Divination, Vision und Evokation erlernt hat erfolgt das, was als "Invokation" (lat. invocatio "Hineinrufung") bezeichnet wird. Die niedrigeren Wesenheiten werden evoziert (von lat. evocare "herausrufen") - d. h. durch Evokation angerufen - die höheren Wesenheiten invoziert.
Diese durch Invokation angerufenen Wesenheiten, stammen aus einem transzendenten, himmlisch-göttlichen Feld. Es sind Wesen, die in alter Zeit als Götter und Göttinnen bekannt waren.

Der Heilige Schutzengel

Jedes Individuum ist mit einem spirituellen Selbst begabt, dass Teil des Göttlichen ist. Dieses höhere Selbst hat in sich Gottebenbildlichkeit und vermittelt dem Magus ein besonderes Bewusstsein, mit dem er den lebendigen, göttlichen Funken in sich erkennen kann. Es ist die Essenz des Göttlichen und der Weg zur endgültigen Realität Gottes. Es ist dies auch die höchste Form der Zeremonialmagie, die zur Verbindung mit dem höheren Selbst und damit zur Verbindung mit Gott führt.

Höchstes Bestreben der Zeremonialmagie ist die Vereinigung des Magus mit seinem heiligen Schutzengel. Diesen Schutzengel nennt man auch den Geistführer. In der Kabbala gibt es 72 heilige Namen Gottes, von denen jeweils drei, gemeinsam den Namen des heiligen Schutzengels einer Person bezeichnen. Bei der Ermittlung dieses heiligen Namens, muss aber unbedingt beachtet werden, dass der Golden Dawn ein anderes System für die 72 Namen verwendet, als das traditionelle kabbalistische System bereitstellt. Jedem der 72 Namen entspricht nämlich ein astrologisches Sternzeichen. Im Golden-Dawn-System beginnt der erste Name mit dem Tierkreiszeichen Löwe, während in der traditionellen Kabbala der erste Name mit dem Widder beginnt. Das ist ein gravierender Unterschied!
Bevor man also irgendwelche Buchstabenfolgen zusammenstellt, um durch Invokation seinen heiligen Schutzengel anzurufen, sollte man sich erst vollkommen sicher sein, dass dies auch der richtige Name ist. Alles andere wäre nämlich verheerend! Der heilige Schutzengel ist ein sehr machtvolles Wesen, dass dem Individuum auf ganz vertrauliche Art und Weise Macht vermittelt. Jedes Individuum, hat einen Genius, den man den Daimonion nennt (griech. für "persönlicher Schutzgeist").
Im Golden Dawn verstand man unter diesem individuellen, heiligen Schutzengel, dass, was in der Psychologie als das höhere Selbst bezeichnet wird. Der Magier lernt nach der Vision seines heiligen Schutzengels, diesen immer besser kennen. So kann ein tatsächlicher Austausch mit ihm stattfinden, bis sich die beiden tatsächlich näher kommen und vereinigen. Das ist der magische, aktive und auch kürzere Weg zur Erleuchtung - gleichzeitig aber auch der gefährlichere (siehe oben). Es ist wie beim Besteigen eines Berggipfels: während der Mystiker den langen beschwerlichen Weg auf sich nimmt, klettert der Magier die Steilwand empor - doch immer in der Gefahr zu Tode zu stürzen!

Gut ist das wahrhaftig Lichtvolle

Der persische Prophet Zarathustra - ewigeweisheit.de

Der Prophet Zoroaster (Zarathustra) wirkte um 1.000 v. Chr. im alten Persien (cc).

In der magischen Arbeit öffnen sich bestimmte Bewusstseinsfelder. Dem Individuum können daraus große Mengen Energie zuströmen.
Je nach Erwartung und Haltung des Individuums, wird sich in seinem Leben Entsprechendes ereignen.

Magier wie Mystiker berichten von den atemberaubenden Erlebnissen, die einer erfährt, der mit den Wesenheiten des Zwischenreichs in Kontakt tritt. Es geht hier um Ebenen des Bewusstseins, die mit anderen Mitteln nicht erreicht werden können. Was dabei erfahren wird, ist viel lebendiger als das alltägliche, irdische Leben. Darum ereifern sich viele an den Phänomenen, die sich aus der praktischen Arbeit in der Magie ergeben. Magie vermittelt ein Gefühl vom "Leben der Seele".

Die Magie bietet dem Menschen Mittel, mehr zu werden als er bisher war. Doch es gibt einen Energieerhaltungssatz, der besagt, dass wer nimmt auch geben muss. Wer etwas anderes behauptet, der verrät sich als Lügner.
Wer um jeden Preis mit den Geistformen des Zwischenreichs Verbindung aufnehmen will, muss damit rechnen, dass "gelieferte Dienste" auch in der physischen, alltäglichen Realität von jenen Wesenheiten eingefordert werden, die man darin "konsultierte". Und wer Böses verlangt, von dem wird Böses verlangt. Wer allerdings Gutes will, dem wird Gutes widerfahren.

Man hat als Mensch die freie Wahl, sich für den rechten Weg, den Weg der Wahrhaftigkeit zu entscheiden. Dafür steht die ewig gültige Lehre des Propheten Zoroaster, die jedem Menschen rät

  • gute Gedanken zu denken,
  • gute Worte zu sprechen und
  • gute Taten zu vollbringen.

Auf diesem Fundament der Wahrhaftigkeit ist die Welt gegründet. Da der Mensch das einzige Lebewesen ist, welches die Möglichkeit hat, zu unterscheiden, zu führen und zu verändern, muss er stets versuchen das Gute zu bewirken. Welcher Weg dabei gegangen wird - sei es der des Mystikers oder der des Magiers - das sei jedem selbst überlassen - solange er sich nur für das Gute entscheidet!

 

Weiterlesen ...

Seiten