Zen

Ein Nachruf auf Thich Nhat Hanh

von S. Levent Oezkan

Thich Nhat Hanh - ewigeweisheit.de

Einer der einflussreichsten buddhistischen Mönche der Welt verstarb im Januar: Thich Nhat Hanh. 39 Jahre verbrachte er im Exil, doch wurde in dieser Zeit zu einem der einflussreichsten Persönlichkeiten des Buddhismus weltweit.

In der buddhistischen Gemeinschaft galt er als der zweitwichtigste Mann nach dem Dalai Lama. Durch ihn kam das heute so wichtige Thema der Achtsamkeit in den Westen.

Auf dem Weg zum Mönchtum

Als »Nguyen Xuan Bao« wurde Thich Nhat Hanh am 11. Oktober 1926 in der alten Hauptstadt Hue in Zentralvietnam geboren. Einer seiner Vorfahren war der vietnamesische Dichter Nguyen Dinh Chieu, Verfasser des poetischen Epos Luc Van Tien.

In Erinnerung an seine Kindheit erwähnte Thich Nhat Hanh ein für ihn sehr wichtiges Erlebnis: Als er vielleicht sieben oder acht Jahre alt, war er ganz entzückt von einer Zeichnung des Buddha, die eine buddhistische Zeitschrift zierte, wo dieser ganz friedlich im grünen Gras saß. Dieser und andere inspirierende Momente in seinem Leben, sollten in ihm schließlich selbst den Wunsch aufsteigen lassen, selbst den Weg eines Mönches anzutreten.

Mit 12 Jahren bekundete er sein Interesse an einer buddhistischen Ausbildung zum Mönch, die ihm seine Eltern nach anfänglicher Zurückhaltung schließlich im Alter von 16 Jahren erlaubten.

Sein erster Lehrer war der Zen-Meister Thanh Quy Chan That, der aus der 43. Generation der Lam-Te-Zen-Schule und der neunten Generation der Lieu-Quan-Schule stammte. Drei Jahre lang studierte er bei ihm als Novize, worauf Ausbildungen in den vietnamesischen Traditionen des Mahayana- und Theravada-Buddhismus folgen sollten.

Einer seiner Mönchsgenossen Haenim Sunim, der später Thich Nhat Hanh während einer Reise nach Südkorea als Übersetzer begleitete, nannte ihn einen ruhigen, aufmerksamen und liebevollen Menschen.

Er war wie eine große Kiefer, unter deren Zweigen sich viele Menschen mit seiner wunderbaren Lehre der Achtsamkeit und des Mitgefühls ausruhen konnten

Er war einer der erstaunlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin.

- Haemin Sunim gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters

Man weihte ihn 1949 zum Mönch. Das war in der Zeit, als der Gründervater des modernen Vietnam, Ho Chi Minh, die Bemühungen zur Befreiung des südostasiatischen Landes von den französischen Kolonialherren anstrebte.

Von 1959 bis 1961 unterrichtete Nhat Hanh in mehreren Seminaren den Buddhismus, in verschiedenen Tempeln Saigons. Doch eines Tages wurde einer seiner Kurse unterbrochen und man entzog ihm auf einmal die Erlaubnis zu lehren. Er musste das Land verlassen.

Im Westen

Thich Nhat Hanh sprach sieben Sprachen. So kam es, dass er in den frühen 1960er Jahren viele Vorlesungen hielt – darunter an der Universität von Columbia, der ältesten und wohl einer der renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten.

1963 begab er sich wieder nach Vietnam, um sich der wachsenden buddhistischen Opposition gegen den US-Vietnamkrieg anzuschließen. Manche seiner Gefährten protestierten. Darunter waren sogar einige, die sich dabei aus Protest selbst in Brand setzten.

Zu diesen drastischen Ereignissen schrieb Nhat Hanh zwölf Jahre später:

Ich sah, wie Kommunisten und Antikommunisten sich gegenseitig töteten und zerstörten, weil jede Seite glaubte, ein Monopol auf die Wahrheit zu haben.

Meine Stimme wurde von den Bomben, Mörsern und Schreien übertönt.

Als der US-Vietnamkrieg seinen schlimmsten Höhepunkt erreichen sollte, traf er 1966 in den Vereinigten Staaten auf den Bürgerrechtsführer Martin Luther King (1929-1968). Nhat Hanh versuchte King davon zu überzeugen, sich auszusprechen gegen diesen grausamen Konflikt, der da in seiner Heimat ausgetragen wurde.

King nannte Thich Nhat Hanh einmal einen

Apostel des Friedens und der Gewaltlosigkeit

und schlug ihn vor für den Friedensnobelpreis.

Ich persönlich kenne niemanden, der den Friedensnobelpreis mehr verdient hätte als dieser sanfte buddhistische Mönch aus Vietnam

schrieb King in seinem Nominierungsschreiben an das Nobel-Komitee.

Achtsamkeit als zentrale Lebenspraxis

In einem Interview mit der amerikanischen Moderatorin Oprah Winfrey, aus dem Jahr 2010, fragte sie Thich Nhat Hanh wie ein Mensch Achtsamkeit übt, wenn er in eine schwierige Lebenssituation gerät. Thich Nhat Hanh antwortete darauf, man solle

auf seinen Atem achten und das in einem aufsteigenden Gefühl dabei, als solches erkennen und die Situation zunächst einmal als solche annehmen. Dies um uns selbst dabei zu unterstützen, das uns negative Gefühle nicht überwältigen – wie etwa Angst oder arge Sorgen. Und doch bleibt man dabei gleichwohl man selbst.

Man stelle sich eine Mutter vor, deren Baby schreit. Sie nimmt das Baby zu sich und hält es zärtlich in ihren Armen. Das gilt im übertragenen Sinne auch für unsere Schmerzen und Ängste: Ihnen gegenüber sollten wir uns auch wie eine fürsorgliche Mutter verhalten, uns ihnen zuwenden, um das Leid kennenzulernen, dass sie in uns auslösen. Wir sollten unser Leid, wie die Mutter ihr schreiendes Baby umarmen – und werden dadurch eine Erleichterung verspüren.

Alle die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit üben, werden auf die genannte Weise die Wurzeln, das Wesen unseres Leidens verstehen lernen und dabei einen Weg finden es umzuwandeln.

2013, in seinem Vortrag in dem von ihm gegründeten Plum Village Meditationszentrum (Département Dordogne, Frankreich) erklärte Thich Nhat Hanh:

Man lernt zu leiden. Wenn man weiß wie man leiden kann, leidet man viel, viel weniger. Und dann weiß man, wie man das Leiden gut nutzen kann, um Freude und Glück zu schaffen.

Die Kunst des Glücks und die Kunst des Leidens gehören immer zusammen.

2018 kehrte Thich Nhat Hanh in sein Heimatland Vietnam zurück, wo er seine letzten Tage im Tu-Hieu-Tempel verbrachte. Hunderte Anhänger strömten in die Pagode, um ihren Meister dort bei seinen Ausflügen durch die üppigen Gärten des Tempels zu begleiten.

Am 22. Januar 2022 verstarb Thich Nhat Hanh im Alter von 95 Jahren in seiner vietnamesischen Geburtsstadt Hue.

Er war Autor von 130 Büchern, davon mehr als 100 in englischer Sprache, die bis Januar 2019 in 40 weitere Sprachen übersetzt und weltweit über fünf Millionen Mal verkauft wurden.

In seinen Büchern behandelte er Themen zur Arbeit als spiritueller Lehrer, wie auch über buddhistische Texte. Neben seiner Arbeit als Dichter und Geschichtenerzähler, aber verfasste er auch wissenschaftliche Aufsätze über die Praxis des Zen.

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Tritt ein ins Zen

von S. Levent Oezkan

Enso-Symbol im Zen - ewigeweisheit.de

Im 9. Jahrhundert lebte ein junger Mönch namens Kyoscho, der sich in die Lehre begab, bei dem Zen-Meister Genscha. Als die beiden eines Tages durch den nahegelegenen Wald, am Hang eines Berges spazierten, war Kyoscho etwas ungehalten, zumal er bereits mehr als einen Monat bei seinem neuen Meister war.

Schließlich war er bei ihm in die Lehre gegangen, um den Zustand des Zen zu erfahren. Sein Wissensdurst darum ließ ihn den Meister fragen:

Ich kam zu Euch auf der Suche nach Wahrheit. Wo soll ich beginnen, um in das Zen einzugehen?

Sein Meister antwortete ihm hierauf:

Lieber Kyoscho, hörst Du das leise Plätschern des Gebirgsbaches?

Dem Mönch war es erst gar nicht aufgefallen, doch nun nahm er es war. Da antwortete er seinem Meister:

Ja, ich höre den Bach leise in der Ferne.

Da erhob sein Meister den Finger, blickte ihn an und sprach:

Von dort aus gehe ein ins Zen.

Kyoscho war verblüfft, ja geradezu überwältigt von der dabei gemachten Erfahrung, so dass er kurz in den Erleuchtungszustand eines Satori einging. Auf einmal wusste er was Zen ist, ohne aber zu verstehen was er da gerade erlebt hatte.

Etwas Zeit verging und Kyoscho kam eine Frage zu seinem Erlebnis:

Was aber, Meister Genscha, wäre geschehen, hätte ich den Gebirgsbach nicht hören können?

Da blieb sein Meister stehen, blickte ihm in die Augen, hob seinen Finger und sprach:

Von dort gehe ein ins Zen. Das ist das Geheimnis des Zen. Von wo immer Du bist, von dort aus gehe ein ins Zen.

Ganz gleich ob sich einer ermutigt oder desillusioniert fühlt, ob er in seiner Meditation fortgeschritten oder noch ganz am Anfang steht: Gehe von dort aus ein ins Zen. Das ist die Wahrheit. Das genügt.

Bist Du müde, gehe von dort aus ein ins Zen.

Bist Du verwirrt, gehe von dort aus ein ins Zen.

Bist Du böse, gehe von dort aus ein ins Zen.

Schweift Dein Geist umher, gehe von dort aus ein ins Zen.

Der Erleuchtungszustand ist jetzt erreichbar, gehe von dort aus ein ins Zen.

 

Zwar gehört auch die Sitzmeditation zur Praxis des Zen, doch, wie die Geschichte von Kyoscho und Meister Genscha erzählte, lässt sich das Eingehen ins Zen auch in einer Konzentration auf den Alltag erreichen.

Worauf Meister Genscha immer wieder hinwies, war, sich die Aktivität, die man gerade in diesem Augenblick ausübt, vollkommen wahrzunehmen, ohne dabei irgendwelchen Gedanken oder Beurteilungen nachzugehen. So gelingt einem die Flut seines Denkens einzudämmen.

Der dritte Patriach des Zen in China, Sengcan († 606) sagte dazu einmal:

Wenn unser Denken die Ruhe findet, verschwindet es von selbst.

 

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Über den Zen-Buddhismus

Gehen ist Zen, sitzen ist auch Zen.
Rede ich, schweige ich.
Ruhe ich, eile ich.
Dem Wesen nach ist alles das Unbewegte.

- Altes Zen-Gedicht

Es gibt drei Schulen die den Menschen auf dem Weg zum Buddhatum begleiten:
Hinayana (sanskr. हीनयान, "kleiner Weg"), Mahayana (sanskr. महायान,  "Großer Weg") und Vajrayana (sanskr. वज्रयान, "Diamantweg").

Hinayana ist die ältere buddhistische Schule. Sie ist einfacher und man findet in ihren Lehren solche Weisheiten, die sich eher auf das alltägliche Leben beziehen. Der Mahayana-Buddhismus ist eine höher entwickelte Lehre, die sich um die Erlösung vom Leiden aller Lebewesen, inklusive der des eigenen Lebens bemüht, wobei der Praktizierende dafür die persönliche Verantwortung übernimmt und das Wohl der eigenen Person dem Wohl aller anderen Lebewesen unterordnet. Der Vajrayana hat seinen Ursprung im Mahayana und ist der esoterische Zweig des Buddhismus.
Früher fanden sich die Buddhismus-Schulen des Hinayana in Sri Lanka, Burma, Thailand, sowie im südlichen Japan - die des Mahayana in Nordindien, Nepal, Tibet und im Norden Japans. Vajrayana wurde ursprünglich im tibeto-mongolischen Raum ausgeübt. Heute findet man Vajrayana-Schulen auch im Westen, viele davon in Deutschland, Österreich und in der Schweiz.

Was heute im Westen unter Buddhismus verstanden wird, ist all das womit sich der kleine Weg des Hinayana beschäftigt. Erst durch den 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso gelangten auch die Weisheiten und Meditationspraktiken des Mahayana-Buddhismus in den Westen.

Das gesamte System der buddhistischen Weisheitslehren wurde in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden von vielen verschiedenen Stämmen und Volksgruppen übernommen und verändert. Das Wesen des "Ur-Buddhismus" ist aber am Besten in Nepal, Tibet (wobei die gegenwärtige chinesische Staatsführung die Ausübung des tibetischen Buddhismus nur duldet) und Japan erhalten geblieben.

Eine eigene Stellung im Kontext fernöstlicher Weisheitsschulen hat der Zen-Buddhismus. Im Zen (chin. 禪, "Zustand meditativer Versenkung") finden wir einige sehr effiziente Praktiken, die dem Menschen dabei helfen viele Lebensprobleme durch richtige Meditation zu bewältigen. Viele praktische Anwendungsformen kamen durch Graf Dürckheim in den deutschsprachigen Raum.

Zen zielt auf nichts anderes, als auf die Befreiung des Menschen aus der Not der Entfremdung und auf seine Wiederverankerung im Sein.

- Karlfried Graf Dürckheim, Psychologe und Zen-Meister

Die Zen-Tradition ist wahrscheinlich sogar aber noch älter als der Buddhismus. Weisheit und Praxis des Zen wurde vom Lehrer an den Schüler weitergegeben, schon bevor die Lehre des "herabgestiegenen" Eingeweihten Siddhartha Gautama (Buddha) in die Welt kam. Zen harmoniert mit den Lehren des Buddhismus, als seien beide Schulrichtungen aus der selben Wurzel hervorgegangen.
Man könnte auch sagen, dass das die Verquickung beider spiritueller Wege in Japan zu einem "Neuen Buddhismus" geführt hat.
So wie auch die ursprüngliche Lehre des Buddha von Mund zu Ohr, vom Meister an den Schüler weitergegeben wurde, so auch diejenige des Zen.

Ein berühmter Meister des Zen-Buddhismus wurde einmal nach dem Wesen des Zen befragt. Zunächst verweigerte er zu antworten, doch weiter mit Fragen genötigt sagte er:

Was Zen ist, entzieht sich jedem Begriff und so kann man eigentlich über Zen nichts sagen. Eine Beschreibung dessen was Zen ist, unterscheidet sich vom wirklichen Zen genauso, wie eine Aussage darüber, wie es sich anfühlt wenn man seinen Finger in kochendes Wasser steckt, und der Erfahrung die man macht, wenn man es wirklich tut.


Zen-Meister Wei Chueh

Zen ist also keine Lehre die der Verstand begreifen kann, sondern eine lebendige Erfahrung. Sie kennen zu lernen haben sich alle Zen-Praktizierenden zum Ziel gesetzt.
Zen lehrt den Weg zu dieser Erfahrung, in der uns aufgeht, dass unser Dasein zwischen Geburt und Sterben in einem überweltlichen Sein wurzelt. Wir sind dieses Sein. Es liegt nur im rationalen Verstand eines jeden Menschen verborgen, damit wir es erst mit dem Erlangen eines höheren Bewusstseins wiederentdecken. Zen heißt wesentlich zu leben, um dabei die innerste, dynamische Wirklichkeit unseres menschlichen Seins zu erfahren. Dieses verborgene Sein in jedem von uns, drängt danach in der Welt sichtbar zu werden.

Wie auch im Mahayana distanziert sich der Zen von jedem Götzendienst. Zeitweise waren Zen-Buddhisten regelrechte Bilderstürmer. So soll der chinesische Weise Tan Hia (lebte um 824), als es ihm im Winter zu kalt wurde, seinen Ofen mit hölzernen Buddhastatuen beheizt haben.

Der Zen-Buddhismus hat viele Eigenheiten. Die Weisen der Vergangenheit verwendeten gerne außergewöhnliche, allegorische Handlungen, um ihren Schülern tiefere Einblicke in das Wesen des Seins zu vermitteln. Hierzu fingen sie manchmal plötzlich an ihren langen Bart mit einer Haarbürste zu kämmen, schlugen mit einem Stock auf einen Stuhl, oder schrien plötzlich laut auf.

Alles beginnt mit dem Putzen des Bodens.

Sagt Masataka Toga, Direktor für Zen-Studien an einer der Universitäten Kyotos (Japan).

Wenn Du begriffen hast, dass alle Erleuchtung mit dem Bodenputzen beginnt und mit ihm endet, hast Du Zen begriffen.

Für den Westler mag es lustig klingen, das ein Zen-Meister mit solchen Illustrationen seinem Schüler das tatsächliche Ausmaß der Wirkungen spirituellen Aufstiegs vermitteln will. Doch genau das macht die Praxis des Zen aus.

Im Westen ist Zen vor allem für sein körperliches und mentales Training bekannt. Und wie uns die Geschichte bestätigt, leben Zen-Meister ein langes und gesundes Leben - auch wenn sie in einfachsten Verhältnissen leben.
Das Mentaltraining der Zen-Praktizierenden ist äußerst wirksam und ist in vielen Lebenslagen ein gutes Gegengewicht zu Stress und Unausgeglichenheit. Ehrlich gesagt ist es eher eine Übung in Gleichmut, als wirklich etwas das einem gegen ein Unbehagen oder irgend etwas anderes negatives hilft. Es macht den Übenden weder leidenschaftlich noch leidenschaftslos, weder sentimental noch unintelligent, weder nervös noch gleichgültig. Vielmehr ist es für seine heilende Wirkung bekannt. Insbesondere in der Psychotherapie und Stressbewältigung, wird auf den großen Nutzen hingewiesen, den der Praktizierende aus dem Zen gewinnen kann.

Zen ist eine Lebens- und Geisteshaltung, die einem hilft im Jetzt zu leben und eins zu werden mit den eigenen Handlungen. Das zu tun was in diesem Augenblick nötig ist, ohne schon an das nächste Ziel zu denken - das ist das Wesen des Zen.