Wer ist Al-Khidr?

von S. Levent Oezkan

Chidher, der ewig junge, sprach
 Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
 Ein Mann im Garten Früchte brach;
 Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
 Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
 Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
 Und wird so stehen ewig fort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich keine Spur der Stadt;
 Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
 Die Herde weidete Laub und Blatt;
 Ich fragte: wie lang ist die Stadt vorbei?
 Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
 Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
 Das ist mein ewiger Weideort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
 Ein Schiffer warf die Netze frei,
 Und als er ruhte vom schweren Zug,
 Fragt ich, seit wann das Meer hier sei?
 Er sprach, und lachte meinem Wort:
 Solang als schäumen die Wellen dort,
 Fischt man und fischt man in diesem Port.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum,
 Und einen Mann in der Siedelei,
 Er fällte mit der Axt den Baum;
 Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
 Er sprach: der Wald ist ein ewiger Hort;
 Schon ewig wohn ich an diesem Ort,
 Und ewig wachsen die Bäum hier fort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
 Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
 Ich fragte: seit wann ist die Stadt erbaut?
 Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?
 Sie schrien, und hörten nicht mein Wort:
 So ging es ewig an diesem Ort,
 Und wird so gehen ewig fort.
   Und aber nach fünfhundert Jahren
   Will ich desselbigen Weges fahren.

- Friedrich Rückert

Rückerts tiefsinniges Gedicht Chidher drängt dem Leser eine Frage auf: Von wem ist hier die Rede? Zwar hätten viele darauf eine Antwort, doch wohl kaum wäre man sich einig, wer diese sagenhafte Gestalt wirklich ist. Manche sagen er sein ein Dschinn, andere sprechen von einem entrückten Propheten. Wie andere sehen in Al-Khidr, einen seit uralter Zeit auf der Erde wandelnden Diener der Menschheit.

Alleine schon die Vielzahl an Namensversionen, macht stutzig: man nennt ihn auch Al-Chidr, Chiser, Chisr, Al-Khadir, Khader, Khadr, Khizr, Khizir, Khyzer, Qiezr, Qhezr, Qhizjer, Qhezar, Khizar, Xızır oder Hızır - um einige Schreibweisen anzuführen. In der islamischen Welt ist er damit also weit bekannt. Wir wollen uns im Folgenden aber mit dieser Version begnügen: Al-Khidr.

Wegen der sprachlichen Ähnlichkeit des arabischen Wortes für "Grün", Al-Chadra, brachten die alte Arabern den Namen Al-Khidrs in Verbindung mit der im Frühjahr wieder auflebende Natur. Drum wird er eben auch der "Grüne Prophet" genannt. Die Legende von dem Wundermann stammt für manche sogar noch aus älterer, vor-islamischer Zeit. Sicher haben die Legenden, um den sagenhaften Chidr, ihren Ursprung aber im semitischen Monotheismus.

Im Koran findet sich zwar keine namentliche Erwähnung der Wundergestalt Al-Khidr, doch es gibt Anspielungen auf ihn, wo die Rede ist von einem rechtschaffenen Gottesdiener. Er soll aber über große Weisheit und mystisches Wissen verfügen, womit er jemand wäre, den die Sufis Wali Allah nennen - einen "Gottesfreund". Denn als solcher ist er, nach sufischem Verständnis, tätig als Mittler zwischen Mensch und Allah, und ein Bindeglied zu Gott.

Al-Khidr hat viele Identitäten

Der Überlieferungen nach wird Al-Khidr manchmal gleichgesetzt mit dem Propheten Moses. Ein andermal ist er identisch mit Alexander dem Großen. Wieder andere setzen ihn mit Elias gleich.

Manchmal erscheint er in den Legenden plötzlich an diesem, plötzlich an jenem heiligen Ort. Vom abbasidischen Kalifen Harun Al Raschid (763-809) heißt es, er sei eigentlich der Al-Khidr gewesen, da er sich, ebenso wie jener, mal hier und mal dorthin begab, ein Vielbereister war. So hat die Figur gewiss auch hermetische Züge.

Er ist für manche der unsterbliche Schutzherr der Wanderer und Seefahrer, dessen Seele unstet und immer auf Reisen ist. In der islamischen Gemeinde der Ismailiten (Anhänger des Imam Aga Khan), gilt Al-Khidr als einer der fortdauernden Imame (spirituellen Lehrer), der seit jeher die Gläubigen auf ihrer Lebensreise als ewiger Wanderer begleitet. Dem ähnelt die Annahme, bei Al-Khidr handele es sich um die islamische Form des ewigen Priesters Pinehas, von dem im Tanach die Rede ist. Insbesondere der entrückte Prophet Elias, der dereinst wiederkehren soll: mit ihm wurde immer wieder Al-Khidr auf eine Stufe gestellt. Später setzte man ihn auch gleich mit dem Heiligen St. Georg. Alle drei, Pinehas, Elias und auch St. Georg, waren heldenmütige Eiferer für die spirituellen Gesetze. 

Andere Muslime sprechen in ihrem Glaubenseifer über Chidr, wie über einen Propheten, der in der Reihe der Verkünder der frohen Botschaft von Bibel und Koran steht. Manche Fromme erzählen, ihnen sei Al-Khidr sogar erschienen. Sie wollen ihn mit eigenen Augen gesehen und mit ihm sogar gesprochen haben.

Vor allem in Träumen, scheint Al-Khidr aufzutauchen, und dem Träumer Frage und Antwort zu stehen.

Gebet um Al-Khidr zu begegnen

Bismillah ir-Rahman ir-Rahim
Bismillah ir-Rahman ir-Rahim
Bismillahi al Aman al Aman 
Ya Hanan al Aman al Aman 
Ya Manan al Aman al Aman 
Ya da Yan al Aman al Aman 
Ya subhan al Aman al Aman 
Ya burhan al Aman al Aman 
Min fitna tiz Amani wa dschafa
Il ikhwani wa schar risch schaitan 
Wa sulmis sultan be fadhlika 
Ya Rahim Ya Rahman 
Ya zul Jalali wal ikram 
Wa sall Allahu ala khairi khaliqi 
hi Muhammadin wa alihi wa as habi hi adschmain bi Rahmatika 
Ya Arham ar Rahimin
Wa sall Allahu ala Khairi 
Khaliqi Hi Muhammadin 
Wa alihi wa as Habi 
Hi Adschmain bi Rahmatika 
Ya Arham Ar Rahimin

Manche rezitieren dieses Gebet (arabischer Sprache) um Al-Khidr zu begegnen. Er soll dann dem Betenden im Traum erscheinen und ihm Rat und Führung geben. Einzige Voraussetzung soll sein, dass man zuvor die rituelle Waschung durchführte und danach, bevor man zu Bett geht, als letzte Tätigkeit des Tages dieses Gebet aufsagt. Danach lege man sich auf die rechte Seite und versuche einzuschlafen.

Im Traum sah ich Al-Khidr, der mich zehn Worte lehrte und sie mir an seinen Händen aufzählte: O Allah, ich bitte Dich, dass ich mich Dir immer schön zuwende, auf Dich höre, verstehe, was Du mitteilst, dass ich in Deiner Sache tiefste Einsichten erlange, Dir wirklich gehorsam bin, beharrlich Deinen Willen erfülle, Dir damit eifrig diene, mit Dir nur in Höflichkeit verkehre, mich Dir freudig anheimgebe und Dein Antlitz schaue.

- Überlieferung von Ibrahim Al-Maristani

Al-Khidr - ewigeweisheit.de

Die Quelle des Lebens (rechts im Bild). Im Hintergrund links oben: Alexander der Große, der anscheinend immer noch auf der Suche nach dieser Quelle ist, während sie Al-Khidr bereits fand. Ausschnitt aus einer Miniatur von Nezami Ganjavi (1141–1209).

Eine Begegnung mit Al-Khidr

Besonders in türkischer, persischer und arabischer Literatur, werden in vielen verschiedenen Geschichten Begegnungen mit Al-Khidr erzählt. Im Zentrum dieser Erzählungen steht immer das Zusammentreffen eines Menschen mit Al-Khidr. In den meisten Fällen werden körperliche Begegnungen in der materiellen Welt beschrieben, das heißt, dass jemandem Al-Khidr begegnete, während er bei vollem Bewusstsein war. So soll Al-Khidr im Hause Mevlana Rumis im türkischen Konya, ein- und ausgegangen sein.

Auch wird heute über manch anderen Sufi-Scheich erzählt, man habe ihn bei einer Begegnung mit Al-Khidr heimlich beobachtet oder aber, ohne ihn gesehen zu haben, dessen Stimme gehört.

Solche Begegnungen mit Al-Khidr sind manchmal aber auch unheimlich, da sie sich plötzlich und völlig unerwartet ereignen können. Doch ebenso überraschend wie sein Auftauchen ist sein Verschwinden. Der Beobachter wendet sich kurz um, und schon ist ihm der Khidr entschwunden, ganz so, als hätte es sich nur um ein Hirngespinst gehandelt.

Manchmal erscheint Al-Khidr aber auch solchen, die vielleicht nie von ihm gehört haben und ihn auch nicht um sein Erscheinen baten. Hierzu sei folgende Legende erzählt.

Eines Tages ging Al-Khidr über einen Markt, wo ihn plötzlich ein Bettler ansprach. 'Gib mir Almosen, so segne Dich Allah'. Da antwortete Al-Khidr: 'Bei Gott, ich habe nichts, was ich dir geben könnte.' Da sagte der Arme: 'Ich flehe dich an beim Angesicht Gottes, mir bitte Almosen zu geben. Ich nämlich sah das Zeichen in deinem Gesicht und erhoffe mir Segen bei dir'. Al-Khidr sagte darauf: 'Beim Glauben an Allah, habe ich nichts was ich Dir geben könnte.' Es sei denn, du nimmst mich und verkaufst mich auf dem Markt.' Da staunte der Arme und fragte, um sich zu versichern: 'Ist das wirklich wahr?' Al-Khidr antwortete: 'Ja, ich sage die Wahrheit, fragtest du mich doch in einer großen Angelegenheit. Ich aber werde dich darum nicht enttäuschen. Darum verkaufe mich.' Da brachte der Arme den Al-Khidr auf den Markt und verkaufte ihn dort für 400 Silbermünzen.

Al-Khidr blieb nun eine ganze Zeit lang bei seinem Käufer, auch ohne, dass ihn dieser für irgend eine Sache tatsächlich einsetzte. Da fragte ihn Al-Khidr: 'Hast du mich denn nicht gekauft, da du glaubtest in mir einen bestimmten Nutzen für dich gesehen zu haben? Beauftrage mich doch mit einer Arbeit.' Da antwortete sein Käufer: 'Ich will dich nicht belasten, bist du doch ein alter, schwacher Mann.' Al-Chidr aber sagte: 'Es gib nichts, was mich belasten könnte.' Da sprach der Mann: 'Dann steh auf und versetze diese Steine.' Weniger als sechs Männer hätten sie an einem Tag nicht versetzen können. Der Mann kümmerte sich nun weiter um seine Geschäfte, während Al-Khidr begann die Steine zu versetzen.

Bereits nach einer Stunde hatte er die schwere Arbeit erledigt. Als der Händler zu ihm zurückkehrte und seine gemachte Arbeit sah, lobte er ihn und sagte: 'Das hast du gut und schön gemacht, und hast vermocht, was ich nicht erwartete, dass du es hättest leisten können.' Nun kam dem Mann eine Reise in den Sinn. Da er mit Al-Khidr sehr zufrieden war und ihm vertraute, ernannte er ihn in der Zeit seiner Abwesenheit als seinen Bevollmächtigten. 'Vertrete mich gut bei meinen Leuten', sagte er. Darauf sprach Al-Khidr: 'So beauftrage mich mit einer Arbeit.' Sein Herr antwortete darauf: 'Ich will dich nicht belasten.' Da sagte er: 'Es gibt nichts, was mich belasten könnte.' 'Dann schlage mir Ziegel für mein Haus, bis ich von meiner Reise zurückkehre.'

Der Mann ging also auf seine Reise. Als er zurückkehrte, war sein Haus bereits fertig gebaut. Da wunderte er sich und sprach: 'Beim Angesicht Allahs, was bist du für ein Mensch und was hat es auf sich mit dir?' Darauf antwortete Al-Khidr: 'Du hast mich bei Gottes Angesicht gefragt, und die Frage bei Gottes Angesicht hat mich in die Sklaverei gestürzt. Ich werde dir sagen, wer ich bin! Ich bin Al-Khidr, von dem du gehört hast! Ein Armer hat mich um Almosen gebeten. Ich hatte aber nichts, was ich ihm hätte geben können. Da fragte er mich beim Angesichte Gottes, so dass ich ihn über meine Person ermächtigte und er mich verkaufte.

Ich sage dir, wer beim Angesichte Gottes gebeten wird und den Bittenden zurückweist, obwohl er ihm seine Bitte erfüllen kann, dessen Haut wird am Tage der Auferstehung ohne Fleisch und Knochen dastehen.' Da sagte sein Käufer zu ihm: 'Bei meinem Glauben an Allah: Ich habe dich belästigt, o Gottesprophet, ohne davon zu wissen!' Al-Khidr darauf: 'Das ist nicht schlimm. Du hast gut gehandet und mich geschont.' Der Mann sagte darauf: 'Bei meiner Mutter und bei meinem Vater, o Prophet Gottes! Herrsche über meine Leute und mein Vermögen, so wie Gott es dir gezeigt hat. Du hast aber auch die Wahl: wenn du möchtest, so bist du von nun an frei.' Darauf antwortete Al-Khidr: 'Ich möchte dass du mich freilässt, so dass ich meinem Herrn dienen kann'. Da ließ er ihn frei. Und Al-Khidr sprach: 'Dank sei Allah, der mich in die Sklaverei stürzte und mich dann von ihr befreit hat.'

Der grüne Prophet

Geläufig ist, wenn es um Al-Khidr geht, auch die Rede von einem unsichtbaren Propheten oder Weltlehrer, der erst am Ende der Zeiten erscheinen wird, was ihn gewiss mit der Wiederkunft Jesu Christi in Verbindung bringt. So ist dieser gewiss auch eine vermischte Persönlichkeit, die ihn mal im Gewande des Islam, mal als Juden erwähnt, ein andermal mit jenen Heiligen des Christentums gleichsetzt.

Eine alte Erzählung aus Babylon berichtet von der Reise des Izdubar, einem anderen Namen keines Geringeren, als dem legendären Gilgamesh: König von Uruk. Der brachte einen Chadhir (ein anderer Name für Chidr) mit Ziusudra zusammen, dem göttlichen König von Schuruppak. Als solcher wohnte er einst an den Mündungen der Ströme Euphrat und Tigris. "Chadhir" wie auch "Chidr" bedeuten wörtlich "Grün". Für diese Farbe steht auch der alt-griechische Meeresgott Glaukos. Der war eigentlich ein Fischer, der aber ein grünes Wunderkraut aß und sich darauf in jene Gottheit verwandelte.

Kein Wunder wenn Al-Khidr in Illustrationen oft auf dem Rücken eines Fisches stehend abgebildet wird, der darauf über ein Meer zu fahren scheint. Seine Urstadt ist die Quelle des Lebens, als deren Hüter er fungiert. Bei den Türken und Persern ist er in dieser Rolle als "Chisr" bekannt.

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen
Soll dich Chisers Quell verjüngen.

- Aus Goethes Westöstlichem Diwan

Al-Khidr auf dem Rücken eines Fisches - ewigeweisheit.de

Al-Khidr auf dem Rücken eines Fisches. Gemälde aus dem Moghul-Reich, unbekannter Künstler, Mitte 17. Jhd.

Al-Khidr: Hüter eines geheimen Lebenselixiers

Orientalische Dichter sprechen von Al-Khidr als blühendem Jüngling in grünem Kleide, dessen Lippen ein grüner Flaum umsäumt. So ist er also entsprechend seiner Farbe, wohl auch ein Symbol des Wachstums und der Wiederverjüngung. Der Schein der Hoffnung, die Kraft des Ruhmes und selbst die Stärke grünt nach orientalischer Ansicht. Wenn sich im Frühling die Erde verjüngt, so ist's Al-Khidr, der die Bäume grünen lässt. Er mischt in den Purpur des Abends den Schmelz des heiteren Grün.

Wenn eine verloschene Liebe wieder aufblüht, wenn das Alter sich wieder verjüngt und verdorrtes Gebein wieder zum Leben erwacht, so ist es Al-Khidr. Durch ihn  überträgt Gott seine besonderen Fähigkeiten. Das macht aus Al-Khidr definitiv einen Propheten.

In den alten persischen Dichtungen des Firdausi (935-1020) etwa, ist die Rede von Alexander dem Großen, den Al-Khidr zur Quelle des Lebens führte. Sieben Tage wanderte er mit seinen Gefährten durch finstere Wüsten. Schließlich hielten sie, als ihnen ein grüner Strahl entgegenschien, der vom Gewand des großen Al-Khidr ausging. Je näher sie ihm kamen, desto mehr schien sein Licht einem funkelnden Smaragd zu ähneln. In diesem Licht spiegelte sich der Quell des Lebens. Daraus schöpfte Al-Khidr das Lebenselixier und reichte es dem Alexander. Doch letzterer war für diese Gabe noch nicht bereit, denn er vergoss was man ihm reichte. Er reiste ab, doch wollte das Lebenselixier erneut finden, kurz vor seinem Tode. Nur da war es bereits zu spät. 

Von diesen Erklärungen aus ergibt sich alles andere. So zum Beispiel auch die Geschichte, wie Mose mit seinem Diener den Herrn der Gewässer traf - womit kein anderer als Al-Khidr gemeint ist. Der Heilige stillte Moses' Durst nach Weisheit und gab Alexander und seinen Kriegern zu trinken.

Al-Khidr gilt als Schutzgeist aller Reisenden, zu Wasser und zu Lande. Besonders die Sage von der Begegnung Alexanders mit Chidr, verfügt über eine Fülle an Zeugnissen.

Wo befindet sich jene Quelle des Lebens, die Al-Khidr kannte?

Es heißt, der grüne Prophet Al-Khidr lebe im Lande der Finsternis. Dort fließen die Ströme eines Süßwasser-Meeres mit denen eines Salzwasser-Meeres zusammen. Wer in dieses Land der Seeligkeit eintreten will, begebe sich nach Süden, ans "Horn der Sonne". So will es ein Autor des 3. Jhd. n. Chr.: der Pseudo-Kallisthenes. Er weist den Weg in die libysche Wüste, wohin sich einst auch Alexander der Große begab. Der stieß auf seinem Nordafrika-Feldzug dort auf ein Orakel des Amun, in der west-ägyptischen Oase Siwa. Da aber auch den Gott Amun zwei Hörner als Kopfschmuck trug, hielt man wegen seiner ähnlichen Helmverzierung, einst sogar Alexander den Großen für diesen alt-ägyptischen Gott.

An den Grenzen von Mittelägypten, befindet sich nun also diese Oase, die man im Ägypten das Palmengefilde nennt. Zwei Quellen sprudeln dort. Die eine nannten die Griechen "Sonnenquell". Darin soll laut Legende der alt-ägyptische Sonnengott Amun sein Angesicht gewaschen haben. Ihn nachahmend, wusch darin auch der ägyptische König sein Gesicht. Er war Herrscher des ammonischen Landes, in welches auch Alexander der Große kam. Der nämlich ließ sich dort, von den Sonnenpriestern, im alten Tempel des Jupiter Amun, selbst zum Sohn des Sonnengottes erklären.

Und genau jener Quell in der Oase Siwa, sollte den Arabern später zum Lebensquell par excellance werden. Man stelle sich vor: in der Wüste ist gar jede Quelle und jede Oase von höchstem Wert. Denn wer einmal eine Wüstentour gemacht hat weiß, dass der Aufenthalt in kühlenden Schatten der Palmen einer Oase ein wahrer Segen und das Geräusch sprudelnden Wassers ein wahrer Trost sind. Der griechische Gesichtsschreiber Herodot (490-420 v. Chr.) sprach nicht zufällig über die Oasen, von "Inseln der Seligen".

Ägypten war, mit dem Nil, für die Alten wie ein Flusstal in der Wüste. Wohl kaum hätte das Reich der Pharaonen ohne den Nil und seine jährliche Flusschwemme dort je existiert.

Auch Siwa hätte nicht die selbe Bedeutung gehabt, wäre es keine Oase gewesen, in Mitten der libyischen Wüste, die sich bis nach Ägypten hinein erstreckt. In seinen Metamorphosen sagt der römische Geschichtsschreiber Ovid (geb. 43 v. Chr.) über die Oase Siwa:

Dein Gewässer, hörnertragender Amun, ist am Mittag kalt, wird aber beim Aufgang und Untergang der Sonne warm.

- Ovid, Metamorphosen 15:304f

Hier ist sowohl die Beziehung zur Sonne, als auch zum gehörnten Amun, als auch die merkwürdige Eigenschaft des Quellwassers von Bedeutung.

Auch Herodot spricht von dieser Oase:

Das andere Queelwasser ist frühmorgens lau, zur Stunde da der Markt voll wird kälter; mittags ist es schon ganz kalt. [...] Wie sich aber der Tag neigt, nimmt seine Kälte wieder ab bis zum Sonnenuntergang, wo es schon lau ist, und nun steigt seine Wärme immer höher und höher bis zur Mitternacht; da siedet es und sprudelt hoch. Mitternacht geht vorüber, da fühlt es sich wieder ab nis zum Morgen. Und die Benennung dieser Quelle ist Sonnenquell.

-Herodot 4:181

Besonders im alten Arabien, doch sicher auch heute noch, sind Quellen und Oasen heilige Orte, findet man dort doch Schatten, Schutz und Wasser, inmitten gleißender Sonnenhitze. Die Araber sehen darum auch heute noch überall in der Natur Wunder, wo dies zutrifft. Und so hält man Al-Khidr als die Verkörperung dessen, was mit jungem, frischem und grünem Gewächs in Zusammenhang gebracht werden kann. Gewiss ließe sich hier eine Parallele zum "Grünen Mann" der Kelten ziehen, der ja ebenso für Jugend, Frische und Lebenskraft steht.

Alle Mythen um Al-Khidr ähneln sich, denn es geht immer um einen geheimnisvollen Wanderer, der in ewiger Jugend und Schönheit die Erde durchstreift, während Menschenalter und die natürlichen Zyklen des Jahreskreises, ihren unaufhaltsamen Gang fortsetzen.

Orakel-Tempel Siwa - ewigeweisheit.de

Orakel-Tempel der ägyptischen Oase von Siwa (cc). Befindet sich dort jene Quelle des Lebens, von der Al-Khidr und der Prophet Elias wussten?

Die vielen Legenden über den Grünen Propheten

In der gesamten islamischen Welt, lassen sich Belege für die Verehrung Al-Khidrs ausmachen. Etliche Legenden, die sich um diese heilige Sagengestalt winden, erzählen von einer Person oder auch einer Gruppe von Individuen, die Al-Khidr im Traum oder in der Realität begegneten. Zwar ist der Kontext jedesmal ein anderer, doch Elemente in den Wundergeschichten um Al-Khidr, kehren in all diesen Legenden wieder.

Wie auch in den zitierten Textstellen hier angeführt, tritt Al-Khidr in der Rolle eines Nothelfers auf. Einem Eremiten ähnelnd lebt er in der Verborgenheit, der sich nur wenigen Auserwählten in seiner wahren Erscheinung zu sehen gibt. So gilt er den Zwölfer-Schiiten, als ein Freund des verborgenen Imam Mehdi, jenem Weltlehrer, der am Tage des Jüngsten Gerichts auf der Erde erscheinen wird. Al-Khidr hält sich ständig in dessen Nähe auf, um ihm in seiner Einsamkeit Gesellschaft zu leisten.

Das Al-Khidr in manchen Legenden auch Elemente einer vorislamischen Sagengestalt besitzt, machte ihn zu jenem ewigen, weisen Wandersmann. Seit Jahrtausenden sollen er und der Prophet Elias auf der Erde leben - weder Kost noch Trank sei ihnen nötig. Kein Zufall dass jene, die Al-Khidr begegneten, sich für einen Ausstieg aus dem gesellschaftlichen Leben entscheiden. Denn durch ihn lernen sie den Verzicht auf das Ich, was die Sufis das "Az-Zuhd Fi Nafs" nennen. Statt weiter seinem Ego zu dienen, kehrt er sich der Wahrheit zur Demut zu. Eine Geschichte erzählt vom großen Bahram Derwisch. Der bekleidete im 16. Jhd., unter dem Moghul-Prinzen Kamran, ein wichtiges Amt im Staat. Doch nachdem ihm im März 1546 Al-Khidr leibhaftig erschienen war, veränderte sich seine Gesinnung schlagartig: Er gabe alle seine hohen Ämter auf, wurde ein Sufi und begann auf den Straßen Kabuls kostenlos an Durstige Wasser auszuschenken.

Wer sonst noch will Al-Khidr begegnen?

 

(Textzitate in Umschrift aus dem Buch von Herrn Prof. Dr. Patrick Francke: Begegnung mit Khidr)

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