In der Mitte des 17. Jahrhunderts gründete sich im einst osmanischen Salonica, dem heutigen Thessaloniki Griechenlands, eine geheime Bewegung die alle religiösen Gesetze auf den Kopf stellte. Es begann mit der ungewöhnlichen Geschichte eines jungen Mannes der verkündete, selbst der erwartete Messias der Juden zu sein.
Diese Geschichte nahm ihren Anfang in einer Epoche, als das weit verstreute jüdische Volk, dringender denn je nach Erlösung suchte. Aus dieser kollektiven Sehnsucht heraus sollte sich ein unvorstellbares spirituelles Drama ereignen, das sich über mehr als einhundert Jahre mit dem Auftreten verschiedener, selbsternannter Messiasse, die jüdische Welt in eine unvorhersehbare ekstatische Verwirrung führte.
Und darin gehört die Geschichte der Religionsgemeinschaft der Dönme, und der aus ihr hervorgegangenen Geheimgesellschaften, zu den faszinierendsten Kapiteln der jüdisch-islamischen Religionsgeschichte.
Das türkische Wort „Dönme“ bedeutet wörttlich „sich wenden“ und bezeichnet einen Konvertiten. Doch es impliziert im übertragenen Sinne auch den Bruch des eigenen Wortes – eine zentrale Haltung der Mitglieder dieser Bewegung. Sie waren Juden, die zum Islam konvertierten, doch im Verborgenen eine esoterische, jüdisch-kabbalistische Religionspraxis ausübten (heute leben noch einige tausend Dönme in Istanbul und Izmir).
Um nun dieses spirituelle Phänomen und seine emotionale Tiefenwirkung zu verstehen, die es bei seinen Anhängern hinterließ, muss man es in einen historischen Zusammenhang gestellt ansehen.
Eine Theologie des Paradoxons
Seit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im 2. Jahrhundert n. Chr. lebten die Menschen jüdischen Glaubens in der Diaspora, weit verstreut in den Städten des Mittleren Ostens, Nordafrikas, Persiens sowie Ost- und Westeuropas. Zwar gab es über die Jahrhunderte hinweg Phasen des friedlichen Zusammenlebens – wie etwa im Osmanischen Kulturraum sowie im maurisch-muslimischen Spanien (vor den christlichen Reconquista Mitte des 11. Jahrhunderts), doch die Sehnsucht nach einer kollektiven, physischen und spirituellen Erlösung blieb tief in der jüdischen Seele verwurzelt.
Nachdem die wilden Kriegerhorden der Kosaken 1648 bei verheerenden Massakern in Polen-Litauen (in der heutigen Ukraine) zehntausende Juden grausam ermordet und hunderte Gemeinden ausgelöscht hatten, war die jüdische Welt tief traumatisiert. Diese Katastrophe löste einen kollektiven Schrei nach einem Messias aus – „dem von Gott Gesalbten“, der endlich das verstreute Volk aus dem Exil spirituell heimführen sollte.
Im selben Jahr 1648 (dem Datum, wo auch die Schrekcen des Dreißigjährigen Krieges endeten) trat an die Stelle dieser Sehnsucht dann die Gestalt, die bis heute als die wirkungsmächtigste Figur dieser Rolle gilt: Schabbatai Zwi (1626–1676).
Im Jahr 1666 then, geschah etwas, das die gesamte Diaspora in einen Rausch messianischer Ekstase fallen ließ. Das wurde eingeleitet durch die, man könnte Sagen evangelistischen Verkündigungen des jüdischen Religionsphilosophen Nathan von Gaza (1643–1680), der in Zwi den Messias erkannt hatte.

Nathan, ein gebürtiger aschkenasischer Jude von tadelloser Lebensführung, respektierter Stellung und hoher Bildung, lebte in Gaza als tiefsinniger Mystiker und spiritueller Heiler. Er wusste um die kosmischen Einflüsse der Geschehnisse auf Erden und wie diese einen Menschen auch in seelische Schwierigkeiten führen können. Mittels der Heilslehre des großen Kabbalisten Isaak Luria (1534-1572) – für den das „Böse“ als das galt, was in Wirklichkeit das göttliche Licht durch eine Materialität vor uns verborgen hält –, wusste Nathan, dass diese göttlichen Lichtfunken durch die Menschen aus den Klauen des Bösen befreit werden müssen, um damit ein Messianisches Zeitalter einzuleiten: eine zukünftige Epoche des universellen Friedens und des Einzugs Gottes auf Erden (hebr. Nukvah).
Als Nathan dem charismatischen Schabbatai Zwi begegnete, war er zutiefst fasziniert, auch wenn Zwi – man würde heute sagen – unter einer manisch-depressiven Störung litt. In seinen depressiven Phasen lebte er in asketischer Düsternis, doch in seinen manischen Phasen vollführte er exzentrische Taten: Er tanzte wilde Tänze oder badete nackt in Seen, was einem Rabbi natürlich verboten war. In extatischer Raserei schlug er die Türen der Synagoge in seiner Heimatstadt Smyrna mit einer Axt ein, um den Gottesdienst gewaltsam zu übernehmen und laut den im orthodoxen Judentum unaussprechlichen Gottesnamen JHVH trotz aller Verbote laut schreiend auszurufen.
Nathan aber hatte Zwi in einer eigenen Vision von Engeln umgeben gesehen und verkündete der Welt, dass dieser Mann der lang ersehnte Messias sei, der Christus, der die jüdischen Menschen aus den Fängen der Finsternis befreien werde.

Eine unerhörte Vision zur Heilung der Welt
Was Isaak Luria den Tikkun nannte – die Reparatur der Welt –, gestaltete sich für Zwi, auch wenn er das Konzept übernommen hatte, etwas anders. Er lehrte, dass sich mit dem Erscheinen des Messias die alte Weltordnung und die Gesetze des prä-messianischen Zeitalters aufgelöst hätten. Um die göttlichen Lichtfunken aus den tiefsten Abgründen des Tabus zu befreien (durch den Tikkun), praktizierte er einen heiligen Antinomismus – wo das bewusste Brechen traditioneller Gebote sogar zur religiösen Pflicht erhoben wurde!
Aus esoterischer Perspektive betrachtet ließe sich sein Wille, eine fundamentale Transformation der Religion zu erreichen, durchaus mit seinem Vornamen assoziieren. Denn Schabbatai leitet sich direkt vom hebräischen Wort Schabtai ab, was in der jüdischen Tradition und Mystik exakt den Namen des Planeten Saturn bezeichnet.
Der Saturn besitzt in der Astrologie eine düstere, negative Konnotation als Planet der Melancholie, der Fesseln und der dunkelsten Geheimnisse. Gleichzeitig war der Saturn schon immer der Planet der das Volk Israel beschützte (der Sabbat, der Samstag, ist der Tag des Saturn, wie das ja etwa auch im englischen „Saturday“ anklingt).
In der Rolle als der Messias hatte Zwi vielleicht seine manisch-depressive Veranlagung als direktes Abbild dieses kosmischen Prinzips gesehen. Er empfand sich eben als der prophetische Grenzgänger, der dazu bestimmt war, freiwillig in diese saturnische Finsternis hinabzusteigen, um das dort verborgene Licht zu befreien. Bemerkenswert dabei ist, dass im besagten Jahr 1648 der Planet Saturn, als er sich im Sternzeichen Zwillinge befand, mit dem Jupiter ein astrologisches Quadrat bildete, was die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit anzeigte.
Zwischen Turban und Tora
Vieles was Schabbatai Zwi während seines triumphalen Auftretens in Smyrna einführte, erschütterte das traditionelle Judentum in Mark und Bein. So eröffnete sein messianisches Wirken etwa die Dimension einer feministischen Bewegung. In einem bis dahin nicht dagewesenen Akt der Emanzipation rief er Frauen dazu auf, aktiv aus dem kabbalistischen Buch des Sohar und sogar aus der Tora vorzulesen, was im damaligen rabbinischen Patriarchat ein Sakrileg war. Er erklärte feierlich, dass die biblisch-spirituelle Unterordnung der Frau in der nun angebrochenen neuen messianischen Ära aufgehoben sei.
Dies könnte sich unter dem Einfluss des Bektaschi-Sufismus im Osmanischen Reich entwickelt haben, wo Frauen ebenfalls als besonders empfänglich für den göttlichen Geist galten. Was die Bektaschi mit den Dönme teilten, war eine Kultur der Geheimhaltung und der Dualität, die durch die islamische Lehre der Taqiyah (die „Verschleierung“, „Tarnung“) gestützt wurde.
In Zwis religiöser Kosmologie waren die Seelen der Frauen spirituelle Gefäße; sie durften öffentlich singen, die geheimen Mystiken der Kabbala studieren. Viele seiner Anhängerinnen fielen in ekstatisch-prophetische Zustände. Diese plötzliche weibliche Befreiung wurde zu einem tragenden Pfeiler seiner eigentlich doch spirituellen Rebellion.
Das messianische Drama gipfelte schließlich darin, dass Zwi versuchte, den osmanischen Sultan Mehmed IV. zu stürzen und zum Judentum zu bekehren (wie sich aus Briefen Nathans von Gaza entnehmen lässt, die er an jüdische Gemeinden in Europa und im Nahen Osten gesendet hatte). Doch dazu kam es nicht, Der Sultan stellte ihn stattdessen 1666 vor die Wahl zwischen dem Tod durch seine Bogenschützen oder der Konversion zum Islam.
Zwi wählte das Leben, legte das jüdische Gewand ab, setzte den osmanischen Turban auf und nahm den Namen Mehmet Efendi an. Seine Anhänger, die ihm hernach in diese Abkehr vom Glauben folgten, nannte man fortan Dönme. Sie praktizierten nach außen streng den Islam, hielten im Verborgenen aber ihre jüdisch-kabbalistischen Riten ab.
In dieser scheinbaren Anpassung jedoch trat Schabbatei Zwi, wie der jüdische Philosoph Gershom Scholem (1897–1982) in seinem monumentalen Buch „Der Mystische Messias“ zeigt, im engsten Kreis seiner Anhänger weiterhin als der mystische König Israels auf. Doch diese Freizügigkeit sollte irgendwann von anderen, sowohl jüdischen als auch muslimischen Gläubigen nicht mehr gebilligt werden, was die Behörden schließlich zum Handeln zwang.
Darum beschloss auf Wunsch des Sultans der osmanische Großwesir Köprülü Fazıl Ahmed Pascha im Januar 1673, Schabbatai Zwi zu verbannen, sodass er seine letzten Jahre in Einsamkeit und Vergessenheit im damals osmanischen Ulcinj (im heutigen Montenegro) verbringen musste, bis er schließlich seinem gebrochenen Geist und der unerträglichen Last seiner inneren Widersprüche erlag.
Der Weg des Schabbatei Zwi war gleichermaßen faszinierend und paradox. Wer darum die Tragik seiner Erscheinung heute nachzuvollziehen versucht, wie es auch Gershom Scholem tat, der tut das gewiss nicht aus einer Art Sensationslust auf historische Dramen, sondern um die Tiefen und existenziellen Sehnsüchte der menschlichen Psyche besser begreifen zu können.
Die Geburt des reinkarnierten Messias
Nach Zwis Tod im Jahr 1676 spalteten sich die osmanischen Konvertiten in Salonica auf. Die radikalste und langlebigste Gemeinschaft bildeten die Karakaş (gesprochen „Karakaşch“, türkisch für „Schwarzbrauen“).
Die Karakaş glaubten fest an die Seelenwanderung (hebr. Gilgul) und lehnten weltliche Nachfolgestrukturen ab. Ihr esoterisches Wissen hielten sie streng geheim. Sie erklärten einen kurz nach Zwis Tod geborenen Jungen namens Baruchja Russo (1677–1720) zu ihrem rechtmäßigen Führer, da die Seele des ursprünglichen Messias Schabbatei Zwi in ihn übergegangen sei. Nach seinem Übertritt zum Islam wurde er Osman Baba genannt. An seinem 40. Geburtstag wurde Osman Baba dann offiziell als Messias und leibhaftige Inkarnation Gottes auf Erden ausgerufen.
Aus dieser tiefen Verehrung heraus gründete sich in den geheimen Versammlungen der Karakaş das Mysterienfest des Af Bayramı – das „Fest der Vergebung“. Es war die esoterische Antwort auf den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, sprachlich und rituell gehüllt in ein osmanisch-islamisches Gewand.
Es war das der Tag an dem die Eingeweihten zum geistigen Andenken von Osman Baba zusammentraten, um seine in der Gemeinschaft fortlebende Seele in intensiven Gebeten um den vollständigen Erlass ihrer Sünden anzuflehen. Dabei trieben die Mitglieder der Karakaş
das paradoxe Erbe Schabbatai Zwis auf die Spitze: Sie verstanden seinen damals erzwungenen Übertritt zum Islam als einen notwendigen, mystischen „Abstieg in die Schalen des Bösen“. Ihr dabei bewusst vollzogener Bruch mit den traditionellen Verboten, hatte für sie den Sinn, die rein weltliche Dogmatik von innen heraus zu durchbrechen. Die Sünde wurde in ihrer Kosmologie zu einer fast heiligen Pflicht – zu einem widersprüchlichen Werkzeug, das den göttlichen Seelenfunken aus der Gefangenschaft der Materie befreien und die zerrissene Welt reparieren sollte.
Im 18. Jahrhundert griff dann der polnisch-jüdische Mystiker Jakob Joseph Frank (1726–1791) diese geheimen Bräuche der Karakaş auf, nachdem er auf seinen Reisen in Salonica direkt in ihre Geheimnisse eingeweiht worden war. Daraus entwickelte er eine Doktrin, die auf einer eigenwilligen Trinität beruhte.
Frank lehrte die Existenz des „Großen Bruders“ (Schabbatai Zwi, als dessen Reinkarnation er sich selbst sah) und sich als seine endgültige, irdische Manifestation verstand sowie eine weibliche göttliche Urkraft namens Sophia – ein Prinzip, das er später in seiner Tochter Eva Frank als leibhaftige Manifestation der kabbalistischen Schekina verehren ließ.

Wie auch Zwi, vollzog Frank mit tausenden Anhängern im Jahr 1759 einen strategischen Massenübertritt – diesmal jedoch zum Katholizismus –, der allerdings, wie schon im Jahrhundert zuvor, nur als rituelle Maske diente.
Schabbatai Zwi hat die Welt nicht repariert. Er konnte den Weg nicht finden… Ich aber kenne den Ort, zu dem wir gehen.
– Aus Franks „Die Worte des Herrn“, Spruch 62
Den Abstieg in die Finsternis, durch das Überschreiten religiöser Gebote, hatte Frank aus der Praxis der Karakaş
übernommen und machte sie zur zentralen, transformatorischen Maxime seines heiligen Sündertums.
Ich bin gekommen, um alle Gesetze und alle Religionen abzuschaffen, und mein Wunsch ist es, das Leben in die Welt zu bringen.
– Aus Franks „Die Worte des Herrn“, Spruch 103
In der Praxis jedoch mündete dieses Denken in Wirklichkeit in einen abgründigen moralischen Nihilismus und rituell inszenierten Orgien, mit denen Frank und seine Anhänger ganz bewusst jedes gesellschaftliche und göttliche Tabu brachen.
Als die Kirche erfuhr, dass Frank sich zudem selbst als Gott, als Teil einer neuen Dreifaltigkeit, anbeten ließ, inhaftierte man ihn 1760 im polnischen Kloster Jasna Gora. Für seine Anhänger wurde er damit zum Märtyrer.
Nach der Belagerung des Klosters durch russische Truppen kam Jakob Frank im Jahr 1773 frei. Da er die persönliche Protektion der habsburgischen Kaiserin Maria Theresia genoss, ließ er sich mit seinem Gefolge in Brünn (heute Brno in Tschechien) nieder – einer Stadt, die für die Kaiserin einen wichtigen militärischen Anker bildete und in der sie Reformen durchzusetzen begann.
Sein bereits in Brünn lebender Cousin Schöndl Dobruschka, eine sehr wohlhabende und einflussreiche Persönlichkeit in der dortigen jüdischen Gemeinde, bot Frank finanzielle Sicherheit und eine feste gesellschaftliche Basis.
In Brünn baute er zwei Jahre später eine streng disziplinierte, militärähnliche Struktur seiner Bewegung auf und besaß eine eigene Leibgarde. Hier empfing er Tausende Pilger und lebte in seinem illegalen Hofstaat in verschwenderischem Luxus. Dies sollte ihn letztendlich in den finanziellen Ruin stürzen.
Maria Theresia starb im Jahr 1780, womit Jakob Frank seine wichtigste Gönnerin verlor. Ihr Sohn und Nachfolger, Kaiser Joseph II. aber lehnte Franks religiösen Fanatismus, seine im Verborgenen gefeierten Feste und seine Privatarmee strikt ab.
Einen riesigen Schuldenberg hinterlassend, wichen Frank und seine Anhänger ins hessische Offenbach aus, wo sie im Isenburger Schloss Asyl fanden – finanziert von der sogenannten „Warschau-Kompanie“, dem Netzwerk seiner wohlhabendsten, getauften jüdisch-polnischen Anhänger. Bis zu seinem Tod residierte er dort wie ein unantastbarer Herrscher der im Geheimen Riten abhielt, in denen jegliche Vorstellung spiritueller Visionen in einen gänzlich kriminellen und moralisch abartigen Irrsinn umschlugen.
Jakob Frank war kein Mystiker im traditionellen Sinne, sondern ein psychopathischer Machtmensch und Despot, der die tiefen messianischen Sehnsüchte eines traumatisierten Volkes missbrauchte, um ein System der totalen moralischen Regellosigkeit, des Betruges und des sexuellen Exzesses zu errichten.
– Aus Gerschom Scholems Buch „Erlösun durch Sünde“

Vom Erwachen des Inneren Lichts
Wie wir sehen konnten, nahm das hier geschilderte glaubensgemeinschaftliche Drama im schicksalhaften Jahr 1648 seinen Anfang. Während Europa nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges mühsam den Verstand über das Gefühl zu stellen versuchte, fiel der Nahe Osten hingegen in eine messianische Ekstase.
In dieser Zeit kündigte sich in Westeuropa eine fundamentale Zeitenwende an. Während sich die religiösen und politischen Institutionen in Dogmen verhärteten, erschütterte eine naturwissenschaftliche Revolution das alte Weltbild. Durch die Entdeckungen von Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz entstand ein neues, mechanistisches Denken. Es entstand der Glaube, dass die Welt eine mathematisch berechenbare Maschine sei – ein Ansatz, aus dem sich Anfang des 18. Jahrhunderts das Denken einer modernen „Aufklärung“ entwickeln sollte, in dem man als vernünftig gewordener Mensch begann, sich über alles Traditionelle erhaben zu fühlen
Aber genau in dieser Zeit trat Schabbatei Zwi auf – inmitten einer Epoche, in der sich die Menschen im Spannungsfeld zwischen Dogmatik und Wissenschaft von einer großen Unsicherheit umgeben sahen. Zwi aber lenkte mit seiner Erscheinung den Blick Tausender vom bloß gesetzestreuen Denken hin zu einem tiefen Bewusstwerden des Individuums. Er stülpte den Verunsicherten keine neue Dogmatik über, sondern konfrontierte sie mit dem Paradoxon der Erlösung durch den bewussten Bruch mit dem religiösen Gesetz.
Mit dieser spirituellen Kraft bewegte er Menschenmassen weit über das Judentum hinaus und fand sogar in den mystischen Kreisen der Bektaschi-Derwische Resonanz.
Mehr als ein Jahrhundert später fand diese spirituelle Revolution ihren Wendepunkt, als im Jahr 1786 Jakob Frank und seine Anhänger das mährische Brünn verlassen mussten. Es war ein Jahr, das das Auge eines historischen Wirbelsturms markierte, was tiefe Risse in die alte Weltordnung schlug. Es war eine Zeit, in denen eine neu geborene Moderne den uralten, spirituellen Geist des Menschen, einem inneren Modern preisgab.
Vielleicht auch darum führte Frank seine eigenartige Erscheinung letztendlich in Größenwahn und Chaos. Sein Scheitern bewies erneut, dass wie schon bei Schabbatei Zwi, die Unterordnung unter einen allmächtigen, äußeren Führer in die Irre führen muss.
Es ist eben immer schon so gewesen, dass wer sich selbst an die Stelle Gottes setzt, die Verbindung zwischen der inneren Wahrheit und den Gesetzen des Lebens verliert. Und doch schien das, was in den Jahrhunderten zuvor erst durch Zwi und dann durch Frank ausgelöst wurde, groteskerweise einen scheinbar notwendigen Widerspruch in die Welt zu treiben, der als Gegenpol zu den verhärteten religiösen sowie auch areligiösen Strukturen, diesen ihre vermeintliche Alleingültigkeit einfach entriss.
Genau hier liegt der bleibende Erkenntnisgewinn für unsere heutige Zeit: Die Ära der unantastbaren Rabbis und Priester beginnt genauso zu zerfallen, wie das angeblich unumstößliche Dogma einer wissenschaftlich verhärteten Ratio. So zumindest bekommt man den Eindruck als jemand der in der westlichen Welt lebt.
Beginnt der Mensch der Gegenwart vielleicht zu erkennen, dass weder die Zerstörung alter Traditionen noch die Zertrümmerung moderner Gesellschaftsstrukturen Befreiung bringt, sondern dass er sich stattdessen einem neu reifenden Individualismus zuwenden könnte?
Verantwortung statt Unterwerfung
Der Weg zur Erkenntnis des göttlichen Seins ist immer ein zutiefst individueller Weg – sei es in der Kabbala, im Sufismus oder den anderen esoterischen Traditionen. Kein Priester und kein Dogma kann eine Gotterkenntnis für einen anderen Menschen stellvertretend vollziehen. Doch das bedeutet keineswegs, dass man dorthin findet allein durch das Lesen von Büchern!
Es geht also unbedingt darum, aus dem zu lernen, was uns unsere Mitmenschen widerspiegeln, doch sich ebenso mit den heiligen Lehren unserer Welt praktisch zu befassen, sie aktiv auszuüben und das eigene Wesen dabei zu erkennen. Wahre Freiheit verlangt keine blinde Unterwerfung mehr unter einen äußeren Erlöser, dem man sich anschließen muss, sondern die volle Verantwortung für das eigene Dasein im Gefüge der Welt. Es geht um die Entwicklung der Fähigkeit, sich immer wieder zu lösen und neu zu verbinden, worin sich Widerspruch und Einklang abwechseln.
Dieser jedoch enge, oft leidvolle Pfad, der, wenn man ihn antritt dem eigenen sozialen Umfeld eigenartig oder sogar widersprüchlich erscheinen mag, lässt in einem, eine Kraft aufsteigen, die echte Wunder bewirken kann.
In einer Ära, die von materieller Überlegenheit und einer alles beherrschenden Technokratie bestimmt wird – einem System, das den Einzelnen in die Passivität und Sprachlosigkeit drängt –, wird der eigene, göttliche Seelenfunke zum eigentlichen Akt der Befreiung. Indem wir os selbst erkennen und Verantwortung übernehmen, dient unsere spirituelle Reife am Ende jedoch nicht unserem Ego und einer Selbstverliebtheit in die eigene Erleuchtung, sondern dem Gemeinwohl.
Das einstige Paradoxon der Geschichte wandelt sich so in eine gelebte Wahrheit, in der das Licht nicht mehr im Außen gesucht wird, sondern in jedem von uns zu leuchten beginnt – ein Licht, das zum Wohle aller weitergereicht wird.