Wenn wir inmitten eines erfolgreichen Lebens und äußerer Fülle auf einmal eine innere Leere spüren, dann leiden wir, aus Sicht der Kabbala, weniger unter einem tatsächlichen Mangel. Vielmehr befinden wir uns da im „Psychischen Tzim-Tzum“ – einem Zustand konzentrierten Rückzugs aus uns selbst.
Bevor sich dieser Text aber dem praktischen Sinn des Besagten weiter annähert, lassen Sie uns kurz das Wesen des kabbalistischen Tzim-Tzum beleuchten.
Der Rückzug Gottes aus sich selbst
Auch wenn sich streng genommen der Zeitbegriff an dieser Stelle noch nicht anwenden lässt, da es vor der Schöpfung des Kosmos keinen Raum und damit auch keine Zeit gab, lassen Sie uns dennoch das Ereignis des Tzim-Tzum „vor“ den Augenblick des Schöpfungsereignisses stellen.
Seinen Ursprung nahm dieses Konzept (das einen „spirituellen Urknall“ beschreibt) im Geiste des genialen Denkers Isaak Luria (1534-1572) aus der Stadt Safed, im Alten Palästina. Was er erkannte, war das Phänomen der Kontraktion Gottes. Denn laut Luria war es Gott nur durch den Tzim-Tzum möglich eine von ihm unabhängige Realität zu ermöglichen, da es für Gott keinen Bereich gibt, der nicht bereits in ihm vorhanden ist – in einer umfassenden Unendlichkeit seines göttlichen Seins (in der Kabbala genannt „En Soph“ oder „Ain Soph„).
Folglich war die Schöpfung nur durch einen Rückzug Gottes in sich selbst“ möglich. Nur so konnte er etwas in die Existenz bringen, das nicht seine göttliche Unendlichkeit war.
Diese rückzugartige Konzentration schuf einen überdimensionierten Vakuum-Raum im kosmischen Urmeer (der „Urflut“ oder Schlicht dem „Wasser“, von dem ganz am Anfang des Buches Genesis die Rede ist), eine absolute Leere, in deren Zentrum der Kosmos seinen Platz einnahm, um sich von dort stoßartig auszudehnen – was identisch ist mit der Vorstellung vom Urknall der physikalischen Kosmogonie.
Weniger aber ging es dabei um eine Konzentration der Kraft Gottes an einem einzigen Ort, sondern um den Rückzug Gottes aus diesem! Es war der Ort, der sich im „Tehiru“ befand, dem Urraum in dem aller Beginndes Seins seinen Anfang nahm: Dem Ursprung aller Welten, die sich darin verdichteten, als die Welt der Emanation (Atziluth), die Welt der Schöpfung (Beriah), die Welt der Formung (Yetzirah) und die Welt der Handlungen (Assia), die der physischen Welt unseres gegenwärtigen Daseins entspricht – im Hier und Jetzt..
Über die Anwendbarkeit des Tzim-Tzum-Konzepts in unserem Leben
Wer in sich, trotz äußerer Fülle, eine frustrierende Leere empfindet, der erlebt, aus Sicht der Kabbala nicht allein eine Krise, sondern hat sogar die perfekte Voraussetzung gefunden (unbewusst oder bewusst), etwas völlig Neues zu erschaffen.
Wenn wir in unserer Umwelt alles erreicht haben oder in unserer eingenommenen Lebensrolle perfekt funktionieren und trotzdem eine innere Leere spüren, wissen wir meist nicht wohin mit uns selbst. Unser Bewusstsein glaubt dann, dass die gewohnten Strukturen zu bröckeln beginnen oder gar zusammenzubrechen drohen. Dabei aber entsteht der Versuch, ein solches vermeintliches Vakuum mit noch mehr Aktivität, neuen Ablenkungen im Außen zu füllen oder uns gar in Wiederholungsschleifen des Gewohnten zu flüchten.
In Wirklichkeit lässt sich diese Leere, aus Sicht der Kabbala, als die Chance für eine einzigartige mikrokosmische Neuordnung deuten, die sich eben nur durch das Kollabieren in einer zunächst unerträglichen Empfindung von innerer Leere bildet.
Wenn man sich der mystischen Bedeutung dieser Gefühlsempfindung jedoch gewahr wird und sie dabei nicht mehr als Mangel, sondern als einen frei gewordenen, entleerten Raum erlebt, erkennt man ihn als Chance, neues im Leben aufzunehmen.
Eine absolute Leere in der Physik, ist das Vakuum. Es setzt einen hermetisch geschützten Raum voraus, in den ansonsten, bereits durch eine kleinste Öffnung, die Substanz des ihn Umgebenden da hineingesogen würde. Und in dieser Gesetzmäßigkeit könnte man jetzt die Frage verankern, in welches System der Ordnung man sich begibt, als Mensch in einer solchen Lebenskrise oder in welches System der Unordnung?
Wofür ist man offen? Welche Neuigkeiten ist man gewohnt wahrzunehmen? Welchen Nachrichten ist man zugeneigt? Denn das damit einhergehende Öffnen des Selbst bildet den Anfang allen neuen Entstehens, was die Kabbala „Kether“ nennt: Die Krone der Schöpfung.
Nun: Gibt es da vielleicht sogar etwas, dass unter den zertrampelten Fluren unserer Jagd nach Äußerem, als „Goldener Schatten“ unserer wirklichen Einzigartigkeit, in uns schon seit vielen Jahren darauf wartet, endlich wieder zum Vorschein zu kommen?
„Ja“, wäre die Antwort der klassischen Psychologie. Es ist das „Wesen“ unseres „Selbst“, unser Seinskern, der jeden von uns mit seinen natürlichen Potenzialen begabt.
Und eben daraus ließe sich die vermeintliche Leere im Leben mit einer einzigartigen Wahrhaftigkeit unserer größten Stärke „er-füllen“, wo man jenen abgeschlossenen Raum einen Eingang verschafft, in dem einem „nichts Besseres passieren konnte“, als die zuvor genannte Krise, die ihm eben eine Leere schuf, in der sich Großartiges entfalten will.
Jede Neuschöpfung erfordert eben das bewusste Zurückziehen aus dem was ist und was gewesen bleiben soll. Und das ist nur durch die Existenz einer absoluten Leere möglich, um überhaupt Raum für eine neue Entfaltung zu bieten, für ein Erfülltwerden durch die Ideen eines frischen und unverbrauchten Geistes der seinen Weg da hinein findet: Da wird einem ein neuer Geist „eingehaucht“.
Die transformative Essenz
Solange das innere Gefäß unserer Psyche die Empfindungen für alte Rollen, Konditionierungen und den Lärm der Alltagsidentität überfüllen, kann kein echtes, seelengeführtes Wirken entstehen. Was man darum in sich als Leere erfährt, das zeigt, dass sich das System der eigenen Emotionen instinktiv freigeräumt hat. Hierin ist unsere Seele dann angekommen, auf der höchsten Ebene des Bewusstseins und nimmt im Kern die Form eines unbeschriebenen Blattes ein, bereit den schöpferischen „Ur-Funken“ zu empfangen, dessen heiliges Feuer uns darauf die Spur zu unserem wahren Wesen vorzeichnet.
Wenn wir nun die genannten, fundamentalen Wahrheiten hier einmal zusammenfassen, wandelt sich die, durch die Emotion innerer Leere ausgelöste Desorientierung in reine Klarheit, sobald wir ihre innere Wirklichkeit erkennen lernen: Wenn wir das innere System unserer Gefühlswelt freiräumen von den alten, künstlichen Rollen des Alltags, dann verstehen wir es, die Leere in uns nicht mehr als Mangel, sondern als den heiligsten Raum der Transformation zu fühlen. Es ist nämlich die perfekte Voraussetzung, um aus unserer Puren Essenz heraus ein neues Lebens-Meisterwerk zur Welt zu bringen. Das Ergebnis ist der Einstieg vom Nullpunkt dieses inneren Vakuums, um in uns ein neues Licht zu entzünden.
Für Menschen in Verantwortung
Haben wir unsere Sichtachse auf die hier beleuchtete Situation eingenommen, so verändert sich damit auch unsere Haltung im Umgang mit anderen Menschen – und damit auch die Kunst Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten.
Es geht dann nicht mehr darum, etwas zu reparieren, künstlich hinzuzufügen oder Menschen nur oberflächlich zu motivieren. Eine gegenwärtige Erschöpfung und besagte Desorientierung wird als majestätische Stille erkennbar, aus der etwas Großartiges geboren werden will.
Menschen zu begleiten besteht ab diesem Zeitpunkt darin, das nackte Vakuum zu halten und das Bewusstsein eines Anderen sicher durch diesen Raum zu führen, weil die wahren Gesetze der Leere als das verstanden wurden, als was sie sich wirklich im Leben integrieren lassen.