Eucharistie

Sieben Tage auf dem Berg Athos

von S. Levent Oezkan

Wandgemälde auf dem Athos - ewigeweisheit.de

Seit mehr als tausend Jahren leben und beten christlich-orthodoxe Asketen auf dem Heiligen Berg, dem »Agion Oros«, wie ihn die Griechen nennen. Vor langer Zeit entstand hier das, woraus einmal die Mönchsrepublik Athos werden sollte.

Über zweitausend Meter erhebt sich der Berg Athos, auf dem östlichen Finger der griechischen Halbinsel Chalkidikí. Viele Mönche und auch Eremiten leben hier auch heute noch in beschaulicher Praxis meditierend und in praktischem Dienst ihren täglichen Aufgaben nachkommend.

Zu letzterer Praxis der Mönche auf dem Athos gehört das Kochen ebenso, wie die Arbeit im Garten, die jährliche Weinlese, Handwerksarbeiten, doch vor allem die Kunst der Ikonenmalerei und das Verfassen und Bearbeiten spiritueller Texte. Meist ist der Handelnde während dieser Tätigkeiten in seinem Tun allein, wenn dabei auch in Gemeinschaft.

Allein sein und Mönch sein an sich aber bedingen einander. Bereits die etymologische Wurzel des Wortes »Mönch« weist darauf hin: sie stammt vom griechischen »monos«, dem Alleinsein eben. Und doch findet ein besonderes Zusammensein der Mönchsgemeinde statt, im Gottesdienst, den gemeinsamen Speisen und besonderen Unterredungen.

An diesem gemeinschaftlichen Geschehen in einem griechisch-orthodoxen Kloster wollte ich einmal teilnehmen und bat darum einen guten Freund aus Athen, mich auf seine Reise zum Berg Athos mitzunehmen.

Heilige Berge Griechenlands

Auf der seit Langem bestehenden Zuglinie, die den südlich Athens gelegenen Hafen Piräus verbindet mit der thrakischen Stadt Thessaloniki im Norden Griechenlands, begann unsere Pilgertour zum Heiligen Berg. Die Bahn passierte auf der etwa sechsstündigen Fahrt auch zwei andere Berge, die im Alten Griechenland eine wichtige Rolle spielten.

Die Bahnlinie führt an dem im Westen befindlichen heiligen Berg Parnass vorbei, wo sich einst die Pilger zum Orakel von Delphi begaben. Und als wir nach etwa drei Stunden, nördlich Athens, die Tiefebene Larissas durchquert hatten und sich vor uns die Landschaft in den Thermaischen Golf öffnete, begann sich, ebenfalls westlich der Zuglinie, der gigantische Olymp zu erheben. Der Sage nach versammelten sich auf seinem Gipfel die olympischen Götter, von wo aus sie sich auch aufmachten, um gegen die verfeindeten Giganten zu kämpfen.

An der Pforte zum Himmel

Erst als es schon dunkel war kamen wir an in Thessaloniki: der einstigen Heimatstadt Alexanders des Großen. Nachdem wir unsere nächtliche Bleibe bezogen hatten, begaben wir uns zum Abendessen in eine nahe gelegene Taverne.

Am nächsten Morgen um 4:00 Uhr schon ging die Reise weiter. Auf einer etwa dreistündigen Fahrt schlängelte sich unser Bus durch die Serpentinen des Gebirges von Aristotelis, auf der östlichen Chalkidiki. Aus qualmenden Schloten breitete sich ein hölzern duftender Rauch aus über den Häusern der Bergdörfer, die unser Bus durchfuhr. Vom Licht der Morgensonne korallenrot gefärbt, gab der Kaminrauch eine fabelhafte Ergänzung, zu den im bläulich-grauen Morgenlicht erscheinenden Gebäuden der Dörfer.

In meinem noch halbschlafähnlichem Zustand kam mir das vor als verließen wir unser von weltlichen Sorgen geplagtes Diesseits, um bald die »Himmlische Stadt« zu erreichen: Ouranopolis. Von hier nämlich sollte unsere Fähre auf den heiligen Berg Athos starten.

Wir hatten in Ouranopolis noch eine Stunde Aufenthalt, wo wir in einem kleinen Café sitzend auf den fast achthundert Jahre alten, riesigen Wehrturm »Prosphorion« blickten, dem Wahrzeichen von Ouranopolis. Sein großes, moosbedecktes Dach nutzten die Möwen als Treffpunkt, bevor sie abhoben, um die Fähre zum Berg Athos zu flankieren. Ein nahegelegener Platz mit dem Titel »Phosphorion« gab diesem Monument wohl seinen Namen, der aufgrund einer Legende entstand: die Wächterin der Tore zwischen den Welten, die mythische Göttin Hekate, beschien als Lichtträgerin (griech. »Phosphoros«) den Ankömmlingen den Übergang vom Heiligen Berg ins Diesseits, mit dem Licht ihrer magischen Fackel. Nicht zufällig ist darum auch einer der Beinamen Hekates »Ourania«: die Himmlische.

Die Entstehungslegende vom Berg Athos

Den Neuplatonikern galt Hekate als Verkörperung der Weltseele, aus der die Seelen der Menschen entspringen und in die sie mit dem Tod zurückkehren. Sie sahen in ihr die Mittlerin zwischen der Menschenwelt und der Götterwelt. Drum kaum ein Zufall, wenn Hekate eben in jener Legende von Ouranopolis auftaucht, um die Seelen der Reisenden mit ihrer Fackel zu leiten.

Hekate aber kämpfte auch an Seiten der Olympier gegen die Giganten. Einer unter ihren Feinden trug den Namen »Athos«. Während dieser mythischen Schlacht, brach da auf einmal aus den Meerestiefen ein riesiger Berg empor. Der olympische Poseidon griff danach und warf ihn auf den Giganten Athos, der darunter begraben starb. So kam der Heilige Berg zu seinem Namen.

Nun verehrte man in alter, vorpatriarchaler Zeit die Hekate als »Magna Mater«: Sinnbild der großen Muttergöttin. Das dürfte alle aufmerken lassen, die wissen, dass auf dem heiligen Berg Athos ja allein die christliche Mutter Maria verehrt und »sonst keiner anderen Frau Zugang gewährt wird. Als sich nämlich, laut Legende, Maria in Begleitung des Evangelisten Johannes, vor etwa 2000 Jahren, von Jaffa aus nach Zypern begeben wollte, um dort den Lazarus zu besuchen, kam ihr Boot vom Kurs ab und sie landeten auf dem Athos. Es war schon damals ein Ort der von Weisen bewohnt war, die Mitglieder, sagen wir, schamanisch geprägter Kulte waren.

Mutter Maria die heilige Halbinsel betreten, fand so großes Gefallen an der Schönheit dieses Ortes, dass sie den Athos segnete. Darauf sprach sie zum Christus, ihrem himmlischen Sohn, und bat ihn um den riesigen Garten der hier vor ihr blühte. Aus dem Himmel erwiderte eine Stimme:

Sei dieser Ort dein Erbe und dein Garten, ein Paradies und ein Zufluchtsort des Heils für jene die errettet werden wollen.

- Zitiert nach Gregorios Palamas

Drum nennen die Mönche den Heiligen Berg Agion Oros auch »Perivóli tis Panagías«, Garten der Gottgebärerin. Ein Mönch vom Athos, Vater Mitrophan, schrieb dazu:

Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend, und doch wieder, durch die Gottesmutter Maria, sind alle anwesend.

- Pater Mitrophan, in einem Beitrag zum Buch »Athos-Impressionen« von Johann Günther

Es ist aber wohl auch zu vermuten, dass dieser Ort seit 1000 Jahren ein »Männerberg« ist, da die Mönche dort von optischen Reizen unbeeinflusst leben wollen, um sich in Ruhe der Gottesverehrung zu widmen. Das der Ort nur männlichem Leben vorbehalten ist beschränkt sich im Übrigen auch auf die dort lebenden Tiere – mit Ausnahme der Katzen.

Kloster Maroudá auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Das kleine Kloster Maroudá auf dem Berg Athos.

Maroudá – Kloster der kleinen Maria

Wartete nun die sagenhafte Göttin Hekate mit ihrer Fackel tatsächlich in Ouranopolis, um den Schiffsführern Orientierung zu geben? Zumindest will es so die Legende. Wahrscheinlich aber brannte auf dem alten Wehrturm Prosphorion ein Feuer, dass jenen leitenden Zweck erfüllte und auf das außerdem auch die Passagiere auf der Fähre zurückblicken konnten, wenn ihr Boot von dort aus auf die Westküste des Athos zusteuerte. Es glich wohl einem Blick zurück ins Diesseits, auf dem Weg in ein symbolisches Jenseits. Einen Zugang zu Lande nämlich gibt es nicht.

Auch unsere Fähre schiffte uns von Ouranopolis aus durch den Singitischen Golf zum Berg Athos, wo sich hinter Wolken verborgen sein zweitausend Meter hoher Gipfel verbarg. Es regnete nämlich in Strömen.

Das kleine Schiff legte pünktlich ab, mit all seinen nasstriefenden Passagieren. Ein internationales Pilger-Publikum wie mir schien, wo sich in schwarze Habite gehüllte, langbärtige Mönche mit fragenden Gläubigen umgaben, mit denen sie mal griechisch, mal russisch, serbisch und wie mir schien auch englisch sprachen.

Der Seegang war gewaltig. Sich auf Deck von hier nach dort zu bewegen war ein echter Balanceakt, denn das Boot schien sich beinahe zu überschlagen. Trotzdem genoss ich die Fahrt, ja vielleicht eben genau wegen des so abenteuerlichen Seegangs.

Nach etwa zweieinhalb Stunden landeten wir schließlich in Dafni, dem winzigen Hafen unweit von Karyes – der Hauptstadt der Mönchsrepublik.

Bis auf den letzten Platz besetzt, brachte uns von Dafni aus ein brummender, schnaubender Bus auf schottrig befestigter Strecke zuerst nach Karyes, von wo aus wir mit einem anderen Bus in unser kleines Kloster kamen, gelegen auf etwa 400 Metern über dem Meet. Auf dem Schild am Eingang des Kloster laß man seinen Titel »Maroudá«. Eigenartig nur, dass sich darüber der echte Totenschädel eines Wildschweins befand: Wie mir schien ein durchaus schamanisch anmutendes Totem, über diesem Eingangschild des Klosters.

Es regnete weiter in Strömen. Blitzend krachte Donner dazwischen und der stürmische Wind machte unseren kleinen Schirm bald über-flüssig. Doch auch in dem neblig-dunstigen Regenstrom, mutete das Kloster wirklich schön an: Seine Mauern und Wände rot und dunkelgrün, seiner Architektur nach gewiss ein Ort, der auch eine Klause chinesischer Taoisten in Fernost hätte sein können. Auch das Arrangement der Treppenaufgänge, und der Rundgang um die im Innern des Kloster gesenkte Kirche, erinnerten wirklich an fernöstlichen Baustil.

Im Gespräch mit dem Abt

Normalerweise halten sich die Pilger auf dem Athos drei Tage und drei Nächte auf, bevor sie die Rückreise antreten. Vater Makarios aber, der Abt des Klosters Maroudá – ein ausgesprochen lebhafter Mann mit schimmernd-grünen Augen – gestattete mir so lange zu bleiben wie ich will. Nie zuvor hatte er mich gesehen und erst eine Woche war vergangen, dass er mir die Einreise auf den Athos gestattete.

An einem der Abende saßen wir nach dem Essen bei einem Glas Tee zusammen, während Vater Makarios seinen dicken schwarzen Kater kraulte, der bei ihm schnurrend auf dem Schoß lag. Ein außergewöhnlich altes Tier mit sonderbarer Ausstrahlung, dessen Blick aus seinen dunklen Augen, so kam es mir vor, tatsächlich in mich hineinsah. Hätte der Kater plötzlich angefangen zu sprechen, es hätte mich kaum überrascht.

Wir redeten zuerst über dies und das. Unweigerlich kamen wir aber zum Thema Glauben und Wissen und als ich dabei Vater Makarios auch meinen besonderen Dank für seine große Gastfreundlichkeit ausdrückte, meinte er:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit. Denn darin liegt wahre Liebe.

Ich wusste erst nicht genau was er damit erwidern wollte. Doch langsam wurde mir seine ganz und gar einfache, doch tiefgründige Bemerkung bewusst.

In unserem weiteren Dialog bestätigte er mir, dass die meisten Menschen an nichts mehr glauben wollen, als die Nachrichten, die sie über ihre in Händen funkelnden Mobilgeräte wischen. Er teilte mit mir die Einsicht, dass sich die digitale Technologie zunehmend zwischen uns Menschen dränge, wo viele eine Kommunikation über diese »Endgeräte« einer echten Unterhaltung immer mehr zu bevorzugen scheinen. Man sieht häufig Jugendliche, die schweigend nebeneinander sitzend, sich dies und das auf ihren kleinen Taschencomputern zeigen.

Doch selbst wenn das manchen, oberflächlich betrachtet, als ein vielleicht etwas überzogener Einfall vorkommen mag, muss doch jeder zugeben, dass wir uns schon ganz und gar damit abgefunden haben, dass fast alle von uns immer auf dem Laufenden sein wollen, viel schneller Orte finden möchten die wir suchen, sich automatisch erinnern zu lassen gewohnt sind, schönste Eindrücke von hier, dort und anderswo sofort teilen zu wollen, immer weniger an Kassen zu warten bereit sind und so viele andere Bequemlichkeiten, die uns die moderne Technikwelt einräumt, doch irgendwie auch einbläut.

Vor dem Hintergrund aber dass diese pfiffigen Geräte nur leuchtend betätigt werden können, sind die Menschen auch zu Lichtträgern geworden. Nicht aber etwa wie die oben genannte Hekate, die anderen den Weg beleuchtet, damit sie auch ihr Ziel erreichen. Eher scheint die alltäglich gewordene »Selbstbeleuchtung« wie es scheint, jegliche Selbstbeweihräucherung überflüssig zu machen, wo in sozialen Medien oder mit dem blendenden Ding in der Hand, man ja auch ganz selbstverständlich auch zu Bett geht.

Als mir das zum ersten Mal bewusst wurde, kam ich allerdings zu einer ziemlich schaurigen Einsicht. Denn spricht man die lateinische Variante des Wortes »Lichtträger« aus: bleibt da nicht ein bitterer Nachgeschmack?

All die Lichterscheinungen der modernen Technikwelt hinterlassen bei mir den Eindruck, als schmeichelten sie unseren Egos heute so sehr, dass wir sie doch nur aus Gründen einer angenommenen Selbstinszenierung, nur immer noch mehr füttern wollen. Fragt sich: Wo nachdem wir sie eingetippt haben, landen all diese persönlichen, emotional geladenen Informationen eigentlich sonst noch so?

Sehen mit dem Auge des Herzens

Es ist sicher angebracht sich irgendwann vom eigenen Ego zu trennen, auch wenn das manchen unmöglich erscheinen will. Unser Ego erfüllte sicher seinen Zweck, als wir noch Kinder waren. Doch es verhärtete immer mehr, bis es im Erwachsenalter einem festen Mörtel zu ähneln begann, der unsere Seelen allegorisch an unseren Körper kittet. Darum: Erst wenn unser Ego gebrochen wird, kann sich unsere Seele lösen, um sich dem Auftrag unseres wahren Selbst zuzuwenden. Alle unliebsamen Pflichten von einst, könnten damit bald der Vergangenheit angehören.

Vielleicht stimmten Sie der Behauptung zu, dass wir gegenwärtig Teil einer Zivilisation sind, in der sich das Visuelle immer mehr zum ultimativen Erfahren entwickelt. Und es ist genau das, was auch auf unser inneres Leben zurückzuwirken scheint.

Darüber dachte ich an einem der Nachmittag nach, als ich in der kleinen Bibliothek des Klosters Maroudá gerade das neue Testament zur Seite legte. In den Paulusbriefen stieß ich auf diesen Vers:

Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke.

- Epheser 1:18f

Ich kannte dieses Sinnbild vom Auge des Herzens bereits. Doch es schien mir, als äußerte diese Bibelstelle des Epheserbriefs noch mehr, als nur reine Bildsprache.

Einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike, der Heilige Augustinus von Hippo (354-430), wusste um eine Kraft, die eben über jenes Sehen mit dem Auge des Herzens, dem so Sehenden zuteil wird. Aus ihr nämlich wird eine spirituelle Aufnahmefähigkeit befeuert, deren spirituelles Licht den Praktizierenden zu einer »mystischen Schau« leitet. In diesem Erfahren kann er sich dann, des in ihm existierenden göttlichen Ichs gewahr werden. So soll sich der Sehende letztendlich erfreuen dürfen, an einem Finden der Gestalt der Weisheit an sich.

Doch es ist damit kein intellektuell fassbares Sehen gemeint, als eher das Empfinden des Wahrhaftigen, das etwa der selben Tatsache entspricht, wie auch dass unsere Herzen schlagen. Ab einem gewissen Entwicklungsgrad, den jeder Gläubige entwickeln kann, beginnt sein Herz bewusst zu schlagen, ohne dass er sich daran explizit erinnern müsste. Es ist eben keine Kopfsache auf die hier angespielt wird. Vielmehr geht es um einen belebenden, vollkommen gedankenlosen Vorgang, der jedoch die Gabe fördert wahrhaft lebendig zu sein.

Augustinus wusste um diese Tatsache. Und doch wies er seine Glaubensbrüder ebenfalls darauf hin, dass niemand seine äußeren Pflichten dafür vernachlässigen dürfe oder gar, in solch spirituellem Erfahren, sich allmählich vollkommen der Welt entfremde und dabei am Ende noch verwahrlose.

Auf dem Berg Athos – ewigeweisheit.de

Im Kloster Koutloumousiou (Athos)

Kyrie Jesu Christe Eleyson

In einer unentwegten spirituellen Praxis nun haben manche der Mönche auf dem Athos tatsächlich höhere Fähigkeiten entwickelt. Ganz gleich welcher weltlichen Aufgabe sie auch nachgehen: pausenlos befindet sich ihr Geist im Gebet – doch weniger in Gedanken, als dass sie diese Geistigkeit wirklich in ihren Herzen empfindend, als das Kyrie Eleyson, das Herz-Jesu-Gebet wiederholen:

Kyrie eleyson.
Kyrie eleyson me.
Kyrie Jesu Christe eleyson.
Kyrie Jesu Christe eleyson me.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson.
Kyrie Jesu Christe, ye tou theou, eleyson me.

Herr erbarme Dich.
Herr erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus erbarme Dich.
Herr Jesus Christus erbarme Dich meiner.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich.
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes erbarme Dich meiner.

In unentwegtem Beten versuchen die Athos-Mönche dabei eine innere Ruhe zu erlangen, die der Seele vollkommenen Frieden bringen soll. Während sie obige Verse ständig wiederholen, verwenden sie zur Steigerung ihrer Konzentrationsfähigkeit eine besondere Atemtechnik, während sie sich dabei auf ihren Nabel konzentrieren.

Wie mir ein anderer Mönch auf dem Athos erzählte, seien manche seiner Glaubensgefährten gar dazu fähig das Kyrie Eleison in ihrem Herzen selbst dann betend kreisen zu lassen, während sie sich in Unterhaltung mit anderen befinden. Ihrem Gegenüber vermitteln sie dabei jedoch subtil eine tiefe Demut, ja Ergebenheit – etwas, dass sich doch eigentlich jeder wünscht der über sich spricht oder Antworten auf seine Fragen sucht.

Indes zurückgezogen praktiziert, soll der Mönch im Herz-Jesu-Gebet zu einem Erleben göttlicher Gnade gelangen, was ihn zur Wahrnehmung eines mystischen Lichts führt, worin Gott selbst anwesend und sichtbar sein soll. Welche innere, esoterische Bedeutung dieses Licht hat, darauf wollen wir im Folgenden Antworten finden.

Mystisches Tabor-Licht

Seit dem 9. Jahrhundert beten und arbeiten christlich-orthodoxe Mönche auf dem Athos. Unter ihnen befinden sich auch Mitglieder des Hesychasmus, einer Form christlich-orthodoxer Spiritualität, die in ihrer Praxis jemanden zu wahrhaft gottergebener Gelassenheit leiten möchte. Im Mittelalter bildeten die Klöster und Einsiedeleien auf dem Berg Athos das Zentrum des Hesychasmus, von wo aus sich diese spirituelle Tradition in den nördlichen Balkanraum und bis nach Russland ausbreitete.

Die heychastischen Mönche suchen nach einem im Herzen empfundenen inneren Frieden und gelten in dieser Praxis gewissermaßen als »Mystiker der Ostkirche«. Ähnlich ihrer christlichen Zeitgenossen im Westen (darunter etwa Bernhard von Clairvaux oder Hildegard von Bingen) meditierten die ersten Mönche auf dem Athos, um darin einen Zustand vollkommenen Seelenfriedens zu erlangen, was man nun eben »Hesychia« nennt: ein Zustand vollkommenen Glaubens, der in eine Freiheit mündet, woraus sich der meditierende Mensch aus allen störenden Vorstellungen und Begierden erlöst.

Auf ihrem Weg zur inneren Erkenntnis des Göttlichen, üben sich die Heychasten zuerst in Askese, wobei sie ihre Leidenschaften zu überwinden lernen, um schließlich die christlichen Grundtugenden einzuüben. Ihr Ziel ist ihr triebhaftes Leben souverän beherrschen zu lernen, um so ihre Seele zu reinigen. Hernach betrachtet so ein Mönch in Hesychia (griech. auch: »Ruhe«) die Natur der göttlichen Schöpfung und ihren religiösen Symbolgehalt, um so die Welt in neuem Licht zu erkennen.

Auf der höchsten Stufe dieser spirituellen Entwicklung des Selbst, ereignet sich schließlich das Schauen Gottes in jenem zuvor bereits angedeuteten mystischen Licht, was einhergeht mit tief im Innern empfundenem Frieden und vollkommener innerer Ruhe. Das ist ein Erfahren, dass sich jenseits aller rationalen Vorstellungen ereignet – jenseits allen diskursiven Denkens, wo sich ja in unserem Geist, von ständiger Bewegung befangen, ein gedachter Satz an den nächsten heftet. Endet das diskursive Denken jedoch, können seinen Platz Visionen und intuitive Anschauungen einnehmen. Und in eben diesem höheren Zustand der Erkenntnis, gelangt der Mönch in seiner kontemplativen Praxis zur Wahrnehmung dessen, was die Hesychasten die Vision des ungeschaffenen Tabor-Lichts nennen.

»Tabor« steht darin für den Namen eines Berges im Jesreel-Tal (Galiläa), wo der Christus in mystischem Licht verklärt den drei Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes erschien. Schon im Altertum war dieser Berg eine wichtige Kultstätte, wo man lange auch den blitzwerfenden Fruchtbarkeitsgott Ba'al verehrte.

Als der wichtigste Gelehrte des Hesychasmus nun gilt der byzantinische Theologe Gregorios Palamas (1296-1359). Er beschrieb die visuell-mystische Erfahrung, die einer im Herz-Jesu-Gebet erfährt, als das »Schauen des Tabor-Lichts«. Es ist dabei aber keineswegs die Wahrnehmung gewöhnlichen, physischen Lichts gemeint. Statt dessen vernimmt der Schauende dies als ein inneres Leuchten, entbunden aus der »ungeschaffenen Energie Gottes«. Dennoch wird auch damit nur beschrieben worum es geht, denn letztendlich muss man jenes mystische Licht selbst geschaut haben, um zu wissen was die dabei gemachte Erfahrung zu Tage bringt.

Wichtig ist, dass Palamas auch der Körper des Menschen zu Gotterkenntnis befähigt galt, nämlich dann wenn der Praktizierende in seinem Herzen das Herz-Jesu-Gebet ausübt. Das Fleisch soll dabei zu einer Würde erhoben werden, die der des Geistes nahe ist, denn unter diesem Eindruck soll der Körper seine Neigung zum Bösen aufgeben. Durch die hesychasitsche Praxis aber strebt einer danach seinen Körper zu heilen und auch dabei zur Vergöttlichung zu führen.

Eine Reinigung allein des Gemüts war für Palamas jedoch unzureichend. Eher sollte durch diese Art spiritueller Reinigung des Körpers, jemand die von ihm ersehnten spezifisch körperlichen Vergnügen vermeiden lernen, die ja die Seele durch angenehme Empfindungen beeinflusst.

Aus Sicht anderer orthodoxer Theologen mag diese Praxis jedoch erscheinen, als versuche jemand spirituelle Ergebnisse herbeiführen zu wollen und so etwa die göttliche Gnade herbeizuzwingen. Palamas und anderen Hesychasten ging es keineswegs darum. Vielmehr war ihnen in ihrer kontemplativen Praxis daran gelegen, die unerlässliche Konzentration auf Gott zu bewahren.

Gregorios Palamas sah im Gebet in erster Linie eine bewusste Geschäftigkeit des Menschen, der damit gegenüber dem Göttlichen seine Dankbarkeit ausdrücke, als etwa nur Gott zu etwas bewegen zu wollen. Vielmehr erhebe sich der Beter durch die hesychastische Form der Kontemplation zu Gott, was er im Sehen des Taborlichts in Wirklichkeit gar nicht erstrebte, als es vielmehr, demütig wahrgenommen, allem Sein ergeben zur Verfügung stellen will.

Vater Makarios (Kloster Maroudá, Athos) und S. Levent Oezkan - Foto: Konstantinos Stavropoulos – ewigeweisheit.de

Vater Makarios, der Abt des Klosters Maroudá, (Berg Athos) und S. Levent Oezkan (Foto: Konstantinos Stavropoulos).

Die eucharistische Liturgie der Ostkirche

Es muss aber keineswegs eine so explizite Form kontemplativer Praxis vorausgesetzt werden, um sich dem zu nähern, was wohl allen gläubigen Menschen als Ziel gelten könnte. Darum wäre es auch falsch anzunehmen es würde hier behauptet, dass nur einer der die hesychastische Praxis des Herz-Jesu-Gebets übe, dazu befähigt sei die Bedeutung dessen zu erkennen, was man eben als Gott beziehungsweise die spirituelle Welt als solche bezeichnet.

Meine eigene Hinwendung zur christlichen Theologie und der in der Ostkirche vollzogenen liturgischen Dienste, war der Versuch solch geartete Erkenntnisse ohne explizite Übungen zu machen. Vielmehr wollte ich das in der orthodoxen Liturgie erfahrbare Christus-Mysterium als solches betrachten. Aus diesem Grund hatte ich täglich an den beiden Gottesdiensten auf dem Kloster Maroudá teilgenommen: Einer begann früh morgens, der zweite vor dem Abendessen. Beide Dienste zogen sich manchmal bis über zwei Stunden.

Die Morgengebete aber unterschieden sich von den abendlichen insofern, als dass sie nur in Anwesenheit des Priesters durchgeführt werden konnten, was für die Abendgebete nicht zwingend notwendig ist, da dort nicht die Eucharistie gefeiert wird – das was man im Westen die heilige Kommunion nennt.

Von byzantischem Gesang begleitet, schienen sich vor mir gleichnishaft Abendmahl, Passion und die Wiederkehr Christi abzuspielen und die als Chorgebet gesungenen Melodien strahlten eine transzendente Kraft aus.

Diese Liturgie feiern die Mönche auf dem Athos an 365 Tagen im Jahr, wenn auch der Ablauf variiert, je nach Wochentag oder entsprechendem Feiertag (im orthodoxen Christentum ist vor allem Ostern von Bedeutung). Was man darin aber erfährt (natürlich auch anderswo) empfand ich als wahrlich wundersames Ereignis, an dem alle Sinne des Körpers miteinbezogen wurden: die Augen durch die Positionen der aufgestellten Kerzen, die die überall aufgestellten Ikonen anstrahlten, die Ohren durch die inspirierenden Melodien der Gesänge, das Gemüt durch die darin formulierten biblischen Erzählungen und Berichte über Christus, die Propheten und die Heiligen, sowie der Geruchssinn durch das vom Abt zubereitete Räucherwerk. Vater Makarios verstand tatsächlich Duftmischungen des Weihrauchs zuzubereiten, die mich und scheinbar auch die anderen Anwesenden in eine vollkommen andere Stimmung versetzten.

Auch die Lippen der Gläubigen werden auf einzigartige Weise in das Geschehen mit einbezogen: Beim Betreten des Gotteshauses, und dann wieder zum Ende des Geschehens, küssen sie die darin, an der Außenwand des Heiligen Altars platzierten Ikonen.

Mit dem Kosten vom eucharistischen Wein und der Einnahme des geteilten Brotes, der gleichnishaften Aufnahme vom Leib und vom Blut Jesu Christi, ist es der Geschmackssinn der der Heiligen Eucharistie einen besonderen Mysteriencharakter verleiht.

Nicht dass sie damit gleichzusetzen wären, doch die Ähnlichkeiten zwischen den alten Riten der Mysterienkulte und der Abendmahlszeremonie sind in vieler Hinsicht vorhanden, wo ja in den Demeter- und den Dionysos-Mysteriuen etwa Getreide und Wein ebenfalls von herausragender Bedeutung waren. Was die Mysten dabei jedoch erfuhren, sollte durch die spätere Darstellung des Kreuzigungsereignisses im Christentum, in quasi abstrahierter Form wiedergegeben werden. Doch sowohl in den alten Mysterien, wie natürlich auch im Christentum, spielt das Erleben der Vorwegnahme der Todeserfahrung, eine zentrale Rolle. Vielen Christen aber ist das gar nicht bekannt, zumal sie sich der darin enthaltenen Symbolik, höchstens mitleidig betrachtend, gar nicht bewusst sind, wo sie doch eigentlich das darin vermittelte Mysterium als Vorbild für ihren eigenen, spirituellen Lebensweg erkennen könnten.

Was ich in den sieben Tagen dort im Kloster Maroudá von dem ziemlich eigenartigen Abt Vater Makarios jedoch vermittelt bekam, ähnelte durchaus einer Einweihung, auch wenn ich doch selbst gar kein Christ bin. Doch der Ort, der Heilige Berg Athos, schien vielleicht von seiner geomantischen Struktur her zu dieser wohl mysterienartigen Erfahrung beigetragen zu haben.

Glauben ohne zu wissen - Gewissheit ohne zu vermuten

Fest steht: insbesondere in den morgendlichen Gottesdiensten hatte ich den Eindruck als verstünde ich allmählich was es so auf sich hat, in Bezug auf das Religiöse, was die Wörter Glauben und Wissen, Vermuten und Verstehen, in ihrem Verhältnis zueinander an sich bedeuten könnten.

Natürlich wird mir hier kein Gottesbeweis gelingen, was im Übrigen auch gar nicht meine Absicht ist. Es gibt aber, so empfand ich es zumindest als Anwesender in den Gottesdiensten des Klosters, eine Urtradition, an deren christlichen, rituellen Handlungen ich dort teilgenommen hatte. Und diese überlieferten, rituellen Handlungen bildet, wenn auch zuerst im Geiste, ein mentales Muster – oder besser, eine spirituelle Struktur.

Wenn die Liturgie von der ich sprach, schon einmal von insgesamt 300 Millionen orthodoxen Christen wahrgenommen wurde, dann kann man davon ausgehen, dass die darin vollzogenen spirituellen Handlungen auch auf die Gläubigen übergehen. Jene Priester und Mönche die für diese Handlungen in der Verantwortung stehen, übertragen ihr religiös-spirituelles Denken natürlich auch im Zwiegespräch auf den Gläubigen.

Als ich an den Gottesdiensten teilnahm (wie eben auch schon im Freitagsgebet in einer Moschee oder auch dem Schabbat-Gottesdienst in einer Synagoge in Israel beiwohnte), empfand ich, wie mich eine mystische Kraft durchdrang. Ganz gleich ob das einer »Wahrheit« entsprach oder im Prinzip »nur eingebildet« war, wusste ich doch, dass es in jedem Gläubigen Christen (oder anders gläubigem Menschen) eben genau das auslösen kann, was auch ich empfand.

Mir dünkte jedoch so, als ob es in der Entscheidung eines jeden Menschen liegt, ob er nun glaubt, also eine spirituelle Form in seinem Herzen als gegeben empfindet oder ob er dazu in der Lage ist logisch zu schlussfolgern, dass je mehr Menschen einen regelmäßigen Ritus erleben, wohl freilich auch gemeinsam ein mental-spirituelles Feld erschaffen, dass durchaus eine Eigendynamik entwickeln kann. Was dabei jedoch entsteht, ereignet sich jenseits allen raum-zeitlichen Darstellungsvermögens, auch wenn man immer wieder versuchte wissenschaftliche Beweise zu finden, um dieses Wirken veranschaulichen zu können.

Da wir nun aber alle gemeinsam auf diesem einen Planeten leben, mischen sich dieses Empfinden und die eben angedeutete Eigendynamik, natürlich immer auch mit materiell erwachsenen Unabdingbarkeiten. Diese konzentrieren sich manchmal, in bestimmten zeitlich überschaubaren Entwicklungsphasen unserer Menschheitskultur. Was daraus jedoch an Ergebnissen resultiert, entwickelt sich manchmal zu einem großen Guten. Doch ebenso mächtig ist das, was sich uns weniger günstig zeigt, ja uns manchmal sogar durch unheilvolle Konsequenzen bedroht.

Immer aber ist das was eine entsprechende Aussicht auf positive oder negative Empfindungen liefert, der wahre Glaube, im aktiven Sinne. Zu glauben ist dabei alles andere als ein Vermuten. Es ist nicht die Annahme gemeint, dass es da vielleicht einen Gott oder einen auf Erden herabgestiegenen Gesandten gibt, der unter uns dessen Wesentlichkeit repräsentierte oder an den göttlichen Kern unserer Seele erinnert. Nein. Worauf ich mit dem Gesagten anspiele, ist, dass es auf unserer Erde Orte gibt, die, sagen wir, einen Zugang eröffnen zur Erkenntnis dieser überall gegenwärtigen, wundersamen Parallelität von religiösem Glauben und spirituell-empfundener Wirklichkeit. Denn diese beiden Größen sind wie zwei Pole, die anscheinend nur durch eine dünne Schicht getrennt sind, wo das unsichtbare vom Sein der sichtbaren Welt unterschieden ist.

Auf dem Athos empfand ich diese Schicht jedoch manchmal als so dünn, als so transparent, dass ich den Eindruck bekam als könnte ich ein Dahinter erkennen, das sich jenseits alles Weltlichen befindet.

Berg Athos – ewigeweisheit.de

Der Heilige Berg Athos, in einer Illustration von John Pentland Mahaffy  (1839–1919).

Reflexionen auf meiner Rückreise

Mein letzter Tag war angebrochen und nach der Morgenmesse und dem gemeinsamen Frühstück – das im Übrigen immer aus Kuchen und Keksen bestand – fuhr ich gemeinsam mit anderen Pilgern zum Anleger in Dafni.

Dort hatte ich noch etwa eine Stunde Aufenthalt, setzte mich in die kleine Taverne, um noch einen Kaffee zu trinken. Als ich dort aber wie gewohnt nach Milch fragte, ließ mich der Servierer abblitzen und es fiel mir wieder ein: Auf dem ganzen Athos gibt es keine Milch, da sie doch weiblich ist; die logische Konsequenz dessen also, was auf dem Athos seit nunmehr 1000 Jahren beharrlich aufrechterhalten wird.

Über das und meine anderen Erlebnisse nachsinnend, bestieg ich dann die kleine Fähre zurück ins »Diesseits« nach Ouranopolis.

Das lange Warten beim Anleger in Dafni hatte mir irgendwie auch gut getan, zumal ich meine Rückreise entsprechend entspannt antrat. Denn gezwungen sein nichts zu tun, kann ein andermal auch schrecklich sein. Zeit wird hier aber anders empfunden, auch wenn es, vielleicht nicht auf dem Athos, trotzdem christliche Mönche waren die das Räderwerk und letztendlich die Uhren erfanden, um danach pünktlich ihre Gebete auszurichten. Trotzdem scheint das Thema Zeitempfinden auf dem Agion Oros ein anderes zu sein.

Der kleine, sehr alte Mönch der allein auf der Fähre seine selbst geknüpften Gebetskränze verkaufte, ihn ließ der Fährkapitän als einzigen vom Boot steigen, an einem winzigen Anleger, wo sich nicht viel mehr als nur seine Zelle zu befinden schien. Wir hatten alle viel Zeit.

Möwen umkreisten die Fähre an diesem strahlend sonnigen Tag meiner Rückreise. Fast schon wie die Glieder eines Gebetskranzes gereiht, eskortierten sie unser Boot über das Meer. Als ich mich nach Dafni umdrehte, war da eine runde Wolke, die den pyramidenförmigen Gipfel des Agios Oros umrang. Es war wohl meine selektive Wahrnehmung, die all das für himmlische Zeichen hielt – doch was immer es war: nicht nur sah ich es, sondern eine Gewissheit gab mir das sichere Gefühl, dass sich die Ereignisse der kommenden Zeit entsprechend fügen werden. Da dachte ich wieder an die Aussage des Abts von Maroudá:

Mit wahrem Glauben haben Sie alle Freiheit.

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Gibt es einen geheimen Ursprung der Städtekultur?

von S. Levent Oezkan

Sirius Ackerbau - ewigeweisheit.de

Es gibt einen wichtigen Zusammenhang zwischen den alten Sternenreligionen und der frühen Ackerbaukultur. An den Sternen nämlich las man ab, zu welchem Zeitpunkt Aussaat und Ernte stattfinden mussten. Woher aber wusste man das? Kam jenes Wissen über die Sterne und die alten Kulturtechniken vielleicht sogar aus weiter Ferne?

Bis heute wurde noch keine, in sich schlüssige, wissenschaftliche Theorie darüber abgeliefert, was die frühe Menschheit dazu bewog ihr Nomadenleben aufzugeben und Ackerbau zu betreiben. Natürlich kann man annehmen, dass die Menschen zufällig herausfanden, wie man aus verschiedenen Gräsern besondere Kreuzungen herstellt, die zur Ernährung besser genutzt werden können. Die Gründe für die eigentliche Entstehung der Landwirtschaft aber, bleibt bis heute ein Rätsel.

Noch als Jäger und Sammler unterwegs, waren die Menschen viel besser ernährt und sie mussten vor allem viel weniger Zeit aufwenden, um sich von ihrer gesammelten Nahrung oder gejagten Beute zu ernähren. Mit der Entstehung von Landwirtschaft und Viehzucht, vollzog sich in der Geschichte der Menschheit jedoch ein bemerkenswerter Wandel: die Menschen wurden sesshaft, gründeten Siedlungen und schufen sich damit eine vermeintliche Sicherheit.

Erst damit, könnte man sagen, entstand auch das eigentliche Konzept dessen, was man heute unter dem Wort "Problem" versteht. Das aber ist etwas, dass den letzten, auf unserem Planeten wandernden Nomaden, bis heute etwas Fremdes geblieben ist. Nomadisch lebende Menschen nehmen die Dinge wie sie kommen, finden Auswege aus schwierigen Lebenssituationen. Ihnen bleibt ja nichts anderes übrig. Damit sind sie aber tatsächlich frei, da sie nicht an einen festen Ort gebunden sind, während Probleme sesshafter Menschen, im Extremfall in eine Sackgasse münden. Man hat sich eben auf die ewige Wiederholung des Gleichen eingestellt, im Glauben an die Sicherheit eines selbst geschaffenen Alltags. Alles unerwartet Negative, wird als Problem empfunden, weniger aber als Herausforderung, neue Wege im Leben zu gehen und dabei dazu zu lernen.

Ackerbau und Sternenkult

Ursprünglich verwendete man das lateinische cultura, als Wort zur Bezeichnung des Acker- und Landbaus, der ja unmittelbar mit der Entstehung der Siedlungen zusammenhing. Später erst charakterisierte das selbe Wort das Wesen der Gesamtheit geistiger Leistungen eines Volkes, in einer bestimmten Epoche. Im Zuge der geschichtlichen Entwicklungen, kam es zu einer allmählichen Verfeinerung der Kulturen, die von einer rein praktischen, in eine vergeistigtere Form des Schaffens sublimierte.

Im alten Sumer und Ägypten, entstanden dabei wohl die ersten Siedlungen und Städte. Die Menschen wurden sesshaft, denn ein bepflanzter Acker wollte aus einem ganz einfachen Grund gehütet werden: wilde Tiere würden das Saatgut oder die daran wachsende Frucht einfach auffressen, siedelten in ihrer Nähe keine Menschen.

Warum aber fing der Mensch an Ackerbau zu betreiben und sich von Brot zu ernähren? Gab es vielleicht einen geheimen, bisher unbekannten Grund dafür, dass die Menschen plötzlich begannen den Himmel und die Sterne anzubeten und in Siedlungen zu leben?

Im Folgenden wollen wir versuchen, einige mögliche Verbindungen, zwischen Sternenreligion, Agrar- und Städtekultur herzustellen und uns sogar mit der ungewöhnlichen Frage beschäftigen, ob das Wissen vom Bestellen der Äcker, nicht sogar von wo anders her zu uns auf die Erde kam.

Der Stern Sirius im alten Ägypten

Schaut man sich die Gebräuche der frühen Kulturen Afrikas und Asiens an, kommt man vielleicht zu der Vermutung, es bestehe eine Verbindung zwischen Landwirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Besonders markant aber, ist die kultisch-rituelle Abstimmung der landwirtschaftlichen Zyklen mit dem Lauf der Sterne. Man denke etwa an die Sirius-Mysterien im Alten Ägypten. Sirius, der hellste Stern am nächtlichen Horizont, der dem Sternbild Orion direkt nachfolgt, spielt dabei eine zentrale Rolle. In unserer gegenwärtigen Zeitepoche jedoch, sind Sirius und Orion, auf der nördlichen Halbkugel, nur in den Wintermonaten am Nachthimmel sichtbar. Im alten Ägypten war Sirius in einer anderen Jahreszeit sichtbar und kennzeichnete den Zeitpunkt der Aussaat.

Wenn sich der Sirius damals, zum ersten mal, kurz vor Sonnenaufgang am südlichen Horizont zeigte, setzte nicht lange darauf die Nilschwemme ein. Mit diesem Ereignis war ein neuer Landwirtschaftszyklus gesichert, denn vor der Aussaat, sättigte der Schlamm des Nils die Äcker mit feiner, fruchtbarer Erde.

Für die alt-ägyptische Städtekultur, war das natürlich ein sehr bedeutendes Ereignis, stand es doch in der Verantwortung der Pharaonen, die Menschen ihres Reiches mit Nahrung zu versorgen. Nicht zufällig also, gewann der Aufgang des Sirius an kultischer Bedeutung und wurde zu einem Grundpfeiler der alt-ägyptischen Sternenreligion.

Auch die Errichtung der Monumentalbauten von Gizeh (Stadt nahe Kairo), scheinen ein Versuch zu sein, diesen uralten Astralkult zu verewigen. Schaut man sich beispielsweise die Positionen der dortigen Pyramiden an, gibt es eine verblüffende Ähnlichkeit zur Anordnung der Sterne des Orion – jenem Sternbild, das in direktem Zusammenhang steht, mit dem alten Fruchtbarkeits- und Unterweltgott Osiris, denn Orion repräsentierte für die alten Ägypter die himmlische Entsprechung, eben jenes höchsten Gottes.

Orion und die Pyramiden von Gizeh - ewigeweisheit.de

Orion und die Pyramiden von Gizeh
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Das Mysterium vom wahren Ursprung des Getreides

Doch auch ein anderes Volk, das heute überwiegend im afrikanischen Mali lebt, pflegt einen ausgeprägten Sternenkult: die Dogon. Sie bewahren ein uraltes Geheimwissen, worin ein unsichtbarer Stern erwähnt wird.

Die Dogon leben in einer sehr trockenen Region, wo nur an wenigen Tagen im Jahr Regen fällt. Darum muss die Aussaat meteorologisch genau abgestimmt sein, auf diese kurze Feuchtigkeitsperiode. Hierfür ermittelt der Stammesälteste durch Beobachtung der Himmelsbewegungen von Sonne und Sirius, den genauen Zeitpunkt, an dem das Säen des Getreidesamens erfolgen muss.

Über die Kenntnis außerirdischen Wissens

Ihr Wissen um den Stern Sirius und die mit ihm zusammenhängenden Getreidemysterien, wollen die Dogon von außerirdischen Wesen erhalten haben, die einst, vor sehr langer Zeit kamen, um die Erde zu besiedeln: die Nommos - hermaphroditische, fischartige Wesen - Kreaturen mit einem menschlichen Oberkörper und dem Unterkörper eines Fisches. Die Dogon sprechen über die Nommos als "Meister der Gewässer", "die Lehrer" oder "die Wächter" (vergl. Wächter der Henoch-Tradition).

Laut den Überlieferungen der Dogon, kam einst von Sirius eine besondere Arche und landete mit tosendem Klang auf der Erde. Diesen geheimnisvollen Klang ahmen die Eingeweihten der Dogon auch heute noch nach, durch schnelles Wirbeln eines Schwirrholzes. Erklingt dieses sonderbare Instruments, bereiten sich die Eingeweihten vor auf ihr Zusammentreffen. Der eigenartige Klang erinnert in etwa an das Dröhnen eines Propellers.

Interessanterweise, erfahren wir von so gearteten Fischwesen auch aus den Überlieferungen der alten Sumerer. Sie verehrten ein als Fisch gekleidetes Menschenwesen als Gott, den sie Dagon nannten. Er soll aus dem Meer gekommen sein, um die Menschen in die Kulturtechniken einzuweihen, verschwand dann eines Tages aber im Meer, ohne jemals wiederzukehren.

Auch der indische Gottgesandte Avatara Matsya erschien auf Erden in dieser Gestalt: halb Mensch, halb Fisch.

Gewissermaßen wiederholt sich diese Fischthematik, in Verbindung mit einem Brot- beziehungsweise Getreidemysterium auch, in der Eucharistiefeier des letzten Abendmahl: Jesus Christus teilte das Brot mit seinen 12 Jüngern. Bekanntermaßen starb er, erstand auf zu neuem Leben und fuhr auf zum Himmel, an die Rechte seines Vaters. Von dort aber soll er dereinst wiederkehren. Seither verehren ihn die Christen, im heiligen Symbol des Fisches.

Auch die Dogon, erwarten die Rückkehr ihres Gesandten in der Zukunft.

Fischsymbolik und die Mitra des Papstes

Jener Dagon, von dem oben die Rede war, halb Mensch, halb Fisch, trug wie gesagt als Kleid den Körper eines Fisches. Seine Kopfbedeckung bildet in manchen Abbildungen ein Fischkopf mit offenem Maul, was verblüffend der Mitra des Papstes ähnelt – jenem Religionsoberhaupt, der an seiner Rechten des "Fischerring" trägt und Stellvertreter des "Menschenfischers" ist.

Vorgänger dieses spirituellen Oberhaupts, waren die Hierophanten in der alt-griechischen Kultur. Sie leiteten die Mysterien der Getreidegöttin Demeter. Auch ihr Kopfschmuck erinnert an eben jenen Fischkopf Dagons.

Dagon – ewigeweisheit.de

Dagon, den man im alten Babylon auch Oannes nannte, gilt als mythischer Kulturbringer der Menschheit.

Auf übergeordneter Ebene, scheint es zwischen sakraler Fischsymbolik, Getreide und Ackerbaukultur, also einen höhren Zusammenhang zu geben.

Das Sirius-Mysterium bedeutet in verschiedenen Kulturen immer eine Einweihung in die Wissenschaft des Ackerbaus – die Einweihung in ein Geheimnis, durch das dem Menschen seine Nahrungsgrundlage in Form von Brot gegeben wird.

Unser tägliches Brot gib uns Heute

- Matthäus 6:11

Für die Dogon kam das Getreide zur Erde von diesem verborgenen Stern, der Sirius umkreist. Ihn nennen sie "po tolo", den "Hirsenstern", aus dem Amma, der Schöpfergott der Dogon, das erste von acht verschiedenen Getreidesorten erschuf.

Im Schweiße Deines Angesichts

Getreide als Nahrungsgrundlage, kennen wir auch aus dem Anfang der biblischen Genesis. Nachdem sich Adam und Eva am Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem, wegen der Schlange versündigten, wurden sie aus dem Garten Eden vertrieben. Über diesen Garten Eden heißt es ja, dass er sich jenseits der Welt befindet. Darum spricht man auch vom "Fall Adams". Wohin aber fiel Adam, nachdem er vom verbotenen Baum aß? Kam er aus einem Himmelsbereich auf den Planeten Erde?

Osiris – ewigeweisheit.de

Osiris: alt-ägyptischer Gott der Fruchtbarkeit und der Unterwelt.

Isis und Osiris

Als himmlische Schwestergemahlin des Fruchtbarkeitsgottes Osiris, ist die ägyptische Isis gewiss eine Vorform, der griechischen Demeter andererseits auch der Heiligen Mutter Maria. Demeter etwa wurde von ihrem himmlischen Bruder begattet: vom Wettergott Zeus. So kam das Kornmädchen Persephone zur Welt. Auch sie empfing ein Kind vom Himmlischen, der zweimal geboren wurde als Dionysos. Als von himmlischer Göttlichkeit begattet, gilt ja in gewisser Hinsicht auch die christliche Maria, "Mutter Gottes".

Jener Stern Sirius auf jeden Fall, identifizierten die Hohepriester im alten Ägypten als himmlische Erscheinung der Isis. Denn ihr Erscheinen als Sirius am Osthimmel, zur Zeit der Flussschwemme des Nils, war ein wichtiges Symbol für das fruchtbar gewordene, feuchte Land, dass etwa einen Monat später durch die Aussaat des Getreides "geschwängert" wurde.

Interessant ist, dass Schwangerschaftsthematik und Getreidemysterium, auch in der biblischen Genesis eine Rolle spielen:

[…] Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären […] Du sollst nicht davon essen, verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang.

- Genesis 3:16f

Die Schlange, wird in der Bibel zwar als Versucherin des Menschen bezeichnet. Sie ist gewissermaßen aber auch seine Helferin, denn durch ihre Verführung erkannte er die Polarität von Gut und Böse. Doch dafür wurde sie auf die Erde geschmettert:

[…] Auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang.

- Genesis 3:14

Auch in der ägyptischen Mythologie existiert ein Schlangenwesen, das mit dem morgendlichen Aufgang des Lichts, zu tun hat: die Gottheit Apophis. Sie ist die Widersacherin der Sonne, doch wird jeden Morgen vor Sonnenaufgang erneut getötet, so dass ihr himmlisches Blut das Licht des Sonnenaufgangs rot tränkt.

Im Koran, in der nach dem Stern Sirius benannten Sure 53 ("Der Stern"), geht es auch um das Thema der Befruchtung, der Schwängerung:

Und dass er (Gott) beiderlei Geschlecht erschafft, männlich und weiblich, aus einem Samentropfen, wenn er ausgestoßen wird, […] und dass er (Gott) der Herr des Sirius ist.

- Sure 53:45f,49

Besucher aus dem All?

Sowohl also im alt-ägyptischen Mythos, wie in der Genesis, bei den Dogon und auch im Koran, stehen Fruchtbarkeitskult, Fortpflanzungsriten und damit auch die Kulturtechniken (Ackerbau und Viehzucht), in ähnlichem Kontext.

Ob es sich nun aber tatsächlich um Besucher aus dem All handelte, die den Menschen zu dem machten, was er heute ist, kann nicht abschließend festgestellt werden.

Was jedoch zu Denken gibt, ist, dass es auch in den folgenden Versen der Sure 49:50ff, um eine Bestrafung geht. Das ähnelt dem, was wir zuvor aus der Genesis zitiert hatten (Genesis 3:16f). Natürlich bedeutet das nicht, dass es einen direkten Zusammenhang gibt, zwischen den heiligen Schriften und den aus Mythologie und altem Agrarkult dargestellten Mysterien. Sicherlich aber, lässt sich überall darin, eine gewisse, vielleicht sogar gesetzmäßige Grundthematik herauslesen, die zusammenhängt mit Verführung, Sünde, Erkenntnis und dem Beginn menschlicher Kultur auf Erden.

 

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