Helena P. Blavatsky

Das Buch des Dzyan

Das Buch des Dzyan

Vor sehr langer Zeit entstand im alten Tibet ein Dichtung aus acht Stanzen (Strophen). Sie bildeten die Grundlage für Helena P. Blavatskys Hautwerk »Die Geheimlehre«, dass sie als Kommentar zu dem uralten »Buch des Dzyan« verfasste. »Dzyan« ist ein Wort aus dem Sanskrit und eine andere Form des Begriffes »Dhyana«: einer Meditation, um höhere Bewusstseinszustände zu erreichen.

Leider ist nicht endgültig geklärt wo sich dieses Buch als Original heute befindet oder ob es überhaupt (noch) existiert. Laut der Theosophischen Gesellschaft fand Blavatsky diese Schrift aus grauer Vorzeit, auf einer weiteren Reise nach Tibet, die sie 1868 in Begleitung von Mahatma Morya unternahm.

Eine okkulte Bruderschaft verwahrte die Texte anscheinend im Geheimen, um sie vor nicht-eingeweihten Augen zu schützen. Des Weiteren ist außergewöhnlich an diesem Buch des Dzyan, dass es in einer heiligen Sprache verfasst wurde, die in keinem Verzeichnis als Sprache oder Dialekt geführt wird , noch irgend ein Philologe davon wüsste: Senzar - eine Mysteriensprache, die nur den eingeweihten Adepten auf unserem Planeten geläufig ist.

In ihrem Buch »Entschleierte Isis« beschreibt Blavatsky das Senzar als antike Form des Sanskrit. Und doch auch sollen Wurzeln dieser eigentümlichen Sprache in Ägypten zu finden sein, sowie an anderen Orten. Immer wieder wies Helena Blavatsky darauf hin, dass Mysterienwissen niemals an die Öffentlichkeit gelangen darf. Und so also sollte auch der Ursprung des Senzar ein Geheimnis bleiben, auch wenn sie dieser Sprache öffentlich zugestand, wie auch anderen Geheimnissen, das sie aus einer gemeinsamen Wurzel aller Dinge auf Erden entstand.

Die erste Überlieferung esoterischer Glaubenslehren basiert auf Stanzen (Strophen) eines Volkes, das der ethnologischen Wissenschaft unbekannt ist. Es wird behauptet, dass sie (die Stanzen) in einer Sprache geschrieben wurden, für die keine philologische Fachbezeichnung bekannt ist. Es heißt über sie, sie würden einer Quelle entspringen, deren Existenz die Wissenschaft leugnet. Schließlich wird jene Instanz durch die sie (die Stanzen des Buches des Dzyan) uns geboten wurden, in unserer Welt unablässig in schlechten Ruf gebracht, von all jenen die unliebsame Wahrheiten hassen [...]. Aus diesem Grund muss mit der Ablehnung dieser Lehren gerechnet und das darum im Vorhinein auch akzeptiert werden. Da sich niemand selbst als »Gelehrten« bezeichnet, ganz gleich aus welchem Wissenschaftszweig, soll darum ebenso gestattet sein das diese Lehren ernst genommen werden.

- Aus der Geheimlehre, Teil 1

Das Tibetische Kiu-Te

Das Buch des Dzyan wurde als erster Band einer Kommentare-Sammlung des Buches »Kiu-Te« verfasst, einem Sammelband von sieben geheimen Pergamenten.

Es gibt fünfunddreißig Bände des Kiu-te, die für exoterische Zwecke und für Laien verfasst wurden und in Besitz tibetischer Gelugpa-Lamas sind (Gelugpa ist die eine der vier Hauptschulen des tibetischen Diamantweg-Buddhismus sind, des Vajrayana). Man findet sie in den Bibliotheken eines jeden Klosters. Und es gibt darüber hinaus auch vierzehn Bände mit Kommentaren und Anmerkungen von eingeweihten Lehrern, die über das selbe Thema schrieben.

Strenggenommen könnte man diese fünfundreißig Bücher als »Popularausgabe« der Geheimlehre (Blavatskys Hauptwerk) werten, mit all ihren Mythen, Umschreibungen und Irrtümern. Andererseits enthalten die (anderen) vierzehn Kommentar-Bände – mit ihren Übertragungen, Anmerkungen und ihrem umfangreichen Glossar okkulter Begriffe, die aus einem kleinen, sehr alten Pergament stammen, dem Buch der Geheimen Weisheit der Welt – eine Übersicht über alle okkulten Wissenschaften.

Anscheinend werden diese (vierzehn Bände) für sich im Geheimen aufbewahrt und sind in der Obhut des Taschi-Lama von Shigatse (in Tibet). Die Bücher des Kiu-Te stammen aus vergleichsweise jüngerer Zeit. Sie wurden innerhalb des letzten Jahrtausends bearbeitet, obgleich seine frühesten Kommentar-Bände unsagbar alt sein dürften.

- Aus Blavatskys Gesammelten Schriftwerken, Band XIV

Das Kiu-Te wird von anderen Gelehrten heute auch »Rgyud-Dse« genannt, das Teil einer riesigen Schriftsammlung Buddhistischer Tantra-Lehren ist. Doch bei alle dem bisher Gesagten, driften die Meinungen über den Ursprung des Buches des Dzyan weit außeinander, spreizen sich die Vermutungen über seine Herkunft doch von Fernost bis nach Europa und werden dem chinesischen Tao ebenso zugeschrieben wie der jüdischen Kabbala.

Was Blavatsky dort in Tibet auch gefunden haben mag erinnert an das, was in anderen Zusammenhängen etwa als »Akasha-Chronik«, die »Tabula Smaragdina« oder anderswo als die »Wohlverwahrte Tafel« bezeichnet wurde.

Auszug aus dem Buch des Dzyan

1. Strophe

1. Die ewige Mutter, gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte wieder einmal während sieben Ewigkeiten geschlummert.
2. Es gab keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unendlichen Schoße der Dauer.
3. Das Universalgemüt war nicht vorhanden, denn es gab keine Ah-hi, es zu erhalten.
4. Die sieben Wege zur Seligkeit existierten nicht. Die großen Ursachen des Leidens waren nicht vorhanden, denn es war niemand da, sie hervorzubringen oder in sie verstrickt zu werden.
5. Dunkelheit allein erfüllte das unendliche All, denn Vater, Mutter und Sohn waren wieder einmal Eins, und der Sohn war noch nicht erwacht für das neue Rad und seine Wohnung auf demselben.
6. Die sieben erhabenen Beherrscher und die sieben Wahrheiten hatten aufgehört zu sein. Und das Weltall, der Sohn der Notwendigkeit, war in Paranishpanna untergetaucht, um wieder ausgeatmet zu werden von dem, das ist und dennoch nicht ist. Nichts war.
7. Die Ursachen des Daseins waren beseitigt, »das Sichtbare, das war, und das Unsichtbare, das ist, ruhten in dem großen Nichtsein, - dem Einen Sein«.

 

Die wahren Adepten der Theosophischen Gesellschaft

Die wahren Adepten der Theosophischen Gesellschaft

Ein Mahatma ist ein Adept höchsten Ranges und bedeutet wörtlich »Große Seele«. Mahatmas sind aufgestiegene Wesen, die die Triebe ihrer niederen Seelenanteile vollkommen geläutert haben und damit nicht mehr den »Versuchungen des Fleisches« unterliegen. Sie verfügen über ein höheres Wissen und Kräfte, entsprechend der hochentwickelten spirituellen Ebene, auf denen sie handeln. Man nennt sie »Arhats«, Adepten die alle Gier, Hass und Verblendung vollständig abgelegt haben.

Helena Blavatsky, sowie andere Mitglieder der von ihr gegründeten Theosophischen Gesellschaft, standen mit solchen Arhats in Verbindung. Die einen zählten zu einer Bruderschaft von Tibet, die andere gehörten der ägyptischen Bruderschaft von Luxor an. Über die Mahatmas dieser Bruderschaften erfahren wir im Laufe dieses Textes aber noch mehr.

Von den Mahatmas auf jeden Fall, erhielten Blavatsky und andere Theosophen letztendlich die Weisungen, die ihr gesamtes Handeln bestimmen sollten. Auch ihre Reisen habe Blavatsky aus einem bestimmten Grund angetreten: Sie wurde angewiesen von einem Mahatma mit dem Namen »Morya«. Von ihm erhielt sie wahrscheinlich im Frühling 1851 ihren besonderen Auftrag.

Als sie damals mit einer Freundin die Weltausstellung in London besuchen wollte, begegnete sie diesem eigentümlichen Menschen auf einem Spaziergang. Das geschah zu ihrem großen Erstaunen, denn sie erkannte diesen indischen Edelmann wieder. Er war ihr in ihren Visionen als junges Mädchen erschienen und stand nun vor ihr, umgeben von anderen indischen Adligen. Sogleich wollte sie auf ihn zugehen, doch er gab ihr einen Wink, dass das nicht der richtige Zeitpunkt sei. Er hatte sie also ebenfall erkannt.

Am kommenden Tag striff Blavatsky durch die verschlungenen Wege im Londoner Hyde Park. Da erschien ihr der Prinz auf einmal wieder. Er schien sich zu freuen sie wieder zu sehen und das hatte einen Grund: er nämlich wollte ihr den Auftrag erteilen, damit sie ihn in einer höheren Mission unterstütze. Und das sollte schließlich zur Gründung der Theosophischen Gesellschaft führen, mit dem erhabenen Ziel im Westen ein spirituelles Erwachen auf den Weg zu bringen.

Die Entschleierte Isis

Von ihrem Meister erfuhr sie nun also was ihre nächsten Schritte seien. Morya forderte sie auf für einige Zeit nach Tibet zu reisen – seine Heimat. In diesem fernen Hochland in Zentralasien, sollte sie besondere Erfahrungen machen, man könnte sagen eine Initiation in die Mysterien durchleben.

Helena Blavatsky und Henry Olcott – ewigeweisheit.de

Die Gründer der Theosophischen Gesellschaft: Helena P. Blavatsky und Colonel Henry Steel Olcott im Jahr 1888.

Seit dieser Begegnung, bis in die 1870er Jahre, verbrachte Helena Blavatsky damit, all das viele Wissen und die zahlreich gemachten Erfahrungen zu sammeln, die schließlich die Grundlage werden sollten für ihr 1877 in New York veröffentlichtes Buch: »Die Entschleierte Isis – ein Meisterschlüssel zu den Mysterien der alten sowie modernen Wissenschaft und Theologie« (englischer Originaltitel: »Isis Unveiled – A Master Key to the Mysteries of Ancient and Modern Science and Theology«). Dieses Buch gilt als Blavatskys kritische Antwort auf einen wachsenden Materialismus, den man sowohl in der Wissenschaft wie auch in religiösen Institutionen antraf. Kernthema ihres Werkes aber war ein Versuch die Grundlagen für eine moderne Theosophie zu schaffen.

Dieses Buch ist unterteilt in zwei Bände:

  • Band I: »Unfehlbarkeit der modernen Wissenschaft«. Hierin bespricht Blavatsky die okkulten Wissenschaften und verborgene und unbekannte Naturkräfte, wozu etwa Elementale, spiritistische Phänomene, und die inneren und äußeren Geheimnisse des Menschsein gehören.
  • Band II: »Theologie«. Im zweiten Band versucht Blavatsky Ähnlichkeiten hervorzuheben von orientalisch-religiösen Schriften (aus Buddhismus, Hinduismus, den Veden und Zoroastrismus) und den Christlichen Lehren. Dabei folgt es einer aus der Renaissance stammenden Vorstellung von einer Prisca Theologia, die davon ausgeht, dass alle Religionen der Erde eine gemeinsame Wurzel haben.

Nachdem die Entschleierte Isis Ende September 1877 veröffentlicht wurde, war das Buch bereits nach zehn Tagen vergriffen. Bis heute wurde es wahrscheinlich mehr als eine halbe Million mal verkauft.

Die Inspirationsquelle dieses Buch aber überhaupt zu schreiben, dafür nannte Blavatsky ihren sagenhafter Guru: Meister Morya.

Gehüllt in einen Mantel des Schweigens

Nie sprach Blavatsky viel über ihre Reisen und verriet auch keine genauen Details über Aufenthaltsorte oder die Personen, die ihr auf ihren Expeditionen begegneten. Worüber sie nicht mit anderen sprach schien sie jedoch, zumindest teilweise, in ihren Büchern zu »entschleiern«. Das mag auch der Grund sein, dass es bis heute in Kreisen der Theosophischen Gesellschaft üblich ist, über die Verwendung der Initialen H. P. B. auch über Helena Petrovna Blavatsky zu sprechen, was im Übrigen ja auch für die Mahatmas gilt, die selbst ja ihre Briefe, auf die wir später noch genauer eingehen wollen, mit ihren Initialen unterzeichneten. Doch auch zeitgenössische theosophische Autoren tendieren dazu, Initialen statt ihrem vollen Namen zu verwenden.

Der Grund das Blavatsky diese Kürzel verwendete oder auch Orte geheimhielt, war einfach: Sie wollte vermeiden, dass sich andere in die Nähe jener Regionen begeben, um dort ihren Mahatmas nachzustellen.

Blavatskys Auftrag, den sie von den Mahatmas erhielt, lag alleine darin, jene esoterische Bruderschaft zu gründen die eine moderne Theosophie auf den Weg bringen und in besonderen Logen interessierte Menschen unterrichten sollte.

Kritiker aber unterstellen Blavatsky gerne, dass all das nur ihre Erfindungen gewesen sind und sie nur deshalb nicht über die Orte sprechen wollte, die sie auf ihren Reisen besuchte, weil sie dort niemals gewesen ist. Auch die Menschen, deren Namen sie meist mit einem Buchstaben abkürzte (wie etwa der mysteriöse Mr. K.), waren laut ihrer Kritiker nichts als Erdichtungen ihrer ausgeprägten Fantasie. Bei alle dem steht trotzdem fest: Blavatsky hatte sich einem Treueschwur der Verschwiegenheit verpflichtet. Und das bedeutete bewusst Namen, Daten und Orte zu verschlüsseln oder abzukürzen. Nicht aber um etwas vor ihren Lesern zwanghaft zu verbergen, als vielmehr zu vermeiden, dass die Quellen des Unbeschreiblichen ungeschützt von jenen aufgesucht wurden, die nicht darauf vorbereitet waren und denen möglicherweise die nötige Verantwortung für einen gebührenden Umgang damit fehlte.

Die Gründung der Theosophischen Gesellschaft

Meister Morya beauftragte Ende Juni 1873 Helena Blavatsky nach New York zu reisen. Noch im selben Jahr machte sie sich auf den Weg. Als ihre Schiff im Hafen der Stadt landete, war sie jedoch fast mittellos. Ihr Vater, der sie über die Jahre ihrer Wanderschaft unterstützt hatte, war nicht lange zuvor verstorben.

Blavatsky aber war ihrer mediumistischen Fähigkeiten gewahr und entschied nun über diesen Weg auch an Geld zu kommen, zumindest aber mit Leuten Kontakt aufzunehmen, über die sie ihre Grundversorgung sicherstellen konnte. So kam sie zu einem gewissen Colonel Olcott, einem wichtigen Fachmann, der über solche Themen wie Spiritismus und Hellseherei in amerikanischen Zeitungen schrieb.

Henry Steel Olcott (1832-1907) war eigentlich Rechtsanwalt, den man wegen seines im Amerikanischen Sezessionskrieg erworbenen militärischen Titels, einfach nur Colonel Olcott nannte. Er war bekennender Buddhist – zu damaliger Zeit in den Vereinigten Staaten eher ungewöhnlich.

Als nun Blavatsky nach New York kam, befand sich Olcott gerade in Chittenden, etwa 400 km nördlich der Stadt. Er schrieb dort über die »Eddy Brothers« (William und Horatio Eddy), die in den 1870er Jahren in Amerika als spiritistische Medien berühmt wurden. Im August 1874 erschienen seine Forschungsergebnisse in einem Artikel der »New York Sun« und in »The Daily Graphic«. Diese Veröffentlichungen gelesen, wollte ihn Helena Blavatsky unbedingt kennenlernen und fuhr also nach Chittenden.

Olcott war damals ein alleinstehender Mann, etwa ein Jahr jünger als sie. Sie schloss sich ihm mit etwas affektierter Schüchternheit an. Über ihre angeblichen medialen Fähigkeiten aber amüsierte sich Olcott insgeheim. Das aber geschah aus reiner Sympathie. So freundeten sich die beiden in den folgenden Monaten an und schon bald veröffentlichte auch Blavatsky in den Vereinigten Staaten ihre ersten Schriften.

Später besuchte sie ein Freund Olcotts in New York: William Quan Judge (1851-1896). Auch er war Rechtsanwalt, der aber wegen seiner Neugierde für Geheimlehren schon sehr früh Kontakt hatte zu freimaurerischen Kreisen – was im Übrigen auch für Olcott galt. Als Judge nun im August 1875 Olcott und Blavatsky in New York besuchte, freundeten sie sich an. Er sollte später Blavatsky den Anstoß dazu geben, eine Gesellschaft zu gründen, die sich allein dem Studium der Geheimwissenschaften widmet. Judge sollte zu ihren größten Bewunderern werden, so dass die beiden bald auch eine tiefe Freundschaft verband.

Über Blavatsky erfuhr er auch von den Mahatmas. Ihre Theosophie war nichts das etwa nur aus ihrem eigenen Geiste kam, sondern bezog sich auf das, was ihr von den Mahatmas vermittelt und sie von ihnen als Auftrag erhalten hatte. Nicht also war es Blavatsky, sondern es waren die Mahatmas, die die moderne Theosophische Bewegung initiierten. Sie sollten Blavatsky, Olcott und Judge, als ihre getreuen Gefolgsleute dann auch zur Gründung der Theosophischen Gesellschaft in New York bewegen.

Der Begriff »Theosophie« ist natürlich älter als die damals danach benannte Gesellschaft. Aber erst durch Blavatskys Schriften wurde dieses Wort wieder ins Gedächtnis der Menschen gerufen, die damit ein vorgegebenes Fundament schuf, aus dem dann das entstand, was man heute als die »Moderne Theosophie« bezeichnet.

An sich aber steht das Wort Theosophie für die Göttliche Weisheit »Theo Sophia«, die als Geistesdisziplin mitunter im Neuplatonismus des 3. Jahrhunderts n. Chr. wurzelt. Letztendlich ließen sich die Ursprünge dieser spirituellen Geisteswissenschaft wohl in einer Zeit vermuten, als die Menschen noch gar keine Bücher besaßen, wo Weisheit allein mündlich von Meister zum Schüler weitergegeben wurde. Damit liegen die Ursprünge der Theosophischen Tradition in grauer Vorzeit, seitdem Menschen auf diesem Planeten wandeln.

Siegel der Theosophischen Gesellschaft Adyar – ewigeweisheit.de

Das Siegel der Theosophischen Gesellschaft Adyar mit der Maxime: Keine Religion höher als die Wahrheit. Zur Symbolik: Der Kreis ist Symbol des Unendlichen, das Weltenei der Kosmogonie. Die Swastika (Sonnenrad) im Kreis stellt die Kräfte in der Natur während des Evolutionsprozesses dar. Die Uroboros-Schlange symbolisiert den zyklischen Prozess der Manifestation des ewigen Lebens. Innen sieht man zwei Dreiecke die sich im sechseckigen Stern der Vollkommenheit einen: das schwarze steht für die Materie, das weiße für den Geist. Darin befindet sich das alt-ägyptische Ankh, dass sich aus einem Kreis (absolut Göttliches) und einem T-Kreuz (irdisch-materielles) zusammensetzt. Das Aum-Symbol endlich, dass das Siegel krönt, steht für den Logos: Urwort des Kosmos.

Ziel der Mahatmas, der Meister, wie sie auch genannt werden, war eine Neubelebung der uralten Weisheiten der Menschheit, in der Dämmerung eines neuen Zeitalters (etwa jenem Konzept, über das man in entsprechenden Kreisen der New-Age-Bewegung, als »Zeitalter des Wassermanns« spricht). Das zentrale Konzept dieser Bestrebungen war die Vorstellung eines einigen, göttlichen Absoluten, aus dem sich einst das Universum bildete. Die Theosophie der Mahatmas lehrt, dass die Aufgabe der Menschen auf Erden darin besteht, eine spirituelle Emanzipation zu vollziehen – einer durch wiederholte Reinkarnation erfolgende Veredelung der menschlichen Seele, gemäß den Gesetzen des Karma – dem fernöstlich-spirituellen Konzept der Vorsehung.

Wichtig für die moderne Theosophie sind aber auch der Glaube an eine universale Verbrüderung, was letztendlich zur Verbesserung der Gesellschaftlichen Verhältnisse führen soll – auch wenn in der Theosophischen Gesellschaft dazu niemals ethische Gebote festgelegt wurden.

In solch einem spirituell-geistigen Umfeld formulierten Blavatsky, Olcott und Judge, die Statuten einer neuen Gesellschaft, die mit den folgenden drei Hauptziele aufgestellt werden sollten:

  1. Den Kern einer universellen Bruderschaft der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied von Herkunft, Glaube, Geschlecht und Hautfarbe,
  2. zum Studium der vergleichenden Religionswissenschaft, Philosophie und Naturwissenschaften anzuregen und
  3. ungeklärte Naturgesetze und im Menschen verborgene Kräfte zu erforschen.

Am 17. November 1875 wurde die Theosophische Gesellschaft offiziell in New York gegründet. Blavatsky aber wollte dabei auf jeden Fall vermeiden, dass die neu gegründete Gesellschaft in irgend einer Form mit einer Religion verwechselt werden könnte. Die Mitglieder, ganz gleich welchen Standes oder Glaubens sie waren, brauchten also keinen neuen, allgemeingültigen Dogmen zustimmen, noch irgendwelche Glaubensbekenntnisse formulieren oder gar verbreiten. Sie wollte damit eben vermeiden, dass die Theosophische Gesellschaft eine sektenähnliche Bewegung würde, auch wenn Blavatsky das bis heute, durch das Verhalten mancher Mitglieder der Gesellschaft, anscheinend nicht ganz vermeiden konnte.

Es ging Blavatsky und ihren Anhängern eher darum eine Organisation zu gründen, deren Statuten sich an der demokratischen Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika orientierte, worauf ja gewiss das erste Hauptziel der Theosophischen Gesellschaft hindeutet. Ihr war irgendwie auch klar, dass sie Colonel Olcott nicht zufällig begegnet war, repräsentierte er doch das, was die Grundlagen einer verfassungskonformen Führung von Menschen bedeutet. So kam Olcott schließlich auch zu seinem Amt als erster Präsident der Theosophischen Gesellschaft. Schließlich war er als Jurist vertraut mit dem Rechtssystem des Landes, in dem die Gesellschaft gegründet wurde. Doch auch seine Verbindungen zu Freimaurerischen Kreisen, sollten dabei eine gewisse Rolle spielen.

Helena Blavatskys Aufgabe war ihren Mitmenschen eine zeitgenössische Theosophie zu überliefern. Durch Henry Olcott aber kam es zur formalen Gründung der Gesellschaft. Blavatsky war doch alles andere als ein Organisationstalent. Sie verkörperte die theosophische Lehre an sich, dass was sie später in ihren Hauptwerken ihren Mitmenschen entbot: die Entschleierte Isis und später ihr Hauptwerk: die »Geheimlehre« (1888). Hiermit wollte sie alte Weisheitslehren so aufbereiten, dass sie auch den Erwartungen moderner Gemüter entsprachen.

Blavatskys Arbeit als Schriftstellerin war gewiss eine ganz eigene Art literarischen Schaffens. Mit ihren beiden, eben erwähnten Hauptwerken schuf sie quasi eine Zusammenfassung dessen, was an klassischem Wissen der Spiritualität, Mythologie, Magie, Mystik, Religion und Philosophie, jemals niedergeschrieben wurde. Bei alle dem aber, darf man sich unter der damaligen Theosophischen Gesellschaft nicht etwa einen gewöhnlichen Verein vorstellen. Durch ihre enge Verbindung zu den Lehren der Bruderschaft von Luxor ließ sich die Gesellschaft in ihren Anfängen, sehr gut als »Ägyptische Schule für Okkultismus« bezeichnen. Nicht zufällig empfahl Olcott noch vor der Gründung die Organisation »Ägyptologische Gesellschaft« zu taufen.

Das war damals das Ergebnis und der Inhalt unserer Lehre, was zeigt, wie unglaublich weit H. P. B. und ich davon entfernt waren an so etwas wie Reinkarnation zu glauben.

-Oclott 1893 in der Zeitschrift »The Theosohist«

Wegbereiterin für eine Moderne Spiritualität

von Johan von Kirschner

Helena P. Blavatsky - ewigeweisheit.de

Wer zum ersten Mal mit dem Werk der Theosophin Helena P. Blavatsky in Berührung kommt den dürfte die Fülle der von ihr hervorgebrachten Themen zur Esoterik tatsächlich verblüffen. Kaum einer vor ihr hat zu so vielen verschiedenen okkulten Wissensgebieten geforscht und noch weniger haben ihre Ergebnisse dann auch als schriftliches Gesamtkompendium herausgebracht.

Bei alle dem ist es aber nicht leicht die Bücher Blavatskys zu lesen und auch zu verstehen. In Anbetracht der Tatsache des gewaltigen Umfangs an Inhalten, reicht es den meisten modernen Theosophen darum aus, sich allein mit dem Werk Helena Blavatskys zu befassen. Vielen Esoterikern gelten ihre Bücher als wahre Inspirationquelle. Heute existieren zudem viele Arbeiten, die die Inhalte in Blavatskys Hauptwerk »Die Geheimlehre« zu kategorisieren versuchen, und dem darin enthaltene esoterischen Wissen eine gewisse Ordnung verleihen. Für einen heutigen Leser eine sicherlich praktische Herangehensweise speziell für jene, die Blavatskys esoterische Literatur auch wirklich begreifen möchten. Zu diesen Autoren zählen sicherlich Annie Besant, Ernest Wood, Gottfried von Purucker oder Geoffrey Baborka.

Gewiss lebten sie alle, und streng genommen auch Helena Blavatsky selbst, in einem Zeitalter, wo das Denken der Epoche, Ratio und technischer Fortschritt bestimmten. Zu Zeiten Blavatskys erlebten die Naturwissenschaften eine bis dahin nicht dagewesenen Glanzzeit. Was aber damals der Durchschnitt als Aberglauben belächelte – kurz: Die Okkulten Wissenschaften – erlebte ebenfalls eine neue Blüte, ja sie nahmen sogar einen noch wichtigeren Platz ein im Denken einer aufstrebenden Moderne.

Die alte esoterische Lehre der jüdischen Kabbala wurde für viele wieder ebenso interessant, wie sich auch ganz neue Forschungsgruppen den alten Mysterien widmeten, die sich in Buddhismus, Vedanta und anderen orientalischen Philosophien entdecken lassen. Man studierte die Eigenschaften des Spirituellen, wandte sich der Untersuchung von Telepathie zu, erprobte Geistheilung und versuchte Licht ins Dunkel anderer übersinnlicher Phänomene zu bringen. Man könnte gewiss behaupten, dass sich in dieser Zeit eine geistige Bewegung im Westen entwickelte, die in der New-Age-Bewegung am Ende des 20. Jahrhunderts ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen sollte.

Das war die Zeit als in okkulten Zirkeln plötzlich über eine Frau gesprochen wurde, deren Namen auf beiden Seiten des Atlantik von sich reden machte.

Die Reisen einer jungen, wissbegierigen Frau

Am 12. August 1831 kam in Jekaterinoslaw, im Russischen Zarenreich (heute Ukraine), ein sonderbares Mädchen zur Welt: Helena Petrovna von Hahn-Rottenstein. Ihre Kindheit verbrachte sie viel allein. Aus Sicht eines Spiritisten aber war die junge Helena Petrovna ganz und gar nicht einsam. Sie spielte zwar nicht mit Kindern, sondern, so die Legende, mit Wassergeistern und anderen Naturdämonen. Sicherlich trug zu ihrem merkwürdigen Verhalten als Kind der frühe Tod ihrer Mutter bei, die sie im Alter von 11 Jahren verloren hatte. Laut dem englischen Schriftsteller Alfred Percy Sinnett (1840-1921), besuchte sie bereits damals jene »Mahatmas« aus dem fernen Tibet, die in der Theosophischen Gesellschaft schlicht als die »Meister« beschrieben werden. Mehr darüber später.

1849 heiratete sie den sehr viel älteren General Nikifor Vladimirovich Blavatsky (*1810), lebte aber nur etwa drei Monate mit ihm zusammen und das keineswegs als Ehefrau. Sie nämlich drängte der Wunsch nach etwas Größerem, nach einem Abenteuer. Sie wollte auszureißen, ihre gewöhnliche Umgebung hinter sich lassen und sich auf eine Reise zu den Quellen der spirituellen Kulturen begeben, um den Weisheiten in West und Ost zu begegnen.

Als es im Juli 1849 zu Handgreiflichkeiten zwischen ihr und ihrem Ehemann kam, ergriff sie die Flucht und begab sich, nachdem sie kurze Zeit bei Freunden Unterschlupf gefunden hatte, auf eine abenteuerliche Expedition. Erste wichtige Station darauf war Istanbul, damals Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Metropole am Bosporus erreichte sie über das Schwarze Meer. Von dort aus setzte sie ihre Forschungsreise in den kommenden neun Jahren fort. Sie kam nach Ägypten, nach Griechenland und später auch an andere Orte Ost-Europas.

Unterwegs lernte sie die Gräfin Sofia Kiselyova kennen – eine Adlige über die allerdings nichts weiter bekannt ist. Sie aber sollte, für das damals gerade mal 18-jährige Mädchen, zu einer engen Vertrauten und Freundin werden. Mit ihr nämlich setzte die junge Mademoiselle Blavatsky ihre Reisen fort. All das tat sie mit dem Geld ihres Vaters, mit dem sie insgeheim weiter Kontakt hielt, während ihre restlichen Verwandten nichts von ihren Unternehmungen wussten. Es sollten zehn Jahre vergehen bis sie die dann schon erwachsene Helena wiedersehen sollten.

Die Hermetische Bruderschaft von Luxor

1850 kam die junge Blavatsky mit ihrer Begleiterin nach Ägypten, wo sie lange Zeit damit verbrachte nach Orten zu suchen, wo sich Gelehrte aufhalten, die über okkultes Wissen verfügen. Im Kairoer Stadtteil Bulaq traf sie einen alten koptischen Gelehrten, ein recht wohlhabender Ägypter mit griechischen Wurzeln: Paulos Metamon. Man munkelte er sei ein Meister der Magie, dem ganz unglaubliche Fähigkeiten nachgesagt wurden. Anscheinend glaubte er in Blavatsky eine Schülerin gefunden zu haben. Empfänglich nahm sie das Wissen ihres neuen Lehrers ganz in sich auf. Sie schloss sich seiner Geheimschule an und traf ihn auch in späteren Jahren immer wieder. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass Metamon auf die junge Dame aus Russland einen ganz wesentlichen Einfluss ausübte, wobei aber sicherlich noch andere, geheimnisvollere Kräfte mitwirkten.

Ein gebürtiger Jude polnischer Herkunft namens Max Théon (1848-1927), war selbst zuvor Schüler des Kopten Metamon. Nach Reisen durch Europa gründete Théon 1870 in London die Hermetische Bruderschaft von Luxor – einen esoterischen Orden, der später ganz erheblichen Einfluss auf den westlichen Okkultismus ausüben sollte. Insbesondere die praktischen Komponenten seiner Lehren sollte für die westliche Mysterien-Tradition von großer Bedeutung werden. Es heißt Max Théon sei auch Helena Blavatsky begegnet. Angeblich weihte er sie seinerzeit ein, in die Geheimlehren seiner Bruderschaft.

Auf dieser Grundlage sollte Blavatsky wahrscheinlich später in Kairo die »Société Spirite« gegründet haben: eine Gesellschaft zur Untersuchung übersinnlicher Erscheinungen. Auch das Emblem der Theosophischen Gesellschaft ähnelt in gewisser Weise jenem der Hermetischen Bruderschaft von Luxor (vergl. Abb.).

Sich ähnelnde Embleme: Burderschaft von Luxor, Helena P. Blavatsky, Theosophische Gesellschaft – ewigeweisheit.de

Sich ähnelnde Symbole: Links das alte Emblem der Hermetischen Bruderschaft von Luxor, in der Mitte das Emblem Helena P. Blavatskys und rechts das bis heute verwendete Emblem der Theosophischen Gesellschaft (in Deutschland darf die Gesellschaft das darin enthaltene Swastika allerdings nicht abbilden).

Blavatskys Eifer zu reisen riss hier aber nicht ab. Im Jahr 1851, nach ihrer Zeit in Ägypten, setzte sie ihre Reisen fort und kam nach Paris – einer Stadt die sich damals noch zur wichtigsten Weltmetropole entwickeln sollte. Sie traf dort auf verschiedene berühmte Literaten ihrer Zeit. Damals identifizierte sie außerdem ihre übersinnlichen Fähigkeiten.

Aber auch wenn sie in Paris vielleicht Gleichgesinnte traf, sollte es sie nicht davon abhalten nun doch auch nach London weiter zu reisen.

Hier traf sie zum ersten mal jenen geheimnisvollen Inder, der ihr in ihren Kindheitsvisionen immer wieder begegnet war: Meister Morya. Er sollte sie mit einem besonderen Auftrag vertraut machen, den sie jedoch nur antreten könne, wenn sie ihre Reise in Tibet fortsetze. Im Herbst des selben Jahres 1851 dann kam Helena Blavatsky nach Kanada, um in Quebec auf dort lebende Indianer zu treffen. Von dort aus setzte sie ihre Reise fort nach New York, kam später nach New Orleans, um dort Voodoo-Magiern zu begegnen. Schließlich erreichte sie dann den Süden der Vereinigten Staaten, von wo aus sie 1852 weiterreiste nach Mexiko und Südamerika. Mit dem Schiff fuhr sie noch im selben Jahr nach Ceylon (heute: Sri Lanka) und kam von dort dann schließlich nach Indien – auf jenen Subkontinent wo dereinst, in der Nähe von Madras (Chennai), das internationale Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft eröffnet werden sollte. Damals versuchte sie von Nordindien aus, in das abgeschottete Tibet zu gelangen. Das aber missglückte ihr leider, denn als Frau verweigerte man ihr an der Grenze die Einreise.

So trat sie also 1854 ihre Rückkehr nach Europa an. Diese Reise jedoch entpuppte sich als echtes Abenteuer, denn ihr Schiff nach England wäre am Kap der Guten Hoffnung (Südspitze Afrikas) fast in den Meeresfluten gesunken. Schließlich in England angekommen fand sie sich aber mit Anfeindungen konfrontiert. Damals herrschte Krieg zwischen der britischen und der russischen Armee um die Halbinsel Krim (Schwarzes Meer) und da war jemand wie sie, mit ihrer russischen Herkunft, in England nicht willkommen.

Ob das nun der Grund war, dass sie England wieder verließ? Zumindest könnte man den Eindruck gewinnen, denn schon bald darauf begab sie sich als Mitreisende auf einem Segler erneut in die Vereinigten Staaten nach New York. Von dort aus reiste sie weiter, quer durch Amerika, nach Chicago, Salt Lake City und San Francisco, bevor sie ihre Reise mit dem Schiff nach Japan fortsetzte. Ihr Endziel war wieder Indien.

Im heiligen Tibet

Nach ihrer Ankunft begab sie sich zunächst ins indische Kaschmir, im Norden des Landes und von dort aus in die Region Ladakh.

Blavatsky versuchte später erneut nach Tibet zu kommen. Auf ihrem Weg nach Leh, einer Stadt im Norden Kaschmirs in der Region Ladakh, traf sie 1856 einen tartarischen Schamanen. Mit ihm sollte sie tatsächlich nach Tibet einreisen. Auch er wollte in das Land, um von dort aber nach Sibirien weiterzureisen. Und da Blavatsky Russisch sprach, sollte sie ihm dabei als Gegenleistung behilflich sein. Er verkleidete sie als Mann und so gelang es ihr wirklich die Grenze zwischen Kaschmir und Tibet zu überschreiten, vorbei an der Grenzkontrolle der Britischen Kolonialbeamten. Es war wohl, wie man aus ihren Beschreibungen erfährt, aber auch etwas Magie im Spiel. Der Schamane trug unter seinem linken Arm einen besonderen Totem-Stein. Es mag eigenartig klingen, doch wie auch aus druidischen Quellen im Westen bekannt ist, war es einer dieser »sprechenden Steine«, mit denen er die Kontrolleure vielleicht ablenken konnte.

Ein eigenartiger Mensch dieser tartarische Schamane. Er sprach kein Englisch, nur einige Fetzen Russisch. Trotz dessen aber war er in der Lage recht informative Konversationen zu führen. Außerdem erlebte sie mit ihm wahrlich seltsame Sachen, was wohl niemals geschehen wäre, hätte sie ihre Reise alleine fortgesetzt. Es sollte aber einer der kritischsten Momente ihres bisherigen Lebens werden. Als sie den Schamanen später darum bat, ihr das Geheimnis des sagenhaften Steins zu enthüllen, wurde sie Augenzeugin ganz furchteinflößender Ereignisse, die sie Glauben machten, ihren Begleiter hätten alle Lebensgeister verlassen! Doch wenn jemand lebte, dann dieser Schamane!

Abgesehen von diesen Zwischenfällen muss man ja wissen, dass eine solche Reise damals (wahrscheinlich aber auch heute noch) ein wirklich gefährliches Abenteuer sein konnte. Blavatsky wusste nie was ihr in den nächsten Stunden passieren könnte, dort im Nirgendwo des tibetischen Hochlands. Nicht etwa war Tibet damals ein Land wo man ausschließlich meditierende Mönche traf. Wer die Berichte des schwedischen Reiseschriftstellers Sven Hedin kennt (»Wildes heiliges Tibet«) der weiß dass es zu damaliger Zeit ganz und gar nicht friedlich zuging, und man im Hochland Tibets stets damit rechnen musste überfallen zu werden. Blavatskys einziger Beschützer in der tristen Einöde des tibetischen Hochlands war ihr schamanischer Begleiter. Es war aber, wie bereits angedeutet, ein Nehmen und Geben. Denn durch Blavatsky und die anderen Mitreisenden fühlte sich der Schamane in seiner Hoffnung ermutigt auch zurück in seine sibirische Heimat zu kommen – von wo aus er einst, aus nicht geklärten Gründen, vor 20 Jahren geflohen war.

Augenzeugin magischer Beschwörungen

Auf dem Weg nach Tibet nun kamen sie an einen großen See, dessen weitläufige Ufer dunkler Schlamm bedeckte. Für einige Tage rasteten sie dort in einem kleinen Dorf. Blavatsky verbrachte die Nächte in einer Jurte (traditionelles Zelt der Tartaren). Wie sie über den Schamanen erfuhren, befand sich in der Nähe ein Buddhistisches Kloster. Wie sie erfuhren hielt sich dort gerade ein buddhistischer Lama auf der anscheinend einen Exorzismus vornehmen sollte, bei einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, die den negativen Wirkungen eines »Tschutgur« ausgesetzt war (Besetzung durch einen Elemental-Dämon). An einem Nachmittag begaben sich Blavatsky und andere Mitreisende in dieses,  ganz in der Nähe befindliche Kloster. Dort sollten sie Zeugen außergewöhnlicher Ereignisse werden.

Es befanden sich auch tibetische Mönche auf dem Weg dorthin, die sich auf Pilgerschaft in das Kloster begaben, das aber eher einem kurzzeitig errichten Bau glich und sich in einer großen Höhle befand. Einer der Lamas nun sollte laut des Schamanen ein echter Zauberer gewesen sein, der ganz kuriose Dinge vollbringen konnte.

Mit Blavatsky reiste außerdem ein sonderbarer »Mr. K.«, über dessen wirklichen Namen und Herkunft nichts weiter bekannt ist. Er aber machte sich auf, um mit den tibetischen Wandermönchen Kontakt aufzunehmen. So kam es sogar dazu, dass sich die beiden Lager über die Tage untereinander anfreundeten. Doch was diese seltsamen Menschen nun tun sollten war alles andere als etwas, das sich Blavatsky in ihren kühnsten Erwartungen hätte ausmalen wollen.

Ein Kleinkind, von gerade mal drei bis vier Monaten, wurde von seiner ärmlichen Mutter den Mönchen übergeben, um wohl eine klösterliche Erziehung zu erhalten. Einige Tage vergingen bis die Kontaktperson, jener ominöse Mr. K., den Mönchen schwören musste mit niemandem über die folgenden Ereignisse zu sprechen.

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Ladakh: Indiens »Klein-Tibet«, bekannt für die Schönheit seiner Berge und den dort verbreiteten Buddhismus (Foto: Russavia; Quelle: Wikimedia; Lizenz CC BY-SA 2.0).

Nun saßen Blavatsky und die anderen Begleiter dort am Eingang des kleinen Höhlenklosters. Man brachte das Kind hinein und legte es dort auf einen weichen Teppich. Die Lamas setzten sich auf den Boden daneben. Als der Oberste der Lamas nun in einen tranceartigen Zustand verfiel, brach plötzlich ein helles Licht hervor aus der offenen Klostertür. Es wurde still. Die anderen Mönche schienen wie versteinert. Alles was man hörte war ein entzücktes Jauchzen dass das Baby von sich gab. Zu unserem bloßen Entsetzen aber kam das Kleinkind plötzlich in Sitzhaltung, als hätte es eine dämonische Kraft aufgerichtet. Kurz darauf zuckte es wieder, wie von unsichtbaren Drähten gezogen, und stand plötzlich auf den Beinen – ein vier Monate altes Baby!

Auf einmal starrte das Kleinkind die Anwesenden an, mit einem Blick vollkommen klarer Gewissheit, eben so wie einer schaut, den man als ausgesprochen intelligent und lebenserfahren bezeichnen könnte. Doch das wirkte einfach nur grauenhaft und furchterregend auf Mr. K. und die Anwesenden. Ein kalter Schauer fuhr ihm über den Rücken. Während die Lamas sich in gutem Abstand von dem Kind befanden, saß Mr. K. direkt neben dem sonderbaren Baby. Er biss sich auf die Lippe und kniff sich in die Hand, bis er fast blutete – nur um zu wissen: das war kein Traum!

Die wundersame Kreatur, die mit dem Baby eins zu sein schien, setzte sich vor ihn hin und redete auf Tibetisch auf ihn ein:

Ich bin Buddha. Ich bin der alte Lama. Ich bin der Geist inkarniert in neuem Körper.

-Zitiert aus Blavatskys »Entschleiert Isis«, Band II

Mr. K. schien als gerinne ihm das Blut in den Adern. Die Haare stellten sich ihm auf. Was er da erlebte war wohl, was ihm einst beschrieben wurde als Inkarnation, als Fleischwerdung eines Buddha (hier muss hinzugefügt werden, dass »Buddha« kein Name für eine Person, sondern ein Titel zur Beschreibung des Göttlichen ist: im Sanskrit steht der Titel für den »Erwachten«, so wie man den 563 v. Chr. geborenen Siddharta Gautama später nannte). Alles was Mr. K. erlebte war keine Einbildung. Die Lippen des Kindes bewegten sich tatsächlich und die leuchtenden Augen starrten ihn an, als spähten sie in ihm nach seiner Seele. Mr. K. empfand all das, als wären es die Augen des Lama-Oberhaupts, der da wie gelähmt auf dem Felsboden lag, doch durch die Augen des Kleinkinds direkt in ihn hineinsah, so als wäre sein Geist in das Baby gefahren.

Es wurde ihm schwindelig, denn da kam das Kind auf ihn zu und legte die kleine Hand auf seine. Heiß wie Kohle brannte sie auf seiner Haut. All das empfand er als kaltes Grauen und es war ihm so unerträglich, dass er seine Hände auf sein Gesicht legte und zu schreien begann. Doch von jetzt auf nachher verwandelte sich der Schauplatz, den Mr. K. wohl als wahre Hölle empfand. Alles bildete sich wieder zurück in das was sich ihm bei seiner Ankunft dort gezeigt worden war. Der Lama war erwacht und setzte die zuvor unterbrochene Konversation fort. Das musste dem Erfahrenen als ganz und gar aberwitziges Verhalten vorgekommen sein, dachte er eben doch noch er müsse sterben.

Nun fragte Mr. K. was denn gewesen wäre, wenn er wie vom Teufel besessen und von totaler Panik getrieben, dass Kind aus Versehen verletzt oder sogar getötet hätte? »So hättest Du auch mir physischen Schaden zugefügt, hättest mich getötet«, antwortete der Lama.

 

Das war nur eines von vielen sonderbaren Reiseerlebnissen Blavatskys, die in diesem Artikel, wegen ihrer Länge, leider nicht alle wiedergegeben werden können. Diese Schilderung aber sollte die Verfassungen vermitteln mit denen sie sich wohl immer wieder konfrontiert sah, während ihres Aufenthalts in Tibet.

Nach einiger Zeit aber verließ Blavatsky das geheimnisvolle Land wieder und ein Führer brachte sie zurück zur indischen Grenze. Die Wege und Bergpässe, denen Blavatsky ihrem Führer folgte, blieben ihr aber fremd. Sie verließen Tibet also auf einem anderen Weg, als sie der Tartare eingeführt hatte. Was aus ihm wurde, wissen wir leider nicht.

Wenig später reiste sie dann über das südindische Madras per Schiff nach Java und von dort zurück nach Europa, wohin sie schließlich im Jahr 1858 zurückkehrte. Nach Madras aber sollte sie ein ander Mal wieder zurückkehren.

 

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