Monomythos

Gemeinschaft und Klausur

Gemeinschaft und Klausur

Klausur und Gemeinschaft - ewigeweisheit.de

Wie wir im Gesagten zeigen wollten, scheint der Monomythos und der sich darin bewegende Held, ein universales Instrument zu bilden. Trotzdem kann es nicht als abschließendes, letztgültiges System bezeichnet werden, weshalb diese »Anleitung« in zwölf Schritten, auch kein Nonplusultra zur Findung des eigenen Glücks darstellt. Und das ist auch ganz recht.

Denn Campbells Werk, »Der Heros in Tausend Gestalten«, beziehungsweise das hier vorgestellte Modell Voglers, hatte wohl nie das Ziel Lösungsansätze zu liefern. Vielmehr sind die darin beschriebenen Schlüssel zum Monomythos, Angebote von Mitteln. Eigentlich aber wollen sie die Stationen im ewigen Lebenskreislauf derer veranschaulichen, die in der Menschheitsgeschichte als Gesandte, Propheten oder anders geartete Heldengestalten auftraten, im Dienste an der Menschheit, in ihrer Rolle als perfekte Vorbilder.

In dieser Funktion als Mittler, zwischen Himmlisch-Göttlichem und der Menschheit, erfüllten diese Schlüsselpersonen ihr Werk auf Erden im Übergeben besonderer Weisheiten. Was sie aber weitergaben, dürfte den Einzelnen, je nach kulturellem Standpunkt, immer wieder in anderer Gestalt erschienen sein, woraus sich viele Deutungsmöglichkeiten ergaben.

Als Folge dessen führen sie nicht unbedingt zu direkter Welterkenntnis, als sie eher dem Erleben eines Gruppentraumes gleichen, der jedoch keineswegs nur Illusion ist.

Da fragt sich womöglich, wie sich die in diesen Mythen anklingenden Weisheiten, in ihrer Funktion dem einzelnen Menschen heute erkenntlich zeigen?

Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage, wäre zuerst einmal wichtig anzuerkennen, dass der Monomythos dem Einzelnen schon deshalb nicht als Universalsystem dienen kann, da er immer nur als Teil einer Gemeinschaft seine gesellschaftliche Rolle einnehmen und dabei auch den Weg zu seiner Lebensaufgabe finden muss. Darum gelingt auch der zuvor geschilderte Wegweiser, der auf dem Heldenmythos basiert, immer dann, wenn diese Funktion des Einzelnen in der Gruppe herausgearbeitet wird. Die Rollen, die das Individuum in den Stationen der Heldenreise annimmt, lassen sich in ihm nicht alle vereinigen. Vielmehr geht es darum einen Weg zu finden, der einen Menschen in die Gemeinschaft integriert, als wesentlichen Teil der Mitmenschen seines Umfeldes.

Darum existiert die Totalität, des Menschen Fülle, nicht im einzelnen Mitglied, sondern im Gesamtkörper der Gesellschaft. Das Individuum kann nur eines ihrer Organe sein. Aus der Gruppe der er (der Mensch) zugehört leitet er die Techniken ab, mit denen er sein Leben meistert, die Sprache in der er denkt, die Ideen die ihn Erfolg haben lassen […]

Wenn er glaubt sich davon trennen zu können, gleich ob in Taten oder in Denken und Fühlen, untergräbt er nur seine eigene Existenz.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Die Gruppe bildet wie es scheint also die unsterbliche Einheit eines universal lebendigen Leibes, worin Individuen immer wieder eben ihre Rolle in der Gemeinschaft erfüllen, doch daraus irgendwann auch wieder verschwinden – ein Vorgang der sich immer und immer wiederholt, und das seit Menschen auf Erden leben.

Erkennt man sich selbst in dieser Rolle, mag es recht hart erscheinen und die Frage aufkommen, wieso man dann überhaupt zu etwas beiträgt, woraus man dereinst ja selbst in die Nebel der Geschichte schlichter Bedeutungslosigkeit entschwindet.

Menschliches Sein war eben schon immer etwas, das mit der Erfüllung dieser Rolle in der Gemeinschaft zu tun hatte. Dabei war ganz gleich welchen Zweck man darin nun erfüllte. Es ist unbedeutend ob das Individuum als Handwerker, Kaufmann, Putzfrau, Dieb, Pfarrer, Politiker, Künstler, Mutter, Arzt, Gattin oder Nonne in der Gesellschaft lebte.

Die Unterschiede des Geschlechts, Alters und Berufs sind unserem Wesen äußerlich, bloße Kostüme, die wir auf der Weltbühne für eine Zeit anlegen, die aber nicht mit der Idee des Menschseins verwechselt werden dürfen.

- Aus Joseph Campbells »Der Heros in Tausend Gestalten«

Jeder Mensch nämlich erfüllt seine Lebensaufgabe – einer geschickt, ein anderer weniger glücklich. In allen Riten der Völker aber, wo man die Mitglieder in die Bräuche und Mysterien der Gemeinschaft einweiht, gemeinsam die Feste des Jahreslaufs begeht, wo man sie in den Übergangsriten ins Erwachsensein begleitet, sie zeremoniell verheiratet oder dann eben irgendwann bestattet: immer und in jeder Hinsicht, weisen diese Riten hin auf eine ureigene Einheit von Individuum und Gemeinschaft.

Darin aber befindet sich die Menschenseele als Ebenbild des Kosmos, die im Gebäude eines Miteinanders, auf eine eigentlich metaphysische Harmonie des Individuums im Kosmos verweist. Alle die sich darin auf dem Weg der Heldenreise bewegen, wenn auch zeitweise im Verborgenen, können schließlich zur Vollendung ihrer eigenen Glückseligkeit finden.

Jene aber, die als Asketen, Yogis oder als Einsiedler leben, vermögen durch besondere Praktiken und kontinuierliche Meditation, aus ihrer gesellschaftlichen Rolle den eigentlichen Kern des individuellen Bewusstseins quasi herauszulösen. Da geht es eben nicht mehr um eine Identifikation, sondern wie es einmal der italienische Psychologe Roberto Assagioli nannte, um eine Desidentifikation, die einer in seinem Meditieren allmählich erlangt, wo er Schicht um Schicht seines gesellschaftlich angenommenen Kostüms ablegt, um dabei die wahre Tiefe seines Selbst zu erkennen.

Es wäre jedoch vermessen zu glauben, dass das das Ziel des Leben sei. Beides will da ja vollendet sein: das Leben im Außen der Gemeinschaft und die Erkenntnis, die einer in zurückgezogenem Innewerden gewinnt.

In der heutigen, durch und durch digitalisierten Welt unserer Zivilisation im Westen, sollte man sich jedoch in Acht nehmen, sich mal eben zu vergleichen mit jenen, hier angedeuteten, in Klausur zurückgezogen lebenden Asketen. Denn keineswegs sind das Menschen, die vor dem Einschlafen noch nach neuen Emails oder Kommentaren in den sozialen Medien sehen.

Teil der Gemeinschaft ist man ebenso wenig, wenn man den größten Teil seines Umgangs mit anderen, meist über die eben genannten Kommunikationsmedien hat. Und genau da liegt der entscheidende Punkt: Unsere regelrechte Überindividualisierung, durch jene so häufig und zu stark aufgewertete Freiheit der Wahl, führt weg davon, worauf wir uns zuvor bezogen und was sich mit dieser Frage zusammenfassen lässt:

Welche Rolle die mich mit Glück erfüllt, spiele ich in der Gemeinschaft, und mit welchem Nutzen trage ich hiermit zum Leben aller bei?

Sicher bietet das, was man heute umgangssprachlich einfach »Das Netz« nennt, eine Vielzahl an Möglichkeiten, um sich mit anderen Menschen zu verbinden und Anschluss zu finden. Doch das geht nur, indem man auch in Wirklichkeit, physischen Umgang pflegt. Nur in lebendiger, direkter Gemeinschaft lässt sich Individualität so leben, das sich daraus auch das eigene, wahre Glück verwirklicht.

Schlüssel zur Heldenreise

Schlüssel zur Heldenreise

Reise des Helden - ewigeweisheit.de

Die Heldenmythen von einst folgen immer diesem Schema, dass Joseph Campbell ganz wunderbar in mehrere Stufen gliedert. Aus den Inhalten seines »Heros in Tausend Gestalten«, ergeben sich tatsächlich eine ganz Fülle praktischer Anwendungsmöglichkeiten, die sowohl in der Erzähl- oder Filmkunst, doch ebenso etwa in der therapeutischen Praxis zum Einsatz gebracht werden können.

Die folgenden siebzehn Schlüssel (5, 6, 6) lassen sich, wie oben bereits angedeutet, in drei Phasen gliedern (wobei die hier folgend aufgelisteten Schlüssel jeweils alle verlinkt sind mit noch ausführlicheren Erläuterungen).

Trennung und Aufbruch

Im ersten Abschnitt der Reise verlässt der Held seine gewohnte Welt. Und jeder Aufbruch geht einher mit einer Trennung. Ein kleines Kind trennt sich zum ersten Mal, wenn es sich dem Gebot der Mutter widersetzt oder eben dann ein junger Mensch, wenn er sein Elternhaus verlässt.

Immer aber begibt sich einer vom Vertrauten in eine neue Welt und damit ins Ungewisse. Hierbei bewegt er sich durch die folgenden fünf Stationen seiner Reise:

  1. Der Ruf ins Abenteuer,
  2. dem er sich dann aber verweigert,
  3. bis ihm Übernatürliches hilft
  4. die ersten Schwelle seiner Reise zu überwinden.
  5. Dann aber landet er im Bauch des Walfischs.

Einweihung

Der Zweite Abschnitt seiner Reise bildet die wesentliche Phase, wo der Held seine Einweihung in die Geheimnisse des Lebens, des Sterbens und der Wiedergeburt erlebt.

In verschiedenen Tests und Ritualen wird er da auf seine wahre Heldenrolle vorbereitet. Von Kühnheit und Kampfesmut durchdrungen, kommt sein eigentlicher, wahrer Charakter zum Ausdruck, wobei er jedoch den wichtigen Grund für sein irdisches Daseins erkennt:

  1. Auf dem Weg der Prüfungen
  2. begegnet er schließlich der Göttin.
  3. Dann wird er versucht
  4. bevor er sich mit dem Vater versöhnt.
  5. Somit erreicht er seine Vergöttlichung, die Apotheose,
  6. seine endgültige Segnung.

Rückkehr

Nun ist aus dem Reisenden ein wahrer Held geworden. Jeder der ihm begegnet erkennt ihn auch sofort als solchen. Doch auch in diesen Begegnungen wird der Held noch einmal herausgefordert. Bevor er in die gewohnte Welt zurückkehren kann, muss er erst unter Beweis stellen, dass er sich seine Einweihung auch verdient hat. Erneut wird er da in seiner Rolle auf die Probe gestellt, was ihm vielleicht auch wieder neuen Kummer bringt.

So aber steht er bereits am Anfang seiner eigentlichen Freiheit, erneut eine Heldenreise anzutreten, die ihn wiederum zu den Schüsseln einer noch höhere Ebene der Vervollkommnung führen wird:

  1. Der Held verweigert sich erst zurück zu kehren.
  2. Doch es kommt zur magische Flucht und
  3. einer Rettung von außen,
  4. womit ihm die Rückkehr über die zweite Schwelle gelingt.
  5. Jetzt ist er Meister in zwei Welten und
  6. findet die Freiheit zum wahren Leben.

Der Heros in Tausend Gesichtern - von Joseph Campbell

Der Heros in Tausend Gesichtern - von Joseph Campbell

Joseph Campbell (1904-1987) war ein amerikanischer Wissenschaftler und Autor auf den Gebieten der Mythologie und der vergleichenden Völkerkunde. Bücher wie »Der Heros in tausend Gestalten« (1949) oder das nach seinem Tod veröffentlichte »Kraft der Mythen« (1988), fanden eine große Leserschaft und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Joseph Campbell - ewigeweisheit.de

Bereits als Junge faszinierten Campbell die Ähnlichkeiten zwischen christlichen und indigenen Glaubensvorstellungen. Daraus schloss er schon sehr früh, dass sie nicht zufällig, sondern auf einem viel älteren, gemeinsamen Ursprung basieren müssen, der alle Kulturen weltweit miteinander verbindet.

Campbells Werk ließe sich als psychotherapeutisch orientierte Mythenforschung bezeichnen, wo den Leser Helden-Charaktere begleiten – auf einer Reise zu sich selbst. Sie nehmen ihn mit auf ihrem Weg, lassen ihn teilhaben an ihren Heldenfahrten. Gewiss erinnert das an die Queste der mittelalterlichen Troubadour-Dichtung. Auch da begegnen Helden, in bestimmter Abfolge, archetypische Charaktere. Man denke etwa an Parzival aus der Gralsgeschichte des Wolfram von Eschenbach. Joseph Campbell nannte das, die »Heldenreise« (engl. Hero's Journey). Es ist ein besonderer Zyklus mit verschiedenen Stationen, die der Held auf seiner Reise passieren muss. Was er dabei erfährt, hilft ihm sich über seine bisherige Persönlichkeit hinaus zu entwickeln. Das wurde von vielen Therapeuten zu initiatorischen Übungen weiterentwickelt. Sie sollten ihren Klienten helfen, ihrem wahren Wesenskern näher zu kommen – etwas, das ja insbesondere im Coaching, die zentrale Zielsetzung ist.

Das Werk des Psychologen C. G. Jungs, übte auf Joseph Campbell großen Einfluss aus. In Jungs Werk fand er die elementaren Gemeinsamkeiten von Mythos und menschlicher Psyche. So steht die Campbell'sche Auffassung über die Mythe, in engem Zusammenhang mit den Methoden der Traumdeutung von C. G. Jung. Für beide ist die Interpretation von Träumen und Mythen durch Symbole, von ganz wesentlicher Bedeutung.

In seinem Buch »Der Heros in tausend Gestalten«, beleuchtet Campbell den Mythos der Heldenfahrt, als allgemeinen Leitfaden für alle Menschen. Die Stationen der Heldenreise finden wir in den Mythen der Antike, wie sie ebenso in Traumvisionen von Klienten eines Psychologen auftauchen. Campbells große Leistung war, das schier unendliche Material durchzuarbeiten, aus verschiedenen Mythen der Völker. Die darin immer wieder auftretenden Charaktere und Situationen, erkannte er als besondere Muster, die er in seinen Büchern herausarbeitete.

Was Campbell aus den unzähligen Heldenmythen der Völker extrahierte, ließe sich in einer Formel zusammenfassen, die den drei Stufen der Mysterien-Einweihung entspricht:

  • Die zeremonielle Beendigung eines alten Lebensabschnittes,
  • Initiation in ein neues Leben und
  • Rückkehr des Eingeweihten ins alltägliche Leben.

Unser weltliches Dasein, so Campbell, sei ein langsamer Initiationsprozess. Doch fehlt den meisten modernen Menschen oft die Hilfe von jemandem, der diesen Initiationsweg bereits gegangen ist. So besteht die Gefahr, in den Ritualen des Übergangs, von einer zur nächsten Station der Heldenreise, in unbewältigten Fixierungen steckenzubleiben.

Im ersten Teil seines Buches beschreibt Joseph Campbell die typischen Stationen der Heldenreise: Die Berufung und der Aufbruch, eine besondere Schwelle muss überschritten werden, die aber Wesen aus der Schattenwelt bewachen. Auf seiner Reise gerät der Held in eine Gegend fremder, aber seltsam vertrauter Kräfte. Manche davon sind bedrohlich, andere hilfreich. Gefangen im »Bauch des Wales« und auf dem »Weg der Prüfungen«, wird seine alte Person vernichtet. Im weiteren Verlauf dieser mythischen Reise aber, erhält er schließlich den Lohn für seinen siegreichen Wandel. Es kommt zur Ausweitung seines Bewusstseins. Die Stationen der »Heiligen Hochzeit«, der »Versöhnung mit dem Vater« oder der »Apotheose«, bringen ihn dann zur Erleuchtung, Verwandlung und endlich in die Freiheit. Die Mächte die ihn einst hinderten, helfen ihm nun bei der Rückkehr in die alte Welt.

Der zweite Teil befasst sich mit den Zyklen der Welterschaffung, wie auch ihrer Zerstörung. Dem Helden werden darin die Symbole der Gleichsetzung von Unbewusstem und Überbewusstem offenbart. Was in der Bibel als »der Fall« bezeichnet wird, entspricht für Campbell dem Sturz des Überbewussten ins Unbewusste, wobei sich die manifeste Welt auflöst.

Campbell schließt sein Buch, indem er noch einmal zusammenfasst, die Funktionen von Mythos, Kultus und Meditation. Ziel einer modernen Heldenfahrt müsse sein, so Campbell, »das verlorene Atlantis der unzerspaltenen Seele wieder ans Licht zu bringen.«

Inhalt

  • Prolog: Der Monomythos
  • Das Abenteuer des Heros
    • Aufbruch
    • Initiation
    • Rückkehr
    • Die Schlüssel
  • Der kosmologische Zyklus
    • Emanation
    • Die Geburt von der Jungfrau
    • Die Verwandlung des Heros
    • Die Auflösung
  • Epilog: Der Mythos und die Gesellschaft
     

Informationen zum Buch

Das Buches ist hier http://amzn.to/2ufxPnb  erhältlich oder im Buchhandel.

Foto: http://bit.ly/2vFMWUO