Stein der Weisen

Vom Goldenen Elixier des Lebens

Vom Goldenen Elixier des Lebens

Alchemie Museum Prag - ewigeweisheit.de

Im Februar 2018 verbrachte ich einige Zeit in Prag. Dort besuchte ich verschiedene Orte, die für die Geschichte der mittelalterlichen Magie und Hermetik von Bedeutung sind. Sicherlich gehört zu diesen Orten auch das Alchemie-Museum in der Prager Altstadt. Dort sprach ich mit Tereza Vaclavikova über die Geschichte der Alchemie und welche Rolle einst diese eigenartige Wissenschaft spielte, in den alten Kellern Prags.

S. Levent Oezkan: Ihr Museum befindet sich an einem besonderen Ort.

Tereza Vaclavikova: Ja, es ist einer der energetischsten Orte Prags. In alter Zeit gab es an dieser Stelle noch kein Gebäude. Doch immer schon war es ein Kraftort, an den sich Menschen begaben. Hier befand sich bis ins 8. Jhd. eine königliche Gruft. Auch darum besuchten Menschen diesen Ort immer wieder. Alchemisten glaubten, dass im Universum eine positive Energie existiert. Und diese Kraft konzentriert sich wohl auch an diesem Ort.

Auch heute noch sprechen unsere Besucher davon, dass sie die Kraft dieses Ortes wahrnehmen können. Es ist natürlich nicht für alle Menschen gleich, doch Menschen die solche feinstofflichen Energien wahrzunehmen vermögen, sind sich alle einig, dass hier ein echter Kraftort ist.

S. Levent Oezkan: Wenn das Gebäude, in dem wir uns gerade aufhalten, sich auf einem Kraftplatz befindet, wussten davon ja auch schon Menschen im Mittelalter.

Tereza Vaclavikova: Sicherlich. 2003 fanden Archäologen unter dem Haus ein altes Kellergewölbe. Rudolf II., einstiger König Boehmens und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, hatte sich hier im Verborgenen ein alchemistisches Laboratorium eingerichtet.

S. Levent Oezkan: Wenn sich selbst Kaiser mit Alchemie befassten, was hat es mit dieser geheimen Kunst dann eigetnlich auf sich? Was sind Ihrer Meinung nach die Ursprünge dieser alten Lehre?

Tereza Vaclavikova: Da wär im Westen wohl das Alte Ägypten zu nennen, während im Osten sicherlich das Alte China von größter Bedeutung war. Erst im 14. Jhd. begannen europäische Alchemisten sich intensiv mit den uralten Gesetzen der Alchemie zu befassen. Was sie über die "Hohe Kunst" wussten, brachten wohl griechische Gelehrte aus Ägypten nach Europa.

S. Levent Oezkan: Und das Wort "Alchemie" an sich? Was ist sein Ursprung?

Tereza Vaclavikova: Nun, es gibt hier verschiedene Interpretationen, doch eine der wohl gängigsten Erklärungen des Wortes Alchemie, ist sein arabischer Ursprung von "Al-Kimya", dass eine noch ältere Bezeichnung für das Wort alt-ägyptische "Khemet" ist: das schwarze Land. Damit ist die Nil-Region gemeint. Die Ufer des Nils nämlich waren, und sind auch heute noch, sehr fruchtbar. Es heißt auch, dass die Alchemie eine Entwicklung aus der ägyptischen Mythologie sein könnte, beziehungsweise sich aus diesem mythologischem Wissen und den Kenntnissen der Chemie zusammensetzte.

S. Levent Oezkan: Könnte man sagen, dass es eine Verbindung gibt zwischen der heute eher naturwissenschaftlichen Chemie und der Alchemie in alter Zeit?

Tereza Vaclavikova: Auf jeden Fall. Die Hohe Kunst der Alchemie war ein Vorläufer dessen, was heute als Chemie bekannt ist. Das Selbe gilt wohl auch für die Physik. Insbesondere für die Metallurgie spielten die Kenntnisse alter Alchemisten eine Rolle, die nämlich beschäftigten sich ja mit den Verfahren zur Gewinnung und Verarbeitung der Metalle. Und da Metalle in der Alchemie von zentraler Bedeutung sind, stammen manche heute noch verwendeter metallurgischer Verfahren aus jener alten Zeit der Alchemisten. Als weiteres Beispiel etwa wäre zu nennen die Technik der Destillation, die ja eine ganz zentrale Rolle spielt bei der Herstellung von Branntwein.

S. Levent Oezkan: Wer sich schon einmal ein klein wenig mit Alchemie befasste, weiß, dass Alchemisten stets versuchten aus unedlen Metallen wie etwa Blei, Gold herzustellen. Denken Sie, dass es sich dabei eher um eine Allegorie handelt oder es manchen Alchemisten wirklich gelang Gold herzustellen?

Tereza Vaclavikova: Wahrscheinlich gelang ihnen eher aus bestimmten Mineralen oder chemischen Substanzen Gold zu isolieren, als Metalle ineinander umzuwandeln. Blei etwa hat ja eine andere atomare Struktur als Gold. Gleichzeitig aber besaßen Alchemisten immer schon eine wirklich exakte Kenntnisse davon, wie sich Metalle verhalten und was Blei zu Blei und was Gold zu Gold macht. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, ob Alchemisten tatsächlich Gold herstellten. Gut möglich aber, dass der Wunsch Gold herzustellen, eher eine Metapher war für ein noch höheres Wissen über das Sein.

S. Levent Oezkan: Selbst aber wenn man das alchemistische Gold als Allegorie interpretiert, machten Alchemisten in ihren Laboratorien viele wichtige Entdeckungen. Wie wurde ihr altes Wissen überliefert oder an andere weitergereicht, so dass wir heute überhaupt davon wissen?

Tereza Vaclavikova: Insbesondere die alten Handschriften der Alchemisten, dienen der heutigen Wissenschaft als Belege über das hohe Wissen dieser einst praktizierenden Gelehrten. Natürlich muss in diesem Zusammenhang der berühmte Stein der Weisen genannt werden wie auch die Smaragdtafel. Auch verschiedene Legenden haben sich über die Jahrhunderte hinweg erhalten, wie etwa über den im 14. Jhd. lebenden französischen Schriftsteller Nicholas Flamel. Über ihn heißt es, ihm wäre gelungen den Stein der Weisen herzustellen jene Substanz die zur Umwandlung von Metallen verwendet wurde, ja angeblich manche sogar einnahmen, um damit ihr Leben zu verlängern. Flamel soll ein uraltes Hieroglyphen-Manuskript besessen haben. Ihm gelang die Übersetzung dieser alt-ägyptsischen Schrift, womit er über das Rezept zur Bereitung des Steins der Weisen verfügte. Man könnte also sagen, dass solche alten Dokumente, sowie ihre vielfältigen Übersetzungen, jene Quellen bilden, die uns über das geheime Wesen der Alchemisten heute berichten.

S. Levent Oezkan: Jene Dokumente von denen sie hier sprechen, wurden sie aber nicht ausschließlich geheim gehalten?

Tereza Vaclavikova: Unbedingt! Erst in jüngerer Zeit begannen Gelehrte die alten, geheimen Texte zu entschlüsseln.

S. Levent Oezkan: Wieso aber mussten die Texte überhaupt geheim gehalten werden? Gab es Gefahren für jene die sie verrieten?

Tereza Vaclavikova: Nun, man fürchtete im Mittelalter vor Allem die Inquisition der Katholischen Kirche. Alchemie zu betreiben war Gotteslästerung. Drum galten Alchemisten als Häretiker. Sie mussten die alchemistischen Texte erst entschlüsseln, bevor sie ans "Große Werk" gingen. Andererseits wussten die Alchemisten auch, dass ihr Wissen nicht jedermann zugänglich sein durfte. Nur Auserwählten stand alchemistisches Geheimwissen zu, da sie von jenen wussten, dass sie die nötige Reife und Verantwortung mitbrachten, um überhaupt mit solchem Wissen umgehen zu können.

S. Levent Oezkan: Dann mussten die Alchemisten also hauptsächlich in verborgenen Laboratorien arbeiten, wo sie wohl ganz außergewöhnliche Experimente durchführten. Weiß man aber heute, was sie dabei untersuchten?

Tereza Vaclavikova: Mit Sicherheit waren die Experimente der Alchemisten eine Kombination aus chemischen Verfahren und spirituellen Ritualen.

S. Levent Oezkan: Auch Psychologie?

Tereza Vaclavikova: Ja, auf jeden Fall betrieben Alchemisten Psychologie, wenn auch nicht in der Form was man sich darunter heute vorstellt. Wahrscheinlich aber verwendeten Alchemisten auch magische Kristallkugeln, um darüber mit höheren Wesen wie Engeln oder Dämonen Kontakt aufzunehmen alles andere also, als das was Wissenschaftler heute tun!

S. Levent Oezkan: 1564 arbeitete der englische Astrologe John Dee für Königin Elisabeth I. In den 1580er Jahren trat dieser dann in Kontakt mit Edward Kelley, einem der wohl geheimnisvollsten Alchemisten des Mittelalters. Manch sagen Kelley stand in Kontakt mit höheren Wesen aus der geistigen Welt?

Tereza Vaclavikova: Genau. Er empfing besondere Informationen von solchen höheren Geschöpfen. Sie unterrichteten ihn auch über das Wesen jenes Steins der Weisen, nach dem alle Alchemisten suchen. Für John Dee soll Kelley auch in die Zukunft geblickt haben. Doch außer ihm gab es natürlich viele andere Alchemisten, die im Geheimen ihre Studien betrieben. Sicher waren unter ihnen sehr viele christliche Mönche. Alle unter ihnen aber verwendeten geheime Zeichen, die man auch sehr gut auslegen könnte, als Symbole für höhere Bewusstseinsstufen – in etwa vergleichbar mit dem, was der Schweizer Psychologe C. G. Jung als die Archetypen beschrieb: universale Strukturen unserer Seele.

S. Levent Oezkan: Vorhin sprachen wir auch kurz über Kaiser Rudolf. Auch er soll in Kontakt gestanden haben zu Edward Kelley. Was wissen Sie darüber?

Tereza Vaclavikova: Kelley war anscheinend der erste, der diesem Fürsten eine Transmutation vorführte, dass heißt also vor seinen Augen Gold herstellte. Später aber wusste man, dass es sich um Trickserei handelte. Dafür wurde Kelley sogar eingekerkert auf der Burg Křivoklát.

S. Levent Oezkan: Wenn man sich aber mit der angeblichen Transmutation auf Gold beschäftigt, ist immer die Rede vom Stein der Weisen. Was hat es damit auf sich beziehungsweise woraus besteht der sagenhafte Stein?

Tereza Vaclavikova: Manche sagen er bestünde in Wirklichkeit aus einem weißen oder roten Pulver, dessen Zusammensetzung jedoch unbekannt ist. Man verwendete diesen geheimnisvollen Stoff jedoch beim Schmelzen von Metallen, etwa Blei, und fügte es der Schmelze hinzu. Damit sollte ein Alchemist tatsächlich unedle Metalle in Silber oder Gold umwandeln. Doch da es sich hier um eine Legende handelt, und der Stein der Weisen eine echt mysteriöse Substanz zu sein scheint, kann keiner genau sagen, was es letztendlich war.

Manche aber sagen, besonders der rote Mercurius, heute bekannt als Zinnober, spielte dabei eine ganz zentrale Rolle.

S. Levent Oezkan: Vorhin erwähnten Sie die Smaragdtafel. Hat auch Sie etwas mit dem Stein der Weisen zu tun?

Tereza Vaclavikova: Sehr wahrscheinlich ja, denn dieser Stein der Weisen stand für eben jene Substanz, mit der die Umwandlung unedler in edle Metalle gelang. Auch in der Smaragdtafel geht es um jene Substanz, über die wir zuvor sprachen.

S. Levent Oezkan: Könnte es vielleicht sein, dass die Smaragdtafel an sich der Stein der Weisen ist?

Tereza Vaclavikova: Das ist eine gute Frage. Gut möglich, dass es da einen Zusammenhang gibt. Zumindest ließe sich darüber diskutieren (lächelt geheimnisvoll).

S. Levent Oezkan: Wir hatten nun ja gesagt, dass man durch die Hohe Kunst der Alchemie nicht nur Metalle zu verwandeln vermochte, sondern auch psychologische Aspekte eine Rolle spielten. Glauben Sie, dass ein Studium der Alchemie einem auch heute helfen könnte, etwa bei der Beantwortung von Lebensfragen oder zur Lösung von Problemen?

Tereza Vaclavikova: Die Alchemisten die ich heute kenne, sind alles Leute die sich auch mit den Heilkünsten befassen. Denn mit ihrem Wissen vermögen sie etwa pflanzliche Arzneimittel und Tinkturen herzustellen. All solche Stoffe helfen Menschen schneller von Krankheiten zu genesen, ja sogar länger als Andere zu leben. In alter Zeit etwa beauftragten Könige die Alchemisten unseres Laboratoriums damit, sogenannte spagyirische Heilmittel herzustellen. Darunter etwa auch Opium, dass man dem Adel als Schmerzmittel bei Syphilis verabreichte. Andererseits war insbesondere Rudolf II. interessiert am berüchtigten Lebenselixier, besonders dann, als er im Sterben lag. Es heißt, jenes Elixier war eine alkoholische Tinktur aus verschiedenen Heilkräutern. Die Schriften hierzu fand man hier in unserem Laboratorium. Wir stehen heute in Kontakt mit Benediktinermönchen, die solche Elixiere für uns herstellen. Die dafür verwendeten P anzen werden von den Mönchen etwa zu Vollmond gesammelt und daraus geeignete Heiltinkturen hergestellt. Damit folgt man den Verfahren der alten Zeit.

S. Levent Oezkan: Das heißt, Ihre Besucher können bei Ihnen tatsächlich in den Genuss solcher Lebenselixiere kommen?

Tereza Vaclavikova: Unbedingt!

S. Levent Oezkan: Vielen Dank Frau Vaclavikova für das Interview.

 

Speculum Alchimae Prag: http://www.alchemiae.cz/en

Was ist der Stein der Weisen?

Was ist der Stein der Weisen?

Der Stein der Weisen - ewigeweisheit.de

Paris im Jahr 1659: Der legendäre Alchemist Basilius Valentinus veröffentlicht ein geheimnisvolles Buch, mit dem eigenartigen Titel »L'Azoth des Philosophes«, auf deutsch: »Das Azoth der Philosophen«. Was beutet das?

Das Wort Azoth an sich schon ist ein Geheimnis, denn es deutet hin auf jenes »Einige Ding«, von dem in der wundersamen Smaragdtafel des Hermes Trismegistos (Tabula Smaragdina Hermetis) die Rede ist:

Das was oben ist, entspricht dem was unten ist. Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

- Tabula Smaragdina II

Die ersten beiden Buchstaben A und Z im Namen Azoth, beziehen sich auf den Anfang und das Ende aller Dinge – bei dem das »Einige Ding« am immer es selbst bleibt.

Alchemisten und Magier suchten nach einer einzigartigen, rein-geistigen Substanz. Sie glaubten darin sowohl das Chaos vom Uranfang des Universums zu finden, wie auch jenes vollkommen vollendete Werk, dass sie als den perfekten Stein der Weisen bezeichnen. In der Vereinigung dieser beiden universalen Urformen des Kosmos, sah man in uralter Zeit das, was die Smaradtafel das »Einiges Ding« nennt.

Die Etymologie des Wortes Azoth aber ist arabischen Ursprungs und bedeutet schlicht Quecksilber (arab. الزَّاوُوق‎ Az-Zawuq). Für Alchemisten gilt Quecksilber, genannt Mercurius, als Seele aller Metalle. Dem deutschen Arzt Paracelsus (1493-1541) war Mercurius sogar der Inbegriff einer Universalmedizin. Kaum aber meinte er damit das giftige Metall, als vielmehr ein rein-geistiges, heilendes Prinzip, dass dem Unwissenden jedoch für immer unzugänglich bleibt.

Azoth - ewigeweisheit.de

Illustration im Buch Azoth des Basilius Valentinus: Es veranschaulicht das gesamte Wesen von der siebenstufigen Veredelung des Selbst im Leben eines Menschen.
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Ein alchemistisches Emblem

Im Zentrum dieser außergewöhnlichen Illustration, sieht man das Gesicht eines alten, bärtigen Mannes. Er ist im Begriff sein Werk zu beginnen, indem er die Kräfte des Oberen und des Unteren in sich und in der Welt eint. Das ist das Ziel seiner hermetischen Arbeit.

Wer darum das Bild des Azoth versteht, kann es durchaus als Bild für die Kontemplation verwenden. Dann ist es so, als schaue der Meditierende in einem Spiegel ein Mandala, worin er die Transmutation seines eigenen Lebens zu etwas höherem, erkennen kann.

Der große innere Kreis des Emblems überlagert ein Dreieck, dessen drei Ecken unter ihm hervorragen und die Formen höheren Lebens andeute:

  • Spiritus – Der Geist
  • Anima – Die Seele
  • Corpus – Der Körper

Gemeinsam symbolisieren sie drei archetypische Urkräfte, die den Alchemisten bekannt sind als Sulphur, Mercurius und Sal – die drei philosophischen Prinzipien. Sie bilden eine Heilige Dreiheit im Universum. Als solche wirken sie in allem, was in der manifestierten Welt existiert: materiell oder imateriell. Alles im Kosmos unterliegt ihrer Wirkung: unser Geist, unsere Emotionen, unser Körper, die Planeten des Himmels, die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere. Auch in nicht-physische Wesen und Geistern sind diese drei Wirkprinzipien präsent.

Das Siebenfältige Werk

Jenen großen Kreis in der Mitte des Bildes, unterteilen sieben Strahlen eines großen Sterns. Das ist ein Symbol für die siebenfältigkeit von Mikrokosmos und Makrokosmos. Daher enthält jeder der Strahlen das Symbol eines der sieben klassischen Planeten (Makrokosmos), dass gleichzeitig einem klassischen Metall (Mikrokosmos) zugeordnet ist.

Paracelsus nannte dieses Symbol den Stern im Menschen, der die geheimen alchemistischen Prozesse in allen Seelen repräsentiert. Sie entsprechen gleichzeitig den Vorgängen in der universalen Weltseele des gesamten Kosmos.

Die Ziffern 1 bis 7 im Bild weisen hin auf die sieben Arbeitsgänge bei der Bereitung des Steins der Weisen und der Herstellung des Lebenselixiers:

  1. Die Calcinatio – die Kalzinierung oder Veraschung,
  2. die Solutio – die Auflösung,
  3. die Separatio – die Trennung oder Filterung,
  4. die Conjunctio – die Vermählung oder das Schwängern,
  5. die Fermentatio – die Fermentierung,
  6. die Destillatio – die Destillierung und
  7. die Coagulatio – die Gerinnung, die, durch die in der Destillatio erhaltene Substanz, schließlich zur Verfestigung beziehungsweise Manifestierung des erzielten Zustands führt.

Dem aufmerksamen Lesen dürfte auffallen, dass sich zu diesen sieben Stufen, gewiss auch Parallelen ziehen ließen, zum Siebentagewerk im ersten Kapitel der biblischen Genesis.

Die Reihenfolge der sieben hier benannten Arbeitsschritte jedenfalls, sollte der Alchemist bei der Schaffung des Steins der Weisen einhalten. Was in den einzelnen Arbeitsschritten geschieht, erläutern außerdem die Vignetten, die sich zwischen den Strahlen des Siebensterns befinden. Sie enthalten besondere, dem Uhrzeigersinn  folgende Bilder, die wie folgt beschrieben werden:

  1. Vignette: Ein schwarze Krähe sitzt auf einem Totenkopf. Dieses Bild steht für die Nigredo, den Vorgang der Schwärzung, dem Anfangszustand des alchemistischen Prozesses.
  2. Vignette: Hier beobachtet die Krähe, wie sie sich selbst auflöst und sich vor ihr die reineren, weißen Bestandteile ihres Seins zeigen. Was also zurückbleibt war zuvor im Innern verborgen und wird nun sichtbar.
  3. Vignette: Hier sieht man zwei weiße Vögel die an der auf dem Boden liegenden Krähe zerren und sie in Stücke reißen. Dieses Bild steht für die Trennung beziehungsweise Isolierung der Essenz, die zuvor aus der Materie ausgelöst wurde.
  4. Vignette: Zwei weiße Vögel fliegen gen Himmel und erhöhen mit ihren Schnäbeln dabei eine goldene Krone. Dies symbolisiert die Läuterung, der die gewonnene Essenz unterzogen wird. Dabei werden ihr himmlisch-göttliche Kräfte zugeführt und sie damit veredelt.
  5. Vignette: Man sieht hier die beiden Vögel die auf einem Baum in ihrem Nest brüten. Hiermit beginnen die geheimnisvollen Prozesse im Werk des Alchemisten. Denn was dort ausgebrütet wird ist zwar noch verborgen, doch wird sich schon sehr bald offenbaren.
  6. Vignette: Vor einem Rosenbusch liegt ein weißes Einhorn. Nie konnte ein Jäger dieses legendäre Wundertier gefangen. Doch es wird ganz zahm, wenn sich ihm eine Jungfrau nähert. Sie nämlich symbolisiert die vollkommen geläuterte Materie, die sich bereits in greifbarer Nähe befindet. Sie ist der Inbegriff vollkommener Reinheit und Unschuld. Das nämlich sind die maßgeblichen Voraussetzungen, um den Stein der Weisen entgegennehmen zu dürfen.
  7. Vignette: Hier sieht man einen jungen Menschen, der aus einem Grab aufersteht. Jetzt wurde der Stein der Weisen gefunden und das Große Werk der Alchemie vollbracht. Denn jene Auferstehung steht für das ewige Leben, in das der Besitzer jenes geheimnisvollen Steins erwacht. Es wird dieser Stein manchmal auch »der Gral« genannt. Ihn hat der Sucher nun in sich entdeckt.

Sol und Luna: Die Königlichen Himmelsleuchten

Der schematisch dargestellte Körper des Alchemisten, ist der Sprössling der hervorgeht aus der Vermählung der Archetypen des Sonnenkönigs (Sol) und der Mondkönigin (Luna). Sol reitet zu seiner Rechten auf einem Löwen, während Luna zu seiner Linken auf einem Fisch das Meer durchquert.

Auf der Smaragdtafel lesen wir:

Sein Vater ist die Sonne, Seine Mutter der Mond

- Tabula Smaragdina IV

Bei genauem Hinsehen, erkennt man, dass der Sonnenkönig lächelt. Das ist ein Hinweis auf seine extravertierte Art. Er hält in seiner Linken ein Schild und in seiner Rechten ein Szepter: Sinnbilder für seine Macht über Vernunft und die sichtbare Welt.

Der Löwe auf dem er sitzt ruht selbst auf einem Felsen, in dem sich eine Höhle befindet. Daraus erscheint ein feuerspeiender Drache. Er weist hin auf des Sonnenkönigs verborgene, unbewusste Triebe. Denn aus dem extravertierten, immer frohen König, wird manchmal ein arroganter Despot. Damit aber besiegelt er bereits sein Ende, denn der feurige Drachenhauch aus dem Urgrund seines Bewusstseins, wird ihn in seinen Leidenschaften verbrennen.

Die Mondkönigin macht einen eher melancholischen Eindruck. Sie aber hält in ihren Zügeln einen riesigen Fisch, der ihre Macht über das Unbewusste symbolisiert. So hat die Mondkönigin die Vorgänge in ihrem Unterbewusstsein vollkommen unter Kontrolle, etwas also das dem Sonnenkönig fehlt. In ihrer Linken wiegt sie Pfeil und Bogen. Sie stehen für die Hinnahme von Kummer und Leid, dass die Mondkönigin als Teil des Lebens anerkennt.

»Die Chymische Hochzeit«

Sonnenkönig und Mondkönigin stehen für die Ausgangsubstanzen, mit denen der Alchemist sein Werk beginnt. Sie verkörpern seine Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, die für seine Arbeit von Bedeutung sind. Er nämlich ist der Erschaffer des Steins der Weisen.

Der Sonnenkönig repräsentiert die Macht des Geistes über das Denken, was im Makrokosmos dem Weltgeist (Spiritus Mundi) entspricht. Die Mondkönigin dagegen repräsentiert die menschlichen Gefühle und Emotionen, die auf makrokosmischer Ebene der Weltseele (Anima Mundi) entsprechen. In der Kabbala ließen sich diese Wirkformen, mit den Sefiroth Binah (göttliche Intelligenz) und Chokmah (göttliche Weisheit) vergleichen. Der Weltgeist ergießt sich als göttliche Intelligenz und ordnende Instanz, in das in der Weltseele wütende, magische Urchaos.

Es scheint nun naheliegend, dass daher beide Prinzipien auf gegenseitige Ergänzung drängen und sich die Ordnung mit dem Chaos vermählen will, der Geist mit der Seelensubstanz, der Intellekt mit der Weisheit. Damit käme es zur sogenannten Heiligen Hochzeit (Hieros Gamos) von Sonnenkönig und Mondkönigin. Auf den Menschen übertragen bedeutete das einen Bewusstseinszustand, in dem ihm gelingt sein Denken mit seinem Fühlen zu verbinden, in sich quasi eine emotionale Intelligenz zu schaffen. Dieser Zustand aber, kann geläutert und erhöht werden, was den Alchemisten in die Lage einer perfekten Intuition versetzt. Damit aber gelingt ihm die vollkommene Erkenntnis über das innerste Wesen der Realität. In der Tabula Smaragdina heißt es dazu:

Alle Finsternis wird von Dir weichen.

- Tabula Smaragdina IX

Womit gemeint sind, die:

Vollendungen der ganzen Welt

- Tabula Smaragdina VI

Ziel des großen Werks

Alle Alchemisten suchten nach diesem Zustand, vollkommener ungetrübter, edelster Weisheit. Man könnte sagen, dass sie versuchten jenen Moment der Erleuchtung, im gesuchten und letztendlich geschaffenen Stein der Weisen zu gewinnen und darin zu bewahren.

Es wäre aber falsch hier nur an ein physisches Mineral oder eine perfekten Edelstein, wie etwa den Smaragd zu denken. Vielmehr handelt es sich beim Stein der Weisen um einen Bewusstseinszustand vollkommener, geistig-seelischer Ordnung. Diese spirituelle Struktur erschafft der wahre Alchemist durch die heilige Vermählung der Gegensätze in ihm – das was C. G. Jung als den Animus und die Anima bezeichnete.

Der Leib des Alchemisten

In der vorliegenden Illustration des Azoth, stehen die vier Gliedmaßen des Alchemisten, für die vier alchemistischen Elemente:

  • sein rechtes Bein steht auf dem Land (Erde),
  • sein linkes Bein steht im Meer (Wasser),
  • seine rechte Hand hält eine brennende Fackel (Feuer) und
  • seine linke Hand greift nach einer Feder (Luft).

Sein Haupt aber steht für das verborgene fünfte, geistige Element: den Äther. Es ist die unsichtbare Quintessenz, durch die sich das im Geist Ausgemalte, in der Realität manifestiert. In der Smaragdtafel heißt es dazu:

Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es sich in die Erde ergießt und sich mit ihr vereint.

- Tabula Smaragdina VII

Zwischen seinen Beinen baumelt ein Würfel, den sechs Sterne umgeben. Dieses Symbol, dass das Wort »Corpus« – der Körper – kennzeichnet, steht für die sechs Richtungen der materiellen Welt: oben, unten, links, rechts, hinten und vorn.

Was aber ist über seinem Haupt zu sehen? Eigentlich sollte sich ja dort der Kopf des Alchemisten befinden. Doch der scheint ins Herz verrückt zu sein. Was man hier aber sieht, ist ein kleines Gebilde, dass zwei lange Flügel tragen: ist damit etwa das dritte Auge gemeint – jene lichtempfindliche Drüse im Zentrum des menschlichen Gehirns?

Geflügelte Sonne - ewigeweisheit.de

Die geflügelte Sonnenscheibe: ein häufiges Symbol im Alten Ägypten, das links und rechts eine Uräus-Schlange ziert. Eigentlich ist dieses Bild auf dem gesamten Erdball verbreitet. Man denke etwa an die Ähnlichkeit des zoroastrischen Faravahar-Symbols.

Womöglich entwickelte sich diese Symbolik aus der geflügelten Sonnenscheibe des Echnaton. Dieses uralte Emblem krönt den magischen, schlangenumwundenen Stab des Hermes: den Caduceus. Er ist das, was im Allgemeinen unter der Bezeichnung »Zauberstab« verstanden wird. Die beiden Schlangen nämlich, die sich daran emporwinden, stehen für zwei geheimnisvolle Kräfte im Körper.

Somit ist der Caduceus an sich ein Symbol für die oben näher erläuterte Heilige Hochzeit des mikrokosmischen Spiritus und der Anima im Menschen, wie ebenso Weltgeist und Weltseele im Makrokosmos.

Was in Basilius Valentinus Emblem also zwischen den beiden Flügeln in der Mitte zu sehen ist, symbolisiert die aufgestiegene Seelenessenz desjenigen, der sie in seinem Körper auf die höchste Stufe des Gehirns brachte. Denn von diesem zerebralen Zentrum aus, kann sich menschliches Bewusstsein, dass diesen Grad der Vollendung erreichte, vom Körper lösen und sich in andere Gefilde des Seins begeben.

In den alt-ägyptischen Mysterien, weihte man die Adepten ein, in diesen Zustand ultimativen Gewahrseins. Man führte ihren Körper an die Todesgrenze, so dass sie ihn als Leiche empfanden, doch gleichzeitig bei vollem Bewusstsein blieben.

Es ist also die Krone des Caduceus, die hier hinter der großen, siebengeteilten Scheibe emporragt. Links brennt ein Feuer, worin sich ein Salamander befindet. Und so wie der Salamander die Wärme des Sonnenlichts benötigt, so benötigt auch die Seele (Anima) das Licht des Geistes.

Auf der rechen Seite der geflügelten Caduceus-Krone aber befindet sich ein Adler, der für den Geist (Spiritus) steht. So wie die kühlende Nacht den Geist beruhigt und ihm zur Reflexion verhilft, so gleitet am Abend der Adler in sein mondbeschienenes Nest.

Vitriol-Formel-Emblem in den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer - ewigeweisheit.de

Eine Illustration der berühmten Vitriol-Formel, die ursprünglich in Valentinus' Buch Azoth erschien, jedoch vielfach kopiert wurde. Diese Version stammt aus dem sogenannten "Dritten und letzten Heft" der Geheimen Figuren der Rosenkreuzer.
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Smaragdgrüner Stein der Weisen

In alter Zeit nannte man das smaragdgrüne Eisensalz der Schwefelsäure »Vitriol«. Den Alchemisten aber ist es außerdem der verschlüsselte Name für die prima materia, die Ausgangssubstanz bei der Bereitung des Steins der Weisen. Es handelt sich also nicht um das gewöhnlichesbuchstaben Eisenvitriol, sondern eher um ein geistiges Ausgangsprinzip.

Schauen wir uns noch einmal die Basilius Valentinus' Illustration an: in den Zwischenräumen, umgeben von den sieben Strahlen des Sterns, lesen wir sieben Worte. Ihre Anfangsbuchstaben bilden ein Akronym: Vitriol!

Die innere Bedeutung des Namens Vitriol also ergibt der Satz, den diese sieben Worte im Urhzeigersinn gelesen ergeben:

Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem.
Besuche das Innere der Erde, inmitten der du dich läuterst, und du wirst finden den geheimen Stein.

Mit jenem visita, dem Besuch, ist der Beginn einer Reise gemeint, die der Alchemist in den interiora, den innersten Empfindungen seines Körpers auf der terrae, der Erde, einer rectificando, einer Läuterung unterziehen muss. Ist das aber vollzogen, wird er finden, invenies, den Stein der Weisen: occultum lapidem.

Das Opus Magnum - das Große Werk der Alchemisten

Das Opus Magnum - das Große Werk der Alchemisten

Ziel des Opus Magnum, dem lateinischen Name für das "Große Werk" in der Alchemie, ist die Umwandlung eines Ausgangsstoffes in Gold.

Diesen Prozess nennt die Alchemie auch die "Schaffung des Steins der Weisen" (Lapis Philosophorum). In drei Hauptstufen dieses Großen Werks erfolgt die Umwandlung. Die erste Stufe ist die Nigredo, die auf den Anfang und Urzustand der Materie hindeutet - auf die materia prima, die Urmaterie. Der Nigredo folgt die Albedo. Die vollkommenste Stufe bei der Bereitung des Opus Magnum, ist die Rubedo. Mit ihr ist der Stein der Weisen gefunden.

Rubedo

Die Rubedo, lateinisch "Rötung", ist die höchste und letzte Stufe im großen Werk (Opus Magnum) bei der Bereitung des Steins der Weisen.

Die alten Alchemisten dachten sich einen roten Drachen, der gegen sich selbst wütet und in einem heftigen Prozess sich in sein eigenes Blut verwandelt. Die Rötung der Ausgangssubstanz zeigt an, dass die Verwandlung gelungen ist.

Jetzt ist der Stein der Weisen bereitet: er ist rubinrot, klar und sehr schwer.

Alchemie oder: die Kunst das eigene Leben in Gold zu verwandeln

von S. Levent Oezkan

Bild aus dem Splendor Solis - Der Rote König - ewigeweisheit.de

Ewiges Leben erlangen - Blei in Gold verwandeln: das sind Ziele, die mit dem Wort "Alchemie" assoziiert werden. Wer nach der wirklichen Bedeutung der Alchemie sucht, stolpert aber über jede Menge Unfug. Doch was ist Alchemie tatsächlich? Ein Mantel des Schweigens ist darüber ausgebreitet - wer wagt ihn zu lüften?

Solange man sich nur oberflächlich mit Alchemie befasst, bleibt die Frage nach ihrer wahren Bedeutung in einem Schwebezustand zwischen Wunderwerk und Quacksalberei. Ihrem geheimnisvollen Wesen nähert man sich durch direktes Erfahren und weniger auf der Suche nach Fakten. Es ist eine okkulte, spirituelle Praxis die nur wenig mit esoterischer Theorie zu schaffen hat.
Die Schriften der Alchemie sind voller Metaphern, die die menschliche Vorstellungskraft aktivieren - mit dem Zweck, den Menschen an eine verborgene Realität heranzuführen, in der, wie es scheint, einfach alles möglich ist - auch Blei in Gold zu verwandeln!

Zwei Formen der Realität

Es gibt eine "Urschöpfung" in der wir uns selbst wiederfinden, sobald wir auf diese Welt kommen. Diese Realität ist aber bereits vollendet - denn wir sind ja schon hier. In der Alchemie lässt sich damit nur wenig anfangen. Doch da ist noch eine andere Realität, die aus einer "zweiten Schöpfung" kommt. Es ist die eigentliche, wahre Schöpfung.
In jedem von uns gibt es etwas, das, wenn es erst einmal aktiviert wurde, die Tore zu dieser verborgenen, zweiten Schöpfung eröffnet. Es ist eine Wirklichkeit die sich stark von der uns bekannten und "vorgefertigten Realität" unterscheidet. Sie ist das Arbeitsfeld des Alchemisten, in der er durch seine Imagination auf die Welt Einfluss nimmt.
Imagination ist die kraftvollste Fähigkeit des menschlichen Geistes. Was man visualisieren kann, das kann man auch tatsächlich bewirken und erschaffen.

Kalachakra thangka painted in Sera Monastery, Tibet - ewigeweisheit.de

Kalachakra-Mandala aus dem Sera Kloster in Tibet

Wie wir unser Leben verändern

Alles bewegt sich. Alles kommt und geht im ewigen Werden und Wandeln - auf griechisch: "Panta Rhei" - "Alles fließt". Nichts bleibt - bis auf den Tod.

Alles fließt – aus und ein;
Alles hat seine Gezeiten;
Alles hebt sich und fällt, der Schwung des Pendels äußert sich in allem;
Der Ausschlag des Pendels nach rechts ist das Maß für den Ausschlag nach links;
Rhythmus gleicht aus.

- Aus dem Kybalion

Pendel und Rad sind verwandte Symbole für Schwingung und Zyklus. Beide haben ein Minimum, ein Maximum und ein Äquilibrium. Im Vajrayana-Buddhismus steht dafür das "Kalachakra" - das Rad der Zeit. Es ähnelt einer Mühle, worin alles Entstandene in seine Elemente zerfällt. Um aus diesen Bestandteilen was neues und besseres zu erschaffen, helfen uns Hermetik und Alchemie. Die Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos, gibt uns auf die Möglichkeit Neues zu erschaffen einen wertvollen Hinweis:

Hiermit sei vollendet, was vom Meisterwerk der Sonne verkündet werden sollte.

- Vers XIV der Tabula Smaragdina

Was bedeutet das?

Der solare Zyklus, den wir jedes Jahr aufs Neue miterleben, zeigt wie aus Vergänglichem etwas Beständiges, aus Totem etwas Lebendiges wird. Am Jahreslauf der Sonne können wir den Zyklus der Vegetation ablesen:

  • Der Tiefpunkt der Sonnenbahn ist auf der Nordhalbkugel der Erde in der finstersten Zeit des Jahres, mitternachts zur Wintersonnenwende erreicht. Dieser Punkt entspricht einem Todpunkt und ist gleichzeitig der Beginn neuen, aber noch unterirdischen Wachstums. Es ist das Ende der ersten Phase auf dem Weg der Neuschöpfung, was in der Alchemie Nigredo (Schwärzung) genannt wird.
  • Der Höchststand der Sonne tritt in der hellsten Zeit des Jahres, mittags zur Sommersonnenwende ein. Dies entspricht dem Ende der zweiten Phase: Albedo (Weißung). An diesem Punkt ist das Wachstum in der Vegetation voll ausgeprägt.
  • Rot ist die Farbe der Sonne im Wechsel von Tag und Nacht. Mit Sonnenuntergang zur Herbsttagundnachtgleiche, wird der Prozess durch das hermetische Einschließen der Prima Materia, der Ausgangssubstanz, in die alchemistische Retorte eingeleitet. Bäume verlieren ihre Blätter, die Gräser welken. Der rote Sonnenaufgang zur Frühlingstagundnachtgleiche bringt dann schließlich die veredelte Substanz zum Vorschein, womit der alchemistische Prozess in der Rubedo (Rötung) vollendet und die edelste aller Substanzen gewonnen wird: der Stein der Weisen.

Wenn der Mensch in Berührung kommen möchte, mit dem, was bei Weitem größer ist als sein bisheriger Zustand, kann er diesem kosmischen Vorbild gemäß handelnd sein Leben stetig veredeln. Dabei dehnt sich seine Handlungsfähigkeit immer weiter aus.
Dieser Prozess der Veredelung des Selbst, beginnt mit der Suche nach Antworten auf zwei sehr wichtige Fragen:

1. Was ist das wahre Wesens meines Selbst?

2. Was ist die Rolle dieses gegenwärtigen Selbst, woher kam es und warum hat es sich ins "Zwielicht der äußeren Welt" begeben - in die Welt in der es jetzt lebt?

Um zum Kern unserer Existenz vorzudringen, müssen wir unser Inneres vollkommen umgestalten. Das geht aber nicht, wenn wir an den oben dargestellten Jahreszyklen einfach nur passiv teilnehmen. Vielmehr müssen wir die drei oben dargestellten Phasen bewusst in der alchemistischen Arbeit hervorrufen, um die ewigen Wiederholungen, den Trott in unserem Leben zu unterbrechen, aufzulösen und zu etwas wertvollerem umzuwandeln.
Wer immer nur der Selbe bleibt, wird nie erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Das "Rad der Zeit" gleicht dann einem Hamsterrad, das einen im zyklischen Zeitablauf immer wieder auf die selbe Stelle treten lässt. Man kommt nicht weiter.

Der Keltische Jahreskreis - ewigeweisheit.de

Der Keltische Jahreskreis (Illustration: S. Levent Oezkan)
Diese Grafik zeigt die hermetischen Korrespondenzen zwischen Mikro- und Makrokosmos, sowie die damit zusammenstehenden Jahresfeste der alten Kelten.
Im inneren, roten Kreis befinden sich die Symbole der vier Elemente: Feuer (oben), Erde (rechts), Luft (unten), Wasser (links). Sie ergeben sich aus den Elementarkräften, die mit den Sonnenstationen zusammenhängen, nämlich Widder (Feuer), Krebs (Wasser), Waage (Luft), Steinbock (Erde).

Was ist Zeit?

Das eben dargestellte Modell zyklischer Zeit, das wir auch in der Bewegung der Planeten sehen oder an den Zeigern der Uhr ablesen können, kann in ein Lineares Zeitmodell geändert werden. Die lineare Zeit ist die historische Zeit, die sich auf gerader Linie fortsetzt. Entlang dieser Linie gleicht kein Tag, kein Jahr, kein einziger Moment dem anderen. Jeder Moment ist einzigartig.
Doch wir können uns die Zukunft zwar ausmalen und positiv vorstellen, doch haben eigentlich keine Ahnung wohin uns die Zeit letztendlich führt. Darum gab es in allen Kulturen der Menschheit immer Endzeitvisionen vom Ausgang der Dinge, vom Ende der Welt - der Zeit an sich. Etwas sollte geschehen und das Beil des kosmischen Henkers fallen.

Es gibt aber noch ein drittes, evolutionäres Zeitmodell. Wir können es uns als Spirale denken, in der sich das oben angedeutete zyklische Zeitmuster der Wiederholungen, an einer senkrechten Linie der linearen Zeit allmählich emporschraubt (die ihrerseits natürlich Teil einer anderen, übergeordneten Zeitspirale sein kann - Stichwort: String-Theorie).
Alles was sich im evolutionären Zeitverlauf ändert, ist im Begriff sich umzuwandeln. Leider gibt es hierfür nur wenige Beispiele. Ein Beispiel aber gibt unmissverständlich zu verstehen, worum es hier geht: die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling.

Eine Raupe verpuppt sich und verwandelt sich zu einer formlosen Masse, aus der sie sich auf geheimnisvolle Weise wieder zusammensetzt, um sich schließlich aus der Puppe als geflügelter Schmetterling zu befreien. Dieses natürliche Vorbild war in alter Zeit die essentielle Veranschaulichung des alchemistischen Prozesses der Umwandlung. Zwar weiß die Raupe nicht dass sie eines Tages ein Schmetterling sein wird, doch sie weiß, dass sie sich verpuppen muss. Es ist ihr Instinkt. Ähnlich verhält es sich mit der menschlichen Psyche (im Übrigen: "Psyche" ist ein griechisches Wort und bedeutet: Schmetterling!). Jeder von uns weiß instinktiv, dass er sich weiterentwickeln und verbessern muss, doch wir wissen nicht 100%ig wohin uns die Reise dabei führt.

Unsere Realität kann aber einen substanziellen Umwandlungsprozess durchlaufen. Sie wird dabei zu etwas, was zuvor überhaupt nicht existierte. Es geht also nicht allein um einen evolutionären Wachstumsprozess, sondern um die Entstehung etwas völlig Anderem - einer Realität, die jenseits dessen ist, was wir bisher kannten.
Wem diese Umwandlung gelingt, der wird ein transzendentes und zeitloses Wunder erschaffen können und den Stein der Weisen, das Elixier des ewigen Lebens finden.

Das Schwarze Land

Die Araber haben viele wunderbare Traktate zur Alchemie verfasst. Durch die Ausbreitung des Islam kam dieses Wissen nach Europa. 
Für die Araber war die Alchemie eindeutig ägyptischen Ursprungs. Daher auch der Name Alchemie, von Al-Khem, dem "schwarzen Land". Khem war die alt-ägyptische Bezeichnung für den schwarzen, fruchtbaren Nilschlamm.

Alchemie wurde aber auch im fernen China betrieben. Anstatt mit Substanzen wie Antimon, Schwefel, Quecksilber und Salz zu hantieren, gab es einen dem menschlichen Körper entsprechenden Symbolismus. Letztendlich ging es auch in China um die Transformation eines niedrigen Zustandes in einen höheren, nur eben mehr auf seelisch-körperlicher Ebene.
Natürlich gehörte auch bei den alten Indern die Alchemie zur hohen Wissenschaft. Sie ähnelte jedoch mehr als die chinesische, der westlichen Tradition.

Forging of the Sampo, Akseli Gallen-Kallela - ewigeweisheit.de

"Das Schmieden der Zaubermühle Sampo", Gemälde von Akseli Gallen-Kallela

Möglicherweise lassen sich die Anfänge der Alchemie auch in der Schmiedekunst entdecken. In alter Zeit waren die Schmieden kleine schwarze Häuser in denen vom Ruß geschwärzte Männer arbeiteten. Sie warfen Metallstücke in die heiße Glut und man sah dort bei lautem Getöse, rote und orangefarbene Funken aus dem Schmiedefeuer sprühen. Schwarze Gesichter, rotes Glühen und Dampfwolken, die beim Abkühlen der geschmiedeten Formen im Wasser entstanden: sowas macht auf den Menschen einen enormen Eindruck. Darum waren Schmieden immer Orte des Staunens, wo reine Fakten über Zusammenhänge keine Rolle spielten, sondern die menschliche Imagination angeregt wurde.

Es sind diese Tore der Imagination, die uns helfen in die Welt jener "zweiten Schöpfung" einzutreten, von der wir oben sprachen.
Alchemie kam aus der menschlichen Seele und ließ den Menschen versuchen, zunächst in seiner Vorstellung, dann in der Welt, die Dinge von ihrem ursprünglichen, in einen höheren und edleren Zustand zu überführen. So wie eben der Schmied, der aus Erzen Metalle schmilzt und aus der Schmelze alle möglichen Formen zu Stande bringt.

Der Alchemist, Gemälde: Pietro Longhi - ewigeweisheit.de

"Der Alchemist", Gemälde von Pietro Longhi

Die Hohe Kunst der Umwandlung

Auch im Zeitalter der Aufklärung gab es im Westen einige sehr berühmte Alchemisten. Darunter Newton, Voltaire, Goethe oder Benjamin Franklin. 
Alchemie war lange Zeit in der Naturphilosophie von Bedeutung. Durch die Beobachtung der Verwandlungen in der Natur, erkannte man das Wesen ihrer Elemente. Auch Maler mussten damals Alchemisten sein, denn sie stellten ihre Farben selber her. Dieses Wissen sollte dann in der "Schwarzen Kunst" der Buchdrucker an Bedeutung gewinnen.

Trotz dem aber, dass die Alchemie einige tausend Jahre lang als hohe Wissenschaft galt, fand sie während der Aufklärung ihr Ende und versank im Abgrund der Quacksalberei. Doch warum?

Für ihren allmählichen Niedergang sorgte das aufkommende Vernunftdenken. Absolute, reale Fakten zählten mehr als intuitiv gewonnene Erkenntnisse. Wissenschaftler interessierten sich für exakte Informationen mehr, als nach Erfahrungen zu suchen. Für sie war der menschliche Körper etwas, das geboren, vielleicht krank wird und irgendwann stirbt. Mit der Transformation der Alchemisten hat das aber nichts zu tun.
Der Alchemist schaut sich die Welt genauer an. Er nimmt an ihr Teil und erfährt sie in ihrem innersten Zusammenhang. Es geht ihm nicht darum die äußere Welt der körperlichen Dinge zu verändern - sondern den Kern ihres inneren Wesens zu enthüllen. Stößt er bei seiner Suche auf dieses innere Prinzip, wird er den Stein der Weisen gefunden haben. Es ist die Suche nach dem Kern des eigenen Selbst, die eine Transformation der Persönlichkeit einleitet.

Der Vorgang der Transformation

Um eine Transformation zu erreichen, muss das feste Gefüge der äußeren Welt erst verschwinden. Dieses Gefüge symbolisiert in der Alchemie das Quadrat.
Etwas soll gefunden werden, dass die eigenen Begrenzungen auflöst, damit die Transformation beginnen kann. Auf unser Leben bezogen: Wenn wir uns außergewöhnliche Veränderungen im Leben wünschen, z. B. von einer schweren Krankheit geheilt, finanziellen Ruin in Reichtum, Mittelmäßigkeit in Großartigkeit verwandeln wollen, muss etwas gefunden werden, mit dem sich alle physischen, hinderlichen Begrenzungen auflösen lassen. Dann kann die Heilung, die Umwandlung der Lebenssituation oder die tatsächliche Verwandlung, von dem einen in einen anderen Zustand tatsächlich gelingen!

Wenn unser statisches, persönliches Gefüge zu bröckeln beginnt, dann setzt ein ähnlicher Vorgang ein wie bei der Raupe: sie bildet einen Kokon um sich (synonym zur alchemistischen Retorte) und löst sich darin in eine formlose Masse auf. Diese formlose Masse nennen die Alchemisten die "Prima Materia" - die Urmaterie und Ausgangssubstanz. Sie entspricht dem, dass zu Anbeginn der Zeit war und in der Genesis als "Wüste und Leere", in der griechischen Kosmogonie als "das Chaos" bezeichnet wurde - etwas vollkommen Unbeständigem also, das in sich jedoch alle Möglichkeiten der Manifestation enthält.

Alle gewünschten Formen entstehen aus dem Formlosen der kreativen Matrix. Wenn wir aber Formen auflösen möchten, müssen wir zu dieser formlosen Matrix zurückkehren. Kreativ bleibt nur das Unvollendete!

Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

- Oskar Wilde

Der Mensch ist ein unvollkommenes Wesen. Diese unvollkommene Qualität gibt unserer Kreativität aber die Möglichkeit, sich in uns zu einer vollkommenen Qualität zu entwickeln!

Schöpferisches Gestalten

Ein alter alchemistischer Lehrsatz lautet:

Aus einer Frau und einem Mann, aus der Welt, zeichne ein Quadrat, in das Quadrat zeichne einen Kreis, um das Quadrat ein Dreieck und um das Dreieck wieder einen Kreis.

Der Kreis der dem Quadrat folgt, ist die Prima Materia, der Urzustand der alle Möglichkeiten in sich trägt und aus dem alle Formen hervorgehen können. Darin ist das Potential jede Art Form zu erzeugen. Es ist wie mit einem unförmigen Felsen, aus dem ein Steinmetz jede beliebige Form hauen kann - einen Hund, eine Höhle, einen Menschen usw. Aus diesem Zustand kann alles Mögliche erschaffen werden. 
Dieser kreative Schaffensprozess beginnt in der Alchemie in der Phase der Nigredo - der "Schwarzheit". Schwarz steht in der Alchemie für das Vermögen der Natur, Dinge hervorzubringen. Wir erinnern uns an das ägyptische Khem - die schwarze Erde. Sie wird mit der jährlichen Nilflut als schwarzer Schlamm über die Äcker gespült. Hierdurch werden alle möglichen Pflanzen und Insekten hervorgebracht, die anderen Lebewesen als Nahrung dienen.

Aus Micheal Maiers "Atalanta Fugiens" - ewigeweisheit.de

Aus Michael Maiers alchemistischen Werk "Atalanta Fugiens"

Aber auch ein vollkommen finsterer, schwarzer Raum, in den kein Licht einfällt, auch dort tauchen alle möglichen Dinge vor unseren Augen auf. Manches was da erscheint kann schockieren! Sobald aber Licht in den Raum fällt, verändert sich alles.

Das Licht schien in der Finsternis, doch die Finsternis hat's nicht ergriffen

- Johannes 1:5

Bevor wir unser Leben umgestalten können, müssen die Dinge in unserem Leben zuerst vermindert werden - ganz gleich was auch immer das sein mag. Das ist die dunkle, kreative Matrix von der oben die Rede war. Auf unser Leben übertragen: wenn wir in tiefsten, seelischen Abgründen und durch finstere Lebensphasen bewegen, ist das eigentlich der Punkt, an dem es wieder aufwärts geht und neues Licht in unser Leben kommt - solange wir danach Ausschau halten!

Wenn man nach einem wirklich kreativen Einfall sucht, der einem aus einer anscheinend auswegslosen Situation im Leben helfen soll, ist es angebracht, sich erst einmal von all den Meinungen zu befreien, die man gegenwärtig hat: über andere und über sich selbst. Das heißt nicht, dass diese Meinungen notwendigerweise falsch sind. Die starren Muster in unserem Leben werden aber durch diese Meinungen aufrecht erhalten, Meinungen an denen wir hängen und die verhindern, dass sich etwas in unserem Leben ändert. Neue Erkenntnisse erhellen unser Leben, sobald sich alte Meinungen auflösen.

Es geht aber nicht darum alles bisherige in unserem Leben über Bord zu werfen. Vielmehr gilt es die dunklen mit den lichten Anteilen unseres Seins zu vereinigen. Dies symbolisiert die Alchemie durch die Vermählung von Sonne und Mond, von König und Königin. Hiermit kann der Vorgang der Umwandlung ganz langsam gestartet werden - sobald eine dritte Komponente ins Spiel kommt.

Symbol für das Feuer in der Alchemie - ewigeweisheit.de

Symbol für das Feuer in der Alchemie

Die beständige Flamme

Es ist wie mit der Retorte des Alchemisten: durch ein Feuer darunter wird die Umwandlung eingeleitet. Das ist die langsame, beständige Flamme des Alchemisten - nicht zu heiß, nicht zu wenig Hitze. Zwar wird damit auch der tatsächlich, physische Zustand beschrieben, doch es ist in erster Linie ein Symbol für etwas, das jeder in seinem Leben etablieren sollte: eine anhaltende, unnachgiebige Entschlossenheit!
Wer von der Begeisterung verlassen aufgibt, der stürzt ab. Die Aufmerksamkeit des Alchemisten darf also nicht schwanken. Er muss voll dabei, hier und im Jetzt sein - aufmerksam und stets bereit an seinem "Projekt" weiter zu arbeiten, bis der Vorgang beendet ist.
Wer nicht dran bleibt, der wird niemals etwas in seinem Leben verändern können!

Nun haben die alchemistischen Symbole von König und Königin einen besonderen Namen: Der König ist Sulphur (Schwefel), die Königin ist Sal (Salz). Sulphur ist gelb, so wie auch die Sonne gelb ist. Es ist ein "stinkendes Urgold" - ein "Proto-Gold" (wie etwa das Katzengold oder Pyrit, das eine chemische Verbindung von Eisen und Schwefel, Eisensulfid ist). Salz kann Wasser aufnehmen (Kristallwasser), so wie die Königin durch den flüssigen Samen geschwängert wird.

Doch es gibt noch ein drittes Prinzip, das die alchemistische Vereinigung (coniunctio) von Sulphur und Sal als Mittler fördert: der Mercurius. Mit Sulphur und Sal alleine, so die Alchemisten, wird letztendlich kein Werk vollbracht. Erst durch den Geist des Mercurius kann die gegenseitige Beeinflussung beginnen. Mercurius ist ein symbolisches Medium der Vereinigung, sowie eine vollkommene Kombination aus Flüssigkeit und Feststoff. Auf physischer Ebene entspricht dem Mercurius das Quecksilber. Das Wesen dieses Metalls ist charakteristisch: es trennt sich leicht in kleine, kugelförmige Tröpfchen, die sich aber eben so schnell wieder zu einer großen Masse zusammenführen lassen.

Die Schwarze Sonne in der Alchemie - ewigeweisheit.de

"Sol niger" - die Schwarze Sonne der Alchemie: Symbol der Nigredo

Drei Phasen bei der Bereitung des Steins der Weisen

In der Alchemie spielt die Astrologie eine nicht unbedeutende Rolle. Der dem Quecksilber zugeordnete Planet ist der Merkur, der sich viermal im Jahr auf enger Bahn um die Sonne bewegt. Wegen Merkur also Mercurius - dem wichtigsten Agens der Alchemie und Hermetik.
Bei den Griechen entspricht Mercurius dem Gott Hermes - im alten Ägypten hieß er Thoth. All diese Götter haben das Vermögen zusammenzubringen, zu vereinigen. Das oben erwähnte Dreieck steht für die drei Prinzipien von Sulphur, Mercurius und Sal. Mercurius vereinigt in einem langwierigen Prozess Sulphur und Sal, was in drei Phasen abläuft: der Nigredo, der Albedo und der Rubedo.

Nigredo - Die Schwärzung

1. Zuerst erfolgt die calcinatio. Dabei wird die Ausgangssubstanz, symbolisiert durch das zuvor erwähnte Quadrat, durch Brennen und Glühen im Feuer zu Asche zermürbt. Hiermit werden materielle Begrenzungen aufgebrochen. 

2. Die so erhaltene prima materia wird dann in der solutio aufgelöst bzw. verflüssigt. Hier geht es um den Ist-Zustand unserer psychischen Verfassung. Während einer schweren Lebenskrise braucht dieser Zustand nicht erst herbei geführt zu werden, sondern ist bereits präsent.

3. Nun folgt die seperatio: eine Trennung in die antagonistischen Bestandteile - König und Königin werden geschieden. In der alchemistischen Praxis erfolgt in diesem Schritt die Ausfilterung der festen Bestandteile, aus der durch die solutio hergestellten Lösung. Mit der separatio werden die inneren von den äußeren Seelenanteilen getrennt, verborgene Seelenanteile erkannt (vergl. Anima und Animus bei C. G. Jung) und entfaltet. Es geht um das Erkennen verborgener Anteile des Selbst.

4. König und Königin werden in der coniunctio wieder vermählt, sie umarmen und vereinigen sich, verschmelzen miteinander. Gemäß C. G. Jung wird in diesem Prozess der Vereinigung der ursprüngliche Lichtmensch (in der Kabbala: Adam Kadmon) wiederhergestellt. Er ist ein archetypisches Wesen, dass vor der ersten Weltschöpfung existierte. Die bewusst gewordenen Anteile werden in der coniunctio mit dem alten Selbstbild vereint.

5. Miteinander vereinigt, tritt dann in der mortificatio der Tod des Vereinigunsproduktes ein. Hierbei werden die unreinen, dunken Anteile ausgeschieden. Dieser alchemistische Prozess entspricht in der Psychologie dem Zustand der Finsternis, einer absoluten Niederlage im Leben.

Tief in des Dunkels Schoß,
verborgene Stufen längs, vermummt, umdichtet –
Oh wunderseliges Los! –
nachts, jedem Blick vernichtet,
mein Haus in Stille lassend, tiefbeschwichtet!

Geheim, in Zauberringen
der Dunkelheit, wo mich kein Blick erkannte,
wo ich nichts sah von Dingen
und nichts mir Strahlen sandte
als jenes Leitlicht, das im Herzen brannte!

- Heiliger Johannes vom Kreuz: "Die Dunkle Nacht der Seele"

6. Danach kommt es zur Verwesung des getöteten Vereinigungsprodukts: putrefactio. Der reinste Teil steigt auf, der gröbere Teil stirbt und fällt ab, so wie das verwesende Fleisch der Leiche von den Knochen fällt. Psychologisch kann dieser Vorgang am besten durch den Zustand tiefer Depression beschrieben werden. Dieser Vorgang ähnelt auch der im alt-ägyptischen Mythos beschriebenen Zerstückelung des Osiris.

7. Mit der coagulatio beginnt dann die eigentliche Transformation. Die geistigen, aufgestiegenen Anteile kehren zurück und werden in die Lösung eingebunden, woraus sich feste Bestandteile in Form von Kristallen bilden und es allmählich zur Gerinnung kommt. Psychologisch empfindet der Mensch diesen Zustand als neue Zuversicht, da sich in seiner Seele neue Emotionsformen bilden.

Diese sieben Schritte müssen ganz in Ruhe, bei "stetiger Wärme" durchgeführt und ausgebrütet werden. Dann wird sich alles zu dem fügen, wie es für den Vorgang bzw. unser Leben am Besten ist. Damit ist die Phase der Nigredo abgeschlossen, was bei der Bereitung des Steins der Weisen zur Weißung führt.

Albedo - Die Weißung

8. In der sublimatio wird die schwarze Masse in der Retorte, allmählich immer heller, von grau bis weiß, gewinnt immer mehr an Licht. Laut C. G. Jung beginnt hier auch die seelische Transformation. Es dämmert in der Seelennacht ein immer heller werdendes Licht eines neuen Anfangs.

9. Mit der ablutio, der Waschung kehrt Leben in das Geschehen zurück - seelische Probleme haben sich geklärt.

Hiermit ist die Albedo abgeschlossen.

Rubedo - Die Rötung

Das Rot der Rubedo zeigt an, dass der alchemistische Prozess abgeschlossen ist. Der Stein der Weisen wurde gefunden und daraus das rote Elixier des ewigen Lebens gewonnen. Mit dem Entstehen dieses roten Wundersteins, ist alles möglich. Und wenn alles möglich ist, so können auch unedle Metalle wie Blei in Gold verwandelt werden und das Leben eines Menschen verlängert werden. Dieser Stein der Weisen ist identisch mit dem Lapis Exilis des Wolfram von Eschenbach: dem Heiligen Gral.

Die Rote Sonne des Splendor Solis - ewigeweisheit.de

Die Rote Sonne - Symbol des Steins der Weisen

Ziele der Alchemie

In der Alchemie geht es gar nicht darum ein äußeres, wertvolles Produkt wie etwa Gold herzustellen. Vielmehr ist das Hauptziel die Transformation des Ausübenden selbst. Aus einem "normalen Menschen" wird ein "Wundermensch". Sein Tun ist allein durch den Himmel begrenzt - auf Erden aber ist ihm alles möglich. Einen Alchemisten, dem die Herstellung des Steins der Weisen geglückt ist, könnte man darum auch als einen Adepten bezeichnen. Er wird zu einem gottähnlichen, allmächtigen Wesen. 

Wer sich wirklich zu dieser Ebene des Seins aufgeschwungen hat, für den werden alle bisherigen Vorstellungen und Erfahrungen langweilig und uninteressant. Nicht das er jetzt ein größeres Ego entwickelt hätte. Eher kann er jetzt alle unedlen Erfahrungen, Halbwissen, Krankheit und Ignoranz, zu etwas höherwertigem, weisem, heilem und tolerantem umwandeln - d. h. alles, ganz gleich ob grau, klumpig oder wertlos, lässt sich zu strahlendem Gold transmutieren - im übertragenen, wie im tatsächlichen Sinne.

Vielleicht kann die Seele den oben beschriebenen, wundersamen Vorgang der Umwandlung, auf alle möglichen Lebenserfahrungen anwenden. Das bedeutet: Alles was bisher langweilig und schlecht erschien, wird plötzlich zu etwas ganz wunderbarem. Das Leben selbst verwandelt sich in ein einziges großes Wunder - wo immer wir auch hinsehen, da entdecken wir Gold. Was sich im alchemistischen Prozess verwandelt hat, sind wir selbst! Die Suche und das Gewinnen des Steins der Weisen hat uns verändert!

Alle großen Alchemisten wussten, dass metallisches Gold nur ein Nebenprodukt eines viel wichtigeren und viel wertvolleren Geschehens ist, an dem man während seiner Arbeit bei der Bereitung des Steins der Weisen teilhat.
Der Alchemist muss sich also selbst verändern, bevor er die Welt und ihre Erscheinungen verändern und umformen kann. Er betrachtet die Gegenstände in der Welt als eine alchemistische Retorte, in der das Licht der Erkenntnis konserviert und daraus hervorgebracht wird. 
Es geht darum die Weisheit (Sophia) aus den Fängen materieller Sichtweisen und Meinungen zu erlösen. Sophia steht für die Rubedo im großen Werk der Alchemie. Wohl nicht zufällig wird sie in der Ikonographie stets als rothaarige, in rote Roben gekleidete Heilige dargestellt.

Aufgabe des Alchemisten ist also die geheimnisvolle Sophia in ihrer herrlichen Erscheinung aus der Erde zu erlösen, aus den Fesseln materieller Beschränkungen zu entbinden.

Das Geheimnis, Gemälde: Felix Nussbaum - ewigeweisheit.de

"Das Geheimnis", Gemälde von Felix Nussbaum.

Geheimhaltung

Es hat seinen Grund, dass alchemistische Schriften oft nur schwer verständlich und irreführend geschrieben sind. Niemand sollte sich ihrer bemächtigen können, ohne nicht zuvor den Weg der Selbstläuterung gegangen zu sein. Im Übrigen ist das der einzige Grund wieso es überhaupt Geheimnisse gibt. Wer zu schnell an esoterisches Wissen kommt, den kann es überwältigen, was mitunter folgenschwere Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Alchemie ist ein "geheimer Weg der Verwandlung" - ein "geheimer Weg des Lebens", mit dem Weisheit gefunden wird. Das ist das Lebensziel des Menschen im Großen Werk der Alchemie - dem Opus Magnum.

Vielleicht befinden wir uns ja bereits auf diesem Weg ohne davon zu wissen - letztendlich sind wir dazu aber auf die Welt gekommen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, werden wir hoffentlich den sagenhaften Stein finden!

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Tabula Smaragdina (Interpretation)

Tabula Smaragdina (Interpretation)

Die Verfassung der geheimen Künste des Hermes Trismegistos

I. Wahr ist, zweifellos, gewiss wahrhaftig und ohne jede Lüge.

Mit dem ersten Absatz wird bereits die Unwahrheit ausgeschlossen. Jeder Irrtum oder ein Versprechen das eine Lüge sein könnte, wird von vornherein unterbunden. Die Sätze der Smaragdtafel haben den selben Anspruch wie Bibel, Koran, Bhagavad Gita und andere heilige Schriften.

II. Das was oben ist, entspricht dem was unten ist. Und das was unten ist, gesellt sich wiederum zum Oberen, mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

Mit Sicherheit der bekannteste Teil der Tabula Smaragdina - häufig verkürzt als »Wie unten, so oben«. In der Astrologie zum Beispiel, erkennt man die Schicksalsereignisse im menschlichen Leben in den Bewegungen und Konstellationen der Gestirne am Himmel.

Die verschiedenen Welten des Göttlichen enthalten sich gegenseitig. Die höheren Welten wirken auf die niederen , die niederen Welten auf die höheren. So kann man vom einen auf das andere schließen. Alle natürlichen Vorgänge wiederholen sich auf verschiedenen Ebenen. Formationen fliegender Vögel ähneln z. B. denen der Fischschwärme im Meer.

Das »Wunder des einigen Dinges« ist die praktizierte Analogie, mit der man das Göttliche erkennt und so an seiner Ausbreitung mitwirkt. Es ist das eigentliche Thema, die Sache, welche auf allen Ebenen gleichermaßen stattfindet und als solche, für sich ein »kleines« Wunder darstellt.

III. Und so wie das ganze Universum aus dem reinen Geist Gottes durch sein Wort entspringt, so wird durch die Nachahmung der Natur alles aus diesem einigen Ding geboren.

In der jüdisch-christlichen Kabbala, wie auch in den vedischen Upanischaden, ist die Rede von Urformen, die sich einem empfangenden Prinzip aufwirken. So werden aus Ideen und Urbildern der geistigen Welt Abbilder - erfahrbare Dinge, die sich in der materiellen Welt bilden.
Ein Architekt entwirft einen Bauplan, den er dem Bauherrn vorlegt. Maurer und Zimmerleute beginnen damit den Hausbau. So wird aus dem Plan eine reale Form.
Da sich Formen aber beständig ändern, ist eine Anpassung erforderlich.

Im Johannes Evangelium lesen wir: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort«. Die anfängliche Ursache des Wortes, die Sprache der ersten Äußerung Gottes, so wie es auch in Genesis 1:3 zu lesen ist: »Und Gott sprach es werde Licht« - ist eine Sammlung und Meditation auf den hellsten Punkt im göttlichen Selbst. Durch Anpassung an die Evolutionsgesetze sind Formen entstanden, aus denen dieses Licht in einen anfänglichen Urraum hinabstieg. Durch Angleichung manifestierten sich daraus alle Formen des Seins.

IV. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter ist der Mond.

V. Der Wind trägt es in seinem Bauch. Die Erde ist seine Ernährerin.

Das väterliche Prinzip im Kosmos wird durch die Sonne als Quelle von Licht und Wahrheit verkörpert. Urmutter des Kosmos ist der Mond. Das männliche Prinzip vereinigt sich mit dem Weiblichen und in dieser Verbindung wird ein neues Wesen gezeugt, welches in der Geistwelt (Luft) seine Form bildet und dann durch die Nährung aus der Erde eine physische Form erhält.
In diesem Satz werden drei kosmische Ebenen symbolisiert: Sonne, Mond und Erde - äquivalent zu Geist, Seele und Körper im Menschen.
Materielle Schöpfungen entstehen aus der geistigen Welt, aus einem heiligen Geist, durch den auch das Jesuskind in der Maria gezeugt wurde. Der Geist wird durch das Luftelement verkörpert und daraus wird mit dem Sonnenfeuer ein Wind entfacht, der die geistige Formung bewirkt. Wind ist ein Medium des Lebens. Erst durch die Luft die Gott dem Adam einhauchte begann er zu Leben.

Tabula Smaragdina Kunrath - ewigeweisheit.de

Die Tabula Smaragdina in einem Stich des deutschen Alchemisten Heinrich Kunrath (1560-1605).
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VI. Dieses Ding ist der Vater aller Vollendungen der ganzen Welt.

Das ist ein Hinweis auf den Stein der Weisen. Ihn gilt es zu finden. Aus ihm wurde alles Erdenkliche in absoluter Vollkommenheit erschaffen. Des Vaters zeugende Kraft, entspricht dieser Vollendung.

VII. Seine Kraft ist am vollkommensten, wenn es sich in die Erde ergießt und sich mit ihr vereint.

Mit der Kraft, ist das Wirken des göttlichen Prinzips im Menschen gemeint. Das deutet auf die Verkörperlichung des Göttlichen hin, welche erst mit der Umwandlung in Erde vollkommen ist. Materielles wird durch Realisierung einer Uridee verdichtet und geformt.

VIII. Darum löse das Feuer aus der Erde, und scheide das Feine vom Groben, mit Verstand und liebevollem Feingefühl. So steigt es von der Erde empor zum Himmel und wiederum zur Erde hinab um sich mit ihr zu vereinigen. Dabei wird es veredelt, und nimmt die Kräfte der oberen und unteren Welt in sich auf.

Beim Umgang mit der Materie und den Stoffen der subtiler Dimensionen ist Vorsicht geboten. Grobes und Feines müssen geschickt voneinander getrennt werden. "Grob" bezeichnet das korporale Prinzip der Erde, "fein" das energetische, ätherische Prinzip des Feuers. Diese beiden Aggregatzustände liegen sich in der Hierarchie der vier Elemente gegenüber, so wie Materialismus und Spiritualismus. Der Mensch muss diesen Unterschied in seinem Innersten begreifen und sich damit befähigen, diese beiden Ebenen letztendlich wieder zusammenführen. So können sie sich auf einer höheren Form der Existenz manifestieren. "Löse und binde" - "Solve et Coagula" - das ist die alchemistische Grundregel zur Veredelung des Seins.

Wenn das Wasser aus der Erde verdunstet, steigt es zum Himmel, kondensiert dort zu Wolken und fällt wieder als Regen auf die Erde hinab. So wird aus der Erde furchtbarer Boden. Das Gleiche gilt für den Menschen und seine Seele. Sie stammt aus der göttlichen Einheit, Monade genannt (das ist der göttliche Funke) und kreist in ihren Inkarnationen über den verschiedenen Ebenen des korporalen Seins. Sie steigt allmählich immer höher, bis zum höchsten, göttlichen Geist empor und wird mit ihm Eins. Sie löst sich von ihm schließlich wieder ab, wandert wieder nach unten, um in der physischen Welt Erfahrungen zu sammeln. Dann steigt die Seele wieder empor, um einen neuen Kreislauf zu beginnen. Ihr Wunsch ist Erfahrungen zu sammeln, damit sie immer stärker wird und sie mit der hierbei gewonnenen Kraft, die geistige und materielle Welt immer weiter durchdringt, ihr innerstes Wesen begreift und beherrscht. Es geht um die Erkenntnis der Naturgesetze und des eigenen Wesens. Es geht darum sich seines wahren Selbst bewusst zu werden.

Die Verwirklichung des göttlichen Selbst auf Erden, ist der Dienst am Nächsten. Der Sinn des himmlischen Daseins auf Erden besteht darin, dass der Mensch in seinem Inneren eine reale Kraft vermittelt und damit quasi Gottes Weg zur Menschwerdung selbst beschreitet.

IX. Mit ihm wirst Du das Licht und die Herrlichkeit der ganzen Welt erlangen und alle Finsternis wird von dir weichen.

X. Dieses einige Ding ist von allen Kräften die stärkste Kraft, denn es überwindet alles Feine und durchdringt alles Feste.

Durch die gewonnene Kraft werden alle flüchtigen oder feinen Dinge des Oben gebändigt bzw. ihre Subtilität überwunden. Ebenso kann die hier beschriebene Kraft alles Feste durchdringen, so wie es in den gröberen, unteren Schichten des manifestierten Welt vorkommt. Durch das Entdecken der Vollkommenheit der Natur und das Anerkennen der Naturgesetze, entwickelt der Mensch eine Demut gegenüber der Schöpfung. Durch die geistigen Dimensionen inspiriert, hat sich an dieser Stelle sein Wertesystem bereits verändert, sein energetisches Potenzial erhöht und sich auf der physischen Ebene als wirksame Kraft entfaltet.

XI. So wurde im Ebenbild des Einigen die ganze Welt erschaffen.

XII. Und wenn Du auf die mitgeteilte Weise verfährst, so kannst auch Du solch wundersame Nachahmungen bewirken.

Die Smaragdtafel beschreibt ein Ursachenprinzip, einen Grund der sich in der Schöpfung abspielt - etwas das sich in der Schöpfung in immer wieder neuen Nachahmungen wiederholt. Sie kann dem Menschen als Leitfaden dienen, sein Leben in der gegenwärtigen Inkarnation zu veredeln.

XIII. Man nennt mich darum Hermes Trismegistos (dreimalgrößter Hermes), der ich die dreifältige Weisheit der ganzen Welt besitze.

XIV. Hiermit sei vollendet, was vom Meisterwerk der Sonne verkündet werden sollte.

Der Einfluss der Hermetik auf die moderne Wissenschaft

von S. Levent Oezkan

Camille Flammarion's L'atmosphère: météorologie populaire (Paris, 1888) - ewigeweisheit.de

Pythagoras war einer der wichtigsten Vertreter der hermetischen Philosophie in Europa. Auf seinen vielen Reisen sah er was andere nie zu Gesicht bekamen. Während eines langen Aufenthalts in Ägypten soll er von Priestern des Thoth in die hermetische Wissenschaft eingeweiht worden sein. Andere Überlieferungen behaupten, sein Initiator war Hermes Trismegistos selbst.

Die Überlieferungen der Pythagoreer wurden zu einer wichtigen Grundlage für Platons Philosophie. Vielleicht hatte aber auch er zu Füßen ägyptischer Meister gesessen und die Weisheiten der "Hohen Kunst" vernommen.
Die Philosophie seines Schülers Aristoteles sollte bis in die Neuzeit hinein das wissenschaftliche Denken im Westen prägen.
Aristoteles war auch Erzieher Alexanders des Großen - dem Gründer Alexandrias. 700 Jahre lang war diese Stadt das Zentrum der Gelehrsamkeit und weit über die Grenzen Ägyptens hinaus berühmt. Alexandria war ein Schmelztiegel der Weisheiten Griechenlands, Ägyptens, Palästinas, Babylons, Persiens und Indiens.

Alexandrias legendäre Bibliothek machte die Stadt im ganzen Mittelmeerraum bekannt und wurde zu einem Statussymbol der ptolemäischen Herrscher Ägyptens. Doch bereits vor Beginn der christlichen Zeitrechnung gab es in dieser Gegend Privatbibliotheken vieler esoterischer Schulen, die sich mit der Heiligen Wissenschaft der Hermetik befassten. Darunter waren auch Geheimbibliotheken der Therapeuten - einer ägyptischen Sekte der Essener.
Der alexandrinische Geist dieser alten Zeit beförderte hermetisches, neupythagoreisches und neuplatonisches Gedankengut, wie man es auch in den 42 Büchern des Hermes findet.

Im 7. Jhd. entstand eine neue Religion in Arabien: der Islam. Mit seiner schnelle Ausdehnung, verbreitete sich auch viel esoterisches Wissen aus dem Orient, zunächst in Westasien und Afrika, drang später über Marokko ins spanische Europa vor (Andalusien, Cordoba, Granada). Die islamische Wissenschaft erreichte ihren Höhepunkt mit der Gründung des "Hauses der Weisheit" - einer Akademie, die durch den Kalifen Al-Mamun von Bagdad im 9. Jhd. ins Leben gerufen wurde.
Im 11. Jhd. machten sich die Templer mit den islamischen Wissenschaften vertraut. Wegen ihres großen Einflusses (Einführung des europäischen Bankwesens) verbreitete sich islamisches Wissensgut schließlich in ganz Europa. Diese besondere Stellung der islamischen Wissenschaften im Mittelalter, ist noch heute zu erkennen. Namen von Sternen wie Vega, Formalhaut, Algol oder Ras Algethi, als auch Bezeichnungen wie Alchemie, Algebra, Alkohol und Alkali, sind arabischen Ursprungs.

Diese Einflüsse inspirierten im Mittelalter viele Denker, woraus schließlich der Wunsch aufkam, die Grenzen alter, kirchlicher Dogmen und Glaubenszwänge, mit Vernunft, Forscherdrang und Empirie zu überwinden. Dieser Forschergeist sollte in Europa bis in die Renaissance lebendig bleiben. Man gewann neue Inspirationen aus den alten Mythenschätzen der Magie, des Okkultismus und Hermetizismus. Dogmen die die Kirche untermauerten, gerieten immer mehr ins Wanken.
Das bedeutet aber nicht, dass christliche Glaubensvorstellungen von Hermetikern abgelehnt wurden. Vielmehr verschmolzen diese mit älterem, teils paganem Wissensgut, in einer spirituell-wissenschaftlichen Strömung.

Islamische Hermetik in Ägypten und Persien

Für den ägyptische Naturmystiker und Sufi-Heiligen Dhul-Nun Al-Misri (796-859) war die hermetische Tradition der Alchemisten, eine kosmologische Tradition göttlicher Offenbarung. Sein wissenschaftliches Streben stand im Einklang mit der Natur. Er gewann seine Erkenntnisse aus Gleichnissen, die er in seiner Umwelt wahrnahm, während andere versuchten so etwas in den heiligen Schriften zu finden.
Dhul-Nuns poetische Gebete, die dem koranischen Wort treu blieben, beeinflussten auch die Naturschilderungen der Sufi-Mystiker Persiens. Unter diesen mag sich auch Abdullah ibn Sina (980-1037) befunden haben: Arzt, Alchemist, Philosoph und Dichter - in der europäischen Gelehrtenwelt bekannt unter dem Namen "Avicenna". Er entwickelte u. a. verschiedene alchemistische Verfahren, wie etwa die Herstellung ätherischer Öle und Pflanzenauszüge für medizinische Zwecke.
Durch seine große Kenntnis westlicher und östlicher Geisteshaltungen in Naturwissenschaft und Philosophie, galt Avicenna als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident. Seine hermetische Philosophie hatte viele Gemeinsamkeiten mit aristotelischen Weltanschauungen. Darum wurden in Europa die Werke Aristoteles' häufig gemeinsam mit den Schriften Avicennas herausgegeben.

Avicenna (Ibn Sina) - ewigeweisheit.de

Der persische Alchemist Abdullah ibn Sina (Avicenna)

Einer der in der Tradition Avicennas stand, war der persische Philosoph und Mystiker Schihab Al-Din Al-Suhrawardi (1154–1191), den man später den "Meister der Erleuchtung" nannte. Trotz das Suhrawardi in seinem Studium die Lehren Avicennas vollständig verinnerlicht hatte, kritisierte er an dessen Lehrgebäude, die gesamte Welt allein durch logische Schlussfolgerungen begreifen zu wollen. Doch da zu damaliger Zeit die aristotelisch geprägte Weltanschauung Avicennas, in der islamischen Gelehrtenwelt allgegenwärtig war, gelang ihm zunächst nicht, seinen Zeitgenossen den hohen Wert seiner hermetischen Philosophie zu vermitteln.

Suhrawardi beschreibt ein immaterielles Licht (vergl. Genesis 1:3) in dem nichts manifest ist. Dieses Licht entfaltet sich über mehrere Stufen hinab, bis es sich in den dichtesten und dunkelsten Formen der Materie erhärtet. Mit anderen Worten: in Suhrawardis Philosophie besteht das Universum mit all seinen Ebenen der Existenz, aus graduellen Schattierungen von Licht und Finsternis.
Außerdem unterteilte er die körperlichen Formen der irdischen und kosmischen Natur, gemäß ihres Vermögens und Unvermögens, göttliches Licht aufzunehmen. Für diejenigen Menschen die d
ieses Licht aufzunehmen vermochten, war es eine Inspirationsquelle der Erkenntnis.

Diese neue Art Einsichten zu gewinnen, ließen sich nur schwer mit den Lehren Avicennas vereinbaren. Suhrawardi war auf der Suche nach Antworten, die ihm aber niemand geben konnte! Doch eines Nachts erschien ihm im Traum Aristoteles, von dem er seine lang gesuchte Antwort bekam. Mit Hilfe dieser Traumvision schuf er die Grundlagen für seine Erkenntnistheorie der Erleuchtung. Er erkannte: nur durch die Zusammenführung von göttlich inspirierter Intuition und wissenschaftlich-philosophischer Werkzeuge der Vernunft (Aristoteles), kann spirituelles Wissen für jeden verständlich gemacht werden.

Hermetik als Inspirationsquelle der Wissenschaften

Der durch islamische Mystiker (Sufis) überlieferte Wissensschatz der Hermetik, übte großen Einfluss auf das im 17. Jhd. entstehende Rosenkreuzertum aus und bildete eine wichtige Inspirationsquelle für europäische Gelehrte. Unter ihnen befanden sich Persönlichkeiten wie Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Francis Bacon und Isaac Newton. Isaac Newton übersetzte einen der wohl bedeutendsten Texte der Hermetik ins Englische: die Tabula Smaragdina (Smaragdtafel).
Viele zeitgenössische Wissenschaftler verschließen gerne die Augen, wenn es um die okkultistisch-religiös geprägte Geschichte Isaac Newtons geht. Newton war nämlich ein streng gläubiger Mensch und außerdem jemand, der so "ketzerische Wissenschaften" wie Hermetik und Alchemie betrieb. Insbesondere im hermetischen Gedankengut fand er Wissen, das seinen Zeitgenossen unzugänglich blieb. Ohne die Erkenntnisse die er aus dem Hermetismus gewann, hätte er höhere Bereiche der Wissenschaften, wie z. B. die Gravitationsgesetze oder die Gesetze der Optik, niemals erklommen.

Hermetisches Denken war im Zeitalter der Aufklärung für viele Naturwissenschaftler als Werkzeug unablässig. Die Beschreibungen der Natur hatte darum einen entsprechend hermetischen Sinngehalt.
Auch Nikolaus Kopernikus bediente sich hermetischen Vokabulars, um etwa sein heliozentrisches Weltsystem zu beschreiben:

Inmitten des Alls thront die Sonne. Wo sonst im Himmelstempel sollten wir das schöne Gestirn platzieren, damit es alles erleuchte auf seine Weise? Nicht ohne Grund wird sie die Leuchte, die Regentin, der Geist des Universums genannt. Hermes Trismegistos nannte sie den sichtbaren Gott - Elektra (in der Tragödie des Dichters Sophokles) die 'Allsehende'. Auf königlichen Thron sitzend, regiert sie Planeten die um sie kreisen.

Isaac Newton - ewigeweisheit.de

Isaac Newton - Übersetzer der Tabula Smaragdina

Der Stein der Weisen und das Elixier des Lebens

In der Hermetik werden die unsichtbaren Verbindungen der himmlischen Ebenen mit den irdischen Ebenen des Seins untersucht. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen entwickeln Hermetiker Verfahren, um ihrerseits die verborgenen Verbindungen zwischen den Dingen, den Lebewesen oder den Seelen zu erkennen. So können Naturphänomene und die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ebenen des Seins erkannt werden. Dies verstehend erzielt der Hermetiker seinen Einfluss auf die Natur. Hermetiker waren daher immer auch Alchemisten. Sie waren auf der Suche nach dem Stein der Weisen, dem "lapis philosophorum" oder "lapis exillis" (Gral) - einem magischen "Elixier des Lebens". Die Bereitung dieses Wundersteins ist aber nicht primär auf die Handhabung mit Substanzen im Außen ausgerichtet. Eher geht es um die allmähliche Vergeistigung eines physischen Körpers, was in drei Phasen erfolgt:

  1. Nigredo, die "Schwärzung" wird durch den Raben symbolisiert. Auf Seelenebene geht es um die Konfrontation mit dem Schattenselbst. Hinsichtlich der alchemistisch zu veredelnden Ausgangssubstanz, werden durch "Verwesung" (lat. putrefactio) verunreinigender Aspekte ausgeschieden.
  2. Albedo, die "Weißung" wo sich der symbolische Rabe in eine weiße Taube verwandelt. Hiermit beginnt die "Vergeistigung" der Ausgangssubstanz, die Reinigung von den Abfällen aus dem Nigredo-Prozess. Auf seelischer Ebene wird sich der Hermetiker jetzt seines gegengeschlechtlichen Anteils bewusst - das was C. G. Jung bei der Frau als Animus, beim Mann als Anima bezeichnet. Alte psychische Konzepte werden in der Albedo verworfen.
  3. Rubedo, die "Rötung" als Symbol für die Rose und das Blut, sowie die Farbe der Weisheit, signalisiert das Ende des Großen Werks (Opus Magnum). In C. G. Jungs Archetypenlehre entspricht die Rubedo dem Selbst in seiner Verschmelzung mit dem Ich (Ego): die "Rote Morgendämmerung des Erwachens". Der Stein der Weisen wurde gefunden.

Dieser Stein, auch "Roter Löwe" genannt, soll rubinfarbig leuchtend, durchsichtig und sehr schwer sein. Wer ihn gefunden hat, soll minderwertige Metalle in Gold transmutieren, Kranke gesund machen und ewige leben können!

Nikolas Flamel - ewigeweisheit.de

Der "Goldmacher" Nikolas Flamel

Quacksalber oder Goldmacher

Avicenna verwies in seinen Schriften auf die zentrale Bedeutung des Merkur (→ Planet Merkur, griech. Hermes), der ja mikrokosmisch dem Metall Quecksilber entspricht (→ Mercurius). Mercurius ist der Mittler zwischen Gott und der Welt, zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Anfang und Ende.
Nicht zufällig ist dem Wochentag Mittwoch (zwischen Montag und Sonntag) der Planeten Merkur (zwischen Mond und Sonne, laut ptolemäischem Weltbild) zugeordnet!
Mit Hilfe der merkurialen Kräfte des Quecksilbers, soll laut Avicenna die Bereitung des sagenhaften Steins gelingen:

Quecksilber ist kalt und feucht. Mit ihm hat Gott alle Metalle geschaffen. Es ist luftig und wird flüchtig durchs Feuer. Und wenn es dieses Feuer einige Zeit ausgestanden hat, erreicht man mit ihm Wunderwerke.
Der lebendige Geist des Quecksilbers ist von beispielloser Kraft. Man nennt es auch das Weiße oder Rote Elixier - "Ewiges Wasser", das "Wasser des Lebens" oder die "Milch der Jungfrau". Wer immer es zu sich nimmt wird den Tod nicht schmecken (Hinweis: Quecksilber ist ein starkes Nervengift! Ein Widerspruch also? Oder ist hier von einem anderen Quecksilber die Rede?).
Um das weiße und das rote Elixier zu gewinnen, müssen zwei Körper vereinigt werden. Selbst wenn Gold das perfekteste und edelste aller Metalle ist, wird es aufgelöst und durch seine verborgene Hitze geistig und flüchtig wie das Quecksilber. Es ist die sagenhafte Tinktur, das rote Elixier, das auch der "heiße männliche Same" genannt wird. Hingegen hat das weiße Elixier einen kalten und trockenen Charakter. Es gleicht dem aufgelösten Silber und wird darum der "kalte weibliche Same" genannt. Im Stein (der Weisen) sind beide Elixiere vereinigt. Dieser Stein ist eine flüssige Wundermedizin.

Unsterbliche Alchemisten

Es bleibt letztendlich ungeklärt, welchen Personen es gelang den sagenhaften "Roten Löwen" zu finden. Die wohl bekannteste Legende rankt sich um den französischen Alchemisten Nikolas Flamel (1330-1418, offiziell). In einem Traum erschien ihm ein Engel der ihm Hinweise auf ein besonderes Buch gab, das er sich darauf hin für wenig Geld beschaffte. Er fand darin sieben allegorische Bilder, welche die Arbeitsschritte bei der Bereitung des Steins der Weisen enthüllten. Nach langen Nachforschungen traf er auf einer Rückreise von Santiago de Compostela (Spanien) einem Gelehrten namens Maître Canches. Dieser erkannte den jüdischen Ursprung der darin gezeigten Bilder. Er identifizierte sie als Bilder aus dem "Buch Abrahams des Juden". Mit Canches' Hilfe konnte Flamel diese magischen Bilder entschlüsseln:

  1. Calcinatio - die Operation des Feuers.
  2. Solutio - die Operation des Wassers.
  3. Coagulatio - die Operation der Erde.
  4. Sublimatio / Destillatio - die Operation der Luft.
  5. Putrefactio / Fermentatio - der Fäulungsvorgang durch Verwesung.
  6. Separatio - die Destillation, Sublimation und Verdunstung.
  7. Conjunctio - der Höhepunkt des Großen Werks (Opus Magnum).

Am 17. Januar 1382 soll Flamel gemeinsam mit seiner Frau erstmals die Herstellung von Silber aus Quecksilber gelungen sein. Am 25. April desselben Jahres, gelang ihnen dann die Transmutation auf Gold!
Mit Hilfe des sagenhaften Buches, fanden Nikolas Flamel und seine Frau schließlich das "Elixier des ewigen Lebens". Einer Legende zu Folge begegneten die Flamels noch im 18. Jhd. (mehr als 400 Jahre alt!) Leuten in der Türkei. Manche Legenden behaupten sogar, Nikolas Flamel sei einstiger Großmeister der Prieuré de Sion gewesen. In diesem Zuge versuchen ihn Verschwörungstheoretiker auch mit dem Geheimnis von Rennes-le-Chateau und dem verborgenen Schatz der Katharer in Verbindung zu bringen.

Ebenso kursieren Gerüchte über den mysteriösen Graf von Saint-Germain (1710-1784, offiziell) der ebenfalls Unsterblichkeit erlangt haben soll. Der Legende nach soll er als unbekannter, "Ewiger Wanderer" noch weit bis ins 19. Jhd. in Europa gesehen worden sein.
Saint-Germain verzauberte mit seinem magischen Violinspiel seine Zuhörer auf Bühnen in England. In Italien kannte man ihn als fabelhaften Bildhauer, in Deutschland wiederum bewunderte man ihn als genialen Chemiker. Besonders aber in Frankreich kursierten verschiedene Gerüchte über Saint-Germain. Es heißt, er pflegte innige Verbindungen zum französischen Königshaus. König Ludwig XV. und seine Mätresse Madame de Pompadour, behandelten ihn als äußerst respektablen Zeitgenossen. Ludwig hielt ihn für eine Person edelster Abstammung. Er glaubte Saint-Germain kenne das Geheimnis der Transmutation von Metallen in Gold. Doch viele hielten ihn für einen Betrüger und Hochstapler. Die pariser Polizei suchte nach Beweisen, die zeigen sollten, dass Saint-Germain auf ungesetzliche Weise zu seinem Reichtum kam. Doch leider versagte der Versuch irgendeine normale Quelle für seinen Wohlstand ermitteln zu können. Eine andere Legende erzählt, dass eine 45-jährigen Edeldame ein Fläschchen von Saint-Germain bekam. Diese enthielt ein Wunderelixier das die Frau auf einen Zug austrank. Niemand erkannte sie danach, denn sie verjüngte sich, ohne es selbst zu merken, in eine sechzehn jähriges Mädchen!

Graf von St. Germain - ewigeweisheit.de

Der unsterbliche Graf von Saint-Germain

Hermetik, Naturwissenschaft und die Industrielle Revolution

Durch die Erkenntnisse aus der Hermetik gelang die Herauslösung wissenschaftlicher Bestrebungen aus den Zwängen kirchlicher Dogmatik und Glaubensnormen. Damit sich aber die Formen der Wissenschaften weiter kristallisieren konnten, mussten bestimmte hermetische Gesetze erneut verworfen werden. Nur so konnte eine letztendliche Trennung vom Kirchenglauben erfolgen. Der alte Wunsch nach Erleuchtung musste wissenschaftlichem Forschen weichen.
Als Offenbarungslehre diente die Hermetik also der Trennung von Wissen und Glauben - blieb aber gleichzeitig als Bindeglied zwischen diesen beiden Haltungen menschlichen Intellekts erhalten.

Mit der Wissenschaftlichen Revolution gegen Ende des 18. Jhd., kam es zur eigentlichen Trennung von Astrologie und Astronomie, von Alchemie und Chemie, von Hermetik und Naturwissenschaft. Ansichten über die Natur wurden immer mehr in einem mechanistischen Weltbild untergebracht.
1776 wurde die erste einsatzfähige Dampfmaschine nach dem Prinzip von James Watt in England installiert; das war die Geburt des industriellen Zeitalters. Durch die Einführung quantitativer Messmethoden in der Chemie durch den Franzosen Antoine de Lavoisier, wurden materielle Weltanschauung gefestigt. Man wollte nun mit Vernunft und Logik nach wahrem Wissen streben und sich so, ein für alle mal von Religion und Spiritualität trennen.
Gleichzeitig veränderten sich Ende des 18. Jhd. auch die politischen Verhältnisse in der westlichen Welt. Die Macht der Monarchien begann zu schwinden. Geheimgesellschaften wie z. B. der Illuminaten-Orden (gegründet 1776 von Adam Weishaupt in Ingolstadt) gewannen an Einfluss. Amerika deklarierte 1776 seine Unabhängigkeit vom britischen Königshaus und mit der Französischen Revolution von 1789, begann die Zerschlagung des absolutistischen Machtapperats der Monarchie in Frankreich.

Ganzheitliche Wissenschaft im 21. Jahrhundert

Bis Anfang des 20. Jhd. versuchten Wissenschaftler alles Wahrnehmbare mit dem Tatsächlichen gleichzusetzen. Das heißt, wenn man Naturerscheinungen erforschte, glaubte man im Beobachten dieser Erscheinungen, ihre charakteristische Wesensart zu erkennen. Wenn z. B. ein Stern an einer bestimmten Position strahlte, so hielt man diese Position auch für seinen tatsächlichen Aufenthaltsort am Himmel. Doch wie man heute weiß, krümmen schwere Sterne die Raumzeit. Die Positionen vieler Sterne sind darum von der Erde aus betrachtet verschoben. Diese, durch Albert Einsteins Relativitätstheorie vorausgesagte Raumkrümmung, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch Arthur Eddington bestätigt. Am 28. Mai 1919 ereignete sich eine totale Sonnenfinsternis. Um den Rand der Finsternis konnte Eddington Sterne fotografieren, die sich eigentlich hätten hinter der Sonne befinden müssen. Durch die große Masse aber, krümmte die Sonne die Raumzeit so, dass sich der Lichtstrahl des Sterns auf einer gebogenen Linien um die Sonne herumbewegte und so gesehen werden konnte.

John Dalton's neues System der chemischen Philosophie - ewigeweisheit.de

John Dalton's "Neues System der Chemischen Philosophie"

Auch die Atomphysik sollte im 20. Jhd. eine Revolution erfahren. Mehr als 2.500 Jahre lang glaubte man, dass Atome unteilbar seien. Doch 1911 entdeckte Ernest Rutherford (1871-1937), dass sich Atome aus einem "festen" Kern und einer "durchlässigen" Hülle zusammensetzen. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts sollte sich außerdem zeigen, dass die materielle Welt des Mikrokosmos in Wirklichkeit überhaupt nichts Festes enthält!
In den Atomkernen erkannte man noch kleinere Bausteine: die Nukleonen (Protonen und Neutronen). Das Modell einer "Atomhülle" aus Elektronen, wurde zu einem wolkenartigen Orbitalmodell aus "Wahrscheinlichkeitsräumen" erweitert, in dem sich die Elektronen eines Atoms aufhalten können.
Die Nukleonen wiederum setzten sich aus sogenannten Quarks zusammen, Quarks und Elektronen aus den noch kleineren T- und V-Rishons. Neuere Theorien der Quantenphysik sprechen gar von kneuelartigen, mitunter chaotischen Strukturen (sogentannte "Strings"), aus denen diese Quarks zusammengesetzt sind.

Das Alte auflösen um darin das Neue zu verbinden

Im 20. Jhd. sollten die Erkenntnisse aus der Relativitätstheorie und der Quantenphysik, alte physikalische Denkgebäude endgültig zum einstürzen bringen. Materie und Energie waren nicht etwa mehr verschiedene physikalische Zustände, sondern in bestimmten Fällen ein und das Selbe!

Albert Einstein - ewigeweisheit.de

E = m · c² – Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat

Astrophysiker fanden "Schwarze Löcher", deren Schwerkraft so stark war, dass sie eintretendes Licht anscheinend "verschluckten", während in ihrer Nähe die Zeit stehenblieb. Das sind wissenschaftliche Tatsachen, die den menschlichen Verstand bei weitem übersteigen. Auch Experimente im subatomaren Bereich liefern je nach Art der Beobachtung immer andere Ergebnisse. Kurz: man sieht das alles relativ ist - der Betrachter bestimmt den Ausgang eines materiellen Experiments.

Je weiter also unser Blick in den Makrokosmos abschweift und je genauer wir in die Feinheiten des Mikrokosmos zu spähen versuchen, desto mehr verliert menschliche Vernunft an Bedeutung.
​Beobachter und Beobachtetes sind untrennbar miteinander verbunden - das was untersucht wird ist eine Reflexion des Untersuchenden. Was im Universum vor sich geht, das geschieht ebenso in seinem Innern.

Wenn sich der Mensch von alten Vorstellungen löst, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, so sollte er dennoch das überlieferte Wissen nicht vollständig verwerfen. Wir erinnern uns an den Traum des Suhrawardi!
Eines der Ziele der Hermetik war immer, bestehendes aufzulösen und darin neue Erkenntnisse zu verbinden. Darum lautet eines der wichtigsten Axiome der Hermetik:

Solve et Coagula

Diese Formel beschreibt den Prozess der Trennen oder Auflösung (Solve) eines Zustandes und das anschließende Zusammenfügen (Coagula) seiner Komponenten, was zur Erhöhung seines Ausgangszustandes führt.
Fortschritt im Denken der Menschen ist also nur durch ein kontinuierliches Trennen von alten Vorstellungen und einem Verbinden mit neuen Vorstellungen möglich.
Mündlich überlieferte Weisheiten aus dem altägyptischen Paganismus, kristallisierten sich während des jüdischen Exodus im Sinai zu einer Buchreligion. Als sich diese Form der Überlieferung im christlichen Mittelalter verhärteten, kam es schließlich zur Herauslösung wissenschaftlichen Denkens. So konnten sich unabhängig voneinander Intellekt und Spiritualität weiterentwickeln und sich gewissermaßen in einem Opus Magnum der Menschheit, getrennt voneinander zu ihrer höchsten Form veredeln - exoterisch und esoterisch.

Dieses Streben führte auf getrennten Wegen durch die Welt der Erkenntnisse. Im aufdämmernden aquarianischen Zeitalter des 21. Jahrhunderts, werden diese Wege sich aber immer häufiger kreuzen und schließlich wieder zu einem gemeinsamen Weg zusammenlaufen - einem Weg der die Menschheit zurückführt zur Einheit im Göttlichen.

[...] mit dem Vermögen die Wunderwerke eines einigen Dinges zu vollbringen.

- Tabula Smaragdina

Dieser Artikel ist außerdem erschienen in der Zeitschrift Adyar der Theosophischen Gesellschaft, 71. Jahrgang, Heft 2, Juni 2016  

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Emblem der Edition Ewige Weisheit: Die Heilige Sophia

Im Emblem zur Webseite der Edition Ewige Weisheit, sieht man eine Frau, die Agia Sophia (Aγία Σοφία): die personifizierte Heilige Weisheit. Sophias Geist ist allgegenwärtig in allen Weisheitstraditionen der Welt. Doch nie inkarnierte sie in einem physischen Körper auf Erden.

Sie wird in der christlichen Ikonografie dargestellt als ein geflügelte Frau mit rotem Haar und roten Flügeln, mit denen sie sich fliegend durch die Äonen bewegt. Ihre Füße aber stehen immer auf einem Schemel und verweisen darauf, dass sie die irdische Welt niemals betreten wird. Griechisch- und russisch-orthodoxe Ikonen zeigen sie meist auch mit roter Haut und roter Robe. Meist sieht man sie da auch zusammen mit der Heiligen Mutter Maria und dem Täufer Johannes.

Das Rot ihrer Erscheinung steht für das Feuer, für die Macht, die Liebe und für den Lebensaft - das Blut. Rot ist die Farbe der Weisheit und der höchsten Vollkommenheit. Den geheimnisvollen "Stein der Weisen" findet derjenige, der die Rötung (Rubedo) im Großen Werk (Opus Magnum) der Alchemie erzielt.
In den Kontext der Feuersymbolik der Farbe Rot gehört auch Prometheus, ein Titan der im griechischen Mythos den Menschen das Feuer brachte. Durch seine im Feuer enthaltene Weisheit kam der Mensch zur Entwicklung der Kulturtechniken auf Erden.

Ikone der Hlg. Sophia 16. Jhd., Sophia-Kathedral, Novgorod, Russland
Sophia-Ikone aus dem 16. Jhd.
 

Die Heilige Sophia ist die weibliche Personifikation des Heiligen Geistes und der Theosophie. Nach ihr ist die große Hagia Sophia benannt - einstige Krönungskathedrale der byzantinischen Kaiser, lange Zeit die wichtigste Moschee im Osmanischen Reich und heute ein Museum in Istanbul. Nicht zufällig besitzt ihr historisches Gemäuer einen roten Anstrich (siehe Abb.).

Hagia Sophia
Die Hagia Sophia in Istanbul mit ihrem roten Anstrich.
 

Im Hintergrund des Emblems der Edition Ewige Weisheit sieht man Bäume, die von einem Dämmerlicht umgeben erscheinen und auf die Morgendämmerung und damit auf den Morgenstern Venus verweisen. Die Bäume sind eine Allegorie darauf, dass der Mensch wahre Weisheit keineswegs nur in Büchern, sondern insbesondere in natürlich erlangter Erfahrung findet.

Das esoterische Symbol der Venus

Der Stern den die Heilige Sophia an ihrer Stirn im Halbmond trägt, das ist das okkulte Zeichen der Venus - das "Gestirn der goldenen Morgenröte" - jener Planet der während der Morgendämmerung, innerhalb acht Jahren an fünf Himmelspositionen zu sehen ist.


 

Über diesen Zeitraum zeichnet die Venus in Form des hier gezeigten, in sich verschlungenen Sterns, ein Pentagramms am Horizont der Morgenröte. Das Pentagramm steht für die esoterische, geistige Verbindung der Erde mit der Venus - ihrem Alta Ego: ♁⛥♀

Shakyamuni Buddha saß sieben Tage unter dem Boddhi-Baum (in der chaldäischen Reihe entspricht die Venus der Zahl Sieben). Als er am siebten Tag vor Sonnenaufgang im Osten den Morgenstern erblickte, da gelangte er zur Erleuchtung.

Der Venus als Morgenstern begegnen wir auch in den Büchern des Neuen Testaments:

[...] dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

- 2. Petrus 1:19

Ich (Jesus Christus) bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, ein strahlender Morgenstern.

- Offenbarung 22:16

Auffällig im astronomischen Venus-Pentagramm ist, dass eine Ecke ein wenig offen ist (in der Grafik bei 06.06.12) und sich im weiteren Verlauf der folgenden Venuspositionen am Himmel, als solches Pentagramm immer weiter im Uhrzeigersinn dreht.

Position der Venus bei der unteren Konjunktion in den Jahren 2004-2012. Von CWitte. Quelle: Wikipedia
Das Venus-Pentagramm (Bild: CWitte, Own work, CC-BY-SA-3.0)

Zu dieser astronomischen Eigenheit der Venus, gibt es einen interessanten Hinweis in Goethes Faust: 

MEPHISTOPHELES.
Gesteh ichs nur!
Daß ich hinausspaziere,
Verbietet mir ein kleines Hindernis:
Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle -

FAUST.
Das Pentagramma macht dir Pein?
Ei, sage mir, du Sohn der Hölle:
Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?
Wie ward ein solcher Geist betrogen?

MEPHISTOPHELES.
Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen:
Der eine Winkel, der nach außenzu,
Ist, wie du siehst, ein wenig offen.

– Goethe - Faust, der Tragödie erster Teil, Studierzimmer

Es ist sicher kein Zufall dass das Pentagramm oft auch auf Kirchengemäuern zu finden ist, da der sogenannte "Drudenfuß" im alten Volksglauben als Bannzeichen gegen das Böse verwendet wurde.

In der vedischen Astrologie wird der Planet Venus durch die Göttin Lakshmi repräsentiert, die ebenso wie die Heilige Sophia ein rotes Gewand trägt.

Die Göttin Lakshmi - vedische Venus
Lakshmi - die Venus der vedischen Astrologie

Ewige Weisheit - Sophia Perennis

Im Buddhismus entspricht die Venus als westlicher Abendstern, dem Buddha Amitabha. Der Name "Amitabha" bedeutet "Unermessliches Licht" (sansk. अमिताभ, zusammengesetzt aus "amita", unbegrenzt, unendlich, und "abha", Licht, Schönheit; Wortwurzel von "abha" ist "bha", im Sanskrit ein Name der Venus).

Amitabha lebt im "Reinen Land" von Suhkhavati - dem Paradies im westlichen Himmel. In diesem Reinen Land leben alle Lebewesen ohne Leid. Wie auch bei Lakshmi und der Heilige Sophia, ist Rot die Farbe des Buddha Amitabha (siehe Abb.).

Buddha Amitabha in Tibetan Buddhism, traditional Thangka painting.
Buddha Amitabha

Doch sehen wir uns noch einmal das Pentagramm an: Die Linien die zwischen je zwei Spitzen des Pentagramms verlaufen, durchtrennen zwei andere Linien im Verhältnis des Goldenen Schnitts - dem Maß perfekter Harmonie. Nicht zufällig lässt sich das "Goldene Maß" in der Architektur vieler Bauwerken der Antike finden.

Dieses "Goldene Mittel" aber ist vor allem ein wichtiges Verhältnis in der Natur: sei es im Gesicht oder den Fingergliedern des Menschen, oder auch in den Spiralformen vieler Pflanzen. Überall lässt sich das Goldene Verhältnis finden. Die Blütenblätter einer Rose ordnen sich um ihre Knospe ebenfalls nach diesem Maß (Goldener Winkel Ψ ≈ 222,5° : ψ ≈ 127,5°). Auch in einem quer halbierten Apfel zeigt sich das Kerngehäuse als ausgewogenes Pentagramm.
Das Pentagramm ist auch ein Symbol des Menschen, der seine Glieder von sich streckt. In der Anthroposophie Rudolf Steiners heißt es, dass entlang der Linien des Pentagramms die ätherischen Kraftströme von der Stirnmitte zum rechten Fuß, von dort in die linke Hand, danach in die rechte Hand, von dort in den linken Fuß, um schließlich wieder zur Stirnmitte zurück zu verlaufen.


Die Rose - Ein Symbol der Mystik
 

Die mythologische Venus (griech. Aphrodite) steht für die kreative Kraft und Zeugungsfähigkeit des Menschen in der Natur. Doch nicht alleine Zeugung durch den Körper, sondern durch den aus der Weisheit (Sophia) geborenen Verstand. Weisheit entspricht dem empfangenden, weiblichen Prinzip.

Die Geburt der Venus (Sandro Botticelli) - ewigeweisheit.de
Die Geburt der Venus (Sandro Boticelli)
 

Göttinnen des Mondes

Der Venusstern ist im Emblem von einer Mondsichel umgeben. Diese Mondsichel symbolisiert auf himmlischer, irdischer und unterweltlicher Ebene das lunare Prinzip im menschlichen Bewusstsein. In der Alchemie steht das Lunare für das gerinnende, erstarrende und formgebende Prinzip.
Die drei Mondphasen Vollmond, Halbmond und Neumond entsprechen den drei griechischen Mondgöttinnen. Selene ist die Personifikation des himmlischen Mondes und Verleiherin der Fähigkeit zur Reflexion. Artemis ist die Repräsentantin des Lunaren auf Erden, allem also das mit den Gezeiten, der Geburt, dem Fluss der Lebenskräfte und dem Tod zusammenhängt. Hekate ist die Göttin der Nacht, der Zauberei, der Magie und Geomantie. Sie ist Hüterin der Schlüssel mit denen die Pforten zur Unterwelt aufgeschlossen werden. Damit ist sie die Göttin der Einweihung in die Heiligen Mysterien. Sie entspricht in der ägyptischen Mythologie der Isis.

Das Kreuz im Kreis - Symbol der Gnosis

Das goldene Sonnenrad das die Heilige Sophia vor ihrem Herzen hält steht für den ewigen Kreislauf allen Lebens - für das Ein- und Ausatmen des menschlichen Körpers, das Wachstum und Sterben in der Natur, das Drehen der Gestirne im astralen Räderwerk des Himmels.
Neben dem astrologischen Symbol für die Erde, ist das Kreuz im Kreis ein Zeichen für den ewigen Zyklus des wiederkehrenden, himmlischen Lichts. Es ist ein Zeichen für das Licht das von der Sonne während der Wintersonnenwende, dem Frühlingspunkt, der Sommersonnenwende und dem Herbstpunkt auf die Erde strahlt. Es werden in diesem Symbol die vier Lebensphasen des Menschen angedeutet: Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter.

Das Kreuz im Kreis - ewigeweisheit.de

Das Kreuz im Kreis ist ein Symbol der Gnosis, und im Fall meines Emblems ein Zeichen für das zyklische Zusammenwirken der Phasen von Licht, Finsternis und Zwielicht - von Geburt, Tod und Wiedergeburt eines ewigen Lebens.

 

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Der Zwölfte Schlüssel des Basilius Valentinus

Ein Fechter der sein Schwert nicht zu gebrauchen weiß, dem ist's auch nicht nütze, denn er hat desselben Nutzbarkeit nicht erlernt.

Wenn aber ein anderer sein Schwert besser als der zuletzt genannte gebrauchen kann und jene sich die Stirn bieten, so wird der Untüchtige geschlagen werden. Derjenige der die Fechtschule mit allen Meistergriffen richtig erlernt hat, der wird den Kranz davontragen.

Wer also eine Tinktur durch die Verleihung eines allmächtigen Segens erbt und überliefert bekommt, nicht aber weiß, wie man davon Gebrauch macht, dem wird es so ergehen wie dem eben erwähnten, hilflosen Fechter, der die Fechtkunst noch nicht erlernt hat.

Weil aber dieser zwölfte und letzte Schlüssel zur abschließenden Absolvierung meines Buchs dient, will ich Dich weder weiter in philosophisch verblümte noch durch eine bildhafte Rede führen, sondern Dir diesen Schlüssel der Tinktur direkt zeigen und den Vorgang aufrichtig offenbaren.

Darum befolge meine jetzt folgende Lehre:
Wenn die Medizin und der wohlbereitete Stein der Weisen aus der rechten Jungfrauenmilch gemacht wurde und vollständig zubereitet ist, dann nimm einen Teil des allerbesten und feinsten Goldes, welches durch das Antimon gegossen und in drei Teilen purgiert wurde. Dieses schlage so hauchdünn wie möglich. Tuhe es zusammen in einen Schmelztiegel und erhitze es anfänglich zwölf Stunden lang mit einem gelinden, subtilen Feuer. Daraufhin lass es drei Tage und Nächte lang kontinuierlich fließen, wodurch das purgierte Gold und der Stein zu reiner Medizin geworden ist. Diese besitzt ganz subtil-spiritualische und durchdringende Eigenschaften. Denn ohne Gold-Ferment kann der Stein nicht richtig wirken oder seine Tinktur erzeugen, denn es ist zu subtil und durchdringend.

Wenn es aber mit seines Gleichen fermentiert und versetzt wird, dann hat die gemachte Tinktur einen Eintritt erlangt auf das andere zu wirken. Nimm also dann vom hergestellten Ferment einen Teil auf tausend Teile im Flusse des Metalls, welches Du tingieren willst und sei Dir dabei voll und ganz bewusst in höchster und aller Welt, Warheit und Rede, dass dies alles zu gutem beständigem Gold werden muss. Denn ein Leib begreift daraufhin wiederum gerne einen anderen Leib, der nicht seines Gleichen ist, muss ihm aber doch durch Kraft und Gewalt zugefügt werden und wiederum zu seines Gleichen werden, zumal doch das Gleiche von seines Gleichen geboren wurde.

Wer von diesem Mittel Gebrauch macht, dem werden alle Zusammenhänge offenbart werden, welches dieses in sich besitzt und führt. Die Vorhöfe des Saals werden am Ende dann also eröffnet, denn keine Kreatur oder Form hat mit dieser Subtilität etwas gleich, denn sie ist alles in allem so natürlich in ihrer Art und Abstammung, dass sie nur in der Welt der Sonnen gefunden werden kann.

Oh Anfang ersten Anfangs, bedenke das Ende.
Oh Ende letzten Endes, bedenke den Anfang.
Lasst euch das Mittel verordnet sein in aller Hingabe, dann wird euch Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist das geben, was euch an Geist, Seele und Leib bedarf.

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