Vajrayana

Was ist »Heilige Geometrie«?

von S. Levent Oezkan

Michael Meier: Atalanta Fugiens - ewigeweisheit.de

Seit alter Zeit suchen Menschen nach den elementaren Strukturen die unserer geschaffenen Welt ihre Gestalt gaben – sowohl im winzig Kleinen, als auch in der Welt des riesig Großen. Wo in dieser kosmischen Ordnung befindet sich der Mensch, um darin in Harmonie mit den natürlichen Kreisläufen auf der Erde und im Himmel zu leben?

Mit Antworten auf diese große Frage, sollte der Mensch die Fähigkeit erwerben, alle jenseitigen Einflüsse in seinem Leben bewusst zu integrieren, auch wenn sie sich seiner Macht praktisch entzogen. Seine Fähigkeit zu messen und abzubilden aber, lehrten ihn die periodischen Aspekte von Werden, Sein und Vergehen in der Natur der Erde zu bestimmen und dabei zu beobachten, wie das im Einklang steht mit dem Verlauf der Himmelslichter.

Er erkannte in den irdischen und himmlischen Kreisläufen besondere Muster, aus denen er ableiteten konnte, wie er sein Verhalten anzupassen hatte, als sesshaft gewordener Mensch. Hieraus entwarf er Pläne, nach denen er zuerst einmal sein Tun ausrichtete, um damit schließlich seine Lebensgrundlage auf Erden zu sichern. Was er dafür aber zu vermessen hatte, verstand er als Teil einer großen Mutter Erde: das Land mit seinen Ebenen und Bergen, mit den darin verlaufenden Flüssen, den Seen, den Wiesen und Wäldern.

Den alten Griechen war die Erde als Mutter »Gaia« darum heilig. Kein Zufall dass man durch die dabei zur Anwendung kommenden Methoden, zur Bezeichnung »Geometrie« fand, ein Ausdruck der wörtlich die »Vermessung Gaias« tituliert. Diese Maß-Nahmen erfolgten direkt – geometrisch – wie auch indirekt – astrometrisch. Was das bedeutet, dem wollen wir uns im Folgenden zuwenden.

Sakralbauten

Seit mindestens 5.000 Jahren vermessen Menschen Land und Himmel – was sowohl an den Ufern des Indus in Fernost geschah, an Euphrat und Tigris Mesopotamiens, am Nil in Afrika oder anderswo auf unserem Planeten.

Schon sehr früh begannen die Ägypter heiliges Maß anzulegen, um ihre monumentalen Bauwerke zu errichten, die ja ganz und gar auf bestimmte Himmelslichter ausgerichtet zu sein scheinen. Was man dort als Tempel oder Pyramide geometrisch abgestimmt gestaltete, waren zuerst Sakralbauten, die an manchen jahreszeitlichen Ereignissen, dem Stand heiliger Sterne entsprachen. Auch die Tolteken Mexikos konstruierten nach solcher Maßgabe ihre Tempel und Pyramiden.

Was an Lichtern vom Nachthimmel auf Erden fiel, dessen Spiegelungen folgte man, im Glauben an die Weisungen einer Gottheit. Das war mal die leuchtende Schwanzfederschlange – der toltekische Quetzalcoatl – der in seiner Brust als Herz den Planeten Venus trug – oder weitab von dort, die ägyptische Göttin Sopdet, die man im funkelnden Stern Sirius verehrte. Beim Bau der Großen Pyramiden Ägyptens berücksichtigte man solch astrometrische Richtmarken, da sie der Priesterschaft erlaubte über die Zeitpunkte sakraler Rituale zu entscheiden.

Gott als Geometer – ewigeweisheit.de

Gott als Erschaffer des Universums: Frontispiz der Bible moralisée in der Bilderhandschrift Codex Vindobonensis (um 1225).

Mit Zirkel und Lineal – sonst nichts?

Wenn wir den Geometrie-Begriff zuvor einführten, als ein Vermessen der Erde, ist damit natürlich nicht nur das Anlegen von Maßstäben gemeint. Das Messen nämlich, als eine Beschreibung von Größen und Verhältnissen mittels Zahlenwerten, ist noch verhältnismäßig jung. Erst um ca. 500 n. Chr. kamen die Zahlen über die Araber aus Indien nach Europa und erst sehr viel später in den deutschsprachigen Raum (im 15. Jahrhundert durch Adam Riese). Vorher maß man anders, sagen wir »intuitiver« – was jedoch nichts mit Ungenauigkeit zu tun hat. Bevor das aus Fernost stammende, sogenannte dezimale Stellenwertsystem der Zahlen Verwendung fand, bediente man sich natürlicher Maße als Einheit, deren Werte man durch gekonnte geometrische Konstruktionen entsprechend anordnete.

Wenn hier von Werten und Maßen die Rede ist, sind damit vor allem so Größen wie Teile, Winkel und Bogenlängen gemeint. Denn alles was die Geometer seit alter Zeit in ihrer Arbeit verwenden, sind Zirkel, Stift und Lineal.

Bereits im antiken Rom kamen Zirkel zum Einsatz, wie archäologische Funde beweisen. Stifte und andere Zeichengeräte, verwenden Menschen seit mindestens 36.000 Jahren, wobei man meist Kohlen oder weiche Mineralien als Farbsubstanz benutzte. Die ersten Lineale waren aus Knochen oder Horn verfertigt, da diese wegen ihrer Härte, auch ihre Form beibehalten. Auch Elfenbein erfüllte diesen Zweck.

Auf jeden Fall hat sich an der Einfachheit dieser drei grundsätzlichen Handwerkszeuge nichts geändert. Seit alter Zeit wissen Geometer, Architekten und Grafiker, wie sich damit jede nur erdenkliche Form zeichnen und geometrische Figuren konstruieren lassen. Was in alter Zeit zuerst auf Stein, auf Holz und dann auch auf Pergament dargestellt wurde, sollte schließlich durch besondere Arten von Papier zur Vollkommenheit gelangen.

Maße jenseits der Vernunft

Aus unserer Fähigkeit Raum zu erleben, erkennen wir normalerweise, durch die in der Architektur zur Anwendung kommenden geometrischen Wissenschaften, was uns an Gestaltungskräften umgibt. Und wenn wir oben von Intuition sprachen, die die Architekten auch beim Bau sakraler Bauwerke verwendeten, war damit insbesondere das gemeint, was die dabei tatsächlich angewendeten Maßverhältnisse anbelangt. Besonders zwei Größen sind hierbei von Belang:

  • die Zahl Pi (griechisch π), zur Bemessung der Bogenlänge und anderer Maße des Kreises, wie
  • die Zahl Phi (griechisch φ), aus der sich das Goldene Maß ableitet, ein überall in der Natur vorkommendes Verhältnis, dass wir normalerweise als harmonisch empfinden, sei es als das Verhältnis der Gesichts- und Körperglieder beim Menschen oder etwa in der Anordnung der Blätter einer Rose.

Schon im alten Ägypten bereite den Hohepriestern die Zahl Pi wohl mit auch Kopfzerbrechen. Ein näherndes Verhältnismaß sollte jedoch ausreichen (wie etwa im Ahmes Papyrus der mit der Formel 4×(8/9)2 als Annäherung an die Kreiszahl Pi arbeitet). Denn Pi ist eine Zahl, wie ebenso Phi, die die Mathematik heute als »irrational« bezeichnet: ein Wert also, der sich dem logischem Denken entzieht.

Beides sind Zahlen, die nicht durch mathematische Brüche darstellbar sind und deren Ziffern nach dem Komma, sich niemals wiederholen, sondern bis in die Unendlichkeit immer wieder in eine andere Ziffer umformen. Wer darüber etwas nachsinnt, dem dürfte einleuchten, wieso sie insbesondere für die Heilige Geometrie von besonderem Belang sind. Sie basieren quasi auf einer Geometrie die göttlich ist, und sich darum ganz und gar dem menschlichen Verstand entzieht. Denn selbst wenn Mathematiker zu den Zahlen Pi und Phi sehr präzise Annäherungen fanden, erhielte man, selbst wenn die klügsten Computer alle Ziffern dieser beiden Zahlen ermitteln wollten, dennoch kein Ergebnis, selbst wenn sie rechneten bis ans Ende der Zeit.

Pi und Phi bilden also keine Verhältnisse und lassen sich darum auch nicht berechnen. Beeindruckend aber ist, dass, wer mit dem Zirkel geometrisch konstruiert, das immer im Verhältnis zu diesen beiden Maßen tut.

Über die Vermessung der Heiligen Bezirke

Wie auch immer man diese Werkzeuge und gefundenen Maße verwendet, dienten sie zuerst einem sakralen Zweck, um damit etwa jene zu Anfangs angedeuteten Jahresfeste genau zu berechnen. Über die Beobachtung und Messung der Himmelsbewegungen, sowie der daraus gewonnenen Erkenntnisse, zeichnete man die ersten geometrischen Formen zur Hilfe dessen, was als Astronomie bekannt ist: die Kultusgesetzte der Sterne. Was sich also dort im Himmel und entsprechen auch auf der Erde an besonderen Formen und Maßen ablesen ließ, ging mehr und mehr über in eine Verwendung der dabei ermittelten Maße für kultische Handlungen.

So ermittelte Daten setzten die Zeitpunkte für sakrale Feierlichkeiten fest, die man an besonderen Orten beging: den Temenoi. Dorthin hatten einst nur jene Zugang, die für ein Volk oder eine Gemeinschaft, eine wichtige religiöser Rolle spielten – sei es etwa als Häuptling eines Stammes, als Priesterschaft oder auch als König eines Reiches. Ein Temenos (Einzahl von Temenoi) ist ein heiliger Bezirk, nach dem sich entsprechend spirituell Gesinnte oder Religionsangehörige in ihren Gebeten ausrichten.

Zu den weltweit bekanntesten Temenoi zählt etwa die Kaaba im arabischen Mekka. Den alten Griechen aber galt die Akropolis in Athen als Temenos, den Juden der Hof des Salomonischen Tempels zu Jerusalem, den Israeliten, auf ihrer Wanderung durch den Sinai, der Gipfel des Mosesberges. Abstrakteste Form dessen, was man Temenos nennt, ist wohl der Berg Kailash in Tibet, zu dem allerdings nur die Götter Zutritt haben, denn ihn zu besteigen ist Menschen bis heute untersagt.

Das Kalachakra-Mandala – ewigeweisheit.de

Kalachakra-Mandala, Tibet, 16. Jahrhundert.

Geometrie, Ritual und Intuition

Die Art und Weise, ja eigentlich die »Kunst«, sakraler Zeremonialhandlungen an solchen Orten, ist ganz und gar ausgerichtet auf eine besonders dafür entwickelte Heilige Geometrie. Denn durch die so, in sakraler Harmonie gezeichneten Formen, kann die Priesterschaft den Gläubigen helfen, auch intuitiv dem rituellen Geschehen zu folgen.

Die keltischen Druiden von Stonehenge oder Avebury zum Beispiel, führten Teilnehmer während ihrer heiligen Zeremonien, entlang der Menhire. Aber auch christliche Kleriker heute, weisen die Mitglieder ihrer Gemeinden im Gottesdienst dazu an, auf besonderen Wegen durch die Kirche zu gehen, an jene Orte darin, wo sich eine rituelle Handlung ereignet. Das kann etwa der Mittelgang einer Kathedrale sein, über den die Gläubigen sich zum Altar bewegen, um dort die Hostie zu empfangen. Heilige Geometrie dabei aber ist auch, was den darin Beteiligten peripher die höheren Wahrheiten des Geschehens suggeriert, scheint doch jedes architektonische Element eines Sakralbaues, seinen dafür vorgesehenen Zweck zu erfüllen.

Wegen der Kenntnis ihrer eigentlich wichtigen Bedeutung für die entsprechenden Kulthandlungen, verwendete man die dafür entwickelten Wegmarker, Symbole und großflächigen geometrischen Strukturen, dann später um jene sakralen Bauwerke zu markieren und darin auch physisch zu fixieren. Nicht zufällig etwa finden sich jene berühmten Formen, wie etwa das Hexagramm, die Vesica Piscis oder die Blume des Lebens, als sakrale Verzierungen in vielen verschiedenen antiken Bauwerken und zwar sowohl bei den Menschheitskulturen des Westens und des Ostens.

Wichtigster Zweck heiliger Geometrie ist, dem Betrachter durch darin verwendete, typische Bilder und Formen, zur Erkenntnis zu verhelfen, über das Wesen des Seins. In solch heiliger Kunst werden die Weisheiten und die sich daraus ergebenden Ritualhandlungen vermittelt.

Mandalas in Tibet

Die wohl berühmteste Ornamentfigur der tibetischen Buddhisten, ist das Kalachakra-Mandala – das Rad der Zeit. Ein Mandala ist ein Symbol für die esoterische Struktur des Universum, dass in Buddhismus und Hinduismus, insbesondere in der Meditation zum Ausdruck kommt. Vor allem für die Praktizierenden im sogenannten Vajrayana, dem Diamantenen-Fahrzeug des tibetischen Buddhismus, spielt das Kalachakra eine bedeutende Rolle. All die vielen Details in diesem charakteristischen Mandala, zeigen sich dem Meditierenden vielleicht zuerst im Außen, doch bilden eigentlich eine Landkarte für das Innere seines Bewusstseins.

Nicht zufällig nun, findet die eigentliche Zeremonie der Kalachakra-Einweihung getrennt statt von dem, was die Mönche da in einem anderen Raum (oder dafür vorgesehenen Ort) aus farbigem Sand als Mandala herstellen. Bereits da aber befinden sich die Mönche in achtsam-meditativer Konzentration. Denn nur so lassen sich die darin enthaltenen Elemente der Tradition entsprechend abbilden. Nach dem äußeren Zeremoniell mit den Teilnehmenden, haben diese dann Zutritt zu dem fertiggestellten Kalachakra-Sand-Mandala. Dieses Abbild eines heiligen Mandala basiert vollständig auf der Harmonie einer sakralen Raumlehre. Seine Bestandteile aber repräsentieren den Palast eines Buddha, durch den sich der Eingeweihte in seinem Innern bewegt.

Das alle Form aber, wie auch die Heilige Geometrie des Kalachakra-Mandala, an Zeit gebunden ist, endet dieses heilige Zeremoniell mit der Zerstörung des dafür hergestellten Bildes. Der farbige Sand wird also zusammengekehrt zu einem kleinen grauen Häufchen, das man daraufhin feierlich in die Fluten eines Flusses kippt.

Auch wir Menschen, deren Körper ja auch auf den Prinzipien der Heiligen Geometrie basieren, werden dereinst wohl zu Staub zerfallen sein, während sich die reinste Substanz unseres Inneren fortbewegt, im kosmischen Fluss der Zeit.

Verhältnis Pi zu Phi – ewigeweisheit.de

Die Breite und Höhe der Vesica Piscis (innen, schwarz), stehen im Verhältnis des Goldenen Maßes (Seiten des Rechtecks, grün).

Heilige Geometrie in der islamischen Kunst

Wegen des Bilderverbots im Glauben der Muslime, spielte insbesondere die Verwendung von geometrischen Mustern, die auf Grundlage sakraler Strukturen entwickelt werden können, schon immer eine ganz zentrale Rolle. Natürlich führte das in der islamischen Kunst zu einer ganz eigenen Kultur optischer Gestaltung.

Die typischen geometrischen Arabesken sind meist zusammengefügt aus sich wiederholenden, und teils in sich verstrebten Quadraten, Kreisen und anderen Formen Heiliger Geometrie. Hieraus ergeben sich komplexe Muster, die den Geist ihrer Betrachter durchaus zu zerstreuen vermögen – allerdings in positivem Sinne. Denn in meditativer Betrachtung lassen sich Gedanken auflösen, während die Blicke des Betenden, über solch geometrische Strukturen in der Moschee schweifen, seine Ohren aber geöffnet bleiben, um den Gesängen seines Imam zu lauschen.

Der englische Künstler Keith Critchlow (1933-2020) meinte gar, dass diese geometrischen Muster ihren Betrachter sogar zu einem tiefen Verständnis der darin befindlichen Realität zu führen vermögen.

Sakrale Kunst der Christen

Die christliche Sakralkunst versucht ihren Religionsmitgliedern eine Vision dessen greifbar zu machen, was durch das Erscheinen, den Leidensweg, den Tod und die Auferstehung Christi gelehrt werden soll. Im Mittelalter war so etwas für all jene von Bedeutung, die nicht lesen konnten, doch durch bildliche Darstellung jener geschilderten Christus-Geheimnisse, intuitiv die damit einhergehenden Wahrheiten erfahren sollten.

Wohl nicht zufällig erscheint der Christus Jesus in vielen sakralen Darstellungen, aus einer Vesica Piscis hervortretend, während ihn die vier Tierwesen umgeben: der Heiland als Repräsentation des Göttlichen Zentrums, aus dem die Frohe Botschaft als Christuslicht in die vier Weltecken strahlt, sichtbar geworden in den Schriften der vier Evangelisten, wo ein Mensch den Matthäus symbolisiert, ein Löwe den Markus, ein Stier Lukas und ein Adler Johannes. Das sind bildhafte Anspielungen auf das, was dem Gläubigen bekannt ist, doch ihm in seinem Betrachten helfen soll (zum Beispiel einer christlichen Ikone), die darin verborgene Mystik intuitiv und als Ganzes zu erfassen.

Was sich darin als Vierheit zeigt, erscheint natürlich wieder in der Form des Kreuzes. Das Kreuz in einen Kreis gefasst aber, wird zum astrologischen Zeichen für die Erde. Im Paganismus etwa nennt man dieses heilige Symbol das »Sonnenrad«. In allen Fällen aber finden wir darin den Hinweis auf ein Zusammenwirken solarer und irdischer Symbolik.

Im Christentum ist das eine Allegorie auf den Messias Jesus als Gottesebenbild des Solaren, der am Kreuz hingerichtet, ein Sinnbild formt, für unsere irdische Katharsis. Wenn da also ein christlicher Leidensweg am viergliedrigen Kreuze endet und ein auferstandener Christus etwa aus der Vesica Piscis hervortritt: suggeriert das nicht auch den Weg, den ein Mensch als eine im irdischen Körper geborene Seele durchlebt und erleidet und ihn endlich mit dem Tod zum Auferstehen aus der Polarität führt, wieder zurück in die Einheit?

Sicherlich sind diese Symbole und auch andere Strukturen der Heiligen Geometrie, immer schon Mittel gewesen, um den Menschen in seinem irdischen Dasein Anhaltspunkte zu geben, die ihm in seinem Leben als Wegmarken dienen können, bis ans Ende seiner Tage.

Ganz im Sinne Gaias

Seit der Antike spricht man von insgesamt fünf exoterischen und esoterischen Schlüsseln. Sie helfen einem Menschen dabei sogenannte »Tore des Bewusstseins« zu öffnen, durch die einer Zugang finden kann, zum seinem wahren Selbst. Diese Schlüssel sind Kenntnisse in Physiologie, Psychologie, Astrologie, aus der Metaphysik und schließlich aus der Heiligen Geometrie. Das Sakrale letzteren Schlüssels, der Geometrie, aber dient der intuitiven Erkenntnis über das Wesen der eigenen Innenwelt – zu der die Verwendungen der anderen Schlüssel natürlich unterstützend beitragen sollen.

Wie sich daraus ableiten lässt, wurzelt die esoterische Wissenschaft der Heiligen Geometrie in der Beobachtung der natürlichen Vorgänge auf der Erde und im Himmel. Die darin wirksamen mathematischen Prinzipien, zeigen sich in unzähligen Strukturen der Natur. Man denke etwa an den Aufbau der Kerne in der Blüte einer Sonnenblume, die in manchen Pflanzen vollkommen akkurate, geometrische Muster hervorbringen.

Die Sonnenblume – ewigeweisheit.de

Die Anordnung der Kerne in der Blüte der Sonnenblume, weist hin auf das Goldene Maß.

Doch auch Tiere finden sich, die solch geordnete, geometrische Strukturen bilden, wie etwa das Schiffsboot, einem Meeresweichtier dessen Muschel aus einer logarithmischen Spirale besteht, wobei ihre Grundform immer die selbe bleibt.

Besonders deutlich sieht man das aber bei den Bienen, mit ihren perfekt geformten Waben, in den sie ihren Honig speichern. Interessant dabei ist, dass die ringförmigen Moleküle der beiden Hauptbestandteile des Honigs, Traubenzucker und Fruchtzucker, sich auch molekularer Ebene jeweils wieder aus solchen Waben zusammensetzen.

Es scheint darum naheliegend, dass, bei der Erkenntnis solcher Zusammenhänge, es immer Denker gab, die daraus besondere, ganz eindeutige Muster abzuleiten wussten, die schließlich zu den charakteristischen Formen der Heiligen Geometrie wurden. Die Vesica Piscis, die Blume des Lebens, das Hexagramm, das Pentagramm oder die Spirale, wie auch die platonischen Körper, spielen eine signifikante Rolle, um natürliche Phänomene zu veranschaulichen, die uns beim Menschen, bei Tieren, Pflanzen und Mineralien begegnen.

In alter Zeit und auch heute noch, sehen darin manche eine Art geometrische Vorlage, aus der die Gottheit das erschuf, was sich dann als geistige Struktur in der Welt manifestieren sollte. Was sich aus solch einem Verständnis über die Ursprünge unseres energetisch-materiellen Universum später entwickelte, ging ein in die sakrale Baukunst der Kirchen, Synagogen und Moscheen, ebenso wie auch in die Architektur der Tempelbauten in Hinduismus und Buddhismus, wie auch in jene Heiligtümer anderer alter Kulturen unserer Welt.
 

Heilige Geometrie ist eine universale Kunst, die versucht in den Erscheinungen der Natur, Muster zu entdecken, und aus den so gewonnenen Erkenntnissen abzuleiten, dass solcher Art Strukturen auf unseren Geist ordnend wirken. Es sind geometrische Muster die ihre Form behalten, unabhängig von Zeit, Raum und Materie. Alle Heilige Geometrie aber liefert feinstoffliche Vorbilder, nach deren Maß sich die Welt gestalten ließe.

So ist es möglich, manche dieser geometrischen Grundstrukturen als »heilig« zu würdigen, da sie durch ihre Ordnung und ihre systematisch konstruierten Formen, an sich unveränderlich bleiben. Wer sich also zu verbinden vermag, mit dieser Art Formen, ist einer, der den Großen Mysterien der Welt einen Schritt näher gekommen ist und dem dabei der große Weltenbau als Ganzes erscheinen dürfte. Er selbst kann sich damit als Teil dessen in Kontakt bringen – ihren Mustern, ihren Formen und Verbindungen, den Gesetzen dieser Heiligen Geometrie – die unseren geschaffenen Kosmos »im Innersten zusammenhält«.

 

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Dzogchen oder: Wie man die innerste Natur des Geistes erfährt

von S. Levent Oezkan

Dzogchen Rinpoche - ewigeweisheit.de

In der buddhistischen Tradition Tibets spricht man von einer großen Vollkommenheit, in der alle spirituellen Wege gipfeln. In dieser höchsten Form meditativer Besinnung, wird die innerste Beschaffenheit des Geistes erkannt, als das was den Menschen ausmacht, in seinem wesentlichsten, reinsten Sein.

Was damit aber gemeint ist, lässt sich nicht eben mal in wenigen Sätzen niederschreiben. Es geht hier um die vollendete Praxis aller Meditationstechniken, die im Vajrayana-Buddhismus praktiziert werden.

Auch kann hierüber nur das geschrieben werden, was zu diesem Thema an Wissen anderweitig verfasst wurde, zumal es einer tatsächlichen Praxis bedarf, um von einer echten Beschreibung dessen reden zu können, worum es hier geht: Dzogchen – die Große Vollkommenheit. Es ist eine Form des Yoga, zur Vervollkommnung von Körper, Sprache und Geist, die über allen anderen spirituellen Disziplinen steht, weshalb man diesen Weg auch den »Ati-Yoga« nennt. »Ati« steht für etwas, das über das gewöhnliche Maß hinausgeht, worüber hinaus nichts erreicht werden kann: Ein ultimativer Zustand vollkommenen Gewahrseins.

Ursprünge des Ati-Yoga finden sich bereits im Sarva-Buddha-Sama-Yoga-Tantra, dem ältesten der yogischen Tantras (8. Jahrhundert). Tantra ist der Überbegriff für die esoterischen Lehren buddhistischer Philosophie und Religion. Ziel dieser yogischen Tantras ist eine Bewusstwerdung von der Beschaffenheit der Realität.

Die eigentliche Praxis des Ati-Yoga beziehungsweise Dzogchen, lässt sich vielleicht als ein unvermitteltes Erscheinen vollkommener Gegenwärtigkeit zusammenfassen. Das heißt, das hieraus alle Erscheinungen des Samsara (Kreislauf des Leidens in Leben und Sterben) und des Nirvana (Austritt aus dem Samsara) herrühren und wohin sie wiederum entschwinden. Diese Vergegenwärtigung der Realität findet jedoch nicht auf einmal statt, sondern wird erreicht über mehrere Phasen der Meditation und Veränderung der Geisteshaltung des Meditierenden.

Diese Phasen beziehungsweise Entwicklungsstadien, bezeichnet der Buddhismus mit dem Sanskrit-Wort »Yana«: einem geistigen »Fahrzeug«, worin eine bestimmte spirituelle Erfahrung gemacht wird, die sich, gemäß der Linie ihrer Ausübung, teilweise unterschiedlich äußern kann. So ein Yana soll dem Praktizierenden aber helfen, die mit seinem besonderen spirituellen Weg in Zusammenhang stehenden, geistigen Lasten zu tragen beziehungsweise ihn dabei auf seinem Weg zu unterstützen.

Im tibetischen Buddhismus ist die Rede von mehreren solcher Fahrzeuge, wobei im Fahrzeug des Ati-Yoga die vollendetste Geisteshaltung erfahren wird, da der Übende auf dieser Stufe das höchste Heilsziel erreicht hat.

Als der Buddha seine letzte irdische Inkarnation vollendet hatte und durch seinen Tod geschritten war, wirkte er von da an, in ätherischer oder astralischer Gestalt, in das Geschehen auf Erden hinein. In gewisser Weise ein Beispiel für die Lebensgeschichte des Buddha Shakyamuni (des indischen Religionsstifters Siddhartha Gautama, durch den der Buddhismus begründet wurde).

Welcher Weg dorthin gegangen werden muss und in welchen weiteren Fahrzeugen sich der Übende dabei bewegt, dem wollen wir uns im Folgenden zuwenden.

Lehren der tibetischen Nyingma-Schule

Erst im 10. Jahrhundert taucht in Tibet die Lehre vom Ati-Yoga auf. Wahrscheinlich aber sollte diese Sanskrit-Bezeichnung überflüssig werden, da man dafür nur noch den tibetischen Begriff Dzogchen verwendete. Vorstellungen über das spirituelle Fahrzeug des Ati-Yoga, waren deshalb in Tibet bis ins 13. Jahrhundert hinein umstritten, zumal man ein System mehrerer Fahrzeuge (Yanas) noch nicht in Erwägung gezogen hatte. Der ehrwürdige Meister Sakya Pandita (1182-1251) etwa sprach davon:

Versteht man diese Tradition in ihrer wahren Bedeutung, dann ist auch Ati-Yoga ein Weisheitsweg und nicht etwa ein Fahrzeug (Yana).

- Aus Sakya Panditas »Unterscheidung der Drei Schwüre«

Erst später sollten die Begriffe »Dzogchen« und »Ati-Yoga« synonym verwendet werden, wie etwa im Kulayaraja-Tantra, dem ersten Text der tibetischen Schriftensammlung des Nyingma Gyübumaus aus dem 14. Jahrhundert. Fest steht außerdem, dass Ati-Yoga zwar ein Begriff ist aus dem Sanskrit, doch sich in Tibet entwickeln sollte. Ihren Ursprung aber soll die Lehre über das Dzogchen von Samantabhadra stammen – einem der acht großen Bodhisattvas des Mahayana-Buddhismus. In den Dzogchen-Lehren heißt es dazu, dass unsere wahre Wesensbeschaffenheit, im Kern dieser Buddha-Natur entspricht und daher auch aus uns heraus entwickelt werden kann. Der tibetische Lama Sogyal Rinpoche (1947-2019) schrieb dazu:

Kuntu Zangpo (tibetischer Name des Boddhisattva Samantabhadra) repräsentiert die absolute, unverhüllte, himmelsartige, Ur-Reinheit der Wesensbeschaffenheit des Geistes.

- Aus Sangyal Rinpoches »Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben«

Nun erzählen die Lehren der tibetischen Nyingma-Schule von dem alten Weise Garab Dorje, der als derjenige Lehrer gilt, der diese Schule gründete (zu der auch der eben erwähnte Sogyal Rinpoche gehörte). Garab Dorje aber kam nicht auf natürliche Weise zur Welt und über seine exakte Herkunft liegen keinerlei Daten vor. Gemäß der Überlieferung aber stammt er aus jenem Land von Oddiya, aus dem auch der große Padmasambhava stammte, der zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert lebte und Begründer des tibetischen Buddhismus war. Oddiya wird als ein Land beschrieben, dessen Bewohner spirituelle Vollkommenheit erlangt haben, in etwa zu vergleichen mit dem, was die westliche Tradition das »Paradies« nennt. Es ist wohl ähnlich jenem Land zwischen dem heutigen Pakistan und Afghanistan, wo manche das sagenhafte Königreich von Shambhala vermuten.

Der Überlieferung nach, erhielt dieser Garab Dorje seine Lehren des Dzogchen, vom höchsten, transzendenten Buddha Vajrasattva, nachdem dieser wiederum dazu inspiriert wurde, durch den zuvor erwähnten Bodhisattva Samantabhadra. Hierdurch erlangte Garab Dorje das Nirvana, starb und ging dabei in den Zustand des sogenannten Regenbogenkörpers über, als sich sein physischer Leib in Licht auflöste. Seinem wichtigsten Jünger Manjushrimitra erschien er da vom Himmel in Form einer lichtumringten, in den Farben des Regenbogens schimmernden Wolke und rief:

Ach, ach! O großer Raum! Wenn das Licht, unser Lehrer, erloschen ist, wer wird dann da sein um die Dunkel der Welt zu bannen?

- Aus dem Buch »Dzogchen: Die Herz-Essenz der Grossen Vollkommenheit« des 14. Dalai Lama

Während dieses doch ungewöhnlichen Ereignisses aber, erschien dem Manjushrimitra auf einmal die Hand seines Meisters Garab Dorje, worin sich eine winzige golden Urne, in der Größe eines Fingernagels befand. Die stieg plötzlich auf und umkreiste Manjushrimitra dreimal. Hernach landete sie in seiner Hand, woraus sich das Testaments Garab Dorjes entfaltete, geschrieben auf Papier wertvollster Beschaffenheit: das sogenannte »Treffen der Essenz in den drei Welten«. Darauf war geschrieben, mit Tinte aus reinem Lapis Lazuli:

Die Erscheinung der innersten Natur des Geistes (Rigpa) sei hiermit eingeführt,
Entscheide dich für eine Sache und nur für eine Sache,
Habe vollkommene Zuversicht in die Freisetzung aufsteigender Gedanken.

- Aus Garab Dorjes »Treffen der Essenz in den drei Welten«

Im Erkennen dessen, erreichte Manjushrimitra den selben Grad an erfüllender Erkenntnis, wie auch sein Meister. Es heißt außerdem, dass die ersten vier Nachkommen des Buddha Vajrasattva – Garab Dorje, Manjushrimitra, der chinesische Gelehrte Shri Singha und der indische Meister Jnanasutra – ihrem jeweiligen Nachkommen auf die selbe, oben beschriebene Weise ihr spirituelles Erbe vermachten. Dabei verschmolzen die erleuchteten Geister von Meister und Schüler untrennbar miteinander, woraus die eine Weisheit des Dzogchen aufstieg. Auch Padmasambhava, der im 8. Jahrhundert den Buddhismus in Tibet etablierte, war ein Schüler in der Abstammungslinie der Dzogchen-Tradition und ein Schüler des Shri Singha.

Sein anderer Schüler Jnanasutra lebte als Einsiedler, der sich sein Leben lang der Meditation widmete. Auch dessen Leib sollte sich bei seinem Todeszeitpunkt in der Regenbogenkörper aufgelöst haben.

Manjushrimitra – ewigeweisheit.de

Manjushrimitra: Schüler des großen Weisen Garab Dorje. Er war es, der im 8. Jahrhundert die Dzogchen-Tradition in Tibet etablierte.

Achtsamkeit und die Wahrnehmung des Hier und Jetzt

Garab Dorje war es, der die Überlegenheit des Dzogchen gegenüber den Lehren der klassischen Mahayana-Schule des Buddhismus darlegte. Niemandem gelang dies zu widerlegen.

Im 9. Jahrhundert als der große indische Meister Padmasambhava nach Tibet kam, kam es dort zur Formung dieser neuen Schulrichtung des Vajrayana-Buddhismus, dessen Angehörige eine Vielzahl verschiedener Meditationsmethoden ausüben.

Einer der größten Dzogchen-Meister des 20. Jahrhunderts, der in Tibet geborene Kyapje Dunjom Rimpoche (1904-1987), schrieb über die Erscheinung des Dzogchen:

Alles beginnt mit der Vision. Die Vision im Dzogchen vermag zu sehen, was wirklich ist – die Natur des Seins an sich. Das ist die eigentliche Form des Seins, in der der Geist keine Unterscheidungen macht und auch keine Urteile fällt. Der Zustand der Wahrnehmung heißt »Rigpa«. Rigpa ist reine Wahrnehmung des Hier und Jetzt. Wir können diese Wahrnehmung eigentlich durch nichts zum Ausdruck bringen oder sie mit irgendetwas anderem vergleichen, dass sie beschreiben könnte. Sicher aber ist sie alles andere als der gewöhnliche Zustand emotionaler Verwirrtheit und widersprüchlichen Gedanken, noch aber ist es auch nicht das, was man das Auslöschen des Nirvana nennt. Es ist ein Zustand der nicht hergestellt oder entwickelt werden kann, ebenso wenig wie man diesen Zustand unterbrechen oder auslöschen könnte. Weder können wir uns davon befreien noch davon irregeleitet werden. Es ist unmöglich zu sagen, dass wir in diesem Moment tatsächlich existieren, noch können wir sagen dass wir nicht existieren. Es ist weder eine Erfahrung des Unendlichen, noch von etwas Bestimmtem.

Kurz: da die Natur des Geistes, die Große Vollkommenheit, Rigpa, nicht gebildet werden kann als ein bestimmtes Ding, ein Zustand, eine Wirkung, erscheint es als ultimative Leerheit, die es seinem Ursprung nach vollkommen rein sein lässt, alles beherrschend und alles durchdringend.

Mit dem was also Kyapje Dunjom Rinpoche über Dzogchen sagt, ist es jenseits aller verwirrenden Gedankenströme, die sich uns aufdrängen, in unserem tagtäglicher Drang, über alles Mögliche zu urteilen und zu grübeln. In dieser Zerstreutheit nämlich wurzeln alle triebhaft gesteuerten Wünsche. Sie aber sollte man durch eine alles durchdringende Achtsamkeit ersetzen, indem man bei jeder Tätigkeit eben nur die dafür zu vollziehenden Handlungen aufmerksam ausführt, ohne währenddessen über dies und jenes nachzudenken, das nichts mit dem gegenwärtigen Geschehen zu tun hat.

Es ist eben die Ablenkung von dem was gerade hier und jetzt ist, so die tibetischen Eingeweihten, die in uns Leid aufkommen lassen. Doch auch wenn man eben gerade leidet, welcher Ursache dieses Leid auch immer geschuldet sei, sollte man sich zuerst einmal dem Wesen dieses Leids zuwenden, seiner Essenz. In diesem Schauen aber kann es der Meditierende zur Auflösung bringen, da er dabei zur Klarheit dessen kommt, was ihn leiden lässt. Und was für das Leid gilt, gilt ebenso für Gefühle des Stolzes, der Wut, der Faulheit, der Verwirrung und der eigenen Überheblichkeit.

Die spirituellen Fahrzeuge der buddhistischen Tradition

Wir hatten oben bereits von den »Yanas« gesprochen, den Fahrzeugen. Da beschrieben wir sie als Mittel, um eine besondere Geisteshaltung zu entwickeln, die einem Menschen auf seinem spirituellen Weg dabei hilft, in der Realität zu Wohlergehen zu finden. Im Buddhismus gibt es dazu drei solcher Geisteshaltungen, in denen sich jemand zur Erreichung seines Lebenszieles bewegt:

Hinayana – das kleine Fahrzeug,

Mahayana – das große Fahrzeug und

Vajrayana – das Diamant-Fahrzeug.

Dabei lassen sich die beiden Fahrzeuge des Hinayana und Mahayana zusammenfassen als Sutrayana, gewissermaßen ungezwungene Methoden, die vielleicht auch nur für eine gewisse Zeit angewendet werden. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie sich nicht wirksam einsetzen lassen, da sie die Erlangung von Weisheit und besonderen Verdiensten erstreben, um damit Buddhaschaft zu erlangen: die Erleuchtung zur wahren Wesensnatur und zum grenzenlosen Potential des Lebens.

Die drei Yanas des Sutrayana

Es gibt insgesamt neun Fahrzeugen. Zwei davon betreffen das Hinayana, eins das Mahayana, jedoch sechs das Vajrayana. Die ersten beiden, dem Hinayana zugehörigen Fahrzeuge sind das

1. Shravaka-Yana und das

2. Pratyekabuddha-Yana.

Ersteres der beiden betrifft jene Übenden, die den Anweisungen eines Meisters folgen und auf diesen tatsächlich angewiesen sind. Mit dem Pratyakabuddha-Yana bewegt sich einer jedoch ohne Meister, da er aus eigener Kraft Weisheit zu erzeugen vermag. Im Hinayana, das diesen beiden Fahrzeugen übergeordnet ist, basiert die hauptsächliche Handlungsweise auf dem Asketentum, dass sich von Sinnesgenüssen abwendet und nur von den allernotwendigsten Dingen ernährt (das sind Almosen) und kleidet (weggeworfene Kleider), sowie an abgelegenen Orten lebt (zum Beispiel an oder auf Friedhöfen oder unter einem Baum im Wald).

Mit dem

3. Bodhisattva-Yana, bewegt sich jemand auf seinem spirituellen Pfad in ein Feld ultimativen Erfahrens. Dieses Fahrzeug führt den Praktizierenden, durch seine gekonnten Methoden, zu umfangreichen, tiefgehenden Einsichten der höheren Welten und dessen, was man als das endgültig Gut bezeichnet.

Das Bodhisattva-Yana ist Teil des Mahayana, das die Erreichung des Bodhichitta erstrebt: der mitfühlende Wunsch Erleuchtung zu erlangen zum Wohle aller Wesen. Das ist der Wunsch der Bodhisattvas, der erleuchteten Weisen, die über das Bodhipakkhiyadhamma meditieren, die 37 erforderlichen Dinge zur Erleuchtung: Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit (Satipatthana), die Vier Rechten Anstrengungen (Samma Padhana), die Vier Wege zum Erfolg (Iddhipāda), die Fünf Fähigkeiten (Indriya), die Fünf Kräfte (Bala), die Sieben Erleuchtungsglieder (Bojjhanga), den Edlen Achtfache Pfad (Ariya Atthangika Magga).

Symbol des Dzogchen – ewigeweisheit.de

Symbol des Dzogchen: Im Innern ist die tibetische Variante der heiligen Silbe "Om" zu sehen.

Die drei Tantras des Vajrayana

Im Vajrayana, dem diamantenen Fahrzeug, ist die Rede vom »Tantrayana«, den Fahrzeugen der Verwirklichung. Es geht da eben nicht mehr darum die Ursachen eines vollkommenen Pfades zu schaffen, sondern sich direkt zur Identifikation mit den Wirkungen zu führen. Was bedeutet das?

Im Tantra geht man davon aus, dass Bedeutung, Art und Ausdruck des endgültigen Ziels auf dem Weg zur Buddhaschaft, sich bereits in den tiefsten Ebenen des Gemüts befinden und nicht erst im Außen gesucht und gefunden werden müssen. Doch Unwissenheit und Fehlannahmen verdunkeln diesen Bereich des Bewusstseins. Im Tantra aber geht es darum, diese, sozusagen »verunreinigte« Sicht auf die Dinge, durch die Entwicklung von reinen, klaren Visionen zu transformieren, in der Arbeit mit dem Körper, der Sprache und dem vernünftigen Geist.

Da dieses Fahrzeug nun aber einen durch und durch geklärten Geist voraussetzt, spricht man eben vom Vajrayana, dem Diamant-Fahrzeug. Die ersten drei der sechs Fahrzeuge des Vajrayana, nennt man auch die Fahrzeuge des vedischen Asketentums:

4. Kriya-Tantra, was das äußerliche Verhalten und Handeln des Praktizierenden rituell reinigt,

5. Charya-Tantra, das sich der äußeren Fortentwicklung den Belangen des Körper und der Sprache widmet, doch sich gleichzeitig übt mit einem vollkommenen Aufgehen im Innern des Geistes (Samadhi), sowie dem

6. Yoga-Tantra, das die innere Meditation über die Wirklichkeit beinhaltet.

Im Kriya-Tantra und Charya-Tantra, begibt sich der Übende auf den Pfad äußerer und innerer Klärung und Läuterung. Hierbei visualisiert sich der Meditierende verschiedene Gottheiten beziehungsweise Buddhas. Dafür rezitiert er bestimmte Mantras. Im Charya-Tantra aber werden diese Mantras (heilige Gebete) gemäß der esoterischen Bedeutung der dabei ausgesprochenen Silben bewusst gemacht, die jeweils mit Formung einer besonderen Handgeste (Mudra) einhergehen. Diese beiden Tantras führen den Übenden zum Erwachen im Bewusstsein der drei Buddhas des sogenannten Erleuchtungskörpers (Vairochana), der erleuchteten Sprache (Amitabha) und des erleuchteten Geistes (Akshobya).

Mit dem Fahrzeug des Yoga-Tantra aber begibt sich der Übende auf den Pfad der Transformation, indem er sich selbst als in die entsprechende Gottheit umgewandelt visualisiert. So wird er sich dessen bewusst, was als erleuchtetes Handeln (Buddha Amoghasiddhi) bezeichnet wird und erreicht damit das wirklich Bedeutsame: ein Erfahren der Leerheit des Geistes (bar jeglicher Gedanken) und einem damit verbundenen realisieren des »Reinen Lichts«, was die grundlegende Wurzel allen Bewusstseins ist.

Die drei Yogas des Vajrayana

So wie die drei Fahrzeuge des Kriya-Tantra, des Charya-Tantra und des Yoga-Tantra, drei äußere Tantras bilden, folgen ihnen drei innere Tantras, die auch die »geheimen Fahrzeuge« genannt werden:

7. Mahayoga gehört, wie auch das Yoga-Tanra, zum Weg der Transformation. Es ist der »große Yoga« (sanskr. »maha«, groß), der sich zuerst der bereits im Yoga-Tantra angedeuteten Erfahrung der Leerheit widmet.

8. Anuyoga ist das Fahrzeug, in dem sich der Übende seinem feinstofflichen Körper bewusst wird (tib. »tsa«, Kanäle; »lung«, Wind-Energien; »tikle«, Essenzen). Jene, die diese Stufe erreicht haben, sind in der Lage augenblicklich eine der oben genannten Buddhas zu visualisieren.

9. Atiyoga, oder tibetisch »Dzogchen«, ist schließlich das vollkommenste aller neun Fahrzeuge, wo der Praktizierende nun vollkommene Bewusstheit erlangt hat und er alle Erscheinungen, als aufsteigende und absteigende Phänomene erkennt, die aus der eigentlichen Einheit allen Seins hervortreten und darin letztendlich auch wieder aufgesaugt werden und verschwinden.

Alle Erscheinungen werden so wahrgenommen wie sie wirklich sind: ihrer echten Natur nach nämlich leer. Diesem Bewusstsein nähert sich der Übende zunächst im Mahayoga über die Stufe des Utpattikrama, das die Tibeter »Kyerim« nennen. Es ist die Stufe, in der dem Übenden die eigentliche Identitätslosigkeit des Seins bewusst wird, zuerst im Erkennen des »So-Seienden«, darauf der »universalen Manifestierung« dessen und schließlich der Ursachen dieser beiden Faktoren. Hierfür meditiert er auf die eigentliche Leerheit allen Seins, wobei in ihm ein unfassbares Mitgefühl aufströmt, dass er als grundlegendstes Gefühl allen Menschseins erkennt. In der Zusammenführung dieser beiden Bewusstseinserfahrungen (Leerheit und Mitgefühl) vernimmt er das »reine Licht«, wodurch die Ursachen allen Leids in ihm und um ihn gereinigt werden.

Auf der Stufe des Anuyoga dann, tritt er ein in die Phase des Utpannakrama, tibetisch »Dzogrim«. Hier begibt sich der Übende in das, was er im Fahrzeug des Mahayoga noch visualisierte, erfährt sich mit den drei Buddhas von Körper, Sprache und Geist verschmolzen, wird mit ihnen eins.

Er begibt sich von hier aus auf den Pfad der Befreiung, auf dem er verweilt, um sich in Übereinstimmung mit der Essenz aller Realität zu erfahren. Durch die Rezitation des Mantras der Erzeugung, entsteht vor dem Praktizierenden der Palast und Wohnort der Boddhisattva, der Gottheiten und des Buddha. Nun hat er die wahre Natur seines Seins erkannt und erreicht schließlich im Dzogchen den Zustand des uranfänglichen Buddha Samanthabadra. Auf dieser höchsten Stufe angelangt, ist er frei von aller Angst, bar jeder Hoffnungen, Vorlieben oder Abneigungen. Er ist nun fähig die Realität aus sich selbst heraus zu erschaffen, einzig zum Zwecke einer alles durchdringenden Kraft vollendeten Mitgefühls, dem, was die Tibeter »Tulku« nennen: die Dimension der unaufhörlichen Manifestationen nennen – Nirmanakaya.

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Der Buddha: Ein Licht auf dem Pfad der Eingeweihten

von S. Levent Oezkan

Buddha - ewigeweisheit.de

An der Grenze zu Nepal, zwischen der Ganges-Ebene und den Ausläufern des großen Himalaya, dort lebten einst Angehörige der indischen Kriegerkaste der Kshatriya. Zu ihnen zählte auch die Familie der Gautamas, deren Oberhaupt der adlige Suddhodana war – dereinstiger Vater eines der größten Menschheitslehrer unseres Planeten.

Mahamaya war die Gemahlin des Suddhodana. Ihr Name hat eine interessante Bedeutung, denn Mahamaya heißt übersetzt wörtlich »Große Illusion«.

Ihr und ihrem Mann Suddhodana, waren zwanzig Jahre lang keine Kinder beschieden. Eines Nachts, zu Vollmond, träumte Mahamaya von einem großen weißen Elefanten, der an einem seiner Stoßzähne eine weiße Lotosblüte trug und sie damit sanft berührte. Aus diesem Traum erwacht, wusste Mahamaya, dass ihr etwas Besonderes widerfahren werde. Neun Monate später, ebenso in einer Vollmondnacht, gebar sie einen Sohn: Siddhartha. Das war im Jahr 563 v. Chr.

Gemäß einer Legende verkündete dem Suddhodana ein Seher namens Asita, dass Siddhartha einmal ein großer König oder aber, wenn er das Leid der Welt erkenne, ein großer heiliger Mann werden solle. Natürlich sah Suddhodana in seinem Sohn seinen Nachfolger und hoffte, dass sich dann auch Asitas Prophezeihung bewahrheite, und Siddhartha König über das nordindische Reich der Shakyas werde.

Darum versuchte Suddhodana seinen Sohn um jeden Preis vor dem Angesicht menschlichen Leids zu schützen und hielt ihn in seinem Palast zurück, so dass er auf keinen Fall mit dem Kummer in der Welt in Berühung komme. Auch hinderte er seinen Sohn daran an jedweder religiösen Unterweisung teilzunehmen.

Trotzdem konnte sein Vater nicht verhindern dass Siddhartha entdeckte, dass nicht alles im Leben nur aus Gutem, aus Überfluss und Genuss besteht. Und je älter er wurde, desto zweifelhafter erschienen ihm all die weltlichen Sehnsüchte, die er und seine Angehörigen zu befriedigen suchten. Als Siddhartha sein 29. Lebensjahr vollendet hatte, empfand er sein bisheriges Leben nur noch als bedrückende Illusion.

Seine Familie und auch die Diener am Hofe seiner Eltern, schienen sich auf einer Art Lebensbühne zu bewegen und kamen Siddhartha vor wie Gefangene in einem Trauerspiel, zwischen trügerischem Vergnügen und sich immer wiederholendem Leid. Diese Erkenntnis wurde ihm zur Last, als er erkannte, dass seine Mitmenschen offenbar unwillentlich ihr eigenes und das Leben der anderen verbitterten. Er verließ schließlich seine Familie und begab sich auf Wanderschaft als Bettelmönch – in der Hoffnung einen Schlüssel zu den großen Mysterien des Lebens zu finden.

Vergeblich suchte er nach einem Meister, der ihm die Wahrheit zu erklären vermochte über die Ursachen hinter all dem Leid in der Welt. Niemand konnte dieses Verlangen seiner Seele stillen. So kam es, dass er Allem entsagte und versuchte selbst seine letzten fleischlichen Genüsse abzutöten. Das aber führte ihn nur immer tiefer in Verzweiflung, denn sein Wunsch nach Erkenntnis ließ sich auch dadurch nicht befriedigen.

Der Bodhi-Baum: Ort des Erwachens

Darauf machte sich Siddhartha auf den Weg nach Norden und kam eines Tages in die Nähe von Bodh-Gaya in Indien. Da blieb er für ganze sechs Jahre. In seinen langen Meditationsübungen konzentrierte er sich auf das, was der Mahayana-Buddhismus den »Dharmakaya« nennt: den »Wahrheitskörper«. In seinen Meditationen transformierte er seine Wahrnehmung in diesen Wahrheitskörper, den nichts beschränkt und man sich deshalb darin der spirituellen Natur allen Seins gewahr wird.

Nach dieser langen Zeit der meditativen Schulung seines Bewusstseins verspürte er allmählich, dass er seiner Erleuchtung sehr nahe war und machte sich auf, an einen besonderen Ort. Das war der Legende nach der legendäre Bodhi-Baum, jene Pappel-Feige, deren Same am selben Tag in der Erde keimte und Wurzeln fasste, als Siddhartha zur Welt kam. In den 35 Jahren seit dieser Zeit wurde daraus ein Baum beachtlicher Größe, dessen lange Zweige sich weit über seinem Stamm ausbreiteten.

Unter diesem Baum fand Siddhartha einen geeigneten Ort um zu meditieren. Als er sich dort setzte fasste er den Plan erst wieder aufzustehen, sobald er die endgültige Befreiung erlangt hat. Sieben Wochen aber saß er dort in Meditation. Da plötzlich fand sein Suchen ein Ende. Auf einmal begriff er das essentielle Wesen menschlichen Seins und den Grund für das Leid in der Welt. Unter diesem Baum in Bodh Gaya erlangte Siddharta Gautama schließlich Erleuchtung. Dort wurde er zum Buddha, zum Erwachten, einem erleuchteten Propheten, der vollkommenen Frieden in einem vollendeten, spirituellen Gewahrsein erlangte. Er erfuhr das Nirvana, wo er sich aus dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten erhob und erwachte (sanskr. Bodhi).

Über die Lehren des Buddha

Durch seine erleuchtenden Einblicke und Erkenntnisse über das Leben, lag ihm nun daran seinen Mitmenschen zu helfen, ihr wahres Bewusstsein zu erwecken und sich damit von ihren Leiden zu erlösen.

Was der Buddha seinen Schülern lehrte, basierte auf Vorstellungen die auch schon im Glauben seiner hinduistischen Vorfahren eine zentrale Rolle spielten: Karma und Samsara. Gemäß diesem Glauben bewohnen das Universum unzählige Seelen, die sich jeweils auf einer bestimmten Entwicklungsebene befinden. Doch jede dieser Seelen bewegt sich in einem sehr langen Kreislauf, dem Samsara, der sie viele Male durch Geburt und Tod führt, wobei sie immer wieder einen vollkommen anderen Körper annehmen, der jedoch nichts mit seiner vorherigen Inkarnation (Verkörperung) zu tun hat.

Die Seele aber, die auf Erden in einem Körper inkarniert und diesen für eine Zeit lang bewohnt, wird in einem geistig-materiellen Umfeld geboren, das ihrem Karma entspricht und damit ihren Taten in der vergangenen Lebenswelt Rechnung trägt.

Der Buddha lehrte, dass das Leben, so angenehm es manchmal auch erscheinen mag, letztendlich doch nur ein langer und ebenso trügerischer Schmerz bestimmt. Nur wenigen gelingt schon zu Lebzeiten, sich aus den Verstrickungen der körperlichen Wünsche zu lösen, und sich mit dem kosmischen Sein des Brahman zu verbinden – der unendlichen, immanenten und transzendenten Realität.

Die letzten Tage des Buddha – ewigeweisheit.de

Unter dem legendären Boddhi-Baum in Bodh Gaya, im Nordosten Indiens, erlangte der Buddha Erleuchtung. Manche meinen, dort auch hätte er zum letzten Mal zu seinen Anhängern gesprochen.

Die Edlen Wahrheiten des Mittleren Weges

Nun empfand aber der Buddha, dass Vorstellungen einer von Gott abhängigen Seele, durchaus mit Gefahren behaftet sind. Denn Gott war für ihn nichts, dass von der Seele getrennt existierte und damit kein übernatürliches Wesen, das die unzähligen Prozesse des Universums zu bewirken braucht. Er sah in Gott eher eine bestimmte Stufe in der Entwicklung der Seele.

In diesem Bewusstsein konnte sich ein Mensch vom Konzept des »Ich bin« lösen, womit sich die Vorstellung von einer Seele oder eines Selbst sogar erübrigt. Welchen Zweck aber erfüllte dann noch die Seele?

Sich von seinem Ichbewusstsein zu lösen bedeutete für den Buddha, alle Wünsche fallen zu lassen, da es gar keinen Grund mehr gäbe den Wunsch nach ihrer Erfüllung anzustreben. Das Wünschen war für ihn die eigentliche Ursache allen Übels das ein Mensch in seinem Leben erfährt.

Was aber bedeutete das in der Praxis? Sollte man sich des Lebens vollkommen entsagen und sich als Eremit in die Einsamkeit zurückziehen, um dort vor sich hin zu vegetieren? Nein. Das lehnte der Buddha ab. Vielmehr empfahl er seinen Anhängern, was im Buddhismus der »Mittlere Weg« genannt wird: ein Mensch braucht sich nicht in strenger Askese üben, sondern in Meditation seine Mitte finden – etwas, dass sich gleichermaßen zwischen allem Weltlichen und allem Weltentsagenden, zwischen Luxus und Askese befindet. Dieser Mittelweg, sollte den Menschen zu Tugend und Weisheit, letztendlich aber doch zum Erwachen führen.

Die buddhistische Lehre bezeichnet diesen »Mittleren Weg« als »Edlen Achtfacher Pfad«, da sich auf ihm bewegt, wer die folgenden acht wichtigen Lebensbereiche meistert:

  • die rechte Erkenntnis der Lehren des Buddha,
  • eine rechte Gesinnung, wozu Rechtschaffenheit, Nächstenliebe und eine Reinheit des Herzens zählen,
  • die rechte Rede,
  • rechtes Handeln,
  • ein rechter Lebenswandel,
  • rechtes Streben in Denken und Handeln, um so allen Entgleisungen zu entsagen und Fehler zu vermeiden,
  • rechte Achtsamkeit in diesem Denken und in den Erinnerung an die Lehren des Buddha,
  • sowie eine rechte Geisteskontrolle, um Denken und Geist zu befrieden, wie etwa durch Übung von Kontemplation und Meditation.

Dieser Edle Achtfache Pfad ist die letzte der »Vier Edlen Wahrheiten«, die die Säulen des buddhistischen Glaubenssystems bilden:

  1. Die Wahrheit über das Leiden,
  2. die Wahrheit über die Entstehung des Leidens,
  3. die Wahrheit über die Beendigung von Leiden und
  4. die Wahrheit des Edlen Achtfachen Pfades, der zur Beendigung des Leidens führt.

Wer den Achtfachen Pfad beschreitet, zerstreut alle Wünsche und das was einen Mensch an sie erinnert. Er entledigt sich allem Verlangen nach Leben und erschafft damit universales Wissen, dass ihm hilft anderen Wesen gegenüber Mitgefühl zu entwickeln, was letztendlich zur Erlösung führt.

Eine Kette bedingten Entstehens

Aus den Lehren des Buddha erfahren wir von einem esoterischen Gesetz, was die Ursachen für die leidhafte Verkettung der Wiedergeburten beschreibt. 12 Glieder bilden eine »Kette des Bedingten Entstehens«, im Sanskrit als Pratitya-Samutpada bezeichnet. Ihre Glieder, sind die

  1. Unwissenheit über die Wahrheit des Leidens, die zur Entstehung von
  2. Tat-Absichten führt, die etwas gestalten oder vorbereiten wollen. Zusammen mit der Unwissenheit erzeugen sie das Karma. Darum obliegt alles was in dieser Unwissenheit gestaltet wird karmischen Formationskräften – die heilsam oder schädlich, oder aber weder heilsam noch schädlich sein können – und die Grundlage bilden für das
  3. Bewusstsein, das die Veranlagung für eine erneute Identifikation mit dem Ich birgt.
  4. Geistigkeit und Körperlichkeit gehen mit dem Namen und der Form dieses Ich einher, sobald ein Mensch zur Welt kommt. Über die
  5. Sechs Sinnestore nimmt das mit Geistigkeit und Körperlichkeit ausgestattete Wesen die Außenwelt wahr: mit den Augen (Sehen), den Ohren (Hören), der Nase (Riechen), der Zunge (Schmecken), dem Körper (Tasten) und dem Geist (Denken). Der
  6. Kontakt der zu Stande kommt, in dem eines dieser Sinnestore mit einem Sinnes- oder Geistesobjekt zusammentrifft, lässt ein Objektbewusstsein entstehen, wobei aus diesem Kontakt dann eine
  7. Empfindung entsteht, die auf drei Arten erfahren werden kann: angenehm, unangenehm oder aber weder angenehm noch unangenehm. Aus Empfindungen aber erwächst das
  8. Verlangen nach Sein, nach Werden oder nach Identifikation mit einem Sinnes- oder Geistesobjekt, wobei sich im Geist entweder ein »Ich-Will« oder ein »Ich-Will-Nicht« bildet. Aus diesem Verlangen entsteht dann ein
  9. Anhaften an Gedanken oder der Wunsch etwas zu ergreifen oder sich damit zu identifizieren. Man kann lustvoll an etwas haften, indem man etwas immer wieder anschaut, indem man es immer wieder tut oder ein ausgeprägtes Bewusstsein von »Ich und Mein« entwickelt. Dies führt schließlich zu einem
  10. Werdeprozess, aus dem sich Gewohnheiten ableiten, die dann zu karmischen Handlungen werden, die letztendlich das Dasein bedingen, was durch reaktives Sein wiederum zur
  11. Geburt führt, aus der neue körperliche, mündliche oder gedankliche Taten und Vorgäne entspringen. Auf körperlicher Ebene, führt das natürlich zu einer Geburt in eine neue Existenz – eine Reinkarnation (Wiedergeburt). Und aufgrund dieser neuen Geburten existieren
  12. Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Betrübnis und Verzweiflung: alles Ursachen für die Entstehung von Leid.

Kaum ein anderes Dogma wurde so ausgiebig erforscht und diskutiert, wie diese 12 Glieder der Kette des bedingten Entstehens. Der Buddha schien damit veranschaulichen zu wollen, wie die individuelle Existenz eines Menschen und das damit zusammenhängende Bewusstsein, aus einem urtypischen Vorgang im Dasein menschlichen Lebens entsteht.

Buddha Shakyamuni – ewigeweisheit.de

Buddha Shakyamuni: Der Weise aus dem Geschlecht der Shakya im Norden Indiens, an der heutigen Grenze zu Nepal. Sein einstiger Regent war der adlige Suddhodana, Vater des Buddha.

Bewusstsein und Karma

An die Existenz einer ewigen Seele glauben Buddhisten eigentlich nicht. Auch die Frage nach konkreten Ursachen für jegliche andere Existenzen, scheint im Buddhismus nur wenig Bedeutung zu haben. Denn im Grunde weiß man, dass so etwas wie Materie prinzipiell nicht existiert, sondern nur eine temporäre, karmische Erscheinung ist. Denn was sich für das Karmagesetz in Bezug auf das Menschsein anwenden lässt, gilt in ähnlicher Form auch für alles andere im Kosmos. Was damit gemeint ist, dazu später mehr.

Alles was existiert, so die Buddhisten, entstand aus einer unendlichen Abfolge sich immer neu entfaltenden Bewusstseins – sowohl als etwaige Möglichkeit, wie auch als ein aktiv tätiges Sein. Jede dieser Abfolgen aber besteht aus einer Reihe von Augenblicken, worin sich jeweils ein Bewusstsein bewegt. Und jeder dieser Augenblicke resultiert wiederum aus einem Bewusstsein, das ihm vorausging.

Hinter jeder dieser Abfolgen von Augenblicken, in denen Bewusstsein aktiv ist, wirkt die Kraft des Karma. Ihm folgt jedes daraus neu entstehende Bewusstsein, woraus bei einem Menschen dann das wird, was man als Individuum bezeichnet. Es ist das individuelle Bewusstsein eines Gottes, einer Person, eines Tieres, einer Pflanze oder eines jeden anderen gegenwärtigen Seins.

Man könnte darum sagen, dass aus obiger, 12-gliedriger Kette der sich bedingenden Ursachen, in einem Meer kosmischen Seins, ein Bewusstsein entsteht, was wiederum zur Formung aller nur erdenklichen neuen Existenzen führt.

Karma als Nahrung des Leidens

Auslöser allen Leids ist die Unwissenheit über die Ursachen allen Entstehens. Das heißt: wenn wir uns die Verknüpfungen des mit dem Karma verbundenen Bewusstseins anschauen, steht am Anfang immer die Fehlannahme, dass es so etwas wie ein »Ich« überhaupt gibt. Ein Selbst oder ein Ich war für den Buddha nur eine Annahme, die auf einem Irrtum beruht, dem zwangsläufig weitere Fehlschlüsse folgen.

Diese Unwissenheit aber ist im Gegenzug die Ursache für die Entstehung aller nur vorstellbaren Wechselwirkungen und Möglichkeiten, aus denen Liebe, Hass oder ähnliche Schwächen des Geistes entstehen können. Sie aber führen zu Folgeerscheinungen, auf die ein Individuum reagiert und damit zukünftige Ereignisse hervorruft.

Hieraus nun erwächst das Bewusstsein für eine generelle Begrenztheit aller Dinge, da sie ja eingeordnet werden können (gut oder schlecht, schwarz oder weiß, und so weiter), indem man sie benennt, ihnen einen Namen gibt. Die Vorstellung einer konkreten Welt der Namen und Formen aber ist die Ursache für die Entstehung von Beschreibungen, die unterscheiden zwischen hier und dort, Ich und Du, diesem und jenem, Sein und Nichtsein.

Um diese Unterschiede aber wahrnehmen zu können bedarf es der Sinnesorgane, die nur »Sinn ergeben«, wenn sie etwas wahrnehmen können, dass nicht nur mit dem Körper oder Geist ihres Besitzers identisch ist. So entstehen sinnliche Eindrücke mit einer anscheinenden Welt im Außen, mit denen der Wahrnehmende über seine Sinnesorgane Kontakt aufnimmt. Diese Kontaktaufnahme führt dann schließlich zu einem Wollen oder Nicht-Wollen. Denn aus dem was wahrgenommen wurde, entsteht in Folge eine Neigung, an geistig oder materiell Wahrgenommenen festhalten zu wollen oder es vehement zu verleugnen.

Immer kommt es damit aber zu einer endlichen Existenz etwas Seienden, dessen Bewusstsein sich in seiner individuellen Entwicklung bewegt, durch Geburt, Krankheit, Bedauern. Am Ende dieser Entwicklung steht der Tod. Dann aber beginnt der Vorgang erneut, unter Einfluss des Karmas und bekräftigt damit was gerade im Tod sein Ende fand.

Samsara – ewigeweisheit.de

Das Bhavachakra, das Rad der Wiedergeburten, zeigt sechs Bereiche des Samsara, in der Kosmologie des tibetischen Buddhismus. Ein monströses Schwein repräsentiert die drei Geistesgifte: Unwissenheit, Anhaftung und Ekel. Seine Klauen stehen für die Unbeständigkeit allen Seins.

Den Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen

Im Buddhismus fehlt die Vorstellung von der Existenz des Individuums. Seine Erscheinung aber, wie eine Person mit Namen und Form in der Welt auftritt, ist Teil der buddhistischen Karma-Lehre.

Mit dem Namen eines Menschen gehen alle subjektiven Merkmale einher. Dazu gehören das Denken, die Gefühle, Vorstellungen und ein bestimmtes Bewusstsein. All diese Bestandteile sind ineinander verwoben. Man nennt sie die Skandhas – die Daseinsfaktoren.

Des Menschen körperliche Form bildet sich aus den vier natürlichen Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft, die durch ihre Vermengung ein fünftes Element bilden. Diese Vermengung aber bewirkt auch Karma.

Wenn nun ein Mensch stirbt, so vergehen auch diese fünf Faktoren, seine weltliche Erscheinung, samt Körper-, Gefühls-, Geistesform und Namen. Was bleibt ist Karma, das identisch ist mit dem angesammelten Karma des Verstorbenen. Dadurch setzten sich dann unverzüglich fünf neue Skandhas (Daseinsfaktoren) zusammen, die wieder erscheinen, nur eben in einer anderen Umgebung, in einer anderen Form und mit einem anderen Namen.

Was an Karma nach dem Ableben einer Person zurückbleibt, erhält damit also die Voraussetzungen für eine Wiedergeburt, die sich immer und immer wieder ereignet, im Kreislauf des »Samsara« – dem irdischen Zyklus von Werden und Vergehen, den Menschen eben oft als leidvoll werten.

Im Buddhismus geht es nun darum diesen Kreislauf zu verlassen und den Gläubigen zu befähigen, vollkommenen inneren und äußeren Frieden zu erlangen. Man spricht hier auch vom Nirvana – dem vollkommen bewussten Gewahren vom Ende eines langen Zyklus irdischer Wiedergeburten – eben dem was auch der Buddha unter dem legendären Feigenbaum erfuhr.

Um in diesen Zustand des Nirvana zu gelangen, muss der Gläubige sein Karma auflösen, was er auf dem »Noblen Achtfachen Pfad« zu verwirklichen vermag. Unweigerlich wird er sich damit in seiner gegenwärtigen oder kommenden Inkarnation endgültig aus dem Samsara erlösen.

Die Ideale um diesen vollkommenen Zustand des Nirvana zu erlangen, sind im berühmten buddhistischen Text des Mangala Sutta niedergelegt. Der Buddha predigte diesen Text einst im nordindischen Jetavana, der sich aus 38 Segnungen zusammensetzt. Ihrem Sinn gemäß lassen sich diese Segnungen aber in den folgenden zehn Lehrsätzen zusammenfassen:

1. Gib Dich nicht mit Narren ab. Folge dafür den Weisen und zolle ihnen gebührenden Respekt.

2. Lebe in einer angenehmen Umgebung und handle gut, gemäß Deines Karmas, damit Du Dich im Leben angemessen einrichtest.

3. Übe Dich in den Wissenschaften, der Kunst und der Selbstdisziplin. Wähle Deine Worte gekonnt.

4. Diene Vater und Mutter, erziehe Deine Kinder in Ehren, und pflege liebevoll das Verhältnis zu Deinem Gatten / Deiner Gattin. Was immer Du unternimmst, soll in Frieden geschehen.

5. Gebe Almosen, übe Dich im Dharma, werde ein rechtschaffener Mensch und kümmere Dich um Deine Verwandtschaft.

6. Enthalte Dich der Sünden und der ungesunden Genüsse und Rauschmittel. Erfülle achtsam Deine Pflichten und halte an der Dharma-Praxis fest.

7. Übe Dich in Demut und Respekt gegenüber anderen. Drum begebe Dich regelmäßig an Orte, wo Du den Dharma-Lehren eines Weisen lauschen kannst.

8. Sei in Deinem Tun stets geduldig, entwickle eine freundliche Sprache und Anschauungen über die Welt und das Sein, wie sie auch den Heiligen entspricht. Mit ihnen spreche über das Wesen des Dharma.

9. Übe Dich in Bescheidenheit und schränke Dein Verlangen ein auf das Nötigste. So erkenne die Vier Edlen Wahrheiten und nähere Dich dem Zustand des Nirvana.

10. Befreie Deinen Geist von jeglichen Einflüssen weltlicher Launen und allem was ihn verwirrt. Trauere nichts nach, sondern harre der guten Dinge.

Was ist der Dharma?

In jenen Handlungen und Verhaltensweisen, die dem Übenden Segen bringen sollen, ist die Rede vom »Dharma«. Im Buddhismus umfasst er die Gesetze des irdischen Daseins, die durch die oben genannten Vier Edlen Wahrheiten definiert sind und die der Buddha verkündete. Wenn nun die Rede ist von einer Dharma-Praxis so wird damit auf die sogenannten »Zehn Betrachtungen« angespielt, die sich der Meditierende in seiner Praxis vergegenwärtigt:

  • den Buddha,
  • seine Lehren,
  • die Lamas und Nachfolger des Buddha, sowie
  • das Wesen von Sittlichkeit und Tugend,
  • das Nicht-Anhaften an Weltliches (also Freigiebigkeit),
  • wie auch die Erscheinung und Bedeutung der Devas – der himmlischen Wesen.

Außerdem kann ein Übender in der Dharma-Praxis seine Betrachtung auch ausrichten auf

  • den Tod,
  • die sogenannten »32 unreinen Teile des Körpers«,
  • eine achtsame Atmung,
  • sowie die Bedeutung des Friedens durch Nirvana.

Die zehn Segnungen und zehn Übungen der Dharma-Praxis gehen zurück auf die überlieferten Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama. In den Gruppen, die sich um seine Nachfolger bildeten, wurden die Aussagen und Lehren des Buddha, in verschiedenen Schriftsammlungen aufgeschrieben, wie etwa dem berühmten Pali-Kanon der Theravada-Tradition.

Was waren die wahren Lehren des Buddha?

Nun stellt sich eine wichtige Frage: sind diese Lehren auch tatsächlich die ursprünglichen Aussagen des Buddha oder fassen sie vielleicht eher die Lehrmeinungen jener zusammen, die etwa den oben genannten Schriften-Kanon verfassten? Schließlich wurde dieses spirituelle Schriftwerk erst einige Jahrhunderte nach dem Tod des Buddha verfasst. Und seine Autoren waren sicherlich auch Mönche, die versuchten aus den Aussagen und Lehrreden des großen Weltlehrers, eine allgemeine und für jeden verständliche Fassung zu schaffen.

Schaut man sich aber etwa die oben dargestellten 12 Glieder genau an, die die Kette des bedingten Entstehens bilden, kommt man früher oder später zu logischen Unstimmigkeiten. Schnell stellt sich da die Frage was die wahre Definition dieser Glieder war und wie ihre Eigenschaften vom Buddha tatsächlich gelehrt wurden?

Die Antwort auf diese Frage bleibt wohl auf ewig ein Rätsel. Wahrscheinlich basierten die Erkenntnisse des Buddha auf tatsächlichen, sinnlich wahrnehmbaren und überprüfbaren Befunden. Immer aber schien ihm bewusst zu sein, dass auch ihm als Mensch, die Erkenntnisfähigkeit höherer Instanzen, immer begrenzt bleiben sollte und er niemals ein sogenanntes »kosmisches Bewusstsein« erlangen kann.

Seine Lehren basierten daher auch nicht auf Offenbarungen höherer Eingebungen. Dennoch neigte der Buddha dazu auch solche höheren Formen von Bewusstsein grundsätzlich als gegeben anzunehmen, wenn auch nur darum, um darüber zu spekulieren. Über die wahren Ursachen des Lebens und des Menschseins nachzusinnen war seinen Anhängern untersagt, selbst wenn es darum ging zu klären, was das vom Buddha benannte Nirvana nun letztendlich sei.

Der Buddha weigerte sich zu solchen Fragen Antworten zu geben. Es ging ihm eben in erster Linie darum, das Menschen zu einer Lebensführung gelangen, die sie von den genannten Leidursachen löst. Fragen nach höheren Seinsebenen blieben damit hinfällig, da sie nicht zur eigentlichen Befreiung aus dem Samsara dienten. Es ist darum höchst unwahrscheinlich, dass die »Leugnung des Selbst«, eines seiner zentralen Lehren war oder gar ein Grund darüber nachzusinnen oder zu diskutieren.

Erhabenstes Ziel des Buddha war wohl eher eine direkte Lebenspraxis. Darum vermittelte er wahrscheinlich vielmehr Wege und Möglichkeiten, das Individuum von weltlichem Kummer zu erlösen. Dies beinhaltete die vollkommene Vernichtung weltlichen Verlangens – auch wenn es darum ging die Welt erklären zu wollen. Selbst den eigentlichen Wunsch Erlösung zu finden lehnte er ab.

Erlösung aber findet, der dem weltlichen Leben entsagt. Dazu gehören laut dem Buddha all jene die ihr Leben dem Mönchtum oder Nonnentum verschreiben und in einem Kloster ihr Leben nach dem Noblen Achtfachen Pfad ausrichten. So sollen sie Glückseligkeit und einen vollkommen beruhigten Geist erlangen, bis dereinst ihr Tod die Tore zum Unbekannten hin öffnet und sie in die ewige Stille einkehren, von wo es kein Zurück mehr gibt.

Alle Menschen, die einer westlich-spirituellen Tradition folgen (Judentum, Christentum, Islam), dürfte eine solche Vorstellung irritieren, zumal man da nach einem dereinstigen Eintreten ins Paradies trachtet, wo die Seele nach dem Ableben des Körpers entweder in ewigem Frieden fortlebt oder sich unendlichen Quallen der Hölle ausgesetzt sieht.

Gemäß buddhistischer Lehrmeinung aber hat in der Welt nichts ewig bestand, sei es in einem Diesseits oder in einem Jenseits. Und das trifft darum auch auf das zu, was im Westen für das Konzept eines Seelenlebens steht. Buddhisten gilt darum, dass alles Vergängliche immer nur eine vorübergehende Zusammensetzung der Skandhas ist.

Man könnte die Religion des Buddhismus gewiss auch als eine Wissenschaft zur Erforschung weltlicher Phänomene bezeichnen. Der Buddhismus unterscheidet dafür zwei Lehrmeinungen: zum einen gibt es da die Nihilisten, denen die Welt nur als Konstrukt innerhalb einer eigentlichen Nicht-Existenz allen Seins besteht und dass sich wieder im Nichts auflösen muss. Andererseits gruppierte sich eine Schule, die die Verwirklichung von Idealen anstrebte. Diese Ideale ähneln aber letztendlich dem selben Kern der buddhistischen Weltanschauung der Nihilisten, die eben sagen, dass die Welt tatsächlich nur für einen begrenzten Zeitraum existiert.

Auf dem Weg zur Buddhaschaft

Laut Siddharta Gautama gab es vor ihm 24 frühere Buddhas. Jeder von ihnen verkündete gemäß der Sprache und des Verständnisses seines entsprechenden Zeitalters, eine ähnliche Lehre zu jener, die uns bis heute in den Schriften des Buddhismus erhalten ist. Alle von ihnen aber läuterten ihr Sein und vervollkommneten ihre Weisheit, über einen sehr langen Zeitraum hinweg, in einer schier endlosen Zahl verschiedener Wiedergeburten.

So ein Wesen das auf dem Weg ist, seine Buddhaschaft zu verwirklichen, nennt man in Fernost ein erleuchtetes Wesen: ein Boddhisattva. Irgendwann hat so ein menschliches Wesen den Ruf vernommen ein Buddha zu werden, um seinen Mitmenschen auf ihrem Weg zur Erlösung zu helfen. Hierzu existieren riesige Schriftensammlungen, die sogenannten »Jatakas«, worin die Legenden über die guten Taten der Boddhisattvas aufgeschrieben wurden. Man liest darin über die besondere Befähigung dieser Wesen, auf ihrem Weg zur Buddhaschaft.

Die Niederlegung des schriftlichen Lehrgerüsts im Buddhismus führte jedoch zur Spaltung in verschiedene traditionelle Schulrichtungen. In seiner 2500-jährigen Geschichte entstanden zahlreiche buddhistische Schulen und Systeme. Allerdings lassen sie sich in drei Hauptrichtungen gruppieren:

  • Der Theravada-Buddhismus, die sogenannte »Schule der Älteren«, war die erste Schultradition des Buddhismus, die manchmal auch als Hinayana bezeichnet wird, die »Schule des Kleinen Fahrzeugs«. Ihre Vorfahren aber gehörten zu den ersten Anhängern des Buddha. Heute ist der Theravada insbesondere in Sri Lanka, in Myanmar, Thailand, Kambodscha und Laos verbreitet.
  • Der Mahayana-Buddhismus, die »Schule des Großen Fahrzeugs«, hat die meisten Mitglieder. Sie leben heute in Vietnam, in der Volksrepublik China, im Gebiet des alten Tibet, im Norden Bhutans, in Nepal, Nordindien, in der Mongolei und in der russischen Republik Tuva. Auch am äußersten Rand Europas, in der autonomen russischen Republik Kalmükien, ist der Mahayana-Buddhismus Landesreligion.
  • Im Mahayana-Buddhismus gibt es jedoch noch eine innere Tradition: die Vajrayana-Schule. Man nennt diese Schulrichtung auch das »Diamantfahrzeug«, worin tantrische Praktiken eine sehr wichtige Rolle einnehmen, in der man durch die Visualisierung besonderer Boddhisattvas, die Rezitation von Mantras und anderer ritueller Praktiken und Einweihungen, einen direkteren Zugang zur Lehre des Mittleren Weges findet, um damit den Leidenskreislauf des Samsara eher verlassen zu können. Der Vajrayana lässt sich darum gewiss als esoterische Form des Buddhismus einordnen.

Während den ersten Jahrhunderten nach dem Erscheinen des Buddha, entstand in Indien eine schnell wachsende Schule der Vishnuiten. Sie verehrten Vishnu als höchsten Gott, der in der kosmischen Dreiheit allen Erschaffens, Erhaltens und Zerstörens, den erhaltenden Aspekt repräsentiert. In jedem Zeitalter verkörpert sich Vishnu auf Erden als sogenannter Avatar, als herabgestiegener Messias. Einer davon war der blauhäutige Krishna, der in der Heiligen Schrift der Bhagavad Gita, eine zentrale Rolle einnimmt. Er ist laut hinduistischer Lehre der achte Avatar Vishnus. Als neunten Avatar nennen die Inder den Buddha Siddhartha Gautama.

Die letzten Tage des Buddha – ewigeweisheit.de

Der Vajra-Keil oder Dorje (tibetisch), ist das wichtigste Symbol des Vajrayana-Buddhismus.

Wenn nun also vor etwa 2000 Jahren, diese Schule der Vishnuiten so großen Einfluss auf den Hinduismus ausübte, sollte davon auch der jüngere Buddhismus nicht unberührt bleiben. Es ging da um eine wohl sehr zeitgemäße Haltung, der man selbst im Westen begegnete, in der Erscheinung des Christus Jesus: die leidenschaftliche Hingabe an den auf Erden, in menschlicher Gestalt inkarnierten Gott (»Gottessohn«) – den man in Fernost »Bhakti« nennt. Bhakti steht für einen Erlösungsweg einer ekstatischen Gottesliebe, wie man sie etwa auch bei den islamischen Sufis findet.

Jener Bhakti-Bewegung in Fernost schlossen sich viele Buddhisten an, im Wunsch einem gottgleichen Wesen ihr spirituelles Herz anzuvertrauen, in der Hoffnung darin eine Befriedigung ihrer Denkens zu erlangen, etwas das man auch als Zustand des »Samadhi« kennt.

Somit entstanden die Grundlagen für die Etablierung einer neuen buddhistischen Geistesschule, zu der unzählige Verkörperungen des Buddha und Boddhisattvas ihren besonderen Platz einnahmen. Eifrig vergötterte man ihre Bilder mit vollkommener Selbsthingabe und Liebe. Man versprach sich darin einen direkten Weg zur Buddhaschaft. Und so solle sich jeder Mensch zum Boddhisattva läutern können, ganz gleich ob er zuvor als bescheidener Mensch oder als Sünder lebte – solange er nur an diesem Streben inbrünstig festhält.

Man verehrte die Buddhas der Vergangenheit, erbrachte große Liebe den himmlischen Hierarchien der Heiligen Boddhisattvas. Doch vor Allem galt es das eigene Leben aufzuopfern, zum Wohle aller Mitgeschöpfe, Menschen und Tiere – in vollkommenem Mitgefühl.
 

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