Astrologie

Die Hermetik: Eine Religion der Antike

von Johan von Kirschner

Hermes Trismegistos - ewigeweisheit.de

Nur die wenigsten unter uns haben jemals von der alten Stadt Harran gehört. Es scheint als sei dieser Name in Vergessenheit geraten, trotz dass es an diesem Ort einst eine Glaubensgemeinschaft gab, die insbesondere für die Hermetik von zentraler Bedeutung ist.

Und was ist die Hermetik? Wer darüber spricht, was manche auch als den »Hermetismus« bezeichnen, meint damit eine seit der Antike existierende Offenbarungslehre. Ihre religiös-philosophischen Weltanschauungen beeinflussten das Denken der Gelehrtenwelt, insbesondere in der europäischen Renaissance. Der Name »Hermetik« aber stammt von dem mythischen Wissensspender Hermes Trismegistos (dem »Dreifach Größten Hermes«). Ihm werden die Verse der berühmten Smaragdtafel (Tabula Smaragdina) zugeschrieben, die durch ihn, so die Legende, einst von Atlantis nach Ägypten kam. Von dort aus breitete sich die hermetische Offenbarungslehre dann in der ganzen antiken Welt aus, zwischen Zweistromland und dem Land der alten Hellenen Griechenlands.

Wieso die Hermetik nun aber insbesondere für das oben genannte Harran so wichtig war und wieso das auch für unsere weiteren Betrachtungen von Belang ist, das wollen wir uns im Folgenden ansehen.

Eine uralte Siedlung in Mesopotamien

Die Stadt Harran befindet sich heute in der Türkei, etwa 20 km nördlich der syrischen Grenze, gelegen zwischen Euphrat und Tigris. Die Gefilde der Ebene von Harran beherbergen die ältesten archäologischen Fundstätten der Erde. Dazu zählt die 11.500 Jahre alte Tempelanlage von Göbekli Tepe oder die 1993 in Şanlıurfa gefundene Statue des sogenannten Urfa-Mannes, dessen Alter manche bis ins 14. Jahrtausend zurück datieren.

Die Großstadt Şanlıurfa, das antike Edessa, beherbergte einst den Urmonotheisten Abraham. Hiermit kommt das alte Harran ins Spiel, das etwa 40 km südlich von Şanlıurfa gelegen ist und der Universität dieser Großstadt sogar ihren Namen verlieh. Nun, Harran wird im Buch Genesis erwähnt, als Heimatstadt des Terach (Genesis 11:32f) – dem Vater des Patriarchen Abraham. Manche glauben dass die antike Stadt Harran ihren Namen sogar von dem gleichnamigen Bruder Abrahams erhalten hatte (Genesis 11:26). Interessant ist auch, dass der Patriarch Jakob (Urvater der Zwölf Stämme Israels), ein Enkel Abrahams, einst von der heute israelischen Stadt Beer Scheva  (deutsch: »Brunnen der Sieben«) nach Harran reiste (Genesis 28:10-19). Auf dieser Reise hatte Jakob den aus der Bibel berühmten Traum von der sogenannten »Jakobsleiter« – einem Ereignis das ja insbesondere in der Kabbala-Tradition von zentraler Bedeutung ist.

Heute bedeckt den Hügel, auf dem einst das alte Harran lag, ein riesiges Trümmerfeld, auf dem man nur noch einzelne Mauersteine verstreut sieht. Lediglich erhalten sind Abschnitte der alten Stadtmauer, sowie Gebäudereste der alten Universität von Harran. Der dort einst befindliche Tempel der Sabier, wurde 1262 mit dem Einfall mongolischer Horden zerstört.

Großer Smaragd - ewigeweisheit.de

Der 14.000 Jahre alte Urfa-Mann (Museum der Stadt Şanlıurfa).

Wer die Sabier waren und welche Bedeutung sie für unsere Betrachtungen haben, dazu mehr in den nachfolgenden Ausführungen.

Die Sternenreligion der Sabier

Sowohl jüdische als auch islamische Quellen behaupten, dass Abraham ein Sternenverehrer gewesen war. Harran, der Ort in dem Abraham zeitweise gelebt haben soll, war eine von sieben Städten, von denen jede einem der sieben Planeten gewidmet war. Ihre antiken Strukturen sollen gebaut worden sein, auf der Grundlage sehr feiner astronomischer Berechnungen der Gestirnbewegungen, insbesondere jener der zwölf Sternbilder und der sieben klassischen Planeten. Drei dieser sieben hatten sie übernommen von ihren griechischen Vorvätern, darunter Helios (Sonne), Ares (Mars) und Kronos (Saturn). Zwei akkadische Götter kamen hinzu, nämlich der Mondgott Sin und Merkur, sowie zwei aramäische Sternengottheiten: Bal (Jupiter) und Balti (Venus). Die Sabier verwendeten damit die auch bei uns bis heute verwendete Zuordnung der sieben Planeten zu den Wochentagen.

Insbesondere in ihren Riten verehrten die Sabier diese planetarischen Gottheiten, um sich mit dem Lauf der Dinge ihrer Gemeinschaft, auf die kosmischen Zyklen abzustimmen. Man opferte da im Namen dieser Wandelsterne dem alleinigen Schöpfer der Welt. Hieraus entwickelte sich der Glaube an die Planeten als Vermittler zwischen den Menschen und Gott. Man sah die Planeten da als körperliche Erscheinungen an, denen göttliche Geistwesenheiten innewohnten und diese regierten (entsprechend eben genannten, den Wochentagen zugeordneten sieben Götter: Kronos, Helios, Sin, Ares, Merkur, Bal und Balti).

Alles in der Natur gestaltete sich und bildete sich fort durch die Einwirkung der Planeten. Die Gesamtheit des Seins war ihrem Einfluss unterworfen. Nichts in der Natur konnte sich bewegen oder entwickeln, so glaubten die Sabier, ohne den Einfluss jener geistigen Potenzen der sieben planetarischen Kräfte.

Der Schöpfer der Welt, so die Sabier, vermochte wegen seiner essenziellen, ursprünglichen Einfachheit, sich in den sieben leitenden Planeten zu vervielfältigen und zu personifizieren. Sie wirkten und wirken auch heute noch, laut der sabischen Lehre, in die irdischen Körper der Wissenden (Eingeweihten) hinein. Bei alle dem aber bliebe die Einheit des Wesens Gottes davon unberührt. Nur sein Handeln kommt in den sieben Sphären zur Wirkung, wobei er darüber auf das Menschsein wirkt und darin zur Erscheinung kommt.

Vermittelst unserer Zungen spricht Gott, vermittelst unserer Augen sieht er, vermittelst unserer Ohren hört, vermittelst unserer Hände greift er, vermittelst unserer Füße kommt und geht er und vermittelst unserer Glieder handelt er.

Es ist nun schwer zu sagen ob entweder der Polytheismus die ursprüngliche Form der Gottesverehrung war oder der Monotheismus. Diese Frage aber dürfte sich vielleicht erübrigen, wenn man eben jene, aus der abrahamitischen Tradition wahrgenommene eine Gottheit, eben als einen Gott der Götter, einen Herrn der Herren, einen Schöpfer alles Erschaffenen ansieht. Gut möglich dass sich aus dieser Vorstellung von einst, dann eine Art von Monotheismus entwickelte. Dabei dürfte es selbsterklärend sein, dass so ein höchstes, göttliches Wesen, in der Vielfältigkeit seiner Erscheinung, später von den abrahamitischen Religionen verschiedenartig aufgefasst wurde.

Aber nicht allein im Abrahametismus existierte die monotheistische Vorstellung des Göttlichen. Auch der griechische Philosoph Platon (428-347 v. Chr.) erwähnte in seinem Werk an verschiedenen Stellen ein höchstes Wesen, als den Vater aller Dinge, den Schöpfer der Götter. Hierauf ging auch der Neuplatoniker Porphyrius (395-420 n. Chr.) ein, in seiner Geschichte der Philosophie. Darin nämlich beschreibt er diesen »einzigen Gott Platons«, als einen »dem kein Name und nichts Menschliches zukommt«. Porphyrius hielt darum auch für unangebracht, diesem höchsten Wesen etwas Materielles zu opfern. Vielmehr durfte man ihn nur durch reines Schweigen und reine Gedanken verehren.

Wie wir später noch sehen werden, stand im Mittelpunkt des sabischen Glaubens ja der sagenhafte Hermes Trismegistos. Wie sich den ihm zugeschriebenen Schriften entnehmen lässt, sprach auch er über diese Einheit des Göttlichen, wo ihm alle Dinge der Welt als Glieder Gottes galten. In dem hermetischen Text Poimandres ließt man dazu:

So wie Himmel, Erde, Wasser und Luft die Glieder der Welt sind, so sind auch Leben, Unsterblichkeit, Kraft, Geist, Notwendigkeit, Natur, Seele, Verstand, dieser Aller Fortdauer und das sogenannte Gute Gottes Glieder. Weil Gott aber Alles vorstellbar macht, so ist er auch durch Alles in Allem [...] der Himmel regiert die intellektuelle Substanz, das heißt die Gottheit. Der Himmel, die Götter, die denselben untergeordneten Daimonen und die Menschen sind alle Teile Gottes.

- Aus dem hermetischen Poimandres Kapitel 12

Astral-Heiligtümer Harrans

In Harran befanden sich einst sieben Tempel, entsprechend den sieben klassischen Himmelskörpern Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter und Venus. Ein hexagonaler Tempel des Saturn stand dort zusammen mit jeweils einem trigonalen Tempel des Jupiters und Merkurs. Die Architektur Mars-Tempels war rechteckig, jener der Sonne aber quadratisch. Der Sin-Tempel, dem Mond geweiht, besaß eine achteckige Struktur. Dieser dem Mondgott Sin geweihte Tempel wurde sehr wahrscheinlich im Neusumerischen Reich erbaut, wohl um 2.000 v. Chr. Der Tempel zu Ehren der Göttin Venus war, wie der der Sonne, als Quadrat geformt, das in sich jedoch einen trigolanen Bau einfasste. Die Idole in den Tempeln der Sabier waren meist aus den ihnen vorstehenden Planetengottheiten verfertigt. Im Sonnentempel fand man goldene Statuen und Idole, im Mondtempel entsprechend aus silber gehauene Standbilder.

Im Mittelpunkt des Sternenkultes der Sabier aber stand der Mondgott Sin.

Lehmbauten in Harran - ewigeweisheit.de

Lehmbauten in der heutigen Altstadt Harrans.

Sabische Geistesgrößen

Wichtige Geistesgrößen des frühen Mittelalters lebten und wirkten in Harran, wie etwa der im iranischen Tus geborene Jabir ibn Hayyan (721-812), der unter dem Namen »Geber« in die Geschichte der Alchemie eingehen sollte. Doch vor allem die Schriften des in Harran geborenen Magiers und Astrologen Thabit ibn Qurra (826-901), sollten später einmal großen Einfluss haben auf die Gelehrsamkeit jener europäischer Weiser, die zwischen der Zeit des Mittelalters bis in die Renaissance lebten.

Ibn Qurras, im 16. Jahrhundert aus dem Arabischen ins Lateinische übersetztes Werk zur Hermetik, »De Imaginibus« (zu deutsch »Über Bilder«), sollte in der Renaissance zum wichtigsten Text über astrologische Magie werden (neben dem Buch Picatrix aus dem 13. Jahrhundert). So fanden Ibn Hayyans und Ibn Qurras Schriftwerke auch ihren Weg in die christlichen Klöster Europas.

Hermes Trismegistos

Die Sabier von Harran schöpften ihr Wissen aus vielen Quellen. Was sie über die Astralwelt wussten, scheinen sie von den Neuplatonikern (Schulrichtung die im 3. Jahrhundert n. Chr. entstand) übernommen zu haben. Aber auch Wissen aus dem alten Sternenkult der Chaldäer spielte eine wichtige Rolle für sie.

Die Sabier von Harran waren, zwischen 856 bis 1050, für das Geistesleben und die Vermittlung wissenschaftlicher Bildung, wichtig für Rest der arabischen Welt. Durch sie nämlich erhielten sich über die Jahrhunderte hinweg die Weisheiten aus der griechischen Antike, deren Philosophie und Wissenschaft durch ihr Wirken scheinbar problemlos in islamisches Geistesdenken einfließen konnte.

Besonders hervorgehoben werden aber muss die Tatsache, dass sie Hermes Trismegistos als ihren Propheten verehrten und sein Corpus Hermeticum ihr heiliges Buch war. Darauf verweist die Handschrift des Kitab Ihwan as-Safa (Buch der Brüder der Weisheit), einer arabischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts, dessen Inhalte nicht unbedeutend sind für Geschichte und Entstehung des Geheimordens der Rosenkreuzer.

Andernorts galt Hermes Trismegistos damals als alter ägyptischer Weiser, den man als Erfinder des Schrifttums ansah und als legendären Autor vieler wissenschaftlicher Bücher über Mathematik, Astrologie, Magie, Alchemie, Ethik und Medizin. In seinem Corpus Hermeticum finden sich Lehren in Form mystischer Visionen.

Man setzte Hermes Trismegistos damals auch gleich mit dem griechischen Gott Hermes und dem ägyptischen Gott Thoth (auch: Tehuti). Dass er den Sabiern als Prophet galt, lag an der Tatsache, dass sie das Corpus Hermeticum als Portrait eben dieses göttlich inspirierten Lehrers betrachteten.

Damals begannen manche muslimische Gelehrte Hermes Trismegistos auch gleichzusetzen mit dem im Koran erwähnten Idris, der im jüdisch-christlichen Kontext der biblischen Gestalt Henochs entspricht.

Die Harraner (Sabier) waren im Nahen Osten die wichtigsten Erben des sogenannten ‘orientalischen Pythagoreismus‘, sowie die Wächter und Verbreiter der Hermetik in der islamischen Welt. Sie praktizierten ‘die Religion der Erben des Propheten Idris’

- Seyyed Hossein Nasr

Seit wann die Sabier ihre Kulte jedoch ausübten, ist bisher nicht geklärt. Sie dürften schon im 6. Jahrhundert v. Chr. bestanden haben, doch sollten bereits zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert n. Chr. untergegangen sein.

Übersetzung des Corpus Hermeticum ins Lateinische

Im Jahr 1460 gelangte eine seltene, arabische Handschrift nach Florenz. Möglicherweise war sie in den fünf Jahrhunderten zuvor von Harran in byzantinische Hände übergegangen. Man beauftragte drei Jahre später den berühmten italienischen Philosophen Marsilio Ficino (1433-1499) damit, den Text ins Lateinische zu übersetzen. Die Fertigstellung seiner Übersetzung im Jahr 1471 könnte durchaus angesehen werden, als eine Geburt der europäischen Hermetik. Man verwendete damals den Namen, aus dem oben bereits zitierten »Poimandres«, um damit den Druck dieser Schrift zu betiteln.

Ficino fasste in seiner Vorrede an den Auftraggeber Cosimo de Medici (1389-1464) die antiken Quellen zu Hermes zusammen und konstruierte eine Tradition ursprünglicher Weisheit. Diese Tradition nämlich hatte laut Ficino sogar wesentliche Elemente des Christentums eingeschlossen. Man geht darum auch davon aus, dass es zu ersten Schriftlegungen des Corpus Hermeticum, zunächst zwischen 100 und 300 n. Chr. gekommen sein könnte. Erst später hatte sich das Wissen um das Schriftwerk des Hermes Trismegistos verdunkelt und zersplittert in verschiedene Disziplinen.

(Hermes) stand [...] in Geistesschärfe und Gelehrsamkeit allen Philosophen voran. Als Priester legte er zudem die Grundlagen für ein Leben in der Art eines Heiligen und er übertraf in der Verehrung des Göttlichen sämtliche Priester. Er übernahm schließlich die Königswürde und verdunkelte durch seine Gesetzgebung und Taten den Ruhm der größten Könige. Daher nannte man ihn zurecht den dreimal Größten (Trismegistos). Als Erster unter den Philosophen wandte er sich von der Naturkunde und der Mathematik der Erkenntnis des Göttlichen zu. Als Erster konferierte er über die Herrlichkeit Gottes voller Weisheit, wie auch über die Ordnung der Dämonen und die Wandlungen der Seele. Daher nennt man ihn den ersten Theologen.

- Marsilio Ficino, in seiner Vorrede an den Auftraggeber Cosimo de Medici

Manche behaupten, dass diese Arbeit so großen Einfluss auf das damalige Geistesdenken hatte, dass der eine oder andere sogar vorschlug das Corpus Hermeticums gar in den Textkorpus der Bibel aufzunehmen.

Schließlich aber ließ das Interesse an dem Text nach. Man stieß auf ein jüngeres, in griechischer Sprache verfasstes Werk, das vom Christentum und Neuplatonismus beeinflusst war. Im Untergrund jedoch sollte sich hermetisches Gedankengut weiter verbreiten. Das aber der gesamte hermetische Textcorpus nicht alleinig sabischen Ursprungs ist, sollten die 1945 im ägyptischen Nag Hammadi entdeckten Handschriften bestätigen, womit sich eher von einer ägyptischen Wurzel des Corpus Hermeticum ausgehen lässt.

Erben eines verlorenen Wissens

Interessant ist, dass die Hermetik als Wissenskult von den Sabiern in Harran, in der besonderen Art ihres religiösen Kultes, aufrechterhalten werden konnte, so dass sich daraus unterschiedliche wissenschaftliche und spirituelle Disziplinen, bis ins Mittelalter hinein entfalten konnten. Das sollte die esoterische Tradition des Hermetismus bis in die heutige Zeit merklich bereichern. Könnten die Sabier darum als Erben eines verlorenen Wissens angesehen werden, das einst auf der ganzen Welt verbreitet wurde?

Sicherlich trug ihr Einfluss dazu bei, dass man in der islamischen Welt des 7. und 8. Jahrhunderts, bereits über die mathematischen Mittel verfügte, um damit die Himmelsbewegungen von Sonne und Mond zu berechnen. Denn die Zeitpunkte für das Fasten im Monat Ramadan, wie auch für die fünf täglichen Gebete der Muslime, waren (und sind) auf diese Gestirnsbewegungen genau abgestimmt.

Gemäß dem arabischen Philosophen Abu Yaqub ibn Ischaq Al-Kindi (800-873), basierte die Lehre der Sabier auf der grundlegenden Ansicht, dass die Welt schon immer existierte, basierend auf der Grundlage des Einen, was jedoch unbeschreiblich bleiben muss, da sich diese Wahrheit jenseits allem daraus Entstandenen befindet. Jene astral-planetarischen Zyklen basierten für die Sabier ebenfalls, auf diesem höchsten einen Sein. Wohl das war auch der Grund, dass sie damals als Religionsgemeinschaft von ihren muslimischen Zeitgenossen als Monotheisten toleriert wurden.

 

 

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Mysterium Cosmographicum: Ein Geheimnis unseres Sonnensystems

von S. Levent Oezkan

Mysterium Cosmographicum - ewigeweisheit.de

Was uns durch die Arbeiten des alten Mathematikers und Astrologen Claudius Ptolemäus (um 100-160 n. Chr.) gegeben wurde, entspricht bis heute eigentlich dem natürlichen Empfinden eines Menschen, wenn er die zyklischen Bewegungen der Gestirne beobachtet. Aus dem ptolemäischen Geozentrismus entstand schließlich das, worauf auch die esoterische Wissenschaft der Astrologie basiert.

Für Ptolemäus war zwar noch die Erde verankert im Mittelpunkt des Weltalls, während alle anderen Planeten und Sterne um sie kreisten, seine Berechnungen der Planetenbahnen waren jedoch äußerst präzise. Sie ermöglichten lange Zeit exakte Vorhersagen über die Bewegungen der Wandelsterne, der Sonne und des Mondes. Über den sogenannten »Satz des Ptolemäus« lässt sich auch das Goldene Verhältnis (»Goldener Schnitt«) berechnen, dass ja eine ganz wesentliche Bedeutung für die Heilige Geometrie hat.

Was sich dann ab dem 15. Jahrundert ereignete, war gewissermaßen eine erste Trennung von esoterischer und exoterischer Wissenschaft. Da nämlich sollten sich die Wege der Astrologie und der Astronomie scheiden, die bis dato eine gemeinsame Sternenkunde gebildet hatten.

In der Renaissance dann trat da ein Johannes Kepler (1571-1630) auf die Weltbühne der Astronomie. In seinem Buch »Mysterium Cosmographicum«, dem »Weltgeheimnis«, entwickelte er 1596 ein Modell unseres Sonnensystems, mittels der fünf Platonischen Körper (siehe unten). Für ihn nun befand sich nicht mehr die Erde im Zentrum der Welt, wie fast eineinhalb Jahrtausende vor ihm Ptolemäus glaubte, sondern bildete die Sonne den Mittelpunkt unseres Planetensystems. Diese Überzeugung übernahm er von dem preussischen Astronomen Nikolaus Kopernikus (1473-1543).

Doch Kepler hatte eine ungewöhnliche Idee. Die von dem griechischen Philosophen Platon definierten fünf dreidimensionalen Körper

Tetraeder Würfel Oktaeder Dodekaeder Ikosaeder

verwendete er auf eine bisher nicht dagewesene Weise. Bevor wir uns das ansehen, soll an dieser Stelle aber darauf hingewiesen sein, dass Kepler keinesweg Atheist war, nur weil er den Himmel mittels des Dezimalsystems zu vermessen wusste (das es im Übrigen zu Ptolemäus Zeiten im Westen noch nicht gab).

Johannes Kepler war ein sehr gläubiger Mensch. Für ihn existierte eine ganz klare Verbindung zwischen der physischen und der geistigen Welt. Drum galt ihm das Universum selbst als Abbild Gottes, wobei die Sonne dem Vater, die Sternensphäre dem Sohn und der Zwischenraum dem Heiligen Geist entsprach. Es war ihm darum auch ein Anliegen, den Heliozentrismus mit besonderen Bibelstellen zu versöhnen, die den alten Geozentrismus des Ptolemäus sogar zu unterstützen schienen.

Umlaufbahnen entsprechend platonischer Körper – ewigeweisheit.de

Schematische Darstellung des von Kepler angenommenen Verhältnisses der Planetenbahnen (rot) um die Sonne, hier jeweils den ihnen entsprechenden platonischen Körpern (graue Vielecke als Querschnitte der platonischen Körper) angepasst. Kepler schrieb in seinem Mysterium Cosmographicum dazu: »Die Erdbahn ist das Maß für alle anderen Bahnen. Ihr umschreibe ein Dodekaeder, die diesen umspannende Sphäre ist der Mars. Der Marsbahn umschreibe ein Tetraeder, die diese umspannende Sphäre ist der Jupiter. Der Jupiterbahn umschreibe man einen Würfel. Die diesen umspannende Sphäre ist der Saturn. Nun lege in die Erdbahn ein Ikosaeder; die dieser eingeschriebene Sphäre ist die Venus. In die Venusbahn lege ein Oktaeder, die dieser eingeschriebene Sphäre ist der Merkur.«

Die fünf platonischen Körper nun stellte er sich vor, in Kugeln gefasst, die er daraufhin mehrfach ineinander verschachtelte, jeweils wieder von einer Kugel umfasst. Die so entstandenen Orbitale wusste er nun so zu ordnen, dass die Abstände dazwischen, tatsächlich den von Kopernikus vorausgesetzten Abständen der Planeten im Sonnensystem ziemlich genau entsprachen. Sie weichten von seinen astronomischen Beobachtungen weniger als 10% ab. Das muss Kepler wohl als wirkliches Wunder erschienen sein.

Da ihm jedoch, mittels der Maße der platonischen Körper, keine genaue Proportionierung dieser Planetenumlaufbahnen gelang, forschte er daran weiter. Doch durch die, den platonischen Körpern vorausgesetzten Proportionen, kam er überhaupt erst zu einer vollkommen neunen und überaus wichtigen Erkenntnis: die Planeten bewegten sich nicht auf genauen Kreisbahnen, sondern elliptisch um die Sonne, was dem kopernikanischen Modell eine Neuerung hinzufügte.

Wäre er zu dieser Erkenntnis ohne sein anfängliches Modell überhaupt gekommen, hätte er es nur dabei belassen? Sicherlich war Johannes Kepler einer der ersten Forscher, die wagten sowohl spirituelle als auch wissenschaftliche Gesetze miteinander in Einklang wiederzugeben.

Es wäre außerdem nicht richtig zu glauben, das seinem Ausgangspunkt nicht doch eine gewisse Wahrheit zu Grunde liegt, die vielleicht kein mathematisch genaues Modell unseres Sonnensystems bildet, doch auf jeden Fall ein esoterisches Schema, über dass sich die Zusammenhänge im Makrokosmos auf jene Verhältnisse des Mikrokosmos abgestimmt zeigen. Das heißt, dass auch Kepler davon überzeugt gewesen sein dürfte, dass das von ihm zuerst entwickelte kosmologischen Modell auf Grundlage der fünf platonischen Körper, zu seiner erstaunlichen Erkenntnis führen sollte.

Astronomie treiben heißt, die Gedanken Gottes nachlesen.

- Johannes Kepler

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Zweideutige Botschaften aus dem Jenseits

von S. Levent Oezkan

John Dee und Edward Kelley - ewigeweisheit.de

Im römischen Kaiserreich mischten sich die Wissensströme von Hermetik und Gnosis zu dem, was man heute bezeichnet als die europäische Tradition der Magie. Eingeweihte dieser Geheimzunft aber waren in der Renaissance geächtet. Man fürchtete sich vor den in der Magie angerufenen okkulten Mächten. Wer die Vorgänge im Kosmos spirituell manipulieren wollte, galt als Handlanger des Teufels.

Einer, der damals ins Kreuzfeuer seiner Verfolger geriet, war der englische Mathematiker und Astrologe John Dee (1527-1608), ein bemerkenswerter Gelehrter der alten Wissenschaften. Dee studierte Mathematik und Geografie in den Niederlanden bei Gerhard Mercator, später auch Astrologie im belgischen Louvain. Sehr früh schon hielt Dee an der Universität von Paris Vorträge über Mathematik. Seine Reden waren berühmt. Menschen drängten sich an den Fenstern der Hörsäle, um seinen Vorträgen zu lauschen.

Auch an anderen Universitäten Europas hielt der junge John Dee Vorträge. Mit 24 Jahren kehrte er nach England zurück, um dort den Kapitänen der Britischen Marine Mathematik und Navigation beizubringen. Dees Schaffen sollte dereinst auch für das Britische Königshaus eine Schlüsselrolle spielen, vor allem bei der Eroberung der Weltmeere.

Wissenschaft mit einem Hang zum Dunklen

John Dee war ein echtes Genie seiner Zeit. Sein Ruf als ausgezeichneter Mathematiker, Astronom, als Gelehrter der Geometrie, Optik, der Kartografie und Navigation, reichte bis zu den gekrönten Häuptern Europas. Was ihn ebenso besonders wie geheimnisvoll machte, war sein auffälliges Interesse für Okkultismus und Magie. In eigenartigen Sitzungen, wo seine magischen Kenntnisse praktisch Anwendung fanden, erfuhr er, dass geistige Wesenheiten aus dem Jenseits, direkten Einfluss auf den Menschen ausüben – eben genau so, wie sich menschliches Handeln auf weltlicher Ebene auswirkt.

Dees Wirken war mehr als bekannt. Sein Einfluss reichte gar bis in die Literaturwelt. So nahm ihn William Shakespeare († 1616) als Vorbild für seine Theaterfigur »Prospero«, im Stück »Der Sturm«. Prospero war ein Magier mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der selbst dem Himmel ein Unwetter abzuschwören vermochte. Doch er war auch im Stande Konflikte zu befrieden, was getrennt war wieder zu einen. Irgendwann aber verwarf Prospero sein magisches Wissen, erkannte er doch in dessen Anwendung immer die Gefahr sich großem Unheil auszusetzen. Denn wer Harmonie durch Anwendung okkulten Wissens erzielen will, den schwemmen seine Machenschaften irgendwann in einen dunklen Sumpf unheilvoller Intrigen.

Zu dieser Erkenntnis gelangte wohl auch John Dee irgendwann, nur leider erst, als er und sein berüchtigter Gehilfe vom Schicksal geschlagen wurden.

John Dees magischer Spiegel aus Obsidian - ewigeweisheit.de

John Dees aztekischer Spiegel aus Obsidian. Diese Reliquie befindet sich heute im British Museum London.

Ein magischer Spiegel

John Dees magisches Wirken begann mit einem glänzenden, schwarzen Stein. Es war ein 500 Jahre altes Relikt aus aztekischer Zeit. Während der Britischen Kolonialisierung Amerikas, gelangte diese merkwürdige Hinterlassenschaft über Umwege in die Sammlung des Hofes von Königin Elisabeth I. von England: ein polierter, schwarzer Spiegel aus Obsidian, einem Mineral aus vulkanischen Glas (siehe Abbildung). Dieser runde, glänzende Stein, sollte zu John Dees Werkzeug werden, um Kontakt aufzunehmen zu den Wesenheiten des Jenseits.

Seit alter Zeit verwendeten aztekische Wahrsager solche Steine für die Kirstallomantie. Dazu starrten sie prüfend auf seine Oberfläche, um dahinter Erscheinungen zu erspähen und dabei die Zukunft zu prophezeien. Als solch magisches Instrument, galt der Obsidian den aztekischen Hohepriestern als Mittel, um in die Welt der Dualität zu spähen, wo ihnen die Mächte des Guten und des Bösen erschienen – verkörpert im indianischen Gott Ometeotl.

Keiner der Wahrsagerei betreibt, kann sich der Dualität von Gut und Böse, von Positivem und Negativem entziehen. Jeder der schon einmal ein Keltisches Kreuz legte (Tarot), um Antworten zu finden, weiß worum es hier geht. Entweder ein Wahrsager kommuniziert mit den Engeln oder aber sind es Dämonen, die sich nur als solche gottgesandten Wesen ausgeben.

Wie John Dee glaubte, gelang es ihm mit seinem Obsidian auch tatsächlich solche Wesenheiten aus dem Jenseits zu kontaktieren. Sie erschienen ihm darin, wie er glaubte, um ihm Nachrichten aus der Schattenwelt zu übermitteln. Die Kommunikation endete immer damit, als sich in diesem schwarzen Spiegel scheinbar ein Vorgang zuzog.

Wäre John Dee dereinst nicht zu einem der wichtigsten Menschen für das aufstrebende British Empire geworden, könnte man über diese Episode einfach nur lächeln. Doch Dee war sicher kein Scharlatan, sondern jemand, der sogar die politischen Geschicke seiner Zeit beeinflusste.

Im Folgenden werden wir sehen, dass durch Dees magische Künste Entscheidungen getroffen wurden, die auch heute noch gelten – möglicherweise für alle Menschen auf diesem Planeten.

Magus der Queen

Im 16. Jahrhundert galten Wissenschaft, Aberglaube und Magie als Forschungsbereiche selben Ursprungs. Die Kirche aber beäugte Wissenschaftler damals mit Misstrauen. Die hohen Rechenkünste schmähte man gar als Schwarzmagie und verbrannte öffentlich Bücher über Mathematik oder Astronomie. Wohl auch darum, da letztere Wissenschaft damals zur selben Zunft wie die Astrologie zählte.

1553 erstellte John Dee ein Horoskop für Elisabeth Tudor – dereinstige Königin von England. Darin laß er, dass sie schon bald in London den Thron besteigen werde. Doch damit begab er sich in gefährliche Fahrwasser. Denn er sah in den Sternen, dass die gegenwärtige Königin Maria I. von England, bald sterben würde. Nur gelangte diese Information in die falschen Hände. Man verdächtigte Dee, als einen der schwarze Magie betreibt und es auf das Leben der Königin Maria abgesehen hat. Am 28. Mai 1555 warf man ihn ins Gefängnis, woraus er aber schon im August des selben Jahres wieder entlassen wurde. Zur selben Zeit kam ein Kind zur Welt, dass für John Dees Leben noch eine besondere Rolle spielen sollte, wenn auch nicht nur im guten Sinne: Edward Kelley.

Drei Jahre nach diesen Ereignissen, verschlechterte sich zunehmend der Zustand der damaligen Königin. Es mag wohl auch an ihrer Unbeliebtheit gelegen haben, dass sie sich oft in depressiven Zuständen befand und sich dadurch ihre ohnehin angeschlagene Gesundheit, immer weiter verschlechterte. Im August 1558 erkrankte sie schwer an einer Influenza. Als sie ihrem Tod bereits ins Auge sah, ernannte sie offiziell Elisabeth Tudor als ihre Erbin und Thronfolgerin. Maria erlag drei Monate später ihren Leiden.

Dees Prophezeiung hatte sich also tatsächlich bewahrheitet. Zwei Monate später, am 15. Januar 1559, einem Datum, dass John Dee aus selbigem Horoskop für seine Majestät berechnet hatte, krönte man Elisabeth in der Londoner Westminster Abbey zur Königin von England. Seit diesem Datum verbesserte sich auch das Schicksal John Dees.

John Dees bei einem Experiment - ewigeweisheit.de

Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Henry Gillard Glindoni (1852-1913). John Dee bei einem Experiment vor Königin Elisabeth I. im Londoner Stadtteil Mortlake.

Auf der Suche nach verborgenen Mächten

Okkultismus und Spionage sind seit alter Zeit Schlafgenossen, was gar nicht überraschend sein dürfte, denn in beiden Fällen geht es darum geheime Informationen zu gewinnen. Hexen, Wahrsager und Astrologen behaupteten schon immer die Zukunft vorhersagen zu können und wie Spione wussten sie Dinge, die den gewöhnlichen Menschen verborgen bleiben.

Solche heimlichen Nachrichten zu sammeln und daraus Einsichten zu entwickeln, erfolgte immer unter einem Mantel des Schweigens. Spione wie auch Okkultisten wissen darum gleichermaßen, wie sie ihr Wirken vor den Blicken Unerfahrener verbergen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Verwendung geheimer Schlüssel, Symbole und Kryptogramme, womit Geheimwissen vor Nichteingeweihten chiffriert wird.

Okkultisten und Geheimdienstmitarbeiter ähneln sich in vieler Hinsicht, da sie beide in einer dunklen Unterwelt verborgener Geheimnisse verkehren. Kein Wunder also, wenn manche ihrer Mitglieder, in beiden Gewerben gleichzeitig zugegen sind. Anscheinend war John Dee auch Mentor von Königin Elisabeths Chef des Geheimdienstes: Sir Francis Walsingham (1532-1590). Walsingham hatte das neue Britische Königreich viel zu verdanken. Mehrere geplante Attentate auf Elisabeth I. hatte er bereits im Entstehen vereitelt.

Die Kunst der verborgenen Wissensübermittlung

Abt Johannes Trithemius (1462-1516) verfasste 1499 sein nie veröffentlichtes Werk über Geheimsprachen und Verschlüsselung: Steganographia. Das diese Schrift im Verborgenen blieb hatte seine Gründe. Es war ein magisches Werk, das genaue Anleitung zur Kommunikation mit Geistwesenheiten über große Distanzen hinweg ermöglichen soll. Die darin enthaltenen Beschreibungen, hatten auch großen Einfluss auf die Okkultisten seiner Zeit, wie etwa Agrippa von Nettesheim.

Doch wegen seiner Steganographia geriet Trithemius beim Klerus unter Verdacht ein Schwarzmagier und Wahrsagerei. Drum setze man diese Schrift 1609 auf den Index Librorum Prohibitorum (einem Index verbotener Bücher), was aber kein Hinderungsgrund war, dass auch andere diese Schrift lasen. Unter ihnen John Dee, der die Gelegenheit nutzte eine gesamte Abschrift des Werkes anzufertigen. Doch dieses Manuskript verschwand später. Wahrscheinlich wurde es während Dees Reisen durch Europa, aus seiner Bibliothek in Mortlake gestohlen. Die Kenntnisse, die sich John Dee beim Studium Trithemius' magischer Steganographia aneignete, sollten nicht nur seinem späteren Wirken als Spion des englischen Königshauses nützen, sondern ihm insbesondere wegweisend sein, bei der Kommunikation mit den Geistern des Jenseits.

Okkulte Machenschaften der Geheimdienste

John Dee war der wohl wichtigste Geheimagent von Königin Elisabeth. In seiner Eigenschaft als Spion seiner Majestät unterzeichnete John Dee stets mit 007 – eine Ziffernfolge, die wohl den Meisten bekannt sein dürfte.

Seine späteren Reisen nach Holland, Polen und Böhmen, dienten bestimmt nicht allein seinem Forscherdrang als Okkultist, sondern waren vielleicht auch gezielte Spionage-Akte, die er im Auftrag Königin Elisabeths vollzog. Ob er aber immer selbst davon wusste, sei dahingestellt. Doch das muss eine Behauptung bleiben, denn es gibt dazu keine Beweise.

Nicht nur wurde John Dee im Gefolge geistiger Wesenheiten gelenkt, sondern es kamen auch Zeitgenossen in sein Leben, die ihm seine Wünsche als Okkultist und Magier durch ihr finanzielles Zutun erfüllen konnten. Doch alles hat einen Preis. Denn seine Neugier und sein Forscherdrang, sollten dereinst sein Seelenwohl gefährden. Ab einem gewissen Punkt nämlich schien es, als suchte nicht mehr er den Kontakt zu jenseitigen Geistern, sondern immer mehr spähten diese Wesen auch nach ihm. Ja schlimmer noch: Je tiefer er in die Welt des Okkulten eindrang, desto mehr wurde er ein Instrument von Geschöpfen, die sich ihm zwar als Engel ausgaben, in Wirklichkeit aber finstere Wesen waren aus einer anderen, fremden Welt.

Als was sich ihm diese Geschöpfe zeigten, können wir nur aus den über oder von Dee überlieferten Schriften herleiten. Doch man sollte in Betracht ziehen, dass das Wirken dieser finsteren Mächte, durchaus auch in Form unsichtbarer Kräfte wirksam wurde. Wir müssen wissen, dass die Menschen in der Renaissance ebenso wenig über elektrische Ladungen wussten, wie über Viren, Bakterien oder Mikroben. John Dees Zeitgenossen konnten diese Dinge nicht sehen und nannten sie drum einmal Engel oder ein andermal Dämonen.

Solche Wesen schienen also Einfluss zu nehmen auf den Magus der Queen. Aus esoterischer Sicht aber, waren es wohl die indirekten Auswirkungen höher gestellter Wesen, die John Dee dazu brachten sich auf bestimmte Weise zu verhalten. Denn sein magisches Wirken erfolgte doch Seite an Seite mit den politischen Machtbestrebungen seiner Hoheit der Königin von England. Natürlich ist das nur eine Behauptung, doch je näher man sich mit John Dee befasst, und seinem gegenseitigen Austausch mit dem englischen Königshaus, scheint sich einem diese Vermutung regelrecht aufzudrängen.

Nun muss dies vor allem in einem größeren historischen Zusammenhang gesehen werden. Denn wir befinden uns in einer Zeit, als sich in Europa die große Kirchentrennung vollzog. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, kam es durch die Reformation Martin Luthers (1483-1546) in den 1520er Jahren zur Glaubensspaltung und einer Trennung vom römischen Papsttum. Im folgenden Jahrzehnt, ereignete sich Ähnliches auch in England. König Heinrich VIII. (1491-1547) heiratete 1533, gegen den Willen der Kirche und des Papstes, seine Geliebte Anne Boleyn (1501-1536). Doch da ihm das katholische Glaubensoberhaupt seine zuvor erfolgte Annullierung der Ehe mit Katharina von Aragon verweigerte, wandte sich Heinrich VIII. von Rom ab. Das war die Geburt der Anglikanischen Kirche. Eine Tochter die aus dieser Ehe hervorgeht, sollte dereinst den englischen Thron besteigen: Elisabeth I. – die jungfräuliche Königin.

Neben der politischen Bedeutung, ist auch die Symbolkraft hinter dieser historischen Entwicklung, von wahrlich großer Tragweite. Schließlich war es eine Jungfrau, die England zur Weltherrschaft führte.

Der Nullmeridian - ewigeweisheit.de

Der Nullmeridian verläuft durch den Londoner Stadtteil Greenwich - Geburtsort von Königin Elisabeth I. (1533-1603).

Britisches Weltreich und Greenwich-Meridian

Königin Elisabeth wurde am 7. September 1533 im Londoner Stadtbezirk Greenwich geboren. Durch Greenwich verläuft heute der Nullmeridian der irdischen Längengrade: das heißt, 12:00 Uhr entspricht (Winterzeit, der eigentlichen Zeit vor Einführung der Sommerzeit), wenn sich die Sonne dort über diesem Nullmeridian (0° Nördlicher Länge) auf ihrem höchsten Punkt zu Mittag befindet. Auch wenn dieser Nullmeridian erst 1884 global festgelegt wurde, scheint das kaum ein Zufall zu sein. Denn in diesem Jahr hatte das Britische Weltreich seine größte Ausdehnung angenommen.

1568 veröffentlichte John Dee seine Propaedeumata Aphoristica, ein umfangreiches Kompendium über astronomische Mathematik, Astrologie and Magie, das er natürlich auch Königin Elisabeth I. präsentierte. In den folgenden Jahren trafen sich Dee und die Queen regelmäßig in seiner Bibliothek im Londoner Stadtteil Mortlake. Der Magus sollte für die britische Krone noch eine bedeutende Rolle spielen. Es ist darum anzunehmen, dass John Dee auch den berühmten Seefahrer und Weltumsegler Sir Francis Drake (1540-1596) in Geometrie und Kosmografie unterwies. 1577 legte Dee dem Geheimen Kronrat Elisabeths den Vorschlag zur Durchführung einer Weltumseglung vor, die Francis Drake auch tatsächlich durchführte.

Besonders wichtig ist, dass Drake, durch den verheerenden Sieg der Engländer über die Spanische Armada im Jahr 1588, ganz maßgeblich zu Englands Rolle als größte Seemacht beitrug. Ein gewaltiges Unwetter kam den Engländern damals zur Hilfe und die wenig wendigen Schiffe der Spanischen Armada, kamen im englischen Kanal ins Wanken. Der Legende nach soll dieses meteorologische Ereignis Francis Drake durch ein magisches Ritual ausgelöst haben, dass er vor Ankunft der spanischen Armada auf den Meeresklippen des südenglischen Plymouth vollzog. Etwa ein Viertel der spanischen Schiffe ging bei dem Sturm unter oder lief auf Riffe. Der Plan der Spanier, die wohl auch auf Geheiß des Papstes handelten, war damit gescheitert. Bald darauf gewann England gewaltigen Einfluss als Seemacht. Und wer damals die Meere beherrschte, der beherrschte die Welt. Es ist wohl nicht ganz zufällig, das John Dee ebenfalls den Begriff »British Empire« (deutsch: Britisches Weltreich) prägte.

Gewiss eine riskante Behauptung, doch wäre die Seeschlacht zu Gunsten der Spanier ausgegangen, so hätte sich in den kommenden Jahrhunderten nicht Englisch als erste Weltsprache etabliert, sondern Spanisch. Vielleicht hätte man sich dann auch nicht auf den Greenwich-Meridian geeinigt, sondern die Uhren tickten heute abgestimmt auf einen Nullmeridian in Madrid.

Fragen an die Wesen des Jenseits

Doch kommen wir wieder zurück auf John Dees magisches Wirken und seine Kommunikation mit dem Jenseits. Was er von den Wesenheiten erfuhr, ob Dämon, ob Engel, führte sicherlich nicht ganz zufällig zu Erkenntnissen, die zu dem politisch-religiösen Geschehen Europas Bezug hatten.

Was John Dee ab einem gewissen Grad seines okkulten Strebens jedoch niemals zu bedenken schien, war, dass er mit alle dem vielleicht zu unvorsichtig vorging. Denn ab einem gewissen Grad, erfuhr er nicht nur über die Geschicke seiner Heimat und der Welt, sondern glitt ab in die finsteren Gefilde von Wesenheiten, die er ganz und gar nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Wenn man heute an einen Wahrsager denkt, kommt einem vielleicht gleichzeitig jemand in den Sinn, dessen Blicke um eine kristallene Kugel kreisen. Und gewiss ist das die älteste Form der Wahrsagekunst. Dabei geht es aber weniger darum in die Zukunft zu blicken, als über Gegenwärtiges zu spekulieren – das, was passieren könnte. Niemand weiß, was die Zukunft tatsächlich bringt. Das mit dieser magischen Kunst verbundene deutsche Wort, bilden die Silben »wahr« und »sagen«. Jemand der also »wahr-sagt« spricht über das, was ist. Und was ist, wird sein. Doch was ist, ist nicht für jeden offensichtlich. Manche aber, die die Gabe zur Hellsicht besitzen, nehmen auch wahr, was sich jenseits der fünf Sinne abspielt und sehen dabei was eigentlich ist.

Kristallkugel - ewigeweisheit.de

Die Kristallkugel: Ausschnitt aus einem Gemälde von John William Waterhouse  (1849-1917).

Kristallomantie

Schon im Alten Ägypten, bei den Sumerern und im Alten China, gab es Medien, die in ritueller Praxis, in Spiegeln und Kristallen, die Geschicke der Zeit abzulesen vermochten. Später dann, im 10. Jahrhundert, beschreibt der persische Dichter Abu Laqasim Firdausi (940-1020), in seinem Epos »Schahname«, einen Wahrsager, der auf der spiegelblanken Oberfläche eines Kelches nach spirituellen Eindrücken späht:

Er erhob den Kelch und starrte ihn an
Die sieben Weltgebiete spiegelten sich darin
Und jede Schau und Prophezeiung der hohen Himmel.

Wie gewohnt sah der Magierkönig, im Kelch die Zukunft.

- Aus dem Schahname des Firdausi

Doch auch im fernen Aztekenreich, wie wir oben sahen, bei den Zigeunern, in Sibirien und im fernen Japan, überall praktizierte man Nekromantie und Wahrsagekunst. Die Ägypter erblickten die Geister auf öligen Oberflächen, andere erkannten sie im Rauch.

Solcher Art Erkenntnis zu erlangen, galt auch dem Magier John Dee als höchstes Anliegen. Denn er versuchte verzweifelt neue Wege zu finden, die ihn an die Tore der Welt des Okkulten führen sollten. Doch er konnte nicht gleichzeitig als Medium und als Frager fungieren. Er war Wissenschaftler der von solch Kräften wusste, doch hätte eine mantische Beschwörung seine Vernunft nur benebelt. Darum suchte er jemanden der ihm half, seinen Geist aus der natürlichen, in die übernatürliche Welt zu befördern und mit Hilfe seines schwarzen Spiegels (siehe oben) eine direkte Verbindung zu den Engeln herzustellen und damit zu Gott. Dee schien jedoch zu ignorieren, dass er damit seinen Wahrsager und sich in Gefahr brachte, denn es konnten auch gefährliche Wesen angezogen und unvorbereitet ins Diesseits freigelassen werden.

Kommunikation mit der Anderswelt

John Dee hatte bereits verschiedene Wahrsager und Kristallomanten getroffen, die ihm bei seinen spiritistischen Sitzungen helfen sollten. Doch leider ohne Erfolg. Ein Mr. Clerkson, über den nichts weiter bekannt ist, stellte John Dee einen Mann vor, der sich Edward Talbot nannte. Er wollte Dee als Medium behilflich sein. Ein sonderbarer Kerl, der, wie sich herausstellen sollte, eine recht finstere Vergangenheit hatte, denn er änderte mehrmals seinen Namen. Auch Edward Talbot war ein Deckname. Als wirkliche Identität verbarg sich hinter Talbot der englische Alchemist Sir Edward Kelley (1555-1597). Bereits zwei Tage später bat er John Dee darum, ihm seine Fähigkeiten als Kristallomant unter Beweis stellen zu dürfen. Kelley entpuppte sich dabei als echtes Genie, der tatsächlich die magischen Schlüssel bot, um damit die Pforten in die Anderswelt zu eröffnen.

So kam es zur Zusammenarbeit von Dee and Kelley. Sie widmeten die meiste Zeit den spirituellen Zusammenkünften mit Engeln und ihren Abgesandten. Ihr Ziel war es, durch ihre Gebete und Kommunikationen mit der Engelwelt, zur Ökumene beizutragen. Sie wollten den Riss der durch die englische Christenheit verlief heilen. In den Jahren zwischen 1582 und 1589, war Edward Kelley darum auf's Engste an das Leben seines 27 Jahre älteren Meisters John Dee geknüpft.

Das erste geistige Wesen das Kelley kontaktierte war der Erzengel Uriel. Als nächstes sollten sie in Kommunikation mit Erzengel Michael treten. Unter diesen Umständen aber war John Dee extrem aufgeregt. Schließlich war das ein Lichtwesen von sehr hohem Rang, dass eigentlich mit Normalsterblichen niemals kommunizieren würde. Wie es in der okkulten Wissenschaft heißt, kontaktieren Erzengel allenfalls Propheten und Gottgesandte. Vom Erzengel Michael aber, sollen John Dee and Edward Kelly in das System der Henochischen Engelmagie eingeweiht worden sein. Was daran wirklich wahr ist, sei einmal dahin gestellt. Denn die Bezeichnung »henochisch« (nach dem biblischen Urvater Henoch benannt), stammt aus jüngerer Zeit. Denn weder John Dee noch Edward Kelley gaben dem, von ihnen gefundenen System einen Namen.

Wenn andere Magier über John Dees Engel-Konversationen meinten, sie seien in der »Henochischen Sprache« erfolgt, wollte man damit zuerst einmal auf Dees Engel-Konversationen hinweisen. Sicher aber waren sie sehr daran interessiert das biblische Buch Henoch zu finden. Darin nämlich glaubten sie, klinge die Weisheit des alten Henoch an – jenes biblischen Propheten, der einst in den Himmel entrückt ward. Es heißt, im Alter von 365 Jahren nahm Gott ihn zu sich auf. Henoch muss von der Ursprache der Menschen gewusst haben, der Zunge Adams, die erst mit dem Turmbau zu Babel in die 72 Sprachen zerfiel.

John Dee vermutete, dass die einige Ursprache Adams mit der Sprache Gottes sogar übereinstimmte – worin sich die Urworte der Schöpfung finden. Jene göttlichen Ausdrucksformen waren Teil der Sprache der Engel – einer Sprache des Lichts.

Und Gott (Elohim) sprach: Es werde Licht!

- Genesis 1:3

Als Dee und Kelley sich ihren Engel-Konversationen widmeten, war Dee davon überzeugt, dass die Hebräische-Sprache durch Anwendung Kabbalistischen Geheimwissens derart angeglichen werden könne, um damit jene Ursprache Adams wiederzufinden – als eine Sprache des Himmels, an die sich eben der alte Prophet Henoch erinnerte.

Wie dem auch sei, eröffneten sich ab diesem Zeitpunkt John Dee Wege zu einer bisher unbekannten Quelle, die – wie sich aber leider herausstellen sollte – ganz und gar außerhalb seiner Kontrolle lag. Außerdem glaubte John Dee, dass die Engel ihm das Wissen offenbaren würden, um neue, verborgene Ländereien der Erde zu entdecken, die dereinst der englischen Krone zugehören sollten.

Der Prophet Henoch - ewigeweisheit.de

»Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.«, Genesis 5:24
Die Entrückung Henochs. Illustration von Gerard Hoet (1648-1733).

In der Sprache der Engel

Bis 1582 kannte niemand die Sprache Henochs. Doch Kelley evozierte sie mittels Kristallomantie in Dees Bibliothek in Mortlake. Dee notierte dann die Henochische Sprache nach dem Diktat seines Mediums Kelley. Wie bereits angedeutet, hielten sie diese Sprache als das Kommunikationssystem zwischen Gott und seinen Engeln. Was Dee und Kelley aus ihren Konversationen mit den Engeln gewannen, war ein vollständiges Alphabet, ein Wortschatz und eine entsprechende Grammatik.

Nach Schilderungen Kelleys, stieg in den Séancen aus dem Kristall ein Licht auf, dass vor ihm zu schweben begann. Aus diesem Licht erhielt er die, wie er sie nannte, »Henochischen Rufe« der Engel, die ihm Nachrichten übermittelten. John Dee hatte sich entsprechend vorbereitet, um sich von Kelley Details diktieren zu lassen, die er auf mehreren Tafeln niederschrieb. Mehr und mehr aber schien John Dee in diesen Übermittlungen aus dem Jenseits, die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Was in diesen Sitzungen aus der geistigen Welt wirklich hervortrat, darüber herrscht Uneinigkeit. Was als »Henochisch« niedergeschrieben wurde, ging weitestgehend aus Kelley hervor, als John Dees Medium.

Nun muss man sich vor Augen führen, vor welchem Hintergrund diese Séancen stattfanden. Denn wie oben beschrieben, war Dee nicht irgendein Gelehrter, sondern vor Allem Berater der Queen gewesen. Auch durch sein Wirken strebte Britannien zur Weltmacht auf. Nur war Kelley eben auch, wie jeder andere Magier und Wahrsager, nur ein Mensch mit entsprechenden Neigungen. Gut möglich dass er Dee davon überzeugen wollte, das sich beide doch als geistige Väter einer neuen politischen Ordnung Europas Geltung zu verschaffen hätten.

Leider nahmen die Séancen mehr und mehr schaurige Züge an. Jene vermeintlichen »Engel« nämlich, fingen an darauf zu bestehen, dass Dee und Kelley alles gemeinsam haben sollten – sogar ihre Ehefrauen. Wo menschliche Bemühungen auf Versprechungen von Geistern basieren, dürfte es kaum verwundern, wenn solch Unterfangen dann doch zu einem entwürdigenden Ende kommt – und genau das trat auch ein für John Dee und Edward Kelley.

Die Situation in Mortlake nahm immer schaurigere Züge an. Königin Elisabeth ließ Dee und Kelley darum durch ihren Chefspion Sir Francis Walsingham überwachen.

Der Engel Madimi

Nun lud die englische Königin 1583 einen polnischen Prinzen und Palatin nach London ein: Albert Łaski von Schieratz († 1604), einem Abenteuerer, der seit früher Jugend in Verbindung stand sowohl mit dem Hause Habsburg, dem russischen Zaren und auch mit den osmanischen Sultanen. Die Habsburger waren im Übrigen ein mächtiges europäisches Adelsgeschlecht, worunter zur Zeit Königin Elisabeths I. auch König Phillip II. von Spanien zählte, dessen Armada dereinst von Francis Drake besiegt werden sollte – jenem oben geschilderten Wendepunkt der Weltgeschichte.

Für einen polnischen, katholischen Adeligen auf jeden Fall, war Prinz Łaski ein recht eigenwilliger Typ. Er setzte sich einfach über religiöse Konventionen hinweg, beschäftigte sich intensiv mit so häretischen Wissenschaften wie Alchemie und Magie. Anscheinend hatte er viele Schulden und hoffte auf die Goldmacherkünste eines Alchemisten. Vor allem aber stand er als Getreuer Roms nun in Kontakt mit dem Oberhaupt der Englischen Reformation: Königin Elisabeth I.

Łaski bat die Königin mit John Dee Bekanntschaft machen zu dürfen, denn er wollte dessen Bibliothek in Mortlake besuchen und mit ihm über Magie sprechen. Der Prinz besuchte viele Male Dee in seinem Haus in Mortlake. Schon bald nahm Łaski sogar an den Henochischen Kommunikationen teil, die Dee und Kelley unternahmen – ein echt gefährliches Unterfangen. Łaski aber war interessiert an seiner Zukunft und erhoffte sich durch die kristallomantischen Sitzungen Kelleys, mehr über sein Schicksal in Erfahrung zu bringen.

Als Albert Łaski einmal abwesend war, trat in den Engel-Kommunikationen Kelleys plötzlich ein Wesen in Erscheinung, dass sich »Madimi« nannte – eine der faszinierendsten übersinnlichen Projektionen Kelleys. Es war der erste weibliche Engel, der sich Dee und Kelley zeigte: ein kleines Mädchen in einem Satin-Kleid. Es trat aus dem Kristall hervor und verselbstständigte sich, rann als Geist auf- und ab entlang der Bücherregale in Dees Bibliothek in Mortlake.

Doch Madimi war nicht etwa »niedlich«, sondern ein Wesen ungeheuerlicher Macht, dem Edward Kelley kaum gewachsen war. Sie sprach zu ihm auf griechisch, wovon er kein Wort verstand. Doch es kam noch besser, denn Madimi schlug ihm vor, alternativ alles auf arabisch zu kommunizieren. Er aber setzte ihr wütend entgegen, das er einfach nicht mehr mit ihr kommunizieren wolle, wenn sie nicht eine Sprache spreche, die er auch verstünde. Auch schien er einfach Angst zu haben, da diese Stimme eindringlich auf ihn in einer fremden Sprache einredete, von der er nicht wusste, ob sich dahinter nicht etwa eine andere Kraft eingeschaltet hatte.

Bin ich denn nicht ein schönes Mädchen? Lass mich in deinem Hause spielen. Meine Mutter sagte sie wolle hier einziehen. Ich bin das letzte aber eines der Kinder meiner Mutter, zuhause habe ich Kleinkinder.

Madimi enthüllte Dee, dass sie eine der sieben Töchter des Lichts sei und das sie mit ihren Schwestern kam, um mit John Dee in seinem Haus zu wohnen. Ihre Mutter, der Engel Galcah, sollte ihr später folgen. Doch anders als Kelley verliebte sich Dee in den Geist Madimi. Mehr und mehr nahm sie eine zentrale Rolle in ihren Séancen ein. Die weiteren Sitzungen mit Madimi begannen mit Fragen über die Ahnen von Albert Łaski. Laut Madimi und anderen Engeln, war er verwandt mit der englischen Monarchin und ihren Vorfahren. Die Queen schien ihn außerdem beschützen zu wollen, in einem größeren Unterfangen, dass sich wohl um die Krone Englands drehte.

Die erste und letzte Reise

Prinz Łaski lud Dee, Kelley und ihre Familien dazu ein mit ihm auf den Kontinent zu reisen. Edward Kelley verließ zum ersten Mal in seinem Leben England, im Gegensatz zu John Dee der ein vielbereister Mann gewesen ist. Doch Łaski befand sich anscheinend auf der Flucht vor seinen englischen Gläubigern. Er hoffte eben darauf, dass ihm diese beiden Alchemisten behilflich sein könnten, seine finanzielle Situation zu glätten. Schießlich galt er als polnischer Thronfolger. Mit ihrer Hilfe wollte er König seines Landes werden.

Gemeinsam mit Łaski kamen sie im September 1583 über Amsterdam nach Hamburg und Lübeck, über Rostock nach Stettin und verbrachten Weihnachten in Poznan (Polnisches Königreich). Von dort kamen sie wieder nach Bremen und danach erneut ins polnische Krakau. Ob John Dee auf dieser Reise mit Łaski auch geheimdienstlichen Aufträgen nachging, ist heute zwar nicht bekannt, doch recht wahrscheinlich. Denn schon in dieser Zeit liefen die Vorbereitungen zu jenem oben angedeuteten Englisch-Spanischen Seekrieg (1585-1604).

Aus der Familie der Habsburger stammte auch der damalige Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, Rudolf II. 1584 waren John Dee und Prinz Łaski bei ihm zu einer Audienz geladen. Rudolf war auf die alchemistischen Künste Dees und Kelleys aus. Doch da er mehrfach von reisenden Goldmachern Alchemisten betrogen worden war, misstraute er den beiden bereits und wusste nicht so recht, was er von Edward Kelley und John Dee eigentlich halten sollte. Das war auch die Zeit, als Dee und Kelley in einer Séance, von einem Engel angeblich den Auftrag erhielten ihre Frauen zu tauschen und dabei mit ihnen zu schlafen. John Dee war damals 60 Jahre alt – Edward Kelley 32.

Danach kam es zum Bruch. John Dee kehrte 1589 zurück nach England, während Kelley weiterhin als Alchemist am Hofe Kaiser Rudolfs II. diente. Dort aber kam es zum Eklat: Kelley wurde 1591 verhaftet und saß zwei Jahre im Kerker. Doch seine Schuld wog schwerer, denn Kaiser Rudolf beschuldigte ihn, den Hofbeamten Georg Hunkler im Streit erschlagen zu haben. Zwar ist es nicht gesichert, doch anscheinend erbat Elisabeth I. die Freilassung Kelleys. Bei einem Fluchtversuch wurde Kelley schwer verletzt und verlor ein Bein. Zwar entließ man ihn später, doch kurz darauf wurde er erneut verhaftet und in einen Kerker auf der Burg Hněvín im tschechischen Most festgehalten, wo er zwischen 1597 und 1598 starb – angeblich beging er Selbstmord.

Einsichten eines Ent-Täuschten

John Dee kehrte in seine Heimat zurück als enttäuschter, ernüchterter, alter Mann. Ihm wurde bewusst, dass er sich so lange Zeit an einen Irrglauben an Engel und Geister geklammert hatte – etwas, dass ihm nun ganz und gar unnütz erschien. Über nichts von dem, was er über sein Medium Edward Kelley in den gemeinsamen Séancen fand, hatte er Beweise.

Als er sein Haus in Mortlake nach sechsjähriger Abwesenheit betrat, erschrak er, denn Einbrecher hatten dort gewütet. Seine Bibliothek war zerstört und viele seiner wertvollsten Bücher und Instrumente waren verschwunden. Schwere Zeiten brachen für ihn an und es blieb ihm kaum Geld, um für Frau und Kinder zu sorgen.

Was John Dee jedoch der Nachwelt hinterließ, waren beispiellose Errungenschaften, deren intellektuelles Erbe den Gelehrten der kommenden Jahrhunderte noch Rätsel aufgab. Mag sein, dass Dee und Kelley als Hexenmeister und Zauberer verschrieen waren. Viele aber erinnerten sich vor allem an John Dee als gebildetes Genie und einen der wahrscheinlich glanzvollsten Berater der Britischen Krone. Etwa ein Jahr nach Dees Tod (zwischen 1608 und 1609), ließ William Shakespeare in seinem Theaterstück Prospero zu Wort kommen:

Unsere Spiele sind nun zu Ende. Diese unsere Schauspieler, wie ich euch vorhin sagte, sind alle Geister, und zerflossen wieder in Luft, in dünne Luft, und so wie diese wesenlose Luftgesichte, so sollen die mit Wolken bekränzten Türme, die stattlichen Paläste, die feierlichen Tempel, und diese große Erdkugel selbst, und alles was sie in sich fasst, zerschmelzen, und gleich diesem verschwundenen unwesentlichen Schauspiel nicht die mindeste Spur zurücklassen.

- Der Sturm 4. Aufzug, Szene 1

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