Atem

Elf Prinzipien des Sufi-Weges

von S. Levent Oezkan

Allah - ewigeweisheit.de

Im Folgenden wollen wir uns mit besonderen Aphorismen befassen, die dem Sufi im praktischen Leben tatsächlich helfen. Hodscha Abdul Khaliq Ghidschduwani († 1179), ein Sufi-Sheikh des Naqshbandi-Ordens, sah darin einen Weg der Meister der Weisheit.

Er spricht da von elf Geheimnissen, auf persisch »Kalimat-i qudsiya«: Heilige Worte der Tugend. Sie bilden ein praktisches System spiritueller Praxis, die dem Gottsucher dabei helfen, mystische Erlebnisse zu erfahren – auf dem Weg zu spiritueller Vollkommenheit.

1. Bewusst Atmen – Hosch dar Dam

Von zentraler Bedeutung in der Tradition des Sufi-Ordens der Naqshbandiyya, ist eine in jedem Augenblick bewusst erlebte Atmung. Dabei geht es darum, das eigentlich Göttliche im Atemvorgang zu erfahren, durch das unser Körper lebendig, gesund und bewusst lebt.

Wenn wir uns nun einmal den arabischen Namen für Gott ansehen – Allah –, so setzt sich das für diesen Namen im Arabischen geschriebene Symbol الله zusammen aus vier Buchstaben:

  • einem »Alif« dem ersten Buchstaben des arabischen Alphabets,
  • aus zweimal dem »Lam« dem elften Buchstaben und
  • aus einem »Ha« dem fünften Buchstaben, der alleinstehend in seiner Form einem geöffneten Mund ähnelt.

Dieser letzte der vier Buchstaben, das Ha, gilt als identisch mit dem Geräusch das ertönt wenn wir ausatmen. Und so bildet das Ha die Essenz des Namens Allah, die von ganz alleine jeden unserer Atemzüge begleitet. Alles Leben also, und Leben ist Atmen, ist demnach angewiesen auf die Äußerung dieses edelsten aller Namen.

Der ehrenwerte Sufi-Meister Maulana Dschami (1414-1492) meinte in den Strophen seiner Stanzen, dass wir uns, im übertragenen Sinne, allerdings in diesem letzten Buchstaben, dem Ha des heiligen Namen Allah, »verlieren« sollten:

Dein Alphabet, ich bin mir sicher Du weißt darüber
Darin verlieren wir uns im Ha mit jedem Atemzug den wir hauchen
Äußere ihn vorsichtig, und sei achtsam:
Es ist kein gewöhnlicher Laut den Du erzeugst.

Und solcherart »bewusstes Verlieren«, auf das Dschami hier verweist, meint ein Lösen von dem Glauben an eine von Gott getrennte Identität. Es geht da um ein Aufgehen in Allah, im Bewusstsein dieser nicht definierbaren Essenz erhabener Wahrheit – dem Ha, dem gehauchten Buchstaben. Ha steht für die Befreiung von allen Beschränkungen unseres körperlich-sinnlichen, empfindenden Seins. Im Bewusstwerden des geatmeten Ha, so Dschami, transzendiere einer alles, das seine Wahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit eingrenzt. Alle die aber nie davon hörten, für sie bleibt diese Essenz des Namens الله Allah, das Ha, absolut unerkannt.

2. Auf die eigenen Schritte achten – Nazar bar Qadam

Ein Sucher soll stets auf seine Schritte achten. Das heißt aber nicht etwa, dass er immerzu auf seine Füße schauen soll, was ihn ja schon bald ins Stolpern brächte. Vielmehr geht es hier darum, das man sein Vorankommen auf der spirituellen Reise sichert, aufrecht sich geradeaus bewegt, jederzeit und immer aufpasst in dieser Bewegung. Sheikh Sa'd Al-Din Kaschghari (†1456) sagte hierzu:

Auf die Schritte zu schauen bedeutet, dass der Suchende beim Kommen und Gehen (immer mal wieder) auf die Oberseite seiner Füße schaut und dadurch seine Aufmerksamkeit nicht zerstreut wird, indem er auf etwas schaut, auf das er nicht schauen sollte.

Ein Sucher führe sich unentwegt, aufmerksam in Richtung seines Ziels und sei sich dabei der eigenen Absicht bewusst. Nichts soll einen da mehr abbringen können, vom Erreichen des Ziels – vorausgesetzt natürlich, man hat ein solches. Es geht darum das Bewusstsein aufrecht zu erhalten und auch offen zu sein für besondere Gelegenheiten, um zur richtigen Zeit das Richtige zu tun.

Im Koran lesen wir dazu:

O ihr Menschen! Esst von dem, was es auf der Erde gibt, als etwas Erlaubtem und Gutem, und folgt nicht den Fußstapfen Schaitans! Er ist euch ein deutlicher Feind. [...] O die ihr glaubt, tretet allesamt in den Islam ein und folgt nicht den Fußstapfen Schaitans! Er ist euch ja ein deutlicher Feind.

- Sure 2:168,208

3. Reise ins Heimatland – Safar dar Watan

Auf dieser Reise übergeben wir uns aus der Welt der Möglichkeiten, in die Welt der verwirklichten Erkenntnis. Es geht da um eine innere Reise, in der man in sich geht, in sich den Ursprung seines Seins findet. Auf so einer inneren Reise erfahren wir, dass sich auf unserem Lebensweg zwar auch viele Fehlschläge und Missgeschicke ereignen, doch dass alle Fehler gleichzeitig wichtige Lektionen sind, aus denen wir lernen können (sogar lernen sollen!) – wobei wir ausgehend von schlechten, allmählich zu lobenswerten Eigenschaften finden.

Wenn die Rede ist von einer Heimreise, so wird damit hingewiesen auf die Vorbereitung einer Transformation, die den Menschen aus einem subjektiven Traumzustand herausführt, damit er auf seinem Weg seine göttliche Bestimmung erfüllen kann. Der indische Sufi-Gelehrte Ahmad Sirhindi (1564-1624) sagte dazu einmal:

Dieser gesegnete Ausdruck (Reise ins Heimatland) bedeutet, in sich selbst zu reisen. Die dabei geernteten Früchte, stellen die letzte (spirituelle Übung auf dem Weg) an den Anfang, was eines der Merkmale des Naqshbandi-Weges ist. Und obwohl diese (innere) Reise auch in anderen Tariqas (Sufi-Orden) zu finden ist, findet man sie erst am Ende, nach dem ‚Reisen auf den Horizonten‘ (Bezug nehmend auf den Koran in Sure 41:53, in der es heißt: ‚Wir werden ihnen Unsere Zeichen auf den Horizonten und in ihrem Inneren zeigen, bis sie wissen, dass Er (Allah) der Wirkliche ist‘).

4. Alleinsein in der Menge – Khalwat dar Anjuman

Als jemand den Gründer des Naqshbandi-Sufi-Ordens, Shah Bahauddin Naqshband ‎(1318-1389), einmal fragte nach den grundlegenden Prinzipien spiritueller Entwicklung, antwortete er:

Alleinsein in der Menge, heißt im Außen mit Menschen zu sein, doch im Innern mit Gott, dem Verherrlichten.

Lernen frei zu sein, inmitten all der unzähligen Abhängigkeiten im Leben, heißt, dass jemand sogar so weit in geistiger Versenkung sich an die Allgegenwart Gottes erinnere, dass er, selbst wenn er sich durch eine viel  befahrene Straße bewegte, nichts von dem Lärm dort mitbekäme.

Dieses vierte Prinzip des Sufi-Weges beschreibt die Entwicklung der Fähigkeit, sich in Gegenwart äußeren Lärms, Störungen und Verwirrung, davon zu distanzieren und ruhig zu bleiben, im Dhikr: Dem Gedenken an Gott, durch stille Rezitation seiner heiligen Namen und Sätze, wie auch den Versen der Suren des heiligen Koran.

Maulana Dschami – ewigeweisheit.de

Sheikh Maulana Dschami in einer, dem persischen Maler Behzad zugeschriebenen Miniatur aus dem Jahr 1490.

Natürlich bedeutet das nicht, dass man umherirrt und so tut, als bekäme man nichts mehr vom Außen mit. Nur ein Narr würde so handeln. Vielmehr geht es darum, sich immer in die Lage zu versetzen, seine Aufmerksamkeit auf das Äußere zu lenken, sobald nötig, doch dann wieder zurückzukehren in die Übung des inneren, des stillen Dhikr. Obwohl ein Sufi äußerlich in der Welt ist, ist er oder sie innerlich immer bei Gott.

5. Allahs Gedenken – Yad kard

Sich im Herzen und gleichzeitig mit der Zunge erinnern, wie umgekehrt mit der Zunge sprechend, auch im Herzen zu rezitieren: Stiller oder gesungener Dhikr erweckt das Herz, um sich die göttliche Wahrheit (Al Haqq) zu vergegenwärtigen. Das ist wahrer Dhikr. Der weise Hodscha Ubaidullah Ahrar (1404-1490) meinte dazu einmal:

Die wahre Bedeutung des Dhikr ist das innere Gewahrsein Gottes, dem Verehrung gebührt. Dhikr beabsichtigt dieses Bewusstsein zu erlangen.

Wenn da nun aber die Rede ist von einem Erinnern, dann meint das auch ein Sich-Zurückversetzen an gemachte, positive Erfahrungen, wie auch daran, dass man ein Teil einer Sufi-Tradition ist, aus der man positive Energie beziehen und Kraft schöpfen kann.

6. Zurückhaltende Selbsteinschränkung – Baz gascht

Dieses Prinzip des Sufi-Weges beschreibt das zielstrebige Trachten nach göttlicher Wahrheit, indem man sich heim begibt in die Gegenwart Gottes. Das erfordert zuerst einmal sehr große Selbstdisziplin, muss man sich dafür doch unermüdlich auf dem inneren Weg der Heimkehr bewegen, was wohl sicher nur dem gelingt, der in sich Geduld kultiviert hat.

Stets sollte ein Sufi versuchen seine Gedanken auf das Göttliche hin auszurichten und nicht abschweifen zu lassen. Das erfolgt etwa in einem inneren Rezitieren der Schahada:

أَشْهَدُ أَنْ لَا إِلَٰهَ إِلَّا ٱللَّٰهُ وَأَشْهَدُ أَنَّ مُحَمَّدًا رَسُولُ ٱللَّٰهِ

Ashadu ala ilaha illallah, wa-ashadu anna muhammadan rasulullah.

Ich bezeuge, es gibt keinen Gott außer Allah, und ich bezeuge, dass Mohammed sein Prophet ist.

Andererseits besteht die in diesem sechsten Prinzip beschriebene Heimkehr auch darin Reue zu zeigen, über das, was man an Gedanken, Gefühlen und Taten bedauert, um damit allmählich zu einer Rechtschaffenheit zu finden.

7. Achtsamkeit – Nigah dascht

Hier geht es zum einen darum die Gedanken an das Weltliche auszublenden, durch wachsames Kontrollieren der eigenen Aufmerksamkeit. Achtsamkeit meint ein wachsames Gewahrsein hinsichtlich vorüberziehender Gedankengänge. Der Sufi vermag dabei sein Herz zu bewahren, vor etwaig schlechten Gedanken.

Zum anderen sagen die Sufis der Naqshbandiyya, dass es für einen Suchenden bereits eine großartige Leistung ist, sein Herz für nur fünfzehn Minuten vor schlechten Neigungen zu schützen.

Wer diese beiden Übungen vollbringt, wird die geistigen Regungen seines Herzens erkennen. Und, wie der Heilige Prophet Mohammed (as) einmal sagte:

Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn.

Achtsamkeit bedeutet, wenn der Suchende sein Herz auf die Bedeutung dieses heiligen Satzes ausrichtet:

لا إله إلا الله

La ilaha illa Allah

Es gibt keinen Gott außer Allah.

Keine anderen Gedanken finden dann noch Eingang in sein Herz.

Sa'd Al-Din Kaschghari sagte:

Der Suchende muss eine oder zwei Stunden lang, oder wozu auch immer er fähig ist, seinen Geist festhalten und verhindern, dass Gedanken an etwas anderes (als Gott) eindringen.

Wir sollten uns in solch erhabenen Üben auf die Allgegenwart Gottes konzentrieren und dabei dennoch offen bleiben, für intuitiv Empfundenes und die vielen günstigen Chancen, die sich uns allezeit überall eröffnen – Möglichkeiten mit denen wir gute, positive Wirkungen in der Welt vollbringen können.

8. Erinnerndes Gewahrsein – Yad dascht

Es geht dabei um ein fortwährendes Besinnen auf die göttliche Gegenwart im Herzen, was eine allmähliche Annäherung an die Wirklichkeit Gottes ermöglicht. Dem Sucher wird damit bewusst, dass die Trennung von den niederen Aspekten seines Egos, nur durch objektive Liebe geläutert werden kann. Was die Sufis als »Selbstverleugnung« bezeichnen, bringt sie in dieses letzte Stadium der Selbstvervollkommnung, worin sie grenzenlose Freude erfahren, denn sie haben da alle egoistischen und bösen Gedanken überwunden – ja sogar die Bewertung all dessen überwunden, was sich an Positivem in ihrem Leben ereignet (hatte). Ausschließlich nämlich das, was die Sufis Al Haqq nennen, die wahrhaftig göttliche Weisheit (auch: Wahrheit), bleibt einem so Erfahrenden in seinem Geiste erhalten. Hodscha Ahrar schrieb hierzu:

Das Erinnernde Gewahrsein ist ein Ausdruck des Geistes, der die Dauerhaftigkeit des Bewusstseins der glorreichen Wirklichkeit bedeutet. Es bedeutet die Göttliche Gegenwart, ohne selbst dabei sich in Nichtsein aufzulösen.

9. Zeitbewusstsein – Wuquf Zamani

Bahauddin Naqshband sagte, dass das Bewusstsein der Zeit den Schüler sowohl zu dem mache was er ist, wie ihn ebenso führen können solle. Das bedeutet: Jeden Augenblick auf den eigenen Geisteszustand achten und wissen, ob da ein Grund ist dem Allmächtigen zu Danken oder aber Reue zu zeigen. Der Suchende muss dabei wissen, wie viel Zeit er auf dem Weg zu seiner spirituellen Reife verbracht hat.

Wenn hier die Rede von Zeit ist, meint dass die Spanne in der man achtsam, jedoch gleichzeitig ganz nüchtern in einem Hochgefühl verbringt, zwischen Zerstreuung und Sammlung.

Hierüber meinte Dschami, man solle darüber »Buch führen«, um sich stets dem täglichen Umfang seiner Geistespräsenz immer bewusst zu bleiben.

10. Zahlenbewusstsein – Wuquf ‘Adadi

Dschami galt außerdem:

Wuquf ‘Adadi ist die Beobachtung der Anzahl der Dhikrs und ob diese Beobachtung auch zu (besonderen) Ergebnissen führt oder eben nicht.

Bahauddin Naqshband:

Die Beobachtung der Anzahl der Wiederholungen des Dhikr des Herzens dient dazu, geistige Aktivität zu sammeln, die zuvor ganz zerstreut und unfassbar war.

Drum gilt, das dieses »Buchführen« über den Dhikr nicht eines alltäglich gebräuchlichen Zählens gleich kommt, sondern eher ein bewusstes Gewahrsein über die Wiederholungen der heiligen Namen und Verse (etwa durch das Abzählen an einem islamischen Rosenkranz, dem »Misbaha« beziehungsweise »Tesbih«). So soll das Herz vor schlechten Gedanken bewahrt werden.

Den fortgeschrittenen Geistesschüler führt diese Praxis auf die Ebenen der Intuition. Das hilft ihm sich auf seinem spirituellen Pfad den höheren Lehren zu nähern.

11. Herzbewusstsein – Wuquf Qalbi

Wer dieses Prinzip in sich verwirklichen konnte, dessen Herz hat Gottesbewusstsein erlangt. In so einem Menschen ist die göttliche Liebe erwacht. Hier ist sich einer bewusst geworden, dass seine Ego-Existenz ein Hindernis für seine endgültige Verwandlung ist, und darum fürchtet er sich nicht mehr, sie zu opfern – hat er doch unendlich viel mehr zu gewinnen, als er dabei verlieren könnte.

Über das Ququf Qalbi sagte Ahrar:

Es ist ein Ausdruck, der ein Gewahrsein und ein Herzbewusstsein gegenüber der Höchsten Wirklichkeit meint, die so empfunden wird, dass das Herz kein Bedürfnis mehr verspürt, nach irgendetwas anderem, als nur dieser ultimativen Wahrheit.

Herzbewusstsein bedeutet, dass das Herz beim Geliebten (also bei Gott) ruht, so als ob nichts und niemand anderes existiere.

Bahauddin Naqshband hielt es nicht für notwendig, während des Dhikr den Atem anzuhalten, wie das in einigen Tariqas üblich ist, auch wenn er diese Praxis dennoch für nützlich hielt. Wenn ihm ebenso Wuquf Zamani (Zeitbewusstsein) und Wuquf ‘Adadi (Zahlenbewusstsein) weniger wichtig erschienen, hielt er im Gegenteil dazu

die Einhaltung von Wuquf Qalbi für das Wichtigste und Notwendigste, weil es die Zusammenfassung und Essenz der Absicht des Dhikr ist.

 

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Dialog und Meditation

Dialog und Meditation

Wir sind oft in unseren Gedanken überall, doch es gelingt uns eher selten im Jetzt, im Hier, das zu überdenken, was gerade aktuell bewerkstelligt werden will.

Das heißt, dass wir uns erinnern an Vorgefallenes von gestern, letztem Monat oder aus den letzten Jahren, sinnieren darüber noch einmal nach, wiederholen in Gedanken gewisse Dialoge mit Menschen, die so vielleicht doch niemals stattfanden. Das, um unsere Vorstellungen, wie es besser hätte laufen können, noch einmal zu überdenken.

Was da als innerer Dialog in uns abläuft, hängt aber immer mit anderen Menschen zusammen, mit denen wir ja ebenso in unserem alltäglichen Leben über bestimmte Dinge sprechen.

Doch war das immer so?

Sprachen die Menschen der Vergangenheit, vielleicht fernen Vergangenheit, auch über Alltägliches, über eher Unbedeutendes?

Ist nicht das was man heute als »Smalltalk« bezeichnet, etwas noch sehr Junges, unter Umständen vielleicht gerade einmal 50 Jahre alt?

Nun, als die Menschen mehr und mehr involviert wurden in durch Maschinen vorgegebene Prozesse, was natürlich schon mit der Industriellen Revolution (Ende des 18. Jahrhunderts) begann, waren eben solche kurzen Gedankengänge, kurzen Entscheidungen, die tagtäglich das Leben von einem abverlangte relevant. Doch das hieraus entstandene »kurzatmige Denken« ist anscheinend für viele Menschen zur einzigen Geistestätigkeit verkümmert.

In alter Zeit übten die Menschen ihre Vorstellungen nicht in der selben Form, zumal sie ja ganz andere Lebensumstände prägten, bevor sie auch mit dem begannen, was wir das Denken nennen.

Austausch

In unserer modernen Kultur ähnelt der Innere Dialog sehr dem, was wir an Dialogen mit unseren Mitmenschen führen. Weniger aber geht es dabei um ein Erörtern zur Verbesserung des gegenwärtigen Lebens, als eher Rekapitulation darüber was geschah oder was man vielleicht befürchtet. Natürlich ist Austausch wichtig, da wir damit ja erfahren über die Befindlichkeiten unserer Mitmenschen, unserer Freunde und anderer, wo jemand zum Beispiel Hilfe benötigt oder uns aber selbst einer behilflich sein soll.

Oft aber werden Dinge immer wieder besprochen, einfach nur des Gesprächs willen. Da drängt den Menschen meist jedoch eine Opferhaltung, wo man sich an Ungerechtigkeiten erinnert oder um den eigenen Nachteil sorgt oder was einem das Leben eben nicht mehr bescheren könnte. Letztendlich ist das eine Fortsetzung dessen, was durch diese eher oberflächliche Art der Benutzung des Geistes, in den letzten Jahrhunderten vor sich ging, als Menschen Sprache nicht mehr zur Weitergabe von Wissen verwendeten, als dass sie fast ausschließlich zum Austausch von Informationen diente (Informationen sind Nachrichten oder Botschaften, die ein Sender an einen Empfänger übermittelt, doch letzterer diese Information alsbald wieder vergisst).

Es ist gar nicht viel Sprache notwendig, um Wertvolles zu teilen. Eher geht es in dieser körperlichen Existenz unserer Inkarnation darum, zu handeln – und zwar so, dass es den eigenen Vorstellungen entspricht und nicht etwa fremden Ideen, Vorschlägen, Befehlen oder Weltanschauungen, die uns suggeriert wurden, als einzig mögliche Wege zu einem guten, zu einem besseren Leben.

Daraus nämlich kann sich ein zweckmäßiges Handeln ergeben, womit man gemeinsam etwas Gutes erschafft, und nicht mehr Gegebenes immer von Neuem analysiert, bis es in Bedeutungslosigkeit zerrieben, dem Menschen der handeln muss, zwischen den Fingern verrinnt.

Es geht um Zusammenarbeit, die die Möglichkeit des Dialogs eben direkt in eine Energieform bringt, die Menschen hilft Herausforderungen zu meistern, mit dem Ziel einer Bereicherung.

Ruhig bewusst atmen

Wir sollten lernen diesen Wunsch zu rein oberflächlichem Dialog hinter uns zu lassen und gemeinsam auch mal schweigen zu können. Denn in solchen Pausen entsteht Raum für neue Ideen, für neue Inspirationen, die zu Fruchtbarem führen.

Meditation versucht stets solch leeren Raum der Empfängnis zu erschaffen. Und wenn wir über Meditation sprechen, so sprechen wir auch vom Atmen – etwas, dass die Menschen der Industrienationen scheinbar immer mehr verlernen. Es scheint nämlich, als würde diese kurzlebige Art der Benutzung unseres Geistes – wie wir sie zuvor darstellten – auch tatsächlich mit einem recht oberflächlichen Atem einhergehen, der oft unterbrochen oder angehalten wird, ohne dass es uns überhaupt auffällt. Wieso? Da wir uns eben stets in Gedanken mit solch Inneren Dialogen befassen, die immer wieder ein Innehalten oder aber ein Aufatmen auslösen, unterbricht das die Übung eines ruhigen, gleichmäßigen und vollen Atmens.

So bewusst wie wir uns jeden Augenblick unserer Atembewegung sind, entsprechend schaffen wir eine Auszeit, einen Leerlauf im Geiste, so dass sich darin neue Gedanken verdichten können. Und es sind die neuen Einfälle die wir in der heutigen Zeit überall und ständig brauchen, um unser Leben eigenständig und unabhängig führen zu können – in einer Gemeinschaft, die ein Bewusstsein für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen zu erkennen vermag.

 

Anapanasati oder: Achtsames Atmen

Anapanasati oder: Achtsames Atmen

Im Buddhismus kommt man in Berührung mit dem, was man das achtsame Atmen nennt. Es ist eine uralte Praxis die ursprünglich durch den Buddha Gautama seinen Schülern gelehrt wurde: Sie sollten den Wirkungen in ihrem Körper nachspüren, die ihr Atem in seiner Bewegung darin verursacht.

Heute zählt diese buddhistische Vorbereitungspraxis des Anapanadati zu den wohl am weitest verbreiteten Techniken zur achtsamen Zuwendung, der durch den Atem ausgelösten inneren Vorgänge. Dabei schaut der Übende zuerst auf die Vorgänge in seinem Körper, betrachtet darauf seine Gefühle, seine Wahrnehmung und schließlich das, was in seinem Geist vor sich geht.

In seiner Erörterung dieser Praxis, dem Anapanasati Sutta, bat der Buddha seine Schüler zum Beispiel in einen Wald zu gehen und sich dort eine ruhige Stelle zu suchen, unter einem Baum.

Da ist der Fall, wo ein Bhikkhu (buddhistischer Mönch der von Almosen lebt), nachdem er in die Wildnis gegangen ist, im Schatten eines Baumes oder in einer leeren Hütte sich hinsetzt, seine Beine überkreuzend, seinen Körper aufrecht haltend, und Achtsamkeit in den Vordergrund bringend. Stets achtsam atmet er ein; achtsam atmet er aus.

- Auszug aus einer Lehrrede des Buddha aus dem Pali-Kanon (Übersetzung: Thanissaro Bhikkhu)

So in Ruhe sitzend, soll der Meditierende ganz einfach seinen Atem beobachten. War der Atem lang, sollte er sich bewusst machen, dass der Atem eben lang ist. War der Atem kurz, so konnte er einfach feststellen, dass sein Atem kurz ist.

Diese vom Buddha aufgetragene Übung diente dem Schüler

  • sich in Achtsamkeit zu üben, den Körper, Gefühle und mentale Prozesse zu beobachten,
  • sich zu konzentrieren auf das Wesen aller eigentlichen Unbeständigkeit, sich dabei von Leidenschaften zu lösen, mit dem Zweck auf diese Weise
  • den Geist zu stabilisieren und damit Gedanken loszulassen, zur Erlangung einer ultimativen Zufriedenheit.

Die Praxis des Anapanasati

Es lässt sich die im Anapanasati geübte Achtsamkeit sowohl im Sitzen, im Stehen, im Liegen oder auch beim Gehen üben. Dabei nimmt man in Gelassenheit den Atem wahr, wie er durch die Nasenlöcher in den Körper, als kühler Luftstrom empfindbar, einströmt und sich beim Ausatmen langsam über die Oberlippe, etwas erwärmt, wieder austritt.

Als nächstes soll sich der Übende einen kleinen Bereich unter dem Nabels (chinesisch »Xia Dantian«; zu deutsch: »Zinnoberfeld«; im Abstand von Zeige- und Mittelfinger unterhalb des Bauchnabels), unter der Haut bewusst machen, um auch dort die Atembewegung zu empfinden. Dabei kann der Übende beim Einatmen ganz langsam auf 10 zählen. Nach dem Ausatmen beginnt man von vorne (eine Zählung beim Ausatmen ist nicht notwendig).

Das heißt also, dass man sich zuerst

  1. den Atemstrom bewusst macht, der durch die Nase geht,
  2. dann den Xia-Dantian-Punkt in seiner Auf- und Abbewegung erlebt und schließlich
  3. den Atemvorgang einzählt.

Er erkennt lang einatmend: Ich atme lang ein; oder lang ausatmend erkennt er: Ich atme lang aus. Oder kurz einatmend erkennt er: Ich atme kurz ein; oder kurz ausatmend erkennt er: Ich atme kurz aus. […]
Ich werde empfindsam für Verzückung einatmen. […]
Ich werde empfindsam für Verzückung ausatmen. […]
Ich werde empfindsam für den Geist einatmen. […]
Ich werde empfindsam für den Geist ausatmen. […]
Ich werde den Geist zufriedenstellend einatmen. […]
Ich werde auf Unbeständigkeit fokussierend einatmen. […]
Ich werde auf Unbeständigkeit fokussierend ausatmen.

- Auszüge aus einer Lehrrede des Buddha aus dem Pali-Kanon (Übersetzung: Thanissaro Bhikkhu)

Der Atem an sich aber verändert sich dabei nicht. Es wird so geatmet wie immer: natürlich, ohne bestimmte Regeln oder Haltungen. Je gewöhnlicher, desto besser. Denn Ziel ist letztendlich ja dem Geist keinen Gedanken mehr zu lassen, mit dem er sich befassen könnte.

Nachdem man diese drei Abschnitte für einige Zeit übte, kann man sich aber davon lösen und nur noch auf den Atem achten. Aber weniger fokussierend, als eher in einer Losgelöstheit von allem Konzentrieren. Lenkt einen etwas ab, ein Gedanke, ein Geräusch oder etwas anderes, bringt man seine Aufmerksamkeit einfach wieder zurück auf den Atem.

Eigentlich sogar ist das der wichtige Moment, in dem der Praktizierende wirklich erlernt zu meditieren: sich immer wieder erneut in den bewussten, doch natürlichen Atem versenkend – ein Atem der »einfach passiert« und sozusagen »freiwillig bleibt« – und er so seine Mitte findet. Alles andere wäre gänzlich widersinnig. Denn wenn es oft heißt, man solle sich auf seinen Atem konzentrieren, versuchen Menschen meist, fast schon verbissen, ihre Atembewegung zu lenken. Genau das ist es aber nicht.

Es geht um ein Erleben, dass jenseits aller Geistesformen besteht, das, was man als absolute Achtsamkeit bezeichnen könnte, wenn man sich nicht mehr der Dinge im Raum gewusst wird, sondern der Leere dazwischen. Auch die Punkte wo das Einatmen ins Ausatmen und das Ausatmen ins Einatmen wechselt, ist das, was der Anapanasati-Methode ihren Sinn verleiht: Es ist mehr eine Möglichkeit, als ein vorgeschriebener Weg. Darum ist es auch vollkommen ausreichend, wenn man diese Übung nur für einige Minuten täglich praktiziert.

 

Meditation über das Leben an sich

Meditation über das Leben an sich

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Seit etwa 1000 Jahren verwendet man in der deutschen Sprache das Wort Leben, um damit zu beschreiben was einem Menschen während seiner irdischen Existenz mitgeteilt wird, von Geburt an bis zu seinem Tod, durch sein Aufnehmen und Abgeben, sein Wachstum und seine Vermehrung, die erfreulichen und weniger erfreulichen Umstände, auf seinem Weg durch Raum und Zeit als Erlebnis, Erfahrung und Erkenntnis seiner Seele.

Vier Angelegenheiten sollten einen hier beim Lesen beschäftigen: der Zeitaspekt dessen was kommt und geht, die Kreisläufe von Werden und Vergehen in Zeit und Unbeständigkeit, das Erfahren von Licht und Finsternis und schließlich die Einflüsse des Ewigen.

Selbst und Gleichheit

Alles ist lebendig. Doch was lebt das stirbt auch. Was lebt durchläuft Werden und Vergehen, wobei sich jedoch ein Teil auflöst. Aber da ist eine Essenz die weder das Eine noch das Andere berühren und worin alles in Einem existiert: Gutes wie Böses, Helles wie Dunkles, Günstiges wie Ungünstiges, Wertvolles wie Schlechtes, Schönes wie Hässliches, Glückliches wie Trauriges, Nützliches wie Unbrauchbares – untrennbar über ein unsichtbares Band ineinander verwoben und miteinander verbunden.

Was in der Welt ist kommt aus der Einheit. Und was daraus sich löste, sich und seinen Ursprung durch sein Geborenwerden entzweite, verfielfältigt sich, bis es in immer kleinere Teile zerfällt und sich dabei auflöst. Was diesen Vorgang jedoch bewirkte bleibt und kehrt wieder zurück zu seinem Ursprung.

Was in der Welt ist wird aus dieser Einheit geboren, nimmt etwas Äußeres an, verwickelt sich und entwickelt sich wieder, spannt sich auf in die Pole des Zeitlichen. Sie aber sind nicht gentrennt, sondern bilden Anfang und Ende in einem Lebenslauf, der entlang der Bahnen eines riesigen Kreises verläuft, wo Ursprung und Ende das Selbe sind, wo gemachte Erfahrungen einen Bogen spannen zu den gesetzten Zielen im Leben eines Menschen.

Dabei sind diese Pole nicht das Selbe.

Die zwei Pole sind wie Original und Spiegelbild, die nicht gleich sind, doch von selber Abkunft. Man denke hier etwa an den Atem. Einatmen und Ausatmen sind verschiedene Vorgänge. Man atmet entweder ein oder aus. Beides gleichzeitig ist unmöglich. Als solche aber sind sie Teil eines einigen Atems, wo jedes Einatmen ein Geborenwerden ist, denn man schließt aus dem Ganzen, der umgebenden Atmosphäre einenen Teil aus und in der Lunge ein.

Sobald das Kind auf die Welt kommt, erlernt es die Fähigkeit zu atmen, um außerhalb des Leibes seiner Mutter leben zu können.

Stirbt ein Mensch ist Ausatmen sein letzter Akt, womit die Luft ausgehaucht und wieder Teil der Atmosphäre wird.

Atem und Seele aber ähneln sich. Denn so wie sich die Lunge einen belebenden Atem für ihren Körper aus der umgebenden Luft "borgt", so "borgt" sich auch die Seele ihre körperliche Hülle, um dereinst wieder an ihren Ursprung zurückzukehren. Doch was in beiden Fällen dahinter steht, ist die göttliche Absicht zu Erfahren. Die Seele kleidet sich in den irdischen Körper um darin zu leben, sich darin zu läutern. Sie gleicht dem Atem Gottes, der in den Körper einzieht.

Der Körper wird geatmet. Denn auch Nachts atmen wir, unaufgefordert. Was bleibt ist die geatmete Luft. Sie ist Lebenssubstanz, ist Essenz unseres irdischen Seins. Nur wenige Minuten können wir leben ohne Luft.

Seele und Atem

Und wenn wir nun sagten, dass der Atem der Seele ähnelt, so bedient auch sie sich einer Essenz, hat einen Wirt: die Weltseele. Sie ist wie der Atem Gottes, der sich in den Gezeiten von Sein und Vergehen der Welt ausdehnt und wieder zurückzieht in das Eine. Der Kreis und der Punkt unterscheiden sich lediglich in ihrer Ausdehnung. Doch der Punkt des Übergangs, vom einen in das andere Sein, vom Maximum des Umfangs in das Minimum des Mittelpunkts, birgt in sich beides: Leben und Sterben, Sein und Entwerden.

Im Wachstum liegt Schmerz, der sich mit dem Gewordensein aber eben an dem eben besagten Übergang, für sein Erleiden in uns, als Schönheit, Freude und Gutes erkenntlich zeigt, dann wieder abnimmt, den Menschen erleichtert und sich sein Sein dabei lichtet, öffnet und erlöst.

In unserem täglichen Leben steht dafür der Gleichmut, der nicht vergleicht und das Sein nimmt wie es kommt, mit seinen erhebenden und seinen mindernden Kräften.

Man achte aber auf diesen erfreulichen Punkt des Übergangs. Jeder Atemzug durchläuft ihn in der Mitte zwischen Ausatmen und Einatmen. Unser ganzes Leben ist davon bestimmt, während des Einschlafens und Aufwachens, jeden Herbst und jeden Frühling im Laufe unseres Lebensjahres.

Werden und Vergehen liegen am selben Punkt wie Ursprung und Ziel, die unser Lebensweg miteinander verbindet. Die Zeit zwischen dem was war und dem was sein wird, bringt dem Leben seine Spannung. Im Jetzt zu leben aber ent-spannt.

 

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra

Meditation der neun Atemzüge im Tibetischen Tantra - ewigeweisheit.de

Die nachfolgend geschilderte Zusammenfassung dieser uralten tibetischen Meditationstechnik, soll dem Übenden helfen sich emotional zu reinigen.

Ihre Ursprünge hat diese Methode wahrscheinlich im tibetischen Bön oder hat noch ältere schamanistische Wurzeln. Seit alter Zeit aber meditieren die Yogis und Lamas mittels dieser einfachen aber wirksamen Technik, um sich dabei von den folgenden, sogenannten Geistesgiften (negative Emotionen und Gedanken) zu entledigen:

  1. Wut und Abneigung,
  2. Gier und Anhaften,
  3. Zweifel und Unwissenheit.

Diese drei "Gifte", wie sie im Bön und im Buddhismus genannt werden, bilden einen Antagonismus zu den drei Tugenden:

  1. Leerheit und Klarheit,
  2. Weisheit,
  3. Einheit.

Hierüber kann der Übende meditieren, wobei er sich vorstellt, wie er durch die nachfolgend beschriebene Atemtechnik, sich nach und nach der drei Geistesgifte entledigt, um den eigentlichen Urzustand seines Seins in Form der drei Tugenden wiederherzustellen.

Durch Sehen, Visualisieren und Fühlen lernt der Meditierende drei Größen seiner spirituellen Konstitution kennen, die die Tibeter symbolisch folgendermaßen darstellen. Da nämlich gibt es drei Bewusstseins-Kanäle:.

  1. Der rechte Kanal ist weiß. In seinem vollkommenen Zustand steht er für die Leerheit und Klarheit.
  2. Der linke Kanal ist schwarz. Er steht in seinem vollkommenen Zustand für die Weisheit.
  3. Der mittlere Kanal aber ist blau. Sein vollkommener Zustand ist die Einheit.

Mit diesen drei Kanälen können Sie sich von den drei Geistesvergiftungen reinigen, durch bewusstes Atmen:

  • Die Kanäle gleichen jeweils einem Weg, der vom einen Nasenloch in der Körpermitte unterhalb des Bauchnabels vorbei, hinauf in der Körpermitte zum anderen Nasenloch führt.
  • Der Atem gleicht einem Pferd oder Gefährt, worauf sich
  • das Bewusstsein, wie ein Reiter oder Fahrer, bewegt.

Schauen Sie sich im Folgenden diese Atem-Meditation noch etwas genauer an.

Mit dem Atem bewegt sich das Bewusstsein durch die drei Kanäle, also jeweils rechts, links und in der Mitte, wobei die ihnen zugeordnete Thematik bearbeitet wird:

  1. Über die dreimalige Ausatmung über den rechten Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Wut und Abneigung.
  2. Über den linken Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Gier und Anhaftung.
  3. Über den mittleren Kanal entledigen Sie Ihr Bewusstsein von den Giften der Zweifel und Unwissenheit.
Handhaltung in der Meditation - ewigeweisheit.de

Handhaltung in der Meditation

Sitzhaltung und Atemtechnik

Zuerst setzen Sie sich im Schneidersitz so hin, das Ihr linkes vor Ihrem rechten Bein angewinkelt liegt.

Dann sehen Sie Ihre Handflächen an und berühren mit den Daumen jeweils die Ringfinger (unterstes Glied) der jeweiligen Hand (rechter Daumen an rechtem Ringfinger und linker Daumen am linken Ringfinger, siehe Abb.).

In dieser Handhaltung legen Sie dann einander gegenüber die Finger der linken Hand auf die Finger der rechten Hand, so dass Ihre Hände mit den Armen und den beiden Schultern einen Halbkreis bilden. Die beiden Hände liegen dabei in Ihrem Schoß.

Sie sitzen aufrecht und atmen ruhig.

Nun konzentrieren Sie sich auf eine Stille in Ihrem Körper und fühlen wie sich diese Stille ausbreitet in Ihren Füßen, in Ihren Beinen, in Ihrem Bauch, in Ihrer Brust, in Ihrem Kopf, in Armen und Schultern.

Denken Sie nun an Ihren Bauchnabel. Mit dem Einatmen fließt Ihr Atem dorthin hinunter und um den Bauchnabel herum, steigt wieder auf und entweicht schließlich über die Nasenlöcher.

Rechter Kanal: Wut und Abneigung

Nun nehmen Sie Ihre rechte Hand und halten mit dem rechten Ringfinger Ihr linkes Nasenloch zu, während Sie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre linke Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem rechten Ringfinger nun das linke Nasenloch schließen und über das rechte Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer rechten Seite nach oben und tritt durch Ihr rechtes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der rechten Seite (Wut und Abneigung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie dreimal.

Linker Kanal: Gier und Anhaftung

Nun nehmen Sie Ihre linke Hand und halten mit dem linken Ringfinger Ihr rechtes Nasenloch zu, während wie dann tief einatmen.

Dabei strömt über Ihre rechte Seite die Luft durch Ihren Körper nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an, während Sie mit dem linken Ringfinger nun das rechte Nasenloch schließen und über das linke Nasenloch ausatmen.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft damit auf Ihrer linken Seite nach oben und tritt durch Ihr linkes Nasenloch aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der linken Seite (Gier und Anhaftung) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Dies wiederholen Sie wieder dreimal.

Mittlerer Kanal: Zweifel und Unwissenheit

Nun liegen wieder beide Hände in Ihrem Schoß, die linke auf der rechten Hand, während die Daumen jeweils die Ringfinger berühren.

Durch beide Nasenlöcher atmen Sie dann tief ein.

Dabei strömt in Ihrer Mitte die Luft nach unten, um den Bauchnabel.

Jetzt halten Sie den Atem kurz an.

Vom Bauchnabel aus strömt die Luft nun wieder nach oben und tritt durch Ihre beiden Nasenlöcher aus.

Während des Ausatmens denken Sie nun an das Pferd (Atem) auf dem sich Ihr Reiter (Bewusstsein) befindet, der all die negativen Emotionen der Mitte (Zweifel und Unwissenheit) im Ausatmen aus Ihrem Dasein hinausbefördert und dabei auflöst.

Auch dies wiederholen Sie wieder dreimal.

 

Danach ist die Meditation beendet.

 

Der Atem und die Freiheit

Der Atem und die Freiheit

Noch einen letzten Gedanken möchte ich zu den Mysterien des Atems zur Sprache bringen. Der Atem ist nämlich zugleich eine vollkommene Analogie auf das Wesen der menschlichen Freiheit. Dies also ist das Thema des letzten Kapitels: Atem und Freiheit.

Ist der Mensch frei? Ja und Nein. Irgendwie schon, denn als Mensch kann ich z.B. blinzeln, immer wenn ich es will. Ich kann mich, wenn ich nicht gerade gefesselt bin, im Kreise drehen, so oft ich es will, gehen, wohin ich will, machen, was ich will... Aber, so ganz stimmt das doch auch wieder nicht: Fliegen kann ich nicht mit meinem irdischen Körper einfach so. Ich kann mir auch nicht kaufen, was ich will, wenn ich kein Geld dafür habe. Wenn ich im Gefängnis sitze, dann kann ich nicht einmal gehen, wohin ich will.

Es schein also einerseits einen gewissen Grad der Freiheit zu geben und andererseits einen gewissen Grad der Einschränkung, des Zwangs. Nun, ebenso verhält es sich auch mit dem Atem. Klar, ich kann einatmen und ausatmen, wann und wie ich will, aber wenn ich einmal versuche, fünf Minuten lang nur auszuatmen, dann dürfte ich wohl schnell feststellen, dass es aus mir selbst heraus - genau genommen vom unteren Bewusstsein her kommend - einen Zwang gibt, der mich dazu bringt und mich dazu zwingt, nun doch wieder einzuatmen. Die Willkür des Menschen, sein oberes Bewusstsein also, hat demnach einen gewissen Spielraum. Überschreitet es allerdings bestimmte Grenzen, so kommt der Zwang, das untere Bewusstsein, ins Spiel und korrigiert gewissermaßen diese Grenzüberschreitung.

Beim Atmen kommt der Zwang immer dann ins Spiel, wenn der Mensch auf eine Weise atmen wollen würde, welche unnatürlich ist und das Leben gefährdet. Fünf Minuten lang nur auszuatmen ist ein Beispiel dafür. Ebenso ist es aber nicht nur im menschlichen Körper, sondern auch in der Welt. Denn dem Analogiegesetz folgend lässt sich das Leben des einzelnen Menschen als Abbild des universellen Lebens des Kosmos verstehen. Der Mikrokosmos entspricht dem Makrokosmos.

Was bedeutet dies nun konkret? Es bedeutet, dass in jedweder Beziehung, in welcher ein Mensch unfrei und gezwungen ist, eine Korrektur durch das universelle Leben stattfindet, welche tatsächlich heilsam und förderlich für die Seele des entsprechenden Menschen ist, auch wenn die Persönlichkeit dies vielleicht nicht anerkennen will.

Es gibt natürlich viele grausame Extremfälle auf Erden, in welchen ein solcher Zusammenhang kaum nachvollziehbar oder irgendwie gerechtfertigt erscheint. Die Auseinandersetzung auch mit diesen dunkelsten Seiten des Lebens ist natürlich wichtig für den spirituell und philosophisch Suchenden. Dennoch soll an dieser Stelle darauf verzichtet werden, da nur eine lange und ausführliche Untersuchung diesen Phänomenen gerecht werden kann. Es geht mir jetzt vielmehr darum, diesen Gedanken für den Alltag praktisch anwendbar zu machen.

Dies ist ein Experiment, welches von jedem Menschen unternommen werden kann: Immer dann nämlich, wenn ich einerseits etwas wünsche und danach strebe, andererseits aber bemerke, dass ich immer wieder durch äußere, vielleicht zufällig anmutende Zwänge und Einflüsse davon abgehalten werden, sollte ich mir zumindest die Zeit nehmen, einmal in Ruhe über diesen Wunsch nachzudenken oder zu meditieren: Ist dies wirklich förderlich für meine Seele und mein Leben? - Vielleicht werde ich dabei herausfinden, dass das, was ich zuvor noch als einen unnötigen, störenden Zwang und Zufall empfunden hatte, eigentlich eine helfende oder rettende Maßnahme des universellen Lebens war... Ein Beinbruch, eine verpasste Zugfahrt, eine plötzliche Erkrankung, ein Streit - all dies können Hilfsmaßen des Lebens sein, die den Menschen davon abhalten, seine Freiheit zu missbrauchen.

Das Leben, Gott, der Kosmos, liebt den Menschen über alle Vorstellung und manchmal muss die Persönlichkeit leiden oder der Körper Schaden nehmen, um die Gesundheit der Seele zu bewahren und/oder wiederherzustellen. Wer gesund atmet, den wird der Atem niemals zwingen, und wer seine Freiheit in gesundem Maße gebracht, den wird das Leben niemals zwingen. Wen der Zwang im Leben drängt, dem sei hiermit empfohlen, sich intensiv und ernsthaft mit den eigenen Wünschen und Absichten auseinanderzusetzen.

Schlussgedanken

Nach dieser kleinen Reise durch die Mysterien des Atems hat sich ein Eindruck hoffentlich tief in die Seele eingeprägt: Das Unscheinbare, das Alltägliche, das Allgegenwertige, dies ist zumeist der Schlüssel zu vielen großen und tiefen Mysterien. Der Atem verbindet den Menschen mit der ganzen Schöpfung, mit dem universellen Leben im Kosmos, dem Rhythmus des Lebens, der philosophischen Frage nach der Freiheit, den Fähigkeiten der praktischen Magie und vielen weiteren Aspekten, die in diesem Artikel nicht alle angeführt werden konnten.

Alles, was im Kosmos ist, das ist auch irgendwo im Menschen, und wenn der Mensch beginnt sich selbst zu erforschen, so beginnt er auch, das Weltganze zu erforschen und zu verstehen. Das ist das "Gnothi seauton" (γνῶθι σεαυτόν), das "Erkenne Dich selbst!", des Delphischen Orakels und dafür braucht der Mensch weder Computer noch Raumschiffe noch Geld noch Teilchenbeschleuniger, sondern einzig und allein seinen eigenen Körper, seinen Geist, seine Seele und sein gegebenes Lebensumfeld. Der Atem ist ein Aspekt des Menschen und durch seine Erforschung lässt sich ein Aspekt des Ganzen erfahren und ein Aspekt der ewigen, göttlichen Wesenheit. Forsche, hier und jetzt, Du selbst, bei Dir selbst und durch Dich selbst! Atem. Atem und Leben. Atem und Geist.

Der Atem als Bindeglied

Der Atem als Bindeglied

Die Alten sahen oben den Himmel und unten die Erde. Zwischen ihnen und in stetiger Bewegung wehten Wind und Wetter. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem Atem als Bindeglied zwischen 'Oben und Unten'.

Ein wesentlicher Aspekt aller Mysterientraditionen ist die Verbindung zweier verschiedener Formen des Bewusstseins. Diese beiden Pole tragen in den verschiedenen Traditionen die unterschiedlichsten Namen. Ich möchte im Folgenden einfach von einem oberen Bewusstsein und einem unteren Bewusstsein sprechen, um die Bedeutung zunächst möglichst intuitiv und offen zu halten. 'Oben und unten' ist dabei bitte völlig wertungsfrei zu verstehen. Erst einmal gilt es, sich ein ungefähres Bild von diesen beiden Polen zu machen, welches durchaus eine Vereinfachung sein wird, aber für den hier behandelten Sachverhalt völlig genügt.

Das obere Bewusstsein ist im Kopfbereich und im Hirn beheimatet. Hierin gründen die willkürlichen und bewussten Prozesse: Sehen, Hören, Sprechen, bewusste Motorik, Denken... Im Bauchbereich wiederum befindet sich der Sitz des unteren Bewusstseins, worin generell die unbewussten und unwillkürlichen Prozesse gründen: Wachsen, Verdauen, Galle ausscheiden, Magensäure produzieren, Affekte, Leidenschaften... Die Funktionen des unteren Bewusstseins werden üblicherweise nicht bewusst bewirkt, sondern geschehen einfach. So zumindest aus Sicht des oberen Bewusstseins, mit welchem sich viele Menschen identifizieren.

Im unteren Bewussten ruhen jedoch unglaubliche Fähigkeiten und Kenntnisse, die der Mensch beispielsweise dann erfährt, wenn er etwas 'aus dem Bauch heraus' erfolgreich tut und es ihm ohne viel Nachdenken einfach gelingt. Ein Koch z.B., der die Zutaten nicht mit der Feinwaage abmisst, sondern gerade so in das Essen hineingibt, wie es sich für ihn stimmig anfühlt. Der Bauch des Menschen hat ganz andere Kenntnisse und Fähigkeiten als der Kopf und leider ist es doch häufig so anzutreffen, dass diese beiden, Kopf und Bauch, gegeneinander ankämpfen.

Der Atem nun ist ein besonderes Mittel der Wahl, wenn es um Praktiken geht, durch welche der Mensch diese beiden Pole miteinander verbindet und harmonisiert. Der Atem nämlich lässt sich leicht als das Mittelglied zwischen oberem und unterem Bewusstsein ausmachen: Denn die menschliche Atmung ist zumeist ein unwillkürlicher und unbewusster Prozess. Egal ob der Mensch schläft, ob er beschäftigt ist, ob er spricht, der Atem fließt, ohne dass es nötig wäre, einen Gedanken darauf zu verwenden. Er scheint also in diesem Sinne zum unteren Bewusstsein zu gehören, wie auch die Verdauung und der Wachstumsprozess. Aber, im Gegensatz zu diesen den beiden letztgenannten, kann der Mensch auch völlig willkürlichen Einfluss auf seine Atmung nehmen. Er kann sich denken: "Jetzt atme ich aus." Und dann kann er ausatmen, seiner Willkür gemäß.

Da der Atem also eine Verbindung zum oberen wie zum unteren Bewusstsein des Menschen hat, lassen sich beide Pole durch entsprechende Atemübungen miteinander verbinden und in Einklang bringen, und die verschiedensten Traditionen haben eine Vielzahl von Übungen zu genau diesem Zwecke entwickelt. Wer sich mit bewusster Atemtechnik in der Praxis beschäftig, der wird früher oder später mit solcherlei Techniken zu tun haben und lernen, die pranischen Energien der beiden Zentren (Kopf und Bauch) durch Pranayama gezielt fließen zu lassen und untereinander auszutauschen. In der westlichen Esoterik wird dieser Austausch häufig mit einem geschlossenen Stromkreislauf vergleichen, welcher zu einem starken Anstieg der verfügbaren Energien führt.

In der Kabbalah werden den drei angesprochenen Zentren im Menschen, dem oberen, dem unteren und dem mittleren, übrigens auch die drei Mutterbuchstaben Aleph, Schin und Mem symbolisch zugeordnet, welche ihrerseits wiederum mit bestimmten Elementen korrespondieren. Zudem ist diesen drei Zentren auch jeweils ein entsprechender Seelenteil analog, wobei der mittlere Seelenteil Ruach heißt, was, wie eingangs gesagt, auch Atem bedeutet. Wer hier weiter forscht, dem offenbaren sich eine Menge sehr aufschlussreicher Analogie. Hier nochmal die entsprechende Übersicht: (Dabei ist es äußerst wichtig zu verstehen, dass es sich in dieser Übersicht um Entsprechungen und nicht um Gleichsetzungen handelt! Das obere Bewusstsein entspricht Neschamah, aber es ist nicht Neschamah!)

  1. Oberes Bewusstsein - Kopfbereich - Schin (ש) - Feuer - Seele: Neschamah (נשמה),
  2. Mittleres Bewusstsein - Brustbereich - Aleph (א) - Luft - Seele: Ruach (רוח),
  3. Unteres Bewusstsein - Bauchbereich - Mem (מ) - Wasser - Seele: Nephesch (נפש).

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Genesis 1.4, wo es wörtlich heißt: Und die Ruach (Geist, Seele, Atem; im hebräischen feminin!) von Elohim (vereinfacht oft mit Gott übersetzt. Eigentlich aber ein Wortspiel mit der Bedeutung: Das göttliche Wesen, welches männlich, weiblich, einer und viele zugleich ist.), eine Schwebende über den Wassern. So also wie beim Menschen die Brust, der Atem, die Ruach, über dem Bauch, dem Wasser, liegt, ebenso ist es auch am ersten Schöpfungstag bei Elohim: Die Ruach schwebt über den Wassern. Eine sehr interessante und vielsagende Analogie.

Der Rhythmus des Lebens

Der Rhythmus des Lebens

Nun möchte ich zu Betrachtung verschiedener Analogien übergehen, welche mit der Atmung unmittelbar zusammenhängen. In dieses Kapitel sollen in diesem Zusammenhang auch das Assoziative Denken und das Analogiegesetz angesprochen werden.

Ich möchte den Atem jetzt also unter einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachten, obwohl natürlich alle hier angesprochenen Gedanken tatsächlich miteinander in Beziehung stehen. Die Praxis des Atmens lehrt uns - und auch hier wird erneut erkennbar, dass die Praxis für das Verständnis unverzichtbar ist - , dass es vier Phasen im Atemprozess gibt:

  1. Einatmen,
  2. Voll-Sein,
  3. Ausatmen,
  4. Leer-Sein.

Im Sanskrit, der heiligen Sprache Indiens, derer sich der Yoga bedient, heißen diese vier Phasen wie folgt:

  1. Puraka,
  2. Antara-Kumbhaka,
  3. Rechaka,
  4. Bahya-Kumbhaka.

Werden diese vier Phasen abstrahiert betrachtet, können sie folgendermaßen benannt werden:

  1. Bewegung,
  2. erreichen Zustand,
  3. Gegenbewegung,
  4. erreichter Gegenzustand.

Dies kann man sich auch nach dem Bilde eines Pendels vorstellen:

  1. Das Pendel schlägt nach rechts aus.
  2. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags rechts.
  3. Das Pendel schlägt nach links aus.
  4. Das Pendel erreicht den Höhepunkt seines Ausschlags links.

Diesen Rhythmus nun gilt es sich gut einzuprägen, was natürlich besonders effektiv durch bewusste Atemübungen erreicht werden kann. Nun folgt der nächst Schritt. Es geht um einen absoluten Grundbaustein aller Mysterien: Das Assoziative Denken. Das Assoziative Denken ist ein Denken in Entsprechungen und Analogien, also in der Form "Wie dieses, so auch jenes". Damit steht es im Kontrast zum allgemein bekannten Kausaldenken: "Weil dieses, deshalb jenes". Das Assoziative Denken gründet auf dem sogenannten Analogiegesetz, welches u.a. seine Niederschrift in der bekannten tabula smaragdina fand und häufig vereinfacht wie folgt zusammengefasst wird: Wie oben, so unten. Wie unten, so oben. ("Quod est inferius, est sicut quod est superius, et quod est superius, est sicut quod est inferius..." - tabula smaragdina)

Ich möchte im Folgenden dieses Gesetz zur Anwendung bringen und nach Analogie zur Atmung suchen: So wie sich der Atem "unten" im Menschen verhält, ebenso sollte es sich dem Analogiegesetz zufolge auch oben, beispielsweise im Himmel, verhalten. Ein erstes gutes Beispiel dafür ist der Sonnenlauf. Wichtig ist, zu beachten, dass bei der Anwendung des Analogiegesetztes die phänomenologische Erlebnisperspektive des Menschen beibehalten werden kann, in welcher sich z.B. die Sonne sichtbar um die Erde bewegt:

  1. Die Sonne geht auf.
  2. Die Sonne steht im Zenit (höchster Sonnenstand).
  3. Die Sonne geht unter.
  4. Die Sonne steht im Nadir (tiefster Sonnenstand), bzw. die Sonne ist weg.

Aber nicht nur die Sonne, sondern beispielsweise auch der Mond fügt sich ganz natürlich in diesen vierteiligen Rhythmus des Lebens ein:

  1. Der Mond nimmt zu.
  2. Der Mond ist voll - Vollmond.
  3. Der Mond nimmt ab.
  4. Der Mond ist leer - Neumond.
Vollmond - ewigeweisheit.de

Vollmond: Antara-Kumbhaka des Mondes (Bildquelle).

Natürlich können solche gefundenen Assoziationen auch für praktische Übungen verwendet werden. So kann z.B. die entsprechende Mondphase während der Atmung bei geschlossenen Augen imaginiert werden. Diese Übung findet sich beispielsweise unter der Bezeichnung Mondatmung bei Katja Wolff in ihrem durchaus lesenswerten Buch mit dem schlichten Titel 'Magie' (vgl.: Wolff, Katja: Magie. Kunst des Wollens - Macht des Willens. München: 1992, S. 184 ff). Der Phantasie und Kreativität, die verschiedensten sinnvollen Assoziationen mit der Atmung zu verbinden, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Hier eine kurze Übungsbeschreibung in tabellarischer Form:

  1. Einatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter zu.
  2. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Vollmond.
  3. Ausatmen - vier Zählzeiten - Imagination: Der Mond nimmt immer weiter ab.
  4. Atem anhalten - zwei Zählzeiten - Imagination: Neumond.

Beim Anhalten des Atems ist es äußerst wichtig, dies durch das Zwerchfell zu bewerkstelligen und niemals durch ein krampfhaftes Verschließen von Nasen- und Rachenraum! Es darf dabei grundsätzlich kein Druck oder Unterdruck in der Lunge entstehen. Als nächstes möchte ich gerne den Jahreskreis betrachtet, in welchem sich ebenfalls der Rhythmus des universellen Lebens finden lässt:

  1. Frühling: Es wird wärmer.
  2. Sommer: Es ist warm.
  3. Herbst: Er wird kälter.
  4. Winter: Es ist kalt.

Diesem Kreislauf folgt natürlich auch der Kreislauf der Vegetation, wie sich an den Bäum gut beobachten lässt:

  1. Der Baum treibt Blätter und Blüten.
  2. Der Baum steht in voller Blüte.
  3. Die Blätter und Blüten fallen ab.
  4. Der Baum steht kahl.

Es lassen sich noch eine ganze Menge anderer Analogien finden und ich möchte es an dieser Stelle gerne den Leserinnen und Lesern selbst überlassen, nach weiteren Entsprechungen zu suchen. Eine solche Analogie selbst zu entdecken und zu erfahren ist nämlich noch wesentlich beeindruckender, als irgendwo davon zu lesen! Ich meine allerdings, dass die bislang angeführten Beispiele genügen sollten, um einen Gedanken erkennbar zum Ausdruck zu bringen: Die vermeintlich einfachsten Dinge des Lebens, wie beispielsweise der Atem, spiegeln sich überall in der Natur und im Kosmos wieder. Wer dies erkennt und im Herzen begreift, in dem entsteht ein Gefühl der Verbundenheit mit allem, was ist, und des tieferen Sinns in allen Phänomenen. Im Leben des Menschen pulsiert derselbe Rhythmus, der auch im Baum, im Jahr, in der Sonne und im Mond pulsiert. Dieser Rhythmus ist das universelle Leben, ist Gott oder besser gesagt einer seiner Aspekte.

Die alten Kulturen schauten diese Wahrheit auf eine selbstverständliche, zum Teil fast kindlich einfache Weise, als sie Leben, Atem, Seele und Geist in ein und dasselbe Wort brachten. Und auch einer der wichtigsten, heiligen Gottesnamen der hebräischen Tradition, der Kabbalah, das sogenannte Tetragrammaton (τετραγράμματον: wörtlich heißt dies 'Vierbuchstabe'), scheint diesen Rhythmus in seinen vier Buchstaben geradezu unmissverständlich auszudrücken: Jehovah (יהוה - zu lesen von rechts nach links):

  1. י - Die Bewegung,
  2. ה - Der Zustand,
  3. ו - Die Gegenbewegung,
  4. ה - Der Gegenzustand.

Der Mensch ist durch Analogien verbunden mit der ganzen Welt und der Atem ist ein wunderbares Beispiel dafür. Zuletzt möchte ich noch zwei besonders interessante Facetten dieser Analogie ansprechen. Die erste ist das Bild des atmenden Brahma in der indischen Philosophie. Brahma, so heißt es, atme ein und aus, und so entstehe und vergehe immer wieder die ganze Welt in einem gewaltigen Zyklus. In diesem Bilde findet sich ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Zeit und Ewigkeit. Eine Fragestellung, die auch den Neoplatoniker Plotinus im dritten Buch der Eneaden und den christlichen, lateinischen Kirchenlehrer Augustinus von Hippo im elften Buch seiner Confessiones stark beschäftigte. Das indische Bild vom atmenden Brahma bringt dieses Verhältnis auf den Punkt. Brahma atmet in Ewigkeit, in seinem Atem entsteht und vergeht die Welt und damit auch die Zeit:

  1. Brahma atmet aus: Die Welt und die Zeit entstehen.
  2. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren.
  3. Brahma atmet ein: Die Welt und die Zeit vergehen.
  4. Brahma hält den Atem an: Die Welt und die Zeit existieren nicht.

Das zweite besonderes Bild, was ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchte, betrifft die Reinkarnation des Menschen. Bereits in der Illias von Homer findet sich im sogenannten Blättergleichnis (Homer: Illias VI, 146 - 149) der Vergleich zwischen den Menschengeschlechtern und den Blättern der Bäume. Wer erkennt, dass die ganze Natur vom Kreislauf des Lebens geprägt ist - Atem, Sonnenlauf, Jahreslauf, Mond ... -, dem wird es immer schwerer fallen, zu glauben, dass das menschliche Leben sich wie eine mathematische Strecke verhalt soll, mit Anfang und Ende. Die folgenden Entsprechungen sollen diesen Umstand verdeutlichen:

  1. Frühling: Die knospenden Bäume treiben die Blätter. - Der menschliche Körper wird geboren. - Die Seele inkarniert.
  2. Sommer: Die Bäume stehen in voller Pracht. - Der menschliche Körper ist voll entwickelt. - Die Seele lebt im Körper.
  3. Herbst: Die Blätter fallen als Laub zu Boden. - Der menschliche Körper stirbt. - Die Seele trennt sich vom Körper.
  4. Winter: Die Bäume stehen kahl. - Der Körper löst sich auf, bzw. ist aufgelöst. - Die Seele lebt außerhalb der materiellen Welt.

Ebenso also, wie der Baum sich jedes Jahr neue Blätter schafft, so schafft sich auch die Seele jedes Erdenleben einen neuen Körper. Der Rhythmus des Lebens, welcher zugleich der Rhythmus des Atems ist, gewährt dem Menschen unter Anwendung des Analogiegesetzes tiefste Einblicke in die Mysterien des ewigen Lebens. Erforsche Deinen Atem, erforsche die Welt, erforsche das Leben, erforsche Dich selbst!

Der Atem und die Lebenskraft: Prana - Qi - Od

Der Atem und die Lebenskraft: Prana - Qi - Od

Dieses Kapitel ist der Lebenskraft gewidmet. Dabei möchte ich einige der verschiedenen Begriffe für diese Kraft benennen, auf die besondere Verbindung von Lebenskraft und Atem eingehen und zudem die Wirkung und das Wesen dieser Kraft ansprechen. Des Weiteren soll auch die Frage danach nicht unbeachtet bleiben, ob diese Lebenskraft überhaupt tatsächlich existiert.

Wird der Atem aus einer modernen, naturwissenschaftlichen Perspektive heraus betrachtet, so offenbart er sich als ein Austausch von Gasen. Dies ist sicherlich richtig und auch interessant, aber da die meisten Leserinnen und Leser über diese Prozesse wohl ausreichend informiert sein dürften, verzichte ich darauf, diese Vorgänge genauer zu beleuchten.

Wichtig aber ist nun das Folgende: Die Naturwissenschaften arbeiten mit ganz bestimmten Methoden und kommen dadurch zu bestimmten Ergebnissen. Andere Künste und Wissenschaften können jedoch zu anderen Ergebnissen gelangen, indem sie andere Wege beschreiten. Das Wort 'Methode' nämlich kommt aus dem Alt-Griechischen von ἡ ὁδός (= der Weg) und der Präposition μετά (= mit/mittels/gemäß) und bezeichnet einen bestimmten Weg, eine feste Herangehensweise, gemäß welcher verfahren wird. Die Ergebnisse, welche aus den verschiedenen Herangehensweisen resultieren, können einander somit ergänzen und müssen nicht als Widersprüche aufgefasst werden.

Ebenso verhält es sich in Bezug auf den Atem. Verschiedene Mysterientraditionen aus den unterschiedlichen Kulturen der Welt sehen noch etwas anderes im Atem als den bloßen Austausch von Gasen. Etwas Unwägbares, bislang Unmessbares, so behaupten diese Traditionen, liege der Atmung zugrunde: Die Lebenskraft. Im fernen Asien heißt diese üblicherweise Qi, im Sanskrit und somit im Yoga spricht man vom Prana und in den westlichen Mysterienschulen trägt sie zumeist den Namen Od. Diese Lebenskraft - Od, Prana, Qi - so heißt es, liege allen Lebensäußerungen zugrunde.

Ying Yang - ewigeweisheit.de

Ying und Yang als Symbol für das Qi im Daoismus, welches beide Polaritäten in sich vereint (cc).

Das Prana - ich verwende die Ausdrücke im Folgenden synonym - bildet das Zwischenglied zwischen Geist und Materie. Es ermöglicht die gegenseitige Wechselwirkung und somit alles, was der Mensch als Leben bezeichnet. Es lässt sich durch die verschiedensten praktische Übungen kontrollieren, ansammeln und ausströmen und bildet das Medium für die unterschiedlichsten spirituellen und magischen Praktiken: Durch das Prana können Menschen heilen (auch das Reiki beruht in seiner Wirkung auf dem Prana), besondere Bewusstseinszustände erlangen, die ungewöhnlichsten körperlichen Leistungen vollbringen (besonders eindrucksvoll im Qi Gong und Kung Fu), Energien z.B. von der Sonne, dem Mond oder der Natur aufnehmen und magische Phänomene bewirken.

Das Thema Lebenskraft hat gewiss eine eigene, umfassende Untersuchung verdient, doch in diesem Artikel möchte ich es bei dem Gedanken belassen, dass es überhaupt eine Lebenskraft gibt und dass der Atem ein besonderes Medium darstellt, um mit dieser Kraft in Kontakt zu treten und zu interagieren. Eine Frage allerdings soll noch behandelt werden: Gibt es diese Lebenskraft, Qi, Prana, Od, denn tatsächlich oder handelt es sich dabei doch eher um ein Gespinst von spirituellen Romantikern und verqueren Esoterikern?

Nun, beantworten möchte ich diese sich nicht ganz einfache Frage durch eine persönliche Anekdote: Gegen Ende meiner Schulzeit wohnte ich in München. Damals übte ich mich über etwa vier Jahre im Shaolin Kung Fu (Wushu) an der WuYuan Schule bei Meister Sun Jianguo. Stets war ich sehr beeindruckt von den körperlichen Fähigkeiten, der Schnelligkeit, der Gewandtheit und der Aufmerksamkeit meines Meisters. Zur gleichen Zeit absolvierte ich gerade mein Abitur am naturwissenschaftlichen Zweig eines Gymnasiums im Münchner Landkreis.

Nun kam es gelegentlich vor, dass der Meister vom Qi sprach, welches man fließen lassen könne und welches für die richtigen Bewegungen wichtig sei. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mich damals innerlich fragte: "Vom Qi habe ich niemals etwas in der Schule gehört, weder in Biologie noch in Physik oder Chemie. Was soll dieses Qi also sein?" Für mich ließ dieser Umstand nur die zwei folgenden Schlüsse zu: Entweder ist diese Kraft den Naturwissenschaften und meinen Lehrern nicht bekannt, oder der Meister, den ich, wie bereits gesagt, in vielerlei Hinsicht für seine praktischen Fähigkeiten bewunderte, dieser Mann - mit Verlaub - glaubt wohl an Märchen, was dieses Qi betrifft. Und so traurig es auch klingen mag, so nachvollziehbar ist es irgendwie: Damals hielt ich die zweite Variante für die deutlich wahrscheinlichere Antwort und fand mich damit ab, dass das sogenannte Qi wohl eher ein chinesisches Märchen sei und für meine praktische Übung nicht relevant...

Was möchte ich mit dieser Geschichte sagen? Zum einen, dass der westliche, rationale Mensch häufig ein sehr großes Vertrauen in die alleinige Wahrheit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis legt. Dies grenzt zuweilen an einen Dogmatismus, der genau genommen alles andere als rational ist: Der unbegründete Glaube an dasjenige Weltbild, in welchem ich aufgewachsen bin. Zum anderen, dass sich die Frage nach der tatsächlichen Existenz der Lebenskraft zumindest bislang nur auf eine subjektive, empirische und praktische Weise ergründen lässt - durch eigene Versuche, Forschungen und Erfahrungen.

Viele Jahre später kam ich mit Yoga und westlicher Magie in Berührung. Ich experimentierte selbst mit Atemübungen, Pranayama und anderen Techniken, um 'das Qi fließen zu lassen'. Irgendwann gehörte es für mich fast schon zu den Selbstverständlichkeiten, dass ich spürte, wie das Qi fließt. Und heute bin ich persönlich von dessen Existenz genauso überzeugt, wie von der Existenz meines eigenen Herzschlags. Aber die Leserinnen und Leser dieses Artikels werden es auch nicht unbedingt glauben müssen oder können, nur weil ich von meiner persönlichen Erfahrung berichte. Die eigene Erfahrung ist unverzichtbar - und dies gilt wohl auch für alle anderen Bereiche der Magie, der Mystik und der Spiritualität.

Der Quantenphysiker Werner Heisenberg erwähnte einst die interessante und sinnvolle Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit (vgl.: Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. München: 1988, S. 23): Realität, von der lateinischen res (die Sache) herkommend, umfasst für ihn die wahrnehmbaren Gegenstände, wie etwa einen Stuhl oder einen Tisch. Zur Wirklichkeit wiederum gehört für ihn alles, was eine Wirkung hat. So z.B. die Elektronen, welche dem Menschen zwar nicht als Sache entgegentreten, deren Wirkung und Wirklichkeit sich allerdings während der Lektüre dieses Textes auf einem elektronischen Bildschirm schwer verleugnen lässt.

Das Od ist eine Wirklichkeit, auch wenn es nicht Teil der Realität ist. Es ist keine sinnlich wahrnehmbare Sache, aber wer sich in der Praxis damit auseinandersetzt, der wird früher oder später kaum verneinen können, dass es spürbar auf ihn wirkt. Wer die Lebenskraft erkennen will, der muss sich praktisch mit ihr beschäftigen. Da hilft leider kein Bücherlesen... Einige sehr schöne und empfehlenswerte Gedanken zum Verhältnis von Bücherwissen und erlerntem/erfahrenen Wissen finden sich übrigens auch im platonischen Mythos von der Erfindung der Schrift (Platon: Phaidros 274e1 - 275b2).

Vielleicht hat die oder der eine oder andere nun bereits Lust bekommen selbst einige Experimente mit Atemübungen zu versuchen. Dies ist natürlich sehr zu begrüßen. An dieser Stelle ist allerdings der folgende Hinweis angebracht und unbedingt zu beachten: Atemübungen sind aus verschiedenen Gründen durchaus nicht ungefährlich. Wer sich also an die Praxis heranwagen möchte, dem sei hiermit wärmstens empfohlen, sich zuvor mindestens einmal gründlich zu informieren und nach Möglichkeit gerade am Anfang unter der Anleitung und Aufsicht eines erfahrenen Lehrers zu praktizieren! Ein empfehlenswertes Buch zur Vertiefung dieser Thematik ist: Licht auf Pranayama von B.K.S. Iyengar.

Mysterien des Atems

Mysterien des Atems

Atem, Atem und Leben, Atem und Geist. Weniges wohl im Leben ist so unscheinbar wie der Atem. Doch wer sich mit den Mysterien dieser Welt beschäftigt, der dürfte wohl bald ahnen, dass zumeist gerade die alltäglichsten Dinge und die unauffälligsten die tiefsten Geheimnisse bergen, nicht aber das Laute und Reißerische. Einige dieser Mysterien des Atems sollen im folgenden Artikel vorgestellt werden.

Die Bedeutung des Atems

Atemübungen stellen in vielen spirituellen Traditionen einen wesentlichen und unverzichtbaren Grundpfeiler der eigentlichen Praxis dar. Im indischen Yoga sind sie bekannt unter dem Namen Pranayama, in China spricht man von Qi Gong und auch die westlichen Mysterientraditionen kennen eine Vielzahl entsprechender Übungen. Der Grund für die Wichtigkeit des Atems in der spirituellen Praxis soll im nächsten Kapitel beleuchtet werden. Zunächst aber folgt noch ein kurzer Blick auf das sprachliche Umfeld des Atembegriffs.

Die alten Sprachen, welchen häufig ein besonderes, intuitives oder überliefertes Verständnis der Welt zugrunde liegt, deuten auf weitreichende Zusammenhänge zwischen Atem, Geist, Seele und Leben hin. Beispiele hierfür sind das altgriechische Pneuma (τὸ πνεῦμα), was sich beispielsweise als Atem, Odem, Leben, Geist und Seele übersetzen lässt. Des Weiteren die hebräische Ruach (רוח), übersetzbar u.a. als Hauch, Atem, Wind, Lebensprinzip, Seele, Geist, Sinn und Gemüt. Auch der lateinische Spiritus (spiritus) umfasst ein Bedeutungsfeld, welches von Luft und Hauch über Atem, Leben, Seele und Geist bis hin zu Mut und dichterischem Schaffen reicht.

Bereits hier zeigt sich deutlich, dass der Atem in engem Zusammenhang mit Geist, Leben und Seele steht: Er begleitet den Menschen wahrhaftig vom ersten bis zum letzten Atemzug, er verbindet das Reich von Menschen und Tieren mit dem Reich der Pflanzen in einem wunderbaren Kreislauf der Natur und er bildet einen wichtigen Schlüssel zu vielen Mysterien des Lebens. Die vier folgenden, besonderen Mysterien des Atems möchte ich in diesem Artikel vorstellen:

  1. Der Atem als Träger der Lebenskraft;
  2. Der Atem im Zusammenhang mit dem Rhythmus des universalen Lebens;
  3. Der Atem als Bindeglied zwischen "Oben und Unten";
  4. Der Atem als Symbol für die Freiheit des Menschen.

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